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Verliebt in einen Killer: N. Y. D. - New York Detectives

2017 130 Seiten

Leseprobe

Verliebt in einen Killer: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath


Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.


Die Überreste des Kapitalmagnaten Phillip Gordon Jordan werden von der Chicagoer Hochbahn geborgen. Alles weist auf einem Unfall hin, doch sein Sohn Mark glaubt an Mord. Er beauftragt den erfolgreichen New Yorker Privatdetektiv Bount Reiniger, den Tod seines Vaters aufzuklären. In Chicago angekommen, werden beide verhaftet, denn inzwischen ist klar, dass das Opfer durch einen Kehlkopfdurchschuss getötet wurde – mit der Waffe seines Sohnes. Reiniger hat schon eine Spur, doch der ermittelnde Officer kann Privatschnüffler nicht leiden und will verhindern, dass der Detektiv ihm in die Quere kommt ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:

Mark Jordan gefällt sich als Playboy und Verschwender. Bis er selbst verschwendet werden soll. Per Bazooka.

Pott Hammer hält sich für ein klitzekleines Gangsterlicht. Bis er halbwegs ausgeblasen wird. Per Faustverhör.

Greg Summers schwebt zeitweise in den allerhöchsten Regionen. Bis ihm der Weg zu steil wird. Per Explosion.

Alain Defrous scheint Hochzeiter von Beruf zu sein. Bis seine Vergangenheit ihn einholt. Per Bluff.

Floyd Patcher möchte ein »Nigger-Bulle« sein. Bis New York Chicago wieder einmal überrundet. Per Private Eye.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.




Prolog

»Wo bist du, zum Teufel?«, fragte Phillip Gordon Jordan. Ein jäher Windstoß riss ihm die Worte vom Mund. Der Mantelkragen aus dunklem Nutria war bis zu den Ohren hochgeschlagen, die Pelzmütze aus Seehundfell hatte er tief in die Stirn gezogen.

Der Nordwind blies Schnee wie weiße Wolkenfetzen durch die enge nächtliche Straße und übertönte noch das Höllenspektakel der »Elevated«, kurz »El« genannt und »L« geschrieben, der Chicagoer Hochbahn, die über seinem Kopf auf ihrem die ganze Straßenbreite überspannenden Stahlgerüst ratterte und kreischte. Doch Phillip G. Jordan hörte nur die eigene Stimme in seinem Kopf. Überlaut. »Wo bist du, zum Teufel?«

Es war aber auch ein Wetter zum Fürchten. Der Winter kam viel zu früh in diesem Jahr. Unmutig stapfte sich der Finanzmagnat die Zehen warm. Eine idiotische Idee von seinem Sohn, ihn hierher zu bestellen. Aber hatte Mark je eine vernünftige Idee gehabt?

»Scheißkerl!«, brummte Jordan und dachte daran, dass Mark wohl die Gelegenheit zur Versöhnung auf keinen Fall verstreichen lassen wollte. Weil heute sein Geburtstag war.

Doch Phillip Gordon Jordans Sterbetag war das auch ...


1

Natürlich liebte er seinen Sohn. Diesen Nichtsnutz, diesen Tunichtgut. Seine Mutter war ihm eine verdammt gute Frau gewesen. Bis sie an Krebs starb. Unterleib.

Und auch die zweite Frau war ihm dahingestorben vor sechs Jahren. Doch diesmal hatte dieselbe Krankheit die Lunge zerstört. Die Lunge einer militanten Nichtraucherin. Fast war P. G. Jordan versucht zu grinsen. Seine zweite Ehe war eine jener sogenannten Vernunftehen in Reinkultur gewesen. Geld heiratete zu Geld. Damals hatte er seine ersten Millionen schon unter Dach und Fach gehabt.

Vielleicht stand er jetzt deshalb hier in der Nacht, im Schneetreiben, in einer schmalen Straße unter der L, unweit eines eher bescheidenen Wolkenkratzers von 28 Stockwerken, der jedoch den entscheidenden Vorzug hatte, dass er ihm gehörte. Oder der Jordan Development Inc. besser gesagt, einer Im- und Exportfirma, von der er allerdings 80 Prozent der Anteile hielt. Er hing nach wie vor an seinem missratenen Sohn. So wie Eltern ihren Sorgenkindern fast immer eher verzeihen, ihnen mehr Milde und Verständnis entgegenbringen als deren Geschwistern.

Eine Schneeflocke, groß wie ein Schmetterling, setzte sich ihm aufs Auge. Er wischte sie mit der behandschuhten Rechten weg.

»Aber warum ausgerechnet hier?«, murmelte der Zweiundsechzigjährige im Selbstgespräch. »In dieser toten Gegend?« Er verzog das Gesicht zu einer säuerlichen Grimasse dabei. »Wie sollte ich ihm da einen Scheck ausstellen ...«

Er sah ja ein, dass er selbst nicht wenig Schuld an der Entwicklung Marks trug. Früher, in den Jahren des Aufbaus seiner Firma, hatte er sich so gut wie überhaupt nicht um ihn gekümmert.

Das alte Lied. Familie leidet unter der Karriere ihres Ernährers. Verwöhnt hatte er den Sohn. Sicher. Aber nur mit Geschenken. Nie mit jener Zuwendung, die er vermutlich viel dringender gebraucht hätte. Besonders, nachdem sich abzeichnete, dass seine Mutter dahinsiechen würde, ja zum Tod verurteilt war von jener modernen Geißel der Menschheit, den sich unaufhaltbar ausbreitenden, die gesunden Zellen fressenden Metastasen.

Und danach die zweite Frau, die von Mark nie richtig akzeptiert worden war und die auch den Stiefsohn nicht gemocht hatte. Eine kalte Schönheit aus dem Chicagoer Geldadel, einer Seitenlinie der legendären Pullmans.

Wie zur Rache an ihrer Sucht, das halbe Leben in Schönheitssalons, auf Massagebetten und beim Friseur zu verbringen, hatte sie eine halbwegs hässliche Tochter in die Welt gesetzt. Ein quengeliges, stets unzufriedenes Wesen, das sich erst nach der Pubertät etwas gemausert hatte und nun dank der Kunst der Visagisten und anderer Kosmetikspezialisten als einigermaßen brauchbar hübsch gelten konnte. Immer vorausgesetzt, man sah sie nicht ungeschminkt am Morgen nach dem Aufstehen oder gar während einem ihrer Zornausbrüche, mit denen sie noch verschwenderischer, umging als ihr Stiefbruder mit Daddys schwer verdientem Geld.

Und einen Mann hatte sie letztendlich trotzdem gefunden. War auch höchste Zeit geworden mit ihren fünfundzwanzig Jahren.

Doch war er auch der Richtige? Dieser Francokanadier? Dieser Alain Defrous?

Dieser Mitgiftjäger!

P. G. Jordan seufzte. Die Gedanken waren ihm entglitten. Nur für eine kleine Weile. Er holte sie mit gewohnter Energie zurück in die Gegenwart, sah sich in dieser schmalen Gasse wieder, einer Gasse, wie man sie nur mehr im >Loop< antraf. Der Schleife. Die um sie herumlärmende Elevated umschloss das Herz der Stadt, das hier noch schneller pochte als andere Stadtherzen in den USA. Es hatte Phillip Gordon Jordan bisher finanziellen Erfolg gebracht. Es hatte auch für ihn geschlagen.

»Dad?«

Der Mann im dicken Mantel drehte sich um. Ohne Eile. Nur etwas erstaunt. Er blinzelte gegen den Wind. Sein Blick vermochte das Schneetreiben nicht zu durchdringen. Wie Nadelstiche traf es seine von der Kälte gerötete Haut.

»Mark ...?«

Aber verdammt nochmal! Das war doch gar nicht Marks Stimme gewesen! Das war doch die Stimme ...

Und da machte es Plopp.

P. G. Jordan sah noch den blauen Blitz. Der hochgestülpte Mantelkragen schützte ihn nicht. Das Kleinkalibergeschoss durchschlug ihn.

Es durchschlug auch noch Phillip Gordon Jordans Kehlkopf.

Punktgenau.



2

Schneegestöber auch in New York City. Über der Hudson Bay und Labrador lagerte ein riesiges Tief, eine Wetterküche, in der die berüchtigten nordamerikanischen Blizzards gekocht werden.

Nur hatte sich in Midtown Manhattan noch ein Wintergewitter hinzugesellt. Blitze durchzuckten einen bleigrauen und bleischweren Himmel. Auch war es Tag. Der nächste Tag. Und später Vormittag.

Elf ungefähr.

Ins Büro im 14. Stock jenes Gebäudes Ecke 54 th und 7 th Avenue wurde man auch ohne Gesichtskontrolle eingelassen. >C’m in< tönte es freundlich von drinnen, in einem gelangweilten Minnesota Slang. Einen Slang, den Mark Jordan sehr gut kannte. Illinois und Minnesota lagen ja nun wirklich nicht weit auseinander.

Ein Katzensprung.

Vorausgesetzt, die Katze hieß Flugzeug und hatte zumindest einen Motor.

Doch solch tiefschürfende Gedanken - sollte er denn jemals welche gehabt haben - sah sich Mark Jordan in jenem Moment nicht mehr ausgesetzt, als er vor June Marchs Schreibtisch stand.

Dass seine Augen in ihren Höhlen blieben, zählte zu den kleinen Wundern unserer Zeit.

Der March erging es nicht viel anders. Ein Bild von einem Mann stand der Weizenblonden gegenüber. Zugegeben, im Moment etwas dümmlich dreinschauend, doch da sie den Grund für jenes dümmliche Element in jenem Blick ahnte, machte ihr das nichts aus. Ach was. Sie genoss es als stummes Kompliment. Sie hatte den fremden Gent mit ihrem Äußeren verwirrt. So ganz nebenbei trug dieser Herr auch noch einen Maßanzug von der teuersten Nadel aus der Saville Road in London. June March täuschte sich in dieser Hinsicht so gut wie nie.

Langer Rede kurzer Sinn: Der Fremde imponierte ihr. Ihr gelangweilter Ton war wie weggewischt.

»Was kann ich für Sie tun?«, flötete sie und reckte sich automatisch in Positur. Erwartungsvoll schaute sie Mark Jordan an.

Dem war offenbar die Kehle ein bisschen trocken geworden in den letzten paar Sekunden, und das wiederum hatte nun mit irgendwelchen Wundern absolut nichts zu tun. Die stinknormale Reaktion eines jeden stocknormalen Mannes. Es gab sogar welche, die beim Anblick der March in schiere Atemnot gerieten. Da mochte sie ihre so wohlverpackten Lungenflügel noch so blähen. Es kam einfach nichts rüber auf den Betrachter. Zumindest keine Luft. Er blieb allein mit seinem Adrenalinstoß und einer Tonne unkeuscher Vorsätze.

Es dauerte eine Weile, bis Mark Jordan sich endlich räusperte. »Ähem - Kann ich Mister Reiniger sprechen?«

»Sie haben einen Termin?«

»Nein.«

Nicht dass die March inzwischen verlegen geworden wäre. Das gehörte nicht zu ihrer Art. Sie erkannte wohl, welchen Eindruck sie auf diesen schmucken Jüngling machte. Auch hatte sie längst erspäht, dass der rund Zweiunddreißigjährige keinen Ehering trug. Wozu arbeitete sie hier schließlich als die Detektiv-Volontärin des berühmten New Yorker Private Eye.

Das schärfte den Blick.

Und Mark Jordans Anblick schärfte June March.

Aber natürlich nicht so sehr, dass sie ihren Job darüber vernachlässigt hätte. Eine düstere, vermutlich sehr weibhafte Freude empfand sie trotzdem. Bount Reiniger saß nun schon seit über einer Stunde drüben in Musil’s Bar & Grill. Zum Frühstücken, wie er behauptete.

Um sich vor der Arbeit zu drücken, wähnte die March. Bestimmt war es wieder mal spät geworden bei ihm vergangene Nacht.

»Nein?« Mark Jordan klang enttäuscht. »Und Sie wissen nicht zufällig, wo ich ihn erreichen könnte? Es ist wirklich dringend!«

»O doch, das weiß ich durchaus«, antwortete die March mit einem breiten Grinsen, in dem nur ganz wenig Gehässigkeit lag. Danach nahm sie noch Mark Jordans Personalien auf und buchte 50 Dollar Beratungsgebühren von seiner Kreditkarte ab. Dann erst schickte sie den jungen Mann hinüber auf die andere Straßenseite. Geschäft war schließlich Geschäft.



3

Bount Reiniger kam gerade wieder zu seinem Tisch zurück, von dem ihn ein Telefonanruf Junes weggeholt hatte, als er auch schon seinen neuesten Klienten zur Tür hereinkommen sah. Dabei wusste dieses kleine blonde Luder ganz genau, wie wenig er derartige Überfälle auf seine ohnehin äußerst begrenzte Privatsphäre schätzte. Nicht einmal in Ruhe frühstücken konnte man, nachdem er sich die Nacht nutzlos um die Ohren geschlagen hatte auf der vergeblichen Suche nach einem Informanten in einer Vermisstensache. Es war ja nicht so, dass er alle Tage auf Mörderjagd ging. Kleinvieh machte auch Mist, und von diesem >Mist< brauchte Bount Reiniger eine Menge. Er lebte nicht gern schlechter als andere hart arbeitende Landsleute auch.

Obendrein lebte er noch viel gefährlicher, und seine diversen Gefahrenzulagen ließ er sich natürlich bezahlen, auch wenn sie in keiner Rechnung auftauchten. Unter 500 Dollar pro Tag, Spesen extra, nahm er normalerweise schon lange keinen Auftrag mehr an.

Aber was verlief bei einem Job wie dem seinen schon normal ...

Die March musste diesem Jordan auch seinen Steckbrief mit auf den Weg gegeben haben, denn nach kurzem Umschauen und nachdem ihm ein Ober den Mantel abgenommen hatte, strebte der Gent zielstrebig auf ihn zu, ein betrübliches Lächeln im hübschen Gesicht.

Bount taxierte den Mann kurz. Alter, Name, Herkunft und so weiter wusste er bereits von June. Nun verschaffte er sich auch noch einen persönlichen Eindruck.

Mark Jordan war etliche Jährchen jünger als er, jedoch nicht viele. Und von diesen Jahren hatte er vermutlich die eine Hälfte auf Sportplätzen und in Schwimmhallen verbracht, die andere aber mit Sicherheit in Kneipen, am Kartentisch und in fremden Betten. Ein leicht verlebter Zug um die Augen und die Art, wie er zurückmusterte auf Bount, ließ keinen anderen Schluss zu. Seinen Bewegungen hafteten die gepflegte Eleganz eines Salonlöwen an. Selbst als Gegner war er vermutlich nicht zu verachten. Bount stand auf, als Jordan ihm die Hand entgegenstreckte.

»Sie müssen Mister Reiniger sein.»

Bount nickte.

»Nehmen Sie Platz, wenn Sie schon mal hier sind.«

Jordan runzelte kurz die Stirn. Besonders freundlich hatte das nicht gerade geklungen. Eigentlich mehr nach »Hau ab, du blöde Socke«. Dann sah er noch einen Teller halb voll mit Schinken und Käse vor Reiniger stehen, und seine Stirn glättete sich wieder.

»Ich wusste nicht, dass ... «

»Ach lassen Sie's gut sein», meinte Reiniger. Er kannte ja Junes kleine Spielchen. »Es ist bestimmt nicht Ihre Schuld. Außerdem war ich ohnehin fast fertig. Die Portionen sind überreichlich hier.«

Das stimmte. Als Stammgast wurde Bount vom armenischen Besitzer des Lokals nach Strich und Faden verwöhnt. Auch Musil mit dem unaussprechlichen Nachnamen hatte er schon mal aus der Patsche geholfen und sich dafür offenbar dessen lebenslängliche Fürsorge sowie den Vorsatz, ihn nach besten Kräften zu mästen, zugezogen.

Es gab Schlimmeres.

Mark Jordan setzte sich nun, fummelte nach einer Packung Zigaretten und bot auch Reiniger eine an. Der nahm sie und ließ sich Feuer geben. Es sah aus, als suchte der Mann noch nach Worten.

»Heute Nacht ist mein Vater tödlich verunglückt«, platzte er endlich heraus.

»Herzliches Beileid«, antwortete Bount trocken, ohne derartige Gefühle zu hegen. Gestorben wurde jeden Tag. Und nicht nur in Chicago.

»Danke«, brummte Jordan. »Er stürzte angeblich vor die L. Dabei weiß ich genau, dass er nie mit diesem Fossil gefahren ist. Zeit seines Lebens nicht. Er hasste die Elevated. Als Kind ist er in ihrem Schatten aufgewachsen. Tag und Nacht dieser elende Lärm. Mein Vater stammte aus sehr ärmlichen Verhältnissen, müssen Sie wissen. Und jetzt findet man ihn heute Morgen ausgerechnet von der L bis zur Unkenntlichkeit zerstückelt.«

Bounts Interesse begann allmählich zu erwachen. Beinahe gegen seinen Willen. Aber da war halt auch noch dieses schwer zu schildernde Gespür für Fälle, die es in sich hatten, die den allgemeinen Berufstrott sprengten wie eine Stange Dynamit ein Wasserglas.

Und genau das brauchte er zurzeit, mit der Enttäuschung der vergangenen Nacht noch im Knochenmark. Jugendliche Ausreißer wieder dem heimatlichen Familienhafen zuzuführen, gehörte nun mal zu den undankbarsten und auch bürokratischsten Aufgaben eines Privatdetektivs. Die Cops arbeiteten auf diesem Sektor schon seit Urzeiten nur mehr mit halber Kraft. Wenn überhaupt.

Die Polizei wäre in dieser so mobilen US-amerikanischen Gesellschaft, die keine Meldepflicht, wohl aber eine leicht und sogar legal erreichbare Namensänderung kannte, hoffnungslos überfordert gewesen. Und die allerwenigsten jugendlichen Vermissten wollten zu ihren Eltern zurück.

Meist hatten sie verdammt gute Gründe dafür.

»Erzählen Sie bitte mehr darüber«, antwortete Bount Reiniger knapp. »Haben Sie schon gefrühstückt?«

»Nein. Doch sie können sich vorstellen, dass sich mir der Tod meines Vaters auf den Appetit schlug.«

»Sicher«, murmelte Reiniger. Sein persönliches Urteil über Mark Jordan war inzwischen fix und fertig. »Besonders dann, wenn sie ihm bisher auf der Tasche lagen und selbst nicht allzu viel zustande brachten ...«

Jordan stockte, glotzte Reiniger an. Zweifellos etwas befremdet. Doch seine Unsicherheit löste sich in ein kaum weniger unsicheres Lächeln.

»Man hat es mir schon gesteckt, dass Sie verdammt gut sind, Mister Reiniger«, meinte er dann. »Sie haben mich wirklich auf den ersten Blick durchschaut?«

Bount drückte seine Kippe in den Ascher. »So schwer war das nicht, Mister. Ihnen steht der Playboy sozusagen ins Gesicht und auf die Figur geschrieben. Darf ich erfahren, von wem Sie jene Auskünfte über mich haben?«

»Mit Namen kann ich leider nicht dienen«, entgegnete Jordan mit wiedergewonnener Ruhe. »Aber ich halte mich öfter mal hier in New York auf. Und dann verkehre ich fast ausschließlich in Zockerkreisen. Korrekte Namen sind dort nicht üblich.

»Dann nennen Sie mir eben ein paar »Kriegsnamen«. Darf ich mich so ausdrücken?«

»Natürlich dürfen Sie.«

Mark Jordan nannte ein paar. Bount waren sie alle bekannt.

Auch so eine erzamerikanische Eigenheit. Da hieß ein Mann in seinem Bekanntenkreis nicht etwa William Miller - nein - »Bill the Thrill« nannten sie ihn beispielsweise. Nur weil er einem ständig auf die Nerven ging. Jedenfalls wusste Reiniger nun, in welcher Ecke er seinen Klienten zusätzlich unterbringen musste. In jener der erfolglosen Spieler. Mark Jordan tanzte konsequent auf der Verliererstraße.

»Wie viele Schulden haben Sie?«, fragte er dementsprechend mit einem leisen Seufzer, nur im Hinterkopf. »Was wollen Sie nun wirklich von mir!«

»Dass Sie den Mörder meines Vaters finden ...«



4

Bount Reiniger ließ ein paar Sekunden verstreichen. »Sie kommen nicht dafür infrage? Ich meine, haben Sie ein Alibi für die mutmaßliche Tatzeit?«

Diesmal seufzte Jordan. Aber nicht im Hinterkopf, sondern laut. »Sie gehen aber ran, zum Teufel!«

Bount zuckte die Schultern. »Haben Sie eines oder nicht?«

»Nein!«, fauchte der jüngere Mann. »Hab’ ich nicht. Weil mich mein Schwager sitzen ließ. Er wollte mich gestern von einem Restaurant abholen und zum Flugplatz bringen. Mein eigener Wagen ist zurzeit in Reparatur. Eine kleine Karambolage. Doch Alain kam nicht. Ich nahm einen total überfüllten Bus. Taxi war keines zu kriegen. Es herrschte Sauwetter. Dieselbe Frage stellte mir übrigens auch schon mein geliebtes Schwesterlein, als sie mich vor zwei Stunden anrief. Die Unfallzeit fällt genau mit jener zusammen, die ich im Zubringer zum O'Hare International Airport saß. Ich erreichte meine Maschine praktisch in letzter Sekunde. Ich war vorher zweimal ausgerufen worden.«

»Sie mögen Ihre Schwester wohl nicht besonders.«

»Susan ist ein ekelhaftes Biest«, antwortete Mark Jordan gelassen. »Sie stammt aus der zweiten Ehe meines Vaters und ist mit ihren fünfundzwanzig sieben Jahre jünger als ich.«

Danach verbreitete sich Reinigers neuer Klient auf ein paar gezielte Fragen Bounts hin noch etwas weiter über seine Familieninterna, die alles anders als erfreulich waren. Er erzählte auch von der plötzlichen Eheschließung eines >Malkastens<, wie er Sue Jordan titulierte, mit dem Francokanadier Alain Defrous, der selbst noch nie ein Wort über seine Herkunft verraten habe. »Dieser Fatzke ist so durchschaubar wie ’ne Betonmauer«, endete Mark Jordan bitter.

»Wie alt?«

»Sechsunddreißig. Ein dunkler, mediterraner Typ und auch ein hübscher Bengel im landläufigen Sinn. Er kann bei Sue keine große Schwierigkeiten gehabt haben. Als seinen Beruf gibt er Kaufmann an. Doch in der Firma Dads hab’ ich ihn noch nie gesehen.«

»Wie auch«, spottete Bount. »Sie scheinen auch nicht viel für geregelte Arbeit übrig zu haben.«

»Ja, ja«, knurrte der Playboy. »Geben Sie mir’s nur. Aber Sie haben ganz recht: Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.«

»Es gab Streit mit Ihrem Vater? Kürzlich erst?«

»Das kann man wohl sagen! « , knurrte Jordan. »Dass die Fetzen flogen. Er drohte, mich zu enterben, wenn ich mich nicht um hundertachtzig Grad ändere. Gleichzeitig strich er den monatlichen Scheck. Deshalb flog ich ja mit meinen letzten paar Kröten nach New York. Um hier ein bisschen Geld zu machen.«

»Natürlich am Spieltisch.«

»Was hatten Sie denn gedacht!«, fauchte der Zocker gereizt. »Es gibt da zwar ein abgeschlossenes Studium in Betriebswirtschaft - der Abschluss war schlecht genug -, doch wirklich ausgeübt habe ich diesen Beruf nie. Jetzt tut es mir verdammt leid. Ich mochte meinen alten Knaben nämlich. Und ich hatte auch vor, nach diesem Intermezzo hier in New York sozusagen wie der verlorene Sohn in der Bibel heimzukehren.«

»Vorausgesetzt, Sie verspielten hier auch noch Ihre letzten Kröten, wie Sie sich ausdrückten.«

Da schwieg Mark Jordan und starrte geflissentlich seine Schuhspitzen an. Sie waren immer noch nass. Auf dem Parkettboden hatte sich eine kleine Pfütze gebildet.

»Nun ja«, nahm Bount das Gespräch wieder auf. »Sie fürchten anscheinend, dass man Sie mit dem Tod Ihres Vaters in Verbindung bringt. Ich kann Ihnen diese Ahnung nicht einmal verdenken. Sie liegt nahe. Und jetzt kommen Sie erst mal rüber zu mir. Wir unterhalten uns dann im Büro weiter. Sie werden dort das Wichtigste wiederholen und auf Band sprechen, damit Miss March eine Akte anlegen kann.«

Mark Jordan fuhr zusammen, sah erschrocken auf. »Diese hübsche Blonde? Sie soll das auch alles erfahren, was ich Ihnen eben von Mann zu Mann mitgeteilt habe? Vertraulich! «

»Keine Sorge, Mister Jordan. Die Dame ist abgebrühter als wir beide zusammen.«

Reiniger beglich die Zeche. Sie war niedrig genug. Wenigstens dieses Privileg hatte er sich noch gerettet. Ein Ober brachte ihre Mäntel heran. Draußen war der Schneesturm noch schlimmer geworden. Ab und zu ließ ein wütender Donnerschlag die Fensterscheiben klirren, und Blitze zerrissen für Sekundenbruchteile das tobende Grau.

So auch, als sie ins Freie traten. Man konnte kaum die andere Straßenseite sehen, und auch auf ihrer eigenen reichte der Blick nicht höher als zwei Stockwerke. Riesige Schneeflocken peitschten fast schon wie kleine Schneebälle daher. Die wenigen geparkten Autos trugen weiße, vom Sturm verformte Hauben wie jene lustigen Helme der Rennrodler.

Trotzdem blieb Bount Reinigers schwarzer Ledermantel vom Nabel an aufgeknöpft. Eine pure Gewohnheit, die sich schon allzu oft hatte bewähren müssen.

So erreichte er leichter die 38er Smith & Wesson Automatic in dem Schulterholster.

Und eines dieser Autos trug eben keine jener Hauben, obwohl es stand. Ein Buick Skylark, wie Bount erkannte. Der Scheibenwischer wischte, was das Zeug hielt. Dahinter glaubte Bount schemenhaft zwei vermummte Gestalten zu sehen. Der Motor röhrte plötzlich, und die Pneus knirschten den matschigen Schnee im Rinnstein.

Qualm stob aus dem Auspuff und verwirbelte mit den Flocken. Der Wagen bewegte sich langsam von der Stelle.

Reiniger glaubte nicht an Zufälle, hatte noch nie daran geglaubt. Die Rechte fuhr unters Revers seines Mantels, die Hand fühlte den körperwarmen Stahl. Das Kennzeichen merkte er sich automatisch. Der Wagen musste vor Kurzem noch in einer Garage gestanden haben, weil es zu entziffern war. Ein New Yorker Kennzeichen. Und im Moment war es ihm auch stockegal, ob New Yorker drinnen saßen oder nicht.

Jedenfalls hatte der Beifahrer eine Waffe vors Gesicht gehoben. Eine Tommygun, eine MP mit kurzem Lauf. Wahrscheinlich eine tschechische Skorpion oder eine jugoslawische Zastava. Das war unter den herrschenden Bedingungen nun wirklich nicht exakt zu bestimmen. Sowohl die Serben als auch die Slowaken hatten die israelische Uzi schamlos nachgebaut, ohne allerdings ihr Vierzigermagazin der älteren Baujahre zu übernehmen. Beide verschossen 60 Patronen in weniger als zwanzig Sekunden, wenn man sie auf Dauerfeuer schaltete.

»Nieder!«, brüllte Reiniger durch das Tosen des Sturms. Wieder ein Donnern, das von den Häuserwänden gigantisch verstärkt widerhallte.

Vielleicht hatte Mark Jordan ihn deshalb nicht gehört. Also fegte ihm Bount die Beine unterm Hintern weg, was nicht schwierig war wegen der Glätte auf dem Bürgersteig. Der Mann aus Chicago stürzte, und Bount warf sich über ihn, rein instinktiv. Er war aufs Schützen programmiert. Vor allem nahm er jedoch an, der Angriff gelte ihm. Er hatte eine Unmenge von Feinden. Hin und wieder setzte irgendein Verrückter aus der Unterwelt ein Kopfgeld auf ihn aus, und andere Verrückte wiederum wollten es sich partout verdienen. Nichts Neues für Bount Reiniger.

Den Zeitpunkt hatten diese Gangster jedenfalls gut gewählt. Kein Mensch sonst befand sich auf der Straße.

Und dann war der Skylark heran. Mit ihnen auf selber Höhe. Bount konnte die Männer nun genauer sehen, denn ein Seitenfenster war trotz der Witterung heruntergekurbelt. Ins Innere des Wagens staubte es weiß. Doch der kurznasige Lauf ragte auf einmal heraus. Das Fahrzeug rollte noch. Doch schon spuckte die MP die erste Garbe aus.

Zu hoch gehalten. Vom Außenanstrich von Musil’s Bar & Grill rieselte der Verputz. Glas zersplitterte in abertausend Scherben. Der Armenier hatte mal eine Leuchtreklame gehabt.

Bount holte die Automatic aus dem Holster, legte an. Mark Jordans Rücken bot ihm eine gute Stütze. Seine Nase steckte tief im grauen Dreck.

Den ersten Schuss jagte Reiniger noch ungezielt in die Gegend. Das andere Schießen hörte schlagartig auf. Keine Garbe mehr. Dafür ein heiserer Schrei. Der Beifahrer wurde zurückgeworfen, klammerte sich vermutlich ausgerechnet am Türöffner fest, und der Wagenschlag klappte auf.

Reinigers zweiter Schuss war dann gezielt. Er traf den rechten Vorderreifen, schrill pfeifend entwich die Luft aus dem Pneu. Kugeln aus 38er Automatics rissen enorme Löcher auch in Gummi. Der Wagen geriet erst ins Schlingern und dann ins Schleudern, stellte sich quer, knallte gegen eine der Schneewehen mit einem geparkten Auto drunter. Blech kreischte gegen Blech. Funken stoben wie Sternschnuppen. Die Autotür des Buick klaffte ganz auf. Ein Körper kugelte, sich einmal überschlagend, auf die Straße.

Bounts dritter Schuss.

Diesmal traf es den linken Hinterreifen. Er erlitt dasselbe Schicksal wie der rechte vordere. Er war platt. Zwei Felgen rollten über weiße Kissen aus komprimierter Nässe. Auf Asphalt wäre ihnen das nie gelungen.

Rückwärtsgang. Neuerliches Aufbrüllen des Motors. Es übertönte sogar noch das wimmernde Jaulen des Windes zwischen den Häuserschluchten. Ein Jaulen wie von einem waidwund geschossenen Tier. Lang würde es auch dieser Skylark nicht mehr machen, der nur mehr auf dem Bodenblech dahinrutschte, mit dem Heck ausscherte, während die Motorhaube bereits die 7th Avenue gewann. Es war ja kein Verkehr auf den Straßen bis auf ein paar unentwegte Taxifahrer. Feuerwehrsirenen heulten. Schnee brachte immer Unglück in New York. Besonders dann, wenn der Winter schon so früh einen Vorposten schickte wie in diesem Jahr. Schließlich schrieb man erst die letzte Novemberwoche. Gut möglich, dass bis Weihnachten auch noch ein paar schöne Tage folgten und dem Spuk ein schnelles Ende machten. Jetzt musste man jedenfalls damit leben.

Bount stützte sich hoch. Ein Bündel unweit vor ihm auf der Mitte der Straße. Blutüberströmt. Der Kameraderie konnte man den flüchtigen Fahrer gewiss nicht bezichtigen. Er war weg und ihn zu verfolgen unmöglich. Weil der Schneesturm anhielt. Immer noch kein Passant weit und breit. Wahrscheinlich war sogar die Schießerei unbemerkt geblieben. Die in immer rascherer Folge knallenden Donnerschläge hatten dafür gesorgt.

Als Reiniger aufstand, kam auch Mark Jordan wieder frei. Ihm war nichts passiert. Nur ziemlich belämmert lag er da, unfähig, die Vorgänge der letzten paar Sekunden in die Reihe zu bringen. Er starrte Bount von unten her an.

»Galt das mir?«

»Kaum«, antwortete Bount. Und täuschte sich. »Stehen Sie auf.«

Er wandte sich ab, stapfte mit seinen Halbschuhen auf den stöhnenden Verletzten zu, packte ihn an den Schultern und zerrte ihn zurück auf den Bürgersteig. Keine Cops. Keine Passanten. Immer noch nicht.

Es hatte viel Blut gegeben. Ein roter Fleck im Weiß. Aber der Mann hatte nur einen Streifschuss über dem linken Ohr abbekommen. Dort fehlte ihm jetzt ein Büschel dunkelblonder Haare. Bei Wunden dieser Art war Reiniger ein hervorragender Diagnostiker. Oft genug hatte er sich in ähnlichen Situationen befunden. Er brauchte nicht einmal den Puls zu fühlen, denn die Augen standen offen.

Ein Mann von etwa fünfundvierzig. Niedrige Stirn, buschige Brauen, ein buschiger Schnauzer. Kantiges Kinn. Nicht zu dürr und nicht zu fett. Vielleicht einen Meter fünfundsiebzig groß. Etwas gelb der Teint, soweit er noch durch die hellroten Gerinnsel schimmerte. Entsetzen im graublauen Blick. Und dennoch:

»Ist er hin?«

Da wusste Bount, dass der Anschlag nicht ihm, sondern Mark Jordan gegolten hatte. Zusammenreimen konnte er sich das in diesem Moment noch nicht. Ein bisschen fuhren seine Gedanken Karussell. Verständlich. Ein Klient, der mutmaßlich mit dem Tod seines Vaters in Verbindung gebracht würde, möglicherweise sogar in Mordverdacht geriet, und jetzt dieses Attentat auf die Chicago-Manier. Denn nichts anderes war das gewesen.

Mark Jordan rappelte sich gerade auf.

Der Gangster sah es aus den Augenwinkeln, stöhnte erneut. .Bount wurde einer Antwort enthoben.

»Also nicht.«

»Nein.«

Bounts Gedanken-Wirrwarr pendelte sich auf den Normalzustand ein. Kein Wirrwarr mehr. Nur kalte Überlegung.

»Wie heißt du?«

»Mann! Ich muss zum Arzt!«

»Später.«

Bount wusste jetzt schon, dass ein einfacher Verband genügen würde. Die Blutung hatte aufgehört. Es sah immer grausam aus, wenn einer am Kopf verletzt wurde. Doch der Gangster würde diesen Streifschuss auch ohne ärztliche Hilfe komplikationslos überstehen. Vielleicht genügte schon ein großes Pflaster.

»Wie heißt du?«

Auch diesmal keine Antwort. Reiniger forschte in den Taschen nach, fand einen Führerschein. Ausgestellt in Chicago. Vor mehr als fünfundzwanzig Jahren.

Pott Hammer.

Nun, den Namen hatte er.

»Okay, Pott. Dein Freund ist ein Fiesling. Er hat nicht einmal den Versuch gemacht, dich in den Wagen zurückzuholen. Stiften gegangen ist er. Hast du lauter solch gute Kumpel?«

Er erwartete keine Antwort, und es kam auch keine. Dafür stand Mark Jordan hinter ihm. Die Schweißtropfen neben der Nase und auf der Stirn waren zu Perlen gefroren.

»Kennst du ihn, Mark?«

»Nein.«

»Wo steht dein Auto? Dein Leihwagen. Du siehst mir nicht aus wie einer, der mit der U-Bahn fährt.«

Gleich um die Ecke. Einen Block weiter.«

»Dann hol es endlich.«

Bount war da eine Idee gekommen.



5

Mark Jordan hatte sich einen Mitsubishi Lancer gemietet. Ein geräumiges Auto mit einem sehr geräumigen Kofferraum. Doch Bount Reiniger saß am Steuer. Er kannte sich hier besser aus.

Durch den Queens Midtown Tunnel fuhr er hinüber zum Long Island Expressway, der ihn direkt in die Nähe der Manhasset Bay und damit nach Kingspoint führte, wo er einen meist ungenutzten Bungalow nebst einem bescheidenen Kabinenkreuzer besaß. Freizeit war knapp in seinem Leben.

Doch die drei Kellerräume in seinem Haus taugten notfalls auch als Gefängnis. Als Gefängnis selbstverständlich nur vorübergehender Natur. Auch jetzt, als er den Lancer durch die Schneemassen über der Einfahrt wühlte, kam keinen Sekundenbruchteil lang das Gefühl auf, er sei ein Kidnapper.

Erstens war Pott Hammer kein Kid und Bount zweitens kein »Napper, was ungefähr bedeutet, dass sich jemand jemanden schnappt. So wie die Mausefalle die Maus. Aber Hammer war keine Maus. Er war nur ein ganz gewöhnlicher Killer.

Trotzdem lag er jetzt hinten im Kofferraum. Schön zusammengewickelt wie ein Rollmops, doch ohne Holzspieß durch den Körper. Vor Ort hatte Reiniger ihn noch notdürftig verarztet. Ein Pflaster hatte sich sogar im Apothekerkasten des Leihwagens befunden. Gefahr bestand keine mehr für ihn. Lebensgefahr sowieso nicht.

Die kam erst. Weil Bount Reiniger nicht vorhatte, den Gangster selbst zu verhören. Mark Jordan sollte diesen Part übernehmen. Und freilich würde Reiniger über ein verstecktes Mikrophon stiller Teilhaber an jener Unterhaltung sein.

Pott Hammer.

Ein Gangster aus einer Stadt, die durch jenen >Beruf< weltweit traurige Berühmtheit erlangte. Al Capone, Fred Lasky, Budd Siegel und jetzt dummerweise auch noch ein Stümper wie dieser MP-Schütze.

Mit der Welt ging's bergab. Doch in diesem speziellen Zusammenhang war Bount Reiniger ausnahmsweise sogar mal dankbar dafür.

Er fuhr den Wagen in die Garage, hatte vorher Mark Jordan mit dem Schlüssel ins Unwetter hinausgejagt. Aus seinem Mercedes 500 SL hätte Reiniger das Tor per Funk bedienen können. Eine Stahltür führte direkt ins Haus, und über eine nackte Betontreppe ging es von einem kahlen Flur aus hinunter in die Kellerräume. Er machte Licht. Eventuelle Zeugen aus der Nachbarschaft brauchte er nicht zu befürchten. Die Sicht war auch hier im friedlichen und friedliebenden Kingspoint gleich null.

Die Rolle Leukoplast, ebenfalls aus der Bordapotheke des Mitsubishi, war zur Fesselung von Händen und Beinen zweckentfremdet worden. Ein weiterer Streifen hatte als Knebel gute Dienste geleistet. Die Fußfesseln schnitt Bount jetzt mit seinem Taschenmesser durch. Danach packte er einen trotz der eisigen Kälte jämmerlich schwitzenden Pott Hammer hart am Kragen und zog ihn aus seinem Blechgefängnis, stellte ihn auf die Beine. Der glücklose Gangster musste sich gegen eine Wand lehnen und stieß unartikulierte Laute aus. So ein Streifen Leukoplast vor den Lippen war eben kein Megaphon. Reiniger überzeugte sich, dass die Kopfwunde nicht mehr blutete. Vielleicht war auch sie inzwischen eingefroren wie der See im Central Park. Eiskristalle hingen an den struppigen Brauen und im Schnauzer.

»Willkommen in der guten Stube«, meinte Bount aufgeräumt, riss den älteren Knaben von der Wand weg und stieß ihn unsanft vorwärts. »Wollen wir doch mal sehen, was stärker ist bei dir: dein Erinnerungsvermögen oder dein Schädelknochen. Mister Jordan möchte nämlich ein paar Takte mit dir sprechen. Die Gründe dafür siehst du hoffentlich ein. Ich fürchte beinahe, du hast ihn neugierig gemacht.«

Mark Jordan ballte die respektablen Fäuste und setzte seinen finstersten Blick auf. Er gelang ihm recht gut, denn der von Pott Hammer wurde nun eng und ängstlich. Bount hatte schon auf der Herfahrt alles mit seinem Klienten abgesprochen. Mark würde keine großen Fehler machen. Den Burschen erschlagen, beispielsweise.

Plötzlich wollte Hammer nicht mehr weiterlaufen. Bount ratschte ihm das Pflaster vom Mund. Ein Teil vom Bart blieb daran kleben.

»A... aber das könnt ihr doch nicht tun! Ich kenne meine Rechte!«

»Wir die unseren auch«, konterte Bount. »Besonders in der Selbstjustiz wissen wir beide blendend Bescheid. Nicht wahr, Mark?«

Jordan nickte genüsslich. Er hätte jederzeit auf einer Laienbühne auftreten können. Und seinen Zorn brauchte er ja nicht erst zu spielen.

Bount schob ihren »Gefangenen « weiter und die Stufen hinunter. Weil Hammers Knie dabei wie die Kuhschwänze schlotterten, wäre er um ein Haar gestürzt. Bount musste ihn auffangen. Die Hände hatte er ihm nach hinten verpappt.

Unten dann öffnete er ihm gleich die erste Tür links. Der Raum war nie anders als Abstellkammer für irgendwelche Ganoven genutzt worden, und weil Reinigers Beruf ihn manchmal auch in Gefängniszellen führte, war ihm die innenarchitektonische Gestaltung der Kammer in keiner Weise schwer gefallen. Eine Holzpritsche an der Wand, ein paar graue Wolldecken aus Armeebeständen, ein Tisch und ein Stuhl, beides im Estrich fest verschraubt, sowie eine Kloschüssel ohne Deckel in der Ecke und ein Handwaschbecken mit fließend garantiert nur kaltem Wasser.

»Dein Mann «, sagte Bount, tippte Mark Jordan aufmunternd auf die Schultern und zwinkerte ihm zu, sodass Hammer es nicht sehen konnte. Allmählich erwärmte sich der Mann zwar ein wenig, doch grau im Gesicht blieb er trotzdem. Der Playboy aus Chicago war beinahe einen halben Kopf größer als er und brachte mindestens zwanzig durchaus durchtrainierte Kilo mehr auf die Waage.

Bount hastete nach oben. Das Mikro war in die Deckenlampe eingebaut. Über den Stereoreceiver im Livingroom konnte er jedes Wort verstehen.

Bount Reiniger hörte, wie sich Mark eine neue Zigarette ansteckte. Der Mann war Kettenraucher. Möglicherweise seiner verblichenen Stiefmutter >zuliebe<.

»Tun Sie mir nichts, Mister!« Ein Körper klatschte schwer auf die Pritsche. Bount schenkte sich ein Glas Scotch on the Rocks mit einem Anstandsspritzer Soda ein. Er fand, er hatte sich einen Drink verdient. Kurz dachte er auch mal an June March, die nun vergeblich seiner harrte, als sein Blick mal das Telefon streifte. Er rief sie nicht an.

Recht geschah ihr.

Wie auch Pott Hammer Recht geschah. Er jagte seine Stimme gerade in einen schrillen Falsett. Bount konnte es sich richtig vorstellen, wie der Mann sich jetzt in den letzten Winkel zurückkauerte, die Beine bis ans Kinn gezogen, während er selbst die seinen gemütlich unter den Couchtisch streckte.

»Nicht! Mister Jordan! Was wollen Sie mit dieser verdammten Zigarette!«

»Na, was schon, du Dummkopf? Sie in deinem Gesicht ausdrücken natürlich. Wohin soll's denn sein? Ich komm' dir da gern entgegen. Man ist schließlich kein Unmensch so wie du.«

»Nicht!«

Mit der Infrarotfernbedienung regelte Reiniger die Lautstärke nach. Die Boxen hatten zu klirren angefangen.

»Wieso nicht, du Ratte? Wenn ich bedenke, dass du mir vor einer knappen Stunde sogar das Lebenslicht ausblasen wolltest, dann halte ich es nur für recht und billig. Oder bist du anderer Meinung?«

»Mein Gott, Mister!«

Schritte schlurften über den Boden.

»Wieso? Wüsstest du eine Alternative?«

»Ich war doch nur der Befehlsempfänger, Mann!« Erneut musste Reiniger nachregulieren. »Machen Sie um Himmels willen keinen Unsinn! Ich weiß doch sowieso nichts. Und wenn Sie mich in Stücke hauen.«

»So wie mein Vater von der L tranchiert wurde, eh?«

»Vater? Vater? Ich höre immer nur Vater. Ich weiß nicht, was Sie damit meinen. - Gehn Sie weg! Gehn Sie weg! Greg ist mein Boss!«

Jordans Schuhe knirschten die Kippe aus. Bount Reiniger war für Höchstleistungen. Auch bei den von ihm heimlich installierten Mikrophonen. Sie mussten ebenfalls Spitze sein.

»Greg?«

»Ja, doch, Mann! Greg, der Fahrer. Ich werde doch immer nur fürs Grobe engagiert.«

Darauf folgte eine psychologische Glanztat. Mark Jordan versetzte dem Killer eine so gewaltige Ohrfeige, dass sogar noch Reiniger die Lauscher schepperten. Wenn auch nur auf der Dezibel-Ebene.

»Sag Sir zu mir, du Ratte!«

Noch so ein schmetternder Schlag. Bount verzog automatisch das Gesicht. Ein Reflex. Wenn jemand herzhaft zu gähnen begann, gähnten andere mit.

»Wie heißt du?«

»Sir ...«

»Ratte heißt du! Der Sir bin ich! Also wie heißt du, du dummes Aas?«

»Ich ... ich heiße ... Pott Hammer, die Ratte ... Sir ...«

»Hm. Also, mitdenken kannst du doch noch. Schön kapiert. Und nun erzähle mir alles über den Feinmechaniker eures Duos. Diesen Greg. Wie ist der volle Name?«

»Greg Summers.«

Schon wieder so ein Paukenschlag. Allmählich begann Bount zu glauben, dass Jordan vielleicht etwas übertrieb und machte schon Anstalten aufzustehen.

»Dummer Bub«, sagte Jordan da. »Kannst dir einfach nichts merken.« Und dann brüllte er unvermutet los wie ein ausgewachsenes Mastodon beim Kastrieren. Kein Feldwebel auf keinem Kasernenhof dieser Welt hätte das besser gekonnt: »Greg Summers, Sir!«, heißt das, du Ratte! - Wiederhole!«

Bount lehnte sich beruhigt zurück. Was dieser Playboy aus Chicago hier mit seinem Landsmann abzog, war Psychoterror vom Allerfeinsten. Und nur ein ganz kleines bisschen physisch unterstützt.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908084
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354229
Schlagworte
verliebt killer york detectives

Autor

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Titel: Verliebt in einen Killer: N. Y. D. - New York Detectives