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Tony Ballard Band #83: Der Satanswolf

2017 120 Seiten

Leseprobe

Der Satanswolf

Dämonenhasser Tony Ballard Band 83

von A. F. Morland


Der Umfang dieses Buchs entspricht 112 Taschenbuchseiten.


Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner.

Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


„Edition A. F. Morland“ ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2017



Prolog

Das Tier spürte, dass gewaltige Mächte mit ihm etwas vorhatten. Es lief unruhig im Käfig hin und her – ein starker, wilder Wolf mit geschmeidigen Bewegungen, einem graubraun glänzenden Fell und böse funkelnden Lichtern.

Die Hölle würde nach dem Wolf greifen. Die Vorbereitungen waren bereits getroffen. Der Satan würde in diesem grausamen Spiel die Regie übernehmen und ein Ungeheuer schaffen, vor dem eine ganze Stadt zittern sollte.

Den Satanswolf!



1

Bernhard Zwerenz zündete sich eine Zigarette an. Er blies den Rauch gegen den Wind und wandte sich seinem Kollegen Norbert Schenk zu. »Zu Hause alles in Ordnung?«

Schenk nickte. »Einigermaßen.«

»Ist deine Tochter Sabine immer noch im schwierigen Alter?«

»Kann man wohl sagen«, brummte Schenk und wedelte mit der Hand, als hätte er sich verbrannt. »Weißt du, was sie neuerdings will? Fallschirmspringen.«

»Großer Gott, ist das nicht zu gefährlich für ein Mädchen?«

»Sie behauptet nein, und wie du sie kennst, wird sie ihren Willen wieder mal durchsetzen. Meine Frau ist zu schwach. Sie kann sich gegen Sabine nicht behaupten, und ich bin die meiste Zeit nicht daheim.«

Die beiden Männer befanden sich im Zoo von Hannover. Sie arbeiteten da als Tierpfleger. Soeben hatten sie die Elefanten versorgt, und nun waren sie zum Bärengehege unterwegs. Der Tierpark hatte seine Pforten schon verschlossen. Die Dämmerung setzte allmählich ein.

Zwerenz und Schenk kamen am Wolfskäfig vorbei. Sie vernahmen ein feindseliges Knurren und blieben stehen. Fünf Wölfe – abgesondert von den übrigen – sollten morgen nach Gelsenkirchen überstellt werden.

Fünf prächtige, furchterregende Tiere. Vier von ihnen hielten sich im Hintergrund des Käfigs auf. Aber der Leitwolf stand am Gitter und knurrte die Tierpfleger hasserfüllt an. Seine Lefzen waren hochgezogen, die gefährlichen Reißzähne gefletscht.

»Ein Prachtbursche«, sagte Schenk. »Warum wir den an den Zoo von Gelsenkirchen abtreten, kann ich nicht verstehen.«

Zwerenz kräuselte die Nase. »Also, wenn ich ehrlich sein soll, ich weine ihm keine Träne nach. Der Kerl war mir nie besonders geheuer. Immer wenn ich im Wolfsgehege zu tun hatte, dachte ich, nicht lebend rauszukommen. Ich sage dir, dieser Wolf ist ein hinterlistiges Biest. Der wartet nur auf die Chance, einen Menschen zerfleischen zu können. In dem ist die wilde, grausame Natur am deutlichsten ausgeprägt.«

Das Tier schnellte an den dicken Gitterstäben hoch. Sein schlanker Körper streckte sich. Es schnappte in Zwerenz’ Richtung. Der Mann wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Die Raubtierkiefer klappten hart aufeinander.

Bernhard Zwerenz sagte heiser: »Nun sieh dir diesen Verrückten an. Heute ist er ganz besonders in Fahrt. Meine Güte, wenn der so könnte, wie er wollte, würden wir keine fünf Minuten länger leben. Eine segensreiche Einrichtung ist so ein Gitter.«

»Er ist ein wunderschönes Tier«, behauptete Norbert Schenk.

»Würdest du das auch noch sagen, wenn es dir an die Kehle springt?«

»Er ist dafür geschaffen zu töten.«

»Komm, hör auf.«

»Wölfe sind die Gesundheitspolizei der Wildnis. Alles, was krank und schwach ist und sowieso keine Überlebenschance hat, wird von ihnen getötet.«

»Also ich fühle mich weder krank noch schwach, aber dieser Bursche würde mir liebend gern an die Gurgel springen, das sehe ich ihm an. Ich sage dir, von dem lesen wir noch mal in der Zeitung oder hören was Schreckliches über ihn im Radio. Der bringt noch mal einen Menschen um, das fühle ich.«

»Ach was. Er ist hier hinter Gittern und wird es in Gelsenkirchen auch sein«, bemerkte Schenk. »Er wird nie die Möglichkeit haben, über einen Menschen herzufallen.«

»Sind Tierpfleger denn keine Menschen in deinen Augen?«, fragte Zwerenz.

»Die werden sich vor ihm schon in Acht nehmen«, sagte Schenk.

»Vielleicht sollte man sie vor diesem Burschen warnen.«

»Nicht nötig. Sie werden vom ersten Augenblick anerkennen, dass er gefährlich ist.«

»Oberstes Gebot ist: Man darf ihm niemals den Rücken zukehren, sonst ist man erledigt.«

Der Wolf gebärdete sich wie verrückt. Sein Körper mit den stählernen Muskeln wuchtete mehrmals gegen die Gitterstäbe. Es hatte den Anschein, als wollte das Raubtier ausbrechen.

»Morgen«, sagte Bernhard Zwerenz mit hörbarer Erleichterung. »Morgen schieben wir dich nach Gelsenkirchen ab, Freundchen. Dann kannst du die dort unglücklich machen.« Er wandte sich an Schenk. »Ob du’s mir glaubst oder nicht, Norbert: Dieser Wolf hat ‘ne Fehlschaltung. Obwohl in Gefangenschaft geboren, kann er sich damit nicht abfinden. Er wird eines Tages ausreißen – und dann möchte ich nicht in der Nähe sein.«



2

Die Hölle hatte Pläne.

Während der starke Leitwolf im Zoo von Hannover seltsam erregt war, war auch Detlev Menningmann in seiner Zelle der Strafvollzugsanstalt von Essen hochgradig nervös.

Er ahnte nicht, welches Schicksal ihm die schwarze Macht vorgezeichnet hatte. Er spürte nur, dass große Dinge ihren Lauf nahmen.

Wie ein gereiztes Tier lief auch er hin und her, und als der Aufseher einen Blick durch das Guckloch warf, knurrte Menningmann – fast wie ein Wolf!

Über dem kahlen, nüchternen Bau lastete eine diesige Dämmerung, die allmählich dem Abend wich. Dunkelheit breitete sich im Gefängnishof aus. Und Menningmann – ein großer, kräftiger Mann – fand keine Ruhe. Im Gegenteil. Mit dem Einbruch der Dunkelheit wurde er noch unruhiger.

Werner Hassel, sein Zellengenosse, klein, mickrig, schmerbäuchig, mit einer überdimensionierten Sattelnase, stand am vergitterten Fenster und blickte in den finsteren Hof hinunter.

Seit einem halben Jahr wurde er auf Staatskosten beherbergt und verpflegt. Man hatte ihn wegen Totschlags eingebuchtet. Seine Freundin Ulla hatte einem Gast in ihrer Stammkneipe schöne Augen gemacht. Hassel hatte dem Mann geraten, die Finger von dem Mädchen zu lassen, doch dieser hatte die Warnung des Mickrigen nicht ernst genommen.

So hatte sich Hassel mit dem Mut eines Löwen auf den Rivalen gestürzt. Bei der folgenden Schlägerei hatte Hassel nicht gut ausgesehen. Der andere hatte ihn nach allen Regeln der Kunst verdroschen.

Aber dann hatte Hassel einen Stuhl zu fassen gekriegt. Er schlug damit zu – und es gab einen Toten.

So schnell kann man im Gefängnis landen. Ein halbes Jahr war seitdem vergangen, und an Abenden wie diesem blickte Hassel immer in den finsteren Hof der Strafvollzugsanstalt und dachte an Ulla.

»Was mag sie heute wohl wieder treiben?«, fragte er.

Detlev Menningmann reagierte nicht darauf.

»Wenn sie mich besucht«, setzte Hassel seinen Monolog fort, »schwört sie mir immer, keinen anderen Mann anzusehen. Ich bin dir treu, Werner. Niemals würde ich mit einem anderen Mann … Sie lügt, aber ich tu’ so, als würde ich ihr glauben, damit ich nicht durchdrehe. Ulla ist kein Mädchen, das ohne einen Mann leben kann. Ich wette, sie hat längst Ersatz für mich gefunden, ist aber zu feige, es mir zu gestehen.«

Menningmann lief weiter auf und ab.

Werner Hassel drehte sich um. Er war erst seit kurzem mit Menningmann zusammen. Sonderbar war dieser Zellengenosse. Zumeist einsilbig. Und nachts murmelte er schwarze Gebete. Ja, er betete zum Teufel, damit dieser ihn aus dem Gefängnis holte.

Für Hassel war das Quatsch. Aber wenn es Menningmann half, sollte er sein Gebet weiterhin an die Hölle richten, ihn störte das nicht.

»Ich würde sonst was dafür geben, wenn ich raus könnte«, sagte Werner Hassel. »Ich würde sofort zu Ulla gehen und, meine Herren, sie dürfte mit keinem anderen Mann zusammen sein, sonst ... Ich könnte mich nicht beherrschen.«

Detlev Menningmann blieb stehen. Sein Blick war in weite Ferne gerichtet. Er schien mit seinen Gedanken nicht in dieser engen Zelle zu weilen.

»Wieso bist du heute so unruhig, Kumpel?«, fragte Hassel. »Gehst du mit dem Mond? Wir haben fast Vollmond. Manche Menschen spinnen in dieser Zeit.«

Menningmanns glühender Blick ließ ihn verstummen.

»Entschuldige«, sagte er rasch. »War nicht so gemeint.«

Viele Häftlinge hielten Detlev Menningmann für einen Spinner. Zwei Jahre saß er nun schon, und immer noch behauptete er steif und fest, er wäre unschuldig.

Er hatte ein großartiges Talent: er konnte wunderschön zeichnen, und die Häftlinge gaben bei ihm Zeichnungen in Auftrag. Für ein paar Mark zeichnete er, was sie sich wünschten. Ein hübsches nacktes Mädchen. Marilyn Monroe. Brigitte Bardot … in aufreizenden Positionen.

»Sag mal«, sagte Werner Hassel und begab sich zu seinem Bett. Er setzte sich. »Haben sie dich wirklich unschuldig eingelocht? Oder ist das bloß deine Masche, weil du vorhast, deinen Fall vor Gericht noch mal aufzurollen?«

»Ich bin unschuldig«, knurrte Menningmann aggressiv.

»Du sitzt wegen Mordes.«

»Ich habe keinen Mord begangen.«

»Aber die Indizien waren gegen dich. Wir haben noch nie über deinen Fall gesprochen«, sagte Hassel. »Was ich weiß, habe ich von anderen gehört.«

»Ich bin nicht interessiert, den alten Käse wieder aufzuwärmen«, erwiderte Detlev Menningmann mit grimmiger Miene.

»Manchmal tut es aber ganz gut, sich seinen Ärger von der Seele zu reden.«

Menningmann ballte die Hände zu Fäusten. Er schlug damit gegen die Tür, die ihn daran hinderte, in die Freiheit zurückzukehren. »Ich bleibe hier nicht mehr lange.«

Das hatte er schon mehrmals gesagt. Vor allem deshalb hielt man ihn ja für einen Spinner, denn keiner konnte sich vorstellen, dass es Menningmann schaffte auszurücken.

»In diesem Gefängnis werde ich nicht alt, das schwöre ich dir!«, sagte er zu Werner Hassel.

Dieser wiegte den Kopf. »Ich bin davon überzeugt, dass keiner der Gäste, die dieses sonderbare Hotel beherbergt, gern hier ist. Jeder von uns würde lieber heute als morgen von hier verduften. Aber dagegen haben die Aufseher etwas. Und es gibt eine Menge verschlossener Türen zwischen hier und der Freiheit.«

»Ich komme raus!«, sagte Menningmann überzeugt. »Und dann wird Rache genommen!«

»Also das würde ich an deiner Stelle lieber bleiben lassen.«

Menningmann starrte ihn durchdringend an. Mit diesem Blick konnte er in Beton Löcher bohren. »Man hat mir zwei Jahre meines Lebens gestohlen!«

»Justizirrtümer kommen eben hin und wieder vor. Das lässt sich nicht vermeiden.«

»Zwei Jahre sitze ich hier für einen Mord, den ich nicht begangen habe. Jetzt hab’ ich was gut. Man hat mich für eine Tat bestraft, die nicht die meine war. Nun werde ich töten, um gleichzuziehen!«

Hassel schauderte. Menningmann sagte das mit einer so harten Bestimmtheit, dass nicht daran zu zweifeln war, dass er es wirklich tun würde, sobald er freikam.

»Wie ist’s denn zu deinem Missgeschick gekommen?«, wollte Werner Hassel wissen.

Würde Menningmann heute darüber reden?

Ja, an diesem Abend war Detlev Menningmann in einer besonderen Stimmung. Er lehnte sich an die Wand, und sein Blick schwenkte zum vergitterten Fenster ab.

»Es war vor zwei Jahren«, begann er. »Am Bahnhof Zoo, dem Eros-Center von Gelsenkirchen, wie ich immer zu sagen pflegte. Dort stehen sie unter der Zugbrücke, die Strichbienen, und warten auf Freier. Ich befand mich auf dem Heimweg. Da hörte ich die Schreie eines Mannes. Ich wollte ihm zu Hilfe eilen. Zwei Kerle bearbeiteten ihn, weil er mit einer Nutte seinen Spaß gehabt hatte, aber nicht bezahlen konnte. Da blitzte plötzlich die Klinge eines Messers. Und dann brach der Mann tödlich getroffen zusammen. Ich konnte es nicht verhindern. Völlig durcheinander war ich. Ich hätte wegrennen sollen, wie es die beiden Kerle taten. Stattdessen blieb ich und zog dem Toten das Messer aus der Brust. Ehe ich richtig kapierte, was passierte, waren die Bullen da. Sie fanden mich mit der Mordwaffe in der Hand neben der Leiche. Ein klarer Fall für sie, obwohl ich meine Unschuld beteuerte. Ich sagte: Ich kenne den Mann doch überhaupt nicht. Warum sollte ich ihn umbringen? Doch sie hörten mir nicht zu. Keiner hörte mich an. Sie brachten mich aufs Revier. Endlose Verhöre. U-Haft-Zelle. Tags darauf setzten die beiden Killer der Frechheit die Krone auf, indem sie bei der Polizei erschienen, um sich als Augenzeugen zu melden. Sie behaupteten, sie hätten gesehen, wie ich mit dem anderen gestritten hätte. Und dann plötzlich hätte ich mein Messer gezückt und zugestochen. Das brach mir das Genick. Meinen weiteren Beteuerungen, unschuldig zu sein, schenkte man nicht die geringste Beachtung mehr. Das Urteil lautete: Lebenslange Haftstrafe! Aber ich schwöre dir, ich hole mir diese Hundesöhne. Maurus Ditaranto und Ricky Lardas heißen sie. Unvergesslich haben sich ihre Namen in mein Gehirn eingebrannt. Früher … früher konnte ich keiner Fliege etwas zuleide tun. Doch nun … Ich habe mich geändert. Das Schicksal hat mich ungerecht behandelt, und nun schlage ich zurück!«

Werner Hassel schmunzelte. »Das hört sich an, als würdest du noch heute hier rausspazieren.«

Menningmann schüttelte den Kopf. Ein fanatisches Feuer glomm in seinen Augen. »Nicht heute. Aber morgen. Morgen ist mein großer Tag. Ich weiß es. Er hat es mir versprochen.«

»Er?«, fragte Hassel verwundert. »Hast du etwa einen Komplizen?«

»Ja«, dehnte Detlev Menningmann, und es hörte sich begeistert an.

»Wen denn?«, fragte Hassel.

»Den Teufel!«



3

Daryl Crenna alias Pakkadee, der Mann aus der Welt des Guten, der auf die Erde gekommen war, um hier den »Weißen Kreis« zu gründen, eine Institution, deren Aufgabe es sein würde, die Mächte der Finsternis und alle ihre gefährlichen Auswüchse zu bekämpfen, dieser Mann, der mit uns Seite an Seite in Protoc, der Welt der Pavian-Dämonen, gekämpft hatte, hatte Mr. Silver einen Floh ins Ohr gesetzt.

Wir gerieten vor einiger Zeit mit Mago, dem Schwarzmagier aneinander.

Der Jäger der abtrünnigen Hexen brachte seine gefährlichen Schergen mit, die mit ihren gefürchteten Höllenpeitschen gegen uns vorgingen. Ein einziger Schlag machte aus einem Menschen ein lebendes Skelett.

Zum Glück wurde ich von keiner Höllenpeitsche getroffen.

Aber Mr. Silver.

Der Ex-Dämon verlor daraufhin nicht sein Leben, aber seine übernatürlichen Fähigkeiten, die er so oft schon wirkungsvoll gegen die schwarze Macht eingesetzt hatte. Damit war es seither vorbei.

Aber Pakkadee hatte für einen Hoffnungsschimmer gesorgt. Er erwähnte den Tunnel der Kraft, der irgendwo in einer Falte zwischen den Dimensionen verborgen und sehr schwer zu finden sei.

Dämonen, und solche, die es mal gewesen waren – wie Mr. Silver –, konnten in diesem Tunnel ihre verlorenen Kräfte wiedererlangen. Aber es führte angeblich ein gefahrvoller Weg dorthin.

Es wurde denen, die ihre außergewöhnlichen Fähigkeiten wiederhaben wollten, nicht leichtgemacht.

Es wurde eine Art Auslese getroffen, so dass nur die Tapfersten und Mutigsten ihre übernatürlichen Kräfte wiederbekamen.

Seit Daryl Crenna vom Tunnel der Kraft gesprochen hatte, befanden sich Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, und ihr Freund Mr. Silver auf der Suche danach.

Ich hoffte, dass sie den Tunnel ausfindig machten, und es war mit Mr. Silver abgemacht, dass er den Kampf, der danach kam, nicht ohne mich aufnahm.

Es war sehr wichtig, dass der Ex-Dämon wiedererstarkte, und zwar so bald wie möglich, denn wenn unsere Gegner herausfanden, dass Mr. Silver nun so verletzbar wie ein Mensch war, konnten sie auf die Idee kommen, einen kraftvollen Blitzangriff gegen ihn zu starten, um ihn – weil es niemals eine bessere Gelegenheit geben würde – zu vernichten.

Während sich Roxane und Mr. Silver also auf der Suche nach dem Tunnel der Kraft befanden, nahm ich eine ungewöhnliche Einladung an, die mich nach Gelsenkirchen führte.

Meine Freundin Vicky Bonney hatte in Hollywood zu tun – und so war das Ballard-Team mal wieder in alle Winde zerstreut.

Privatdetektive hatten sich hier in Gelsenkirchen zu einer Tagung zusammengefunden. Es war die erste dieser Art. Aus allen Himmelsrichtungen kamen die Schnüffler angereist. Hamburg, München, Köln, Berlin, Baden-Baden.

Das beste Hotel der Stadt war voll mit Privatdetektiven, die im großen Festsaal über ihre Arbeit sprachen, Erfahrungen austauschten und sich Vorträge über den Einsatz von Computern zur Verbrechensbekämpfung und dergleichen mehr anhörten.

Und dann stand da noch ein Name auf der Gästeliste: TONY BALLARD.

Man hatte mich eingeladen und eigens aus London herübergeflogen, weil auch ich als Privatdetektiv tätig bin. Allerdings auf einem etwas anderen Gebiet als meine deutschen Kollegen.

Meine Fälle sind gespickt mit Grauen und Horror.

Meine Fälle haben einen übernatürlichen Background.

Meine Gegner sind zumeist Monster, Geister und Dämonen.

Das hatte sich inzwischen schon so weit herumgesprochen, dass ich für meine deutschen Kollegen kein Fremder mehr war, obwohl sie mich noch nie persönlich gesehen hatten. Man äußerte den Wunsch, mich kennenzulernen, und ich hatte nichts dagegen. Man bat mich, über meine außergewöhnliche Arbeit zu referieren, und ich tat dies gerne, denn die Männer und Frauen, zu denen ich sprach, hatten ihre Erfahrungen im Umgang mit Verbrechern, aber sie hatten keinen blassen Schimmer, wie man Geister und Dämonen bekämpfte. Mein Bemühen ging dahin, ihnen ein paar Richtlinien zu liefern, die die Wahrscheinlichkeit erhöhten, dass sie überleben würden, wenn sie das Pech haben sollten, auf ein Wesen aus der höllischen Unterwelt zu stoßen.

Als ich mein Referat beendete, wollte der Applaus nicht verstummen.

Mich durchrieselte ein angenehmer Schauer.

Es war beeindruckend, wieviel Sympathie mir meine deutschen Kollegen entgegenbrachten. Ich fand keine Worte, die nur annähernd das auszudrücken vermochten, was ich in diesem schönen, ergreifenden Augenblick empfand.

Einer dieser Kollegen hieß Rainer Trissenaar, ein Privatdetektiv aus Frankfurt. Er erinnerte mich ein wenig an Harry Dean, den ich im Verlaufe meines letzten Falles kennengelernt und der mit mir gegen Dr. Schock gekämpft hatte.

Wir saßen in der Hotelbar. Ein Glas Pernod pur stand vor mir auf dem Tisch. Trissenaar blickte zu mir auf, als wäre ich etwas ganz Besonderes.

»Ihr Referat hat großen Anklang gefunden, Tony.«

»Das freut mich. Hoffentlich haben sich die Leute auch gemerkt, was ich sagte«, erwiderte ich. »Es kann noch mal von größter Wichtigkeit sein.«

»Wie kommt es, dass Sie laufend mit Abgesandten der Hölle zu tun haben?«

Ich lächelte. »Ich scheine einen ganz besonderen Riecher für solche Fälle entwickelt zu haben.«

»Wissen Sie, was mir großen Spaß machen würde?«

»Nein. Was?«

»Einmal an Ihrer Seite gegen einen Schwarzblütler zu kämpfen.«

Ich wiegte den Kopf. »Von Spaß kann in einem solchen Fall keine Rede sein, mein Lieber. Außerdem, malen Sie den Teufel nicht an die Wand. Ich würde Gelsenkirchen gern verlassen, ohne mich mit Mitgliedern der Schwarzen Familie herumgeschlagen zu haben.«

Das wünschte ich mir.

Aber dieser Wunsch sollte nicht in Erfüllung gehen, denn die Schwarze Macht hatte die Weichen bereits gestellt.



4

»Der Teufel!«, murmelte Detlev Menningmann, und irgendetwas war in seinem Blick, das Werner Hassel verriet, dass sein Mithäftling die Wahrheit sagte.

»Er wird mich morgen befreien! Ich musste lange zu ihm beten, doch nun hat er mich erhört und mir versprochen, mir zu helfen. Dafür musste ich ihm versprechen, mich grausam zu rächen. Nichts leichter als das. Die Mörder kriegen von mir die Rechnung präsentiert. Aber nicht nur sie.«

»Wer noch? Hast du vor, noch jemanden umzubringen?«, fragte Hassel gespannt. So viel und so offen hatte Detlev Menningmann noch nie zu ihm gesprochen.

»Ja«, brummte Menningmann, und sein Blick wurde stechend. »Ganz oben auf meiner Liste stehen zwei weitere Namen!«

»Welche?«

»Martina Menningmann!«

Hassel riss die Augen auf. »Du willst auch deine Frau ...?«

»Sie ist nicht mehr meine Frau. Sie trägt nur noch meinen Namen, hat sich von mir scheiden lassen – weil sie nicht mit einem Mörder verheiratet sein wollte. Auch sie glaubte mir meine Unschuldsbeteuerungen nicht. Sie ließ mir durch ihren Anwalt bestellen, sie sei noch jung und könne schon aus diesem Grund nicht mit mir verheiratet bleiben. Ich sei für sie verloren. Lebenslänglich. Das sind nach dem Gesetz fünfundzwanzig Jahre. Selbst wenn ich bei guter Führung nur zwei Drittel der Haftstrafe verbüßen muss, sind das siebzehn Jahre. So lange wollte Martina nicht auf mich warten. Sie reichte die Scheidung ein, um wieder frei zu sein. Frei für einen andern.«

»Gibt es einen solchen anderen?«, fragte Werner Hassel.

»Markus Laber«, knirschte Menningmann.

»Wird er sie heiraten?«

»Kann sein. Martina wohnt bereits bei ihm, soviel ich gehört habe. Aber aus ihrem Glück wird nichts. Die beiden werden mich kennenlernen. Schon bald. Denn morgen, morgen komme ich raus!«

Hassel schloss die Augen. »Raus. Wie herrlich das klingt. Draußen ist Ulla. Ich würde sie mir wiederholen. Wir könnten zusammen ins Ausland gehen Mann, ein wundervoller Traum wäre das.« Er öffnete die Augen wieder und sah Menningmann an. »Sag mal, könntest du mich nicht mitnehmen, wenn du den Knast verlässt?«

»Nein!«, sagte Detlev Menningmann hart.

»Warum nicht?«

»Weil der Satan die Flucht nur für mich arrangiert.«

»Was macht es schon aus, wenn ich mich an dich hänge? Nur, bis wir draußen sind. Nachher trennen sich unsere Wege sofort.«

Menningmann schüttelte entschieden den Kopf. »Kommt nicht in Frage. Du bleibst hier!«

Idiot!, dachte Werner Hassel. Ich wünsche dir, dass es nicht klappt. Es wird sowieso nicht klappen. Weil der Teufel noch nie einen aus dieser Anstalt geholt hat. Das tut der überhaupt nicht. Du bildest dir nur so was ein, du Spinner. Morgen, mein Lieber, wirst du eine ganz große Enttäuschung erleben, und ich werde heimlich über dich lachen!



5

Bernhard Zwerenz und Norbert Schenk, die beiden Tierpfleger, fuhren einen transportablen Käfig an das Wolfsgehege heran.

»So, mein Freund«, sagte Zwerenz zum Leitwolf, der ihn aggressiv anknurrte. »Nun geht’s ab nach Gelsenkirchen. Wir wünschen eine gute Reise. Von nun an kriege ich keine Gänsehaut mehr, wenn ich hier vorbeikomme.«

Mit einer langen Holzstange wollte Zwerenz den Leitwolf veranlassen, sich in den angedockten Transportkäfig zu begeben. Das wilde Tier schnellte herum und biss nach der Stange. Das Holz splitterte, und Zwerenz zuckte heftig zusammen.

»Nun sieh dir diesen Verrückten an«, sagte er zu Schenk. »Der treibt’s ja immer toller. – He!«, rief er in den Käfig. »Hast du etwa die Tollwut?«

Das Tier starrte ihn so durchdringend an, dass ihm der Atem stockte. Schenk nahm ihm die Stange aus der Hand.

»Los! Vorwärts! Nun mach schon!«, rief er. Der Leitwolf begab sich knurrend in den anderen Käfig, und die vier restlichen Wölfe folgten ihm.

Die Gittertür rasselte herunter. Zwerenz verriegelte sie. Der Leitwolf schnellte vor und schnappte nach der Hand des Tierpflegers, konnte sie wegen der Gitterstäbe aber nicht erreichen.

»Was sagt man dazu?«. ärgerte sich Zwerenz. »Auf mich hat er’s ganz besonders abgesehen.«

»Weil er merkt, dass du ihn nicht magst.«

»Er benimmt sich nicht so, dass man ihn mögen kann«, brummte Zwerenz.

Schenk schwang sich auf einen Hubstapler. Die beiden langen Metallgabeln schoben sich unter den Wolfskäfig, Das Fahrzeug wendete auf der Stelle. Schenk verfrachtete den Käfig auf die Ladefläche eines Lastwagens und forderte Zwerenz auf einzusteigen.

Bernhard Zwerenz stieg auf der Beifahrerseite ein. Der Wolf heulte und kläffte. »Er hat den Teufel im Leib!«, behauptete Zwerenz.

»Unsinn«, widersprach ihm Norbert Schenk. »Das Tier ist lediglich aufgeregt, weil etwas Ungewohntes mit ihm passiert. – Hast du die Frachtpapiere?«

Zwerenz klopfte auf seine Brusttasche. »Ja.«

Schenk startete den Motor. Sie verließen das Areal des Tierparks und fuhren zum Bahnhof.

Zwerenz war sichtlich erleichtert, als sie den Käfig mit den Wölfen los waren. Die Tiere verschwanden in einem der Güterwaggons. Als Schenk und Zwerenz wieder in ihren Lkw stiegen, vernahmen sie das markerschütternde Jaulen und Heulen des Leitwolfs, in das die anderen Wölfe nun einfielen.

»Hört sich an, als würden sie uns nicht gern verlassen«, sagte Schenk grinsend.

»Hört sich an«, sagte Zwerenz, während ihn die Gänsehaut überlief, »als wollten sie wiederkommen und sich dafür revanchieren, dass wir sie nach Gelsenkirchen abschoben. – Komm, fahr los. Ich will weg von hier. Die Tiere sind zwar gut verwahrt, aber mir ist trotzdem nicht geheuer.«



6

Detlev Menningmann machte die ganze Nacht kein Auge zu. Er malte sich seine Rache in den buntesten Farben aus. Maurus Ditaranto, Ricky Lardas, Markus Laber, Martina Menningmann. Sie würden die ersten sein. Doch danach würde Menningmann noch nicht zufrieden sein. Es gab noch viele Leute mehr, an denen er sich rächen wollte.

An den Polizisten, die ihn festgenommen hatten.

An den Zeitungsleuten, die ihn als Mörder hingestellt hatten.

Und der Staatsanwalt und der Richter sollten auch nicht leer ausgehen.

Oh, es gab viel zu tun für ihn, wenn er erst mal draußen war!

Der Tag brach an. Zuerst war er nicht mehr als ein grauer Schimmer, der sich zwischen den Gitterstäben in die Zelle drängte. Allmählich wurde der Schimmer heller, und schließlich lachte die Sonne zum vergitterten Fenster herein. Ein neuer Tag. Ein Tag voll Überraschungen, Angst und Schrecken. Ein Tag, an dem viel Blut fließen würde, nahm seinen Lauf.

Nach dem Frühstück sagte Werner Hassel: »Heute, wie?«

»Ja«, flüsterte Detlev Menningmann mit angespannten Nerven. »Heute ist mein großer Tag. Der Tag der Rache!«

»Wann … wann wird es sein?«

»Das weiß ich nicht«, sagte Menningmann. »Das bleibt ganz ihm überlassen.«

Du bist jetzt schon nicht ganz richtig im Kopf, mein Junge, dachte Hassel schadenfroh. Die Enttäuschung wird dich heute wohl ganz überschnappen lassen. Ich denke, ich werde dann um Verlegung in eine andere Zelle bitten, sonst steckst du mich mit deinem Wahnsinn noch an.

Schwarzmagische Ströme flossen unmerklich in die Zelle.

Detlev Menningmann hatte plötzlich eine Vision. Er sah fünf Wölfe in einem Käfig. Sie befanden sich in einem Güterwaggon, und Menningmann wusste, dass ihr Ziel Gelsenkirchen war.

Dorthin muss auch ich!, dachte er.

»Du träumst mit offenen Augen«, stellte Werner Hassel fest. »Verrätst du mir, was du siehst?«

»Wölfe«, antwortete Menningmann.

Hassel überlief es kalt. »Ich mag diese Bestien nicht. Sie sind mir unheimlich. Wenn ich wählen müsste zwischen Freiheit in einer Gegend, in der es Wölfe gibt, und dieser Zelle, würde ich mich für den Knast entscheiden, denn hier bin ich vor diesen blutrünstigen Ungeheuern sicher.« Er schüttelte sich. »Sie sind Geschöpfe der Hölle. Ausgestattet mit einem erschreckenden Mordtrieb. Wenn sie Blut riechen, verlieren sie den Verstand. Sie fallen sogar über ihre eigenen Artgenossen her, wenn diese verletzt sind.«

»Sind sie dir deshalb so verhasst, weil sie uns Menschen ähnlich sind?«, fragte Menningmann mit einem kalten Lächeln.

»Uns ähnlich?«

»Fallen wir nicht auch über unsere Artgenossen her? Aus Habgier, Hass, Neid, Zorn.«

»Das ist etwas Anderes.«

»Ist es nicht.«

»Wir sind keine blutrünstigen Tiere!«, sagte Werner Hassel laut.

»Wirklich nicht?«, fragte Menningmann zweifelnd.

»Ganz bestimmt nicht.«

Detlev Menningmann setzte sich auf einen Stuhl. Seine Augen strahlten. »Wie auch immer, ich wäre gern ein Wolf. Stark und wild. Eine schreckliche Bedrohung für die Menschen. Ich wäre so grausam, wie du es dir in deinen schlimmsten Alpträumen nicht ausmalen kannst!«

Er hat wirklich nicht allen Streusel am Kuchen, dachte Werner Hassel unangenehm berührt. Er stellte sich vor, wozu sich Menningmann hinreißen ließ, wenn er ihn einmal beleidigte. Nicht auszudenken. Nein, mit diesem Irren wollte er keinen Tag länger in einer Zelle bleiben. Das war ihm zu riskant.

Die schwarzmagischen Ströme verdichteten sich.

Menningmann spürte sie. Er sprang aufgeregt auf. »Jetzt!«, keuchte er. »Es, es ist gleich soweit! Die Freiheit winkt! Der Satan hält Wort! Die Hölle löst ihr Versprechen ein!« Sein Gesicht wurde grau. An seiner Schläfe zuckte eine angeschwollene Ader.

Er schnappt über!, dachte Hassel und entfernte sich zwei Schritte von Menningmann.

»Ich spüre sie, die Kräfte der Hölle!«, stieß Menningmann heiser hervor. »Sie dringen in mich ein! Sie werden mich von hier fortholen!«

Hassel biss sich auf die Lippe. Was sollte er tun? Menningmann weiterspinnen lassen? Nach dem Aufseher rufen? Oder war etwas dran an dem beginnenden Höllenspektakel?

Der Teufel kann vieles, das war unbestritten. Aber würde er sich für ein armes Würstchen wie Detlev Menningmann verwenden? War es nicht verschwendete Höllenkraft, einem Mann zur Freiheit zu verhelfen, der unschuldig eingesperrt worden war?

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908046
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354185
Schlagworte
tony ballard band satanswolf

Autor

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Titel: Tony Ballard Band #83: Der Satanswolf