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Hände weg von Susa: N.Y.D. - New York Detectives

2017 130 Seiten

Leseprobe

Hände weg von Susa: N.Y.D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Der New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger wird von Contessa Theresa di Saglioni angeheuert, ein junges Mädchen, Marija Pavlekovic, zu finden, das von der kleinen Insel Susak an der jugoslawischen Küste zusammen mit ihrer Freundin Jasna Bockai spurlos verschwunden ist. Die beiden wurden von dem skrupellosen Vlatko de Figuera entführt, der gemeinsam mit dem geldgierigen Stan Novid neben einer illegalen Opal-Mine in Venezuela dort auch einen florierenden Mädchenhandel betreibt. Die Gangster erhoffen sich, mit weißen Mädchen bei den Diggern in den Minen besonders viel Gewinn zu machen. Doch bevor Marija in einem der heruntergekommenen Puffs landet, kann sie mit einem Indio-Mädchen in den Dschungel fliehen ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:

Marija Pavlekovic gerät in einen Strudel von Ereignissen, von denen sie in noch keinem Alptraum träumte.

Jasna Bockai ist ihre Herzensfreundin von frühester Jugend an. Und wird zu ihrer tödlichsten Feindin.

Stan Novid gibt sich mit seiner Rolle als Frührentner nicht zufrieden. Er möchte Millionär werden.

Theresa di Saglioni sticht als äußerst wehrhafte Ex-Herzogin mit einer Hutnadel zu. Auf den falschen Kopf.

Vlatko de Figuera spottet ohnedies jeder Beschreibung. Außer, dass er ein Killer von hohen Graden ist.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.



Prolog

Ein kalter Wind strich über die winzige Insel Susak, südwestlich von Cres und Losinj im adriatischen Meer vor der jugoslawischen Küste gelegen. Der Bora, jener Eishauch aus dem Landesinneren, kämmte die wenigen Pinien alle in eine Richtung und ließ auch Marija und Jasna frösteln.

Sie wohnten oben im Dorf, das aus der Ferne wie ein Steinhaufen aus Granit aussah, nur überragt vom klotzigen Turm einer ebenfalls altersgrauen romanischen Kirche. Dort wurden bei Einbruch der Dunkelheit zwar nicht die Bürgersteige hochgeklappt, weil es keine gab, trotzdem kehrte im ganzen Dorf Friedhofsruhe ein, und zwischen den Quadern roch es nach Moder, Greisen und nach Tod. Besonders nach Tod.

Wie eine Schlange, unsichtbar und tückisch, schlich er hinter ihnen her in dieser Nacht, hinter diesen beiden schwarzhaarigen hübschen, jungen Mädchen, den Giftzahn schon parat.



1

Viel war hier unten im Hafen, wo die Fischer und zwei Dutzend meist deutsche Touristen in zwei ebenso freundlich wie miserabel geführten Pensionen lebten, ja auch nicht los. Doch mehr Vergnügen als drei Weinkneipen, in denen man notfalls ebenso gut oder sogar noch besser essen konnte, und ein offizielles Restaurant direkt am Anlegeplatz der Fähre hinüber nach Losinj gab es nun mal nicht auf Susak.

Außer dem »Klub«.

Im Volksmund hieß er nur »Klub Lopovi iz Niu Jorku« - der Klub der Gangster aus New York.

Marija und Jasna kicherten nur über diesen lustigen Namen. Allerdings nicht mehr lange.

Der Eintritt in den Klub wäre ihnen zwar nicht verboten gewesen, doch es verkehrten nur Männer dort, und in der Hauptsache waren es alte Männer, die hier ihren Nationalsport betrieben, der sich in einem Kartenspiel namens Bela erschöpfte. Überraschend hohe Beträge wechselten jeweils den Besitzer.

Als junge Männer waren sie einst ausgezogen, fast ausschließlich nach New York, um dann als Dollar-Pensionäre zurückzukehren und hier auf der Insel ihr arbeitsames Leben auf der kargen Erde ihrer Väter als hochgeachtete, weil vergleichsweise reiche Rentner in Anstand zu beschließen.

In dieser Massierung waren sie jedoch auch ein einzigartiges Phänomen. Mochte ihre Inselmentalität dabei eine große Rolle spielen: Jedenfalls ist Susak die einzige Insel der nördlichen Koronaten mit einem Klub von Einheimischen, in dem der US-Dollar als Hauptwährung gilt, die DM gerade noch geduldet und der jugoslawische Dinar von ganzem Herzen verabscheut wird.

All das wussten Marija Pavlekovic und Jasna Bockai, als sie extra einen Umweg nahmen, um dieses in verblasstem Grün gestrichene zweigeschossige Haus, das fast direkt ans Meer am Rand eines feinsandigen Strands gebaut war, und neben dem die Fischerboote kieloben lagen und Netze an altersdürren Stangen in dem Bora wie die Gerippe von Bannern vergangener Geschlechter flatterten.

Das war kein Ort für junge Mädchen.

Seltsame Gerüchte umtuschelten dieses blassgrüne Haus, direkt dem Gemeindegebäude gegenüber, das auch ein winziges Postamt beherbergte und sämtliche anderen Behörden, die dem Staat notwendig erschienen, die insgesamt knapp 400 ständigen Einwohner Susaks ordentlich zu verwalten.

Es hieß, es gehe manchmal nicht mit rechten Dingen zu in jenem ganz besonderen »Klub«.

Aber der Strand war schön und reichte weit und flach hinein ins Meer, und vor allem war er feinsandig, eine absolute Seltenheit an der östlichen Adriaküste.

Und es fuhren keine Autos auf der Insel.

Trotz all dieser Einschränkungen lebten Marija und Jasna auch ohne Disco und Tanzbar gerne hier. Täglich nahmen sie die Fähre hinüber nach Losinj , wo sie die Oberschule besuchten.

In diesem Jahr sollten sie ihr Abitur machen.

Doch ein wenig Abwechslung brauchten achtzehnjährige Mädchen hin und wieder. Auch an solchen kalten Aprilabenden, an denen der Bora wie mit Messern durch ihre dünnen Jacken und durch ihre uneuropäisch dicken Strumpfhosen schnitt.

Diese Abwechslung fanden sie, wenn sie in Visocos Taverne gingen, ein langer, verräucherter Schlauch von Restaurant, das auf einem verwitterten Schild mit hervorragenden Fischgerichten warb und dieses Versprechen sogar hielt. Hier würden sie auch auf einige Touristen treffen, meist freundliche Familienväter, die sie nicht anpöbelten, sehr freigiebig waren und oft lustige, fremde Lieder von irgendeinem Westerwald sangen.

Auch langhaarige Alt-Hippies verirrten sich manchmal hierher in diese meerumschlossene Einöde und wussten von fremden Ländern und fremden Kontinenten zu erzählen, die Jasna und Marija sonst nur spärlich aus dem Geographieunterricht kannten, und denen lauschten die beiden jungen Jugoslawinnen besonders gern.

Oft hatten diese pittoresken Typen in verwaschenen Jeans und verwegen bis zum Nabel aufgeknöpften Hemden aus Indien oder Pakistan Gitarren dabei und sangen Songs: von Bob Dylan und Joan Baez, zum Beispiel. Und trauerten mit von Wein und Marihuana rauen Kehlen Blumen nach, die nicht mehr blühten.

Später wollten die beiden Mädchen studieren und dann selbst diese fremden Länder besuchen, angezogen von so magischen Namen wie San Francisco, Nepal und Mykonos.

Marija und Jasna waren trotz ihres mannbaren Alters und dem Besuch des Gymnasiums noch sehr naiv. Jungfrauen allerdings waren sie beide keine mehr, und das »verdankten« sie ebensolchen Fremden, wie heute wieder welche von Losinj gekommen sein sollten.

Jenen speziellen Verlust hatten sie leicht verschmerzt. Allenfalls hatte er ihr Selbstbewusstsein gehoben. Jasna nahm sogar schon regelmäßig die Pille.

Und tatsächlich: Wehmütig klang ihnen neben bekannt süßen Rauchschwaden eine seltsam anrührende Melodie entgegen, gespielt auf einer chromatischen Mundharmonika, als sie die paar Steintreppen zum Eingang der Taverne mit der vorgelagerten kleinen Terrasse hinunterstiegen.

Visoco hatte das sonst ständig plärrende Transistorradio abgeschaltet, und sie erkannten das Titel-Lied aus Sergio Leones Film auf der Stelle wieder:

Spiel mir das Lied vom Tod.

Lebten Jasna Bockai und Marija Pavlekovic etwa hinterm Mond?

Der Mundharmonikaspieler spielte unbeirrt weiter, als sie eintraten. Nur Visoco, der Wirt, nickte ihnen freundlich zu. Lang wie eine Bohnenstange stand er hinter seinem Resopaltresen.

Ansonsten erweckten die beiden Mädchen wenig Aufmerksamkeit, obwohl sie sich unterwegs unter einer Laterne und unter Zuhilfenahme eines Taschenspiegels extra ein wenig herausgeputzt hatten. Marija mit einem himbeerroten Lippenstift und Jasna mit einem kadmiumfarbenen, der ihren Mund wie eine offene Wunde leuchten ließ.

Die fünf Hippies waren bekifft bis zum Scheitel. Auf der Tischmitte standen zudem fünf leere und noch zwei volle Flaschen Kastelet, ein schwerer dalmatinischer Rotwein. Sie waren in ihre eigene Welt versunken, die doch nur eine Welt verlorener Träume war.

Keine 'Weeesterwald'-Liedertafel diesmal. Nur ganz hinten in der Ecke saß ein Mann, wo das Licht der wenigen Lampen nicht mehr hinreichte.

Eigentlich war von ihm nur das Funkeln anscheinend jettschwarzer Augen zu sehen. Ihr Blick bohrte sich wie ein Pfeil durch Marijas braves Gymnasiastinnenkleidchen, das sie hasste wie die Pest. Doch sie hatte kein modischeres. Und sie kam sich wie eine Fünfzehnjährige vor.

Sie zupfte ihre Freundin am Ärmel.

»Gehn wir wieder, Jasna«, flüsterte sie halblaut. »Versuchen wir’s vorn im Ristorante.«

Aber Jasna tat so, als habe sie nichts gehört. Sie stakste genau in jene finstere Ecke, in der der Fremde saß; so als trüge sie Stöckelschuhe anstatt der flachen Pumps. Bestimmt bot sie damit ein lächerliches Bild. Doch so war sie nun mal, die Jasna. Immer ein bisschen überdreht. Immer auf »action« aus.

Und sie kam durch damit. Auf sie flogen die Jungens von der Schule viel eher als auf die bescheidener wirkende Freundin.

Aber es waren immer nur die dümmeren Jungs, die hinter Jasna herliefen.

Doch zu Marijas uneingestandenem Leidwesen sahen ausgerechnet die Blöden, die Unbegabteren und die Faulen meistens besser aus.

Also folgte sie eben zögernd, was blieb ihr anderes übrig. Der Weg zurück ins Dorf auf dem Hügel war steil, langweilig und beschwerlich.

Und einsam.

Der Mann in der Ecke rutschte automatisch noch ein Stück weiter, gab so die volle Länge der Bank frei.

»Dober vecer«, sagte er. »Guten Abend, ihr schönen jungen Frauen.«

Kroatisch sprach er also auch noch. Bei keinem Fremden eine Selbstverständlichkeit, und er sprach das Kroatische mit dem an der Küste üblichen Akzent.

Doch fremd sah er aus. Schlank durchdrahtet, mit einem goldenen Kreuz an einem goldenen Kettchen auf der braungebrannten Brust baumelnd, entsprach er genau der Vorstellung, die sich Marija Pavlekovic bisher immer von einem spanischen Edelmann gemacht hatte: Das lackschwarze Haar ungebändigt gelockt, das leicht vorgeschobene Kinn energisch, und Grübchen in den schlanken Wangen, wenn er lachte und seine weißen Zähne blitzten.

»Welch ein Glanz so plötzlich in dieser tristen Hütte!«, rief der Fremde theatralisch aus. »Darf ich euch zu einem Drink einladen? De Figuera, mein Name. Vlatko de Figuera. Wundert euch nicht. Meine Mutter aus Rijeka bestand auf einem jugoslawischen Vornamen. Und mein lieber portugiesischer Vater natürlich auf seinem Titel. Gott hab sie beide selig.«

Marijas Misstrauen begann zu schwinden, bei Jasna war nie eines aufgekommen.

Von jenem Abend an wurden Jasna Bockai und Marija Pavlekovic auf Susak nie mehr gesehen.



2

Normalerweise mied Bount Reiniger die 42. Straße. Der Kinderstrich rund um die Uhr, die Dealer an jeder Ecke und auch dort, wo keine Ecken waren, der Auswurf der Grand Central Station, der sich nur widerwillig in das übrige Midtown-Manhattan zu verteilen schien; wie klebrige Marmelade.

Doch er hatte in der Gegend zu tun gehabt und fasste nun den Entschluss, hier eine Kleinigkeit zu sich zu nehmen.

Zwölf Uhr mittags.

Er hatte einen gemeinen Hunger, Sehnsucht nach einem mittelbürgerlichen, ausgewachsenen Steak. Möglichst, aus einem saftigen Stück Rindfleisch, angefressen in der Pampa von Argentinien.

Alle Himmel waren lieb mit Reiniger. Gerade als er sich frustriert in den Fußgängerstrom zum Times Square einordnen wollte, entdeckte er ein Reklameschild, das zum Besuch eines Restaurants mit dem hübschen Namen »El Ranchero«, einlud. Gleich in die nächste Seitengasse.

Bount ging wie auf Engelssohlen. Seit zwei Tagen hatte er nichts Richtiges mehr gegessen und praktisch nur von Sandwiches gelebt.

Das Leben war schon hart.

Selbst für einen Privatdetektiv der Spitzenklasse und einen Hoch bis Höchstverdiener dieser in den Staaten absolut nicht anrüchigen Branche. Um überhaupt eine Lizenz zu kriegen, musste einer eine ganze Strecke von Hürden nehmen, die jenen eines hoch dotierten Springreit-Derbys an Schwierigkeiten in nichts nachstand.

Fiel auch nur ein einziger Balken: Schluss. Aus. Amen.

Bount war schon seit Jahren im Geschäft. Presse und vor allem auch die Unterweltgrößen hatten ihm seinen ungeliebten Kampfnamen verpasst: Bount Reiniger.

Nun, damit konnte er leben.

Aber mit seinem Kohldampf nicht. Er hatte wieder mal einen Vormittag im Gerichtssaal hinter sich. Auch so ein Aspekt seines Berufs, der in den einschlägigen Fernsehserien hermetisch ausgeklammert wurde. Es sei denn, der Held hieß ausgerechnet Perry Mason.

Immerhin, das hatte auch sein Gutes: Weil er ständig Kopf und Leben für die verschiedenartigsten Klienten riskieren musste, waren seine Sinne geschärft wie das Skalpell eines Chirurgen.

Anders ist es nicht zu erklären, warum er sich ausgerechnet in jenem Moment umdrehte - trotz seiner Steak Lust -, als eine ältere Dame gerade hurtig an ihren mit geschmacklosen Papierblumen dekorierten voluminösen Hut griff, eine Art Stricknadel daraus hervorzog und nun damit genau auf Reinigers Augen zielte.

» Svinska majku!«, kreischte sie dazu in höchstem Damen-Falsett. Das hohe C verfehlte sie nur knapp.

Bount nahm an, dass das keine besonders schmeichelhafte Anrede war, und er hatte vollkommen recht damit. Doch diese gottverdammte Hutnadel störte ihn im Moment noch mehr.

Normalerweise hatte er mit alten Damen nicht viel im Sinn, es sei denn, sie fächelten ihm mit dicken Scheckbüchern Frischluft zu. Doch hier musste er wohl mal eine Ausnahme machen. Und das noch mitten auf einer der belebtesten Straßen Manhattans.

Gedankenschnell fuhr seine Linke hoch, blockte den Stich ab, und genauso gedankenschnell drehte er sich an die Seite der Frau und umfasste ihre Taille galant, soweit sie noch über eine verfügte. Reinigers erstem Eindruck nach musste die fremdsprachige Dame die Siebzig schon um einiges überschritten haben.

»Spielen Sie um Himmels willen nicht verrückt, Lady!«, raunte er dicht an ihrem Ohr, während die davongeflogene Hutnadel sich widerwillig klirrend in einen nahen Gulli begab.

Reiniger durfte dabei ziemlich laut raunen, denn der Lärm auf der 42sten war wie immer um die Mittagszeit mindestens ebenso mörderisch wie die Lady in Black.

Ja. Ein schwarzes Kleid trug sie unter ihrem schwarzen Mantel. Bunt war an ihr nur der Hut gewesen, und jetzt sah ihr Bount auch ins Gesicht. Die dicken Puderschichten füllten die tiefen Falten nur unvollkommen.

Und sie duftete nach Lavendel, ein Geruch, den Reiniger unter anderen Umständen durchaus schätzte.

Aber jetzt?

Er hatte sie ein wenig hochgehoben, eher versehentlich, denn sie war leicht wie eine Feder. Und ihre Gesichter waren sich ganz nah.

Sie starrte. Mit plötzlich riesengroßen Augen hinter einer leicht verschobenen, riesengroßen dickglasigen Brille, deren Dioptrien sich wohl auch in einem Mikroskop nicht schlecht ausgemacht hätten.

»Sie sind ja gar nicht der, den ich meinte!«

»Freut mich«, brummte Reiniger. »Das hatte ich von Anfang an angenommen. Und für wen hielten Sie mich nun?«

Die Lady stand wieder auf ihren eigenen Beinen. Bount hatte sie vorsichtig zurückgesetzt. Das Chaos der 42nd Street West flutete nach wie vor so uninteressiert an ihnen vorbei, als hätte dieser kleine Mordanschlag nie stattgefunden.

»Müssen wir das auf der Straße besprechen?«, fragte die dürre Lady flott dagegen. Auf einmal sprach sie ein recht gutturales, wenn auch durchaus verständliches Englisch. »Ich lade Sie ein, Mister, wer immer Sie auch sind. Ein paar Schritte weiter gibt es ein exzellentes argentinisches Restaurant mit den saftigsten T-Bone-Steaks von New York. Obrustite! Entschuldigung. Aber von hinten sahen Sie wirklich aus wie ein gewisser Vlatko de Figuera.«

»Muss ich mich jetzt bedanken?«

»Der Himmel bewahre Sie davor!«

»Danke, lieber Himmel«, murmelte Bount Reiniger ohne jede Andacht.

Da kam doch wieder mal etwas auf ihn zu! Irgendetwas markant Scheußliches wahrscheinlich.



3

Sie hatten sich im unübersichtlichen Delta des Orinoco auf der fast gänzlich unbewohnten Isla Tebajuba getroffen. Stan Novid aus New York, Hoboken, der, als er vor 58 Jahren auf der winzigen Insel Susak in den nördlichen Koronaten geboren worden war, noch Stanislav Novic geheißen hatte. Er und der kosmopolitische Gangster und Mädchenhändler Vlatko de Figuera.

De Figuera saß am Steuerknüppel der einmotorigen und viersitzigen Piper Constable. Auf dem schmalen Rücksitz lagen Marija und Jasna wie übereinander geworfene Puppen. Sie bekamen nichts mit, denn sie wurden schon seit vier Wochen unter Drogen gehalten. Nichts nachhaltig Gefährliches. Nur Spritzen, mit denen die Aggressiven unter den Irrenhausinsassen friedlich gemacht werden. Der Geist stumpft ab. Der Verstand verblödet. Allerdings und Gott sei Dank nicht bei jungen, gesunden jugoslawischen Mädchen. Sie würden diese »Kur« ohne bleibende Schäden, überleben.

Aber alles andere, das auf sie wartete ...?

Trotzdem wütete Stan Novid, nachdem sein Magen nach dem Steilstart von einer Dschungelpiste zwischen einer Galerie von Mangroven sich allmählich wieder in die gewohnte Region begab.

»Du bist ein Idiot! Ausgerechnet von dort musstest du sie holen! Das ist gegen alle unsere Prinzipien! Niemals in Susak aktiv werden! Das kann uns den Hals brechen!«

Vlatko de Figuera blieb die Ruhe selbst. Lässig legte er die Piper in eine weite Linkskurve, die das kleine Flugzeug in die südliche Richtung brachte.

»Die Gelegenheit war so günstig«, sagte er ohne jede Reue. »Zwei unbedarfte junge Weiber. Frischfleisch. Wer hätte da nicht zugegriffen? Unser Schiff lag nicht im Hafen, sondern auf der anderen Seite auf Reede. Ich machte sie betrunken, das war nicht schwer. Und dann schleppte ich sie ab.«

»Und Visoco?«

»Der kennt mich doch gar nicht. Er wird mich für irgendeinen Touristen gehalten haben. Ich sehe aus wie ein Zigeuner.«

»Du bist auch einer!«

Stan Novids Galle giftete wieder hoch, doch der Portugal-Jugoslawe zeigte sich in keiner Weise beleidigt.

»Soll ich die beiden über Bord werfen? Fühlst du dich dann wohler?«

»Narr!«

»Na, eben. Sie sind hübsch. Sie werden mehr Geld bringen als diese Amazonas-Mädchen, mit denen du angefangen hast. Wenigstens fünfhundert Bolivar pro Nummer. Fünfzehn Dollar beim jetzigen Kurs.«

Diese Auskunft schien Stan Novid augenblicklich zu beruhigen. Sein Adrenalinspiegel sank um mindestens die Hälfte. Er wurde wieder geschäftlich.'

»Und die anderen Weiber?«

»Auf dem üblichen Weg. Über den Orinoco. Damit sollte der Bedarf für dieses Jahr gedeckt sein. Ich hoffe, du hast genügend Geld dabei, mich auszubezahlen. Viertausend Dollar pro Mädchen. Und sechs für die beiden dahinten, denn die sind von der absoluten Sonderklasse. Zwanzig sind es diesmal insgesamt. Eingesammelt auf den Inseln zwischen Dubrovnik und der Kvarner Bucht. Susak war meine letzte Station. Und bei den beiden dahinten - da konnte ich einfach nicht widerstehen. Zwölftausend Dollar nach Hause gehen lassen? In dieses rückständige Nest? Bin ich verrückt? Dabei wollte ich auf der Insel nur einen alten Freund besuchen. Er war nicht da. Also habe ich das Beste aus der Situation gemacht und dir einen Fund beschert, von dem sogar du zugeben musst, dass er den Rahmen des üblichen sprengt.«

Vlatko de Figuera sprach über die entführten Mädchen, wie man als Geschäftsmann über Ware spricht. Für ihn bedeuteten sie auch nichts anderes.

Stan Novid hatte er schon vor vier Jahren kennengelernt. Da war de Figuera noch dreißig gewesen. Und Novid war gerade aus den Opalfeldern am Orinoco nach Little Susa (das K am Ende ging in New York verloren), einem kleinen Viertel, nur zwei oder drei Blocks drüben in Hoboken umfassend, zurückgekehrt. Reumütig und enttäuscht, doch mit einer einträglichen Idee im Hinterhirn.

Es gab keine Frauen für die hart schuftenden Digger, außer einigen Indio-Mädchen, die so gar keinem gängigen Schönheitsideal entsprachen. Auch nicht dem der ungefähr 5.000 Mestizen und schon gar nicht dem der zahlreichen weißen Abenteurer aus aller Welt.

Der Gedanke lag nahe, etwas an diesem Zustand zu ändern. Und so waren die beiden ungleichen Männer eben auf die Idee verfallen, jenes Gewerbe anzukurbeln, dem sie jetzt mit so großem Erfolg nachgingen.

Und was hatte für den heimatliebenden Stan Novid näher gelegen, als sich gleich zu Beginn ihrer Bekanntschaft an die Schönheiten seines Geburtslandes zu erinnern? Wobei er ausschließlich Susak meinte. Die übrigen Insulaner entlang der dalmatischen Küste waren ihm in diesem Zusammenhang herzlich egal.

Außerdem: Amerikanerinnen wären ihm sowieso nie für dieses Geschäft infrage gekommen. Viel zu kratzbürstig und unfügsam. Obendrein waren sie ihm schon von jeher ein Gräuel gewesen, und Schwierigkeiten mit amerikanischen Behörden wollte er schon gar nicht haben. Mädchenhandel fiel in die Belange des FBI, das wusste er, und eine angeborene Scheu vor jeder Art von Milizija hielt ihn zudem davon ab, dieses Wagnis überhaupt erst in Betracht zu ziehen.

Wie einfach musste es dagegen sein, hatte er sich da gesagt, auf die Mädchen jener Inseln zurückzugreifen, die von den Touristenströmen aus dem Norden bisher kaum gestreift wurden, von denen die jungen Mädchen aber trotzdem reihenweise flohen, um entweder auf dem Festland, auf den Inseln der Fremden oder gleich im Ausland ihr Glück zu versuchen.

Die dortige Polizei hatte für Vermisstenmeldungen jener Art schon längst kaum mehr als ein Schulterzucken übrig. Wo hätte sie zu suchen beginnen sollen? Obendrein behinderten sich die einzelnen Organe dieses Vielvölkerstaates, seit er in seiner Auflösung begriffen war, ohnehin gegenseitig, wo sie nur konnten, und standen in dieser Hinsicht ihrer jeweiligen politischen Führung in nichts nach.

Und so war Stan Novids Idee eine narrensichere Idee gewesen.

Nur auf seiner Heimatinsel, auf Susak vor Losinj, hätte de Figuera eben nicht tätig werden sollen. Denn für Stanislav Novic, alias Stan Novid, galt wenigstens sie als heilig und deshalb unantastbar.

Verdammt hübsch waren sie ja!, stellte er fest. Und gesund offenbar. Nicht einmal innerhalb von zwei Jahren kaputt zu kriegen. Nicht einmal unter den unmenschlichen Bedingungen, unter denen sie würden arbeiten müssen, ohne jemals auch nur einen Bolivar Lohn in die Finger zu bekommen. Wo sollten sie schon hinfliehen, mitten im Dschungel, in dem noch Panther und Leoparden heimisch waren? Von einigen kriegerischen Indio-Stämmen gar nicht erst zu reden! Angeblich gingen sogar heute noch einige von ihnen der Kopfjagd nach, nicht zu verwechseln mit der Menschenfresserei. Die war im Amazonasgebiet entgegen aller diesbezüglichen Gräuelmärchen noch nie heimisch gewesen.

Bei dem einen der Mädchen, es machte den reiferen Eindruck, war der Rock weit über die Oberschenkel gerutscht. Und diese sehr schönen festen Schenkel brachten Stan Novid auf vergessen geglaubte Gedanken. Die Haare hatte die »Kleine« per Dauerwelle in einen modischen Wuschelkopf verwandelt, während das andere Mädchen einen doch noch eher kindlicheren Eindruck machte.

Nun, die verrohten Digger würde das gewiss nicht stören. Ganz im Gegenteil. Der Marktwert der zweiten war deshalb möglicherweise sogar noch größer.

In Stan Novids Gehirn reifte in diesem Moment eine vollkommen neue Idee.

»Na? Hast du dich inzwischen wieder halbwegs beruhigt?«, fragte Vlatko de Figuera von der Seite her.

Doch der feiste, ziemlich unansehnliche und schon gar nicht mehr jugendfrische Mann aus Susak antwortete nicht. Er war zu sehr in seine Gedanken versunken.

Und in seinen so plötzlich und unerwartet erwachten Johannistrieb.



4

Ihr Alter hatte Theresa di Saglioni frech mit neunundfünfzig angegeben, doch das war natürlich noch dicker gelogen, als ihr die Schminke im Gesicht stand. Bount blieb dabei - sie musste die Siebzig schon weit überschritten haben, doch ihn störte das schließlich nicht weiter.

Bis nach dem Essen schwieg sie sich beharrlich aus, was nun wirklich ihr Anliegen betraf, doch das Steak war wie erwartet von hervorragender Qualität gewesen. Man durfte das El Ranchero getrost auch an Freunde weiterempfehlen. Contessa Theresa, auch das wusste Bount inzwischen, war adeligen Geblüts und entwickelte trotz ihres Alters und ihrer überschlanken Figur den Appetit eines vollkommen unblaublütigen Scheunendreschers, wenn auch mit zierlich abgespreizten Fingern. Die Qualität ihrer falschen Zähne ließ dabei vermuten, dass sie sich einen exzellenten Dentisten oder gar Kieferchirurgen leisten konnte.

Also bezwang Reiniger seine Ungeduld, bis bitterer schwarzer Mokka vor ihr und ein eiskaltes Bier vor ihm selber stand. Er hatte bislang noch nie eine »Prinzessin« zu Gesicht bekommen, die wie eine alte, mit Mehl bestäubte Dörrpflaume aussah. Dabei war ihm das betagte Mädchen noch nicht einmal unsympathisch, wenn er mal die Tatsache vergaß, dass sie ihm vor einer halben Stunde noch an den Sehnerv wollte.

»Darf ich rauchen?«, fragte er, nachdem er die leeren Teller von sich geschoben hatte. Ein aufmerksamer Kellner räumte sie fast noch in derselben Sekunde weg.

»Tun Sie sich keinen Zwang an, junger Mann«, meinte die Contessa und fragte dann nach einem Sliwowitz, einem doppelten.

Und sogar dieser Wunsch konnte ihr hier erfüllt werden, auch wenn sich Reiniger schwach zu erinnern glaubte, dass das nicht unbedingt ein argentinischer Schnaps war. Das gelbliche Getränk wurde in einem winzigen, sich nach oben verjüngenden, dickwandigen Glasbehälter serviert. Die Wände beschlugen sich mit Kondenswasser.

Die Contessa setzte das Fläschchen ebenso behände wie graziös an die schrundigen Lippen und kippte den Inhalt geübt hinter ihren engen, schwarzen Kragen mit dem weißen Zierbündchen. Ihr Hals ähnelte verzweifelt dem einer mumifizierten Schildkröte.

Aber Bount blieb dabei: Das Mädchen war nicht ohne.

Jetzt griff die Lady in ihre Handtasche, förderte ein in Silberpapier verpacktes Etwas heraus, rollte gekonnt daran herum, riss an einer Banderole, auf der Bount den Namen »Davidoff« erkannte. Demnach kaufte sie ihre Zigarren in Genf oder in Montreux.

»Würden Sie mir bitte Feuer geben?«

»Selbstverständlich.«

Er reichte sein goldenes Dunhill Feuerzeug über den Tisch und erkannte das aufmerksame Aufflackern hinter ihrer Panzerglasbrille. Sie taxierte den Wert. Ein Dunhill dieser Ausführung war unter 300 Dollar nicht einmal in Hongkong oder Singapur zu haben, und sie schien das sehr genau zu wissen.

»Ich wusste sofort, dass Sie ein besonderer Mann sein müssen, Mister Reiniger«, begann sie dann ohne jeden weiteren Übergang, Bount den Rauch des ersten tiefen Zuges ins Gesicht blasend. Sie rauchte die starke Zigarre auf Lunge.

Jetzt wunderte sich Bount auch nicht mehr über die Kondition der adeligen Dame. Sie musste innerlich gebeizt sein wie ein auf hundertjährige Haltbarkeit angelegter Parmaschinken.

»Und so, wie Sie auf mein kleines Missverständnis reagiert haben ... Darf man fragen, welcher Profession Sie sind? Ich hoffe doch sehr, ich habe nicht zufällig einen Mann, wie Figuera tatsächlich einer ist, attackiert. Denn dann täte mir mein Misserfolg außerordentlich leid.«

Bount zog wortlos eine seiner Visitenkarten aus der Brieftasche. Diesmal eine »richtige«, denn er hatte ihrer mehr davon.

Trotz ihrer dicken Brille hob die Contessa das Stück Karton bis dicht vor die Augen.

»Ah! Privatdetektiv sind Sie! - Himmel! Man muss den Karten glauben. Ich habe sie heute früh gelegt, und sie sagten mir, für heute stünde mir eine außerordentliche Begegnung bevor. Eine gefährliche obendrein!«

Bount dachte an die Honorare, die er gewöhnlich verlangte, und fand, dass die Karten der Contessa so unrecht gar nicht gehabt hatten. Und deshalb lächelte er schon mal gewinnend.

»Ich wollte, ich hätte dieselben Talente«, sagte er. »Dann hätte ich dort draußen auf der 42sten noch besser aufgepasst. Nach einem gewissen de Figuera suchen Sie also?«

»Sind Sie denn frei?«

»Wie man’s nimmt«, antwortete Bount vorsichtig. »Sollten Sie beispielsweise von mir erwarten, ich solle an jenem geheimnisvollen Doppelgänger das zelebrieren, was Ihnen bei mir nicht gelungen ist, so wäre ich der falsche Mann.«

Die Contessa winkte ab.

»Sie sahen nur von hinten so aus«, behauptete sie danach. »Ich bin etwas temperamentvoll, wie Ihnen vielleicht schon aufgefallen ist. Eigentlich weiß ich gar nicht, wie er genau aussieht. Ich gab lediglich einem plötzlichen Impuls nach. Nichts weiter. Sie schienen mir die richtige Größe zu haben, und mir war bekannt, dass er sich bevorzugt in jenen Kreisen aufhält, wie sie an der Zweiundvierzigsten nun mal anzutreffen sind.«

Bount griff sich unwillkürlich an den Nacken. Seine Haare waren schon wieder mal etwas zu lang. Er musste dringend zum Friseur. Aber wann hatte er schon Zeit dazu?

»Vielleicht sollten Sie Ihren Impulsen trotzdem ein paar Zügel anlegen«, riet er vorsichtig.

»Blödsinn!«, fuhr sie ihm in die Bresche. »Die Karten lügen nicht. Ich würde heute eine außerordentliche Begegnung haben, und die habe ich gehabt.«

Auch schon wieder so ein Fall von zwingender weiblicher Logik. Bount regte sich schon längst nicht mehr darüber auf. Schließlich saß in seinem Büro auch eine Detektiv-Volontärin namens June March, die ihn beinahe regelmäßig mit jenem Phänomen konfrontierte, dass manche Frauen durchaus imstande waren, Verstand, Emotion und Intuition so brutal zu mixen, und am Ende trotzdem noch ein Cocktail herauskam.

Nur - er musste dieses Gesöff dann jeweils schlucken. Und das war die andere Seite der Medaille!

»Worum geht es nun wirklich, Contessa? Oder muss ich Euere Durchlaucht sagen oder so was Ähnliches?«

»Prinzessin reicht vollauf«, klärte sie Bount Reiniger souverän auf. »Ich halte nichts von Titeln, Mister. Obwohl ich aus Ragusa stamme.«

Ragusa? Ragusa?

Bount kramte in seinem Gedächtnis.

»Dubrovnik?«, fragte er dann hoffnungsvoll.

Doch das hätte er wohl besser nicht gesagt, denn nun blitzte ihn die Contessa scheinbar ernsthaft wütend an, wobei das Vergrößerungsglas auf ihrer schmalen, spitzen Nase die Wirkung noch verdoppelte.

»Ragusa!«, fauchte sie. »Eine alte italienische Stadt! Was geht es mich an, wie die Balkanesen diesen herrlichen Namen verunglimpfen. Ich bin von uraltem italienischem Adel!«

Bount konnte sich’s trotzdem nicht verkneifen.

»Borgia?«, hakte er nämlich nach. »Auch mit jenen verwandt? Einer gewissen Lucrezia vielleicht?«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908138
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (August)
Schlagworte
hände susa york detectives

Autor

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Titel: Hände weg von Susa: N.Y.D. - New York Detectives