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Schiff ins Jenseits N.Y.D. New York Detectives

2017 130 Seiten

Leseprobe

Schiff ins Jenseits: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath


Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.


Der reichen Erbin Adelaide Screwbottom werden auf einer Kreuzfahrt Juwelen im Wert von drei Millionen Dollar gestohlen. Obwohl das Schiff durchsucht wird und unterwegs nirgendwo anlegte, ist der Schmuck unauffindbar. Die zuständige Versicherungsgesellschaft schickt den bekannten Privatdetektiv Bount Reiniger auf den Luxusliner, um den Raub aufzuklären und die Juwelen wiederzubeschaffen. Der Fall scheint klar: Denn der berühmt-berüchtigte Meisterdieb Devon Randers, der noch nie gefasst wurde, ist ebenfalls an Bord. Doch nach und nach zweifelt der Detektiv an Randers Schuld - will man dem Meisterdieb etwas in die Schuhe schieben …?


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Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

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© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

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postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:

Devon Randers - fristet ein Dasein als Meisterdieb.

Adelaide Screwbottom - fühlt sich nackt ohne ihren millionenschweren Schmuck.

Sergio Brione - stolpert über eine schmucke Krankenschwester.

Enrico Casarella - hat Heimweh nach New York.

Rhet Bown - liebt ein Krokodil namens Gloria Scerpone.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.



1

»Ich bring' dich um! Ich bring' dich um! «, versprach Evelyn in schrillstem Damenfalsett und wenig heilig. »Du Bastard! Du Sohn einer Hündin!»

Evelyn, das konstant ledige, verwöhnte Millionärsgeschöpf, das schon seit fünf Jahren konstant immer nur ihren 29. Geburtstag feierte, trommelte auf die breite Smokingbrust ein. Ihre spitzen, roten Krallen schlugen Fetzen aus dem Seidenhemd. Für den Meisterdieb und Weltbürger Devon Randers war die Situation gar nicht so ungefährlich.

Er stand mit dem Rücken zur Reling des Sonnendecks: Dieses knochige, unansehnliche Wesen entwickelte in seiner Wut und Verletztheit ungeahnte Kräfte. Mord war ihm in die Augen gestempelt, funkelte, glitzerte in einem Hass, den nur eine abgewiesene Frau entwickeln konnte, in deren Schoß ein Feuer nun ganz vergeblich brannte.

Heiß, heiß, heiß! Wie in einem Hochofen.

»Ich bring' dich um! Ich bring' dich um! «, kreischte sie.

Sie ließ nicht ab von ihm. Das hagere Gesicht, bei dieser Beleuchtung ähnelte es einem Totenschädel mit einer blonden Perücke darauf, näherte sich dem seinen.

Immer mehr.

Wollte sie ihn in die Kehle beißen wie ein Vampir?

Devon Randers drohte die Balance zu verlieren. Zwischen der obersten von nur zwei Streben weißlackierter Reling des Sonnendecks und dem Atlantik auf der anderen Seite lagen etwa sechs Stockwerke. Höhe genug, um sich beim Aufprall aufs schwarze Nachtwasser im schlimmsten Fall das Genick zu brechen.

Meisterdieb Devon Randers hatte in diesem Moment diese Farce endgültig satt. Ein Schwächling war er schließlich nicht, war nie einer gewesen.

Ganz im Gegenteil. Nicht einmal seine schlimmsten Feinde, wie beispielsweise die Inspektoren und Kommissare von INTERPOL, wagten ihm das nachzusagen. Weil sie es allein schon wegen ihres permanenten Frusts besser wussten. Sie kannten ihn und konnten ihn nicht schnappen.

Die Auszeit war jetzt angesagt für sein Kavaliersgehabe. Kurz vorher hatte er noch diplomatisch zu erklären versucht, dass heute nun mal sein keuscher Tag und er nicht an Sex mit ihr interessiert sei.

Es bedurfte nur einer kleinen Geste, selbst aus seiner derzeit ungünstigen Position heraus, um Miss Evelyn Screwbottom eine zu semmeln, dass sie, wie von einem Katapult geschleudert, von ihm wegflog und über das auf Hochglanz polierte Holzdeck schlitterte. Aus einem viel zu kurzen Faltenrock zappelten viel zu dürre Beine, an denen die großen Schuhe aussahen wie die rosa Pumps von Minnie Maus.

Devon Randers zupfte an einem etwas derangierten Dinnerjackett. Selbst einem Abenteurer wie ihm passierte es nicht alle Tage, dass er auf dem Hochdeck eines Luxusliners wie der »Angel Queen« von einer mannstollen Göre von deutlich mehr als dreißig Jahren vergewaltigt werden sollte.

»Das wirst du mir büßen!«, gellte sie. Das mit dem Umbringen hatte ja nicht geklappt.

»Schon recht«, sagte Devon Randers und zupfte weiter an seinem schneeweißen Jackett. Jetzt brauchte er einen Drink. Am besten einen starken.



2

Die Abreise war äußerst überstürzt erfolgt. Ungeduldig inspizierte Bount Reiniger seinen Cartier-Armwecker. Neben ihm saß June March und schlummerte in ihrem Sitz, die Beine leicht angezogen in die Andeutung einer Embryonalhaltung. Die Turboprop-Motoren der alten Bo 432 brummten satt. Nur wenige Linien flogen noch diese Maschine. Die Lisboa Air gehörte dazu. Sechsmal in der Woche bediente sie die Azoren. Wenn sie ihren Fahrplan einhielt, erreichten Bount Reiniger plus Begleiterin die »Angel Queen« gerade noch eine Stunde vor ihrem endgültigen Abdampfen in Richtung New York.

Von dort kam er her. Begonnen hatte alles vor einem Tag.

»Mister Reiniger! Sie müssen unbedingt kommen!«

Und »Mister Reiniger« ging. Bei der Mutual Life Insurance, nur drei Wolkenkratzer weiter von seinem Büroapartment, hatte seine Karriere als Privatdetektiv einst begonnen. Er fühlte sich der Firma heute noch verpflichtet.

Außerdem zahlte die Versicherungsgesellschaft an der Ecke 56. Straße/Broadway blendend.

Mr. Emanuel Millers Gesicht war cholerisch fast ins Violette verfärbt. Immer wenn ein größerer Versicherungsfall eintrat, bekam er unvermeidlich seinen Asthmaanfall, und sein Arzt sorgte sich sehr um ihn.

»Tod und Verdammnis!«, begann Mr. Miller drastisch. »Der Schmuck ist mit drei Millionen versichert!«

Bount zündete sich eine Zigarette an, strahlte Ruhe aus.

»Welcher Schmuck?«

»Na, der von der alten Screwbottom natürlich!«

»Aha.« Bount blies gelassen Rauch aus. Der Name sagte ihm nichts. Emmy Miller, wie seine Freunde ihn zu seinem Leidwesen nannten, würde ihn schon noch mit weiteren Auskünften bedienen.

Doch anstelle eines einzigen Fotos schob er gleich einen ganzen Packen über den Schreibtisch aus schwarzem Kunststoff mit verchromten Stahlrohren als Beinen. Es waren ausnahmslos Farbaufnahmen, und ausnahmslos zeigten sie gestochen scharfe Abbildungen von Schmuckstücken. Bount blätterte sie kurz durch.

»Mrs. Screwbottom muss eine sehr starke Persönlichkeit sein«, meinte er schließlich.

Der Versicherungsdirektor starrte ihn verständnislos an. Er hatte seine letzten Haare über die Glatze von hinten nach vorn gekämmt. Sein Dreifachkinn war mit erstarrt.

»Na ja«, bequemte sich Bount zu einer Erklärung, »wenn sich diese Dame auf einmal mit diesem Zeugs behängt, muss sie die Kondition eines im Training stehenden Catchers haben.«

Miller schniefte.

»Die hat sie. Darauf können Sie sich verlassen. Und jetzt ist dieser Schmuck gestohlen!«

»Hatte ich beinahe schon angenommen«, antwortete Reiniger kühl. Sie klangen schon am Telefon ziemlich aufgeregt. Ist auch dieser Mrs. Screwbottom etwas zugestoßen dabei? Könnte ja sein, dass auch ihre Gesundheit bei der Mutual Life versichert ist.«

Emanuel Miller wehrte großzügig ab. »Sie ist gesund wie ein Pferd. Das sind meine Sorgen nicht. Können Sie sofort losfliegen? Und wenn ich sofort sage, dann meine ich in spätestens vier Stunden.«

»Das kommt auf Ihr Angebot an«, bekannte Bount offen.

»Sie werden zufrieden sein.«

»Zahlen und Verträge machen mich zufrieden.«

Mr. »Emmy« Miller zögerte ein paar Sekunden, bis er die Katze aus dem Sack ließ:

»Zehn Prozent der Versicherungssumme für die Wiederbeschaffung des Schmucks ...»

Bount pfiff durch die Zähne. »Kann ich bitte die Fotos nochmals haben?«

»Sie gehören Ihnen als Souvenir, wenn Sie den Auftrag annehmen.»

»Und wo ist der Haken bei der ganzen Sache?»

»Die Mutual Life ersetzt Ihnen keinen Cent Ihrer Spesen. Egal, ob Sie nun erfolgreich sind oder nicht.«

Bount stand auf und ordnete die Bügelfalten seiner Armani-Hose. »Und für so einen Quatsch schrecken Sie mich aus meinem gemütlichen Büro? Sie wissen doch, dass ich es schon längst nicht mehr nötig habe, Kunden nachzurennen.«

Da seufzte Mr. Miller dann ergriffen und sagte: »Nun setzen Sie sich schon wieder, Bount. Man wird es doch wenigstens probieren dürfen ...«

Bount hatte ihm dann ein Spesenfixum von 50000 Dollar aus den Rippen geleiert. Nicht zurückzahlbar, ob erfolgreich oder nicht.

Aber Haken und Ösen hatte diese Sache tatsächlich. Jede Menge sogar.

Neben ihm wachte gerade June March auf, klimperte mit den langen Wimpern und strahlte Reiniger mit ihrem unschuldsvollen blauen Minnesota-Blick an, auf den schon so viele Männer so herb hereingefallen waren.

»Habe ich geschlafen?«

»Als Detektiv-Volontärin solltest du das eigentlich inzwischen selber wissen.«

Sie setzte sich ganz auf und zupfte an ihrem Rock herum, als ob es da überhaupt etwas zu Zupfen gäbe. Sie gehorchte damit wohl einem Atavismus aus ihrer frühen Kindheit inmitten endloser Weizenfelder und bigotter Kirchenläufer, die am Sonntagmorgen laut und offen den Herrn lobten und am Abend klammheimlich in den Puff verschwanden.

»Du bist schlecht gelaunt?«

»Ja und nein«, gab Reiniger zu. »Aber der Fall macht mir natürlich zu schaffen.«

»Das verstehe ich«, meinte die March einfühlsam. »Da verschwinden auf einem Kahn mit zweihundertachtzig Besatzungsmitgliedern und knapp vierhundertfünfzig Passagieren auf der Fahrt zwischen Afrika und den Azoren drei Millionen Dollar in Schmuck. Und keiner will’s gewesen sein. Der Kahn wird auf den Kopf gestellt und nichts gefunden. Kein Wunder eigentlich. Da muss es doch Zigtausende von Verstecken geben.«

»Milliarden«, verbesserte Bount Reiniger düster. »Milliarden, mein Herz.«

»Die Nadel im Heuhaufen?«

»Und weit und breit kein Magnet.«

»Dafür aber ein Devon Randers.«

Bount schluckte. Er hatte das erste Mal schon geschluckt, als ihm noch Emmy Miller in seinem Wolkenkratzerbüro diesen Namen mitteilte. Und dann June angewiesen, noch vor ihrer Abfahrt zum Kennedy Airport alle verfügbaren Daten über diesen Mann zusammenzustellen.

Es war ein halber Roman dabei herausgekommen, und eine zweite Hälfte wurde ihnen während ihres Transits auf dem Magellan International durch einen Kurier ausgehändigt. Bount hatte Verbindungen nicht nur innerhalb der Staaten.

Wenn nicht alle Stricke rissen, mussten sie die »Angel Queen« in Ponta Delgada auf Sao Miguel noch erreichen. Von New York aus gab es keine Direktflüge nach dieser Insel. Zumindest nicht für Zivilisten. Denn die US Navy und die Air Force unterhielten auf den Azoren gleich drei Stützpunkte. Notfalls verteidigten diese Leute ihr Vaterland auch noch auf dem Mond.

»Yeah«, wiederholte Bount gallig. »Einen Devon Randers. Den haben wir allerdings.«

Die March war inzwischen vollkommen wach geworden. Unter ihnen immer noch nichts als die Weite des Atlantiks und über ihnen ein paar Zirruswolken.

»Ein hübscher Bengel«, meinte das blonde Minnesota-Girl versonnen. In ihrem Reisegepäck befanden sich auch ein paar Funkbilder des weltweit berüchtigten Meisterdiebs. »Glaubst du, dass er’s war?«

»Wenn ja, wird ihm das verteufelt schwer nachzuweisen sein«, befürchtete Bount Reiniger. »Dieser Mann ist kein Dummkopf.«

»Und du? Bist du etwa einer?«

Bount reagierte unwirsch.

»Randers wäre auf jeden Fall im Vorteil. Wir stehen nicht im direkten Vergleich. Dem Kerl trau ich’s zu, dass er sich ’nen Briefstorch gezüchtet hat, der seine Beute schon längst zurück aufs Festland flog.«

»Hm.« Die March zog einen entzückenden Schmollmund. »Du scheinst ja wirklich Respekt vor ihm zu haben.«

»Intelligenz nötigt mir immer Respekt ab. Und vor allem ist er kein Gewaltverbrecher.«

»Sonst wäre er ja auch nicht intelligent«, schloss June messerscharf.

»Eben.«

Das Brummen der Turboprop-Motoren wurde dunkler. Der Pilot oder der Flugingenieur hatte das Benzin-Ölgemisch verändert. Unter den Tragflächen qualmte dunkler Rauch hervor. Als diese Maschine gebaut worden war, hatte noch nie ein Mensch das Wort Umweltschutz vernommen. Die Maschine legte sich in eine leichte Rechtskurve. Alle vierundsechzig Plätze waren bis zum letzten Quadratzentimeter besetzt. Noch in den 50er Jahren hatte die Boeing 432 neben dem Hochdecker Fokker Friendship zu den viel bestaunten Großraumflugzeugen gezählt. Die Landeklappen fuhren zu 15 Grad aus. Der träge Vogel schien seine Nase ins Meer tauchen zu wollen. Weiße Gischtkronen tanzten auf dem Blau. Sie setzten bereits zum Landeanflug an.

Zehn Minuten später war auch dieses Manöver überstanden. Die Maschine rollte vor einem in blendendem Weiß gekalkten flachen Gebäude aus, in dem der Duty-Free-Shop den größten Raum einnahm. Die Azoren waren Freihandelszone.

Weil sie die Zollabfertigung schon im Mutterland hinter sich gebracht hatten, gab es hier keine Zoll- oder Passkontrollen mehr. Ein klappriges Fiat-Taxi brachte sie zum Hafen. Sein Auspuff produzierte kaum weniger Qualm als die Turboprop-Motoren.

Das Städtchen Ponta Delgada, Verwaltungszentrum der Inseln, hatte keinen Hafen. Zumindest keinen richtigen, ausgebaggerten. Die Schiffe lagen weit draußen auf Reede, und ihre Güter mussten dort auch gelöscht werden. Dafür stand eine Vielzahl breitbäuchiger Barkassen zur Verfügung. Unverkennbar die schneeweiße Silhouette der »Angel Queen« im leichten Dunst unter den schwarzen und grauen Konturen von etwa einem Dutzend Frachtern, von denen sie jeden um mindestens drei Stockwerke überragte. Zwischen diesen Frachtern und den Kai-Anlagen mit den Spielzeugkränen flitzten die Barkassen hin und her wie die Weberschiffchen.

Auch die Gebäude der Hafenbürokratie waren nicht beeindruckend. Etwas vergammelt präsentierten sie sich in einer nach wie vor grellen Nachmittagssonne. Der ehemals hellblaue Verputz schälte sich in der Salzluft ab wie die Pelle überkochter Kartoffeln.

Im Büro des Hafenkommandanten wurde Bount bereits erwartet. Nicht nur Bount Reiniger verfügte über weitreichende Verbindungen. Die Mutual Life Insurance natürlich auch.

Der etwa vierzigjährige Mann mit einer schwarzen Lockenpracht unter dem martialischen Käppi stellte sich als Capitan Raol Brendhor vor. Und hatte keine Augen für Bount Reiniger. Seine Blicke hingen gebannt an June March. Auf den früheren Weltumseglern der Portugiesen soll es ja öfter mal zu Fällen von Menschenfresserei gekommen sein, wenn die als nächste für die Krone und die heilige Kirche in Besitz zu nehmende Insel samt heidnischer Bevölkerung wieder mal gar zu lange auf sich warten ließ.

Bount räusperte sich vernehmlich.

»Si? Si?«

»Senhor Capitan!« Damit hatte es sich's auch schon so ziemlich mit Reinigers Portugiesischkenntnissen. Das Gespräch wurde auf Englisch fortgeführt. Der Hafenkommandant beherrschte es leidlich.

Ja. Es war ein Fernschreiben von der Amerikanischen Botschaft vom Festland eingetroffen, in dem darum gebeten wurde, einem Mister Reiniger aus den USA jede nur erdenkliche Unterstützung zu gewähren.

Nein. Niemand von der »Angel Queen« habe bisher das Schiff verlassen. Sehr zum Leidwesen des örtlichen Handels, wie Senhor Raol treuherzig hinzufügte. Doch sei ein Aufenthalt auf den Azoren ohnehin nicht geplant gewesen. Der Käpt'n habe diesen außerplanmäßigen Stopp vor Besatzung und Passagieren damit begründet, ein paar Ersatzteile sowie einen Passagier, der in Marseille das Schiff versäumte, an Bord nehmen zu wollen. Für einen Landausflug reiche die Zeit also gar nicht. Schon in spätestens einer Stunde solle es weitergehen.

Jetzt war es vier Uhr nachmittags.



3

Die zwei Kisten enthielten nichts als Schrott, wie Bount vermutete. Luxusliner wie die »Angel Queen« führten ihr eigenes, gut sortiertes Ersatzteillager mit sich.

Wenn es sich nicht gerade um eine neue Schiffsschraube oder um eine Antriebswelle handelte, konnten die Bordmechaniker sich in der Regel selbst behelfen.

Doch was Bount überhaupt nicht gefiel, war die Tatsache, dass die Relings sämtlicher Decks vor Menschen beinahe überquollen. Das alte Gaffer Syndrom.

Dabei hieß es immer, diese modernen Kreuzfahrer böten so viel Abwechslung, dass Langeweile niemals aufkommen könne.

Scheibenkleister.

Die Ankunft dieser schäbigen, halb verrosteten Barkasse mit den beiden Kisten, den beiden New Yorkern und drei Matrosen drauf schien interessanter zu sein als alle anderen Freizeitangebote zusammen. Bount und June fühlten sich von neugierigen Blicken förmlich durchlöchert, als sie das schwankende Fallreep hinaufstiegen. Zum Glück wurden sie gleich von Käpt'n Mike Ferrer und seinem Zahlmeister Heff Connan in Empfang genommen und in den Bauch der »Angel Queen« geführt. Die Zuschauer mussten sich danach mit der »Sensation« begnügen, wie zwei Kisten Schrott mittels einer Seilwinde an Bord gehievt wurden.

Die Kapitänskajüte, wie sie immer noch hieß, war geräumig wie ein Luxusapartment am Central Park West und auch ähnlich eingerichtet. Nur, dass hier natürlich ein paar maritime Gegenstände wie Schiffsmodelle unter Glas und so weiter nicht fehlen durften. Auch hing in der Luft der Duft von süßlichem englischen Shag Tabak. Käpt'n Ferrer rauchte den Stoff aus einer langstieligen Pfeife mit kleinem Kopf. Am Finger seiner linken Hand machte Reiniger zwei Eheringe aus. Also war Michael Ferrer Witwer.

Bount wusste jetzt schon mehr über diesen Mann, als jener je über ihn erfahren würde. Dieser Emmy Miller arbeitete im Bedarfsfall effizienter als sämtliche amerikanischen Geheimdienste zusammen.

»Bitte, nehmen Sie Platz, Mister Reiniger. Und Sie natürlich auch, Miss March.«

Sie kamen der Aufforderung nach. Die Lederfauteuils waren tief. June hatte wieder mal Schwierigkeiten mit ihrem so streng nach oben verschobenen Rocksaum.

Mike Ferrer entsprach durchaus der Klischeevorstellung eines Kapitäns auf einem Luxusdampfer dieser Größenordnung und Sonderklasse. Er hätte jederzeit die entsprechende Rolle auch in einer jener gängigen Fernsehserien übernehmen können: silberweiß und gepflegt das leicht gewellte Haar, und die ebenfalls schneeweiße Uniform mit den vier Goldlitzen an den Ärmeln und den Epauletten auf den Schultern stammte sichtlich aus der Werkstatt eines Maßschneiders. Trotz der Bordküche hatte der Mann sich schlank gehalten, und das sprach für eine eiserne Selbstdisziplin. Sein Teint hatte die Farbe eines Golfprofis, der sein halbes Leben im Freien verbrachte.

Ganz anders Heff Connan. So wie er jetzt dasaß, wirkte er noch gedrungener als im Stehen. Die stummeligen Oberschenkel hatte er weit abgespreizt. Die Nähte spannten und zogen Falten. Zwischen den Knien hielt er eine Kladde aus Plastikmaterial, mit den Emblemen der »Angel Queen« in Goldprägedruck versehen. Seine dicken Finger hinterließen feuchte Streifen auf der Mappe. Er schwitzte an den Händen. Ein wenig wirkte Heff Connan trotz seiner Fülle immer noch wie ein College-Student, der es irgendwann in seinem Leben mal aufgegeben hatte, völlig erwachsen zu werden. Er blinzelte nervös, doch bei ihm war wohl nicht die Gegenwart der March schuld. Der Zahlmeister sah nicht danach aus, als ob er mit Frauen sehr viel anfangen könnte.

Die beiden ungleichen Männer wechselten sich in ihrer Berichterstattung ab. Ein paarmal wurden sie durch Telefonate mit der Brücke unterbrochen. Das Schiff machte sich bereit, die Reise fortzusetzen. Mike Ferrers Anwesenheit auf dem Kommandostand war dazu nicht unbedingt erforderlich. Er habe in seinem 1. Offizier Sean McCluster, einem Schotten und Seefahrer in der zehnten Generation, einen würdigen Vertreter, sagte er.

Die Klunker waren in der Nacht von vorgestern auf gestern aus dem Safe in Mrs. Adelaide Screwbottoms Suite verschwunden. »Zwischen dem zwölften und fünfzehnten Grad westlicher Länge«, wusste Heff Connan, »und in etwa auf dem fünfunddreißigsten nördlicher Breite.« Dieser Mann war ein Umstandskrämer und penibel bis in die Knochen. Musste er vermutlich auch sein in diesem Beruf.

»Der Safe wurde aufgebrochen?«, fragte Bount.

Der Zahlmeister schüttelte bedauernd das runde Haupt. »Keine Spur von Gewaltanwendung, Sir.«

»Einfach zu knacken?«

Heff Connan wand sich eine Weile. Dann nannte er die Herstellerfirma und das Modell. »Natürlich ist das kein Spitzenprodukt«, fügte er dann noch hinzu. »Mein eigener Safe dagegen ... « , Bount winkte ab. Natürlich hatte die Schifffahrtslinie bei den Kabinensafes gespart. Sie dienten mehr der Beruhigung jener Passagiere, die für eine Kreuzfahrt ein kleines bis mittleres Vermögen hinblätterten, als dass sie tatsächlich etwas getaugt hätten.

Bount Reiniger kannte das genannte Modell. Ein Wandtresor. Mit einem Zahnstocher war er ja nicht gerade zu öffnen, aber mit einem Stethoskop und einem empfindlichen Gehör bei geschickten Fingern schon.

Beides durfte er bei Devon Randers im Übermaß voraussetzen.

»Keine Prints?«

»Der Täter muss Handschuhe benützt haben.«

»Oder er hat den Tresor anschließend abgewischt.«

Heff Connan nickte traurig. Offenbar fühlte er sich persönlich bestohlen.

Das Gespräch zog sich insgesamt über zwei Stunden hin. Als Bount und June die Kapitänskajüte verließen, war die Dunkelheit bereits hereingebrochen und die Insel Sao Miguel unter den Horizont getaucht.

Die »Angel Queen« erwachte zu ihrem nächtlichen Leben.



4

Zwei Speisesäle, fünf Bars, ein Varieté-Restaurant nach Las-Vegas-Muster, nur natürlich nicht so riesig, zwei Kinos und drei Swimmingpools standen neben einer gut bestückten Bibliothek für die Kurzweil der Gäste in diesem schwimmenden Hotel zur Verfügung, ohne dass diese Aufzählung vollständig gewesen wäre.

Bount und June nützten nichts von allem. Sie suchten vielmehr ihre nebeneinanderliegenden Kabinen auf dem Promenaden-Deck auf. Dazwischen lag nur das für beide Parteien gedachte Bad.

Auch in der in den Boden eingelassenen Wanne hätten leicht zwei Personen gleichzeitig Platz gehabt. Bount enthielt sich dieses Vergnügens, er war ja vorrangig zum Arbeiten hier.

Ihr Gepäck, wenig genug, befand sich schon in ihren Kabinen, Anzüge und Kleider hingen bereits im Schrank. Von den dienstbaren Geistern unangetastet geblieben waren nur das Handgepäck und Junes Beauty-Case.

Als Erstes fischte Bount seine 38er Smith & Wesson Automatic aus seiner Segeltuchtasche und eine 6,35er Beretta für June March. Eine von Emanuel Miller eilends beschaffte Sondergenehmigung hatte diesen Waffentransfer durch sämtliche Kontrollen hindurch möglich gemacht, doch Reiniger wäre auch ohne sie nicht in Verlegenheit gekommen. Er beherrschte das Schmuggeln aus dem Effeff.

Zusätzlich war er neuerdings mit einem Packen Pläne und der auf den aktuellsten Stand gebrachten Passagierliste bewaffnet, als er sich auf eine weiß bezogene Couch warf, während nebenan das Wasser rauschte. Wie selbstverständlich belegte die March das Bad zuerst mit Beschlag.

Das konnte sich noch eine halbe Stunde hinziehen. Sie hatte ihren Schönheitskoffer noch auf dem John F. Kennedy Airport in New York bis zum letzten Kubikzentimeter vollgestopft.

Auf Reinigers Kosten, versteht sich.

Bount steckte sich eine Zigarette an und prägte sich den Plan ein. Es war jenes Exemplar, das auch dem Chefsteward auf jedem der Decks zur Verfügung stand. Die einzelnen Kabinen hatten Namen. Devon Randers wohnte acht Zimmer weiter auf der anderen Seite des Flurs.

Und Mrs. Screwbottoms mit Tochter Evelyn siedelten in einem ähnlichen Doppelapartment wie Bount und June ebenfalls auf Backbord, also auf der linken Seite in Fahrtrichtung der »Angel Queen«.

Noch ein paar mehr Namen fielen Reiniger auf.

Am schockierendsten der von Enrico Casarella. Denn wenn Reiniger ein Fachgebiet perfekt beherrschte, dann war es das Who's Who in New Yorks Gangsterkreisen.

Enrico Casarella musste jetzt schon über siebzig sein und hatte die Staaten vor etwas mehr als zwanzig Jahren reichlich überstürzt und vor allem bei Nacht und Nebel auf äußerst verschlungenen Pfaden verlassen. Rechtskräftig, wenn auch während Abwesenheit verurteilt als Steuerbetrüger und wegen fortgesetzter Anstiftung zum Raub.

Beide Strafen waren jetzt nach zwanzig Jahren verjährt. Der Ex-Mafioso ging mit seiner Rückkehr kein Risiko mehr ein. So wollten es nun mal die Gesetze.

Casarella umgab sich mit zwei Gestalten, die mit Vornamen Clivio und Claudio hießen. Beide reisten mit italienischen Pässen, ausgestellt in der Presidentura im schönen Palermo auf Sizilien. Als vermutliche Nachwuchsgangster und Bürger der EG waren auch sie vom früheren Visum-Zwang für die USA befreit.

Der vormals so rührige Enrico dagegen hatte seine amerikanische Staatsbürgerschaft niemals aufgegeben. Er war in Brooklyn als fünfter Spross einer Einwandererfamilie aus Bella Napoli geboren und schon im zarten Kindesalter straffällig geworden.

Die übrigen Namen sagten Bount nichts. Es gab einfach zu viele reiche Leute in den Staaten, die sich so eine Überfahrt auf der »Angel Queen« leisten konnten. Auch in der obersten Luxuskategorie. Sie mussten nicht einmal den versierten Redakteuren der Financial Times auffallen.

Bount räumte seine fliegenden Blätter zusammen und verstaute sie in der Schublade einer Kommode aus Kirschholz. Der Innenarchitekt hatte allem Anschein nach versucht, das Interieur der Kabine nach den Maßgaben einer Art Amerikanischen Barocks zu gestalten. Sogar das verschnörkelte Gehäuse des Farbfernsehers stand noch auf kunstvoll gedrechselten Beinen. Über dem Bett schwebte ein vollkommen unnützer Baldachin über vier massive Säulen gespannt.

Möglich, dass in der Madison Avenue die besten Werbeleute der Welt zu Hause waren. Aber mit Sicherheit auch die geschmacklosesten Designer. Das Hollywood der 30er Jahre ließ noch grüßen und schämte sich kein bisschen.

Im Bad hörte endlich das Planschen auf. Bount sah erst vier Zigarettenkippen in seinem Aschenbecher liegen. June musste sich beeilt haben wie noch nie.

Doch als sie auf nackten Sohlen zu ihm hereinkam, trug sie nur ein Handtuch.

«Ich wollte dich nicht zu lange warten lassen «, sagte sie. «Du kannst jetzt duschen.«



5

Bount stand im Smoking und schrieb auf einen Zettel, wo er zu erreichen war. Zum Abendessen würden sie ohnehin nicht mehr zurechtkommen, doch ihm konnte das nur recht sein. Die Speisekarte, die ebenfalls im Apartment auslag, offerierte für diesen Tag sieben verschiedene Mahlzeiten. Als achte kam noch ein Mitternachtsimbiss, bestehend aus einem Kalten Buffet hinzu, und das konnte er erwarten.

Die March nicht. Die konnte er nicht erwarten. Weil die Pflicht rief.

Und seine erste Pflicht an diesem ersten Abend bestand darin, zu sehen und sich sehen zu lassen. Zu frisch waren noch die Gaffer vom späten Nachmittag in seiner Erinnerung.

Bount hatte nicht vor, ein Geheimnis aus dem Zweck seines Aufenthalts auf dem Schiff zu machen, hatte den Zahlmeister Heff Connan sogar gebeten, ein paar gezielte Indiskretionen zu verbreiten. Denn von Offenheit versprach er sich mehr als von Geheimniskrämerei.

Manchmal lockte es einen Täter aus der Reserve, wenn man sich betont als sein Gegner zu erkennen gab. Manchmal war der Täter eiskalt und überheblich, wie Devon Randers beispielsweise.

Solche Leute musste man dann in deren eigene Falle locken. Eine andere Möglichkeit gab es nicht. Alles nur eine Sache angewandter Psychologie.

Mit Speck fing man Mäuse. Also spielte Bount Reiniger eben zur Abwechslung mal den Speck.

Außerdem durfte er auf diese Weise neugierig sein, wie er lustig war. Detektive stellten dumme Fragen, es wurde nichts anderes von ihnen erwartet. Und von diesem Millionencoup wusste mittlerweile schließlich jeder an Bord, ein paar mitreisende Kleinkinder unter zwei Jahren vielleicht ausgenommen.

Es war schon elf vorbei, als Bount die Diamond-Bar im Oberdeck betrat, eine Etage unter den Luxuskabinen, den Penthouses dieses Dampfers sozusagen. Sie wurden nur noch von der Kommandobrücke und den drei Schornsteinen überragt. Die Schornsteine dienten allein der Dekoration.

Sicher. Man hätte den Entlüftungsschächten und der Verkleidung von Versorgungsleitungen auch ein funktionelleres Gesicht geben können. Aber wo wäre da die Romantik einer Seereise geblieben, wenn sich schon keine Segel mehr im Winde blähten?

In der Diamond-Bar spielte eine Vier-Mann-Combo so laut, dass am hufeisenförmigen Tresen und in den dick ausgepolsterten Ledernischen gerade noch Gespräche möglich waren, ohne sich über die Tische hinweg anschreien zu müssen. Und diese Gespräche verstummten nach und nach, kaum hatte Reiniger seinen Fuß auf den knöcheltiefen Teppichboden gesetzt. Es war beinahe, wie wenn in einem Theater der Vorhang aufging. Doch dann gingen jene Gespräche als Getuschel weiter. Lediglich die Combo spielte unverdrossen fort.

Nur ein einziger, athletisch breiter Smoking-Rücken blieb ihm eisern zugewandt. Er ruhte auf einem Hocker an der Bar. Die dunklen Haare des Mannes reichten modisch gerade noch über den Hemdkragen. Das konnte nur Devon Randers sein. Reiniger spürte es, noch bevor er das inzwischen wohlbekannte Gesicht des Mannes sah.

Diesen Rücken steuerte er an. Auf der einen Seite war noch ein Hocker frei, auf dem anderen räkelte sich eine Rothaarige der Marke Raubtier. Ihr Hosenanzug aus glänzend grünem Lurex wirkte bei ihr wie auf die Haut gepinselt. Sie war noch jung, und das bedeutete auf einem Kreuzfahrtschiff dieser Preis und Güteklasse, dass sie die Dreißig noch nicht überschritten hatte. Entfernt kam sie Bount bekannt vor.

Reiniger fragte nicht, ob noch frei sei, sondern erklomm seinen Säuferhochsitz ohne verbales Vorgeplänkel. Eine Unterhaltung mit Randers würde noch früh genug zustande kommen. Auch das wusste er schon im Voraus. Es ging nichts über ein sorgsam antrainiertes Ahnungsvermögen. Für seinen Job war es lebenswichtig.

Schon stand auch ein Keeper vor ihm, ein zierlicher Filipino mit alterslosen, glatten Zügen.

Bount bestellte einen Scotch. >Mit viel Soda«, fügte er hinzu. Hinter ihm wurden die unterbrochenen Gespräche wieder aufgenommen, die Musiker intonierten ein neues Lied. Insgesamt mochten sich um die zwei Dutzend Leute in der Bar aufhalten. Von allen fünfen war die Diamond-Bar die kleinste und intimste. Nur Passagiere vom Promenaden und vom A-Deck hatten hier Zutritt. Hier wollten die >Promis< unter sich sein, und sie waren es auch.

Normalerweise hasste Reiniger solch elitäre Bunker, doch hier musste er ausnahmsweise mal mit den Wölfen heulen.

Im Nu stand das Getränk vor ihm. Nach edlem Whisky und ein bisschen sogar nach Leder duftete auch Devon Randers. Allerdings nicht aus dem Mund. Bei ihm war es das Rasierwasser.

»Sie haben aber lange auf sich warten lassen, Mister Reiniger«, sagte Randers, ohne sich ihm zuzuwenden, das eigene Glas, einen bunten Cocktail mit vielen Eiswürfeln drinnen, zwischen den nervigen Fingern drehend. Auffallend beim Meisterdieb: Er trug keinerlei Schmuck.

Die grüne Schlange an seiner Seite fuhr urplötzlich hoch.

»Was?«, sagte sie mit einer unerwartet tiefen Reibeisensti mme. Unverkennbar ihr harter, italienischer Akzent. »Das ist dieser berühmte Detektiv, von dem wir gerade redeten? Der Mann, der schon mehr als hundert Menschen erschossen hat?«

Sie war wie flüssiges Wachs von ihrem Hocker geglitten und stellte sich nun ungeniert vor Reiniger in Positur; eine schillernd grüne Splitternackte. Eine Exhibitionistin wie aus dem Bilderbuch für Lustgreise. Selbst Bount fiel es schwer, den Blick von ihr zu wenden.

»Entschuldigen Sie, Mister Reiniger. Ich bin unhöflich heute. Das ist Signorina Gloria Scerpone. Filmschauspielerin aus Rom, unterwegs, um Hollywood zu erobern.«

Jetzt erinnerte sich Bount plötzlich genauer. Miss Scerpone hatte überaus tüchtig und aufnahmefähig in einem Pornostreifen mitgewerkelt, wie sie in den Sexkinos am Upper Broadway zu sehen waren.

Ihre Augen waren rehbraun. Aber bis auf Bount hatte das bisher wohl noch niemand mitgekriegt. Nicht einmal Devon Randers.

»Sehr erfreut«, murmelte Bount schnell, bevor die Lady auf den Gedanken verfiel, ihm in ihrer mordlüsternen Begeisterung um den Hals zu fallen und ihm bei dieser Gelegenheit die Kehle zu durchbeißen. Das Rüstzeug hatte sie dazu.

Nein.

Das waren nicht nur zweiunddreißig Zähne. Unmöglich! Es mussten mindestens hundert sein, und alle blitzten sie gefährlich.

Bount reichte ihr geistesgegenwärtig nur die Hand.

» Mister Randers beliebt zu übertreiben«, sagte er. » Nur neunundneunzig Leichen pflastern meinen Weg. Mister Randers ist ein Schelm.«

Jetzt erst fiel Reiniger zusätzlich auch noch ein Diamantgehänge auf. Es baumelte an ihren Ohrläppchen und musste mindestens 20000 Dollar wert sein. Das Geschäft mit dem abgefilmten Sex schien seine Frau wenn schon nicht redlich, so aber auch nicht schlecht zu ernähren.

»Na gut, Mädchen«, sagte der Meisterdieb da. »Du wirst noch oft genug Gelegenheit haben, diesen Killer zu bewundern. Wir erreichen New York erst in vier Tagen. Und bestimmt wirst du inzwischen auch wieder mal von Bown gesucht, deinem neuen Produzenten. Du willst unseren neuen Freund doch nicht in Verlegenheit bringen? Du weißt doch, wie eifersüchtig Bowny ist!«

Bount zuckte innerlich zusammen.

Bown?

Es gab einen Rhet Bown auf der Passagierliste. Er bewohnte Kabine 201 auf dem A-Deck. Auf der »Angel Queen« zählten sie die Stockwerke von oben nach unten.

Ein abgekartetes Spiel?

War das etwa das Stichwort gewesen?

Denn in diesem Moment sprang die Flügeltür auf. Und herein wirbelte ein drahtiger Mitfünfziger in Cowboystiefeln und Texas-Hut. Der ovale Kopf unter dem Stetson leuchtete wie eine frisch gepflückte Tomate. Wilde Blitze schleuderten aus seinen Augen. Der schmale Mund zwischen Hängebacken war wutverzerrt.

Immer diese Südländer mit ihrem überkochenden Temperament!

In vielen Texaneradern floss auch noch mexikanisches Blut. Weil es sich die Eroberer aus dem Norden während des texanisch-mexikanischen Kriegs anno 1849 zur lieben Gewohnheit gemacht hatten, die Frauen der aus dem Land zu Jagenden zu vergewaltigen und einige davon versehentlich auch noch zu behalten.

In den Geschichtsbüchern bis hoch zur Secondary School findet man derlei Zeitvertreib freilich nicht erwähnt. Die sind heute noch genauso falsch, wie die in der Sowjetunion oder in der »DDR« einst waren.

Jedenfalls glühte Mr. Rhet Bown förmlich! Dummerweise begnügte er sich nicht damit.

»Schlampe!«, stieß er aus und nestelte an seinem Gürtel. Weder für Devon Randers noch für Bount hatte er einen Blick.

Und was er von seinem Gürtel zog, war eine ausgewachsene Bullpeitsche. Die brachte man auch gut durch jeden Zoll. Auch wenn sie in der richtigen Hand ein ebenso mörderisches Instrument wie jede Faustfeuerwaffe war.

Bount bemerkte aus den Augenwinkeln, wie Randers sich blitzschnell verzog. Die grüne Schlange war zur grünen Salzsäule erstarrt und totenblass geworden. Sie stand unmittelbar zwischen ihm und ihrem Produzenten, der ihre Reize offenbar nicht teilen wollte. Zumindest dann nicht, wenn keine Kameras dazu surrten und ihm Geld einscheffelten.

Berufs- und Privatleben gehörte - wie allgemein bekannt - getrennt.

Trotzdem fand Bount sich genötigt, der sogenannten Signorina zu helfen. Teils aus Ritterlichkeit, teils weil er befürchtete, versehentlich selbst einen Schlag abzukriegen.

Denn entgegen der landläufigen Meinung ist eine »Bullpeitsche« nicht dazu da, um Bullen Mores zu lehren. Sie haben ihren Namen vielleicht daher, dass sie aus den Überbleibseln einer Totalkastration von Stieren gefertigt werden. Eine Bullpeitsche war ein mittels eines aufwendigen Fertigungsprozesses aus einem Bullenpenis gewonnenes Produkt.

Und in seiner tödlichen Qualität von einem Kunststofferzeugnis bislang noch nicht übertroffen worden.

Bount blieb nicht die Zeit, kulturhistorische oder gar semantische Betrachtungen bezüglich Peitschen anzustellen. Rhet Bown raste viel zu schnell heran.

Gloria Scerpone dankte ihm mit einem rostig gequietschten Aufschrei dafür, dass er ihr die Beine unterm Hintern wegfegte. Sogar die vier fleißigen Musiker der Combo hatten bemerkt, dass ihre Musik im Moment nicht mehr gefragt war. Sie brachen ihren derzeitigen Sirup-Lovesong mit einer schrillen Dissonanz ab. Der erste Peitschenhieb schnappte kurz vor Reinigers Nase ins Leere.

Er war verdammt gut gezielt gewesen. Nicht Bount hatte »gestreichelt« werden sollen. Und das Schnappen war nur ein leises Schnappen gewesen. Es hätte bei einem Treffer nur einen schmerzhaften Striemen hinterlassen.

Bount sah ganz deutlich, wie Bown in dieser Sekunde seine Meinung änderte, wie er von einer Sekunde auf die andere die Beherrschung verlor, hatte er denn je über eine derart exotische Eigenart verfügt.

Was musste ihm dieser Schnösel im Smoking auch dazwischenfunken bei seinen Erziehungsmaßnahmen! Die offensichtlich ja auch tatsächlich nur seinem neuen Star und privaten Bettwärmer gegolten hatten!

»Bastard!«, stieß er aus. Und als das Nonplusultra aller Steigerungen fügte er hinzu: »Goddamned Yankee!«

Damit war praktisch alles gesagt. Jetzt nahm Bown die Sache persönlich. Nichts mehr mit »Streicheleinheiten«. Die waren jetzt vergessen. Wütend holte er erneut aus.

Für alle Fälle hatte Reiniger die 38er Automatic mitgenommen. Er ließ sie in dem perfekt in den tadellosen Sitz des Smokings eingearbeiteten Schulterholster stecken.

Die meisten Richter waren noch nicht gebildet genug, diese Situation als Notwehrsituation anzuerkennen. Die allermeisten Richter waren auch noch nie der Bearbeitung mit einer Bullpeitsche ausgesetzt gewesen. Obwohl ihnen das vielleicht gar nicht so geschadet hätte auf ihren manchmal doch etwas labyrinthischen Wegen zu ihrer Rechtsfindung.

Warum, dachte Reiniger manchmal, billigt man Angeklagten regelmäßig Milieuschäden zu und nimmt sie in die Urteilsbegründungen auf. Wenn es dem Richter oder dem Attorney gefällt.

Er hatte noch nie davon gehört, dass Milieuschäden von Richtern oder Staatsanwälten jemals in Berufungsverhandlungen geltend gemacht worden wären ...

Vielleicht hätte er doch besser Rechtsanwalt werden sollen?

Eine äußerst müßige Betrachtung in dieser Sekunde zwischen dem ersten Schlag nach Gloria Scerpone und diesem zweiten, unbeherrschteren, der nun zweifellos ihm gelten sollte. Bei voller Wucht.

Bount griff hinter sich. Als exzellenter Beobachter hatte er da bei einem Nebenmann eine leere Champagnerflasche erspäht.

Pommery Brut.

So eine Flasche wog knapp zwei Kilo.

Er bekam sie am Hals zu fassen und schleuderte sie aus dem Handgelenk wie ein Jongleur seine glitzernden Kegel aus Balsaholz.

Bount traf prächtig.

Zwei Kilo Leergut landeten mit dem Flaschenboden voraus auf Rhet Bowns rechter Schulter, von der Physik und ihren Kräften in der Aufprallwucht noch mal maximiert. Der vorschnellende ehemalige Bullenpenis glich sich den veränderten Verhältnissen exakt an.

Sein Ende schnalzte nicht mehr in Bount Reinigers Richtung, sondern zurück.

Ihm gefiel es, haargenau zwischen den Beinen Rhet Bowns aufzutreffen.

Ein Schrei wie von einem Bullen beim Kastrieren. Bown sank so silberhell kreischend auf die Knie, als singe er schon jetzt im Knabenchor.

Kurz darauf verlor er das Bewusstsein.

Die Bar stand greifbar nah für Bount Reiniger. Ein Toast auf die Naturgesetze war überfällig.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908107
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354231
Schlagworte
schiff jenseits york detectives

Autor

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Titel: Schiff ins Jenseits N.Y.D. New York Detectives