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Circle C-Ranch #15: Haftbefehl für Jimmy Copper

2017 120 Seiten

Zusammenfassung

Jimmy Copper war schon immer ein heißblütiger Bursche, der keinem Streit und keiner Schlägerei aus dem Weg ging. Aber diesmal steckt Jimmy in großen Schwierigkeiten. Er soll einen Mann hinterrücks erstochen haben. Bei dem Toten hat man Jimmys Messer gefunden, und deshalb bleibt US Marshal Cliff Copper nichts anderes übrig, als seinen Bruder zu verhaften und einzusperren. Jimmy gerät in Panik, überrumpelt Cliff und flieht. Der niedergeschlagene Cliff setzt sich wenig später auf die Fährte des geflohenen Jimmy. Denn die Last der Beweise für Jimmys Schuld ist erdrückend. Ein Mörder muss seinen Prozess und seine Strafe bekommen – selbst wenn es der eigene Bruder ist ...

Leseprobe

Haftbefehl für Jimmy Copper


Ein Western von GLENN STIRLING



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappe

Jimmy Copper war schon immer ein heißblütiger Bursche, der keinem Streit und keiner Schlägerei aus dem Weg ging. Aber diesmal steckt Jimmy in großen Schwierigkeiten. Er soll einen Mann hinterrücks erstochen haben. Bei dem Toten hat man Jimmys Messer gefunden, und deshalb bleibt US Marshal Cliff Copper nichts anderes übrig, als seinen Bruder zu verhaften und einzusperren. Jimmy gerät in Panik, überrumpelt Cliff und flieht. Der niedergeschlagene Cliff setzt sich wenig später auf die Fährte des geflohenen Jimmy. Denn die Last der Beweise für Jimmys Schuld ist erdrückend. Ein Mörder muss seinen Prozess und seine Strafe bekommen – selbst wenn es der eigene Bruder ist ...






Roman

Die Dämmerung war schon über Tucson hereingebrochen. Der Himmel leuchtete so rot, als stünde er in Flammen. Unten auf der Erde ragten die Silhouetten der Häuser und jene der Saguarokakteen düster in den Dunst des Abends hinein. Aufgeregt rief die helle Glocke der Missionskirche die Mexikaner zum Gebet.

US-Marshal Cliff Copper genoss nach der Tageshitze die hereinbrechende Kühle vor dem Haus. Er lehnte an der Adobewand und rauchte. Neben ihm stand der Vormann seines Vaters, der lederhäutige Matt Jackson, der an seiner Pfeife kaute.

Wie lange habt ihr zu tun?“, fragte Cliff.

Jackson antwortete, ohne die Pfeife aus dem Mund zu nehmen: „Guggenheimer wollte morgen früh mit den beiden Wagen fertig sein. Weißt du, Cliff, die beiden Fahrten nach Kalifornien haben unsere Chuckwagons ganz schön geschafft.“

Jimmy ist bei Madson im Saloon, wie?“, erkundigte sich Cliff und blickte die abendlich-friedliche Straße entlang zum anderen Stadtende, wo vor Joel Madsons Saloon drei Pferde angeleint standen.

Ich war vorhin auch da“, erwiderte Matt Jackson, „einer aus Morrisons Mannschaft ist dort, ein anständiger Kerl, den wir öfters auf der Weide treffen. Jimmy pokert mit ihm und einem Burschen aus Camp Lowell.“

Morrison ist auch da, wisst ihr das?“

Weiß ich“, sagte Matt Jackson und spie den Pfeifensud aus, der ihm in den Mund geraten war. „Sitzt bei Rip im Hotel und feilscht mit Julie um zwei Ochsen, die Julie zum Schlachten kaufen will.“

Es sind auch drei von seinen wandelnden Kanonen hier“, malmte Cliff. „Drei neue Gesichter, und der Teufel weiß, wo er die aufgegabelt hat.“

Matt Jackson wandte sich Cliff zu, betrachtete den großen blonden Ranchersohn, den er schon als kleinen Jungen gekannt hatte. „Aber Cliff, das sind ja neue Töne! Machst du dir schon Sorgen, wenn Morrison mit seinen Coltschwingern in deiner Stadt auftaucht?“

Sorgen? Vielleicht. Jedes Mal, wenn er hier gewesen ist. gab es Stunk. Er ist geschickt, dieser Hundesohn. Er ist selbst nie an etwas beteiligt. Aber seine drei Kanonensöhne kriechen schon seit dem Nachmittag überall herum. Jetzt sind sie übrigens in Julies Speisehaus.“

Morrison bäckt winzig kleine Brote, seit wir ihm bei seinen letzten Versuchen, uns auf die Zehen zu treten, ein paar schöne Zähne gezogen haben“, sagte Matt Jackson grinsend. „Ich glaube nicht, dass er etwas anfängt. Seit sie O’Brien als Ranchboss haben, kommen wir mit der Wagenrad-Ranch ganz gut zurecht. O'Brien macht keine krummen Sachen mit, und Morrison sieht sich vor.“

Er sieht sich vor, das stimmt, aber deshalb hat er nicht aufgesteckt. Er will die RRR noch immer haben, da beißt die Maus keinen Faden ab.“

Da verbrennt er sich die Pfoten, sage ich dir, Cliff.“ Matt klopfte seine Pfeife aus und brummte: „Ich pilgere jetzt mal zu Guggenheimer. Seine Jungs sollen auch neue Fässer an die Wagen hängen. Das ist mir gerade eingefallen. Also dann, Cliff!“

Er nickte dem Marshal zu und stapfte davon, auf eine eigenartige Weise, dass Cliff ihn allein durch diesen Gang unter Tausenden von Männern herausgefunden hätte.

Cliff musste an Rip denken, der immer gesagt hatte, dass man drohendes Unheil spüre, wenn man erst lange genug Marshal gewesen sei. Cliff spürte Unheil. Er nannte das insgeheim eine dumme Einbildung, aber das Gefühl, dass sich etwas zusammenbraute, ließ nicht nach.

Er dachte an Jimmy. Sein jüngerer Bruder war ein Hitzkopf, der zu gerne eine wilde Sache anfing. Ich werde mal nach ihm sehen, sagte er sich und ging, die Daumen in seinen Waffengurt gehakt, die abendliche Straße entlang. Jetzt hatte sich das Rot des Himmels in tiefes Violett verwandelt, und im Osten stand ein einziger heller Stern.

Vor den Mexikanerhäusern hockten ganze Familien und genossen die Kühle. Auch der neue Wells Fargo-Agent Shaddle saß auf einem Rohrstuhl mit Frau und beiden Kindern vor der Tür. Cliff grüßte hinüber, und sie erwiderten den Gruß sehr höflich. Überhaupt spürte Cliff, dass in dieser Stadt die Sympathie für ihn deutlich genug war, um sie nicht nur als eine Einbildung zu empfinden. Auch Rip O’Hagan war hier früher und auch jetzt gut gelitten gewesen.

Cliff kam zum Store und Saloon von Joel Madson, Er hörte laute Stimmen, dann das Lachen einer Frau, und gleichzeitig schnaubte eines der drei angebundenen Pferde. Eines gehörte dem Marketender aus Camp Lowell. die beiden anderen trugen mexikanische Brandzeichen.

Als Cliff über die Schwingtürenflügel blickte, sah er im Saloon seinen Bruder Jimmy mit dem Marketender aus Camp Lowell und dem Wagenrad Ranch-Cowboy Lesley Wood am Pokertisch sitzen. Rechts davon aßen an einem zweiten Tisch zwei hagere Mexikaner Chilli, Bohnen und Kochfleisch. Hinter dem Tresen spülte eine junge Mexikanerin Gläser, und Joel Madson, griesgrämig und verkniffen, äugte zum Pokertisch hinüber.

Cliff beobachtete die drei Spieler. Sein Bruder, dessen Blondhaar zerzaust und struppig wirkte, hatte einen roten Kopf, wirkte verschwitzt, als hätte er schwer geschuftet und redete dabei laut und aufgeregt. Cliff kannte Jimmy gut genug, dass er wusste, was mit Jimmy los war. Jimmy hatte reichlich getrunken, etwas zuviel, wie es Cliff schien.

Der Marketender war ein knochiger, langer Mann mit weißen Schläfen. Cliff kannte Dean Hope schon lange und wusste auch, dass Dean in den nächsten Tagen von Camp Lowell weggehen wollte, um irgendwo im Osten eine Armeekantine zu übernehmen.

Lesley Wood, der Cowboy, war in Jimmys Alter, also etwa einundzwanzig, hatte feuerrotes Haar, ein Gesicht voller Sommersprossen und eine Nase, die keck nach oben gebogen war. Auch er machte den Eindruck, als habe er einige Gläser über den Durst getrunken. Jimmy und er debattierten gerade.

Und ich sage, dass dieser Bulle noch nicht die Hörner wert ist, die er hat!“, brüllte Jimmy, als befände er sich unter Schwerhörigen.

Es ist der beste Bulle, den du in Arizona findest, wetten?“, schrie Lesley Wood zurück. „Du platzt nur vor Neid, weil ihr auf der Circle C lauter Krücken von Bullen habt, wie? He, Dean, ist der Sonora nun ein guter Bulle oder nicht?“, wandte er sich an den Marketender.

Dean Hope grinste spöttisch. Cliff wusste, dass der Mann mindestens das Dreifache an Alkohol von dem vertrug, was Jimmy konsumieren konnte. So machte Dean als einziger am Tisch eine brauchbare Figur. „Was geht mich dein Bulle an, Les? Ich befasse mich nicht mit Vieh. Wir wollten pokern. Habt ihr das schon vergessen? Ich gewinne nämlich. Also spielen wir nun weiter oder...“

Und ich wiederhole: Der Bulle ist nicht mal die Patrone wert, mit der ihr ihn eines Tages erschießt!", schrie Jimmy, völlig unbeeindruckt von Deans Aufforderung, weiterzupokern.

Lesley sprang daraufhin fast vom Stuhl. Er beugte sich weit vor und schrie aus nächster Nähe Jimmy ins Gesicht: „Selbst sein Schwanz ist wertvoller als bei euch der beste Bulle! Nur sein Schwanz, du verdammter Viehdieb!“

Ich würde ihn anspucken, wenn du ihn mir schenken solltest, diese Missgeburt! Mit so was verdirbt man sich die ganze Herde. Aber davon kannst du nichts verstehen, du großmäuliger Mäusebändiger!“

Lesley zuckte unter dieser Anschuldigung geradezu zusammen. Er sank auf seinen Stuhl zurück, schnappte nach Luft und brüllte dann, dass die Gläser in Madsons langem Thekenregal klirrten: „Den Mäusebändiger nimmst du zurück!“

Einen Dreck!“

Viehdieb!"

Mäusebändiger!“

Verflucht, Jimmy, ich schlage dir jetzt die restlichen Zähne aus!“

Fang an, ich warte! Aber weine nicht, mein Kleiner, wenn du nachher nicht mehr laufen kannst!“

Schluss jetzt!“, donnerte Madson von der Theke her. „Benehmt euch nicht wie Idioten!“

Da trat Cliff ein. Der einzige, der nicht auf ihn aufmerksam wurde, war Jimmy. Wütend packte er Lesley am Halstuch, riss ihn über den Tisch auf sich zu und wollte gerade zuschlagen, da war Cliff zur Stelle und schrie ihn an: „Loslassen!“

Jimmy ließ nicht los. Er sah nur zu Cliff hin. „Aha, der Marshal! Zufällig mein Bruder. Aber jetzt willst du dir wohl dein Geld verdienen, was? Der Herr ist zu fein, um die Dreckarbeit zu machen wie ich. Spielt den Lord und trägt ein Stück gestanztes Blech spazieren.“

Halt dein großes Maul und lass Les los!“, knurrte Cliff.

Jimmy kannte seinen großen Bruder, und wäre er nüchtern gewesen, hätte der Ton in Cliffs Stimme genügt, das zu tun, was Cliff sagte. Cliff war nie so hitzig gewesen wie er, aber wenn er hart wurde, dann konnte er ein viel gefährlicherer Gegner sein, als Jimmy das je gewesen war.

Doch Jimmy sah das alles im Rausch ganz anders. Ihn warnte kein Instinkt. Und so brüllte er mit überschnappender Stimme: „Dieser Mistkerl hat gesagt, dass diese Missgeburt, die er einen Bullen nennt, der beste ...“

Cliff schlug zu, kurz, trocken und zielsicher. Jimmys Arm wirbelte zur, Seite, Jimmy konnte das Halstuch von Lesley gar nicht mehr halten und hatte Mühe, nicht auf den mit Sägespänen bestreuten Fußboden zu stürzen.

Kaum hatte Jimmy die Balance wiederhergestellt, wollte er auf Cliff los. Aber Cliff hob nur die Faust, und da hielt Jimmy inne.

Du würdest mich am liebsten noch einsperren, was?“, schrie er.

Wenn du hier verrückt spielst, geschieht das auch“, antwortete Cliff.

Deinen eigenen Bruder, was?“

Das Gesetz nimmt dich nicht aus.“

Jimmy ließ sich wütend auf den Stuhl sinken. „Eine Welt ist das, einfach zum Kotzen!“

Du zahlst und gehst in deine Bunk, Jimmy!", befahl Cliff. Er sah dann auf Lesley. „Und du reitest oder gehst auch pennen!“

Lesley nickte nur und stand auf. Aber er hatte so viel getrunken, dass er wieder auf den Stuhl zurückplumpste. Dean Hope half ihm hoch, und Lesley, der die Wirkung des Alkohols nicht mehr bändigen konnte, wankte um den Tisch herum.

Jimmy stellte ihm ein Bein, und prompt fiel Lesley darüber. Cliff konnte ihn gerade noch auffangen, und Jimmy lachte schallend, verschluckte sich, hustete und lachte so, dass ihm die Tränen kamen.

Ohne sich darum zu kümmern, brachte Cliff den torkelnden Lesley bis an die Tür. Lesley rammte die Flügel zur Seite und verschwand draußen in der Dunkelheit.

Und jetzt du, kleiner Bruder“, sagte Cliff. Er wusste, dass Jimmy darauf sehr sauer reagierte. Das geschah auch. Jimmy kam vom Stuhl hoch. Vom Lachen und vom Trinken waren seine Augen stark gerötet. Er schwankte, nahm dann Anlauf und schoss auf Cliff zu, den Arm zum Schlagen angewinkelt. Aber Cliff trat zur Seite, und Jimmy fegte wie ein blindwütiger Stier an ihm vorbei, konnte seinen Schwung nicht bremsen und raste, die Pendeltüren aufstoßend, ins Freie.

Cliff grinste, und Madson meinte trocken: „Du hast eine famose Art, die Probleme zu lösen, Cliff. Fast noch besser, als Rip das gekonnt hat.“

Danke, Joel. Darauf darfst du mir einen auf Kosten des Hauses einschenken.“

Dean Hope gesellte sich zu Cliff an die Theke und sagte amüsiert: „Dein Brüderchen hat sieh ganz schön gemausert, muss ich sagen. Er spielt auch besser Poker als vor einem Jahr. Nur verträgt er keinen Whisky. Der Junge reitet sich noch mal in die übelsten Dinge, wenn er besoffen ist. Das solltest du ihm mal beibringen.“

Ich bin nicht seine Amme. Es gibt nur einen Mann, bei dem er spurt, und das ist mein Vater."


*


Bevor Dean antworten konnte, traten drei Männer ein, die nur auf den ersten Blick wie Cowboys aussahen. Cliff hatte sie schon am Nachmittag gesehen und darüber vorhin mit Matt gesprochen. Ihm wäre es lieber gewesen, die drei hätten sich längst auf den Weg zur Wagenrad-Ranch gemacht.

Zwei der Männer waren mittelgroß, hatten harte und primitive Gesichter. Beide wirkten wie Abenteurer, verwegen, kaltblütig und wild. Nach Cliffs Schätzung mussten sie etwa Anfang Zwanzig sein, und ihre Hände machten den Eindruck, als hätten sie Arbeit nie gesehen.

Die beiden waren Mittelklasse, Revolverschwinger, die ihre Revolver so trugen, dass man auch sehen sollte, womit die beiden Burschen ihr Geld verdienten.

Von dieser Sorte hatte Rancher Morrison stets Männer auf der Ranch gehabt; die Namen wechselten, der Typ dieser Figuren nie. Anders war es mit dem großen Mann, der zwischen den beiden stand. Er war nicht nur größer als sie. Und er hatte im Gegensatz zu ihnen nicht nur weißes Haar und schien gute zehn Jahre älter zu sein, das allein war es nicht. Dieser Mann wirkte ganz anders. Er war gut gekleidet, hatte ein intelligentes Gesicht, in dem die Narbe schräg über die linke Wange kaum störte. Es war ein männliches, sehr energisches Gesicht. Schmal, kantig und mit einem Paar wasserheller Augen, die Cliff scharf ansahen.

Dieser Mann mit dem schneeweißen Haar trug weder seinen Revolver auffällig noch hatte er Kerben in die Kolben geschnitzt wie die beiden anderen. Cliff wusste, das dies bei vielen dieser Typen reine Angeberei war. Aber der Weißkopf hätte nach Cliffs Meinung bestimmt schon manche Kerbe schnitzen können. Das war ein gefährlicher Mann, wenn man ihn zum Gegner hatte. Diese Erkenntnis kam Cliff sofort.

Jetzt lächelte dieser Weißhaarige, schob den Hut ins Genick und sagte: „Ich freue mich immer, wenn ich einen richtigen Marshal sehe. Da atmet man noch in gereinigter, geordneter Luft einer Welt der Gerechtigkeit. Keeper, ich bekomme einen Whisky, und wenn der gepanscht ist, kann Ihnen auch der Marshal nicht mehr helfen.“

Seine beiden Begleiter gruppierten sich wie Jagdhunde neben ihn, als er an die Theke trat, das Glas in Empfang nahm und Cliff zutrank. „Mein Name ist übrigens Dunbar, Jack Austin Dunbar. Sie brauchen nicht nachzudenken, Marshal, auf keiner Ihrer Listen steht mein Name. Und es ist mein Name. Ich halte nichts von Leuten, die Namen wie Hosen wechseln. Noch einen, Keeper!"

Die beiden anderen nickten beifällig, und Cliff fragte sich, ob sie nicht auch nicken würden, wenn Dunbar sie beide für Vollidioten erklären würde. Nein, dachte Cliff, Dunbar nahm sie selbst nicht für voll, diese beiden kleinen Schießer.

Als habe Dunbar Cliffs Gedanken geahnt, sagte er zu seinen beiden Gefährten: „Trinkt aus, dann macht, dass ihr zum Boss kommt. Ihr wisst, dass er euch sehen will.“

Die beiden nickten wieder, diesmal untergeben und pflichtschuldig. Sie kippten wie auf ein geheimes Kommando zugleich ihre Gläser, legten Münzen auf den Tisch und gingen wie Zwillinge nebeneinander nach draußen.

Während Madson das Geld sorgfältig nachzählte und einstrich, wandte sich Dunbar an Cliff. Er lächelte und fragte: „Macht Ihnen etwas Sorgen? Sie sehen aus, als hätten Sie mich im Verdacht, eine kleine Million geraubt zu haben. Liegt das am Beruf, dass alle Marshals das personifizierte Misstrauen sind?“

Cliff zuckte die Schultern. „Möglich. Aber Sie waren nicht immer Revolvermann. Oder irre ich mich?“

Dunbar lachte, setzte sich den Hut ab, wischte übers Schweißband und strich sich dann sein kurzes Grauhaar glatt, das er gescheitelt trug. So ohne Hut sah er aus wie ein Armeeoffizier in Zivil.

Nein, ich habe etwas anderes gelernt, Marshal", bekannte er freimütig. „Bevor ich mein Talent in bare Münze umzusetzen begann, bin ich Bahningenieur gewesen. Irgendwo in einer Liste der Union Pacific wird das noch eingetragen sein. Wie ich Sie einschätze, werden Sie das sogar nachprüfen. Schicken Sie einen Brief nach Omaha. Die Antwort wird Sie beruhigen.“

Es ist Ihre Gegenwart, die mich beunruhigt, Dunbar“, sagte Cliff. „Warum arbeiten Sie für Morrison?“

Dunbar zeigte wieder dieses spöttische Lächeln. „Warum sollte ich nicht? Er bezahlt gut und pünktlich, die Bedingungen sonst sind gut, das Essen ist schon schlechter gewesen auf meinen Streifzügen, also?“

Es werden heute auch noch Bahnen gebaut.“

Stimmt. Nur zahlen sie schlechter als Morrison.“

Vielleicht handeln Sie sich eines Tages statt des Lohns ein Stück Blei ein, Dunbar. Das wäre doch möglich, nicht wahr?“ Cliff lächelte nun auch. Er spielte dieses Spiel mit. Dunbar war entweder ein erstklassiger Bluffer oder ein Ass. Mittelmäßig war er jedenfalls in keinem Falle.

Wollen wir uns darauf einigen, Marshal Copper, dass ich für meine Haut sorge und Sie für Ihre?“

Einverstanden. Hoffentlich müssen wir das nicht mal miteinander ausprobieren“, meinte Cliff.

Man hat von Ihnen erzählt, dass Sie eine Trumpfkarte hier in Arizona sind. Ich spiele gerne mit harten Gegnern. Mit welchen, die Meister in ihrem Fach sind. Nichts ist schlimmer als Stümperei. Ich werde ...“

Plötzlich gellte ein schriller Schrei von draußen in den Saloon. Madson zuckte zusammen, als sei er geschlagen worden. Dean Hope ruckte herum und starrte zur Tür, und Cliff schien mit einem Mal stocksteif zu sein. Nur Dunbar blieb locker stehen, und doch sah Cliff, der ihm ins Gesicht blickte, dass Dunbar mit höchster Wachsamkeit lauschte.

Der Bann löste sich eine Sekunde nach dem Schrei. Cliff rannte an Dunbar vorbei zur Tür. Dean Hope folgte ihm, und schließlich kam auch Dunbar den beiden nach.

Draußen auf der nächtlichen Straße kamen ihnen zwei Männer entgegengelaufen. Einer der beiden rief aufgeregt: „Les ist erstochen worden! Les! Er liegt neben dem Corral! Hinter dem Bunkhouse! Jimmy Copper hat Les erstochen!“


*


Les lag auf dem Gesicht. Das Messer steckte ihm noch im Rücken. Dr. Mills richtete seine große Gestalt auf, sah die Menschen in der Runde an und blinzelte ins Licht der vielen Lampen, die diese Szene beleuchteten. Dann wandte sich der Doc von Tucson an Cliff Copper.

Ohne Zweifel ist er tot. Direkter Herzstich, nehme ich an. Genau kann ich das erst nach der Obduktion sagen.“

Es waren zwei Dutzend Menschen, die um Cliff, den Doc und den Toten herumstanden. Auch Madson, Dean Hope und jener Jack Dunbar waren unter ihnen. Es kamen immer noch mehr Leute.

Ich habe gesehen, dass es Ihr Bruder war, Marshal!“, sagte einer der beiden, die mit Dunbar vorhin im Saloon erschienen waren.

Ich habe ihn auch erkannt, ganz genau. Er war betrunken und lief mit dem Messer hinter dem Jungen her.“

Cliff schaute sich um und sah den Sprecher. Es war ein Mann, der für Prewitt Westham arbeitete. Ein langer, spindeldürrer Mann mit dem Gesicht eines gerupften Raubvogels. In der Stadt nannten sie ihn nur Slim.

Und wer hat noch etwas gesehen?“, fragte Cliff ruhig, als ginge ihn das nur rein beruflich etwas an.

Ich, Marshal“, erklärte jener Bursche, der auch zu Dunbars Begleitern gehörte.

Cliff wandte sich Dunbar zu, der spöttisch lächelte. „Haben Sie auch gesehen, dass es mein Bruder gewesen ist, Dunbar?“

Nein“, erwiderte Dunbar ungerührt, „ich war ja bei Ihnen, Marshal. Im Saloon. Das wissen Sie doch noch, oder?"

Cliff zog das Messer aus dem Toten, sah es an und erschrak innerlich. Er musste sich zwingen, seine Gedanken nicht durch Blick oder Mienenspiel zu verraten, denn es war Jimmys Bowiemesser. Die Initialen der Circle C-Ranch standen ebenso auf dem Griff wie Jimmys eigene Initialen.

Was tun Sie jetzt, Marshal? Es sieht aus, als müssten Sie den eigenen Bruder festnehmen, was?“, fragte Dunbar, und wieder klang Spott in seinen Worten mit.

Wenn er es war“, sagte Cliff eiskalt, „dann wird er verhaftet. Und wenn er es nicht gewesen ist, dann werde ich den fassen, der es getan hat. Ich hoffe, damit sind weitere Fragen in dieser Richtung überflüssig."

Madson sah Cliff an und zupfte ihn am Ärmel. „Cliff, es tut mir leid um dich. Aber Jimmy war betrunken. Er kann nicht gewusst haben, was er tut.“

Mord ist Mord!“, schrie einer der Kerle, die Dunbar mitgebracht hatte.

Ja, wo steckt denn dieser Jimmy Copper eigentlich? Wir sollten nach ihm suchen“, rief der andere der beiden.

Ihr haltet euch da heraus!“, kommandierte Dunbar. Er machte eine kurze Handbewegung, die noch mehr besagte als seine Worte. „In die Bunk mit euch!“

Hör mal, Jack, wir wollen ...“

In die Bunk, Jungs, ich weiß. Und das tut ihr jetzt! Auf!“, erwiderte Dunbar scharf. „Was ihr gesehen habt, gebt ihr morgen dem Marshal zu Protokoll. Oder wollen Sie das jetzt von ihnen wissen, Copper?“, wandte er sich an Cliff.

Die beiden bleiben bis morgen in der Stadt und melden sich bei mir. Du auch, Slim!“

Sehr gerne, Marshal, sehr, sehr gerne", erwiderte Slim grinsend. „Es kommt schließlich nicht alle Tage vor, dass in einer Familie ein Marshal und ein Mörder sind.“

Cliff überkam es. „Sei still, du Bastard!“, fuhr er Slim an.

Slim duckte sich und wich erschrocken zurück. „Es war ja nicht so gemeint!“, stieß er ängstlich hervor.

Gehen Sie da nicht etwas zu weit, Marshal?“, fragte Dunbar zynisch. „Wie ich sehe, sind Ihre Nerven nicht gerade die besten, wie?"

Für Cliff war das wie ein Warnschuss. Er hatte sofort wieder die Beherrschung gewonnen und antwortete eisig: „Machen Sie sich nicht zu große Sorgen, Mister. Pablo, holt Guggenheimer, dass er ihn zum Doc schaffen lässt wegen der Obduktion!"

Was ist das?“, fragte der Mexikaner, der sonst bei Wells Fargo arbeitete.

Cliff war mit den Gedanken schon wieder weiter und schnauzte Pablo an: „Was quatschst du noch?“

Er will wissen, was eine Obduktion ist“, sagte Dunbar lächelnd. „Pablo, eine Obduktion ist, wenn der Doc dem Toten die Brust aufschneidet, um die Kugel herauszuholen oder wie hier, um nachzusehen, ob das Messer das Herz zerstochen hat."

Santa Virgen, er schneidet ihn auch noch auf!“, rief Pablo und lief mit einem scheuen Seitenblick auf Dr. Mills davon.

Ich glaube“, sagte Madson, „jetzt können wir alle einen vertragen, wie?“

Er wartete die Antwort der anderen nicht ab, sondern ging in den Saloon. Fast alle Männer folgten ihm, die Frauen gingen plappernd nach Hause, und Dunbars zwei Getreue, die erst in den Saloon verschwinden wollten, verzogen sich schleunigst in Richtung auf die Tür zum Bunkhouse, als Dunbar ihnen einen Wink gab.

Cliff verfluchte es, dass er nicht noch früher zur Mordstelle gekommen war. Die drei Augenzeugen hatten bereits alle Fußspuren zertrampelt, und gerade die hätte man im Sandboden gut sehen können. Sonst gab es nur das Messer als Anhaltspunkt.

Ich muss Jimmy suchen, dachte Cliff. Wo steckt er nur? Er hätte in der Bunk sein können. Und wo war Matt Jackson? Der konnte doch nicht immer noch bei Guggenheimer sitzen! Mein Gott, wie ist das nur passiert? Dieser junge Hitzkopf! Das Messer zu ziehen!

Aber Cliff war nicht so sicher. Er kannte Jimmy doch. Der hätte nie, auch nicht in Volltrunkenheit, einen Mann von hinten angegriffen.

Als Pablo mit den Männern kam, ging Cliff die Straße entlang auf Guggenheimers Haus zu. Er wusste selbst nicht, warum er diese Richtung einschlug. Matt war doch bestimmt nicht mehr dort.

Vor einigen Häusern diskutierten noch die Leute. Als er in ihre Nähe kam, verstummten sie, und er spürte förmlich, wie sie auf seine dunkle Gestalt starrten. Einmal hörte er eine Frau flüstern: „Furchtbar, jetzt muss er den eigenen Bruder verhaften.“


*


Jimmy lag in Guggenheimers Stall im Stroh und schlief. Er schnarchte tief und fest, und als Matt Jackson zusammen mit Cliff Copper in den Stall trat, und Matt die Laterne hob und Jimmy anleuchtete, schlief Jimmy immer weiter.

Gib mal die Laterne her!“, sagte Cliff, nahm sie Matt ab und trat dicht vor Jimmy, leuchtete ihn aus der Nähe an und sah das Blut an Jimmys Hemd. Frisches Blut. Außerdem hatte Jimmy eine Verletzung am rechten Arm, die kaum verkrustet war. Der Ärmel seines Hemdes war aufgerissen. Es sah aus, als sei Jimmy von etwas Scharfem zerkratzt worden.

Verflucht!,“ stieß Cliff hervor. „Sieh dir das an, Matt!“

Er ist irgendwo in Stacheldraht gefallen“, meinte Matt.

Cliff drehte sich ruckartig um. „Stacheldraht! Matt, er hat es wirklich getan. Das ist es!“

Matts faltiges Gesicht verzog sich zur Grimasse. „Blödsinn! Jimmy sticht keinen Mann von hinten nieder. Du als sein Bruder solltest das wissen!“

Hole einen Eimer Wasser“, sagte Cliff zu Matt. „Wir müssen ihn aufwecken. Ich muss mit ihm reden – und zwar dringend!“

Matt spurtete sofort los und tat das, worum Cliff ihn gebeten hatte. Augenblicke später erwachte Jimmy aus seiner Bewusstlosigkeit mit einem lauten Fluch, verdrehte die Augen und rang keuchend nach Luft. Im ersten Moment wusste er gar nicht, was los war, aber dann bemerkte er Cliffs und Matts ernste Mienen

Woher stammt das Blut auf deinem Hemd, Jimmy?“, fragte ihn sein älterer Bruder. Kopf aus. Jimmy schreckte zusammen, stammt das Blut an deinem Hemd? Los, rede endlich!“

Blut?“ Jimmy sah auf seine Brust, dann auf seinen Arm. „Ach so... der verdammte Draht.“

Siehst du!“, meinte Matt.

Cliff ging nicht auf Matt ein. „Wo war ein Draht?“, fragte er scharf.

He, was sollen diese Fragen?,“ rief Jimmy, der jetzt etwas klarer im Kopf wurde.

Jimmy, neben dem Bunkhouse von Madson lag vor ein paar Minuten noch ein Toter. Erstochen.“

Ein Toter? Erstochen? Und was habe ich damit zu tun?“

Der Mann ist Lesley Wood. Und drei Zeugen haben gesehen, sagen sie, dass du ihn umgebracht hast.“

Jimmy starrte Cliff an wie einen Geist. Dann kam es heiser aus seinem Mund: „Sag mal, Cliff, bist du völlig verrückt?“

Ich nicht, Jimmy, ich gewiss nicht.“

Jimmy wischte sich über die Augen, sah auf seinen aufgerissenen Arm und blickte dann Matt an. „Matt, was redet er da?“

Matt zuckte die Schultern. „Ich glaube ja auch nicht, dass du es gewesen bist, aber drei Zeugen, das Blut auf deinem Hemd... und es war auch, wie Cliff sagte, dein Messer.“

Jimmy tastete zu seinem Stiefelschaft, aber das, was er suchte, war dort nicht mehr, nur die Scheide. „Es ist weg“, stöhnte er.

Ich habe es aus Les herausgezogen. Es ist hier“, sagte Cliff und holte das mit einem Tuch umwickelte Bowiemesser hervor.

Das ist mein Messer, stimmt“, sagte Jimmy, nun wesentlich nüchterner.

Jimmy“, sagte Matt beinahe väterlich, „sag, was du weißt. Denk genau nach. Cliff ist hier Marshal. Er muss dich überprüfen, er muss der Sache nachgehen. Es ist seine Pflicht. Hilf ihm, indem du sagst, was du weißt. Denk ganz genau nach, Junge, ganz genau!“

Jimmy senkte den Kopf. „Ich war bei Joel... und dann ... ja, dann bin ich doch irgendwie mit wem zusammengeraten. Wer war das nur?“

Meinst du deinen Versuch, auf mich loszugehen, als ich dich in die Bunk schicken wollte?“, fragte Cliff.

Du? Warst du auch da?“

Im Saloon ja.“

Aber... aber daran erinnere ich mich gar nicht. Wieso warst du denn da?“ Jimmy sah Cliff verständnislos an, blickte dann auf Matt, und der nickte. „Ja, Cliff war auch im Saloon, Jimmy.“

Cliff machte ein bedenkliches Gesicht. Er weiß nicht einmal das, sagte er sich, und wer kann dann noch wissen, ob er überhaupt weiß, was er sonst getan hat.

Jimmy erinnere dich! Du bist auf mich los, ich bin zur Seite getreten, und da hat dich dein eigener Schwung aus der Tür getragen. Was war dann?“, fragte Cliff eindringlich.

Jimmy wischte sich die nassen Haare aus der Stirn, rieb sich die Schläfen, als könne das sein Erinnerungsvermögen beleben und meinte dann nachdenklich: „Ich weiß nur, dass ich zu Matt wollte. Zu Guggenheimer. Und da bin ich irgendwie vom Weg abgekommen und hing plötzlich im Drahtzaun von dem verfluchten Wells Fargo-Corral. Ja, das weiß ich genau. Ich war hängengeblieben. Am Arm tat es weh, aber ich kam frei. Und mir war zum Kotzen übel. Da bin ich hier in den Stall. Weiter weiß ich nichts, Cliff. Gar nichts.“

Das ist verdammt wenig.“ Cliff blickte auf Matt, der sorgenvoll die Stirn in Falten schlug. „Oder nennst du das viel, Matt?“

Nein. Aber ich sehe sie schon alle vor mir, diese kleinen Scheißer in Tucson, die jetzt Morgenluft wittern, weil einer von der Circle C im Dreck steckt. Ich kann sie förmlich greifen, diese ganzen Hundesöhne. Morrison ist auch hier. Der wird bald seine erste große Rede halten. Warte nur ab, Cliff, wenn der erst Position bezogen hat.“

Vielleicht ist das alles nur ein verdammter dreckiger Trick von ihm?“, meinte Jimmy.

Mach es dir nur nicht so leicht, mein Junge“, erwiderte Cliff. „Bis jetzt kann ich dich nur deshalb für unschuldig halten, weil du mein Bruder bist und weil ich weiß, dass du einen Mann so wenig von hinten erstichst wie ein anderer Copper. Aber beweisen kann ich das keinem. Ich wette, Jimmy, dass Commander McLean als Territoriumsrichter die Sache so sieht, wie alles hier den Anschein hat.“

Und wie soll er das sehen?", fragte Jimmy verständnislos..

Dass du Les umgebracht hast, mit deinem Messer. Jimmy, ich muss dich festnehmen. Ich muss es tun!“

Du bist wahnsinnig! Wenn das Vater erfährt, dann ...“

Matt hob abwehrend die Hand. „Dein Vater würde Cliff verstehen, wie ich ihn verstehen kann. Cliff muss das tun. Er hat da gar keine Wahl, solange alles gegen dich spricht. Was Cliff denkt, interessiert weder den Commander noch einen anderen Menschen in Tucson. Was Cliff beweisen kann, das zählt. Mach Cliff keinen Kummer, mein Junge!“

Gib mir deinen Revolver, Jimmy!“, sagte Cliff.


*


Es war nach Mitternacht. Aber in Rip und Julie O’Hagans Hotel war noch Licht im Parterre. Sieben Männer und eine Frau saßen im großen Speisesaal bei Kerosinlampenlicht zusammen. Ihre Gesichter waren ernst.

Am Tischende thronte wie ein Koloss Rancher Morrison. Breit, wuchtig und mit Pranken wie Ofentüren hockte er da, und sein mächtiger Schädel mit dem ergrauten und dünnen Blondhaar erinnerte an den Kopf eines Büffels. Kleine, listige Augen blickten auf die anderen Menschen im Zimmer. Morrison war nicht nur der schwerste Mann im Tucson-Bereich, er war auch der reichste und größte Rancher. Der mächtigste war er nicht mehr. Die Coppers von der Circle C hatten ihn da überrundet. Aber Morrisons Wort hatte noch immer pfündiges Gewicht in diesem Land. Trotzdem mochten ihn nur wenige.

Neben ihm saß Julie O’Hagan, und ihr kupferrotes Haar wirkte im Lampenschein wie eine Flamme. Schön, etwas blass und voll und ganz eine Frau mit Temperament und Rasse, saß sie da. Neben ihr Rip O’Hagan, der vor Cliff Copper US-Marshal gewesen und seit seiner schweren Verletzung aus dem Dienst geschieden war. Ein hagerer, grauhaariger Kämpfertyp, dem jetzt noch die harte Energie eines entschlossenen Mannes aus allen Zügen sprach.

Guggenheimer, der Town Mayor, saß den beiden gegenüber. Er war in den letzten Monaten etwas fülliger geworden, dieser Stellmacher Schweizer Abstammung. Es ging seinem Geschäft und ihm. selbst recht gut. Sein von Wohlstand geprägtes Gesicht verriet es ebenso wie der Bauchansatz.

Dr. Mills hatte den Platz neben ihm. Der große Doktor, der eher wie ein Treckführer oder Rancher aussah und am wenigsten wie ein Doc, hatte den Kopf in die Hände gestützt und blickte nachdenklich auf Matt Jackson, der ihm gegenüber saß.

Joel Madson lehnte zusammengesunken auf dem Stuhl am anderen Tischende und gähnte unverhohlen.

Neben ihm kämpfte der kleine, fettleibige Besitzer des Arizona Cargo, Prewitt Westham, seinen Schlaf nieder. Westham war der älteste Teilnehmer dieses Gespräches und der in Tucson wohl zwielichtigste Mann. Seine Schmuggelgeschichten beeindruckten kaum jemanden, außer den Behörden. Aber seine hinterhältige, raffinierte Art, manchen Menschen das Wasser abzugraben, hatte ihn verhasst gemacht. Immerhin fand er in Andrew Morrison einen Fürsprecher, und diese Versammlung ging auf Morrisons Aufforderung zurück. Deshalb war auch Westham da.

Ihr seid nicht hier, um etwas für die Stadt zu beschließen“, erklärte Morrison mit Stentorstimme. „Das ist nicht der Stadtrat. Aber die Sache mit Les Wood geht alle jene was an, die in dieser Stadt etwas zu sagen haben. Alle, von deren Geld die Stadt lebt. Sie, Jackson, vertreten die Circle C. Die Wagenrad, die bin ich selbst, Sie, Rip, vertreten die Frauen hier. Du, Joel, übernimmst die Interessen der Hausbesitzer und Händler, und Sie, Guggenheimer, sind der Vertreter aller Handwerker und Gewerbetreibenden. Westham hat seine Stimme als Frachtunternehmer, und der Doc kann als Neutraler für alle die sprechen, die wir hier nicht ausdrücklich vertreten lassen.“

Kommen Sie endlich zur Sache, Morrison“, sagte Matt, „ich bin nur gekommen, damit hier nicht wieder etwas verhackstückt wird, das nachher in Blut und Blei endet. Also, was wollen Sie?“

Morrison lehnte sich zurück. Er zog eine Zigarre aus seinem teuren Prince Albert-Rock, biss das Ende ab und zündete sich die Zigarre an. Dann, als schon viele im Raum ungeduldig die Stirn runzelten, sagte Morrison: „Ich glaube, dass Jimmy Copper volltrunken war. Ich glaube auch, dass er das nüchtern nicht getan hätte. Aber ich glaube auch, dass für Marshal Cliff Copper jetzt ein Gewissenskonflikt entsteht.“

Ein was?“, fragte Westham und glotzte Morrison begriffsstutzig an.

Dr. Mills sah nachsichtig zu ihm und sagte erklärend: „Das heißt soviel wie hin und hergerissen zwischen Pflicht und brüderlicher Liebe.“

Prewitt, du bist ein Rindvieh!“, polterte Morrison. Dann fuhr er fort: „Er ist also in einem Gewissenskonflikt. Er wird die Geschichte nicht sorgfältig genug machen.“

Aber was gibt es denn zu machen, Morrison?“, fragte Matt. „Es gibt doch drei Zeugen.“

Morrison schien überrascht zu sein, das von Matt zu hören. Er kniff misstrauisch die Augen zusammen und wandte sich Matt Jackson zu. Er kannte den Vormann der Circle C zur Genüge. Das war ein besonders spitzes Stück Stahl in all den Jahren gewesen. Jackson konnte gefährlich wie ein Rasiermesser werden.

Natürlich gibt es drei Zeugen“, erwiderte Morrison, noch immer unsicher, was Jackson mit seiner Bemerkung wohl bezwecken mochte.

Matt nickte. „Drei Zeugen, von denen zwei Revolvermänner sind und der dritte in seinem Leben mehr gesiebte Luft geatmet hat also sonst wer in Tucson.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738908268
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
circle c-ranch haftbefehl jimmy copper

Autor

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Titel: Circle C-Ranch #15: Haftbefehl für Jimmy Copper