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Tony Ballard #85: Der Schatz der toten Seelen

2017 130 Seiten

Leseprobe

Der Schatz der toten Seelen

Dämonenhasser Tony Ballard Band 85

von A. F. Morland


Der Umfang dieses Buchs entspricht 126 Taschenbuchseiten.


Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner.

Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


„Edition A. F. Morland“ ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2017



Prolog

Ich werde nie vergessen, was auf uns alles einstürmte, als wir uns in das schottische Fischerdorf Cullkirk begaben. Wir rechneten mit keinem Angriff der schwarzen Macht, wollten nur Cullkirks achthundertsten Geburtstag feiern. Doch die Hölle schlief nicht. Und was dann passierte, stellte alles bisher Dagewesene weit in den Schatten …



1

Er gehörte zu denen, die existierten, um zu verlieren: Cruv, der hässliche Gnom mit dem Dreizack. Kaum einer seiner Artgenossen starb eines natürlichen Todes, denn die Gefahren in der Prä-Welt Coor waren mannigfaltig. Sie alle zu überstehen, war für einen Gnom so gut wie unmöglich.

Sie führten ein Leben auf Abruf, konnte man sagen, waren Einzelgänger und Nomaden, ohne festen Wohnsitz, häufig ohne Familie – deshalb war wohl auch der Tag nicht mehr fern, an dem es keine Gnome mehr auf Coor geben würde.

Cruv war müde. Er hob den Blick zum Himmel und seufzte gequält. Eine ganze Woche lang hatten ihn drei Riesenschlangen gejagt. Mit List und Tücke hatten sie ihm Fallen gestellt, und er konnte kaum begreifen, dass es ihm gelungen war, ihnen zu entkommen.

Eine Schlange hatte er sogar getötet, woraufhin die beiden anderen etwas vorsichtiger wurden und ihn nicht mehr als ganz leichte Beute betrachteten. Dennoch – für ihn grenzte es an ein Wunder, dass er noch am Leben war.

Cruv war ein hässliches Wesen mit krummen, stämmigen Beinen und von breiter, muskulöser, gedrungener Gestalt. Obwohl er noch relativ jung war, wies sein Gesicht einige tiefe Furchen auf. Sein Haar war gewellt, und er trug nichts weiter als einen braunen Lederlendenschurz. Seine Haut glänzte, als wäre sie dick mit Öl bestrichen.

Der Himmel war düster. Cruv befürchtete, es könnte ein Gewitter geben. Er hatte keine Angst vor dem Regen, wohl aber vor den Blitzen, denn auch sie waren allen Gnomen feindlich gesinnt – und viele von Cruvs Volk waren von Blitzen schon erschlagen worden.

Hoch ragte vor dem Gnom die Wand eines dichten, verfilzten Waldes auf. Knorrige Bäume. Starke Äste. Schlingpflanzen. Fette, dunkelgrüne Blätter.

Und fleischfressende Pflanzen, vor denen sich Cruv würde besonders in Acht nehmen müssen, sobald er den Wald betrat.

Der Gnom umklammerte den Schaft seines Dreizacks fester und setzte seinen Weg fort. Es gab Tage, da hasste er Coor, diese gefahrvolle Welt zwischen den Dimensionen, und er fragte sich, warum er ausgerechnet als Gnom auf diese Welt gekommen war. Als Gejagter – von Anfang an. Als Verlierer.

Futter für die Ungeheuer und wilden Tiere, die hier lebten. Nahrung für hungrige Pflanzen. Opferlamm für Magier und schwarze Wesen. Manchmal, an düsteren Tagen wie diesem, stellte er sich sein Ende vor. Egal, welche Gefahr ihm zum Verhängnis werden sollte, er würde sich nicht kampflos in sein Schicksal fügen.

Vielleicht gelang es ihm aber auch, einer der wenigen Gnome zu werden, die irgendwann einmal an Altersschwäche in das Reich der Toten eingingen. Er versuchte sich die Chancen dafür auszurechnen, konnte jedoch zu keinem Ergebnis kommen, denn es gab dabei zu viele Unbekannte. Hinter jedem Baum, jedem Strauch, jedem Felsen konnte eine tödliche Gefahr lauern.

Jeder Tag konnte sein letzter sein. Es war ein miserables Leben, das Cruv zu führen gezwungen war, aber er hing trotzdem daran und wollte es nicht verlieren. Mit seinen kurzen Beinen strebte er auf den dichten, finsteren Wald zu. Leise rauschten die Blätter. Äste und Zweige bewegten sich sanft. Der gesamte Wald schien nach einer unhörbaren Geistermelodie hin und her zu schwingen.

Cruv trat in den Schatten der ersten Bäume. Ein schmaler Pfad schlängelte sich in den Wald hinein. Um die Brust des Gnoms schien sich ein eiserner Ring zu legen, und sein Herz schlug ein wenig schneller, als er seinen Fuß in den unheimlichen Wald setzte.

Er fühlte sich beobachtet, und er wusste, dass das nicht bloß Einbildung war. Gespannt hielt er Ausschau nach Feinden, doch sie verbargen sich gut. Er konnte sie nicht sehen. Die drei Spitzen seines Speers nach vorn gerichtet, schritt Cruv den Pfad entlang. Er versuchte auf jedes Geräusch zu achten.

Da lag ein Summen und Brummen in der Luft, ein Wispern, Raunen und Zischen. Der Wald schien auf eine geheimnisvolle Weise zu leben.

Cruv wandte sich um und schaute über die Schulter zurück. Er vernahm ein leises Knistern und das verräterische Rascheln von Laub. Sein Misstrauen wuchs.

Hinter ihm war die Gefahr aber nicht.

Sie war vor ihm!

Etwas schob sich langsam, kaum erkennbar, über den Waldboden. Eine armdicke Schlingpflanze war es, der der Gnom eine willkommene Beute war. Einer Schlange gleich schob sich die graubraune Pflanze auf Cruv zu, drehte sich knapp vor ihm und bildete eine Schlinge, in die er treten würde, sobald er den nächsten Schritt machte.

Ahnungslos tat er ihn!

Sein Fuß setzte in der Mitte des Pflanzenkreises auf – und sofort reagierte der Feind. Blitzschnell zog sich die Schlinge zu. Es war, als würde eine große Hand hart zupacken.

Cruvs Kehle entrang sich ein erschrockener Schrei. Die Schlingpflanze riss ihn mit einem Ruck um. Er fiel auf den Rücken. Der Aufprall war so hart, dass er den Dreizack verlor.

Ihm wurde angst und bange. Bestürzt versuchte er sich seine Waffe wiederzuholen. Die Pflanze schleifte ihn über den Boden, vom Dreizack weg.

Der Gnom streckte seinen kleinen Körper verzweifelt, und es gelang ihm im allerletzten Augenblick, den Schaft seiner Waffe in die Hand zu kriegen.

Seine Finger krampften sich darum. Während er weiter über den Boden gezogen wurde, bäumte er sich auf. Steine hämmerten in seinen gedrungenen Leib. Dornen rissen ihm die Haut auf. Die Schlingpflanze ließ ihn nicht los.

Er krümmte sich, holte mit dem Dreizack aus und stach zu. Die drei Spitzen drangen in den armdicken Pflanzenarm, der wild hochzuckte.

Grüner Schleim quoll aus den Wunden, die Cruv dem Feind geschlagen hatte. Die Pflanze ließ den Gnom los und peitschte pfeifend durch die Luft.

Cruv erkannte seine Chance sogleich. Er sprang auf, wirbelte herum und ergriff die Flucht. Doch die verletzte Pflanze wollte ihn nicht entkommen lassen.

Der faserige Arm schnellte hinter ihm her und wickelte sich um seine Brust. Cruv stöhnte auf. Er wand sich wie ein Wurm, kämpfte um seine Freiheit, doch die Schlingpflanze hielt ihn unwiderruflich fest.

Diesmal schleifte sie ihn nicht, sondern hob ihn hoch. Es sah aus, als wäre er von einem Elefantenrüssel gepackt worden – und nun befand er sich auf dem Weg zu dem Maul, das ihn verschlingen wollte.

Er sah es.

Gierig war es aufgerissen. Eine große violette Blüte, deren Rand gespickt war mit langen, dornenartigen weißen Zähnen. Der Kelch war tief. Ein Schlund, aus dem es kein Entrinnen gab. Wer da hineingeriet, der war verloren.

Über diesem vor Gier zitternden und zuckenden Maul sah Cruv ein schwarzes, starres Auge. Wie ein hassloderndes Höllenauge glotzte es ihn an.

Du bist nicht mehr zu retten!, schrie es in Cruv.

Seine arme Seele lehnte sich verzweifelt dagegen auf. Unzählige Gefahren hatte er – oft im allerletzten Moment – überstanden. Sollte ihn das Glück nun verlassen haben? Musste er in diesem gierig aufgerissenen Schlund sterben?

Der Pflanzenarm riss ihn darauf zu. Aus dem Blütenmaul blubberte etwas, das Ähnlichkeit mit Speichelbläschen hatte. Zäh tropfte der widerliche Pflanzengeifer auf den Boden. Mit besorgniserregender Schnelligkeit flog Cruv durch die Luft.

Er richtete den Dreizack auf das riesige Pflanzenmaul. Fest klemmte er der Pflanze den Dreizack tief in den pulsierenden Rachen.

Die harten Blütenränder mit den spitzen, scharfen Zähnen klappten zusammen. Doch Cruv befand sich nicht in dem violetten Maul. Er war noch draußen, spürte, wie die drei Spitzen seiner Waffe etwas Weiches durchstießen und wie ein heftiges Beben durch den Pflanzengegner ging.

Sekunden später verfärbte sich die Blüte. Sie wurde welk, verformte sich. Das Pflanzenmaul klaffte zuckend auf und gab den Dreizack frei. Der faserige Schlingarm verlor seine Kraft, fiel herab und ließ den Gnom los.

Cruv rollte über den Boden. Wie ein Gummiball federte er gleich wieder hoch und verfolgte, was mit der Todespflanze weiter passierte. Sie verformte sich noch mehr, bekam faulende Stellen, von denen ein bestialischer, ätzender Gestank ausging. Die Blätter wurden zu dampfendem Schleim, der rasch trocknete und krustig erstarrte.

Cruv wischte sich den Schweiß von der Stirn und atmete erleichtert auf. Diesmal war es sehr knapp gewesen. Er hatte schon nicht mehr geglaubt, mit dem Leben davonzukommen. Umso mehr freute er sich darüber, dass er die gefährliche Pflanze besiegt hatte.

Aber sie war nur eine von vielen Gefahren, die dieser Schreckenswald in sich barg.

Würde Cruv eine davon zum Verhängnis werden?



2

Wir hatten einen neuen, großen Erfolg zu verbuchen. Es war uns gelungen, Ammorgh, den gefährlichen Geierdämon, und sein Gefolge unschädlich zu machen. Blackrock Hall, das schottische Schloss, war kein Stützpunkt des Bösen mehr, und das kleine Dorf Morglanssie hatte aufgehört, eine Menschenfalle zu sein.

Darüber hinaus war es Mr. Silver gelungen, Ammorghs Höllenschwert in seinen Besitz zu bringen. Hierbei handelt es sich um eine außergewöhnliche Waffe. Geschmiedet auf dem Amboss des Grauens, ausgestattet mit unvorstellbaren Kräften. Es bestand nicht aus Eisen, nicht aus Stahl, sondern aus einem Material, das es auf unserer Welt nicht gibt.

Mr. Silver hatte vor einiger Zeit seine übernatürlichen Fähigkeiten verloren – die er sich gern wiederholen wollte. Es gab eine Möglichkeit, dieses Ziel zu erreichen.

Wir wussten von einem Tunnel der Kraft, der irgendwo in einer Dimensionsfalte verborgen war. In ihm konnten Dämonen und Ex-Dämonen, die ihre übernatürlichen Fähigkeiten eingebüßt hatten, wiedererstarken.

Aber der Weg dorthin sollte ungemein gefährlich sein. Angeblich wurde eine Art Auslese getroffen. Nur jene, die alle Gefahren meisterten, waren würdig, sich ihre verlorenen außergewöhnlichen Kräfte wiederzuholen. Alle andern blieben auf der Strecke.

Von rangniederen Dämonen, die Mr. Silver beschworen hatte, erfuhr er, dass sich seine Überlebenschancen wesentlich erhöhen würden, wenn er den Weg zum Tunnel der Kraft mit dem Höllenschwert antrat.

Aber die Sache hatte einen Haken: Das Höllenschwert führte ein gefährliches Eigenleben, und es war nicht gewillt, jedem zu dienen. Man musste es sich mit der Kraft seines Willens untertan machen. Wenn einem dies nicht gelang, war man verloren. Das Schwert tötete jeden, der ihm geistig nicht gewachsen war.

Als Mr. Silver diese ungewöhnliche Waffe in die Hand nahm, rasten Fieberschauer durch seinen Körper. Wir wussten nicht, wie das Schwert reagieren würde. Konnte der Ex-Dämon die Willenskraft aufbringen, sich über das Höllenschwert zu stellen – oder würde sich die Waffe gegen ihn richten und ihn töten?

Bange Sekunden vertickten.

Und Mr. Silver schaffte es!

Ich wusste, dass mir das nie gelungen wäre. Er war eben doch – trotz der verlorenen übernatürlichen Fähigkeiten – immer noch um eine Kleinigkeit stärker als ich.

Ich war sehr stolz auf den sympathischen Hünen mit den Silberhaaren. Mit der Eroberung des Höllenschwerts war er der Wiedererlangung seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten einen großen Schritt nähergekommen.

Noch wussten wir nicht, wo der Tunnel der Kraft verborgen war. Aber wir waren zuversichtlich, dass wir ihn eines Tages finden würden.

Zurzeit suchte ihn Mr. Silvers Freundin Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, die die Fähigkeit besaß, zwischen den Dimensionen hin und her zu pendeln.

Wir konnten nur hoffen, dass sie dabei sehr vorsichtig ans Werk ging, denn Mago, der Schwarzmagier, der Jäger der abtrünnigen Hexen, setzte seit langem alles daran, sie zu kriegen. Und Mago war nicht die einzige Gefahr, der Roxane auf ihrer Suche nach dem Tunnel der Kraft zum Opfer fallen konnte.

Ich hatte mit Mr. Silver vereinbart, dass er sich nicht allein auf den Weg zu jenem Tunnel machte, sobald wir wussten, wo er sich befand. Ich würde ihn begleiten und ihm den Rücken decken, wenn er sich mit dem Höllenschwert durch die Jenseitswelt kämpfte. Denn mit vereinten Kräften ist vieles besser zu erreichen …

Ammorgh, der Geierdämon, gehörte also der Vergangenheit an, und es war uns nicht nur gelungen, ihm das Höllenschwert abzunehmen, sondern außerdem noch zwei Menschen das Leben zu retten: Kate Gregory und ihr Onkel Hollis Waxman hätten jetzt nicht mehr gelebt, wenn wir ihnen nicht beigestanden wären.

Waxman war ein Geschäftsfreund meines Partners Tucker Peckinpah. Als der Höllengeier Kate Gregory auf sein Schloss holte, rief ihr entsetzter, verzweifelter Onkel den Geschäftsfreund Peckinpah in London an und bat ihn um Hilfe.

Und der Industrielle schickte mich, als ich von Gelsenkirchen zurückkam, wo ich gegen den Satanswolf gekämpft hatte, gleich in die Grampian Mountains weiter. Ich nahm Mr. Silver mit.

Und nun befanden wir uns in Waxmans Haus in dem kleinen schottischen Ort Tamcout, am Ufer des Loch Dombar.

Wir stießen auf den Erfolg an. Waxman und Mr. Silver mit altem goldenem Scotch, Kate Gregory mit rubinrotem Sherry, und ich – wie konnte es anders sein – mit grünlich-gelbem Pernod, dessen herrlicher Duft mir angenehm in die Nase stieg.

»Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll«, sagte Hollis Waxman zu uns.

Mr. Silver winkte großzügig ab. »Nicht der Rede wert, Mr. Waxman.«

»Sie haben Kate und mir das Leben gerettet.«

»Das ging in einem Aufwasch«, erwiderte der Ex-Dämon. »Wir mussten Ammorgh sowieso erledigen. Er hätte sich niemals freiwillig von seinem Schwert getrennt.« Der Hüne blickte zu der Waffe hinüber, die auf einem Stuhl lag und deren Klinge von innen heraus blitzende Reflexe produzierte.

Ich sah ihm an, wie froh er war, dass diese starke Waffe nun ihm gehörte, und ich war unendlich erleichtert darüber, dass es ihm gelungen war, dem eigenwilligen Schwert seine geistige Kraft aufzuzwingen. Hätte er das nicht geschafft, dann hätte er sich nun nicht mehr in unserer Mitte befunden. Es war ein großes Wagnis gewesen, das Höllenschwert in die Hand zu nehmen. Der Ex-Dämon hatte sehr viel Mut bewiesen, als er dies tat.

Mein Blick fiel auf das Telefon. »Darf ich Ihren Apparat benützen, Mr. Waxman?«

»Selbstverständlich. Ich möchte, dass Sie sich bei mir wie zu Hause fühlen, Mr. Ballard.«

»Danke.«

Ich rief London an. Tucker Peckinpah saß bestimmt auf glühenden Kohlen. Der reiche Industrielle meldete sich auch sofort mit belegter Stimme.

»Es ist geschafft, Partner«, sagte ich.

»Tony!« Er schrie meinen Namen erfreut in mein Ohr.

»Ja, ich bin es wirklich«, sagte ich lachend.

»Sind Sie okay?«

»Ja, und Mr. Silver auch. Tut mir leid wegen des Hubschraubers.« Ammorghs Geier hatten uns angegriffen, als wir in der Mühle saßen und nach Blackrock Hall unterwegs waren. Der Pilot musste notlanden.

»Machen Sie sich deswegen keine Gedanken«, sagte Tucker Peckinpah. »Sie wissen ja, auf finanzieller Basis können mich die Dämonen nicht schmerzhaft treffen. Ich besitze Geld genug, um solche Verluste ohne mit der Wimper zu zucken wegstecken zu können. – Wie ist die Geschichte gelaufen? Erzählen Sie!«

Er bekam von mir einen lückenlosen Bericht, und er jubelte geradezu, als er erfuhr, dass auch Kate Gregory und Hollis Waxman wohlauf waren.

Er verlangte Waxman. Ich reichte den Hörer weiter, und Hollis Waxman meinte, er stünde nun tief in Peckinpahs Schuld, doch davon wollte der Industrielle ebenso wenig wissen wie Mr. Silver und ich.

Wir helfen nicht, um uns jemanden zu verpflichten, sondern weil wir es uns zur Aufgabe gemacht haben, immer und überall gegen die schwarze Macht zu kämpfen, egal, in welcher Form sie in Erscheinung tritt.

Nach diesem Gespräch rief ich meine Freundin Vicky Bonney an. Auch sie freute sich zu hören, dass es uns gutging. Ich wiederholte fast wortgetreu, was ich Tucker Peckinpah berichtet hatte, und wollte anschließend wissen, ob sich Roxane inzwischen zu Hause gemeldet hatte. »Nein«, sagte Vicky. »Machst du dir Sorgen um sie, Tony?«

»Nun, es wäre mir wohler, wenn ich wüsste, wo sie im Augenblick steckt und wie es ihr geht. Vielleicht braucht sie gerade in diesem Moment Hilfe.«

»Roxane ist ein mutiges, vorsichtiges Mädchen.«

»Das dennoch vor Schwierigkeiten niemals gefeit ist. Ich wollte, wir wären endlich wieder alle beisammen.«

»Oh, das ist ein Stichwort, bei dem ich sofort einhaken muss«, sagte meine blonde Freundin. »Vor zwei Stunden hat Frank Esslin angerufen.«

»Frank«, sagte ich und lächelte. »Wie geht’s unserem guten alten Freund?«

Frank Esslin arbeitete für die WHO – die Weltgesundheitsorganisation. Sein Fachgebiet war die Tropenmedizin. Zu Hause war er in New York, aber da hielt er sich zurzeit nicht auf, wie ich von Vicky Bonney erfuhr.

»Rat mal, von wo er angerufen hat, Tony«, sagte die blonde Schriftstellerin.

»Frank ist so viel auf Reisen. Wie soll ich da erraten, in welchem Winkel der Welt er gerade steckt?«, gab ich zurück.

»Willst du’s nicht wenigstens versuchen?«

»Na schön, wenn es dir Spaß macht. – Afrika?«

»Kalt.«

»Na hör mal, in Afrika ist es doch nicht kalt. – Asien?«

»Auch kalt.«

Ich wollte als nächstes Australien sagen, überlegte es mir aber und fragte: »Europa?«

»Warm«, sagte Vicky.

»England?«

»Wärmer«, sagte Vicky und lachte.

»Doch nicht etwa Schottland!«

»Heiß!«, rief Vicky Bonney am anderen Ende des Drahtes.

Ich war überrascht. »Frank hält sich zurzeit in Schottland auf?«, fragte ich hastig. »Wo denn?«

»An der Oberküste. In einem kleinen Fischerdorf namens Cullkirk. Südlich von Montrose.«

»Was tut er denn da?«, wollte ich wissen.

»Ein Kollege hat ihn eingeladen: Professor Dr. Marvin Nelson; er feiert seinen sechzigsten Geburtstag und wollte Frank unbedingt dabeihaben.«

»Kommt Frank anschließend auf ein paar Tage zu uns nach London?«, fragte ich.

»Frank hatte eine bessere Idee.«

»So? Welche?«

»Bin neugierig, wie sie dir gefällt.«

»Schieß los«, verlangte ich.

»Cullkirk feiert in den nächsten Tagen sein achthundertjähriges Bestehen. Frank schlug vor, dass wir alle an dieser großen Feier teilnehmen – du, Silver, Lance Selby, seine neue Freundin Oda, Roxane und ich. Außer Roxane könnten wir alle kommen.«

Die Idee war wirklich nicht schlecht. Wenn sich schon mal eine solche Gelegenheit bot, sollten wir sie nützen. Bis Cullkirk waren es – Luftlinie – etwa hundert Kilometer. Vicky sagte, sie habe mit Lance und Oda bereits gesprochen. Die beiden, die in der Chichester Road neben uns wohnten, wären bereit gewesen, sich mit meiner Freundin nach Cullkirk zu begeben. Lance freute sich auf ein Wiedersehen mit Frank Esslin.

»Okay«, sagte ich und entschied damit gleich für Mr. Silver mit. »Dann kehren wir morgen nicht nach London zurück, sondern fahren nach Cullkirk, wo ihr im Laufe des Tages zu uns stoßen werdet.«

»Ich freu’ mich drauf, Tony.«

»Ich mich auch. Bis morgen also«, sagte ich und legte auf, nachdem ich einen Kuss durch den Draht geschickt hatte.

Cullkirk – ein Wiedersehen mit Frank Esslin, ein paar Tage Erholung, eine schöne Zeit, mit Freunden zusammen. So stellte ich es mir vor. Aber es sollte anders kommen. Ganz anders!



3

Sein Name war Atax. Man nannte ihn die Seele des Teufels. Er war geschlechtslos und herrschte grausam über die Spiegelwelt. Immer neue Teufeleien ersann er, um den Menschen das Leben zur Hölle zu machen.

Selbst trat er nicht allzu gern ins Rampenlicht. Er zog lieber im Verborgenen seine Fäden und verbreitete Angst und Schrecken auf der Erde. Viele unglückliche Menschen hatten durch ihn schon ihr Leben verloren.

Er hielt sich für unbesiegbar, und vielleicht war er das auch. Er sah aus wie ein grauenerregendes Ungeheuer. Sein transparenter Körper war mit violett schillernden Adern durchzogen. Er war ein zeitweilig spiegelndes Scheusal, das sein Aussehen nach Belieben verändern konnte.

Seit langem waren ihm Tony Ballard, der Dämonenhasser, und dessen Team ein Dorn im Auge. Hin und wieder reizte es ihn, dem Dämonenjäger persönlich gegenüberzustehen, doch zumeist beherrschte er sich und schickte andere vor. Er befürchtete insgeheim, Tony Ballard könnte ihn durch Glück oder Zufall besiegen. Das hätte er zwar niemals zugegeben, aber es war so.

Als er grübelnd auf seinem Nebelthron saß und sich neue Bosheiten überlegte, die in der Lage waren, den Ruhm der Hölle zu vergrößern, trugen ihm schwarzmagische Geistfühler zu, was Tony Ballard mit seiner Freundin Vicky Bonney vereinbart hatte.

In Cullkirk wollten sie sich alle treffen. Wunderbar!, dachte Atax. Dann habe ich fast das gesamte Ballard-Team – bis auf Roxane und Vladek Rodensky – in diesem kleinen schottischen Fischerdorf beisammen.

Er sprang vom Nebelthron auf. Böse funkelten seine Augen, und er wusste schlagartig, was er als nächstes unternehmen würde …



4

Die Kratzwunden brannten wie Feuer. Cruv beachtete den Schmerz nicht. Vielleicht klingt es verrückt, aber der Gnom freute sich sogar darüber, denn wer Schmerzen empfindet, der lebt.

Grimmig blickte er auf die fleischfressende Pflanze, die er besiegt hatte. Er drückte den Schaft seines Dreizacks an seine Lippen und küsste ihn.

»Du bist mein Lebensretter. Ohne dich wäre ich unweigerlich verloren gewesen. Wir beide dürfen uns niemals trennen, denn an dem Tag, wo du mir nicht mehr zur Verfügung stehst, muss ich sterben.«

Cruv blies seinen Brustkorb auf. Er hatte von anderen Welten gehört, die weniger gefährlich waren als Coor. Aber wie gelangte man dorthin?

Cruv hätte Coor ohne Wehmut verlassen. Er hing nicht an dieser feindseligen Prä-Welt, in der es Saurier und Drachen, Monster und böse Zauberer gab.

Meine Heimat wäre da, wo es mir gut ginge, dachte er manchmal wehmütig. Aber er würde Coor wohl niemals verlassen können. Er würde weiterhin täglich um sein Leben kämpfen müssen – bis er eines Tages diesen immerwährenden Kampf verlieren würde.

Er schüttelte sich. »Was für düstere Gedanken«, brummte er, »nachdem du doch eben erst einen großen Sieg errungen hast. Sollte dich das nicht fröhlich stimmen?«

Er setzte seinen Weg fort. Die Feindseligkeit des Waldes verdichtete sich spürbar. Aber Cruv musste hier durch, denn jenseits dieses Waldes gab es zahlreiche größere und kleinere Höhlen, von denen ihm eine als Schlupfwinkel dienen sollte. Wenn er Glück hatte, würde er da eine Weile gefahrlos leben können.

Der Gnom ging an einem Busch vorbei, dessen Zweige und Blätter sich über den Pfad wölbten. Ihm fiel auf, wie die Blätter auf einmal zu zittern begannen.

Nichts Gutes ahnend stürmte er vorwärts. Die Blätter sonderten ein blutrotes Sekret ab, das auf den Pfad tropfte und tiefe Löcher in die Erde brannte.

Cruv ächzte. Wenn er nicht so prompt reagiert hätte, wären die roten Tropfen auf ihn gefallen und hätten sich wie eine tödliche Säure in seinen Körper gefressen. Er stellte sich die berechtigte Frage, wie lange ihm das Glück noch treu blieb. Wann würde es ihn verlassen?

Äste knackten. Der Gnom zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Seine Augen verengten sich. Da bewegte sich jemand durch den verfilzten Wald. Aber nicht auf dem Pfad. Er schien stark genug zu sein, um sich seinen Weg durch das Dickicht bahnen zu können.

Cruv leckte sich nervös die Lippen. Er eilte weiter. Die Angst saß ihm im Nacken. Hinter ihm brach berstend und splitternd das Holz von Bäumen. Die Geräusche trieben den Gnomen zu größter Eile an. Er spürte, dass er verfolgt wurde, und lief, so schnell ihn seine kurzen krummen Beine tragen konnten.

Das war nicht ungefährlich. Es bestand die Möglichkeit, dass er vor einer Gefahr floh und in eine andere geriet.

Vor seinem Fuß brach der Waldboden auf. Die Wurzel eines Baumes krümmte sich hoch und brachte den Gnom zu Fall. Sofort bildete sich vor Cruv ein Schlammloch, in dem er versinken sollte. Der Gnom streckte seinen gedrungenen Körper. Im Fallen stieß er den Dreizack weit nach vorn. Die drei Spitzen bohrten sich in feste Erde. Cruv riss sich vorwärts – und damit über das gefährliche Schlammloch hinweg. Damit war eine weitere Gefahr gemeistert. Doch Cruv spürte keine Erleichterung, denn die andere, größere Gefahr kam ihm immer näher.

Er sprang auf, riss den Dreizack aus dem Boden und eilte atemlos weiter. Er hatte ungefähr gewusst, welches Wagnis er auf sich nahm, wenn er den Wald betrat, und nun stellten sich die ersten Zweifel ein. War es richtig gewesen, dieses große Risiko einzugehen? Musste ein Gnom in diesem Zentrum des Grauens nicht auf der Strecke bleiben?

Es gab keinen anderen Weg zu den Höhlen. Man konnte den Wald nicht umgehen. Nur wer ihn durchquerte, erreichte die Höhlen.

Cruv sah sich gehetzt um. Büsche und Jungbäume bewegten sich, wurden mit großer Kraft auseinandergedrückt, abgebrochen oder entwurzelt.

Cruv war zu klein, um sehen zu können, welches Wesen sich da seinen Weg durch den dichten Wald bahnte. Ihm war nur klar, dass es zwischen ihm und diesem Wesen zu keiner Konfrontation kommen durfte, sonst war es endgültig vorbei mit ihm.

Ein Wesen?

Handelte es sich wirklich nur um ein Wesen? Gab es nicht mehrere davon? Dort bewegte sich doch auch etwas. Und gleich daneben wieder. Und links davon …

Der Gnom schlotterten die Knie. Mehr und mehr kam der ganze Wald hinter ihm in Bewegung. Cruv rannte um sein Leben. Er vermeinte hin und wieder etwas Braunes zwischen Zweigen und Blättern glänzen zu sehen.

Was war das?

Der Wald lichtete sich endlich ein wenig. Die Bäume standen nicht mehr so eng beisammen, Büsche und Sträucher wuchsen nur noch spärlich.

Vielleicht schaffst du es!, dachte Cruv. Vielleicht gelingt es dir, mit heilen Knochen aus diesem Horrorwald zu kommen!

Dick glänzte der Schweiß auf dem Gesicht des hässlichen Gnoms. Er wieselte an den Bäumen vorbei, atmete mit aufgerissenem Mund, schien trotzdem nicht genug Luft zu kriegen.

War das die letzte Jagd in seinem Leben?

Ein seltsames Sirren lag auf einmal in der Luft. Es stoppte Cruv und riss ihn herum.

Und nun stand er der Bedrohung unmittelbar gegenüber. Aus dem Unterholz brachen riesige Käfer hervor. Sie waren doppelt so groß wie Cruv, hatten einen dunkelbraunen, glänzenden Panzer und bewegten sich auf sechs schwarz behaarten Beinen vorwärts. Ihr Kopf war klein. Dafür ragte dem Gnom aber ein mächtiges schwarzes Zangengeweih entgegen.

Sieben, acht Käfer zählte der Gnom.

Und die Todeskäfer griffen sofort an!



5

Ich schlief so tief wie schon lange nicht mehr, und ich erholte mich zufriedenstellend von den vergangenen Strapazen. Nach dem erquickenden Schlaf erwachte ich wie neugeboren.

Das Frühstück – von der blonden Kate Gregory zubereitet – schmeckte mir ausgezeichnet. Ich musste mich für Mr. Silver genieren, denn der Hüne fraß (man konnte das unmöglich noch als essen bezeichnen) wie ein Scheunendrescher. Er schüttete Tee und Kaffee in sich hinein, warf Hörnchen, Brötchen und Toastscheiben nach, die er zuvor mit Butter, Marmelade oder Pastete bestrich oder mit Käse belegte.

Hollis Waxman schmunzelte. »Sie haben einen gesegneten Appetit, Mr. Silver.«

»Oja«, tönte der Hüne mit den Silberhaaren. »Ich war noch nie zu faul zum Essen. Der Schornstein muss schließlich von irgendetwas rauchen.«

»Es freut mich, dass es Ihnen so schmeckt«, sagte Waxman.

»Wenn du so weitermachst«, schaltete ich mich verstimmt ein, »müssen in Tamcout die Lebensmittel rationiert werden, Kalorientiger.«

»Du ärgerst dich ja nur darüber, dass du nicht so unbekümmert wie ich in dich hineinschaufeln kannst, was dir schmeckt, Tony«, erwiderte der Ex-Dämon grinsend. »Bei diesen Quantitäten hättest du die ärgsten Gewichtsprobleme.«

»Heute Mittag wird man das Essen für dich auf ‘nem Tieflader rankarren«, sagte ich und legte meine Serviette demonstrativ auf den Tisch.

»Möchten Sie noch selbstgebackenen Kuchen, Mr. Silver?«, fragte Kate.

Er hätte gern ja gesagt, aber er sah mich an und sagte: »Nein, vielen Dank. Ich finde, man darf nichts übertreiben.«

Ich verdrehte die Augen. Während ich vor Scham über seine Gefräßigkeit beinahe im Boden versank, fand er seinen gesegneten Appetit noch durchaus vertretbar.

Ich lachte verlegen. »Wie Sie selbst gesehen haben, ist es nicht leicht, dieses Mammut sattzukriegen. Es gab schon Tage, da befürchtete ich, er würde mir auch die Haare vom Kopf fressen.«

»Irgendwoher muss Mr. Silvers Kraft schließlich kommen«, verteidigte Hollis Waxman den Ex-Dämon.

»Sehr richtig«, bestätigte der Hüne und sah mich triumphierend an.

Nach dem Frühstück überlegten wir, wie wir nach Cullkirk kommen konnten. »Selbstverständlich bringe ich Sie mit meinem Wagen hin«, sagte Waxman sofort.

Ich schüttelte den Kopf. »Das können wir von Ihnen nicht verlangen.«

»Na hören Sie mal, das ist doch das Mindeste, was ich für Sie tun kann, nachdem Sie Kate und mich vor dem sicher scheinenden Ende bewahrt haben, Mr. Ballard. Kate und ich könnten bei der Gelegenheit gleich einen Abstecher nach Dundee machen.«

»Nun, wenn das so ist, wenn Sie nicht nur unseretwegen so weit fahren, nehmen wir Ihr Angebot selbstverständlich gern an«, warf der Ex-Dämon lächelnd ein.

Eine Stunde später saßen wir zu viert in Waxmans Wagen und waren nach Cullkirk unterwegs, wo Atax eine Horror-Show ohnegleichen auf die Beine zu stellen gedachte. Doch davon ahnten wir zu diesem Zeitpunkt noch nichts.



6

Ein paar Häuser, die sich an die Felsen schmiegten, ein kleiner natürlicher Hafen mit einer winzigen Fischerbootflotte – das war Cullkirk, dass der bevorstehenden Ereignisse wegen aus allen Nähten zu platzen drohte.

Das große Ereignis der 800-Jahr-Feier hatte schon lange seine Schatten vorausgeworfen. Ein Fest über drei Tage sollte steigen, das keine Wünsche übrigließ. Normalerweise wohnten vierhundert Menschen in Cullkirk. Zurzeit waren es jedoch mindestens dreimal so viel.

Die Häuser waren beflaggt. Transparente waren über die Straßen gespannt und blähten sich im Wind, der vom Meer kam, wie schmale Segelstreifen.

Im Hause des Bürgermeisters herrschte eine fühlbare Nervosität. Phil McKenzie hatte in den letzten Tagen viel um die Ohren gehabt. Er liebte sein Dorf und die Menschen, die in ihm wohnten, und er wollte ihnen allen ein Fest bescheren, wie es noch nie dagewesen war.

Während er mit seiner Familie frühstückte, bemerkte er: »Radio und Fernsehen werden auch dabei sein.«

Jimmy McKenzie, sein achtzehnjähriger Sohn, lachte. »Du wirst noch zu einer echten Berühmtheit, Dad.«

»Sieht so aus«, erwiderte der Bürgermeister.

»Ich bin sehr stolz auf dich, Phil«, sagte Ellie McKenzie. Sie war eine Frau mit einem nichtssagenden Gesicht, aber die Güte in Person und ihrem Mann stets treu.

Phil McKenzie – leicht angegraute Haare, scharfgeschnittene Züge, kantiges Kinn – nickte ihr lächelnd zu. »Wenn ich meine Festrede halte, wirst du neben mir stehen, Ellie.«

Sie senkte verlegen den Blick. »Ich wollte, ich könnte zu Hause bleiben.«

»Na hör mal, dein Platz ist an der Seite deines Mannes.«

»Natürlich. Aber du kennst mich, Phil. Ich bin doch so scheu. Mir sind so viele Menschen ein wenig unheimlich. Und dann auch noch Radio und Fernsehen. Wenn man mir Fragen stellt, ich glaube, ich würde vor Verlegenheit puterrot werden.«

Jimmy kicherte. »So etwas darf einem im Zeitalter des Farbfernsehens nicht passieren, Ma.«

»Kannst du deine Rede schon, Phil?«, fragte Ellie McKenzie ihren Mann fürsorglich.

»Keine Sorge, ich werde keinen Hänger haben«, erwiderte der Bürgermeister.

»Welchen Anzug wirst du tragen?«

»Weiß ich noch nicht.«

»Der Dunkelblaue steht dir besonders gut. Ich würde ihn anziehen«, sagte die Frau des Bürgermeisters.

»Mal sehen«, entgegnete Phil McKenzie. Wenn er auf diese Weise antwortete, war ein Vorschlag bereits so gut wie abgelehnt. Er würde seinen kaffeebraunen Anzug tragen. Wie zu allen Festlichkeiten, an denen es bisher in Cullkirk als Bürgermeister teilgenommen hatte.

Nach dem Frühstück fragte der Bürgermeister seinen Sohn: »Darf man fragen, was der Junior heute vorhat?«

»Ich treffe mich mit Charlie le Mat und Roy Cassidy«, antwortete Jimmy.

Phil McKenzie schmunzelte. »Die beiden haben dir einen Floh ins Ohr gesetzt.«

»Macht doch nichts.«

»Glaub mir, es gibt diesen Schatz nicht, hat ihn nie gegeben. Das ist bloß ein Gerücht.«

»Wenn sich ein Gerücht so lange hält wie dieses, muss etwas Wahres dran sein, und Charlie, Roy und ich möchten dieses Geheimnis lüften.«

Der Bürgermeister schüttelte den Kopf. »Ich sage dir, da gibt es nichts zu lüften. Es gibt keine einzige Aufzeichnung, die bestätigt, dass dieser Piratenkapitän Nimu Brass wirklich jemals gelebt hat, mein Junge.«

»Lebt denn nur derjenige, über den etwas niedergeschrieben wurde?«

Ellie McKenzie kehrte aus der Küche zurück. »Wovon sprecht ihr?«

»Vom Schatz der toten Seelen«, antwortete Phil McKenzie.

Die Frau des Bürgermeisters kannte die unheimliche Legende. Im Gegensatz zu ihrem Mann nahm sie sie ernst.

Der Piratenkapitän Nimu Brass sollte auf allen Weltmeeren sein Unwesen getrieben haben. Die Zeit, in der seine Gräueltaten stattgefunden hatten, stand nicht genau fest. Es hieß, dass Nimu Brass – vom Erfolg verwöhnt – sogar die Götter herausforderte. Zur Strafe dafür schickten sie ihm einen Orkan, der sein Schiff gegen die Felsen nahe Cullkirk schleuderte, wo es zerschellte und sank. Seither sollten Kisten mit Gold und Juwelen auf dem Meeresgrund liegen.

Jimmy McKenzie und seine Freunde waren nicht die ersten, die den Schatz der toten Seelen finden wollten. Bisher hatte jedoch noch niemand eine Spur des alten Piratenschiffes entdeckt, geschweige denn die Beute der Seeräuber gefunden. Dennoch hielt sich das Gerücht hartnäckig: Kapitän Nimu Brass liege irgendwo dort unten auf dem Meeresgrund, und seine Beute sei mit einem Fluch behaftet.

Es gab Prophezeiungen, wonach Nimu Brass und seine Männer eines Tages von den Toten aufstehen und ihr grausames Werk fortsetzen würden.

Ellie McKenzie war zwar eine gottesfürchtige Frau, und sie hörte zumeist auf das, was der Dorfpfarrer sagte, doch in diesem einen Fall vertrat sie nicht seine Meinung. Er behauptete, von den Toten aufstehen könnten nur diejenigen, die Gott zum Leben wiedererwecke. Sie hingegen war der Ansicht, dass so etwas auch der Teufel fertigbrachte, und davor hatte sie Angst, wenn sie hörte, dass sich ihr Sohn mit seinen Freunden auf die Suche nach dem Piratenschatz begeben wollte. Sie schaute Jimmy flehend an. »Lass die Finger davon, mein Junge.«

»Das kann ich nicht. Die Sache reizt mich viel zu sehr, Ma. Außerdem habe ich Charlie le Mat und Roy Cassidy mein Wort gegeben, bei der Sache mitzumachen.«

»Ihr strengt euch vergeblich an«, meinte der Bürgermeister. »Denkst du, der Schatz wäre nicht schon längst gefunden worden, wenn es ihn wirklich gäbe?«

»Er kann unter einer Schlammschicht liegen.«

»Und das Piratenschiff?«

»Das auch«, sagte Jimmy. »Der Orkan, der es vernichtete, soll ungeheuer stark gewesen sein. Er kann doch den Meeresboden kräftig aufgewühlt haben. Du wirst anders reden, wenn wir dir das Gold vor die Füße stellen, Dad.«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908077
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354228
Schlagworte
tony ballard schatz seelen

Autor

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Titel: Tony Ballard #85: Der Schatz der toten Seelen