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Auf Anraten meines Anwalts

2017 300 Seiten

Leseprobe

Auf Anraten meines Anwalts

Kriminalroman von Horst Bieber


Der Umfang dieses Buchs entspricht 294 Taschenbuchseiten.


Armin Osterkamp ist ratlos. Am Anfang nächster Woche findet der Prozess gegen seinen Geschäftspartner statt: Thorsten Jonas ist angeklagt, die Frau, die er heiraten wollte, umgebracht zu haben. Osterkamp traut seinem Geschäftspartner keinen Mord zu. Doch leider sprechen die Indizien gegen Jonas. Er hat kein Alibi, und sein Verhalten war so ungeschickt, dass jeder an seiner Unschuld zweifelt.

Als letzten Versuch engagiert Osterkamp den Privatdetektiv Rolf Kramer. Er soll der Gerichtsverhandlung beiwohnen, sich die Zeugenaussagen anhören und mögliche Unstimmigkeiten entdecken. Doch die Ausbeute bleibt gering. Wenn Kramer noch in allerletzter Minute Thorsten Jonas vor dem Gefängnis retten soll, muss er herausfinden, was wirklich dahintersteckt. Als er den wenigen Spuren nachgeht, wird er für einige Leute gefährlich, und die kennen immer nur eine Lösung: Gewalt. Und nichts anderes, als Gewalt! So wahr ihnen Gott helfe ...


Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Die Hauptpersonen

Rolf Kramer - bekommt einen hoffnungslosen Auftrag

Armin Osterkamp - traut seinem Partner keinen Mord zu

Thorsten Jonas - verspätet sich bei einer wichtigen Verabredung

Verena Schmitt - gibt tot wie lebendig Rätsel auf

Ingo Aschberg - tut als Anwalt sein Möglichstes

Sylvia Schmitt - lässt sich immer auf die falschen Männer ein

Herbert Solle - bekommt eine schöne Schlagzeile

Karin Mohnert - registriert jede Kleinigkeit

Anielda - blickt berufsmäßig in die Zukunft

Holger Weißbart - ist hinter Alkohol und Sensationen her

Jens Rogge, Hauptkommissar - hat keine Zweifel an der Schuld des Angeklagten - oder doch?

Kirstin Ebert. Hauptmeisterin - kann ihr Temperament schlecht zügeln



Alle Personen und Taten, Firmen und Orte sind frei erfunden. Nur die Verhältnisse sollen an Deutschland erinnern.


Erster Freitag

Kramer schwieg geduldig. Sein Besucher war ein Mann, der normalerweise genau wusste, was er wollte und wie er es bekam. Doch jetzt zweifelte er an seinem eigenen Vorschlag. Am nächsten Montag sollte der Prozess gegen seinen Partner beginnen, und kein Privatdetektiv konnte über das Wochenende noch helfen oder die Anklage erschüttern oder gar das Verfahren verhindern.

«Trotzdem», sagte Osterkamp plötzlich entschlossen. «Ich will Sie trotzdem engagieren. Auch wenn es sinnlos erscheint, ich kann doch nicht einfach rumhocken und zusehen, wie Thorsten verurteilt wird.»

«Was sagt denn sein Anwalt?»

«Aschberg? Der ist explodiert, als ich ihm sagte, ich würde mich an Sie wenden. Ob ich ihm nicht zutrauen würde, dass er ...»

«Und was schlagen Sie vor?»

«Keine Ahnung!» Armin Osterkamp lachte grimmig. «Sie sind der Privatdetektiv.»

«Ich kann mich jetzt auch nur in die Verhandlung setzen und zuhören und hoffen, dass mir etwas auffällt.»

«Können Sie nicht vorher mit den Zeugen reden?»

«Wissen Sie, wer geladen ist?»

«Nei...ein.» Osterkamp hüstelte und musterte Kramer sekundenlang. Es war sein Geld, und Osterkamp war Geschäftsmann. Die Tabelle mit den Honoraren und Spesensätzen hatte er zwar schnell, doch sorgfältig gelesen, und wenn er danach immer noch meinte, er solle dafür bezahlen, dass sich ein Privatdetektiv auf seine Kosten einen Prozess anhörte, wollte Kramer nicht widersprechen.

«Einverstanden, Herr Osterkamp. Dann setzen wir einen Vertrag auf. Außerdem brauche ich eine Art Vollmacht von Ihnen, aus der klar hervorgeht, wer Sie sind, wie Sie zu Thorsten Jonas stehen und warum Sie mich engagiert haben.»

«Sie kennen den Fall?»

«Nur das, was in den Zeitungen gestanden hat.»

«Das war gehässig, aber leider nicht falsch.» Osterkamp seufzte. «Mein Partner na...» Mit der flachen Hand massierte er sein Kinn.

«Sie wollten noch etwas sagen?»

«Irgendwie gehört es sich wohl, dass ich etwas für ihn tue ... obwohl ... wissen Sie, dass er weltfremd genug ist, in eine solche Schei... äh, Situation zu geraten, hätte ich nie bestritten. Aber dass er einen Menschen umbringt ... und noch dazu die Frau, die er geliebt hat ... nein. Nein, nicht Thorsten Jonas.»

Danach verstummte er.

Während Kramer tippte, schaute sich Osterkamp um. Kramer war klar, dass sein Büro wenig Eindruck machte. Das Fenster ging zum Lichtschacht, den die Verwaltung des Bürohauses hartnäckig als Innenhof bezeichnete, weil sich das besser anhörte und eine höhere Miete erlaubte. Es stand weit offen. Um diese Tageszeit arbeitete kaum noch jemand, es herrschte eine ungewöhnliche Stille, in den unteren Stockwerken brannte nur vereinzelt Licht. Richtig hell wurde das Büro in der ersten Etage nie, dafür blieb es vom Straßenlärm verschont. Man konnte es auch als Vorteil bezeichnen, und manche taten es, um etwas Eindruck zu schinden. Denn wer in diesem Kaninchenbau seine Geschäfte betrieb, zählte ohnehin nicht zu den Erfolgreichen, und alle Renovierungen beseitigten nicht den Eindruck von Verfall und Ärmlichkeit. Auch Osterkamp hatte sich unbehaglich umgesehen, als erlaube die Umgebung direkte Rückschlüsse auf die Fähigkeit des Mieters. Nach Erfolg sah das Büro tatsächlich nicht aus. Ein mäßig großer Raum, spärlich möbliert, eine fensterlose Toilette, daneben eine bessere Abstellkammer, eine winzige Garderobe, alles sauber und solide, aber eben nichts, was einem Besucher suggerieren konnte, die Privatdetektei Rolf Kramer floriere. Wenn überhaupt, dann machte der massive Stahlschrank Eindruck, in dem er seine Akten, seine Fotoausrüstung und die elektronischen Spielzeuge aufbewahrte, die er gelegentlich benutzte.

«So, wenn Sie bitte lesen und unterschreiben würden ...»

Osterkamp griff rasch nach den Blättern. Er mochte Anfang fünfzig sein, ein kräftiger, energischer Mann mit einem breiten Kinn und scharfen Augen, denen wenig entging. Den dunkelgrauen Anzug, maßgeschneidert, trug er wie eine Uniform, die Seidenkrawatte passte perfekt zum Hemd, es musste ihm schwergefallen sein, bei einem Fremden um Hilfe nachzusuchen, und das erklärte vielleicht auch, warum er so spät gekommen war. Sein Geschäftspartner Thorsten Jonas schien das genaue Gegenteil zu sein, schüchtern, verträumt und außerhalb des Konstruktionsbüros etwas hilflos. So hatte Osterkamp ihn dargestellt, und Kramer hatte keine Spur von Herablassung oder Ungeduld heraushören können. Wahrscheinlich waren sie keine Freunde, aber doch mehr als gleichberechtigte Besitzer eines Unternehmens.

«Okay. Brauchen Sie einen Vorschuss?»

«Sagen wir für eine Woche?»

«Gut!» Osterkamp schrieb den Scheck aus. Jetzt hatte er es eilig, was Kramer ihm nicht übelnahm.

«Danke. Auf Wiedersehen.» Die Tür fiel laut ins Schloss.

Plötzlich zerbrach Glas, begleitet von einer schrillen Frauenstimme, die sich in hysterische Wut hineinsteigerte. Der Lichtschacht schien jedes Geräusch zu verstärken. Die Heiratsvermittlung, ein Stockwerk höher, auf der anderen Seite. Die Inhaber, ein Geschwisterpaar hoch in den Fünfzigern, waren honorige Menschen, ehrlich bemüht um das Wohl ihrer Kunden, aber mit der gefährlichen Fähigkeit begabt, windige Typen fast magnetisch anzuziehen. In unschöner Regelmäßigkeit erschallten Tobsuchtsanfälle getäuschter und enttäuschter Frauen; es grenzte an ein Wunder, dass Bruder und Schwester bislang weder mit der Justiz kollidiert noch von einem spitzen Regenschirm aufgespießt worden waren. Ein wirkliches Wunder war, dass sie offenbar genug verdienten, die Miete zu zahlen.

Die Auseinandersetzung endete so abrupt, wie sie begonnen hatte.



Erster Samstag

Der Goldbeckweg war eine ruhige Straße in einem ruhigen Viertel, kleine Einfamilienhäuser, viel Grün, liebevoll gepflegte Gärten, saubere Kulisse für heile Familien. Kramer seufzte und bremste vor der Nummer 14. Was er hier wollte, wusste er selbst nicht. Vielleicht trieb ihn nur das schlechte Gewissen, er müsse für sein Geld auch etwas tun.

Im Vorgarten zupfte eine Frau Unkraut und richtete sich unwillig auf, als er vor dem Holzzaun, der von Heckenrosen überwachsen war, neugierig stehen blieb.

«Sie wünschen?»

«Ich suche Herrn Jonas, Thorsten Jonas.»

«Herr Jonas ist nicht da.» Sie war mittelgroß und zierlich, eine hübsche Frau mit kühlen grauen Augen und schmalen Lippen.

«Wann wird er denn wiederkommen?»

«Warum wollen Sie das wissen?» Mit Charme oder Schmeicheleien war sie nicht zu überzeugen.

«Ein Freund von Herrn Jonas schickt mich.»

«Ach, wirklich? Und wer?»

«Er heißt Armin Osterkamp. Ein Geschäftspartner von Herrn Jonas.»

Der Name schien ihr etwas zu sagen, sie runzelte die Stirn, wischte sich die Hände am Kittel ab und musterte ihn scharf. Endlich erkundigte sie sich: «Und wer sind Sie?»

«Das will ich Ihnen gerne verraten, wenn Sie mir sagen, wer Sie sind.» Ein wenig ärgerte er sich über ihren Ton, doch zu seiner Überraschung lachte sie plötzlich: «Ich heiße Isling. Ich war einmal mit Thorsten Jonas verheiratet.»

«Sehr erfreut. Mein Name ist Kramer, Rolf Kramer, ich bin Privatdetektiv und von Osterkamp engagiert.»

«Von Armin? Privatdetektiv - wozu engagiert - etwa, um Thorsten zu helfen?»

«Wenn das jetzt überhaupt noch möglich ist, ja.»

Ihr Blick irrte ab. Er drückte sich die Daumen und hatte Erfolg.

«Meinetwegen», entschied sie schließlich unsicher, «das Unkraut läuft mir nicht davon, kommen Sie doch herein.»

Das Haus war größer, als er vermutet hatte, und so spärlich möbliert, dass es ungemütlich wirkte. Aber für einen allein lebenden Mann mochte es reichen. Nachdem sie Osterkamps Brief gelesen hatte, taute sie auf: «Es wurde auch Zeit, dass sich einer um Thorsten kümmert. Bei aller Liebe zu Ingo, aber dem traue ...»

«Wer ist Ingo?»

«Ingo Aschberg. Thorstens Anwalt. Sie sind seit Ewigkeiten befreundet, aber ich glaube nicht, dass Ingo für einen solchen Prozess der richtige Mann ist.»

Darauf antwortete er lieber nicht, sie erwartete auch keinen Kommentar und ging in die Küche, um Kaffee zu kochen; er setzte sich in die winzige Essecke und hörte ihr zu. Ohne Aufforderung erzählte sie von Jonas, und er glaubte herauszuhören, dass sie sich echte Sorgen machte. Sie wohnte in Rollesheim, etwa 30 Kilometer flussaufwärts, und kümmerte sich jetzt um das leere Haus des Ex-Ehemannes, am Wochenende, wenn sie Zeit hatte. Unter der Woche arbeitete sie als kaufmännische Angestellte in einer Möbelschreinerei, es hörte sich nicht so an, als sei sie auf Rosen gebettet, doch sie klagte nicht.

«Haben Sie noch viel Kontakt zu Ihrem früheren Mann?»

«Nein. So gut wie gar nicht. Oder besser: selten. Aber wir sind nicht - wie sage ich das? - wir sind nicht im Zorn auseinandergegangen. Und heute sehen wir uns ein-, zweimal im Jahr.»

«Kennen Sie den Fall? Oder haben Sie die Frau gekannt, die Thorsten umgebracht haben soll?»

Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. «Weder - noch, Herr Kramer. Ich meine, er hat mal erzählt, dass er eine Frau kennengelernt hat, die ihm etwas bedeutete. Aber sonst - nein.» Das klang nicht unfreundlich, aber auch nicht so, als habe sie mehr über diese Frau erfahren wollen.

Eine halbe Stunde später verabschiedete er sich und legte ihr seine Karte hin. «Vielleicht muss ich Sie doch noch einmal befragen, Frau Isling.»

Danach lächelte sie kurz, und das gab ihm den Mut zu einem Vorschlag: «Ich zupfe ungern Unkraut, aber ich gehe gern essen. Ich meine, in Begleitung.»

«Da haben wir etwas gemeinsam.» Sie diktierte ihm ihre Anschrift und Telefonnummer in den Block und gab ihm die Hand: «Es wäre schön, wenn Sie was für Thorsten tun könnten.»

«Ich werde mir Mühe geben.»

Als er in sein Auto stieg, bemerkte er den jungen Burschen in zerfransten Jeans und Lederjacke, der ihn fast impertinent anstarrte. Zehn Meter weiter hockte er auf einem schweren Motorrad, das er quer über den Bürgersteig geparkt hatte, und schien es darauf anzulegen, die Leute durch wilde Blicke und drohende Miene einzuschüchtern. Kramer beachtete ihn nicht weiter.



Erster Montag

Das Landgericht war Ende der fünfziger Jahre gebaut worden, zu einer Zeit, als allen Architekten alle öffentlichen Bauten zu einer Mischung aus Fabrik, Schule und Bürohaus gerieten. Inzwischen platzte dieses Gebäude aus allen Nähten, doch die Überfüllung samt damit verbundener Abnutzung hatte ihm irgendwie gutgetan. Justitia erschien nüchtern, geschäftsmäßig, aber nicht einschüchternd, allenfalls etwas ramponiert. Nach den vielen Ankündigungen zu schließen, wurde hier Recht am Fließband gesprochen.

«Was machst du denn hier?»

Er fuhr zusammen, und Weißbart haute ihm so wuchtig auf die Schulter, dass er einknickte.

«Na, du alter Gauner? Bist du endlich angeklagt wegen deiner zahllosen Schandtaten?»

«Nein, ich möchte mir das Verfahren anhören, in dem dein Käseblatt verboten wird.»

Über diese billige Retourkutsche wollte sich Holger Weißbart vor Lachen schier ausschütten, und Kramer grinste mühsam. Vor Monaten hatten der Journalist und er in einer Verhandlung gesessen, waren ins Gespräch gekommen und eines Abends fürchterlich versackt. Seitdem duzten sie sich, was Kramer immer noch unangenehm war, aber weil er das geschickt verbarg, zog ihn Weißbart, seit zwanzig Jahren Gerichtsreporter beim Tageblatt, ins Vertrauen. Als Quelle war er wertvoll und unerschöpflich, er kannte Gott und die Welt, die meisten Richter, Staatsanwälte und Verteidiger, und er teilte sein Wissen freigebig mit jedem, der bereit war, ihm zuzuhören und beim Bier Gesellschaft zu leisten. Seine laute und poltrige Art verführte dazu, ihn für etwas harmlos gestrickt zu halten, bis der in ehrlicher Arbeit erworbene Zynismus durchblitzte.

«Okay, kapiert. Und was machst du hier wirklich? Als Zeuge geladen?»

«Nein.» Er überlegte, was er sagen durfte. Das war der Nachteil, mit einem Journalisten befreundet zu sein. Weißbart kannte keine Hemmungen, wenn es um Informationen ging.

«Ich soll mir das Verfahren gegen Thorsten Jonas anhören.»

«Ach, der Totschlag?»

Er nickte nur und kniff ein Auge zu.

«He! Bezahlt dich jemand für dieses Vergnügen?»

Wieder nickte er.

«Wer?» Weißbart griff schon in die Tasche seines Anoraks.

«Kann ich nicht sagen, der Klient wünscht Anonymität.»

«Was sagte der Mörder, als der Polizist ihn nach seinem Namen fragte: <Auch Sie sollten die Bestimmungen des Datenschutzes kennen.>»

«Quatschkopf!»

«Ist es Petersen?»

«Wer ist Petersen?» Offenbar war sein Erstaunen so echt, dass Weißbart seufzte.

«Der also nicht.»

«Wer ist Petersen, und wie kommst du auf diesen Namen?»

«Ein Bier?»

«Meinetwegen, du Schnorrer.»

«Prima. Dieser Jonas hat doch eine gewisse Verena Schmitt abgemurkst. Verena Schmitt war die Sekretärin von Arnulf Petersen, Petersen & Steinach, Import-Export, kennst du sicher. Und drei Wochen davor hat Petersen seinen Persönlichen Assistenten durch Mord verloren. Herbert Solle, erinnerst du dich?»

Er nickte zögernd: «Schwach. Erstochen, in seinem Haus, und erst drei oder vier Tage später gefunden. Richtig?»

«Ich sehe, du liest mich. Der Tote auf der Treppe - die Überschrift stammt übrigens nicht von mir.»

«Dachte ich mir, sie klingt so intelligent.»

Die Stichelei zeigte keine Wirkung, Weißbart bestimmte selbst, wer ihn beleidigen konnte und wer nicht.

«Im Fall Solle tappt die Kripo immer noch im Dunkeln.»

«Gibt es denn einen Zusammenhang zwischen den beiden Fällen?»

«Nicht, dass ich wüsste, Rolf. Und was treibst du nun wirklich in diesen unheiligen Hallen?»

Wie eine Klette, man durfte nie darauf hoffen, dass sie von selbst verschwand oder abfiel. «Pass auf, Holger, dieser Jonas hat den größten Callgirl-Ring Westeuropas geleitet. Und jetzt sind alle Mädchen stinksauer, dass er nicht sie, sondern diese Verena umgelegt hat, und ich soll herausfinden ...»

«Arschgeige! Heute Abend in der <Handschelle>, zwei große Biere!»

«Abgemacht.»

Vergnügt zog Weißbart von dannen. Den größten Teil des Tages verbrachte er hier im Landgericht und nur wenn absolut nichts los war, verirrte er sich einmal ins Amtsgericht in der Parallelstraße. Kleine Fische interessierten ihn nicht, und über einen simplen Totschlag schrieb er ausgesprochen ungern.

Die Tür zu Saal 14 stand schon offen; das Wort «Saal» für diesen größeren Raum grenzte an Hochstapelei. In den drei Stuhlreihen im Zuhörerteil saßen ganze acht Personen. Bei dem schönen Septemberwetter blieben die sonst üblichen Stammzuhörer, die sich im Gericht kostenlos unterhalten ließen, lieber draußen, und die alten Hasen mieden Totschlags-Prozesse: Das konnte spannend werden, aber auch entsetzlich langweilig sein; «Mord» war allemal interessanter, und wenn kein Mordverfahren auf der Tagesordnung stand, boten Einbruch und schwerer Diebstahl in der Regel immer noch mehr Unterhaltung.

Das Tageblatt hatte heute keine Zeile über den Fall Verena Schmitt gebracht. Der kleine, für Journalisten reservierte Tisch genau gegenüber der Eingangstür war nicht besetzt.

Nüchterner konnte man einen Gerichtssaal nicht einrichten. Drei Tische an der Querwand, je ein Tisch für den Ankläger und den Angeklagten mit seinem Anwalt, ein Stuhl für die Zeugen. Die Protokollführerin saß etwas abgesetzt. Hinter den Richtern eine Uhr an der weiß gestrichenen Wand, hellgraue, leicht verschlissene Vorhänge vor den drei Fenstern. Die Justiz demonstrierte Sachlichkeit und Sparsamkeit.

Auf dem Gang rauchte er in aller Ruhe eine Zigarette. Links und rechts hatten die Verfahren schon begonnen, Zeugen saßen auf den harten Einheitsbänken und fühlten sich so ungemütlich wie Angeklagte, es erinnerte an eine Behörde, Finanzamt oder Einwohnermeldeamt. Der Justizbeamte beobachtete Kramer gelangweilt.

Den Vorsitz führte ein OLR Dr. Weber, Kramer kannte ihn nicht und wandte sich deshalb an den Beamten: «Guten Morgen.»

«Guten Tag.» Eine leichte Korrektur.

«Was meinen Sie — wie lange wird das Verfahren dauern?»

Vor der Antwort blinzelte der ältere Mann mehrmals. «Zwei Tage. Höchstens drei.»

«Also ein klarer Fall?»

«Sieht ganz so aus.»

«Vielen Dank.»

Die ersten Zeugen erschienen, die Blicke fest auf die Nummern über den Eingangstüren gerichtet. Er drückte die Zigarette aus und ging in den Saal, suchte sich einen Platz nahe der Tür; auch wenn er dafür bezahlt wurde - die ganze Zeit gedachte er nicht hier zu hocken. Wenn Osterkamp früher zu ihm gekommen wäre, hätte er sich umhören, seine Quellen anzapfen können. Einen Gesprächstermin mit dem Angeklagten hätte ihm das Gericht wohl nicht zugebilligt, aber mit dem Anwalt hätte er sich unterhalten können. Oder mit den Zeugen.

Zwei Minuten später traten wie auf ein geheimes Kommando gleichzeitig durch zwei Türen der Angeklagte mit seinem Anwalt und der Staatsanwalt ein. Die beiden Polizisten holten sich Stühle aus dem Zuschauerteil und rückten sie ganz an die Wand, ihre Gesichter drückten Ergebung in ein langes und langweiliges Warten aus. Dass Jonas von Polizisten gebracht wurde, aber keine Handschellen trug, sagte eine ganze Menge: in Untersuchungshaft, aber keine wirkliche Fluchtgefahr.

Was Kramer ihm auch nicht zugetraut hätte. Thorsten Jonas war mittelgroß und schmächtig. Er hatte ein angenehmes, jetzt leicht verwirrtes, blasses Gesicht und zwinkerte hinter seiner randlosen Brille. Brünette Haare, über der hohen Stirn zeichneten sich zwei schöne Geheimratsecken ab. Kein Mann, dem man eine Gewalttat zutrauen würde; Kramer erinnerte sich an Osterkamps Seufzer, dass sein Partner Thorsten Jonas ein Träumer sei, der manchmal unsanft geweckt werden müsse, und genauso benahm er sich. Aber Osterkamp hatte auch gewarnt, man dürfe Jonas’ Zähigkeit, Zielstrebigkeit und Intelligenz nicht unterschätzen, er lasse sich nicht übers Ohr hauen, das hätten schon viele mit einem für sie sehr unerwarteten Ergebnis versucht.

Ingo Aschberg, Jonas’ Verteidiger, schien das gleiche Alter - Mitte vierzig - zu haben, war aber sonst das genaue Gegenteil seines Mandanten: groß, kräftig, breitschultrig und lebhaft. Seine weizenblonden Drahthaarlocken trotzten wohl jedem Kamm, das ließ ihn seltsam unernst aussehen. Ein sympathisch hässliches Gesicht, tief gebräunt, ein breiter Mund. Ohne Zweifel kein Mann von Traurigkeit, und als sie nebeneinandersaßen und flüsterten, überlegte Kramer, ob Aschberg genug Optimismus für zwei besaß; sein Mandant wirkte in diesem Moment ziemlich mutlos.

Oberstaatsanwalt Martin Jeckel ordnete seine Unterlagen. Zweite Hälfte dreißig, ein unauffälliger, dunkelhaariger Mann mit einem ernsten, aber nicht mürrischen Gesicht. Tüchtig und zuverlässig sah er aus, wie ein fairer Verhandlungspartner.

Die Uhr über dem Richtertisch sprang auf neun, und die Tür öffnete sich. Drei Männer und zwei Frauen kamen im Gänsemarsch herein und stellten sich hin, warteten, bis sich alle im Saal erhoben hatten, und setzten sich dann schnell. Die Protokollführerin hatte Mühe mit ihrem Stuhl, sie schien körperbehindert zu sein, und der Vorsitzende nickte ihr freundlich zu, bevor er die Akte aufschlug. Die beiden außen sitzenden Männer schnitten in dem Bemühen, einen der Situation angemessenen Ernst zu zeigen, fast schon Grimassen; als Schöffen hatten sie bestimmt noch nicht amtiert, und der eine zerrte bereits an Kragen und Krawatte. Links vom Vorsitzenden nahm eine grauhaarige Richterin Platz, die zu viele Prozesse mitgemacht hatte, um sich noch von irgendetwas überraschen zu lassen. Ihre sehr viel jüngere Kollegin war ausgesprochen hübsch.

Weber hüstelte, im Saal wurde es ruhig.

«Guten Morgen, ich eröffne die Sitzung und rufe auf das Verfahren gegen Jonas, Thorsten - erschienen -, vertreten durch Rechtsanwalt Aschberg - für die Anklage ist anwesend Oberstaatsanwalt Jeckel. Als Zeugen sind für diesen Montag geladen — bitte, Herr Kilian.»

Der Justizbeamte war schon aufgestanden und hielt die Tür auf. Ungeduldig wartete Weber, bis sich die drei Frauen und fünf Männer vor dem Richtertisch aufgebaut hatten.

«Guten Morgen, meine Damen und Herren. Erschienen sind die geladenen Zeugen Brimwall, Gerd - Rogge, Jens - Dubsch, Peter - Ebert, Kirstin - Offermann, Rita - Osterkamp, Armin - Sagorski, Helga - ja, und als medizinischer Sachverständiger Dr. Mirlahn, Helmut - ja. Meine Damen und Herren, ich möchte Sie schon an dieser Stelle darauf hinweisen, dass Sie verpflichtet sind, bei Ihrer Aussage strikt die Wahrheit zu sagen. Nach Ihrer Aussage können Sie vereidigt werden, eine eidliche Falschaussage wird unter Umständen hart bestraft, aber auch mit einer uneidlichen Falschaussage machen Sie sich strafbar.» Dabei blickte er freundlich von links nach rechts, alle nickten unter seinem Blick. «Sie müssen nun leider draußen warten, bis Sie aufgerufen werden. Danke.»

Gehorsam trotteten die Zeugen auf den Gang hinaus, der Justizbeamte schloss hinter ihnen leise die Tür und setzte sich, wobei er ein Gähnen unterdrückte.

«Herbeigeschafft sind die Beweismittel eins bis acht ...», wieder ein freundlicher Blick nach links und rechts, «ja, dann können wir mit der Befragung zur Person beginnen.»

Kramer brummelte anerkennend. Der Vorsitzende, ein mittelgroßer, schlanker Mann Anfang fünfzig, besaß neben Erfahrung und Routine auch Autorität, die er hinter freundlicher Höflichkeit verbarg, von ihm waren weder laute noch scharfe Töne zu erwarten, aber er würde nie die Zügel schleifen lassen. Was für einen fairen, aber wohl auch etwas langweiligen Prozess sprach, eher Kammerton als Fortissimo.

«Angeklagter.» Es war die korrekte Anrede, aber selbst Weber schien damit unglücklich zu sein, und Jonas zuckte zusammen. «Würden Sie dem Gericht bitte etwas zu Ihrer Person erzählen.»

Jonas erhob sich, rückte seine Brille zurecht und schaute auf einen Zettel. Seine Nervosität teilte sich bis in die letzte Reihe mit, und Kramer hoffte für ihn, dass er sie unter Kontrolle brachte.

«Ich heiße Thorsten Jonas, am 12. Juni 1948 in Koblenz geboren. Dort bin ich auch zur Schule gegangen, bis zum Abitur 1967. Zur Bundeswehr musste ich nicht wegen eines Herzfehlers, deshalb habe ich sofort mit einem Praktikum in einer Maschinenbaufabrik begonnen und im Wintersemester 1969/70 mit dem Studium angefangen.»

Weber nickte zustimmend; er würde alle Prozess beteiligten an der langen Leine laufen lassen und nicht auf das Tempo drücken.

«Ich habe Maschinenbau studiert, in Darmstadt und Aachen. Bis zur Diplomprüfung 1976. Anschließend habe ich zwei Jahre bei einer Firma in Mülheim gearbeitet und in dieser Zeit Armin Osterkamp kennengelernt. Wir haben uns dann selbstständig gemacht und eine Firma gegründet, dort bin ich heute Miteigentümer und zuständig für den technischen Teil.»

«Würden Sie dem Gericht bitte sagen, was Sie herstellen?»

Zum ersten Mal schaute Jonas den Vorsitzenden direkt an: «Spulen, Drosseln und Transformatoren, das sind, wenn ich Ihnen das ...»

Er brach ab, weil Weber leise lachend die Hand hob: «Das ist bekannt, Angeklagter, bastelnde Söhne pflegen für solche Teile ihre Väter gnadenlos anzubaggern.»

Auch Jonas lachte unwillkürlich entspannt, und Kramer nickte zufrieden.

«Wir haben dann 1985 unseren Betrieb hierher verlegt.»

«Und wie würden Sie Ihre finanzielle Situation heute bezeichnen?»

«Als gut, doch, ja, gut. Jedenfalls bis zu diesem ... diesem … Prozess.»

«Ja, danke. Sie sind geschieden, nicht wahr?»

«Ja. Ich habe während des Studiums geheiratet, aber die Ehe wurde nach vier Jahren geschieden.»

«Aus dieser Ehe gibt es keine Kinder?»

«Nein.»

«Haben Sie daran gedacht, wieder zu heiraten?»

«Ja. Verena und ich wollten ...»

«Ich muss Sie leider unterbrechen, aber auf diesen Bereich kommen wir später noch zu sprechen. Sie sind dann am 18. April festgenommen worden, einen Tag später wurde Haftbefehl erlassen, und Sie befinden sich seitdem in Untersuchungshaft.» Auf seinen fragenden Blick hin nickte die Protokollführerin. «Gut, ich würde dann ...? Ja, dann - bitte, Herr Staatsanwalt.»

Oberstaatsanwalt Jeckel stand auf und griff lustlos nach drei Blättern. Seinem Gesicht war anzusehen, dass er die Verlesung der Anklage als lästige Pflichtübung empfand, auch der Verteidiger Aschberg setzte sich bequemer hin. Nur die drei Berufsrichter schienen dem rasend schnellen Vortrag des Staatsanwalts genau zu lauschen, was irgendwie absurd war, denn keiner kannte den Inhalt besser als sie.

Der nicht vorbestrafte Unternehmer Dipl. Ing. Thorsten Jonas, wohnhaft Goldbeckweg Nr. 14, wurde also angeklagt, hier am 15. April einen Menschen getötet zu haben - indem er im Verlaufe einer Auseinandersetzung - verbunden mit körperlicher Gewalt - zum Nachteil von Verena Schmitt, wohnhaft Saarlandstraße 37, diese mit Hilfe eines festen, bandähnlichen Gegenstandes erdrosselte - nach Paragraph 212 Strafgesetzbuch Beweismittel - Zeugen - Objekte des Augenscheins und Urkunden – Hauptverhandlung, auch Kramer atmete auf, als sich Jeckel wieder setzte. Also nur Totschlag, immerhin besser als eine Mordanklage, die nach den von der Anklage vorgetragenen Umständen auch denkbar gewesen wäre. Und Untersuchungshaft bis heute, also viereinhalb Monate wegen Fluchtgefahr? Oder gab es einen anderen Grund?

Im Saal wurde es hörbar lebhafter, als Jeckel endete.

«Vielen Dank, Herr Staatsanwalt. Angeklagter! Wollen Sie sich zur Sache äußern?»

Aschberg drehte sich zu Jonas, der schon aufstand und nickte, wobei er krampfhaft schluckte.

«Sie müssen bitte ...»

«Ja!», krächzte Jonas dazwischen, und Weber schmunzelte.

«Gut. Dann beginnen wir mit Ihrem Verhältnis zu Verena Schmitt.» Das leise Raunen ließ ihn kalt. «Wann und wo haben Sie Verena Schmitt kennengelernt?»

«Vor zweieinhalb Jahren, ja, ziemlich genau vor zweieinhalb Jahren.»

«Und wo?»

«In einem Konzert. In der Musikhalle. Wir saßen zufällig nebeneinander und sind ins Gespräch gekommen. Nach dem Konzert habe ich sie zu einem Wein eingeladen, ja. Und so haben wir uns ...» Als er abbrach, wirkte er seltsam hilflos.

«Und wie würden Sie Ihre Beziehungen bezeichnen? Waren Sie Freunde? Oder war es mehr?»

«Ja, aber zu Anfang - also, wie soll ich … zu Anfang war es nur eine Bekanntschaft. Doch, nur eine ... ich mochte sie gut leiden, aber mehr ... wir haben uns dann häufiger getroffen, mal zum Essen oder zum Kino, oder wir sind in die Oper gegangen, auch zum Tanzen. Dann habe ich mich ja verliebt.»

Weber schaute ihn geduldig an, und Jonas holte tief Luft.

«Ich war ... ich traute mir selber nicht.»

«Wie soll das Gericht das verstehen?»

«Ich war ja schon einmal verheiratet, Herr Vorsitzender. Und da war ich auch verliebt, aber die Zuneigung - es klappte auf einmal nicht mehr. Und bei Verena - ich wollte nicht, dass sich diese … diese Entfremdung wiederholte.»

«Gut, das haben wir verstanden. Aber schließlich waren Sie doch bereit, noch einmal eine Ehe zu versuchen.»

«Ja. Ich hatte Verena natürlich von meiner ersten Frau erzählt. Und von der Enttäuschung und der Scheidung.»

«Wollte Verena Schmitt denn heiraten?»

Wenn er auf der Suche nach einer korrekten Antwort an seiner Brille fingerte, konnte man mit Jonas Mitleid haben.

«Ja, sie wollte schon, aber sie drängte nicht.»

«Würden Sie das bitte näher erklären?»

«Wir haben natürlich über Heirat gesprochen, weil - ich wollte schon, dass wir zusammenblieben, aber sie meinte, es habe Zeit, niemand dränge uns, einen so großen Wert lege sie nicht darauf. Und vor allem sollte ich keine Angst haben, dass sie nur bei mir bliebe wegen der Aussicht auf einen Trauschein.»

Die beiden Richterinnen verzogen gleichzeitig die Gesichter, aber es war nicht auszumachen, ob das Heiterkeit oder Empörung signalisierte.

«Und dann haben Sie sich doch entschieden?»

«Ja. Ich fragte sie, ob sie meine Frau werden wolle.»

«Und wie lautete die Antwort?»

«Sie war überrascht, das käme jetzt etwas plötzlich, ich sollte mir das noch einmal gut überlegen.»

«Eine etwas kryptische Antwort, finden Sie nicht selbst?»

«Ja, für einen Fremden vielleicht - sie meinte, darauf könne sie nur mit Radio Eriwan sagen: im Prinzip ja, aber.»

«Worauf bezog sich das Aber?»

«Auf vieles, auf ihren Beruf, auf ihre Selbständigkeit, auf den Altersunterschied ...»

«Na, na, das waren doch - Moment - nur dreizehn Jahre.»

«Ja, dreizehn.» Jonas stöhnte laut. «Aber ich bin - nun ja - etwas altmodisch. Oder umständlich.»

«Aber wenn ich höre, dass Sie gemeinsame Interessen hatten, Oper und Konzerte zum Beispiel ...»

«Trotzdem!», unterbrach ihn Jonas geistesabwesend und schaute einen Moment am Staatsanwalt vorbei aus dem Fenster. Nach dem leichten Morgendunst war die Sonne doch noch herausgekommen und strahlte jetzt aus einem wolkenlosen Himmel. Für Anfang September war es ausgesprochen warm.

Weber wollte sich die Unterbrechung schon verbitten, schoss Jonas dann einen scharfen Blick zu und fuhr unverändert gleichmütig fort: «Wann haben Sie denn Verena Schmitt den Heiratsantrag gemacht?»

«Also, darüber, ob wir nicht heiraten sollten - das war im Januar. Anfang Januar. Anfang März habe ich ihr dann einen richtigen Antrag gemacht. Danach haben wir oft darüber gesprochen, und als ich verreisen musste, habe ich ihr klipp und klar gesagt, dass sie sich entscheiden müsse.»

«Verreisen mussten Sie am ...?»

«Am 10. April. Das war ein Montag, ich bin am Samstag, den 15. April, zurückgekommen und gleich ...»

«Halt, halt, nicht so eilig. Dazu kommen wir noch. Sie haben also zwischen Anfang März und dem 10. April konkret über eine Heirat gesprochen?»

«Ja.»

«Frau Schmitt war nicht prinzipiell dagegen?»

«Nein.»

«Aber sie zögerte mit einem eindeutigen Ja?»

«Richtig.»

«Gut. Wie waren denn Ihre Beziehungen zu der Zeit?»

«Ich verstehe nicht, was Sie ...»

«Nun, etwas indiskret gefragt: Hatten Sie ein Verhältnis miteinander?»

«Ja.» Wieder fingerte er an seiner Brille.

«Wo haben Sie sich getroffen? In ihrer Wohnung?»

«Ja, auch, aber meistens in meinem Haus.»

«In Ihrem Haus, ja ... hat sich zwischen Ihrem ersten Antrag im März und dem Tag Ihres Abflugs etwas in Ihren Beziehungen verändert?»

«Nein», antwortete Jonas so prompt und gleichmütig, dass Weber erstaunt zuerst ihn, dann seinen Verteidiger musterte, der kaum merklich den Kopf schüttelte.

«Nun gut. Sie sind am 10. April ins Ausland geflogen?»

«Ja. Nach Helsinki. Geschäftlich, zu einem Kunden.»

«Und zurückgekommen sind Sie am 15. April, am Samstag?»

«Ja. Ich hatte eine feste Buchung, und deshalb hatte ich mit Verena verabredet, dass ich am Samstagnachmittag sofort zu ihr kommen würde, um mir ... ihre Antwort abzuholen. Um 17 Uhr. Außerdem wollten wir essen gehen.»

«Gut. Wir reden jetzt über den Tag der Tat. Erzählen Sie uns bitte möglichst genau, was Sie getan haben.»

«Möglichst genau - also, meine Maschine hatte fünfzig Minuten Verspätung. Ich habe meinen Koffer vom Band geholt und bin dann zu meinem Auto gegangen, das hatte ich am Flughafen geparkt, am Montagmorgen dort abgestellt, meine ich. Aber der Karren sprang nicht an.» Zum ersten Mal schwang in seiner Stimme so etwas wie Ärger oder Verwunderung mit. «Die Batterie, verstehen Sie? In der Woche war es sehr kalt gewesen, und wahrscheinlich also ..., kurz und gut, der Motor sprang nicht an. Deshalb bin ich zum Parkplatzaufseher gelaufen und habe dort ein Taxi bestellt. Das kam dann auch, der Fahrer hat mir noch geholfen, den Wagen aus der Lücke herauszuschieben, und dann hat er mit Überbrückungskabeln meinen Motor gestartet.»

«Sie haben sich von dem Taxifahrer eine Quittung geben lassen?»

«Ja, natürlich.»

«Und warum?»

«Für die Steuer.»Jonas sagte es ehrlich erstaunt, und der Vorsitzende klemmte die Mundwinkel ein. «Das zählte ja noch zu meiner Dienstreise, und die Kosten kann ich von der Steuer absetzen.»

«Ah ja! Fahren Sie bitte fort!»

«Ich bin dann nach Hause gefahren, in den Goldbeckweg, und habe den Wagen gleich in die Garage gestellt.»

«Ich denke. Sie wollten zu Frau Schmitt ...»

«Natürlich. Aber nach der kurzen Fahrt war doch die Batterie nicht richtig aufgeladen, der Motor konnte jederzeit wieder Sperenzchen machen, darum habe ich ein Taxi gerufen.»

«Mit dem sind Sie dann zur Saarlandstraße gefahren?»

«Ja, zu Verenas Haus.»

«Haben Sie sich eine Quittung geben lassen?»

«Nein, weshalb? Das war doch privat.» Wieder verstand Jonas die Welt nicht mehr; Staatsanwalt Jeckel schmunzelte grimmig.

«Richtig, natürlich. Eine dumme Frage. Gut, wir werden die Taxifahrerin später hören - schön. Wann sind Sie in der Saarlandstraße eingetroffen?»

«Ziemlich genau um zehn vor sechs.»

«Also um 17 Uhr fünfzig. Woher wissen Sie das noch so genau?»

«Ich habe auf die Uhr geschaut. Verena und ich waren doch um 17 Uhr verabredet, und wegen des Fluges und dem Ärger mit meinem Wagen war ich zu spät dran.»

«Verena Schmitt legte Wert auf Pünktlichkeit?»

«Ja, sehr.»

«Schön. Sie sind also ins Hans gegangen - Moment, Sie hatten doch Schlüssel?»

Aschberg hatte sich schon aufgerichtet, auch der Staatsanwalt beugte sich vor, aber noch bevor Jonas die Falle witterte, widersprach er energisch: «Nein, natürlich nicht. Ich habe bei Verena geklingelt, sie hat auf den Öffner gedrückt, und ich bin mit dem Fahrstuhl in den siebten Stock gefahren.»

Der Vorsitzende lächelte in sich hinein, nach so vielen Dienstjahren beherrschte er notgedrungen ein paar Tricks.

«Ja, und dann - das war komisch. Verena war ... wütend. Geladen, das hab ich gar nicht gekannt bei ihr ...»

«Warum sollte sie wütend gewesen sein?»

«Weil ich mich verspätet hatte. Behauptete sie. Wir wären um fünf verabredet gewesen, aber ich hätte mich ja nicht gemeldet und sie warten lassen.»

«Aber sie wusste doch, dass Sie von einer Auslandsreise zurückgekommen waren?»

«Sicher. Ich hab ja auch versucht, ihr das mit dem verspäteten Flugzeug und der schwachen Batterie zu erklären, aber sie wollte mir gar nicht zuhören, sondern fauchte mich nur an, ich hätte mich ja melden können, das passe ihr gar nicht, wenn man sie versetze, und vor zehn Minuten hätte ein alter Bekannter angerufen, mit dem habe sie sich nun zum Essen verabredet. Um halb sieben würde sie abgeholt. Verstehen Sie das?»

Auch Weber wurde von dieser Frage überrascht und schüttelte verblüfft den Kopf. Zum ersten Mal verriet Jonas Temperament, er war nicht so schüchtern oder zurückhaltend, wie er aussah und sich bis jetzt gegeben hatte, und Kramer begriff, dass man ihm eine Tat im Affekt zutrauen mochte.

«Ich dachte, ich werde geplättet, ich erwarte eine Antwort auf meinen Heiratsantrag, und sie wirft mich aus der Wohnung, nur weil ich mich um eine knappe Stunde verspätet und sie nicht sofort angerufen habe.»

«Ein starkes Stück», stimmte Weber zu und wurde wieder ernst.

«Ich bin gar nicht zu Wort gekommen, so wütend hatte ich Verena noch nie erlebt.»

«Wo haben Sie sich gestritten?»

«Gestritten? So viel Zeit hat sie mir ja gar nicht gegeben. Wir haben nur in der Diele gestanden, dort hat sie mich abgebürstet und ruckzuck aus der Wohnung geschoben.»

«Wie lange haben Sie sich in der Wohnung aufgehalten?»

«Ach, wenn es hochkommt, fünf Minuten. Nicht einmal. Vier Minuten. Es können auch nur drei gewesen sein. Ich sollte jetzt verschwinden, sie hätte keine Zeit für mich, wir könnten ja morgen - also am Sonntag - mal telefonieren.»

«Ein seltsames Verhalten, Angeklagter.»

«Seltsam? Völlig unerklärlich! Ich war wie vor den Kopf gestoßen.» Noch in der Erinnerung war Jonas empört. Die beiden Richterinnen sahen Jonas streng an, was er aber nicht bemerkte. «Das ist doch eine ... eine ...»

Aschberg zupfte seinen Mandanten am Ärmel, und Jonas verschluckte, was ihm auf der Zunge lag.

«Sie wollen also sagen, dass Sie zwischen drei und fünf Minuten in der Diele mit Verena Schmitt gesprochen haben und gleich danach wieder gegangen sind?»

«Ja, genau so.»

«Und dann? Was geschah weiter?»

«Der Aufzug stand noch im siebten Stock, ich bin runtergefahren und dann in die Stadt gelaufen.»

«In die Stadt?»

«In die Innenstadt.»

«Von der Saarlandstraße aus? Das ist doch - na, ich denke - also eine Stunde?»

«Ja, das kommt gut hin. Eine Stunde. Das Taxi war doch längst weggefahren, ich hatte kein Auto, und außerdem wollte ich laufen. Mit diesem ... diesem Empfang musste ich erst fertig werden.»

Eine halbe Minute lang betrachtete Weber ihn ausdruckslos, bevor er mehrfach nickte.

«Sie sind also in die Innenstadt gelaufen. Wohin denn da?»

«Zum Pferdemarkt, dort bin ich in den <Gambrinus> gegangen.»

«Das ist dieses große Restaurant?»

«Ja. Es war ziemlich voll, aber ich habe noch einen freien Platz an einem großen Tisch gefunden. Gleich neben dem Eingang. Dann habe ich gegessen, gezahlt und bin gegen zehn nach acht wieder gegangen.»

«Gegen 20 Uhr 10», verbesserte Weber mit Blick auf die Protokollführerin.

«Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Oder wohin ich gehen sollte. Und dann bin ich an der Hauptpost vorbeigelaufen, an den Telefonzellen und habe Verena angerufen.»

Zwei oder drei Zuhörer gicksten erstaunt, Weber runzelte ärgerlich die Stirn und sagte schnell: «Sie meinen, Sie haben die Nummer des Schmitt'schen Apparates gewählt?»

«Ja, das meinte ... also, es hat geläutet, und dann hat ein Mann abgehoben und <Hallo> geflüstert.»

Jetzt herrschte für ein paar Sekunden absolute Stille, selbst Jonas brauchte Zeit, bevor er fortfahren konnte: «Ich war natürlich verwirrt und hab gesagt «Hallo, hier ist Thorsten», oder so ähnlich, und da hat der Mann aufgelegt.»

Weber blätterte in der Akte und warf einen schnellen Blick auf eine Stelle, bevor er Jonas prüfend betrachtete: «Ein Mann?»

«Ja.»

«Der aber nur geflüstert hat?»

«Ja.»

«Und nur das Wörtchen Hallo?»

«Ja, so war’s.»

«Und Sie sind sicher, dass es eine männliche Stimme war?»

Jonas drehte sich unsicher zu seinem Anwalt, der etwas so leise sagte, dass Kramer ihn nicht verstand.

«Ja, ich bin sicher. Eine männliche Stimme.»

«Na schön.» Diesmal verbarg Weber seine Skepsis nicht. «Was haben Sie daraufhin getan?»

«Ich war so ... so ... ich habe einem Taxi gewinkt. Weil ich zu Verena fahren wollte.»

«Aha. Sie sind also in der Nähe der Hauptpost in ein Taxi gestiegen und in die Saarlandstraße gefahren?»

«Ja.»

«Sie haben also nicht versucht, noch einmal in der Wohnung Schmitt anzurufen?»

«Nein. Ich wollte - nein, das habe ich nicht getan.»

«Wann sind Sie in der Saarlandstraße eingetroffen? So ungefähr?»

«Das kann ich ziemlich genau sagen. Um 20 Uhr 40. Ich hatte nämlich Ärger mit dem Taxifahrer.»

«Was soll das heißen?»

«Der Kerl glaubte, er könne mich übers Ohr hauen. Ich war ja ziemlich in Gedanken und hab nicht gleich auf die Straßen geachtet ... Der fuhr nämlich einen Riesenumweg, und als ich das bemerkte, bin ich sauer geworden. Der Kerl plusterte sich mächtig auf, bis ich ihm angeboten hab, die Polizei zu holen, denn ich würd ihm keinen Pfennig zahlen, da kuschte er und schmiss mich an der Saarlandstraße raus, von Korinthenkackern wie mir nehme er kein Geld - oder so ähnlich - also, er machte, dass er weg kam.»

Die schwache Erheiterung am Richtertisch nahm er nicht wahr.

«Dann hab ich bei Verena geschellt, aber sie hat nicht geöffnet.»

«Also sind Sie gar nicht ins Haus ...?»

«Doch, natürlich, ich hab auf gut Glück bei anderen Leuten geklingelt, und einer hat die Haustür geöffnet. Ich bin mit dem Aufzug wieder in den siebten Stock gefahren und habe bei Verena an der Wohnungstür geläutet. Und später auch geklopft.»

«Ohne Erfolg?»

«Sie hat nicht aufgemacht. Vor dem ersten Klingeln hab ich - na ja - gelauscht, da waren Geräusche in der Wohnung - aber nach dem Klingeln blieb es totenstill ...»

«Was für Geräusche?»

«Das kann ich nicht genau beschreiben. Aber Geräusche, als ob Menschen in der Wohnung wären.»

«Geräusche, die dann abbrachen?»

«Ja, sicher.»

Die bittere Miene ergänzte den Satz und erklärte ohne Worte, was er vermutet hatte. Verena und ein anderer Mann, mit dem sie sich verabredet hatte, der ans Telefon gegangen war, der sich nun mit ihr in der Wohnung aufhielt. Und beide wünschten keine Störung. Erst recht keinen Zeugen. So weltfremd war selbst ein Thorsten Jonas nicht, daraus die falschen Schlüsse zu ziehen.

«Ich hab kehrtgemacht und bin gegangen. Nach Hause gelaufen.»

«In den Goldbeckweg?»

«Ja.»

«Das hat aber doch auch wieder eine Stunde gedauert?»

«Ja.»

«Sie sind viel gelaufen an diesem Samstag, Angeklagter!»

«Wären Sie das nicht an meiner Stelle?»

Weber schüttelte unwillig den Kopf. «Hier ist wichtig, was Sie getan haben, Angeklagter.»

Jonas schaute zu Boden, die leichte Rüge hatte er gar nicht registriert, und Weber hakte nicht nach.

«Sie sind gegen 22 Uhr im Goldbeckweg eingetroffen?»

«Ja. Kurz vor zehn.»

«Haben Sie Ihr Haus am Samstag noch einmal verlassen?»

«Nein.»

«Gibt es dafür Zeugen?»

«Zeugen? - Nein, die hab ... Armin hat noch angerufen.»

«Wer ist Armin?»

«Armin Osterkamp, mein Partner in der Firma. Er wollte wissen, was ich in Finnland erreicht hätte. Wir haben noch eine halbe Stunde über das Geschäft gesprochen. Aber sonst Zeugen. nein, ich erinnere mich nicht.»

Danach blätterte Weber wieder in der Akte, flüsterte anschließend kurz mit der älteren Richterin, die sich zu ihm beugte und energisch auf eine Stelle in dem Aktenband tippte. Sein Gesicht wurde düster.

«Gut, dann hab ich keine Fragen mehr. Herr Staatsanwalt!»

Jeckel hatte das Verhör mit seltsam trauriger Miene verfolgt und sich zwischendurch einige Notizen gemacht. Was er jetzt tun musste, schien ihm wenig Spaß zu bereiten.

«Angeklagter, als Sie Ihrer Behauptung nach das Haus Saarlandstraße Nummer 37 kurz vor 18 Uhr verlassen haben und in die Innenstadt zum Pferdemarkt gelaufen sind - ist Ihnen da jemand begegnet, der Sie kannte? Haben Sie jemanden gesehen, gesprochen, gegrüßt?»

Jonas zögerte und erwiderte unsicher: «Nein.»

«Wer könnte dem Gericht denn bestätigen, dass Sie sich zwischen 18 Uhr 50 und etwa 20 Uhr 10 im Restaurant <Gambrinus> aufgehalten haben?»

«Die Kellnerin.»

«Können Sie die Bedienung beschreiben?»

«Nein.» Das kam noch zögernder heraus. «Nein, darauf hab ich nicht geachtet.»

«Und die Gäste, die mit Ihnen an dem großen Tisch saßen?»

«Auch auf die hab ich nicht ... ich hatte ganz andere Sorgen ... nein, ich weiß es nicht.»

«Auf dem Weg vom <Gambrinus> zur Hauptpost - keine möglichen Zeugen? Bekannte? Vielleicht Mitarbeiter aus Ihrer Firma?»

«Mir ist niemand aufgefallen.»

«Dann dieser ominöse Taxifahrer ...»

Aschberg hatte zum Sprechen angesetzt, aber Weber räusperte sich schon eine Zehntelsekunde früher, und Jeckel hob entschuldigend eine Hand. «Dieser Taxifahrer, der nach Ihren Worten einen riesigen Umweg fahren wollte - können Sie den beschreiben?»

«Beschreiben? - Nein. Ich weiß nur noch, dass er ein Ausländer war. Groß. Und kräftig. Schwarze Haare. Und einen schwarzen Schnauzer hatte.»

«Die Nummer des Taxis - oder das Kennzeichen - haben Sie sich nicht gemerkt?»

«Nein.»

Jeckel seufzte hörbar. «Sie behaupten, dass Sie bei Ihrem zweiten Besuch in der Saarlandstraße die Wohnung der Verena Schmitt gar nicht betreten haben?»

«Hab ich auch nicht.»

«Sie haben dann kehrtgemacht. Wir werden nachher einen Zeugen hören, der Sie zwischen 20 Uhr 45 und 20 Uhr 55 auf der Treppe gesehen hat, als Sie nach unten liefen. Ist Ihnen auf dem Weg von der Saarlandstraße zum Goldbeckweg ein Bekannter begegnet?»

«Nein, ich habe niemanden bemerkt», erwiderte Jonas verkniffen. Wieder fingerte er an seiner Brille und musterte den Staatsanwalt ausgesprochen böse.

«Und weitere Zeugen für den Samstag - bis auf das Telefongespräch mit Ihrem Partner - können Sie nicht benennen?»

«Nein. Aber vielleicht können Sie sich vorstellen, dass ich mit ganz anderen Gedanken beschäftigt war.»

Bei dem scharfen Ton horchten alle auf. Jonas konnte hart werden, Kramer hatte es schon einmal gedacht, er ließ sich viel, aber nicht alles gefallen, und die Art, wie er im zweiten Fall reagierte, schlug hier nicht zu seinen Gunsten aus.

«Doch, das kann ich, Angeklagter.» Jeckel sagte es so trocken, dass selbst Jonas innehielt. «Es fragt sich nur, mit welchen Gedanken.»

«Was wollen Sie damit andeuten?» Zum ersten Mal griff der Verteidiger ein, und Staatsanwalt Jeckel schien darüber richtig erleichtert zu sein.

«Nun, ich würde mir auch Gedanken machen, wenn ich die Frau umgebracht hätte, die ich heiraten wollte.»

«Das ist eine unbewiesene Unterstellung ...»

«So lautet die meiner Meinung nach begründete Anklage.»

«Thorsten hat - mein Mandant hat Verena Schmitt nicht getötet.»

«Bitte, meine Herren.» Weber lächelte so demütig, dass Staatsanwalt und Verteidiger verstummten. «Bleiben wir in der Ordnung. Herr Verteidiger, mir ist eben aufgefallen, dass Sie den Angeklagten mit dem Vornamen anreden.»

Du alter Fuchst, dachte Kramer lobend. Bei erfahrenen Vorsitzenden sollte man sich nie auf das Äußere verlassen.

«Ja, Herr Vorsitzender. Thorsten Jonas und ich sind seit der Schulzeit, seitdem Gymnasium in Koblenz, befreundet.»

«Ach ja, so. Gut. Möchten Sie Ihrem - dem Angeklagten noch Fragen stellen?»

«Ja, zu einem Punkt. Thorsten, als du kurz vor 18 Uhr mit Verena in der Diele gesprochen hast - war sie da angezogen?»

«Ja, sicher.» Jonas zwinkerte verwirrt, und Aschberg lachte gutmütig.

«Nein, ich meine, war sie so angezogen, dass sie gleich mit einem Mann, der sie zum Essen eingeladen hatte, ausgehen konnte? Was hat sie getragen?»

«Was sie ... ach du meine Güte ... für so was hab ich doch kein Auge ...»

Die verärgerten Töne stammten von den Zuhörerinnen.

«Also, ein Kleid. Hellbraun, mit so einem dunkelbraunen Muster, kleine Karos oder Kästchen. Oder so.»

«Ein dünnes Kleid? Lang? Oder kurz?»

«Ganz normal.» Jonas rang unglücklich die Hände.

«Dann mal anders herum gefragt. Wärst du so, wie sie angezogen war, mit ihr ausgegangen?»

«Doch, ja sicher.» Seine Verwunderung nahm eher noch zu. «Mir fällt noch was ein. Sie hatte Schuhe mit sehr hohen Absätzen an.»

«Wieso ist dir das aufgefallen?»

«Mensch, du weißt doch, sie war so groß wie ich. Und mit hohen Absätzen - also, ich mochte nicht, wenn sie mich ... mich ... überragte.»

«Das wusste Verena?»

«Na klar doch!»

«Dann spricht das doch dafür, dass sie mit einem anderen Mann verabredet war.»

Jonas merkte gar nicht, welche Brücke ihm sein Verteidiger bauen wollte, er schüttelte den Kopf: «Möglich. Das mit den Schuhen fällt mir erst jetzt wieder ein.»

Selbst Jeckel musste über soviel Harmlosigkeit leise stöhnen, Weber knetete sein linkes Ohrläppchen und starrte missmutig auf die beiden Männer.

«Danke, ich habe keine Fragen mehr.» Auch Aschberg schien etwas erschüttert.

Nach einer halben Minute raffte sich Weber auf. «Wenn es keine Fragen mehr gibt - gut, dann schließen wir die Vernehmung des Angeklagten und treten in die Beweisaufnahme ein. Als ersten Zeugen rufe ich Peter Dubsch auf.»

Peter Dubsch stellte sich als Hausmeister der Häuser Saarlandstraße 37 und 39 vor, gab sein Alter mit 48 Jahren an und verbreitete permanent schlechte Laune um sich herum. Vielleicht hatte er wirklich viel zu tun und bemühte sich, auf diesem Weg Mieter einzuschüchtern. Sehr geduldig hörte sich Weber auf die erste Frage nach seinen Aufgaben als Hausmeister ein langes Lamento über Mieter, deren Wünsche und Vorstellungen, die Unzuverlässigkeit von Handwerkern und die miese Qualität von Armaturen und Ersatzteilen an. Danach hatte Dubsch sichtlich Dampf abgelassen und bequemte sich zu halbwegs präzisen Auskünften.

«Ja, natürlich hab ich die Frau Schmitt gekannt. Die wohnte schon dort, als ich anfing.»

«Das war wann?»

«Vor - Moment - sechs Jahren.»

«Kannten Sie auch den Angeklagten?»

«Jein. Ich wusste, dass er mit der Schmitt verbandelt - hm - bekannt war. Aber seinen Namen kannte ich nicht.»

«Ist er Ihres Wissens oft in der Saarlandstraße gewesen?»

«Nee», entgegnete Dubsch lässig.

«Wann haben Sie ihn dort zum letzten Mal gesehen?»

«Das weiß ich beim besten Willen nicht mehr, Herr Richter.»

«Na schön. Kommen wir zum 16. April - Sie erinnern sich doch noch an diesen Sonntag?»

«Und ob!»

«Erzählen Sie uns bitte, was an dem Nachmittag geschah.»

«Sie meinen natürlich diesen komischen Anruf? Ja, das war wirklich ’n Ding. So gegen vier klingelte bei mir das Telefon. In meiner Wohnung. Erst wollte ich gar nicht rangehen, wissen Sie, am Sonntag haben die Mieter nichts zu tun, und dann fällt ihnen plötzlich wieder ein, was sie mir schon immer unter die Weste jubeln wollten, und dann legen die auch gleich ...»

«Herr Zeuge!»

«Das interessiert Sie nicht so?»

«Eigentlich nicht.»

«Schade, das hört niemand gern - na, schon gut, also, es klingelt, ich nehme schließlich doch ab, und da flüstert eine Stimme: In der Wohnung von der Schmitt liegt eine Leiche. Mehr nicht. Nur: In der Wohnung von der Schmitt liegt eine Leiche.»

«Haben Sie die Stimme erkannt?»

«Nee. Erstens war ich völlig baff, und zweitens hat der Saukerl nur geflüstert.»

«Herr Zeuge, dieser Ausdruck gehört sich ...»

«’tschuldigung, Herr Richter. Aber wie soll man denn so einen - hm - so einen bezeichnen?»

«Als Unbekannten.»

«Na gut, wenn Sie meinen. Also, der Unbekannte legt gleich wieder auf, ich schmeiße den Hörer auch hin, es gibt ja so Arsch... hm ... so Schwachköpfe, die glauben, das war ein besonders guter Witz.»

«Das war so gegen 16 Uhr?»

«Ja. um vier herum. Aber wie’s dann so geht - ich bin doch unruhig geworden. Schließlich lebte die Schmitt alleine, und wenn ihr was zugestoßen ... also, so gegen halb fünf hab ich versucht, die Schmitt anzurufen. Zwei oder dreimal. Dann hab ich zu meiner Frau gesagt, der Teufel soll alle Mieter holen, und hab mir meinen Hauptschlüssel geschnappt.»

«Das heißt, Sie sind gegen 16 Uhr 30 in die Wohnung der Verena Schmitt gegangen?»

«Ja.»

«Mit Hilfe Ihres Hauptschlüssels?»

«Für die Türen auf dem siebten Stock in Nummer 37, ja.»

«Nun erzählen Sie mal!»

«Zuerst hab ich natürlich geklingelt und geklopft und gerufen. Dann musste ich ja wohl meinen Schlüssel benutzen, oder?»

«Niemand macht Ihnen einen Vorwurf, Herr Zeuge.»

«Das sagen Sie so! Wenn Sie wüssten ...»

«Bitte schweifen Sie jetzt nicht ab!»

«Hm.» Dubsch schwieg einen Moment gekränkt. «Also, ich hab aufgeschlossen, in der Wohnung war alles dunkel. Ich hab gerufen: Frau Schmitt, hier ist der Hausmeister, aber als keiner antwortete, hab ich das Licht in der Diele angeknipst.»

«Was ist Ihnen aufgefallen?»

«Na ja, dass es dunkel war, dass alle Türen offen standen und dass es lausig kalt war.»

«Was meinen Sie mit kalt? Kühl?»

«Nein, richtig kalt. Ich bin ins Wohnzimmer gegangen und hab dort auch Licht gemacht. Ich dachte, mich trifft der Schlag. Die Balkontür stand sperrangelweit offen. Und draußen hatte es höchstens sechs Grad. Und im Schlafzimmer dasselbe: das Fenster bis hinten hin auf. Und der Heizkörper abgedreht, ich hab natürlich kontrolliert, die Zentralheizung lief, und manchen Mietern trau ich glatt zu, dass sie die Heizung bis zum Anschlag aufdrehen und dabei die Fenster aufreißen.»

«Herr Zeuge, Sie weichen schon wieder ...»

«Tut mir leid. Also, vom Wohnzimmer bin ich in die Küche, die hat kein Fenster, nur eine künstliche Belüftung, aber die Heizung war auch hier abgedreht. Und dann bin ich ins Bad, und da ...» Er holte tief Luft. «Da lag sie in der Badewanne. Nackt. Und ihr Gesicht - also, das werde ich so schnell nicht vergessen - so ... so ... Sie war tot, das sah man auf den ersten Blick.»

Er schüttelte sich, und Weber betrachtete ihn aufmerksam, sagte aber nichts.

«In der Wanne war kein Wasser, richtig, ich dachte noch zuerst, mein Gott, die kann doch nicht in der Wanne ertrinken, aber da war gar kein Wasser drin. Na ja, und dann bin ich ins Wohnzimmer gerast und hab 110 gewählt.»

«Gut, Herr Zeuge, den Rest werden wir von anderen Beteiligten erfahren. Vielen Dank erst einmal, ich habe keine Fragen mehr. Herr Staatsanwalt?»

«Nein, vielen Dank.» Jeckel antwortete umgehend, schien aber mit seinen Gedanken weit weg zu sein.

«Herr Rechtsanwalt?»

«Ja, danke, Herr Vorsitzender.» Aschberg stand auf und stützte sich mit einer Hand auf dem Tisch ab. «Herr Dubsch, hatten Sie vor diesem 16. April einmal mit meinem Mandanten, mit Herrn Jonas, gesprochen?»

«Ob ich - doch, ja, das hab ich.»

«Sie kannten also seine Stimme?»

«Na ja, was heißt schon kennen ...»

«Hat Thorsten Jonas am Sonntag bei Ihnen angerufen und geflüstert, es liege eine Leiche in der Wohnung der Verena Schmitt?»

«Ich kann nicht sagen, ob er’s war.»

«Sie haben die Stimme des Anrufers also nicht erkannt?»

«Nee.»

«Gut. Als Sie die Wohnungstür mit Ihrem Reserve- oder Hauptschlüssel öffneten - haben Sie da einen Schaden am Schloss oder an der Tür bemerkt? Spuren von Gewalt?»

«Nee», sagte Dubsch prompt.

«Dann eine letzte Frage: Haben Sie an diesem Wochenende - 15./16. April - meinen Mandanten in den oder vor den Häusern Saarlandstraße 37 und 39 gesehen?»

«Nein, das hat mich die Kripo auch schon ...»

«Vielen Dank, keine weiteren Fragen mehr.»

«Gut. Dann müssen wir über die Vereidigung ...» Weber sah schnell nach rechts und links und murmelte: «in gegenseitigem Einvernehmen wird auf eine Vereidigung verzichtet - 61 fünf StPO ... wird der Zeuge noch benötigt? ... gut, Herr Dubsch, wir danken Ihnen, Sie sind entlassen und können gehen.»

Dubsch praktizierte eine ungeschickte Mischung aus Verneigung und Bückling, was im Saal leise Heiterkeit hervorrief, drehte sich zornig um und stapfte unnötig energisch aus dem Saal. Weber schmunzelte und konsultierte seine Liste.

«Dann bitte den nächsten Zeugen - Moment - Jens Rogge.»

Rogge rasselte die Angaben zu seiner Person routiniert herunter: «Jens Rogge, Kriminalhauptkommissar und Leiter der Ermittlungen im Todesfall Schmitt, Verena, 53 Jahre alt, wohnhaft Turmweg 12, mit dem Angeklagten weder verwandt noch verschwägert.»

Weber nickte munter: «Dann erzählen Sie mal, Herr Rogge.»

«Ich hatte am Wochenende 15./16. April Bereitschaft und wurde am Sonntag kurz vor 17.00 Uhr vom diensthabenden Kommissar verständigt, in der Wohnung der Verena Schmitt, Saarlandstraße 37, siebter Stock, liege eine weibliche Leiche. Wir sind dort gegen 17 Uhr 20 eingetroffen, meine Kollegin Kirstin Ebert, die Spurensicherung und der Polizeiarzt Dr. Mirlahn. In der Wohnung trafen wir den Hausmeister Peter Dubsch an.»

«Der Zeuge hat bereits ausgesagt, auch die Geschichte mit dem anonymen Telefonanruf.»

«Ja. Als Erstes fiel uns auf, dass es in der Wohnung ausgesprochen kalt war. Alle Fenster standen weit offen, alle Heizkörper waren abgedreht - das haben wir nach der ersten Unterhaltung mit dem Hausmeister noch einmal überprüft: Alle Zimmertüren waren geöffnet.»

«Gab es dafür einen ersichtlichen Grund?»

«Nein.» Rogge beschränkte sich auf das kleine Wörtchen und schaute wie zufällig auf den Verteidiger, der aber nur leise schmunzelte.

«Gut. Die Leiche lag im Bad, in der Badewanne?»

«Ja, und zwar auf dem Rücken, mit dem Kopf zum abgeschrägten Teil der Wanne. Die Leiche war unbekleidet, wir haben allerdings im Bad kein einziges Kleidungsstück gefunden.»

«Über die Todesursache wird nachher der medizinische Sachverständige aussagen, Herr Rogge. Aber stand für Sie die Todesursache fest?»

«Auf den ersten Blick. Die Rötungen und Schwellungen am Hals, das aufgedunsene Gesicht, der Biss auf die geschwollene Zunge - wie aus dem Lehrbuch: Sie war erdrosselt worden.»

«Haben Sie im Bad oder später in der Wohnung den Gegenstand gefunden, mit dem sie erdrosselt worden war?»

«Nein. Weder bei der ersten Durchsuchung noch bei einer späteren, als wir den Auftrag des Sachverständigen hatten, nach einem weichen, festen, etwa vier bis sechs Zentimeter breiten Streifen aus Stoff oder Tuch zu suchen.»

«Gut, bleiben wir vorerst beim Leichenfund.»

«Alle Wasserhähne im Bad waren geschlossen. Der Abfluss der Badewanne stand offen, die Leiche selbst war nach dem Augenschein trocken. Erst als sie aus der Wanne gehoben wurde, entdeckten wir auf dem Boden der Wanne einen Rest Feuchtigkeit. Einen Waschlappen oder Waschhandschuh haben wir nicht gefunden, auch - und das fiel uns sofort auf - nicht ein einziges Handtuch, in der Seifenschale der Wanne lag ein großes Stück, an dem war allerdings alle Feuchtigkeit bereits eingetrocknet.»

«Merkwürdig», warf Weber ein.

«Im Bad stand ein Wäschekorb. Auch der Korb war leer, wir haben trotz zweimaliger Suche in der ganzen Wohnung kein Stück getragene oder gebrauchte Wäsche gefunden.»

«Erstaunlich!», soufflierte Weber und schlug ein Blatt der Ermittlungsakte um. Die Schöffen überlegten scharf, was der Vorsitzende gemeint haben mochte.

«Im Schlafzimmer ist uns das Bett aufgefallen.»

«Wie meinen Sie das?»

«Das Bett und das Bettzeug waren abgezogen, also Kopfkissen und Decke, außerdem fehlte das Betttuch.»

«Haben Sie dafür eine Erklärung?», fragte Weber ernsthaft, und Rogge ging auf das Spiel ein: «Nein, Herr Vorsitzender.»

«Konnten Sie denn feststellen, ob andere Gegenstände aus der Wohnung entfernt worden waren?»

«Bis auf die genannten - nein.»

«Wie steht es mit der Oberbekleidung der Toten?»

«Das konnten wir nicht feststellen, Herr Vorsitzender. Denkbar ist, dass der Täter das Kleid oder den Rock und die Schuhe der Toten nach der Tat in die Schränke geräumt hat. Wir haben alle Stücke aus den Schränken daraufhin untersucht, ob sie Spuren einer Gewalttat aufweisen, also Risse oder Löcher oder Abschabungen, aber ohne Ergebnis.»

«Es ist also vorstellbar, dass der Täter die Kleidung - sagen wir mal: den Rock oder das Kleid und die Schuhe, die Bettwäsche, den Inhalt des Wäschekorbs und die Handtücher nach der Tat aus der Wohnung mitgenommen hat.»

«Ja.»

«Haben Sie dafür eine Erklärung?»

«Nur eine Vermutung, Herr Vorsitzender.»

Weber hob kurz die Hand und schaute auf Aschberg, der aber nur gemütlich antwortete: «Gegen die Vermutung eines sachverständigen Zeugen haben wir nichts einzuwenden.»

«Na ja, sachverständiger Zeuge ...»

Aschberg richtete sich auf und sagte eine Spur schärfer: «Der Hauptkommissar würde ja aufgrund seiner Erfahrungen, nicht aufgrund des konkreten Falles eine Vermutung äußern.»

Einen Moment schien Weber verärgert, dann nickte er und entschied nachdenklich: «Nun gut, kennzeichnen wir es so im Protokoll. Herr Rogge, was würden Sie antworten, wenn das Gericht Sie bäte, aus diesen Einzelheiten einen Schluss zu ziehen, der sich auf Ihre langjährige Berufserfahrung stützt?»

Zufällig begegneten sich Kramers und Jeckels Blicke; der Oberstaatsanwalt hatte den Kopf weggedreht, um seine Heiterkeit zu verbergen. Wenn der Verteidiger geglaubt hatte, er könne den Vorsitzenden in die Revisionsfalle locken, irrte er sich. Die Protokollführerin schrieb eifrig.

Auch Rogge wusste, wohin der Hase laufen sollte.

«Die Einzelheiten legen folgende zwei Vermutungen nahe: Der Täter ist bei der Auseinandersetzung verwundet worden, er hat geblutet, und weil er weiß, dass schon geringste Blutspuren seine spätere Identifizierung ermöglichen, hat er alle Kleidungs- und Wäschestücke mitgenommen, an denen er Blutspuren vermutete. Eine zweite Vermutung: Es hat vor dem Tötungsdelikt einen Beischlaf gegeben, und der Täter weiß, dass sich bei einer Analyse des Spermas ebenfalls Merkmale ergeben, die zu einer möglichen Identifizierung führen können.»

«Beischlaf ist gut», murmelte Aschberg und wurde überall verstanden. «Damit wäre ein Mord ausgeschlossen - in dieser chronologischen Abfolge, nicht wahr?»

Oberstaatsanwalt Jeckel räusperte sich: «Es ist Ihrer Aufmerksamkeit sicher nicht entgangen, Herr Anwalt, dass die Anklage auf Totschlag lautet.»

«Moment, Moment!», mischte sich Weber energisch ein. «Anklage und Verteidigung werden dringend gebeten, ihre Lust am verbalen Gefecht noch etwas zu zügeln. Noch befrage ich den Zeugen.»

Aschberg verbeugte sich leicht im Sitzen.

«Herr Zeuge, fahren Sie bitte fort!»

«Wir haben am Sonntagabend und bei einer zweiten Durchsuchung am Montag versucht herauszufinden, ob etwas aus der Wohnung gestohlen worden ist. Das ist uns nicht gelungen. Wir haben Wertsachen gefunden, Bargeld, Schecks und Schmuck, aber wir können nicht sagen, ob etwas entwendet worden ist.»

Ein Raubmörder hätte sein Opfer auch nicht in die Badewanne gesteckt, dachte Kramer belustigt. Offenbar war Weber etwas Ähnliches durch den Kopf gegangen, es zuckte verdächtig in seinen Mundwinkeln.

«Gut, Herr Rogge, dann erzählen Sie dem Gericht mal, wie Sie auf den Angeklagten gekommen sind.»

«Im Wohnzimmer lag neben dem Telefon ein kleiner Terminkalender. Auf dem Blatt für Samstag, 15. April, war die Uhrzeit 17 eingekringelt, und daneben stand <Thorsten>.»

«Sehr praktisch», kommentierte Weber vergnügt. «Und wie sind Sie von dem Vornamen Thorsten auf den Familiennamen des Angeklagten Jonas gekommen?»

«Verena Schmitt hatte Visitenkarten gesammelt, in einem dieser Drehständer. Wir haben nur einen Thorsten gefunden, nämlich Herrn Jonas.»

Weber rieb sich kurz das Kinn. «Wir können die nächsten Schritte, glaube ich, überspringen, bis zum Montagnachmittag, wenn ich die Akte richtig in Erinnerung habe.»

«Auf der Visitenkarte von Thorsten Jonas war auch eine Firmenadresse angegeben. Nachdem wir Jonas in seinem Haus nicht angetroffen hatten, sind wir in die Firma gefahren und haben dort mit ihm gesprochen. Auf die Frage, ob er eine Verena Schmitt kenne, antwortete er zwar spontan: <Natürlich>, wollte dann aber sofort wissen, was die Polizei das angehe. Er war nicht zu bewegen, uns weitere Auskünfte zu geben, bevor wir ihm den Grund unseres Kommens erklärt hätten. Also musste ich ihm erzählen, dass wir Verena Schmitt am Abend zuvor ermordet in ihrer Wohnung gefunden hatten.»

«Wie hat er darauf reagiert?» Weber fragte Rogge und musterte dabei den Verteidiger. Doch Aschberg lächelte nur.

«Sehr erschrocken und sehr verwirrt. Zuerst sagte er noch sinngemäß: <Das ist doch Blödsinn>, dann verstummte er, überlegte und bestand darauf zu telefonieren. Das tat er dann auch, hörte eine ganze Weile zu und erklärte uns dann, er habe gerade mit einem Freund und Anwalt gesprochen, der ihm geraten habe, vorerst jede weitere Auskunft zu verweigern, bis er - der Anwalt - eingetroffen sei. Herr Aschberg erschien dann etwa 25 Minuten später, er und Thorsten Jonas haben sich etwa eine Viertelstunde unter vier Augen unterhalten, und dann erklärte uns Herr Aschberg, dass er seinem Mandanten geraten habe, jede Aussage zu verweigern. Eine Erklärung für diesen Rat wollte er uns nicht geben ...»

«... was ich ja wohl auch nicht zu tun brauchte, Herr Hauptkommissar.» Aschberg konnte viel Verachtung in seine Worte legen.

«Nein, natürlich nicht. Aber ich habe Sie dann im Beisein Ihres Mandanten darauf hingewiesen, dass ich Thorsten Jonas festnehmen müsste, sollte er uns kein Alibi für die vermutliche Tatzeit am Samstag beibringen.»

«Richtig, und ich habe erwidert, eine Festnahme sei noch keine Verhaftung.»

«Bitte», unterbrach Weber laut, «wir sollten in der Ordnung bleiben. Herr Zeuge, Sie mussten doch einen Grund für eine Festnahme haben.»

«Selbstverständlich. Am Montag morgen hat sich meine Kollegin Ebert im Haus Saarlandstraße 37 umgehört und zwei Zeugen aufgetrieben, zwei Nachbarinnen.»

«Die wir noch hören werden», bremste Weber vorsichtshalber.

«Und am Dienstagmorgen meldete sich bei uns ein dritter Zeuge ...»

«... der ebenfalls geladen ist. Gut, Herr Rogge. Sie haben dann einen Haftbefehl beantragt und erhalten. Den Akten entnehme ich, dass der Beschuldigte zu diesem Zeitpunkt noch immer jede Aussage verweigerte.»

«Das ist richtig.»

«Hat der Beschuldigte sich überhaupt einmal zu der Tatzeit - nein, zu dem geäußert, was er am Samstag, den 15. April, getan habe?»

«Ja, genau drei Wochen später. Rechtsanwalt Aschberg rief mich an, er habe mit seinem Mandanten gesprochen und der sei jetzt bereit, zur wahrscheinlichen Tatzeit auszusagen. Die Vernehmung fand dann am nächsten Tag statt, in Gegenwart des Verteidigers.»

«Gut. Ich setze das Einverständnis aller voraus, dass der Zeuge die Aussage nicht in allen Einzelheiten wiederholt, sie ist identisch mit dem, was der Angeklagte in seiner Einlassung zur Sache eben ausgesagt hat. Herr Zeuge, von dieser ersten Aussage ist der Beschuldigte nicht mehr abgewichen?»

«Nein.»

«Danke. Herr Staatsanwalt.»

«Herr Rogge, der Angeklagte hat die Tat von Anfang an bestritten?» Jeckel fragte fast gleichgültig, als interessiere ihn die Antwort überhaupt nicht.

«Vehement.»

«Hat er seine erste Aussage vor der Polizei im Laufe der Untersuchungshaft geändert oder modifiziert?»

«Nein.»

«Hat er im Laufe der Vernehmungen eine Erklärung dafür gegeben, warum er nach seiner Festnahme drei Wochen lang geschwiegen hat?»

«Nein.»

Rogges lakonische Kürze schien den Staatsanwalt nicht zu irritieren; es hörte sich fast wie ein einstudierter Dialog an.

«Vielen Dank, keine weiteren Fragen mehr.»

Weber reagierte seltsam erleichtert und drehte den Kopf fast fröhlich zum Verteidiger. «Herr Aschberg, bitte.»

«Vielen Dank, Herr Vorsitzender.» Er sprang auf, als müsse er plötzlich Energie und Lebenslust demonstrieren. «Herr Hauptkommissar, mein Mandant bestreitet nicht, zweimal im Haus Saarlandstraße Nr. 37 gewesen zu sein. Er beharrt allerdings darauf, dass er beim ersten Mal nur vier oder fünf Minuten in der Diele der Schmitt'schen Wohnung gestanden hat und beim zweiten Mal nur eine Minute vor der Wohnungstür.»

«Seine Aussage ist mir bekannt», erwiderte Rogge trocken.

«Das freut mich. Nach allem, was Sie über den Zustand der Wohnung und über die Umstände, unter denen die Leiche gefunden wurde, berichtet haben, muss sich ein Täter länger als fünf Minuten in der Wohnung aufgehalten haben.»

«Völlig korrekt.»

«Mein Mandant ist aber an dem fraglichen Tag keine fünf Minuten in der Schmitt'schen Wohnung gewesen.»

«Richtig, das behauptet er.»

«Sie glauben ihm nicht?»

«Nein.»

«Er hat Ihnen bei seiner ersten Aussage detailliert erklärt, was er am Abend des 15. April alles getan hat und wo er gewesen ist.»

«Nein.»

«Wie bitte?»

Rogge wurde lauter: «Er hat erklärt, wo er gewesen sein will, was er unternommen haben will.»

«Sie unterstellen ihm also, er habe sich eine Geschichte ausgedacht?»

«Der Verdacht ist mir in der Tat gekommen», versetzte Rogge so bissig, dass einige Zuhörer lachten; Weber runzelte besorgt die Stirn, griff aber nicht ein.

«Für eine Erklärung wäre ich Ihnen sehr verbunden.»

«Gerne. Fünf Minuten in der Diele, dann eine Stunde gelaufen. In einem fast überfüllten Restaurant gegessen. Mit einem unbekannten Mann in der Schmitt'schen Wohnung telefoniert. Von einem betrügerischen Taxifahrer zur Saarlandstraße gebracht. Hinter der Wohnungstür Geräusche gehört. Eine Stunde wieder gelaufen, diesmal nach Hause. Dauernd unterwegs, und keinen Bekannten getroffen, der seine Angaben bezeugen könnte.»

«Was ja wohl nicht heißt, dass schon deswegen seine Behauptungen gelogen oder erfunden sind, Herr Rogge.»

«Nein. Wir haben versucht, Zeugen für seine angeblichen Touren an dem Samstagabend aufzutreiben. Wir sind auch sehr viel gelaufen, Herr Verteidiger. Aber wir haben niemanden gefunden, der dem Angeklagten ein Alibi geben konnte.»

«Selbst das widerlegt nicht die Aussage meines Mandanten.»

«Es untermauert sie aber auch nicht.»

«Und Sie haben sich alle Mühe gegeben, die möglicherweise entlastenden Beweise herbeizuschaffen.»

«Wenn das eine Frage gewesen sein soll, Herr Verteidiger, beantworte ich sie mit einem klaren Ja. Wenn es eine Unterstellung gewesen sein sollte, empfehle ich Ihnen einen Blick in die Akte.»

Weber räusperte sich, aber Rogge hielt schon wieder den Mund. Aschberg grinste, er fühlte sich nicht getroffen. «Herr Zeuge, was vermuten Sie denn?»

«Es ist nicht meine Aufgabe, als Zeuge meine Vermutungen zu äußern.»

«Okay, okay, das war unglücklich formuliert. Dann sagen Sie mir bitte, welche Schlüsse Sie aus dem Ergebnis Ihrer Ermittlungen gezogen haben.»

«Ihr Mandant hat an dem fraglichen Tag das Haus Saarlandstraße 37 gegen 17 Uhr 50 betreten und erst gegen 20 Uhr 50 wieder verlassen, für diese beiden Termine gibt es Zeugen. Für seine Behauptung, er sei zwischendurch in der Stadt gewesen, gibt es keine Zeugen.»

«Moment, korrekterweise muss es ja wohl heißen: Haben Sie keine Zeugen gefunden.»

«Ausnahmsweise stimmen unsere beiden Aussagen überein, Herr Verteidiger.»

«Das verstehe ich nicht.»

«Wir haben keine Zeugen gefunden, weil es keine gibt.»

Weil Rogge den Verteidiger angefahren hatte, verzog Aschberg das Gesicht und presste die Lippen aufeinander, bevor er leise und scharf sagte: «Ihr Ton gefallt mir nicht, Herr Hauptkommissar.»

«Das tut mir aufrichtig leid, Herr Rechtsanwalt.»

Jetzt mischte sich der besorgt dreinschauende Vorsitzende ein: «Bitte, meine Herren, wir wollen doch sachlich bleiben.»

Nach einer langen Pause nickte Aschberg knapp, und Weber setzte wieder seine harmlose Miene auf, runzelte aber gleich wieder die Stirn, weil sich Staatsanwalt Jeckel meldete: «Gestatten Sie eine Zwischenfrage, Herr Vorsitzender?»

Aschberg zögerte einen Moment zu lang, und Jeckel nutzte die Pause: «Herr Rogge, Sie haben ernsthaft nach den möglichen Entlastungszeugen gesucht?»

«Natürlich.»

«Dabei haben Sie und Ihre Kollegen sich doch auf bestimmte Personen konzentriert?»

«Sicher. In erster Linie auf die Gäste des Restaurants >Gambrinus>, zu denen sich der Angeklagte an den Tisch gesetzt haben will.» Weber schmunzelte wegen des komplizierten, aber korrekten Satzes. «Dann auf die Bedienung. Anschließend auf den Taxifahrer.»

«Und das Ergebnis?»

Wir haben einen Gast vom Samstagabend gefunden, der sich aber nicht an den Angeklagten erinnern kann. Die Bedienung will sich nicht festlegen, weil sie uns zu Recht vorhält, sie könne sich nach mehr als drei Wochen nicht mehr an einen bestimmten Gast an einem bestimmten Tag erinnern. Das Taxi und den ausländischen Fahrer haben wir nicht gefunden.»

«Der hat auch allen Grund, sich nicht zu melden», warf Aschberg ein und wedelte abschätzig mit einer Hand.

«Wenn Ihr Mandant früher ausgesagt hätte, wäre es vielleicht möglich gewesen, mithilfe der Tonbänder in der Taxizentrale die möglichen Wagen herauszufinden. Aber nach vierzehn Tagen werden die Bänder gelöscht. Und die Bedienung hätte sich, falls man sie früher befragt hätte, vielleicht noch an den Samstagabend erinnert.»

Nach diesem kaum kaschierten Vorwurf richtete sich Aschberg auf. «Wollen Sie damit andeuten, mein Mandant sei verantwortlich dafür, dass Sie Ihre Pflicht nicht erfüllt haben?» Zum ersten Mal sprach er ausgesprochen laut und aggressiv.

«Nein, diesen Schluss habe ich nicht gezogen, Herr Verteidiger.» Nachdem er seinen Vorwurf angebracht hatte, ließ sich Rogge nicht mehr aus der Ruhe bringen.

«Sondern welchen?»

«Ihr Mandant wusste, dass es keine Entlastungszeugen gibt, weil er an dem Samstagabend gar nicht in der Innenstadt war. Er wartete drei Wochen mit seiner Geschichte, damit Sie, Herr Verteidiger, uns später vorwerfen können, wir hätten schlampig gearbeitet, weil wir die nicht existierenden Entlastungszeugen nicht gefunden haben.»

«Das ist ja wohl die Höhe!», brauste Aschberg auf.

«Nein», unterbrach ihn Rogge rüde, «die Höhe war die dummdreiste Erfindung Ihres Mandanten, er habe bei Verena Schmitt angerufen und der Mörder sei ans Telefon gegangen.»

«Ich verbitte mir diesen Ton ...»

«Stopp!», fuhr Weber dazwischen, und seine plötzliche Energie überraschte alle. «So geht es nicht! Herr Rogge, Sie beschränken sich bitte auf sachdienliche Angaben. Und Sie, Herr Verteidiger, unterlassen bitte alle Unterstellungen.»

Einen Moment herrschte absolute Ruhe im Saal. Rogge hob entschuldigend die Hände, ein immer noch kochender Aschberg setzte sich schwerfällig, und Staatsanwalt Jeckel schmunzelte.

Kramer kaute auf den Lippen; er hatte genug Prozesse angehört, um eine schwache Ahnung zu haben, welches Manöver da gerade abgelaufen war. Jede Wette, dass Rogge und Jeckel gemeinsam den Verteidiger in die Falle gelockt hatten, und irgendwie blieb es unverständlich, dass sich Aschberg auf so plumpe Art und Weise einfangen ließ. Denn die Botschaft war rübergekommen: Der schuldige Thorsten Jonas hatte kein Alibi und hatte sich deshalb eine Geschichte ausgedacht, die weder zu beweisen noch zu widerlegen war, weil sich die von ihm genannten angeblichen Zeugen nach drei Wochen wirklich nicht mehr an ihn erinnern konnten. Zweifel säen - keine ungewöhnliche Taktik eines Schuldigen, der auf einen Freispruch nach dem Motto «mangels Beweisen» spekulierte.

Aschberg sagte mit flacher Stimme: «Danke, ich habe keine Fragen mehr an den Zeugen.»

Jonas beugte sich zu seinem Verteidiger und flüsterte erregt auf ihn ein, Aschberg hörte gequält zu und winkte dann ab, was Jonas nicht zu gefallen schien. Weber betrachtete das Intermezzo düster, gab sich dann einen Ruck und stellte die üblichen Fragen: «Vereidigung - nein - der Zeuge kann entlassen werden.»

Ein gut gelaunter Rogge verließ den Saal und nickte dabei dem Justizbeamten wie einem alten Bekannten zu. Weber sah ihm einen Moment nach, und Kramer hätte für die Gedanken des Vorsitzenden in diesem Moment viel gegeben.

«Dann hören wir als nächsten Zeugen - als nächste Zeugin Frau Rita Offermann.»

Rita Offermann war 36 Jahre alt und wohnte in der Saarlandstraße 37, auch Kramer brauchte einen Moment, bis er schaltete. Als Beruf gab sie Kraftfahrerin an, Weber räusperte sich irritiert, blätterte in der Akte, und sie ergänzte schadenfroh: «Ich fahre Taxi, Herr Vorsitzender. Gemeinsam mit meinem Mann, ich tagsüber, er nachts.»

«Ah so, ja. Ja, dann - Frau Offermann, dann erzählen Sie mal, was Sie erlebt haben, am Samstag, den 15. April, meine ich.» Die <Kraftfahrerin> hatte ihn hörbar aus der Fassung gebracht.

«Tja, Sie müssen wissen, dass mein Mann und ich auf einem Flur mit Verena Schmitt wohnen. Oder gewohnt haben.»

«Dann kannten Sie Frau Schmitt?»

«Ja, sicher.»

«Kannten Sie auch den Angeklagten - vor dem 15. April?»

«Nicht dem Namen nach, aber ich hatte ihn mehrfach bei uns im Haus gesehen. Und als ich am Samstag - also, an dem 15. April - von der Zentrale zum Goldbeckweg geschickt wurde, auf den Namen Jonas, war ich natürlich ziemlich verblüfft, dass er aus dem Haus kam.»

«Das heißt. Sie haben ihn gleich wiedererkannt?»

«Natürlich.»

«Und der Angeklagte?»

«Keine Spur.» Sie lachte burschikos. «Aber der gehört zu den Zerstreuten, wissen Sie, es gibt so Fahrgäste, da schauen wir automatisch nach, ob sie beim Aussteigen nicht die Hälfte ihrer Sachen vergessen haben.»

«Der Angeklagte hat also als Fahrtziel die Saarlandstraße 37 angegeben.»

«Ja, und dann sagte er noch: Ich bin spät dran, na ja, andere hätten vielleicht vorgeschlagen, Mädchen, drück auf die Tube, aber er machte das auf die indirekte Tour. Ich hab also Gas gegeben, und er schaute auf die Uhr, als wir vor der Nummer 37 hielten.»

«Da war es 17 Uhr 50?»

«Ob 17 Uhr 50 genau ..., so in dem Dreh, ja. Er sauste ziemlich eilig auf die Haustür zu, ich hab noch gewartet, bis er im Haus verschwand, und bin dann losgezockelt.»

«Haben Sie den Angeklagten danach noch einmal gesehen? Am Samstag oder Sonntag?»

«Nein, erst eben wieder.»

«Tja, ich hätte dann keine Fragen mehr - Herr Staatsanwalt?»

Oberstaatsanwalt Jeckel überlegte einen Moment und schüttelte dann den Kopf: «Nein, vielen Dank, keine Fragen.»

«Herr Verteidiger?»

«Ja, danke. Frau Zeugin, Sie kannten doch Verena Schmitt persönlich?» Aschberg war aufgestanden und setzte sich jetzt halb auf den Tisch.

«Ja, natürlich.»

«Gut?»

«Nein, das würde ich nicht sagen. Wie man halt Nachbarn kennt.»

«Aber Sie wussten, wo Frau Schmitt arbeitet, nicht wahr?»

«Na klar doch, bei Petersen & Steinach, in der Nordlandstraße.»

«Woher wussten Sie das?»

«Ich hab sie gelegentlich dort hingefahren. Oder dort abgeholt. Es war ja kein Geheimnis, dass mein Mann und ich Taxi fahren, und sie hat gelegentlich angerufen, ob ich eine Tour für sie erledigen könnte. Privat oder auch geschäftlich.»

«Also kannten Sie sie doch ganz gut.»

«Na ja, wenn Sie das unter <gut> verstehen - okay, dann kannten wir sie. Aber weiter ging das nicht.»

«Frau Schmitt hat Ihnen also nie etwas über ihr Privatleben erzählt?»

«Nein, soweit ging das wirklich nicht. Über das Wetter und die Staus und die Last mit den Parkplätzen und die zunehmende Aggressivität auf den Straßen, darüber haben wir uns unterhalten, aber nicht über private Dinge.»

«Schade», bedauerte Aschberg und verbeugte sich leicht. «Vielen Dank, ich habe keine Fragen mehr.»

Auch Rita Offermann wurde nicht vereidigt.

Als nächsten Zeugen rief Weber einen Gerd Brimwall auf, Mitte dreißig, Angestellter bei der Stadt und Mieter im Haus Saarlandstraße 37. Seine Aussage war kurz und klar. Am Samstag, den 15. April, war er kurz vor 21 Uhr aus seiner Wohnung im dritten Stock des Hauses Saarlandstraße 37 die Treppe in den Keller hinuntergelaufen. Zwischen der ersten und der zweiten Etage wurde er von einem Mann überholt, der geradezu die Stufen hinuntersprang und ihn so heftig anrempelte, dass Brimwall gegen die Wand stolperte; der Mann war ohne Entschuldigung weitergelaufen, und erst als Brimwall ihm nachrief «Sie Arschloch!», war er stehen geblieben und hatte zu ihm hochgeschaut. Das Licht im Treppenhaus brannte, Brimwall konnte sein Gesicht deutlich sehen, der Mann schien zu überlegen, was er tun sollte, drehte sich dann aber wieder weg und raste weiter die Stufen hinunter.

Weber insistierte: «Befindet sich dieser Mann hier im Gerichtssaal.»

«Natürlich!» Brimwall deutete auf den Angeklagten.

Jeckel lächelte freundlich: «Herr Zeuge, sind Sie sicher: Es war kurz vor 21 Uhr?»

«Ja, ich wollte in den Keller, Bier holen, weil um neun Uhr im Fernsehen ein Film anfing.»

«Ah so, ja. Kannten Sie den Mann, der Sie auf der Treppe anstieß?»

«Nein, ich hatte ihn vorher nie gesehen.»

«Wann haben Sie sich bei der Polizei gemeldet?»

«Am Dienstag. Da stand in der Zeitung, dass bei uns im Haus ein Mord passiert wäre, davon hatte ich noch gar nichts gehört, und da fiel mir dieser Mann wieder ein, der es so eilig gehabt hatte. Also bin ich zur Polizei gegangen.»

«Wann haben Sie den Angeklagten wiedergesehen?»

«Das war am Mittwoch. Ich musste ins Präsidium und mir eine Reihe von Männern ansehen, die in einer Reihe auf so einer Bühne standen, und dann sagen, ob ich einen von ihnen wiedererkannte.»

Jeckel hob die Hand und erklärte: «Das Protokoll dieser Gegenüberstellung befindet sich bei den Akten, der Zeuge hat den Angeklagten zweifelsfrei als den Mann identifiziert, den er am Samstag, 15. April, kurz vor 21 Uhr auf der Treppe des Hauses gesehen hat. Auf dem Wege nach unten.»

Details

Seiten
300
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907872
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (September)
Schlagworte
anraten anwalts

Autor

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Titel: Auf Anraten meines Anwalts