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Texas Wolf #26: Morgen stirbst du, Old Joe!

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Es beginnt mit einem feigen Hinterhalt, in den die Postkutsche nach Great Falls gerät. Die Kutsche mitsamt den Passagieren stürzt eine Schlucht hinunter, und es gibt keine Überlebenden. Texas Ranger Tom Cadburn und sein Partner Old Joe suchen die Schuldigen. Ein verdammt gefährlicher Job erwartet die beiden Männer, und auch Cadburns Schwarztimber-Wolf Sam gerät mehr als einmal in eine gefährliche Lage. Die Banditen glauben, sie könnten den Ranger und den alten Mann austricksen. Sie wissen jedoch nicht, dass die beiden zäh wie Leder sind und sich von nichts und niemandem einschüchtern lassen. Old Joe ist ein zwar ein alter, aber umso mutigerer Mann, der es mit jedem aufnimmt. Das bekommen die Banditen schon sehr bald zu spüren. Und Old Joes Hawken-Büchse spielt dabei eine entscheidende Rolle ...

Leseprobe

Morgen stirbst du, Old Joe!


Texas Wolf # 26



Ein Western von Horst Weymar Hübner




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin/ Schottland, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappe

Es beginnt mit einem feigen Hinterhalt, in den die Postkutsche nach Great Falls gerät. Die Kutsche mitsamt den Passagieren stürzt eine Schlucht hinunter, und es gibt keine Überlebenden. Texas Ranger Tom Cadburn und sein Partner Old Joe suchen die Schuldigen. Ein verdammt gefährlicher Job erwartet die beiden Männer, und auch Cadburns Schwarztimber-Wolf Sam gerät mehr als einmal in eine gefährliche Lage. Die Banditen glauben, sie könnten den Ranger und den alten Mann austricksen. Sie wissen jedoch nicht, dass die beiden zäh wie Leder sind und sich von nichts und niemandem einschüchtern lassen. Old Joe ist ein zwar ein alter, aber umso mutigerer Mann, der es mit jedem aufnimmt. Das bekommen die Banditen schon sehr bald zu spüren. Und Old Joes Hawken-Büchse spielt dabei eine entscheidende Rolle ...




Roman

Die Kutsche nach Great Falls war gleich hinter dem Pass in die Schlucht gestürzt.

Die Trümmer lagen unten weit verstreut. Geier kreisten über der Stätte. An einem Felsvorsprung flatterte ein Tuch im Morgenwind. ,

Zum Teufel, wie konnte das passieren?“, sagte Old Joe, nachdem er lange genug hinabgestarrt hatte. „Die erste scharfe Wegbiegung kommt doch erst da hinten!“

Auch Old Joe betrachtete die Spuren im Wegstaub. Männer waren hier gegangen. Mindestens drei.

Eine Weile hatten sie am Schluchtrand gestanden und hinab geblickt.

Wenn da noch jemand mit ’nem Gewehr in den Felsen lauert, machst du mit den Geiern Bekanntschaft!“, warnte er eindringlich.

Vielleicht hat es jemand überlebt. Gib mir Deckung!“

Die sind längst tot. Es war die Abendkutsche, Tom.“

Ich steige trotzdem runter.“ Tom ließ den Blauschimmelhengst in den Zügel treten und suchte eine geeignete Stelle für den Abstieg.

Sam, der Schwarztimber, äugte hinter ihm her und lief dann aufgeregt am Schluchtrand auf und ab.

Zweihundert Yard!“, knurrte Old Joe. „Als ob da einer davongekommen wäre!“

Er führte sein Maultier Clara und den Blauschimmel an die rückwärtige Felswand. Hier hatten die Tiere halbwegs Deckung.

Mit der Hawken-Büchse in der Hand beobachtete er die nackte, eintönige Bergwelt ringsum.

Schon möglich, dass jemand noch in einem guten Versteck ausharrte und beobachtete, was sich tat. Der Weg über den Pass nach Great Falls wurde rege benutzt. Jeden Tag kamen ein paar Reiter vorbei. Manchmal auch Frachtwagen.

Ein Überfall im landläufigen Sinn hatte nicht stattgefunden. Dafür gab es keine Spuren.

Nein, man hatte die Abendkutsche in die Schlucht linker Hand sausen lassen. Mit voller Absicht. Und mit allen Passagieren drin.

Ohne die Kutsche zuvor anzuhalten und auszurauben.

Sie mussten in das Vierergespann hineingeschossen und die Tiere völlig verrückt gemacht haben, so dass diese durchgingen, in den Abgrund sprangen und die Kutsche hinter sich herrissen.

Wer immer dafür in Frage kam, er wollte wissen, was weiter geschah. Auf dem Pulga, einem Bergrücken gegenüber dem Pass, war der geeignete Ort für einen heimlichen Beobachter. Mehr als zwei Meilen entfernt und mit der Schlucht dazwischen.

Wildpfade führten auf den Pulga hinauf.

Old Joe suchte die Ränder des Bergrückens ab. Er entdeckte nichts. Das bewies aber nicht, dass dort oben niemand steckte.

Oder drüben im anderen Hang. Der war weniger steil. Dort setzten sich nämlich die Wildpfade fort und führten zur Schlucht herunter, weil es da irgendwo Wasser gab.

Von einer der Felsleisten aus konnte ein geschickter Schütze einen zur Kutsche hinabsteigenden Mann bequem aus den Felsen putzen.

Voll nervöser Unrast richtete Old Joe sein Hauptaugenmerk auf die jenseitige Schluchtwand und ihre Felsleisten.

Vielleicht wollte man nicht, dass jemand in den Trümmern herumstöberte.

Der Schwarztimber lief immer noch aufgeregt auf und ab und äugte in die Schlucht. Kühler Wind strich über die Kante herauf und zauste sein Fell.

Von unten erklang das Poltern eines losgetretenen Steines und weckte ein hohles Echo.

Tom Cadburn geriet ins Blickfeld des Alten. Er war schon an der Zacke mit dem wehenden Tuch vorbei.

Die kreisenden Geier gaben durch misstönendes Geschrei ihren Unmut über die Störung kund.

Oberhalb einer Felsmulde fand Tom eine leblose Gestalt. Er rollte sie auf den Rücken und zerrte sie zu einer Spalte, in die er sie hineinrutschen ließ.

Ein Stück tiefer musste er über eines der Gespannpferde wegklettern.

Sorgenvoll beobachtete Old Joe sein Treiben.

Tom kroch um einen tafelartigen Block herum; kam aus dem Blickfeld und tauchte ein Stück tiefer wieder auf. Dort untersuchte er etwas und stieg vollends zu den Resten der Kutsche hinab.

Eine winzige Bewegung auf einer gelben Felsleiste gegenüber veranlasste Old Joe, die Hawken-Büchse hochzunehmen und den Zeigefinger an den Drücker zu legen.

Seine Blicke suchten die Leiste ab.

Die Bewegung wiederholte sich nicht.

Entweder ein Wildschaf, das zur Tränke gehen wollte und wegen der Veränderung in der Schlucht nicht kam. Oder eine unruhige Seele, die es nicht länger an ihrem Platz hielt! Old Joe hielt das für wahrscheinlicher.

Halte dir den Rücken frei!“, rief er warnend hinunter.

Seine Stimme entlockte der Schlucht ein tosendes Echo.

Tom wandte den Kopf nach oben und machte ein Handzeichen, das ausdrückte, wie er es wohl anstellen sollte, sich in diesem Loch den Rücken frei zu halten.

Damit wusste Old Joe, dass die ganze Verantwortung nun auf ihm lag. Tom konnte gar nichts tun.

Und eines stand nun auch fest: auf der Felsleiste befand sich bestimmt kein Wildschaf Das wäre nach dem tosenden Echo in langen Fluchten zum Pulga hinaufgehetzt.

Beweg doch noch mal die Nasenspitze, und ich schieße sie dir herunter!“, knurrte er gereizt und wartete darauf, dass ihm dieser Wunsch erfüllt wurde.

Dann hob er lauschend den Kopf.

In das misstönende Krächzen der Geier mischte sich ein anderes Geräusch. Hufschlag klang durch die Bergwelt.

Jenseits des Passes ritt jemand die letzte Steigung herauf.


*


Beeil dich da unten!“, rief Old Joe und blieb in ständiger Bewegung. Ein bewegtes Ziel war nun eben mal schwieriger zu treffen als ein stehendes.

Tom zerrte drunten eine bräunliche Tasche unter dem Wagenschlag hervor und klappte sie sich über die Schulter. Danach trug er verschiedene größere Kutschentrümmer zusammen und bedeckte die Toten, damit die Geier nicht an sie heran kamen.

Der Hufschlag drang jetzt schon vom Pass her.

Tom blickte herauf und signalisierte, dass er die Annäherung eines Reiters gehört hatte.

Beschwörend zeigte Old Joe zur gegenüberliegenden Schluchtwand und machte mit der Hawken-Büchse eine kreisende Bewegung.

Augenblicklich tauchte Tom hinter einen Felsen und spähte in die angegebene Richtung.

Der Alte oben auf dem Weg schwitzte Blut und Wasser.

Dem herankommenden Reiter musste er sorgfältig unter den Hutrand blicken. Das gebot die Vorsicht. Den Pass benützten nicht bloß rechtschaffene Leute, sondern auch gefährliche Hombres, denen man niemals den Rücken zukehren durfte.

Zugleich musste er die Felsleiste bewachen, damit Tom nicht unversehens eine Kugel spendiert bekam, wenn er hilflos die zerklüftete Wand hochkletterte.

Wie er diese beiden grundverschiedenen Dinge unter einen Hut bringen konnte, das bereitete ihm Kopfschmerzen.

Er riskierte es, den Kopf in Richtung Pass zu wenden.

Der eine Blick genügte ihm.

Der Mann trug städtische Kleidung, ritt einen miserablen Falben und hatte dem Tier unvernünftig viel Gepäck für die Gebirgsstrecke aufgebürdet.

Solche Leute kamen immer wieder ins Land, um hier jenes Glück zu machen, das ihnen anderswo versagt war. Blutige Greenhorns, die meist ganz sonderbare Vorstellungen vom Westen hatten und von einer Schwierigkeit in die andere tappten.

Dem Mann dort hatte man für die klapprige Mähre wahrscheinlich ein Sündengeld abgefordert und ihn nicht darüber aufgeklärt, dass er dem Tier besser einen sehr viel kleineren Packen aufbürdete, wenn er den Gaul lebend auf die andere Seite der Berge bringen wollte.

Steigen Sie ab und treten Sie hinter das Pferd, Mister!“, warnte Old Joe, dabei wieder auf die gelbe Felsleiste blickend.

Der Fremde in der städtischen Kleidung war unschlüssig. „Hören Sie, das ist ein Weg, den jeder benutzen kann. Ich ...“

Ein tosender Schuss ließ ihn erschrocken verstummen.

Old Joe hatte genau den Punkt des Aufblitzens drüben gesehen.'

Die Hawken stieß mörderisch, das ohrenbetäubende Brüllen des Schusses mischte sich mit dem grollenden Echo in der Schlucht.

Ein zorniger, verblüffter Schrei antwortete von drüben. Eine Gestalt schnellte auf der gelben Felsleiste hoch und lief hinkend aufwärts in eine bessere Deckung.

Hi, hi, meine Hawken ist eine feine Büchse für neugierige Hundesöhne mit unruhigem Zeigefinger!“, kicherte der Alte und hinkte zu seinem Maultier, um die Winchester zu holen. Die genügte für die Distanz nach drüben.

Gerade als er das Gewehr aus dem Packen zog, hörte er ein verstörtes Keuchen. Es kam von dem Fremden her.

Für den Mann hatte Old Joe jetzt keine Zeit, der musste warten.

Die rennende, humpelnde Gestalt drüben versank in einer Geröllrinne.

Der Alte grinste. Einen schlechteren Platz hatte sich der Kerl gar nicht aussuchen können!

Hast du was eingefangen?“, rief er vorsorglich hinunter.

Tom antwortete, dass er in Ordnung sei.

Old Joe trat an den Schluchtrand zurück und schob den heiser knurrenden Timber vorsichtig mit dem Fuß beiseite. „Verschwinde hier, Freund, sonst beißt dich am Ende ein bleierner Floh! Der Dreckskerl dort meint es ernst. Marsch, zu den Tieren!“

Sam war anderer Ansicht und immer dann, wenn ihm andere einen Befehl gaben, mindestens ebenso schwerhörig wie Old Joes Maultier.

Statt sich an die rückwärtige Felswand zu begeben, schnappte er warnend nach Old Joes Kavalleriestiefeln und äugte dann wieder in die Schlucht auf Tom, der sich an den Aufstieg machte.

Dann eben nicht“, brabbelte der Alte und suchte sich drüben die beste Stelle aus.

Ein Geröllturm in der Rinne fünfzig Yards oberhalb des Platzes, wo der Schütze steckte, erschien ihm günstig.

Seine erste Kugel lag zu hoch.

Die nächste irritierte einen kreisenden Geier und bewog ihn zur Flucht. Ins Ziel kam sie ebenfalls nicht.

Old Joe hatte schon den Verdacht, dass der Kerl drüben einen Pakt mit dem Teufel geschlossen hatte und Kugeln nichts gegen ihn ausrichten konnten.

Zumindest wusste der Bursche aber ganz genau, was die Schüsse bedeuten sollten und was ihm blühte.

Er krabbelte in der Rinne aufwärts. Sein Ziel war ein überhängender Block.

Tom, beweg die Knochen, solange ich den Stinker in Schwung halte!“, rief der Alte hinab.

Tom war schon am Zacken mit dem Tuch vorbei. Wegen der Kletterei hatte er das Gewehr nicht mit, und mit dem Revoler konnte er da unten gar nichts ausrichten. Bis zur Rinne dort drüben war es einfach zu weit.

Old Joes nächste Kugel riss den Geröllturm auseinander.

Er hatte sich die Wirkung genau ausgerechnet. Und es funktionierte, das sah er.

Die Steine waren in Bewegung und rissen auf dem Weg abwärts immer mehr Geröll mit sich.

Nach zwanzig Yards füllte die Lawine schon die Rinne in ihrer vollen Breite.

Der Kerl im Hang kletterte um sein Leben. Er verlor das Gewehr, krabbelte auf Händen und Füßen über ein ungedecktes Stück und flog buchstäblich mit Old Joes nächstem Schuss in eine Vertiefung unter dem Überhang.

Jedenfalls befand er sich mit dem Oberkörper drin. Im letzten Moment riss ihm das herabspringende Geröll die Füße weg.

Old Joe feuerte auf die Stiefel.

Ob er getroffen hatte, ließ sich nicht sagen.

Jedenfalls waren die Stiefel danach verschwunden.

Das Gewehr wurde in der Rinne vom abgehenden Geröll verschüttet.

Wenn es tatsächlich noch auszugraben war, dann taugte es höchstens noch als Keule, aber nicht mehr als Schießinstrument.

Die letzten Geier verschwanden um eine Biegung der Schlucht. Der Platz war ihnen zu unruhig. Sie warteten weniger bewegte Zeiten ab, um an die erspähte Beute heranzukommen.

Fürs erste ist der bedient!“, rief Old Joe in die Tiefe. „Du hast den Rücken frei - wenn da nicht noch einer herumhängt!“

Misstrauisch spähte er hinüber. Auf den verdammten Felsleisten konnte sich sogar ein größerer Trupp unbemerkt aufhalten. Vorausgesetzt, niemand machte eine Bewegung.

Der Hang drüben lag im Schatten. Es war nicht zu erkennen, ob jemand die neugierige Nase zu weit vorn hatte.

Voller Unruhe bewegten sich seine Augen. Er starrte auf die Schluchtbiegung, hinter der die mächtigen schwarzen Aasvögel verschwunden waren.

Irgend etwas Wichtiges hatte er übersehen, er war sich ganz sicher.


*


Das letzte Stück von Toms Aufstieg ging an die Nerven.

Im Hang gab es keinerlei Deckung, falls von drüben wieder heißes Blei abgeschickt wurde.

Sam jaulte und schniefte und duckte sich, als wollte er springen. Ein Satz entlang des Randes brachte ihn an eine andere Stelle, wo sich das Spiel wiederholte.

Er wollte da hinunter und Tom abholen. Sein Instinkt sagte ihm jedoch, dass er sich auf dem steilen Fels nicht halten konnte und abstürzen musste.

Mach nicht noch ’nen Purzelbaum vor Freude, er ist ja gleich oben“, brabbelte Old Joe und suchte immer noch die Felswand drüben ab.

Auf Toms Hutrand waren daumennagelgroße Steine liegengeblieben, die irgendwo losgebrochen waren und ihn da unten überschüttet hatten.

Ruckartig bewegte sich der Hut herauf. Ganz so, wie Tom einen griffigen Steinzacken für die Hände und ausreichenden Halt für die Füße fand.

In den Stiefeln war die Steigerei mühsam.

Du musst dir selber helfen!“, sagte Old Joe, als Tom genau unter ihm war.

Er meinte, dass Tom allein über die Kante kommen musste, weil das der letzte kritische Moment war und einen Mann im Hinterhalt geradezu zu einem Schuss verlockte.

Er packte die Winchester noch fester und visierte die Felsleisten über den Schluchtengrund an.

Mit einem keuchenden Atemzug zog sich Tom herauf und schob den vor Freude wie toll hüpfenden Schwarztimber beiseite.

Statt zu verschnaufen, humpelte er vom Rand weg. Dann blieb er wie erstarrt stehen. „Wer ist das?“ Er hatte den klapprigen Falben entdeckt.

Der Gent kam im unpassenden Moment“, knurrte Old Joe, ohne den Blick von den Felsleitern zu nehmen. Rückwärts gehend zog er sich zu den Tieren zurück. „Er beschwerte sich gerade, als die Knallerei losging. Du warst verdammt leichtsinnig da unten. Bist du angekratzt?“

Tom schüttelte den Kopf. „Nein. Was war denn überhaupt los? Von drüben kam nur ein Schuss. Die Kugel habe ich nicht gehört.“

Nicht?“ Old Joe bog die Hutkrempe vorne noch höher und kratzte sich am Schädel. „Mir hat das aber auch nicht gegolten. Zumindest habe ich es nicht pfeifen hören. Ziemlich eigenartig.“

Das kann man wohl sagen. Jemand war schon vor mir unten. Da waren Spuren.“

Ungläubig riss Old Joe die Augen auf. Wenn Tom das aber sagte, dann stimmte das auch.

Da fielen ihm auch wieder die Aasgeier ein. Ganz aufgeregt sagte er: „Tom, was machten die Geier, als wir herkamen?“

Tom langte die braune Tasche von der Schulter. „Die flogen über den Trümmern ...“ Mehr sagte er nicht. Er verstand, was der Alte sagen wollte. Geier lassen sich nämlich nur dort nieder, wo wirklich alles tot ist. Bewegt sich noch etwas, dann warten sie in endloser Geduld, bis sich rein gar nichts mehr rührt. Erst dann lassen sie sich zum Mahl nieder. Die Geier waren noch alle in der Luft gewesen!

Die Spuren!“ Old Joe nickte. „Jemand war unten, kurz bevor wir kamen. Hat wohl unseren Hufschlag gehört und es vorgezogen, sich zu verdrücken. Aber der Kerl auf der Felsleiste war’s nicht. Der war schon zu hoch. Hatte eine halbe Stunde oder mehr gebraucht, um von der Sohle da raufzukommen.“ Er hebelte eine Patrone ein.

Seine Worte besagten nicht mehr und nicht weniger, als dass sich da unten ein zweiter Mann versteckt hielt!

Vielleicht war Tom ganz nahe an ihm vorbeigekommen.

Tom zog es nachträglich die Haut zwischen den Schulterblättern zusammen. Gegen eine Kugel von hinten wäre er machtlos gewesen.

Also ist er noch da!“, stieß er aus.

Und er hat Nerven wie ein toter Indianer“, bestätigte der Alte. „Man müsste ihn herauslocken.“

Das wird eine Tagesarbeit. Mit dem Timber geht’s nicht, den bekomme ich nicht runter.“

In den Augen des Alten funkelte es wild. „Lass mich mal machen und hör diesmal auf meinen Rat. Du reitest fort, und ich warte hier. Einmal wird er ja rauskommen!“ Dabei streichelte er den Lauf der Winchester.

Tom sah es mit Unwillen. Der Alte war ein Partner, auf den er sich fest verlassen konnte. Nur neigte er dazu, Schwierigkeiten immer auf die altbewährte Art der Bergtrapper zu lösen. Nämlich so, dass es danach nie mehr Probleme gab. Jedenfalls nicht mit demjenigen, der sie zunächst verursacht hatte.

Das bringt uns auch nicht weiter. Und davon werden die Leute da unten auch nicht wieder lebendig. Lionel hat sie gefahren. Ich habe ihn in einer Felsspalte begraben. Fünf Passagiere, darunter eine Frau.“

Old Joe dachte an den zweiten Mann, der irgendwo da unten in seinem Versteck hockte. „Waren sie alle gleich tot?“

Sah so aus. Jedenfalls hat man nicht nachträglich noch auf sie geschossen. Die Trümmer waren auseinandergezerrt. Ich meine, man hat etwas gesucht.“

Old Joe zeigte auf die braune Tasche in Toms Hand. Es war die üblicherweise verwendete Posttasche.

Ist die Post noch drin?“

Tom zog die Lasche auf. Die Tasche enthielt zwei gebündelte Packen Briefe. Einer für Great Falls, der andere für San Andreas.

Wenn die Kutsche irgendwelche Reichtümer transportiert und deswegen in die Schlucht gejagt worden war, dann hatten sie jedenfalls nicht in dieser Tasche gesteckt.

Old Joe kämmte sich den struppigen Dachsbart, dass der Staub flog.

Sehr viel schlauer bin ich allemal noch nicht. Könnte sein, dass wir den zweiten Kerl gestört haben, bevor er fand, was er suchte.“

Tom schüttelte den Kopf. „Die Spuren waren überall. Er muss schon vor Sonnenaufgang runtergestiegen sein. Zeit genug, um gründlich zu suchen.“

Ein grübelnder Ausdruck erschien in seinen Augen. „Wenn du die Kugel ebenfalls nicht gehört hast, wohin ist sie dann gefahren?“

Der Alte schaute ihn an, als wollte er sagen, Tom möchte ihn etwas Leichteres fragen.

Als sie gestern Abend die Kutsche runterjagten, waren sie jedenfalls zu dritt. In der Nacht sind sie über den Pulga heruntergestiegen, weil’s da leichter ist. Einer müsste in der Schlucht sein, einen hast du festgenagelt, fehlt somit der dritte Mann.“

Der hält irgendwo ihre Pferde fest“, sagte der Alte eifrig. „Ohne die Tiere sind sie aufgeschmissen. Also müssen sie herauskommen. Das meine ich doch.“

Tom überlegte. „Dann bleibst.du hier, während ich nach Homo zurückreite. Bis zum Spätnachmittag bin ich mit einem Trupp zurück."

Ich werde es den Kerlen gemütlich machen“, versprach Old Joe feierlich und schüttelte die Winchester.

Tom war überzeugt, dass er weder den Kerl aus der Schlucht noch den Burschen drüben unter dem Überhang ausbrechen ließ.

Die Frage war nur, was der dritte Mann machte, der die Pferde hielt und irgendwo auf seine Partner wartete.

Aber Joe war alt genug und konnte sehr gut auf sich selber aufpassen. Und er hatte Clara. Die fuhr sogar aus tiefstem Schlaf auf, wenn zwanzig Schritte entfernt eine Springmaus vorbeiraschelte.

Es war sehr unwahrscheinlich, dass jemand den Alten überraschen konnte.


*


Den Fremden hatten sie nicht vergessen. Was sie zu besprechen hatten, war nicht für seine Ohren bestimmt. Darum nahmen sie ihn erst in Augenschein, als zwischen ihnen alles gesagt war.

Er stand hinter seiner klapprigen Mähre, die traurig den Kopf hängen ließ und die Stelzbeine gegen den steinigen Weg stemmte, als müsste sie jede Sekunde unter der Last des Packens hinter dem Sattel zusammenbrechen.

Old Joe grinste und postierte sich so, dass er sowohl die Schlucht und den Hang drüben als auch den fremden Hombre im Auge behalten konnte.

Nichts für ungut“, sagte er. „Ich wollte nur nicht, dass Sie in die Sache hineingezogen werden. Wenn hierzulande jemand mit einem Gewehr im Anschlag steht und einen in freundlicher Absicht auffordert, vom Gaul zu steigen, dann hat das schon seinen Sinn. Es ist dann nämlich nicht auszuschließen, dass eine Versteigerung von blauen Bohnen bevorsteht ...“

Der Mann kam um seine Mähre herum und drückte sich ein Tuch auf das rechte Ohr. „Dann muss ich den Zuschlag bekommen haben.“ Er sprach den Dialekt der Leute von der Ostküste.

Old Joe verschlug es die Sprache. Tom zog die Brauen hoch. Der Mann hatte etwas abgekriegt!

Wie es aussah, war ihm die Kugel übers Ohr geraspelt, die keiner von ihnen hatte vorbeipfeifen hören.

Knurrend meinte Old Joe: „Der Kerl hat ’n Augenmaß wie ’n blindes Schwein!“ Und lauter fügte er hinzu: „Sie können von Glück reden, dass es nicht schlimmer für Sie gekommen ist. Hält das Ohr bis Great Falls? Das ist nämlich das nächste Nest.“

Ich werde es nicht festnähen müssen“, erwiderte der Mann. Seine Stimme und seine trockene Art standen in argem Widerspruch zu seinem städtischen Aufzug.

Aus der Nähe gesehen wirkte er auch weniger wie ein gerade ins Land gekommenes Greenhorn. Eher schon eine Spur hartgesotten. Die Augen blickten scharf und durchdringend und verrieten etwas von seiner wachsamen Bereitschaft, auf überraschende Entwicklungen sofort zu reagieren.

Dann besteht ja ausreichende Hoffnung, dass Sie vor Great Falls nicht vom Gaul fallen. Klemmen Sie sich Ihr Wundertier zwischen die Schenkel und halten Sie erst wieder an, wenn Sie rechts und links die Häuser von Great Falls sehen“, meinte Old Joe und machte eine einladende Geste den Weg hinab.

Der Mann studierte die Szene gründlich.

Der alte Graubart und der jüngere Mann, um den ein Schwarztimber heraumsauste, hatten mit ihm nichts im Sinn. Die steckten in einer anderen Sache fest. Den Alten hatte er ja schießen sehen!

Und wie der dort am Schluchtrand stand, besagte außerdem, dass die Auseinandersetzung noch nicht beendet war.

Seine Augen wurden schmal, als er Radspuren über den Schluchtrand führen sah.

Er bewegte sich mit größter Vorsicht und kniff die Lippen zusammen. Mit beiden Händen packte er das Sattelhorn und zog sich auf den Gaul.

Old Joe und Tom konnten jetzt sein Ohr mit Muße betrachten. Es hing tatsächlich noch fest. Aber wenn die Kugel nur um Fingerbreite nach innen gegangen wäre, hätte der Mann keinerlei Sorgen mehr auf dieser Erde gehabt.

Er trug keinen Revoler und hatte auch kein Gewehr am Pferd hängen.

Ich bin schon fort“, sagte er mit schmalen Lippen. Damit trieb er die Mähre an und lenkte sie hart an Old Joe vorbei.

Sein Kopf wandte sich nach links. Er spähte hinunter in die Schlucht. Und mit einem Ruck zog er die Schultern hoch, als befürchtete er, aus nächster Nähe eine Kugel zwischen die Schulterblätter zu kriegen.

Denken Sie nur nicht, dass wir das waren!“, rief Old Joe ihm nach, der die Gedanken des Mannes genau erriet. „Sie lag schon unten, als wir heraufkamen.“

Ob der Mann das glaubte, war fraglich. Jedenfalls war er ein vorsichtiger Gentleman. Er schlug der Mähre die Hacken ein und brachte das Wunder zuwege, sie zu einem rüttelnden Trab zu veranlassen.

Ein paar Minuten später verschwand er um die Wegbiegung.

Der hält uns für die abgebrühtesten Strolche von ganz Texas“, sagte Tom. „Sollte mich nicht wundern, wenn er in einem Streifen bis Great Falls durchreitet und dort Stimmung gegen uns macht.“

Tja, der glaubt mir kein Wort“, seufzte Old Joe. „Sieh zu, dass du vor den Leuten aus Great Falls zurück bist, die er uns auf den Hals hetzt. Eigenartig, was?“

Was meinst du?“

Drei Kerle lassen die Abendkutsche runterkippen, und dann schießt von denen einer so miserabel, dass er einem gänzlich Unbeteiligten um ein Haar das Ohr abpflückt.“

Tom verstand es auch nicht.


*


Thunders Hufe rumorten über den Pass.

Tom ließ den Hengst ausgreifen. Dem Timber hatte er eine Ansprache gehalten und bei Old Joe zurückgelassen. Er hoffte, dass das gut ging.

Als er den Passweg hinter sich hatte und Thunders Kopf nach Osten in die Ebene ausrichtete, hörte er ferne Schüsse aus der Bergwelt grollen.

Da war der Alte wieder bei der Arbeit. Vielleicht wollte der eine Kerl unter dem Überhang herauskriechen. Oder er hatte den zweiten Halunken in der Schlucht erspäht, der sich davonmachen wollte.

Es war Tom eine Beruhigung, Old Joe auf dem Posten zu wissen. Dem alten Biber konnte keiner so schnell etwas vormachen. Solang es hell war, ließ der keine Seele aus der Schlucht.

Und spätestens bis zum Nachmittag gedachte Tom mit einem Trupp Leute aus Horno zurück zu sein, damit die Toten geborgen werden konnten und man ihnen ein christliches Begräbnis verschaffte.

Arnos Lionel, den er in eine Felsspalte versenkt hatte, fuhr seit zwanzig Jahren die Kutschen über den Pass am Pulga. Soweit bekannt war, hatte der Mann nie eine Fracht oder eine Kutsche verloren, wenngleich es Dutzende Überfälle gegeben hatte.

In Horno besaß Lionel einige Freunde.

An die dachte Tom in erster Linie bei der Zusammenstellung des Trupps. Einen Sheriff hatte es in dem Nest nie gegeben. Die Bürger regelten ihre Belange in eigener Verantwortung und waren gut damit gefahren.

Auf der Wechselstation mussten sie noch die Abschrift der Passagier und Frachtliste von der Abendkutsche haben.

Ein Blick in diese Listen brachte vielleicht Licht in die düstere Angelegenheit. Niemand ließ eine Kutsche abstürzen, ohne dann einen Nutzen aus dem Unglück zu ziehen.

Es war möglich, dass Lionel eine von den kleinen Eisenkisten an Bord gehabt hatte, in denen sich die Banken auf der anderen Seite der Berge Geld schicken ließen. Oder die Armee hatte der Kutsche Soldgelder mitgegeben. Keine große Summe. Denn bei namhaften Beträgen setzte die Armee lieber eigene Kuriere in Marsch.

Damit waren auch schon die denkbaren Motive erschöpft. Die Passagiere hatten nicht ausgesehen, als seien sie je mit irdischen Gütern besonders reich gesegnet gewesen.

Und wenn doch, dann hatten sie ihren Reichtum gewiss nicht während dieser Fahrt bei sich getragen.

Die Sache ergab nur einen Sinn, wenn aus der Kutsche etwas zu stehlen war, das auch noch nach dem Sturz in die Schlucht vorhanden gewesen sein musste und das die Kerle dort aus den Trümmern hatten herauslesen können. Oder das zu holen sie gerade im Begriff waren.

Jedenfalls etwas, das nicht zerbrach. Geld zum Beispiel.

Der dritte Mann war ein Risiko für Old Joe. Die Schüsse hatten ihn längst alarmiert. In der Bergwelt da oben gab es viele Verstecke, und genauso viele Möglichkeiten, unbemerkt bis an den Pass heranzukommen.

Das war schon immer die Schwäche der Passage am Pulga.

Tom hoffte, dass der Schwarztimber und Clara dem Alten verlässliche Partner waren und ihn beizeiten warnten, wenn da jemand durch Rinnen und Falten herankroch.

Er gab dem Hengst den Kopf frei und ließ ihn laufen.

Das Land hier unten war staubtrocken und schon jetzt am Morgen heiß und feindlich.

Mit jeder Meile näher an Horno heran wurde es noch trostloser.

Horno war ein spanisches Wort und hieß nichts anderes als Backofen.

Ein Backofen war das Nest in der Tat.

Er musste die Kräfte von Thunder einteilen. Wasser aus einem Brunnen gab es erst am Ziel.

Jeweils eine Meile trieb er den Blauschimmel, dann führte er ihn zehn Minuten am Zügel, damit er nicht steif wurde.

Gewohnheitsmäßig blickte Tom von Zeit zu Zeit hinter sich.

Er sah nur seine eigene Staubwolke, aber nichts, das auf einen Verfolger hindeutete.


*


Aus Gewohnheit zog Old Joe den Kopf ein und rannte zur rückwärtigen Felswand, als Schüsse krachten.

Nur ein Narr behielt dann die Nase oben. Darum bekamen Narren auch meist gleich eins drauf.

Dann merkte er, dass die Schüsse weder von drüben kamen, noch in der Schlucht fielen. Er hörte auch keine Geschosse pfeifen.

Die Schießerei war in Richtung Great Falls im Gange. Irgendwo auf dem Weg.

Es lag an den Schluchten und Bergrücken, dass es sich anhörte, als spiele sich alles kaum zweihundert Schritte entfernt ab.

Das Greenhorn! schoss es dem Alten durch den Schädel. Der dritte Mann!

Der Hombre auf dem jämmerlichen Gaul steckte mitten im tiefsten Verdruss und besaß keine Waffe, um sich den Pferdewächter vom Hals zu halten!

Old Joe überlegte.

Verschwand er von hier, dann entwischten ihm die zwei Kerle, die er festgenagelt hielt.

Blieb er, dann sah es für den feinen Hombre böse aus.

Er packte die Hawken-Büchse, die er gegen die Felswand gelehnt hatte, füllte Pulver aus der Flasche ein, drückte es mit dem Ladestock fest und presste eine lederumwickelte Kugel darauf.

Das Flügelzündhütchen setzte er im Laufen auf.

So schnell es sein steifes Bein zuließ, eilte er zur Biegung und besah sich das nächste Wegstück.

Er vermutete richtig. Der Hombre in der feinen Kleidung kriegte von einer Hochfläche an der Flanke des Pulga Zunder. Und das nicht zu knapp.

Old Joe sah zwei Blitze dort oben. Dann toste der Krach der Schüsse wieder durch die Bergwelt, und der dumpfe Hufschlag der traurigen Mähre steigerte sich zum wilden Klappern.

Wenigstens laufen konnte der jammervolle Bock.

Der Weg schwang in weiten Bogen abwärts, der Hombre befand sich an einer Stelle, die Old Joe nicht ein sehen konnte.

Tröstlich war das emsige Klappern der Eisen. Solange der Gaul lief, war es nicht schlimm um ihn bestellt.

Aber der dritte Kerl konnte von der Hochfläche drüben den gesamten Weg abwärts einsehen und sich einschießen.

Mochte er zunächst auch nicht treffen, alle Kugeln gingen nicht fehl.

Das war eine alte Bergtrapperweisheit.

Old Joe suchte sich einen Felsvorsprung, an dem er die Hawken auflegen konnte.

Der Halunke schien sich sehr sicher zu fühlen. Er knallte weiter aus der Höhe herunter.

An Munition mangelte es ihm nicht.

Der Alte visierte die kaum wahrnehmbare Gestalt vor der rostbraunen Ostflanke des Pulga an, hielt daumenbreit darüber und krümmte den Finger.

Die Büchse versetzte ihm einen derben Stoß und eine Ohrfeige. Die mächtige Pulverrauchwolke vernebelte die Aussicht.

Der mörderische Krach orgelte und rumpelte in den Bergen, dass es sich anhörte, als stürze der Pulga zusammen.

Hustend und mit verkniffenem Gesicht trat Old Joe soweit zur Seite, bis er ungehinderte Sicht hatte.

Die Gestalt war verschwunden. Von der Hochfläche fielen keine Schüsse mehr.

Aus der Tiefe drang das hastige Hämmern galoppierender Hufe herauf.

Geräuschvoll zog Joe die Nase hoch und trat zum Scheitelpunkt der Biegung. Der Blick streifte in den hintern Teil der Schlucht, die von einer scharzen Granitmauer abgeschlossen wurde. Dahinter streckte sich ein wildes Canyongebiet mit seiner verwirrenden Farbenvielfalt aus.

Dort hinten wand sich der Weg hinab. Nahe genug der Hochfläche, um ihn mit einem Gewehr zu bestreichen.

Und nahe genug, um ...verdammt!

Der Alte stand wie angewurzelt. Dann fluchte er entsetzlich und nannte sich einen einäugigen Hornochsen.

Als die Schüsse loshämmerten, hatte er nur überlegt, was wichtiger war die Kerle in der Schlucht zu bewachen oder dem Greenhorn zu helfen.

Er hatte sich für die Hilfe entschieden.

Jetzt begriff er endlich, warum weder er noch Tom die Kugel von der Felsleiste hatten pfeifen hören.

Der Hundesohn drüben hatte gar nicht sie gemeint. Er hatte den Hombre in der noblen Kleidung treffen wollen und ihm auch um ein Haar das rechte Ohr weggesäbelt.

Und dieser dritte Mann, der aus sicherer Höhe ein Scheibenschießen veranstaltet hatte! Weil der Weg nah genug herankam, hatte er den Reiter auf dem stelzbeinigen Bock erkannt und mit Blei eingedeckt!

Teufel noch eins! Das war ja eine schöne Bescherung!

Die drei Strolche hatten mit dem Gentleman einen Truthahn zu rupfen. Ausgerechnet in der Gegend, wo eben diese drei Lumpen die Abendkutsche in die Schlucht getrieben hatten.

Von Zufällen und schicksalhaften Fügungen hielt Old Joe nicht viel.

Was sich hier abspielte, war kein Zufall. Es war Absicht.

Die drei Galgenvögel hatten etwas mit dem Hombre zu schaffen. Und er mit ihnen.

Ein Geschäft, bei dem mit Blei bezahlt wurde.

Old Joe reckte den mageren Hals, als er weit entfernt und schon tief unten bei den rot-golden leuchtenden Canyons die Staubwolke gewahrte, die hinter einer Felsbastion emporquoll. Wenig später kam der Hombre ins Blickfeld.

Er hielt sich wacker auf dem fellbespannten Knochengerippe und hantierte mit Armen und Füßen, um die Mähre in Schwung zu halten. Keinen Blick warf er zurück.

Es genügte ihm, dass nach dem betäubenden Donnerschlag nicht länger auf ihn geschossen wurde.

Da soll doch der Bär in der Höhle verrückt werden!“, knurrte Old Joe grämlich. „Der dumme Tropf in der Geschichte bin ich, wie es jetzt aussieht.“

Diese erschütternde Einsicht bewog ihn, schleunigst zu dem Maultier und dem Timber zurückzukehren.

Ein misstrauischer Blick in die Schlucht half ihm jedoch auch nicht weiter.

Die Geier waren nicht zurückgekehrt, und drüben blieb alles still.

Der Schwarzwolf hatte sich an den Schluchtrand gekauert und witterte schniefend in den aufsteigenden Wind, der abenteuerliche Gerüche mitbrachte.

Old Joe lud die Hawken neu, belud sich mit der Wasserflasche und suchte sich einen bequemen Platz am Schluchtrand.

Dort unten würde es den ganzen Tag hübsch kühl bleiben. Hier drüben würden aber bald die Steine in der Hitze glühen.

Er schob sich einen Bissen Kautabak in den Mund und wartete. Was Geduld und Ausdauer betraf, nahm er es mit jedem Indianer auf.

Dass die drei Kerle - oder zwei, wenn er den auf der Hochfläche richtig erwischt hatte ebenfalls diese Geduld aufbrachten, bezweifelte er.

Er hatte guten Grund, das anzunehmen.

Denn sie hatten schlecht geschossen. Schlampig, hastig, viel zu nervös.

Diese Eile würde sie irgendwann wieder unvorsichtig machen. In einer, in zwei Stunden.

Sollten sie es werden. Er konnte warten.


*


In der schlimmsten Mittagshitze warf Sam plötzlich den Kopf hoch. Sein Fell sträubte sich, aus seiner Brust brach ein rollendes Knurren.

Old Joe bewegte sich sofort von seinem Platz über der Absturzstelle und den Toten dort unten weg.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738907803
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Februar)
Schlagworte
texas wolf morgen

Autor

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Titel: Texas Wolf #26: Morgen stirbst du, Old Joe!