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Tony Ballard #86: Lockruf der Zombies

2017 130 Seiten

Leseprobe

Lockruf der Zombies

Dämonenhasser Tony Ballard Band 86

von A. F. Morland


Der Umfang dieses Buchs entspricht 121 Taschenbuchseiten.


Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner.

Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


„Edition A. F. Morland“ ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2017



Prolog

Wir rasten über das Meer. Die zwölf Boote bildeten eine breite Kette. Es wurde auf Sichtkontakt gefahren. Außerdem standen wir mit den einzelnen Mannschaften in ständiger Funkverbindung.

Der Einsatz war mit zwei Gruppen gestartet worden. Gruppe I unterstand meinem Kommando und befand sich auf der Suche nach den Geisterpiraten, die Roy Cassidy, einen jungen Taucher, in ihre Gewalt gebracht hatten. Gruppe II sollte den Schatz der toten Seelen bergen und ins Museum des kleinen schottischen Fischerdorfes Cullkirk schaffen.



1

Wir suchten das Geisterschiff mit Radar und Echoloten. Neben mir stand Mr. Silver. Er stützte sich auf das Höllenschwert, das er dem Geierdämon Ammorgh abgenommen hatte. Es hatte ihm im Kampf gegen die Geisterpiraten bereits wertvolle Dienste geleistet, und es würde ihm noch nützlicher sein, wenn er sich auf den gefahrvollen Weg zum Tunnel der Kraft machte, den es irgendwo in einer Dimensionsfalte gab und in dem er wiedererstarken konnte.

Es herrschte eine leichte Dünung. Die Bootskette war links außen von Frank Esslin und seinem Kollegen Marvin Nelson flankiert. Ganz rechts außen fuhr Professor Lance Selby mit seiner Freundin Oda, der weißen Hexe, die seit einiger Zeit ebenfalls zu meinem Team gehörte. Oda versuchte die Spur der Piraten, die von der schwarzen Macht zum Leben erweckt worden waren, auf ihre Weise zu finden.

Mit ihren übernatürlichen Kräften tastete sie die See ab.

Wir wussten nicht, ob die schwarzen Piraten sich immer noch unter Wasser befanden oder inzwischen mit ihrem Wrack – das gänzlich fahruntüchtig war, sich aber allen irdischen Gesetzen zum Trotz dennoch vorwärtsbewegte – aufgetaucht waren.

Ich rufe es nur noch mal kurz in Erinnerung: In Cullkirk existiert eine Legende. Man erzählt von Kapitän Nimu Brass, der als Pirat ein wahrer Teufel gewesen sein soll.

Nirgendwo auf den Weltmeeren war ein Schiff vor ihm und seiner grausamen Mannschaft sicher gewesen. Als er eines Tages so vermessen war, sich mit den Göttern anzulegen, schickten sie ihm einen Orkan, der sein Schiff gegen die Klippen in der Nähe von Cullkirk schleuderte. Es sank mit Mann und Maus. Und von der Zeit an sprach man vom Schatz der toten Seelen, der auf dem Meeresgrund liegen sollte. Viele versuchten im Laufe der Jahre ihn zu heben, doch niemand fand ihn. Da versuchten drei junge Taucher ihr Glück: Roy Cassidy, Jimmy MacKenzie, der Sohn des Bürgermeisters und Charlie le Mat.

Und sie hatten das Pech den Schatz zu finden, den ein schwarzer Strudel für sie freilegte. Wer für diesen Strudel verantwortlich war, entzog sich unserer Kenntnis.

Es stand nur fest, dass die schwarze Macht mal wieder schrecklich Regie führte. Sie ließ die toten Piraten wieder aufstehen, und diese Seeräuber schnappten sich einen der drei Taucher.

Sie holten ihn zu sich aufs Schiff, hissten ein zerfetztes Segel und machten sich unter Wasser davon.

Mr. Silver und ich wollten es verhindern, doch Kapitän Nimu Brass schickte uns fünf Zombie-Piraten entgegen, mit denen wir uns unter Wasser herumschlagen mussten, und als wir diese Gegner endlich erledigt hatten, war an eine Verfolgung des Geisterschiffes nicht mehr zu denken.

Jedenfalls nicht schwimmend.

Deshalb kehrten wir nach Cullkirk zurück und stellten eine Suchmannschaft auf die Beine, und mit der war ich nun unterwegs, um Roy Cassidy zurückzuholen. Es war fraglich, ob uns das gelingen würde. Nach wie vor war von den Zombie-Piraten nichts zu entdecken.

Ich warf einen Blick über meine rechte Schulter. Hinter mir stand Cary Cassidy, der Vater des Jungen. Der Mann stand seelische Höllenqualen aus. Sein Gesicht war bleich, er nagte ununterbrochen an seiner Unterlippe. Die Angst um seinen Sohn hatte ihm tiefe Furchen ins Gesicht gegraben.

Ich nickte ihm zu, um ihm Mut zu machen. »Wir finden die Geisterpiraten, Mr. Cassidy. Sie kriegen Ihren Jungen wohlbehalten wieder.«

Er erwiderte das Nicken, denn er wollte mir glauben. Aber wir wussten beide, dass ich ein leeres Versprechen gegeben hatte. Ich konnte schließlich nicht wissen, ob Roy Cassidy überhaupt noch lebte.

Ich konnte es nur hoffen.

Der arme Junge. Ich konnte mir vorstellen, wie er sich fühlte, und ich fragte mich bange, was die schwarzen Piraten mit ihm vorhatten – vorausgesetzt er war noch nicht tot …

Ich funkte zu Lance Selby und Oda hinüber. »Hallo, ihr beiden!«

»Ja, Tony!«, meldete sich Lance.

»Gib mir mal Oda.«

»Hier ist Oda«, meldete sich sofort die weiße Hexe.

»Konntest du mit deiner übersinnlichen Antenne schon einen schwarzmagischen Impuls auffangen?«, erkundigte ich mich.

»Leider nein, Tony, sonst hätte ich mich sofort gemeldet.«

»Mist! Glaubst du, dass wir den richtigen Kurs haben?«

»Ich hoffe es.«

»Mädchen, streng dich an. Du weißt, was auf dem Spiel steht«, sagte ich eindringlich.

Da wir wesentlich schneller unterwegs waren als das Geisterschiff fahren konnte, kam bald der Zeitpunkt, wo wir die Zombie-Piraten eingeholt haben müssten.

Es war aber nicht der Fall. Fehlanzeige. Also gab ich Befehl, den Kurs zu ändern und die See etwas versetzt in entgegengesetzter Richtung durchzukämmen.

Die schwarzen Piraten mussten einfach hängenbleiben, verflucht noch mal.

Wir hatten auch meine Freundin, die blonde Schriftstellerin Vicky Bonney, an Bord. Fast das gesamte Ballard-Team war nach Cullkirk gekommen, und das aus zwei Gründen: Erstens, um Frank Esslin wiederzusehen, der von Amerika nach Schottland herübergekommen war, um in erster Linie den sechzigsten Geburtstag seines Kollegen Marvin Nelson – sie arbeiteten beide für die WHO, die Weltgesundheitsorganisation – zu feiern.

Zweitens wollten wir alle zusammen an der 800-Jahr-Feier von Cullkirk teilnehmen.

Vom Team fehlten nur drei Personen: Vladek Rodensky, der Wiener Brillenfabrikant. Tucker Peckinpah, mein Partner, der seiner Geschäfte wegen in London bleiben musste. Und Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, die irgendwo zwischen den Dimensionen umherirrte, um endlich einen Weg zum Tunnel der Kraft zu finden.

Vickys blonde Mähne wehte wie eine Fahne im Wind. Mr. Silver machte ihr Platz. Sie trat neben mich und blickte mich mit ihren veilchenblauen Augen an.

Sie sagte kein Wort, aber ich verstand ihre unausgesprochene Frage: Wie lange werden wir noch erfolglos über das Meer rasen?

Ich zuckte die Schultern.

Wir brauchten nicht immer zu reden. Wir kannten einander schon so lange, dass wir uns auch ohne Worte blendend verstanden.

Mr. Silver übernahm das Steuer. Cary Cassidy boxte mit der geballten Reckten in die offene Linke. »Halte durch, mein Junge. Wir werden dir bald beistehen!«, murmelte er. »Lass dich von diesen gottverdammten Teufeln nicht unterkriegen! Wir kommen!«

Mir fiel der miese Reporter ein. Jack Margolin war sein Name. Er hatte Cary Cassidy viel Geld versprochen, wenn er ihm das Recht für eine Exklusivstory einräumte. Der leidende Vater hatte meiner Ansicht nach das einzig Richtige getan: Er hatte Margolin einen gewaltigen Kinnhaken versetzt.

Aber Margolin war eine Filzlaus.

So leicht gab der ölige Reporter nicht auf. Ich sah ihn auf dem Nachbarboot. Er hielt sich wohl für eine Art Reporter des Satans. Immer auf der Jagd nach Sensationen, die er dann nach seinem Geschmack aufbauschte. Immer allen seinen Kollegen um eine Nasenlänge voraus.

Aus dem Lautsprecher kam Lance Selbys aufgeregte Stimme: »Tony! Hallo, Tony! Bitte kommen!«

»Hier bin ich!«

»Ich glaube, Oda hat was entdeckt!«

»Die Radarschirme zeigen nichts an.«

»Oda ist besser als jedes Radargerät«, behauptete Lance.

»Das will ich nicht bestreiten. Gib sie mir noch mal!«

»Sie sind vor uns, Tony!«, berichtete die weiße Hexe.

»Weit vor uns?«

»Ja.«

»Über Wasser oder unter Wasser?«, wollte ich wissen.

»Sie fahren jetzt auf dem Meer. Wir bewegen uns genau auf sie zu.«

»Na wunderbar. Dann müssen sie ja bald auf unseren Radarschirmen erscheinen.« Ich gab an alle Motorboote durch, den derzeitigen Kurs beizubehalten. Dann wandte ich mich an Cary Cassidy und sagte: »Jetzt haben Sie und Ihr Junge es bald überstanden.«



2

Vier Boote erreichten die Stelle, wo die drei jungen Leute nach dem Schatz der toten Seelen getaucht hatten.

Atax, die Seele des Teufels, hatte den Höllenzauber inszeniert. Inzwischen hatte sich der Geschlechtslose zurückgezogen und den Dingen ihren Lauf gelassen.

Aber es bestand noch eine schwarzmagische Verbindung, über die er sich laufend über den Stand der Dinge informieren konnte. Da er am Gold der schwarzen Piraten nicht interessiert war, ließ er es zu, dass die Menschen es bargen.

Jimmy MacKenzie und Charlie le Mat hatten die vier Boote dorthin dirigiert, wo sich der Schatz befand. Während sechs Froschmänner ins Wasser sprangen, sagte Jimmy: »Um nichts in der Welt würde ich noch mal daruntergehen.«

»Ich auch nicht«, gab Charlie le Mat zu. Er fuhr sich mit den Fingern durch das dunkle Haar. »Und dabei bildete ich mir ein, das Zeug zum Dämonenjäger zu haben. Ich stellte es mir großartig vor, so zu werden wie Tony Ballard. Nun weiß ich, dass ich niemals so viel Mut aufbringen könnte wie dieser Mann. Wenn man gegen die schwarze Macht kämpfen will, muss man aus einem besonders harten Holz geschnitzt sein, und das bin ich leider nicht. Das hat mich die Erfahrung gelehrt. Als dieser Zombie-Pirat mich an der Gurgel packte, glaubte ich vor Angst den Verstand zu verlieren.«

»Wenn ich an deiner Stelle gewesen wäre, hätte ich ihn verloren«, gestand Jimmy, ohne sich zu schämen. »Es war ein Glück für mich, dass dieser schwarze Strudel mich ausspie.«

»Das hätte uns eine Warnung sein sollen«, sagte Charlie le Mat. »Roy und ich hätten uns zurückziehen müssen. Aber ein Befehl – jetzt glaube ich zu wissen, dass er von außen kam – veranlasste uns, weiterzuschwimmen, und so gingen wir den schwarzen Piraten in die Falle. Herrgott noch mal, ich hätte Roy so gern aus der Klemme geholfen, aber es war mir nicht möglich.«

»Du musst dir deswegen keine Vorwürfe machen, Charlie«, tröstete ihn der Freund. »Wenn es nicht einmal Tony Ballard und Mr. Silver schafften, Roy zu befreien, hattest du noch viel weniger Chancen.«

Charlie blickte aufs offene Meer hinaus. »Ich drücke dir die Daumen, Roy. Wo immer du jetzt sein magst, ich bin in Gedanken bei dir und wünsche dir alles Glück dieser Welt.«

»Gruppe I wird die Geisterpiraten finden«, sagte Jimmy MacKenzie zuversichtlich. »Ich bin sicher, dass wir unseren Freund schon bald wiedersehen werden.«

»Und die Zombie-Piraten?«

»Die werden von Tony Ballard und Mr. Silver erledigt.«

»Nimu Brass und seine Leute sind in der Überzahl.«

»Irgendwie werden es die Dämonenjäger dennoch schaffen. Es ist ja Verstärkung zu ihnen gestoßen. Frank Esslin und Professor Lance Selby haben große Erfahrung im Kampf gegen Höllenwesen. Und Oda ist überhaupt eine weiße Hexe mit übernatürlichen Fähigkeiten. Sie alle sind den Zombie-Piraten ebenbürtige Gegner. Nimu Brass wird keinen leichten Stand haben, das sage ich dir.«

»Würde mich freuen, wenn dieser Teufel mit seiner Mannschaft vor die Hunde ginge.«

»Vor die Höllenhunde«, sagte Jimmy MacKenzie und grinste.

Die Freunde beugten sich über die Reling und blickten ins Wasser. Sie sahen zwei Taucher, die der Meeresoberfläche zustrebten. Zwischen ihnen befand sich etwas: eine Truhe.

Sie hatten die Kiste nicht – wie Roy Cassidy es tun wollte – ausgeräumt, sondern brachten sie samt Inhalt hoch.

Charlie le Mat und Jimmy MacKenzie machten Platz. Ein Tau wurde ins Wasser gelassen. Die Taucher knoteten es um die Schatztruhe. Mit Hilfe einer kleinen Motorwinde wurde die alte Holzkiste an Bord geholt.

Jemand öffnete den Deckel, und alle Umstehenden rissen überwältigt die Augen auf, als sie die gleißende Pracht erblickten. Goldmünzen, Juwelen, Geschmeide. Das Raubgut vieler Jahre lag vor den Männern aus Cullkirk.

Es wurden insgesamt drei Truhen geborgen. Auch die beiden anderen waren so prall gefüllt wie die erste.

»Der Schatz der toten Seelen«, sagte jemand grinsend. »Jetzt gehört er uns.«

Aber Charlie le Mat und Jimmy MacKenzie waren nicht sicher, ob das als Glücksfall anzusehen war. Sie wussten nicht, ob man sich darüber freuen durfte.

Das Gold, an dem das Blut vieler unschuldiger, unglücklicher Menschen klebte, wurde nach Cullkirk gebracht. Es gab da ein Heimatmuseum, in dem man den Schatz stolz präsentieren wollte.

Charlie le Mat blieb vor dem Museum stehen. Er seufzte schwer. »Angenommen, Tony Ballard und seine Freunde können die Zombie-Piraten nicht unschädlich machen, Jimmy, was dann?«

Jimmy MacKenzie hob die Schultern. »Ich weiß nicht, worauf du hinauswillst.«

»Cullkirk kann den Schatz der toten Seelen nur dann als sein Eigentum betrachten, wenn Nimu Brass und seine Leute nicht mehr existieren. Im anderen Fall werden die Geisterpiraten wohl schon bald ihre Besitzansprüche geltend machen.«

Jimmy sah den Freund erschrocken an. »Du meinst, die schwarzen Piraten könnten sich ihr Gold wiederholen?«

Charlie le Mat nickte besorgt. »Ja, Jimmy, das befürchte ich.«



3

Meine Spannung wuchs. Ich brannte darauf, den Piratenkapitän Nimu Brass wiederzusehen. Unter Wasser war es uns nicht gelungen, an ihn heranzukommen.

Auf dem Wasser waren unsere Chancen unvergleichlich größer, denn hier konnte ich gegen die Zombies nicht nur meinen magischen Ring einsetzen, sondern alle Waffen, dich ich bei mir trug: den mit geweihten Silberkugeln geladenen Colt Diamondback, die superflache Weihwasserpistole, den magischen Flammenwerfer, der wie ein gewöhnliches silbernes Feuerzeug aussah, und den Dämonendiskus, den ich um den Hals trug und der meine stärkste Waffe war.

Auch Vicky Bonney war aufgeregt. Ich hatte sie in Cullkirk lassen wollen, doch sie hatte ihren Dickkopf wieder einmal durchgesetzt und war mitgekommen.

Nicht, dass ich sie nicht gern bei mir gehabt hätte, ich war nur um ihre Sicherheit besorgt und hielt sie nach Möglichkeit von allen Gefahren fern.

Sie war meine Achillesferse. Das wussten meine Gegner. Deshalb war Vicky schon oft das Ziel heimtückischer Angriffe gewesen, die in der weiteren Folge mich treffen sollten.

Ich konnte sie leider nicht immer vor Bösem bewahren. Das wäre wohl nur dann möglich gewesen, wenn ich mich von ihr getrennt hätte, und das kam für uns nicht in Frage.

Da lebten wir lieber mit der Gefahr im Nacken.

Cary Cassidy starrte gebannt auf den Radarschirm. Vom Geisterschiff war immer noch nichts zu sehen.

Ich legte dem Mann meine Hand auf die Schulter. »Kopf hoch, Mr. Cassidy. Es kann sich nur noch um Minuten handeln.«

Er schaute mich beunruhigt an. »Sie dürfen nichts tun, was das Leben meines Jungen gefährdet, Mr. Ballard. Versprechen Sie mir das?«

»Selbstverständlich, Mr. Cassidy.«

»Nimu Brass hat mit Roy einen großen Trumpf in seiner Hand.«

»Dessen sind wir uns bewusst«, sagte ich. »Sie müssen Vertrauen zu uns haben, Mr. Cassidy. Wir tun so etwas schließlich nicht zum ersten Mal. Erst kürzlich befreiten wir zwei Menschen aus den Klauen eines gefährlichen Geierdämons. Wir wissen, wie man so eine Sache anpackt.«

Cary Cassidy wischte sich mit einer fahrigen Handbewegung über die Augen.

»Ich wollte, es wäre bereits alles vorbei, und ich könnte meine Arme um meinen Jungen legen.«

»Dazu kommt es noch. Haben Sie noch ein wenig Geduld.«

Cassidy lächelte dünn. »Sie wissen nicht, was Sie von mir verlangen, Mr. Ballard.«

Ich nickte. »Doch, das weiß ich.«

Vicky Bonney suchte das Meer vor uns mit einem Fernglas ab. »Vielleicht kann kein Radargerät das Geisterschiff erfassen«, meinte sie.

»Das ist natürlich auch möglich«, sagte ich. »Darf ich mal?«

Sie überließ mir das Fernglas. Ich schaute hindurch. Vor uns lag eine endlose Weite. Vom Geisterschiff war nichts zu sehen. Ich setzte mich erneut mit Oda in Verbindung.

»Sind wir noch richtig?«, wollte ich wissen.

»Ja, Tony. Der Kurs stimmt.«

»Wieso haben wir das Geisterschiff noch nicht auf unserem Radarschirm?«

»Weil die Entfernung zu groß ist«, antwortete Oda.

»Du bist der Meinung, wir halten genau darauf zu.«

»Richtig, Tony.«

»Verdammt, ich wollte, wir wären schon da.«



4

Der Piratenkapitän hatte ihn zum Tod verurteilt, weil er sich am Schatz vergriffen hatte. Hängen sollte Roy Cassidy.

Immer noch lehnte sich alles in diesem dagegen auf, aber er konnte nichts mehr tun. Er hatte zu fliehen versucht, und beinahe wäre es ihm geglückt, ins Meer zu springen. Aber dann hatte sich ein Geisterpirat auf seine Beine geworfen, und damit war sein Schicksal besiegelt gewesen.

Nun stand er zitternd auf einem Fass. Eine Schlinge war um seinen Hals zugezogen worden, der dicke Hanfknoten stand seitlich ab.

Und Nimu Brass hatte soeben den Fuß an das Fass gesetzt, um es unter Roys Beinen wegzustoßen.

Der bärtige Kapitän grinste breit. Er war Atax dankbar, dass er ihn wiedererweckt hatte und ihm damit die Gelegenheit bot, sich weiterhin um die Hölle verdient zu machen, wie er dies früher, in grauer Vorzeit, getan hatte.

In diesem Moment verfinsterte sich Brass’ Miene.

Jetzt!, dachte Roy verzweifelt. Jetzt stößt er das Fass weg. Du wirst nach unten fallen. Die Schlinge wird sich zu ziehen. Der Ruck wird dir das Genick brechen.

Der Untote wollte es tun.

Da schrie einer der Piraten: »Schiff in Sicht! Backbord! Schiff in Sicht!«

Nimu Brass ließ das Bein sofort sinken. Er war Seeräuber. Es war lange her, dass er ein Schiff überfallen hatte. Endlich bot sich ihm wieder mal die Chance dazu.

Roy Cassidy konnte er später immer noch aufknüpfen. Das war nicht so wichtig. Er trat vom Fass zurück. »Holt den Jungen herunter!«, schnarrte er. »Er wird später hängen!«

Ein Aufschub, dachte Roy bebend. Soll ich mich darüber freuen? Ich war vorhin nahe daran, mich mit dem Sterben abzufinden. Warum hat er’s nicht getan, dann hätte ich es jetzt hinter mir. So werde ich diese schreckliche Angst noch einmal ertragen müssen.

Ein Zombie sprang auf das Fass, riss die Schlinge auf und streifte sie über Roys Kopf.

»Bringt ihn unter Deck!«, kommandierte Nimu Brass. Er bestimmte zwei Piraten, die auf Roy aufpassen sollten.

Der Junge wurde vom Fass heruntergerissen und fortgezerrt. Er brauchte kaum zu laufen, die Geisterpiraten schleiften ihn einfach mit.

»Mein Fernrohr!«, brüllte Nimu Brass.

Es wurde ihm gebracht. Er zog es aus und richtete es dorthin, wo das Schiff war, das sie entern würden.

Es handelte sich um einen Dampfer namens CALYPSO. Schwer stampfte er durch die Fluten. Dem Kapitän lachte sein schwarzes Herz. »Endlich«, sagte er begeistert. »Endlich ist es wieder so wie früher.«

»Machen wir Gefangene?«, fragte der erste Maat.

Nimu Brass setzte das Fernrohr ab, wandte sich ihm zu und schüttelte mit grausamer Miene den Kopf. »Nein. Keine Gefangenen. Wir ziehen über die Seeleute wie ein Todesgewitter her. Man soll vor uns wieder zittern, so wie einst. Los, jeder geht auf seinen Posten. Ich hoffe, ich habt noch nichts verlernt.« Der Kapitän lachte rau. »Das wird ein Blutfest, wie es schon lange keines mehr gegeben hat!«



5

Ich zog meinen Colt Diamondback aus der Schulterhalfter und ließ die Trommel rotieren, wobei ich in jede Kammer einen Kontrollblick warf, um sicherzugehen, dass die Waffe vollgeladen war.

Es fehlte keine einzige Silberpatrone.

Seit Mr. Silver die übernatürlichen Kräfte nicht mehr zur Verfügung standen, trug er meinen Reserve-Colt in seinem Gürtel. Er ließ die Waffe jetzt jedoch unbeachtet. Er wollte im Kampf gegen die schwarzen Piraten das Höllenschwert einsetzen, das im Vergleich mit geweihten Silberkugeln wesentlich besser abschnitt.

Es war auf dem Amboss des Grauens geschmiedet worden und bestand aus einem Material, das es auf der Erde nicht gibt – genau wie mein Diskus.

Das Schwert lebte auf eine seltsame, geheimnisvolle Weise und akzeptierte nicht jeden als Besitzer. Man musste es sich mit starker Willenskraft untertan machen. Gelang das einem nicht, so richtete sich das Höllenschwert gegen ihn und tötete ihn.

Als Mr. Silver das Schwert zum ersten Mal in die Hand nahm, stockte mir der Atem, denn es war keineswegs sicher, dass er in seinem derzeitigen Zustand die Kraft aufbringen würde, über das Schwert zu herrschen. Aber er schaffte es, und seither gehorchte ihm diese ungemein starke Waffe. Sie würde ihm auf dem Weg zum Tunnel der Kraft eine wertvolle Hilfe sein.

Wir hatten vereinbart, diesen mit Gefahren gespickten Weg gemeinsam zu beschreiten, und wir warteten täglich auf eine Meldung aus dem Jenseits, die uns Roxane zukommen zu lassen versprochen hatte, sobald sie den Tunnel entdeckt hatte.

Bis jetzt hatte die abtrünnige Hexe nichts von sich hören lassen. Ich hoffte, sie war nicht in unüberwindliche Schwierigkeiten geraten.

Sehr auf der Hut sein musste sie vor Mago, dem Schwarzmagier, denn er jagte mit seinen grausamen Schergen abtrünnige Hexen. Wenn sie ihm auf ihrem Weg durch die Dimensionen begegnete, hatten wir davon nicht einmal eine Ahnung und würden nicht in der Lage sein, ihr beizustehen.

Ich hoffte, dass der Schwarzmagier zurzeit anderweitig beschäftigt war. Sein Betätigungsfeld war riesig. Es erstreckte sich über alle Dimensionen, denn überall gab es Hexen, die sich vom Bösen abgewandt hatten und sich an einsamen, abgelegenen Orten versteckten. Sie aufzustöbern und mit dem Tod zu bestrafen, war Magos Aufgabe, die er mit einer wahren Begeisterung erfüllte.

Mein Blick streifte einmal mehr den Radarschirm. Vom Geisterschiff war immer noch nichts zu sehen, aber wenn Oda behauptete, wir würden uns ihm geradewegs nähern, hatte ich keinen Grund, daran zu zweifeln.

Vicky griff nach meiner Hand und drückte sie fest.

»Wenn wir das Geisterschiff erreichen, bleibst du hier«, sagte ich zu meiner Freundin. Ich wandte mich an Cary Cassidy. »Das gleiche gilt für Sie, Mr. Cassidy. Sie dürfen dieses Boot nicht verlassen. Sie müssen immer daran denken, dass Sie für Roy nichts tun können. Helfen können nur wir Ihrem Jungen. Wenn Sie sich unnötig in Gefahr begeben, ist das keine Hilfe für Roy. Wir wollen nicht, dass am Ende er frei ist und Sie tot sind, nicht wahr?«

»Seien Sie unbesorgt, Mr. Ballard«, erwiderte Cary Cassidy. »Ich komme Ihnen nicht in die Quere.«

Das hieß für mich nicht, dass er nicht die Absicht hatte, sich am Kampf gegen die schwarzen Piraten zu beteiligen, deshalb formulierte ich meine Frage so, dass er nur mit Ja oder Nein antworten konnte: »Werden Sie auf diesem Boot bleiben und auf Miss Bonney aufpassen?«

»Ja, Mr. Ballard«, sagte er, und ich atmete erleichtert auf.



6

Der Kapitän der CALYPSO schob sich die selbstgestrickte Wollmütze in die Stirn. Er verließ die Brücke. Sie kamen von den Orkney-Inseln und hatten Erz an Bord. Ihr Zielhafen war Edinburgh.

Richard Adams, der Kapitän, freute sich schon auf seine Familie. Bis die CALYPSO wieder auslief, würden zwei Wochen vergehen. Vierzehn Tage, die Adams mit seiner Frau und seinem sechzehnjährigen Jungen verbringen würde.

Er war viel unterwegs. Deshalb lebte er mit seiner Familie in der Zeit, in der er zu Hause war, intensiver als ein anderer Mann. Da gab es keinen Leerlauf und keine Langeweile. Jede Minute war genau verplant. Versäumtes wurde nachgeholt, und einiges wurde vorausgelebt, bevor es wieder ans Abschiednehmen ging.

Wenn man sich einmal daran gewöhnt hatte, war dieses Leben nicht so schlecht. Es gab niemals Streit in Adams’ Familie, denn dafür war niemals Zeit.

Jeder freute sich auf den andern, und mit jedem Abschied stellte sich nicht Traurigkeit ein, sondern die Freude auf ein Wiedersehen.

Adams begab sich zum Achterdeck. Bill O’Hara, der blonde Funker, kam ihm entgegen. Die beiden waren seit Jahren befreundet. Auch an Land waren sie häufig zusammen. Bill gehörte – da er Junggeselle war – schon beinahe zur Familie.

»Na, Bill, alles in Ordnung?«

»Alles in Butter, Kapitän«, sagte O’Hara.

»Janice wird uns bald wieder ihren phantastischen Plumpudding vorsetzen.«

Bill O’Hara rollte die Augen, massierte mit verklärter Miene seinen Magen und machte: »Mmmmh!«

»Wann wirst du dir endlich auch ein Eheweib suchen?«, fragte Adams schmunzelnd.

»Willst du damit durch die Blume ausdrücken, dass ich dir langsam zur Last falle?«

»Aber nein. Ich finde nur, dass du allmählich den Hafen der Ehe ansteuern solltest. Sonst wirst du noch ‘ne alte Jungfer.«

Bill lachte. »Dann wäre ich ein medizinisches Wunder.«

»Du solltest dich wirklich nach einer Frau wie Janice umsehen«, riet der Kapitän dem Freund. »Wenn du heimkommst, findest du keine öde, leere Wohnung vor, sondern dich empfängt ein liebes, zärtliches Wesen, das sich darüber freut, dass die Trennung zu Ende ist, dich verwöhnt und sich zärtlich an dich schmiegt.«

Bill nickte. »Eine Frau wie Janice würde ich mir auch nicht entgehen lassen. Aber die hast du dir ja schon geangelt. Und was bleibt für mich? Der Rest.«

»Hör mal, es muss sich doch auch darunter etwas Passendes für dich finden lassen.«

»Ich hab’ ‘ne Macke. Immer wenn ich mit einer Frau zusammen bin, vergleiche ich sie mit Janice.«

»Das ist ein Fehler.«

»Das weiß ich, aber ich kann’s nicht ändern. Mir ist klar, dass ich auf diese Weise nie zu einer Frau kommen werde, aber so ist’s nun mal mit mir. Niemand kann über seinen Schatten springen. Hat Janice nicht zufällig eine Zwillingsschwester, die ihr bisher vor mir verborgen habt?«

Der Kapitän grinste. »Leider nein.«

»Tja, dann bleibt mir wohl nichts Anderes übrig, als dir deine Frau auszuspannen. Tut mir schrecklich leid, Kumpel.«

»Das schaffst du nicht.«

»Und wieso nicht?«

»Weil Janice mich viel zu sehr liebt. Die sieht keinen anderen Mann an.«

»Ich weiß, dass sie mich mag.«

»Als Freund, ja. Aber mehr ist da nicht drin.«

»Es muss ein herrliches Gefühl sein, sich der Liebe seiner Frau so sicher sein zu können, Richard. Ich beneide dich.«

Richard Adams schmunzelte. »Ja, Bill, manchmal beneide ich mich sogar selbst ein bisschen.«

Bill O’Haras Mund klappte auf einmal auf. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er an seinem Freund vorbei.

Der Kapitän lachte. »Sag mal, ist dir eine Meerjungfrau erschienen?«

»Mensch, Richard, ich glaube, ich spinne. Sieh dich mal um. Wenn du dasselbe siehst wie ich, müssen wir beide verrückt sein.«

Adams wandte sich um, und dann weiteten sich auch seine Augen. »Das gibt’s nicht. Das darf nicht wahr sein!«

Fassungslos starrten die beiden Männer auf das alte, schäbige Wrack, das mit gebauschtem, zerfetztem Segel auf die CALYPSO zufuhr.

»Wie kann das Ding denn in diesem Zustand überhaupt noch schwimmen?«, presste Bill O’Hara heiser hervor.

»Frag mich was Leichteres«, antwortete Richard Adams.

»Ein Schiff … Ein Geisterschiff … Unbemannt … Mein Gott, wann hat man solche Schiffe gebaut? Das ist ja schon gar nicht mehr wahr! Kneif mich, Richard. Ich möchte wissen, ob ich wach bin oder träume.«

»Du bist wach«, sagte der Kapitän.

Auch die übrige Mannschaft wurde auf das Geisterschiff aufmerksam. Aufgeregte Rufe gellten über das Deck.

»Was tun wir denn jetzt?«, fragte Bill O’Hara.

»Wir müssen uns um das Schiff kümmern«, sagte Richard Adams. »Und wir müssen es melden.«

»Man wird uns für verrückt halten.«

»Wir werden es dennoch melden. Denk an die Folgen, wenn es hier mal neblig ist. Es könnte zu einer Katastrophe kommen.«

»Vielleicht lässt sich Bergungsgeld verdienen«, sagte O’Hara. »Kann sein.«

»Ja, aber wer sollte es bezahlen?«

»Irgendjemandem muss dieses Schiff doch gehören.«

»So, wie es aussieht, hat es schon lange keinen Eigner mehr«, sagte der Funker. »Es muss lange Zeit auf dem Meeresgrund gelegen haben.«

»Und plötzlich kommt es wieder hoch? Das glaubst du doch selbst nicht.«

»Wenn ich bloß wüsste, was ich mir dabei denken soll!«, seufzte O’Hara. »So ein altes, unheimliches Schiff. Ich kriege eine Gänsehaut, wenn ich mir diesen Geisterkahn noch eine Weile ansehe. Erinnerst du dich an Geoffrey Drake, den alten Multimillionär, der im vergangenen Jahr starb?«

»Klar. Wie kommst du auf einmal auf den?«

»Er ließ doch die klapprigsten Oldtimer zu wahren Raketen umbauen.«

»Oh, jetzt begreife ich, worauf du hinauswillst, Bill. Du denkst, jemand könnte mit diesem Wrack dort das gleiche getan haben.«

»Warum nicht?«

»Geoffrey Drake lebt nicht mehr.«

»Er war nicht der einzige verschrobene Multimillionär.«

»Wenn wir an Bord des Geisterschiffes gewesen sind, werden wir mehr wissen«, sagte Richard Adams, kehrte auf die Brücke zurück und sprach über die Bordanlage zu seiner Mannschaft. »Kein Grund zur Panik, Männer!«, rief er ins Mikrofon. »Ich brauche ein paar Freiwillige, die sich mit mir auf das Wrack begeben. Wir sehen uns den Kahn gründlich an und fragen schließlich die Seefahrtsbehörde, was damit geschehen soll. Meiner Ansicht nach sollte es hier nicht weiter herrenlos herumfahren, da es eine Gefahr für andere Schiffe darstellt. Kann sein, dass man uns bittet, es aufzubringen. Ich erwarte die Freiwilligen in zwei Minuten auf dem Achterdeck. Das war’s, Leute.«

Der Steuermann wiegte bedenklich den Kopf. »Wenn das bloß gutgeht, Kapitän.« Er war bekannt für seinen tiefen Aberglauben, und er wusste die unheimlichsten Geschichten zu erzählen. Adams hielt das alles nur für – manchmal zugegeben recht gut geknüpftes – Seemannsgarn.

»Ein Geisterschiff auf unserer Route«, brummte der Steuermann besorgt. »Ich hab’ mal von einem Dampfer gehört, der auch so einem unheimlichen Kahn begegnete …«

»Und? Was ist passiert?«

»Den Dampfer fand man wieder, aber die gesamte Mannschaft war verschwunden. Hoffentlich ergeht es uns nicht genauso.«

Adams lächelte. »Dann kriegen wir vielleicht heraus, wo die andere Mannschaft abgeblieben ist.«

Der Steuermann bekreuzigte sich furchtsam. »Damit sollte man nicht scherzen, Kapitän«, sagte er leise.

Richard Adams eilte zum Achterdeck. Sechs starke, entschlossene Männer warteten da auf ihn. Und Bill O’Hara, der all seinen Mut zusammennehmen musste, um dabei zu sein.

»Fährt sehr großzügig, dein Oldie«, sagte der Kapitän zu ihm.

»Hast du eine bessere Erklärung dafür, dass dieses Wrack schwimmt?«, erwiderte der Funker mürrisch.

»Noch nicht«, entgegnete der Kapitän. »Aber bald.«

»Das Geisterschiff verlangsamt seine Fahrt!«, stellte O’Hara fest. Er schüttelte sich. »Spürst du die Kälte, die von drüben herüberweht, Richard?«

»Das bildest du dir bloß ein.«

»Ich sage dir, hier geht es nicht mit rechten Dingen zu. Lass uns unser Vorhaben lieber vergessen.«

»Das ist unmöglich. Wir sind verpflichtet, uns um dieses Schiff zu kümmern, Bill, das weißt du doch. Es gibt Vorschriften, an die ich mich halten muss. Was beunruhigt dich?«

»Diese unheimliche Stille«, sagte O’Hara. »Fällt dir nicht auf, wie düster es auf dem Geisterschiff ist?«

»Das Segel wirft einen Schatten auf das Deck.«

Der Funker zog die Luft durch die Nase ein. »Riechst du das, Richard?«

»Nein.«

»Leichengeruch. Da weht ein Leichengeruch zu uns herüber.«

»Jetzt reicht’s aber!« sagte der Kapitän unwirsch. »Hör zu, es ist mir egal, ob du mit nach drüben kommst oder hierbleibst. Wenn du denkst, das halten deine Nerven nicht aus, dann bleib eben auf der CALYPSO. Ich muss mir dieses Schiff ansehen.«

»Und ich komme mit. Soll ich dir verraten, für wen ich das tue? Für Janice. Und für deinen Jungen. Damit sie ihr Familienoberhaupt nicht verlieren. Wenn’s mich erwischt, ist’s halb so tragisch. Dann zerdrücken einige Mädchen ein paar Tränen und trösten sich mit einem anderen Mann.«

Adams zog die Brauen zusammen. »Allmählich wird es bei dir zur fixen Idee, dass auf dem Wrack eine Gefahr lauert.«

O’Hara nickte bestimmt. »Das tut sie. Darauf kannst du dich verlassen, Richard.«

Zehn Meter lagen nur noch zwischen der CALYPSO und dem unheimlichen Wrack. Der Funker spürte die Gefahr mit jeder Faser seines Körpers, aber er sagte nichts mehr.

Richard Adams legte die Hände trichterförmig an den Mund und schrie nach drüben. Er erwartete keine Antwort und wurde nicht enttäuscht. Totenstille lastete auf dem Geisterschiff. Nichts regte sich. Kein Mensch war zu sehen.

Die Distanz verringerte sich laufend. Jede Einzelheit des geheimnisvollen Wracks war jetzt schon zu erkennen.

»Fertigmachen zum Entern«, sagte Kapitän Adams. Die Freiwilligen stellten sich nebeneinander auf. Sie rechneten mit keiner Überraschung. O’Hara teilte ihren Optimismus nicht. Für ihn stand fest, dass dort drüben das Grauen auf sie lauerte.

Als die beiden Schiffe längsseits nebeneinanderlagen, sprang Kapitän Adams als erster nach drüben, und seine Männer folgten ihm.



7

Sie hatten Roy Cassidy unter Deck gebracht, und die beiden Zombie-Piraten, die Nimu Brass bestimmt hatte, bewachten den zum Tode verurteilten Jungen.

Roy zitterte vor Aufregung. Ein Schiff … Ein Dampfer … Mit Menschen an Bord … Menschen!

Durfte er auf Rettung hoffen? Die schwarzen Piraten lagen auf der Lauer. Mit Säbeln und Dolchen bewaffnet warteten sie auf den Moment, wo Nimu Brass den Befehl zum Angriff gab.

Es war zu befürchten, dass die Geisterpiraten ein schreckliches Blutbad anrichten, deshalb überlegte sich Roy fieberhaft, wie er die ahnungslosen Seeleute warnen konnte.

Sie durften den schwarzen Piraten nicht in die Falle gehen. Aber wie konnte er, Roy, das verhindern? Wenn er losbrüllte, würden die beiden Zombies, die ihn bewachten, wohl kurzen Prozess mit ihm machen.

Einer der beiden zog soeben seinen Dolch aus dem Gürtel und setzte ihm die scharfe Klinge an die Kehle. »Keinen Laut«, zischte der Untote.

Roys Kniescheiben vibrierten vor Angst. Wenn er versuchte, sich loszureißen, würde er sich damit selbst die Kehle durchschneiden. Tat er nichts, dann würden viele Menschen sterben, und hinterher würde ihn Nimu Brass aufhängen.

Was für eine grässliche Situation, in der er sich befand. Zum x-ten Mal verfluchte er die Stunde, wo er den Entschluss gefasst hatte, den Schatz der toten Seelen zu suchen.

Aber an dem, was geschehen war, war nun nichts mehr zu ändern. Er musste die Folgen tragen. Gespannt lauschte er. Das Stampfen des Dampfers kam immer näher. Bald war es so deutlich zu hören, dass man meinen konnte, die schwere Maschine würde sich an Bord des Geisterschiffes befinden.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908091
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354230
Schlagworte
tony ballard lockruf zombies

Autor

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Titel: Tony Ballard #86: Lockruf der Zombies