Lade Inhalt...

N. Y. D. - New York Detectives: Ein Grab nach Art des Hauses

2017 120 Seiten

Leseprobe

Ein Grab nach Art des Hauses: N. Y. D. - New York Detectives

Krimi von Franc Helgath


Der Umfang dieses Buchs entspricht 107 Taschenbuchseiten.


Malcolm Murphy, ein unscheinbarer Buchhalter bei der Fleischerei S & M Incorporated, verschwindet spurlos. Seinem Bruder Will hat er neben einem Schließfachschlüssel einem Brief hinterlassen, in dem er verfügt, sich im Falle seines Verschwindens an Bount Reiniger, den besten Privatdetektiv New Yorks, zu wenden. Als der Detektiv den Auftrag annimmt, ahnt er nicht, auf welche gefährliche Sache er sich einlässt; mehr als einmal ist er dem Tod näher als dem Leben - und was er schließlich aufdeckt, wäre ihm lieber verborgen geblieben ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Die Hauptpersonen:

Dennis Hooperman hat nichts dagegen, wenn Cowboys aus Manhattan mit Darts nach Frauenbusen werfen.

Will Murphy vermisst einen Bruder.

Abe Scrooger ist Fleischer. Doch er erlaubt sich Ausflüge. Blutige allemal.

David Milestone ist ein äußerst wacher Knabe. Seine zwei Zentner hindern ihn nicht, über Leichen zu tänzeln.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.



1

Der Mann trat ans Fenster, von dem aus er in den Laden hinunterschauen konnte. Tagsüber lösten dort Männer am Fließband, acht Puerto Ricaner und sechs Schwarze, in einem gleichmäßigen Tempo das Fleisch aus, mit bloßen, bluttriefenden Händen. Dahinter Kartons auf einem Tisch aus rostfreiem Stahl, der an die Rückwand des Raumes gestellt war.

Doch jetzt stand das Fließband still. Es war Nacht. Nur in einer Ecke rumorte eine Maschine, die ähnlich wie der Teigmischer in einer kleineren Bäckerei aussah.

Ihr Deckel aus glänzend poliertem gehämmerten Weißblech war geschlossen. Hätte der Mann ihn aufgemacht, hätte er ab und zu auf eine gerade noch intakte menschliche Hand mit Altersflecken, die an Sommersprossen erinnerten, ausmachen können.

Er ließ es bleiben, rauchte seine Zigarette zu Ende und trat die Kippe mit der rechten Schuhspitze aus. Dann sah er auf die Uhr.

Zwanzig Minuten dauerte die Prozedur nun schon. Das sollte reichen. Doch gewöhnen würde er sich wohl nie daran.

Endlich löschte er die Neonstäbe an der Decke des kleinen Büros und stieg seufzend, wie unter einer schweren Last, die Treppe aus Gitterrost hinunter.

Der Fliesenboden war peinlich sauber. Darauf achtete er. Die Lebensmittelkontrolleure waren ständige Gäste in der Minifabrik zwischen der 8. und 9. Straße in Downtown Manhattan.

Als brave Beamte kamen sie allerdings nie nachts. Da schliefen sie, wie es sich gehörte.

Nun schob Scrooger den Deckel doch auf, vermied es aber sogar jetzt noch, einen Blick hineinzuwerfen.

Drei mächtige Mahlschaufeln an einer festen Mittelachse schlugen den Brei cremig.

Abe Scrooger griff hinauf zu einem Bord oberhalb der surrenden und wie ein Schwein manschenden Maschine. Dort standen Plastikdosen mit Majoran, feinem rosa Papayapulver und geschrotetem schwarzem Pfeffer neben kleineren Behältern mit Thymian, Basilikum und Rosmarin sowie arabischem Kümmel und Feigenkernmehl. Genügend Salz, Glutamin und Wasser in den richtigen Anteilen hatte er der Masse schon vorher beigefügt.

Weitere fünf Minuten später betätigte er einen Kippschalter. Danach rotierte der Stahlkessel in die gegenläufige Richtung. Gleichzeitig hob er sich hydraulisch aus seiner bisherigen Verankerung und entließ die Fleischmixtur in eine leicht abfallende, innen ausgeölte Rinne aus Hart-PVC. Auch hier ging alles sehr hygienisch zu.

Schließlich landete der mittlerweile hellgraue, krümelige Brei in einer weiteren Maschine. Ihre Aufgabe war es, ihn in kleine Dosen abzufüllen, die Deckel mit zischenden und funkensprühenden Punktschweißern luftdicht zu schließen und die Packung zusätzlich noch zu etikettieren.

Es dauerte eine weitere Stunde und ein halbes Dutzend Zigaretten der Marke Lucky Strike, bis der Inhalt aus dem großen Mischer auf rund dreihundert Konserven verteilt war. Abe Scrooger verstaute sie, immer achtzehn Stück auf einmal, in vorbereitete Kartons und schleppte diese dann hinüber zu den anderen auf dem Tisch aus rostfreiem Stahl.

Feinste Fleischpastete, stand ebenso wie auf den Etiketten auch auf den Kartons. Die Spezialität des Hauses. Nach streng geheimem Rezept.

Das Produkt war sehr beliebt bei den Delikatessenverbrauchern New Yorks, und sündteuer. Ein reines Schickimicki Futter.

Der Bürger Normalverbraucher konnte es sich nicht leisten.



2

Ein Glücksmontag! Die March erschien blendend aufgelegt im Büro. Sie strahlte nur so vor Vitalität.

»Hast du die Nacht durchgemacht?«, fragte Reiniger griesgrämig. Ihm ging es nicht einmal halb so gut. Er hatte die Zeit bis in die frühen Morgenstunden damit verbracht, an der Rohfassung seiner Steuererklärung herumzubasteln. Es würde noch viele Fassungen brauchen, bis sie endgültig fertig und dennoch nicht zu seiner Zufriedenheit ausgefallen war. Das tat sie nie.

«Brummbärchen« beschied sie ihm fröhlich, warf ihre Handtasche in eine Ecke und schlüpfte aus dem Mantel.

Gleich wurde es auch Bount wieder ein bisschen besser. Der Anblick von Junes Figur konnte anregender sein als ein Liter türkischer Mokka.

Heute trug sie zum gewohnten Gürtel, den sie beharrlich einen Minirock nannte, hohe, über die Knie reichende Schaftstiefel aus schwarzem Lackleder und eine Netzstrumpfhose. Sie hatte noch keine Strapse gefunden, die kürzer als ihre Röcke gewesen wären. Nicht einmal bei Bloomingdale’s, oder auch bei »Bloomys«, wie die New Yorker das Warenhaus an der Upper Fifth Avenue liebevoll bezeichneten und sich damit selbst den einzigen Konsumtempel dieser Welt beschert hatten, der einen Kosenamen besaß.

Bount stand auf der Schwelle zwischen dem Vorzimmer, June Marchs eifersüchtig verteidigter Domäne, und seinem «Allerheiligsten«, in dem der Schreibtisch zurzeit allerdings aussah, als wäre eine Bombe in eine Sakristei gefallen, um beim einmal gewählten Vergleich zu bleiben. Eine halbe Tonne Papier bedeckte auch Spannteppich und Perser. Alles vollgekritzelt mit seiner Fiskus-in-die-Schranken-weisen-Arithmetik. Eine Sisyphusarbeit. Die Leute wurden von Jahr zu Jahr gieriger.

»Lachsäcklein«, antwortete Bount mit leicht gelifteter Leichenbittermiene. In der Rechten hielt er ein Glas frisch gepressten Orangensaft. Ohne auch nur ein Tropfen Scotch oder Bourbon als Beigabe. Vielleicht erhellte auch dieser Umstand die Qualität seiner trotzdem noch etwas düsteren Laune. Doch selbst die wurde »geliftet«, als dieses reizende Geschöpf mit den eigentlich waffenscheinpflichtigen Reizen hinter ihrem eigenen, penibel aufgeräumten Schreibtisch Platz nahm und die endlos langen Beine übereinanderschlug.

Danach ging die March sofort zur Tagesordnung über. Die Detektiv-Volontärin und Vorzimmeraugenweide war überdies ein fleißiges Persönchen, das sich ständig darüber beschwerte, ihr Chef würde sie zu sehr schonen. Womit sie meinte, dass er sie nicht gern zu Einsätzen mitnahm, auf denen es unter Umständen hart auf hart zugehen könnte. In Wirklichkeit jedoch war es ihm vermutlich nur um ihre makellose Figur zu schade.

Sie hatte die Tageszeitungen mitgebracht, Reinigers tägliche Pflichtlektüre. Und die »Village Voice«, die »Pflichtlektüre« der March selbst, ein übles Klatschblatt von hohem Informationswert, wenn man den Prominenten der Stadt unter die Bettdecke schauen wollte.

»Einen Kaffee, Chef?«, fragte sie. »Bevor ich den Computer einschalte, um deine horrenden Rechnungen auszudrucken.« Sie wies mit dem kleinen, aber energischen Kinn an Bount vorbei. »Wie ich sehe, hast du die Nacht wieder mal damit verbracht, dich zum Betrüger weiterzubilden.«

Bount zog eine säuerliche Grimasse.

»Sie fressen mir noch die Haare vom Kopf«, behauptete er kläglich.

»Da haben sie noch lange zu grasen«, entgegnete die March schnippisch, und das stimmte sowohl im direkten als auch im übertragenen Sinn. Reiniger war ein ziemlich reicher Mann und sein dunkelbraunes Haupthaar von dichter Fülle ohne jeden Grauschleier. Dabei hätte Bount gegen ein Silberfädchen da und dort, am liebsten gleich an den Schläfen, gar nichts einzuwenden gehabt.

Sie gingen die Woche immer ein wenig locker an, die beiden, und das wirkte sich dann positiv auf das Betriebsklima aus. Bount Reiniger hatte seine Denk- und Konferenzkammer eben halbwegs wieder in Ordnung gebracht, als die Nebensprechanlage fordernd summte.

»Besuch für dich, Chef. Ein Mister Will Murphy. Aber er ist nicht angemeldet.«

Bount dachte an seine Nachtarbeit und an den Fiskus. Ein neuer Kunde würde ihn auf bessere Gedanken bringen.

»Bring ihn ruhig rein, June. Aber nimm vorher die Personalien auf. Das Übliche eben.«

»Der Kleinkram wie immer an die Azubis«, moserte sie, bevor sie den Kontakt unterbrach.

Mit dem möglicherweise neuen Klienten brachte sie wenig später eine Karteikarte herein. Mr. Will Murphy wies sie einen der Besucherstühle an, die Karte landete auf Bounts mittlerweile wieder in Ordnung gebrachter Tischplatte. Dem Raum war von der aufreibenden Nachtarbeit nichts mehr anzusehen. Nur die Papierkörbe quollen über, was dem »Allerheiligsten« trotzdem noch den Anschein hektischer Betriebsamkeit verlieh. Ein durchaus erwünschter Eindruck. Die wirkliche Arbeit Bount Reinigers konnte man ohnehin schlecht sehen. Außer man besichtigte die »Ergebnisse« in Krankenhäusern und Leichenhallen, was auch hin und wieder vorkam, oder las sie auf seinen Kontoauszügen nach.

»Mister Murphy?«

Bount erhob sich halb aus seinem Drehsessel und streckte dem frühen Besucher die Hand entgegen. Die des Mannes fühlte sich schlaff, kalt und feucht an wie ein toter Fisch. Auch der Ausdruck seiner grauen Augen hatte etwas Totes an sich. Und zugleich Feuchtes. Die schlecht rasierten Wangen und die buschigen Brauen hingen ebenso wie die Augenlider auf halbmast.

Bount warf einen schnellen Blick auf die Karteikarte.

Willifred Murphy, 56, geboren in Illinois, wohnhaft in Englewood, New Jersey. Sylvan Avenue 832, ledig. Beruf: Hasenführer.

Bount zog die Brauen hoch.

»Hasenführer?«

Will Murphy räusperte sich. Beinahe kam wieder so eine Art Leben in ihn, als er sich hochsetzte auf seinem Stuhl und seinen Hut, einen speckigen, grauen Bowler, zwischen den faltigen Händen auf seinen eng zusammengepressten Knien drehte.

»Ich arbeite schon seit zehn Jahren auf der Hunderennbahn draußen auf dem Meadowlands Raceway. Wissen Sie, Mister, da steht in der Mitte so’n Häuschen, und von dort aus lenke ich den Hasen, eigentlich ist’s nur ein Stück blutiges Stück Pferdefleisch mit einem Kaninchenfell überzogen. Und diesen Hasen muss ich immer so führen, dass die Hounds bei der Stange bleiben und nicht plötzlich mitten im Rennen die Lust an der Verfolgung verlieren. Und ...«

Bount unterbrach. »Bestimmt ein sehr verantwortungsvoller Job, Mister Murphy.«

»O ja, Sir«, entgegnete der Besucher ernsthaft. »Von mir hängt es oft genug ab, ob ein Lauf ordnungsgemäß abgewickelt wird, oder nicht.«

»Aber um mir das zu erzählen, sind Sie doch nicht gekommen«, meinte Reiniger, bevor der alte Hasenführer noch mehr ins Fachsimpeln geriet. Bount interessierte es herzlich wenig, wie man Hounds bei der Stange hielt. »Also, wo drückt der Schuh?«

Will Murphy fiel wieder in sich zusammen zum Häufchen Elend, das er ja auch war. Ihn drückten Sorgen. Sein Teint leuchtete fahl wie Schimmelkäse, die knochigen Finger mit den Altersflecken zitterten trotz ihrer Beschäftigung leicht. Der schüttere Haarkranz stand ab wie ein ausgefranster Heiligenschein aus Stahlspänen. Sein dunkler Anzug mochte vor zwanzig Jahren neu gewesen sein, und trotzdem war es wohl sein bester. So, wie er die Schultern hängen ließ und traurig in die Welt schaute, war an seinem schmächtigen Körper der überdimensionierte Adamsapfel am faltigen Schildkrötenhals noch der stärkste Muskel.

»Mein Bruder ist vermisst«, platzte er plötzlich heraus. »Malcolm heißt er. Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll.«

»Waren Sie schon bei der Polizei?«

Bount Reiniger mochte die Vermisstensachen nicht sonderlich. Obgleich natürlich auch sie zu seinem täglichen Brot gehörten.

Wortlos hängte der Hasenführer seinen Bowler über die beinahe schon skelettierten Knie, fingerte dann in der Innentasche seines Sakkos herum. Er hatte die Passform des textilen Outfits einer Vogelscheuche.

»Hier«, sagte er. »Das ist Malcolms letzte Nachricht. Sie kam vor vierzehn Tagen mit der Post.«

Bount öffnete das Kuvert. Zwischen Zeigefinger und Daumen fühlte er etwas Hartes. Der Inhalt entpuppte sich als kurze Mitteilung, mit überraschend kalligrafischer Qualität hingeworfen:

Lieber Willy!

Bewahre diesen Brief bitte für mich auf. Sollte ich mich innerhalb einer Woche nicht bei dir melden, dann habe ich Pech gehabt. Aber ich konnte einfach nicht widerstehen. Solltest Du kein Lebenszeichen von mir erhalten, dann gehe keinesfalls zur Polizei. Suche Mr. Bount Reiniger auf, Manhattan, 54. Straße West. Er ist Privatdetektiv und wird Dir helfen.

Dein Bruder Malcolm

Der Schlüssel war mit einem Tesastreifen quer über dem linken unteren Rand dieser Botschaft befestigt. Bount erkannte ihn sofort als einen aus der Riege für die Schließfächer an der Grand Central Station. Sie hatten einen roten Punkt unter der eingestanzten Nummer. Auch war der Brief vom Postamt im Grand Central abgestempelt. Der Stempel enthielt die Kennungsziffer 17. Wusste ja auch nicht jeder.

»Er ist Ihr richtiger Bruder?«, fragte Bount. »Ich meine, er heißt ebenfalls Murphy?«

Der Alte nickte.

»Ja. Aber wir hatten nicht viel Kontakt miteinander. Jeder führte sein eigenes Leben.«

»Sie haben ein Foto von ihm?«

Erneut ein Griff in die Sakkotasche. Das Bild war zerknittert.

»Leider kein sehr gutes. Und schon über zehn Jahre alt.«

Einer der Fotografen, die ihre Kunden auf Ellis Island aufrissen, hatte es geschossen. Ein Halbportrait mit der Freiheitsstatue im Hintergrund.

Das Bild zeigte deutliche Verwandtschaftsmerkmale wie die buschigen Brauen, die Hamsterbacken und eine sich damals noch im Anfangsstadium befindliche Halbglatze. Nur war Malcolm Murphy offenbar wesentlich besser genährt gewesen. Die sorgsam gemästete Ausgabe des Hasenführers.

Der Mann war Reiniger völlig unbekannt.

»Sie haben keine Ahnung, warum er Ihnen ausgerechnet mich empfahl?«

Will Murphy schüttelte den grauen Schädel. »Nicht die geringste.«

Nun, das musste nicht viel bedeuten. In diversen Kreisen war Bount Reiniger bekannt wie ein bunter Hund.

»Was macht Ihr Bruder? Ich meine, welchem Beruf geht er nach.«

»Er hat Buchhalter gelernt.«

»Und er arbeitete auch in diesem Beruf?«

»Selbstverständlich. Zeitlebens. Er war es ja auch, der mir den Posten draußen in Meadowlands verschaffte.«

Bount horchte auf. Hunderennen standen, wie die meisten anderen sportlichen Veranstaltungen mit Tieren auch, in dem Ruch, von gewissen Kreisen manipuliert zu werden. Kürzlich hatte er in der Newsweek sogar von gedopten Schnecken gelesen.

Doch das ließ er mal dahingestellt bleiben.

»Wo arbeitete Ihr Bruder?«

Sein Klient, wenn es denn einer wurde, schreckte hoch. Seine toten grauen Augen wurden noch größer und möglicherweise auch noch feuchter. Der Mann trauerte.

»Arbeitete?«, fragte er rau. Sein Adamsapfel übte vergeblich den Salto mortale.

Bount zuckte die Schultern.

»Muss ich doch annehmen, nicht wahr? Schließlich ist er vermisst.«

»Ach ja. Ja. Natürlich. Entschuldigen Sie bitte, Sir.«

»Da gibt es nichts zu entschuldigen. Also, wo arbeitete er?«

»Bei einer S & M Incorporated. Aber fragen Sie mich nicht, was für eine Firma das ist. Ich kenne nur die Telefonnummer. Wie schon gesagt, unser Kontakt ist nicht so eng.«

Bount fiel auf, dass Murphy sich verzweifelt an die Gegenwartsform klammerte. Vielleicht hatten sich die beiden Brüder nähergestanden, als sie selber ahnten.

»Schreiben Sie sie bitte auf.«

Bount reichte Notizblatt und Kugelschreiber nach.

»Aha. 9251603.« Das war eine Nummer in der tiefsten Downtown. »Und seine Wohnung?«

»Ein Apartment in der Fletcher Street. Fletcher Street fünfundzwanzig - Strich - zwölf.«

Auch so etwa am Südzipfel Manhattans.

»Sie waren nie dort?«

»Nein. Nie.«

»Aber bei seiner Arbeitsstelle haben Sie angerufen.«

»Ja. Doch die sagten mir nur, er sei von einem Tag auf den anderen nicht mehr dort aufgetaucht.«

»Well. Das war’s dann wohl im Wesentlichen, Mister Murphy. Aber da gibt es noch ein kleines Problem ...«

Denn jetzt kam etwas, was Bount Reiniger angesichts dieses kümmerlichen und dennoch in seiner naiven Hilflosigkeit anrührenden Menschen gern vermieden hätte.

Die Honorarfrage.

Will Murphy lächelte schmal und verzagt.

»Ich weiß schon, Mister Reiniger. Ihre Sekretärin hat bereits angedeutet, dass Sie sehr teuer sind. Aber ich hab so etwas schon geahnt.«

Er schaute sich um. Teakholzgetäfelte Wände. Antiker Nippes in einer Glasvitrine. Die Nappaledercouch in der anderen Ecke. All die geballte Elektronik. Wertvolle Gemälde.

»Deshalb hab ich auch mein Sparbuch geplündert, Sir.« Unüberhörbar schwang jubelnder Stolz auf in seiner Stimme. »Hier haben Sie eintausendzweihundertundelf Dollar und sechsundzwanzig Cent! Meine gesamten Ersparnisse!«

Bount schluckte auch. Nur tanzte bei ihm der Adamsapfel im Verborgenen.

»Das ist sehr großzügig von Ihnen, Mister Murphy. Überaus großzügig. Ich werde mich ab sofort Ihrer Sache annehmen.«

Bount Reinigers Tagessatz lag derzeit bei 500 Dollar. Ohne Spesen.

Aber warum, zum Teufel, sollte er seine Arbeitskraft und sein Geld immer nur dem Fiskus in den Rachen schmeißen! Dieser Mann hier hatte seine Hilfe nötiger als der nimmersatte Staat.

Und als Dreingabe durfte er in diesem Fall sogar noch Dankbarkeit erwarten.



3

Die Unterredung hatte doch etwas länger gedauert. Es ging auf Mittag zu, als Bount June zu sich hereinsummte. In groben Zügen war sie bereits eingeweiht. Sie hatte ja auch allerhand recherchieren müssen, in der Zwischenzeit.

»Ja, Chef?«

»Was hältst du von einer Einladung zu einem fantastischen Mittagessen in einem fantastischen Hamburger-Restaurant in der Grand Central Station?«

Das weizenblonde Minnesota-Kind schniefte. Vielleicht war sie doch nicht so völlig unbedarft.

Natürlich war sie’s nicht!

»Gibt es dort nicht auch die >Oyster Bar<?«

Wie immer zeigte sich die March auch hinsichtlich der kulinarischen Absonderlichkeiten New Yorks bestens informiert. Es gab sie tatsächlich, diese »Austern-Bar«. Sie wurde vorwiegend von Yuppies aufgesucht und von jungen Leuten, die gern welche geworden wären. Fangfrisches Getier aus dem strandnahen Ozean und der Tiefsee wurde dort zu astronomisch hohen Preisen angeboten.

Dem Vernehmen nach sollte das Zeugs auch noch schmecken. Beileibe keine Selbstverständlichkeit in den chromblitzenden Garküchen Manhattans.

Sie fuhren mit dem Taxi zur 42. Straße hinunter.

Den Grand Central Terminal mit einem Bahnhof zu vergleichen, käme einer Blasphemie gleich. Hier kreuzten sich die vier Haupt-U-Bahnlinien New Yorks, hier hatten die Interstate Railway Linien der AMTRACK ihren Kopfbahnhof. Allein die Ebenen für den Güterumschlag machten vier von acht unterirdischen Etagen aus. Die dortigen Geschäfte und Behörden hielten rund 20000 Menschen in Brot und Arbeit. Und die Million Pendler aus den anderen »Boroughs«, den Stadtteilen wie Queens und Brooklyn oder auch der Bronx, sorgten für zusätzliche Auslastung.

Die hier tätigen mehr als 6000 Bordsteinschwalben versorgten wiederum bei fliegendem Schichtwechsel nicht nur ihre Zuhälter in dieser abgezirkelten Gegend. Sondern auch all die vielen Pendler. Und die Angestellten im Grand Central sowieso.

Hier war New York, wie es leibte und sexelte.

Oyster Bar & Restaurant. Lower Level. 42nd Street und Park Avenue.

Auch an diesem Montag war dieses Schlemmerbeisel so gut wie überfüllt. Ganz New York, ob im Overall oder im feinen Zwirn, schlürfte Austern an der geschwungenen Holztheke im - künstlichen - Gewölbe, das sich offenbar nicht so recht entscheiden konnte, ob es nun gotisch oder romanisch daherkommen sollte.

Bount und June fanden noch einen der kleinen Tische mit den karierten Decken an dem einen Ende der riesigen gekachelten Halle frei. Die March signalisierte mit ihrer Bestellung einen Appetit, der Reinigers gelb-weiße Kreditkarte vor lauter Angst erröten ließ.

»Was hast du inzwischen über die S & M Incorporated herausgefunden?«, suchte er die Situation zu überbrücken.

June genoss die Vorspeise. Einen Shrimps-Cocktail, den sie wenig todesmutig mit französischem Champagner hinunterspülte. Eine Edelmarke, Jahrgang 62.

»Abe Scrooger und Dave Mileston e, mon coeur«, antwortete die March tres charmant. »Sie sind Fleischer an der Lower Eastside. Vor wenigen Jahren waren sie noch besser im Geschäft. Ihre Belegschaft bestand aus achtzehn Italienern, acht Iren und zwölf Juden. Heute sind es nur mehr acht Puerto Ricaner und sechs Schwarze. Die jungen Männer jener früheren Volksgruppen nehmen heutzutage keinen Job mehr an, der es mit sich bringt, jeden Morgen um drei Uhr dreißig die Stechuhr zu betätigen und dann siebeneinhalb Stunden in einem kalten Kühlraum zu stehen und ein Messer zu handhaben, bei dem sich jeder Moment der Unachtsamkeit rächt.«

Nach den Shrimps kamen erst mal in Weinsoße gesottene Long Island Garnelen mit einem sanft getrüffelten Nizza-Salat unter Junes Gabel.

»Köstlich«, beschied die March und fuhr dann fort:

»Für zwölf Dollar in der Stunde zuzüglich Sozialleistungen, und zusammen mit den höchsten Elektrizitätskosten im ganzen Land, um die Kühl- und Gefrierräume in der richtigen Temperatur zu halten, führte das allmählich in den Ruin. Der letzte Nagel, der in ihren Sarg geschlagen wurde, war das Fleisch des Rindfleischgroßhandels von Iowa, das von Arbeitskräften mit niedrigen Löhnen in Texas, Utah oder Nebraska zerlegt und tiefgefroren nach New York gebracht und hier nur mehr abgefertigt wurde, ehe man es an die Supermärkte weiterleitete. Der Markt wurde immer schlechter.«

»Und der Herr ernähret sie doch ...« zitierte Bount ergriffen aus der Bibel. Die zu erwartende Zeche tat ihm nur mehr halb so leid. »Wie ging das?«

»Der Herr ernährt sie seit vier Jahren augenscheinlich sogar noch besser«, setzte die March obendrauf. »Die Bosse zumindest. Vor vier Jahren waren Scrooger und Milestone knapp davor, Konkurs anzumelden. Da fuhren sie nach ihren eigenen Angaben mit ihren letzten Kröten mal kurz nach Atlantic City und hatten eine Gewinnsträhne beim Craps, dem Würfelspiel. Sie kamen zurück, beglichen sämtliche Außenstände und reorganisierten ihre Firma. Sie zahlen immer noch die Löhne wie vor fünf Jahren. Eine gottverdammte Schande ist allein schon das!«

Bount kannte Junes soziales Gewissen zur Genüge. Sie konnte es sich leisten. Sie bezog ein horrendes Gehalt von ihm. Deshalb wiegelte er auch ab.

»Woher hast du das alles erfahren?«

»Handelskammer, Gewerkschaft, Fleischerinnung, Sektion New York.« Triumph blitzte plötzlich auf in ihren himmelblauen Augen. »Ich rief auch noch das Liegenschaftsamt an, Großmeister. Scrooger und Milestone wurden während der vergangenen vier Jahre reich und reicher! Sie kaufen Immobilien an. Jeder besitzt inzwischen ein eigenes Penthouse. - Und sie bezahlen ihre Steuern pünktlich!«

Was für ein Schlag!

Das konnte doch nicht mit rechten Dingen zugehen. Vor allem dann nicht, wenn ein Buchhalter vermisst wurde, der ja von den finanziellen Gepflogenheiten innerhalb der S & M Incorporated nicht unbehaucht geblieben sein konnte. Wenn er kein vollständiger Trottel war. Was Reiniger vehement bezweifelte.

»Bist du fertig, June?«

»Oh, ich bin satt wie eine Katze am Ladenschluss des Fischmarkts«, gestand sie ehrlich ein.

Ihr »Gürtel« spannte dementsprechend, und mit leicht glasigem Blick sah sie dankbar Bount Reiniger an. Sie hatten ihren Shrimps, Garnelen, Austern, und weiß noch was allem, einen würdigen Abgang bereitet.

Jetzt schwamm all das Meergetier, gezeugt und gelaicht vor den Küsten der USA, in französischem Champagner.

June war tatsächlich von einer Karnevalsparty direkt ins Büro gekommen. Inzwischen hatte sie ein umfassendes »Geständnis« abgelegt.

Carneval in New York.

Auch so eine europäische Erfindung, die sich noch ein kleines bisschen schwer tat, auf diesem Kontinent endgültig Fuß zu fassen.

Aber immerhin - die Idee befand sich unaufhaltsam auf dem Vormarsch.

Der rheinische Karneval wurde zu einem sprachlichen Importartikel wie weiland »Sauerkraut« und »Kindergarten. Für beide gab es im Amerikanischen noch heute keine Entsprechung im Wortschatz.

»Fasking« sagten sie neuerdings zwischen Atlantik, Pazifik und Hawaii, wenn sie »Fasching« meinten.

Auch kein Wunder.

Der Freistaat Bayern hatte seit Kriegsende schließlich mehr als acht Millionen Gastsoldaten als Durchgangslager gedient.

Bount Reiniger versuchte, June March aus ihrer Sattheit in die karge Wirklichkeit zurückzuholen. Schließlich war er ja nicht nur hierhergekommen, um weizenblonde Minnesota-Girls abzufüttern. Doch sie hatte diesen kulinarischen Liebesdienst mehr als verdient!

June war schlicht einzigartig.

Trotzdem juckte ihn der Schlüssel in der Hosentasche. Der Schlüssel zu einem Schließfach mit einer Nummer und einem roten Punkt.

»Auf geht’s, Mädchen.«

»Wie?«

»Vielleicht gehen wir jetzt auf Schatzsuche. Ich habe da so meine Ahnungen. Jedenfalls bin ich sicher, dass wir bislang nicht beobachtet wurden. Ausgeschlossen. Niemand scheint etwas von einem Bruder Hasenführer in Englewood zu wissen. Und von uns auch nichts. Wir bewegen uns auf neutralem Territorium, wie es scheint.«

June schaltete schlagartig um.

Als könne sich Champagner im Bauch plötzlich in Wasser verwandeln.

Wohin führte dieser Schlüssel aus Malcolm Murphys Brief nun wirklich?

Bount fuhr die Rolltreppen bis ins dritte Untergeschoss hinunter. June folgte ihm auf den Fersen. Dieses Essen, zu zweit in dieser überaus übersichtlichen »Oyster-Bar«, diese Ausgaben dafür - ihr Chef hatte lediglich total sicher sein wollen, dass sie nicht beschattet wurden. Alles schnöde Berechnung.

Nun. Sie ging auf, diese Rechnung, diese Be-Rechnung. Sie wurden mit Sicherheit nicht observiert. Keine irgendwelchen Feinde weder vor noch hinter ihnen.

In langen Reihen und vierstöckig übereinander, erstreckten sich die ölfarbengrauen Regale, für die der rote Punkt als Hinweis und Wegweiser galt.

Bis Bount Reiniger stoppte.

»Hier«, sagte er. »Hier sind wir richtig.«

Er schloss auf, der Schlüssel passte. Eine Anzeige verriet, dass das Fach für vierzehn Tage gemietet war. Sie waren gerade noch rechtzeitig gekommen.

Im Fach befand sich ein schlichter, abgewetzter Lederkoffer.

Bount bog die Lasche hoch, pfiff durch die Zähne, wühlte dann ein bisschen in den Scheinen, denn sie hatten nach wie vor keine Zeugen.

»Alles gebrauchte Lappen«, sagte er. »Bunt gemischt. Und Hundert-Dollar-Noten sind die größten im Verein. So um die fünfzigtausend Dollar ungefähr. Das habe ich im Griff. Ich fürchte, unser Malcolm Murphy lebt nicht mehr.«



4

Bount sah durch die Scheibenwischer, die sich langsam bewegten, auf die Ampel und fuhr zum dritten Mal ein paar Zentimeter vor, weil er es nicht abwarten konnte, weiterzukommen. Und das, obwohl er es gar nicht so eilig hatte, die Fabrik zu erreichen.

Die vordere Hälfte seines champagnerfarbenen Mercedes 500 SL ragte jetzt in die 8. Avenue. Als er ein paar Kreuzungen weiter keine Wagen sah, missachtete er die rote Ampel und fuhr schnell durch die 14. Straße auf den um fünf Uhr morgens üblichen Verkehrsstau am Beginn des Fleischmarktes zu, der sich bis zur nächsten Straßenkreuzung zog.

50000 Dollar.

Wo kamen die her?

Die Kreuzung, an der die 9. Avenue und die Hudson Street auf die 14. Straße stießen, war vollgestopft mit Sattelschleppern und Pickups, deren Seitenwände mit Graffitis beschmiert waren und an den Laderampen des Markts vorbeifahren wollten. Dutzende von Lastwagen hatten sich in alle erdenklichen Winkel verkeilt und waren zum Stillstand gekommen; die Scheibenwischer bewegten sich von einer Seite auf die andere, die flachen Chromkappen der vertikalen Auspuffrohre wankten über den Fahrerhäusern, und die Fahrer stützten sich geduldig auf die Lenkräder.

Warum hatte Malcolm Murphy sterben müssen?

Die über die Lenkräder geduldig gebückten Fahrer warteten auf den einzigen Sattelschlepper, der sich von der Stelle rührte, um den Weg freizumachen. Und anschließend würden alle neun bis zehn Meter vorfahren und dann erneut festsitzen.

Bount hielt an und wartete. Er war jetzt nicht mehr ungeduldig. Der Truck, der sich zentimeterweise vorwärtsbewegte, war ein verchromtes und blinkendes Fahrzeug, auf dem in dicken braunen Lettern auf orangefarbenen Türen des Fahrerhauses Provo, Utah, stand.

Der Trucker schlug ein, um in weitem Bogen mitten auf die Kreuzung zu fahren, und dabei verfehlte seine Stoßstange andere Fahrzeuge nur um wenige Zentimeter. Ein New Yorker Linienbus, der kurz vor seiner Endstation leer war, stieß ein Stück zurück, um den Laster aus Utah vorbeizulassen. Und hätte dabei fast einen Fleischhändler in einem weißen Kittel umgefahren, der ein Wägelchen mit Fleischkisten durch die schmale Gasse schob, die hinter dem Bus und vor dem Lastwagen frei war.

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738908015
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2018 (März)
Schlagworte
york detectives grab hauses

Autor

Zurück

Titel: N. Y. D. - New York Detectives: Ein Grab nach Art des Hauses