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Tony Ballard #84: Das Höllenschwert

2017 130 Seiten

Leseprobe

Das Höllenschwert

Dämonenhasser Tony Ballard Band 84

von A. F. Morland


Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.


Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner.

Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


„Edition A. F. Morland“ ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2017



Prolog

Ammorgh, der Geierdämon, stand auf den Zinnen seiner schottischen Burg und starrte mit unverhohlener Gier auf den See hinunter, dessen Name Loch Dombar war.

Ein Boot jagte über die dunklen Fluten, und in seinem Schlepptau fuhr ein Mädchen auf Wasserskiern. Bildschön war sie, und blutjung. Und der Dämon wollte sie haben.



1

Das Mädchen trug eine knallgelbe Schwimmweste und einen verflixt knappen Tanga. Ihr langes blondes Haar wehte wie eine Fahne im Wind. Kate Gregory hieß sie, und sie war schon lange nicht mehr so fröhlich gewesen. Ihr hübsches Gesicht strahlte, während hinter ihr Wasserfontänen hochschossen.

Kate fuhr Wasserski. Geschmeidig, elegant. Sie beherrschte diesen Sport hervorragend. Man sah ihr nicht an, dass sie genügend Kraft dafür hatte. Sie wirkte eher zart, schutzbedürftig und sehr, sehr weiblich.

Sie ist ein Prachtmädchen, dachte Hollis Waxman, ihr Onkel. Kate war zwanzig, er vierzig Jahre alt. Der Altersunterschied hätte ihn nicht gestört. Das Hindernis war das verwandtschaftliche Verhältnis.

Mist, dass er mit Kate auch verwandt sein musste. Hätte es nicht genügt, wenn er mit ihren Eltern befreundet gewesen wäre? Musste er unbedingt der Bruder von Kates Mutter sein?

Die Gregorys lebten seit zehn Jahren in den USA. Sie waren mit Kate ausgewandert, um sich in Pittsburgh eine neue Existenz aufzubauen, und heute gehörten die Gregorys zu den oberen Zehntausend. Carl Gregory hatte es geschafft. Der Weg nach oben war für ihn zwar steinig gewesen, aber er hatte sich im Management der Stahlhütte von Pittsburgh mit eiserner Härte und unbeugsamer Zähigkeit hochgebissen.

Jetzt gab es keine wichtige Party mehr, zu der die Gregorys nicht eingeladen wurden, denn niemand konnte es sich erlauben, Carl Gregory zu verärgern. Auf einer dieser Partys, die Carl Gregory stets mit Familie besuchte, um niemals ins Gerede zu kommen, hatte Kate einen ehrgeizigen jungen Mann kennen- und lieben gelernt.

Er war ihr erster richtiger Freund gewesen. Nichts Oberflächliches. Sie hatte die Sache sehr ernst genommen. Aber er nicht. Es stellte sich heraus, dass er ein Luftikus war, ein Windhund, der hinter jedem Weiberrock herjagte. Er wollte Kate nur als Sprosse für seine Karriereleiter haben. Als Sprungbrett, um rascher nach oben zu kommen.

Als ihr das klar wurde, kam es zwischen ihm und ihr zu einem heftigen Streit. Er beleidigte sie in seinem Zorn, und sie versetzte ihm eine schallende Ohrfeige, die das Ende dieser einseitigen romantischen Beziehung besiegelte. Danach hielt es Kate in Pittsburgh nicht mehr aus. Sie drohte gemütskrank zu werden.

Kay, ihre Mutter, machte sich ernsthaft Sorgen um sie. Sie wusste, dass ihre Tochter zum ersten Mal schweren Liebeskummer hatte, und wollte helfen. »Ich habe eine Idee«, sagte sie eines Tages zu Kate. »Du fühlst dich in Pittsburgh nicht mehr wohl seit dieser Sache. Warum fährst du nicht für eine Weile weg?«

»Wohin denn?«, hatte Kate gefragt.

»Wie wär’s mit Schottland, in unsere alte Heimat?«

»Daran habe ich noch gar nicht gedacht.«

»Wenn du möchtest, rufe ich meinen Bruder, deinen Onkel Hollis, an. Er würde sich bestimmt sehr freuen, dich wiederzusehen.«

Kate war damit einverstanden, und Kay rief Hollis Waxman in Tamcout an, einem kleinen Dorf in den Grampian Mountains, am idyllischen Loch Dombar gelegen.

Waxman rastete vor Freude beinahe aus, als er hörte, dass seine Nichte zu ihm kommen wollte, und er stellte überschwänglich ein Programm zusammen, das keine Langeweile aufkommen ließ. Kate sollte keine Zeit haben, auch nur eine Minute an diesen Taugenichts zu denken. Waxman war sicher, dass sie den Burschen bei ihm vergessen würde. Sie würde ihren Liebeskummer abstreifen wie die Schlange ihre alte Haut.

Er drehte sich um und blickte zurück. Kate ließ den breiten Holzgriff los, fuhr einhändig und winkte ihm übermütig. Sie ist wirklich ein Prachtmädchen, dachte Hollis Waxman. Wie konnte dieser Idiot das bloß übersehen? Dachte er, noch etwas Besseres finden zu können? Das ist unmöglich. Kate Gregory gehört zur absoluten Spitze. Mann, wenn ich nicht ihr Onkel wäre.

Er winkte zurück.

Sie ritt über die Bugwellen, schnitt sie mit federnden Knien durch, legte sich in die Kurve und zog eine dünne Wasserwand hoch. Es war eine Freude und ein Vergnügen, ihr zuzusehen.

Waxman, selbst begeisterter Wassersportler, musste zugeben, dass er seiner Nichte nichts mehr beibringen konnte. Manches konnte sie sogar besser als er. Gelenkig drehte sie sich um und raste verkehrt herum über die Wasseroberfläche. Sie verdiente die Note eins in dieser Disziplin.

Scharf schnitt der Bug des Motorboots durch die dunklen Fluten des Sees. Loch Dombar war eingebettet zwischen zum Teil recht karstigen Felsen. Ab und zu reichte ein Waldstreifen bis zum Wasser herunter.

Waxman blickte nach vorn. Am Nordufer war ein kleines Dorf zu sehen. Nur ein paar alte Häuser: Morglanssie.

In Tamcout, wo Waxman ein schönes Sommerhaus besaß, hielt sich ein hartnäckiges Gerücht. Morglanssie sei verflucht, hieß es. Das sagte man schon lange, ohne dass es dafür irgendeinen Beweis gab. Niemand wusste, wer es zum ersten Mal behauptet hatte.

Morglanssie ist verflucht, besser, man geht da nicht hin – und damit basta!

Dabei war Morglanssie ein verträumter hübscher Ort. Jedenfalls sah er von weitem so aus. Keinem Bewohner von Tamcout wäre es in den Sinn gekommen, sich jemals nach Morglanssie zu begeben. Man hatte Angst vor den alten Geschichten und Legenden. Egal, wie sie entstanden waren, es musste dafür einen triftigen Grund geben.

In Morglanssie wohnen Menschenfresser – hieß es zum Beispiel.

Oder: Die Leute von Morglanssie sind verhext. Sie dienen dem Bösen. Sie stehen im Bann der schwarzen Macht. Sie werden von einem Schattenwesen beherrscht, müssen seinen Befehlen gehorchen. Morglanssie ist eine Menschenfalle. Auch das behauptete man. Wenn ein Fremder seinen Fuß in dieses Dorf setzt, kann es sehr leicht passieren, dass man ihn nie wiedersieht.

Wenn man den unheimlichen Meldungen glauben durfte, verschwanden laufend Menschen aus diesem Dorf. Sie wurden angeblich jenem grausamen Schattenwesen geopfert, das in dem Schloss wohnte, das Morglanssie hoch überragte. Wie eine düstere Drohung wirkte es, stand auf einem mächtigen schwarzen Felsen und wurde Blackrock Hall genannt.

Dort oben sollte ein Ungeheuer hausen.

Die Gerüchte, die nicht verstummen wollten, sprachen von einem Dämon namens Ammorgh. In letzter Zeit sollte seine Gier nach Menschenfleisch besonders groß geworden sein, deshalb war es nicht ratsam, in Morglanssie an Land zu gehen oder zu nahe an Blackrock Hall vorbeizufahren.

Doch Hollis Waxman tat es.

Er weigerte sich, an diese Schauermärchen zu glauben. In dieser unberührten Gegend regierte noch sehr stark der Aberglaube. Man hatte Angst vor Hexen und Zauberern. Nachts fürchtete man, dem Teufel zu begegnen und verließ deshalb sein Haus nur, wenn es unbedingt nötig war. Da musste schon ein Kind sehr krank sein oder ein alter Mensch im Sterben liegen …

Als Hollis Waxman sich entschloss, in Tamcout ein Sommerhaus zu bauen, begegneten ihm die Leute im Dorf mit großem Misstrauen. Es dauerte lange, bis sie ihn halbwegs akzeptierten, doch selbst heute sprachen sie mit ihm noch nicht über alles. Es gab Dinge, die hielten sie einfach von ihm fern, weil sie sich nicht vorstellen konnten, dass er dafür das gleiche Verständnis aufbrachte wie einer, der in ihrem Dorf aufgewachsen und über dessen Grenzen kaum mal hinausgekommen war.

Waxman war ein erfolgreicher Anlageberater. Er unterhielt zwei Büros. Eines in Glasgow und eines in London. Da er äußerst tüchtige Leute beschäftigte, war es ihm möglich, die Sommermonate in Tamcout zu verbringen. Er betreute nur noch die ganz großen Klienten persönlich. Mit einigen von ihnen war er befreundet. Ab und zu wohnte einer dieser Leute sogar bei ihm.

Waxman war frei und unabhängig. Junggeselle – natürlich bei seinem Einkommen sehr begehrt. Und er genoss das Leben in vollen Zügen.

Wieder drehte er sich um. Kate fegte pfeilschnell über das Wasser. Ihrem Onkel lachte das Herz.

Doch dieses Herz blieb ihm im nächsten Augenblick beinahe stehen, denn er gewahrte etwas Großes, Schwarzes hinter Kate!



2

Hollis Waxman hatte das Gefühl, Eiswasser würde durch seine Adern fließen. Er begriff sofort: Kate war in Gefahr!

Er wollte sie warnen. Sein Blick war verstört, die Züge in Panik verzerrt. Kate war immer noch heiter und vergnügt. Natürlich, sie konnte ja nicht sehen, was hinter ihr aufgetaucht war. Aber sie hätte an den Zügen ihres Onkels erkennen müssen, dass ihr große Gefahr drohtet.

»Vorsicht, Kate!«, schrie Waxman in das Brüllen des Motors hinein. Er gestikulierte wild, doch das Mädchen verstand ihn nicht. »Hinter dir!«, schrie Waxman.

Kate sah und hörte anscheinend nichts.

»Lass den Griff los!«, brüllte Hollis Waxman. »Ins Wasser! Schnell! Du musst untertauchen!« Mit rudernden Handbewegungen versuchte sich Waxman verständlich zu machen, doch die Katastrophe schien nicht mehr abzuwenden zu sein.

Waxman verlor fast den Verstand. Zu Hause lag ein Revolver in der Kommode. Wenn er geahnt hätte, dass es zu einem solchen Angriff kommen würde, hätte er die Waffe mitgenommen. Aber nein, was dachte er denn da? Er wäre mit dem Boot überhaupt nicht losgefahren, wenn er Kenntnis davon gehabt hätte, was ihnen bevorstand.

Dieses verdammte schwarze Ungeheuer.

Waxman hatte es nicht kommen sehen. Es war auf einmal dagewesen. Aber es konnte nur von Blackrock Hall heruntergekommen sein.

War doch etwas an den vielen unheimlichen Geschichten dran, die man sich von dem Schloss und seinem Besitzer erzählte?

Jetzt, wo die Katastrophe schon beinahe perfekt war, glaubte Hollis Waxman daran, und er schalt sich im Geist einen Idioten, weil er die Erzählungen nicht ernst genommen hatte. Das sollte sich nun furchtbar rächen.

Der Schatten von Blackrock Hall fiel auf den dunklen See, und in diesem unheilvollen Schatten passierte es.

Groß, mächtig und schwarz war das Ungeheuer, das hinter dem ahnungslosen blonden Mädchen aufgetaucht war. Es handelte sich um einen riesigen Geier mit gewaltigen Schwingen, mit denen er kraftvoll die Luft peitschte. Sein grausamer, gieriger Blick war auf die Wasserskifahrerin geheftet.

Das fliegende Monstrum streckte dem Mädchen seine langen gelben Fänge entgegen. Gleich würde es zupacken.

»Neiiin!«, schrie Waxman verzweifelt.

Endlich begriff Kate Gregory, dass etwas nicht in Ordnung war. Hinter ihr musste sich etwas befinden, das Onkel Hollis so sehr entsetzte. Sie wandte den Kopf – und im selben Moment drohte sie der Schlag zu treffen. Wie ein schwarzer Stein fiel der gefährliche Raubvogel vom Himmel. Kate sah die scharfen, gebogenen Krallen, die ihr entgegensausten. Sie ließ vor Schreck den Holzgriff des Schleppseils los.

Viel früher hätte sie das schon tun sollen.

Jetzt war es zu spät.

Sie glitt noch einige Meter über die Wasseroberfläche. Dann erwischte der schwarze Höllengeier sie. Hart packte er zu. Weit spannten sich seine Flügel aus. Mit kräftigen Schlägen zog er hoch.

Kate kreischte wie von Sinnen.

Hollis Waxmans Kehle war wie zugeschnürt. Das gefiederte schwarze Untier stieg hoch und höher. Kate zuckte und zappelte. Die Skier rutschten von ihren Füßen und fielen in den See, während der riesige Raubvogel auf den schwarzen Felsen zuflog, auf dem Blackrock Hall stand, und wenige Augenblicke später dahinter verschwand.

Waxman hatte Mühe, Ordnung in sein Gehirn zu bringen.

Die Hölle hatte hier zugeschlagen. Dieser mächtige Raubvogel war ein eindeutiger Beweis dafür, dass schwarze Kräfte im Spiel waren. So große Geier gab es normalerweise nicht. Dieses Tier musste von satanischen Kräften aufgepumpt worden sein.

Die Geschichten stimmten also. Es lebte ein Ungeheuer auf Blackrock Hall – und es hatte sich Kate Gregory geholt!



3

Großer Gott – was tun?

Was passierte nun mit Kate? Was hatte Ammorgh mit ihr vor? Würde er sie töten? Bestimmt würde er das tun. Hollis Waxman schauderte bei diesem Gedanken, und sein Herz krampfte sich zusammen. Nein, Kate durfte nicht sterben. Ammorgh durfte dem Mädchen nicht das Leben nehmen. Waxmans Hemd war unter den Achseln schweißnass. So ratlos wie in diesen schrecklichen Minuten war er noch nie gewesen.

Er bangte furchtbar um Kates Leben. Sollte er Blackrock Hall aufsuchen und um Kate kämpfen? Mit bloßen Händen – gegen einen gefährlichen Dämon?

Sein Boot raste auf Morglanssie zu. Er musste telefonieren. Er brauchte Hilfe. Allein würde er Kate nicht retten können. Tamcout befand sich am anderen Ende von Loch Dombar. Es war zu weit bis nach Hause, deshalb wollte Hollis Waxman die Gefahr auf sich nehmen und hier an Land gehen, obwohl dies kein Bewohner von Tamcout je getan hätte.

Aber vielleicht stimmte wenigstens das nicht. Vielleicht standen die Leute von Morglanssie nicht wirklich unter Ammorghs bösem Einfluss.

Waxman musste dieses Risiko eingehen. Es war keine Zeit zu verlieren. Jede Minute war kostbar. Es ging immerhin um Kate Gregorys Leben.

Waxman fuhr auf einen morschen Bootssteg zu. Morglanssie, diese kleine Ansammlung von Häusern, wirkte wie ausgestorben. Kein Mensch war zu sehen. Waxman hatte den Eindruck, ein Geisterdorf vor sich zu haben. Er erreichte den verwitterten Steg, stellte den Motor ab, nahm die Leine auf, fing den Restschwung des Bootes mit dem rechten Bein ab, indem er den Fuß gegen das faserige Holz stemmte, schlang die Leine mehrmals um einen mit Moos bewachsenen Pfahl und sprang auf die Bohlen hinüber.

An einem der Fenster bewegte sich ein Vorhang. Das bleiche Oval eines Gesichts war zu sehen. Argwohn im Blick. Der Vorhang schloss sich sofort wieder. Auch in Tamcout waren die Menschen sonderbar. Hier aber, in Morglanssie, waren sie es noch viel mehr. Da musste man ja auf die Idee kommen, dass mit diesen Leuten irgendetwas nicht stimmte.

Waxman rannte an einigen Häusern vorbei. Er erreichte den Dorfplatz.

Menschenleer.

An einer schmiedeeisernen Stange hing ein Schild. LOCH DOMBAR INN. Ein uraltes, schäbiges Gasthaus. Ohne lange zu überlegen, stürmte Hollis Waxman da hinein, und endlich stand er einem Bewohner von Morglanssie von Angesicht zu Angesicht gegenüber.

Hager, blass, verängstigt wirkte der Mann. Es musste der Wirt sein. Waxman wollte ihn fragen, wo das Telefon war. Die Frage erübrigte sich dann aber. Waxman entdeckte die Zelle gleich links. Er schloss sich darin ein. Der Wirt hinter dem Spülbecken regte sich nicht. Wie eine Schaufensterpuppe stand er da. Ob er überhaupt zu einer Reaktion fähig war?

Waxman kramte aufgeregt in seinen Taschen herum. Er suchte Kleingeld, Münzen, mit denen er den Automaten füttern konnte. Das Gespräch sollte über eine weite Strecke gehen. Von hier nach London. Waxman warf alles ein, was er fand. Dann wählte er die Londoner Nummer.

Als er sich umwandte, war der Wirt verschwunden. Er konnte sich also doch bewegen.

Nervös wartete Hollis Waxman. Endlich kam die Verbindung zustande. Die Verständigung war nicht besonders gut.

»Geben Sie mir Mr. Peckinpah. Hier ist Hollis Waxman. Es ist ungemein dringend!«

Der Anlageberater musste einen Augenblick warten. Dann vernahm er Tucker Peckinpahs Stimme: »Hallo, Mr. Waxman. Wie geht’s? Rufen Sie aus Tamcout an?«

»Nein, aus Morglanssie. Das ist auf der anderen Seite von Loch Dombar.«

»Muss eine traumhaft schöne Gegend sein. Ich wollte Sie da schon lange mal besuchen, aber ich kann die Zeit dafür einfach nicht erübrigen.« Der reiche Industrielle seufzte geplagt. »Geschäfte. Immer Geschäfte.«

Eigentlich war der sechzigjährige Peckinpah so reich, dass er seine Hände schon lange in den Schoß legen und die Früchte seiner Arbeit genießen hätte können. Aber das hätte ihm nicht gefallen. Er brauchte den Trubel der Geschäftswelt, die Hektik, die Spannung. Er war viel unterwegs, und sein Geld steckte auf der ganzen Welt in gewinnträchtigen Unternehmen. Es war nicht übertrieben, wenn man behauptete, dass er in jeder Minute reicher wurde. Was er anpackte, wurde zu einem Erfolg. Er hatte eine gute Nase für lukrative Geschäfte und verfügte über das nötige Fingerspitzengefühl bei gewinnbringenden Abschlüssen.

»Hören Sie, Peckinpah, es ist etwas Entsetzliches passiert!«, platzte es aus Waxman heraus.

»Meine Güte, was denn?«

»Meine Nichte kam aus den USA herüber, um ein paar Wochen bei mir in Tamcout zu wohnen. Kate Gregory ist ihr Name. Wir fuhren auf dem See, ich in meinem Motorboot, sie hintendran auf Wasserskier. Da … da stürzte sich plötzlich ein Ungeheuer auf sie.«

»Ein Ungeheuer? Etwa so eine Seeschlange?«

»Nein, ein Geier war es. So einen riesigen Vogel habe ich noch nie gesehen. Er ist ein fliegendes Monstrum. Es muss sich um einen Dämon handeln.«

»Ich verstehe. Was hat er mit Kate Gregory gemacht?«

»Er packte sie und riss sie mit sich in die Lüfte. Es gibt hier ein Schloss, Mr. Peckinpah: Blackrock Hall. In ihm wohnt Ammorgh.«

»Der Dämon?«

»So erzählt man sich. Die Menschen in Tamcout haben schreckliche Angst vor Blackrock Hall. Sie hätten aber auch nie den Mut, ihren Fuß auf den Boden von Morglanssie zu setzen.«

»Warum denn das nicht?«

»Weil die Leute von Morglanssie angeblich mit Ammorgh unter einer Decke stecken.«

»Mein Gott, dann sind ja auch Sie in Gefahr, Waxman!«

»Das ist mir egal, Peckinpah. Ich brauche dringend Hilfe. Ich muss meine Nichte wiederhaben. Allein kann ich sie dem dämonischen Schlossherrn aber wohl kaum abjagen, deshalb wende ich mich an Sie. Sie arbeiten doch mit diesem Dämonenjäger zusammen.«

»Mit Tony Ballard, ja. Wir sind Partner«, bestätigte Tucker Peckinpah.

»Schicken Sie ihn sofort hierher. Er muss mir helfen, Kate aus den Klauen dieses Höllengeiers zu befreien!«

»Tja, Waxman.«, sagte Peckinpah gedehnt.

»Verdammt, es eilt!«

»Das glaube ich Ihnen gern, aber es gibt da ein Problem, Mr. Waxman.«

»Um Himmels willen, ich kann kein zusätzliches Problem gebrauchen, Mr. Peckinpah!«, stöhnte Hollis Waxman.

»Tony Ballard befindet sich zurzeit nicht in London.«

»Herrje, wo ist er denn?«

»In Deutschland. Gelsenkirchen.«

Für Waxman brach eine Welt zusammen. Erschüttert sagte er: »Dann ist Kate verloren.«

»Lassen Sie den Kopf nicht hängen«, redete ihm Tucker Peckinpah zu. »Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.«



4

Sechzig Jahre, rundlich, vital, immer die Zigarre im Mund, das war Tucker Peckinpah. Sein Haupthaar war stark gelichtet. Er gab eine nette Vaterfigur ab. Doch er konnte nicht nur freundlich und umgänglich sein. Wenn es erforderlich war, konnte er auch hart und energisch durchgreifen. Seine seltenen – dafür aber umso wirksameren – Wutausbrüche waren allerorts gefürchtet.

Er legte den Telefonhörer in die Gabel. Ganz kurz schweiften seine Gedanken ab. Er war mal glücklich verheiratet gewesen. Mit Rosalind. Wie lange war das nun schon wieder her. Es kam ihm wie eine Ewigkeit vor.

Sie wollten damals Urlaub an der Costa Brava machen – an der wilden Küste Spaniens. Wie so oft, hatten Peckinpah dringende Geschäfte zurückgehalten, und so hatte er seiner Frau geraten, schon vorauszufliegen.

Sie hatte es getan – und war ein Opfer von Paco Benitez, dem Blutgeier von Castell Montgri, geworden. Er spürte heute noch ein schmerzhaftes Ziehen in der Brust, wenn er daran dachte. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Doch diese Wunde war noch nicht ganz vernarbt.

Tony Ballard hatte damals Kopf und Kragen riskiert, um den Blutgeier zu vernichten. Rosalind hatte er leider nicht retten können.

Nach diesem Abenteuer hatten sich Peckinpah und Ballard zusammengetan. Peckinpahs Geld und Ballards Mut hatten der schwarzen Macht seither unzählige Niederlagen bereitet, und der reiche Industrielle hoffte, dass diese Erfolgsserie noch lange anhalten würde.

Ein Höllengeier in den schottischen Grampian Mountains.

Er hatte Peckinpahs Gedanken einfach zum Abschweifen bringen müssen. Der schwarze Geier von Blackrock Hall – und der Blutgeier von Castell Montgri. Bittere Erinnerungen riefen diese Parallelen wach.

Der Industrielle nahm seine Zigarre aus dem Mund und drückte auf einen Knopf seiner Sprechanlage. Seine Sekretärin meldete sich sofort. »Ja, Mr. Peckinpah?«

»Ich brauche Tony Ballard. Ganz schnell. Es ist mir egal, wie sie ihn erreichen. Setzen Sie Himmel und Hölle in Bewegung.«

»Okay, Mr. Peckinpah.«

Der Industrielle erhob sich und ging unruhig in seinem, großen Büro auf und ab. Das Ballard-Team hatte zurzeit ein ernstzunehmendes Problem am Hals: Mr. Silver, der Ex-Dämon, hatte seine übernatürlichen Fähigkeiten eingebüßt, als er an der Seite von Tony Ballard gegen Mago, den Schwarzmagier, und dessen Schergen kämpfte.

Es wäre sehr wichtig gewesen, dass Mr. Silver diese außergewöhnlichen Fähigkeiten so rasch wie möglich wiedererlangt hätte, aber das war nicht so einfach.

Angeblich existierte irgendwo zwischen den Welten – in einer Dimensionsfalte – der Tunnel der Kraft. In ihm konnten Dämonen und Ex-Dämonen, die aus irgendeinem Grund ihre übernatürlichen Fähigkeiten verloren hatten, wiedererstarken.

Aber vorher wurde eine brutale Auslese getroffen. Nur die Tapfersten und Mutigsten erreichten ihr Ziel, die anderen blieben auf der Strecke, denn der Weg dorthin war mit vielerlei Gefahren gespickt.

Tucker Peckinpah traute Mr. Silver zu, dass er sich seine Kräfte wiederholte, aber es würde ihm verdammt nicht leichtgemacht werden, das stand fest.

Die Gegensprechanlage summte. Tucker Peckinpah stürzte sich auf den Apparat.

»Ja?«

»Tony Ballard befindet sich auf dem Rückflug nach London, Mr. Peckinpah«, sagte die Sekretärin.

»Großartig. Wann trifft er auf dem Heathrow Airport ein?«

»In einer halben Stunde.«

Peckinpah atmete erleichtert auf.



5

Die Stewardess, ein dunkelhaariges, glutäugiges Mädchen, lächelte mich freundlich an. »Haben Sie einen Wunsch, Mr. Ballard?«

»Nein, vielen Dank.« Ich hätte mit ihr flirten können. Sie wäre nicht abgeneigt gewesen, doch ich war dafür nicht in Stimmung. Mir steckte das, was ich in Gelsenkirchen erlebt hatte, noch tief in den Knochen. Ich hatte Freundschaft geschlossen mit einem Frankfurter Kollegen, also einem Privatdetektiv. Rainer Trissenaar hatte er geheißen. Ein Prachtbursche, mit dem ich mich auf Anhieb verstand.

Bisher hatte er immer nur gewöhnliche Verbrecher gejagt, und er wollte einmal dabei sein, wenn es galt, einen Kampf gegen die schwarze Macht auszutragen. Nun, der Zufall bot ihm diese Gelegenheit. Wir kämpften zusammen gegen den gefährlichen Satanswolf, der in Gelsenkirchen Angst und Schrecken verbreitete.

Und Rainer, dieser sympathische Bursche, der mir in so kurzer Zeit ans Herz gewachsen war, überlebte dieses Abenteuer nicht.

Das war ein schmerzhafter Schlag für mich, von dem ich mich lange nicht erholen würde.

Ich blickte aus dem Bullauge. London. Trist und grau. So sah es auch in mir aus.

Das Leben geht weiter, Tony, sagte ich mir. Du hast keine Zeit, zurückzublicken. Du musst nach vorn sehen und weiterkämpfen. Immer weiter – bis es dir eines Tages so ergeht wie Rainer Trissenaar …

Verdammt, ich fand alles zum Kotzen. Die schwarze Macht schaffte es immer wieder, mir einen Dämpfer zu geben. Ich sollte nicht übermütig werden. Und ich hatte dazu bei Gott keinen Grund.

Der Jet segelte auf die Landebahn nieder. Ich dachte an Mr. Silver und an seine Freundin Roxane, die verbissen versuchten, den Tunnel der Kraft ausfindig zu machen.

Roxane, die Hexe aus dem Jenseits, die die Fähigkeit besaß, zwischen den Dimensionen hin und her zu pendeln, sollte sich um Himmels willen vorsehen, denn Mago, der Jäger der abtrünnigen Hexen, war nach wie vor scharf auf sie, und wenn er ihr in einer anderen Dimension begegnete, und wir nicht bei ihr waren, um sie vor ihm zu beschützen ... Ich dachte diesen Gedanken lieber nicht zu Ende.

»Auf Wiedersehen, Mr. Ballard«, sagte die Stewardess, als ich das Flugzeug mit den anderen Passagieren verließ.

Ich hätte ihre Telefonnummer gekriegt, wenn ich sie danach gefragt hätte, aber ich war nicht interessiert. Sie blickte mir enttäuscht nach. Mir, einem Mann, dem das verfluchte Schicksal wieder einmal eine schwere Bürde zu tragen gegeben hatte.

Nachdem ich mir meine Reisetasche geholt hatte und die Zollformalitäten erledigt waren, hörte ich meinen Namen. Er kam aus dem Lautsprecher. »Mr. Tony Ballard, bitte kommen Sie zur Information! Mr. Tony Ballard zum Informationsschalter, bitte!«

Ich begab mich hin. »Ich bin Tony Ballard.«

»Ein Gespräch für Sie, Mr. Ballard«, sagte das hübsche Mädchen und lächelte mich übertrieben freundlich an. Sie wies auf den Hörer.

Ich ergriff ihn. »Ballard.«

»Hatten Sie einen guten Flug, Tony?«, fragte mich Tucker Peckinpahs Sekretärin.

»Der Flug war gut, aber die Tage in Gelsenkirchen waren mies«, brummte ich.

»Das tut mir leid.«

»Woher wussten Sie, dass ich in dieser Maschine sitze?«

»Ich rief das Hotel in Gelsenkirchen an, in dem Sie wohnten. Man sagte mir, dass Sie abgereist wären und nannte den Flug, den Sie gebucht hatten. Der Rest war eine Kleinigkeit.«

»Wenn Peckinpah Sie mal rausschmeißt, können Sie als Assistentin zu mir kommen«, sagte ich.

»Ich hätte zwar nichts dagegen, für Sie zu arbeiten, aber es wäre mir schon lieber, wenn Mr. Peckinpah mich behalten würde.«

»Ist auch ungefährlicher für Sie«, erwiderte ich.

»Augenblick, ich verbinde Sie mit Mr. Peckinpah.«

Es dauerte nur wenige Sekunden. Dann hörte ich Tucker Peckinpahs laute Stimme: »Tony. Na, wie lief’s in Gelsenkirchen?«

»Erinnern Sie mich nicht daran«, brummte ich.

»Hatten Sie keinen Erfolg?«

»Doch, ich schon.«

»Und wer nicht?«

Ich erzählte es ihm, und er sagte wie seine Sekretärin: »Das tut mir leid.«

»Irgendein triftiger Grund, weshalb Sie mich auf dem Flugplatz abfangen, Partner?«, wollte ich wissen.

»Kann man wohl sagen. Ich weiß, Sie würden jetzt gern nach Hause fahren und die Beine von sich strecken, aber es ist wichtiger, dass Sie sofort zu mir kommen.«

Wenn er so redete, war es wirklich dringend, deshalb sagte ich: »Bin schon unterwegs.«

»Ich habe Ihnen den Rolls Royce geschickt. Er wartet vor der Ankunftshalle auf Sie.«

»Bei Ihnen ist immer alles bis ins Letzte durchorganisiert, was?«

»So spart man Zeit – und Zeit ist in den meisten Fällen Geld. Diesmal hängt davon auch noch ein Menschenleben ab.«

Als ich das hörte, legte ich den Hörer in die Gabel, nickte dem Informations-Mädchen zu und eilte aus der Ankunftshalle. Peckinpahs Chauffeur brachte mich auf dem schnellsten Wege zu seinem Chef.

Zwanzig Minuten nach dem Telefonat saß ich Tucker Peckinpah in dessen holzgetäfeltem Büro gegenüber und verlangte: »Nun erzählen Sie mir, wo es brennt.«

Auf seinem Schreibtisch lag eine Landkarte. »Hier«, sagte er, und sein Finger stieß auf die Grampian Mountains in Schottland nieder.

Schottland. Das erinnerte mich an einen Fall, der etwa ein dreiviertel Jahr zurücklag. Wir hatten es da mit einem gefährlichen Bildhauer namens Abel Gorgonius Koczak zu tun gehabt. Gorgonius! Ja, er war ein Gorgone gewesen, ein Schlangenhäuptiger, dessen Anblick Menschen zu Stein erstarren ließ.

»Ich weiß nicht, ob ich Ihnen gegenüber schon einmal den Namen Hollis Waxman erwähnt habe«, sagte Tucker Peckinpah.

»Hat er mit Geld zu tun?«

»Er ist Anlageberater.«

»Ich glaube, ich habe den Namen schon mal von Ihnen gehört.«

»Waxman besitzt ein Haus in Tamcout am Loch Dombar. Auf der anderen Seite des Sees liegt Morglanssie. Vielleicht ein verfluchtes Dorf. Kann sein, dass es unter schwarzmagischem Einfluss steht. Waxman rief mich von da an. Etwas Schreckliches ist passiert. Kate Gregory, Waxmans Nichte, kam aus Amerika herüber, um ein paar Wochen bei Waxman zu wohnen. Heute fuhr sie auf dem See Wasserski, und es kam zu einem schwarzen Angriff.«

Peckinpah lieferte mir die Details, soweit sie ihm selbst bekannt waren. Ich konnte mir vorstellen, was Hollis Waxman nun mitmachte. Seelenqualen peinigten ihn. Er fühlte sich für seine Nichte verantwortlich. Außerdem liebte er sie, und es hatte den Anschein, als wäre sie bereits verloren.

Ich erfuhr von Blackrock Hall und hörte zum ersten Mal den Namen Ammorgh, der auf diesem Schloss herrschte und allem Anschein nach einem Dämon war. »Diese Geiergeschichte erinnert mich an etwas«, sagte ich, als Tucker Peckinpah geendet hatte.

Der Industrielle nickte ernst. »Mich auch, Tony. Ich war sehr glücklich mit Rosalind. So glücklich war ich nach ihrem tragischen Tod nie wieder.«

»Das glaube ich Ihnen.«

»Mit allem Geld dieser Welt könnte ich mir dieses Glück nicht zurückkaufen.«

Ich atmete tief aus. »Ja, Geld ist eben doch nicht alles.«

Peckinpah sah mich drängend an. »Sie sollten unverzüglich nach Schottland fliegen und dem Treiben dieses Höllengeiers ein Ende bereiten, Tony.«

»Mach’ ich.«

»Ein Hubschrauber steht für Sie bereit.«

»Darf ich mal telefonieren?«

»Selbstverständlich.«

Ich griff nach dem Hörer. »Wenn es möglich wäre, würde ich gern Mr. Silver mitnehmen.«

»Fragt sich, ob er zu Hause ist.«

»Das lässt sich mit einem Anruf leicht herausfinden.« Ich wählte meine Telefonnummer: Paddington 2332.

Am anderen Ende: »Hallo!«

Mr. Silver!

»Hi, Silver«, sagte ich.

»Tony! Bist du wieder in London?«

»Soeben eingetroffen.«

»Kommst du nach Hause?«

»Nein, hör zu, da läuft etwas in Schottland. Ich muss schnellstens hin. Kommst du mit?« Ich berichtete ihm im Telegrammstil, wo ich war und was sich auf Loch Dombar ereignet hatte. Der Ex-Dämon sagte sofort zu und fragte mich, wohin er kommen solle. Ich sagte ihm, wo Peckinpahs Hubschrauber für uns bereitstand, und er versprach, in fünfzehn Minuten da zu sein.

Tucker Peckinpahs Chauffeur fuhr wie die Feuerwehr, als er mich zu dem kleinen Privat-Airport brachte. Als ich da eintraf, stieg Mr. Silver gerade aus meinem weißen Peugeot 504 Tl. Er eilte auf mich zu. Wir drückten uns die Hand.

»Ich hab’ dir eine Menge zu erzählen, Tony«, sagte der Ex-Dämon.

»Während des Fluges«, sagte ich und wies auf die stählerne Libelle. Wir begrüßten den Piloten, der von Peckinpah bereits seine Anweisungen erhalten hatte.

Kaum saßen wir in der Mühle, da drehte sich bereits der Rotor. Wir hoben ab, und ich verließ London schon wieder, kaum, dass ich es erreicht hatte. Bevor Mr. Silver mit seinen Neuigkeiten herausrückte, musste ich ihm berichten, was sich in Old Germany abgespielt hatte. Düstere Schatten legten sich über mein Gesicht, als ich von Rainer Trissenaars furchtbarem Ende erzählte.

Dann kam der Hüne mit den Silberhaaren dran, und was er mitzuteilen hatte, erstaunte und überraschte mich.

»Roxane befindet sich immer noch auf der Suche nach dem Tunnel der Kraft«, sagte der Ex-Dämon. »Sie hat sich schon ziemlich nahe an ihn herangetastet.«

»Ist das nicht ungemein gefährlich?«, fragte ich.

»Nicht so, wie sie es macht«, antwortete der Hüne und schüttelte den Kopf. Er richtete sein Perlmutt färbenden Augen auf mich. »Auch ich war während deiner Abwesenheit nicht untätig«, fuhr er fort. »Ich beschwor niedrige Dämonen, die – wie man so sagt – kein Rückgrat besitzen, ich setzte sie unter Druck, um von ihnen zu erfahren, was mich auf dem Weg zu jenem Tunnel erwartet. Diese Dämonen sind Verräter. Jeder kann sich ihrer bedienen. Sie haben im großen Gefüge der schwarzen Macht keine Bedeutung, wissen nicht allzu viel, und niemand aus der Unterwelt würde sich jemals auf sie verlassen. Sie sind weich. Wenn man sie hart anfasst, fallen sie um. Sie sind feige, keine Kämpfernaturen.«

»Und?«, fragte ich gespannt. »Was hast du von ihnen erfahren? Doch nicht etwa den genauen Standort des Tunnels?«

»Den kennen sie natürlich nicht. Aber ich erhielt von ihnen einen wertvollen Tipp. Wenn du mich nicht aufgefordert hättest, mit dir nach Schottland zu fliegen, wäre ich in den nächsten Tagen allein dorthin aufgebrochen.«

»Wozu?«

»Weil mir diese miesen dämonischen Kriecher verrieten, dass sich meine Überlebenschancen auf dem Weg zum Tunnel der Kraft wesentlich erhöhen würden, wenn ich das Höllenschwert in meinen Besitz bringen würde.«

»Das Höllenschwert? Was ist das für eine Waffe?«, wollte ich wissen.

»Geschmiedet auf dem Amboss des Grauens, ausgestattet mit einer unvorstellbaren Kraft. Es besteht nicht aus Eisen, nicht aus Stahl, sondern aus einem Material, das es auf dieser Welt nicht gibt. Denk an deinen Dämonendiskus, den du um den Hals trägst. Auch dieses milchig-silbrige Material kann kein Mensch analysieren. Mit Hilfe dieses Höllenschwerts könnte ich alle Hindernisse zerstören. Ich wäre sogar überlegenen Gegnern ebenbürtig, könnte sie besiegen.«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907957
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v354004
Schlagworte
tony ballard höllenschwert

Autor

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Titel: Tony Ballard #84: Das Höllenschwert