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Im Schatten des Inka

2017 500 Seiten

Leseprobe

IM SCHATTEN DES INKA


URSULA GERBER


Romantik-Thriller



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Pixabay & Inara Prusakova/123RF mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de





Klappe

Als Tess Harper den Job bei der Henderson Baugesellschaft annimmt, ahnt sie nicht, was sie dort in Peru erwartet. Nicht nur, dass sie sich unglücklich in ihren gutaussehenden Boss verliebt: sie ist wegen einer früheren Vergewaltigung immer noch traumatisiert und nicht in der Lage, sich mit ihm einzulassen. Und er kann nicht akzeptieren, dass ihre Anziehungskraft die Liebe zu seiner verstorbenen Frau langsam verdrängt. Als Ross des Mordes an seinem Partner beschuldigt wird und im Gefängnis landet, versucht Tess verzweifelt die Firma und den geliebten Mann zu retten. Doch das Schicksal wendet sich gegen sie. Denn der Mörder hat es nicht nur auf Ross abgesehen. Im sagenumwobenen Reich der Inkas, die den Göttern lebende Opfer brachten, erwartet sie die Hölle.




Roman

Finger weg! Hilfe! Lass mich! - Nein, nicht! Lass mich! Hilfe!“

Tess schrie. Die Worte kamen abgehackt aus ihrem Mund. Sie keuchte. Mit den Fäusten schlug sie wild um sich.

Es war nicht völlig dunkel. Die Außenbeleuchtung des Veranstaltungslokals war mit farbigen Scheiben vor den Lichtern gedämpft.

Eigentlich konnte sie Allan Tucker sehen. Zumindest seine Umrisse. Aber da war nur dieser große, dunkle Mann, der ihr so grässlich wehgetan und sie beinahe umgebracht hatte. Sie sah seine Hände nach ihr greifen, um sie festzuhalten und ihr wieder so unsäglich wehzutun. Diesmal würde er es schaffen, sie umzubringen, wenn es ihr nicht nochmals gelang, sich zu befreien!

Die Enge des blauen Chevrolet Cabrio, das mit geschlossenem Faltdach auf dem Parkplatz unter den Bäumen stand, die Dunkelheit der Nacht und Allans grapschende Hände, die unter ihren Pullover glitten - all dies versetzte Theresa Harper zurück in jenen grässlichen Alptraum, der ihr ganzes Leben verändert hatte. Seither wurde sie jedes Mal von Panik überfallen, sobald sich ihr ein Mann körperlich zu nähern versuchte.

Allans Stimme vermochte nicht bis zu ihr durchzudringen. Er fluchte, als sie ihn empfindlich an der Augenbraue traf, und steigerte damit noch ihre Angst. Sie hatte auch den Vergewaltiger schmerzhaft getroffen, dass er geflucht und ihr mit dem Tod gedroht hatte.

Dabei war der Abend bis dahin völlig nett verlaufen. Allan und sie hatten engumschlungen getanzt. Die paar Drinks, die er ihr nicht unbeabsichtigt spendiert hatte, entfalteten ihre Wirkung. Tess war lockerer geworden. Und anhänglich.

Allan Tucker war ein netter und erst noch gutaussehender Mann in den besten Jahren. Groß, graumeliert, sympathisch. Straßenbauingenieur. Fast ein Garant für eine gesicherte Zukunft.

Tess hätte sich eine Beziehung mit ihm durchaus vorstellen können. Im Grunde wünschte sie sich die Nähe eines Mannes, nur der Kopf machte seit jenem Alptraum einfach nicht mehr mit, obwohl sie es immer wieder versuchte. Die paar Drinks hatten sie mutiger gemacht und in der Einbildung betrogen, dass sie es diesmal schaffen könnte, ihre Ängste zu überwinden. Sie hatte mehr als normal getrunken, obwohl sie Alkohol eigentlich gar nicht vertrug. Vermutlich war sie dadurch so leichtsinnig geworden, durch irgendwelche entsprechenden Signale Hoffnungen ihn ihm zu wecken. Dabei hätten ihr tanzen, küssen und ein bisschen im Arm halten durchaus genügt.

Bis dahin hatte Tess geglaubt, Allan wäre ein anständiger Mensch. Nie im Leben war sie davon ausgegangen, dass er die Situation für sich ausnützen würde. Der schöne Allan! Aber nun stellte sich heraus, dass der Mistkerl nicht besser war als alle anderen! Mit seinem Schöngerede hatte er sie eingelullt, seine Berührungen und Küsse während dem Tanzen sie verführt, bis sie sich hier auf dem Rücksitz seines Chevrolets wiederfand.

Kaum dass er sie im Wagen an sich zog, wurde der nette Abend auf einen Schlag für sie zum Alptraum, als er sich an sie heranmachte und ihr zu Bewusstsein kam, was da gerade mit ihr passierte. In stockdunkler Nacht befand sie sich mit diesem Mann allein in seinem Auto! Er beugte sich über sie, presste ihr seine heißen Lippen mit atemlosem Keuchen verlangend auf den Mund. Sie spürte seine grapschenden Hände an ihrer Wäsche, auf ihren Brüsten, an ihrem Hals. Mit der Erinnerung stürzte die Panik wieder über sie herein.

Theresa schrie. Voller Verzweiflung und Angst, weil sie wieder da war, diese verfluchte Nacht, die beinahe ihre letzte gewesen wäre und ihr Leben seither zur Hölle gemacht hatte. Wegen dem Dreckskerl, der ihr wehgetan und sie danach zu erwürgen versucht hatte. Nur der glückliche Umstand, dass jemand des Weges gekommen war, hatte sie vor dem Tod bewahrt. Seither lebte sie in ständiger Angst vor dem Bastard. Der hatte seine Hose gerafft und war im Dickicht auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Er war nie gefasst worden, weil sie ihn nicht genügend beschreiben konnte, aber er konnte überall und jede Person und jetzt zurückgekehrt sein, um sein Werk zu vollenden!


Allan Tucker wusste nichts von Theresas Vergangenheit. Die furchtbaren Geschehnisse hatten sie geprägt und begleiteten sie wie ein Fluch, den sie nicht abschütteln konnte.

Er wusste nicht, was er mit seinem Überfall auf sie anrichtete. Er hatte einfach nur ihr Anlehnungsbedürfnis falsch interpretiert. Dass sie sich nun derart gegen ihn sträubte und seinen beruhigenden Worten nicht zugänglich war, schockierte ihn über alle Massen.

Tess hörte nicht auf zu schreien. Sie wehrte sich gegen ihn.

Er versuchte ihre schlagenden Hände festzuhalten und versetzte sie damit nur noch mehr in Panik.


In wildem Keuchen schlug sie um sich, versuchte ihn mit ihren Fäusten zu treffen und mit ihren Nägeln zu kratzen. Sie hörte sich selbst schreien. Hörte, wie sich ihre Stimme vor lauter Kreischen überschlug. Wie er laut fluchte, als ihn ihre Faust abermals empfindlich traf.

Allan murmelte ihr beruhigend zu. Seine Hände griffen nach ihren Handgelenken, pressten ihr die Arme gegen die Brust. Aber was er zu ihr sagte, erreichte sie gar nicht.

Sie schrie und strampelte. Sie stemmte ihn von sich weg, zog die Beine an den Leib und brachte ein Knie zwischen sich. Dann warf sie den Oberkörper gegen ihn, riss die Hände los und begann wieder um sich zu schlagen, so dass er sie von neuem zu halten versuchte.

In dem Gerangel gelang es ihr irgendwie, den Öffner zu betätigen und mit dem Fuß die Wagentüre aufzustoßen.

Tess fühlte tiefste Erleichterung, aber die Panik hielt sie weiter fest im Griff. Sie wusste nicht, dass sie gegen den falschen Mann ankämpfte. In dieser Situation war Allan Tucker nur ein Vergewaltiger und Mörder, der ihr wehtun und sie danach umbringen wollte wie damals jener in dieser dunklen Gasse.

Sie stieß einen wilden Schrei der Verzweiflung aus. Mit aller Kraft versetzte sie ihm einen heftigen Stoß gegen die Brust. Der winzige Moment, in dem er zurücktaumelte und seine Hände von ihren Armen und Brüsten glitten, genügte ihr, sich aus dem Wagen zu werfen und in der Dunkelheit zu verschwinden.

Wie wenn der Leibhaftige hinter ihr her wäre, hetzte sie tränenblind hysterisch schreiend die Straße hinunter und bog in eine Seitengasse ein, um aus dem Licht der Straßenlampen zu kommen. Sie hörte ihn ihren Namen rufen.


Fluchend schlug Allan mit der Faust durch die Luft, um seinen Frust loszuwerden. Er musste einfach auf irgendetwas einprügeln, selbst wenn es so imaginär war. Tess‘ unerwartete Reaktion hatte ihn erst schockiert, ihr Davonlaufen wütend gemacht. Dass sie so auf seinen Überfall reagierte, ließ nur einen einzigen Schluss zu ...

Er gab es auf, hinter ihr herzulaufen, als ihm dieser ungeheuerliche Gedanke durch den Kopf schoss. Demnach machte er ihre Panik vermutlich nur noch schlimmer. Er blieb stehen und änderte seine Taktik. „Komm zurück, wenn du willst, dass ich dich nach Hause bringe, Tess! Du brauchst von mir nichts mehr zu befürchten! Ich werde dich nicht wieder anfassen!“, rief er hinter ihr in die Dunkelheit hinein.


Seine Worte erreichten sie jedoch nicht mehr. Tess war schon zu weit weg, als dass sie ihn durch den Lärm ihres hämmernden Herzschlags noch gehört hätte. Im Geist jedoch vernahm sie die Schritte ihres Verfolgers weiterhin.

Allan rief noch ein paar Mal hinter ihr her. Aber in ihrer panischen Angst kam es ihr gar nicht in den Sinn, dass er sich vielleicht Sorgen um sie machte.

Geduckt hastete sie den engstehenden Häuserreihen entlang, in der Hoffnung, dass sie ihr Schutz vor seinen Augen boten und er sie in der Dunkelheit nicht würde aufspüren können. Sie vernahm das Hallen ihrer eigenen Schritte. Überlaut und drohend. Das Herz schlug ihr schmerzhaft gegen die Brust, als versuchte es ihr die Rippen zu brechen. Ganz sicher konnte der Vergewaltiger jeden einzelnen Schlag davon hören! Und es gab weit und breit nichts, das sie vor ihm schützte!


Irgendwann dämmerte ihr endlich, dass er ihr nicht länger hinterherjagte. Dass Allans Verfolgung vielleicht nur in ihrer Einbildung existiert hatte. Tess konnte es beim besten Willen nicht sagen. Sicherlich waren nicht alle grapschenden Männer zugleich auch Vergewaltiger. Aber er hätte einer sein können und das allein schon jagte ihr einen neuen, kalten Schauder über den Rücken.

Schweratmend blieb sie schließlich unter dem schwachen Lichtkegel eines Fensters stehen. Sie musste sich an der Hauswand abstützen, weil ihre Knie derart maßlos zitterten und sich wie Gummi anfühlten, dass sie kaum noch auf den Beinen stehen konnte.

Aber es war ihr nur für einen kurzen Augenblick vergönnt, sich sicher zu fühlen. Die Panik hielt sie eisern fest in ihren Klauen. Gerade als sie schon erleichtert aufatmen wollte, weil sie sich außer Gefahr wähnte und daran dachte, dass sie vielleicht doch zu überspitzt reagiert hatte, knarzte in fast unmittelbarer Nähe eine aufgehende Tür.

Es war wie ein elektrischer Schlag, als der Schock sie wieder überrollte. Hitze durchflutete sie, der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Sekundenlang konnte sie sich nicht bewegen. Das Herz hämmerte ihr bis in den Kopf hinauf, drohte ihr das Hirn zu sprengen. Einen wilden Schrei ausstoßend, wirbelte sie herum, bevor sie in panischem Schrecken die Beine in die Hand nahm und kopflos weiterrannte, um die nächste Straßenlampe zu erreichen. Im dunklen Gefängnis des Grauens wollte sie nur noch zurück ans Licht, dorthin, wo ihr die Helligkeit eine trügerische Sicherheit versprach.

Tess keuchte vor Angst und Anstrengung. Sie schrie hysterisch weiter, ohne es zu merken. Ihre Lungen brannten und fühlten sich bei jedem Atemzug an, als wären sie mit heißer Lava gefüllt. Sie bekam Seitenstechen. Die Beine erschienen ihr bleischwer. Halb besinnungslos schleppte sie sich taumelnd in die Richtung weiter, wo in dem Moment ein neues Licht aufschien.

Sie nahm gar nicht wahr, dass sie sich gerade aus der Sicherheit des Gehsteigs hinaus begab. Ihre Locken flogen. Mit rasselndem Atem rannte sie auf die beiden näherkommenden Lampen zu, die sie nicht als Leuchten eines heranfahrenden Autos erkannte.


Ross Henderson war in Gedanken versunken, als er die Schnellstraße gegen die kleine Stadt entlangfuhr. Es war leicht neblig, wie oft in dieser Jahreszeit, wo Dunst vom Boden aufstieg und die Schwaden gegen die Kühlerhaube schlugen. Um besser sehen zu können, fuhr er nur mit Abblendlicht. Es war eine einfache Straße mit wenigen flachen Kurven, ohne Verkehr, Zebrastreifen oder Ampeln, die es ihm erlaubte, seine konstante Geschwindigkeit beizubehalten.

Erst als die ersten Häuser vor ihm auftauchten, bremste er auf Innerortstempo ab. Nach wie vor war die Gegend übersichtlich, die Fahrbahn breit und um diese Nachtzeit menschenleer, so dass er seine Gedanken wieder abschweifen lassen konnte. Da es sich um einen Außenbezirk handelte, brauchte er sich um ein plötzliches Verkehrshindernis keine Sorgen zu machen.

Die Probleme auf seiner Baustelle beschäftigten ihn. Kaum war er eine Woche weg in Europa, um sich nach weiteren Sponsoren für sein Bauprojekt umzusehen, ging in Peru alles drunter und drüber! Plötzlich klaffte ein unerklärliches Loch in den Finanzen, weil angeblich ein Geldgeber abgesprungen war, der seine Zusage zurückgezogen hatte. Erfahren hatte er davon erst durch seinen Mitarbeiter Bruce Sheridan, nachdem sein Teilhaber Maddows, der während seiner Abwesenheit den Straßenbau beaufsichtigte, die Löhne an die Arbeiter nicht entrichtet hatte.

Maddows war ihm schon durchs Telefon fast an den Kopf gesprungen, weil er von jemandem darüber informiert worden war, den er nicht preisgeben wollte. Hatte abgewiegelt, dass er viel zu schwarz sehe. Aber nach diesem Telefon vor erst ein paar Minuten war ihm klar, dass er umgehend zurück musste. Die Arbeiter und die Auftraggeber beschwichtigen und ihnen beweisen, dass er in der Lage war, die Baustelle auch ohne den fehlenden Geldhahn weiterzuführen. Er würde die Arbeiter fürs erste von seinen eigenen Rücklagen bezahlen müssen, um Zeit zu gewinnen, jemand anderen als Ersatz zu finden.


Normalerweise wurde diese Stadtzufahrt an den Wochenenden so kurz nach Mitternacht kaum frequentiert. Der Hauptverkehrsstrom war vorbei und die meisten Nachtschwärmer wollten um diese Zeit nicht schon so früh zurück ins Bett. Aber ausgerechnet im selben Moment, in dem Theresa unzurechnungsfähig über die Fahrbahn lief, tauchte aus dem Nichts ein Fahrzeug auf.

Die Abblendlichter des schwarzen Rovers sogen die Nebelschwaden in sich hinein. Was sie für Straßenlampen gehalten hatte, flog nun wie zwei lange Lanzen auf sie zu. Als sie erkannte, dass es sich bei ihrem Irrtum um einen heran schießenden Wagen und nicht um Laternen handelte, befand sie sich bereits mitten auf seiner Spur.

Tess riss die Augen auf, zumal sie hinter dem Steuer einen Mann erkannte und die Panik ihr suggerierte, dass dieser sie nun überfahren würde, um sie danach zu vergewaltigen. Ihrer Kehle entrang sich ein unartikulierter Schrei. Unwillkürlich streckte sie die Arme aus, um sich gegen den Aufprall des massigen Fahrzeugs zu schützen.

Ross zuckte entsetzt zusammen, als sie unvermutet vor der Windschutzscheibe auftauchte. Er reagierte blitzschnell. Sein Fuß trat das Bremspedal bis aufs Bodenbrett durch.

Die Kautschukbeläge kreischten. Es roch nach verbranntem Gummi. Dennoch schien der Rover nicht stillstehen zu wollen. Durch die feinen Nebelperlen war der Asphalt feucht, der Bremsweg länger.

Ross konnte nichts anderes tun als ihr zu bedeuten, dass sie sofort verschwinden musste. Mit der Rechten fuchtelte er wild durch die Luft, sah bereits vor sich, wie er sie überfahren würde. „Weg, weg, verdammt!“, schrie er durchs halboffene Fenster.

Tess starrte in die geweiteten Augen des Mannes, der sie mit Vorsatz gerade überfuhr.

Ihre Blicke begegneten sich. Bei beiden setzte für einen Moment der Herzschlag aus.

Sie nahm wahr, wie gut er aussah. Kantiges Gesicht. Das dunkle Haar, vom Fahrwind zerzaust, hing ihm lässig in die Stirn.

Ross stieß einen Fluch aus, weil die dumme Person statt wegzurennen stocksteif stehenblieb. Mit beiden Händen riss er das Lenkrad derart hart herum, dass er ins Schlingern geriet.

Gestänge und Reifen quietschten, als der Geländewagen auf die Gegenfahrbahn ausscherte und das Heck sich zu drehen begann. Obwohl der Rover dadurch endlich stand, erwischte er sie mit dem hinteren Kotflügel.

Der Aufprall riss Tess die Beine unter dem Leib weg und bewirkte, dass sie hart auf dem Boden aufschlug. Kleine Steinsplitter ritzten ihre Haut und bohrten sich ins brennende Fleisch ihrer Handflächen, weil sie intuitiv den Sturz abzufangen versuchte. Ihre Kiefer krachten aufeinander, der Kopf wurde ihr in den Nacken geschleudert. Für einen Moment schien sich alles um sie herum zu drehen. Ihr wurde schwarz vor den Augen.


Ross sprang aus dem Wagen, kaum dass er zum Stillstand kam. Er ließ die Lichter brennen, den Motor laufen und das Auto mitten auf der Fahrbahn stehen. Sein Herz hämmerte wild beim Gedanken, dass der Frau etwas Schlimmes zugestoßen sein könnte und ihm eine Gerichtsklage gerade noch gefehlt hatte.

Er eilte zu ihr und beugte sich zu der Frau hinab. Zu seiner Erleichterung bewegte sich ihr Brustkorb auf und ab. Sie lebte. Behutsam versuchte er sie aufzurichten. Dabei kippte ihr Kopf haltlos gegen seine Schulter.

Scheiße! Kommen Sie wieder zu sich!“ Er stieß er einen lästerlichen Fluch aus, bevor er sich ans Notwendige erinnerte. „Sie müssen runter von der Straße!“ Kurzerhand packte er sie ruppig unter den Achseln und schleifte sie rückwärts auf den Gehsteig.

Nervös sah er sich nach Beobachtern um, nach jemandem, der ihm helfen oder die Polizei verständigen konnte. Wobei er letzteren nicht unbedingt gern begegnen wollte. Aber in dieser Nacht schienen die Menschen alle anderswo unterwegs oder schon im Bett zu sein.

Mit zusammengezogenen Augenbrauen starrte Ross auf sie nieder. In ihrer Unschuld sah sie verletzlich aus. Und hübsch. Blond und mädchenhaft. Trotz seines Ärgers klang in ihm gleichwohl etwas an. Sein Beschützerinstinkt regte sich. Aber er musste weg! Weg von der Straße und fort von dem Unglücksort! Er wollte nicht von der Polizei überrascht werden, falls ein Anwohner den Unfall doch gesehen und sie verständigt hatte!

Kurzerhand hob er Tess auf die Arme. Während er sie eilig zum Wagen hinübertrug, überlegte er fieberhaft, was er nun mit ihr tun sollte. Ins Krankenhaus bringen oder doch besser die Polizei verständigen?

Er steckte in einem Dilemma. Er hatte schon eigene Probleme genug! Wenn sie den Unfall ihm anhängten, konnte er nicht weg! Dabei war sie ja schuld daran, weil sie vor sein Auto gelaufen war! Und er musste seine Firma und sein Geld schützen!

Glücklicherweise sah die Kleine nicht wirklich ernsthaft verletzt aus. Nirgends war Blut. Er musste es einfach riskieren! Auch auf die Gefahr hin, dass er sich täuschte oder sie ihn auch noch wegen Kidnapping anzeigte! Aber bis dahin saß er hoffentlich auf dem Weg nach Peru längst im Flugzeug!

Das Fahrzeuggestänge ächzte, als er sich etwas zu energisch hinters Steuer wuchtete, nachdem er sie auf dem Beifahrersitz festgeschnallt hatte. Er startete den Motor und rollte an, um den Rover von der falschen Straßenseite wegzubringen. Aber er fuhr lediglich bis an den Randstein und hielt wieder an. Die Hände am Lenkrad, warf er neugierig ein Auge auf seinen unfreiwilligen Gast.

Tess lehnte mit dem Kopf an der Scheibe und der Genickstütze. Sie sah aus, als schliefe sie.

Ein Blick in ihr reizendes Gesicht und sein Ärger verflog. Sie war schön. Mädchenhaft im Schlaf und dennoch vollendet Frau. Ihre Brüste hoben sich bei jedem Atemzug. Für ihre schlanke Gestalt hatte sie einen hübschen Vorbau. In Gedanken berührte er ihren Busen, versuchte sich vorzustellen, wie sie sich anfühlen würde. In Gedanken strich er ihr eine lose Haarsträhne hinters Ohr zurück …

T’schuldige, Liv! Mit einem gereizten Seufzer trat er endlich das Gaspedal durch. Er brauchte noch ein paar Stunden Schlaf, bevor der Tanz begann! Die Nacht würde ohnehin schon verdammt kurz werden! Ich kann mich im Flieger ausruhen!, versuchte er sich zu beruhigen. Jetzt musste er erst mal von hier verschwinden!


Tess lag leicht und schutzbedürftig in seinen Armen, als er sie die Treppe zu seinem Appartement hochtrug. Er schätzte sie auf Mitte zwanzig. Im Schlafzimmer setzte er sie an die Kante und zog die Bettdecke weg, damit er sie zudecken konnte. Ihr blondes Haar fiel ihm wie ein wallender Vorhang über den Arm und kitzelte seine Hände, als er sie behutsam zurücklegte und ihren Kopf aufs Kissen bettete. Er betrachtete ihr Antlitz mit einem versonnenen Blick, bevor er sich niederbeugte, um ihr die Schuhe auszuziehen. Er hob ihren Fuß hoch und streifte ihr zuerst die eine, dann die andere Sandalette ab.

Sie seufzte tief, als seine Daumen dabei über ihren Rist strichen.

Sie hatte kleine, zierliche Füße mit hübschen Zehen. Es irritierte ihn, dass er das überhaupt wahrnahm. Seit vier Jahren hatte ihn keine Frau mehr derart zum Klingen gebracht.

Sie rollte sich im Schlaf herum und zog die Knie an den Leib, so dass er ihren Reißverschluss im Rücken erreichen und hinunter schieben konnte. Ihre Haut fühlte sich glatt und fest an, und wunderbar warm. Er streifte ihr den Träger ihres Sommerkleids über die Schulter und befreite sie davon.

Sie ließ sich widerstandslos wie eine bewegliche Puppe ausziehen, ohne dass sie aus ihrer Ohnmacht erwachte.

Er betastete mit den Fingerspitzen behutsam die großflächige, bläulich verfärbte Stelle an ihrer Hüfte, wo der Kotflügel sie erwischt hatte, als versuchte er das Malheur wegzuwischen. Zum Glück ist es nur ein Bluterguss!, beruhigte er sich zerknirscht. Aber was für einer! Morgen würde sie vermutlich Mühe beim Gehen und vom Aufprall ziemliche Kopfschmerzen haben.

Unter seiner Berührung drehte sie sich seufzend wieder auf den Rücken. Ihre Schenkel klafften auseinander, als ihr angewinkeltes Knie gegen ihn fiel. Es war eine aufreizende, um nicht zu sagen auffordernde Pose.

Er schluckte hart, als sie nur noch in Slip und Büstenhalter bekleidet vor ihm auf dem Bett lag. Ein Push-up-BH. Unterwäsche mit feinen Spitzen. Und dann so offenherzig. Plötzlich verspürte er den Wunsch sie zu vögeln, sie in den Arm zu nehmen und festzuhalten. Sie sah so zierlich und verletzlich aus. Aber er musste weg! Und sie würde ihn vermutlich nicht wiedersehen wollen! Gleichwohl begehrte er sie. Sie reizte ihn auf eine Weise, die ihn verärgerte. Das lag sicher nur an dieser unglücklichen Pose!

Unwillkürlich dachte er an Olivia, die er fast abgöttisch geliebt hatte, und ihn beschlich ein schlechtes Gewissen, weil er dieses Mädchen gerade mit ihr verglichen hatte. Hastig schob er die Gedanken von sich und zog die Bettdecke über sie. Aber das Bild ihres halbnackten Körpers ließ sich dadurch nicht ausblenden.


Als Tess zu sich kam, lag sie in einem weichen Bett. Das war mehr, als sie nach den Erlebnissen der vergangenen Nacht hatte erwarten dürfen. Selbst durch die geschlossenen Lider blendete sie die Helligkeit der Lampe. Außer Schmerzen spürte sie ihren Körper kaum noch. Ein dumpfes Hämmern dröhnte in ihrem Kopf. Der Bastard hatte sie niedergeschlagen, um sie ruhigzustellen!

Der Gedanke fühlte sich an wie ein elektrischer Schlag.

Abrupt riss sie die Augen auf, obwohl es sie eine ungeheure Anstrengung kostete, aber sie musste einfach wissen, wer der Kerl war, der ihr das wieder angetan hatte!

Das grelle Licht blendete sie so stark, dass sie die Augen sofort wieder schloss. Aber der kurze Eindruck nahm sie heftig mit. Zwar befand sie sich in einem netten Zimmer mit Beistelltisch und Fenster, offener Türe auf den Flur und Tapete, aber - an ihrem Bett saß dieser Mann! Nicht Allan, sondern der Kerl, der sie mit Absicht angefahren hatte!

Er war groß und breitschultrig, mit geradem, schwarzem Haar, das er hinter die Ohren zurückgekämmt hatte, einem energischen Kinn und markanten Gesichtszügen.

Tess riss krampfhaft die Augen auf. Mit einem Ruck saß sie kerzengerade im Bett und warf die Decke zurück, um vor ihm zu fliehen.

Schon gut, ganz ruhig, ich tue Ihnen nichts! Sie sind in Sicherheit“, drang seine angenehme sonore Stimme in ihr Bewusstsein.

Obwohl er sich nicht vom Sessel rührte, um sie festzuhalten, entging ihr der verärgerte Tonfall nicht. Trotzdem hielt Tess inne. Sie schluckte hart. Wie gebannt starrte sie argwöhnisch in seine dunklen Augen, aus denen er sie finster anblitzte. Hatte sie eine Chance, um ihm zu entrinnen? Er sah stark und muskulös aus. Vermutlich wäre sie in ihrem Zustand nicht schnell genug für ihn! Ihr Herz hämmerte zum Zerspringen und verstärkte ihre Kopfschmerzen, aber sein Blick nagelte sie fest. Sie hockte mit angezogenen Beinen vor ihm und starrte zurück. Zumindest war er attraktiv. Dunkle Haarsträhnen hingen ihm über die Augen. Er musterte sie eingehend.

Wo bin ich? Was tue ich hier? Wieso haben Sie mich hierher gebracht?“, keuchte sie mit einer Stimme, die ihr kaum gehorchen wollte.

Sie hatten einen Unfall“, antwortete er knapp.

Ich weiss, ich erinnere mich. Sie haben mich überfahren!“

Ja, zum Teufel!“

Sie begann zu zittern vor Angst, als sich seine Stirn beim Nicken in Falten legte und seine Brauen sich über der Nasenwurzel zusammenzogen. Kein gutes Zeichen, dass er wütend war!

Was zum Geier war mit Ihnen los? Ich hätte sie mit dem Rover töten können! Wie kommen Sie dazu, einfach auf die Straße zu laufen? Wenn Sie Selbstmord begehen wollten, hätten Sie sich einen anderen als mich aussuchen können!“

Was? Nein! Das wollte ich doch gar nicht!“ Mit verzerrter Miene vermied sie es, den Kopf zu bewegen, damit die Schmerzen erträglich blieben, schüttelte stattdessen abwehrend die Hände, um ihre Worte zu bekräftigen. „Bitte, schreien Sie nicht so, ich habe Kopfweh!“, würgte sie mühsam hervor.

Sie erkannte ihre eigene Stimme kaum wieder. Es war lediglich ein heiseres Krächzen, das sie über die Lippen brachte. Ihre Kehle fühlte sich an wie Sandpapier und die Zunge schien angekleistert am Gaumen zu kleben. Hastig fuhr sie mit der Zungenspitze über die trockenen Lippen, aber der Versuch, sie anzufeuchten war hoffnungslos. Sie blieben genauso trocken wie zuvor, als hätte sie seit Tagen nichts zu trinken bekommen.

Was haben Sie für einen verdammten Stoff geraucht?“

Theresa fiel fast die Decke auf den Kopf. Wovon redete der Mann überhaupt?

Was?“, krächzte sie verwirrt.

Er stieß einen genervten Seufzer aus. „Ich sehe schon, Sie sind noch immer völlig weggetreten.“

Was haben Sie mir gegeben?“

Ich?“ Er prallte sichtlich gekränkt zurück. „Ich gewiss nichts! Ihr Alkoholpegel war wohl ziemlich hoch und ich würde wirklich gern wissen, was Sie sonst noch zu sich genommen haben!“

Ich doch nichts!“ Beleidigt starrte sie den gutaussehenden Schurken an, der ihr solch Infames unterstellte, wo er ihr doch sicher selbst etwas eingeflößt hatte, damit er sie … Wie auf Knopfdruck wurde sie von einer heißen Welle überspült. Hastig blickte sie bestürzt an sich hinunter.

Obwohl sie damit hatte rechnen müssen, weiteten sich ihre Augen vor Schreck. Sie war nur noch mit Slip und Büstenhalter bekleidet!

Ihr Mund trocknete vollends aus. In ihrem Unterleib zogen sich die Muskeln zusammen, als sie sich vorstellte, was er mit ihr alles angestellt haben mochte, während sie ohnmächtig da lag. „Haben Sie mich …?“ Ihr Herz pochte laut.

Er nickte. „Ja, ich habe Sie ausgezogen, damit Sie es bequemer haben.“

Nein, ich meine, haben Sie …?“

Habe ich was?“

Verlegen schüttelte sie schwach den Kopf. „Sie wissen schon … Was Männer mit Frauen machen …“

Seiner Kehle entrang sich ein bitterer Lacher. „Danke für die Blumen! Sehe ich aus, als wäre ich so ein Mistkerl? Lady, Sie scheinen mir wirklich ziemlich verwirrt zu sein! Nein, habe ich nicht! Obwohl die Gelegenheit dazu bestanden hätte, das gebe ich zu. Aber so einer bin ich nicht, der kleine wehrlose Mädchen schändet! Ich bevorzuge etwas beweglichere Frauen in meinem Bett! So komatös wie Sie waren, hätten Sie mir wenig Freude bereitet!“

Aufatmend stellte sie fest, dass alles andere an ihr schmerzte, nur nicht die Stelle, die sie erwartet hatte. Vor lauter Erleichterung fühlte sie sich halb schwindlig. Da er sich nicht von der Stelle rührte, wagte Tess einen kurzen Seitenblick, um sich umzusehen. Es war ein nettes Zimmer und wirkte völlig ungefährlich. Das Bettzeug war ordentlich und nicht zerknüllt. Ihr Blick schweifte verwirrt auf ihn zurück. „Weshalb haben Sie mich dann her gebracht?“

Er bedachte sie mit einem bitteren Lacher. „Was hätte ich denn sonst tun sollen, nachdem Sie ohnmächtig wurden?“

Oh.“ Sie drückte kurz die Finger gegen die schmerzenden Augen. „Wie lange war ich weggetreten?“

An die zwei Stunden.“

Und Sie haben mich nicht …?“

Über sein Gesicht legte sich ein dunkler Schatten, als seine Miene sich noch mehr verdüsterte. „Wäre Ihnen das lieber gewesen?“, knurrte er so missmutig, dass sie hastig den Kopf schüttelte, um gleich darauf vor Schmerzen aufzuschreien. „Nein, natürlich nicht!“

Sie sind nämlich nicht gerade mein Typ!“ Er drehte sich auf dem Stuhl gegen die Wand herum.

Oh!“ Tess vergaß angesichts dieser Unverblümtheit ihre Angst. Sie starrte ihn perplex an. Sie wusste nicht weshalb, aber irgendwie fühlte sie sich von ihm enttäuscht.

So, und jetzt, nachdem das geklärt ist, werden Sie das hier trinken, damit ich endlich schlafen gehen kann!“ Er streckte ihr zwei weiße Tabletten und ein Glas mit einer durchsichtigen Flüssigkeit entgegen, welche er vom Schreibtisch hinter sich geklaubt hatte.

Was ist das?“, erkundigte sie sich argwöhnisch.

Auf seiner Miene malte sich Entrüstung, weil sie ihm schon wieder misstraute. „Nur Wasser! Und zwei Aspirin gegen die Schmerzen. Die vertragen sich mit dem Zeug, das Sie intus haben, zwar vermutlich nicht so toll. Verkotzen Sie mir bitte nicht mein Bett!“, knurrte er verärgert.

Sein Bett?, dämmerte es ihr. Plötzlich musste sie lächeln. Das war wirklich nett, dass er ihr sein Bett zur Verfügung stellte. Das harte Glitzern seiner Augen verriet ihr jedoch, dass ihm dies nicht unbedingt Vergnügen bereitete. Und ihr wurde klar, dass ihr Auftauchen vor seinem Auto ein Schock für ihn gewesen sein musste.

Durstig stürzte Tess das Wasser hinunter, ohne einmal abzusetzen. Danach fühlte sie sich ein klein wenig besser. Unsicher blinzelte sie den Mann an und stammelte ein heiseres: „Danke.“

Mit verärgerter Miene winkte er unwirsch ab, während er sich erhob. Kurzerhand nahm er ihr das Glas aus der Hand, damit sie es nicht fallen ließ, und stellte es auf den Nachttisch. „Am besten schlafen Sie jetzt, bis der Cocktail in Ihrem Blut sich aufgelöst hat! Ich lege mich nebenan aufs Sofa. Im Gegensatz zu Ihnen muss ich heute arbeiten!“

Heute?“, wiederholte Tess mit ungläubigem Starren. Für normale Menschen war heute Sonntag!

Er befand sich bereits auf dem Weg nach draußen, als sie ihn mit der irritierten Frage zurückhielt. Mit einem kurzen Blick vom Türrahmen her nickte er knapp. „So ist es! - Also, schlafen Sie jetzt! Und dann verschwinden Sie!“

Wohlweislich hielt Tess diesmal den Kopf gerade und sie antwortete, ohne sich zu bewegen. „Ja, natürlich.“

Der Mann verschwand so schnell, dass sie ihm nicht mal mehr danken konnte. Mit offenem Mund starrte sie auf die zugezogene Tür. Sie streckte die Beine unter der Bettdecke aus, rollte sich auf die gesunde Seite und stieß einen frustrierten Seufzer aus. Da war mal ein attraktiver Kerl, der ihr gefiel, und dann wollte der Typ nichts mit ihr zu tun haben? Obwohl er so lange neben ihr gesessen und die ganze Zeit über bei ihr gewesen war?

In dem Moment dachte sie nicht an ihre Probleme und wie unmöglich es für sie war, die Spezies Mann an sich heranzulassen. Sie dachte nur noch daran, dass ihr dieses Freuden spendende Teil zwischen den Beinen fehlte. Gefühle und Wünsche, sich zu verlieben, eine Familie zu gründen und wiedergeliebt zu werden, hatte sie trotz der Vergewaltigung genauso. Es war dadurch alles nur viel komplizierter geworden! Ohne es zu wollen zogen sich in ihrem Unterleib längst tot geglaubte Muskeln zusammen. Und sie stellte sich vor, wie zärtlich und rücksichtsvoll er sie lieben würde …


***


Es war schon nach neun, als Tess endlich erwachte. Durch die offenen Vorhänge flutete das Tageslicht ins Zimmer, als sie die Augen öffnete.

In einem schrägen Winkel fiel die Sonne herein und malte goldene Quadrate auf den mit Teppich ausgelegten Fußboden. Das Bett stand in der Nähe des großen Fensters an der Wand, das Nachttischchen teilweise darunter. Schräg gegenüber war ein schmaler Schrank in die Mauer eingelassen. Ein halbleeres Büchergestell und ein massiver Schreibtisch rundeten die Einrichtung ab.

Tess drehte sich auf den Rücken, dehnte und streckte sich, bevor sie ungeniert gähnte. Versonnen blickte sie zur Decke hinauf. Es fühlte sich merkwürdig an: es war Sonntag und sie lag in einem fremden Bett - nur der Mann an ihrer Seite fehlte. Als sie sich an den attraktiven Typen der letzten Nacht erinnerte, tat es ihr fast leid, dass nichts zwischen ihnen gewesen war.

Sie warf die Decke zurück und schwang sich ungelenkig aus dem Bett. Ihr Körper schmerzte und erinnerte sie an den hässlichen Zusammenstoß mit seinem Wagen, der sie umgehauen hatte. Sie hätte gern gewusst, was danach passiert war. Was hatte er mit ihr gemacht? Und wie hatte er sie hierher gebracht, ohne dass sie es merkte? Ihr fehlten tatsächlich ein paar Stunden ihres Lebens.

Blinzelnd starrte sie zum Fenster hinaus ins Sonnenlicht und auf einen großen Vorhof. Wäscheleinen mit farbigen Kleidern waren quer darüber gespannt. Sie hörte eine pummelige Frau ein Lied vor sich hin trällern, die noch mehr Wäsche aufhängte. Der Hof wirkte sauber und aufgeräumt. Ein paar Kinder spielten mit Murmeln. Ihr kreischendes Lachen drang zu ihr herein. Der Himmel über ihnen war strahlend blau und praktisch wolkenlos.

So schrecklich die letzte Nacht geendet hatte, so makellos begann dieser neue Tag. Die Sonne reflektierte sich auf ihrem blonden Haar, das ihr in weichen Wellen über die Schultern fiel, und vergoldete es.

Fast gewaltsam riss sie sich vom Anblick der spielenden Kinder los. Eine leichte Trübsal machte sich in ihr breit, dass sie dies wohl nie würde erleben dürfen, wenn es ihr nicht gelang, sich von ihren Ängsten zu befreien.

Sie trat in einen großen, geschmackvoll möblierten Raum, der unschwer als Wohnzimmer zu erkennen war. Hier gehörten eine Polstergruppe mit braunem Stoffbezug, ein mittelgroßer, runder Holztisch und eine Wohnwand mit einer kleinen Getränkebar zur Einrichtung. Von der weißgestrichenen Decke hing ein fünfarmiger Leuchter herab. Die Wände waren bis auf zwei Landschaftsbilder völlig kahl.

Neugierig schlenderte Tess durch das Appartement, zu dem lediglich noch ein kleines Bad mit Dusche und eine etwas größere Küche gehörten. Sie hätte gern gewusst, was dieser Mann für ein Mensch war, in dessen Wohnung sie sich befand, aber leider gab es nichts Privates, das ihr etwas über ihn verraten hätte.

Seufzend ließ sie sich aufs Sofa fallen. Die verschränkten Hände an der Stirn, schloss sie für einen Moment die Augen. Sie lächelte vor sich hin und versuchte sich das Bild ins Gedächtnis zu rufen, wie er neben ihr auf dem Stuhl gesessen und über sie gewacht hatte, obwohl er danach grantig gewesen war. Nur an seine Augen konnte sie sich nicht erinnern. Außer dass sie vor Ärger gefunkelt hatten. Es war trotzdem lieb von ihm, dachte sie gerührt.

Sie bedauerte, ihm nicht nur ungelegen gekommen zu sein, sondern auch noch die nötige Nachtruhe gestohlen zu haben. Bisher hatte sie ihm nur lauter Unannehmlichkeiten bereitet! Fast wünschte sie sich, den Mann unter anderen Umständen kennengelernt zu haben. Wer weiß, was dann daraus geworden wäre? Stattdessen hatte sie sich auch noch in seinem Bett breitgemacht - wenn auch unfreiwillig. Jedenfalls war sie froh darüber gewesen, ihre schmerzenden Knochen auf der weichen Matratze ausstrecken zu können.

Sie nahm sich vor, ihm dafür zu danken und sich bei ihm zu entschuldigen, als ihr einfiel, dass er sie gemäß seiner letzten Aussage wohl nur ungern noch hier antreffen würde, wenn er nach Hause kam. Wahrscheinlich ging er eh davon aus, dass sie baldmöglichst auf Nimmerwiedersehen verschwand. Das hatte sie auch vor. Sie wollte seine unfreiwillige Gastfreundschaft nicht länger als nötig in Anspruch nehmen.

Tess kehrte ins Schlafzimmer zurück, um ihre Handtasche zu holen, die er auf den Schreibtisch gelegt hatte, und stellte fest, dass sie offen war. Ihr Pass und die Kreditkarte lagen obenauf. Verärgert spürte sie, wie sich ihre Eingeweide zusammenzogen. Dieser Mistkerl hatte in ihren Sachen herumgewühlt! Und jetzt wusste er, wer sie war und wo sie wohnte!

Auf einen Schlag kehrte die alte Angst zurück. Vielleicht war der vergangene Abend nur so etwas wie ein Vorspiel auf das gewesen, was er in späteren Nächten mit ihr vorhatte?

Tess fühlte einen eisigen Schauder über den Rücken rieseln. Energisch schüttelte sie den Kopf, um ihre Furcht abzuwerfen. Oh nein, sie würde ihm keine Chance lassen, in ihre Wohnung einzudringen! Und ganz sicher würde sie nie mehr nachts außer Haus herumlaufen!

Schweratmend rief sie sich zur Räson. Wahrscheinlich tue ich ihm ja völlig Unrecht!, redete sie sich wieder Vernunft ein. Meine Panik geht einfach nur mit mir durch!


Der Schreck fuhr ihr in alle Knochen, als neben ihr plötzlich das Telefon auf dem Schreibtisch schellte. Der schrille Ton schmerzte in den Ohren und entfachte die Trommelwirbel in ihrem Kopf von neuem, trotzdem ließ sie es läuten. Sie konnte doch nicht einfach den Hörer abheben? Was würden sonst die Leute denken, wenn sich eine wildfremde Person in dieser Wohnung meldete? Und noch dazu eine Frau!

Aber der Anrufer blieb hartnäckig, rief erneut an, was sie schließlich zu dem Gedanken bewog, dass es sich vielleicht um etwas Dringendes handeln könnte. Zögernd hob sie den Hörer ans Ohr. „Hallo?“, meldete sie sich mit zittriger Stimme und horchte auf eine Antwort.

Sie erkannte ihn sofort: „Sie sind ja immer noch hier“, stellte er sachlich fest. Und er klang dabei noch nicht einmal wütend.

Dennoch fühlte Tess sich von ihm angegriffen. Verärgert runzelte sie die Stirn, kniff missmutig die Lider zusammen. „Ich wollte gerade gehen. - Rufen Sie an, um das herauszufinden?“

Nein, eigentlich nicht. Ich bin froh, dass ich Sie noch erreiche ...“

Tess fragte sich weshalb.

„… obwohl Sie mir gestern ziemliche Unannehmlichkeiten bereitet haben.“

Verstimmt sog sie die Luft ein. Er konnte es einfach nicht lassen, ihr diese Peinlichkeit wie einen Stempel aufs Auge zu drücken! Das wäre nun gewiss nicht nötig gewesen! „Ja, tut mir leid“, murmelte sie zerknirscht.

Auf diese Weise erspare ich mir die Suche nach Ihnen.“

Die Suche? Warum?“ Du hast ja meine Adresse! Unvermittelt begann ihr Herz nervös zu klopfen. „Was habe ich denn nun schon wieder falsch gemacht?“

Sie hörte ihn durch die Nase lächeln. „Nichts. Außer dass Sie in mein beschauliches Leben geschneit sind. Aber vielleicht hat das ja auch sein Gutes. - Sie sind doch Sachbearbeiterin. Sie könnten mir behilflich sein.“

Argwöhnisch runzelte sie die Stirn. „Woher wollen Sie das wissen?“

Ich pflege mich über meine Angestellten zu informieren, bevor ich ihnen einen Job anbiete.“

Tess glaubte sich verhört zu haben. „Sie wollen, dass ich für Sie arbeite?“, krächzte sie aufgeregt. Bot ihr dieser attraktive Mann wirklich gerade eine Stelle an, obwohl er sie nicht ausstehen konnte? „Wieso sollten Sie das tun?“

Haben Sie meine Nachricht nicht gesehen?“, erkundigte er sich anstelle einer Antwort.

Nein. Wo?“ Sie sah sich um, bis sie feststellte, dass vor ihrer Handtasche auf dem Schreibtisch ein dünner Karton lag, der durch den Luftzug beim Öffnen des Fensters wohl umgekippt war.

Auf dem Schreibtisch.“

Gefunden.“ Sie drehte ihn um und saugte scharf die Luft ein, als sie die unwirschen Zeilen las: „Wenn Sie ausgenüchtert sind und wieder klar denken können, rufen Sie mich bitte an!“ Mit Ausrufezeichen!

Auf einen Schlag war Tess’ Dankbarkeit fortgewischt. Wut über diesen unmöglichen Kerl machte sich in ihr breit. „Ich war nicht betrunken!“, reklamierte sie heftig, ehe sie versöhnlicher einlenkte: „Na ja, höchstens beschwipst. Aber das war es nicht, weshalb ich ohnmächtig wurde! Ich habe mir Ihretwegen den Kopf angehauen, falls Sie sich erinnern!“

Was außerdem noch eine Ursache für ihren Schock gewesen war, gedachte sie allerdings nicht zu erwähnen. Sie hatte es noch nie jemandem erzählt - außer damals dem Arzt und der Krankenschwester, weil es nicht anders ging. Aber da sie den Mistkerl nicht genügend beschreiben konnte, war er nie gefasst worden. Das war vielleicht auch der Grund, weshalb sie nicht davon loskam und jedes Mal aufs Neue in Panik geriet, sobald ein Mann sich ihr körperlich zu nähern versuchte.

Das ist jetzt egal Ich will mich nicht mit Ihnen streiten. Hören Sie zu! Ich hatte letzte Nacht genügend Zeit, mir Gedanken über Sie zu machen. Wo Sie schon mal da sind, könnten wir uns vielleicht gegenseitig etwas unterstützen. Ich habe ein paar Erkundungen über Sie eingezogen und weiß, dass Sie arbeitslos sind.“

Was?“ Vor Wut über seine Dreistigkeit konnte Tess kaum atmen. Ihre Stimme klang selbst für ihre eigenen Ohren schrill. „Was fällt Ihnen ein? Wer hat Ihnen erlaubt, in meinem Leben herumzuschnüffeln?“, fuhr sie ihn unwirsch an. Am liebsten hätte sie den Mistkerl erwürgt, dass er sich erdreistete, solche intimen Dinge über sie auszuspionieren.

Er klang davon nicht im Mindesten beeindruckt. „Wenn ich Ihnen schon so viel Vertrauen schenke und Sie allein in meiner Wohnung lasse, wollte ich wenigstens wissen, mit wem ich es zu tun habe.“

Sein Argument klang zwar durchaus vernünftig, wenn da nicht die Angst präsent gewesen wäre, weil er jetzt wusste, wo sie wohnte. Und er hatte lange genug Zugang zu ihrem Schlüssel gehabt, um sich in den vergangenen Stunden mit Leichtigkeit einen Ersatz machen zu lassen!

Idiotin!, dachte sie kopfschüttelnd, als sie versuchte, ihre Furcht zu bändigen. „Womit soll ich die Sache wieder ausbügeln?“, erkundigte sie sich misstrauisch.

Ich bin auf dem Weg nach Cusco. Dort lebe und arbeite ich momentan. Es gibt Probleme auf der Baustelle, deshalb konnte ich nicht bleiben. Ich brauche Ihre Hilfe. Kommen Sie her, sobald es Ihnen möglich ist.“

Sprachlos ließ sich Tess auf den Stuhl vor dem Schreibtisch sinken. Dieser Mensch war wirklich unmöglich! Zuerst ließ er seine Wut an ihr aus und gab ihr zu verstehen, wie unschön er ihren Zusammenstoß fand, und nun befahl er ihr regelrecht, zu ihm in ein fremdes Land zu kommen? Allein sein Befehlston versetzte sie in Rage. Dieser Mann hatte ihr nichts zu befehlen! Ihr hatte überhaupt kein Mann etwas zu befehlen!

Sie sind verrückt. Sie schleppen mich in Ihre Wohnung, obwohl Sie sich über mich ärgern, und dann wollen Sie, dass ich für Sie arbeite? - Ich weiß ja nicht mal, wie Sie heißen!“

Mein Name steht draußen auf dem Türschild. Ross Henderson. Mir gehört die Henderson Corporation. - Es ist nicht verboten, seine Meinung zu ändern. Das wusste schon Konrad Adenauer.“

Mr. Henderson, ich wüsste nicht, was ich in Cusco zu suchen hätte“, erwiderte sie ablehnend. Es gab wirklich keinen Grund dafür, außer dass die einmalige Baukunst und Geschichte der Inkas sie interessiert hätte.

Wir vergessen die Beule an meinem Wagen, dazu kriegen Sie noch eine Reise in ein fantastisches Land geschenkt. Also bitte, machen Sie mir die Freude und kommen Sie.“

Freude?“, fragte Tess überrascht. „Dann sind Sie nicht mehr böse auf mich?“

Nein. Wenn Sie nicht wieder davon anfangen, vergessen wir’s.“

Ihr Herz klopfte heftiger. Wenn sie sein Angebot annahm, würde sie diesen gutaussehenden Mann wiedersehen. Dann wäre er ihr Boss und sie könnte ihn aus der Ferne anhimmeln. Das war ungefährlich.

Was haben Sie zu verlieren?“ Bei dieser Frage klang seine Stimme klang weicher.

Sie schluckte hart. Wie viel wusste der Kerl eigentlich von ihr?

Die Antwort lieferte er gleich selbst: „Sie sind derzeit ohne Job und haben niemanden, der auf Sie wartet.“

Woher wollen Sie das wissen?“, fauchte sie genervt ins Telefon.

Sie hörte ihn durch die Nase lächeln. „Seien Sie nicht albern, Miss Harper. Eine Frau Ihres Alters müsste einen Ehering und ein Foto Ihres Liebhabers in der Handtasche haben. Weder in Ihrer Agenda noch in Ihrem Handy gibt es Einträge über einen Mann.“

Tess wurde blass. „Hören Sie auf!“, zischte sie zutiefst entsetzt. „Sie sind ja schlimmer als ein Detektiv!“

Das war nicht meine Absicht. Entschuldigung. - Hören Sie, ich komme für alles auf. Um finanzielle Dinge brauchen Sie sich nicht zu kümmern. Und ich zahle gut. - Jedenfalls mehr, als was Sie jetzt auf dem Arbeitslosenamt bekommen. Und Sie lernen eines der faszinierendsten Länder Südamerikas kennen.“

Wie viel mehr?“

Wie wär’s mit einem Drittel?“, lockte er sie.

Wissen Sie überhaupt, was ich verdiene?“

Meine Liebe Theresa …“

Allein die Erwähnung ihres vollen Namens ließ ihr das Blut in den Adern gefrieren. Ihr Peiniger hatte sie in seinem sadistischen Humor so genannt, während er ihr die ärgsten Schmerzen und die größte Scham ihres Lebens zugefügt hatte. Ihre Hand fasste automatisch an ihre Kehle und würgte sie.

Tess! Ich heiße Tess!“

Nur auf diese Weise konnte sie die brutale Erinnerung daran abschütteln.

Schon gut“, beschwichtigte er sie. „Ich weiß sowohl, was Sie verdienen, als auch, was Sie wert sind. Reicht Ihnen das als Antwort?“

Sie quittierte seine Aussage mit einem tiefen Seufzer. Seine Art, mit ihr umzugehen, war unheimlich entwaffnend.

Schließlich muss ich ja wissen, wen ich bei mir anstelle. Ich möchte Sie als Sekretärin haben. Das ist Ihr Job.“

Als wenn ich das nicht wüsste!

Kann ich Sie bekommen?“

Sie sind unmöglich, wissen Sie das?“

Diesmal klang sie nicht aufgebracht. Er blies die Luft beim Lächeln durch die Nase aus, ehe er antwortete: „Sie sind nicht die erste, die mir das vorwirft. Aber ich habe auch gute Seiten.“

Das bezweifle ich. Zuerst entführen Sie mich …!“

Sie waren ohnmächtig und von Ihrem Cocktail erschöpft“, erinnerte er sie.

Tess‘ Gesicht lief rot an vor Scham, obwohl er es durchs Telefon nicht sehen konnte. Zum Glück! „Sie sind unmöglich!“, fauchte sie.

Was haben Sie zu verlieren, Tess? Ich wüsste Ihre Hilfe wirklich zu schätzen“, versprach er.

Vielleicht mein Herz? Trotz dem Erlebten war sie nicht gegen eigene Gefühle gefeit. Und die schlugen gerade äußerst heftige Kapriolen, obwohl sie wusste, dass er das bestimmt nur aus lauter Erbarmen tat. „Wieso sollten Sie das tun?“

Weil ich es kann und weil ich es will.“

So einfach war das! Tess schüttelte berührt den Kopf. „Sie sind ein sozial eingestellter Mensch.“ In ihrer Stimme lag ein spöttischer Tonfall.

Einen Moment lang blieb es still am anderen Ende. Sie schien ihn aus dem Konzept gebracht zu haben. Dann lachte er. „Wenn Sie meinen.“

Er machte sich über sie lustig! Folglich war das noch nicht alles, was er von ihr erwartete!

Obwohl ihr Herz hüpfte und sie sich bereits vorstellte, in den Armen dieses gutaussehenden Mannes zu liegen, wusste sie, dass es nicht gut gehen würde. Spätestens, wenn er herausfand, wie unnahbar sie war.

Aber ihre innere Stimme rief ihr zu: „Versuch es, Tess! Du kannst es zumindest versuchen! Vielleicht ist es bei ihm ja anders als bei den anderen!“

Das war zwar ziemlich unwahrscheinlich, trotzdem lehnte sie nicht gleich kategorisch ab. Sie war neugierig. Aber sie erwartete einen Haken.

Welcher Art diese Hilfe wohl sein mochte? Offenbar musste er wirklich in der Klemme stecken, wenn er ausgerechnet sie darum bat, ihm zu helfen! Aber was konnte sie als Sachbearbeiterin schon ausrichten?

Vielleicht soll ich die Gerichtspapiere für ihn schreiben, schoss es ihr durch den Sinn. Das brachte sie zum grinsen und sie gab sich schon halb geschlagen.

Weil sie hartnäckig schwieg, doppelte er nach: „Tess, unser Zusammentreffen war gewiss kein Zufall. - Ich glaube nicht, dass ich etwas sehr Schlimmes getan habe. Wenn Sie anderer Meinung sind, tut es mir leid. Wenn Sie herkommen, mache ich es wieder gut.“

Womit denn, möchte ich wissen?“, erwiderte sie anzüglich.

Ich habe nichts solches im Sinn, was Sie sich vorstellen mögen“, antwortete er.


Was denn anderes als das? Gewiss willst du mehr!, kreischte die Stimme in seinem Hinterkopf vor Vergnügen.

In Gedanken schlug er ihr die Hand vor den vorlauten Mund, obwohl er wusste, dass sie recht hatte. Aber er hatte nicht vor, Tess gleich mit der Wahrheit zu überfahren und sie am Ende damit zu vertreiben. Wenn sie erst mal hier war, würde er sehen, wohin das führte, ob oder was sich zwischen ihnen ergab.

Falls sie überhaupt kam! Noch war das überhaupt nicht sicher! Nach der Episode der letzten Nacht schien sie ihm gehörig zu misstrauen.

Ist das ein Wunder?, geiferte die Stimme seines Gewissens. Schließlich hatte er sie in bewusstlosem Zustand zu sich nach Hause gebracht und ihr das Kleid ausgezogen! Und in ihren Sachen herumgewühlt! Also konnte er es ihr nicht verdenken, wenn sie keine großen Stücke auf ihn hielt. Wahrscheinlich hielt sie ihn für einen Gigolo oder so etwas!


Tess war über seine Antwort zutiefst enttäuscht, dass er sie als Frau nicht interessant genug fand. Entsprechend dunkel klang ihr Tonfall: „Welcher Art soll diese Hilfe überhaupt sein?“

Er atmete auf, weil sie zumindest geringes Interesse zeigte. „Schreibarbeiten, Tess. Nichts anderes. Rechnungen schreiben, Auftragsbestätigungen. Normale Korrespondenz. Das können Sie doch, oder?“

Der Stachel verursachte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Sie biss sich auf die Lippe, um eine scharfe Entgegnung zu unterdrücken. Aber der Gedanke auf einen Job und auf Urlaub in einem interessanten Land war verlockend. „Und ich darf mir alle Sehenswürdigkeiten ansehen, die ich will?“

Die Hand drauf, ich verspreche es.“

Wenn ich schon so weit reise, möchte ich von dem fantastischen Land der Inkas auch etwas sehen!“, bedingte sie sich aus.

Gewiss. Das ist sogar ein Muss. Sie werden nicht enttäuscht sein, Tess, versprochen. Überlegen Sie es sich. Kommen Sie mindestens her und sehen sich Peru an. Dafür stehe ich gerade. Sehen Sie sich die Arbeit an und versuchen Sie es. Wenn es Ihnen nicht gefällt, können Sie immer noch nach Hause ins triste England zurückkehren, wo Ihnen der Nebel aufs Gemüt schlägt.“

Noch bevor sie eine heftige Erwiderung parat hatte, fuhr er fort: „Mit ein bisschen Schreibkram werden Sie doch wohl keine Schwierigkeiten haben, oder nicht?“

Das war eine offene Herausforderung! Tess wäre gerade in der richtigen Stimmung gewesen, ihn zu erschlagen. „Natürlich nicht!“, knurrte sie verletzt.

Dann werden Sie kommen?“

Ich werde es mir überlegen.“

Sie hörte ihn wieder lächeln. Vor ihrem inneren Auge stand sein Gesicht. Er sah höllisch attraktiv aus, wenn er lächelte.

Gut, das freut mich. Wenn Sie zusagen, lasse ich Ihnen Ihr Ticket zukommen. Also, was ist? Kommen Sie?“ Er gab nicht auf, wollte sie nicht wieder gehen lassen.

Das war das letzte Argument, um sie zum Einlenken zu bewegen. Sie nickte. „Schon gut! Mich hält hier nichts. Wie lange? Und welches ist der Haken an der ganzen Sache?“

Ohne Hintergedanken und ohne Haken. Unsere Bauarbeiten dauern noch mindestens ein halbes Jahr. Wie schnell können Sie da sein?“

Ich brauche ein paar Tage, um die Sache mit dem Arbeitsamt zu regeln und ...“

Okay, kein Problem. In dem Umschlag in Ihrer Tasche finden Sie etwas Geld. Es reicht eventuell für eine Monatsmiete. Und lassen Sie sich im Krankenhaus wegen dem Unfall durchchecken.“

Tess klemmte den Hörer zwischen Ohr und Schulter ein, um beide Hände frei zu haben. Als sie perplex die Banknoten aus dem Umschlag zog, reichte es sogar für mehr als eine Miete. „Wie kommen Sie dazu, mir Geld einzustecken?“

Weil Sie praktisch keine andere Wahl haben als es anzunehmen, oder? Oder wie wollen Sie Ihre Angelegenheiten sonst regeln?“

Obwohl sie es durchaus brauchen konnte, ärgerte es sie, dass er glaubte, sie damit einfach so kaufen zu können. Warum ausgerechnet ich?, fragte sie sich. Dass es keinen Haken geben sollte, glaubte sie ihm nur bedingt. Vielleicht sollte sie das Angebot lieber ausschlagen, so verlockend es auch war? Gleichwohl war der Reiz, es doch zu tun, riesengroß.

Tess stieß einen unwilligen Seufzer aus. Sie schwankte in ihrer Entscheidung, bis ihr einfiel, dass er sich gewiss nicht gerade danach sehnte, wieder mit ihr zusammenzutreffen. Demnach würde ihr Arbeitsverhältnis ziemlich frostig sein. Vielleicht musste sie sich wirklich nicht darum sorgen, dass er ihr zu nah treten könnte. Andererseits war das aber auch ziemlich bedauerlich.

Trotz allem brauchte sie nicht länger zu überlegen. Sie würde nach Cusco reisen. Aber nicht, um seinem Befehl nachzukommen, sondern weil sie Peru kennenlernen wollte. Um die Festung Sacsayhuaman und den Machu Picchu zu sehen. Sie würde auch nicht, wie er verlangte, sofort abreisen und alles stehen und liegen lassen, sondern absichtlich noch ein paar Tage zuwarten, damit er sich nichts auf ihr Einlenken einbilden konnte.


***


Es bereitete Tess Vergnügen, ihn zappeln zu lassen, so dass er sie nach fünf Tagen erneut anrief.

Harper?“

Ross Henderson.“

Ihr Herz klopfte heftig, als sie seine Stimme hörte. Den unverkennbaren Bariton, der ihr nicht mehr aus dem Sinn gegangen war. Die Teetasse entfiel beinah ihrer Hand. Sie musste sich in der Diele an die Wand lehnen, weil ihr die Knie weich wurden. Hastig stellte sie sie auf der kleinen Schuhkommode ab.

Er kam ohne Umschweife sofort zur Sache: „Sie haben Ihr Ticket noch immer nicht abgeholt“, rügte er sie.

Ich weiß.“ Sie nickte zerknirscht. Eigentlich hatte sie ihn hinhalten wollen, aber nun fühlte sie sich ertappt und doch ein wenig schuldig.

Sein Tonfall klang zum Glück freundlich. „Wovor haben Sie Angst?“

Vor dir, Idiot! „Habe ich nicht! Es ist nur …“ Weil ich dich will und doch die Welt zwischen uns liegt!

Geben Sie sich einen Ruck. Betrachten Sie es als Urlaub. Sie können jederzeit wieder in Ihr altes Leben zurück ...“

Wenn es nur so einfach wäre … Ihrer Brust entrang sich ein schwerer Seufzer. „Ich habe noch nie alles aufgegeben …“

Das müssen Sie auch nicht. Sie brechen ja nicht gleich alle Zelte ab.“

Nein, das tue ich nicht …“

Dann ist doch alles okay.“

Wenn du wüsstest! Sie seufzte tief. Obwohl sie ihn bestätigte, fühlte es sich für sie aber genauso an. Sie musste ihre Komfortzone verlassen und sich in ein unsicheres Abenteuer begeben … Zwar winkten ihr ein fantastisches Land und gute Verdienstmöglichkeiten, aber sie hatte Angst vor dem Alleinsein. Vor dem Verlassen-werden. Dort drüben kannte sie keine Menschenseele!

Auf ihren Seufzer reagierte er prompt: „Ist alles in Ordnung mit Ihnen?“

Ja ja“, antwortete sie schnell.

Gut. - Dann wäre da noch etwas!“

Seine Stimme enthielt einen gewissen Tonfall. Tess horchte unwillkürlich auf. ACHTUNG, jetzt kamen die AGBs, die Allgemeinen Geschäftsbedingungen!

Kein Alkohol, keine Drogen, sonst fliegen Sie raus!“

In Tess flammte Ärger auf. Ablehnend schüttelte sie den Kopf. War sich erst hinterher bewusst, dass er es nicht sehen konnte. „Ich nehme nichts von dem Zeug! Allan hat mich abgefüllt!“, protestierte sie, weil sie sich genötigt fühlte, sich zu rechtfertigen.

Getrunken haben Sie es ja wohl selbst!“ Aber unvermittelt wurde er ruhiger: „Wie dem auch sei - jetzt wissen Sie’s! Alles klar soweit?“

Ja natürlich! Glasklar!“, entfuhr es ihr hitzig. Dass er sie ständig anfeinden musste, ging ihr auf den Nerv.

Gut. Dann erwarte ich Sie.“ Er lächelte hörbar zufrieden, amüsierte sich schon wieder über sie.

Es ärgerte sie, dass er sich dauernd lustig über sie machte.


***


Keine sieben Tage später flog Tess von London aus nach Lima, der Hauptstadt des südamerikanischen Anden-Staates und mit Abstand größten Stadt des Landes. Erst von dort aus wollte sie dann weiter nach Cusco reisen.

Lima war am 18. Januar 1535 vom spanischen Eroberer Francisco Pizarro unter dem Namen Ciudad de los Reyes (Stadt der Könige) auf einer Eingeborenensiedlung am Südufer des Flusses Rimac gegründet worden. Sie war ein wichtiger Verkehrsknotenpunkt sowie das bedeutendste Wirtschafts- und Kulturzentrum Perus mit zahlreichen Universitäten, Hochschulen, Museen und Baudenkmälern. Seit 1991 gehörte Limas Altstadt zum Weltkulturerbe der UNESCO.

Der Flug dauerte Stunden und war außerordentlich ermüdend, doch sobald Tess die südamerikanische Küste unter sich entdeckte, gab es für sie kein Halten mehr. Sie war aufgeregt wie ein kleines Kind. Ihre bleierne Müdigkeit war wie weggewischt. Staunend betrachtete sie die vielfältige Landschaft mit ihren weißen, schneebedeckten Bergen, die silbern glänzenden Flüsse, die sich unter ihr dahin schlängelten, und die grünen Wälder, die wie Jadefiguren aussahen. Tess war voller Erwartungen und Tatendrang und neugierig auf das fremde und doch irgendwie vertraute Land. Ungeduldig fieberte sie dem Moment entgegen, endlich ans Ziel zu gelangen. Noch war es eher eine Reise in die Vergangenheit als die Aussicht auf Arbeit. Sie fühlte sich in Hochstimmung wie ein Tourist, der gleich die atemberaubenden Sehenswürdigkeiten zu sehen bekommen würde.

Die Landung auf dem Aeropuerto Internacional Jorge Chávez, der sich 10 Kilometer vom Stadtzentrum von Lima entfernt direkt am Pazifischen Ozean befand, war kaum zu spüren, so weich setzte der Pilot den silbernen Vogel auf der Landebahn auf. Ohne Rucken ließ er das Flugzeug auf der Piste ausrollen, ehe er es praktisch mitten in der Pampa zum Stehen brachte.

Tess nahm ihr Gepäck und folgte den anderen Passieren hinaus. Sie fühlte, wie ihr das Blut ins Gesicht stieg, als sie erwartungsvoll aus dem Flieger stieg. Der Schweiß brach ihr aus allen Poren. Das ist nur die Hitze, beruhigte sie sich. Aber sie wusste, dass er es war, der sie derart in Aufregung versetzte. Dieser gutaussehende Typ, dem sie dank Allan Tucker vors Auto gelaufen war, der ihre Hormone derart in Aufruhr versetzte. Obwohl sie sich beide Male in die Haare geraten waren, hatte er einen bleibenden Eindruck bei ihr hinterlassen. Er gefiel ihr. Er war ständig in ihren Gedanken, so dass sie sich bereits danach sehnte, ihn wiederzusehen. Und hoffte, dass mehr daraus wurde. Dass es diesmal endlich einmal mit einem Mann funktionierte. In ihrer Fantasie jedenfalls klappte das wunderbar.


Sie hatte den Flieger kaum verlassen, als ein kleiner, gedrungener Peruaner auf sie zusteuerte und auf Spanisch ansprach. Sie war enttäuscht, dass er nicht der Erwartete war, dass ihr zukünftiger Chef nicht selbst hergekommen war, um sie abzuholen. Diese Tatsache versetzte ihren romantischen Vorstellungen den Todesstoß.

Was habe ich denn erwartet?, schalt sie sich selbst eine Närrin. Dass er mit Kutsche und weißen Pferden hier auftaucht, um eine fremde Person zu sich zu holen? Dieser Mann ist kein Märchenprinz, Tess! Er ist dein neuer Boss! Der kann an jedem Finger fünf Frauen haben, bevor er dich beachtet! Wieso sollte er dich unscheinbares Ding überhaupt wahrnehmen?, schalt die innere Stimme ihres winzigen Selbstbewusstseins unschön.

Tess stieß einen unwilligen Seufzer aus. Sie wollte das nicht hören, musste aber zugeben, dass sie recht hatte. Sie setzte ein freundliches Lächeln auf, als der Mann herantrat und sie mit ihrem Namen ansprach. „Ja, stimmt, ich bin Tess Harper.“

Mein Name ist Pedro Morales. Kommen Sie, por favor. Señor Henderson wartet im Hotel auf Sie.“ Er bückte sich nach ihren beiden Gepäcktaschen und dem Koffer.

Außer ihrem und dem Namen Ross Henderson verstand sie kein Wort von dem, was er ihr zu sagen versuchte. Sie konnte nur annehmen, dass er von ihm geschickt worden war, um sie abzuholen. Insofern reagierte sie lediglich auf das, was er tat. „Oh, ja, danke sehr. Sehr aufmerksam von Ihnen.“

Er nahm ihr Gepäck hoch und ging ihr voran.

Sie musste sich beeilen, um ihm zu folgen, damit sie ihn im Gedränge zwischen den vielen Touristen und Bediensteten nicht aus den Augen verlor. „Arbeiten Sie schon lange für Mr. Henderson?“, erkundigte sie sich, nachdem sie ihn eingeholt hatte und neben ihm Schritt hielt.

Er warf ihr einen grimmigen Blick zu, woraus sie entnahm, dass er ihre Sprache verstand. „Ich bin nur der Fahrer, Señorita. Señor Henderson bezahlt mich nur, damit ich Sie abhole.“

Sein Tonfall klang gekränkt, obwohl sie nicht wusste wieso.

Oh.“ Scheinbar hatte sie etwas Falsches gefragt. Tess fühlte sich vor Verlegenheit rot anlaufen wie eine Tomate.

Obwohl sie ihm willig zu seinem verstaubten und ziemlich verbeulten Jeep folgte, nahm sie ihrem neuen Chef übel, dass er nicht selbst hergekommen war, und sie wappnete sich schon auf den ersten Zusammenstoß, weil er sicher irgendetwas finden würde, mit dem er nicht zufrieden war. Nach ihrem versauten Kennenlernen schaffte sie es irgendwie nicht, auch etwas Gutes an diesem Mann zu sehen.

Der Fahrer, von dem Tess annahm, dass er ein Indio war oder zumindest indigenes Blut in seinen Adern floss, lud ihr Gepäck in den geräumigen, aber natürlich nicht leeren und verstaubten Kofferraum und forderte sie mit einer entsprechenden Handbewegung zum Einsteigen auf.

Unwillkürlich fragte sie sich, wie oder woher ihr geheimnisvoller Mister Henderson wissen konnte, dass sie kam? Dieser Mann steckte für sie voller Rätsel. Er schien unberechenbar zu sein.


Ihr Abholservice brachte sie bis vor ein pompös wirkendes Hotel inmitten der Stadt. Ohne Erklärung stieg er aus und schlug die Wagentüre zu.

Tess stellte fest, dass Peruaner scheinbar keine redseligen Leute waren. Sie wusste nicht, was sie nun tun sollte. War das ihr Zielort oder nicht? Sitzen bleiben oder warten?

Er umrundete das Heck und öffnete den Kofferraum.

Schließlich stieg sie aus.

Bis dahin hatte er ihr Gepäck ausgeladen. Ohne sich nach ihr umzusehen, stampfte er durch die Glastüre des Portals hinein ins Foyer.

Eilig folgte sie ihm durch eine riesige Vorhalle, die ausgelegt war mit glänzenden Granitfliesen und Spiegeleinlagen bis hoch an den Wänden, so dass es überall glitzerte und gleißte. Über ihrem Kopf verströmten monströse Leuchter mit funkelnden Glaskristallen ein warmes Licht. Mr. Henderson liebte es scheinbar pompös. Neugierig widmete sie sich der Betrachtung der Inneneinrichtung.

Ihr Begleiter wechselte ein paar Worte mit dem Mann am Empfang, worauf dieser einen Bediensteten beauftragte, ihre Sachen ins Zimmer hinaufzutragen. „Señor Henderson wünscht Sie zu sprechen, Miss“, sagte er danach in hartem Englisch, als er sich an sie wandte.

Tess nickte leichthin. Der Señor sollte ruhig noch ein bisschen länger auf sie warten! Sie schenkte ihm ein freundliches Lächeln. „Teilen Sie Mr. Henderson bitte mit, dass er sich noch einen Moment gedulden soll. Ich fühle mich nach der langen Reise verschwitzt und würde mich gern vorher frisch machen.“

Der Mann bedachte sie nicht gerade mit einem erfreuten Blick und sah ihr nach, als sie dem Pagen seelenruhig ins Obergeschoss hinauf folgte.


Ross Henderson erwartete seine neue Angestellte in luftiger Höhe auf der Terrasse des Hotelrestaurants.

Sie war schon darauf eingestellt, dass es Ärger geben würde, entsprechend angespannt fieberte sie dem Treffen entgegen. Sie würde sich nichts von ihm gefallen lassen! Alles, was sie wollte, war dieser Job! Um Geld zu verdienen und das Land der Inkas anzusehen!

Kaum hatte sie die Passage zwischen Speisesaal und Terrasse überschritten, blieb Tess wie angewurzelt stehen. Wow! Es verschlug ihr glatt den Atem, als sie ihn sah.

Der Barkeeper stellte zwei Drinks hinter ihm auf den blankpolierten Tresen.

Er stand mehr, als dass er saß, mit dem linken Fuß am Boden und den anderen auf die unterste Querstrebe seines lehnenlosen Barhockers gestellt. Er trug ein langärmliges, blaues Baumwollhemd, dessen Aufschläge er gegen die Ellbogen hochgekrempelt hatte, wodurch ihr Blick auf seine muskulösen Arme gelenkt wurde, deren Sonnenbräune sich gegen den Stoff abhob. Das Hemd war bis auf die Brust aufgeknöpft, wo ein faszinierendes Büschel dunkler Brusthaare ihre Aufmerksamkeit erregte.

Adonis wäre neidisch auf ihn, ging es ihr durch den Sinn und sie musste grinsen.

In dieser Aufmachung sah er sportlich und lässig elegant aus. Nur die Golduhr und die schweren Goldketten an Hals und Handgelenken fehlten noch, um den Gigolo perfekt zu machen. Und dann seine Hände! Sehnige, große Hände. Zum Zupacken geschaffen. Die sicherlich auch eine Frau glücklich machen konnten!

Bei dem Gedanken musste sie schlucken. Sie starrte ihn fasziniert an. Ihre Euphorie wurde jedoch drastisch gedämpft, als sie in seine düstere Miene blickte. Allem Anschein nach hatte sie doch damit einen Fehler gemacht, dass sie ihn auf sich warten ließ. Scheinbar wartet der Herr des Dschungels nicht gern auf irgendwen!


Da sind Sie ja“, murmelte er erleichtert, während er sich vom Barhocker erhob.

In ihren Ohren klang es verletzend, obwohl er es keineswegs so gemeint hatte. Aber er mochte es in der Tat nicht, einfach so abgestellt zu werden. Da er seit Jahren keine Beziehung mehr pflegte, war es ihm entfallen, dass Frauen andere Bedürfnisse als Männer hatten. Bei Männern vom Bau ging es flott und unkompliziert vor sich.


Ihr wurde bewusst, dass sie ihn durch ihre Verspätung verärgert hatte. Deshalb also der komische Blick vom Empfangschef. Dass er so mimosenhaft und ungehobelt war, verstimmte sie. Das hätte ich mir ja denken können! Denn schließlich waren auch ihr erstes Zusammentreffen und das Gespräch am Telefon nicht reibungslos verlaufen. Was habe ich denn erwartet? „Oh ja, tut mir leid. Hallo.“ Sie setzte ein erzwungen freundliches Lächeln auf und streckte die Hand nach ihm aus.

Wie war Ihr Flug?“ Sein Händedruck war kräftig, mit dem er sie an die Bar führte.

Lang. Und sehr heiß“, versuchte sie ihren Drang zu duschen nochmals zu erklären.

Jetzt sind Sie ja da. - Bitte.“

Freundlich und zuvorkommend, wie Tess es nicht von ihm erwartet hätte, bot er ihr den Platz zu seiner Linken an und, wahrscheinlich weil er sah, dass ihr etwas mulmig war und sie schwitzte, reichte er ihr einen der beiden Drinks, die der Barmann eben hingestellt hatte. „Vielen Dank.“

Er stieß nicht mit ihr an.

Sie nippte daran.

Als er ihr stattdessen eine Zigarette anbot, schüttelte sie ablehnend den Kopf. „Nein danke.“

Nichtraucherin also. Das ist gut.“ Er lächelte und sah aus, als wäre ihm das sogar angenehm. Er warf die Zigarettenpackung einem Bediensteten zu und sagte etwas auf Spanisch zu ihm.

Der junge Mann strahlte übers ganze Gesicht und verneigte sich, ehe er sich mit seinem Schatz davonmachte.

Tess starrte Henderson irritiert an.

Dieser grinste, als er ihren verwunderten Blick auffing. „Habe ich mir abgewöhnt, als es zu teuer wurde und ich herausfand, wie viel krebserregende Chemie gegen Ungeziefer gespritzt wird“, erklärte er nüchtern.

Tess war das an sich egal, ob ihr Boss rauchte oder nicht, zumal sie sich ja kaum näherkommen würden. Irgendwie bedauerte sie das sogar. Mit einem tiefen Seufzer entspannte sie sich, nachdem zumindest die Begrüßung erst mal glimpflich und ohne großen Tadel abgelaufen war.

Beide Hände am Strohhalm und ihrem Trinkglas, das sie wie einen Schutzschild vor sich hielt, sah sie ihn darüber hinweg an, als sie sich gleich dem vordringlichsten Thema zuwandte, weil sie erfahren wollte, wofür er sie nun wirklich brauchte. Sie wusste ja nur, dass es sich um Schreibkram handelte. „Nun, Mr. Henderson, ich bin hier. Wenn wir uns also bitte gleich um das Geschäftliche kümmern und den Vertrag besprechen könnten ... Welcher Art und Umfang wird meine Aufgabe denn nun sein? Und wann fange ich an?“, kam sie gleich auf das Wesentliche zu sprechen.

Er bedachte sie mit einem sauren Blick. Seine Mundwinkel verzogen sich zu einem grimmigen Lächeln. Es schmerzte ihn irgendwie, weil sie ihm nicht vertraute, obwohl

ihr Wunsch durchaus legitim war. Es war schließlich auch zu seinem Schutz, damit sie nicht einfach verschwand und ihn im Stich ließ. Somit diente es also beiden. Aber dennoch ärgerte es ihn. „Zuerst die Arbeit und dann das Vergnügen?“

Seine Anspielung auf Vergnügen bereitete ihr Unbehagen. „Ich möchte nur gern Fakten und Klarheit darüber haben, was auf mich zukommt“, erklärte sie befangen.

Sie vertrauen mir nicht“, stellte er sich mokierend fest.

Tess schüttelte den Kopf. „Es geht nicht um Vertrauen.“

Worum dann?“

Natürlich ging es einzig und allein nur darum! Verlegen stellte sie den Kopf schief. „Ich möchte mich nur einfach absichern“, murmelte sie ungemütlich.


Mit diesem Ausdruck sah sie sehr süß aus. Ross starrte sie begehrend an. Er war versucht, ihr Gesicht in die Hände zu nehmen und sie zu küssen. „Oh, Tess.“ Seiner Kehle entrangen sich die beiden Worte wie ein raues Lachen.

Er machte sich lustig über sie! In ihrem Inneren regte sich Widerstand.

Er verspürte das dringende Bedürfnis, sie zu liebkosen und zu nehmen und doch spürte er die Schranke zwischen sich, als ihm bewusst wurde, dass es mehr war als sexuelles Verlangen. Er interessierte sich für sie! Er wollte mehr als einen One-Night-Stand mit ihr!

Aber vor seinem inneren Auge stand Olivia wie eine dämonische Rachegöttin, die ihn davon abhielt, sich mehr zu wünschen als er fühlte. Dieses Mädchen war so verdammt unschuldig in seiner Art und gleichwohl so verdammt anziehend als Frau, dass es ihn schmerzte. Er fühlte sich innerlich zerrissen, weil er Tess wollte und sein Gewissen doch nicht zuließ, dass er Olivia aufgab. Sie stand zwischen ihnen wie eine Barriere.

Olivia war seine große Liebe gewesen. Sie hatte sein Kind unter dem Herzen getragen. Aber dann war das große Unglück passiert, das sie von seiner Seite gerissen hatte. Damals, vor vier Jahren, war er innerlich mit ihr gestorben. Er hatte geglaubt, nie wieder tiefere Gefühle für eine Frau empfinden zu können. Bis dieses Mädchen aus heiterem Himmel in sein beschauliches Leben geschneit war.

Und ausgerechnet sie starrte ihn jetzt an. In Tess‘ blauen Augen lag ein bettelnder Ausdruck. Schließlich gab er ihr mit einem mokierenden Grinsen bereitwillig Auskunft: „Das werden wir übermorgen im Büro alles regeln. Ich nehme an, dass Sie einen Vorschuss brauchen.“ Er zog ein längliches Kuvert aus seiner Hemdbrust und reichte es ihr. „Sie werden überrascht sein, welche Menge Arbeit so eine Baustelle mit sich bringt. Es gibt viel zu erledigen. Schreibkram, für den ich keine Zeit habe. Wie ich Ihnen schon am Telefon sagte, bauen wir eine Straße durch das Land. Ich werde auf der Baustelle gebraucht und kann mich nicht auch noch um die Schreibarbeiten kümmern. Können Sie tippen?“


Natürlich!“ Tess starrte ihn beleidigt an und das mit einem Blick, an dem er ruhig sehen sollte, dass sie an seinem Verstand zweifelte. Immerhin war sie Sachbearbeiterin! Etwas entspannter fuhr sie fort: „Wer hat sich denn bisher darum gekümmert?“

Henderson zuckte mit der Achsel. Um seine Mundwinkel spielte ein entschuldigendes Lächeln. „Niemand. Ich, wenn ich Zeit dazu fand, und das war in letzter Zeit herzlich wenig. Sie werden ziemlich viel aufzuarbeiten haben.“

Aber ...“, stammelte Tess entgeistert und vergaß ganz den Mund zu schließen. Den Umschlag hielt sie unangetastet in der Hand. Zuerst musste sie sich einmal fassen, ehe sie in der Lage war, ihre Gefühle in Worte zu packen: „Sie sind total verrückt, Ross Henderson! Ich meine, Sie hatten mir gesagt, dass Sie eine Schreibkraft brauchen, aber … Ich dachte, Sie bräuchten dringend meine Hilfe! Ich bin doch nicht bloß für sowas hier?“


Dass es sich bei dem Satz um eine Frage handelte, konnte er ihrem Tonfall nicht entnehmen. Für ihn klang es wie ein Vorwurf, dass sie sich für etwas Besseres hielt und ihr das Angebotene zu wenig war, zumal sie ihn aus ihren blauen Augen anblitzte.

Sie schüttelte den Kopf, während sie in einem Atemzug hörbar die eingesogene Luft ausstieß. Für ihn ein weiteres Indiz ihres Unmuts.


Für sie ein entlastender Seufzer, bevor sie ihre Frage loswerden konnte, die ihr schon die längste Zeit auf der Zunge brannte: „Und wie kommen Sie dazu, ausgerechnet mich dafür herzubitten? - Nein, eigentlich haben Sie mich ja her befohlen und das verstehe ich nicht, wo Sie mich doch gar nicht ausstehen können!“, korrigierte sie sich. Sie versuchte ihn mit ihren Blicken zu durchdringen, bis auf den Grund seiner Seele zu sehen, doch ihre Attacke auf ihn misslang.

Er grinste, um ihr zu zeigen, dass er sich über sie amüsierte. Aber sein Ton klang ziemlich eisig, weil sie ihn gerade beleidigt hatte: „Was Sie nicht sagen! Und trotzdem haben Sie sich beim Arbeitsamt auf unbestimmte Dauer abgemeldet, um mich mit Ihrer Anwesenheit beehren zu können?“ Seine Stimme troff vor Spott.

Tess starrte ihn ungläubig an. Also auch das wusste er! Zum Teufel mit diesem Mann! Ihr Ärger auf ihn steigerte sich zur Wut und das war selten gut, wenn es passierte, denn meist konnte sie dann den Mund nicht halten und machte alles nur noch schlimmer. Mit Zornesfalten auf der Stirn fuhr sie ihn an: „Ihnen ist wohl gar nichts heilig, was? Warum schnüffeln Sie dauernd in meinen privaten Angelegenheiten herum? Das mit Ihrer Wohnung konnte ich ja noch verstehen, aber dieses hier ...! - Oh, diese Weiber! Ich könnte sie umbringen!“, fauchte sie mit erhobenen Fäusten, womit sich ihr Zorn auf die Sachbearbeiterinnen des Sozialamtes entlud.

Sie schnappte aufgebracht nach Luft, während er nur grinste, was sie nur noch wütender machte. „Wenn Sie das schon wissen, dann kennen Sie sicher auch den Grund, weshalb ich überhaupt hier bin, oder?“, zischte sie spitz.

Als er genüsslich nickte, fuhr sie ohne Unterbrechung rüde fort: „Nein, das ist es genau nicht! Ich mag Sie nämlich ebenso wenig wie Sie mich!“, schleuderte sie ihm unüberlegt ins Gesicht. „Ich will Peru und den Machu Picchu kennenlernen! Deswegen bin ich hier, und das werde ich mir nicht entgehen lassen! Dass ich mich bereit erklärt habe, für Sie zu arbeiten, liegt nur daran, dass ich Ihnen noch etwas schuldig bin! Aber im Moment frage ich mich gerade, weshalb ich mich überhaupt mit Ihnen abgeben soll!“

Tess beschlich das ungute Gefühl, dass Henderson ihr gar nicht richtig zuhörte. Ihre Beleidigungen waren ja nun wirklich unüberhörbar, dennoch behielt dieser Mann sein Lächeln bei und amüsierte sich sichtlich königlich über ihren Wutausbruch. Sie musste sich gewaltsam zwingen, wieder ruhiger zu werden, was ihr denkbar schlecht gelang.

Nach einer kurzen Pause, in der sie auf eine Entgegnung von ihm wartete, antwortete er bedächtig: „Ich wüsste schon einen Grund, weshalb Sie das tun sollten ...“

Sie schnappte schon für eine weitere, harsche Entgegnung nach Luft, als er grinsend fortfuhr: „Vielleicht, weil ich Ihnen das alles zeigen könnte, was Sie sehen wollen.“

Etwas beherrschter klappte sie den Mund wieder zu. Das Angebot war zwar verlockend, allerdings beinhaltete es sicherlich zu viel Sprengstoff zwischen ihnen. Es würde vollauf genügen, wenn sie sich während der Arbeit in die Haare gerieten. Dabei wusste sie eigentlich gar nicht, weshalb dieser Typ sie so nervte. Er nervte einfach. „Nein danke! Ich werde mir einen ortskundigen Führer nehmen!“, lehnte sie sein Angebot brüsk ab und verstärkte die Absage zusätzlich mit einer entsprechenden Geste, um ihm ihr Veto glasklar verständlich zu machen.

Ungeachtet dessen fuhr Henderson fort, ohne ihren Einwand zu beachten: „Wir könnten die Fischer am Titicacasee besuchen, uns die Festung Sacsayhuaman ansehen und noch vieles andere mehr. Und ich verspreche Ihnen, dass ich kein langweiliger Begleiter sein werde.“

Dieser Gedanke sagte Tess zu, obwohl sie das vor ihm nicht so schnell zugegeben hätte. So gut wie Henderson spanisch sprach, wusste er bestimmt sehr viel über die Geschichte der alten Inkas. Sie gestattete sich ein minimales Lächeln und schließlich nickte sie sogar, ohne sich dessen recht bewusst zu sein. Jedenfalls wurde sein Grinsen breiter. „Nun, dann, meinetwegen. Wenn Ihnen etwas daran liegt, dann werde ich Sie nicht daran hindern, mir dieses herrliche Land zu zeigen. Aber machen Sie sich auf etwas gefasst. Ich habe eine ganze Menge Fragen auf Lager, mit denen ich Sie löchern werde!“, warnte sie ihn.

Ross nickte nur unbeeindruckt. „Einverstanden. Ich werde sie alle zu Ihrer Zufriedenheit beantworten.“

Sie bedachte ihn mit einem spöttischen Blick: Was für ein Prahler!

Und jetzt, nachdem Sie mir den Kopf zurechtgesetzt haben - hoffe ich jedenfalls - dass Sie mit mir noch zu Abend essen werden. Oder bin ich Ihnen dafür auch zu unsympathisch?“

Beschämt senkte Tess den Blick. Das war es doch gar nicht, weshalb sie nicht zu viel mit ihm zu tun haben wollte! Sie schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. „Nein, selbstverständlich nicht. Wenn Sie mir versprechen, mich nicht wieder mit irgendetwas zu provozieren, nehme ich das Angebot gern an. Ich möchte mir meinen ersten Abend in Peru nicht von Ihnen verderben lassen.“

Sie fallen gerade selbst aus dem Rahmen, Tess! Keine Provokationen, haben Sie eben gesagt“, wies er sie sanft zurecht, um ihr gleich darauf zu erklären: „Ich suche keinen Streit mit Ihnen, falls Sie das annehmen. Aber ich lasse mir auch nicht alles gefallen.“

Sie blickte zu Boden und knetete verlegen ihre Hände. „Sie haben recht, es tut mir leid. Bitte, entschuldigen Sie, Ross. Ich habe mich wirklich daneben benommen. Aber das kommt nur daher, weil ich mich durch Ihre Arroganz herausgefordert fühle.“ Nachdem es heraus war, atmete sie erleichtert auf.

Als sie von unten herauf zu ihm hochschielte, da er fast einen Kopf größer war als sie, nickte er. „Ich will versuchen, Sie nicht wie meine Bauarbeiter zu behandeln. Als Chef von zig Leuten erfordert der Umgang mit ihnen oft einen rüden Ton. Sehen Sie es mir also bitte nach, Tess, wenn ich im Umgang mit Frauen nicht geübt bin. Sie werden also sicher verstehen, dass mir das nicht ganz so leicht fällt, oder?“

Eigentlich versuchte er sich nur zu rechtfertigen, dass er sich im Gespräch mit ihr etwas schwer tat, weil er sich nichts anderes gewohnt war, aber für Tess setzte er mit dem letzten Satz noch einen obendrauf, was sie erneut in Rage versetzte. Natürlich kapierte sie seinen Hinweis, denn schließlich war ihr ja klar, dass sie für ihn nichts weiter als ein Ärgernis darstellte und er absolut keinen Grund hatte, ihr irgendwelche netten Gefühle entgegenzubringen!

Wahrscheinlich tat er es auch deshalb nicht, weil er verhindern wollte, dass sie es falsch auffasste, vermutete sie aus einem törichten Gedanken heraus plötzlich, um ihn zu entschuldigen. Was für eine blöde Ziege sie doch war! Sie nickte zerstreut, weil sie sich auf einmal in einem Gefühlswirrwarr befand, in dem sie sich nicht mehr auskannte.

Mit einem schelmischen Lächeln bot er ihr seinen Arm und führte sie von der luftigen Barterrasse hinunter in den großen Speisesaal.


Dieser war nobel eingerichtet und doch ging von ihm irgendwie eine behagliche Atmosphäre aus.

Das lag vielleicht aber auch an der zunehmenden Wirkung des Drinks, den er ihr eingeflößt hatte! Tess beschlich der dunkle Verdacht, ob er ihr wohl etwas hineingetan haben könnte, um sie betrunken zu machen?

Während sie auf Wolken schwebte, erwies sich ihr neuer Arbeitgeber als galanter und unterhaltsamer Gesellschafter. Er rückte ihr den Stuhl zurecht und verstand es glänzend, sie den ganzen Abend zu unterhalten, ohne dass sie sich auch nur einmal langweilte. Zum ersten Mal verstanden sie sich richtig prächtig. Zu ihrem Erstaunen forderte er sie mit keinem Wort mehr heraus.

Sie stritten sich nie und Tess erkannte mit Bedauern, dass er eigentlich ein toller Mann war. Nach der anfänglichen Krise wurde der Abend für sie zu einem vollen Erfolg. Sie lernte Ross Henderson von einer neuen Seite als völlig anderen Menschen kennen und stellte fest, dass er sehr feinfühlig und taktvoll sein konnte, wenn er es darauf anlegte.


Nach dem Essen aus köstlichen, peruanischen Spezialitäten führte er sie in die Bar ins Untergeschoss hinunter, wo sie sich in einer ungestörten Ecke an einen kleinen Tisch setzten. Viele farbige Lämpchen verbreiteten ein diffuses Licht. Gesang und Rhythmus der einheimischen Musiker regte zum Träumen an.

Tess ließ ihre Gedanken davonfliegen. Leicht beschwipst fühlte sie sich beschwingt und völlig furchtlos. Ihre Fantasie ging mit ihr durch, als sie die Augen schloss und sich vorstellte, sich im Rhythmus der Gitarren mit ihm im Takt zu wiegen, seinen Körper zu spüren und seinen Duft zu riechen ...

Erschreckt öffnete sie die Augen, weil es ihr so unglaublich körperlich vorgekommen war, dass ihre Panik vor Berührungen erneut aufgebrochen war.

Ross saß in gebührendem Abstand vor ihr, der durch den schmalen Tisch erzwungen war, und lächelte sie an.

Plötzlich schmolz ihr Herz dahin, weil er es fertig brachte, ihr die Angst zu nehmen.

Möchten Sie tanzen, Tess?“, erkundigte er sich höflich.

Ohne zu zögern nickte sie. Eigentlich tanzte sie leidenschaftlich gern. Wenn nur jeweils das Danach mit den Herren der Schöpfung nicht wäre! Doch in diesem Augenblick dachte sie nicht daran, dass sich alles wiederholen könnte, schließlich versuchte er ja nur nett zu sein und hatte glücklicherweise keine anderweitigen Interessen an ihr! Bereitwillig fasste sie nach seiner Hand und ließ sich hochhelfen. Sie folgte ihm auf die kleine Tanzfläche.

Er drehte sie herum, seine warme Hand legte sich an ihre Taille. Er führte sie im klassischen Stil, bis sie lockerer wurde und seiner Führung geschmeidiger folgte.


Ausgelassen winkte sie einem Mann mit rotblondem Haar zu, der ihr vom Eingang her mit düsterer Miene entgegen starrte, als wenn er Ross den Platz an ihrer Seite missgönnte.

Wem haben Sie eben zugewinkt?“, erkundigte er sich.

Oh, eigentlich niemandem.“ Mit einem verlegenen Lächeln wandte sich Tess wieder ihm zu. Sie hatte nicht angenommen, dass Ross es bemerken würde. „Es war nur ein Jux. Der Mann starrte mich an, als wäre er am liebsten an Ihrer Stelle.“

Sein warmer Atem blies ihr ins Gesicht. Seine Stimme klang rau und aufreizend, als er besitzergreifend sagte: „Tja, da hat er Pech gehabt. Welcher war es denn? Wo?“ Er drehte sie herum, damit er ihn sehen konnte.

Sie blickte hinüber zum Eingang, konnte den Mann aber nirgends mehr ausmachen. „Jetzt ist er verschwunden.“

Ross lächelte. „Auch gut. Für diesen besonderen Abend gehören Sie mir, Tess Harper.“

Sie spürte, wie sie schwach und schwindlig wurde.

Ohne Hast wurde die Art, wie er sie hielt, intensiver, die Distanz zwischen ihnen enger. Irgendwann lagen seine kräftigen Arme ganz um sie, doch nichts daran hatte etwas Beängstigendes. Er war so behutsam vorgegangen, als spürte er, was mit ihr los war.

Tess machte sich keine Gedanken darüber, aber vielleicht wusste er es, wie er so viele andere Dinge über sie in Erfahrung gebracht hatte. Sie schwelgte im Moment und vergaß alles andere um sich herum. Es war ganz natürlich, dass sie ihre Arme um seinen Nacken schlang und ihm gestattete, dass er sie an sich zog. In der Atmosphäre dieses fremden Landes fühlte es sich einfach alles richtig an.

Fast genießerisch sog sie den Geruch seiner Haut und den Duft seines Rasierwassers in sich ein und ließ sich davon weiter berauschen. Er roch herb und männlich und die Prise Arroganz, die in seiner angespannten Körperhaltung lag, wirkte auf sie sehr erotisch. Schließlich war es ihr Körper, der auf ihn reagierte, und nicht umgekehrt.

Tess genoss den Abend mit ihm sehr und bedauerte es, als er den letzten Tanz unerwartet abbrach, um ins Bett zu gehen.

Ihr Herz klopfte heftig, als er sie zu ihrem Zimmer hinauf brachte. Doch lediglich bis vor die Tür. Irgendwie stürzte sie aus allen Wolken, als er sich mit einem freundlichen Kopfnicken verabschiedete, ohne mehr von ihr zu wollen. Zwar hatte sie das auch gar nicht von ihm erwartet, zumal sie wusste, dass es nicht funktionieren würde, und doch ...


In dieser Nacht schlief Tess sehr schlecht. Sie war enttäuscht, dass er sie so unattraktiv und nicht wert fand, mit ihr anzubandeln. Am meisten war jedoch wohl die unerträgliche Hitze schuld daran, obwohl sie das Fenster sperrangelweit aufgerissen hatte und der Deckenventilator sich mit mäßigem Tempo über ihrem Bett drehte und so aussah, als wäre auch ihm die Hitze zu viel.

Ob sie wollte oder nicht, sie musste ständig an den neuen Ross Henderson denken. Tess konnte nicht leugnen, dass ihr seine Art auf einmal gefiel. Und von ihrer Abneigung, die sie noch vor wenigen Tagen in ihrem Herzen gegen ihn geschürt hatte, war nur ein kümmerlicher Rest übriggeblieben.


***


Am nächsten Morgen holte Ross sie zeitig aus den Federn, indem er ihr durch einen Hotelpagen ausrichten ließ, dass er sie unten im Speisesaal zum Frühstück erwarte. Und dies in einer Viertelstunde!

Sogleich flammte der alte Ärger in Tess wieder auf, weil er ihr nur so wenig Zeit gönnte, um zu erwachen und sich zurechtzumachen. Dieser Mann hatte ja wirklich kein Benehmen! Mit einem Satz katapultierte sie sich aus dem Bett und stellte sich zuallererst unter die Dusche, weil sie sich verschwitzt und schmutzig fühlte. Nach mehreren Wechselbädern, die die Müdigkeit aus ihren Knochen - aber auch die ungenügend kurze Zeit - vertrieben, streifte sie sich rasch ein Top und eine kurze Jeans über. Mit ein paar Nadeln und Spangen bändigte sie ihren schulterlangen, widerspenstigen Haarwuschel und steckte ihn in die Höhe.


Als sie den Speisesaal betrat, blickte ihr Henderson von seinem Platz aus bereits ziemlich mürrisch entgegen. Er hatte sich etwas abseits an einen Tisch gesetzt und erhob sich höflich, als sie ihm entgegeneilte. Wie ihr schien, begutachtete er dabei ihr dezentes Make-up und danach alles andere an ihr. Jedenfalls wanderte sein Blick von ihrem Gesicht hinunter auf das hellrosa Trägershirt und dann weiter hinunter auf die weißen Shorts.

Ross trug eine khakifarbene Hose mit vielen Seitentaschen, wie sie bei Bauarbeitern üblich war, und dazu ein leichtes, kariertes Baumwollhemd. Ungemütlich registrierte sie, dass ihr Aufzug wohl nicht seinen Vorstellungen entsprach. Aber er blieb höflich und sagte nichts. Jedenfalls nicht wörtlich. Er lächelte ihr sogar freundlich zu. Sie erwiderte es und setzte sich, ehe er wieder Platz nahm.

Er hatte bereits seine Bestellung aufgegeben. Interkontinental. Wohl, um ihren Gaumen nicht gleich zu überfordern. Kaum dass sie saß, eilte der Kellner mit zwei Frühstückstabletts herbei und stellte sie auf den Tisch. Tess knurrte der Magen, als sie die köstlichen Croissants roch.

Über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg sah Ross ihr aufmerksam zu, wie sie in eines dieser Hörnchen biss, dabei die Augen verdrehte und sich wie zuhause fühlte. „Wenn Sie möchten, werde ich Ihnen heute die Stadt zeigen. Sie können auch ein wenig bummeln und Einkäufe machen. - Vorausgesetzt, Sie haben nichts gegen meine Begleitung einzuwenden“, fügte er mit einem spöttischen Unterton hinzu, bevor er einen weiteren Schluck Kaffee trank.

Tess hielt nur kurz im Bestreichen mit Butter inne und schenkte ihm einen raschen Blick, ehe sie sich wieder dem Essen widmete. „Da Sie der einzige Mensch sind, dessen Sprache ich hier verstehe, wird mir wohl nichts anderes übrig bleiben“, neckte sie ihn mit einem verschmitzten Grinsen und hoffte, dass er das auch als solches verstand. „Glauben Sie mir, ich werde nicht die Dummheit begehen, mich allein auf den Weg zu machen. Ich würde mich vermutlich total verlaufen und dann müssten Sie mich suchen kommen.“

Ross bedachte sie mit einem undefinierbaren Blick, der aus einer Mischung zwischen Belustigung und leichtem Ärger bestand. Sie konnte daraus jedoch nicht entnehmen, ob ihm die Vorstellung daran ein Gräuel war oder ob er wütend werden wollte. Als er antwortete, erkannte sie letzteres. Frostig erwiderte er: „Es wäre tatsächlich eine große Dummheit von Ihnen, dieses Risiko einzugehen. Sie sind eine verdammt hübsche Frau und es gibt Männer in diesem Land, denen blondes Haar besonders gut gefällt.“

Tess rieselte allein bei der Vorstellung daran ein kalter Schauder über den Rücken.

Ich schätze, Sie würden nicht lange allein durch die Straßen bummeln“, fuhr er fort.

Sie verstand die versteckte Drohung, die in seinen harten Worten lag, und war sich bewusst, dass es bedeutend ungefährlicher war, wenn sie sich ihm anschloss. Von Ross hätte sie zumindest keine unerwünschten Annäherungsversuche zu erwarten, was sie zunächst ungemein beruhigte. Schließlich war sie nicht hergekommen, um sich neues Unbill einzuhandeln, sondern weil sie an diesem schönen Ort vergessen und sich ablenken lassen wollte. Und weil sie die Geschichte Atahualpas und der Inkas faszinierte.

Den Erzählungen nach musste dieser ein tapferer und ehrgeiziger Prinz gewesen sein, der den Thron seines Bruders widerrechtlich an sich riss. Aber als er von den Eroberern gefangengenommen worden war, hatte er den unverzeihlichen Fehler begangen, sein Leben mit einem ganzen Haus voll Gold erkaufen zu wollen.

In Ross’ Worten lag nicht nur eine versteckte Drohung vor dem Unbekannten, sondern auch eine erneute Provokation. Er konnte es einfach nicht lassen, sie zu ärgern! Tess bedauerte, dass sich der neue Ross Henderson vom Vorabend bereits wieder verabschiedet und zu seinem Nachteil verändert hatte. Obwohl sie sich fest vorgenommen hatte, sich in keinen Streit mehr mit ihm einzulassen, konnte sie seine Bemerkung nicht ohne eine scharfe Entgegnung abtun: „Behalten Sie Ihre Komplimente für sich, mein Lieber, ich lege keinerlei Wert darauf! Also sparen Sie sich Ihren Atem besser für die Beantwortung meiner vielen Fragen auf, die ich Ihnen stellen werde!“

Mein Kompliment, wie Sie es nennen, war lediglich eine Feststellung von Tatsachen!“, erklärte er unfreundlich und erhob sich. Mit unverändert gleichbleibendem Ton und verächtlicher Miene fuhr er fort: „Sehen Sie zu, dass Sie in zehn Minuten fertig sind! Ich erwarte Sie vorne in der Hotellobby.“ Daraufhin drehte er sich abrupt um und ließ sie sitzen.

Tess sah nicht auf, als er ging, und es war ihr völlig gleichgültig, dass sie ihn verärgert hatte. Schließlich hatte er damit angefangen, oder etwa nicht? Jedenfalls hatte sie keine Eile und nahm sich vor, nicht auf ihn zu hören. In aller Ruhe beendete sie ihr Frühstück und machte sich dann im Zimmer rasch noch etwas frisch. Absichtlich verspätet eilte sie danach die Treppe hinunter.


Als sie in die Hotelhalle kam, wartete Ross bereits seit mehreren Minuten auf sie. Sie lächelte ihn freundlich an, aber seiner ausdruckslosen Miene war nicht zu entnehmen, was er dachte, ob er sich über ihre Verspätung ärgerte oder ob es ihm gleichgültig war, weil er so etwas in der Richtung erwartet hatte. Tess dämmerte der Verdacht, dass er sie schon viel zu gut kannte.

Emotionslos bestätigte er denn auch: „Ich dachte mir schon, dass Sie die doppelte Zeit benötigen!“

Wieder saß ein Hammer in ihrem Genick. „Können wir jetzt gehen?“, fragte sie anstelle einer Entgegnung scharf, während sie ihn mit ihren Aquamarinaugen wütend anblitzte.

Er nickte lediglich und verließ vor ihr die Lobby. Es war unhöflich von ihm, aber diesmal verlor sie kein Wort darüber, weil sie ahnte, dass er ihr diesen herrlichen Tag in Lima mit Absicht verderben wollte. Da hast du dich aber geschnitten!, grollte es in ihr. Ich lasse mir meine Freude nicht nehmen! Nicht von so einem Arsch wie dir!


Wie ein Kind, das sich auf Entdeckungsreise befand, hüpfte sie wenig später aufgeregt neben ihm her, als er sie durch Limas Straßen führte.

Fast enttäuscht stellte sie fest, dass das 20. Jahrhundert die ehemals koloniale Stadt sehr zu ihrem Nachteil verändert hatte und die Vergangenheit viel zu schnell von der ruhelosen Gegenwart verdrängt worden war. Das alte und das neue Lima, das seinen Frieden nebeneinander gefunden hatte, zeigte denn auch alle negativen und positiven Seiten einer lateinamerikanischen Großstadt: Lärm und Gestank, ein alter Stadtkern mit kolonialer Bausubstanz, Mittelschichtsviertel, riesige Slums, ausgedehnte Industriezonen.

Der breite Boulevard, den sie nebeneinander entlang schlenderten, war mit herrlichen, hohen Bäumen gesäumt, deren schwere Wipfel sich zu Boden neigten, als wollten sie den alten Bauherren Achtung zollen. Der Parkplatz in der Mitte war umrahmt von üppig wachsenden Blumen und Pflanzen, riesigen Gebäuden, die in den blauen Himmel zu wachsen schienen, und verlockenden Schaufenstern. Dies war das Zentrum der Stadt, bunt und geräuschvoll und vollgestopft von Menschen verschiedener Haar- und Hautfarbe aus aller Welt.

Im kolonialen Teil der Stadt mit ihren schachbrettartig angelegten Straßen und prächtigen Bauten zeigte ihr Ross barocke Kirchen und Paläste und Häuser aus dem 18. Jahrhundert, die mit wunderschönen, kunstvollen Steinarbeiten und geschnitzten Balkonen verziert waren. Nur zu gut konnte Tess sich vorstellen, wie die früheren Herren hier in feudaler Pracht residiert hatten.

Ross wusste erstaunlich viel über diese Stadt und ihre Erbauer zu berichten. Er gab sich wirklich Mühe, nicht mehr ausfallend zu werden und beantwortete jede ihrer vielen neugierigen Fragen zu ihrer Zufriedenheit. Wieder konnte sie feststellen, wie charmant und nett er sein konnte, wenn er es nur wollte.

Sie betrachtete sein Profil mit unverhohlener Achtung und brachte es sogar fertig, ihm etwas Nettes zu sagen: „Woher kommt es, dass Sie so viel über die spanischen Eroberer und die Inkas wissen, Ross?“

Mit einem leichten Lächeln sah er auf sie hinunter. In seinen braunen Augen lag Wärme und in seiner Wange blitzte ein kleines Grübchen, das sie an ihm sehr anziehend fand. „Die Geschichte der Ureinwohner Lateinamerikas hat mich seit jeher fasziniert.“

Genauso wie mich! Tess lächelte, aber er machte ihre Freude gleich wieder zunichte.

Allerdings muss ich zugeben, dass ich bisher noch keine Gelegenheit fand, sie vor Ort in Augenschein zu nehmen. Alles, was ich Ihnen erzählt habe, weiß ich lediglich aus Büchern. Ich dachte mir, dass Sie sich dafür interessieren würden.“

Oh!“, entrang es sich ihr ernüchtert. Dann war alles nur Angeberei gewesen! Zu wissen, dass er damit nur hatte prahlen wollen, frustrierte sie mehr als der Umstand, dass er sich das Wissen in den letzten Tagen extra angeeignet hatte, um ihr eine Freude zu machen.

Entweder erriet er ihre Gedanken oder er konnte sie an ihrem Gesichtsausdruck ablesen, was wahrscheinlicher war. Mit einem amüsierten Grinsen fragte er: „Sind Sie jetzt enttäuscht?“ Aber er ließ ihr keine Zeit für eine Antwort. „Das tut mir echt leid, wirklich. Aber ich wollte nicht, dass Sie deswegen eine falsche Meinung von mir haben.“

Tess lächelte spröde. Sie fühlte sich von ihm am Seil heruntergelassen, was sie gar nicht vertrug. Ihre Stimme kratzte, als sie nickend antwortete: „Sie haben recht, das bin ich tatsächlich. Ich dachte, Sie verstehen wirklich etwas davon.“

Und dann ging es vor lauter Enttäuschung mal wieder mit ihr durch, indem sie Dinge sagte, von denen sie sofort wusste, dass sie sie hinterher bereuen würde: „Aber eigentlich hätte ich es mir denken können, dass es nicht das Schicksal der Eingeborenen ist, über das Sie sich Gedanken gemacht haben! Dafür sind Sie nicht der Typ dazu! Sie interessiert doch nur der Bau Ihrer Straße, habe ich recht? Welchen Hintergedanken verfolgen Sie damit, mich damit beeindrucken zu wollen?“

Falls ihn ihre Anschuldigung traf, so sprach er jedenfalls nicht aus, was ihm in diesem Moment auf der Zunge lag. Seine Miene verfinsterte sich und er bedachte sie von oben herab mit einem so eisigen Blick, dass sie augenblicklich um ihren Hals fürchtete. Henderson sah aus, als hätte er gute Lust, sie zu erwürgen. Stattdessen drehte er sich jäh und ohne etwas zu sagen abrupt um und verschwand in einem Laden.

Tess starrte ihm perplex hinterher. Da stand sie nun und wusste nicht, was sie tun sollte. Na toll, das hast du ja mal wieder schön vermasselt!, schalt sie sich selbst. Er war weg und sie stand allein da! Allein inmitten all dieser Gefahren, die er ihr noch vor Kurzem beim Frühstück so genüsslich geschildert hatte!

Zu ihrer Erleichterung kehrte er kurze Zeit später mit einem Päckchen Zigaretten zurück. Tess wandte sich demonstrativ um, damit er nicht sehen sollte, wie froh sie um seine Rückkehr war, ohne dabei zu ahnen, welche Reaktion das bei ihm auslösen würde. Für ihn war das eine offene Kriegserklärung.

Mit finsterer Miene klaubte er eine Zigarette heraus. Mit dem Filterende stippte er auf das Zigarettenpäckchen und steckte es ein, ohne ihr eine anzubieten. „Dafür sind Sie nicht der Typ dazu!“, gab er zynisch ihren Hieb zurück.

Tess kochte über seine Unverschämtheit. Selbstverständlich hätte sie abgelehnt, zumal sie Ross am Vorabend bereits erklärt hatte, dass sie Nichtraucherin war. Von daher hätte sie es an sich schon gar nicht erwarten dürfen, dass er ihr eine Zigarette anbot, schließlich hatte sie sich verständlich genug ausgedrückt. Durch seine verletzenden Worte aber schoss ihr die Zornesröte heiß ins Gesicht und einen Lidschlag lang war sie versucht, sich umzudrehen und ihm eine heftige Erwiderung entgegen zu schleudern. Nur mühsam konnte sie den Impuls unterdrücken. Sie tat, als hätte sie es nicht gehört. Stattdessen ging sie mit raschen Schritten voran - in der Hoffnung natürlich, dass er sie trotz allem weiter beschützen und bei ihr bleiben würde - und betrat einen kleinen, bunten Laden.


Ross blieb draußen stehen und steckte die Zigarette in Brand. An die raue Hauswand gelehnt, begann er zu rauchen, obwohl er sich noch am vergangenen Abend als Nichtraucher geoutet hatte. Aber im Moment brauchte er die Droge für seine strapazierten Nerven, die Tess mit ihren Äußerungen gerade massiv ausgereizt hatte.

Sie gab vor, ihn nicht zu beachten. Neugierig betrachtete sie die bunte Vielfalt der zum Verkauf angebotenen Waren.

Eine ältere Frau, den Zügen nach wohl eine Indianerin, fragte sie auf Spanisch nach ihren Wünschen. Sie war klein und untersetzt, mit pechschwarzen, strähnigen Haaren und runzliger, dunkler Haut.

Da sie auf die Stoffe deutete, fiel es Tess relativ leicht, sie zu verstehen. Nach kurzem Überlegen entschied sie sich für einen weichen Poncho in vielen bunten Farben und eine weiße Alpakamütze. Sie zeigte auf die beiden Gegenstände und auf einen kunstvoll geschnitzten, vergoldeten Armreif, worauf ihr die Frau zunickte und lächelnd alles einpackte. Weil Tess sie danach nicht verstand, schrieb sie ihr den Preis auf einen Zettel und sie bezahlte.


Als sie mit den braunen Tüten im Arm den Laden verließ, stieß sich Ross von der Hauswand ab und trat auf sie zu. Seine Miene wirkte geglättet und ausdruckslos, als hätte er sich beruhigt. Er schnippte die Zigarettenkippe mit dem Finger aufs Kopfsteinpflaster und nahm ihr dann ungefragt ihre Einkäufe ab. „Die Frau hat sicher gerade das Geschäft ihres Lebens mit Ihnen gemacht“, sagte er.

Verwundert blickte sie zu ihm hoch.

Er grinste.

Wieso denn das?“

Schon mal was von feilschen gehört?“

Tess stieß eine leise Verwünschung aus. Das hätte er ihr ja auch vorher sagen können, oder nicht? Missmutig trottete sie ihm hinterher zum Hotel zurück.

In der Lobby lud er ihr unerwartet die Tüten wieder auf und ließ sie danach grußlos stehen.

Verstimmt blickte sie ihm hinterher, als er die Hotelhalle durchquerte und in der Bar verschwand. Mit einem beleidigten Seufzer drehte sie sich auf dem Absatz um und stieg zu ihrem Zimmer hinauf.

Um den Staub der Straße loszuwerden, stellte sie sich unter die Dusche und shampoonierte sich das Haar, um die Gerüche von scharfen Speisen und öligen Abgasen abzuwaschen.


Mit frisch aufgelegtem Make-up und einem kurzärmligen Kleid aus weißer Musseline fand sie sich etwas später im Speisesaal ein, wo Ross bereits mit grimmiger Miene am Tisch saß und sie erwartete. Tess wusste nicht, ob ihm diesmal ihre Kleidung oder ihr offenes Haar missfiel, das sich in wilden Locken über den Schultern kringelte. Vielleicht war es allein ihre Gegenwart, die zu ertragen er gezwungen war. Der Gedanke daran, dass er schon wieder etwas an ihr auszusetzen hatte, brachte sie von neuem auf die Palme. Eine Auseinandersetzung zwischen ihnen war bereits nur durch seine Miene und den finsteren Blick vorprogrammiert.

Als sie sich setzte und Ross sie einfach ignorierte, indem er seine Serviette auseinanderfaltete, ging ihr Temperament mit ihr durch. Kampflustig fuhr sie ihn an: „Sie sehen aus, als würden Sie es schon bereuen, mich hierher befohlen zu haben. Wenn Ihnen meine Gesellschaft unangenehm ist, werde ich Sie nicht daran hindern, sich an einen anderen Tisch zu setzen. Im Gegenteil, ich würde es begrüßen, Ihnen nicht gegenüber sitzen zu müssen.“

Seine dunklen Brauen rückten enger zusammen. Ohne aufzublicken strich er sich die Serviette in seinem Schoss glatt. „Das glaube ich Ihnen aufs Wort. Aber den Gefallen werde ich Ihnen nicht tun“, konterte er mit eisiger Ruhe, die sie mehr ärgerte, als wenn er sich aufgeregt und lauthals zurückgegeben hätte. Und dann sagte er etwas, das sie völlig aus dem Konzept warf: „Da ich Sie hierher geholt habe, damit Sie für mich arbeiten, fühle ich mich für Sie verantwortlich!“

Er war also ein Mann von Ehre! Tess hielt ihn nicht für so pflichtbewusst. Ihr Mund öffnete sich wie von selbst. Sie starrte ihn spöttisch an, bevor sie den Kopf in den Nacken warf und ihn mit einem Lachen unterbrach. „Wie nett. Sie fühlen sich für mich verantwortlich? Ich muss sagen, das hätte ich von Ihnen gar nicht erwartet.“

Seine Miene verfinsterte sich zusehends, mit der er sie musterte.

Unter seinem stechenden Blick fuhr ihre Hand automatisch an den Hals.

Ihnen wird das Lachen gleich vergehen, Tess! Die Situation ist verdammt ernst!“, knurrte er gereizt.

Es hörte sich an, als versuchte er ihr Angst einzujagen.

Etwas milder gestimmt fuhr er fort: „Ich habe vor wenigen Minuten einen Drohbrief in meinem Zimmer gefunden. Darin werden auch Sie erwähnt, wenn auch nicht namentlich.“

So?“, wisperte sie schockiert. Aus der Fassung gebracht, starrte sie Ross über den Tisch hinweg verunsichert an. Sie benötigte einen Moment, um seine Worte zu verdauen, doch dann meldete sich ihr Argwohn. Spielte er nur mit ihr oder war es wirklich ernst? Seinem Gesichtsausdruck nach zu schließen war es Letzteres.

Tess rieselte ein eisiger Schauder über den Rücken. Verdammt, er brachte es wirklich fertig, ihr Angst einzujagen! Mit einem Wisch war ihre Kampflust dahin und sie fühlte sich klein und hilflos wie ein Fisch auf dem Trockenen. „Warum diese Drohung, Ross? Ich habe doch niemandem etwas getan“, murmelte sie verzagt. Dummerweise gelang es ihr nicht, das Zittern aus ihrer Stimme zu verbannen, das ihm ihre Furcht verriet.

Ruhig hielt er ihrem Blick stand und zuckte mit den Schultern. „Wenn ich das wüsste, säße ich nicht hier, Tess!“

Schon wieder ein Hieb, der auf mich gemünzt ist! Aber den habe ich mir wohl selbst zuzuschreiben, dachte sie frustriert.

Doch bevor sie darauf eine Antwort fand, fuhr er fort: „Es kann sein, dass uns jemand daran zu hindern versucht, die Straße zu bauen. Ich war schließlich nicht der einzige, der sich darum beworben hat.“

Sie meinen, es ist jemand, der Ihnen den Zuschlag missgönnt?“

Was auch immer. - Sie wissen ja, dass sie durch Indianerland führen soll. Vielleicht haben die Indios etwas mit der Drohung zu tun, aber eigentlich glaube ich das nicht. Jedenfalls nicht, dass der Anstoß von ihnen ausgegangen ist. Ich habe keine Ahnung.“

Tess sah Ross verstört an. Von ihrer Kampfstimmung war nichts zurückgeblieben, im Gegenteil. Im Augenblick war ihr ziemlich bange zumute. „Das verstehe ich nicht. Wer sollte etwas gegen unser Projekt haben? Die Leute können sich doch ausrechnen, was für Vorteile ihnen der Bau dieser Straße bringen wird. Und wer könnte jetzt schon wissen, dass ich hier bin?“

Ross hob um Verzeihung bittend die schwieligen Hände. „Sehr viele, Tess. Von meinen Angestellten wissen es alle. Schließlich konnte ich Sie nicht einfach unvorbereitet in eine Männergesellschaft hereinspazieren lassen, deshalb habe ich kein Geheimnis daraus gemacht. Ich konnte ja nicht wissen, dass so etwas passieren würde!“, knurrte er den letzten Satz mit Nachdruck.

Nein, das konnten Sie nicht wissen“, besänftigte sie ihn kopfschüttelnd. Sie merkte es erst, als es passierte, dass sie ihm die Hand auf den Arm gelegt hatte.


Seine Reaktion auf die plötzliche Berührung erschreckte und verunsicherte sie gleichermaßen.

Er zuckte wie unter einem Hieb zurück und entzog sich rasch ihrer Hand. In seinen Augen glomm ein gelber Funke auf und Wut hatte den besorgten Ausdruck von zuvor aus seiner Miene gewischt, als er gereizt ausstieß: „Tun Sie das ja nie wieder!“

Tess konnte sein Verhalten beim besten Willen nicht verstehen. Noch am Vorabend hatte er so eng mit ihr getanzt und jetzt widerte ihn allein ihre Berührung an? Am liebsten hätte sie ihm ihre Enttäuschung ins Gesicht geschrien. Einen so widerlichen Typen wie den hatte sie noch nicht erlebt! Ihr Ärger wuchs, als ihr einfiel, dass sie ohne Geld für ein Rückflugticket dasaß. Sie war also entweder an ihn gebunden oder stand auf der Straße! Auch das noch! Dann kam ihr plötzlich ein schrecklicher Verdacht: Ob ich mir seine Besorgnis nur eingebildet habe?, schoss es ihr durch den Sinn.

Auf einmal sah das Ganze für sie sehr logisch und konstruiert aus. Na klar, er hatte es selbst erfunden! Er suchte nach einer Möglichkeit, um sie elegant wieder loszuwerden! Henderson konnte sich ja fast sicher sein, dass sie auf seinen Köder anbeißen würde! Wenn sie von sich aus kündigte, musste er ihr keine Entschädigung zahlen! Und dann saß sie da, inmitten einer fremden Großstadt, inmitten all der scheußlichen Gefahren, die er ihr aufgezählt hatte! War es das, was er sich mit ihr vorstellte? Zum Teufel mit dem Mistkerl! Auf einmal schien ihr alles so klar. Gewiss war es ganz genauso! Ross konnte sie nicht leiden und bedauerte inzwischen, sie hergeholt zu haben!

Und ich ...? Tess stieß einen abgrundtiefen Seufzer aus. Nach dem gestrigen Abend war sie sich zugegebenermaßen nicht mehr völlig sicher, ob sie ihn wirklich nicht ausstehen konnte. Wenn sie ehrlich zu sich war, musste sie sich sogar eingestehen, dass seine Anwesenheit sie ziemlich verunsicherte. An den Grund, warum es so war, wagte sie im Moment gar nicht zu denken. Er konnte ihr doch wohl nicht auf einmal etwas bedeuten, oder? Hastig schob sie diesen Gedanken beiseite und besann sich darauf, dass dieser Mistkerl sie ja gerade mit einer fiesen Masche wieder loszuwerden versuchte. Entsprechend schnell kehrte ihre Frustration auf ihn zurück. Anstelle vor Angst, zitterte sie nun vor Wut.

Kann ich den Brief mal sehen?“, erkundigte sie sich zähneknirschend, weil er die Frechheit besaß, sie so zu hintergehen. Forschend beobachtete sie seine verkniffene Miene und erwartete, dass er abwimmeln würde, weil es gar keinen Brief gab. Sie wusste also von vorneherein, dass er gelogen hatte, als er behauptete: „Ich habe ihn nicht mehr. Ich habe ihn in den Müll geworfen.“

Also doch! Du Mistratte!, dachte sie innerlich triumphierend, weil sie mit ihrer Annahme recht gehabt hatte. Kopfschüttelnd starrte sie den Mann vor sich fassungslos an. Es gelang ihr, ihre Stimme belehrend statt wütend klingen zu lassen: „Das war ein grober Fehler von Ihnen, Ross, wenn er nicht mehr zu retten ist. Dann haben Sie ein Beweisstück vernichtet!“ Gleich darauf sank sie wie ein Häufchen Elend in sich zusammen, legte die Stirn in Falten und schielte mit traurigem Hundeblick zu ihm auf, um möglichst verängstigt auszusehen. Dann stellte sie ihm berechnend die Frage, deren Antwort sie bereits zu kennen glaubte: „Was soll ich denn jetzt tun? Du lieber Himmel! Glauben Sie, es wäre das Beste, wenn ich gleich wieder abreisen würde?“

Ross begegnete ihrem Blick mit einem tiefen Seufzer. Seine Schulter hob und senkte sich. Sie erwartete, dass er ihre Frage gleich erleichtert mit einem Nicken bestätigen würde, stattdessen antwortete er nicht sofort, sondern gedehnt und überlegt, als würde er sich wirklich Sorgen um sie machen: „Ich weiß nicht, was das Beste für Sie wäre, Tess. Wenn der Mistkerl es, aus welchem Grund auch immer, auf Sie abgesehen hat, sind Sie nirgends mehr sicher! Dann am ehesten vielleicht noch in meiner Obhut. Andererseits ...“ Er ließ das Ende des Satzes drohend in der Luft hängen.

Sie vollendete es für ihn: „Andererseits ist das Risiko für mich wesentlich größer, wenn er es auf Sie oder das Unternehmen abgesehen hat.“

Er nickte. Seine scharf geschnittenen Gesichtszüge blieben dabei vor Ernst so starr, dass sie ihm keinerlei Gefühlsregung ansehen konnte. Prüfend blickte er sie an.

Tess nahm an, dass er jetzt auf ihre Entscheidung wartete. Und die hatte sie ja schon gefällt. Den Gefallen würde sie ihm natürlich nicht tun! Ohne mit der Wimper zu zucken, eröffnete sie ihm: „Ich denke nicht daran, mich von dieser Drohung einschüchtern zu lassen! Ich habe keine Angst! Dieser Mistkerl wird mich nicht dazu bringen, dass ich meinen Urlaub schon am ersten Tag abbreche und weinend nach Hause zurückkehre! Ich bin hergekommen, um Peru kennenzulernen und das werde ich auch tun!“ Mit dem größten Vergnügen spuckte sie ihm ihre Weigerung förmlich ins Gesicht.

Ross faltete die Hände unter der Brust und lehnte sich im Stuhl zurück. Mit geschlossenen Lidern stieß er einen abgrundtiefen Seufzer aus.

Das war wohl nicht die Antwort, die er erwartet hat!, triumphierte sie.

Wie ein Schatten huschte ein befriedigtes Lächeln über seine kantigen Züge, das er jedoch so rasch wieder hinter seinem unbeteiligten Ausdruck verbarg, dass sich Tess im schummrigen Licht der farbigen Lämpchen geirrt zu haben glaubte und sich bedauernd fragte, ob sie eben einer Täuschung unterlegen war.

Als er die Augen wieder öffnete, kam er nicht nochmals auf dieses Thema zu sprechen. Entweder hatte er alles gesagt, was zu sagen war und überließ es nun ihr, das Falsche oder das Richtige zu tun, oder aber er hatte eingesehen, dass sie sich durch diese lächerliche Behauptung einer Bedrohung nicht einschüchtern ließ. „Natürlich“, murmelte er nickend, als wäre ihre Entscheidung selbstverständlich für ihn.

Wiederum ließ er sie nicht erkennen, was in ihm vorging, aber sie nahm an, dass er über ihre Entschlossenheit nicht allzu begeistert war, wo er doch wohl angenommen hatte, dass sie schon in Kürze wieder abreisen würde. Der Gedanke daran, dass sie ihm gerade seinen Plan durchkreuzt hatte, bereitete ihr immenses Vergnügen.

Er winkte einen kleinen Kellner herbei und bestellte das Abendessen.


Sie aßen schweigend und vermieden es nach Möglichkeit, einander anzusehen. Nur einmal, als Tess neugierig zu ihm hinüber schielte, stellte sie fest, dass Ross sie verstohlen musterte. In seiner Miene lag ein gelöster, fast freundlicher Ausdruck, der jedoch sofort verschwand, als er ihren Blick bemerkte.

Ihre Blicke trafen sich und krallten sich sekundenlang ineinander fest. Sein Mundwinkel hob sich zu einem spöttischen Lächeln und sie sah den Triumph in seinen braunen Augen blitzen, als ihr das Blut ins Gesicht schoss und sie vor Verlegenheit bis tief unter die Haarwurzeln errötete.

Verärgert über seine Arroganz, bemühte sie sich vergeblich, seinem Blick länger standzuhalten. Mit puterrotem Gesicht wich sie ihm aus und unterließ es von da an, ihn noch mal anzusehen, weil sie sich nicht wieder lächerlich machen wollte.

Als er die Serviette weglegte, war sie zutiefst erleichtert, dass sie sich endlich ohne schlechtes Gewissen zurückziehen konnte. Mit einem kurzen: „Gute Nacht“, verschwand sie hinauf in ihr Zimmer, ohne noch einen weiteren Blick an ihn zu verschwenden.


Draußen im Foyer atmete sie erst einmal befreit durch. Missmutig stellte sie fest, dass Ross’ Anwesenheit eine eigenartige Reaktion in ihr auslöste. Obwohl sie sich nicht erklären konnte weshalb, fühlte sie sich trotz - oder vielleicht gerade wegen - seiner Ablehnung von ihm angezogen. Seine Gegenwart machte sie befangen und nervös wie einen verliebten Teenager. Dabei wollte dieser Mistkerl ja gar nichts mit ihr zu tun haben! Vor Verdruss hätte sie heulen mögen, dass er sie in ein solches Dilemma brachte. Wie sollte das nur in den nächsten Tagen werden, wenn er fast ständig um sie herum sein würde?


***


Bereits in den frühen Morgenstunden waren sie mit einem kleinen Düsenflugzeug unterwegs nach Cusco, der heimlichen Hauptstadt Perus.

Um die auf knapp 3 500 Meter über Meer gelegene Stadt mit ihren 150 000 Einwohnern zu erreichen, hätten noch die Möglichkeiten in mehreren Tagesetappen mit Bahn und Bus oder mit den beliebten Kollektiv-Taxis zur Wahl gestanden. Da Ross seine Anwesenheit auf der Baustelle jedoch nicht länger aufschieben konnte, war ihnen letztlich nur die Entscheidung für den anderthalbstündigen Flug von Lima aus geblieben.

Obwohl Tess sich zumindest innerlich zierte, kam sie nicht umhin, sich während der Reise neben Ross zu setzen. Nicht, dass ihr das bei einem anderen Mann etwas ausgemacht hätte. Aber in Anbetracht der ständigen Streitereien und weil sie Gefahr lief, sich trotz allem in ihn zu verlieben, ging er ihr bereits gewaltig auf die Nerven. Allerdings musste sie ihre vorgefasste Meinung über ihn schon wieder revidieren. Galant wie an jenem herrlichen ersten Abend half er ihr beim Auf- und Zuschnallen der Sitzgurte. Ungewollt berührten seine gebräunten Finger dabei ihre nackten Unterarme.

Es fühlte sich an, als hätte sie einen elektrischen Schlag abbekommen. Obwohl sie versuchte, es so aussehen zu lassen, als lehnte sie sich in den Sitz, um ihm Platz zu machen, zuckte sie zurück. Ein Schauer durchrieselte sie, der sie wie Espenlaub zum Zittern brachte. Sie spürte, wie das Blut aus ihrem Gesicht in die Magengegend wich und der Puls zu rasen begann.

Sie versuchte lieber nicht daran zu denken, was mit ihr los war. Ähnliche Eindrücke durchlebte sie lediglich noch in ihren Alpträumen, wenn die alten Erlebnisse wieder lebendig wurden, doch jetzt herrschte weder Dunkelheit, noch bedrängte er sie. Tess schalt sich selbst eine Närrin. Verlegen versuchte sie Ross anzulächeln, um ihre unerklärliche Reaktion mit einer Entschuldigung etwas zu mildern.

Er sagte kein Wort und auch sonst verriet nichts, ob er es bemerkt und was er dabei empfunden hatte. Vermutlich fühlte er sich dadurch erneut abgelehnt und provoziert! Frustriert über sich selbst, stieß Tess einen geräuschvollen Seufzer aus und versuchte sich auf das atemberaubende Panorama zu konzentrieren.


Nach dem spektakulären Flug über das Gebirge sahen sie Cusco, die älteste besiedelte Stadt Perus vor sich. Die Hauptstadt des mächtigen Inka-Reiches, das sich dazumal von Nordchile bis nach Ecuador erstreckt hatte, war erst um das Jahr 1200 gegründet worden, als der Entstehungslegende der Inka zufolge das Geschwisterpaar Manco Capac und Mama Ocllo auf seinem Weg von der Sonneninsel im Titicacasee hier den vom Sonnengott prophezeiten Ort fand, an dem sich dessen Stab leicht in den fruchtbaren Boden hineintreiben ließ. Manco Capac nannte den Ort Quosqo - Nabel der Welt.

Seine Nachfolger hatten Cusco während der letzten 300 Jahre in jeder Hinsicht zum Zentrum ausgebaut. Hier kreuzten sich die beiden Hauptverkehrsachsen des Inka-Reichs, hier wurden die wichtigsten Heiligtümer und Paläste errichtet und hier befand sich auch die Residenz der wichtigsten Adelsfamilien und des Obersten Inka-Fürsten.

Nach der Überlieferung verglichen die Inkas ihre Hauptstadt mit der Gestalt eines Pumas. Der Leib wurde aus dem Grundriss Cuscos gebildet, der zwischen den beiden Flüssen Huatanay und Tullumayo lag. Deren Vereinigung symbolisierte den Schwanz. Den Kopf des Pumas sahen die Inka in der Festung Sacsayhuaman, die hoch über der Stadt thronte.

Umgeben von sauber abgegrenzten Feldern vor den nackten, roten Felswänden, lag sie eingebettet in einem ausgedehnten, sattgrünen Tal. Das Muster der roten Ziegeldächer und Kirchen war atemberaubend und schon aus der Luft wirkte die Stadt wie ein verträumtes Märchendorf.

Tess hatte schon gelesen, dass wegen ihrer Lage in den Anden, ihrer entspannten Atmosphäre, der freundlichen Menschen und der vielen zu Fuß erreichbaren Sehenswürdigkeiten viele Besucher Perus Cusco als die schönste Stadt des Landes erlebten. Diesen Eindruck konnte sie mit jeder Faser nachempfinden.


Sie landeten auf einem schönen, modernen Flughafen. Außerhalb prallten indianische und spanische Bauweise und Vergangenheit und Gegenwart aufeinander. Die spanischen Eroberer hatten das Cusco der Inkas zerstört, um auf den Trümmern ihre Kirchen und Paläste zu bauen.

Ein gedrungener Mann in landesüblicher Kleidung trat ihnen entgegen, der sie auf Spanisch begrüßte und zu einem alten Jeep hinüberführte. Tess nahm an, dass Ross ihn zum Abholen herbestellt hatte.

Während sie durch die engen, kopfsteingepflasterten Straßen und gewundenen Gassen der Innenstadt holperten, plauderten die beiden Männer eifrig miteinander. Von dem Gespräch verstand sie kaum mehr als ein paar Brocken. Dass er es nicht für nötig hielt, es ihr zumindest teilweise zu übersetzen, ärgerte sie, aber sie schwieg wohlweislich, damit seine negative Seite nicht wieder zum Vorschein kam. Stattdessen betrachtete sie staunend die farbige Palette der Menschen und ihrer Umgebung: die barfüßigen Indianer mit ihren Ponchos und den merkwürdigen Hüten, daneben gutgekleidete Peruaner, das gescheckte Muster der Häuser aus blau, orange, gelb und grün mit geschnitzten, hölzernen Balkonen in den verschiedensten Formen, und spanische Kirchen. Beim Anblick dieser pittoresken Stadt begann ihr das Herz unwillkürlich schneller zu schlagen.


Der Peruaner brachte sie zu einem pompös aussehenden Hotel. Ross nahm an der Rezeption den Schlüssel entgegen und führte Tess eine gewundene Treppe in den oberen Stock in ihr Zimmer hinauf.

Bunte Teppiche bedeckten den Boden. An den Seiten der hohen, großen Fensterscheiben hingen schwere Vorhänge. Die Möbel waren kunstvoll geschnitzt und erdfarben bemalt.

Mit langen Schritten durchquerte sie den Raum und öffnete die Glastüre, um Licht und Luft der Anden ins Zimmer zu lassen. Ihr Blick glitt hinaus auf die vorherrschende Architektur der Spanier und die Zeugnisse der Baukunst der Inkas.

Hinter ihrem Rücken begutachtete Ross mit einem Kontrollblick das angrenzende Bad und äugte dann über ihre Schulter hinaus auf den Balkon. Etwas unerwartet riss er sie mit seiner warmen Stimme aus ihren Träumereien: „Gefällt es Ihnen, Tess?“, fragte er sanft.

Sie drehte sich nach ihm um und nickte. Im Spiegelbild der Fensterscheibe sah sie, wie sie ihn anstrahlte, aber diesmal hielt sie ihre Gefühle nicht zurück. „Oh ja, Ross, es ist wunderbar! Richtig märchenhaft! Ich danke Ihnen sehr.“

Ein weiches Lächeln glitt über seine scharfgeschnittenen Züge und wieder fiel ihr auf, wie ganz anders er sein konnte, wenn er wollte. In Situationen wie dieser lag nichts von seiner Überheblichkeit oder Gefühlskälte in seiner Miene. Er ergriff ihre Hand und drückte sie vorsichtig.

Sie blickte ihm verzagt ins Gesicht, bis sie merkte, dass er ihr lediglich den Zimmerschlüssel überreicht hatte.

Dann bin ich zufrieden.“ Er ließ sie los und drehte sich um. Bevor er endgültig ging, sagte er: „Schließen Sie das Fenster, die Ventilation bringt mehr Kühlung. Vor allem dringen keine Abgase herein. Legen Sie sich ein wenig hin. Ich schätze, Sie werden anfangs Mühe haben mit der dünnen Luft hier oben. Überanstrengen Sie sich nicht. Wir sehen uns dann am Nachmittag.“

Tess nickte verträumt und starrte ihm glücklich lächelnd nach. Eigentlich widerstrebte es ihr, bei diesem herrlichen Wetter jetzt schlafen zu gehen, dennoch befolgte sie seinen Rat. Die Aufregung und die Reise hatten sie tatsächlich ermüdet. Sie zog lediglich die Sandalen aus und legte sich auf das weiche Bett. Den Rat, das Fenster zu schließen, hatte sie bereits wieder vergessen. Minuten später war sie fest eingeschlafen.


Sie erwachte erst anfangs Nachmittag.

Nachdem sie vom Empfangschef an der Rezeption erfahren hatte, dass Ross schon vor dem Mittag aus dem Hotel geeilt war und keinerlei Informationen für sie hinterlassen hatte, bestellte sie sich einen kleinen Imbiss aufs Zimmer. Und da sie nicht wusste, wann er wiederkommen würde und natürlich ihren ersten Tag in dieser schönen Stadt nicht frustriert allein im Hotel verbringen wollte, deponierte sie am Empfang eine Nachricht für ihn und machte sich dann unternehmungslustig zu Fuß allein auf den Weg durch Cusco.

Obwohl Orientierung noch nie ihre Stärke gewesen war, glaubte sie, das Hotel sicher wiederzufinden. Ohne Eile schlenderte sie durch die Gassen, ließ das einmalige Ambiente der Stadt und die Leute auf sich wirken.

Der Hauptplatz, die Plaza de Armas, damals wie heute das geographische und kulturelle Zentrum der Stadt, war überfüllt mit neuen Autos und modernen Bussen. In der Mitte des großen Platzes stand ein Brunnen, dessen Wasser in einen kleinen Teich sprudelte. Darüber wehten die Regenbogenfahnen des Inka-Reichs.

Das auffälligste Bauwerk an der Plaza de Armas war die mächtige Kathedrale, deren Bauphase sich über mehr als 100 Jahre erstreckt hatte. Sie war auf den Grundmauern des alten Inka-Tempels für den Gott Huiracocha erbaut worden und nicht nur das größte Gotteshaus der Stadt, sondern zählte mit zu den größten Kirchenbauten Amerikas. Im linken der beiden 33 Meter hohen Glockentürme wurde an Feiertagen die größte und mit 6 Tonnen die schwerste Glocke Südamerikas geläutet, deren Klang bei günstigen Windverhältnissen noch in einer Entfernung von 40 Kilometern zu hören sein soll.

In ihrem Inneren bestaunte Tess eine Reihe von Heiligenfiguren, darunter den Herrn der Erdbeben, der alljährlich durch die Straßen Cuscos getragen wurde, und bewunderte das fein geschnitzte Chorgestühl und die zahlreichen Gemälde mit biblischen Szenen.

Den Rest des Nachmittags verbrachte sie mit der Besichtigung der herrlichen Jesuitenkirche Iglesia La Companía, die sich im Südosten der Plaza erhob und mit ihrer prachtvollen Barockfassade schon von außen sehr eindrücklich auf sie wirkte. Nach ihrem Zusammensturz beim großen Erdbeben von 1650 wollten die Jesuiten hier die großartigste Kirche der Stadt bauen, welche im Glanz sogar die Kathedrale übertreffen sollte. Es entbrannte ein heftiger Streit zwischen dem Orden und dem Bischof der Stadt, den schließlich der Papst schlichten musste und den Jesuiten den Bau untersagte. Als das päpstliche Urteil Cusco jedoch endlich erreichte, waren die Bauarbeiten schon abgeschlossen.

Am Plaza Regocijo vorbei, auf dem zu Inka-Zeiten die siegreich heimkehrenden Soldaten empfangen wurden, gelangte Tess zur Iglesia La Merced.

Diese Kirche war das einstige südamerikanische Mutterhaus des Mercedarierordens und galt als älteste Kirche der Stadt. Ein schmucküberhäufter Hauptaltar, wertvolle Heiligengemälde und das fein geschnitzte Chorgestühl aus Zedernholz bildeten nur einige Beispiele für den einstigen Reichtum der Mercedarier. Links vom Hauptportal führte eine Tür zum angegliederten Kloster.

Im kleinen Museum fiel ihr vor allem ein um 1720 gefertigter Hostienbehälter aus 24-karätigem, purem Gold ins Auge. Die Monstranz war mit 1518 Diamanten und 615 Perlen, wovon die größte einen Durchmesser von 10 Zentimeter aufwies, und unzähligen Rubinen, Smaragden und anderen Edelsteinen verziert. Mit einer Höhe von 1.30 Meter und einem Gewicht von über 22 Kilo galt sie als einer der wertvollsten, sakralen Gegenstände des Landes.


Während Tess die altehrwürdigen Gebäude mit ihren Exponaten bestaunte und in Gedanken in längst vergangene Zeiten eintauchte, vergaß sie die Zeit vollkommen. Als sie aus dem Kloster trat, stellte sie beunruhigt fest, dass es draußen bereits dunkel geworden war.

Trotz der Straßenlampen, die die Stadt beleuchteten, wirkte diese auf einmal düster und abweisend. Zähneklappernd schlang sich Tess die Arme um die Schultern, um sich etwas zu wärmen, da sie eine Jacke mitzunehmen vergessen hatte. Aber es war nicht eigentlich der etwas kühlere Abendwind, der sie zum Frösteln brachte, sondern vielmehr Ross’ Erzählungen, was ihr in dieser Stadt alles zustoßen konnte! Mit Schrecken dachte sie an all die Männer, die blondes Haar mochten und dass sie nicht lange allein bleiben würde ... Die Schreckgespenster, die er ihr ausgemalt hatte, warteten nun an jeder Hausecke und in jeder Person auf sie, die ihr begegnete.

Mit klopfendem Herzen machte sie sich ängstlich auf den Rückweg zum Hotel, und immer versuchte sie, genügend Distanz zwischen sich, den Gebäudefassaden und den Menschen zu halten, auf die sie traf. Dabei sah sie sich immer wieder um, ob ihr nicht plötzlich jemand folgte, der ihr Böses wollte. Obwohl ihr niemand besonders auffiel, fühlte sie sich nicht wirklich beruhigt. Und zudem, überall wo sie hinkam, sahen die Häuser nirgends so aus wie diejenigen, an denen sie am Nachmittag vorbeigegangen war!

Erschrocken stellte sie nach einer Weile fest, dass sie sich verlaufen hatte. Mit zunehmender Panik versuchte Tess wieder zum Kloster zurückzufinden, aber auch dieser Versuch schlug fehl. Außer ein paar Indios und Peruanern traf sie niemanden auf den Straßen und die konnte sie mangels Sprachkenntnissen nicht nach dem Weg fragen, da sie spanisch weder sprach noch verstand. Zudem wirkten die meisten von diesen Leuten nicht allzu vertrauenerweckend auf sie, so dass sie sich ihnen erst gar nicht näherte.


Völlig aufgelöst sank sie schließlich unter der Laterne einer barocken Kirche auf das nackte Straßenpflaster nieder. Verzagt vor Angst und Verzweiflung barg sie das Gesicht in den angezogenen Knien und den darum geschlungenen Armen und schluchzte hemmungslos.

Ihre Angst, aber auch die Müdigkeit steigerte sich. Obwohl es eigentlich angenehm warm war, fror sie. Sie fühlte sich von tausend Augen angestarrt. Es gab Männer, die zu ihr herübersahen. Teilweise ungepflegte Typen, aber auch andere, die ihr Angst einjagten. Ihr Herz raste. Wenn jetzt einer herkam, würde sie fliehen müssen! Dabei war das Licht ihrer Straßenlampe ihr einziger Freund! Das einzige, was ihr momentan Schutz bot! Wenn es ihnen gelang, sie ins Dunkel der Gassen abzudrängen, war sie verloren!


Tess zuckte entsetzt zusammen, als aus der Finsternis auf einmal ein Schatten auftauchte. Vor Schreck blieb ihr beinah das Herz stehen, bis er sich von den Hauswänden löste, kleiner und kleiner wurde und sie im Lichtkegel ihrer Straßenlampe endlich sehen konnte, was es war. Allerdings war die Tatsache, dass es sich nur um einen schmutzigen Straßenköter handelte, der schnurstracks auf sie zuhielt, nicht wirklich beruhigend. Vielleicht war er bissig oder hatte die Tollwut!

Obwohl er jaulte, als er auf sie zukam, schoss Tess verängstigt in die Höhe, aber sie war nicht schnell genug, um sich aufzurichten. Angesichts der anderen, lauernden Gefahren blieb sie stocksteif an den Laternenpfahl gelehnt sitzen, weil ihr ein Hundebiss weitaus ungefährlicher erschien. Die Augen geweitet, starrte sie dem Köter steif wie ein Brett entgegen, die Arme um die Schultern geschlungen, damit er sich nicht in ihren Händen verbeißen konnte.

Aber er rieb lediglich schwanzwedelnd sein struppiges Fell an ihren nackten Beinen, bevor er ihr die salzverkrustete Wange ableckte und dann vertrauensvoll seinen Kopf in ihren Schoß legte. Aus schwarzen Knopfaugen blickte er ihr ins Gesicht.

Tess stieß einen erleichterten Seufzer aus, dass der Hund keine zusätzliche Bedrohung für sie darstellte. Es kostete sie zwar Überwindung, aber schließlich schluckte sie ihren Widerwillen hinunter. An noch mehr Bakterien, als er ihr soeben ins Gesicht geschmiert hatte, konnte sie nicht sterben! Der Gedanke daran brachte sie zum Lächeln. Sie kraulte sein verfilztes Fell, schaute in seine klugen Augen und fühlte sich gleich nicht mehr so allein, während sie mit ihm sprach.

Obwohl er ein Tier war, tat ihr nur schon seine Anwesenheit unendlich wohl. Es fühlte sich ungemein tröstlich an. Er blieb bei ihr und sie wärmten sich gegenseitig. Mit dem Hund an ihrer Seite fühlte sie sich sicherer. So hässlich wie er aussah - in dem Moment liebte sie ihn über alles und dankte Gott dafür, dass er da war. Er stemmte sich drohend gegen jeden und knurrte ihn an, der Tess auch nur schiefe Blicke zuwarf. Er war für sie ein Geschenk des Himmels.


Ihr war nicht bewusst, wie lange sie bereits tränenaufgelöst dort saß. Irgendwie waren ihr Raum und Zeit abhanden gekommen, und es kam ihr auch nicht in den Sinn, dass sie hätte auf die Uhr schauen können. Andererseits hätte es ihr wohl außer noch mehr Verzweiflung nichts eingebracht.

Plötzlich hörte sie das hackende Stakkato eilender Absätze auf sich zueilen und schlagartig kehrte ihre Panik zurück.

Der Hund entwand sich ihrer Umarmung, seine Nackenhaare sträubten sich.

Während Tess in die Höhe schoss, um im Bedarfsfall flüchten zu können und sich innerlich gegen den wohl nun unweigerlich folgenden Überfall wappnete, zog er die Lefzen über den spitzen Zähnen in die Höhe und begann drohend laut zu knurren. Dankbar für seine Anwesenheit kraulte sie sein struppiges Fell. Mit schreckgeweiteten Augen starrte sie dem schwarzen Schatten entgegen, der sich ihr mit eindeutiger Absicht näherte. Ihr Herz klopfte zum Zerspringen. Vor Angst hielt sie die Hände gegen die Brust gepresst, sie konnte kaum atmen. Sie machte sich bereit, schreiend davonzurennen.

Der Mann hastete mit finsterer Miene auf sie zu. Seine Gestalt löste sich aus der Dunkelheit, als er ins Licht der Straßenlampe trat, unter der sie sich befand.

Eine größere Erleichterung als in diesem Moment hatte sie noch kaum je erlebt, als sie Ross erkannte. Erst jetzt fiel ihr ein, dass kurz zuvor ein Wagen vorbeigefahren war, der an der Ecke gehalten hatte. „Ross!“ Mit einem lauten Schrei stieß sie seinen Namen aus und rannte mit ausgebreiteten Armen auf ihn zu.

Ein entsetzteres Gesicht hätte er wohl nicht machen können, als Tess ihn förmlich ansprang. Während ihr die Tränen in Bächen über die Wangen flossen, warf sie sich ihm impulsiv an die Brust. Ihre Arme umschlangen seinen Nacken, ihre Stirn presste sich fest gegen seine Halsbeuge. „Ross! Oh Ross! Gott sei Dank!“, stammelte sie abgehackt zwischen mehreren Atemstößen, während sie spürte, wie der Rotz und die Tränen sein Hemd durchnässten.


Eigentlich hatte er sie aufgebracht anfahren und ihr den Kopf zurechtsetzen wollen, weil sie ihm einen solchen Schrecken eingejagt und ihn bemüht hatte, sie zu suchen. Aber angesichts ihrer Verzweiflung erstickte seine Wut.


Sie war überrascht, dass er diesmal nicht angewidert von ihr zurücktrat.

Ist ja gut, Tess, ich bin ja hier. Du dummes Mädchen“, sagte er stattdessen mit rauer, aber sanfter Stimme. „Ich habe dir doch gesagt, dass du nicht eigenmächtig etwas unternehmen sollst! Grundgütiger, ich habe mir solche Sorgen um dich gemacht!“

Unbeweglich stand er im Lichtkegel der Straßenlampe und hielt sie fest. Seine großen Hände wärmten und besänftigten sie. Seine trockenen Lippen glitten streichelnd über ihr tränennasses Gesicht. „Hör auf zu weinen, Tessie. Du brauchst keine Angst mehr zu haben, Baby“, fuhr er zärtlich fort und hauchte einen Kuss auf ihren Mund, als sie nicht zu schluchzen aufhörte.

Zitternd schmiegte sie sich schutzsuchend an ihn. Immer wieder entschuldigte sie sich und nannte flüsternd seinen Namen. Es dauerte lange, bis sie sich wenigstens halbwegs beruhigen konnte. Durch ihr Trägershirt hindurch spürte sie seinen Herzschlag und die Wärme seines muskulösen Körpers und fühlte sich unsäglich glücklich.


Ross ließ ihr einen Moment Zeit, um sich zu fangen. Ohne sich von ihr zu lösen, wandte er sich zum Gehen und zog sie sanft mit sich.

Ihr Tränenfluss war endlich versiegt. Die Haut um die Augen und auf den Wangen spannte vom ständigen Wegwischen und den eingetrockneten Salzkrusten.

Ihr Aussehen war ihr peinlich, aber er schüttelte lächelnd den Kopf und reichte ihr sein Taschentuch. Er war mindestens ebenso erleichtert, dass ihr nichts zugestoßen war.

Noch immer zitterte sie vom nachhaltigen Schock wie Espenlaub. Ihre Beine fühlten sich so bleischwer und schwammig an, dass sie kaum fähig war, ein paar Schritte zu gehen. Sie hing an seiner Schulter wie ein Bleigewicht, den Kopf fest gegen seine Brust gedrückt, und ließ sich mehr fortziehen, als dass sie selbst in der Lage war zu gehen.

Schließlich blieb er stehen und hob sie kurzerhand auf die Arme.

Tess reklamierte nicht, als er sie zum Wagen hinübertrug. Sie war viel zu froh, als dass sie sich dagegen gewehrt hätte. Ihr war im Augenblick alles gleichgültig, solange er nur bei ihr war und sie beschützte. Sie schloss die Augen, mit einem abgrundtiefen Seufzer ließ sie den Kopf gegen ihn fallen. Ihr Gesicht schmiegte sich in seine Halsbeuge. Unbeabsichtigt streiften ihre Lippen seine Haut.

Selbst in ihrer momentanen Verfassung nahm Tess wahr, wie Ross der Berührung auszuweichen versuchte, als wäre sie ihm lästig. Sie stieß einen bedrückten Seufzer aus, ansonsten tat sie so, als hätte sie es nicht bemerkt. Aber sie versuchte einen erneuten Hautkontakt auch nicht zu vermeiden. Sie ließ den Kopf einfach dort, wo er gerade lag, ohne sich zu bewegen. In seinen kräftigen Armen fühlte sie sich sicher und geborgen, was eine ungemein beruhigende Wirkung auf sie ausübte.

Bleierne Müdigkeit übermannte sie. Tess war unfähig, sich noch zu rühren und merkte nicht, wie sie in ihrem Dämmerzustand in den Schlaf hinüberglitt. Das einzige, was sie bis zuletzt wahrnahm, war die Wärme seines Körpers, der eine ganze Welle von Gefühlen in ihr auslöste.


Er brachte sie sicher zurück ins Hotel, während sie die ganze Zeit in seinen Armen schlief, und trug sie die Treppe ins Obergeschoss hinauf. Erst vor ihrer Zimmertüre, die der Hotelboy für ihn öffnete, weckte er sie auf. Sanft streiften seine Lippen ihre Wange. „Aufwachen, Tess, wir sind da. Wir sind wieder zuhause.“

Trotz der zarten Berührung erwachte sie sofort, während er sie zuvor noch durch ein Inferno hätte tragen können. Ihre Lider flatterten sekundenlang, ehe sie sich dazu aufraffte, sie zu öffnen. Verwirrt starrte sie Ross an und musste erst alles wieder auf die Reihe kriegen, ehe sie die Zusammenhänge erfasste.

Können Sie stehen, Tess?“ Mit einem aufmerksamen Blick stellte er sie auf die Füße, hielt sie aber sicherheitshalber fest, damit sie nicht umkippte.

Tess spürte den Schlag seines Herzens und den warmen Atem auf ihrer Haut, so nah standen sie sich. Ein Prickeln rieselte durch ihren Leib und einen Lidschlag lang war sie versucht, sich noch enger an ihn zu schmiegen. Gerade noch rechtzeitig fiel ihr ein, dass Ross dies bestimmt missverstehen würde.

Kommen Sie jetzt allein zurecht?“, wisperte seine Stimme an ihrem Ohr, als befürchtete er, sie würde es sonst vielleicht nicht verstehen, weil sie noch immer recht mitgenommen war. Die Angst hatte ihr in den letzten Stunden ganz schön zugesetzt.

Etwas verwirrt nickte sie und befreite sich aus seiner schützenden Umarmung, obwohl es ihr im Grunde zutiefst zuwider war, ihn loszulassen. So nah würde sie ihm wahrscheinlich nie wieder kommen. Auf diese Weise hätte sie seine Nähe stundenlang ertragen, wenn sie seinen Spott oder eine weiterführende Forderung nicht so gefürchtet hätte. „Es geht schon wieder, danke, Ross. Ich habe Ihre Hilfe schon viel zu lange in Anspruch genommen, tut mir leid“, murmelte sie vor Verlegenheit heiser.

Sein anfängliches Lächeln verlor sich, aber seine Züge blieben weich. Sie fand, dass er so fast zehn Jahre jünger aussah. So gefiel er ihr sogar noch besser. In seinen Augen lag noch derselbe, besorgte Ausdruck und seine Stimme klang fast zärtlich, als er ihr empfahl: „Am besten gehen Sie jetzt gleich zu Bett, Tess. Sie müssen sich ausruhen und von dem Schreck erholen. Ich lasse Ihnen einen Whisky raufschicken. Den werden Sie gehorsam austrinken und dann schön schlafen, nicht wahr?“

Ja, Ross. Danke. Gute Nacht, Ross.“ Tess nickte abwesend, während sie beim Gähnen spürte, wie ihre Lider flatterten. Sie hatte Mühe, die Augen offen zu halten und sich überhaupt auf seine Worte zu konzentrieren. Vermutlich wäre sie gleich auf der Schwelle im Stehen eingeschlafen, wenn er sie noch immer festgehalten hätte. So torkelte sie haltsuchend ins Zimmer. Plötzlich fehlte ihr seine Sicherheit und sie begann zu frösteln.

Besorgt blickte er ihr hinterher. „Gute Nacht, Tessie. Schlafen Sie gut.“ Er blieb vor dem Eingang stehen, bis sie ihm mit einem dämlichen Grinsen auf dem Gesicht die Türe vor der Nase zuklappte.

Erschöpft lehnte sie sich gegen das kühle Holz. In ihrem Innern wirbelte alles durcheinander. Kopfschüttelnd versuchte sie sich darüber klar zu werden, was gerade passiert war. Und stellte sich die bange Frage: Bin ich trunken vor Müdigkeit oder in ihn verknallt? Dieser Gedanke erschreckte sie fast. Was für ein Unding, jemanden zu lieben, der einen nicht ausstehen konnte und nichts von einem wollte!

Er wird dir das Herz brechen!“, keifte die Stimme ihres Unterbewusstseins.

Ich weiß“, seufzte sie. „Gestohlen hat er es schon!“


Schließlich ging sie ins Bad hinüber und ließ heißes Wasser in die Wanne laufen. Noch selten zuvor war sie sich so schmutzig vorgekommen wie jetzt. Nachdem sie Schweiß und Dreck abgeschüttelt hatte, war ihr endlich wieder warm. Wohlig streckte sie sich unter dem Laken aus und starrte zur Zimmerdecke hinauf. Das Fenster war seit dem Nachmittag noch immer auf, das Licht der Straßenlampen drang zwischen den offenen Vorhängen herein und malte helle Schatten an die Wände und auf den Fußboden. Es machte ihr nichts aus. Sie war viel zu müde, als dass sie sich noch mal dazu aufgerafft hätte, um es zu schließen. Ross’ Ermahnung hatte sie erneut vergessen. Tess fielen die Augen zu und ehe sie es sich versah, wurde sie vom Schlaf wieder übermannt.


***


Als sie am nächsten Tag aus ihrem ohnmachtähnlichen Schlaf erwachte, stand die Sonne schon hoch am Himmel. Ihr gleißender Schein fiel durch die Balkontüre ins Zimmer herein und weckte sie mit einem warmen Lichtstrahl, der wie eine Engelshand ihre Wange berührte.

Erschrocken stellte Tess fest, dass es keine Stunde mehr bis zum Mittagessen war, zu dem Ross sie sicherlich erwartete. Ach ja, Ross!

Diesmal freute sie sich richtiggehend darauf, ihn wiederzusehen und hoffte, dass er sich seit der letzten, gemeinsamen Stunde nicht schon wieder verändert hatte. Der Gedanke an seine abweisende, schroffe Haltung ihr gegenüber tat ihr weh. Sie seufzte und dachte mit Schwermut über sie beide nach. Konnte es wirklich sein, dass sie sich trotz allem in diesen gefühlskalten Mann verliebt hatte?

Schließlich gab sie es auf, Dinge zu hinterfragen, die sie doch nicht beantworten konnte. Sie schlug die schwere Decke zurück und sprang aus dem Bett. Um den letzten Rest der Müdigkeit aus ihren Knochen zu vertreiben, gönnte sie sich eine Wechseldusche und stellte danach befriedigt fest, dass sie sich wieder frisch und munter fühlte. Der Schrecken der vergangenen Nacht war beim Anblick der großartigen Stadt vergessen. Die schneebedeckten Gipfel, die sich dahinter gegen den tiefblauen Himmel abzeichneten, bildeten für die alte Inkahauptstadt Cusco den schönsten Hintergrund, den man sich vorstellen konnte.

Tess spürte, wie die Faszination von ihr Besitz ergriff. Unwillkürlich musste sie an die Indianer denken, für die hier der Wohnsitz ihrer Ahnen und Götter war. Dies war das romantische, wunderschöne, lebhafte und genauso grausame Peru, das Land der Sonne, bewohnt von den Kindern des Himmels, deren Wahrzeichen der Regenbogen war, und der starken Kontraste, wo die alte und die neue Welt Seite an Seite existierte. Überall, egal, wo sie hinkommen würde, würde sie sich auf einem Pfad in die Vergangenheit befinden.


Als sie sich pünktlich zum Mittagessen im Speisesaal einfand und an den gemeinsamen Tisch setzte, war Ross merkwürdigerweise noch nicht da. Tess begann sich gerade darüber zu wundern, da sie bereits wusste, dass er Unpässlichkeit hasste, als der Hotelboy auf sie zukam. Er machte einen Diener vor ihr und erklärte: „Der Señor lässt sich entschuldigen, Miss. Er hat heute Vormittag das Hotel verlassen und lässt Ihnen ausrichten, dass Sie auf Ihrem Zimmer auf seine Rückkehr warten sollen. Er sagt, es sei wichtig, dass Sie hier bleiben. Er will am Nachmittag zurückkommen.“

So hatte sich Tess weder den heutigen Tag, noch ihr Hiersein in der Gefangenschaft eines Hotelzimmers vorgestellt. „Ja, danke“, entgegnete sie frostig und nickte ihm zu. Sie war enttäuscht, dass Ross ausgerechnet jetzt nicht da war, wo sie sich zum ersten Mal auf seine Gesellschaft gefreut hatte.

Als der Boy davon trabte, rief sie ihm hinterher: „Richten Sie Mister Henderson aus, dass ich es nicht mag, ständig abgestellt zu werden! Er kann mich beim Museum abholen!“

Der junge Mann blieb stehen und drehte sich abrupt zu ihr zurück. Er sah richtiggehend schockiert aus. „Der Señor wird wieder böse sein!“, lamentierte er erregt.

Tess registrierte mit Genugtuung, dass er also doch verärgert gewesen war, weil er sie hatte suchen kommen müssen. „Das ist mir egal!“, knurrte sie patzig zurück.

Nachdem der Page verschwunden war, hielt sie sich nicht lange mit dem Essen auf. Allein in diesem großen Saal an einem Tisch zu sitzen und von fremden Leuten angestarrt zu werden, behagte ihr nicht und verdarb ihr den Appetit.

Gewiss, sie sah nicht schlecht aus. Es gab sogar Männer, die sich nach ihr umdrehten. Zu Hause hätte sie sich vielleicht geschmeichelt gefühlt, aber hier in der Fremde hatte sie kein Bedürfnis nach Bewunderung oder gar Gesellschaft. Ausgenommen derjenigen von Ross Henderson vielleicht. Nur leider er nicht an ihrer!

Tess stieß einen betrübten Seufzer aus, aber gleich darauf grinste sie beim Gedanken und hoffte, dass er wieder verärgert und vielleicht sogar verängstigt sein würde, wenn ihm ihre Antwort auf seine Nachricht ausgerichtet wurde.

Sie beeilte sich, zurück aufs Zimmer zu kommen. Dort schrieb sie einen langen Brief an ihre Freundin Barbara, bevor sie sich dann mit einer interessanten Lektüre über die alten Inkas auf den Balkon setzte.


Als es gegen zwei Uhr klopfte, eilte sie voller Erwartungen zur Tür.

Enttäuscht starrte sie auf den Hotelboy, der einen Diener vor ihr machte und ausrichtete: „Señor Henderson erwartet Sie jetzt unten an der Bar, Miss. Sie sollen sofort hinunterkommen.“

Sie sollte? Scheinbar hatte Ross ihr nicht geglaubt oder ihm war zugetragen worden, dass sie gelogen hatte. Tess krauste missmutig die Stirn. Diese Aufforderung kam einem Befehl gleich. Ihre Stimmung sank auf den Nullpunkt. Sie hasste es, abgestellt und herumkommandiert zu werden! Deshalb antwortete sie mit hochgezogenen Augenbrauen bedauernd: „Richten Sie Mister Henderson aus, dass ich mich nicht wohlfühle. Ich bleibe lieber auf meinem Zimmer.“

Der Page verschwand, stand aber schon Minuten später wieder auf der Schwelle. Etwas außer Atem vom schnellen Laufen sagte er: „Señor Henderson bedauert, dass er nicht bitte gesagt hat.“

Nun denn“, zufrieden lächelte ihn Tess munter an, „dann sagen Sie ihm, dass ich ein Schmerzmittel nehmen und in fünf Minuten unten sein werde.“

Während der junge Mann davon trabte, schloss sie hinter ihm die Tür. Sie grinste, weil es ihr gelungen war, Henderson von seinem hohen Ross herunterzuholen. Dass er sich herabgelassen hatte, ihr ein Bitte nachzuschicken.

Prüfend betrachtete sie vor dem großen Spiegel ihren blonden Wuschel und begann ihn so heftig zu bürsten, bis ihr Haar wie Seide glänzte und teilweise wie elektrisierte Borsten vom Kopf abstand. Mit ein paar Handgriffen bändigte sie es mit ein paar Spangen und Nadeln und legte noch etwas Lipgloss auf, damit die Lippen schön glänzten, dann verließ sie mit ihrer kleinen weißen Handtasche das Zimmer und begab sich über die Treppe hinunter in die Bar im Erdgeschoss.


Ross stand zusammen mit einem anderen Mann an der Theke. Als er sie erblickte, wie sie vom Foyer herüberkam, trat er ihr ein paar Schritte entgegen. Seine Miene wirkte wieder hart und undurchdringlich wie immer.

Das versetzte Tess einen kleinen Stich. Die Freude auf das Zusammentreffen mit ihm war auf einen Schlag fortgewischt. Wahrscheinlich hatte sie sich mit ihrer Weigerung zu viel herausgenommen, dachte sie mit Bedauern, ehe sie sich zur Räson rief, dass sie es nicht nötig hatte, sich herumkommandieren zu lassen! Folglich begegnete sie ihm genauso kühl und brachte nicht mehr als ein förmliches: „Guten Tag“, über ihre plötzlich trockenen Lippen.

Ich dachte, Sie erwarten mich im Museum?“, mokierte er sich darüber, dass sie doch im Hotel anwesend war.

Genervt zuckte Tess mit der Achsel. „Ich hab’s mir anders überlegt“, entfuhr es ihr schnippischer als vorgesehen. Es war ihr einfach unmöglich, bei seinem kaltschnäuzigen Verhalten nicht in Rage zu geraten.

Während Ross sie am Ellbogen seinem Bekannten an der Theke näherführte, erinnerte sie sich schmerzlich an seinen Kuss und die netten Worte der letzten Nacht. Irgendwie hatte sie dadurch gehofft, dass sie ihm doch nicht mehr ganz so gleichgültig war wie zu Anfang und sah sich jetzt zutiefst enttäuscht. Wahrscheinlich war es lediglich aus der Erleichterung heraus passiert, dass sie unversehrt geblieben war. Aber sein Verhalten hatte in ihr Gefühle ausgelöst, die nicht gut für sie waren und gegen die sie würde ankämpfen müssen, wenn sie nicht daran zerbrechen wollte!

Widerwillig sah Tess ein, dass es nichts anderes als ein Versuch gewesen war, sie in ihrem aufgelösten Zustand zu trösten. Vermutlich hatte Ross nicht mehr gewusst, was anderes er mit ihr anfangen sollte, weil er der Situation nicht gewachsen gewesen war. Sie unterdrückte einen verzweifelten Seufzer. Unwirsch versuchte sie die Gedanken an das Geschehene zu verdrängen, weil sie sich dadurch in seiner Nähe noch gehemmter und kribbeliger fühlte. Verärgert hoffte sie, dass er sie nicht wieder provozierte, sonst konnte sie in Gegenwart seines Begleiters nicht dafür garantieren, dass sie nicht ausfallend wurde.

Mister Maddows“, stellte er ihr diesen vor. „ Miss Theresa Harper.“

Sie rang sich ein schwaches Lächeln ab und streckte ihm die Hand entgegen.

Maddows kam ihr etwas aalglatt vor. Er war ein wenig kleiner als Ross, ebenfalls breitschultrig, aber mit einer Gestalt, die zu Fettleibigkeit neigte, wenn er in Zukunft nicht mehr auf sein Gewicht achtete. Sein Haar glänzte silbrig grau. Tess schätzte ihn auf Mitte fünfzig, wobei Schätzen noch nie ihre Stärke gewesen war.

Miss Harper“, grüßte er sie mit einem knappen Nicken distanziert. Über ihre Hand hinweg, die er einfach ignorierte, bedachte er Ross mit einem ausgesprochen missbilligenden Blick.

Guten Tag, Sir.“ Tess erwiderte den kühlen Gruß mit einem höflichen Nicken. Sie ließ den Arm sinken, sah Ross fragend an.

Dieser achtete nicht auf sie, richtete sein Augenmerk ausschließlich auf seinen Teilhaber, den er inzwischen für fragwürdig hielt.

In dessen angespannter Haltung lag blanke Wut. „Was zum Teufel soll das, Henderson? Das geht jetzt eindeutig zu weit! Wir stellen doch keine Frauenzimmer ein!“, fuhr er seinen jüngeren Geschäftspartner zornig an. Maddows‘ Stimme verschob sich in eine unangenehm schrille Tonlage.

Tess war sich sicher, dass sie weder den aalglatten Mann noch seine Art mochte und hoffte, dass sie mit ihm nicht allzu viel zu tun bekam. Ihr war diese Situation ausgesprochen peinlich. Am liebsten hätte sie sich umgedreht und wäre fortgerannt, gleichwohl fühlte sie sich wie festgenagelt, als würde sie dazu gezwungen zu bleiben. Vielleicht brauchte Ross ja ihre Hilfe? Also blieb sie. Sie setzte sich auf einen der Barhocker an der Theke und bestellte sich einen Cuba Libre. Während sie daran nippte, horchte sie auf jedes Wort, das zwischen den beiden fiel.

Das ist reine Männerarbeit! Eine solche Frau verdreht den Arbeitern nur den Kopf und dann können wir unseren Terminplan ganz vergessen! Ich muss doch sehr bitten! Sie können Ihre privaten Bekanntschaften zu Hause pflegen!“, ereiferte er sich.

Ich bin keine Bekanntschaft, sondern ich arbeite hier!“, warf Tess ohne nachzudenken mit Genuss dazwischen, ehe Ross Luft zum Antworten holen konnte.

Sein eisiger Blick ließ sie verstummen. Er sah nicht aus, als würde er ihre Hilfe schätzen, im Gegenteil. „Sie vergessen, dass Sie nur mein Teilhaber sind, Maddows! Das Unternehmen gehört mir und ich leite es! Wenn ich Miss Harper eingestellt habe, dann weil ich sie brauche! Zudem ist das allein meine Sache!“, entgegnete Ross scharf. Seine Stimme klang, und das hätte Tess nun wirklich nicht für möglich gehalten, noch frostiger, als wenn er mit ihr in diesem Ton sprach. Zwischen seinen Augen hatten sich über der Nasenwurzel steile Falten des Unmuts gebildet und die beiden Adern an den Schläfen waren zu dicken Strängen angeschwollen.

Maddows sah nicht weniger aufgebracht aus. Das rundliche Gesicht war dunkel vor Wut. „Es war so ausgemacht, dass ich den Straßenbau hier leite!“

Ja! Bis sich herausgestellt hat, dass Sie dazu scheinbar nicht in der Lage sind! Sonst hätte ich ja gar nicht herkommen müssen!“

Deshalb war er also so wütend auf Ross! Weil dieser sich einmischte und damit seine Autorität untergrub!, erkannte Tess. Ihr Blick wanderte aufmerksam von einem zum anderen.

Ich habe Sie nicht hergebeten!“

Nein, natürlich nicht!“, nickte Ross grimmig. „Sie würden ja lieber noch mehr Geld in den Sand setzen! Zum Glück war jemand anderer klug genug, es zu tun, sonst stünden wir wohl bald vor dem Ruin!“

Die beiden standen einander gegenüber wie zwei Kampfhähne, die gleich aufeinander losgehen würden.

Verdammt, Maddows, Sie sind ein guter Mann, wenn die Arbeit nach Ihrem Geschmack ist! Aber hier taugen Sie nichts, begreifen Sie das endlich!“

Maddows’ Gesicht lief puterrot an.

Tess sah, dass er einen Lidschlag lang versucht war, seinem Teilhaber an die Gurgel zu fahren. Bevor er sich vergaß, fing er ihren Blick auf, zögerte und ließ es dann bleiben. Die zum Zupacken erhobenen Hände fielen an seinen Seiten herab wie zwei gefällte Bäume.

Das werden Sie noch bereuen, Henderson!“, schleuderte er ihm wütend entgegen, machte abrupt auf dem Absatz kehrt und eilte wutschnaubend aus der Bar davon.


Als Ross den Kopf wandte, sah er sie entschuldigend an.

Er wirkte fast ein wenig besorgt, als er sich neben sie auf den Barhocker setzte. So interpretierte sie auch seinen tiefen Seufzer.

Er griff nach seinem Whisky, stützte die Ellbogen auf dem Tresen auf und stierte in sein halbleeres Glas, das er gedankenverloren zwischen den Fingern drehte. „Tut mir leid, dass Sie das eben miterleben mussten, Tess“, murmelte er ohne sie anzusehen oder den Blick zu heben bedauernd. Seine gebräunten Hände spielten nervös mit dem dicken Glas.

Ihr schien es, als ob er imaginär Maddows’ Hals darin sah. Sie warf einen prüfenden Blick in sein Gesicht. Ihr Mitgefühl regte sich. Ross schien von seinem Geschäftspartner nicht gerade geschätzt zu werden. Zugleich erinnerte sie sich, dass ihm auch der Peruaner, der sie vom Flughafen abgeholt hatte, lediglich respektvoll, nicht aber freundlich begegnet war. Auch hier im Hotel war noch keiner wirklich freundlich zu ihm gewesen. „Es war wohl taktisch nicht sehr klug, mich Maddows vorzustellen“, antwortete sie leise.

Er drehte sich zu ihr um. Ein grimmiger Ausdruck lag auf seiner Miene. Bitter sagte er: „Leider haben Sie recht. Ich ahnte nicht, dass er so ablehnend reagieren würde. Er ist der einzige von meinen Leuten, der von Ihrer Ankunft nichts wusste. Ich wollte ihn nicht unnötig aufregen. Sein Herz macht ihm schon genug zu schaffen.“

Ich hatte nicht den Eindruck, dass er sehr um sein Herz besorgt war.“

Irritiert blickte er sie an. „Wie meinen Sie das?“

Tess zuckte leicht mit den Schultern, um ihren Einwand herunterzuspielen, schließlich hatte sie hier ja nichts zu sagen und ihr erster Eindruck konnte nicht so viel gelten wie Ross’ langjährige Erfahrung mit seinem Teilhaber. Dennoch fand sie es keineswegs falsch, ihm ihre Meinung mitzuteilen: „Er hat den Streit ja provoziert. Und ohne mich wäre er vorhin vermutlich sogar handgreiflich geworden.“

Ross nickte. „Den Eindruck hatte ich freilich auch. - Verdammt, Tess! Was ist so falsch daran, dass ich Sie hierher geholt habe?“

Sie lächelte schmal. „Vielleicht hätten Sie Mr. Maddows vorher einweihen sollen. So wie die anderen.“

Seiner Brust entrang sich ein abgrundtiefer Seufzer. Er wirkte irgendwie ratlos.

Überlegt er sich, was er nun mit mir machen soll?, fragte sie sich bang. Sie schluckte einen Kloß hinunter, der plötzlich in ihrer Kehle saß, und zwang sich zu einem Lächeln. „Er wird sich schon daran gewöhnen“, munterte sie ihn auf.

In seinem Zwiespalt auf der Suche nach einer Antwort, weshalb er ausgerechnet ihr verfallen musste, starrte er sichtlich durch sie hindurch. Auf ihren Einwand äußerte er sich niederschmetternd: „Ich weiß nicht, ob ich einen Fehler gemacht habe …“

Durch Tess flutete eine Welle der Hilflosigkeit. War’s das bereits gewesen? Schickte er sie deswegen jetzt wieder zurück? Ohne dass er ihr auch nur einen einzigen Zipfel von diesem Land gezeigt hatte? Du hast es mir aber versprochen!

Sie wusste kaum, wie sie darauf reagieren sollte, aber sie wollte nicht nach Hause. Sie holte Luft, verharrte. „Das haben Sie nicht!“, rebellierte sie.

Oh Tess, Sie haben ja keine Ahnung …“

In seinen Augen lag ein eigentümlicher Glanz, den sie nicht zu deuten vermochte.


Gierig wäre der richtige Ausdruck dafür gewesen.

Sie gefiel ihm. Er wollte sie! Hätte sich durchaus vorstellen können, eine Art Beziehung mit ihr zu führen, wenn da nicht sein innerer Konflikt wegen Olivia gewesen wäre. Er verleugnete seine Liebe zu ihr, wenn er sich mit dieser Frau einließ! Und dennoch begehrte er sie so sehr, dass es schmerzte.


Ross wandte sich der Bar zu und trank einen Schluck von seinem Whisky.

Tess beobachtete, wie sich seine Mundpartie verhärtete und seine Finger sich um das dicke Glas krallten, bis die Knöchel weiß schimmerten. Er legte eine ungeheure Kraft in seine rechte Hand. Sie schluckte betroffen. Ob er sich ihren Hals dazwischen vorstellte?

Im selben Moment, in dem sein Arm die Theke berührte, zersprang das Glas in tausend Stücke.

Sie zuckte unter dem lauten Geklirr zusammen.

Er fluchte leise.

Ums Himmels Willen, Ross!“

Por Díos, Señor!“, entfuhr es auch dem entsetzten Barmann, der eben noch ein Bierglas gewienert hatte, mit dem er nun bestürzt in der Luft verharrte.

Verdattert starrte Tess zuerst auf Ross‘ Hand, danach auf sein Gesicht. Sie wurde blass, als sie Blut zwischen seinen Fingern hervorquellen sah. Es rann ihm über die Hand und tropfte auf die Theke.

Er ließ sie keinen Lidschlag lang aus den Augen, schien gar nicht zu bemerken, dass die Scherben in sein Fleisch schnitten.

Rasch beugte sie sich über seine Hand und öffnete sie, um sich die Bescherung anzusehen.

Er hielt still und ließ sie gewähren.

Aus vielen kleinen und mehreren größeren Schnittwunden sickerte Blut. In einigen steckten noch die Glassplitter, die ihm die Wunden zugefügt hatten.

Der Barmann stellte das Bierglas zurück in die Spüle, warf das Geschirrtuch daneben. „Ich hole einen Arzt!“, ereiferte er sich nervös, während er sich nach der Notfallapotheke umsah.

Aber Ross winkte kopfschüttelnd ab, hielt ihn mit einer knappen Geste zurück. „Nicht nötig. Ist ja nur eine Bagatelle.“

Tess war mit ihm nicht einer Meinung. Wortlos holte sie eine brennende Kerze heran und zog mit spitzen Fingern die gröbsten Scherben heraus.

Die Verletzungen und die kleine Blutlache, die sich auf dem Tresen bildete, taten ihr beinahe selbst körperlich weh. „Warum haben Sie das getan?“

Er gab ihr keine Antwort, dennoch glaubte sie intuitiv zu wissen, dass er das Glas nicht nur aus Wut auf sie zerquetscht hatte. Irgendetwas stimmte mit diesem Mann nicht! Es verletzte sich doch kein Mensch selbst mit Absicht, oder? Sie hätte zu gern gewusst, was für eine Wunde er mit sich herumtrug.

Sie vermied es, den Blick zu heben, weil er sonst ihre Betroffenheit gesehen hätte. Geschäftig entnahm sie ihrem Täschchen ein Nastuch, das sie ihm vorsichtig um die Wunden wickelte, um die Blutung zu stoppen.

Als sie die Hand wegzog, hielt Ross sie überraschend fest, griff ihr dann mit der gesunden Linken unters Kinn und hob es an, damit sie ihn ansehen musste.

Widerstrebend begegnete sie seinem Blick. Gleichzeitig spürte sie, wie ihre Lippen unter einem unterdrückten Weinkrampf zu zittern begannen, weil sie ihre gegenseitigen Verletzungen dermaßen bedauerte, dass sie vor lauter Selbstmitleid zerfloss.

Danke, Tessie“, murmelte er sanft.

Sie schluckte „Das war ja nichts, Ross“, murmelte sie heiser. Vorsichtshalber richtete sie den Blick wieder auf seinen provisorischen Verband. „Sie sollten sich trotzdem verarzten lassen.“

Dann tun Sie sich keinen Zwang an.“ Auf seiner Miene erschien ein schwaches Grinsen.

Ich habe Verbandszeug oben.“ Aus lauter Mitleid dachte sie gar nicht daran, dass er dies als Einladung auffassen könnte. Sie nahm ihr Täschchen an sich, rutschte vom Hocker und ging ihm voraus.

Sie hörte, dass er ihr folgte.

Mit zwei schnellen Schritten setzte er sich an ihre Seite, während sie durchs Foyer dem Treppenhaus zusteuerte. „Verstehen Sie denn etwas davon?“

Sie empfand es wieder einmal als leisen Spott. „Das werden Sie ja gleich sehen!“, gab sie empfindlich zurück.


Er folgte ihr hinauf in ihr Zimmer, wo sie im Gepäck immer eine Notapotheke mit sich führte. Tess holte ein Fläschchen Desinfektionsmittel und eine kleine Verbandsrolle hervor und setzte sich damit aufs Bett.

Ross ließ sich auf der Kante nieder und reichte ihr willig seine Hand. Dass sie seinen Arm auf ihrem Schenkel platzierte, entlockte ihm ein vergnügtes Grinsen. Er beobachtete sie dabei, wie sie mit spitzen Fingern das Taschentuch abwickelte, das vollgesogen war mit seinem Blut.

Tess presste hastig die Beine zusammen, damit es statt auf den Teppich in ihren Schoss fiel. Es war ihr gar nicht bewusst, dass es dafür auf ihrer Kleidung abfärbte.

Vorsichtig säuberte sie die Verletzungen von Geronnenem und kleinen bis kleinsten Glassplittern, die sie ihm mit der Pinzette aus dem Fleisch klauben musste. Einige Schnitte schienen recht tief zu sein. „Sie sollten wirklich zu einem Arzt und sich mindestens diese zwei hier nähen lassen“, bemerkte sie.

Obwohl sie ihn nicht ansah, schüttelte Ross den Kopf. „Das wird schon wieder. Sie machen das gut.“

Das Lob aus seinem Mund brachte sie zum Lächeln. Fürsorglich desinfizierte sie die Wunden und legte einen einigermaßen ansehnlichen Verband an. Ein zufriedenes Lächeln wischte ihre Ernsthaftigkeit beiseite, als sie abschließend ihr Werk noch einmal begutachtete.


Wärme durchflutete sein Herz. Er konnte dem Drang, ihr mit einem Kuss zu danken, nicht widerstehen.

Noch ehe ihr recht bewusst war, wie ihr geschah, fasste er ihre Schultern, beugte sich über sie und drückte sie mit seinem Gewicht hinunter aufs Bett.

Zunächst fühlte Tess sich vom Schock wie gelähmt, aber als sein Gesicht sich ihrem näherte, kam wieder Leben in sie, als die Panik sie erfasste. „Nein, nein! Geh weg! Aufhören! Ich will nicht! Geh weg!“ Sie schrie und wand sich unter seinem Griff, versuchte ihn zu schlagen, mit den Händen wegzustoßen und gleichzeitig die Beine anzuziehen, um ihm ein Knie in den Solarplexus oder eine andere empfindliche Stelle zu rammen.

Tessie, hör auf! Ich bin’s doch nur!“, hörte sie ihn beunruhigt rufen.

Er ist es! Es ist Ross! Ihr Atem ging keuchend, ihr Herz schlug wie ein Trommelwirbel. Sie begriff zwar, dass die Situation anders war als damals, dennoch konnte sie nicht über ihren Schatten springen und ihn gewähren lassen. Vor lauter Frustration stieß sie einen wilden Schrei aus, der ihr aus tiefster Seele drang, ehe sie wieder einigermaßen normal zu sprechen in der Lage war. „Nicht, Ross, nein! Lassen Sie mich! Ich will nicht! Bitte! Ich kann nicht!“, keuchte sie und kämpfte verzweifelt, wenn auch weniger heftig, gegen ihn an.

Sie hätte nicht beurteilen können, ob er nachgab oder es ihr zugutekam, weil er nur eine gesunde Hand besaß, dass es ihr gelang, ihn wegzustoßen, aufzuspringen und aus der Türe zu laufen.

Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Dann war es also doch kein selbstloses Jobangebot gewesen! Oh mein Gott, ich Idiot! Ich habe es gewusst! Du hattest es im Voraus geplant! - Oh Ross, was stellst du dir da vor? Ärger flammte in ihr hoch und Bedauern, weil es trotz ihrem eigenen Verlangen selbst beim besten Willen nicht möglich war.

Zudem war er sicher nur auf einen One-Night-Stand aus, bei dem sie wahrscheinlich nicht mal etwas davon haben würde! - Außer Panik und einem gebrochenen Herzen! Aber dafür wollte sie sich nicht hergeben! Und schon gar nicht einem Kerl, der sie derart abstoßend fand! Sie wollte nicht nur ein Sextoy für ihn sein! Denn eine einzige Nacht mit ihm genügte ihr längst nicht mehr.


Doch auf dem Korridor, kaum zwei Schritte von ihrem Zimmer entfernt, prallte sie fast mit dem Hotelboy zusammen, der aussah, als hätte er sie bei ihrem Techtelmechtel belauscht. Mit großen Augen starrte er sie an, bis ihr peinlich bewusst wurde, welche Wirkung ihr Anblick wahrscheinlich auf ihn haben musste. Das zerzauste Haar hing ihr in losen Strähnen ins Gesicht. Vom Weinen war ihr Make-up verschmiert.

Seine Augen waren jedoch nicht auf ihr Gesicht, sondern auf die kurzen, blauen Shorts und ihre nackten Schenkel gerichtet.

Tess folgte der Blickrichtung und sah an sich hinunter. Unvermittelt schoss ihr die Verlegenheit heiß ins Gesicht. Überall an ihr zeichneten sich Blutflecke ab!

Beschämt murmelte sie eine hastige Entschuldigung und kehrte eilig ins Zimmer zurück, weil sie in dieser Aufmachung nirgendwo anders hingehen konnte.


Ross starrte sie aus seinen dunklen Augen finster an. Er saß auf der Bettkante, hatte die Hände im Schoß verschränkt, als könnte er kein Wässerchen trüben. Die Strähnen seines schwarzen Haars, die ihm in die Stirn hingen, milderten seinen düsteren Ausdruck.

Mein Gott, er sieht einfach so gut aus! Tess fühlte ihren Schoss vor Verlangen kribbeln. Dennoch ignorierte sie ihn und trat vor den Frisierspiegel, der zum Glück weit genug von ihm entfernt war, dass sie sich nicht bedroht fühlen musste. Zudem konnte sie ihn darin sehen, falls er auf sie zukam. Sie griff nach der Bürste auf dem Wandbord und striegelte ihr Haar. Und fuhr damit fort, obwohl es schon längst nicht mehr nötig gewesen wäre, einfach, damit sie sich mit irgendetwas beschäftigen konnte, ohne ihm Rechenschaft ablegen zu müssen.

Aber Ross ließ sie nicht aus den Augen. Seine Blicke folgten jeder ihrer Bewegungen. Schließlich fragte er: „Was war das eben, Tess?“

Wie vom Strom getrennt, hielt sie mitten im Schwung inne. Im Spiegel war zu sehen, wie sich ihre Augen weiteten. Dabei hatte sie gehofft, dass er es nicht tun würde! Ihre Stimme zitterte unsicher: „Was meinen Sie?“

Es hat noch keine Frau so in Panik geschrien wie Sie, wenn ich sie küssen wollte.“

Sie schluckte hart und ließ den Arm sinken. Die Bürste rutschte aus ihrer Hand. Mit einem dumpfen Laut fiel sie unter dem Spiegel aufs Wandbord, ehe Tess sich umdrehte.

Vorsichtshalber lehnte sie sich mit dem Rücken an und hielt sich daran fest, um genügend Halt und festen Boden unter ihren Füßen zu finden. Wenn das die Stunde der Wahrheit war, dann hatte sie jedenfalls nicht vor, sie Ross einzugestehen! Wie hätte sie es ausgerechnet ihm sagen können, wenn es noch nicht einmal nächste Angehörige wussten? „Es tut mir leid“, murmelte sie mit niedergeschlagenem Blick unbehaglich. „Meine Reaktion war wohl etwas ... überraschend.“

Schon eher übertrieben. Das kann man wohl sagen“, schnaubte er nickend.

Ich ...“ Nach einem tiefen Seufzer hob sie das Kinn.

Ihre Blicke schienen sich wie zwei Säbel im Kampf zu kreuzen.

Es ist nicht so, dass ich keine sexuellen Erfahrungen hätte ... Einfach nur nicht mit Männern“, erklärte sie schließlich mit Nachdruck.

Hendersons Miene verzerrte sich zu einer Grimasse. Seiner Kehle entrang sich ein tiefes Knurren: „Na toll, eine Lesbe! Womit habe ich das verdient?“

Trotz der Provokation war Tess diesmal nicht ums Streiten zumute. Wieder fühlte sie diese verhasste, grenzenlose Traurigkeit über ihre eigene Situation in sich, die sie nicht ändern konnte. „Tragen Sie’s mit Fassung. Sie sind nicht der erste, dem das passiert. - Aber nur, um eine Sache zwischen uns klarzustellen: ich treibe es nicht mit Frauen. Ich bin nur dem Mann meiner Träume noch nicht begegnet.“

Eigentlich hatte sie dies nur so dahingesagt, um ihn zu vergraulen, aber auf diese Eröffnung schien er erleichtert aufzuhorchen.

Und wie sollte der Ihrer Meinung nach aussehen?“

Tess war überrascht, dass ihn das überhaupt interessierte. Schulterzuckend, weil sie das eigentlich selbst nicht so genau wusste, gab sie ihm ehrlich Auskunft: „Nun, das Aussehen ist nicht so wichtig. Glaube ich. Ausschlaggebend ist mehr, dass er mich lieben sollte und mit mir Kinder haben möchte.“

Nach einer gedanklichen Pause sprudelte es danach aber nur noch aus ihr heraus: „Was heutzutage ausgesprochen selten zu finden ist, wo jeder nur an sich denkt und einen schnellen One-Night-Stand sucht, um bei irgend einer Frau abzusamen!“ Endlich war es heraus. Sie fühlte sich vehement erleichtert.

Es gibt auch Frauen, die auf schnelle Abenteuer stehen!“, knurrte er grimmig.

Sie nickte leichthin. „Das ist mir klar, aber zu dieser Gattung gehöre ich nicht. Sie können Ihre Energie also ruhig für die Arbeit aufsparen.“

Plötzlich wurden seine Züge unerwartet weich, seine Stimme sanft. „Hat Sie denn noch nie jemand in Versuchung gebracht?“

Tess wand sich unbehaglich vor Verlegenheit, weil er es so genau wissen wollte. Wahrscheinlich versuchte er in Erfahrung zu bringen, wie er sie doch herumkriegen konnte! Sehnsucht machte sich in ihr breit. Und erneute Frustration. Vorsichtshalber wappnete sie sich schon mal gegen ihn. „Wie Sie sehen, sind Versuchungen da, um zu widerstehen. Wenn Sie mit einem Ständer einschlafen wollen, dürfen Sie es ruhig noch mal ausprobieren!“

Ross verdrehte genervt die Augen und warf den Kopf in den Nacken. „Mein Gott, eine Heilige! Lieber Gott, hilf mir!“

Beleidigt warf sie ihm einen entrüsteten Blick zu. „Wollen Sie nun, dass ich für Sie arbeite oder haben Sie ein Betthäschen erwartet?“, zischte sie grimmig.

Gestenreich beschwichtigte er sie, während er nickte. „Ersteres war mein Ziel“, gestand er zähneknirschend. „Das andere lassen Sie uns vergessen. Ich werde mich zukünftig nur darum kümmern, Sie in die Arbeit einzuführen.“

Genau. Denn etwas anderes wird hier nicht eingeführt!“, hielt sie mit heftiger Sachlichkeit fest. Sie ärgerte sich maßlos darüber, dass dieser gutaussehende Mistkerl so schwanzgesteuert sein musste. Ihn zum Freund zu haben und vielleicht ein bisschen zu kuscheln hätte ihr längstens genügt.

Er warf ihr einen bitteren Blick zu. „Muss ich Ihretwegen jetzt jedes Wort auf die Goldwaage legen?“, knurrte er misslaunig.

Nein, natürlich nicht.“ Tess schossen die Tränen in die Augen, weil er sie nicht verstand. Sie holte frische Kleider aus dem Schrank und begab sich damit hinüber ins Badezimmer, in der Hoffnung, dass er die Aufforderung zu verschwinden verstand.

In der Tat war er weg, als sie wieder ins Zimmer zurückkehrte. Sie hatte die Blutflecke abgewaschen und sich umgezogen. Aufatmend und dennoch zutiefst deprimiert warf sie sich aufs Bett. Schnüffelnd vor unterdrücktem Schluchzen versuchte sie seinen Duft aus den Kissen zu inhalieren wie eine Drogensüchtige.


Aber ihr war keine Ruhe beschieden.

Sie hatte sich kaum hingelegt und die Tränen getrocknet, als Ross wie ein Berserker ohne anzuklopfen zur Türe hereinstürmte. Sein Gesicht war erschreckend bleich und aufgewühlt. Er hatte sein Haar noch nicht gerichtet, die herabfallenden Strähnen hingen ihm lässig in die Stirn.

Tess sprang erschrocken auf und starrte ihn aus schreckgeweiteten Augen an, als er auf sie zueilte. Kam er zurück, um sich jetzt mit Gewalt zu nehmen, was sie ihm verweigert hatte? Panik flammte in ihr auf. Sie schluckte hart. Tapfer versuchte sie ihre Angst niederzukämpfen, machte sich aber bereit, ihm im Notfall auszuweichen.

Erst dicht vor ihr blieb er atemlos stehen. Er packte sie grob an den Schultern, dass sie vor Angst und Schmerz aufschrie.

Tessie, hör mir zu! Maddows ist tot!“ Er schüttelte sie, um sie zu Verstand zu bringen. Sein Atem ging schnell. Keuchend schnappte er nach Luft. Allem Anschein nach war er nicht nur von seinem in ihr Zimmer gerannt.

Tess fühlte, wie sich ihr Herz zusammenzog, als seine Worte ihren Verstand durchdrangen und ihr klar wurde, was das für ihn bedeutete. „Tot? Aber warum denn? Wie denn? Wir haben ihn doch noch vor wenigen Minuten ... Sein Herz?“, stammelte sie vor Schreck nervös.

Zu ihrem blanken Entsetzen schüttelte Ross den Kopf. Seine Antwort war wie eine kalte Dusche: „Nein, er wurde umgebracht! Er ist ermordet worden!“

Ermordet? Von wem denn?“ Sie starrte ihn ungläubig an.

Wenn ich das wüsste, Tess! Aber mir schwant Übles und dass wir bald verdammt große Schwierigkeiten bekommen werden!“

Anfänglich hatte sie nur daran gedacht, dass nun die ganze Verantwortung für die Baustelle auf seinen Schultern lastete. Aber nun fiel es ihr wie Schuppen von den Augen: Sie waren die letzten gewesen, die Maddows lebend gesehen hatten! Mit Ausnahme der Bediensteten und vielleicht noch ein paar anderen Gästen, die sie aber nicht kannten oder von denen sie es nicht wussten. Und dem Mörder! Und es gab einen Haufen Zeugen, die beschwören konnten, dass sich Ross mit seinem Partner über die Maßen heftig ihretwegen und um Geld gestritten hatte! Was lag da näher, als ihn als Täter zu verdächtigen?

In ihrem Hals steckte plötzlich ein dicker Kloß, der sich nicht hinunterschlucken ließ. Unter diesen Umständen sah es für Ross Henderson ziemlich schlecht aus. „Heißt das, dass man uns verdächtigen wird?“, fragte sie entsetzt, während sich ihre Gedanken geradezu überschlugen.

Wer könnte es gewesen sein? Hatte Ross Feinde? Sie traute ihm durchaus eine ganze Menge mieser Dinge zu, aber gewiss keinen Mord. War es etwas Persönliches? Hatte jemand Interesse daran, dass die Straßenbauarbeiten nicht weitergeführt wurden? Wenn ja, warum? Was hatte der Täter für ein Motiv? Die Straße würde doch sicher allen Beteiligten nur Gutes bringen. Und wenn nicht Ross es machte, würde jemand anderer sie fertig stellen!

Fragen um Fragen schossen ihr durch den Kopf. Ihre Brust wurde eng, als er nickte.

Genau das. In der Bar waren genügend Leute, die bezeugen können, dass wir eine Auseinandersetzung hatten. Und sie haben gewiss auch gesehen, wie ich das Glas zerbrochen habe. Ich war wütend. Auf Maddows und auf … auf Sie!“, fuhr er zögernd fort und senkte den Blick auf ihre Füße.

Warum auf mich? Weil ich immer noch da bin? Laut sagte sie: „Und der Hotelboy hat gesehen, dass ich blutverschmiert aus meinem Zimmer und wieder zurückgerannt bin. Ich könnte es also auch gewesen und soeben von der Leiche gekommen sein.“

Er warf ihr einen traurigen Blick zu. „So sollte es zwischen uns gewiss nicht laufen, Tess“, entschuldigte er sich.

Sie stieß einen tiefen Seufzer aus. In was war sie da nur hineingeraten? Und das nur wegen einem Kerl, den sie anfänglich nicht ausstehen konnte! Mieses Arschloch! „Woran ist er denn eigentlich gestorben?“

Mit einem Messer niedergestochen. Von der Tatwaffe fehlt natürlich jede Spur. Daher ist Selbstmord auszuschließen.“

Was ja zu erwarten war. Der Mistkerl, der das getan hat, hat gewusst, was er tut!“

Ross seufzte wieder.

Sie sah, dass es ihm ordentlich an die Nieren ging. Logischerweise. Ein Mord wurde einem schließlich nicht jeden Tag untergeschoben! Dieser Umstand machte selbst ihm, diesem scheinbar kaltblütigen Mann, zu schaffen.

Es sieht so aus. Auf jeden Fall ist es jemand, der genau über uns Bescheid weiß!“

Ihr rann ein kalter Schauder über den Rücken. Plötzlich wurden ihr die Zusammenhänge klar. Dieser Dreckskerl, mit dem Ross ihr hatte Angst einjagen wollen, damit sie wieder abreiste, dieser Dreckskerl war auch der Mörder! Und er hatte es auf einen von ihnen abgesehen! Oder auf sie beide!

Wir müssen sofort die Polizei verständigen, sonst machen wir uns erst recht verdächtig“, murmelte sie und eilte rasch zum Telefon, obwohl seine Miene eher das Gegenteil ausdrückte. Er sah aus, als liefe er am liebsten davon. Tess ließ sich von der Rezeption die Verbindung geben und reichte dann Ross den Hörer, weil er ja spanisch sprechen konnte.

Mit verdrehten Augen bedachte er sie mit einem bösen Blick, ging aber an den Apparat.


Während sie däumchendrehend ungeduldig danebenstand und hoffte, dass alles gut ausging, redete er unendlich lange mit dem Mann am anderen Ende der Leitung. Als er endlich auflegte, sah er sie durchdringend an. „Sie kommen“, erklärte er tonlos. Er ging ein paar Schritte durchs Zimmer und ließ sich in einen der Sessel sinken. „Wir sollen unten im Foyer auf sie warten. Ich befürchte, es wird ein langes Verhör werden. - Tut mir leid, Tess, dass Sie in diese Sache hineingeschliddert sind. Ich habe das alles nicht gewollt. Das Beste wäre gewesen, wenn ich Sie gar nie hierher geholt hätte.“

Er wirkte wirklich deprimiert, sogar fast ein wenig hoffnungslos. Ihr schien es, als ahnte er genau, was ihm bevorstand. Ihr Herz zog sich vor Mitleid schmerzvoll zusammen. Mit einem verzagten Lächeln ließ sie sich neben ihm auf der Sessellehne nieder und ergriff seine große Hand. „Ich bin ja nicht wegen Ihrem Befehl gekommen, Ross.“

Sie sind nicht nur hier, weil Sie Peru sehen wollten.“

Das ist jetzt auch egal. Es war meine freie Entscheidung und jetzt können wir nicht mehr ungeschehen machen, was passiert ist. Ich bin sicher, die Polizei wird den wahren Täter finden“, versuchte sie sowohl ihn als auch sich selbst zu überzeugen.

Mit dem Blick, den er ihr zuwarf, bestätigte er ihr, dass er sich bereits auf das Schlimmste vorbereitete. „Vielleicht, Tess“, murmelte er, während seine Augen sie durchbohrten. „Nur vielleicht. Wie viele Menschen sind schon verurteilt worden, obwohl sie unschuldig waren!“

Damit hatte er leider recht. Dennoch war sie nicht bereit, die Hoffnung so schnell aufzugeben. Sie verstärkte den Druck auf seine Hand im Versuch, ihm etwas mehr Zuversicht einzuflößen. „Lassen Sie den Kopf nicht jetzt schon hängen! Wir werden die Sache zusammen durchstehen. Sie werden schon sehen, es wird alles gut“, behauptete sie.

Er blickte sie verwundert an. „Wir?“, fragte er.

Sie nickte. „Natürlich. Wir stecken ja beide mit drin.“

Gerührt legte er den Arm um sie und drückte ihr einen sanften Kuss auf die Stirn.

Da sie sich ihm ohnehin schon zugeneigt hatte, geschah es so schnell, dass ihre Panik gar nicht erst aufkam. Zudem waren ihre Gedanken von diesem blöden Mord so abgelenkt, dass ihr Hirn zu beschäftigt war, um auch noch auf die Gefahr körperlicher Nähe zu reagieren. In diesem Augenblick war ihr sonnenklar, dass sie nur zusammen wieder aus dieser Sache rauskommen konnten, wenn jeder dem anderen ein wasserdichtes Alibi verschaffte.

Was für eine sonderbare Frau Sie doch sind“, murmelte er mit einem schwachen Heben seiner Mundwinkel.

Diesmal fühlte sie, dass er es als aufrichtiges Kompliment meinte. Tess lächelte sanft, während sie vom Sessel rutschte. „Wir sollten jetzt wohl besser nach unten gehen. Es macht sich nicht gut, glaube ich, die Polizei warten zu lassen“, erinnerte sie ihn.

Er folgte ihr.

Sie kontrollierte im Spiegel rasch ihr Aussehen, dann gingen sie Seite an Seite die Treppe hinab in die Hotelhalle hinunter.


Ein halbes Dutzend Beamte fanden sich im Foyer ein, zusammen mit Fotografen und Reportern. Das war hier nicht anders als anderswo, ein Mord in einem Erstklasshotel war etwas Besonderes und ein gefundenes Fressen für die Pressegeier.

Jemand von der Rezeption machte die Polizisten auf die beiden Ankömmlinge aufmerksam.

Ein hagerer Mann löste sich aus der Gruppe, trat auf sie zu und sprach Ross an: „Es usted Ross Henderson? Soy el comandante Juan Cubillas.“

Dieser nickte, worauf die beiden eine Weile spanisch miteinander sprachen.

Tess verstand kein Wort von dem, was sie sagten, dabei hätte sie zu gern gewusst, was sie verhandelten. Sie verging daneben fast vor Ungeduld und Nervosität.

Nach ein paar Minuten sah Ross sie mit einem tiefernsten Blick an, dem sie nichts Gutes entnahm, und griff wie selbstverständlich nach ihrer Hand. Es war eine unmissverständliche Geste, die allen Anwesenden zeigte, dass sie in dieser Angelegenheit auf derselben Seite standen.

Er führte sie zusammen mit den Beamten hinauf in Maddows’ Zimmer.


Cubillas trat ein.

Seine Beamten folgten dicht hinter ihm und gaben den Blick auf die Leiche frei, während sie ins Zimmer wuselten, um sich nach Spuren und Hinweisen umzusehen.

Tess zuckte zurück.

Mit weit aufgerissenen Augen, zum Schreien geöffnetem Mund und verzerrtem Gesicht lag der stämmige Teilhaber bewegungslos rücklings auf den farbigen Teppichen. Er sah aus, als hätte er sich zutiefst erschreckt.

Ross führte Tess an der Hand herein. In gebührendem Abstand blieb er mit ihr stehen.

Beim Anblick der Leiche wurde ihr von dem vielen Blut speiübel, das sich über seiner Brust ausgebreitet und in einer großen Lache um ihn herum in den Teppich gesogen hatte. Die glasigen Augen starrten geradewegs sie an und schienen sie wie zwei Dolche zu durchbohren. Ein kurzer, spitzer Schrei entrang sich ihren blutleeren Lippen.

Ross spürte, wie sie plötzlich am ganzen Leib zitterte. Der Druck seiner gesunden Hand verstärkte sich, als wollte er ihr damit sagen: „Reiß dich zusammen, du darfst jetzt nicht schwach werden!“

Aber es gelang ihr nicht. Angesichts der blutüberströmten Leiche und diesem anklagenden Blick verlor sie ihre Beherrschung. Hastig wandte sie das Gesicht ab und warf sich Ross an die Brust, hielt sich krampfhaft an ihm fest. Auch noch, während er auf Spanisch auf die Beamten einredete - in der Hauptsache auf den schlanken Mann mittleren Alters, der sich ihnen im Foyer als Kommandant Juan Cubillas vorgestellt hatte.

Das Gesicht des Comandante zeigte lange Zeit keine Gemütsregung. Als Ross zu schwitzen begann, bekam es Tess mit der Angst zu tun.

Cubillas nickte schließlich.

Ross führte sie mit sanftem Druck hinüber in ihr Zimmer.

Einer der Polizisten, das Gewehr in beiden Händen im Anschlag, folgte ihnen als Bewacher.


Ist es jetzt vorbei?“, fragte sie mit krächzender Stimme. Die Stirn bekümmert gekraust, schielte sie zu Ross hoch, der sie sanft auf die Bettkante niederdrückte.

Er schüttelte ernst den Kopf. „Nein. Wir müssen warten, bis sie drüben mit der Bestandesaufnahme fertig sind.“

Tess war von Maddows’ Anblick so fix und fertig, dass sie seine Hände gar nicht mehr losließ. Gezwungenermaßen setzte er sich neben sie und das so nah, dass sich ihre Schenkel und Körper berührten.

Seufzend, weil es ihr endlich gelang, sich etwas zu entspannen, lehnte sie mit geschlossenen Lidern ihr Gesicht an seine Schulter.

Ross legte den Arm um sie und hielt sie fest. Trotz dem Ernst der Situation lächelte er hörbar durch die Nase. „Wie ich schon sagte, eine sonderbare Frau“, murmelte er in ihrem Haar.

Tess hob den Kopf und blickte ihn irritiert an.

Sein Blick war weich und liebevoll, als er mit zarten Berührungen ihr Gesicht streichelte, um ihr die Tränen fortzuwischen.


Nach geraumer Weile kamen zwei weitere Beamte herüber, darunter auch Cubillas. Sie verhörten Ross auf Spanisch und danach auch Tess.

Sie erzählte ihnen, was sie wusste und er übersetzte es. Sie lag in seinem Arm, die Stirn gegen seine Brust gedrückt, weil sie sich dadurch geborgener und vor der Polizei sicherer fühlte. Unaufhörlich rannen ihr Tränen der Verzweiflung über die Wangen.

Mit der freien Hand umschloss er ihre klammen Finger, die kindlich ineinander verhakt in seinem Schoss zitterten. Er hielt sie die ganze Zeit über fest und ließ sie seine Nähe spüren, ansonsten versuchte er nicht mehr, sie zu trösten. Er musste sich ausschließlich darauf konzentrieren, ihre abgehackten Sätze wortgetreu zu übersetzen.

Das Verhör dehnte sich endlos in die Länge und noch immer hagelten neue Fragen auf sie ein. Als die Beamten sie endlich verließen, fühlte sie sich wie gerädert.


Ross hielt sie noch immer im Arm. Er sah sie lange an. Schweigend. Distanziert. Sein Gesicht wirkte wieder wie in Stein gemeißelt, kühl und beherrscht, wie sie es schon zur Genüge an ihm kannte. Nach einer minutenlangen Pause sagte er endlich: „Ich habe Sie überzeugen können, dass Sie mit der Sache nichts zu tun haben.“

Oh Gott sei Dank! Wie haben Sie das gemacht?“, fragte Tess ungläubig.

Weil es ein Mann gewesen sein muss. Deshalb kommen Sie nicht in Frage.“

Aber das stimmt doch auch! Oder?“ Die Vorstellung, dass eine Frau so etwas tun könnte, behagte ihr nicht. Vor Männern konnte sie sich in Acht nehmen. Wenn sie sich jetzt auch noch vor Frauen fürchten musste, dann ...

Er nickte zur Bestätigung. „Es ist davon auszugehen. Maddows war ein ziemlich korpulenter Mann. Um ihn zu attackieren, muss der Mörder schon etwas kräftiger gewesen sein.“

Aber ich bin eine ziemlich kräftige Frau!“, begehrte sie heftig auf.

Der Versuch, ihm beizubringen, dass sie ihm keine Schuld zuschieben konnten, weil er ja die ganze Zeit mit ihr zusammen gewesen war, entlockte ihm ein müdes Lächeln. Das stimmte ja zwar auch - bis auf die winzige Zeitspanne, in der sie sich die Blutflecke abgewaschen und er ihr Zimmer verlassen hatte! Die ihm nach Ansicht von Cubillas, wenn er schnell genug war und den Überraschungseffekt für sich nutzte, genügt hätte, um Maddows kalt zu stellen. Da die Meinungen schon vorgefasst waren, sah er für sich kaum Hoffnungen mehr. Dennoch nickte er beschwichtigend, um sie zu beruhigen. „Lassen Sie’s gut sein, Tess. Sie müssen nicht mich, sondern die Polizei davon überzeugen.“

Oh Gott, Ross! Dann haben wir also gar nichts erreicht?“, wisperte sie. Durch ihren Tränenschleier hindurch blickte sie ihn beelendet an.

Er lachte rau auf. Sein Arm sank von ihrer Schulter und er brachte etwas Distanz zwischen sich, damit er ihr besser ins Gesicht sehen konnte. Die Ironie in seinen Worten brach ihr fast das Herz, als er mit verächtlicher Sachlichkeit erklärte: „Was denken Sie denn? Irgendeiner muss ja der Mörder sein! - Ich darf das Hotel nicht verlassen, bis sie mit den Abklärungen fertig sind. Sie nehmen sich jetzt die anderen Zeugen vor. Es dauert bestimmt nicht lange, bis sie mich holen kommen. Dann werden Sie mich endlich los sein, Tess!“

Oh mein Gott, er hat sich aufgegeben! Die Endgültigkeit, mit der er sprach, und dass er noch immer glaubte, dass sie ihn nicht mochte, trieb sie in Rage. Sie sprang auf. Vorgebeugt, damit sie auf Augenhöhe mit ihm war, und die Fäuste in die Seiten gestemmt, fauchte sie ihn entrüstet an: „Was sind Sie bloß für ein Idiot! Wenn Ihnen nichts Gescheiteres einfällt, halten Sie besser den Mund! Ich lasse Sie doch jetzt nicht hier im Stich!“

Er schüttelte matt den Kopf.

Ihrer Meinung nach sah er fürchterlich müde aus.

Spielen Sie nicht die Heldin, Tess. Es war schwer genug, Sie da rauszukriegen. Das Beste wird für Sie sein, wenn Sie mit der nächsten Maschine nach Europa zurückkehren und vergessen, dass Sie von einem Mörder geküsst worden sind.“

Er war wirklich ein Idiot! Vor Wut und Schmerz vergaß sie sich. Sie stürzte vor ihm auf die Knie und fasste ihn an den Beinen. Ihre Nerven flatterten. Sie befand sich gefährlich nah am Rand eines Nervenzusammenbruchs. „Aber Sie waren es doch nicht!“, schrie sie ihn empört an. „Hören Sie auf, solche Dinge zu sagen, die nicht wahr sind!“

Obwohl sie ihn bereits von unten herauf ansah, hob er ihr Kinn an und zwang sie, es auch weiterhin zu tun. Seine dunklen Augen blinkten wie nasse Kiesel. Mit brutaler Ruhe knurrte er: „Wenn du so davon überzeugt bist, dass das stimmt, dann küss mich!“ Sein Gesicht näherte sich ihrem.

Tess spürte seinen warmen Atem auf ihren Wangen. Ihr Herzschlag beschleunigte sich. Ihr Körper spannte sich an, als ahnte er bereits im Voraus, dass Ross in diesem Moment mehr wollte als nur diesen einen Kuss. Sie schloss die Augen, war bereit dazu. Aber als sich ihre Lippen berührten, verließ sie die Kraft. Sein Kuss war heiß und brennend, dass ihr fast schwindlig davon wurde. Sie wollte es! Sie wollte bei ihm sein! Sie wollte ...!

Als seine Zunge in ihren Mund eindrang, erfasste sie wie jedes Mal die Panik. Die alte Situation war wieder da, die gleiche Angst, dass er ihr wehtun würde. Mit aller Kraft wehrte sie sich gegen ihn und stieß ihn keuchend zurück.

Er gab sie sofort frei und schubste sie sogar noch von sich, so dass sie rücklings auf den Hintern fiel.

Ein hartes Lachen schüttelte ihn, das ihr tief in der Seele wehtat.

Er katapultierte sich vom Bett in die Höhe.

Das wäre der Zeitpunkt gewesen, in dem sie sich hätte entschuldigen, ihm alles erzählen und erklären können, aber sie brachte es nicht über sich.


Ausgerechnet in diesem Moment kehrten sie zurück. Die Beamten hatten die anwesenden Zeugen vernommen und kamen nun, um ihn abzuholen.

Mit einem verächtlichen Blick auf Theresa streckte er ihnen bereitwillig die Arme entgegen.

Wie benommen vernahm sie das scharfe Klicken der zuschnappenden Handschellen. Es wurde kein Wort gesprochen. Es war richtiggehend gespenstisch, als sie ihn nach einer Kehrtwende mitnahmen.

Nein, nicht! Ross! Das können sie doch nicht tun!“, schrie sie ihnen vom Boden aus hinterher.

Er drehte sich nicht einmal mehr nach ihr um.

Plötzlich war ihr speiübel. Er hatte ihre Ablehnung nicht als das verstanden, was sie war - ein Ursprung ihrer privaten Hölle! Stattdessen glaubte er nun, dass sie ihn tatsächlich für den Mörder hielt! Oder die Möglichkeit, dass er der Mörder sein könnte, zumindest in Betracht zog!

Vor lauter Elend knoteten sich ihre Eingeweide zu einem sich windenden, zerrenden Knäuel zusammen. Mit angezogenen Knien und die Hände auf den Bauch gepresst, fiel Tess auf die Seite, um die schmerzhaften Krämpfe leichter zu ertragen. Sie schmeckte die Galle in ihrem Mund und erbrach sich.


***


Tess konnte nicht essen und nicht trinken. Und sie konnte nicht schlafen. Unruhig wälzte sie sich auf dem Bett hin und her. Obwohl sie Fenster und Türe geschlossen und verriegelt und sogar mit Stühlen und der Kommode unterstellt hatte, damit sie es hätte hören können, wenn sich jemand daran zu schaffen machte, hatte sie ständig das Gefühl, dass dennoch jemand eindringen und ihr etwas antun könnte.

Sie zitterte und fror unter der Bettdecke. Sie starb fast vor Angst, so dass sie gezwungen war, die ganze Zeit über Wache zu halten. Sie verfiel dem Gefühl, noch nie eine so schreckliche Nacht erlebt zu haben. An die eine - schrecklichste - dachte sie in dem Moment nicht. Erst im Morgengrauen übermannte der Schlaf sie, weil der Körper ihr den Dienst verweigerte.

Als sie schweißgebadet erwachte, ohne dass ihr etwas zugestoßen, die Möbel verrückt, Fenster oder Türe geöffnet worden waren, gelang es ihr endlich, zur Ruhe zu kommen und die Lage objektiver zu betrachten.

So wie das Ganze gestern abgelaufen war, sah die Sache für Ross ziemlich übel aus. Sehr schlecht sogar, wenn die Beamten sich mit seiner Festnahme zufrieden gaben und nicht weiter ermittelten! Dennoch war Tess überzeugt davon - hoffte es zumindest - dass es für ihn noch Hoffnung gab.

Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt!

Obwohl es angesichts ihres Elends schwierig war, versuchte sie sich das einzureden. Krampfhaft überlegte sie, was sie tun konnte und was für Möglichkeiten ihr überhaupt zur Verfügung standen.

In Maddows’ Zimmer selbst nachzuforschen, um irgendetwas zu finden, das den Polizisten vielleicht entgangen war, erachtete sie als ziemlich aussichtslos. Soviel Optimismus brachte sie nicht auf. Mehr als was der Polizei selbst schon bekannt war, würde sie kaum selbst herausfinden.

Aber sie konnte eine Obduktion der Leiche verlangen!

Doch dazu wollte sie erst Ross’ Meinung hören. Vielleicht hatte der eine Idee, wie sie das am besten anstellte.

Von diesem Entschluss beseelt, beeilte sie sich, das Hotel so schnell wie möglich zu verlassen.


Tess bestellte ein Taxi und ließ sich auf die Polizeiwache fahren. Der Anblick des nicht gerade vertrauenerweckend aussehenden Gebäudes löste ein beklemmendes Gefühl in ihr aus.

An der Türe wurde sie von einem Beamten gestoppt. Er redete auf Spanisch auf sie ein. Sie gestikulierte heftig und gab, immer lauter werdend, auf Englisch zurück, ohne dass beide sich verstanden. Lediglich andere Polizisten und Besucher wurden auf sie aufmerksam und bedachten sie von Weitem oder im Vorbeigehen mit schiefen Blicken.

Mit dem Wörterbuch in der Hand versuchte Tess dem Beamten gestenreich zu erklären, dass sie zu Ross Henderson wollte. Er stellte ihr eine neue Frage und weil sie annahm, er frage sie, ob sie seine Frau sei, nickte sie.

Die Antwort schien ihn zufriedenzustellen. Endlich gab er den Weg frei.

Im Büro von zwei weiteren Beamten folgte ein neues, langatmiges Prozedere, ehe endlich jemand kam, der ihre Sprache verstand und sie dann durch finstere Gänge hinunter ins Verlies führte.


Dieses war nicht nur äußerst spartanisch eingerichtet, in Europa hätte man es wohl gerade noch mit schlechtem Gewissen als Viehstall benutzt. Boden und Wände waren schmutzig. Gerümpel lag herum.

Bei den Spritzern an den Wänden dachte sie lieber nicht darüber nach, ob es sich dabei um Dreck oder Blut handeln könnte. Es roch nach Moder, Fäulnis und Exkrementen. Tess musste sich überwinden, weiterzugehen. Ratten huschten über ihre in Sandalen steckenden Füße.

Ross hockte in einem finsteren Loch hinter einem unüberwindlichen Eisenverschlag. In der Zelle, in der er untergebracht war, gab es nur ein kleines, vergittertes Loch in der hinteren Wand, durch das von draußen etwas frische Luft eindrang. Wenn er das Gesicht an die Mauer gedrückt hätte, hätte er die Abgase der Stadt riechen können. Eine harte Holzpritsche mit einer moos- oder schimmelbedeckten Wolldecke und ein Stuhl waren die einzigen Gegenstände, die ihm zur Verfügung standen.

Tess?“ Als er sie erblickte, hob er erstaunt eine Augenbraue in die Höhe und trat ans Gitter. Seine Miene drückte Verwunderung und ungläubiges Staunen aus.

Sie nickte. Ihre Antwort klang fast triumphierend, weil sie ihn überrumpelt hatte: „Ja, ich. Mich haben Sie hier wohl nicht erwartet.“

Er schüttelte den Kopf und grinste gequält. „In der Tat, nein. Ein grausiges Loch, nicht wahr?“

Sie nickte wieder, während sie würgte und sich in Ermangelung eines Taschentuchs die Hand unter die Nase hielt, um die schlechten Gerüche fernzuhalten.

Was tun Sie hier?“ Es klang fast so, als wollte er sie schnell wieder loswerden. Oder ihr ermöglichen, schnell wieder zu gehen.

Aber sie hielt tapfer durch, schließlich wusste sie, was auf dem Spiel stand. Ohne Umschweife schoss sie mit ihrer Frage direkt auf ihn los: „Ross, ist eine Obduktion in diesem Land möglich?“

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907926
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353916
Schlagworte
schatten inka

Autor

Zurück

Titel: Im Schatten des Inka