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Russisch Roulette in Vegas N.Y.D. New York Detectives

2017 130 Seiten

Leseprobe

Russisch Roulette in Vegas: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath


Der Umfang dieses Buchs entspricht 114 Taschenbuchseiten.


Lionel Lister leitet das »All America Casino « in Las Vegas – ungewöhnlich hohe Gewinne einer Gruppe chinesischer Spieler beim Roulette machen ihm schwer zu schaffen, denn das kann nicht mit rechten Dingen zugehen. Er bittet seinen alten Freund Toby Rogers, Leiter des New Yorker Morddezernats C/II, um Hilfe. Rogers, der keine Kompromisse macht, wenn es um Recht und Gesetz geht, wird von dem cleveren Privatdetektiv Bount Reiniger begleitet, der die richtige Spürnase für üble Machenschaften hat und auch sonst hart im Nehmen ist. Gemeinsam versucht das ungleiche Trio, die Falschspieler zu entlarven ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:


Lionel Lister – besitzt den 'golden pencil', doch dieses Privileg verhindert nicht, dass an seinem Roulette-Tableau falsch gespielt wird.

Toby Rogers - Leiter des Manhattaner Morddezernats, eilt seinem alten Freund Lionel zu Hilfe

Jerome Kelly - leidet an gebrochenem Herzen und bringt mitten in der endlos flachen Wüste eine Lawine ins Rollen.

Bruce Wallaby - hält sich für einen Eisenfresser. Auf New Yorker Private Eyes ist sein Gebiss allerdings nicht geeicht.

May Lung - hat ihr Freischwimmerzeugnis als Callgirl schon hinter sich. Am Ufer einer zweiten Karriere strandet sie.

Ken Schreiber - hält sich für das Ass aller Asse.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.



1

Jerome Kelly war ein hagerer Mann Mitte der vierzig. Seine langen, schmalen, geschmeidigen Hände zuckten noch nervöser als die Millionen Lichter am Strip von Las Vegas. Golden Nugget, Fremont, Star Dust - lauter weltbekannte Namen umgaben ihn. Seit zehn Jahren schon war diese Glitzerstadt seine Heimat, doch zum ersten Mal fühlte er Todesangst. Auf seiner hohen, blassen Stirn lag ein kalter Schweißfilm, den auch der Wind aus der Wüste nicht zu trocknen vermochte. Was machte er eigentlich hier? Hatte er nicht auch so schon Sorgen genug? War es ein Fehler gewesen zu versuchen, nach zwei Seiten abzukassieren?

Kelly fröstelte. Nun, er hatte A gesagt. Er biss die Zähne zusammen, bis sie knirschten. Würde er eben auch noch B sagen. Die Situation war ohnehin schon verfahren genug. Er hatte sich verzettelt, und er wusste es. Alles kam nun darauf an, dass er glaubwürdig blieb.

Doch wer glaubte schon einem Erpresser?

Eine Limousine, schwarz wie ein Leichenwagen, rollte neben ihm aus und kam zum Stehen.

»Mister Kelly?«, fragte eine kalte Stimme aus dem Inneren des Cadillac Caravan, einer Sonderanfertigung. »Bitte steigen Sie ein ...«

Kelly gehorchte. Was blieb ihm jetzt noch anderes übrig. Schwer ließ er sich in die Polster der Beifahrerseite fallen, streckte die müden Beine lang. Er hatte soeben seine Schicht beendet und gerade noch Zeit gefunden, einen Whisky zu trinken. Knapp zehn vorbei. Die Shows in den großen Hotels waren noch nicht zu Ende. Die Kasinos würden sich erst später knallvoll füllen. Las Vegas hatte immer Hochsaison. Das ganze Jahr über und rund um die Uhr. Die Klimaanlagen machten die Jahreszeiten vergessen, die sich hier im südlichen Nevada sowieso kaum voneinander unterschieden und immer nur die Hitze aussperrten.

Früh um fünf wurde reiner Sauerstoff durch die Aggregate geblasen, damit die Spieler bei der Stange blieben. Und verloren. Jerome Kelly war mit sämtlichen Tricks dieses Gewerbes vertraut. Auch mit den dreckigsten.

Und deshalb saß er jetzt hier in diesem Bestattungsunternehmer-Caddy. Der kalte Schweiß floss noch schneller. Er wischte sich die Hände an den Oberschenkeln seines Dinner-Anzugs ab. Der Kragen seines weißen Hemds war ihm zu eng.

Vielleicht hätte er sich vorher doch besser umziehen sollen. Jetzt klebte ihm dieses Hemd am Körper, obwohl er sonst nicht zum Schwitzen neigte. Jerome Kelly konnte sich riechen, und das war ihm zusätzlich peinlich.

Er kannte den Mann neben sich. Doch ihn hatte er eigentlich nicht erwartet. Nicht ausgerechnet ihn. Allerdings wusste er auch nicht, welche Rolle er nun wirklich spielte. Es wunderte ihn ein wenig, dass sich die Gegenseite so weit aus der Deckung wagte.

»Sie haben das Paket dabei?«, fragte der Mann.

Er war blond und muskulös und starrte teilnahmslos durch die Windschutzscheibe. In seinem Mundwinkel hing eine halb gerauchte Zigarette. Die Packung dazu lag in einem Fach der Mittelkonsole. Ein buschiger Oberlippenbart sollte wohl seine strichdünnen Lippen verbergen, die diesem bei aller muskulösen Fülle hageren Gesicht einen Zug von Grausamkeit verliehen. Möglich, dass er Dope nahm. Kokain vermutlich. Wer sich mit »H« abspritzte, verlor in dieser Stadt schneller seinen Job, als eine Space-Shuttle fliegen konnte.

»Es gibt kein Paket«, antwortete Kelly. Seine Kehle kratzte. Er hatte sich vor diesem Satz räuspern müssen. »Alles in meinem Kopf.«

Der blonde Fahrer schwieg. Kellys Haar lag wie eine schwarze Kappe um den Schädel.

»Ist das nicht ein bisschen unvorsichtig?«, fragte der Mann am Steuer ruhig. »Ich meine, Sie wissen doch, worauf Sie sich hier einlassen.«

Und ob der Croupier das wusste. Er reiste auf des Messers Schneide. Erneut wischte er sich über die Oberschenkel. Er hätte jetzt so gern einen weiteren Drink gehabt. Etwas stärkeres als Whisky. Am besten einen Tequila. Und er hätte vorher noch etwas essen sollen. Er fühlte Übelkeit aus seinem Magen hochsteigen.

»Natürlich habe ich mich abgesichert«, entgegnete er schroff. »Ich bin doch kein Idiot. Und die Zeiten, in denen missliebige Personen spurlos in der Wüste verschwanden, sind ein für allemal vorbei. Das könnt ihr euch nicht mehr leisten. Es sitzen euch zu viele Leute auf den Hacken. Das FBI, die Kommission, der Sheriff und nicht zuletzt die Multis selbst. Es ist doch Käse, zu behaupten, dass die Mafia heute noch am Roulette-Zylinder mitdreht.«

Der eigene Satz hatte Kelly etwas beruhigt. Denn was er sagte, stimmte. Schon möglich, dass Gangster wie Bugsy Siegel und sogenannte Gangster wie Moe Dalitz und Major Riddle das heutige Las Vegas bald nach dem Zweiten Weltkrieg aus der Taufe hoben, doch inzwischen hatten die internationalen Multis die Ansprüche des Großkapitals erhoben, diese Goldgrube mit auszubeuten. MGM war genauso vertreten wie EXXON, IBM oder die rührige Rockefeller-Connection. Natürlich auch bei denen wurde mit den allerhärtesten Bandagen gekämpft, doch gehörte Mord offiziell noch nicht zu ihren Geschäftspraktiken, wie Jerome Kelly inständig hoffte.

Und sein Kasinohotel gehörte so einem Multi, wenn auch nicht einem der eben erwähnten.

Der blonde Fahrer schwieg. Sie hatten die Stadt in südwestlicher Richtung hinter sich gelassen. Schwarze Berge rahmten die Landschaft, ein fahlgelber Mond zauberte Glanzlichter auf die nur zwei Monate im Jahr zum Teil schneebedeckten Kämme und Grate.

Nevada - also schneebedeckt - hatten ein gewisser Padre Escalante und seine Truppe spanischer Conquistadores das Land Anno Domini 1776 getauft, als sie ihre christliche Fahne über einer grünen Oase mitten in einer schier endlosen Wüste hissten. Sie nannten den Ort Las Vegas, was im Spanischen so viel wie >Die Wiesen< bedeutet. Und schon damals hatten sich hier nackte Pajute-Indianer stundenlang dem Vergnügen hingegeben, Knöchelchen und bemalte Stäbchen in einer Art Würfelspiel über den Sand zu rollen und bei den Wetten ihre Frauen und Pferde einzusetzen.

Nun Pajutes gab es heute keine mehr, denn sie hatten ihren grausamen Manitu lieber gehabt als den barmherzigen Christengott und wurden folglich ausgerottet.

Doch das Würfeln und die Spielleidenschaft waren geblieben.

Jerome Kelly kannte diese Geschichte. Und er schöpfte Trost daraus. War er etwa ein primitiver Heide? War der Blonde neben ihm etwa ein spanischer Priester aus einer Epoche religiösen Wahns?

»Wo fahren wir hin?«, fragte er. Er fühlte sich jetzt ein bisschen besser. Die etwas frischere Nachtluft hatte gut getan. Der Mond und die Wüste wirkten beruhigend auf ihn. Der Cadillac schaukelte dahin wie eine Sänfte. Was, zum Teufel, sollte ihm schon passieren?

Sie lebten schließlich in zivilisierten Zeiten!



2

Viel konnte man in seiner Freizeit nun wirklich nicht anfangen in Las Vegas. Und das war vollkommen beabsichtigt. Am Swimmingpool herumliegen, der ebenfalls nie weiter als zwei Minuten vom nächsten Spielautomaten entfernt war; in glühender Hitze Tennis spielen; eine Runde reiten oder wie nirgendwo sonst in den Staaten schweißtreibend Golf spielen. Der Service auch in den Luxusherbergen war anerkannt miserabel, denn die Besucher - selten blieb einer länger als drei oder vier Tage - sollten sich ja nicht in ihren Zimmern aufhalten, sondern spielen. Aus demselben Grund war das Essen in den allermeisten Restaurants vom qualitativen Standard einer Quick-Food-Kette. Die Stühle und Tische samt übrigem Interieur luden niemals zum Verweilen ein. Sie hatten den Charme einer Werkskantine.

Eine löbliche Ausnahme im Freizeitprogramm bildete einzig und allein der Lake Mead hinter der gigantisch aufragenden Steilwand des Hoover-Staudamms. Hier konnte man segeln, sich in überraschend kaltem Wasser erfrischen und wenn man Glück hatte auch etwas Vernünftiges zwischen die Kiemen bekommen.

»Ich lade Sie ein«, sagte der Fahrer, während er vom Interstate Highway zur kaum schmäleren Auffahrt abbog. »Hängt Ihnen der Fraß in Las Vegas nicht auch schon zum Hals raus?«

»Wie? Was?« Kelly war in Gedanken versunken gewesen. Jetzt ruckte er wieder hoch. »Ach ja. Ja bitte. Sehr freundlich von Ihnen.«

»Wir können uns doch auch wie kultivierte Menschen unterhalten, nicht wahr? Und uns einigen.«

Im letzten Satz schwang unüberhörbar ein drohender Unterton mit. Jerome Kelly nickte heftig. Gleichzeitig setzte sein Herz einen Schlag aus. Wie immer öfter in der letzten Zeit. Er schluckte schnell eine Tablette. Er trug sie in der Seitentasche seines Jacketts. »Natürlich werden wir uns einig.«

Die mondhelle Nacht floss an den Fenstern vorbei. Steine, nichts als Steine. Am Tag und besonders bei Sonnenauf- und -untergang brannten sie in allen Regenbogenfarben. Nun aber lagen sie da, wie von der Faust eines grimmigen Riesen verstreut, schwarz und abweisend. Nur vereinzelt wuchs ein Kreosot, ein Dornbusch. Die Landschaft war bedrückend. Sie legte sich aufs Gemüt, und schon war Kellys Laune wieder am Schwindel! Er wusste das Kribbeln in seinen Fingerspitzen und am Nacken nicht zu deuten. Machte er sich nur etwas vor? War er doch in Gefahr?

Das Gesicht des Blonden blieb ausdruckslos. Er schaute stur geradeaus, zündete sich eine neue Zigarette an. Er trug nur ein Sweatshirt und hellfarbige enge Jeans. Darunter konnte er unmöglich eine Waffe verbergen. Doch andererseits, wenn Kelly so seine kräftigen Hände ansah, die zur Zeit noch locker das Steuer umfassten, dann brauchte dieser Mann wahrscheinlich gar kein Schießeisen. Mit solchen Fäusten brach man ein Genick wie einen dürren Ast. Die kurzen Ärmel ließen den imposanten Bizeps frei.

Eine neuerliche Abzweigung. Der Croupier war schon oft genug hier oben gewesen, doch die kannte er nicht. Automatisch verkrampfte er sich auf seinem Sitz.

»Mein Geheimtipp«, meinte der Blonde, als habe er Kellys Gedanken erraten. »Ein Lokal, in dem es täglich frische Forellen gibt. Und die besten Butterkartoffeln weit und breit. Selbst angebautes Gemüse und nicht das aus der Gefriertruhe. Sie werden begeistert sein. Nur keine Bange. Ihnen passiert schon nichts. Schließlich haben Sie uns in der Hand. Wir wollen keinesfalls, dass Ihr Wissen an fremde Ohren dringt. Wie viel, sagten Sie, möchten Sie haben?«

Kelly schluckte am Kloß in seinem Schlund. Er schmeckte scheußlich. Der Fahrtwind Fächelte in seinem pechschwarzen glatten Haar.

»H..., hunderttausend Dollar ...«

Der Fahrer nickte. »Nicht gerade ein Pappenstiel.«

»Was wollen Sie? Ihre Gruppe hat inzwischen mindestens zehn Millionen abgeräumt.«

»So genau wissen Sie das?«

Kelly wurde patzig. »Ich bin vom Fach.«

»Das ist mir klar. Sie können sich übrigens wieder entspannen. Wir sind gleich am Ziel. Nur um die vierhundert Yards noch. «

Die Straße führte jetzt zwischen Kiefern hindurch. Sie waren nicht von selbst gewachsen, sondern gesetzt worden. Für dieses Ufer hatte die Natur keine Bäume vorgesehen gehabt. Sie waren so künstlich wie Las Vegas auch. Der Wüste abgerungen und nur lebensfähig, weil der Mensch das so wollte. Die Erde dafür hatte extra von weit her angefahren werden müssen. So wie auch jene am Rand des Pools und für den Rasen und die üppigen Blumenrabatten dazwischen. Las Vegas verbrauchte fast viermal so viel Wasser wie eine vergleichbar große Stadt in gemäßigteren Zonen.

Der Fahrer verlangsamte sein Tempo. Ein Nachtvogel schrie geisterhaft. Der Motor des Caddy war kaum zu hören. Kelly kam es vor, als würde sein Puls viel lauter pochen. Jeglicher Appetit war ihm ohnedies vergangen.

Keinen Bissen hätte er jetzt noch hinuntergekriegt, und das wollte er gerade sagen, als der Blonde aufs neuerliche die Straße verließ. Kein Asphalt mehr. Nur ein holpriger Feldweg. Der Croupier hatte auch kein Schild bemerkt, das auf irgendein Lokal hingewiesen hätte. Dann knirschte plötzlich Kies unter den Pneus, und der mächtige Wagen stand, in den Stoßdämpfern wippend.

Jerome Kellys Gedanken brauchten sich nicht erst zu überschlagen. Panik schwemmte in ihm hoch wie eine Sturmflut, schwappte über ihm zusammen, hüllte ihn ein, trug ihn fort. Ein Paradoxon, dass ihm das ausgerechnet hier in Nevada passierte.

Doch seine Reflexe waren in Ordnung. Ohne blendende Reflexe kam kein Croupier aus. Sie waren das A und O in seinem Beruf.

Blitzschnell huschten die Karten aus dem Schuh beim Baccarat, blitzschnell flogen die Würfel beim Craps. Er musste Augen haben wie ein Luchs und die Geschicklichkeit eines Zauberkünstlers, ohne selbst dabei »zaubern« zu dürfen. Und seinen schnellen Augen war es letzten Endes auch zu verdanken gewesen, dass er diesen Betrügern überhaupt auf die Spur gekommen war.

In diesen Sekunden allerdings war Jerome Kelly seinem Schicksal überhaupt nicht mehr dankbar für dieses Talent. Er hätte es verfluchen mögen! Wieso hatte er nur so leichtfertig sein können!

Er riss den Wagenschlag auf, ließ sich hinausfallen, rollte über die Schulter ab. Der Blonde war sich zu sicher gewesen mit seinen Muskeln und seinem stoischen Gehabe und seiner Größe, mit der er den Croupier des »All America Casino« um mindestens einen Kopf überragte. Glaubte der Kerl denn, er ließe sich die Haut abziehen wie ein totes Kaninchen?

Kelly kam hoch. Er hatte die Orientierung verloren. Doch die Doppelscheinwerfer des Caddy brannten noch. Nichts wie weg aus dem Lichtkegel, der seine Balken drohend in die Dunkelheit schnitt. Unterholz. Rascheln an seinen Knien. Frische Luft.

Und dann vor ihm die Fläche des Lake Mead. Unschuldig wie flüssiges Silber lag sie vor ihm. Kein Windhauch kräuselte den Spiegel.

Wohin jetzt? Zu den Forellen?

Es gab keine Forellen im See. Er hätte vorher daran denken sollen. Er hätte so vieles vorher bedenken sollen.

Was für ein Narr er doch gewesen war!

Kelly stolperte weiter, wusste den Verfolger hinter sich, ohne auch nur einen Atemzug von ihm zu hören. Leute wie dieser Blonde hielten sich nicht mit Keuchen auf. Sie handelten. Blind wie ein Grottenolm war er in eine Falle getappt. Nicht aus Geldgier, sondern von einer vagen Hoffnung getrieben. Von einer Hoffnung auf eine Zukunft, die ihm hier in Las Vegas nie in Erfüllung gegangen wäre.

Als sich ein paar zugreifende Hände von hinten hart um seine Knöchel schlossen, war endgültig alles geklärt. Keine Fragen mehr, kein Morgen. Er klatschte mit dem Gesicht ins Wasser. Kalt, eiskalt, spritzte es auf, wo sein Kopf untertauchte. Ein Stechen in der Brust, als habe ihm jemand ein Messer ins Herz gebohrt, es brutal in der offenen Wunde gedreht. Und dieselben Hände, die ihn zu Fall gebracht hatten, rissen ihn nun wieder heraus aus dem Wasser.

Dann stand er da, der Blonde. Mit schwer hängenden Armen. Es dauerte eine Weile, bis er die Wahrheit erkannte. Dann traten ihm, dem Erbarmungslosen, auf einmal Tränen in die Augen. Es waren echte Tränen.

»Du Schwein!«, heulte er, und niemand war in der Nähe, der ihn hätte hören können. »Du zehnmal verfluchtes Schwein! Musstest du ausgerechnet jetzt krepieren?«



3

Toby Rogers trank gerade seinen dritten Whisky, für ihn eine beinahe olympiareife Leistung, weil er sonst Bier bevorzugte.

Aber er litt unter Flugangst. Einer höllischen Flugangst. Nicht einmal die Oberweite der Stewardess konnte ihn darüber hinwegtrösten, und schon das allein bewies, welche Schrecken das Fliegen für den Schrecken der Centre Street barg.

Centre Street. Das ist das Police Headquarters Manhattan South, ein Bau, der jährlich um die drei Zentimeter tiefer in die Erde versinkt und von Architekten schon ein Stahlkorselett verpasst bekommen hat. Und Rogers war in diesem Ameisenhaufen uniformierter und ziviler Gesetzeshüter der Leiter des Morddezernats C/II. Heiß geliebt von einer kleinen Handvoll Leute und wie die Pest gehasst von einem runden Tausend. Seine Squad erreichte die Aufklärungsquote von nahezu 90 Prozent, und das war einsame Spitze in New York.

Zu den Leuten, die ihn deswegen hassten, gehörten nicht wenige seiner Kollegen.

Neben ihm, auf der Fensterseite der Boeing 727, hatte Bount Reiniger überhaupt keine Angst, betrachtete sogar die Oberweite des so wenig engelhaft fliegenden weiblichen Personals mit wachsendem Genuss. Es stieg meist im Plaza ab, das wusste er, das gehörte bei ihm fast schon zur Allgemeinbildung.

Indes, ein paar andere Probleme standen ihm zur Zeit näher. Und auch um Freund Rogers abzulenken, fragte er: »Woher kennst du Lionel Lister eigentlich? Bisher hast du dich darüber ausgeschwiegen.«

»Wie man Leute halt so kennt«, wich Rogers aus.

Ihn als Schwergewicht zu bezeichnen, wäre der Wahrheit ziemlich nah gekommen. Allerdings musste man ihm den Boxer wieder davon abziehen. Es sei denn, in der nächsten Saison würden Nashörner und Elefanten in den Ring des Madison Square Garden zugelassen. Captain Toby Rogers verfügte über eine rotledrige Haut, den Nacken eines Corrida-Stiers, die adrette Figur vom Kühlturm eines Atom-Meilers und das freundliche Gemüt eines gereizten Bull-Terriers.

Bount Reiniger liebte ihn! Sie waren Freunde schon seit ungezählten Jahren.

»Was soll das heißen?«, bohrte Reiniger nach. »Wie man Leute halt so kennt ...«, äffte er anschließend Rogers hinterher. »Du rufst mich an, fragst mich, ob ich innerhalb einer Stunde reisefertig und am La Guardia sein kann. Ich Trottel sage ja, und jetzt fliegen wir schon seit vier Stunden, und ich weiß immer noch nicht, worum es geht! Nur den Namen >Lionel Listen< nennst du ab und zu und so leise wie einen Geheimtipp beim nächsten Pferderennen. Was soll das alles? Deine Flugangst in Ehren, lange genug hab’ ich darauf Rücksicht genommen, aber jetzt solltest du endlich Farbe bekennen. Wir landen in weniger als einer halben Stunde.«

»Landen? Ogottogott!«

»Wenn dir Fallschirmspringen lieber ist ...?«

»Idiot!«

»Na endlich«, meinte Reiniger. »Du findest wieder zu dir. Wer ist Lionel Lister?«

Rogers bedachte Reiniger mit einem umflorten Blick. »Du gibst wohl nie auf, eh?«

»Hättest du mich sonst mitgenommen? Gratis? Oder besser gesagt, auf Kosten von irgendwem? Nur so zum Spaß?«

»Du wirst schon auf deinen Schnitt kommen«, brummte Captain Toby. Seine Grammatik war nicht einwandfrei, die Aussage dennoch klar. »Wer wüsste inzwischen nicht mehr, dass du der am besten bezahlte Privatbulle der Ostküste bist.«

In Rogers' Feststellung nistete Neid. Ganz einwandfrei.

»Lister!«, insistierte Reiniger weiter. »Und jetzt bitte keine Ausreden mehr. Ich hatte mehr als vier Stunden Geduld mit dir. Mehr, als ich je jemandem anderen einräumen würde.«

»Willst du mir auf meine alten Tage noch ein paar Schuldkomplexe aufladen?«

»Du brauchst nur zu reden, Honey-Boy.«

Unter der Boeing 727 breitete sich inzwischen die Wüste von Nevada aus. Nicht das geringste Anzeichen von schneebedeckt oder gar verschneit. Die Berge lagen nackt wie Marylin Monroe in ihren totgeschwiegenen Pornofilmen unter dem Flieger.

»Ja, das ist so«, begann Toby Rogers endlich. »Lionel Lister. Ich hab ihn bei mir immer nur den >Lion< genannt. Den >Löwen<. Wenn du ihn siehst, wirst du wissen, warum.«

Reiniger schwieg. Toby Rogers fuhr fort.

»Siehst du, Bount, vor einigen vielen Jahren war alles noch ein wenig anders bei uns. Was heißt war? Ist doch immer noch! Bei uns in New York gelten die Betreiber von Spielkasinos als kriminelle Elemente. Meist stimmt das ja auch. Aber einigen von ihnen hat Las Vegas damals eine legale Existenz geboten. Sie haben sie ergriffen. Kann ich etwa was für unsere Gesetze?«

Captain Rogers konnte nicht. In diesem Punkt war Reiniger mit ihm einig.

»Weiter, Toby.«

»Las Vegas«, wiederholte Rogers, »hatte ihnen eine legale Existenz geboten. Sie galten wieder als geachtete Mitglieder der Gesellschaft und konnten sich neu in die Gemeinschaft eingliedern. Sie waren keine >Outcasts< mehr, keine Ausgeschlossenem. Und siehst du, unter der Ägide von Leuten wie Lion ist Las Vegas das geworden, was es heute ist: Eine von Verbrechen saubere Stadt. Allein in der Lexington Ave registrieren wir in einem Monat mehr Raubüberfälle als Vegas in einem Jahr. Unter dem Einfluss von Männern wie Lion Lister entwickelte sich Las Vegas zu einer geordneten, dem Gesetz unterstellten Gemeinschaft, unabhängig der verkommenen Spieler aus aller Welt, die meist schleunigst wieder abgeschoben werden, sobald man sie erkennt. Es entstanden Schulen und Kirchen, zwei Universitäten, der Fremdenverkehr nahm ungeahnten Aufschwung. Und Lion ist einer jener Pioniere, die das alles bewerkstelligt haben. Ich habe alle Achtung vor ihm. Er ist auch ein Freund.«

»Du willst mir nicht sagen, wie das kam?«

Rogers zuckte die Schultern. Plötzlich sah er abgekämpft und müde aus.

»Die alte banale Story, Bount«, sagte er dann. »Er hat mir das Leben gerettet. Ich war noch ein junger Spund damals. Nahm an einer Razzia teil. Es ging ausgerechnet darum, einen unkonzessionierten Spielklub in Manhattan auszuheben, der schon damals in Nevada stocklegal gewesen wäre. Aber du kennst das ja. In New York gibt’s keine Todesstrafe mehr. Und fährst du durch den Holland Tunnel rüber nach New Jersey, spritzen sie die Leute mit Gift ins Jenseits. Was soll man als Cop schon davon halten? Den Kopf in den Gasofen stecken, eh? Herrgott! Soll ich etwa Präsident Ford einen Gauner nennen, weil er Nixon begnadigt hat? Oder einen Bankier einen Dieb, weil er mit seiner Bank bankrott machte? Oder eine Firma, die Personalkredite gibt, ein Wucherunternehmen? So wie unser Staat das Rentensystem handhabt, in etwa?«

Darauf war schwerlich was zu sagen. Bount Reiniger huldigte ja selbst der Anschauung, dass keineswegs nur im Shakespeares »Staate Dänemark« etwas faul war. Besonders die USA standen ihm da in nichts nach. Die unselige Allianz zwischen Politik und Korruption war schließlich schon sprichwörtlich geworden.

Toby Rogers fuhr leiser fort: »Wir rückten also dort an, ich weiß es noch so gut wie heute. In einer piekfeinen Privatwohnung an der Park Avenue war das. Lion arbeitete an einem Roulettetisch. Um ihn herum lauter Großkotze aus der sogenannten besten Gesellschaft und ihre Huren. Und einer dieser Großkotze fühlte sich eben big genug, einen Revolver zu ziehen und auf mich zu schießen. So nach dem Motto: Daddy wird’s schon richten. Und ich war ja auch nichts als ein kleiner, mickriger City-Bulle.«

»Und dürr wie ein unterernährter Hering«, warf Reiniger ein, doch Rogers hatte offenbar nicht hingehört, denn er vollführte eine wegwerfende Handbewegung.

»Der Knabe kam nur zu diesem einen Schuss, weil ihm Lion von hinten einen Schlagring über den Schädel zog.« Beinahe bekam Captain Toby vor Rührung feuchte Augen. »Ja, und das war’s dann schon. Der Junge wurde nicht mal angeklagt, doch Lion Lister brummten sie drei Jahre auf. Aber ich fühlte mich verdammt dankbar, verstehst du? Ich besuchte ihn öfter im Knast, setzte Himmel und Hölle in Bewegung und kriegte ihn schon nach vier Monaten wieder frei. Bald darauf siedelte er nach Vegas um. Trotzdem ist die Verbindung nie vollkommen abgerissen. Wann immer er in New York zu tun hat, lädt er mich großartig und zum teuersten Essen ein.«

»Es geht eben nichts über die Liebe, die durch den Magen geht«, kommentierte Bount und handelte sich einen bösen Blick des Freundes dafür ein.

»Ich war auch damals schon nicht mehr besonders schlank«, knurrte er.

Die Maschine hatte das Fahrgestell ausgefahren. Sie setzte auf die Minute pünktlich auf.



4

Sie wurden abgeholt. Auf dem Rollfeld tauchte eine schwarze achtsitzige Cadillac-Limousine auf und stellte sich direkt neben die Gangway, kaum dass die an den Vogel herangerollt war.

Captain Toby grinste, versuchte seine Jacke zuzuknöpfen, ließ es jedoch dann aufseufzend bleiben.

»Der Schlitten ist doch nicht etwa für dich?«, wunderte sich Bount.

»Für uns«, verbesserte Rogers. Er hatte sich für diese Reise extra ein paar Tage frei genommen. »Wir sind VIPs. Very important persons. Habe ich etwa vergessen, dir das zu erzählen?«

Bount war beeindruckt. Das nannte er einen Empfang nach seinem Herzen.

»Dann muss er ja ganz schön hochgerutscht sein auf der Karriereleiter, dein Lion.«

»An die Spitze«, meinte Rogers schlicht. »Er ist Leiter des All America Casino. Das dazugehörige Hotel hat zweitausend Zimmer und Suiten und gehört ebenfalls zur absoluten Luxusklasse. Das leitet er natürlich auch. Er hat den golden pencil. «

Reiniger stieß pfeifend die Luft aus den Lungen. »Der goldene Bleistift« war ihm natürlich ein Begriff. Er wurde nur an sehr wenige Geschäftsführer abgegeben und berechtigte den Inhaber, nach eigenem Gutdünken Freunde des Hauses und auch persönliche nicht nur zu bewirten, sondern sie auch kostenlos in seinem Hotel wohnen oder gleich aus aller Welt einfliegen zu lassen. Und für all diese Vergünstigungen leistete ein Kasinodirektor nur seine Unterschrift. Daher der Name.

Dann stieg ein livrierter Chauffeur aus, muskulös, ein schickes Käppi auf seinem blonden Schopf, und öffnete eine der hinteren Türen.

Ein Mann in Rogers' Jahren wurde sichtbar, doch hatte er sich entschieden besser gehalten. Die schlanke Gestalt in einen sepiafarbenen Seidenanzug gehüllt und in ein ähnlichfarbenes Hemd mit gelben Nadelstreifen, winkte er herauf zu den winzigen Fenstern in der ersten Klasse. Sein Haar war schlohweiß und lang wie bei einem Künstler, der sich wenig um Konventionen scherte. So wie er dastand, erinnerte die Mähne tatsächlich an die eines Löwen, doch damit hörten die Ähnlichkeiten auch schon auf. Löwen trugen keine Maßanzüge und keine Maßschuhe. Vielleicht waren sogar noch die Socken nach seinen speziellen Daten gestrickt.

Toby winkte nicht zurück, er drängte bereits zum Ausgang, zwängte sich rigoros durch die übrigen Passagiere. Auf seinem runden Bulldoggengesicht glänzte ein freudiges Strahlen. Flink wie ein überfüttertes Wiesel, jedoch immer noch flink, huschte er über die Stufen hinunter. Um in die weit ausgebreiteten Arme von Lionel Lister zu laufen. Beide grinsten sie sich an wie die Ölgötzen.

Es war schon ein rührendes Bild, irgendwie, das sich Reinigers Blicken bot: hier Captain Rogers in seinem zerknitterten Konfirmandenkostüm, verschwitzt und dicknackig, unrasiert; und da dieser Gentleman vom Scheitel bis zur Sohle, der mit Sicherheit mindestens nach Rosenwasser duftete. Ein Herz und eine Seele waren sie beide anscheinend trotzdem.

Bount folgte langsam, nachdem das Gedränge nachgelassen hatte, und nahm auch Tobys Bordgepäck mit. In der Eile hatte er's vergessen. Und er erreichte die seltsame Gruppe, als die erste Begrüßungsfreude endlich abflaute. Die beiden erwachsenen Männer versicherten sich gerade, wie gut sie eigentlich noch ausschauten. Vonseiten Lionel Listers eine unverschämte Lüge.

»Und das ist mein Freund Bount«, sagte Rogers jetzt. »Ich habe dir ja schon von ihm erzählt. Manchmal bin ich ihm beim Lösen seiner Fälle behilflich.«

Bount Reiniger bleckte die Zähne. Toby konnte mindestens ebenso gut flunkern wie der Spielcasino-Löwe Lion. Denn meistens war’s umgekehrt, wenngleich Bount zugeben musste, dass Captain Rogers unterm Strich doch ein Prachtbulle war. Noch einer vom alten Schrot und Korn und keiner von diesen geschniegelten und gestriegelten Schreibtischhengsten mit dem Bachelor of Science als Schulabschluss, wie sie neuerdings immer mehr in Mode kamen.

Lister reichte ihm die Hand. Ihr Druck war kühl und fest. Dabei schauten sie sich in die Augen. Der Kasinodirektor versuchte in Bounts Zügen zu forschen, und umgekehrt war es nicht anders. Was Bount sah, beeindruckte ihn aus der Nähe nicht weniger als auch schon aus der Entfernung.

Ein feingeschnittenes, sonnengebräuntes Gesicht mit gerader Nase, einem smarten, ebenfalls schlohweißen Oberlippenbärtchen, in der Mitte des markigen Kinns ein Grübchen. Hoch angesetzte Wangenknochen, buschige Brauen, denen man allerdings die Nacharbeit einer Visagistin ansah. Die Augen selbst waren von eisiger Bläue und wichen Bounts Blick keinen Sekundenbruchteil lang aus. Ein Mann insgesamt, der sich über seinen Wert nicht täuschte.

Dann verzogen sich die Lippen zu einem diffusen Lächeln.

»Herzlich willkommen, Mister Reiniger. Ich hoffe, Sie werden Ihren Aufenthalt hier genießen.«

»Vielen Dank. Aber ich fürchte, dazu sind wir nicht gekommen.«

Listers Blick verengte sich einen Moment. Dann drang sein Lächeln wieder an die Oberfläche.

»Kompliment«, sagte er. »Unser gemeinsamer Freund hat also nicht übertrieben, als er Sie schilderte. Immer am Ball bleiben; das Ziel nie aus den Augen verlieren ...«

Bount zuckte die Schultern. »Jeder macht seinen Job, so gut er kann. Ich denke, bei Ihnen ist das um kein Jota anders.«

»Hm. Sie sind ein Mann nach meinem Geschmack, Mister Reiniger. Ich darf Sie doch Bount nennen?«

Zwar hatte Bount etwas gegen schnelle Kameraderie, aber er wusste auch, dass an der Westküste andere Sitten herrschten. Dort lächelten sich die Geschäftsleute freundlich an, während sie versuchten, sich gegenseitig an der nächsten Wand zu zerquetschen.

»Nichts dagegen, Lion.« Der Händedruck wurde erneuert. Bount hatte noch kein rechtes Bild von diesem Mann. Er war glatt wie ein Aal und scharfsichtig wie ein Geier. Etwas in seinem Blick erinnerte ihn tatsächlich an einen Raubvogel.

»Aber was stehen wir hier noch länger in der Hitze herum?«, meinte Lister anschließend. »Drinnen im Wagen ist es kühl. Und ein Gläschen Champagner steht auch bereit.«

Diesmal öffnete er den Wagenschlag selbst. Das heißt, er öffnete zwei Stück, und der Einlass in den Caddy wurde breit wie ein Scheunentor.

Auf den Rückplätzen lagen sich die Sitzreihen gegenüber. Sie waren mit mitternachtsblauem Samt ausstaffiert. Auf dem hochflorigen Teppichboden dazwischen hätte ein erwachsener Mann bequem wie in einem Daunenbett schlafen können. Dagegen ging es in Bounts Mercedes 500 SL beinahe eng oder sogar ein bisschen ärmlich zu.

Trotzdem hätte er nicht tauschen mögen. Er war ja kein Busunternehmer und die City in New York auch ohne diese Zehn-Meter-Karossen schon verstopft genug.

Zwischen den Rücksitzen und dem Fahrerabteil surrte die bronzegetönte Trennscheibe hoch. Dunkel getönt waren auch die anderen Scheiben. Sie sperrten die Hitze aus. Es war kühl wie in einem Grab. Die Klimaanlage summte fast lautlos.

Lister spielte auch weiterhin den perfekten Gastgeber. Er war ja auch einer. Es gab Dom Perignon aus einer Magnumflasche. Toby beäugte das moussierende Getränk mit sichtlichem Misstrauen, denn es stammte weder von Anheuser noch Budweiser oder Schlitz, den drei umsatzstärksten Brauereien in den USA.

Bount indes wandte seinen Blick nach draußen, während die beiden ungleichen Männer bald darauflos plauderten und in gemeinsamen Erinnerungen schwelgten, die ihn nun wieder wenig bis überhaupt nicht interessierten. Neben dem Gate zum Rollfeld fiel ihm ein blau-weißer Chevy auf, mit dem üblichen Christbaum auf dem Dach. Ein Patrol Car mit dem Wappen Nevadas auf der Seite.

Und wiederum daneben stand ein ungeheuer fetter Mann in Khaki-Uniform, einen Stern auf der verfetteten Brust mit den schwelgerischen Frauenbrüsten. Er stierte mit bösen Augen zum Caddy herüber. An seiner umfangreichen Taille baumelte ein riesiger Colt im offenen Westernholster, der dort nur wie ein Spielzeugrevolver wirkte. Trotzdem erkannte Reiniger den Remington, Kaliber 56. Wenn man einem Rind damit ins Maul schoss, hatte es anschließend keinen Schwanz mehr.

Reiniger unterbrach das Gespräch.

»Entschuldigen Sie, Lion«, sagte er. »Aber wer ist denn dieses Monsterbaby?«

»Oh. Das ist Bruce Wallaby. Sheriff von Clark County und damit auch von Las Vegas.«

»Gehört er mit zum Empfangskomitee, oder ist er nur zu seinem Vergnügen hier?«

Lister schwieg ein paar Sekunden. Der Patrol-Car blieb hinter ihnen zurück.

»Nun, ich denke, dass ich Ihnen gleich von Anfang an reinen Wein einschenke, Bount«, sagte er nach dieser Pause. »Aber Wallaby kann ein ziemlich ungemütlicher Zeitgenosse sein. Trotzdem sind wir von den Kasinogesellschaften ihm dankbar. Er hält die Stadt von kriminellen Elementen sauber wie vor ihm kein anderer. Er wurde schon das dritte Mal wiedergewählt.«

»Und wird reich dabei.«

»Ach, wissen Sie, Bount«, meinte Lionel Lister daraufhin, sein leeres Glas in der Hand drehend. »Sie müssen hier ein paar Abstriche von Ihren gewohnten Maßstäben machen. Nevada ist nicht Massachusetts und Las Vegas kein Boston. Hier sind die Sitten bei allen Fortschritten der letzten Jahre doch noch etwas rauer. Wir haben nichts gegen eine starke Hand.«

»Und was sagen Sie zu dem Gehirn, das diese >starke Hand< führt?«

Listers Miene verdüsterte sich jäh, erhellte sich jedoch sofort wieder zu einem Lächeln. Diesmal zu einem, das so vertrauenerweckend war wie eine Drei-Dollar-Note.

»Wallaby erledigt die Grobarbeiten zu unserer vollen Zufriedenheit«, meinte er vieldeutig.

Allmählich hatte Bount Reiniger dieses Katz-und-Maus-Spiel satt. Doch noch hielt er an sich. Er war schließlich Gast. Gast in einer Mausefalle?

Er atmete dreimal tief durch, ehe er antwortete.

»Sie wollen also damit andeuten, dass dieser famose Sheriff Wallaby hier in Las Vegas die Dogge ist, die Sie und Ihresgleichen an der langen Leine laufen lassen?«

Seltsamerweise schmunzelte Lionel Lister jetzt fein, und sein Grinsen wurde plötzlich noch offener als vorher der Caddy.

»Ich will auch nicht verhehlen, dass er auf jede angebliche Einmischung in seine vermeintlichen Kompetenzen wie ein Berserker reagiert«, sagte er auch noch. »Vielleicht ist das der geeignete Moment, in dem wir nun die Frage ihres Honorars anschneiden sollten ...«



5

Mel Ferrer brütete zur selben Zeit dumpf in seiner Zelle und verstand die Welt nicht mehr.

Da haute man so einem ausländischen Pfifferling eins auf die Rübe, und schon landete man im Jail. Was waren denn das für komische Sitten?

Dabei wusste er’s doch ganz genau! Schon Dad, glorreicher Teilnehmer in der pazifischen Abteilung des Zweiten Weltkriegs, hatte es immer wieder gesagt: »Wenn du so einen gelben Engerling siehst, nichts wie mit dem Fuß drauf und den Absatz dreimal umgedreht! Ich weiß’s. Ich war schließlich dabei. Glaub mir, Ferry. So musst du sie behandeln und nicht anders.«

Diese Art von Aufklärung war beim ansonsten wenig wissbegierigen »Ferry« dennoch auf fruchtbaren Boden gefallen, weil er zumindest vom Draufhauen eine ganze Menge verstand. Er wusste auch, dass die Japse irgendwann mal Pearl Harbor angegriffen hatten. Was machte es da schon aus, dass er dieses Wort weder richtig aussprechen noch richtig schreiben konnte, geschweige denn wusste, wo dieses exotische »Peer Harper« sich befand. Wahrscheinlich irgendwo in der Nähe von Hongkong. Oder auf den Fidschi-Inseln bei all den anderen Kanaken, was spielte das schon eine Rolle. Mel Ferrer war jedenfalls ein sehr patriotischer Typ.

Er hatte ebenfalls gelernt, dass alle Schwarzen stinken, die Indianer sowieso und dass man jedem anderen Fremden auch nur mit äußerster Vorsicht begegnen dürfe. »Außer, du machst keine Fiesematenten, Ferry, und haust ihm gleich den Schädel ein.«

Mit diesem geistigen Rückzeug ausgestattet, hatte Mel Ferrer dann sein Heimatnest im nördlichen Nevada verlassen, um in die große weite Welt zu ziehen. Weil sie zweihundert Kilometer südlich gerade dringend ein paar Arbeiter suchten, die trotz der Gluthitze bereit waren, sich an den Ausbesserungsarbeiten des Interstate Highway nach Boulder City zu beteiligen. Bei freier Kost und Logis unter ebenfalls freiem Himmel.

Aber mit Wolldecke.

Und so war er eben an einem Wochenende mit voller Lohntüte auch einmal nach Las Vegas gekommen, hatte gestaunt und gestaunt und sein Staunen in Whisky ersäuft. Bis er schließlich einen vaterländischen Krieg auf eigene Faust fortsetzte. Wobei das Wort »Faust« sehr gut passte.

Dafür sollte er jetzt sitzen? Auch noch unschuldig?

Nicht zu glauben!

Und deshalb war Mel Ferrer uneins mit der Welt. Er spürte nur Reste seines Katers, denn gesoffen hatte er schon von Kindesbeinen an. Dad war ja sorglos mit ihm umgegangen, mit seinem Selbstgebrannten, und eine Mutter hatte er nie gekannt. Dad sprach normalerweise nicht über sie. Nur wenn er besoffen war. Dann nannte er sie immer »Hure«, »Nutte«, oder »'gottverdammte Schlampe«. Dad kannte sich aus im Leben. Schade, dass er vergangenes Jahr in die Zisterne gefallen war und sich das Genick dabei brach.

Dieser Gedanke erheiterte Mel Ferrer wieder ein wenig. Es war ja doch ein tolles Leben, das er da führte. Nur dieses Shit-Jail hätte halt nicht sein müssen. Nichts los in der Bude. Und wenn er doch schon mal in Vegas war?

Hüne Mel Ferrer hätte sich auf diese Weise noch weiter die Zeit in Weltschmerz zergrübelt, die Muskeln zwischen seinen Ohren angespannt, wenn da nicht plötzlich Geräusche im Gang aufgeklungen wären. Das Geräusch von schweren, wuchtigen, ihrer selbst sicheren Schritte. Schlüssel klimperten, eine Tür knarzte auf und ließ Zugluft in den Gang. Auf Ferrers schwitzender Körpermasse bildete sich eine Gänsehaut. Zu den Muskeln zwischen den Ohren setzte er noch ein paar andere in Bewegung und stand von seiner Pritsche auf. Gerade, dass er mit dem Kopf nicht gegen die Decke stieß. Der Junge aus Mittelnevada maß etwas über zwei Meter in der Höhe und gut anderthalb in der Breite. Niemand vermochte den Pickel besser zu schwingen als er, und darauf war er stolz.

Fünf Stück hatte er in seinem Eifer schon kaputt geschlagen. Innerhalb einer Woche. Aber dafür in der selben Zeit auch mehr Arbeit geleistet als vier seiner Kollegen zusammen. Mel Ferrer arbeitete gern. Nur nicht mit Japsen, von denen einer nun seit gestern Nacht um elf mit einem Schädelbruch im Sunrise Hospital lag.

Rausch hin oder her - einen Mann wie Sheriff Wallaby erkannte man wieder. Auch wenn er einen im Tran festgenommen und mit seinem fürchterlichen Colt eins auf die Schnauze gegeben hatte, dass die Zähne nur so flogen. Man musste Respekt vor dem Mann haben.

Ferrer war dem Dicken nicht mal böse. Deshalb spuckte er das Blut in seinem Mund auch nicht auf den Flur hinaus, sondern zielsicher hinein in die Kloschüssel neben dem Waschbecken in der Ecke. Wirklich. Allen Komfort hatten sie hier. Las Vegas war schon eine tolle Stadt.

Wallaby traf auch sofort den richten Ton. »Hi, Ferry«, sagte er. »Deinen Suff ausgeschlafen?«

»Aber klar doch, Sheriff.«

Mel Ferrer spürte instinktiv, dass dieser Mann es gut mit ihm meinte. Vielleicht hätte er diesen Japsen doch nicht in die Betonmischmaschine stopfen sollen. Sie waren ja so zierlich, diese Püppchen. Gar nicht den Aufwand wert, wenn man es so recht und bei Tageslicht betrachtete. So ganz ohne dieses Summen im Kopf, das ihn immer dann überkam, wenn er zufällig mal ein Gläschen zu viel intus hatte. Aber wer ist schon vollkommen.

Dieser eindrucksvolle Sheriff trug einen mächtigen Schlüsselbund in der einen Hand und hatte eine dünne Akte unter den anderen Arm geklemmt. Seinen Colt ließ er stecken, und das freute Mel Ferrer gleich noch mehr.

»Ist er verreckt, der Japs?«, fragte er hoffnungsvoll.

»Was für’n Japs?«, fragte Wallaby zurück. »Ich weiß nichts von ’nem Japs. Du musst Halluzinationen gehabt haben.«

»Ehrlich?«

Ferrer war enttäuscht. Doch diese Enttäuschung dauerte nicht lange, weil Wallaby jetzt die Zelle aufsperrte und sich auf seine Pritsche setzte. Wie ein wirklich echter Kumpel.

»Nun, komm schon, Mel. Ich hätte da eine Kleinigkeit mit dir zu besprechen. Und vergiss die Sache von gestern Nacht. Du hast geträumt.»

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908022
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354181
Schlagworte
russisch roulette vegas york detectives

Autor

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Titel: Russisch Roulette in Vegas N.Y.D. New York Detectives