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Die Höllen-Rallye: N.Y.D. - New York Detectives

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Höllen-Rallye: N.Y.D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath


Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.


G. G. Shrump, ein Auto-Freak, lässt sich auf eine Eine-Million-Dollar-Wette mit Jaques Lassier ein: Ein Autorennen über 6000 Kilometer quer durch die USA. Doch Lassier ist ein Gangster und weiß mit unlauteren Mitteln zu verhindern, dass sein Kontrahent die Wette gewinnt, z.B. indem er G.G.s Fahrer umbringen lässt. Da beauftragt Shrump seinen alten Kumpel Bount Reiniger, den berühmtesten Privatdetektiv New Yorks, bei der Rallye teilzunehmen und dafür zu sorgen, dass das Rennen nicht sabotiert wird. Doch hat Lassier bereits seine Killer auf sie angesetzt ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:

G. G. Shrump leidet unter seiner Liebe zu einem Kult-Auto und unter einer Ein Million-Dollar-Wette.

Roy Higgins leidet unter einer Männerfreundschaft und Gewissensbissen wegen einiger Pornofotos.

Hal Screwitt leidet an seiner Leidenschaft zu einer heiß geliebten Frau und weiß gar nichts davon.

Sam Baxter leidet darunter, dass sein Genie als Verbrecher ständig verkannt wird. Bis zum Genickschuss.

Jaques Lassier leidet überhaupt nicht. Nur an Selbstüberschätzung. Und sitzt damit einem fatalen Trugschluss auf.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.




Prolog

»Eine Ausrede! Ein Königreich für eine Ausrede!«

Bount Reiniger seufzte. Dieser G. G. Shrump schaffte es doch immer wieder! Seinen Schutzengel sollte Bount wieder mal spielen! »Was bildet sich dieser Fettkloß eigentlich ein?«

Bount Reiniger hatte versehentlich laut gedacht. June March lächelte geschmeidig.

»Dass du käuflich bist, werter Meister«, sagte sie. »Und dass du ihm schon zweimal aus der Patsche geholfen hast und dich fürstlich dafür bezahlen hast lassen. Und jetzt bietet er schon wieder eine fünfstellige Summe an.«

»Ja, ja. Dafür, dass ich meinen Schädel hinhalte.«

»Wofür hast du ihn denn sonst, deinen Schädel ...?«

»Ich glaube, deine Logik gefällt mir nicht«, sagte Reiniger. Seine Stimmung war düster.

Diesmal grinste die March nicht geschmeidig, sondern eher milde.

»Klar«, sagte sie. »Immerhin trittst du da für schnödes Geld ein Himmelfahrtskommando an.«

»Ein Höllenfahrtskommando«, verbesserte Bount Reiniger.


1

Höllenfahrtskommando!

Darunter machte es G. G. Shrump nun mal nicht. Dieser Mann war gut für jede Überraschung. Vor allem für die schlechten.

»G. G. SHRUMP FREIGHTLINING CORPORATION« stand breit und wuchtig über einer nahezu gigantischen Einfahrt zu lesen. Bount hatte die Bitte seines »alten Freundes G. G.« befolgt und seinen champagnerfarbenen Mercedes 500 SL samt seinen hochtourig laufenden sechs Zylindern ein paar Grundstücke vorher stehen lassen. G. G. hatte am Telefon sehr geheimnisvoll getan. Aber von unaufgeklärten Geheimnissen lebte ein Private Eye letzten Endes.

Zudem hatte das in Aussicht gestellte Honorar Bount zwar nicht gerade zum begeisterten Fußgänger, so aber doch zum Fußgänger werden lassen. 15000 Dollar plus Spesen standen im Feuer. Doch noch mehr reizte ihn eigentlich G. G. Shrumps aufgeregtes Getue, und er war darauf gespannt, wie der Mann wohl heute aussah.

Er hatte ihn noch als irgendwie rosiges, kugelrundes Etwas in Erinnerung. Bount Reiniger war nie den Eindruck losgeworden, als sei G. G. direkt aus dem Kinderwagen in seinen ersten Anzug als Erwachsener umgestiegen. Weich und zart die Züge. Ständig fühlte man sich versucht, ihm eine Flasche Milch zu reichen.

Dieses Gefühl gab sich allerdings, wenn einen G. G. Shrump zum dritten Mal hintereinander gnadenlos unter den Tisch gesoffen hatte.

Bount betrat den riesigen Frachthof.

Da stand fast alles herum, was ein Truckerherz höher schlagen ließ: ein GMC General mit mal eben 150 PS unter der Haube und einem ähnlich großen Durst wie sein Besitzer, ein IVECO Fiat V8 Turbo mit bescheidenen 380 Pferdestärken, die als Zusammenrottung europäischer Wertarbeit jedoch jeden GMC locker abhängten.

Noch einige mehr dieser aufgezäumten Haflingerschlachtrösser der wirtschaftlichen Neuzeit standen herum. Sogar ein abgehalfteter M.A.N. Diesel mit einer verblichenen Aufschrift, neben einem Conventional FLG 12 064, der vor allem durch seine Hässlichkeit faszinierte.

Denn dieser Schlepper fuhr schon mit komplett eingedetschter Schnauze aus der Werkshalle, und die Gestaltung des Kühlergrills vertiefte noch den Eindruck, die Herren in Detroit hätten an seiner Stelle eigentlich einen beleidigten Boxerhund bauen wollen.

In derartige Betrachtungen versunken, schlenderte Bount auf eine Fertigteilbaracke mit hochgezogenen Rollo-Toren zu. Darin stand eine weitere Zugmaschine, und es roch hier auch nach allem, wonach so ein Ort normalerweise zu stinken hatte: Schmieröl, Benzin, Metallstaub. Nur die Beimischung von Männerschweiß vermisste er. Dafür ragten unter dem Truck zwei Beine hervor. Ab und zu schepperte ein reparaturgemäßes Geräusch, aber eben nicht sehr häufig. Die Beine erschienen Bount wie Kinderbeine. Sie passten immer noch besser in ein Strampelhöschen als in einen geschäftigen Blaumann.

»Sehr dringend scheinst du mich nicht erwartet zu haben, Gary Gwendolyn Shrump.«

Gerade waren Bount die beiden Vornamen wieder eingefallen. Jenes »Gwendolyn« hasste der Bekannte aus früheren Tagen aus verständlichen Gründen ganz besonders.

Die bislang nur behäbige Geräuschkulisse erfuhr eine Bereicherung, als etwas vehement gegen Blechernes stieß und gleich darauf ein gequetschtes »Autsch« ertönte.

»Hast du dir etwa den Kopf angestoßen, Amigo?«

Es geriet Bewegung in die stillen Stummelbeine. Ein Keuchen wurde laut, und kleine Aluminiumrollen quietschten unter einem beachtlichen Gewicht. G. G. Shrump glitt unter dem Schlepper hervor. Zwischen der Schmiere auf der Stirn prangte ein knallroter Fleck. Der Markstein des Anstoßes sozusagen, aus dem bestimmt bald eine üppige Beule sprießen würde.

»Bist du's wirklich, Bount?«

»Hab’ ich mich denn so verändert?« Reiniger streckte die Hand aus und half G. G. hoch.

Der Mann hatte seit ihrem letzten Beisammensein kaum zugenommen. Er wog nach wie vor seine satten zweieinhalb Zentner. Nur seine früheren Geheimratsecken weiteten sich jetzt zu einer Lichtung aus, auf der ganze Geschwader von Toupets ohne jedes Hemmnis starten oder landen konnten, ganz nach Belieben.

Zurzeit allerdings hielt sich nur ein dicker Öltropfen dort auf. Shrump wischte vage mit dem Ärmel drüber und verteilte ihn gerecht über die komplette Glatze.

»Nein. Du hast dich nicht verändert«, antwortete G. G. mit einem dünnen Grinsen, das seine offensichtliche Verlegenheit gar nicht verbergen wollte. »Aber ich!«

»Deinem Geschäft hat das nicht geschadet«, lenkte Reiniger diplomatisch ein und wies mit dem Kinn nach draußen. »Gehört das alles dir?«

Ein Anflug von Stolz huschte kurz über Shrumps glattes, rundes Gesicht. »Ich kann davon leben«, sagte er.

Dann schwieg er wieder. Am Telefon war er gesprächiger und vor allem aufgeregter gewesen.

Nur wollte Bount nicht sofort mit der Tür ins Haus fallen, nach so langen Jahren. Er würde schon noch erfahren, warum ein Bursche, der an der Highschool zwei Semester Wirtschaftslehre mit ihm abgesessen hatte, ihn so dringend herüber in dieses grässliche Hoboken bat. Und die Ankündigung von 15000 Bucks Honorar war Bount auch nicht geheuer. Denn Gary Gwendolyn Shrump war schon damals für seine Sparsamkeit berüchtigt gewesen.

Um nicht gar dem krassen Geiz das Wort zu reden.

Der Dicke führte Bount in einen abgegrenzten Glaskäfig, in dem sich die übliche Bürotechnik türmte, und von dort aus weiter in den nächsten Raum, der zwar auch nicht aufgeräumter, so aber doch privater aussah.

Es war seit Langem nicht mehr gelüftet worden. Whiskydunst durchwölkte das Zimmer. Das und eine fast leere Flasche auf dem Beistelltisch vor einer altersschwachen Couch erklärten auch G. G. Shrumps gegenwärtige Ruhe. Man hatte es ihm noch nie angemerkt, auch in seinen Zeiten als hoffnungsvoller Studiosus nicht, wenn er voll bis zum Zäpfchen war.

»Setz dich doch«, forderte der Spediteur seinen Besucher auf. »Du trinkst immer noch Scotch?«

»Richtig. Aber nicht aus Fässern.«

G. G. Shrump grinste buddhalike.

»Aber ich bin stockbesoffen«, erklärte er in aller Selbstverständlichkeit und ließ sich auf das Kanapee plumpsen, worauf für Bount nur mehr ein Hocker übrig blieb. Das gute Stück stammte vermutlich ebenfalls vom Sperrmüll.

Darauf ließ sich schlecht was sagen, und Shrump erwartete wohl auch keine Antwort. Stattdessen fuhr er fort: »Außerdem war ich noch nie ein Freund davon, um den heißen Brei herumzureden. Natürlich habe ich dich nicht hierhergelockt, damit wir über alte Zeiten quatschen. Das können wir später immer noch. - Okay?«

Danach beugte sich der Gastgeber zur Seite und langte außer Bounts Sichtbereich auf den Boden. Seine Hand kehrte mit zwei verschiedenen Flaschen zurück. Eine davon ein garantiert zwölfjähriger DIMPLE. Die zweite ein Kentucky Rye. Zumindest heute schien er nicht geizig zu sein.

»Ein sauberes Glas findest du drüben im Schrank«, sagte er, während eisernen Bourbon aufschraubte. »Für mich brauchst du keins zu bringen. Gläser sind mich nicht gewöhnt.«

Er setzte die Bottle an, es gluckerte infernalisch, und dann ließ er ein artiges Rülpserchen ertönen.

Die Geschichte, die er Bount Reiniger während der nächsten zwei Stunden erzählte, hatte ein paar ziemlich grauenhafte Komponenten.

Und das ging so …



2

»Meinen Fahrer hat er umgebracht, dieser Bastard!«, begann G. G. Shrump mit einem Abdruck dosierten Entsetzens in seinem Gesicht.

Und auch der Missbilligung. Sonst wäre er nicht jener G. G. Shrump gewesen, den Bount Reiniger kannte.

Der Tote tat ihm augenscheinlich nicht wirklich leid. Sein Tod hatte nur Shrumps Pläne gestört, und nun fühlte er sich von einem widrigen Schicksal beleidigt. Bount hatte G. G. Shrump schon damals nicht recht ausstehen können. Während ihrer ganzen lausigen gemeinsamen Studentenzeit nicht. Aber der Mann hatte ein schlimmes Problem, und Bount Reiniger war zuständig für schlimme Probleme.

»Ja?«

»Gekillt«, sagte G. G. Shrump. »Gordon Haling, einfach gekillt. Er war der beste Fahrer, den ich haben konnte. Einfach gekillt! Einfach so!«

Die obligate Geste des Halsabschneidens musste praktisch folgen, doch Reiniger wollte es genauer wissen. G. G. hatte so viel Fantasie wie ein Ziegelstein. Und die folgenden paar Minuten verstrichen darüber, dass Bount sich vergegenwärtigte, wie dieser Mord passiert war.

Er hatte schon angenehmere Storys gehört. Doch im Gegensatz zu G. G. Shrumps Vorstellungskraft funktionierte die seine tadellos. Fast war es so, als wäre er dabei gewesen. Trotz Shrumps rationalem Funktionalismus, mit dem er ihm diese haarsträubende Geschichte auftischte.

»Ein übler Weiberheld war er auch, dieser Gordon Haling«, begann der erfolgreiche Spediteur und Besitzer eines Rennstalls der besonderen, höchst außergewöhnlichen Sorte. »Aber diese Art von Tod hat er wohl doch nicht ganz verdient.«

»Was meinst du damit?«

»Später, mein Junge. - Stell dir vor, es ist Nacht, und du bist supergeil.«

»Aha«, sagte Reiniger, leicht pikiert. »Das mit der Nacht leuchtet mir ein.«



3

Gordon Haling, 28 Jahre jung.

Gewesen.

Seit gestern lag er in der Morgue, der Leichenhalle des riesigen Bellevue Hospital am East River. Kein Krankenhaus, sondern mehr eine Krankenhausstadt. Und wie alle seine »Kollegen« lag er natürlich nicht freiwillig in seinem engen, unbequemen Kühlfach, wobei ihn die Unbequemlichkeit allerdings nicht mehr im Geringsten störte.

Den Pathologen hatte er ein paar Rätsel aufgegeben, aber nicht sehr viele. Denn die Todesursache stand nach einer Weile maßloser Verblüffung felsenfest: äußeres Verbluten.

Bounts Fantasie musste verarbeiten, was sein Verstand nicht wahrhaben wollte. Auch für ihn gab es Situationen, in denen er ganz schlicht und einfach überfordert war.

Aber da gab es einmal diesen Gordon Haling, 28 Jahre jung und mittlerweile mausetot. Und da gab es einen G. G. Shrump, Fuhrunternehmer und x-fachen Millionär, der es sich als Hobby leistete, Tourenwagenrennen mit auserwählten Tourenwagen zu beschicken.

Daytona Beach.

Indianapolis.

Das 24-Stunden-Rennen von Cincinnati. Er war die letzten Jahre überall dabei gewesen.

Und Reiniger hatte die Augen geschlossen. Shrumps Bericht plätscherte wie Jauche auf ihn ein. Und Bilder stiegen vor Bounts geschlossenen Augen auf. Schlimme Bilder. Nicht einmal G. G. konnte so furchtbar sein.

Mondnacht über Manhattan.

Es gab Postkarten mit dem sattgelben Vollmond über der Skyline von Manhattan an jedem Kiosk zu kaufen. Doch diese Mondnacht war auch eine Mordnacht. Eigentlich auch ganz natürlich. Die Statistik New Yorks verweist auf 2,24 gewaltsam Verblichene pro Tag, Unfalltote nicht mitgerechnet.

Gordon Haling war auf der 42. Straße West südlich des Central Park unterwegs gewesen. Auf dem Kinderstrich von Midtown Manhattan, was auch nicht gerade für ihn sprach. So zumindest hatten die Cops später Halings letzten Abend rekonstruiert; sein auffälliger Wagen war gesehen worden. Ein schneeweißer Dodge Challenger vom Baujahr 72. Fast schon ein Kult-Auto in den Staaten ähnlich wie der 72er Cadillac Fleetwood, der mit den Stummelflügeln auf dem Wagenheck. Gordon Haling fuhr langsam.

Die Neonreklamen zuckten rund um die Uhr, Mädchen in Superminis, kaum breiter als ein Gürtel, boten ihren Körper feil, Junkies auf Turkey hielten Ausschau nach dem nächsten Dealer. Und die gesamte Szenerie wurde von meist schwarzen Zuhältern überwacht. Einer von ihnen sollte später ein wichtiger Zeuge sein. Dave Grumbler hieß er, und er schwärmte ebenfalls für Dodge Challengers.

»Am Ostende des Times Square, an der Kreuzung 42ste/Broadway, stieg eine junge Farbige zu. Sie war mir sofort aufgefallen, weil ich sie nicht kannte und sie offenbar neu war im Revier. Die Anmache dauerte keine zehn Sekunden, und auch das war schlecht. Die Newcomer unter den Gören verderben das Geschäft mit Dumpingpreisen.«

Bount konnte sich den weiteren Ablauf selbst vorstellen. Das Schema änderte sich nie. Nur Halings Ende und die Umstände, die dazu führten, waren einigermaßen grauenvoll. So grauenvoll, dass nicht einmal die Boulevardzeitungen im Klartext darüber berichtet hatten.

»Die Leiche wurde erst am frühen Morgen aufgefunden«, sagte G. G. Shrump. »Auf dem Parkplatz des Metropoliten Museum of Art an der Transverse Road Nummer drei. Keine Spur mehr von dem Mädchen, wenn’s überhaupt ein Mädchen war. Unsere Transvestiten werden von Jahr zu Jahr perfekter.«

»Was, zum Teufel, schrieben nun die Zeitungen?«

Reiniger spürte ein Würgen in der Kehle.

G. G. Shrump hatte seine Flasche Bourbon bereits halb geleert. Die eigene Story nahm ihn offenbar mit, und Bount Reiniger las die einschlägigen Revolverblätter nicht, wenn es sich irgendwie vermeiden ließ.

»Haling wurde kastriert«, sagte G. G. Shrump. »Angeblich im Liebesrausch. Aber ich glaub kein Wort von diesem Schmäh. Für mich war das Mord. Vielleicht eine etwas ausgefallene und liebevoll auf Haling zugeschnittene Methode. Aber Mord war’s doch.«



4

»Du musst verrückt geworden sein. Total verrückt!«

June March stellte das mit Kennermiene fest, den Blick aus ihren kornblumenblauen Minnesota-Augen wie ein Messer auf Bount geheftet. »Diesen Jaques Lassier kennen wir schließlich auch.«

Bount seufzte.

Seine Vorzimmerdame und Detektiv-Volontärin hatte ja so recht. Jaques Lassier galt in New York als Brechmittel der oberen Ultra-Super-Klasse.

Er besaß mehrere Nachtklubs und Pornoschuppen am Upper Broadway und auch in SoHo, im South-of-Houston-Viertel, dort wo es am verkommensten ist. Und überall verkaufte er neben Sex auch Drogen. In der Hauptsache das modische Kokain. Das Geschäft schien seinen Mann prima zu ernähren, sofern der nur skrupellos genug war, doch in dieser Hinsicht brauchte Jaques Lassier nichts zu befürchten. Er hätte kaltlächelnd auch die eigene Mutter auf den Strich geschickt, hatte das vielleicht sogar getan, aber sie lebte schon lange nicht mehr. Kenner der Szene schätzten, dass dafür um die fünfzig Minderjährige beiderlei Geschlechts für ihn anschafften. Eine Vorstrafenliste existierte nicht. Jaques Lassier war stolz auf seine blütenweiße Weste.

»Und mit diesem Schmuckstück hatte sich G. G. Shrump jetzt also eingelassen?«

Bount nickte. Er machte sich Sorgen.

»Und wie!«, antwortete er. »Du ahnst ja gar nicht, wie tief. Du kennst bisher ja noch nicht einmal den Anfang richtig. Nur dass Shrump überhaupt Schwierigkeiten von Lassier erwartet.«

June zwickte die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen. Auf ihrer Stirn tauchte eine steile, V-förmige Falte auf, wie immer, wenn ihr etwas nicht passte oder sie intensiv nachdachte oder auch nur ratlos war. Vermutlich traf in diesem Moment alles zusammen, denn wirklich bedrückt erlebte sie ihren Chef nur selten.

Doch heute war zweifellos so ein Tag, und schon tat ihr auch die Koketterie wieder leid, mit der sie ihn eben empfangen hatte. Dabei wusste sie bislang tatsächlich nur, dass der Großspediteur G. G. Shrump Bount gegen eben diesen Jaques Lassier engagieren wollte. Und dass Reiniger inzwischen zugesagt hatte.

Sie erhob sich hinter ihrem Schreibtisch und strich den Rock nach unten. Auch so ein hoffnungsloses Unterfangen, weil die blonde Augenweide den Unsinn mit der Midi- und Maximode nie mitgemacht hatte. Wäre auch verdammt schade gewesen bei ihren makellosen Beinen, und es sprach für Reinigers Verwirrung, dass er sie nicht anstarrte, wie er das sonst so gern und ausgiebig tat. Er stierte vielmehr durch das Fenster in einen tristen Nachmittag hinaus. Im Radio hatten sie Regen gemeldet, doch das einzige, was gekommen war, waren graue Wolken, die sich nun mit dem Smog vermählten.

»Kaffee?«, fragte sie mit kleiner Kinderstimme. Jetzt hatte sie ein schlechtes Gewissen. »Oder soll es was Stärkeres sein?«

Bount schüttelte den Kopf.

»Kaffee, bitte. Ich fürchte, ich muss erst wieder richtig zu mir kommen. Mir ist, als hätte ich eins mit dem Hammer auf den Scheitel gekriegt.«

»Sprich dich doch bei deiner lieben June aus «, sagte sie, teils aus mütterlichem Mitleid heraus, aber noch mehr, um ihre Neugier, die sie für eine Tugend hielt, zu befriedigen.

Bount kannte das. Er hatte ohnehin kaum Geheimnisse vor der March. Zudem paarten sich bei ihr ein analytischer Verstand mit weiblicher Intuition; eine interessante Mischung, die ihm bei der Lösung eines Falls schon oft genug weitergeholfen hatte.

Aber hier würde ihm dieses Talent wohl nur wenig helfen. Weil man jemanden, der einem einen geladenen Revolver unter die Nase hielt, schlecht mit einem Geistesblitz entwaffnen konnte. Und Jaques Lassier war so einer. Ein Revolver-Mann. Und dass er sich noch nie hatte erwischen lassen, machte die Sache auch nicht leichter.

Das Wasser blubberte aus dem Automaten. Bount nahm auf dem zweiten Stuhl in Junes Vorzimmer Platz, schüttelte eine Zigarette aus der Packung und steckte sie gedankenverloren an, während die March zwei Tassen auf einem Tablett zurechtrückte.

»Eine Million Dollar!«, stöhnte Bount.

Und die March stand plötzlich wie erstarrt. Doch Bount bemerkte gar nicht, wie sich ihr Rücken straffte und das Kreuz hohl wurde. Bei ihr hielten sich ein gesunder Erwerbssinn mit ebenso gesunder Sinnlichkeit ungefähr die Waage. Wenn sie etwas von Geld hörte, horchte sie auf.

»Eine Million Dollar? Wovon sprichst du, um Himmels willen?«

Sie wandte sich ihm zu. Langsam. Die Kaffeetassen waren vergessen.

»Von G. G.s hirnrissiger Wette«, sagte Bount. »Er hat mit Lassier um eine Million Dollar gewettet.«

Es klirrte auf dem Fußboden. June hatte einen Kaffeelöffel fallen lassen.



5

Sie wechselten dann doch in Reinigers »Allerheiligstes«, in sein eigenes Büro, hinüber, denn dort war’s bequemer, und auch Brandy und Whisky gab es da, um den Kaffee zu verdünnen. June hatte ihn wieder mal viel zu stark gebraut.

»Das ist wirklich kein Witz?«, fragte sie, und Bount seufzte.

»Ein Einmillion-Dollar-Witz? Du weißt, dass bei mir bei solchen Summen der Spaß aufhört.«

June hatte sich ebenfalls gesetzt. Zu ihrem gelben Rock trug sie ein apartes grünes Höschen. Allmählich taute Reiniger wieder auf und begann den Schock zu überwinden, den er von Hoboken mit herübergebracht hatte. G. G. Shrump war erst ganz am Schluss ihrer Unterredung mit seinem »Knüller« herausgerückt.

»Es stimmt schon«, bestätigte Bount nochmals. »G. G. ist ein verrücktes Huhn. Und Kohle hat er auch. Dabei wohnt er immer noch im selben Appartement wie zu seiner Zeit an der Columbus University. Nur dass ihm inzwischen das ganze Haus gehört. Keine feste Frau, keine Kinder, nur die Flasche. Doch ich würde es nie wagen, ihn als Säufer zu bezeichnen. Er hat seine Firma aus dem Nichts gestampft, und jedes Jahr wird sie noch größer. Jedes Jahr kauft er einen neuen Schlepper dazu. Manchmal frage ich mich, ob ich nicht den falschen Beruf gewählt habe.«

June ging nicht darauf ein. Bount sagte das öfter. Aber nur, wenn er sich mies fühlte und Weltschmerz um sich verbreiten wollte. Damit seine Umgebung auch was davon hatte.

»Was ist mit dieser Wette?«

»Nun, um mit den Rockefellers und Rothschilds zu sprechen - er möchte sie sich leisten können. Er leistet sich ja auch seit rund fünf Jahren ein eigenes Racing-Team. Und selbst damit macht er offenbar noch Gewinn.«

Bount schilderte, dass der Freightliner G. G. Shrump einen ganzen Stall voller 72er Dodge Challengers sein Eigen nannte, die freilich mit den früheren Werksmodellen bis auf die Karosserie, die heiß geliebte, bullige, kaum mehr etwas gemein hatten. Es waren bis zum Gehtnichtmehr aufgetunte schneeweiße Rennmaschinen, betreut und frisiert von einem ältlichen Chefmechaniker namens Hal Screwitt, einem Mann mit goldenem Schraubenschlüssel, ein begnadeter Techniker, ein Virtuose auf allen Zylindern und Vergasern.

Und wie es der Teufel wollte, pflegte auch Jaques Lassier dieses Hobby, nur dass er dabei auf fabrikneue, knallrote Ferraris setzte.«

»Auch nicht gerade ein Steckenpferd für Sozialhilfeempfänger«, unterbrach die March.

»Du sagst es überdeutlich, meine Liebe. Und auch Lassier hat mit seinen Kisten Erfolg. Sie fahren hin und wieder Siegprämien ein. Die Beute ist immer dann besonders üppig, wenn Fahrern von der Konkurrenz einen Tag vor dem Rennen seltsame Unfälle zustoßen. Mal brechen sie sich ein Bein, mal die Nase, oder sie versumpfen gleich mit einem heißen Gerät, das man nicht mit einem Tauchsieder verwechseln sollte.«

»Ebenfalls aus Lassiers Stall?«

»Anzunehmen. Nur natürlich aus der anderen Abteilung.«

»Und wie passen nun Lassier und Shrump zusammen? Gab es schon mal Reibereien zwischen den beiden?«

»Darüber schwieg G. G.s Höflichkeit. Aber ich glaubte ihm nicht einmal sein Schweigen. Jedenfalls ist bis vor Kurzem noch nichts Ernsteres vorgefallen, wie es scheint. Grün waren sie sich natürlich nie. Zwischen beiden liegen ganze Welten.«

»Und diese total verrückte Wette? Wie kam es dazu?«

»Wie wohl«, knurrte Bount. »G. G. ist nicht verheiratet. Vermutlich stellt er sich vor, dass eine Ehefrau nur ein Verlustposten in seinen Bilanzen sein könne und zog daraus die Konsequenzen. Was ihn natürlich nicht vor einigen biologischen Notwendigkeiten befreite. Und Lassier hat ihn vor zwei Wochen beim Rennen von Minneapolis in sein Hauptquartier, da s SinIn, droben bei den Douglas Houses, eingeladen. Beim Grand Prix der Tourenwagen. Und da habe ihn der Hafer gestochen, sagt G. G., und er sei der Einladung gefolgt. Der Rest war dann wieder großes Schweigen.«

»Ein sehr beredtes, hm?«

»Wenn du so willst, ja. Jedenfalls kam es in jener Nacht unter anderem auch zu dieser grandiosen Wette. G. G. schwört auf seine Dodge Challengers. Ein Dodge Challenger war das erste Auto, das er sich leistete. Ein Gebrauchter damals. Ich glaube, er schlief sogar ein paar Wochen darin. Trotz bezahlter Appartementmiete.«

»Seine erste große Liebe, also.«

»Und seine einzige. So lächerlich kommt mir jetzt der ganze Ablauf gar nicht mehr vor. G. G. Shrump ist ein Freak. Auf seine Art.«

»Und ein armer Hund. Ich glaube, ich verstehe jetzt, warum du seinen Auftrag angenommen hast. So unsympathisch, wie du tust, ist dir der Bursche gar nicht. - Denn ihr habt eine unübersehbare Gemeinsamkeit.«

»Hä?«

»Euere Abneigung gegen Eheringe!«

Da war Bount schon versucht, diese Unterhaltung schleunigst abzubrechen, aber es war leider noch nicht Feierabend. Andererseits ging von June in dieser Hinsicht keine »echte« Gefahr aus, denn sie neigte, wie Reiniger auch, zur aufgeklärten Promiskuität. So konnte er ihr auch noch den Rest der Geschichte auseinanderklabüstern.

»Er hat seit ein paar Nächten keinen Fahrer mehr.«

June nippte gerade an ihrem Drink und verschluckte sich prompt.

»Willst du das auch noch übernehmen?«

»Aber nein. Ich bin doch kein Selbstmörder und auch kein Trottel, der gern im Kreis rumfahrt, wie Nicky Lauda mal sagte, oder wenigstens so ähnlich. - Nein, nein. G. G. hat einen Ersatzmann fürs Steuer. Roy Higgins. Sagt dir der Name etwas?«

Reinigers Frage kam nicht von ungefähr. Er beschäftigte die March schließlich nicht nur, damit sie seine gesalzenen Rechnungen schrieb. Sie sollte ja auch was mitbekommen von seinem Job. Lehrgeld kostete sie genug. Aber sie war belesen in Sportteilen, Klatschspalten und Forbes’ Financial Magazin. Und ihre Belesenheit in puncto Sport und Klatsch fragte er jetzt ab.

Die March reagierte wie ein Computer. Nur viel ansehnlicher. Weil Computer nicht so volle Lippen und keinen so beweglichen Busen hatten, der sich bei der March immer heftig wichtig machte, wenn sie etwas aufregte.

»Roy Higgins?«, sprudelte der Mund. »Der wirkliche und wahrhaftige Roy Higgins?«

»Ja.«

»Stell dir Burt Reynolds in seinen Banditfilmen als deinen Großvater vor, und du hast ein Bild von ihm.«

»Muss das sein?«

»Du kassierst von Shrump 15000 Dollar, nicht ich!«

Was immer sie meinte damit, recht hatte sie.

»Okay, okay. Burt Reynolds ist mein Großvater, und ich muss alle neun Monate damit rechnen, einen Onkel zu bekommen, der ein knappes halbes Jahrhundert jünger ist als ich. Bist du jetzt zufrieden?«

»Immerhin hast du mich verstanden«, behauptete ihre gnadenlose Logik. »Roy Higgins ist dem ganz großen Erfolg immer nur hinterhergefahren. Er belegte zweite und dritte Plätze jede Menge, einen Ausflug in den Formel-I-Zirkus hat es auch mal gegeben, soviel ich weiß, aber den elementaren Durchbruch hat er eben nie geschafft. Bei dieser Gelegenheit fällt mir ein« - die March rümpfte gar zierlich das Näschen - »ein Mechaniker Hal Screwitt heiratete jene Frau, die Higgins angeblich abgöttisch liebte. Das muss in der Zeit gewesen sein, als Higgins für McLaren fuhr, dieses eine Jahr, und ständig auf sämtlichen Kontinenten herumtollte, nur nicht hier in den Staaten. Aber ihrer Freundschaft scheint das keinen Abbruch getan zu haben. Vielleicht denkt auch Higgins auf denselben rostigen Geleisen wie ein G. G. Shrump oder ein gewisser Privatdetektiv aus New York, dessen Namen mir gerade entfallen ist.«

Bount winkte gelangweilt ab.

»Geschenkt«, sägte er. »Das reicht. Ich werde den Mann morgen selbst kennenlernen.«

»Was? Morgen schon?«

»Ja, morgen. G. G. und Lassier haben schließlich nicht gewettet, wer von ihnen beiden besser im Dauernasenbohren ist.«

»Wie witzig! Ist doch klar. Um ein Rennen geht es. Um ein total privates. Dein Jugendfreund erwähnte das doch schon am Telefon.«

Reiniger nickte. Sie hatte wieder mal gelauscht. Auch eine jener Eigenheiten, die er ihr großzügig nachsah, weil manchmal auch Konstruktives dabei herauskam. Wie gute Ideen zum Beispiel.

Auch jetzt sah er sie fragend an, doch das bemerkte sie nicht, weil sie sich gerade ihren zweiten Martini zurechtrührte. Und er schenkte sich nun gegen seinen Vorsatz doch einen Whisky ein.

Der Kaffee wurde währenddessen kalt. Wahrscheinlich hassten die beiden künstlich herbeigeführte Herzinfarkte gleichermaßen.

»Mister Shrump hat also einen neuen alten Fahrer für dieses Unternehmen«, sagte sie. »Ist denn sein bisheriger abgesprungen?«

»Für immer«, bestätigte Bount. »Er wurde kürzlich im Central Park künstlich verblutet. Nur weigere ich mich im Zusammenhang mit diesem Mord strikt, zu behaupten, dieser Mord habe Jaques Lassiers Handschrift getragen.«

Die March runzelte die Stirn.

»Warum betonst du das so seltsam?«

Bount Reiniger erklärte es ihr.



6

»Also doch ein Höllenfahrtskommando«, hatte die March an jenem Freitagabend nach der freiwilligen Aufhebung eines momentanen Schockzustands noch gesagt, und inzwischen war es Samstagmorgen.

Die Regenwolken hatten sich entgegen der Meteorologenmeinung entschlossen, nicht New York, sondern den Atlantik etwas sauberer zu machen, denn dort erst entleerten sie sich. Über Manhattan dagegen schien eine angenehme Herbstsonne, als Bount Reiniger aus dem Bett stieg. Er hatte sich etwas mehr Schlaf als normal gegönnt.

Denn ab heute ging es rund, das ahnte er.

Er packte nur wenige Sachen ein, denn viel würde er nicht brauchen. Und seine »guten Sachen« wie Hemden von Lacoste oder Jacketts von Boss zu Hosen von Armani durfte er ohnehin vergessen. Hilfsmechaniker und männliche »Mädchen für alles « in einem Renn-Team trugen solches Zeugs nun mal nicht.

Bount atmete richtig auf, als er in seine alten, ausgewaschenen Levis schlüpfte, in ein Hemd von Woolworth und in eine abgewetzte Lederjacke mit einem Schlitz im linken Ärmel.

Sehnsuchtsvolle Erinnerungen an einen früheren Messerstich kamen wieder. Auch die Gangster hatten offenbar von David Spielberg und Sam Peckinpah gelernt. Unter Bazookas machten sie’s heute nicht mehr.

Bount Reiniger nahm ein Taxi hinüber nach Hoboken, weil es sich für Hilfsmechaniker auch nicht schickte, mit champagnerfarben lackierten 326 PS vorzufahren. Selbst dann nicht, wenn sie vom Innenleben eines Motors nur eine sehr bescheidene Ahnung hatten und schon allein deshalb ein zuverlässiges Auto brauchten.

Hal Screwitt würde vermutlich seine helle Freude an ihm haben.

Reiniger machte es sich auf seiner Rückbank bequem. Neben ihm lugte vorwitzig eine Stahlfeder aus dem Polster. Den Fahrer, einen Farbigen mittleren Alters mit Schiebermütze auf dem weiß werdenden Kraushaar, hatte er nach einem ausgiebigen Frühstück und einem kurzen Fußmarsch am Columbus Circle aufgegabelt und Glück gehabt, denn der war ebenfalls nicht zum Schwatzen aufgelegt.

So konnte Bount ungestört seinen Gedanken nachhängen und dabei die erste Zigarette des Tages rauchen. Es war jene, die trotz gelegentlicher Hustenanfälle und belegtem Räuspern immer am besten schmeckte.

Und während sie auf dem West Side Express Highway an Greenwich Village und der endlosen Reihe der Piers entlang gemütlich zum Holland Tunnel hinuntergondelten, ging Reiniger noch mal ein paar Einzelheiten durch. In der Nacht hatte er davon geträumt, und von sattem Motorengebrumm und Benzingestank war er sogar aufgewacht. Aber dann war’s doch nur der Summer vom Weckradio gewesen und der Geruch des Schlummerwhiskys vom Nachttisch, den auszutrinken er vergessen hatte.

Es war schon ein starkes Stück, das die beiden Kontrahenten sich da ausgedacht hatten.

Das Wettrennen sollte in drei Etappen verlaufen, die erste davon von North Bergen am Stadtrand von Groß New York über Columbus bis nach Quincy, wo sie den Mississippi überqueren würden.

Dann ging es weiter über Kansas City und Topeka nach Denver, Colorado, und von dort schließlich nach via Salt Lake City und Reno bis zum Lake Tahoe.

Endstation.

Bount hatte gefragt: »Warum nicht gleich auch noch durch Kalifornien nach San Francisco? Wäre nicht auch die Golden Gate Bridge ein hübsches Reiseziel?«

Doch da hatte G. G. Shrump, der Menschen, Bourbon und leider gelegentlich auch Freund der falschen Mädchen, bedächtig das runde, kahle Haupt mit dem Ölfleck drauf geschüttelt:

»Lassier wollte das anfangs tatsächlich. Zum Glück konnte ich’s ihm aus reden. Zu viel Verkehr im Sunshine State. Wenn unsere Fahrer sich umbringen, ist das deren Sache. Sie werden schließlich fürstlich von uns bezahlt. Aber Unschuldige gefährden ...?«

So war er eben, der gute G. G. Ein Mann mit einem Herz aus purem Gold und einem adäquaten Kontostand.

Die jeweiligen Routen zu den jeweiligen Tageszielen hatten sie von einem vereidigten Fachmann eines Kartographischen Instituts ausarbeiten lassen, denn beide Fahrer starteten jeweils gemeinsam, rasten getrennt auf zwei verschiedenen, jedoch gleichlangen Strecken mit vergleichbaren Straßenverhältnissen, um sich dann am Tagesziel wieder zu treffen. Da sich ein paar Ungerechtigkeiten trotzdem nicht vermeiden ließen, fiel vor jedem Start ein Losentscheid.

Shrumps Kommentar dazu:

»Neben Lassier werden auch die Smokeys, die Verkehrspolizisten, unsere Feinde sein. Die mögen Veranstaltungen dieser Art überhaupt nicht. Sind eben keine sportlichen Typen, diese Raben; und haben keinen Sinn für Humor. Die beiden verschiedenen Strecken mit fast gleich schnellen Rasern werden da für etwas Verwirrung sorgen, hoffe ich.«

Nur auf der letzten Etappe, der von Denver zum Lake Tahoe, war das nicht möglich. Denn da gab es erst einmal die Rocky Mountains zu überqueren und dahinter die Wüsten von Utah und Nevada im Schnellverfahren zu bezwingen. Und weder die Rockys noch die Wüsten glänzten mit einer besonders großen Auswahl an Highways.

Dann wird es erst wirklich schlimm«, so Freightliner G. G. Shrumps Geseufze.

Insgesamt führte die Strecke fast quer durch den gesamten Kontinent und über rund 6000 Straßenkilometer.



7

Die Zeit war schnell vergangen. Als Reiniger seine Umgebung wieder bewusst wahrnahm, rollte das Yellow Cab bereits vor G. G.s Grundstück aus.

Etwas irritiert entlohnte Bount den Fahrer. Denn wenn er hier schon jenes Tohuwabohu vor dem Start erwartet hatte, wie er es von der Mattscheibe her kannte, so sah er sich enttäuscht. Der Frachthof lag noch leerer als am Tag zuvor. Nicht einmal mehr die Sattelschlepper standen da, und Reiniger fing bereits an zu glauben, er habe sich im Datum geirrt.

Doch dann röhrte in der Haupthalle, jener, die auch diese windigen Büros enthielt, von denen aus Shrump sein kleines Imperium leitete, ein Motor auf. Er dröhnte wie Donner, und schon lag auch bereits etwas Benzindampf in der Luft. Aber der Start sollte erst am Abend erfolgen. Noch nicht einmal die genaue Uhrzeit stand fest.

Bount schlenderte gerade auf das Tor zu, als er von hinten von einem Bentley angehupt wurde, denn hören kann man diese Autos so wenig wie einen Rolls-Royce. Bount machte instinktiv einen Sprung zur Seite.

Am Steuer saß kugelrund G. G. im Blaumann und grinste. Das Fenster surrte herunter.

»Diesmal hätt ich dich aber tatsächlich fast nicht erkannt«, sagte er. “Der berühmte und auch sauteuere Bount Reiniger im James-Dean-Kostüm. Du bist übrigens sehr pünktlich. Respekt.«

Bount konnte diesem Mann tatsächlich nicht zornig sein. June hatte wieder einmal recht gehabt. Irgendwie mochte er ihn sogar womöglich. Jedenfalls hatte sich seine Einstellung G. G. gegenüber seit gestern entweder zum Besseren hin verändert. Oder alte Verschüttungen kamen wieder hoch. Trotzdem fiel sein Grinsen etwas säuerlicher aus.

»Hi, Gwendolyn«, sagte er jedoch sehr herzlich, und danach war ihr Grinsen in etwa gleich.

G. G. ließ den Wagen stehen, wo er gerade stand und kletterte heraus mit seinen kurzen Stummelbeinen.

»Wir gehen hinten rum«, meinte er. Das Motorgebrumm war inzwischen wieder verstummt. »Da drinnen ist erst Limpy. Auch einer meiner Monteure vom Team. Wir haben noch etwas Zeit.«

»Und außerdem hast du Durst?«

»Selbstverständlich«, meinte der Spediteur.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908169
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354238
Schlagworte
höllen-rallye york detectives

Autor

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Titel: Die Höllen-Rallye: N.Y.D. - New York Detectives