Lade Inhalt...

Die Geister-Fehde

2017 120 Seiten

Leseprobe

Die Geister-Fehde


Wolf G. Rahn


Gruselroman




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild:

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappe

Die Familien der Westlakes und der Graftons sind seit Generationen verfeindet und geben Hass und Verbitterung an ihre Kinder und Enkel weiter. Immer wieder säen die verfeindeten Familien Tod und Verderben. Als sich Horace Westlake und Elspeth Grafton ineinander verlieben, müssen sie ihre Verbindung um jeden Preis geheim halten, denn eine Liebe zwischen den beiden Clans gilt als Todsünde. Nur die Legende des toten Reiters, der auf seinem knöchernen Pferd durch den Wald galoppiert, um Opfer zu suchen, hilft den beiden, zueinander zu finden. Doch nicht nur die Lebenden tragen ihre Fehden aus. Auch die Geister der toten Westlakes und Graftons sammeln noch einmal ihre Kräfte, um den Krieg der Familien ein für alle Male zu beenden …








Roman

Gil Wheeler sah ein zweites Mai in die Runde, aber das Bild blieb.

Der Reiter, der auf ihn zupreschte, war ein Toter! Unheimlich, wie er, tief gebeugt über sein Pferd, dahinraste.

Ein Skelett im Galopp.

Die Gebeine fluoreszierten durch das Unterholz. Der grinsende Schädel durchbohrte mit toten Augen die Nacht.

Gil Wheeler schlug ein Kreuz und drängte seinen Körper gegen die Ulme. Er verspürte Angst und schämte sich nicht.

Mit einem Rudel wilder Wölfe hätte er sich herumgeschlagen ...

Was konnte er aber gegen ein Gespenst ausrichten? Hatten Dennis und Arthur doch recht? Wheeler hatte an ihrem Verstand gezweifelt, als sie das Gerücht von dem nächtlichen Geisterreiter verbreiteten und den Vorfall für echt hielten.

Der Angreifer kam inzwischen bedenklich näher. Die Hufe des Pferdes trommelten über den Waldboden.

Das Tier wirkte noch entsetzlicher als der Reiter. Ein klappriges Gerippe!

Fast konnte man jeden einzelnen Wirbel des Rückgrates unterscheiden. Pferd und Reiter schienen geradewegs aus der Hölle gekommen. Kein Zweifel, der Besuch aus dem Reich der Finsternis galt ihm.

Schon hörte Gil das bösartige Schnauben.

Infernalisch überfiel den Mann ein Wiehern, dass ihm schier die Trommelfelle platzten. Gleich danach setzte satanisches Gelächter ein, das über Gil zusammenschlug wie eine schäumende Woge.

Er sank zu Boden.

Der Mund war verzerrt, die Hände in panischer Abwehr gekrümmt.

Der höllische Jäger jedoch hielt sich nicht auf und tobte weiter durch den nächtlichen Wald …


*


Allan Grafton nahm einen Schluck aus der Brandyflasche.

Lou, sein Bruder, beobachtete ihn angewidert. Es gefiel ihm nicht, dass Allan Alkohol brauchte, um sich in Stimmung zu bringen.

Das nächtliche Unternehmen erforderte einen klaren Kopf. Die Kerle um Hilary Westlake schliefen nicht. Sie warteten nur darauf, dass sich die Graftons eine Blöße gaben.

»Bist du soweit?«, drängte Lou Grafton.

»Nur die Ruhe«, maulte der um zwei Jahre Ältere.

Seine Stimme war schon etwas unsicher. Das versuchte er, durch Lautstärke auszugleichen.

»Die Nacht ist lang. Ein Feuer brennt zwei Stunden später noch genauso wie um Mitternacht.«

Lou schluckte eine grobe Antwort hinunter. Ein Streit hatte keinen Zweck. Wenn es darauf ankam, würde Allan auf dem Posten sein. Das wusste er.

Er schwang sich in den Sattel seines Braunen und kümmerte sich nicht mehr um den Älteren.

Wenige Sekunden später vernahm er hinter sich gedämpftes Geklapper. Na also! Allan ließ ihn nicht allein. Zu lange hatte er sich darauf gefreut.

Die Grafton-Brüder ritten nun nebeneinander.

»Ich möchte zu gern ihre blöden Gesichter sehen«, meinte der Altere.

»Bleib doch da und hilf beim Löschen!«, schlug Lou vor.

»Keine schlechte Idee«, feixte Allan. »Am besten nehme ich Petroleum.«

»Ab morgen werden wir noch wachsamer sein müssen.«

»Sie sollen nur kommen.«

Allan Grafton schlug mit der Hand gegen den Kolben seiner zweiläufigen Flinte.

»Ich werde ihnen zeigen, wer der Herr auf Grafton Castle ist.«

Lou schwieg. Er wusste, dass diese Drohung nicht nur die Familie Westlake betraf.

Allan hatte auch ihn gemeint.

Er war der Ältere.

Nach altem Familienrecht war er Herr des Grafton-Besitztums. Lou war aber entschlossen, dieses Recht zu ändern. Er sah nicht ein, dass er sich zeitlebens von einem Säufer herumkommandieren ließ, nur weil er lächerliche zwei Jahre später das Licht der Welt erblickt hatte. Es kam doch auf Energie und Ausdauer an. Davon besaß er mehr als Allan. Doch er konnte warten, seine Zeit würde kommen. Notfalls half man im günstigen Augenblick ein bisschen nach.

»Wir haben keine gute Nacht erwischt«, nörgelte Allan Grafton nach einer Weile.

»Wie kommst du darauf?«

»Es liegt etwas in der Luft. Ich spüre es deutlich.«

»Ich atme nur deinen Brandygestank«, flachste Lou Grafton.

»Wir nähern uns einer Gefahr«, beharrte der Ältere.

»Meinst du, dass wir verraten wurden?«

»Verraten? Keinem meiner Männer traue ich so eine Schurkerei zu. Jeder von ihnen freut sich genau wie wir, wenn unser Streich gelingt«

»Auch Elspeth?«

»Was willst du damit sagen?«

»Unsere Schwester ist leider nicht ganz richtig in ihrem hübschen Köpfchen. Ist dir das entgangen?«

Allan schnaufte verächtlich.

»Sie muss ein Bastard sein. Anstatt mit dem Gewehr in der Hand wie eine echte Grafton läuft sie mit dem Gebetbuch durch die Gegend mit dem Madonnengesicht einer Heiligen.«

»Es sind Gedichte.«

»Was heißt: Gedichte?«

»Sie liest kein Gebetbuch, sondern einen Gedichtband.«

»Da hat der Satan selber mitgemischt Sie muss total verrückt sein. Aber was hat das mit dem Verrat zu tun?«

»Ich hoffe nichts. Immerhin sähe Elspeth es am liebsten, wenn wir auf die Douglass Grounds verzichten und den Westlakes zehntausend Pfund Entschädigung zahlen würden.«

»Wir hätten sie besser nach Farrymoor bringen sollen.«

»Bist du bei Trost?«, brauste Lou Grafton auf. »Damit die Westlake-Bande überall verbreiten kann, dass unsere Schwester eine Irre ist? Nein, bei uns ist sie am besten aufgehoben. Ich werde dafür sorgen, dass sie keinen Schaden anrichten kann.«

»Trotzdem sage ich dir, heute ist was nicht in Ordnung. Ich kann es förmlich riechen.«

»Hör auf mit deiner Spinnerei!«, forderte der Jüngere der Brüder ungehalten. »Du machst mich nervös. Am Ende bilde ich mir noch ein, dass dort vom jemand herumgeistert.«

»Hast du es also endlich auch mitgekriegt. Es sind Reiter. Sie sind mir schon vor geraumer Zeit aufgefallen. Sie kommen aus westlicher Richtung und geben sich Mühe, Lärm zu machen.«

»Meinst du, dass es Westlakes sind?«

»Auf meinem Gebiet? Das möchte ich ihnen nicht raten. Aber ich habe nicht geringe Lust, mir die Nachtschwärmer mal genauer anzusehen.«

»Unsinn! Wir verlieren dadurch nur Zeit. Es wird jetzt schon früh hell. Bis zum Morgengrauen muss alles vorüber ...«

Er sprach nicht zu Ende, starrte nur in die Nacht und weigerte sich, seinen Augen zu glauben.

In beträchtlicher Ferne galoppierte ein einsamer Reiter in spitzem Winkel auf sie zu und musste sie in einer Entfernung von höchstens fünfzig Schritten passieren.

»Siehst du, was auch ich sehe?«, raunte Lou seinem Bruder zu.

»Ein Geist«, flüsterte Allan zurück. »Der Geisterreiter, von dem so oft gemunkelt wurde.«

»Ich habe es nie glauben wollen«, gab Lou zu. »Jetzt sehe ich es mit meinen Augen. Ein Gerippe, das auf einer Mähre reitet, die ebenfalls einige Zeit tot sein muss.«

Es war der sagenumwobene Geisterreiter. Weit ausgreifend flog er durch den Wald.

Seine Knochen glühten. Funkensprühende Hufe fraßen Meilen.

Der Ritt war tollkühn: Doch was riskierte schon ein Toter?

Ihm konnten tückische Wurzeln und unwegsames Gelände nichts anhaben. Er bezwang alle Hindernisse und war nun auf gleicher Ebene mit den Grafton-Brüdern, die durch nichts mehr an ihre Kaltschnäuzigkeit erinnerten.

»Wollen wir noch weiter?«, fragte Allan, als das dämonische Bild endlich in der Ferne verschwunden war.

Lou räusperte sich. Ihm war alles andere als wohl in seiner Haut.

»Nein«, entschied er widerwillig. »Man ist nicht gut beraten, wenn man sich mit Geistern anlegt.«

»Da lobe ich mir den Geist im Brandy«, knurrte Allan und trank.

Sie wendeten ihre Pferde und ritten schweigend den langen Weg zurück.


*


Eineinhalb Meilen von Grafton Castle entfernt stand eine verfallene Holzhütte. Früher, als an dieser Stelle noch der Butterfly-See glitzerte, diente sie als Bootshaus.

Das war lange her. Elspeth hatte das nicht mehr erlebt. Aber sie hatte die Mutter oft davon schwärmen hören. Sie fluchte dem alten Westlake, weil er den Bach, der den See mit Wasser versorgte, umleiten ließ.

Schon zwei Sommer danach war der »Butterfly« ausgetrocknet.

Elspeth Grafton trieb es häufig hierher.

Meistens nachts, wenn der Wind den Bäumen Stimmen gab, die wisperten und raunten wie eine menschenreiche Versammlung.

Träumerisch ließ Elspeth den Blick über das überwachsene Seebecken schweifen. Die Mondsichel war nur schmal. Ihr Licht reichte kaum aus, die nächste Umgebung zu beleuchten.

Daher erkannte Elspeth in beträchtlicher Entfernung ein Leuchten, das rasch näher kam. Es war schon bald als sicher anzunehmen, dass der Träger des Leuchtens das alte Bootshaus zum Ziel hatte.

Das Mädchen wurde unruhig. Es erhob sich von seinem Baumstamm und betrat die Hütte.

Augenblicke später kam es wieder heraus mit einem Gewehr in der Hand. Gebannt starrte es in die Finsternis. Elspeth konnte bald Ross und Reiter ausmachen.

Von beiden ging dieses eigenartige Leuchten aus.

Sie hörte den Hufschlag und hielt es an der Zeit, sich zu verbergen.

Sie nahm hinter einem dicken Baumstamm Deckung. Das Gewehr hielt sie fest umklammert und war entschlossen, die Waffe im Notfall auch zu benutzen.

Der Reiter war nicht mehr weit entfernt. Mit bloßem Auge konnte man Einzelheiten unterscheiden.

Es war der Geisterreiter, der Gil Wheeler zu Tode erschreckt und die Grafton-Brüder von einer Schurkerei abgehalten hatte.

Sein Schädel leuchtete wie sein Gebein und das Skelett des Pferdes grünlich.

In wildem Galopp preschte er auf die Hütte zu. Der Reiter zog die Zügel so fest an, dass sich das Pferd auf die Hinterhand stellte, bevor es zum Stehen kam, nur fünf Schritte von Elspeth entfernt, die hinter dem Baum lauerte.

Hohl rief eine Stimme.

»Elspeth?«

Sie rührte sich nicht, beobachtete aber, wie das Gerippe vom Pferd sprang und mit staksigen Bewegungen zum Bootshaus ging.

Der Teufel musste Elspeth reiten, dass sie hinter ihrer Deckung hervortrat und sich bemerkbar machte.

Das Skelett fuhr herum.

Seine schlenkernden Glieder wurden plötzlich steif. Die knöchernen Arme breiteten sich

rechts und links aus, so dass nun ein phosphoreszierendes Kreuz vor ihr stand. Langsam näherte es sich dem Mädchen, das sein Gewehr nicht hob, nichts zu seiner Verteidigung unternahm.

Die Knochenarme krümmten sich und umfassten das Mädchen.

Elspeth schloss die Augen mit einem leisen Seufzer.


*


Lou Grafton raste vor Wut.

»Tot umfallen will ich, wenn da nicht die gottverdammten Westlakes dahinterstecken.«

In seiner Faust hielt er einen Stofffetzen, den er seinem Bruder unter die Nase hielt.

»Waren das deine finsteren Ahnungen?«, schrie er. »Wir haben uns zum Narren halten lassen. Wie wird es gelacht haben, das Gespenst!«

»Wo hast du es gefunden?«, wollte Allan wissen.

Lou konnte sich nicht beruhigen. Die Vorstellung, einem seiner Todfeinde die Möglichkeit gegeben zu haben, sich über ihn zu amüsieren, brachte sein Blut zum Sieden.

»Gil hat es gebracht«, schnaufte er.

»Gil Wheeler?«

»Er hielt heute Nacht Wache bei der Viehtränke. Auch ihm hat der Geisterreiter einen Schrecken eingejagt.«

»Und was weiter?«

»Er behauptet, von dem Dämon einen fürchterlichen Schlag bekommen zu haben. Jedenfalls war er für unbestimmte Zeit ohne Bewusstsein. Als er sich wieder erholt hatte, ist er geradewegs zum Castle geritten, um Verstärkung zu fordern.«

»Was hat der Kerl zu fordern?«, polterte Allan. »Hier bestimme ich, was und wie viel ...«

»Wenn du dein Maul aufmachst, kommt entweder eine Schnapswolke oder Blödsinn heraus«, wies Lou seinen Bruder respektlos zurecht. »Vielleicht erinnerst du dich, dass auch uns der Geisterreiter gezwungen hat, unseren schönen Plan aufzugeben.«

»Ein strategisch kluger Schachzug«, berichtigte der Ältere.

»Ein strategischer Blödsinn, wie dieser Fetzen hier beweist!«

Er zeigte das Stück Stoff. Deutlich war auf schwarzem Untergrund eine Zeichnung zu erkennen.

»Knochen«, erklärte er, »Knochen eines Pferdes. Auf der Rückseite des Lumpens hängen braune Pferdehaare. Wir sind auf eine Maskerade hereingefallen.«

»Du meinst, sein Gaul hätte in einem Kostüm gesteckt?«

»Der Gaul und er selbst! Es ist Leuchtfarbe, verstehst du? In einer dunklen Nacht sieht man nur die aufgemalten Skelettteile. Wer weiß, wie oft der Gauner diese Maskerade schon erfolgreich benutzt hat?«

»Wozu das Ganze?«

»Um sich über uns lustig zu machen.«

»Dafür riskiert niemand, eine Kugel zwischen die Rippen zu bekommen«, protestierte Allan.

»Wer hat geschossen? Alle drei haben wir verdutzt unsere Mäuler aufgerissen und sind kleinlaut nach Hause geritten. Wenn Gil nicht zufällig in einem dornigen Gesträuch diesen Lappen gefunden hätte, würden wir auch jetzt noch an eine Begegnung mit dem Jenseits glauben.«

Nun war auch Allan nachdenklich geworden.

»Ich hätte nicht übel Lust, diesem Spaßvogel zu zeigen, wie seine echten Knochen aussehen«, stieß er hervor. »Wollen doch mal sehen, was er sagt, wenn, ich ihn mit meinem Messer ein bisschen aufschlitze.«

»Endlich sprechen wir wieder die gleiche Sprache«, stellte er fest. »Ich habe mir auch schon einen Plan zurechtgelegt. Wir brauchen alle unsere Männer, aber dafür ist uns auch der Erfolg sicher. Vorausgesetzt, unser Geisterreiter kommt.«

Allan Graftons düsterer Blick verhieß nichts Gutes.

»Einmal wird er kommen, wenn nicht in der kommenden Nacht, dann in der nächsten. Einmal wird er kommen!«


*


Nichts Ungewöhnliches schien in den ausgedehnten Wäldern der Graftons vorzugehen. Die Mondsichel war noch etwas schmaler geworden.

Mitternacht war vorüber. Kein Mensch störte den Frieden der nächtlichen Natur.

So schien es.

Es hielten sich mehr Männer zwischen dem Grafton Castle und dem Westlake-Territorium auf, als man während einer Einladung zu einer Jagdveranstaltung zu sehen bekam.

Wie lauernde Wölfe verharrten sie stumm und bewegungslos.

Alle zwanzig Schritte hob sich ein Schatten vom Boden ab.

Es waren die Männer der Graftons. Kampffreudig beobachteten sie das Gelände. Sie bildeten ein feinmaschiges Netz, in dem sich ein besonderes Wild fangen sollte.

Sie alle hatten die Berichte Gil Wheelers gehört und den entlarvenden Stofffetzen gesehen. Ihre Wut über die ihnen angetane Schmach kannte keine Grenzen.

Sie hatten alles mitgeschleppt, was sie an Waffen tragen konnten.

Gewehre, Pistolen, Knüppel und Ketten.

Sie hatten aber den Befehl Allan Graftons im Ohr.

»Ich will den Kerl lebendig!«

Deshalb lauerten sie und warteten auf den Mann, der sie als Geisterreiter an der Nase herumgeführt hatte.

»Glaubst du, dass er kommt?«, raunte Peter Styles seinem Nachbarn zu.

»Mensch, bleib auf deinem Posten!«, fuhr ihn Donald Rawson an. »Wir haben strenge Anweisung ...«

»Ich kenne die Anweisung«, unterbrach ihn Styles, »und sie ist mir ziemlich egal. Wenn der Bursche kommt, sehe ich ihn auch, wenn ich zwei Meter weiter links liege.«

»Wünschst du, dass er kommt?«

Im Dunkeln konnte man den erstaunten Blick Peter Styles nicht sehen.

»Blöde Frage! Wenn ich ihn erwische, breche ich ihm sämtliche Knochen.«

»Oder er dir.«

»Was soll das? Hast du etwa Angst?«

»Ich habe vor keinem Menschen Angst. Aber ...«

»Aber?«

»Ich glaube nicht, dass wir es mit einem Menschen zu tun haben. Der Geisterreiter ist echt!«

»Mann, du bist ja betrunken! Der Fetzen seines Kostüms ist doch ein eindeutiger Beweis. Da will sich einer auf unsere Kosten amüsieren. Ich bin gern mit dabei, wenn es was zu lachen gibt. Du kannst ja nach Hause gehen, wenn du die Hosen voll hast.«

»Bei Gelegenheit werde ich dir dafür den Schnabel polieren«, versprach Donald Rawson.

»Halt's Maul! Es scheint loszugehen.«

Tatsächlich gab es rechts und links Unruhe. Die beiden Streithähne erfassten sofort den Grund.

Entfernt waren Geräusche wahrzunehmen, die von einem Fuhrwerk zu stammen schienen. Man hörte das Holpern eines Wagens, Hufeklappern und ab und zu Stimmen.

Peter Styles kroch auf seinen Platz zurück. Die Meinungsverschiedenheit mit Donald Rawson hatte er schon wieder vergessen. Jetzt befand er sich auf der Jagd. Er ließ sich durch nichts ablenken.

Sein Ehrgeiz ließ ihn natürlich davon träumen, dass es ihm vergönnt wäre, den frechen Halunken zu fangen.

Zwischen den Bäumen blinkte es, bald darauf noch mal, aber schon bedeutend näher.

Es war nun nicht mehr schwer, die Richtung zu fixieren, die das Gefährt nahm. Peter Styles stellte mit Bedauern fest, dass er kaum den Triumph würde auskosten können. Der Kerl hielt sich zu weit links.

Aber warum sollte man nicht ein bisschen nachhelfen? Der Boss hatte zwar jedem einen festen Platz zugewiesen, den er nicht verlassen durfte. Doch schließlich kam es im Endeffekt nur darauf an, dass der Coup gelang. Und dafür wollte er schon sorgen!

Er vergewisserte sich, dass ihn seine Nebenleute nicht beobachteten.

Sie waren vollauf mit dem nähernden Fahrzeug beschäftigt.

Peter Styles grunzte zufrieden. Lautlos schob er sich vor und robbte über den weichen Boden, der jedes Geräusch verschluckte. Geschickt nutzte er Deckungen, die ihm Buschwerk und aufgeschichtete Holzstöße boten.

Auf diese Weise gelang es ihm, sich rasch von den übrigen abzusetzen und ihre Vorhut zu bilden.

Gleichzeitig hatte er sich damit, auf jene Strecke begeben, auf der sich der Geisterreiter bewegte.

Diesmal ging es nicht um einen Reiter. Peter Styles konnte deutlich sehen, es handelte sich um eine Kutsche, die von zwei Skeletten mit hohläugigen Schädeln gezogen wurde.

Ihre Gangart war feurig. Hin und wieder bäumten sie sich auf und jagten zwischen den dicht stehenden Bäumen hindurch.

Auf dem Bock kauerte ein menschliches Skelett, das die knöchernen Gäule mit einer funkelnden Peitsche und schrillen Rufen antrieb.

Die Gebeine von Mensch und Tier leuchteten grün.

Am Kutschbock glosten trüb zwei Laternen. Das Innere des Gefährt war nicht erleuchtet.

Eine wilde Jagd, die schaudern machte!

Aber Peter Styles wusste, dass er es mit einem Mummenschanz zu tun hatte.

Der Geisterreiter zeigte sich nur in anderer Gestalt.

Vermutlich konnte er das beschädigte Kostüm seines Reitpferdes noch nicht ausbessern.

Das Gespann war inzwischen nahe herangekommen.

Styles richtete sich hinter einen breiten Baumstamm auf und zog ein doppelschneidiges Messer aus dem Gürtel. Mit der anderen Hand überzeugte er sich, dass sein Revolver am gewohnten Platz saß. Das Gewehr lehnte er gegen den Baum.

Der Wagen donnerte heran. Unheimlich wieherten die Gäule.

Sie hatten den versteckten Mann gewittert.

Der Kutscher drosch mit leerem Grinsen auf die Tiere ein und bemerkte nicht, dass sich Peter Styles hinter ihn auf den Bock schwang.

Mit einem triumphierenden Aufschrei legte der Mann dem Skelett den Unterarm um den Hals und drückte mit aller Kraft zu.

Zu seiner Überraschung ging jedoch der Griff ins Leere.

Dort, wo er den Hals des Kutschers vermutete, befand sich nichts.

Zum Entsetzen hatte Peter Styles keine Zeit.

Der tote Schädel drehte sich ungerührt nach ihm um und grinste. Deutlich waren die Zahnlücken zu erkennen.

»Was ist?«, flüsterte der Knochenmann. »Hat dich die Courage verlassen?«

Im Unterbewusstsein registrierte Peter Styles, dass die gespenstische Kutsche, die ihr Tempo nicht verlangsamt hatte, eben die Kette seiner Kumpel passierte.

Er hörte Rufe und Schüsse.

Sie hatten den Teufelswagen nicht aufhalten können.

Donald hatte recht, dachte der Mann neben dem Gespenst. Es ist keine Maskerade.

Wie zur Bestätigung reckte der Unheimliche seine Finger und steckte sie in die leeren Augenhöhlen.

So aus unmittelbarer Nähe konnte es auch keinen Zweifel darüber geben, dass die beiden ungestümen Pferde ebenfalls keine lebenden Tiere waren.

Auch sie bestanden nur aus kahlen Knochen, getrieben vom höllischen Feuer.

Peter Styles sah ein, dass er kein Gespenst zur Strecke bringen konnte. Da halfen weder Mut noch List, weder Schnelligkeit noch Ausdauer.

Selbst auf die Gefahr hin, bei der rasenden Fahrt den Hals zu brechen, wollte er von der Kutsche abspringen.

Aber das grausige Gefährt ließ sein Opfer nicht gehen.

Styles Füße klebten auf den schwarz lackierten Brettern. Sie rührten sich um keinen Zoll.

Der beinerne Kutscher zeigte kein Interesse an ihm. Schweigend hieb er auf die Pferde ein, die ihr ohnehin schon halsbrecherisches Tempo noch weiter forcierten.

Von der vorbeifliegenden Landschaft konnte Peter Styles keine Einzelheiten mehr unterscheiden. Alles war eine schwarzbraune Masse, breiig und modrig.

Befanden sie sich überhaupt noch auf dem vertrauten Waldboden?

Oder waren sie bereits tief in das Erdreich hinuntergaloppiert?

Fehlender Hufschlag deutete diese Möglichkeit an.

Peter Styles probierte, nachdem er noch zwei-, dreimal vergeblich den rettenden Sprung von der Karosse versucht hatte, ob er seine Arme noch bewegen konnte.

Ja, sie gehorchten ihm noch! Er besaß auch noch seine Waffen.

Wie stößt man einem Skelett ein Messer zwischen die Rippen?

Sein Versuch endete ohne eine Reaktion seines makabren Begleiters.

Obwohl er ahnte, dass er auch damit keinen Erfolg haben würde, schoss er dem Gerippe mit dem Revolver zweimal in den Schädel. Zuerst in den grinsenden Mund, dann zwischen die leeren Augenhöhlen. Den Rest der Trommel verfeuerte er auf die beiden Pferde.

Doch er hätte ebenso gut in die Luft schießen können.

In rasender Verzweiflung hieb Peter Styles mit dem Messer quer durch die Stoffbespannung der Kalesche. Jeder Schnitt schloss sich augenblicklich wieder. Es gelang ihm nicht einmal, einen Blick in das Innere des Fahrzeugs zu werfen.

Was hatte man mit ihm vor?

Sollte die Raserei bis in alle Ewigkeit dauern?

Die Antwort auf diese Frage erfolgte schneller, als ihm lieb war.

Eine eiskalte Faust griff nach seinem Hals. Sie drückte nicht zu, sie wollte ihn nur auf sein Ende vorbereiten.

Dann lief alles furchtbar schnell ab.

Die Faust des Skeletts hob ihn hoch und wirbelte ihn durch die Luft Wie ein Geschoss raste er dem Gefährt voraus und blieb schließlich irgendwo liegen, wo es betäubend nach Eukalyptus roch.

Der Duft begann, ihn wieder zu beleben. Doch schon trommelte das Verhängnis auf ihn zu.

Funkensprühend und laut wiehernd hatten die beiden Pferde ihn eingeholt.

Er versuchte, sich zur Seite zu rollen.

Doch es war zu spät. Zunächst galoppierten die harten Hufe über ihn hinweg.

Dann folgte die Kutsche, die mit ihren Rädern die Knochen brach.

Er sah noch mal das grinsende Gesicht des toten Kutschers und hörte seine höhnische Stimme: »Was ist? Hat dich die Courage verlassen?«

Dann wurde es still um ihn. Er nahm das plötzliche Begreifen, dass er den Verstorbenen, der ihn umgebracht hatte, kannte, mit hinüber in das ewige Schweigen.


*


Die letzten drei Meilen legte Hank Spicer im Laufschritt zurück. Ihm war alles andere als wohl in seiner Haut. Immer wieder wandte er seinen Kopf nach hinten, als befürchte er, verfolgt zu werden.

Hank Spicer war nur mittelgroß und kein Athlet. Der Schweiß rann ihm in Bächen über das Gesicht. Sein hellbraunes Hemd war klatschnass. Er schien sich vor etwas zu fürchten.

Die Gesichtsfarbe und die schmalen Hände verrieten, dass er ein Stadtmensch war, vielleicht sogar ein Stubenhocker. Er schleppte einen hellbraunen Leinwandkoffer von der Größe eines Kleinwagens, der über und über mit bunten Hotelplaketten beklebt war.

Reisen in alle Welt waren sein Hobby. Während des Winters ackerte er alle erreichbaren Prospekte durch. Bisher hatte er immer Glück mit seiner Wahl gehabt. Er suchte das Ungewöhnliche, Interessante. Er glaubte, auch diesmal das Richtige getroffen zu haben. Aber der Empfang versprach nichts Gutes.

Es hatte schon damit begonnen, dass er den richtigen Zug verpasst hatte. Daher war er am Bahnhof nicht erwartet worden. Er musste sein schweres Gepäck über holprige Pfade schleppen.

Brachten sie ihn ans Ziel?

Er zweifelte, nachdem er etwas Entsetzliches erlebt hatte ...

Wieder drehte er sich um. Er war allein im Wald. Außer dem Zwitschern der Vögel, die den strahlenden Morgen begrüßten, und dem leisen Rauschen in den Baumwipfeln waren keine Geräusche zu vernehmen.

Hank Spicer traute dieser Stille nicht. Er hatte Dinge gesehen, die ihn zweifeln ließen, dass er sich für das richtige Reiseziel entschieden hatte.

Als er aus dem Wald heraustrat, sah er es.

Ein märchenhafter See, mindestens eine Meile lang, inmitten einer romantischen Hügellandschaft. Von links ragte eine breite Landzunge in den See. Auf dem äußersten Ende erhob sich eine Burg mit wuchtigen Mauern, Wehrtürmen und winzigen Fenstern.

Ein kriegerischer Anblick in dieser friedlichen Landschaft. Westlake Castle stammte aus einer Zeit, in der sich die einzelnen Adelssippen unerbittlich befehdeten. Aus diesem Grund hatten es seine Erbauer mitten in den See gestellt, wo es nur über die Landzunge zugänglich war.

Die Familie hatte im Lauf der Jahrhunderte an der äußeren Gestalt kaum etwas verändert. Es bot noch den Reiz unverfälschter Ursprünglichkeit, der Hank Spicer zu einem vierwöchigen Ferienaufenthalt animiert hatte.

Eben hatte er seinen Entschluss bereut.

Jetzt war er wieder versöhnt und restlos begeistert. Dieses Fleckchen Erde war so schön, dass er den ungemütlichen Zwischenfall in Kauf nahm.

Schwitzend schleppte er den schweren Koffer bis zu dem Tor, das auf der Mitte der Landzunge den Zugang zur Burg versperrte. Bevor er den schmiedeeisernen Türklopfer betätigte, machte er ein Foto von dem wertvollen Stück. Es stellte einen Totenkopf dar: eine deutliche Warnung für jeden ungebetenen Besucher.

Der Totenschädel grinste Hank Spicer an, als wollte er sagen:

»Komm nur herein! Dieses Tor wirst du nur einmal durchschreiten.«

Der Mann schalt sich einen Narren. Er wusste, dass er durch das grausige Erlebnis empfindlich war. Das würde sich wieder geben. Er wollte seinen Urlaub genießen, und die herrliche Umgebung versprach einen vollen Erfolg.

»Was wollen Sie?«, schreckte ihn eine unwirsche Stimme aus seinen Gedanken. Sie kam aus der Luft über ihm.

Hank Spicers Blick wanderte nach oben.

In der wohl mannsdicken Mauer hatte sich ein winziges Fenster geöffnet. Ein bärtiger Alter schaute heraus. Von seinem Gesicht war kaum etwas zu erkennen.

»Wir kaufen nichts«, gab er zu verstehen und wollte das Fenster wieder schließen.

»He!«, unterbrach ihn Hank Spicer. »Ich werde erwartet. Machen Sie das Tor auf! Ich bin rechtschaffen müde und habe keine Lust, noch länger hier zu stehen.«

Der Alte schwenkte den Fensterflügel wieder zurück. Misstrauisch reckte er seinen Kopf weiter heraus.

»Sind Sie etwa der Gast, der gestern schon kommen sollte?«

Hank Spicer nickte eifrig.

»Ich habe den Zug verpasst. Tut mir leid.«

»Warten Sie!«

Er zog seinen Kopf zurück und schlug das Fenster so heftig zu, dass die Scheibe klirrte. Dann geschah einige Zeit nichts.

Es dauerte mindestens zwei Minuten, ehe ein kreischendes Geräusch hinter dem Tor anzeigte, dass ein schwerer Riegel zurückgeschoben wurde.

Endlich öffnete sich das Tor.

»Kommen Sie rein!«, befahl der Alte nicht viel freundlicher als vorher. »Sind Sie etwa die ganze Strecke zu Fuß gegangen?«

»Was hätte ich sonst tun sollen?«, wunderte sich Hank Spicer.

»Durch den Wald?«

»Gibt es denn einen anderen Weg?«

Der Alte brummte nur und gab keine Antwort.

»Ross kann Ihren Koffer tragen.«

Er winkte einen Halbwüchsigen heran, der neben dem Tor stand und Hank Spicer anstarrte.

Der Bursche stürzte heran, riss Spicer seinen Koffer aus der Hand und setzte sich so schnell in Richtung Burg in Bewegung, dass der erschöpfte Gast kaum folgen konnte.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908244
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
geister-fehde

Autor

Zurück

Titel: Die Geister-Fehde