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Die Sekte der Verdammten: N. Y. D. - New York Detectives

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Sekte der Verdammten: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath


Der Umfang dieses Buchs entspricht 111 Taschenbuchseiten.


Bount Reiniger, Privatdetektiv aus New York, der über die Grenzen der Metropole bekannt ist, bekommt von der älteren Diva Donna Pittingroy dreißigtausend Dollar in bar geboten, um ihren angeblich verschwundenen Lover zu finden. Obwohl er Zweifel hat, nimmt er den Auftrag an und begibt sich ins sonnige Kalifornien. Als sich dann dort die rätselhafte schwarzhaarige Conny Denver an ihn heranmacht und ihn mit einem Trick zu der Sekte «Children of the Sun» lockt, wird dem cleveren Detektiv schnell klar, dass das FBI dahintersteckt. Weil »Washington« rechtlich die Hände gebunden sind, will man Reiniger als unabhängigen Schnüffler für einen gefährlichen Einsatz ködern ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:

Donna Pittingroy - ist mehr als sie scheint. Doch können auch ältliche Sexbomben explodieren?

Conny Denver - bildet das Kontrastprogramm. Sie implodiert am Las Vegas Strip in fremde Bentleys.

Raja Pravatata - bringt eine Vielzahl Jugendlicher dazu, noch dümmer als ihre Erziehung zu werden.

Sidna Galiv - pflegt seinen schwarzen Bart nicht und auch nicht die gepflegten indischen Umgangsformen.

Francesco Gemma - ist schlichtweg gesagt ein Mafioso und ein Schwein.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.



Prolog

Paddy Lemming kicherte albern. Zuerst hatten sie gemeinsam einen harten Joint geraucht und sich dann geliebt. Verrückt, maßlos und am Strand von Long Beach. Die matte Süße von Marihuana verwehte im Wind.

Dem Mädchen klebte der Sand auf dem Rücken und in den verschwitzten Haaren. Deshalb wollten sie jetzt ins Meer. Buster Carpenter, ein Studienkollege, und sie. Nachts wurden die Brecher, die gegen die Küste anliefen, kleiner. Splitternackt und übermütig rannten sie gegen eine der trotzdem weiß gischtenden Wellen an. Paddy Lemming ließ sich von der Flut anheben, kreischte entzückt und bekam wieder Boden unter die Füße.

Da kreischte sie gleich noch mehr.

Denn sie war auf eine Wasserleiche getreten ...


1

Der nächste Brecher kam. Paddy duckte sich und ließ ihn über sich hinweglaufen.

»Buster!«, schrie sie, als sie wieder Luft bekam. »Komm sofort zu mir!«

Der blondgelockte Jüngling zögerte nicht lange. Mit ein paar kräftigen Schwimmzügen war er bei dem Mädchen.

»Nesselqualle?«, fragte er prustend. »Wadenkrampf? Ich helfe dir.« Er gab sich ritterlich. »Leg dich ganz flach ins Wasser. Ich bring’ dich ans Ufer.«

»Da ist was«, erwiderte Paddy Lemming verstört. »Es sieht so aus, als würde ich auf einer Toten stehen.«

»Lass die dummen Scherze«, brummte Buster Carpenter und wischte sich die nassen Haare aus der Stirn. »Ich dachte schon, dir wäre was passiert.«

»Ist mir ja auch was passiert, Buster. Ich steh’ auf ’ner Leiche.«

»Du spinnst!«

Paddy Lemming begann wütend zu werden. Und wenn sie wütend wurde, dann wurde sie auch ausfallend.

»Dann überzeug’ dich doch selbst, du Mistkerl!«

Der Student kam nun doch näher.

»Dann lass uns schleunigst von hier verschwinden«, meinte er.

Aber er hatte nicht mit Paddys Energie gerechnet. Blitzschnell packte sie ihn am Schopf. Buster Carpenter bekam Meerwasser zu schlucken. Und das nicht zu knapp.

»So leicht kannst du dich nicht davonmachen!«, keuchte sie, nachdem der Student wieder hochgekommen war. »Du wirst mir helfen, die Leiche an Land zu ziehen.«

Buster seufzte.

»Bück dich nur«, ermunterte ihn das Mädchen. »Genau unter mir.«

Carpenter tauchte, tastete sich an Paddys Beinen entlang und stieß tatsächlich auf etwas Weiches, das durchaus ein Körper sein konnte. Er kriegte einen Arm zu fassen und zerrte daran, während ein weiterer Brecher sie ein Stück in die Höhe hob und näher an den Strand brachte.

Paddy half ihm jetzt, indem sie den anderen Arm packte. Gemeinsam zogen und zerrten sie die Leiche ans Ufer, streckten sie im Sand aus.

Es war eine mondhelle Nacht. Man konnte Einzelheiten gut unterscheiden. Die Leiche hatte langes, schwarzes Haar und eine prächtige Figur. Das Mädchen konnte kaum älter als zwanzig gewesen sein. Aus ihrem weit geöffneten Mund schlossen sie, dass die Unbekannte ertrunken sein musste.

Doch da gab es noch mehr Details, die ihnen sofort auffielen. Es war da eine Zeichnung auf dem toten Leib des Mädchens: vom Schambein hoch bis unter die Brust ein Kreuz und zwischen den kalten Brüsten ein Kreis mit einem Punkt in der Mitte ...

Das astrologische Sonnenzeichen.

»Im Handschuhfach meines Wagens liegt eine Taschenlampe«, sagte Paddy, und Buster Carpenter spurtete los. Der antike VW-Käfer stand nicht weit entfernt in einem Palmenhain. Der junge Bursche war bald zurück.

Im Lichtkegel der Lampe sahen sie, dass Kreuz und Sonnensymbol nicht aufgemalt, sondern mit einer Dolchspitze oder einem Skalpell in die Haut geritzt worden waren. Den Wundrändern nach zu schließen, konnte das nicht vor allzu langer Zeit geschehen sein.

Paddy Lemming verstand etwas davon. Sie studierte im sechsten Semester Medizin.

»Wir müssen die Polizei verständigen«, sagte sie. Ihre vorherige Albernheit hatte sich verloren wie ein Staubkorn in der Wüste. »Kennst du dieses Zeichen?«

»Gesehen hab ich’s schon mal irgendwo«, antwortete Buster Carpenter. »Gibt es da nicht irgendeine Sekte, die ...«

»Stimmt«, unterbrach ihn Paddy. »Children of the Sun. Die Sonnenkinder. Sie hausen irgendwo im Santa Barbara Valley. Soll ein ganz exklusiver Verein sein: Eine Freundin von mir wollte auch mitmachen, aber sie durfte nicht … Sie nehmen nur Kinder von Intellektuellen auf, und der Vater meiner Freundin ist nur Autoverkäufer. Ein verrückter Verein. Schottet sich ab, als würden sie mitten im Fort Knox wohnen. Ihr Grundstück ist umzäunt, und Wachen mit Schießprügeln laufen Tag und Nacht herum.«

»Heißt ihr Guru nicht Raja Pravatata oder so ähnlich?«, fragte Buster Carpenter.

»So ähnlich«, entschied die Medizinstudentin. »Auch so eine verrückte Nuss. Ein Farbiger mit langem, weißen Bart. Da müssen während der Sklavenzeit ein paar Plantagenbesitzer in seine Ahnenreihe gepfuscht haben.«

»Hm. Und was machen wir jetzt?«

»Sagte ich doch schon. Wir müssen die Bullen verständigen. Such schon mal unsere Klamotten zusammen.«

»Und die Leiche?«

»Die bleibt hier. Es wird sie schon niemand klauen. Wie sie aussieht, liegt sie schätzungsweise schon seit mindestens drei Tagen im Wasser. Dass sie uns wegläuft, halte ich für ausgeschlossen.«

»Und wie wär’s, wenn wir einfach von der nächsten Telefonzelle aus an rufen und uns dann verdrücken? Endgültig, meine ich.«

Paddy Lemming starrte ihren Kommilitonen einen Augenblick an.

»Buster!«, rief sie schließlich. »Du hast ja tatsächlich hin und wieder brauchbare Ideen!«



2

Bount Reiniger schabte sich den Bart aus dem Gesicht. Vergangene Nacht war es etwas später geworden und seine Stimmung entsprechend.

»Sch... Polizeiball«, knurrte er.

Hätte er sich da etwa lumpen lassen und den Asketen spielen sollen?

Er bekämpfte seinen Kater anschließend mit einer »Prairie Oyster«, einem höllisch scharfen Getränk, das einem entweder den Magen zerfraß oder ihn wieder kurierte.

Bei Bount Reiniger bewirkte der Drink Letzteres. Als er sich ein paar Spiegeleier in die Pfanne schlug und starken Kaffee aufgoss, fühlte er sich bereits bedeutend wohler. Das Brummen in seinem Schädel war zu einem erträglichen Summen verkümmert.

In den Zehn-Uhr-Nachrichten kamen die üblichen Katastrophenmeldungen aus aller Welt, und als sei das noch nicht schlimm genug, brachte die Station gleich im Anschluss daran die allseits beliebte Sendung:

America Last Night.

In ihr wurden im locker-flockigen Plauderton die wüstesten Verbrechen der letzten zwölf Stunden genüsslich wiedergekäut.

So sei drüben in Kalifornien am idyllischen Strand von Long Beach auf einen anonymen Anruf hin die nackte Leiche eines bildhübschen Mädchens aufgefunden worden. Der Clou dabei: Es hatte keine Salzlake, sondern erlesenes Süßwasser in der Lunge gehabt.

Bount schaltete schnell ab, bevor die Kopfschmerzen wiederkamen. Er wurde auch so schon mit Toten und Schwerverletzten mehr als bedient. Sein Beruf brachte das nun mal mit sich. Nicht umsonst wurde man zum berühmtesten Privatdetektiv von New York und Umgebung.

Ein Blick aus dem Fenster sagte ihm, dass es vermutlich ohnehin besser gewesen wäre, im Bett zu bleiben. Denn erstens war heute Sonntag und zweitens schneite es draußen auf Teufel komm raus. Sein Bungalow in Kingspoint Nassau, stand nun mal nicht im Sunshine State, sondern am zugefrorenen Long Island Sound.

Aber immerhin: Das Frühstück schmeckte.

Bis es klingelte.

Bount warf dem Telefon einen bitterbösen Blick zu. Sollte etwa June zu dieser nachtschlafenden Zeit auf die Idee gekommen sein, ihm einen guten Morgen zu wünschen?

Zuzutrauen wäre es ihr gewesen. Er hatte sie gestern nicht auf den Ball mitgenommen und sich deshalb ihren Unmut zugezogen. Die March konnte manchmal recht nachtragend sein, wie es vergangene Woche überhaupt zu einigen Reibereien zwischen ihm und seiner kapriziösen Detektiv-Volontärin gekommen war. Nichts Ernstes zwar, aber ein paar unfreundliche Szenen hatte es eben doch gegeben.

Es dauerte eine Weile, ehe Reiniger bemerkte, dass es gar nicht das Telefon war, das ihn störte und ihn von Mokka, Buttertoast und Grapefruitsaft losreißen wollte. Nein - es klingelte an der Tür.

Er schaute auf die Uhr. Viertel nach zehn. Wer, zur Hölle, wagte es ...?

Dann sah er ein, dass er nie eine Antwort auf diese Frage bekommen würde, wenn er weiterhin nur im Kaffeesatz las. Seufzend stand er auf.

Seine Adresse draußen in Kingspoint war nur einem ausgesuchten Freundeskreis bekannt, und die March konnte es nicht sein. Bei ihrem gelben Sportflitzer war seit Tagen der Auspuff kaputt, und der Wagen machte einen bulligen Lärm wie ein Dutzend Ferrari Testarossas, die man mit 200 Stundenmeilen über eine Rennstrecke prügelt.

Also öffnete er. Angezogen war er schon, wenn auch nur mit Jeans und einem offenen Hemd. Zu Hause gönnte er sich gern den Luxus, auch mal in Räuberzivil und nicht geschniegelt und gestriegelt herumzulaufen. Seine nackten Füße steckten in ausgelatschten Filzpantoffeln.

Der Unterschied in der textilen Ausstattung hätte krasser gar nicht sein können, denn als die Tür dann aufstand, sah er sich einer aufgetakelten Beverly-Hills-Fregatte gegenüber. Ein besserer Vergleich fiel ihm im Moment nicht ein. Wahrscheinlich gab es auch gar keinen.

Das Wesen vom anderen Stern, der Westküste nämlich, war einem goldfarbenen Rolls-Royce mit livriertem Chauffeur entstiegen.

Kein Wunder, dass von dessen flüsterndem Motor nichts zu hören gewesen war, machte der Hersteller doch seine Werbung mit dem sinnigen Spruch, das Lauteste an jenem Automobil sei das Ticken der Schweizer Uhr in seinem Teakholzarmaturenbrett. Und Bount war viel zu verdattert, um dieser Lady die Tür gleich wieder vor der Nase zuzuknallen.

»Sie müssen Mister Reiniger sein«, orgelte die Lady mit einem gediegenen Damenbass. Ansonsten war jedoch nichts Männliches an ihr. Zumindest nicht beim ersten Hinsehen.

Für ihr Alter - Bount schätzte sie auf Mitte fünfzig - hatte sie sich erstaunlich gut gehalten. Platinblond das kunstvoll auftoupierte Haar, von zahllosen Silikon-Spritzern und Fettwegschneidern im Rang von zugelassenen Ärzten aufgemotzt die Figur: und diese steckte in einem Pelz, der selbst unter Freunden noch mehr als 20000 Dollar gekostet haben musste. Die Lady roch nach einem Bount Reiniger völlig unbekannten Parfüm, doch sie roch fantastisch.

Insgesamt erinnerte sie Bount an einen gelungenen Verschnitt zwischen Zsa Zsa Gabor, Joan Collins und Liz Taylor.

Wobei das Wort »Verschnitt« durchaus wörtlich genommen werden durfte.

»Treten Sie zur Seite, junger Mann! Oder wollen Sie mich hier im Schneetreiben stehen lassen? My Goodness! Haben Sie hier ein scheußliches Wetter in New York!«

Dem konnte Bount nur beipflichten. Irgendwie aus der Bahn geworfen war er nach wie vor, und so fiel es ihm auch nicht mehr schwer, der Aufforderung nachzukommen.

Er steppte tatsächlich einen Schritt beiseite, machte damit die Tür frei und murmelte irgendetwas wie »bitte sehr«. Ohne das so knapp überlebte Ballvergnügen im Kreise von Captain Toby Rogers & Company wäre ihm das vermutlich nicht passiert.

Dann hätten all seine Sinne jetzt schon Alarm geschlagen, wenn nicht gar Zeter und Mordio geschrien. Doch wie schon dezent angedeutet: Bount Reiniger war an diesem verhängnisvollen Morgen noch nicht ganz wieder auf dem Damm.

Die Dame stolzierte voraus, als wäre sie die Architektin von Bounts Bungalow gewesen. Zielstrebig enterte sie das Wohnzimmer und fand die Hausbar auf Anhieb. Bount hatte sich nie die Mühe gemacht, sein Instrumentarium für Feuchtorgien zu tarnen.

»Was trinken Sie?«, fragte die Lady, geübt nach Wermut, Gin und den Eiswürfeln angelnd. »Auch einen trockenen Martini?«

Endlich räusperte sich Bount Reiniger. Seine Kehle war trocken genug, sodass er auch diese Übung mit Leichtigkeit hinter sich brachte.

»Hören Sie mal, Mrs. ...«

»Miss!«, fuhr ihm die Lady gekonnt in die Parade.»Zurzeit wieder einmal Miss, Mister Reiniger. Miss Donna Pittingroy. Bestimmt haben Sie alle meine Filme gesehen.«

Bount hatte sich wieder halbwegs gefasst. Ihn stach der Hafer. Er konnte nicht anders.

»Das Nachtprogramm mit den alten Filmen schau ich mir nie an«, sagte er und wartete dann auf eine heftige Gegenreaktion oder wenigstens auf eine Ohrfeige.

Beides blieb aus. Miss Donna Pittingroy grinste nur süffisant. Vielleicht war das der Augenblick, in dem er seiner schrillen Besucherin sogar einen Hauch von erster Sympathie abgewann.

Es kam noch besser.

»Natürlich müssen Sie sich jetzt ein klein wenig überfallen vorkommen, Mister Reiniger.«

»Das ist die Untertreibung des Jahrzehnts, Mylady.«

»Sie werden mich bald verstehen, Bount. Ich darf Sie doch Bount nennen?«

»Könnte ich es verhindern?«

»Nein.« Miss Donna Pittingroy grinste womöglich noch breiter. Ein Cinemascope-Lächeln wie aus den Paramount-Studios der 50er Jahre. »Könnten Sie nicht, junger Freund. Es sei denn, Sie wollten auf einen äußerst lukrativen Auftrag verzichten ...«

Auf diesem Ohr wiederum hörte Bount Reiniger ausgezeichnet. Oft viel zu gut.

»Äußerst ...?«, vergewisserte er sich.

»... lukrativ«, ergänzte sie. »Stimmt. Setzen wir uns doch. Man kann Martinis zwar auch im Stehen trinken, aber ...«

»Bitte, nehmen Sie Platz, Miss Pittingroy. Aber Sie werden mir eine Menge erzählen müssen.«

»Wäre ich sonst so unkonventionell bei Ihnen eingedrungen, junger Mann? Natürlich habe ich etwas zu erzählen. In aller Verschwiegenheit. Und über die Menge werden Sie sich auch nicht zu beklagen brauchen. Ich rechne allerdings fest mit Ihrer Diskretion.«

»Das ist doch selbstverständlich«, entfuhr es Bount Reiniger.

Und in dieser Sekunde hatte er auch schon verloren.

Ihre Beine waren so beachtlich wie ihre sonstige Figur. Bount sah das, nachdem er der Lady aus dem sündteuren Fell geholfen hatte und sie ihm in der guten Stube mit gekreuzten Knien gegenübersaß. Trotz des kalten Wetters über dem Long Island Sound und trotz der Jahre dieser platinblonden Dame wurde es Bount plötzlich warm ums Herz.

Oder lag das doch nur an den Nachwirkungen der zu viel genossenen Milchshakes letzte Nacht?

Er wagte das in diesem Moment nicht mehr zu entscheiden. Seit auch propere Großmütter hin und wieder für das Playboy-Magazin posierten und vom Oma-Wunder die Rede war, kannte man sich eben nicht mehr richtig aus. Die Altersgrenzen verwischten sich total. Auch die älteren Semester unter den Damen erhoben mittlerweile Anspruch auf weitaus jüngere Lover; früher ein Privileg der Lustgreise mit umgekehrtem Vorzeichen.

Nur hatten jene maskuline Oldies, die so erpicht auf blutjunge Starlets waren, in der Regel bei Weitem nicht so knusperig ausgesehen wie eben jene »Miss« Donna Pittingroy mit den Gardemaßen 98 - 62 - 96 nach Bount Reinigers ziemlich zuverlässiger Schätzung. Denn er war nicht nur ein vortrefflicher Detektiv, sondern auch sonst ziemlich erfahren. Nichts Menschlich-Weiblich-Anschmiegsames war ihm fremd, und inzwischen empfand er die Stimme auch nicht mehr als basslastig. Eher angenehm rauchig kam sie ihm nun vor.

Doch das hing nicht allein damit zusammen, dass die Lady pechschwarze, ellenlange Zigarillos aus einer noch ellenlängeren Silberspitze rauchte. Bount musste das auch abseits aller Optik registrieren, weil ihm Miss Donna Pittingroy den blauen Dunst nonchalant mitten ins Gesicht blies. Zweifellos war in diesem Moment die Dame Herr der Lage. Sie hatte in diesen Minuten offenbar die (mit Goldfäden durchwirkten Strumpf-)Hosen an.

»Nun wissen Sie also alles über mich«, schloss sie schon nach einer Viertelstunde ununterbrochenen Gelabers. Sie hatte erzählt, dass sie sozusagen Hollywood-Diva im Ruhestand sei, früher jedoch in zig Filmen nebst einigen einträglichen Ehen mitgewirkt und nun einfach keine Lust mehr habe, sich weiterhin vor Kameras zu produzieren. »Gott sei Dank habe ich es nicht mehr nötig zu arbeiten«, plauderte sie eifrig weiter. Sie hatte einen schön geschwungenen Mund mit nur ganz wenig Falten in jenem gefährlichen Bereich zwischen Oberlippe und Nase. »Im Gegensatz zu manchen meiner Kolleginnen geht es mir heute blendend. Mein Geld ist in Immobilien und gedeihlichen Fonds prächtig angelegt

Die Lady hatte wie ein Wasserfall und nicht einmal unamüsant dahergeredet.

»Wie haben Sie mich überhaupt hier aufgestöbert?«

»Beziehungen«, flötete sie mit ihrem rauchzarten Alt »Sie werden doch hoffentlich einer Dame nicht zumuten, dass sie einen Namen preisgibt. Schließlich könnte es sich bei meinem Informanten um einen ansonsten glücklich verheirateten Herrn handeln.«

Unwillkürlich musste Reiniger schmunzeln. So herum hatte er dieses Argument noch nie vernommen. Wenn seine Besucherin log, dann war ihre Pointe zumindest gut erfunden.

Er drängte sie dann auch nicht weiter. Denn aus Erfahrung wusste er, dass es gerade die Plaudertaschen mit Hirn waren, von denen man am wenigsten erfuhr, wenn sie das nicht wollten.

Stattdessen stand er auf und schob sich das Hemd zurück in die Hose. »Hat mich wirklich sehr gefreut, Miss Pittingroy, oder wie immer Sie auch heißen mögen. Aber glauben Sie nicht, dass Sie Ihren Chauffeur nun lange genug haben warten lassen?«

Die Lady blieb ungerührt auf ihrem Platz. Sie steckte sich sogar ostentativ einen neuen Zigarillo an. Nur die langen Beine legte sie jetzt anders herum.

»Sie kennen ja mein Problem noch gar nicht«

Miss Pittingroy sagte das ganz gelassen.

»Weil es mich nicht interessiert, Mylady. Doch wenn Sie trotzdem noch einen zweiten vergeblichen Versuch wagen wollen, stehe ich Ihnen ab Montag in meinem Büro zur Verfügung.«

»Ich glaube nicht, dass das nötig sein wird, Mister Reiniger«, sagte sie kühl, griff nach der Handtasche, die neben ihr auf der Couch lag, und öffnete sie. Ihre beringten Finger kamen mit einem Packen gemusterten Papiers wieder. Fast gelangweilt warf sie ihn auf den Tisch. Die Scheine fächerten auseinander wie ein Kartenspiel.

Bount bekam Stielaugen und schluckte ergriffen, ja beinahe andächtig, wie jeder Kapitalist beim Anblick von so viel Barem auf einem Haufen.

»Das sind genau dreißig Riesen, Mister Reiniger«, meinte die sparsame Diva mit dem goldenen Händchen für Geldangelegenheiten. »Ohne Quittung und steuerfrei. Dafür lade ich Sie ein ins sonnige Kalifornien und dort in meine Villa am Malibu Beach.«

Um den Rest abzukürzen: Bount Reiniger war auch nur ein Mensch.

Doch am meisten hatte es ihm jene Zauberformel »steuerfrei« angetan. Denn noch mehr als sämtliche Gangster hasste er die Mafiosi vom Finanzamt.

Drei Stunden später saß Bount Reiniger schon in einem Jumbo-Jet der Delta Airlines und fragte sich vergeblich, ob er denn total verrückt geworden sei. Einen begründeten Verdacht hegte er freilich.

Wie hatte er sich nur auf dieses Wahnsinnsabenteuer einlassen können!

Bin ich jetzt schon ganz meschugge?, stöhnte er zum wiederholten Male in Gedanken. Doch da saß niemand neben ihm in einer Sitzreihe der 1. Klasse, der ihm eine Antwort auf diese gewichtige Frage hätte geben können.

Dabei hatte er sich, beflügelt von diesem gottverdammten Zaster, lediglich dazu überreden lassen, nun seinerseits ein paar Martinis zu sich zu nehmen, um seiner Besucherin zuprosten zu können. Aus purer Höflichkeit natürlich. Und das Ergebnis war haarsträubend gewesen.

Fachleute sprachen in diesem Zusammenhang gern von einem »Aufgewärmten«.

Jedenfalls saß er nun in einem Flugzeug nach Las Vegas.

Las Vegas?

Ach ja. Allmählich kehrten die Erinnerungen zurück. Zehntausend Meter unter ihm wurde auch das Wetter besser. Schon über Tennessee schien wieder die Sonne.

In Vegas sollte er Miss Donna Pittingroys Bentley Cabriolet abholen und mit dieser ebenfalls güldenen Karre weiter nach Los Angeles fahren. Er sollte sich nicht der Mühe unterziehen müssen, sich selbst einen Wagen zu mieten.

Bount tastete nach seiner Brusttasche und stöhnte erneut. Drinnen spürte er neben dem Packen raschelnder Scheine auch jene Schlüssel, die zur Traumvilla am Malibu Beach gehörten. Hätte er einen Fallschirm dabei gehabt, wäre er jetzt ausgestiegen.

Nur mit dem jungen Lover für ältere Damen war er richtig gelegen. Wie hatte er doch gleich wieder geheißen?

Richtig: Luke Cavendish, dreiundzwanzig.

Er war ihr angeblich entlaufen, und Reiniger sollte ihn nun wieder einfangen und einigermaßen unversehrt bei Mami abliefern.

Bount glaubte der Lady kein einziges Wort. Zumindest jetzt nicht mehr, denn zu fantastisch hatte ihre konfuse Story geklungen. Doch nun war es zu spät. In weiteren zwei Stunden würde er in Vegas landen.

Miss Pittingroy hatte ihm sogar noch beim Packen geholfen, bevor sie und ihr Rolls-Royce einen ebenso selig wie dümmlich lächelnden berühmten New Yorker Privatdetektiv zum La Guardia Airport verfrachteten.

Bount verfluchte Gott und die Welt, doch am meisten verfluchte er Toby Rogers, Captain des Morddezernates C/II, Manhattan South, der ihn zum Besuch dieses Polizeiballs überredet hatte.

Gleichzeitig wusste er, dass er ungerecht war, aber im Moment tat es ihm noch gut, einen Teil der Schuld auf andere abwälzen zu können. Das wirklich böse Erwachen kam dann schon noch früh genug.

Am besten würde es wohl sein, wenn er in Las Vegas gleich die nächste Maschine zurück nach New York nahm. Die Geschichte dieser angeblichen Ex-Diva stimmte doch hinten und vorne nicht! Jugendliche Lovers konnte sie bei ihrem Aussehen und ihrem Geld doch jede Menge haben! Oder wenigstens zehn Stück an jedem Finger. Und außerdem schaute sich Bount Reiniger ab und zu durchaus gerne auch mal alte Schinken, pardon: das Wiederholungsfernsehen an. Eine Donna Pittingroy hatte er jedoch nie dabei entdeckt. Auch keine deutlich jüngere.

Aber gut. Das musste nicht viel heißen. Sie wäre nicht das erste Starlet gewesen, das sich auf der horizontalen Leinwand eines Lotterbettes besser machte als auf jener eines Kinosaales und den Karriereschwerpunkt deshalb gewissermaßen etwas verlagerte. Eine Sprechausbildung hatte sie jedenfalls gehabt. Sie quäkte nicht wie Donald Duck oder die Texanerinnen.

Bount lehnte sich zurück, atmete ein paarmal tief durch und versöhnte sich großherzig mit sich selber. Die Wolken wurden weniger und weniger, die Sonne strahlte schöner und schöner.

Wann war er eigentlich das letzte Mal in Kalifornien gewesen ...?

Und beim Landeanflug auf das heiße Las Vegas hatte er den inneren Schweinehund endgültig überwunden. Diesen kleinen Gefallen konnte er dieser seltsamen Lady ja tun und ihren Bentley nach L.A. kutschieren.

Vielleicht würde er sogar ein Bad im Pazifik nehmen und eine Nacht dort verbringen. Um den harten New Yorker Winter wenigstens für ein paar unbeschwerte Stunden zu vergessen.

Aber dann sofort zurückfliegen. Und die 30000 Dollar zurückzahlen.

Selbstverständlich. Alles paletti. Man musste eben freundlich sein zu seinen Mitmenschen und manchmal auch zu sich selbst.



3

Er fand den goldfarbenen Bentley an der angegebenen überdachten Stelle auf dem Flughafenparkplatz, der Zündschlüssel wurde ihm anstandslos ausgehändigt. Donna Pittingroys Organisation funktionierte hervorragend.

In der Spielerstadt selbst wollte Bount sich nicht lange aufhalten. Hier konnte er nur verlieren. Vor allem Miss Donnas Geld, und eigene Dollars hatte er seiner überstürzten Abreise wegen nur eine Handvoll dabei.

Die Karosse glänzte im Schein der schräg stehenden Nachmittagssonne. Ein ausgesprochen schmuckes Stück Blech. Bount war mit der Uhr geflogen.

An einem Obststand für vorbeiziehende Autonomaden hielt er an und stieg aus. Kaum hundert Yards vorher hatte er eine Straßensperre passiert, an der angeblich nach einem pleite gegangenen Zechpreller gefahndet wurde. Nichts Unübliches in jener Glitzerwelt der Zocker. Und weil es verpönt war, Anhalter mitzunehmen, wurden sie aus der Autoschlange der Wartenden hinauskomplimentiert. Fast ausnahmslos bildhübsche Mädchen.

Der Bentley stand in Richtung Los Angeles. Bount biss gerade herzhaft in einen knackigen Apfel, als eines dieser Girls genau auf ihn zugerannt kam.

Es gehörte zu dem Typ Jung-Frau, den David Hamilton so gerne fotografierte. Mädchenhaft. Unschuldig aussehend. Und jede Menge Dreck hinter den Ohren. Sie schleppte sich mit einem Seesack ab.

Bount sah gut aus. Das stand einmal fest. Außerdem war er noch nicht in einem Alter, das zu Abenteuern neigende Tramperinnen hätte abstoßen können. Ganz im Gegenteil. Aber nicht nur solche Girls zog er an wie ein Magnet.

Und in diesem Augenblick fiel ihm ausgerechnet June March ein, das weizenblonde Gewächs aus Minnesota, das morgen früh ein verwaistes Büro vorfinden würde.

Recht geschah ihr.

Weshalb war sie die ganze letzte Woche über auch so biestig gewesen. Und dieses Girl hier war brünett, etwas flachbrüstiger und somit das richtige Kontrastprogramm und das natürliche Rezept gegen seinen Frust.

Er setzte sich in den Wagen, surrte die Fenster hinunter, sah nach hinten und tat ganz so, als wolle er nun ausparken.

»Könnten Sie mich mitnehmen?«, keuchte das Mädchen atemlos. Ihr Seesack musste ziemlich schwer sein.

»Ich fahre nach Los Angeles«, erklärte Reiniger nicht übermäßig freundlich. Das gehörte mit zur Taktik. »Umwege mache ich keine,«

»Trifft sich das blendend!«, meinte die Kleine lautstark. »Genau, dahin will ich.«

Ohne einen Protest abzuwarten, stopfte sie ihre Reiseutensilien in den Fond. Danach erst riss sie die Tür auf und ließ sich auf den bequemen Beifahrersitz fallen, räkelte sich und streckte die Arme über den Kopf.

Bount ließ den Motor kommen. Aus dem Autoradio dröhnte Beat-Musik. Bount wollte einen anderen Sender holen, doch das Mädchen fiel ihm in die Hand.

»Ich mag das«, sagte sie und räkelte sich danach gleich noch ein bisschen mehr, wobei sie Einzelheiten ihrer Anatomie preisgab, die einem schwächeren Mann als Bount Reiniger das Blut in den Kopf oder sonst wohin hätten schießen lassen. Seine Zufallsbekanntschaft war in diesen Dingen anscheinend ebenso unkonventionell wie June.

Auch die March setzte ihre Reize unverfroren ein, wenn sie sich einen Vorteil davon versprach.

»Wann sind wir in Los Angeles?«, fragte sie, während der Bentley schon Meile um Meile fraß. Inzwischen wusste er auch ihren Namen: Conny Denver.

»Es wird zappenduster sein«, antwortete Bount Reiniger. »Stockfinster. Ich hoffe für Sie, dass Sie eine Adresse in L. A. haben. Mädchen mit Ihrem Aussehen werden von dieser Stadt mit Vorliebe verschlungen.«

»Vorerst nehme ich das mal als Kompliment«, meinte sie und beantwortete Bounts Frage damit nicht, sondern drehte die Rücklehne etwas tiefer. Draußen gab es ohnehin nichts zu sehen, von der endlosen Reihe, der Werbeanschlagtafeln einmal abgesehen. Der sechsspurige Highway schnürte sich dazwischen wie mit einem gigantischen Lineal gezogen.

Gegen acht Uhr verspürte Reiniger Hunger, und er fragte das Mädchen, ob er es einladen dürfe. Conny Denver hatte nichts dagegen. Sie verzehrte mit größtem Genuss ein Steak und musterte Reiniger zwischen den einzelnen Bissen mit unverhohlener Neugier. Bis ihm diese Blick zu bunt wurden und er fragte:

»Was starren Sie mich eigentlich so an?«

»Entschuldigen Sie bitte. Aber das ist mir noch nie passiert.«

»Was ist Ihnen noch nie passiert?«

»Wir sind schon mehr als hundert Meilen miteinander unterwegs, und Sie haben noch kein einziges Mal versucht, mir an die Wäsche zu gehen.«

Bount räusperte sich.

»Wahrscheinlich sind Sie nicht mein Typ«, meinte er dann wie beiläufig. »Vielleicht haben Sie auch eine ansteckende Krankheit, die ich mir auf keinen Fall einfangen möchte. Wer sollte das schon wissen?«

Das Mädchen saß da, als hätte er ihm eine schallende Ohrfeige verpasst. Sie wurde rot bis unter die Haarwurzeln und wusste offenbar nicht mehr, was sie sagen sollte.

Plötzlich stieß sie den Teller von sich und wollte davonlaufen. Bount erwischte sie noch an den Handgelenken. An den anderen Tischen der Raststätte drehte man sich bereits nach ihnen um.

»Nun werden Sie doch nicht gleich bockig«, meinte er mit gesenkter Stimme. »Reißen Sie sich zusammen und setzen Sie sich wieder. Sie sind doch keine kleine Göre mehr, die mit dem Fuß aufstampft, wenn ihr mal was gegen den Strich läuft.«

»Sie ... Sie haben mich beleidigt!«, stieß sie hervor und versuchte, sich ihm zu entwinden.

»Dann sind wir jetzt nur quitt«, meinte Bount betont lässig. »Immerhin haben Sie mich als einen Mann bezeichnet, der nichts anderes im Sinn hat, als einem zweifellos hübschen Mädchen wie Ihnen an die Wäsche zu gehen, wie Sie sich auszudrücken beliebten. Aber ich gehöre nicht zur schnellen Truppe, und Sie sollten ebenfalls eine bessere Meinung von sich haben.

Das hatte gesessen. Widerwillig noch, ließ sich Conny Denver auf ihren vorherigen Platz zurücksinken. Die Leute an den anderen Tischen wandten sich wieder ihren Tellern zu oder nahmen ihre unterbrochenen Gespräche auf.

»Na, also«, meinte Reiniger begütigend wie der gute Onkel aus dem Handbuch für Verführer Minderjähriger. Wobei Miss Denver freilich keine Minderjährige mehr war und gewiss auch sonst längst in die sogenannten Dinge des Lebens völlig eingeweiht war. »Und nun essen Sie schon zu Ende. Kalte Steaks schmecken scheußlich. Vergessen wir diesen leidlichen Zwischenfall? Okay?«

Sie gab sein Lächeln scheu zurück und nickte.

»Okay. Scheint, ich habe mich wieder mal sehr, dumm benommen.«

Bount vermied es, ihr laut recht zu geben, winkte die Kellnerin herbei und beglich die Rechnung. Bald darauf saßen sie wieder im Bentley. Diesmal ließ Conny Denver es zu, dass er im Radio einen Sender mit klassischer Musik suchte. Kurz vor Los Angeles wusste Reiniger auch, dass Conny Denver in der Riesenstadt nicht eine einzige Menschenseele kannte.

»Ich habe ein Gästezimmer«, sagte er mal auf gut Glück. Diese verfluchte Zicke von einer Donna Pittingroy! »Sie können in meinem Haus übernachten.«

Miss Denver hatte nichts dagegen einzuwenden.



4

Als der Bentley in der Garagenauffahrt stand, hatte das Mädchen schon mindestens eine Stunde geschlafen und so auch nicht mitgekommen, wie Bount diese Luxushütte erst suchen musste. Gott sei Dank kannte er vage den Grundriss. Seine »Klientin« war so nett gewesen, ihm ausgiebig von ihrem Häuschen am Strändchen vorzuschwärmen.

»Wir sind da«, sagte er.

Sie schaute sich um. Die Villa lag im Mondlicht. Im Garten brannten Lampen auf gusseisernen Kandelabern. Irgendeine Sensorschranke hatte sie wohl eingeschaltet. Nicht fern rauschte das Meer. Der Himmel glitzerte wie Diamanten, hingestreut auf dunkelblauen Samt.

»Hübsch haben Sie’s hier«, meinte Conny Denver und gähnte herzhaft. Bount half ihr galant aus dem Wagen und trug auch ihren Seesack zum Haus.

Er war tatsächlich ziemlich schwer.

»Wollen Sie umsiedeln?«, fragte Bount Reiniger. »Eigentlich sehen Sie nicht danach aus, als würden Sie Töpfe und Pfannen mit sich herumschleppen, wie dieses Gewicht hier glauben macht.«

Sie ging nicht darauf ein, war in ihrem Denken überhaupt sehr sprunghaft, wie Reiniger mittlerweile hatte feststellen können.

»Sind Sie verheiratet?«, wollte sie wissen.

»Nein«, antwortete Bount knapp. »Aber ich bin auch kein Sittenstrolch. Eigentlich sollten Sie das inzwischen festgestellt haben.«

»Man soll die Nacht nicht vor dem Morgen verteufeln«, erwiderte sie kokett, und Reiniger grinste müde. Eintönige Autobahnfahrten zählten nicht zu seinen Lieblingsbeschäftigungen. Er schloss auf und machte Licht.

»Sehen Sie sich ungeniert um«, empfahl er. »Im Bad werden Sie wohl alles finden, was Sie brauchen.«

»Sie haben kein Gepäck?«, fragte sie und stellte damit ihre Flatterhaftigkeit aufs neue unter Beweis.

»Ich hatte nur kurz in Vegas zu tun«, meinte Bount, durchaus wahrheitsgemäß. Seine Zahnbürste plus etwas Leibwäsche lagen im Kofferraum. »Einen Drink?«

»Danke. Haben Sie auch einen Daiquiri?«

»Mal sehen«, sagte Reiniger ausweichend, schlenderte zur Bar hinüber und deutete auf eine Tür. »Dahinter ist das Bad. Sie können sich jetzt frisch machen.«

»Wofür?«, fragte sie zurück, klimperte mit den Wimpern und grinste gekonnt infam. Ihre armen Eltern schienen Miss Denver mit der Moralvorstellungen einer läufigen Katze ins Leben entlassen zu haben.

Bount erwiderte nichts darauf, sondern beschäftigte sich ostentativ mit einer immensen Flaschenbatterie, was ihn beim Martini-Konsum Donna Pittingroys nicht weiter verwunderte. Okay. Ein Daiquiri war möglich. Für sich selbst bevorzugte er wieder mal ’ne Prairie Oyster, während sein Gast die Hähne voll aufdrehte.

Conny Denver duschte ausgiebig.

Sie stand drei Oysters lang unter dem hart prasselnden Wasserstrahl. Im Daiquiri waren die Eiswürfel zergangen. Der Seesack lag noch dort, wo er ihn abgestellt hatte. Bount fiel auf, dass die Einrichtung der Villa seltsam unpersönlich wirkte, obwohl eine Unmenge teurer Nippes herumstand. Doch nicht ein einziges Foto konnte er entdecken. Und das bei einer ehemaligen Diwan-Diva ...?

Endlich kam das Mädchen wieder. Mit nichts als einem frischen Badetuch bekleidet. Aus ihrem langen Braunhaar tropfte das Wasser.

»Ich sah einen Pool hinter dem Haus«, sagte sie. »Darf ich?«

»Natürlich«, antwortete Reiniger zuvorkommend. Er hatte den Pool noch nicht gesehen. Das Mädchen duftete nach Donna Pittingroys unverwechselbarem Parfüm, als es an ihm vorbeiwischte.

Schon an der Terrassentür ließ sie die letzte Hülle fallen. Sie hatte einen hübschen Körper mit einem straffen, kleinen Po. Sie wandte sich halb zu ihm um und strich sich die Haare hoch.

»Haben Sie keine Lust?«

»Wie ich sehe, sind Sie alt genug, um allein zu baden. Außerdem ist der Pool nicht sonderlich tief.«

Sie lachte gurrend und tief in der Kehle. Dieses kleine Luder wusste sehr gut, wie man sich in Szene setzte.

»Seien Sie doch bitte so nett, und bringen Sie mir einen Bademantel nach?«

Bount Reiniger seufzte ergeben.

»Sie machen es einem verteufelt schwer, hart zu bleiben«, meinte er, und sie lachte nochmals auf eine Weise, die ihr bestimmt in keinem Verein christlicher junger Mädchen beigebracht worden war.

Danach drehte sie sich endgültig um und entschwand ins Zwielicht zwischen Haus und Pool. Kurz darauf kündete lautes Platschen davon, dass sie sich rundherum wohl fühlte.

Bount war mit zwei Schritten an ihrem Seesack, öffnete den Reißverschluss und nahm den Inhalt kurz unter die Lupe.

In der Hauptsache bestand er aus Knäueln unordentlich verpackter Gebrauchtwäsche. Erst als er auf einen 32er Browning stieß, wurde er stutzig. Bount roch am Lauf, doch die Waffe war in letzter Zeit nicht abgefeuert worden. Dazu fand er noch schwere Bergstiefel und verchromte Steigeisen, denen man entnehmen konnte, dass Conny Denver neben dem Vernaschen fremder Männer zumindest noch ein weiteres Hobby hatte. Das erklärte auch ihre ausgesprochen sportliche Figur.

In Nylon-Dessous eingewickelt fand sich eine angebrochene Tafel gepressten Haschs bester Qualität.

Doch das bedeutete nicht viel. Shit war aus dem Reisegepäck von Leuten, die an der sonnigen Westküste der Staaten ihr Heil suchten, schon kaum mehr wegzudenken.

Anders verhielt es sich mit vier wertvollen japanischen Kameras, darunter auch ein Videogerät, die vor Kurzem noch in den Handschuhfächern oder im Fond von Autos jener Leute gelegen haben durften, die Conny Denver von Phoenix aus mitgenommen hatten. Denn ihr Greyhound-Ticket reichte nur von Washington bis zur Hauptstadt Arizonas.

Geld fand Bount Reiniger keines. Nicht einen einzigen Cent. Ihr Pass schien echt zu sein, und auch der Name stimmte. Neunzehn Jahre war sie alt.

Bount hatte soeben wieder alles verstaut, als sie von draußen, rief: »Den Bademantel bitte!«.

Bount fand einen im Bad mit den Initialen D.P. und ging damit hinaus zum Swimmingpool, wo Conny Denver gerade über den Beckenrand kletterte.

»Es war himmlisch«, sagte sie. Und dann: »Jetzt starren Sie mich aber an.«

Das stimmte.

Reiniger sah den verwischten Rest einer Zeichnung, die mit lang haftenden Körperfarben auf die sanfte Wölbung ihres Bauches gepinselt war.

Sie lachte nervös.

»Ach, das meinen Sie.» Conny schlüpfte hastig in den Frottee-Mantel. »Nur ein dummer Gag. Aber das verdammte Zeug ist auch mit einer Bürste kaum mehr wegzubekommen.«

Damit hatte diese ansonsten recht großartige Kleine auch verraten, warum sie nach einer so ausgiebigen Dusche obendrein noch: ein Bad im Pool brauchte. Sie wollte nicht, dass er diese Zeichnung sah.

Doch Bount hatte sie nun einmal gesehen. Nur wusste er im Augenblick nicht, in welche Schublade seines Gehirns er das Kreuz mit dem Sonnenzeichen darüber einordnen sollte.

»Ist zumindest originell«, meinte er, um die Pause zu überbrücken, die allmählich peinlich zu werden begann. »Ich fürchte, Ihr Daiquiri ist inzwischen warm geworden.«

Unvermutet fuhren ihre Arme hoch und umfassten seinen Hals. Conny Denvers Lippen kräuselten sich und suchten Bounts Mund. Reiniger konnte sich nicht gegen diesen überfallartigen Kuss wehren, und mit ertragbarem Schrecken stellte er fest, dass ihm das Spiel gar nicht so übel gefiel.



5

Die Morgensonne blinzelte durch die Stores, als Bount erwachte. Unwillkürlich waren die Erinnerungen an die vergangene Nacht wieder da. Es waren nicht die schlechtesten.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908145
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354236
Schlagworte
sekte verdammten york detectives

Autor

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Titel: Die Sekte der Verdammten: N. Y. D. - New York Detectives