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CHACO – Das Halbblut #18: Im Tal des toten Mannes

2017 130 Seiten

Leseprobe

Im Tal des toten Mannes


CHACO – Das Halbblut


Band 18




von Earl Warren




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von H.W.Dunton, 2017

Redaktion + Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Das Konzept von Chaco wurde von Dietmar Kuegler entwickelt

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappe

Das Halbblut Chaco muss eine höllische Zeit im berüchtigten Zuchthaus von Cananea durchmachen. Basilio Arriera, der gewalttätige Aufseher, hat es auf Chaco abgesehen und misshandelt ihn. Aber Chaco gibt nicht auf – denn er hat einen Plan, und der muss funktionieren, wenn Henry Brackens Befreiung gelingen soll. Hilfe von außen ist nahe, er braucht nur noch wenige Tage durchzuhalten. Und bis dahin muss es ihm gelingen, die Sträflinge des Zuchthauses zu einem Aufstand anzustacheln. Als dies geschieht, nutzt Chaco seine Chance und flieht mit Henry Bracken. Noch ahnt Chaco nicht, dass nach der Flucht eine böse Überraschung auf ihn wartet, und dass die schöne Chantal d´Orville nun ihr wahres Gesicht zeigt. Und das bedeutet nichts anderes als dass Chacos Name schon auf einer Kugel steht ...


Teil 2 eines spannenden Doppelromans



Roman

Eine Abteilung Rurales ist hierher unterwegs!"

Lionel Caan, der auf den Absätzen am Feuer gehockt hatte, verschüttete seinen Kaffee und sprang auf.

Verdammt, diese Kerle haben uns gerade noch gefehlt!" Er schaute sich um, außer ihm hielten sich noch fünf Männer und die schöne Chantal d'Orville in dem verborgenen Bergcamp auf. „Wir müssen sie alle umlegen."

Es sind sechs Mann." - Der Wachtposten, der bullige Cowboy Bronco von der Crossed Arrow Ranch, umklammerte sein Winchester-Gewehr. Dass Lionel Caan so kaltblütig vom Tod von sechs Menschen sprach, schockte ihn.

Vielleicht wollen sie gar nicht hierher", meinte Todhunter Malloy, der Exmarshal und Städtebändiger. „Es gibt viele Verstecke in der Sierra de la Cruz."

Nein, sie reiten schnurstracks auf unser Camp zu!" rief Bronco. „Sie können gar kein anderes Ziel haben. Jemand hat bemerkt, dass Fremde hier lagern, und den Rurales einen Tipp gegeben. In fünf Minuten sind sie da."

Mist!"

Die Flucherei bringt uns nicht weiter." Chantal d'Orvilles Stimme klang kalt und spröde. „Wir müssen versuchen, diese sechs Rurales abzuwimmeln. Schließlich ist es nicht verboten, auf mexikanischem Boden zu campieren, wir haben nichts Strafbares getan. Erst wenn es unumgänglich nötig ist, wird geschossen."

Lionel Caan lächelte stereotyp, seine blauen Augen blitzten. Der Spieler und Revolvermann sah blendend aus, über sechs Fuß groß, athletisch und breitschultrig, blond und kühn. Auf seinem Kopf saß ein Hundert-Dollar-Stetson, die Brokatweste und das Rüschenhemd waren makellos, die Spielerschleife salopp geschlungen und der Colt mit den Elfenbeingriffschalen und dem metallisch blauen Lauf tiefgeschnallt. Caan klatschte mit der Rechten auf den Revolvergriff.

Die Rurales verstehen nur eine Sprache - diese hier. Sie werden allzu viele neugierige Fragen über den Zweck unseres Hierseins stellen. Wir müssen sie töten."

Dem grauköpfigen, sichelbärtigen Todhunter Malloy gefiel das nicht. Der Cowboy Bronco war dagegen. Dem Lagerkoch Duckback Charley lag nichts an einem Menschenleben, die zwei Gunner Rob Keyes und Saguaro Lee Miller waren immer zu einer Schießerei bereit.

Die schöne Chantal störte es nicht, ob sechs mexikanische Rurales mehr oder weniger umherritten. Aber sie sah eine Gefahr für das ganze Unternehmen. Denn wenn sechs ihrer Kameraden spurlos verschwanden, wurden alle Rurales der Garnison bei Cananea alarmiert. Dann schwärmten sie aus wie gereizte Hornissen und durchkämmten die gesamte Gegend.

Ob es dann noch möglich sein würde, dem Halbblut Chaco und weiteren Gefangenen zur Flucht aus dem Zuchthaus von Cananea zu verhelfen, war eine große Frage.

Lionel Caan hatte den Oberbefehl im Camp, denn acht weitere Männer waren unterwegs. Der Exoffizier Angus Flaherty, der eigentliche Anführer, ein pedantischer Schotte, war mit fünf Begleitern auf einem Erkundungsritt.

Der Mischling Petey Ryan und der Mexikaner Amadeo Lopez hielten sich in der Stadt Cananea auf. Ryan, ein mit allen Wassern gewaschener Organisator, sollte noch einige Kleinigkeiten besorgen. Er und Amadeo Lopez hatten auch mit dem falschen Kaplan Paco Corbales Kontakt zu halten.

Denn Corbales war der Verbindungsmann zu dem im Zuchthaus einsitzenden Chaco.

Den Männern und der Frau im Camp blieb nicht viel Zeit zum Überlegen. Die schöne Chantal und Lionel Caan wollten am Feuer bleiben. Bronco und die vier anderen Männer sollten sich ringsum verteilen. Die drei Biwakzelte und Gestrüpp und Gebüsch boten genug Deckung.

Chantal d'Orville setzte sich auf einen der beim Feuer liegenden Sättel. Nur ein Pferd war gesattelt und stand im Schatten unter einer Pinie, die übrigen sechs Tiere befanden sich im Seilkorral.

Die Sonne hatte den Zenit seit drei Stunden überschritten. Es war ein heißer Nachmittag in den Bergen der Sierra de la Cruz. Federwölkchen trieben am Himmel, und ein Bussard zog träge seine Kreise.

Da erklang Hufschlag aus dem gewundenen Arroyo, der zu dem kleinen Talkessel mit dem Camp führte. Ein Kommandoruf war zu vernehmen, der Hufschlag näherte sich rasch.

Chantal d'Orville knöpfte ihre rote Bluse auf, so dass ihre vollen, festen Brüste fast ganz zu sehen waren. Sie war ein Rasseweib, diese bildschöne französische Abenteuerin aus New Orleans. Schwarzhaarig, etwas über mittelgroß, schlank, aber mit aufregenden Kurven an den richtigen Stellen, einem hübschen Gesicht und einer Ausstrahlung, die jeden Mann bezaubern musste.

Der Charroanzug saß an ihrem Körper wie eine zweite Haut. Ein runder spanischer Hut mit Silberknöpfen am Band bedeckte das ziemlich kurze schwarze Haar und beschattete die dunkelblauen Augen.

Die Rurales ritten aus dem Arroyo. Sie waren hart aussehende, verwegene Reiter auf schweißnassen Pferden. Bei manchen kreuzten sich Patronengurte über den dunkelgrünen Uniformjacken, breitrandige und hochkronige Sombreros trugen sie alle. Sie waren bis an die Zähne bewaffnet, ihre Pferde trugen Packen und die Ausrüstung für einen längeren Ritt.

Ein schwergewichtiger Sargento mit martialischem Schnauzbart war der Anführer der Abteilung. Er und der Corporale hatten beide einen Säbel rechts vor den Sattel geschnallt.

Der Sargento ritt zum Camp, hob die Rechte und brüllte einen Befehl. Die Rurales hielten an, die Pferde schnaubten, das Sattelzeug knarrte. Der Sargento, der Corporale und ein Rurale saßen ab, die drei anderen blieben im Sattel.

Sie trieben ihre Pferde zur Seite und behielten ihre Umgebung genau im Auge. Diese Rurales waren keine Anfänger. Aber sie fühlten sich ziemlich sicher in dem Bewusstsein, dass eine starke Garnison mit einer Belegschaft von gut dreihundert Mann nur einen halben Tagesritt entfernt war.

Chantal d'Orville erhob sich langsam. Die Blicke des Sargentos saugten sich an ihren Brüsten fest, auch die anderen Rurales riskierten mal ein Auge.

Ich bin Sargento Hacerro von der Garnison Cananea. Uns ist gemeldet worden, dass sich hier in den Bergen eine Gruppe verdächtiger Gringos aufhält. Wo sind die anderen Männer? Und weshalb habt ihr euch versteckt?"

Die Hände der Rurales blieben in der Nähe ihrer Waffen. Lionel Caan gab sich unbefangen. Er antwortete in fließendem Spanisch.

Ach, die anderen sind auf der Jagd. Wir wollen für uns sein, verstehen Sie, Sargento? Was sollen wir in der Stadt Cananea oder in irgendeinem Peonesdorf? Wir bleiben lieber hier."

Lüg mir nichts vor, Gringo. Ihr müsst einen triftigen Grund haben, euch zu verbergen. Werdet ihr vielleicht in den Staaten vom Gesetz gesucht und seid deshalb über die Grenze gewechselt?"

Caan sah die Möglichkeit zu einer plausiblen Ausrede, die der Sargento ihm bot. Er senkte den Blick und seufzte.

Wir sind keine Banditen, Sargento. Wir waren in einen Weidekrieg verwickelt und wurden vertrieben. Jetzt wollen wir in Mexiko einen neuen Anfang versuchen. Die Lady ist übrigens meine Frau."

Wir wissen noch nicht genau, was wir anfangen sollen", sagte Chantal d'Orville und lächelte verführerisch. Insgeheim bedauerte sie, dass Angus Flaherty nicht anwesend war, der trockene Schotte lag ihr nicht, aber er hätte bestimmt besser mit dem Sargento verhandeln können. „Aber wir sind friedliche Leute. Irgendwo in der großen Sierra-Madre wird es sicher ein Fleckchen Erde für uns geben."

Der Sargento blieb misstrauisch, er hatte einen scharfen Instinkt und war nicht dumm. Er merkte, dass hier etwas nicht stimmte und legte beide Hände auf die Revolvergriffe.

Erzählen Sie das alles Coronel Arriba, Señora. Sie begleiten uns, Sie auch, Señor. Wir bringen sie beide zur Garnison. Und vorher durchsuchen wir das Camp. Widerstand ist zwecklos, hinter uns steht eine starke Garnison, comprende?"

Sie haben keinen Grund, uns wie Verbrecher zu behandeln, Sargento!“, antwortete Lionel Caan scharf. „Es besteht kein Anlass, uns zu verhaften."

Sie haben die Grenze illegal überschritten, oder besitzen Sie vielleicht einen Passierschein? Eine ganze Mannschaft kann nicht so einfach überwechseln wie eine einzelne Person, da werden Fragen gestellt. Sie sind verdächtig, Sie begleiten uns! In Cananea ist erst vor wenigen Tagen ein Banküberfall verübt worden. Wer sagt mir, dass das nicht einer Ihrer Leute war, der Kapital beschaffen wollte? Wie heißen Sie überhaupt, Señor? Ich habe meinen Namen genannt, aber Sie kennen anscheinend keine Manieren."

Sargento, was ist schon ein Name, nur Schall und Rauch. Er bedeutet weniger als der Schall eines Schusses und der Pulverrauch eines Colts."

Sie wollen mir drohen, Señor? Schnallen Sie den Waffengurt ab!“

Lionel Caan zeigte ein zähneblitzendes Grinsen. Er kannte seine Revolverschnelligkeit, das war ein Spiel nach seinem Geschmack. Der Spieler und Revolvermann schien die wachsende Spannung nicht zu bemerken.

Sargento, steigen Sie aufs Pferd, reiten Sie weg und vergessen Sie uns. Was bedeuten Ihnen ein paar Gringos? Seien Sie ein vernünftiger Mann."

Ich bin vernünftig, Señor. Ich muss meine Pflicht tun. Zum letzten Mal, geben Sie mir Ihre Waffe!"

Caan grinste immer noch. Mit zwei Fingern zog er betont langsam sein Eisen aus der Halfter. Er ließ die Waffe in die offene Hand gleiten, der Griff zeigte nach vorn, Lionel Caan trat auf den Sargento zu.

Hacerro atmete erleichtert auf. Er glaubte, der große blonde Gringo wolle ihm die Waffe aushändigen. Noch hielt keiner der Rurales seinen Revolver oder seinen Karabiner schussbereit. Die Mexikaner fühlten sich nicht wohl, sie spürten die Gefahr und ahnten, dass der Mann und die Frau nicht allein im Camp waren.

Da waren viele Pferde, Sättel und drei Zelte. Aber Sargento Hacerro war kein Mann, der kniff.

Er dachte, er hätte sich durchgesetzt, und übersah, dass Lionel Caans Zeigefinger im Abzugsbügel steckte.

Er streckte die rechte Hand aus, um nach Caans Waffe zu greifen. Da wirbelte der Spieler mit einem blitzschnellen Schlenker der Hand den 44er Colt herum.

Bevor der Sargento es sich versah, krachte der Schuss. Hacerro riss die Augen auf. Er war ins Herz getroffen. Bevor sein Körper noch den Boden berührte, traf Lionel Caan die beiden abgesessenen Rurales tödlich.

Deckung, Chantal!", schrie Caan.

Die Schussdetonationen dröhnten, Pulverdampf wirbelte auf, und die Pferde wieherten schrill. Die Rurales im Sattel rissen die Waffen hervor, Schreie gellten, und dann knallte es von allen Seiten.

Sekundenlang peitschten die Schüsse. Die Rurales konnten nur wenige Schüsse abfeuern, ihnen blieb keine Chance.

Zwei Mexikaner stürzten aus den Sätteln, drei Pferde fielen, die drei anderen preschten herum wie toll. Blutgeruch, Pulverdampf und die Schießerei versetzten sie in Panik.

Der letzte Rurale war nach vorn gesunken. Er klammerte die Arme um den Pferdehals, als wolle er das Tier umarmen. Es trabte auf den Arroyo zu. Lionel Caan halfterte den Colt, sprang über Chantal d'Orville hinweg, die sich zu Boden geworfen hatte, und ergriff ein Gewehr.

Die Winchester lag über einem Sattel. Caan legte an, drei Schüsse peitschten. Der Rurale wurde dreimal getroffen und rutschte seitlich vom Pferd. Der Spieler riss wieder den Unterladebügel durch, doch die abgeschossene Patrone klemmte.

Es war eine kleinere Panne, wie sie manchmal passierte, Caan riss am Ladebügel, er schlug mit dem Handballen seitlich gegen den Gewehrschaft, dann hatte er die Patrone heraus. Aber da war das Pferd des Rurales schon im Arroyo verschwunden.

Wütend tötete Lionel Caan die im Talkessel herumgaloppierenden Ruralepferde mit Kopfschüssen. Er erschoss einen Gaul, der schmerzvoll wiehernd am Boden lag und dem das Blut über die Flanke strömte. Dann war es endlich ruhig in dem kleinen Talkessel mit der Quelle und den niederen Bäumen und Büschen.

Pulverdampf verwehte. Chantal d'Orville erhob sich mit schussbereiter Waffe. Mit rauchenden Colts traten Todhunter Malloy, Duckback Charley und Saguaro Lee Miller aus ihren Deckungen.

Bronco hatte keinen Schuss abgefeuert. Rob Keyes war tot, eine verirrte Kugel war ihm in den Schädel gedrungen. Lionel Caan untersuchte die niedergeschossenen Rurales, nur einer war nicht tot oder so schwer verletzt, dass er in den nächsten Minuten sterben würde.

Bevor es jemand verhindern konnte, gab ihm Caan die Kugel. Malloy, der erst geschossen hatte, als der Kampf schon losgebrochen war, schrie ihn an.

Zum Teufel, das ist Mord!"

Halts Maul, Onkel Todd! Soll ich den Greaser vielleicht in ein Lazarett bringen? Saguaro, du reitest los und erschießt den verdammten Ruralegaul. Er hat Blut am Fell und am Sattel, wenn er in Cananea oder gar bei den Rurales antrabt, haben wir die Verfolger gleich am Hals."

Der hagere Gunman nickte, riss die Zügel des Pferdes vom Pflock in der Erde los und schwang sich in den Sattel. Auch die Pferde im Korral waren aufgestört und unruhig, konnten aber nicht ausbrechen.

Der Gunman ritt aus dem Talkessel, die drei Männer und die schöne Frau schauten ihm nach. Lionel Caan ergänzte die abgeschossenen Patronen in der Trommel seines Colts.

Jetzt sitzen wir in der Tinte", sagte Todhunter Malloy langsam. „Der Tod der sechs Rurales wird die ganze Garnison aufscheuchen. Sie werden eine Treibjagd auf die Mörder veranstalten."

Chantal d'Orville schloss ihre Blusenknöpfe bis auf den obersten.

Es ist nicht mehr zu ändern, Malloy. Wir werfen die Leichen und die toten Pferde in einen Abgrund, wo sie niemand so leicht findet. Dann verwischen wir hier unsere Spuren und suchen uns ein anderes Versteck. Angus Flaherty und die beiden Männer in Cananea müssen verständigt werden."

Wir sollten schleunigst über die Grenze verschwinden", sagte Malloy. „Unter diesen Umständen haben wir keine Aussicht mehr, Chaco und die anderen aus dem Zuchthaus von Cananea zu befreien. Vielleicht können wir es in einem halben oder dreiviertel Jahr noch einmal versuchen."

Mit stolzer Geste hob Chantal d'Orville den Kopf.

Nein, wir sind jetzt in Mexiko, der Plan wird durchgeführt. Wenn Sie zu feige sind, Malloy, dann verschwinden Sie!"

Angus Flaherty soll entscheiden", meinte der grauköpfige Exmarshal. „Meine Meinung habt ihr gehört."


*


Beim Hausdienst war Chaco eine der gefragtesten Arbeiten zugeteilt worden. Er gehörte zu den Sträflingen, die im Pferdestall zu tun hatten, und durfte die Gäule striegeln. Gegen die mörderische Schufterei in den Steinbrüchen und Tätigkeiten wie Latrinenausleeren und die Sonderdienste, die die Aufseher sich als Schikane einfallen ließen, war das ein Sonntagsvergnügen.

Aber Chaco genoss manche Vorteile, seit er vor fünf Tagen den ungeschlachten Kraftprotz Oso geschlagen hatte und zum Champion der Sträflinge von Cananea geworden war.

Er erhielt besseres Essen und konnte sich manches herausnehmen. Chaco kannte sich inzwischen in dem Zuchthaus nicht nur in der Theorie gut aus. In allen Blocks der beiden Gebäude, in denen die 1.091 männlichen Sträflinge von Cananea untergebracht waren, war er schon einmal gewesen.

Für die Aufseher war Chaco ein Wundertier, denn nie hätten sie damit gerechnet, dass ein völlig Unbekannter, der gerade erst eingeliefert worden war, Oso hätte schlagen können, den brutalen Sieger vieler Kämpfe, einen Mann, der mit seinen bloßen Händen einen Bären umbringen konnte.

Chaco hatte auch schon ein paar Worte mit Henry Taggart alias Bracken gewechselt, dem Sohn des Großranchers Rod „Falconhead" Bracken. Um den Sohn des Rinderkönigs aus Cananea zu befreien, hatte Chaco sich ins Zuchthaus einliefern lassen.

Jacques d'Orville, der zweite Gefangene, dem er zur Flucht hätte verhelfen sollen, war vor sieben Tagen an einem Blutsturz gestorben.

In der kurzen Zeit hatte Chaco in Cananea bereits Dinge erlebt und erfahren, die er nie mehr in seinem Leben vergessen würde. Das Zuchthaus war eine Filiale der Hölle auf Erden. Nackte, brutale Gewalt regierte, ein sadistischer Direktor hatte seine Freude daran. Basilio Arriera, der Hauptaufseher, war ein Teufel in Menschengestalt und der ungekrönte König des Zuchthauses.

Chaco hasste ihn, wie er noch selten einen Menschen gehasst hatte. Die Streifschusswunde an der rechten Seite Chacos war schon fast verheilt. Von der Schramme an seiner Stirn und dem Riss in der Unterlippe sah man nichts mehr.

Chacos blaues Auge war verschwunden. Die Prellungen, Blutergüsse, blauen Flecken und Beulen an seinem Körper waren ziemlich verheilt. Er war zäh, ein anderer Mann hätte nach allem, was er in den letzten zehn Tagen hinter sich gebracht hatte, drei Wochen im Krankenbett gelegen.

Chaco striegelte bedächtig die Schimmelstute des Zuchthausdirektors. Die Stute war übergewichtig, denn Direktor Baca bewegte sie zu wenig, und bösartig.

Sie schnappte mit ihren gelben Zähnen nach Chacos Unterarm. Doch seine Reflexe waren zu schnell für sie. Er zog den Arm weg und versetzte der Stute einen nicht zu harten Schlag auf den Hals. Sie warf den Kopf hoch und schnaubte.

Ruhig", sagte Chaco. „Beißen kannst du den fetten Baca. Wenn du das tust, bringe ich dir sogar ein Stück Zucker mit."

Er hörte Schritte und schaute über die Boxenwand. Im Stall war es dämmrig, in der einen langen Boxenreihe standen dreißig Pferde, in der anderen ebenfalls. Sechs Sträflinge waren in dem großen Stall mit Ausmisten beschäftigt, zwei Mann striegelten wie Chaco.

Eine hünenhafte Gestalt schlenderte den Mittelgang entlang. Chaco erkannte unter dem breitrandigen Sombrero das brutale Gesicht von Basilio Arriera, dem Hauptaufseher.

Arriera war weit über sechs Fuß groß und athletisch gebaut. Die Enden seines Schnurrbarts wuchsen bis zur Kinnlade. Er blieb vor Chaco stehen und überragte ihn, der auch nicht gerade klein war, beträchtlich.

Hallo, Champion", sagte Arriera mit seiner wohlklingenden Stimme, dem einzig Erfreulichen an ihm. „Fleißig bei der Arbeit?"

Ich bemühe mich, Señor Hauptaufseher", erwiderte Chaco.

Er musste sich sehr beherrschen, um seinen Hass nicht zu verraten. Er wollte bei dem Hauptaufseher nicht anecken. Arriera lehnte sich lässig an den Boxenpfosten. Der Schlagstock in seiner Hand wippte auf und ab.

Dein Kampf gegen Oso war nicht offiziell, Drago", sagte er.

Chaco war unter dem Namen John Drago verurteilt und eingeliefert worden. Zu dreißig Jahren hatte ihn der Richter in Cananea wegen Bankraubs und anderer Verbrechen verdonnert.

Ich könnte dich noch einmal gegen ihn antreten lassen", fuhr Arriera fort. „Ich könnte dir auch den Titel aberkennen oder dich ganz erledigen. Denn ich bin der Herr in Cananea."

Ich weiß, Señor Hauptaufseher."

Aber du hast gewonnen, auch wenn ich den Kampf nicht gesehen habe, daran gibt es nichts zu rütteln. Du kannst der Champion bleiben und deine Vergünstigungen genießen, wenn du mit mir zusammenarbeitest, Drago."

Der Schlagstock wies auf Chacos Brust.

Willst du heute Abend einmal die weiblichen Sträflinge besuchen? Ich weise dir eine Einzelzelle zu und schicke zwei von den Weibern."

132 Frauen saßen in Cananea ein. Chaco zuckte unschlüssig mit den Schultern.

Ich bin noch sehr zerschlagen, Señor Hauptaufseher. Was müsste ich denn dafür tun?"

Chacos Ketten klirrten, als er sich bewegte. Starke Ketten spannten sich zwischen seinen Handgelenken und zwischen den Fußgelenken. Chacos Sträflingskluft war grau und mit schwarzen Längsstreifen versehen. An den Füßen trug er schwere genagelte Schuhe.

Da gibt es einen jungen Kerl namens Benito Morilla. Er verkündet allerlei Parolen, die mir nicht gefallen. Dass die Verhältnisse in Cananea unmenschlich und die Aufseher alle große Schweine seien und so weiter. Wenn ich dieses Geschwätz nicht abstelle, gibt es noch eine Rebellion."

Basilio Arrieras dunkle Augen fixierten Chaco. Der Hauptaufseher hatte einen starren Blick, er schielte ein wenig. Deswegen trug er den Spitznamen „der Basilisk".

Chaco wartete. Dann kam es.

Morilla ist heute zum Hausdienst eingeteilt. Er hilft in der Schmiede mit. In wenigen Minuten lasse ich ihn herüberschicken, um ein Pferd abzuholen, das beschlagen werden soll. Dann wirst du mit ihm Streit anfangen und ihn mit den Ketten erwürgen. Verstanden?"

Ich kämpfe gegen jeden, Señor Hauptaufseher. Aber ich bin kein Mörder. Suchen Sie sich für diese schmutzige Arbeit einen anderen. Und sehen Sie zu, dass ich nicht in der Nähe bin, wenn es geschieht. Sonst werde ich Benito Morilla nämlich helfen."

Basilio Arriera hob den Schlagstock, doch er hieb nicht zu. Er grinste und tippte an die Krempe des Sombreros. :

Das habe ich mir fast gedacht, Drago. Du willst also nicht. Du wirst in Cananea nicht lange Champion bleiben. Du wirst überhaupt nicht mehr lange leben."

Leise lachend ging er weg. Chaco widmete sich wieder der Schimmelstute. Er sah, dass sich Arriera am Ausgang des dämmrigen Stalles kurz mit einem hageren Sträfling unterhielt. Der Sträfling nickte. Als Arriera hinausgegangen war, begann er wieder mit seiner Arbeit.

Er mistete mit der Mistgabel die Boxen an der linken Seite aus. Das stinkende Stroh kam in den Mittelgang, wo zwei Sträflinge mit Schubkarren es aufluden und wegbrachten.

Nach einer Weile schulterte der hagere Sträfling seine Mistforke. Er ging nach hinten, als ob er sich mit einem der anderen Sträflinge unterhalten wolle. Dabei näherte er sich der Box, in der Chaco arbeitete und deren Tür offenstand.

Chaco sah ihn nur aus dem Augenwinkel. Plötzlich wirbelte der Mann herum, packte die Mistgabel und rannte mit einem Schrei auf Chaco los. Chaco sprang im letzten Moment zur Seite. Die langen eisernen Zinken drangen tief in die Flanke der Schimmelstute, die grell aufwieherte.

Sie keilte aus. Chaco flüchtete aus der Box. Die Bretter krachten, so schlugen die Hufe des schwerverletzten Pferdes dagegen. Das schmerzvolle Gewieher war bestimmt im ganzen Zuchthaus zu hören.

Der hagere Sträfling griff unter sein Hemd und zog einen Löffel mit spitzgefeiltem, an den Seiten geschärftem Stiel hervor. Chaco schlug seine Messerhand zur Seite und versetzte ihm einen Kinnhaken.

Die anderen Sträflinge waren aufmerksam geworden und standen abwartend da. Der hagere Sträfling stürzte zu Boden, sprang aber sofort wieder auf die Beine. Er war katzenhaft geschmeidig, seine Ketten klirrten, als er zum Angriff überging.

Er war ein routinierter Messerstecher, fintierte und wechselte seine Waffe von der einen Hand in die andere. Dann zuckte das spitze Eisenblech vor, Chaco warf im letzten Moment den Oberkörper herum.

Die spitze Waffe zerfetzte sein Hemd und riss ihm die Haut auf. Chaco packte den Messerstecher, legte ihm den linken Unterarm über den Hals und packte das Handgelenk mit dem provisorischen Messer mit der Rechten.

Der Sträfling wehrte sich, er war etwas größer als Chaco und hatte Sehnen wie Stahlfedern. Sein dürres Aussehen täuschte.

Chaco schnürte ihm die Luft ab. Der genagelte Schuh des Sträflings knallte an sein Schienbein. Chaco, der sich hintenüber gelehnt hatte, verlor das Gleichgewicht und riss seinen Gegner mit sich um.

Sie krachten beide auf den Boden. Der hagere Sträfling schrie und bäumte sich auf. Dann wurde sein Körper schlaff. Chaco hatte ihm das Handgelenk verdreht, bei dem Fall war ihm das spitze Eisenblech in die Brust gedrungen.

Als Chaco sich erhob, war sein Gegner tot. Die Schimmelstute des Zuchthausdirektors wieherte und schnaubte immer noch voller Schmerzen. Sie war in den Hinterläufen eingeknickt und bemühte sich vergeblich, wieder auf die Beine zu gelangen.

Die anderen Sträflinge in dem Pferdestall hielten sich heraus. In den Boxen bewegten sich unruhige Pferde und wieherten. Aufseher eilten herbei, allen voran Basilio Arriera. Seine Augen weiteten sich, als er sah, was geschehen war.

Er betrachtete die Stute, in deren Flanke die Mistforke steckte. Schaumiges Blut quoll aus den Nüstern des Pferdes,

Arriera zog den Revolver und gab ihm den Gnadenschuss.

Was ist hier geschehen?", fragte er, obwohl er es genau wusste. Denn er hatte dem hageren Sträfling den Mordauftrag erteilt.

Ein Zuschauer schilderte den Hergang des Kampfes.

Eine Rauferei also", sagte der Hauptaufseher. Er wandte sich Chaco zu. „Was hast du dazu zu sagen, Champion?"

Das letzte Wort dehnte er höhnisch. Ein Oberaufseher hatte den am Boden liegenden Messerstecher untersucht. Jetzt erhob er sich.

Der Mann ist tot", meldete er knapp.

Er hat mich angegriffen", sagte Chaco. „Der Grund ist mir unbekannt."

Der ist mir auch egal. Ich dulde hier keine Streitereien unter den Sträflingen, Drago, wo kämen wir da hin? Du wirst den nächsten Tag im Käfig verbringen. Führt ihn ab, Männer, er hat bis morgen Dunkelhaft, und nachdem er aus dem Käfig kommt, noch drei Tage." Er grinste böse. „Falls er den Tag in dem Glutkasten überlebt."


*


Die Dunkelzelle war ein Loch im Boden. Chaco wurde hinabgeworfen, die Aufseher wälzten einen schweren runden Steindeckel auf die Öffnung. Er hörte nicht, wie sie sich entfernten.

Er war nicht tief gestürzt, dreieinhalb Yards etwa, und hatte sich wie eine Katze abgefangen. Er tastete umher und stellte fest, dass seine Zelle in den nackten Felsen hineingehauen war. Sie war unregelmäßig geformt, der Durchmesser betrug etwa zwei Yards. Am Boden lagen fauliges Stroh und zerschlissene Decken, es stank bestialisch.

Die Luft war dumpf und verbraucht, aber es musste kleine Luftlöcher geben, denn sonst wäre er da unten erstickt.

Er erhielt kein Essen, die Zeit dehnte sich für ihn endlos. Chaco hatte keine Uhr, keinen Tabak, nichts. Alles war ihm abgenommen worden. Fünfzehn lange Stunden in dem engen Loch standen ihm bevor, ehe er in den Käfig gesperrt wurde..

Er hockte sich an der Wand nieder und wartete mit stoischer Geduld. In diesem Loch hatten bestimmt schon etliche Männer durchgedreht und waren mit dem Kopf gegen die Wand gerannt.

Doch ihn hatte ein hartes Leben Geduld und Selbstbeherrschung gelehrt.

Nur das Überleben, nichts anderes war wichtig.

Chaco konnte nur kurze Zeitspannen schlafen. Doch irgendwann war es soweit, der Stein wurde weggewälzt, das Licht einer Laterne biss in Chacos Augen. Fünf Aufseher holten ihn ab. Sie ließen eine Leiter in die Dunkelzelle hinunter.

Ohne besondere Schwierigkeiten stieg Chaco hinauf. Die Aufseher wunderten sich.

Diesem Hundesohn scheint die Dunkelhaft überhaupt nichts auszumachen", meinte der eine. „Andere Männer, die wir hier heraufholten, waren dem Wahnsinn nahe."

Der Tag im Käfig und die drei Tage hinterher erledigen auch den."

Chaco hätte sich am liebsten auf die Aufseher gestürzt und versucht, einem den Revolver zu entreißen und dabei einen raschen Tod zu finden. Aber seine Zähigkeit und sein Lebenswille waren stärker, er folgte den Aufsehern ohne Gegenwehr.

Sie führten ihn aus dem Hinterbau auf den Zuchthaushof. Die Sonne war noch nicht lange aufgegangen. In ihrem Schein erschienen sogar die hässlichen grauen Mauern golden, die Mauern von Cananea, der Hölle auf Erden. Basilio Arriera, der Oberteufel dieser Hölle, wartete beim Verwaltungsgebäude, von Aufsehern mit dunkelblauen Jacken, an denen Messingknöpfe funkelten, flankiert.

Beim Eingang des Verwaltungsgebäudes stand eine schussbereite Kanone, mit einem Schrapnellgeschoss geladen. Das Laufbündel der Gatling-Drehkanone auf dem Torturm war zwischen die im Zuchthaushof angetretenen Sträflinge gerichtet. Die Gefangenen standen in zwölf Blocks da. Wenn der Morgenappell vorbei war, gab es Frühstück. Dann mussten die Sträflinge bis auf die zum Hausdienst eingeteillten Männer zu den Steinbrüchen ausrücken.

Chaco hatte die Arbeit im Steinbruch kennengelernt- eine mörderische Schinderei unter glühender Sonne. Jede Woche starben im Zuchthaus von Cananea zwei bis drei Männer. Im Krankenrevier fand nur Aufnahme, wer völlig am Ende war.

Die fünf Aufseher blieben bei Chaco stehen. Basilio Arriera las die Tageseinteilung vor. Dann senkte er sein Blatt.

Benito Morilla, vortreten!", rief er mit seiner geschulten Baritonstimme.

Mit klirrenden Ketten löste sich der junge Sträfling aus dem Block. Er war erst achtzehn Jahre alt und saß seit knapp vier Wochen wegen Totschlags in Cananea ein. Benito Morilla hatte schon schlimme Prügel bezogen, es widerstrebte ihm von Grund auf, die unmenschlichen Verhältnisse in Cananea anzuerkennen. „Bringt ihn zu John Drago."

Drei Aufseher stellten den jungen Mann an Chacos Seite. Der Hauptaufseher betrachtete seine Opfer mit starrem Blick, als ob er sie fressen wolle.

Ihr seid zu einem Tag im Käfig verurteilt, Los, werft sie hinein."

Verflucht sollst du sein, verdammter Basilisk!", schrie der junge Morilla. „Du bist überhaupt kein Mensch, sondern ein brutaler Gorilla."

Chaco stieß ihn an, er solle schweigen. Aber es war zu spät, Stockhiebe nagelten auf den jungen Mann nieder, bis er zusammenbrach. Die Aufseher schleiften ihn zu dem Käfig in der Mitte des Zuchthaushofes und öffneten die eiserne Tür.

Basilio Arriera schlenderte heran und trat Benito Morilla mit seinem schweren Stiefel in die Seite.

Du Dreckskerl, solltest du den Käfig überleben, sprechen wir uns noch. Wer mich mit dem Namen nennt, den du da gerade gesagt hast, wird in Cananea nicht alt."

Die Aufseher warfen den jungen Morilla in die Grube, Chaco folgte. Die Eisentür fiel krachend zu, wurde verriegelt und abgeschlossen. Noch herrschte eine normale Temperatur in dem Käfig.

Nach der Nacht in der kalten Dunkelzelle war sie Chaco angenehm. Doch bald würde es glühend heiß werden. Denn Wände und Dach des Käfigs bestanden aus Blech, es erhitzte sich und wurde so heiß wie eine Ofenplatte, wenn die Sonne erst mit voller Kraft darauf strahlte.

Auf dem Dach des Käfigs, das nur einen Yard über den Boden ragte, konnte man in der Mittagszeit Tortillas backen.

Der Käfig war groß genug für sechs bis acht Männer, die Höhe betrug über zwei Yards, der Boden war nackt und kahl. Chaco bemühte sich zunächst um Benito Morilla, der ein Stück von einem Schneidezahn ausspuckte und grimmig zu fluchen begann.

Draußen rückten die Sträflinge ab. Kettenklirren, das Stampfen ihrer Schritte und einzelne Kommandorufe waren zu vernehmen.

Benito Morilla, ein mittelgroßer, recht gut aussehender Bauernjunge, erholte sich rasch von den Schlägen. Er saß an der Wand, Chaco ging im Käfig auf und ab.

Ich bin unschuldig verurteilt worden", sagte der junge Morilla. „Es stimmt, ich habe einen Mann erschlagen, aber das geschah in Notwehr."

Er erzählte Chaco die ganze Geschichte. Morillas Familie waren Peones. Sie hatten von einem reichen Großgrundbesitzer in der Nähe von Fronteras ein Stück Land gepachtet. Die Pacht war hoch, der Rest ernährte vierzehn Menschen mehr schlecht als recht. Sie schufteten von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang und hatten kaum genug zu essen.

Wir waren trotzdem einigermaßen zufrieden", erzählte Benito Morilla. „Denn für Leute wie uns ist es anderswo auch nicht besser. Doch dann kam diese Fiesta. Ein schönes Fest, ich amüsierte mich sehr. Zwischendurch wollte ich mal nach Hause, um meinen kleineren Geschwistern ein Geschenk zu bringen. Da hörte ich Hilferufe aus einem Feld. Ich eilte hin, ein Mann versuchte, ein Mädchen zu vergewaltigen. Das Mädchen war meine siebzehnjährige Schwester Amanda, der Mann Pablo Serafita, der Sohn des Großgrundbesitzers. Ich riss ihn von Amanda weg und schlug ihn, er zog sein Messer, ich packte einen Stein, und dann ist es passiert."

Benito Morilla atmete seufzend aus. Er sagte, dass er nie die Absicht gehabt hätte, Pablo Serafita umzubringen. Er hatte den Angreifer betäuben wollen, als der mit dem Messer auf ihn losging, aber Pablo Serafitas Schädel hielt diesen Schlag nicht aus.

Der Großgrundbesitzer konnte sich mit dem Tod seines Sohnes nicht abfinden. Er bestach Zeugen, die sagten aus, Benito Morilla und Pablo hätten sich schon früher gestritten.

Amanda Morilla sei freiwillig mit Pablo gegangen, Benito dem Paar nachgeschlichen.

Der Großgrundbesitzer, ein reicher, mächtiger Mann, setzte sich durch", schloss Benito. „Ich erhielt fünfzehn Jahre. So wie es jetzt aussieht, werde ich wohl nicht einmal das erste halbe Jahr davon überleben."

Chaco empfand Mitleid mit dem jungen Mann. Auch er war einmal so gewesen, auch er hatte alles Unrecht in der Welt als einen persönlichen Affront angesehen. Jetzt kümmerte er sich meist nur noch um seine Angelegenheiten.

Die Sonne stieg höher, ihre Kraft nahm zu. Bald war die Luft in dem Käfig so heiß wie in einem Backofen. An Chaco und Benito Morilla strömte der Schweiß herunter. Das Atmen wurde zu einer Qual, der Kreislauf rebellierte.

Es flimmerte vor ihren Augen und brauste in ihren Ohren. Manchmal glaubten sie, der Boden würde sich bewegen.

In der Mittagszeit war die Hitze unerträglich. Die heiße Luft staute sich unter dem Wellblechdach und drang bis ins Mark der Knochen. Es war Chaco, als ob sein Körper zu glimmen begonnen hätte.

Er kämpfte gegen eine drohende Ohnmacht an, die Zunge lag in seinem Gaumen wie ein uraltes, sprödes und rissiges Stück Leder. Er hätte seine rechte Hand für einen Becher Wasser gegeben, aber niemand reichte ihm einen.

Es gab den ganzen Tag über keinen Bissen zu essen und keinen Tropfen Wasser. Durch viele Ritzen und Spalten fiel genügend Tageslicht in den Käfig. Erst als es dämmrig wurde, konnte Chaco aufatmen.

Benito Morilla hatte das Bewusstsein verloren, und Chaco fühlte sich mehr tot als lebendig. Zum ersten Mal in seinem Leben war er nahe daran, sich den Tod zu wünschen.

Er kauerte in der Ecke wie ein waidwundes Tier. Dass die Sträflinge ins Zuchthaus zurückkehrten, hörte er kaum. Chacos Körper hatte die Hitze gespeichert und glühte von innen heraus. Das hohe Fieber wollte ihn umbringen.

Der junge Morilla atmete nur noch schwach.

Endlich wurde die Tür geöffnet, vier Sträflinge stiegen in den Käfig hinunter. Der flackernde Schein zweier Fackeln beleuchtete ihn. Die Sträflinge brachten einen Krug Wasser und etwas Maisbrot mit, sie hatten die Aufgabe, sich um die Männer im Käfig zu kümmern und sie wegzubringen.

Der alte Sanitäter, der Chaco schon am Tag seiner Ankunft verarztet und verbunden hatte, war wieder dabei.

Du siehst aus wie ein nicht ganz durchgebratenes Beefsteak", sagte er. Er warf einen Blick zur Tür zurück, dann zog er eine flache Flasche unter seiner Sträflingsjacke hervor. „Hier, trink das, es wird dein Fieber senken."

Was ist das? Dein selbstgebrannter Schnaps?"

Nein, Huisachetee mit Kräuterauszügen. Schluck es nur hinunter, es ist gut für dich. Du kannst mir glauben, dass ich etwas davon verstehe. Ich bin hier im Zuchthaus für alles zuständig, von den Hämorrhoiden des Direktors angefangen bis zur Vermeidung von unerwünschtem Kindersegen bei den weiblichen Sträflingen."

Zusammenfassung

Das Halbblut Chaco muss eine höllische Zeit im berüchtigten Zuchthaus von Cananea durchmachen. Basilio Arriera, der gewalttätige Aufseher, hat es auf Chaco abgesehen und misshandelt ihn. Aber Chaco gibt nicht auf – denn er hat einen Plan, und der muss funktionieren, wenn Henry Brackens Befreiung gelingen soll. Hilfe von außen ist nahe, er braucht nur noch wenige Tage durchzuhalten. Und bis dahin muss es ihm gelingen, die Sträflinge des Zuchthauses zu einem Aufstand anzustacheln. Als dies geschieht, nutzt Chaco seine Chance und flieht mit Henry Bracken. Noch ahnt Chaco nicht, dass nach der Flucht eine böse Überraschung auf ihn wartet, und dass die schöne Chantal d´Orville nun ihr wahres Gesicht zeigt. Und das bedeutet nichts anderes als dass Chacos Name schon auf einer Kugel steht ...

Teil 2 eines spannenden Doppelromans

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907995
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Dezember)
Schlagworte
chaco halbblut mannes

Autor

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Titel: CHACO – Das Halbblut #18: Im Tal des toten Mannes