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Die Nacht des Feuerfluchs

2017 130 Seiten

Leseprobe

DIE NACHT DES FEUERFLUCHS


Klaus Tiberius Schmidt


Unheimlicher Roman


IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Ferdinand Oehme mit Steve Mayer, 2017

Originaltitel: Feuerfluch

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de




Klappentext:

Auf einem Turm hoch oben stand eine in schwarz gewandete Gestalt. Fröstelnd zog sie den Umgang fester um die Schultern zusammen, als könne sie damit die Kälte vertreiben. Ein grausames Lächeln umspielte den Mund des Fürsten, als er – endlich – die Hellen Lichtpunkte weit unten erkannte, die ständig größer wurden. – Es war Mitternacht!

Mike Braddock, Angestellter einer Londoner Firma, quälen seit einiger Zeit, Nacht für Nacht, immer wieder die gleichen Albträume. Träume in denen er einen grausamen Feuertod stirbt. Noch ahnt er nicht, wohin ihn diese Illusionen führen werden …

Er vertraut sich seinem besten Freund, Tom Jackson, an, der, wie er selbst, den Schikanen eines exzentrischen Chefs ausgesetzt ist. Während eines gemeinsamen Pub-Besuches entdeckt Mike einen Kalender an der Wand, der gerade eine verfallene Burg zeigt, die seine Aufmerksamkeit gewinnt. Er nimmt den Kalender von der Wand und ihn durchströmt ein wundersames, zugleich unbeschreibliches Gefühl. Er erkennt die Burg auf dem Bild wieder. Es ist die Gleiche, die Nacht für Nacht in seinen Albträumen erscheint. Was hat es mit dieser Burg auf sich? Warum erschein sie ihm immer wieder in seinen Träumen?

Er liest den Namen der Burg auf dem Kalenderblatt, spürt, dass er, um den Grund für seine Albträume zu erfahren, diese Burg unbedingt aufsuchen muss und beschließt gleich am nächsten Tag dorthin zu fahren.

Welch schreckliche Konsequenzen diese Fahrt für ihn selbst und Tom, seinem Freund, nach sich ziehen, ahnen beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn es liegt außerhalb jeglicher Vorstellung unserer Zeit …












Roman

Wie drohende Zeigefinger ragten die Türme hoch über der Küste in die Nacht. Nur schemenhaft hob sich die Silhouette der Trutzburg vom sternklaren Himmel ab. Tief unten schlugen die Wellen der Irischen See weitgischtend gegen uraltes Felsgestein.

Auf einem dieser Türme stand eine schwarzgekleidete Gestalt. Fröstelnd zog sie den Umhang enger um ihre Schultern, als könne sie so die Kälte vertreiben. Der Wind zerzauste ihr schulterlanges Haar, doch es schien sie nicht zu stören.

Die Weite der See und der ständige Kampf, Fels gegen Wasser interessierte den Fürsten nicht. Schon lange stand er im Schutze eines Erkers und starrte ins Tal hinab. Ein grausames Lächeln verzerrte das hagere Gesicht, als er endlich die hellen Lichtpunkte erblickte, die ständig größer wurden.

Mitternacht!

Endlich war es soweit.

Was dort in diesen Minuten unten auf dem Marktplatz des Dorfes geschah, stimmte ihn zufrieden. So hatte er es angeordnet, und so wurde es von seinen Vasallen ausgeführt.

Die Inquisitionsfeuer brannten genau zur Geisterstunde. Vier Hexen und ein Hexenmeister, die man vor etwa einer Woche entlarvt hatte, erhielten endlich ihre gerechte Strafe. Man hatte sie gefoltert, und sie hatten gestanden, dem Satan zu dienen. Darauf stand der Tod auf dem Scheiterhaufen. Das Feuer würde ihre verirrten Seelen reinigen.

Fürst Howard lachte halblaut auf, als die Schreie der Sterbenden vom Wind herangetragen wurden. Er kannte keine Gnade, wenn es um Diener des Satans ging. Es ergötzte ihn sogar, zu wissen, dass die Hexenplage in seinem Land immer bedeutungsloser wurde. Immerhin war seine Jagd nach den Getreuen Luzifers die erfolgreichste im ganzen Reich.

Die Feuer prasselten und vernichteten fünf Leben. Das Böse aber zeigte sich nicht, obwohl Geisterstunde war. Es nahm die Herausforderung nicht an, sondern verkroch sich. Genauso hatte es Fürst Howard prophezeit. Selbst die Mächte der Finsternis zitterten vor seiner Macht.

Sein Blick schweifte nach Norden ab, während der hochmütige Triumph in ihm wuchs.

Wie eine schwarze Mauer stand der Wald von Dunbarry zu seiner Linken.

In Howards grausamen Augen blitzte es plötzlich verräterisch auf. Sie wurden schmal und tückisch, als er an seine Niederlage dachte.

Es gab jemanden, den er noch nicht hatte brechen und bezwingen können. Allein der Gedanke machte ihn krank.

„Du wirst wiederkommen, Simon“, brüllte er. „Hörst du mich? Du kannst mir gar nicht entgehen.“ Er bebte vor Wut. Seine Hände wurden feucht und begannen zu zittern. Für wenige Augenblicke verlor er die Beherrschung und schrie wie ein Wahnsinniger in die Nacht hinein.

Niemand antwortete ihm. Die Nacht und der Wald schwiegen. Nur der Wind heulte sein disharmonisches Lied.

„Du wirst mir nicht entwischen, Simon“, wiederholte der Fürst keuchend. Diesmal klang seine Stimme leise und mühsam beherrscht. Er ballte die Fäuste und redete mit sich selbst. „Ich weiß, dass du nicht im Feuer der Inquisition gestorben bist. Wie du entkommen konntest, kann mir keiner sagen, aber ich werde es erfahren. Und dann gnade dir Gott! Dann wirst du das tun, was ich will. Meine Magier werden dich finden. Darauf verwette ich deinen Kopf.“

Ein donnerndes Lachen übertönte den pfeifenden Wind.

Die Gier nach Macht ließ Fürst Howard nicht mehr ruhen. Bald war er am Ziel. Er wollte alles, und er war nicht gewillt aufzugeben, bis er es in seinen Besitz genommen hatte. Und Simon hatte das, was er brauchte, um noch mächtiger als der König zu werden.

Abrupt wandte er sich ab und verließ den Zinnengang über eine schmale Steinstiege. Die Absätze seiner Stiefel erzeugten einen dumpfen Widerhall im Treppenturm.

Es wurde Zeit, dass er zu seinen zechenden Gästen zurückkehrte und mit ihnen den Tod der Hexen feierte,



*



Flammen!

Plötzlich waren sie überall. Gierig leckten sie aus dem Teppich und schossen an ihm vorbei bis an die Decke. Die Tapete wurde schwarz und regnete wie glühender Ascheregen zu Boden.

Die Hitze fraß den Sauerstoff im Zimmer und machte das Atmen schwer. Der unsichtbare Ring um Mike Braddocks Brust wurde immer enger. Hastig riss er am Hemdkragen, bis der oberste Knopf abplatzte, und rang nach Luft.

Gierig riss er den Mund auf und atmete durch. Der beißende Qualm aber reizte seine Lungen. Er musste husten.

Knisternd breitete sich die Feuersbrunst aus und kroch immer näher. Mike fuhr herum, als er hinter sich ein helles Fauchen vernahm. Er schrie auf. Etwas Furchtbares war passiert.

Die Flammen hatten ihn in Windeseile umzingelt.

Verzweifelt taumelte er nach vorne, um zu fliehen. Er presste die Hände vor das schweißnasse Gesicht und wollte durch die Flammenwand brechen. Nur diese eine Chance blieb.

Vergeblich!

Die Hitze war unvorstellbar und stoppte ihn. Keuchend sprang er zurück. Er verlor die Orientierung. Qualvolle Schmerzen musste er ertragen, als die Flammen über ihm zusammenschlugen.

Er wollte schreien, doch er brachte keinen Ton heraus. Die Stimmbänder versagten ihm den Dienst.

Für eine Sekunde hatte Mike das Gefühl, ein grinsendes Gesicht in der prasselnden Feuerwand gesehen zu haben. Ihm blieb keine Zeit, darüber nachzudenken.

Panik packte ihn. Voller Todesangst suchte er nach einem Ausweg aus dem Inferno.

Er musste hier raus. Es wurde immer heißer. Giftiger Qualm quoll schwarz aus den Wänden, um alles zu ersticken.

Der Boden begann bereits weiß zu glühen. Die Hitze raubte Mike allmählich den Verstand. Es gab kein Entrinnen für ihn. Er war verloren.

Braddock taumelte und schlug lang hin. Auf allen vieren kroch er weiter, aber das Feuer ließ nicht von ihm ab.

Der Schmerz …

Mit einem Aufschrei warf sich Mike auf den Rücken und krümmte sich zusammen.

Da erwachte er.

Entsetzt riss er die Augen auf. Das Feuer verlosch in derselben Sekunde.

Im ersten Moment wusste Mike Braddock überhaupt nicht, wo er war. Ringsum herrschte absolute Dunkelheit und Stille. Kühl wehte ein Luftzug durch das offene Fenster und ließ ihn frösteln.

Erst jetzt begriff er. Er lag in seinem Bett.

Verwirrt setzte er sich aufrecht. Sein Herz pochte noch immer heftig, als würde er jeden Augenblick einen Herzanfall erleiden. Mit fahrigen Fingern knipste er die Nachttischlampe an.

Die Erinnerung war plötzlich wieder da.

Er hatte alles nur geträumt? Das Flammenmeer, das ihn hatte verbrennen wollen, war nicht mehr als eine dieser schrecklichen Visionen gewesen …

Schwer atmend stand er auf. Er merkte, wie er noch immer am ganzen Körper zitterte. Sein Pyjama war nass vor Schweiß und klebte wie eine feuchte zweite Haut am Körper. Keine einzige Stoffaser war mehr trocken.

Mike Braddock torkelte ins Bad und drehte die Dusche auf. Die bohrende Angst in ihm wollte nicht weichen, obwohl er mittlerweile hellwach war. Es schien, als hätte sich der Albtraum regelrecht in ihm festgesetzt.

Er stellte sich unter die Dusche und schloss die Augen. Langsam ließ das Herzklopfen nach. Das warme Wasser entspannte ihn und vertrieb die Furcht.

Mike Braddock war langsam mit den Nerven am Ende.

Seit Wochen war es immer dasselbe. Nacht für Nacht kamen die Albträume, die ihn an den Rand des Wahnsinns trieben. Immer waren es Flammen und beißender Qualm, die ihn urplötzlich im Schlaf überfielen und alle anderen Träume abrupt verdrängten. Mit ihnen kamen die Angst vor dem Verbrennen und die Schmerzen, die er selbst im Schlaf verspürte, als wären sie Wirklichkeit.

Langsam wusste er nicht mehr, was er machen sollte. Selbst die starken Beruhigungstabletten halfen nicht Die Albdrücke kamen trotz allem.

Als er sich abfrottiert hatte, schaute Mike in den Spiegel, der vom Wasserdampf beschlagen war. Mit der flachen Hand wischte er ihn ab.

Er blickte in ein hageres Gesicht mit großen, geweiteten Pupillen, die den. Schreck noch widerspiegelten. Die Augenpartie selbst war von tiefen Rändern umgeben. Seit Tagen hatte er nicht mehr richtig geschlafen. Lange hielt er diesen Zustand nicht mehr durch.

Stöhnend massierte er seine Schläfen mit den Fingerkuppen. Er war hundemüde. Die Furcht aber, der Albtraum könne wiederkommen, ließ ihn nicht ruhen.

Er wankte ins Schlafzimmer zurück und schaute auf den Wecker. Es war kurz nach drei Uhr. In fünf Stunden musste er im Büro und bei der Arbeit sein.

Seufzend hockte er sich auf den Rand des Doppelbettes. Kissen und Überdecke lagen am Boden. Die andere Seite war seit Wochen unberührt.

Jennifer, dachte Mike Braddock. Vielleicht war die vor kurzem durchgestandene Scheidung schuld an seinem seelischen Zustand, kam es ihm in den Sinn. Er hatte oft genug davon gelesen, dass solche gravierenden Lebenserfahrungen einen Menschen ganz schön fertigmachen konnten und völlig von der Rolle brachten.

Es tat Braddock weh, wenn er nur an sie dachte.

Nach einer Weile stand er erneut auf und schlurfte ins Wohnzimmer. Vielleicht half ein Glas Cognac, um ihm die nötige Müdigkeit zu verschaffen.

In dieser Nacht überlegte er das erste Mal, ob er den Rat seines Kollegen nicht befolgen sollte. Tom Jackson und er arbeiteten in einem Büro und verstanden sich sehr gut. In den letzten Jahren waren sie Freunde geworden. Besonders während der Zeit, in der er mit Jennifer in Streit und Scheidung gelebt hatte, war er immer ein aufmerksamer Zuhörer gewesen.

Jackson meinte es gut mit ihm, das wusste er. Früher hatte er sich solch einen Menschen immer als Bruder gewünscht. Auf ihn konnte er sich verlassen.

Vielleicht konnte ihm wirklich nur ein Psychiater helfen. Es musste etwas Verschüttetes in seinem Unterbewusstsein geben, das er nicht allein bewältigen und verarbeiten konnte. Er hatte schon oft über solche Dinge gelesen.

Quatsch, verwarf er den Gedanken wieder und genehmigte sich einen zweiten Cognac. Ich bin doch nicht verrückt. Es wird schon wieder werden.

Langsam begann der hochprozentige Alkohol zu wirken und umnebelte Mikes Gehirn. Auf trügerische Weise gaukelte er ihm vor, dass sich alles zum Besten wenden würde …



*



Eisige Kälte herrschte in der kuppelförmigen Halle. Ihre Decke konnte man in der Dunkelheit nicht ausmachen. Das Licht der tropfenden Pechfackeln verlor sich irgendwo im Nichts.

Die beiden schlanken Gestalten schienen die Kälte nicht zu spüren. Reglos standen sie sich gegenüber, die Arme in die Höhe gestreckt. Ihre Augen fixierten einen imaginären Punkt irgendwo in der Kuppel.

Die Männer, gehüllt in schwarze, weite Gewänder ohne jeden Schmuck, glichen. sich wie Zwillingsbrüder. Um den Hals trug jeder von ihnen eine silberne Kette, an der ein rundes Metallstück baumelte. Nur sie selbst kannten die Bedeutung und Macht ihrer Amulette.

In den von eisgrauem Haar umrahmten Gesichtern zuckte kein einziger Muskel, als die Dunkelheit über ihnen plötzlich in Bewegung geriet.

Ihre blutleeren Lippen begannen unverständliche Worte zu murmeln. Eindringlich fordernd wiederholten sie die geheimnisvollen Beschwörungsformeln immer wieder.

Ihre magischen Schwüre zeigten schon nach kurzer Zeit ersten Erfolg.

Im Mittelpunkt der Kuppel begann es zu flimmern und zu funkeln. Erst waren es nur vereinzelte Lichtpunkte, die sich um einen unsichtbaren Pol bewegten. Ihre Geschwindigkeit wuchs mit jeder Sekunde. Aus dem Nichts wurden immer neue Lichtpunkte geboren, die sich zu einem Wirbel leuchtender Partikel vereinten. Ein Strudel reiner Energie entstand über den Köpfen der beiden Magier.

Die weißhaarigen Männer vernahmen zugleich ein leises Rauschen, das langsam anschwoll. Es klang, als ob aus der Ferne ein gewaltiger Sturm heranbrausen und bald über sie hinwegfegen würde.

Keuchend gaben sie ihre anstrengende Haltung auf und entspannten sich.

„Wir haben die Dimension durchbrochen“, stöhnte einer der Magier, ohne sein Gegenüber anzuschauen. Seine Stimme klang rostig und rau. Keinerlei Gefühlsregung lag in seinen Worten.

„Warte ab, Toronex“, warnte der andere. „Noch haben wir unser Ziel nicht erreicht“

„Mag sein, Sleigor“, bemerkte der Angesprochene leicht verärgert. „Aber wir sind immerhin ein gutes Stück auf unserer Suche vorwärtsgekommen.“

„Nicht weit genug. Noch haben wir Simons Astralkörper nicht gefunden. Das alles hätten wir uns sparen können, wenn du dich beim letzten Ritual besser konzentriert hättest Wer weiß, ob wir ihn jemals wiederfinden und den vereinbarten Lohn vom Fürsten erhalten.“

Toronex wollte den Vorwurf scharf zurückweisen, doch die Ereignisse in der Höllenkuppel lenkten ihn ab. Fasziniert starrte er nach oben. Auch sein Zwilling wurde von ihnen in seinen Bann gezogen.

„Was ist das?“

„Ich weiß nicht“, flüsterte Sleigor ehrfürchtig. „Die Mächte müssen außer Kontrolle geraten sein. Merlin stehe uns bei, dass wir nicht das Tor zur Finsternis aufgestoßen haben.“

„Rede keinen Unfug, Bruder“, schimpfte Toronex und beobachtete den rotierenden Lichtstrudel, der jetzt ständig die Farbe wechselte und immer langsamer zu kreiseln begann.

Die Partikel schwollen an und breiteten sich langsam aus, bis ihre Gesamtheit eine fast quadratische Form angenommen hatte. Eine Art erleuchtetes Fenster in schwärzester Nacht wurde sichtbar.

„Das Dimensionstor“, murmelte Sleigor. „Es ist vollbracht. Wir haben seine Zeit gefunden.“

In dem hellen Feld bildeten sich erste Konturen. Minutenlang waren sie undeutlich. Bald schon aber erkannte man einen ersten Schemen, der sich allmählich manifestierte! Der Schatten eines Menschen wurde sichtbar.

Die Macht ihrer Magie erlaubte ihnen einen Blick in ferne Zukunft Was sie sahen, ließ sie erschrocken zusammenfahren. Mit zahllosen, teilweise gefährlichen Beschwörungen hatten sie versucht, Simon of Dunbarrys Astralkörper in den Dimensionen des Nichts ausfindig zu machen.

Das da aber war kein Astralkörper. Das war ein Mensch aus Fleisch und Blut. Die Gestalt von Simon of Dunbarry bildete sich im grell leuchtenden Dimensionstor.

„Ist es wirklich wahr?“, fragte Toronex, als wolle er es immer noch nicht wahrhaben. „Vielleicht gaukeln uns die Mächte der Finsternis Trugbilder vor. Wir sollten uns nicht auf unsere Augen verlassen. Simons Körper verbrannte im Feuer der Inquisition. Wir konnten doch nur seinen Astralkörper lösen, oder?“

Sleigor nickte ärgerlich. Er fühlte sich in seinen Überlegungen gestört. Krampfhaft dachte er nach. Auch er hatte keine befriedigende Erklärung für dieses magische Phänomen.

Ja, Toronex hatte recht Simon war verbrannt. Daran gab es keine Zweifel. Er hatte es selbst miterlebt, wie die Flammen den Körper vernichtet hatten.

Abschätzend musterte er den Mann, der Simon bis aufs Haar glich. Er lebte irgendwo in ferner Zukunft. Vieles war Sleigor fremd. Manches verstand er nicht. Das allerdings war inzwischen nebensächlich geworden.

„Es muss eine Laune der Magie sein“, versuchte er eine Antwort zu finden. „Solch einen Zufall kann es einfach nicht geben. Wir waren stärker, als wir geglaubt haben. Unser eindringlicher Zauber bewirkte, dass Simons Astralkörper sich nicht löste, sondern auch die äußere Hülle in den Strudel der Zeit gerissen wurde. Eine andere Erklärung gibt es dafür nicht.“

„Das kann ich nicht nachvollziehen“; konterte Toronex herablassend. „Du selbst hast doch eben noch gesagt, dass sein Körper verbrannte. Simon wurde zu Asche, Sleigor. Woher soll dann der Geist seine alte Hülle wiederfinden?“

Sleigor der Ältere murmelte etwas Unverständliches in seinen Bart. Beleidigt fixierte er seinen Zwillingsbruder. Er mochte es nicht, wenn man ihm widersprach.

„Meine Theorie stimmt“, erwiderte er stur.

Toronex wollte etwas entgegnen, denn seiner Meinung nach gab es noch andere Möglichkeiten. Diesmal jedoch wurden die beiden Streithähne von äußeren Einflüssen gestört. Ein Fremder näherte sich ihnen. Fast körperlich konnten sie es spüren.



*



Krachend flog die Tür zur Halle auf. Schlagartig verschwand die Vision in der Kuppel, als wäre sie lautlos explodiert.

Über ihnen war nur noch das Nichts, die Finsternis einer ewigen Nacht Ein elegant gekleideter Mann stampfte in den dunklen Raum. Er war muskulös und breitschultrig. Die Lippen des Eindringlings waren schmal wie Striche, als er sich misstrauisch umblickte.

„Bei allen Teufeln“, fluchte er. „In diesem Gemäuer braucht man ja Tage, bis man euch findet Was treibt ihr hier? Habt ihr zwei endlich eine Spur von Simon gefunden, oder ist eure Magie doch nichts wert?“

Sleigor der Ältere und Toronex blickten sich unauffällig an. Mit Fürst Howard of Dunbarry, ihrem Auftraggeber, hatten sie zu solch später Stunde nicht mehr gerechnet „Ihr kommt spät und zudem noch im falschen Augenblick“, meinte Sleigor kühl. „Wir schätzen es nicht, wenn wir in diesem Raum gestört werden. Ihr habt unsere Beschwörungen unterbrochen und uns mit der Arbeit um Tage zurück geworfen.“

Der Fürst zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Keiner tadelte ihn ungestraft!

Unwillkürlich griff seine Rechte zum Knauf des Schwertes. Im letzten Augenblick besann er sich. Tote Magier nutzten ihm nichts. Noch brauchte er ihre Macht.

„Nun, was habt ihr erreicht?“, wollte er wissen. Die bohrenden Blicke der Magier warnten ihn, und er zog es vor, den Knauf seines Schwertes nicht noch einmal zu berühren. Mit ihnen durfte er nicht so umspringen wie mit seinen Untertanen. Die Magier waren unberechenbar und gemeinsam eine Bedrohung. Trotzdem spielte er bereits jetzt schon mit dem Gedanken, sich ihrer zu entledigen, wenn er sein Ziel endlich erreicht hatte.

„Die Reise nach Scobbyr ist weit und beschwerlich, Fürst“, begann Sleigor wieder zu sprechen jetzt mit ruhiger, fast sanfter Stimme, „überall lauern Gefahren. Ihr seid den ganzen Weg allein gekommen?“

Der Ritter grinste abfällig. „Ein Dunbarry braucht keinen Schutz. Ich möchte denjenigen sehen, der es wagt, sich mir und meinem Schwert zu widersetzen. Nun aber genug geredet. Berichtet mir, was ihr inzwischen erreicht habt. Ihr lasst mich schon lange genug warten. Meine Geduld ist am Ende.“

„Du kommst zwar ungelegen, aber in der Tat nicht allzu ungünstig“, gestand Toronex. „Lange Nächte haben wir geforscht und heute endlich Erfolg gehabt.“

Fürst Howard verschränkte die Arme und nickte anerkennend. Sein herrischer Gesichtsausdruck wurde weicher.

„Weiter“, forderte er. „Habt ihr Simons Seele ausfindig gemacht?“

Sleigor winkte energisch ab. „Sogar noch mehr, als wir vermutet haben. Ein magisches Wunder ist geschehen. Irgendwie ist es uns gelungen, nicht nur Simons Geist zu finden, sondern auch seine menschliche Hülle.“

Der Fürst starrte die beiden Magier ungläubig an, als stünden zwei lebende Leichen vor ihm. Er benötigte eine Weile, um die Tragweite dieser Worte zu begreifen.

„Für wie dumm haltet ihr mich eigentlich?“, fragte er lauernd. Seine Rechte begann nervös zu zucken, als wolle er wieder zum Schwert greifen.

„Verzeiht, Fürst, aber es liegt uns fern, Euch zu verärgern“, entschuldigte sich Toronex.

„Dann ist es also wahr? Simon lebt?“ Die Zauberer von Scobbyr nickten. „Und wie konnte sich Simon in eine andere Zeit retten?“ Howards Worte waren hektisch hervorgestoßen worden. „Er war kein Magier!“

„Das wissen wir auch nicht“, erklärte Sleigor der Ältere. „Eines Tages aber werden wir es wissen. Nun gilt es erst einmal, ihn in unsere Zeit zurückzuholen.“

Er griff in eine Falte seines Gewandes und zog einen Beutel hervor, Der kleine Leinensack war prall gefüllt. Mit einer theatralischen Geste überreichte er ihn dem Fürsten.

„Nur du kannst ihn zurückholen“, sagte er beschwörend. „Nimm diesen Staub, und wirf ihn gegen die beiden Gemälde in der Ahnengalerie deiner Burg. Bewerfe erst deins, dann Simons.

Wenn der Vollmond morgen Nacht am höchsten steht, kannst du durch dein eigenes Bild diese Zeit verlassen und Simon treffen.“

Howard schluckte heftig, doch er sagte nichts.

Sleigor sprach weiter, und seine Worte klangen diesmal noch eindringlicher. Sie ließen keinen Zweifel daran, wie gefährlich es war, zwischen den Zeiten zu wandern.

„Achte streng darauf, dass du die Mauern deiner Burg in der anderen Zeit nicht verlässt Es wäre dein Verderben. Und bedenke, dass Simon dich vielleicht nicht mehr erkennt. Wir selbst wissen nicht, wie dies alles geschehen konnte, dass er unversehrt in den Zeitstrom gerissen wurde. Geh also davon aus, dass du für ihn ein Fremder bist. Es erleichtert dein Unterfangen vielleicht, aber es kann es auch erschweren. Sei also auf der Hut!“

Howard hatte stumm zugehört. Immer wieder starrte er den prall gefüllten Beutel mit dem Zauberpulver an.

„Gibt es keinen anderen Weg?“, fragte der Adlige unangenehm berührt. Er war ein großer Kämpfer und grausamer Herrscher. Auf dem Schlachtfeld fühlte er sich heimisch. Der Gedanke an eine Zeitreise aber flößte ihm Furcht ein. Unbehagen machte sich in ihm breit Insgeheim fürchtete er die Magie mehr als die Pest In diesem Falle hatte er keine andere Wahl, wenn er sein ehrgeiziges Ziel erreichen wollte. Sleigor und Toronex verstanden ihr Handwerk.

„Wie soll ich Wissen, dass er auch in der Burg ist, wenn ich dort eintreffe?“, wollte er wissen. „Wenn er mich nicht erkennt, weißt er auch nicht, dass es mich gibt.“

Toronex lächelte selbstsicher. Der Stoff des weiten Gewandes knisterte bei jeder Bewegung. Er spürte die Unruhe des Adligen und dessen unterdrücktes Missfallen.

„Sorge dich nicht darum, Fürst“, meinte er. „Es wird alles zur rechten Zeit getan sein. Wir senden ihm schlimme Träume und Gedanken und werden dafür sorgen, dass er die Burg eurer Väter und Urväter rechtzeitig aufsucht. Lass uns nur gewähren, und denke immer daran, was du uns für unsere aufopfernden Dienste versprochen hast.“

„Ihr werdet schon bekommen, was euch gebührt“, meinte Howard of Dunbarry, doch den Magiern entging offensichtlich die Zweideutigkeitseiner Worte.

„Nun aber werde ich euch verlassen und tun, was zu tun ist. Gnade euch Gott, wenn ihr beide mich belogen und hintergangen habt.“ Mit energischen Schritten verließ er die Kuppel, ohne sich ein weiteres Mal umzuschauen.



*



Irgendwie überstand Mike den Tag nach dieser grauenvollen Nacht. Er wurde von keiner neuen Vision mehr geplagt, doch er wusste, dass es nur von kurzer Dauer sein würde.

Im Gespräch mit seinem Freund Tom Jackson versuchte er, all diese Albdrücke zu analysieren, wenn es die Zeit während der Arbeit erlaubte. Tom war der Einzige, dem er vertrauen konnte. Der kannte seine Nöte und Ängste und stand ihm zur Seite.

Für den Abend hatten sie sich verabredet, damit er endlich einmal auf andere Gedanken kam.

Tom war wie immer pünktlich. Auch in dieser Hinsicht konnte man sich hundertprozentig auf ihn verlassen.

„Na, schon fertig?“, fragte er, als er eintrat. Ungeduld war seine Schwäche. Nichts ging ihm schnell genug.

„Natürlich“, erwiderte Braddock und zog sich die helle Windjacke über. „Wo wollen wir hingehen? Ich würde sagen, dass wir in der Nähe bleiben.“

Man entschied sich für einen alten Pub, in dem sie schon früher oftmals gesessen hatten. Das „Horn of Shelley“ lag südlich des Hyde Parks in einer ruhigen Seitenstraße der Knightsbridge Road.

Das Pub war gemütlich und selten überfüllt. Den Mittelpunkt des Lokals bildete die hufeisenförmige Theke, hinter deren Tresen zwei junge Girls bedienten. Ringsum standen kleine Tische, und im Hintergrund gab es eine breite Nische, in der sich jeden Abend drei, vier Dartspieler trafen und mit ihren Pfeilen um Punkte rangen.

Tom und Mike setzten sich an einen der Tische, der etwas abseits lag. Sich an der Theke niederzulassen wäre nicht sehr vorteilhaft gewesen. Sie wollten keine Mithörer haben. Mikes Probleme gingen niemanden etwas an.

Mike Braddock winkte die Bedienung heran und bestellte zwei Bier. Es dauerte nicht lange, bis die Getränke serviert wurden. Schweigend tranken sie.

Eine Weile sprach keiner von ihnen ein Wort. Jeder hing seinen Gedanken nach.

Mike starrte in sein Glas, als sei er allein auf dieser Welt.

„Hör zu, Mike“, brach Tom schließlich das Schweigen. „So geht es nicht weiter. Du musst etwas unternehmen, hörst du? Nicht mehr lange, und du machst dich selbst kaputt. Geh endlich zu einem Arzt.“

„Du meinst, zu einem Psychiater“, ergänzte Mike Braddock, ohne aufzublicken.

„Ja, warum nicht?“

„Bin ich verrückt?“, fragte Braddock. Diesmal schaute er seinem Freund offen ins Gesicht. „Du glaubst mittlerweile auch, dass ich nicht mehr alle Tassen im Schrank habe, nicht wahr?“

Unwirsch winkte Jackson ab. „Hör mit dem dummen Gerede auf, Mike“, schimpfte er. „Jetzt dreh bloß nicht durch. Es gibt für alles eine logische Erklärung. Es hat garantiert seinen Grund, dass du überall Feuer siehst, wo keins ist.“

„Meinst du wirklich?“

„Aber sicher doch“, erwiderte Tom und ignorierte den Zynismus in Mikes Frage. „Vielleicht nimmst du auch nur ein paar Tage Urlaub und ruhst dich mal richtig aus. Mensch, Mike, du musst auf andere Gedanken kommen. Eine Woche Mallorca. Das lenkt dich bestimmt ab. Auch im November soll es da unten ganz toll sein. Discos, Frauen und Kurzweil. Alles, was du willst. Wäre doch was, mal wieder ein paar nette Frauen kennenzulernen, oder?“

Mike Braddock seufzte.

„Sorry, Tom, aber du weißt doch selbst, dass ich nicht der große Anmacher bin. Gegen dich komme ich nicht an. Bin nicht der Frauentyp wie du und auch nicht so cool, wenn es darum geht, eine Mieze abzuschleppen.“

Als wolle er seine Wunschgedanken wegwischen, schlug er erbost mit der flachen Hand auf den Tisch. Es klatschte laut, sodass selbst die Gäste an der Dartscheibe ihr Spiel vergaßen und kurz herüberschauten.

„War nur ein gutgemeinter Vorschlag“, wehrte sich Tom ein wenig beleidigt.

Ohne Mike anzuschauen, nahm er sein Glas Ale und trank es in einem Zug aus. Dann hob er den rechten Arm und bestellte zwei neue Bier, die auch sofort von einem der hübschen Girls serviert wurden.

Eine Weile herrschte bedrücktes Schweigen zwischen Mike und Tom. Sie wechselten kein Wort, als ob sie sich nichts mehr zu sagen hätten. Und dabei gab es in Wirklichkeit noch so viel zu besprechen.

Verlegen schaute Mike auf und ließ den Blick durch den Pub schweifen. Das Lokal füllte sich langsam. In wenigen Minuten war es sieben Uhr. Bis zur Schließung vergingen noch drei Stunden. Erst um zehn Uhr ertönte traditionsgemäß die Messingglocke am Tresen, die das Ende des Alkoholausschanks einläutete.

Da sah er den Kalender neben dem Garderobenhaken.

Es war wie ein Stich ins Herz. Mike stöhnte gequält auf, als ob er körperliche Schmerzen hätte. Fast plastisch trat das Bild aus der Wand heraus, als sei es kein einfaches Farbfoto, sondern eine Holographie.

„Geht es wieder los?“

Tom erschrak. Er sah, wie sich Mikes Gesichtsfarbe veränderte. Er war kreidebleich geworden.



*



Vergessen war der kleine Streit zwischen ihnen. Um ein Haar hätte Tom sein Bierglas umgeworfen. Er sprang auf, um den Freund aus dem Pub zu bringen. Auf keinen Fall sollten Fremde miterleben, was mit seinem Kumpel geschah, wenn er seine Visionen bekam und zu schreien anfing.

„Nein, nein“, beschwichtigte ihn Mike, ohne den Blick von der Fotografie zu nehmen. „Alles in Ordnung. Nur …“ Langsam, fast marionettenhaft, erhob er sich und ging auf den Kalender zu. Wie aus einem inneren Zwang heraus nahm er ihn von der Wand und ging mit ihm zum Tisch zurück.

Die Gäste im Pub registrierten das alles nur beiläufig oder sogar desinteressiert. Auch die zwei jungen Frauen hinter der Theke nahmen kaum Notiz davon. Es war schon des Öfteren vorgekommen, dass Besucher des Pubs diesen Kalender mit den herrlichen Landschaftsbildern von England und Schottland durchgeblättert hatten.

„Was ist los?“, fragte Tom neugierig. „Ich weiß nicht“, gestand Braddock leise. Seine Stimme klang verunsichert und irgendwie ängstlich. „Es ist etwas mit dieser Burg. Ich weiß nur nicht, was es ist. Eins aber spüre ich plötzlich. Es hängt mit alldem zusammen, was ich in letzter Zeit erlebt habe – und noch erleben werde. Sie ist der Schlüssel zu all diesen verrückten Träumen und Visionen.“

„Diese Burgruine?“, fragte Jackson gedehnt und deutete auf das Glanzfoto. Er registrierte ein leichtes Kribbeln in der Nackengegend.

Keinen Augenblick mehr ließ er den Freund aus den Augen. Er wusste, dass irgendetwas nicht stimmte. Entweder wurde Mike wirklich langsam verrückt, oder es gab in der Tat eine logische Erklärung für sein seltsames Benehmen.

„Wie heißt die Festung?“, fragte Tom eindringlich. Er selbst wusste es nicht.

„Dunbarry Castle.“ Mike Braddocks Stimme klang kalt und ohne jegliches Gefühl, als sei er nicht mehr er selbst und von einem fremden Wesen beherrscht. „Die Burg liegt oben im Norden an der Küste der Irischen See, direkt über der Brandung auf einem klobigen Felsen.“

„Kennst du sie? Warst du schon einmal dort?“

Mike schaute auf und wirkte ein wenig verwirrt. Mehrere Male rieb er sich über die Augen, als wolle er etwas vertreiben.

„Was hast du gesagt?“, fragte er.

Jackson nippte an seinem Bier.

„Ich wollte wissen, ob. du die Burg kennst“, wiederholte er seine Frage.

„Nein, woher sollte ich?“

„Ja, verdammt noch einmal, du hast doch gerade selbst gesagt, dass diese Ruine von Dunbarry an der Küste steht. Ich sitze doch nicht auf meinen Ohren, oder?“

Diesmal war es Mike Braddock, der seinen Freund etwas eigenartig musterte. Auf seiner Stirn bildeten sich sorgenvolle Falten, und sein Blick wurde düster.

„Tut mir leid, Tom. Ich habe die ganze Zeit nichts gesagt. Du musst dich geirrt haben.“

Jackson gab auf. Langsam, so glaubte er, wurde er selbst ein wenig wirr im Kopf. Kein Wunder bei diesem ganzen Theater, das er mit Mike in letzter Zeit erlebte.

„Vergiss es“, meinte er und unterdrückte seinen Zorn. „Dann bin ich wohl fällig für einen Ohrenarzt.“

„Ich werde aber trotzdem diese Ruine aufsuchen, sobald es geht“, sagte Braddock abwesend. „Sie birgt ein Geheimnis. Da bin ich sicher. Und dort werde ich auch erfahren, was es mit meinen Feuerträumen auf sich hat. – Ich spüre es genau. In diesen Mauern liegt der Schlüssel zur Lösung. Da gibt es keine Zweifel mehr für mich.“

Tom unterließ es, darauf etwas zu erwidern. Langsam blickte er nicht mehr durch. Mike sprach in Rätseln. Eben noch hatte er geleugnet, etwas über die Burg gesagt zu haben, und nun faselte er wieder davon.

„Lass uns gehen“, forderte er und rank sein Glas leer. „Wenn wir länger hierbleiben, werde ich noch wahnsinnig.“

Er stand auf und ging zur Theke, um zu bezahlen. So entging ihm, dass Mike Braddock das oberste Blatt vom Kalender riss und heimlich in die Tasche seiner Windjacke steckte.

Wenig später verließen sie den Pub. Draußen empfing sie feuchter Nebel, der sich wie ein nasses Tuch auf ihre Gesichter legte. Das Licht der hohen Straßenlaternen konnten sie nur vage wie kalte, blasse Sonnen hinter dickten Schleiern ausmachen. Das Wetter zeigte sich wieder einmal nicht gerade von seiner besten, aber seiner berühmtesten Seite.

Nebel in London.

„Mist“, schimpfte Tom Jackson und schüttelte sich fröstelnd. „Komm, ich fahre dich nach Hause. Oder sollen wir noch irgendwo etwas essen gehen?“

„Nein, lass mal“, meinte Mike tonlos. „Mir ist im Augenblick nicht danach zumute.“

Jackson war nicht traurig darüber, dass sie den Abend nicht mit einem opulenten Mahl beenden wollten. Mit Mike war nichts Vernünftiges anzufangen. Wie so oft, hatte er sich regelrecht in sein Schneckenhaus zurückgezogen.

Er ging um seinen nagelneuen BMW herum und kramte seinen Zündschlüssel aus der Jackettasche.

„Was ist los?“, fragte er, nachdem die Zentralverriegelung aufgeschnappt war. „Steig endlich ein, oder willst du hier übernachten?“

Braddock trat an den Bordstein. Seine Bewegungen wirkten schwerfällig und müde. Er beugte sich leicht nach vorn und legte beide Hände auf das Dach des Wagens.

„Fahr ruhig allein los“, schlug er vor. „Ich denke, etwas frische Luft wird mir guttun. Das Bier ist mir irgendwie nicht bekommen. Liegt wohl daran, dass ich heute noch nicht allzu viel gegessen habe. Ich fühle mich richtig besoffen.“

Jackson zuckte mit den Schultern. Er ahnte, dass Mike Braddock nur nach einer Ausrede suchte. Er war nach zwei Glas Ale noch längst nicht betrunken. Oft genug hatte er bewiesen, wieviel er vertrug.

„Ich fahre dich aber gern, versuchte er es ein letztes Mal, doch das bekam Mike schon nicht mehr ganz mit.

Er hatte sich vom Wagen gelöst und war die Straße hinuntergegangen. Der Nebel hatte ihn regelrecht verschluckt. Wie aus weiter Ferne klangen seine Schritte noch eine Weile nach, dann war Tom allein.



*



Graue Schleier hatten sich während ihres Pubaufenthalts über die Stadt gelegt. Die Scheinwerfer vorbeifahrender Fahrzeuge bohrten milchig-gelbe Bahnen in den Nebel. Es war unheimlich ruhig, so als würde der Nebel alle Geräusche erdrücken.

Nur wenige Leute hielten sich bei diesem trostlosen Wetter auf der Straße auf. Wer zu Hause war, ging nicht mehr nach draußen, wenn es nicht unbedingt erforderlich war.

Mike sah einige Gestalten vorbeihuschen. Sie waren nicht mehr als grauschwarze Schatten ohne Gesichter, die unvermittelt auftauchten und Sekunden später wieder unerkannt im Grau der Schwaden verschwanden.

Braddock wählte den Weg durch den Hyde Park. Es war zwar nicht der angenehmste bei diesem Wetter, dafür aber der kürzeste zu seiner Wohnung.

Als er die Straße verließ und durch das steinerne Bogentor des Parks trat, befand er sich nach wenigen Schritten in völliger Dunkelheit. Das Licht der wenigen Weglaternen wies ihm den Weg durch die Nacht.

Braddock blieb einen Augenblick stehen. Plötzlich war ihm die wohlvertraute Anlage unheimlich. Eigentlich war der Park ungefährlich. Bei solch einem Wetter verkrochen sich selbst Gauner und Halbstarke.

Die kahlen Äste der Bäume ragten in den nächtlichen Himmel und schienen nach etwas Imaginärem zu greifen. Sonst vermochte Mike nicht viel auszumachen.

Nach wenigen Minuten erreichte er Grosvenor Gate und überquerte die breite Park Lane. Auf ihr herrschte nur mäßiger Verkehr. Wer nicht mehr fahren musste, tat es in diesem Nebel auch nicht.

Auf der anderen Seite angelangt, schüttelte er sich. Eine Gänsehaut rieselte über seinen Rücken. Allmählich wurde ihm kalt Die Feuchtigkeit kroch durch den Stoff seiner Jacke.

Die Quecksilbersäule des Thermometers war in der letzten Stunde rapide gesunken. Wenn London Pech hatte, lag morgen früh der erste Schnee und würde die Stadt in ein Chaos stürzen.

Die ganze Zeit über hatte Mike Braddock seine Umgebung nicht richtig wahrgenommen. Wie ein Schlafwandler war er über die Straße gewankt und hatte nicht einmal das wütende Hupen eines Fahrers registriert.

In ihm herrschte eine undefinierbare Unruhe, die sich langsam, aber sicher steigerte. Mehr als einmal hatte er das Gefühl, von unsichtbaren Augen beobachtet zu werden. Das aber war bei diesem Nebel fast unmöglich.

Seine Nerven vibrierten trotzdem, und ihm war unwohl zumute. Es war so, als fühle er im Unterbewusstsein eine unsichtbare Gefahr, die lautlos wie eine giftige Schlange auf ihn lauerte, um plötzlich zuzubeißen.

Gerade passierte er das Schaufenster eines Tabakladens, als er wie aus einem Traum erwachte. Im ersten Moment wusste er sogar nicht einmal so recht, wo er überhaupt war.

Verdattert drehte er sich einmal um die eigene Achse, als müsse er sich orientieren. Bis zu seiner Wohnung waren es nur noch ein paar Schritte.

Instinktiv griff er in die Tasche seiner Jacke, als habe er Angst, er könne das Kalenderblatt verloren haben. Beruhigt fühlte er das Papier und zog es heraus.

Eine Gänsehaut rieselte über seinen gesamten Körper, als er das Bild betrachtete.

Eine eigenartige Faszination ging von diesem Foto aus. Genau das musste es sein, was ihn unruhig und nervös machte. Er spürte das unerklärliche Vibrieren, das durch die Fingerkuppen in seine Arme strömte.

Zusammenfassung

Auf einem Turm hoch oben stand eine in schwarz gewandete Gestalt. Fröstelnd zog sie den Umgang fester um die Schultern zusammen, als könne sie damit die Kälte vertreiben. Ein grausames Lächeln umspielte den Mund des Fürsten, als er – endlich – die Hellen Lichtpunkte weit unten erkannte, die ständig größer wurden. – Es war Mitternacht!
Mike Braddock, Angestellter einer Londoner Firma, quälen seit einiger Zeit, Nacht für Nacht, immer wieder die gleichen Albträume. Träume in denen er einen grausamen Feuertod stirbt. Noch ahnt er nicht, wohin ihn diese Illusionen führen werden …
Er vertraut sich seinem besten Freund, Tom Jackson, an, der, wie er selbst, den Schikanen eines exzentrischen Chefs ausgesetzt ist. Während eines gemeinsamen Pub-Besuches entdeckt Mike einen Kalender an der Wand, der gerade eine verfallene Burg zeigt, die seine Aufmerksamkeit gewinnt. Er nimmt den Kalender von der Wand und ihn durchströmt ein wundersames, zugleich unbeschreibliches Gefühl. Er erkennt die Burg auf dem Bild wieder. Es ist die Gleiche, die Nacht für Nacht in seinen Albträumen erscheint. Was hat es mit dieser Burg auf sich? Warum erschein sie ihm immer wieder in seinen Träumen?
Er liest den Namen der Burg auf dem Kalenderblatt, spürt, dass er, um den Grund für seine Albträume zu erfahren, diese Burg unbedingt aufsuchen muss und beschließt gleich am nächsten Tag dorthin zu fahren.
Welch schreckliche Konsequenzen diese Fahrt für ihn selbst und Tom, seinem Freund, nach sich ziehen, ahnen beide zu diesem Zeitpunkt noch nicht, denn es liegt außerhalb jeglicher Vorstellung unserer Zeit …

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907919
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
nacht feuerfluchs

Autor

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Titel: Die Nacht des Feuerfluchs