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SALTILLO #3: Hände weg von Layla Sheen!

2017 130 Seiten

Leseprobe

SALTILLO


Band 3


Hände weg von Layla Sheen!


Ein Western von John F. Beck



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von H.W.Dunton, 2017

Redaktion & Korrektorat: Alfred Wallon

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de






Klappe

Tortilla-Buck Mercer mischt sich ein, als Comanchenkrieger eine Gruppe von Weißen überfallen. Da sich unter den Weißen auch eine Frau befindet, meldet sich Bucks Beschützerinstinkt. Viel zu spät wird ihm klar, dass diese Krieger zum Stamm der Penateka-Comanchen gehören. Sein Freund und Partner Sam O´Hara, genannt Saltillo, hat viele Freunde und Verwandte in diesem Stamm – aber nun ist es zu spät. Bärentatze, der Häuptling, schwört blutige Rache. Sie richtet sich auch gegen Saltillo, denn auf dessen Hazienda suchen die Weißen Zuflucht.

Weder Buck noch Saltillo ahnen, dass Lilian Blake und ihre Gefährten aus einem ganz bestimmten Grund in diese Region gekommen sind. Sie haben es auf Layla Sheen abgesehen, die in New Orleans noch immer wegen Mordes gesucht wird. Man hat ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt, und das wollen sie sich verdienen. Diesen Plan werden sie nicht aufgeben – auch wenn ihr eigenes Schicksal im Moment mehr als ungewiss ist. Denn Bärentatze und seine Krieger haben die Hazienda bereits umzingelt!


Die Saltillo-Romane von John F. Beck waren und sind auch noch heute noch ein absolutes Highlight in deutschsprachigen Westerngenre.“ - Alfred Wallon, Schriftsteller








Roman

Sie lagen am Talausgang hinter ihren toten Pferden. Sie waren zu viert. In fieberhafter Eile luden sie ihre Colts und Gewehre nach, während sich dreihundert Yard entfernt die Comanchen zu einem neuen Angriff sammelten. Die gedrungenen, bronzehäutigen Krieger schienen verwachsen mit ihren Mustangs. Pfeilgefüllte Köcher baumelten von den Rücken. Federverzierte Lanzen ragten über Ihren Köpfen auf. Der Geruch von Staub und verbranntem Schießpulver hing noch in der heißen Luft des Spätnachmittags.

Er stieg auch dem Reiter in die Nase, der auf dem Talkamm sein Pferd hinter einem Felsen zügelte. Buck Mercer, genannt Tortilla-Buck, zog seine langläufige Harpers Ferry-Rifle aus dem Scabbard. Der Kolben der Waffe war mit funkelnden Messingplättchen belegt. Das Krachen der Schüsse hatte den mittelgroßen, bulligen Mann angelockt. Eigentlich war er auf der Suche nach entlaufenen Rindern. Im Tal unter ihm verlief die Grenze des weiten Gebiets, dessen Mittelpunkt die Hazienda seines Freundes Saltillo war.

Buck kniff die Augen zusammen. Seine Miene spannte sich, als er erkannte, dass es eine Frau war, die nun als erste wieder das Gewehr auf den Pulk der Indianer richtete. Ihr breitkrempiger Hut war verrutscht, so dass ein Teil des kastanienbraunen Haares auf ihre Schultern floss. Sie trug staubbedeckte Reiterkleidung wie ihre Begleiter, die nun ebenfalls wieder die Waffen in Anschlag brachten.

»Na denn«, brummte der bullige Beobachter. "Da werden wir wohl oder übel ein Wörtchen mitreden müssen, Betsy.«

Seine Hand fuhr den matt blinkenden Lauf der Harpers Ferry-Rifle entlang. Da ging es auch schon los. Ein gellender Schrei erscholl, dann erzitterte die von der Texassonne hart gebrannte Erde unter den Mustanghufen.

»Lasst sie rankommen!«, schrie der sehnige, hochgewachsene Anführer der Verteidiger. »Keine Kugel darf danebengehen.« Und nach einer zermürbenden Pause, in der es nur das anschwellende, von Skalpschreien durchbrochene Hufgedröhn gab, kam der Befehl: »Jetzt, Freunde - Feuer!«

Die Gewehre krachten. Aber in dem Moment, als eine Pulverdampfwolke die hinter den Pferden Liegenden einhüllte, brach der Reitertrupp auseinander. Die Salve verpuffte wirkungslos. Mit gellendem Geheul preschten die Comanchen in einer nun weit auseinandergezogenen Linie nach links und rechts. Die Krieger lenkten die Mustangs nur mit den Schenkeln. Die struppigen, hervorragend abgerichteten Tiere reagierten präzise. Gleichzeitig ging ein Pfeilhagel über der Stellung der Weißen nieder.

Denen blieb keine Zeit, die einschüssigen Gewehre nachzuladen. Die Colts krachten dafür. Tortilla-Buck hatte inzwischen seinen rammsnasigen Pinto hinter dem Felsen hervorgetrieben. Die Mündung seiner Rifle bewegte sich zwei Sekunden lang mit einem indianischen Reiter. Dann zuckte ein Feuerstrahl aus dem Lauf.

Der Schecke des Kriegers brach vorn ein und überschlug sich. Sein Reiter sauste in den Staub, der, vom Licht der tiefstehenden Sonne getränkt, wie rötlicher Nebel über dem Talgrund brodelte.

Buck stieß seinem Pinto die Fersen gegen die Weichen und jagte den mit dürrem Gras bedeckten Hang hinab. Sein blondes Zottelhaar flatterte. Die grauen Strähnen darin wirkten wie Silberfäden.

»Zielt auf ihre Gäule!«, schrie Buck. »Ihr haltet sie sonst nicht auf!«

Nur der Kopf der Frau flog herum. Die anderen schossen verbissen weiter. Ihr Gesicht war bleich, die Lippen leicht geöffnet. Ihre grünen Augen funkelten, als der Kentuckier geschmeidig absprang und zwischen ihnen niederkniete. Hastig lud Buck sein Gewehr nach.

»Vergessen Sie Ihren Colt nicht, Lady«, lachte er, während ein Pfeil knapp an ihm vorbeisauste. »Ich bin Buck Mercer aus Kentucky. Meine Freunde nennen mich Tortilla-Buck. Alles andere, Lady, erzähl ich Ihnen später mal.«

»Wenn diese Teufel dir dafür noch Zeit lassen, Mann«, keuchte der Junge mit den zerzausten roten Haaren. Er kniete links von ihm. Sein Gesicht war schweißüberströmt. Die Hände zitterten beim Laden so heftig, dass er Mühe hatte, die Zündhütchen aufzusetzen. Die beiden anderen Männer hatten sich nur flüchtig umgeschaut. Ihre Revolver schmetterten, bis sie ebenfalls leergeschossen waren.

Da sprach Bucks Betsy wieder. Auch aus dem 36er, den die junge Frau mit beiden Händen umklammerte, blitzte es von neuem auf. So jäh und wild die Comanchen vorgestürmt waren, so unvermittelt zogen sie sich nun zurück. Einige Mustangs trugen zwei Reiter. Im dichten Qualm verschwammen sie zu Schemen. Nur langsam löste sich die Staubwolke auf. Der massige, ledergekleidete Mann rechts von Buck spuckte aus. Ein Vollbart umrahmte das knochige Gesicht. Er war um die Fünfzig, und in seinen blassgrauen Augen gab es keinen noch so winzigen Funken Angst oder Unruhe.

»Die kommen wieder.«

Buck lud abermals seine Rifle.

»Darauf kannst du Gift nehmen, Hombre.«

Sie wandten sich ihm jetzt alle zu. Ein Flackern erschien in den Augen des Jungen.

»Sag bloß nicht, du bist allein, Mister.«

»Jetzt nicht mehr«, griente Buck.

Der Rotschopf schluckte und starrte ihn an wie einen Geist.

»Entweder kannst du nicht zählen, Mann oder du hast sie nicht alle. Verdammt, das da drüben sind mindestens ...«

»Halt die Klappe, Kid!« Es war der Sehnige. Die kalte Stimme passte zu seinem scharflinigen Gesicht und den dunklen, abschätzenden Augen. Ein dünnes Bärtchen zierte seine Oberlippe. Er erhob sich und reichte Buck die Hand. Der Mann sah wie ein Spieler aus. Sein Händedruck war kräftig. Aber es war eine Hand, die nie mit einem Lasso, einem Pflug oder sonst einem Werkzeug in Berührung gekommen war.

»Bob Haskin ist mein Name. Das ist Lilian Blake. Der Grünschnabel nennt sich Kid Ohio, und dieser Bursche mit dem Urwald im Gesicht heißt Tom Dobson. Wir kommen aus Arkansas. El Paso ist unser Ziel. Da soll für Leute, die nicht auf den Kopf gefallen sind, ein Haufen Bucks zu machen sein, nachdem...»

»Verdammt, Bob, heb dir die Ansprache für später auf«, fuhr die Frau wütend dazwischen. »Gleich kommen sie wieder. Weiß der Henker, welchen Trick sie diesmal versuchen.«

Sie warf halb spöttisch, halb trotzig den Kopf zurück, als sie Bucks Blick auffing.

»Die Lady können Sie vergessen, Mercer. Seien Sie froh, dass ich keine bin. Sonst wüsst' ich vermutlich nicht mal, wo bei ’nem Schießeisen vorn und hinten ist. Allerdings wär’ ich dann auch kaum auf die Idee gekommen, mit diesen drei Verrückten quer durch dieses verfluchte Texas zu reiten, wo’s nur ’ne Menge Dornbüsche, Büffel und Rothäute gibt.«

»Hört doch auf damit«, krächzte Kid Ohio nervös. »Da sind sie schon. Sie versuchen es wieder! Deckung, Leute! Schießt, o Hölle, schießt und lasst sie nicht ran!«

Haskin lag im Nu wieder hinter dem pfeilgespickten toten Pferd.

Buck hielt Lilian Blake fest, als sie sich ebenfalls niederwerfen wollte. Sie zuckte herum. Ihr Blick war wie eine Flamme, und Buck rechnete damit, dass sie gleich ihren fünfschüssigen Paterson auf ihn richten würde. Mit einer raschen Kopfbewegung wies er auf sein Pferd.

»Ich wette, dass Sie nicht nur schießen, sondern auch reiten können, Miss. Also, worauf warten Sie? Ab mit ihnen!«

Ihre Augen weiteten sich; alle Wildheit war plötzlich fort.

Inzwischen hatten Haskin, Kid und Dobson erneut ihre Gewehre geladen. Eine Staubwolke verdüsterte abermals das Tal. Die Comanchen stürmten in breiter Front heran, ließen ihre Pfeile von den Sehnen schnellen und jagten blitzartig außer Schussweite zurück. Auf den Wangen der Frau glühten grelle Flecken. Während noch das Dröhnen der Gewehre durchs Tal zitterte, raunte sie:

»Und ich wette, dass dieser rammsnasige Klepper mindestens ebenso kräftig wie hässlich ist. Zum Teufel, Mercer, weshalb soll er nicht uns beide tragen?«

Einen Moment hielten ihre Blicke sich fest. Dann stießen die Comanchen auf ihren flinken Pferden wieder vor. Kid Ohio kreischte:

»Mercer, warum schießt du nicht? Mann, gib’s ihnen, sonst überrennen Sie uns!«

Buck schob die Frau energisch an sich vorbei.

»Reiten Sie immerzu nach Westen, wenn Sie aus dem Tal kommen. Auf der anderen Seite der Cuesta del Burro Range liegt die Hazienda meines Freundes Saltillo. Wenn es überhaupt jemand schafft, uns hier herauszuhauen, dann er. Verlieren Sie keine Zeit! Der Pinto kennt den Weg. Vergessen Sie nur keine Sekunde, dass Sie um unser Leben reiten - Lady«, fügte er hinzu.

»Verdammter Narr!«, zischte Lilian. Sie stand da, als wolle sie gleich mit ihren kleinen Fäusten auf den bärenstarken Mann losgehen. Dann presste sie die Lippen zusammen, warf sich herum und rannte zu Bucks Pferd. Mit einem Satz war sie im Sattel. Ihr rotbraunes Haar wehte, als sie das Tier herumriss und ihm die Hacken gegen die Flanken hämmerte.

Das nahm Tortilla-Buck schon nicht mehr wahr. Er duckte sich gegen den Kadaver, hinter dem die Frau zuvor gekauert hatte. Seine Rifle donnerte. Kid Ohios schweißverschmiertes Gesicht tauchte neben ihm in den beizenden Pulverrauchschwaden auf.

»Du bist doch verrückt, Mercer. In spätestens zwei Stunden wird’s dunkel. Dann haben sie uns.«

Bucks Miene blieb unbewegt. Das wilde Kriegsgeschrei, das so heftig an Kids Nerven zerrte, schien von ihm abzuprallen. Er wies mit der Harpers Ferry zu den Felsen auf dem Talkamm.

»Wenn es uns gelingt, bei Einbruch der Dunkelheit da hinaufzukommen, halten wir sie uns noch ein Weilchen vom Leib.«


*


Der breitschultrige, verwildert aussehende Mexikaner stellte den Mescalkrug auf die Theke zurück und legte eine seiner beiden langläufigen Reiterpistolen daneben. Mit einem herausfordernden Grinsen drehte er sich zu den Dörflern von Nuevo Saltillo um, die nach der Arbeit auf den Feldern in die Bodega gekommen waren. Die Gespräche an den Tischen verstummten sofort.

Draußen flammte die Röte des Sonnenuntergangs auf den Ziegeldächern. Der Rio Bravo, der nahe vorbeifloss, glänzte wie ein Lavastrom. Kinderstimmen und das Scheppern von Geschirr drangen aus offenen Fenstern. Essensgerüche zogen über die Plaza. Ein Esel schrie in einem strohgedeckten Stall. Der Abend war friedlich. Nur der Fremde mit den zwei Pistolen störte ihn.

Der Mann war durch die Furt von der anderen Seite des Flusses, aus Mexiko, herübergekommen. Sein Pferd stand draußen am Zügelholm. Die Flanken des Tieres waren von den großen Radsporen seines Besitzers aufgerissen. Alle spürten den Hauch der Gewalttätigkeit, der von dem Mann ausging. Sein hartes Auflachen füllte den dämmrigen Raum.

»Feiglinge!« Er spuckte auf den Lehmboden. Ein Glühen lag auf seinem grobschlächtigen, sichelbärtigen Gesicht. Jede Linie darin verriet, wie haushoch er sich diesen einfachen, arbeitsamen Menschen überlegen fühlte. »Eine Schande seid ihr für ganz Mexiko. Jämmerliches Pack, das sich von einem verdammten Texaner-Bastard an die Kette legen lässt, statt ihn endlich zum Teufel zu jagen.«

Er lachte abermals, als sie immer noch schwiegen. Verhaltener Zorn glomm in ihren Augen. Aber da war auch das Flackern von Furcht vor seiner unübersehbaren Rohheit, vor allem aber vor seinen Waffen. Denn in ganz Nuevo Saltillo gab es nur ein Gewehr. Es befand sich im Haus des Alcalden, und ausgerechnet der war noch draußen auf den Feldern. Nur die Miene der aparten, schwarzhaarigen Frau hinter der Theke verriet keine Furcht.

»Lassen Sie Ihre Sprüche los, wo Sie mögen, Hombre - aber nicht hier. Trinken Sie Ihren Mescal aus und verschwinden Sie danach schnell!«

Der Grobschlächtige ruckte herum. Zuerst war ein wütendes Aufblitzen in seinen Augen, dann grinste er breit.

»Soll das ein Witz oder ein Rauswurf sein, Muchacha?«

»Nennen Sie’s, wie Sie wollen, nur lassen Sie uns endlich in Ruhe.« Das ovale, von blauschwarzem Haar umrahmte Gesicht der Kreolin war kalt und abweisend. Vor ein paar Monaten hatte Layla Sheen noch eine Spielhölle im fernen New Orleans geleitet, mitten im Rotlichtbezirk der großen, lebensfrohen Stadt. Sie verstand sich auf den Umgang mit solch rohen Burschen. Das hatte sie gelernt, bevor sie unter falschem Mordverdacht aus dem Mississippi-Delta fliehen musste.

Nun war dieses Dorf, das zur Hazienda del Saltillo gehörte, ihre neue Heimat. Hier hatte sie eine neue Aufgabe und vor allem Menschen gefunden, denen sie sich zugehörig fühlte. Sie alle, Saltillos Vaqueros wie die Dorfbewohner, lebten hier wie auf einer Insel im weiten, unbesiedelten Land westlich vom Nueces River.

El Paso, die nächste Stadt, lag hundertfünfzig Meilen weiter oben am Fluss. Dort gehörte das Land noch zu Mexiko. Dort brodelte und gärte es, seit Texas in diesem Jahr 1845 in die Union aufgenommen worden war. Burschen wie der Sichelbärtige schürten das Feuer der alten Feindschaft, wo immer sie auftauchten. Immer häufiger waren in den letzten Wochen Reiter von jenseits der Grenze hier im Niemandsland aufgetaucht. An jedem einsamen Vaquero-Lagerfeuer kannten sie nur ein Ziel: Unruhe stiften, Hass säen für den Tag, an dem sie dieses Gebiet angeblich für Mexiko zurückgewinnen wollten.

Der Pistolero ergriff den Krug und trank. Seine glitzernden Augen ließen Layla Sheen dabei nicht aus den Augen.

»Irrtum, Muchacha, niemand befiehlt Jose Alvarado, fortzureiten. Du nicht, und erst recht nicht dieser Gringo, der glaubt, dass er für alle Zeiten hier die Peitsche schwingen kann. Du siehst, Muchacha, ich hab mich umgehört. Aber dieser Boden, auf dem ich stehe, gehört noch immer zum schönen, alten Mexiko. Glaub mir, es dauert nicht mehr lange, dann wird kein verdammter Tejano hier mehr Rinder züchten.«

Seine Sporen klirrten, als er sich von der Theke abstieß und den nächsten Tisch ansteuerte.

»Dann aber, Muchachos, ist hier auch kein Platz mehr für Schleimer, die einem Gringo die Stiefel lecken.« Er bohrte dem jungen Mexikaner, der ihm am nächsten saß, den Zeigefinger in die Brust. »Hast du das kapiert, Amigo?«

Absichtlich hatte er sich den jüngsten Gast in der Bodega ausgesucht. Kehliges Gemurmel kam ringsum auf. Es verebbte, als der junge Dörfler sich zögernd erhob. Schweiß glänzte auf seinem Gesicht, aber seine Stimme klang fest.

»Ich bin Manolo. Nenn mich nicht wieder Amigo, Fremder. Ich werd nie dein Freund sein. Wir alle sind freie Mexikaner. Wir lassen nicht zu, dass du schlecht von unserem Patron sprichst und uns als Feiglinge beschimpfst.«

Das war das Signal, das auch die anderen Dörfler auf die Beine brachte. Ihre Mienen waren verkniffen, die Fäuste geballt.

Alvarado blickte sich wild um.

»Was seid ihr denn?«, höhnte er. »Wenn ihr Männer wärt, hättet ihr diesem verdammten Tejano auf seiner Hazienda längst die Kehle durchgeschnitten.«

Seine Linke schoss vor und krallte sich in das Leinenhemd des Jungen. Mit der Rechten umklammerte er die Pistole, die noch in der schmutzigen Schärpe steckte.

»Sag, dass ich recht hab, Amigo. Und sag es laut, dass alle es gut verstehen.«

Sein Griff war eisern. Doch Manolo presste die Lippen zusammen.

Da mischte sich Layla ein.

»Lass ihn los! Dieser »verdammte Tejano«, wie du Saltillo nennst, ist zufällig mein bester Freund. Deshalb wird es für dich auch höchste Zeit, Großmaul, dass du dich auf deinen Klepper schwingst.«

Hastig wichen die Dorfbewohner zur Seite. Ein Stuhl kippte um, ein Becher rollte über den Boden, dann war wieder jeder Laut verstummt.

Langsam, ohne Manolo freizugeben, wandte Alvarado den Kopf. Die Pistole, die er vorhin so selbstherrlich auf die Theke gelegt hatte, zielte auf ihn.

Laylas kräftige Hände umschlossen die Waffe. Alvarados schnurrbärtiges Gesicht spannte sich.

»Das ist nicht sehr klug von dir, Muchacha.«

Laylas Schultern strafften sich. Die weiße Bluse spannte sich über den üppigen, festen Brüsten. Das Leben hatte dieser Frau nichts geschenkt, außer einer Reihe bitterer Erfahrungen, die sie in die Lage versetzten, sich auch in der rauesten Umgebung zurechtzufinden. Ihre Augen funkelten. Eine Drohung war das letzte, wovon sie sich beeindrucken ließ

»Du bist ein Schwätzer, Hombre ...«

Blitzschnell riss Alvarado den jungen Mexikaner herum, drehte sich gleichzeitig und hielt schon die eben noch in der Schärpe steckende Pistole in der Faust. Sein linker Arm legte sich von hinten um Manolos Kehle.

»Nur zu, Muchacha. Zeig ruhig, was du kannst!«

Laylas Blick wurde hart. Ein Stöhnen durchlief die Bodega. Noch lag die Waffe in den ausgestreckten Händen der Frau.

Alvarado belauerte sie.

Verzweifelt keuchte Manolo: »Nehmen Sie keine Rücksicht auf mich, Senorita.«

»Red keinen Unsinn, Manolo.« Laylas Stimme war ruhig. Sie legte die Pistole neben den Krug. »Dieser Lump wird nicht zögern, uns beide zu töten.«

»Bestimmt nicht.« Alvarado triumphierte. Er schob den Jungen mit der Waffe vor sich her. Kurz vor der Theke stieß er ihn so heftig zur Seite, dass Manolo über einen Stuhl zu Boden stürzte. Alvarado hatte keinen Blick mehr für ihn. Er starrte Layla an.

»Caramba, du hast Mut, Muchacha - und bist hübsch. Willst du wirklich deine besten Jahre in diesem lausigen Nest verplempern ...«

Das leise Klirren der Perlenschnüre am Eingang zwang ihn herum. Die Pistole schwang mit.

Eine hohe Gestalt verdunkelte den Eingang, verharrte einen Augenblick und trat dann lautlos ein. Ein Seufzen kam aus dem Hintergrund. Eine heisere Stimme raunte: »Saltillo.«


*


Der Haziendero war ein großer, schlanker Mann mit breiten Schultern, ganz in weichgegerbtes Antilopenleder gekleidet. Sein rabenschwarzes Haar glänzte. Die rauchgrauen Augen blickten kühl. Es war ein Blick, der durch Jose Alvarado hindurchzugehen schien. Das scharfgeschnittene Gesicht verriet das Comanchenblut in Saltillos Adern. Ein rotes Seidenhalstuch umschlang seinen Hals.

Es verdeckte halb das Amulett mit den in Silber gefassten Türkisen - das Vermächtnis eines Sterbenden. Eines geheimnisvollen Mannes, der damals im Kampf um die Stadt, nach der Saltillo benannt worden war, den Tod gefunden hatte.

Saltillo trug einen fünfschüssigen Paterson Colt und ein Bowiemesser. Uber seiner linken Schulter hing eine zusammengerollte Peitsche. Jede Bewegung des großen Mannes verriet die katzenhafte Geschmeidigkeit des Körpers. Er trug mokassinähnliche Weichlederstiefel ohne Sporen.

»Hallo, Amigos.« Er nickte den Dörflern freundlich zu, ehe er an der Theke stehen blieb. Dabei schien er weder die umgeworfenen Stühle noch die Waffe in Alvarados Faust zu bemerken. Ein Lächeln erhellte sein kantiges Gesicht, als er sich der Frau zuwandte.

»Ärger, Layla?«

»Jetzt nicht mehr.«

Sie nahm eine bastumwickelte Flasche aus dem Regal und stellte einen Becher dazu. Ihre Blicke trafen sich. Sofort war wieder die stille Vertraulichkeit zwischen ihnen. Alvarado wich ans Ende der Theke zurück.

»Da wär’ ich nicht so verdammt sicher«, knirschte er. »He du, wenn du der Texaner-Bastard bist, dem die Hazienda droben im Tal gehört...«

Saltillo drehte sich halb. Das genügte, den Mexikaner verstummen zu lassen. Lässig stützte Saltillo einen Ellenbogen auf.

»Du hast zehn Sekunden, dafür zu sorgen, dass dein Gestank hier nicht länger die Luft verpestet.«

Die Stimme klang gelangweilt. Doch Alvarado hörte einen Ton wie von leise klirrendem Metall heraus. Seine Faust schloss sich fester um den Pistolenknauf. Dann wurde ihm bewusst, dass alle ihn anstarrten. Er warf den Kopf zurück und lachte wild.

»Es stimmt, was alle sagen. Du verfluchter Gringo bildest dir tatsächlich ein, du brauchst nur mit dem Finger zu schnippen, damit jeder Mann vor dir kuscht.«

»Wer das behauptet, kennt mich nicht. Doch wer glaubt, er kann hier Streit anfangen und meine Freunde aufwiegeln, der ist schiefgewickelt. Jetzt hast du noch fünf Sekunden, Hombre.«

Saltillo nahm den Becher, den Layla gefüllt hatte.

»Danke, Querida. Auf dein Wohl.«

Er prostete ihr zu. Da zerriss das Brüllen eines Schusses das atemlose Schweigen in der Bodega. Der Becher in Saltillos Hand zersprang in hundert Scherben. Rotwein spritzte über die Theke. Es war ein Meisterschuss trotz der knappen Distanz. Das Blei hatte nicht einmal Saltillos Haut geritzt.

In dem Augenblick war allen klar, dass José Alvarado nicht irgendein Raufbold war und dass er ganz gezielt, von wem auch immer, in Saltillos Dorf geschickt worden war. Ein Name durchglühte Saltillos Gehirn: Ben Mortimer. Sein alter Feind, der damals nach dem Kampf um Saltillos Land nach Mexiko geflohen war, hatte ihn gewiss noch nicht vergessen. Doch der große, indianerhafte Haziendero verzog keine Miene.

»Das war ein Fehler zuviel. Compadre«, sagte er zu Alvarado, der sofort die leergeschossene Pistole mit der anderen vertauschte.

Alvarado zischte: »Dann los. Ich hab noch ’ne Kugel für dich, Gringohund!«

Saltillo lächelte zum zweiten Mal; doch diesmal ohne einen Funken Wärme. »Das ist nicht genug, Hombre.«

Plötzlich, wie hingezaubert, lag der lederumwickelte Peitschenstiel in seiner Rechten. Pfeilschnell sauste die geflochtene Rohlederschnur auf Alvarado zu, wickelte sich um das Handgelenk des Mexikaners und verriss den Schuss. Die Kugel hieb zwischen ihnen in den Lehmboden.

Alvarado fluchte. Es klang wie das Aufröhren eines angeschossenen Büffelstiers. Geschmeidig glitt Saltillo von der Theke weg.

»Du siehst, ein Mann braucht nicht unbedingt ein Schießeisen, um sich seiner Haut zu wehren.« Die Peitschenschnur ringelte sich vor Alvarado auf dem Boden - und zuckte wieder hoch, als der Mann mit hassverzerrter Miene vorstürmte.

Ein schwerer Fall erschütterte die Bodega. Mit der Kraft und Schnelligkeit eines zuschnappenden Krakenarms hatte sich die Peitsche um Alvarados Beine geschlungen.

»Du kannst auch rauskriechen«, schlug Saltillo gelassen vor, während er die Peitsche aufrollte.

Niemand lachte.

Keuchend, ein wildes Flackern in den Augen, starrte der Pistolero zu ihm auf. Dann versuchte er es nochmals. Mit einem Wutschrei sprang er hoch und griff Saltillo an, den Kopf gesenkt, eine geballte Masse Wucht und Wildheit. Er war verblüffend schnell, so dass alle glaubten, sein jäh abgefeuerter Schwinger würde Saltillo gegen die Lehmziegelwand schmettern.

Es war ein Schlag wie mit einem Schmiedehammer. Nur traf er nicht.

Gedankenschnell duckte Saltillo den Hieb ab. Der eigene Schwung trieb Alvarado an ihm vorbei, und schon sauste der Peitschenstiel dem Mexikaner ins Genick. Alvarado landete zwischen umgeworfenen Tischen und klirrenden Gläsern.

Saltillo legte ruhig die Peitsche auf die Theke, trat zu ihm und zog ihn hoch.

»Hau endlich ab, Hombre. Ich hab keine Lust, mich noch länger mit dir rumzuprügeln.«

Alvarado schwankte, schüttelte sich, und aus dieser Bewegung heraus flog seine Faust erneut hoch. Saltillo bog nur knapp den Kopf weg. Dann trat er einen Schritt zurück, nahm Maß und fegte den klotzigen Burschen mit einer blitzartigen Geraden bis zur Tür. Diesmal dauerte es bedeutend länger, bis Alvarado wieder auf die Beine kam. Sein Blick war glasig. Schweißverklebte Strähnen hingen ihm in die Stirn.

»Ich komm wieder - und nicht allein. Meine Amigos und ich werden dich wie einen räudigen Kojoten verjagen, wenn wir uns dieses Land zurückholen.«

»Warum sagst du nicht gleich, dass ihr euch ins gemachte Nest setzen wollt? Bueno, ihr könnt’s ja mal versuchen.«



Als ein paar Minuten später wieder Hufe über den Dorfplatz hämmerten, dachten alle zuerst, Alvarado käme zurück.

Nur Saltillo hatte gleich gemerkt, dass es diesmal zwei Pferde waren. Er stellte den Becher weg. Da war das Schnauben und Stampfen schon dicht vor der Bodega.

Layla kam gerade noch dazu, die Petroleumlampe anzuzünden. Eine atemlose, verschwitzte Gestalt stürzte herein.

»Santa Madonna, da bist du ja, Patron.«

Es war Antonio, Saltillos jüngster Vaquero. Der drahtige Achtzehnjährige stammte aus dem Dorf, war ein Freund von Manolo, und kaum jemand traf ihn jemals ohne seine geliebte Gitarre an. Bestimmt hing sie auch jetzt draußen am Sattel seines abgehetzten Pferdes.

Saltillo runzelte die Stirn.

»Was ist geschehen, Amigo? Wo brennt’s?«

»Da ist eine Frau, Patron. Sie ist auf Bucks Pferd zur Hazienda gekommen.« Antonio musste tief Luft holen, ehe er weitersprechen konnte. »Ruidosa schickt mich.«

Eine schlanke Hand schob die Perlenschnüre auseinander. Alle Blicke richteten sich auf die Frau, die sich hinter dem jungen Vaquero hereinschob.

Layla drehte den Lampendocht höher. Das vom Reitwind zerzauste Haar der Fremden leuchtete wie eine Flamme. Herbe Linien zeichneten das schmale, staubgepuderte Gesicht. Die grünen, ein wenig schräg gestellten Augen glitzerten wie Smaragde.

Draußen dunkelte es. Sie kam wie ein fremdartiges Wesen aus der hereinbrechenden Nacht; noch dazu in Männerkleidung. Das allein war schon ungewöhnlich genug in dieser Zeit. Noch ungewöhnlicher für die einfachen Dorfbewohner war die Art, wie sie sprach und sich bewegte. Zuerst war sie so erschöpft, dass sie sich gegen die Adobewand lehnen musste. Doch sie riss sich zusammen. Ihr funkelnder Blick und ihr stolz erhobener Kopf wirkten wie eine Herausforderung.

»Wer ist denn nun dein Boss, Junge? Etwa dieser zu groß geratene Indianer da?« Ihre Stimme klang schroff. Ein abweisender Zug grub sich um ihren Mund, als ihre Augen sich auf Saltillo hefteten.

Im Gesicht des großen Mannes bewegte sich kein Muskel.

»Mein Name ist Sam O’Hara, Ma’am. Ich werde auch Saltillo genannt.«

Er ging ihr entgegen und ergriff ihren Arm, als sie plötzlich stolperte. Jetzt, aus der Nähe, erkannte er noch deutlicher die Spuren, die die Strapazen in ihrem Gesicht hinterlassen hatten. Er schätzte, dass sie etwa so alt wie Layla war, achtundzwanzig, allerdings erheblich schlanker, ebenso wie diese war sie gewiss nicht die Frau, die ihr Leben am Herd einer kindergefüllten Stube verbringen wollte.

»Ruhen Sie sich erst mal aus, Ma’am. Dann können Sie mir immer noch der Reihe nach erzählen...» Er wollte sie zu einem Stuhl führen, aber sie riss sich los.

»Ich brauch keine Ruhe, verdammt, sondern ’nen Drink. Und nach allem, was an diesem Höllentag passiert ist, kann der gar nicht scharf genug sein.«

»Dann ist ein Schluck Tequila genau das Richtige für Sie, Miss.« Laylas ruhige Stimme zwang den Kopf der Fremden herum. Layla, die bereits ein Glas füllte, merkte nicht, dass die Frau sie wie von einem Bannstrahl getroffen anstarrte. Alle Müdigkeit schien plötzlich von ihr abzufallen. Schließlich gab sie sich einen Ruck und ging rasch an Saltillo vorbei zur Theke.

»Teufel noch mal, dieser Tag steckt wirklich voller Überraschungen. Ich bin Lilian Blake. Und bis zu dieser Minute war ich fest überzeugt, dass ich die einzige weiße Frau in hundert Meilen Umkreis bin. Gießen Sie ruhig noch einen drauf, Lady. Ich kann’s vertragen.«

Layla lächelte. Als sie den Kopf hob, waren die Augen der Fremden noch immer starr auf sie gerichtet. Layla glaubte ein halb wissendes, halb lauerndes Funkeln darin zu erkennen. Es verschwand sofort. Trotzdem waren auf einmal wieder die Bilder der Erinnerung in Layla lebendig; aus jener schlimmen Nacht, in der sie aus New Orleans hatte fliehen müssen. Sie hatten sie damals durch die finstersten Viertel der Stadt gehetzt. Ein Schatten huschte über ihr Gesicht, doch dann lächelte sie schon wieder.

»Eben haben Sie mich angesehen, als würden Sie mich von irgendwoher kennen«, meinte sie beiläufig.

Nicht doch!« Lilian Blake lachte. Doch es klang ein bisschen angestrengt. Vielleicht war das kein Wunder nach den Erlebnissen dieses Tages. Sie nahm das Glas, das Layla randvoll gefüllt hatte, verschüttete keinen Tropfen und leerte es in einem Zug. Sie verzog keine Miene, »Nicht schlecht. Dagegen schmeckt purer Whisky wie Quellwasser.«

Sie wartete nicht, bis Layla sie wieder bediente, sondern goss selbst nach. Layla schaute schnell auf Saltillo, der nun ebenfalls herangetreten war.

»Ich hab Sie nur so angestarrt, weil ich eine Kollegin auch erkennen würde, wenn ich sie im Tipi eines Comanchenhäuptlings treffe«, bemerkte Lilian mit einem schrägen Blick auf Saltillo. »Ich tippe auf New Orleans.«

Sie lächelte nun ebenfalls, aber für einen Moment war wieder jenes verräterische Glitzern in ihren Augen. Diesmal war Layla sicher, dass sie sich nicht täuschte.

Laylas Miene war glatt und ausdruckslos. Ihre Augen hielten Lilians Blick fest. »Der Delta Star Palace hat mir dort gehört. Ich bin Layla Sheen.«

Sie war jetzt hellwach, voll darauf konzentriert, sich keine noch so winzige Regung entgehen zu lassen. Doch Lilians Reaktion bestand lediglich in einem bedauernden Schulterzucken. »Ich kenne New Orleans nur vom Hörensagen; ein Traum, der sich für mich nie erfüllt hat. Naja, ist auch schon ’ne Weile her, dass ich dort ’ne Chance bekommen hätte. Aber für unsereins gibt’s immer wieder neue Ziele. Zum Beispiel El Paso. Meine Partner und ich waren auf dem Weg hierher - bis diese verdammten Comanchen dazwischenkamen!«

Saltillo zog sie heftig herum. Seine Augen funkelten.

»Das sagen Sie jetzt erst?«

»Das hab ich bereits lang und breit Ihrem Mayordomo auf der Hazienda erzählt. Ich verstehe bis jetzt nicht, warum er nicht sofort alle verfügbaren Männer losgeschickt hat, damit sie diese roten Banditen zum Teufel jagen. Diese Schufte haben unsere Pferde abgeknallt, und wenn Ihr Freund Buck mir nicht seinen Klepper geliehen hätte ...«

»Wo sind Buck und Ihre Partner jetzt?« unterbrach der Haziendero sie heftig.

Die Frau schüttelte ihre Mähne.

»Da ist ein langgestrecktes Tal in den Ausläufern der Berge östlich von hier. Auf den Kämmen darüber gibt’s jede Menge Felsen, sonst nur Gras und ...«

»Ich kenne den Ort. Weshalb haben die Indianer Sie und Ihre Begleiter angegriffen?«

»Soll das ein Verhör sein? Da müssen Sie die Roten schon selber fragen. außerdem - seit wann brauchen diese Halunken denn einen besonderen Grund, auf anständige Weiße loszugehen?«

Saltillos Mund wurde schmal und hart.

»Wie viele sind es?«, fragte er kalt.

»Genug, um den Jungs da draußen die Skalps zu nehmen, wenn Sie sich nicht endlich mit Ihren Mexikanern auf die Socken machen, Mann! Und diesen Ruidosa, Ihren Mayordomo, soll der Teufel holen, wenn’s dann zu spät ist.«

Saltillo schnappte sich die auf der Theke hegende Peitsche.

»Antonio wird Sie zur Hazienda bringen, Ma’am. Ich breche sofort auf.«

»Doch nicht etwa allein?«

Der große, ledergekleidete Mann hatte sich schon halb abgedreht. Sein kantiges Gesicht verriet nur einen Bruchteil der Entschlossenheit, die ihn erfüllte.

»Seit die Hazienda steht, hatten wir nie Schwierigkeiten mit den Indianern. Ruidosa ist ein zuverlässiger, erfahrener Mann, der keinen Krieg mit ihnen heraufbeschwören will. Und nicht nur, weil wir ihn verlieren würden.«

Lilian Blake verzog spöttisch die Mundwinkel.

»Das klingt ja beinahe so, als wären Sie und Ihr Verwalter Freunde dieser roten Halsabschneider.«

»Ich hab viele Jahre lang zu ihnen gehört. Mein Vater war der erste weiße Mann in dieser Gegend. Meine Mutter gehörte zum Stamm der Penateka-Comanchen.«

Die Frau schwieg betroffen. Saltillo erreichte die Tür.

»Sag Ruidosa, er soll die Männer erst in die Sättel bringen, wenn ich bis morgen Mittag nicht auf der Hazienda bin«, rief er Antonio noch zu.

Da fand auch Lilian ihre Sprache wieder.

»Warten Sie!«, rief sie. »Es ist trotzdem närrisch, wenn Sie allein...«

Die Perlenschnüre klirrten hinter Saltillo. Die Nacht, die auf das einsame Land am Rio Bravo fiel, nahm ihn auf.

Lilian presste die Lippen zusammen. Wortlos schüttelte sie den Kopf, ehe sie sich wieder zur Theke umwandte.

Hastig trank sie das Glas leer. Eine Weile war sie so in Gedanken versunken, dass sie nicht merkte, wie die Dorfbewohner zahlten und nacheinander eilig die Bodega verließen.

Nur Antonio wartete stumm bei der Tür. Plötzlich blickte sie Layla voll an.

»Weshalb, zum Teufel, haben Sie ihn nicht zu halten versucht? Auf Sie hätte er vielleicht gehört.«

»Er weiß, was er tut. Er ist vielleicht dann und wann ein Dickschädel, aber kein Mann, der sein Leben leichtfertig aufs Spiel setzt«

»Sie halten ’ne Menge von ihm, stimmt's?«

Layla, die die Theke abräumte, hielt inne.

»Und Sie haben für vieles den richtigen Blick.«

»Ganz gewiss«, lächelte Lilian. Plötzlich beugte sie sich vor und legte eine Hand auf Laylas Arm. »Aber seien Sie unbesorgt: Wenn er es schafft und lebend zurückkommt, werd’ ich kein Wort davon verraten, dass Sie in New Orleans noch immer als Mörderin gesucht werden.«

Während Layla noch wie versteinert verharrte, wandte sie sich mit einem leisen Auflachen ab.

»Komm!«, rief sie Antonio zu. »Du hast gehört, was dein Boss dir befohlen hat.«

Als Laylas Erstarrung schwand, war sie allein mit den Schatten, die die Petroleumlampe an die Wand warf. Draußen schnaubten Pferde, dann trommelte Hufschlag davon.


*


Die Dunkelheit umschloss die zwischen den Felsen kauernden Männer wie eine kalte Faust. Der neue Tag war nicht mehr fern, und nachdem nun der Mond untergegangen war, verdichtete sich die Stille zu einer Drohung, die ihnen den Schweiß aus allen Poren trieb.

Aus fiebrigen Augen starrten sie in die Finsternis. Sie hatten die Munition gezählt. Kid Ohio fingerte noch immer in seinem Kugelbeutel herum, ohne dass mehr herauskam, als sie ohnehin schon wussten: Sie besaßen nur noch die Patronen, mit denen sie nach dem letzten Angriff der Comanchen die Waffen nachgeladen hatten.

Das war vor fünf Stunden gewesen. Seitdem war kein Schuss mehr gefallen, kein Pfeil mehr gegen die Deckung geklatscht, in der sie sich im letzten Tageslicht verschanzt hatten. Sie wussten, dass die Indianer nach wie vor da waren. Vielleicht nur wenige Yards entfernt und bereit, schon in der nächsten Minute über sie herzufallen.

»Verdammt, warum kommen sie nicht endlich? Warum greifen diese Hundesöhne nicht endlich an?«, hatte Kid Ohio vor einer Stunde noch geknirscht. Jetzt, da sie alle spürten, dass es jeden Moment soweit sein konnte, kam kein Ton mehr über seine Lippen. Nur sein stoßweiser Atem verriet, wie aufgeregt er war.

Auch Haskin fieberte der Entscheidung entgegen. Beim letzten Angriff hatte er zwar bewiesen, dass er ein eiskalter Kämpfer war, doch das stundenlange Warten zermürbte auch ihn.

Sogar Tortilla-Buck spürte dann und wann ein Kribbeln im Genick. Auch er hätte zehnmal lieber das Krachen der Colts und die Skalpschreie der Rothäute in den Ohren gehabt als dieses unheilvolle Schweigen.

Nur Tom Dobson schien unberührt von alldem. Der massige, bärtige Mann lehnte scheinbar schläfrig an einem Felsklotz, den Hut über den Augen, die Hall-Rifle auf den Knien. Seine Atemzüge waren tief und gleichmäßig. Sie setzten jedoch im selben Moment aus, als ein leises Rascheln vom grasbewachsenen Hang heraufwehte. Die anderen hatten es ebenfalls gehört.

»Das sind sie«, flüsterte der rothaarige Junge aus Ohio. »Hölle, jetzt geht’s los.«

»Nur die Ruhe«, brummte Buck. »Es dauert noch mindestens eine Stunde, bis es hell wird. Das wissen auch die Comanchen.«

Zusammenfassung

Tortilla-Buck Mercer mischt sich ein, als Comanchenkrieger eine Gruppe von Weißen überfallen. Da sich unter den Weißen auch eine Frau befindet, meldet sich Bucks Beschützerinstinkt. Viel zu spät wird ihm klar, dass diese Krieger zum Stamm der Penateka-Comanchen gehören. Sein Freund und Partner Sam O´Hara, genannt Saltillo, hat viele Freunde und Verwandte in diesem Stamm – aber nun ist es zu spät. Bärentatze, der Häuptling, schwört blutige Rache. Sie richtet sich auch gegen Saltillo, denn auf dessen Hazienda suchen die Weißen Zuflucht.
Weder Buck noch Saltillo ahnen, dass Lilian Blake und ihre Gefährten aus einem ganz bestimmten Grund in diese Region gekommen sind. Sie haben es auf Layla Sheen abgesehen, die in New Orleans noch immer wegen Mordes gesucht wird. Man hat ein Kopfgeld auf sie ausgesetzt, und das wollen sie sich verdienen. Diesen Plan werden sie nicht aufgeben – auch wenn ihr eigenes Schicksal im Moment mehr als ungewiss ist. Denn Bärentatze und seine Krieger haben die Hazienda bereits umzingelt!

„Die Saltillo-Romane von John F. Beck waren und sind auch noch heute noch ein absolutes Highlight in deutschsprachigen Westerngenre.“ - Alfred Wallon, Schriftsteller

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907896
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
saltillo hände layla sheen

Autor

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Titel: SALTILLO #3: Hände weg von Layla Sheen!