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SAN ANGELO COUNTRY #48: Die Stunde des Texas Rangers

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Stunde des Texas Rangers


SAN ANGELO COUNTRY


Band 48


Ein Western von R. S. Stone


Teil 2 eines spannenden Doppelromans




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Klaus Dill, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappe

Texas Ranger Jess Calhoun und Julien Deveraux sind auf der Spur der Halunken, die die Mächen einer Tanztruppe entführt haben. Die Fährte führt nach Texas City. Dort hofft Todd Farlane, der skrupellose Anführer der Banditen, das Geschäft seines Lebens zu machen. Die Mädchen sollen nach Mexiko verschleppt werden. Dort droht ihnen ein schreckliches Schicksal in Bordellen und zwielichtigen Kaschemmen. Aber so schnell gibt Jess Calhoun nicht auf. Er ist fest entschlossen, die schöne Juliette Cravat und die anderen Mädchen aus den Händen der Banditen zu befreien – und wenn er notfalls allein gegen die Banditen kämpfen muss. In diesen Stunden erweist sich zum Glück auch Julien Deveraux als mutiger Kämpfer und hält Jess den Rücken frei. Denn auch Deveraux weiß, wie viel auf dem Spiel steht, und dass der Ausgang des Kampfes mehr als ungewiss ist ...

Teil 2 eines spannenden Doppelromans




1.




Während die Considence wieder Kurs in Richtung des Golf von Mexiko nahm, erreichten Jess Calhoun und Julien Deveraux Waco. Sie hatten einen harten Ritt hinter sich. Der Franzose aus New Orleans konnte sich kaum noch im Sattel halten. Er wirkte um Jahre gealtert. Aber er hatte durchgehalten. Jess Calhoun konnte nicht anders – immer wieder musste er die Zähigkeit dieses kleinen, schmächtigen Burschen bewundern. Nie hätte der Ranger geglaubt, dass der verwöhnte Geck es bis Waco schaffen würde, ohne aus dem Sattel zu kippen.

Sie ritten ins Hauptquartier der Kompanie F ein und Calhoun wunderte sich, dass hier alles mächtig ruhig war. Sie kamen an den langen Boxen der Pferde vorbei. Die meisten waren leer. Am Ende der Boxen stand der bullige Stallmann. Er hatte seine stämmigen Hände in die Hüften gerammt. Als er die beiden Reiter kommen sah, grinste er breit über sein viereckiges Gesicht. Calhoun hielt sein Pferd direkt auf ihn zu.

»Hast `n lauen Job, was, Dundee?«

Bruce Dundees Grinsen wurde noch breiter. »Sind alle im Einsatz, Mann.« Er deutete mit seinem rechten Zeigefinger auf Lucien Deveraux, der wie ein schlaffer Sack im Sattel hing. »Wo hast du den Vogel denn aufgegabelt, Calhoun? Sieht mir nicht aus wie Dutch Ray. Sieht eher aus wie einer, dem das Klima hier nicht bekommt. Wo hast du Ray gelassen, Freund Jess?«

Calhoun rieb sich übers unrasierte Kinn. »Ist `ne lange Geschichte, Amigo. Ist der Colonel im Büro?«

Dundee nickte eifrig. »Der wartet schon seit Tagen sehnsüchtig auf dich.«

Sie überließen die beiden Pferde der Obhut des vierschrötigen Dundees und begaben sich dann in die Kommandantur des Colonel. Der saß in seinem Büro. Zigarrenrauchend thronte er hinter seinem Schreibtisch. Colonel Amos Calhoun war ein Mann mit einem energischen Gesicht. Er hatte graues, volles Haar und zwei eisgraue Augen tauchten unter buschigen Augenbrauen hervor. Sein Gesicht war kantig und markant.

Als Calhoun und Deveraux in sein Büro traten, ahnte der Colonel auch schon, dass es Verdruss gegeben hatte. Denn Dutch Owen Ray, den sein Sohn Jess aus Lucky Bend holen sollte, war nicht dabei. Statt dessen stand Jess Seite ein schmächtiger Bursche, völlig abgerissen und erledigt. Und der Colonel sah auch sofort die Wunde in Jess rechter Gesichtshälfte – die Wunde, die entstand, als der Ranger von dem herunterstürzenden Brett am Kopf getroffen wurde.

Jess reichte dem Colonel seine Hand und dieser erhob sich und ergriff sie. Beide Männer wechselten einen kräftigen Händedruck miteinander.

Dann wurde Calhoun dienstlich. Er berichtete ohne Umschweiße in knappen Worten, was sich zugetragen hatte. Er begann mit der Abholung des Desperados und beendete seinen Bericht damit, dass Todd Farlaine mit seiner Mannschaft Kleinholz aus der Glory Donce gemacht hatten.

Der Colonel hörte schweigend zu. Er war nicht der Mann, der mit voreiligen Vorwürfen reagierte. Er wusste, dass er sich auf die Aussage seines Sohnes verlassen konnte.

»Und Sie sind sich ganz sicher, dass es Tascosa-Todd war, der die Glory Donce auf den Grund des Brazos gesetzt hat?« Diese Frage stellt der Colonel nun Deveraux.

Der Franzose nickte »Ich habe ganz deutlich gehört, wie dieser Name gefallen ist«, antwortete Deveraux.

Colonel Amos Calhoun erhob sich hinter seinem Schreibtisch. Er begab sich auf eine der großen Karten zu, die an der Wand hingen. Er sagte: »Das sieht diesem Bastard von Tascosa-Todd ähnlich. Ja, ein solcher Überfall passt zu seinem Stil.«

Mit seinem knochigen Zeigefinger zeichnete Calhoun die Route des Brazos ab. In seinem Kopf arbeitete es. Der Kommandant der Kompanie F galt als scharfer Taktiker. Er selbst hatte jahrelang als Ranger im Sattel gesessen und den Kampf gegen Grenzbanditen und Comanchen geführt. Calhoun hatte sich im Laufe seiner Jahre durch sämtliche Ränge hindurch hochgearbeitet und war nun seit vier Jahren Befehlshaber der Kompanie F in Waco. Und das, obwohl er schon in einem Alter war, bei dem man ans Pensionieren dachte. Aber einer wie Amos Calhoun konnte und wollte den Dienst noch nicht quittieren.

Ohne den Blick von der Karte zu nehmen, sagte er: »Wenn Ihre Theorie wirklich stimmt, Mister – und davon gehe ich aus – dann muss Tascosa-Todd mit seinem Boot morgen in Galveston eintreffen. Selbst wenn Sie wie der Teufel reiten, könnten Sie niemals vor ihm dort sein.«

Jess begann, sich eine Zigarette zu drehen. »Ja. Die Zeit rennt uns davon, Colonel.«

Der Colonel presst seine dünnen Lippen hart aufeinander. »Galveston, Texas-City: Erstklassige Umschlagplätze für Waffenschmuggel und Mädchenhandel. Verdammt, Jess, seit Jahren beißen wir uns da schon die Zähne aus.«

»Dann wird´s höllisch Zeit, den Jungs das Handwerk zu legen!«, antwortete sein Sohn grimmig. »Am besten, wir brechen noch heute auf.« Er blickte zu Deveraux hinüber, der sich auf einen Stuhl gesetzt hatte. Mit verständnisloser Miene erwiderte er Calhouns Blick. Der Franzose war am Ende seiner Kraft und brauchte dringend Ruhe.

»Nun, du weißt, dass Dutch Ray dich jederzeit erkennen kann? So, wie die Sachlage geschildert worden ist, gibt es für mich gar keinen Zweifel, dass dieser Schurke jetzt zur Farlaine-Bande gehört. Das macht die Sache nicht gerade leichter. Im Gegenteil, Jess. Mir wäre lieber, ich könnte einen anderen Mann auf die Fährte von Tascosa-Todd setzen. Aber alle verfügbaren Männer sind im Einsatz.« Der Colonel machte eine kurze Pause und fügte dann hinzu: »Außerdem wüsste ich auch sonst nicht, wen ich an deiner Stelle schicken könnte.«

»Ich habe die Sache verbockt, Pa und ...«

»Unsinn!«, unterbrach Colonel Calhoun Jess scharf, weil er es nicht mochte, wenn sein Sohn ihn während des Dienstes zu vertraulich ansprach. »Du konntest nicht ahnen, dass die Glory Donce eine Waffenlieferung für die Armee an Bord hatte. Ich habe auch nichts davon gewusst, zum Teufel. Kapitän Ringrose hat alleine dieses Risiko auf sich genommen. Was mir nun einmal nicht schmeckt ist, dass ich dich ganz alleine in die Höhle des Löwen schicken muss. Und dass du bei dieser Mission nicht einmal unerkannt bleiben kannst, zumal Dutch Ray dich erkennen wird. Ich werde Verstärkung anfordern, aber das kann noch Tage dauern, bis ...«

»Bis dahin sind die Waffen schon längst verkauft und die Frauen auch. Ich weiß, wo ich ansetzen muss. Außerdem rechnen die nicht mit mir, weil sie glauben, ich wäre ebenfalls auf der Glory Donce umgekommen.«

»Jess Calhoun ist schließlich nicht allein«, meldete sich nun Deveraux. »Schließlich werde ich ihn begleiten.«

»Sie?«, rief der Colonel überrascht, »Was haben Sie denn damit zu tun?«

»Es sind zum größten Teil meine Mädchen, die entführt worden sind, Colonel Calhoun. Sie gehören zu meiner Schauspielertruppe. Ohne sie kann ich meinen Job an den Nagel hängen.«

Jess und sein Vater wechselten einen vielsagenden Blick miteinander.

»Meine Güte!«, schnaubte der Colonel, »wir sind hier nicht auf der Bühne bei irgendeiner Ihrer Shakespeare-Veranstaltung. Diese Hombres machen kurzen Prozess. Das haben Sie ja wohl auf dem Schiff selbst erlebt, oder? Sie werden alles andere tun, Monsieur: nur nicht Jess auf dieser Mission begleiten. Schlagen Sie sich diese Idee mal hübsch aus dem Kopf.«

Der Franzose sprang von seinem Stuhl auf. Plötzlich wirkte dieser schmächtige Mann gar nicht mehr so müde und ausgelaugt. Und er brüllte mit einer Lautstärke, die Calhoun ihm in den kühnsten Träumen nicht zugetraut hätte: »Was bilden Sie sich ein, mir vorzuschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe? Colonel Calhoun, ich stehe nicht unter Ihrem Kommando. Folglich bin ich ein freier Mann und kann meine Entscheidungen selbst fällen. Und ich bin verantwortlich für die Mädchen meiner Truppe. Ohne Sie ist meine Existenz kaputt. Und ich werde nicht zulassen, dass diesen Mädchen etwas passiert.«

Die Augen des Colonel weiteten sich vor Erstaunen. Dieser schmächtige Bursche aus New Orleans zeigte eine Seite, die selbst dem Colonel die Sprache verschlug. Jess Calhoun grinste breit. Er verschränkte die Arme ineinander und genoss diese Szenerie. Insgeheim bewunderte er den kleinen Deveraux. Dieser Bursche schien im Laufe der vergangenen Tage mächtig aus sich herausgewachsen zu sein.

Und in einem Punkt hatte Deveraux schließlich recht: Er war der Leiter der Schauspielertruppe und trug die Verantwortung. Alleine die Tatsache, dafür auch einzustehen, zeigte Calhoun, dass Deveraux ein mutiger Mann war. Nein, er wirkte jetzt ganz und gar nicht mehr wie der verwöhnte Snob aus New Orleans, der es bislang gewohnt war, in den feinsten Kreisen zu hausieren. Dieser Bursche war in den vergangenen Tagen durch eine mächtig harte Schule gegangen.

»Monsieur«, sagte nun Colonel Calhoun in warnendem Tonfall, »Sie haben völlig recht: Ich bin nicht Ihr Vorgesetzter. Und von daher auch nicht befugt, Ihnen Befehle zu erteilen. Dennoch nehmen Sie meinen Rat an: Die Sache wird alles andere als ein Spaziergang. Tascosa-Todd gehört zu den übelsten Burschen entlang des Brazos. Sie selbst haben schließlich miterlebt, wozu dieser Mann fähig ist. Ich kann verstehen, dass Sie Ihre Ladies wieder haben wollen. Aber ich schätze Sie nicht so ein, dass Sie mit der wilden Horde fertig werden könnten. Überlassen Sie uns die Sache, Monsieur Deveraux und hüten Sie sich davor, mit meinem Sohn mitzureiten.«

Für einen kurzen Augenblick herrschte Stille im Büro des Colonel . Deveraux blickte vom Colonel herüber zu Jess. Dann sagte der Franzose: »Ich habe gesehen, wie die Männer meiner Schauspielertruppe einfach abgeknallt wurden, als wären sie Vieh. Ich habe die Hilferufe der Mädchen gehört, als sie an Bord dieses Bootes geschleppt wurden. Das wird mich niemals mehr loslassen, Colonel Calhoun. Okay, ich bin kein Mann, der Gewalt liebt. In New Orleans gehen die Menschen anders miteinander um. Hier bei Ihnen im Westen scheint eine andere Sprache zu herrschen. Mein Wunsch war es, mit der Schauspielertruppe eine Tournee durch den Westen zu veranstalten. Nun, so muss ich mich also den Gebräuchen und Sitten dieses Landes anpassen. Ich danke Ihnen für den gutgemeinten Rat, Monsieur Calhoun. Aber mein Entschluss steht fest: Ich werde Jess Calhoun bei seiner Mission begleiten.«

Colonel Calhoun zog staunend die Augenbrauen in die Höhe. Dieser schmächtige Franzose hatte Mut. In der Tat, das musste man ihm lassen. Und so wandte sich der Colonel an Jess und sagte: »Deine Entscheidung ....«

Jess Calhoun verzog sein Gesicht zu einem breiten Grinsen. »Dieser kleine Hombre aus New Orleans ist sturer als ein Maulesel. Und er will seine Ladies wieder haben. Und mächtig zäh ist er auch. Ich denke, dass ich keine andere Wahl haben werde, ihn mit in mein Schlepptau zu nehmen.«

»Gut«, antwortete Calhoun. »Du musst es wissen. Monsieur Deveraux handelt aus persönlichen Motiven. Ich kann und werde also die Verantwortung nicht für ihn übernehmen.«

Calhoun und Deveraux wechselten einen kurzen Blick miteinander. Im Laufe der vergangenen Tage hatten diese beiden Männer zueinander finden können. Für Calhoun war es anfänglich schwer. Denn er mochte diesen Franzosen mit seinen pikfeinen Manieren nicht sonderlich. Doch nach und nach entwickelte sich eine Achtung Deveraux gegenüber.

»Gibt es Anhaltspunkte, an die ich anknüpfen kann?«, fragte Jess nach einer Weile. Der Colonel kräuselte seine Stirn. Er dachte einen Moment lang nach. Jess sah seinem Vater an, dass dieser mit der augenblicklichen Situation nicht einverstanden war. Dann sagte der Colonel: »Unser letzter Einsatz in Texas-City verlief überaus erfolglos. Ein gewisser Don Manuel de Cordona hat in Texas-City das Sagen. Ein überaus einflussreicher Hombre, dieser Cordona. Geschäftsmann durch und durch und stinkreich. Die meisten Saloons, Spielhöllen und Hotels gehören ihm. Man sagt, dass er Verbindungen mit einem Verbrechersyndikat in Galveston hegt. Aber: Nachweisen konnte man diesem Cordona bislang noch nichts. Möglich, dass Todd Farlaine in dessen Auftrag gearbeitet hat. Zumindest wäre es denkbar, dass die Mädchen auf Cordonas Konto gehen könnten.«

»Mächtig dünn, Colonel«, stellte Jess trocken fest.

»Ich weiß. Ich wünschte, ich könnte mehr und bessere Informationen bieten. Dort unten am Golf ist im Augenblick die Hölle los. Da regiert das Verbrechertum. Banditen aus Mexiko kommen mit ihren Schiffen herüber, chinesische Einwanderer bilden sich zu Gruppen zusammen. Vor allem ist Galveston im Augenblick von üblen Machenschaften des Verbrechertums überschattet. Das überträgt sich natürlich auf die benachbarte Stadt Texas-City. Das Gesetz hat es schwer, dort Einzug zu bekommen. Ich beneide dich wahrlich nicht, Jess. Aber ich verspreche, dass ich hier alle Hebel in Bewegung setzen werde, um möglichst bald Unterstützung schicken zu können. Aber das kann einige Tage dauern. Bis dahin bist du auf dich alleine gestellt.«

Jess Calhoun wusste, dass die Worte des Colonels nicht in den Wind gesprochen wurden. Sein Vater hatte sich Zeit seines Lebens dem Gesetz verschworen, und in der Kompanie F befand sich die Elite unter den Rangern. Und alleine dies war der Beharrlichkeit des Colonel Amos Calhoun zu verdanken, der niemals Kosten und Mühen gescheut hatte, diesen Männern, die dem Gesetz dienen wollten, die besten Ausbildungen zu geben, die man sich nur vorstellen konnte.

All diese Männer waren im Einsatz. Sie waren in diesem großen Land verstreut und stellten sich den Desperados, Viehdieben, Grenzgängern und Mördern. Sie verrichteten ihren Job als Städtebändiger und Friedensstifter mit einem heiligen Ernst. Nein, sie scheuten keine Mühen, dem Gesetz in diesem noch wilden Land Geltung zu verschaffen. Dennoch wirkte das alles manchmal wie ein Tropfen auf einem heißen Stein. Denn das Land war groß und wild.

Jess Calhoun hatte sich bei seinem Vater etwas mehr an Informationen erhofft. Er war enttäuscht. Dabei machte er ihm keinen Vorwurf. Aber die Informationen, die der Colonel bekommen hatte, reichten nicht aus, um sich ein gewisses Strickmuster zusammen zu legen. Er wusste noch nicht, wie er vorgehen sollte, um erfolgreich sein Ziel zu erreichen. Und auch der schmächtige Deveraux würde ihm nicht weiterhelfen können. Jess Calhoun war wieder einmal alleine und stand vor einer mächtig schwierigen Situation. Ihm war völlig klar, dass jetzt alles sehr schnell gehen musste, um die Mädchen zu retten.

Tascosa-Todd Farlaine war bekannt dafür, überall und nirgends zu sein. Es war durchaus denkbar, dass er und seine Bande schnellstmöglich die gestohlenen Waffen und die Mädchen verkauft hatte und bereits Jagd nach neuer Beute machte.

Aber Jess Calhoun wollte auf seinem Instinkt als Jäger vertrauen. Sehr viele Möglichkeiten hatte er schließlich nicht. Und für ihn lagen all seine Vermutungen nahe.


*


Als sie die Kommandantur der Kompanie F verlassen hatten, sagte Deveraux: »Danke, Calhoun.«

Er sagte es in einem solchem Ton, dass sich Calhoun erstaunt zu ihm herumdrehte und sogar stehen blieb.

»Wofür?«

»Sie haben dem Colonel nicht erzählt, dass ich im Grunde genommen nur eine Last für Sie bin. Das bin ich doch, nicht wahr?« Deveraux wartete die Antwort des Rangers erst gar nicht ab, sondern fügte schnell hinzu: »Nun, Monsieur Calhoun: Ich möchte mich dafür bedanken, dass Sie gewissermaßen für die Zustimmung plädierten, meinen Wunsch, Sie zu begleiten, zu unterstützen.«

»Amigo Deveraux«, kam es etwas brummig von Calhoun, »wir beide haben erlebt, wie die wilde Horde die Glory Donce zu Kleinholz verarbeitet und dann auf de Grund des Brazos gesetzt hat. Das war wahrlich so die mieseste Aktion, die mir in meinem Leben vorgekommen ist. Wir beide haben überlebt. Sie tragen Ihren Teil an dieser Sache und ich meinen. Und – Hölle und Verdammnis – ich kann gut verstehen, dass Sie die Mädchen wieder heil aus den Klauen dieser üblen Burschen herausbekommen wollen. Amigo, außerdem traue ich Ihnen eine höllische Portion an Mut zu. Zugegeben; anfänglich sah ich das nicht so. Lassen wir die Sache also so stehen und hoffen, dass wir diese verdammte Mission, die vor uns liegt, auch erfolgreich durchziehen können.«

Deveraux sah den Ranger mit großen Augen an. Ein Strahlen machte sich in seinem abgespannten Gesicht breit. Ja, man könnte sagen, dass dieser Geck aus New Orleans strahlte wie ein kleiner Schuljunge, der eine gute Benotung bekommen hatte. Und verlegen wurde er, dieser Franzose mit den pikfeinen Manieren der oberen Klassengesellschaft. Um diese Verlegenheit zu unterdrücken, sagte er in einem gespielt rauen Ton: »Verdammt, Calhoun. Sie sind der raubeinigste Kerl, dem ich jemals begegnet bin. Und Manieren haben Sie auch so gut wie keine. Und wenn es jemand gibt, der lachend in einen Kampf marschiert, dann sind Sie das. Aber bei Gott: Von einem Kerl wie Ihnen sehe ich das als echtes Kompliment an!«

»Na, Amigo Deveraux, dann sind wir uns ja einig«, brummte Calhoun und dann landete seine große Hand auf dem Rücken des Franzosen. Deveraux blieb fast die Luft weg.

»Es macht wenig Sinn, noch heute Abend in die Sättel zu steigen«, fuhr Calhoun fort. »Deshalb schlage ich vor, dass wir uns hier in Waco Proviant für die anstehende Reise kaufen. Außerdem brauchen Sie noch eine Waffe, mit der Sie auf keinen Fall daneben schießen können. Mit dem Colt brauchen wir´s gar nicht weiter zu versuchen.“

Während ihres Rittes hatte Deveraux versucht, mit dem Colt Schießübungen zu veranstalten. Er sollte aus kurzer Entfernung einen Ast treffen. Dieses Unterfangen misslang allerdings kläglich. Calhoun grinste. »Ich weiß etwas, was genau richtig für Sie wäre.«

Deveraux sah den Ranger stirnrunzelnd an. Die Schmach der misslungenen Schießübungen stand deutlich in seinem Gesicht geschrieben.

»Und was?«

»Das werden Sie schon sehen, mein Freund aus New Orleans. Anschließend werden wir uns jeder ein Hotelzimmer suchen und zum krönenden Abschluss durch ein paar Saloons streifen. Morgen brechen wir in aller Frühe auf.«

Calhoun sprach diese Worte in einem Ton aus, der jeglichen Widerspruch sofort im Keim erstickte. Und so gingen die beiden Männer über die Main Street von Waco, suchten einen Store auf und kauften den nötigen Proviant wie Dörrfleisch, Konserven, Tabak und ein paar andere Kleinigkeiten. Calhoun kaufte sich zudem noch ein Fernglas und eine Flasche Whisky. Und danach ließ er sich ein paar Waffen zeigen, von denen er der Meinung war, dass sie für Deveraux genau richtig wären.

Als sie den Store verließen, trug Lucien Deveraux ein kurzes, abgesägtes Schrotgewehr in einem Holster. Dieses Ding sah zwar mächtig komisch aus, aber es erfüllte seinen Zweck. Auf eine kurze Entfernung von einigen Yards war es unmöglich, mit dieser Wunderwaffe daneben zu schießen. Dieses Ding hatte zwei Läufe und wurde mit Rehposten geladen. Die Streuwirkung war so enorm, dass sie im näheren Umkreis alles traf.

»Wenn wir unterwegs sind«, sagte Calhoun, als sie über den Gehsteig liefen, »werden wir mit dem Ding erneut ein paar Schießübungen veranstalten. Aber Sie werden sehen, mein Freund, dass es unmöglich ist, mit diesem Prügel da vorbeischießen zu können.«

Deveraux zuckte nur mit den Schultern. Dieses merkwürdige Ding in seinem Holster war völlig ungewohnt für ihn. Und irgendwie störte es ihn auch. Doch mittlerweile hatte auch er erkennen müssen, dass es in diesem Land lebensnotwenig war, eine Waffe bei sich zu tragen. Und so musste sich Lucien Deveraux wohl oder übel an den neuen Kameraden an seiner Seite gewöhnen.

Zu dieser Stunde war die City mächtig belebt. Es floss ein reger Strom von Menschen über die Main-Street. Die Gehsteige links und rechts waren voll. Aus den vielen Saloons klang lautes Gelächter und Musik auf die Straße. Die Zeit des Amüsierens war gekommen. Frachtwagen, beladen und unbeladen, parkten an den Straßenseiten. Reiter kamen gemächlich in die Stadt geritten. Calhoun und Deveraux wechselten die Straßenseite und erreichten das Global Inn. Dort mieteten sie sich für die kommende Nacht ein und begannen dann einen Streifzug durch einige Saloons dieser Stadt.



2.



Als Lucien Deveraux am frühen Morgen im Sattel seines Pferdes saß, wurde er das Gefühl nicht los, dass tausend kleine Teufelchen in seinem Schädel steckten und diesen mit Hämmerchen bearbeiteten. Er wusste augenblicklich wirklich nicht, was schlimmer war: das ewige Hämmern dieser üblen, garstigen Teufelchen oder der fortwährende Wunsch seines Magens, sich umdrehen zu wollen. Lucien Deveraux gehörte nicht zu der Sorte, die den Umgang mit Alkohol gewohnt war. Folglich ging es ihm an diesem Morgen höllisch dreckig. Und als Calhoun, dem es an nichts zu fehlen schien, auch noch höhnende Bemerkungen über den momentanen Zustand des Geplagten machte, wollte sich Deveraux am liebsten in eine Ecke verkriechen.

Dennoch verließen sie in aller Herrgottsfrühe Waco und machten sich auf den Weg in Richtung Küste. Calhoun schlug dabei den Weg entlang des Brazos ein. Der Ranger war guter Dinge und irgendwann fing er an, ein altes texanisches Volkslied zu pfeifen. Ihn selbst störte es nicht, dass er ein völlig falsches Pfeifen über seine Lippen brachte. Deveraux allerdings umso mehr. Der Franzose hing wie ein nasser Sack im Sattel seines Grullas. Er war kreidebleich im Gesicht. Dicke Schweißperlen zeigten sich auf seiner Stirn. Der verdammte Kater wollte einfach nicht weichen. Und das falsche Pfeifen Calhouns gab dem armen Kerl fast den Rest.

Nach ungefähr drei Stunden stoppte Deveraux sein Pferd. Ein würgendes Geräusch entrann sich seiner Kehle. Calhoun drehte sich im Sattel um und sah, wie Deveraux sich zur Seite beugte und den gesamten Mageninhalt über das trockene Bunchgras schüttete. Er konnte einem fast leid tun, dieser gebeutelte Mann aus New Orleans. Whisky war einfach nicht seine Stärke.

»Was für eine Verschwendung, Amigo Deveraux. Der gute Kentucky-Whisky«, brummte Calhoun ungerührt. Er griff in die Satteltasche und zog eine volle Flasche Whisky heraus. Er reichte sie dem geplagten Deveraux herüber. »Trinken Sie einen Schluck. Dann wird es Ihnen besser gehen.«

Deveraux Gesicht wechselte von Weiß zu Grün, als er die Flasche sah. Und wieder musste er sich mächtig übergeben. Es klang, als würde er sterben. Und wahrscheinlich fühlte er sich augenblicklich auch so.

Calhoun schüttelte den Kopf und betrachtete für einen kurze Weile die Whiskyflasche in seiner Hand. Dann verstaute er sie wieder in seine Satteltasche.

»Sie Unhold! Sie grober, ungehobelter und unsentimentaler Höllenhund«, krächzte Deveraux, nachdem sich sein Magen etwas beruhigte. »Wie können Sie mir heute mit diesem Teufelszeug kommen? Sie sehen doch, was der Whisky mit mir angestellt hat.«

»Deveraux«, schnaubte der Ranger, »wenn ich gewusst hätte, dass Sie nur Milch und Wasser vertragen ... aber Sie haben ja gestern Abend den Whisky in sich hineingeschüttet, als gäbe es kein nächstes Mal.«

»Das war doch Ihre blöde Idee«, verteidigte sich der Franzose. »Wenn es nach mir gegangen wäre, hätte ich sofort das Hotelzimmer aufgesucht, statt in den übelriechenden Spelunken herumzustreunen.«

»Na, gestern Abend hat es Ihnen doch gut gefallen. Und auch diese rothaarige Lady mit dem unschuldigen Blick. Wie hieß Sie noch gleich? Jenny? Mary?«

»Scheren Sie sich zum Teufel, Jess Calhoun!« Deveraux warf dem Ranger einen bösen Blick zu. »Das alles hatten Sie doch nur arrangiert, um mich betrunken zu machen. Sie sind ein übler Bursche. Oh, Sie passen in dieses Land. Woanders würde man Sie nicht dulden. Mit Schimpf und Schande würde man Sie verjagen. Ein Höllenhund sind Sie, Calhoun. Jawohl, eine regelrechte Ausgeburt der Hölle.«

Calhoun fertigte sich mit geschickten Fingern eine Zigarette. Grinsend zündete er sie an, inhalierte genüsslich den Rauch und meinte dann: »Okay, Amigo Deveraux. Wenn Sie mit der Verteilung des Whiskys über das Grasland hier fertig sind und auch mit Ihren wüsten Beschimpfungen, dann schlage ich vor, dass wir unseren Ritt fortsetzen. Vamonos, Hombre!«

»Vamonos, Hombre! Vamonos, Hombre!«, äffte Deveraux Calhouns Aufforderung zum Weiterritt nach und fügte im Ton eines beleidigten Jungen hinzu: «Verdammter Antreiber!«

Calhoun hörte dies schon gar nicht mehr. Er ließ seinen Schecken vorwärtstraben. Deveraux folgte ihm unwillig, immer noch geplagt von heftigen Kopfschmerzen und grenzenloser Übelkeit.

Gegen Mittag wurde es für Deveraux noch einmal besonders schlimm. Denn die Hitze wurde unerträglich. Zwar wehten ab und zu ein paar frische Böen vom Brazos zu ihnen herüber, aber das half kaum. Jedenfalls Deveraux nicht. Der Schweiß lief ihm in Strömen aus allen Poren. Dennoch biss er tapfer die Zähne zusammen. Er wollte nicht klein beigeben. Jess Calhoun saß kerzengerade im Sattel. Ihm schien das alles nichts auszumachen. Deveraux stellte sich die Frage, ob dieser Mann wirklich aus Fleisch und Blut bestand oder ganz einfach nur ein Eisenfresser war – eine Maschine, die nichts erschüttern konnte.

Am frühen Nachmittag stieg das Land etwas an. Es war ein seltsames Land, durch das sich der Brazos schlängelte. Es bestand zum größten Teil aus Fels und Gestein. Aber auch Pflanzen gediehen hier; Krüppeleichen, kniehohes Gras und wilde Blumen. Zur linken Seite des Flusses tauchten plötzlich mannshohe Kakteen auf. Wie Soldaten standen sie in der Landschaft und schienen über das Land zu wachen. Es wirkte so, als würden diese Kakteen gar nicht in diese Idylle hinein passen.

Immer wieder glitten Calhouns wachsame Blicke nach rechts und links. Seine Augen registrierten jeden Strauch – jede Bewegung. Er sah dann plötzlich den Mann, dessen Körper an einem Felsen lehnte. Er hatte seinen mexikanischen Sombrero tief ins Gesicht gezogen. Eigentlich sah es so aus, als machte dieser Mann dort am Felsen ein kleines Nickerchen – wenn nicht das nähere Umfeld voller Blutflecken gewesen wäre. Von weitem schon konnte Calhoun deutlich erkennen, dass dieser Mann verletzt war. Das Pferd befand sich einige Meter weiter hinten. Auch der Sattel war blutverschmiert. Calhoun und Deveraux stoppten ihre Pferde wie auf ein Kommando und Calhoun rief zu dem Mann herüber: »He, Amigo! Alles in Ordnung?«

Der Bursche dort am Felsen bewegte sich zunächst nicht. Erst nach ein paar langen Sekunden regte er sich stöhnend. Mit einem schmerzverzerrten Stöhnen schob er sich den Sombrero nach hinten. Er blinzelte den Reitern entgegen. Ein hartes Grinsen zeigte sich in seinem zerfurchten, blutleeren Gesicht. Den Mann hatte es offensichtlich übel erwischt. Sein Hemd und auch die Hose waren blutverschmiert. Er blutete aus drei oder vier verschiedenen Wunden.

»Buenos tardes, Compadres«, krächzte der Verletzte. »Ziemlich verlassene Gegend, Amigos.« Seinen heiseren, vor Schmerz gepressten Worten folgte ein schlimmer Husten. Die beiden Reiter glitten aus den Sätteln und näherten sich dem Mexikaner. Es musste ein rauer Geselle sein, denn trotz seiner Verwundungen zeigte sein Gesicht immer noch ein verwegenes Grinsen.

»Dich hat´s mächtig erwischt, Mann«, stellte Calhoun trocken fest.

»Mit mir geht´s zu Ende, Amigo mio. Hast du Whisky und eine Zigarette, Hombre?«

Calhoun nickte leicht. Er ging zurück zu seinem Pferd und nahm die Flasche Whisky aus der Satteltasche. Beim Anblick dieser Flasche überkam Deveraux erneut ein würgendes Gefühl. Er blickte auf den Verwundeten, der immer noch am Felsen lehnte Und auch Deveraux ahnte, dass dieser Mann dort in den letzten Zügen lag.

Calhoun reichte dem Mexikaner den Whisky. Der nahm die Flasche in beide Hände, zog mit den Zähnen den Korken heraus und spuckte ihn zur Seite. Dann trank er gierig. Das war für Deveraux zuviel. Er drehte sich zur Seite und musste sich erneut übergeben. Der Mexikaner setzte die Flasche ab. Mit krächzender Stimme sagte er: »Dein Amigo hat ´n schwachen Magen, was, Hombre?«

Calhoun grinste leicht, während er eine Zigarette für den verwundeten Mann drehte. »Hatte in der Nacht `nen höllischen Durst gehabt, der Gute. Und das ist ihm etwas auf den Magen geschlagen.« Calhoun wandte sich Deveraux zu, der sich mit einem Taschentuch über den Mund wischte. »Alles in Ordnung, Amigo Deveraux?«

»Zur Hölle, ja«, antwortete dieser nur. »Ich glaube, jetzt ist wohl alles draußen.«

»Die Flasche hat schon so manch einen zugrunde gerichtet, Hombre«, sagte der Mexikaner mit heiserer Stimme und stieß ein kehliges Lachen aus, als er sah, wie langsam etwas Farbe in Deveraux bleiches Gesicht strömte. Das Lachen endete in einem fürchterlichen Husten. Blut rann ihm am rechten Mundwinkel zum Kinn herunter.

»Wer hat dich so zugerichtet?«, wollte Calhoun wissen. Er steckte die fertige Zigarette zwischen die Lippen des Verwundeten und gab ihm Feuer. Der Mexikaner zog ein paar Male kräftig an der Zigarette, ohne sie dabei aus dem Mund zu nehmen.

»Ich kann´s ja sagen, macht sowieso nichts mehr aus. Wir wollten uns mit ein paar Gringos am Fluss treffen. Etwa zwanzig oder dreißig Meilen stromaufwärts. Die Gringos hatten uns Waffen besorgt. Nagelneue Winchestergewehre. Aber diese verdammten Hunde ... «

Ein wilder Hustenanfall unterbrach seine Worte. Wieder lief ihm Blut aus dem Mund. Die Zigarette fiel auf den Boden. Der Mexikaner beruhigte sich etwas, setzte die Flasche an und trank wieder in großen Zügen.

»Hombre, meine Zigarette.« Seine Worte waren nur noch ein Krächzen. Calhoun hob sie wieder auf und steckte sie dem Mexikaner abermals zwischen die Lippen. Als er daran zog, glimmte sie heftig auf. Er stieß den Rauch geräuschvoll aus und unterdrückte dabei einen weiteren Hustenanfall.

»Mit mir ist es bald aus, Compadre. Verdammt. Aber bevor ich verrecke, will ich dir erzählen, was passiert ist. Ja, Hombre, du sollst es wissen. Warum nicht? Es ... es macht keinen Unterschied mehr, nicht wahr?«

Calhoun schüttelte den Kopf. Er ahnte bereits, was passiert war. Dennoch wollte er den Sterbenden zu Ende sprechen lassen.

»Diese verfluchten Gringos haben uns betrogen. Sie haben zwar Waffen geliefert. Doch die verdammten Gewehre hatten keine Schlagbolzen. Sie waren völlig wertlos. Miguel Sanchez, unser Anführer ... aaah ... er ... er hat auf die Gringos geflucht und seine Colts gezogen. Wir hätten sie allesamt in die Hölle geschickt. Aber ... aber ... diese verdammte Drehkanone auf dem Boot ... wir hatten keine Chance. Alle sind umgekommen ... alle ... «

»Wann war das, Amigo?«, fragte Calhoun schnell. Der Mexikaner bäumte sich auf. Es ging bald zu Ende mit ihm. Calhoun wusste das. Und der Mexikaner auch. Er nahm die Zigarette aus dem Mund und setzte noch einmal die Flasche an.

»Es war gestern früh, Compadre. Ich bin bis hierher gekommen. Und hier ist mein Weg zu Ende, Amigo. Die Gringos fahren mit dem Boot nach Texas-City. Dieser verfluchte Tascosa-Todd. Er hat das ganze Geld mitgenommen, das wir ... für die Waffen ... bezahlen wollten. Hombre ... du musst wissen, dass es ... Tascosa-Todd war. Dieser miese Hund ... er darf nicht einfach ungestraft ... «

Die Worte des Mexikaners waren nur noch ein Flüstern. Schwerfällig hob er noch einmal den Arm, so, als wollte er abwinken.

»Compadre, danke für den Whisky ... «

Sein Kopf sank zur Seite und der letzte Atem entwich seinen Lungen. Calhoun nahm die Flasche aus der Hand des Toten und nahm selbst einen kräftigen Schluck. Dann war sie leer. Er warf sie achtlos auf den Boden und wandte sich an Deveraux.

»Sie haben`s gehört, Amigo Deveraux. Die Waffen sollten also an die Mexikaner verkauft werden.«

»Und es fehlen die Schlagbolzen?«, stieß Deveraux hervor. »Das bedeutet ja, dass die Waffen völlig wertlos sind.« Er stieß ein schrilles Lachen aus.

»Sie sind ein richtiger Blitzmerker, Amigo Deveraux«, gab Calhoun zynisch zur Antwort, während er sich eine Zigarette drehte.

»Aber ... was ist mit den Schlagbolzen? Etwa auf dem Wrack der Glory Donce?«, wollte Deveraux wissen, ohne den Zynismus in Calhouns Worte zu beachten.

Calhoun zuckte die Schultern. Ein hartes Grinsen umspielte seine Lippen. »Entweder befinden die sich noch auf dem Wrack oder auf dem Grund des Brazos, vielleicht waren sie auch mit einer anderen Lieferung unterwegs. Das weiß der Geier.« Er zuckte mit den Schultern. »Aber das ist völlig egal. Wichtig ist jedenfalls, dass die Bastarde mit den Knarren nichts anfangen können.«

»Aber das Geld hat sich die Bande ja wohl doch genommen, nicht wahr?«, fragte Deveraux und schüttelte den Kopf. »Mein Gott, und deswegen mussten nun so viele Menschen sterben. Wegen ein paar wertlosen Winchestergewehren. Tut mir leid, Calhoun, aber das ... das ist mir einfach zu hoch.«

Calhouns Gesichtsausdruck verfinsterte sich. Er blickte mit grimmiger Miene auf den toten Mexikaner. Im Todeskampf hatte dieser Mann noch den Namen seines Mörders preisgeben können. Und es war der Name jenes Mannes, auf dessen Fährte sich Calhoun und Deveraux befanden. Obwohl Calhoun nun genau wusste, dass Tascosa-Todds Bande definitiv den Weg nach Texas-City eingeschlagen hatte, war keine Befriedigung in ihm.

Zu viele Menschen mussten in den vergangenen Tagen durch Tascosa-Todd sterben. Sicherlich waren die Mexikaner unter der Leitung dieses Miguel Sanchez auch Banditen. Aber sie wurden niedergemetzelt. Allesamt. Dieser Mann zu Jess Calhouns Füßen hatte dies gerade bestätigt. Sie beerdigten den Toten. Jess Calhoun sprach ein kurzes Gebet. Dann stiegen sie in die Sättel ihrer Pferde und rittten weiter.



3.



Don Manuel de Cordona war zufrieden. Sehr sogar. Der zentnerschwere Mann mit den streng zurückgekämmten schwarzen Haaren, in denen ein Haufen Pomade steckte, strich sich über seinen schwarzen Schnurrbart. Seine fast schwarzen Augen funkelten wie Diamanten und sein Lächeln, welches sich über das breite, feiste Gesicht legte, wirkte fast freundlich. Vor ihm standen achtzehn hübsche, junge Frauen. Sie alle blickten verängstigt zu Don Manuel und seinen Männern, die am runden Tisch saßen. Und diese Männer lächelten auch. Allerdings nicht so smart, wie der zentnerschwere Don Manuel. Nein, sie alle ähnelten hungrigen Wölfen, denen der blanke Geifer im Gesicht stand.

»Ich bin sehr zufrieden, mein guter Freund Farlaine«, dröhnte Don Manuels tiefe Bassstimme, nachdem er diese jungen Ladies genügend mit seinen BlicJess taxiert hatte.

»Das freut mich sehr, Don Manuel. Ich wusste, dass wir ins Geschäft kommen werden.«

Don Manuel winkte einen der Kellner heran.

»Champagner«, orderte er. »Bring uns gleich vier Flaschen hierher an den Tisch.« Der Kellner nickte und verschwand in der Menge.

Der »Espanero« war eines der vielen Amüsierläden Don Manuels. Es handelte sich um einen sehr nobel eingerichteten Saloon, in dem sich hauptsächlich Männer trafen, welche die Taschen voller Geld hatten. Aus deren Schichten gab es hier viele: Geschäftsleute, Bankiers, Seemänner, Kapitäne, Schmuggler, Spieler – die gesamte Palette rauf und wieder runter. In Don Manuels sogenannten Clubs wurde getanzt, gespielt, getrunken und in den oberen Etagen geliebt.

Auf einem Podest spielte ein mexikanisches Quartett und eine feurige Mexikanerin tanzte dazu. Die Musik war flott und sollte die Stimmung der vielen Gäste hier im »Espanero« richtig in Wallung bringen. Don Manuel verstand sein Geschäft. Wie die meisten seiner anderen Clubs war auch der »Espanero« eine regelrechte Goldgrube.

Unter den jungen Mädchen, die alle von der Glory Donce stammten, fehlte nur Juliette Cravat. Alle anderen waren vollzählig hier versammelt. Sie wussten nun, dass sie ab jetzt in die Dienste des stinkreichen und zentnerschweren Don Manuel de Cordona treten sollten. Und was dieser Bursche mit ihnen vorhatte war ihnen sonnenklar. »Senoritas, ich heiße Sie willkommen in Texas-City. Ich freue mich darauf, dass Sie nun für mich arbeiten werden. Oh, es wird Ihnen gefallen, wenn Sie sich nach einer kurzen Zeit bereits daran gewöhnt haben. Glauben Sie mir, meine teuren Senoritas: Keine Frau hat bisher Don Manuel de Cordona je wieder verlassen.«

Er lachte. Er lachte laut und mächtig dreckig, Und die Hombres am Tisch – es waren fast ausschließlich Mexikaner – stimmten fröhlich mit ein. Auch Tascosa-Todd Farlaine lachte, wenngleich auch nicht so laut und anzüglich. Neben Tascosa Todd standen Dutch Owen Ray, der ehemalige Heizer der Glory Donce, Lon McGuire, Oneeye-Slick und Tom Burdeen als Begleitung der eigenen Mannschaft.

Oneeye-Slick hieß eigentlich Willard Slickton. Aber da er nur ein funktionierendes Auge hatte und das andere mit einer Augenklappe verdeckt hielt, wurde aus Willard Slickton One-Eye. Das bedeutet: Einauge. Und irgendwann bekam er dann seinen Spitznamen Oneeye-Slick. Er war ein schneller Revolverheld, der überdies auch noch fix und sicher mit dem Messer umgehen konnte. Er gehörte schon seit Jahren zur Mannschaft von Tascosa-Todd. Und genauso verhielt es sich bei Tom Burdeen. Burdeen war ein hagerer, finster dreinschauender Bursche mit feuerrotem Haar und stechend grünen Augen, in denen das blanke Gift loderte. Von Burdeen sagte man, dass er einem Menschen schon für einen Dollar die Kehle durchschnitt. Burdeen hasste alles – besonders die Menschen. Und weil dies so war, machte es ihn zu einem unberechenbaren und grausamen Mann. Burdeens sportlicher Geist war dahingehend ausgerichtet, dass er sich nach jeder Tötung eine Kerbe in seine Colts schnitzte. Es gab nur einen einzigen Mann, vor dem er Respekt hatte. Und dieser Mann war kein anderer als Tascosa-Todd Farlaine. Der Respekt ging so weit, dass man es beinahe schon Kadavergehorsam nennen konnte.

Bei Farlaine parierte Tom Burdeen wie ein gut dressierter Hund. Und das machte diesen Hombre für Farlaine besonders wertvoll.

So standen sich zwei bösartige Scharen gegenüber. Auf der einen Seite Todd Farlaine mit seinen drei Männern und auf der anderen der schwergewichtige Don Manuel de Cordona und seine Crew. Die war nicht minder schlimm als Farlaines. Die Mädchen wussten das und standen Todesängste aus. Hier trafen Kategorien menschlichen Übels aufeinander, die schlimmer und gefährlicher nicht hätten sein können. Für die Mädchen war klar, dass sie hier niemals wieder herauskommen würden. Es war ein Gefängnis auf Lebenszeit, in das man sie gesteckt hatte. Zwar hatte dieses Gefängnis keine Gitter, aber das brauchte es auch nicht.

Jedes der Mädchen wusste die Worte des Don Manuel de Cordona richtig zu deuten. Keine Frau hatte ihn je wieder verlassen – jedenfalls nicht lebendig. Genau das waren vorhin seine Worte! Es blieb ihnen keine Wahl, wenn sie am Leben bleiben wollten. Sie mussten sich ihrem kommenden Schicksal fügen, und das bedeutete für die meisten von ihnen die reine Tortur zur Hölle.

Don Manuel baute sich vor den jungen Ladies auf. Das Ganze wirkte fast so, als wenn ein Unteroffizier vor einer Schar neuer Rekruten steht. Er stemmte die Hände zu Fäusten geballt gegen seine massigen Hüften und begutachtete sie – eine nach der Anderen. In seinen dunklen Schweinsaugen begann es heftig zu funkeln. Er machte keinen Hehl daraus, dass ihm die »Ware«, die Todd Farlaine ihm mitgebracht hatte, mächtig gut gefiel. Es waren alles junge, hübsche Amerikanerinnen, die gerade bei den mexikanischen Männern sehr beliebt waren. Es befanden sich auch sechs blonde Frauen unter ihnen. Und die zog Don Manuel ganz genau in Betracht. Er wandte sich Farlaine zu und sagte: »Mein Freund Rudolpho Perrigo in Galveston wird begeistert sein, Senor Farlaine. Sehr begeistert. Er liebt blonde Frauen und zahlt sehr viel Geld dafür. Ja. Er ist nahezu verrückt nach blonden Putas.«

Er zeigte auf die sechs blonden Ladies und wies sie an, einen Schritt aus der Gruppe hervorzutreten. Sie taten es, wenngleich auch unfreiwillig und ängstlich.

»Diese sechs edlen Geschöpfe werden morgen früh nach Galveston gebracht«, ordnete Don Manuel an. »Sie sollen an meinen Freund Rudolpho Perrigo verkauft werden. Die anderen Ladies werde ich hier einsetzen.«

Don Manuel sprach in der Tat so, als würde es sich bei den Mädchen um irgendwelche Gegenstände handeln.

Todd Farlaine nickte zu Don Manuels gerade ausgesprochenem Wunsch, als wäre dies das Selbstverständlichste auf der Welt. Er wandte sich an Dutch Ray und sagte: »Dutch, du und ihr anderen drei werdet euch morgen mit auf den Weg machen und diese Ladies nach Galveston zu Rudolpho Perrigo bringen.«

»Ein mächtig feiner Zug von Ihnen, Companero. Mein Freund Luis wird sich sehr erkenntlich zeigen. Und ich ... ich schulde ihm ohnehin einen Gefallen.« Ein Lächeln erschien im feisten Gesicht von Don Manuel. Ein Lächeln, was an das eines Honigkuchenpferdes erinnert. Aber seine Augen blieben davon unbetroffen.

Dutch Ray fragte: »Wo finde ich Ihren Vetter, Don Manuel?«

»Oh, Sie können ihn gar nicht verfehlen, mein amerikanischer Freund. Meinem Freund Rudolpho gehört das »Cordona-Palace«. Es ist die größte Tanzhalle entlang der Main-Street in Galveston. Er ist mächtig stolz darauf.«

In diesem Augenblick bahnte sich der Kellner, den Don Manuel damit beauftragte Champagner zu bringen, einen Weg durch die Menschenmenge. Geschickt jonglierte er sein Tablett, auf dem sich die Champagnerflaschen, Gläser und ein Eiskübel befanden durch den prall gefüllten Saal.

Don Manuel klatschte in die Hände und rief: »So Companeros und Senoritas: jetzt wird erst einmal kräftig gefeiert. Heute Abend wird getrunken auf Rechnung des Hauses. Kommen Sie, kommen Sie.«

Er winkte alle heran an den großen Tisch, an dem seine Caballeros schon saßen. Auch die Mädchen wurden angewiesen, an diesem Tisch Platz zu nehmen. Sie taten es widerstrebend. In ihren Augen lag die blanke Angst und pure Verzweiflung.

Wie sollten sie jemals wieder aus dieser Hölle entrinnen? fragten sie sich, während schon die ersten Korken knallten.



4.



Es gibt Situationen im Leben, da spielt der Zufall eine gewichtige Rolle. Manche Dinge lassen sich vorhersehen, manche planen und andere wiederum passieren ganz einfach, ohne dass man irgendeinen Einfluss darauf nimmt.

In diesem Fall verhielt es sich so, dass Jess Calhoun und Lucien Deveraux sich an diesem Vormittag nun nahe der Stadt Texas-City befanden. Es lagen vielleicht noch acht oder neun Meilen zwischen ihnen und Texas-City. Sie hielten ihre Pferde auf einer kleinen Anhöhe, die von dichtem Gestrüpp überwuchert war. Durch dieses Gestrüpp hindurch blickten sie hinunter in eine Talsenke. Dort unten befanden sich drei Gebäude; ein Blockhaus und zwei Corrals. Und für die beiden Reiter sah es nach einer Handels- oder Pferdewechselstation aus, denn auf der Koppel weideten etwa zwei Dutzend Pferde und vor dem Hauptgebäude befanden sich zwei voll beladene Frachtwagen, die gerade von zwei Männern entladen wurden. Vor dem Hauptgebäude türmten sich einige Heuballen. Wind, Regen und die Sommersonne hatten die Gebäude in ein schmutziges Grau gefärbt. Diese Station wirkte richtig klein gegen den riesigen Hintergrund von Felsen- und Kieferngruppen.

Calhoun griff in die Brusttasche seines Hemdes und zog seinen Durham-Tabaksbeutel hervor. Es war noch eine kleine Ration an Tabak in diesem Beutel vorhanden. Er drehte sich eine dünne Zigarette und zündete sie an. Bis nach Texas-City war es noch ein Ritt von drei oder vier Stunden. Und so beschloss er, sich noch eine kleine Ration an Tabak zuzulegen. Dort unten bei der Station würde es sicherlich welchen geben.

Als ob Deveraux seine GedanJess lesen konnte, sagte dieser: »Irgendwann wird Sie dieses Zeug noch umbringen.« Er deutete dabei unmissverständlich auf den Tabaksbeutel, den Calhoun wieder zurück in die Brusttasche stopfte.

Der Ranger grinste breit, winkte lässig ab und meinte: »Ach, Sie sehen die Dinge viel zu verbissen, Amigo Deveraux. Tabak gehört zu den unbedingten Lebensfreuden, die ein Mann haben kann. Sie sollten es auch mal probieren.«

Deveraux, dem noch immer der Whisky im Kopf herumspukte, schüttelte energisch den Kopf. »Nein danke, Monsieur Calhoun. Die Lebensfreuden mit dem Whisky haben mir voll und ganz gereicht.«

Calhoun grinste ihn breit an. »Sie sind für manche Sachen halt noch nicht abgehärtet genug, Amigo. Warten Sie´s ab: noch ein paar Jahre in diesem Land, dann sieht die Sache schon ganz anders aus.«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908060
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354227
Schlagworte
angelo country stunde texas rangers

Autor

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Titel: SAN ANGELO COUNTRY #48: Die Stunde des Texas Rangers