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Falsches Spiel mit echtem Gold

2017 130 Seiten

Leseprobe

Falsches Spiel mit echtem Gold


A.F.Morland


Ein Carter-Western



IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


Klappe

Hass brannte in Ricky Vatans geweiteten Pupillen. „Keiner verprügelt mich ungestraft“, lallte er, als wäre er betrunken. Das Sprechen fiel ihm schwer. Zwei Schneidezähne wackelten. Seine Lippen waren dick geschwollen. Und er hatte sich ziemlich fest in die Zunge gebissen. Lalo Butterfield ahnte, was er vor hatte. „Verdammt, Ricky, mach keinen Blödsinn!“, stieß er gepresst hervor. Doch Ricky Vatan hörte nicht auf ihn. Er machte den Blödsinn. Niemand konnte ihn daran hindern. Er richtete die Waffe auf Cattarro, der nicht schnell genug aus der Hängematte kam. Der Stiernackige konnte nur den Kopf in Vatans Richtung drehen. Dann krachten die Schüsse in rascher Aufeinanderfolge. Ollie Cattarro hatte keine Chance. Die Zeit reichte für keine Reaktion. Er musste alle sechs Kugeln „schlucken“...




Roman

Die Luft im Saloon war so dick, dass man sie hätte in Würfel schneiden und zur Tür hinausschieben können. Und sie roch nach Ärger. Wie immer, wenn Gordon Snake zu viel getrunken hatte. Nüchtern war der in braunes Wildleder gekleidete, große, kräftige Mann ein hervorragender Scout, auf den auch Ambrosius Knox, der Sheriff, hin und wieder gern zurückgriff. Klug, mutig und schlau. Zuverlässig und umgänglich.

Aber ein paar Gläser Whiskey zu viel machten aus ihm einen unleidlichen, leicht reizbaren und extrem streitsüchtigen Zeitgenossen.

Diesmal hatte er es auf den Wirt abgesehen. Carter stand gelassen am Tresen. Er hatte ein Glas Bier neben sich stehen und beobachtete interessiert das Geschehen.

Er war groß und schlank, hatte dunkelblaue Augen und leicht gelocktes schwarzes Haar. Die Damen mochten ihn und ließen sich zumeist nicht lange bitten, sondern erlagen sehr schnell seinem umwerfenden Charme.

Er machte aber auch einen verdammt guten Eindruck mit seinem stets blütenweißen Hemd, dem schwarzen Gehrock und den schmalen Hüften.

Gordon Snake hatte Salman Hinkle, den Wirt, an seinen Tisch gerufen. Hinkle war mittelgroß. Er hatte kaum noch Haare auf dem Kopf, und unter seiner Schürze wölbte sich ein ansehnlicher Bauch. Schließlich war er nicht zu faul zum Essen, wie er gerne grinsend betonte.

„Ist irgendetwas nicht in Ordnung?“, erkundigte er sich dienernd.

Snake zeigte auf seinen Teller. „Was ist das?“

Hinkle sah ihn verwirrt an. „Ich verstehe deine Frage nicht.“

„Wofür hältst du das?“

„Für ein T-Bone-Steak mit Bratkartoffeln.“

Snake riss die Augen auf, als wäre er beeindruckt. „Ach, das soll ein T-Bone-Steak sein. Ich hab’s für eine zähe alte Ratte gehalten. Ich hasse zähe alte Ratten. Sie widern mich an. Wie kannst du es wagen, mir so einen elenden Fraß vorzusetzen? Du denkst wohl, dem besoffenen Trottel kann man so etwas getrost unterjubeln. Der merkt ohnedies nicht mehr, was er auf dem Teller hat. Ich bezahle nicht mit gutem, ehrlich verdientem Geld für so ein Saufutter.“

Der Wirt fühlte sich in seiner Ehre als Koch gekränkt. „Das Steak ist völlig okay“, wagte er zu behaupten.

„Sag das noch mal und ich schlage es dir um die Ohren.“

„Das Fleisch ist gut abgehangen, scharf angebraten, wie du es wolltest, nicht zu stark gewürzt und – alles in allem - total in Ordnung.“

Gordon Snake sprang auf. „Nichts ist in Ordnung!“, brüllte er. Im Saloon war es sogleich mucksmäuschenstill. Snake packte das T-Bone-Steak und begann den Wirt damit zu ohrfeigen. Klatsch. Klatsch. Klatsch. Es landete so lange immer wieder auf Hinkles rosigen Wangen, bis Carter dazwischen ging. „Das reicht!“, herrschte er den alkoholisierten Scout an.

Snake meinte, sich verhört zu haben. Er ließ von Hinkle ab und wandte sich Carter zu. „Hast du was gesagt?“

„Da, wo ich herkomme, spielt man nicht mit dem Essen.“

„Was mischst du dich ein, he? Das ist eine Sache zwischen dem Wirt und mir.“

„Leg das Steak auf den Teller und geh nach Hause.“

Gordon Snake machte ein angewidertes Gesicht. „Ich mag dich nicht, Bruder.“

„Dein Problem.“

„Es gefällt mir nicht, wie du deine Colts trägst.“

„Passt dir sonst noch etwas nicht an mir?“

„Du bist ein Revolvermann, habe ich recht? Erledigst deine Angelegenheiten oft und gerne mit den Colts. Wahrscheinlich ziehst du verdammt schnell und triffst hervorragend.“

„Geht so. Steak auf den Teller und Abmarsch!“

Gordon Snake kniff die Augen zusammen. „Bist du wirklich so gut, wie du dich gibst oder bluffst du bloß?“

„Versuche es lieber nicht herauszufinden.“

„Ich will es aber wissen.“ Snake legte das T-Bone-Steak auf den Teller.

„Ich schieße auf keine Betrunkenen. Schlaf erst mal deinen Rausch aus. Wenn du morgen noch scharf auf ein Duell bist, stehe ich dir zur Verfügung.“

„Wir erledigen das gleich jetzt“, knurrte der Scout.

Alle gingen aus der Schusslinie. Der Wirt schlich davon und brachte sich hinter dem Tresen in Sicherheit. Die Spannung brachte die dicke Luft zum Knistern. Carter hasste diese Situationen. Ganz gleich, wohin er kam. Es gab immer irgendwelche Blödmänner, die sich unbedingt mit ihm messen wollten. Es machte ihm keinen Spaß, zu zeigen, wie schnell er war. Er wusste es. Verdammt, warum reichte das nicht?

„Wenn du an deinem Leben hängst, lässt du deine Kanone besser im Holster!“, warnte er den Scout. „Du kannst in deinem Zustand nicht schneller sein als ich.“

„Was hast du an meinem Zustand auszusetzen?“

„Du bist betrunken.“

„Ich bin stocknüchtern. Und nun hör auf zu quasseln und zieh!“

„Lass stecken, Mann, sonst schieße ich dir die struppigen Haare von deinem blöden Schädel!“, rief in diesem Moment Salman Hinkle und richtete eine Schrotflinte über den Tresen auf den Scout.

Jetzt wusste Gordon Snake nicht, auf wen er zuerst schießen sollte. Ballerte er auf den Wirt, erledigte ihn Carter. Schoss er auf diesen, legte ihn Hinkle um. Eine hässliche Form von „Zwickmühle“ war das.

Da er das Gesicht nicht verlieren wollte, war guter Rat im Moment verflucht teuer. Der Himmel löste das Problem für ihn, indem er Ambrosius Knox in den Saloon schickte. Der robuste, kompakte, mittelgroße Sternträger stieß die Schwingtüren energisch auf, trat ein und erfasste sogleich die prickelnde Situation. „Wer dieses kindische Spiel überlebt, wird von mir erst mal eingelocht und anschließend – wenn er Pech hat – aufgeknüpft“, schnarrte der Gesetzeshüter. „Ist das klar?“

Carter entspannte sich. Der Wirt ließ die Schrotflinte verschwinden. Die Gäste kehrten an ihre Tische zurück. Ambrosius Knox fixierte den Scout mit durchdringendem Blick und fragte: „Geht es dir gut, Gordon?“

„Warum fragst du?“

„Weil du aussiehst, als solltest du heimgehen und dich aufs Ohr hauen.“

„Ich bin mit meinem Steak noch nicht fertig.“

Der Sternträger nahm den Teller, drückte ihn dem Scout in die Hände und sagte: „Nimm es mit. Daheim schmeckt sowieso alles viel besser.“

Sobald Gordon Snake den Saloon verlassen hatte, wandte sich der Gesetzeshüter an Carter. „Was war denn los?“ Der Gefragte erzählte, was sich während der vergangenen Minuten gefährlich zugespitzt hatte, und Ambrosius Knox meinte lächelnd: „Na, da bin ich ja zum genau richtigen Zeitpunkt erschienen.“ Der Wirt gab eine Lokalrunde aus. Knox nickte grinsend und meinte hoch erfreut: „Ich sag’s ja. Ich hätte den Zeitpunkt nicht besser wählen können.“

*

Was tut ein Westmann am Morgen, bevor er seine Stiefel anzieht? Er schüttelt sie aus. Weil etwas drinnen sein könnte, das nicht hinein gehört.

Gavin Smart drehte den ersten Stiefel um. Nichts. Er zog ihn an. Aber im zweiten Stiefel hatte ein dicker, fetter, bleicher Skorpion übernachtet, und dessen verdammter Giftstachel hätte hier draußen, in der elendstrockenen Einsamkeit der sandigen Plains, mit einem einzigen Stich unsägliche Schmerzen, heftige Fieberschübe, vielleicht sogar einen qualvollen Tod zur Folge haben können.

Smart grinste. Er hatte große, kräftige, gesunde Zähne, die allerdings nicht besonders viel von geordneter Regelmäßigkeit hielten und deshalb höchst eigenwillig aus dem rosigen Zahnfleisch ragten.

„War wohl nix mit der geplanten Überraschung, was?“, sagte Gavin Smart spöttisch.

Er zog den zweiten, nunmehr ebenfalls leeren Stiefel an und stand auf. Der Skorpion machte einen folgenschweren Fehler. Er kroch nicht von Gavin Smart weg, sondern mit aggressiv nach vorn gebogenem Schwanz samt Stachel auf ihn zu, und damit fällte er sein eigenes Todesurteil, denn der Westmann nahm die Herausforderung sofort an und zertrat ihn mit dem Absatz – und mit Genuss.

„Selbstmörder“, sagte Smart hinterher und schüttelte verständnislos den Kopf. „Wenn du dich verkrümelt hättest, hättest du meinetwegen ein langes, freudvolles Skorpionenleben leben können. Mit Weibchen und vielen Nachkommen. Aber nein. Du wolltest es ja unbedingt wissen. Und jetzt bist du tot. Das hast du davon.“

Er machte Feuer, um Kaffee zu kochen. Der Rücken tat ihm weh. Unter freiem Himmel zu schlafen war für ihn kein Vergnügen. Da war ihm noch ein altes, knarrendes, durchgelegenes Bett voller Wanzen lieber. Aber er hatte Tremesa, Arizona, wegen eines rasend eifersüchtigen Ehemanns Hals über Kopf verlassen müssen.

„Selber schuld, der Alte“, grummelte Gavin Smart, während er mit zusammengezogenen Augenbrauen den kochend heißen Kaffee schlürfte. „Erstens heiratet man keine wunderschöne, kokette, heißblütige Frau, die fast zwanzig Jahre jünger ist. Zweitens sollte einem klar sein, dass man damit die Verpflichtung eingeht, seinen Garten aufmerksam zu betreuen und regelmäßig zu bestellen. Und drittens kann man von einer nach Liebe, Leidenschaft und Befriedigung lechzenden, jedoch in dieser Hinsicht permanent unterversorgten jungen, lebenslustigen Frau nicht ewige Treue verlangen.“

Als er den kleinen Trader Store zum ersten Mal betreten hatte, hatte ihn Shannon Baxter verführerisch angelächelt, ihm schöne Augen gemacht und sich auf unmissverständliche Weise offeriert, und er wäre ein ausgemachter Idiot gewesen, wenn er dieses verlockende Angebot ignoriert oder gar abgelehnt hätte. So etwas tut ein Gentleman nicht.

Er nimmt dankbar an, was ihm eine offenherzige, zu allem bereite Lady großzügig geben möchte, und genießt es aufrichtig und ehrlich.

Sie hatte sich im gerammelt vollen Lager zitternd, schwer atmend und mit glühenden Wangen an ihn gedrückt und sich von ihm leidenschaftlich küssen und überall – auch zwischen den Beinen - streicheln lassen, während sich Torben Baxter, ihr Ehemann, mit einem Farmer, der viele Sonderwünsche gehabt hatte, herumplagen musste.

Gavin Smart wäre im Lendenbereich beinahe explodiert, weil Shannon Baxter, trotz aller Leidenschaft, die auch in ihr brannte, nicht den Mut gehabt hatte, es gleich hier und jetzt zum Äußersten kommen zu lassen.

„Bitte“, keuchte sie. „Wir müssen vernünftig sein.“

„Das kann ich nicht – nicht mehr“, flüsterte er hungrig.

„Du musst.“

„Ich koche fast über.“

„Ich ja auch. Aber Torben ist gleich nebenan.“

„Daran hättest du früher denken sollen.“ Dicke Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Sein Herz raste. Seine Hose wurde von einer nie erlebten Härte extrem gespannt. „Es ist nicht fair, einen Mann zuerst auf hundert zu bringen und sich ihm dann im entscheidenden Moment zu verweigern.“

„Torben Baxter ist wahnsinnig eifersüchtig. Er würde dich auf der Stelle erschießen, wenn er uns dabei erwischt.“

„Ich bin bereit, es darauf ankommen zu lassen“, krächzte Gavin Smart.

Sie hielt ihn mit beiden Händen davon ab, sein sperriges Ding herauszuholen. „Ich möchte meinen fünfundzwanzigsten Geburtstag erleben.“

„Wann ist der?“

„Nächstes Jahr.“

Er zuckte plötzlich heftig zusammen. „Jesses.“

Sie sah ihn erschrocken an. „Was ist?“

„Jetzt ist es passiert“, ächzte er.

„Was ist passiert?“, fragte Shannon.

Wie naiv sie doch sein konnte.

Er zog verlegen die Schultern hoch. „Na ja, der – der Schuss ist soeben losgegangen. Ich konnte mich nicht länger beherrschen.“

Sie küsste ihn mit weichen, warmen, feuchten Lippen auf den Mund. „Heute Abend“, flüsterte sie zärtlich. „Heute Abend kannst du mich haben, Gavin. Versprochen.“

„Wo?“

Shannon zeigte nach oben. „Auf dem Dach. Wir machen Liebe unterm Sternenhimmel, okay? Während Torben schläft.“

Sie stand zu ihrem Wort. Der Himmel war pechschwarz, der Mond fast voll. An der Rückseite des Hauses führte eine steile Holztreppe direkt aufs flache Dach.

Gavin Smart schlich die verwitterten, leise ächzenden und knarrenden (das ließ sich nicht vermeiden) Stufen wie ein Kater auf Brautschau hinauf und stellte erfreut fest, dass er bereits erwartet wurde.

Shannon Baxter hatte kaum was an, damit er sie nicht erst lange auspacken musste. Ihre nackten Schultern glänzten wie mattes Silber.

Gavin Smarts wilder Krieger war bereit zum lustvollen Kampf. Der Wunsch, Shannons Liebesfestung fest zu nehmen, brannte schon verflucht heiß in ihm.

Shannon Baxter empfing ihn mit einem warmen, vielversprechenden Lächeln. Gleich würde sie sich vor Freude und Sehnsucht kraftvoll, leidenschaftlich und opferbereit von ihm erobern lassen.

Die Stunde der Wollust war angebrochen. Halleluja.

Shannon saß mit verschränkten Beinen auf dem Dach. Normalerweise trug sie mehrere Röcke übereinander. Diesmal nur einen.

Und sie verriet ihm kokett, dass sie darunter nichts an hatte. Dieses intime Geständnis machte ihn schwindelig. In seinem Kopf setzte ein gieriges Brausen ein.

„Komm her, Gavin“, flüsterte sie lockend und begehrlich. „Du hast etwas, das ich ganz dringend brauche.“ Sie schaute dabei genau dort hin, wo es war.

Er ging aufgewühlt zu ihr. In der Region unterhalb seines Gürtels pochte es gewaltig. Shannon hob die Hände und befreite ungeniert das Objekt ihrer Begierde. Seine dicke Rute schnellte federnd vorwärts. "Oh." Sie kicherte. "Was für ein prächtiges Spielzeug."

Sie sagte das nicht nur. Sie begann auch gleich, sich mit seinem kleinen Gavin, der gar nicht mal so klein war, mit weichen, sanften Händen zärtlich zu beschäftigen. Streicheln... Drücken... Kneten... Massieren... Und zwischendurch strich ihr Daumen immer wieder über die empfindliche Kuppe. Gavin merkte, dass sie all das nicht zum ersten Mal machte, dass sie in diesen Dingen einige Erfahrung hatte.

Klar, sie ist ja eine verheiratete Frau, dachte er. Ihm fiel auch höchst angenehm auf, dass ihr das, was sie tat, ungemein großen Spaß machte.

Ihm drohte der Schädel zu explodieren. Er atmete schwer und stöhnte laut. "Du – du darfst es nicht übertreiben, Baby", krächzte er. "Sonst..."

Er brauchte nicht weiterzusprechen. Sie verstand und ließ lächelnd von ihm am. "Setz dich zu mir, Gavin“, verlangte sie.

Er ließ sich neben ihr nieder, nahm ihren Kopf und die wundervoll duftende Fülle ihres seidenweichen Haares zwischen seine Hände und küsste sie mit brennender Leidenschaft auf die roten Lippen.

Sie erwiderte seine Küsse mit der gleichen Intensität, und als seine Hand zwischen ihre festen Schenkel glitt, gab es für sie beide kein Halten mehr.

Der Sternenhimmel schien über ihnen einzustürzen, und ein Sturm nie erlebter Glücksgefühle riss sie wirbelnd, brausend und tosend fort.

Shannon hatte nicht gelogen. Sie war unter dem dünnen Baumwollrock tatsächlich frei und bereit. Gavins Hand berührte im Zentrum ihres Schoßes sumpfiges Lustland. Shannon Baxter zuckte heftig zusammen. Ihre Liebesauster kochte beinahe über, und als seine Finger sich zwischen den weichen, wulstigen Rändern in die Tiefe wagten, entrang sich Shannons Kehle ein glückseliges Schluchzen.

Es kam zu dem, was beide wollten, und Shannon bewies, dass sie in diesen Dingen unbeschreiblich talentiert war. Gavin Smart musste ihr auf einer Skala von eins bis zehn eine glatte Zwölf zugestehen.

Shannon Baxter lag lustvoll keuchend unter ihm und warf sich seinen Stößen wild und hemmungslos entgegen. Unermüdlich zuckte ihr in Flammen stehendes Becken hoch, und während Gavin bis zum Ende ihres Liebestals vordrang, trieb ihm die Leidenschaft den Schweiß aus allen Poren.

"Dreh dich um!", verlangte er atemlos, und Shannon gehorchte sofort.

Er starrte auf ihr blankes, wohlgeformtes Hinterteil. Sie kniete vor ihm, er fand zum zweiten Mal spielend leicht ins Zentrum ihrer Hitze und sie erlebten gemeinsam einen Höhepunkt der Sonderklasse.

Ein funkelnder Sternenregen schien auf sie herabzuprasseln, und sie glühten noch eine Weile nebeneinander liegend sehr intensiv nach.

"Du bist die verführerischste, attrakrivste und begehrenswerteste Frau, die mir je begegnet ist, Shannon Baxter", stieß Gavin nach einer langen, genussvollen Pause heiser hervor.

Sie schmunzelte. "Das sagst du doch nur so..."

"Es ist wahr. Ich soll tot umfallen, wenn es nicht stimmt. Ich habe mich auf den ersten Blick unsterblich in dich verliebt."

"Das hättest du nicht zulassen dürfen."

"So etwas lässt sich doch nicht verhindern. Es passiert einfach. Ohne irgendjemandes Zutun. Wie ein Blitz aus heiterem Himmel..."

"Aber ich bin verheiratet..."

"Ja. Leider. Doch das kann man ändern."

"Wie denn?"

Gavin Smart zuckte mit den Achseln. "Wie? Na ja, du könntest dich scheiden lassen."

Sie schüttelte sogleich heftig den Kopf. "Das könnte ich Torben niemals antun."

„Torben?“

„So heißt mein Ehemann“, sagte sie. „Torben Baxter. Es steht ganz groß über unserer Ladentür. Hast du’s nicht gelesen?“

„Doch, doch. Es ist mir im Moment bloß entfallen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass du ihn liebst."

"Irgendwie schon. Er ist gut zu mir, hat mich noch nie geschlagen, ist großzügig. Ich kann von ihm alles haben. Er ist sehr aufmerksam, sorgt für mich, ist immer für mich da, ehrt, schätzt und beschützt mich..."

"Aber wenn es um Liebe, Lust und heiße Gefühle geht, kommst du bei ihm zu kurz."

"Zeige mir eine Ehe, die perfekt ist."

Gavin Smart war schon mit vielen Frauen zusammen gewesen, doch bei keiner hatte er bisher den Wunsch verspürt, sie zu heiraten. Die andern hätten mit Sicherheit alle jubelnd und freudestrahlend Ja gesagt, wenn er sie gefragt hätte, ob sie seine Frau werden wollten, doch solche Worte wären ihm niemals über die Lippen gekommen, weil er sich eine Ehe bis ans Ende seiner Tage mit ihnen nicht hätte vorstellen können.

Shannon Baxter war die Erste, die dafür infrage gekommen wäre, aber die war schon verheiratet und nicht bereit, sich für ihn scheiden zu lassen.

Verdammter Mist, dachte er.

Und das dachte er gleich noch einmal, als plötzlich Torben Baxter im Schlafrock und mit einem Revolver in der Faust auf dem Dach seines Hauses erschien.

Gleichzeitig fragte er sich, wieso beim Trader die Holzstufen nicht geächzt und geknarrt hatten. Konnte Shannons Ehemann etwa fliegen?

Shannon schnellte hoch und brachte hastig ihr Kleid in Ordnung. „To-Torben!“, stammelte sie. „Um Himmels willen...“

Der Trader befahl seiner Frau schroff, den Mund zu halten.

Sie sagte trotzdem: „Du – du darfst keine falschen Schlüsse ziehen, Torben. Es – es ist nicht das, wonach es aussieht.“

„Runter vom Dach, Shannon!“

„Wir haben nichts getan.“

„Geh schon!“

„Wir haben nur geredet“, versuchte Shannon ihren Ehemann zu beschwichtigen. „Nur geredet.“

Doch er glaubte ihr die dicke Lüge nicht. Warum auch? Die Situation war mehr als eindeutig. Hass loderte in seinen Augen. Er wollte den Rivalen tot sehen.

Aber er wollte ihn nicht in Gegenwart seiner jungen Frau erschießen, deshalb schickte er sie noch einmal nach unten, und er fügte harsch hinzu: „Ich bin dein Ehemann. Du hast mir zu gehorchen.“

Shannon rang flehend die Hände. „Ich bitte dich, mach dich nicht unglücklich, Torben. Das, was geschehen ist, hat nichts zu bedeuten.“

„Ach, ihr habt also doch nicht bloß geredet.“

Shannon ging nicht darauf ein. „Gavin ist nicht bewaffnet. Wenn du ihn erschießt, begehst du einen Mord.“

Torben Baxter sah das anders. Er knurrte: „Im Westen darf man Viehdiebe aufknüpfen und Dreckskerle, die einem die Frau stehlen, erschießen.“

Er erhob seine Stimme und befahl seiner triebhaften jungen Frau noch einmal mit Nachdruck, das Dach zu verlassen, und sie gehorchte endlich schuldbewusst – was Gavin Smart maßlos betrübte. Er fühlte sich von der Frau, mit der er sich hätte vorstellen können, ein ganzes Leben zu verbringen, schmählich verraten. Weiber, dachte er bitter enttäuscht. Wenn es darauf ankommt, zeigen sie ihren wahren Charakter. Sie sind im Grunde genommen alle nichts wert. Shannon beweist es soeben.

Der Trader richtete eiskalt seine Waffe auf Gavin. „Und nun zu dir, verfluchter Hurensohn.“

Gavin starrte nervös in die schwarze Mündungsöffnung.

Torben Baxter kniff die Augen zusammen. „Du hast gewusst, dass sie verheiratet ist.“

„Ja, aber sie wusste es offenbar nicht.“

„Ich weiß, wie sie ist. Du hättest trotzdem die Finger von ihr lassen sollen.“

Gavin Smart zog die Schultern hoch. „Ich bin auch nur ein Mann.“

„Du hättest dich beherrschen müssen.“

„Bei einem dermaßen verlockenden Angebot?“

„Lohnt es sich, dafür zu sterben?“

Gavin bot dem aufgebrachten Trader an, Tremesa auf der Stelle zu verlassen. „Sie sehen mich nicht wieder“, versprach er. „Und Ihre Frau auch nicht.“

Torben Baxter schüttelte gnadenlos den Kopf. „Damit ist das Verbrechen nicht gesühnt, das du begangen hast.“

Gavin Smarts Nerven vibrierten. Er fühlte sich nicht schuldig. Jedenfalls nicht allein. Verdammt, wenn Shannon nicht so triebhaft veranlagt gewesen wäre, wäre nichts passiert. „Hören Sie“, sagte er eindringlich, „ich kann verstehen, dass Sie mich hassen. Aber müssen Sie mich deshalb gleich erschießen?“ Er ging langsam auf den Trader zu. „Reicht es Ihnen nicht, mich zu verprügeln?“ Er breitete ergeben die Arme aus. „Na los. Tun Sie’s. Schlagen Sie mich. Ich hab’s verdient. Hauen Sie mir kräftig in die Fresse. Ich werde mich nicht wehren.“

Der Trader presste die Lippen grimmig zusammen und spannte den Hahn. „Gewissenlose Schurken wie du gehören ausgerottet. Du wirst nie wieder einen Ehemann hintergehen. Dafür werde ich sorgen.“

Gavin Smart blieb nichts anderes übrig, als Torben Baxter anzugreifen. Er federte blitzschnell vorwärts und packte die Revolverhand des gehörnten Ehemanns.

Sie kämpften erbittert um die Waffe, schlugen kräftig aufeinander ein, und irgendwann flog das Schießeisen in hohem Bogen vom Dach.

Daraufhin wollte der Trader seinen Rivalen entweder erschlagen oder erwürgen, und er entwickelte Kräfte, die ihm Gavin Smart nicht zugetraut hätte.

Aber er hielt nicht so lange durch wie Gavin, der um einiges jünger war. Sie stürzten, wälzten sich über das Dach und wären beinahe über den Rand hinaus gerollt. Damit der Kampf endlich aufhörte, schlug Gavin mehrere Male so hart er konnte auf den Trader ein, und als Shannons Ehemann sich nicht mehr wehrte, ließ er schwer atmend von ihm ab.

Er stand auf und murmelte: „Tut mir leid. Das wollte ich nicht.“

Er hatte zwar Torben Baxters Widerstand zerschlagen, aber nicht dessen Hass.

„Du bist tot, verlauster Kretin“, röchelte der Trader unversöhnlich. „Wenn du mir noch mal über den Weg läufst, bist du tot. Ich schwöre es bei meiner Ehre.“

Inzwischen war Gavin Smart drei Tagesritte von Tremesa entfernt und hoffte, dass Torben Baxter in seinem Kaff bei seiner Frau blieb und in Zukunft besser auf sie aufpasste, wenn er schon nicht in der Lage war, ihre Bedürfnisse restlos zu befriedigen.

*

Carter hatte einen mehrwöchigen Longhorn-Viehtrieb als Trail-Boss hinter sich. Der Job war knochenhart gewesen. Knapp zweitausend Rinder hatten nach Shalaco gebracht werden müssen. Viele Gefahren hatten auf dem Weg gelauert – Rustler, Indianer, tiefe Schluchten -, deshalb war es auch nicht ganz ohne Verluste abgegangen.

Damit war immer zu rechnen. Selbst der beste Trail-Boss kann schließlich keine Wunder wirken. Aber der Ausfall an Rindern hatte sich in verkraftbaren Grenzen gehalten, und nun ruhte sich Carter von den Strapazen und Entbehrungen erst mal in der Cattle Town aus.

Er wohnte im Haus einer jungen Witwe. In seinen Augen war Carrie Craine das, obwohl niemand bestätigen konnte, dass ihr Ehemann nicht mehr lebte.

Jonathan Craine war eines Tages auf sein Pferd gestiegen, um in einem kleinen Ort namens Willington billiges Saatgut zu kaufen, und war nicht mehr nach Hause gekommen.

Zwei Jahre war er schon weg, und Carrie Craine hoffte noch immer, dass er irgendwann zur Tür hereinkommen, sie in die kräftigen Arme nehmen, mit staubigen Lippen küssen und sagen würde: „Da bin ich wieder, Herzblatt.“

Deshalb schaute sie auch so oft aus dem Fenster. Für Carter stand fest, dass Jonathan Craine nie wieder heimkommen würde. Es gab überall Fotografien von dem Kerl. In der Küche, im Wohnzimmer und selbstverständlich, haufenweise, in Carrie Craines Schlafzimmer. Ja sogar in Carters Zimmer hing ein Bild von Carries Ehemann an der Wand. Das ganze Haus war ein Jonathan-Craine-Museum.

Der Bursche hatte keine ehrlichen Augen. Carter hielt ihn für einen gewissenlosen Feigling, der nicht den Mut aufgebracht hatte, seiner Frau zu sagen, dass er nicht länger mit ihr verheiratet sein wollte. Dass ihn die Ehe langweilte.

Einfach auf den Gaul zu steigen und ohne ein Abschiedswort zu verschwinden, war zwar keine „elegante“ und schon gar keine ehrenhafte Lösung, aber es blieb einem so manches erspart. Zum Beispiel eine unbequeme Erklärung, eine herzzerreißende Szene und viele heiße Carrie-Tränen. Davor blieb man verschont, wenn man ein Halunke war und sich mit dem Vorwand, in Willington billiges Saatgut zu erwerben, aus dem Staub machte. Goodbye. Auf Nimmerwiedersehen.

Zwei Tage nachdem Carter diesen Zwist mit Gordon Snake gehabt hatte, verwöhnte ihn die zarte, blonde, schüchterne, sehr auf Zurückhaltung und Distanz bedachte Carrie Craine mit einem köstlichen Frühstück. Es bestand aus Ham and eggs, Bohnen, schwarzem Kaffee und selbst gebackenem, herrlich duftendem Brot, und es freute die „Witwe“ sichtlich, dass es ihm so sehr schmeckte.

„Carrie“, sagte Carter nach dem Frühstück überschwänglich. „Sie sind eine wunderbare Hausfrau. Ich würde Sie am liebsten küssen.“

Sie schlug sofort die Augen nieder und errötete. „So etwas sollte ein Mann zu einer verheirateten Frau nicht sagen.“

Carter grinste unbekümmert. „Ein Küsschen in Ehren kann keiner verwehren.“

„Möchten Sie noch irgendwas?“

„Nein. Vielen Dank.“ Er legte die Hände auf seinen Magen. „Ich bin satter als satt.“

„Sie sind ein großer, starker Mann...“

Er schmunzelte. „Haben Sie die Absicht, mich zu mästen?“

Sie schwieg.

Er wohnte seit zwei Wochen bei ihr und ersetzte Jonathan Craine überall, nur nicht in Carries Schlafzimmer. Er reparierte Zäune, hackte Holz, schlug dort, wo Carrie es wollte, Nägel ein, hängte Gemälde nach ihren Wünschen um. Als er ihr mit dem Geschirr helfen wollte, sagte sie schnell: „Lassen Sie nur, das mache ich schon.“

Sie standen sehr nahe beieinander. Auf Tuchfühlung. Ihm war das sehr angenehm. Ihr wahrscheinlich auch, aber sie zeigte es nicht.

„Sie haben wunderschöne Augen, Carrie“, stellte er fest.

Sie schüttelte den Kopf. „Bitte nicht.“

„Ich sage bloß die Wahrheit.“

Sie wechselte hastig das Thema. „Sie hatten Ärger mit Gordon Snake?“

„Ärger würde ich das nicht nennen.“

„Wie sonst?“ Sie klapperte geschäftig mit den Tellern.

Er zuckte mit den Achseln. „Wir hatten eine kleine Differenz. Ich habe das schon wieder vergessen. Und Snake mit Sicherheit auch.“

„Er ist gefährlich, wenn er betrunken ist.“

„Hätten Sie um mich getrauert, wenn er mich...“

Sie drehte sich von ihm weg. „Selbstverständlich hätte mir um Sie leid getan. Es ist um jeden Menschen schade, der auf eine so dumme Weise sein Leben verliert. Ich kann euch Männer nicht verstehen. Wir Frauen haben auch Meinungsverschiedenheiten, zanken und beschimpfen uns, aber wir schießen nicht immer gleich aufeinander.“

Carter griente. „Tja, Frauen sind eben die besseren Männer.“

„Das will ich damit nicht sagen. Ich bin nur gegen dieses sinnlose Geballer. Schießen. Schießen. Ihr müsst immer gleich schießen. Kaum wähnt ein Mann, der vielleicht Frau und Kind zu Hause hat, seine Ehre angepatzt, schon greift er zum Revolver – und riskiert, ohne viel zu überlegen, erschossen zu werden. Dabei würden sich die meisten Konflikte mit einem vernünftigen Gespräch aus der Welt schaffen lassen.“

„Ich bin ganz Ihrer Meinung.“

Mit dieser Erwiderung verblüffte er sie. Sie drehte sich um und sah ihn erstaunt an. „Ach, sind Sie das?“

„Absolut. Im Westen gibt es viel zu viel Gewaltbereitschaft und es wird viel zu viel geschossen.“

„Warum gehen Sie dann nie ohne Colts aus dem Haus?“

„Ich muss mich schützen.“

„Wenn jeder seine Waffe daheim ließe...“

„Das tut aber keiner, und ich will es mir nicht leisten, den Anfang zu machen.“ Seine dunkelblauen Augen hielten ihren Blick fest. Er senkte seine Stimme. „Ich suche die Gefahr nicht, Carrie. Sie findet mich nur leider viel zu oft. Wenn es möglich ist, gehe ich ihr aus dem Weg, aber das klappt nicht immer – und dann muss ich mich ihr stellen.“

Sie atmete schwer aus. „Ich habe kein Recht, Ihnen Vorhaltungen zu machen. Es ist nur...“

Du magst mich und möchtest mich nicht verlieren, dachte er. Das gefällt mir. „Ich kann Sie sehr gut verstehen, Carrie“, sagte er sanft.

Als er wenig später das Haus verließ, trug er aber wieder seine Waffen.

*

Auf der Main Street kam ihm Gordon Snake entgegen. Der Scout blieb stehen, rümpfte die Nase und schob seinen Stetson mit dem Zeigefinger hoch. „Hab mich neulich in Hinkles Saloon ziemlich blöd aufgeführt.“

„Hast du?“

„Du weißt es nicht mehr?“

„Wird wohl nicht so schlimm gewesen sein.“

„Bist’n prima Kerl.“

Carter zuckte mit den Achseln. „Ich weiß bloß, Wichtiges von Unwichtigem zu trennen. Wie war das T-Bone-Steak.“

Gordon Snake grinste. „Meinem Hund hat’s geschmeckt.“

In ihrer Nähe belud ein Mann seinen Wagen mit zusammengeschnürten Fellen aller Art – Biber, Wolf, Hyäne... Er hatte ein paar Schrammen im Gesicht, die möglicherweise von einer Schlägerei herrührten. Als er auf den Kutschbock steigen wollte, zuckte er plötzlich zusammen, als hätte ihn ein Peitschenhieb getroffen.

„Ich habe mir vorgenommen, in Zukunft weniger zu trinken“, sagte der Scout.

„Ein lobenswerter Vorsatz.“

Snake grinste. „Man spart damit nicht nur Geld, sondern auch viel Ärger.“

„Und fängt sich keine unnötige Kugel ein.“

„Das sind eine Menge Vorteile, die man nicht außer Acht lassen sollte.“

Carter unterhielt sich zwar noch mit Gordon Snake, aber seine Aufmerksamkeit galt im Moment sehr viel mehr dem Fellkäufer, der aus irgendeinem Grund den Verstand verloren zu haben schien. Es zuckte wild in seinem Gesicht, und abgrundtiefer Hass wetterleuchtete in seinen Augen, die auf einen jungen Mann gerichtet waren, der ahnungslos den rissigen Stepwalk entlang schlenderte.

Plötzlich hatte der Mann neben dem Pferdewagen einen Revolver in der Hand und legte auf den Ahnungslosen an. So etwas ging Carter gewaltig gegen den Strich. Einen Mann in den Rücken zu schießen, war feige und gemein. Das war Mord. Ganz gleich, was der andere – möglicherweise - getan hatte. Jeder verdiente eine faire Chance.

Carters Gerechtigkeitssinn schlug Alarm. Ein Warnruf hätte nicht gereicht, um das Leben des jungen Mannes zu retten. Wenn Carter nicht augenblicklich handelte, war der Ahnungslose tot. Er zog und schoss – schnell wie der Blitz. Gordon Snake erschrak. Vielleicht dachte er, Carter hätte ihm seine Entgleisung doch nicht verziehen.

Das Krachen riss den jungen Mann herum und, wie im Westen üblich, zuckte seine Hand augenblicklich zur Waffe. Gleichzeitig ging er ein wenig in die Hocke.

Obwohl er sehr schnell war, hätte ihn die Kugel seines Feindes niedergestreckt. Carter konnte das gerade noch verhindern. Der hinterlistige Fellkäufer brüllte getroffen auf. Seine Waffe polterte auf den Stepwalk, schlitterte über das Holz und knallte gegen die Hauswand.

„Torben Baxter, du verrückter, nachtragender Bastard!“, brüllte der junge Mann, dem soeben ein zweites Leben geschenkt worden war.

Baxter hielt sich die stark blutende Hand. „Ich habe dir den Tod geschworen, Gavin Smart!“, brüllte er zurück. Noch immer voller Hass. „Ich habe gesagt, dass du tot bist, wenn du mir noch einmal über den Weg läufst.“

„Du bist wahnsinnig, Mann.“

„Niemand vergreift sich ungestraft an meiner Frau.“

„Shannon hat es nicht nur zugelassen, es war ihr sogar sehr recht.“

„Du bist ein gottverdammter Lügner. Ich sollte dich wie einen räudigen Köter erschlagen.“

Carter sagte zu Gordon Snake: „Kümmere dich um den Jungen. Geh mit ihm in den Saloon. Ich komme später nach.“ Er ging zu Torben Baxter, hob dessen Revolver auf und schob ihn erst mal in seinen Gürtel.

„Verdammt, warum haben Sie mich nicht schießen lassen?“, beschwerte sich Baxter.

„Du Vollidiot solltest mir dankbar sein“, knurrte Carter. „Ich habe dich vor dem Galgen gerettet. In Shalaco legt man hinterhältigen Mordbuben sehr schnell einen Strick um den Hals.“

„Der Mistkerl hat es mit meiner Frau getrieben.“

„Das kommt in den besten Familien vor. Es gibt Schlimmeres.“

„Nicht für mich.“

„Wenn man jeden Kerl, der seinen Docht da reinsteckt, wo er nicht hingehört, umlegen würde, gäbe es im Westen bald nur noch ein paar Tattergreise.“ Carter zeigte auf die verletzte Hand. „Lass mal sehen.“ Er warf einen Blick auf die hässliche Wunde und entschied dann: „Ich bringe dich zu Doc Eisner. Der bringt das in Ordnung. Vorausgesetzt er hat nicht wieder zu viel Laudanum geschlürft.“

Donald Eisner öffnete müde und blass. „Hallo, Doc“, sagte Carter. „Fühlen Sie sich in der Lage, einen Verletzten zu verarzten?“

Eisner deutete auf die Wunde. „Haben Sie das getan?“

„Ich war dazu gezwungen.“

„Warum haben Sie den Mann nicht gleich erschossen?“

„Dazu hatte ich keinen Grund.“

„So geht Ihresgleichen doch normalerweise vor.“

Carter kniff die Augen ärgerlich zusammen. Ihresgleichen. Das klang verflucht abwertend. „Wenn Sie mich besser kennen würden, würde ich Ihnen diese Bemerkung übelnehmen, Doc“, knurrte er. „Sie sollten lernen, die Spreu vom Weizen zu trennen und nicht alle sofort und ohne viel nachzudenken in einen Topf zu werfen. Nicht jeder, der zwei Colts trägt, ist ein gewissenloser Gunslinger.“

Während Donald Eisner den Patienten verarztete, erschien der Sheriff. „Was hat’s gegeben?“, wollte er wissen.

Carter berichtete ihm kurz und knapp, aber präzise. Er händigte Ambrosius Knox Torben Baxters Revolver aus und sagte: „Der Rest geht mich nichts mehr an. Sperren Sie Baxter ein. Lassen Sie ihn laufen.“ Er zuckte mit den Achseln. „Nicht mein Bier.“ Er verließ das Haus des Arztes und gesellte sich wenig später zu Gordon Snake und Gavin Smart, der aus lauter Dankbarkeit bereit gewesen wäre, gleich ein paar Liter Whiskey springen zu lassen, doch sowohl Carter als auch der Scout hielten sich vornehm zurück, was angenehmerweise zur Folge hatte, dass Snake nicht wieder so hässlich aus dem Rahmen fiel.

*

Die Nacht war mild, schwarz und angenehm still. Carter lag im Bett und dachte an die bezaubernde „Witwe“, die gleich nebenan schlief.

Eigentlich schade, dass sie so ein einsames, zurückgezogenes Leben führt und sich für einen Kerl aufspart, der das gar nicht wert ist, ging es ihm durch den Sinn. Jede Wette, dass Jonathan Craine nie mehr nach Shalaco zurückkehren wird. Während er anderswo mit einer anderen Frau ein neues Leben führt, vergeht hier ungenützt Tag um Tag, Woche um Woche, Monat um Monat, Jahr um Jahr... Und wenn die wunderschöne Blume Carrie Craine eines Tages aufwacht, wird sie verwelkt sein. Versäumtes kann man nicht nachholen. Was vorbei ist, ist vorbei – und unwiederbringlich verloren.

Er fragte sich, was sie wohl sagen würde, wenn er jetzt aufstehen und zu ihr gehen würde. Würde sie hysterisch um Hilfe schreien und ihn zornig und entrüstet aus dem Haus jagen? Oder würde sie zur Seite rücken, für ihn Platz machen und erfreut flüstern: „Endlich bist du hier. Ich habe mich so sehr nach dir gesehnt. Ich befürchtete schon, du würdest dich nie dazu überwinden.“

Er wusste, dass sie sich sehr zu ihm hingezogen fühlte. So etwas spürt man. Manchmal war ein begehrlicher Ausdruck, den sie nicht vermeiden konnte, in ihrem Blick. Sie will es, dachte er. Du willst es. Verdammt noch mal, warum tut ihr es nicht? Ihr seid zwei erwachsene Menschen mit den gleichen Bedürfnissen, die befriedigt werden wollen. Steh auf. Sie wird dich ganz bestimmt nicht abweisen.

Er stand auf. Aber er ging nicht zu ihr, sondern in die Küche, um seinen Durst zu löschen. Das Wasser war kühl und schmeckte köstlich.

Irgendwo hinter den Häusern bellte ein Hund. Carter schaute aus dem Fenster. Der Mond stand fast voll am Himmel und beleuchtete mit seinem fahlen Licht eine Szene, die nicht friedvoller hätte sein können.

Als Carter auf dem Rückweg wieder an Carrie Craines Zimmer vorbeikam, fiel ihm auf, dass die Tür nicht geschlossen war. Er betrachtete das zwar nicht als Einladung, aber der dunkle Spalt zog ihn doch magisch an.

Er vernahm Geräusche. Carrie Craine schien unruhig zu schlafen. Vielleicht träumt sie mal wieder voller Sehnsucht von ihrem wertlosen Jonathan, dachte er. Wie kann ein Mann nur so blöd sein und eine so wunderbare Frau verlassen?, fragte er sich verständnislos. Was hat ihm an ihr nicht gepasst? Sie ist doch perfekt. Anständig. Treu. Kocht wunderbar. Und ist obendrein auch noch bildhübsch, aufregend und begehrenswert.

Er trat näher an die Tür heran. Carrie atmete schwer. Möglicherweise geht es ihr nicht gut, überlegte er. Vielleicht braucht sie Hilfe.

Er legte die Hand auf die Tür und drückte sie ein wenig weiter auf. Ganz vorsichtig. Er wollte Carrie ja nicht wecken. Der Anblick, der sich ihm bot, schnürte ihm die Kehle zu. Er schluckte trocken.

Sein Adamsapfel hüpfte. Er bekam eine Gänsehaut und traute seinen Augen nicht. Carrie schlief nicht. Sie lag mit geschlossenen Lidern nackt auf dem Rücken. Ihr Körper glänzte wie polierter Alabaster.

Sie stöhnte voller Sehnsucht und streichelte sich selbst. Ihre Nasenflügel bebten. Die Lust, die sie im Moment so intensiv empfand und die sie sich selbst mit kundigen Fingern bescherte, brachte ihren geschmeidigen Körper immer heftiger zum Vibrieren. Das ist Liebe an und für sich, schoss es ihm durch den erhitzten Kopf. Und zwar in höchster Perfektion. Er reagierte auf das hoch erotische Schauspiel, das Carrie ihm unbewusst bot, mit einer prallen Erektion.

Carrie biss sich lustvoll auf die Lippen, schien der realen Welt völlig entrückt zu sein, schwebte offenbar total verzückt in himmlischen Sphären.

Während ihre rechte Hand zwischen ihren wohlgeformten Schenkeln blieb, massierte sie mit der linken ihre festen, appetitlichen Brüste.

Ihr Kopf rollte unruhig hin und her. Der Höhepunkt – ihr absolutes Wunschziel – schien schon ziemlich nahe zu sein. Eigentlich sollte ich ihr bei dem intimsten Spiel, das sie mit sich selbst spielen kann, nicht zusehen, dachte er. Das gehört sich nicht. Aber ich wusste ja nicht, was mich erwartet, als ich an die Tür trat.

Als der heftige Orgasmus ihr einen beglückten Schluchzer entriss, den sie nicht unterdrücken konnte, trat er, während sie sich zuckend aufbäumte, beschämt zurück und ging rasch und leise in sein Zimmer.

Er legte sich ins Bett, doch was er soeben gesehen und irgendwie – verbotenerweise - auch annähernd körperlich miterlebt hatte, ließ ihn nicht zur Ruhe kommen.

Und plötzlich – klopfte es...

*

Ehe er etwas sagen konnte, öffnete Carrie Craine die Tür. Es hätte nicht der Wahrheit entsprochen, wenn er behauptet hätte, es wäre ihm unangenehm gewesen.

Jetzt trug sie ein knöchellanges, hauchdünnes blütenweißes Nachthemd, das vom Mondlicht aber auf wunderbare Weise märchenhaft transparent gemacht wurde.

Eine fließend weiße Aura schien ihren makellosen Körper zu umgeben. Carrie wirkte wie eine zauberhafte Erscheinung, wie eine unwirkliche Lichtgestalt, wie eine Liebes-Elfe, wie ein willkommener feuchter Traum, der sich vielleicht beim ersten laut gesprochenen Wort unwiederbringlich auflöste. Deshalb wagte er nicht, sie anzusprechen.

„Du hast mich beobachtet“, flüsterte sie. Es war eine Feststellung, kein Vorwurf.

Er sagte nichts.

Sie lächelte geheimnisvoll. „Du brauchst es nicht zuzugeben. Ich weiß es. Ich habe dich gesehen.“

Es brauste zwischen seinen Schläfen. „Tut mir leid, ich hatte nicht die Absicht...“

„Findest du das, was ich getan habe, verwerflich?“

„Nein. Nein, überhaupt nicht. Es steht mir nicht zu...“

„Eine anständige Frau sollte so etwas nicht tun“, sagte sie leise, aber nicht besonders schuldbewusst. „Aber manchmal...“ Sie seufzte. „Manchmal sind die Sehnsucht, der Druck, die Anspannung so stark...“

„Ich kann das durchaus verstehen.“

„Bisher hat es mir immer genügt, selbst Hand anzulegen“, gestand sie ihm. „Doch diesmal... Heute... Seit du in meinem Haus bist... Seit du mit mir unter einem Dach wohnst... Wenn ich beobachte, wie du mit nacktem Oberkörper Holz hackst... Wenn ich das Spiel deiner kräftigen Muskeln und den Schweiß auf deiner Haut sehe... Da – da – da...“

„Sei still und komm her“, sagte er dunkel.

Und sie war still und kam zu ihm. Sie glitt geschmeidig in seine Arme, als würde sie Schutz suchen, und er nahm ihr großzügiges Geschenk mit angemessenem Respekt, lodernder Leidenschaft und tief empfundener Dankbarkeit an. Gemeinsam ließen sie ihren heißen Gefühlen und wilden Trieben freien Lauf, und es kam zu dem, was zwischen Mann und Frau seit Menschengedenken passieren soll.

Es fand ein inniges Nehmen und großherziges Geben in einem zeitlos anmutenden Vakuum statt, das kein Gestern, kein Heute und kein Morgen kennt. Nur himmelstürmende Lust und absolute Erfüllung bis in die allerletzte Haarspitze.

Und während sich die beiden ebenso harmlos wie intensiv miteinander vergnügten, schmiedeten anderswo fünf Galgenvögel verbrecherische Pläne...

*

Das Lagerfeuer loderte züngelnd, knisternd und knackend. Ollie Cattarro, ein stiernackiger Bursche, drehte zwei Kaninchen über den Flammen.

Bevor er die – für ihn lohnendere - Outlaw-Karriere eingeschlagen hatte, hatte er schwer von früh bis spät in einem Schlachthof geschuftet.

Als er dann während eines Streits seinen Vorgesetzten beinahe erschlagen hätte, war er in hohem Bogen rausgeflogen, und er fand heute, dass man ihm damals keinen größeren Gefallen hätte tun können, denn nun konnte er endlich das Leben führen, von dem er immer schon geträumt hatte.

„Mann, sind die noch immer nicht fertig?“, knurrte Ricky Vatan, während er mal wieder mit dem Kamm seine ohnedies perfekte Frisur „in Ordnung“ brachte. Er war jung, ungeduldig und schön. Seine Eitelkeit wirkte hier draußen, in der Wildnis, lächerlich, doch er konnte sie nicht ablegen.

„Willst du sie vielleicht roh fressen?“, schnauzte ihn Cattarro an.

„Ich habe Kohldampf.“

„Haben wir alle“, meldete sich Jedediah Donahue, ein Meister mit dem Wurfmesser, zu Wort. Angeblich konnte er eine Taube im Flug vom Himmel holen. Niemand hatte das je gesehen, doch er behauptete das immer wieder steif und fest. „Aber wir beherrschen uns und fassen uns in Geduld.“

Lalo Butterfield war der Buchhalter der Bande. Der schmale Brillenträger verwaltete mit kluger Umsicht und absoluter Zuverlässigkeit das Geld, das die Outlaws unrechtmäßig erworben hatten.

Nur er wusste genau, wie viel ihnen zur Verfügung stand. Und er war der Meinung, dass die Gemeinschaftskasse demnächst mal wieder ein wenig aufgefüllt werden sollte. Aus diesem Grund setzte er sich neben Brett Granger und sagte: „Wir nagen zwar noch nicht am Hungertuch, Boss...“

Granger, der es vom unterschätzten Viehtreiber zum respektierten Bandenchef gebracht hatte, spuckte knapp unter den Kaninchen eine braune Kautabak-Speichel-Brühe ins Feuer. Es zischte laut. Er sah den Bruchhalter an.

„Aber?“, fragte er.

„Na ja, es könnte nicht schaden, wenn wir mal wieder aktiv werden würden“, meinte Lalo Butterfield.

„Hast du einen Vorschlag?“

Butterfield schüttelte den Kopf. „Du bist der Boss.“

Granger griente. „Der Nährvater.“ Er seufzte, als hätte er eine schwere Last zu tragen. „Ich muss mal wieder dafür sorgen, dass Geld hereinkommt.“

Ollie Cattarro lachte. „Deshalb bist du ja unser Boss, Boss.“

Brett Granger massierte sein Kinn. „Wie es der Zufall so will, hat mir gestern ein Vögelchen etwas höchst Interessantes gezwitschert.“

„Übersetz das mal“, verlangte Ricky Vatan und zog den Kamm durch sein dichtes dunkelblondes Haar. „Wir beherrschen die Vogelsprache leider nicht.“

„Demnächst ist eine Menge Gold auf dem Weg nach Shalaco“, sagte Brett Granger.

Der Buchhalter rückte sich aufmerksam die Brille zurecht. „Wir könnten dafür sorgen, dass es die Cattle Town nicht erreicht.“

Der Outlaw-Boss nickte. „Das wollte ich gerade vorschlagen.“

„Wie viel Gold?“, erkundigte sich Ollie Cattarro mit hochgezogenen Augenbrauen.

„Fünfzigtausend.“

Jedediah Donahue stieß einen beeindruckten Pfiff aus. „Dafür muss eine alte Oma ganz schön lange stricken.“ Er hatte sich mal als Schauspieler versucht, war aber kläglich gescheitert, weil er sich die Texte nicht hatte merken können. Wenn das Publikum zudem an Stellen lacht, die für Tränen gedacht sind, muss man zwangsläufig ins Grübeln kommen.

„Wie wird es transportiert?“, wollte Ricky Vatan wissen. „Mit der Bahn?“

Granger schüttelte den Kopf. „Postkutsche.“

„Ist mir irgendwie lieber“, sagte Vatan. „Züge überfalle ich nicht so gern. Keine Ahnung, warum das so ist.“

„Postkutschen sind aus Fleisch und Blut“, erklärte Ollie Cattarro und nahm endlich die Kaninchen vom Feuer. „Na ja, nicht ganz, aber zu einem großen Teil. Die Pferde. Der Kutscher. Der Postkutschenbegleiter. Die Passagiere. Alles Fleisch. Alles Blut. Nicht aus kaltem, leblosem Eisen.“

Ricky Vatan griente. „Und tot, wenn man darauf schießt.“

„Du hast recht, Kleiner“, sagte Ollie Cattarro. „An einem Zug drücken sich bloß die Kugeln platt.“

Vatan warf ihm einen giftigen Blick zu. „Nenn mich nicht so.“

„Wie denn?“

„Ich mag nicht, dass du mich Kleiner nennst. Das weißt du ganz genau.“

„Aber das bist du doch – unser Kleiner.“

„Ich bin genauso groß wie du.“

„Das hat nichts mit der Größe, sondern mit dem Alter zu tun. Du bist halb so alt wie ich. Ich könnte dein Vater sein.“

„Bei einem solchen Vater hätte ich mir schon längst die Kugel gegeben.“

„Dein Vater war ein Arschlappen.“

„Das nimmst du zurück!“, fauchte Vatan heißblütig.

„Warum? Das hast du doch selbst gesagt.“

„Wenn ich das sage, ist das etwas anderes.“

„Schluss damit!“, brüllte Brett Granger ärgerlich dazwischen. „Hört auf, euch zu streiten! Wir müssen demnächst wieder alle an einem Strang ziehen. Da können wir keine Feindschaften gebrauchen.“

Vatan und Cattarro schwiegen.

Cattarro zerlegte die Kaninchen und richtete es so ein, dass Vatan das kleinste Stück bekam. Wenig Fleisch. Viele Knochen. Doch Vatan sagte nichts.

Er hatte zwar keine Angst vor Brett Granger, wollte ihn aber auch nicht vergrämen, weil es immer vernünftiger war, mit dem Boss gut auszukommen.

Der Buchhalter hob die Hand. „Frage: Welcher Monat hat achtundzwanzig Tage?“

„Der Februar“, antwortete Ollie Cattarro wie aus der Pistole geschossen.

„Falsch.“ Lalo Butterfield grinste spitzbübisch. „Jeder.“

„Blöder Hund“, knurrte Cattarro.

Jedediah Donahue prahlte mit seiner jüngsten Affäre. Er war kein Kavalier, der genoss und schwieg, gab lieber gern und bei jeder sich bietenden Gelegenheit mit seinen Amouren an. „Diese heiße Wildkatze war so was von hinter mir her, sage ich euch“, erzählte er lachend und wackelte eitel mit dem Kopf. „Die musste ich nicht erobern. Es war genau umgekehrt. Diese wilde Wölfin hat mich gnadenlos gejagt und wie ein verletztes Schaf gerissen.“

Brett Granger grinste in die Runde. „Die muss es aber verdammt nötig gehabt haben.“

„Wie sah sie denn aus?“, wollte Ricky Vatan wissen.

„Ich wette, sie hatte einen Buckel, Pickel am Hintern und nur eine Brust“, scherzte Lalo Butterfield.

Ollie Cattarro feixte. „War das die Kleine, die so entsetzlich geschielt hat, dass ihr die Tränen vom linken Auge über die rechte Wange – und umgekehrt - liefen, wenn sie weinte?“

„Aus euch spricht der pure Neid“, erwiderte Jedediah Donahue mit herabgezogenen Mundwinkeln. „Weil ihr so selten was Herzeigbares vor die Flinte bekommt.“

Seine Kumpane lachten laut. Irgendwann, als die Whiskey-Flasche dann kreiste, erkundigte sich Ollie Cattarro: „Wann geht es denn los, Boss?“

„In Kürze“, antwortete Brett Granger ausweichend.

„Hast du’s nicht ein bisschen genauer?“, fragte Lalo Butterfield. Präzision war sein Credo.

Doch der Boss wollte die Katze noch nicht aus dem Sack lassen. „Keine Sorge“, sagte er und spuckte wieder einmal ins Feuer, „ich gebe euch noch früh genug Bescheid.“

*

Als Carter die Augen öffnete, lag niemand mehr neben ihm. Was in der vergangenen Nacht vorgefallen war, hätte ebenso gut ein wunderbarer erotischer Traum gewesen sein können.

Doch er spürte ziemlich intensiv, dass für sein körperliches Wohlbefinden sehr viel Gutes getan worden war. So entspannt und zufrieden wie an diesem Morgen hatte er sich schon lange nicht mehr gefühlt.

Er stand auf. Im Haus war es auffallend still, und es stellte sich in weiterer Folge heraus, dass er allein war. Carrie Craine war weder in der Küche noch in ihrem Zimmer, noch sonst wo. Was mochte sie so früh schon hinaus getrieben haben? Schuldgefühle? Weil sie sich zu etwas hatte hinreißen lassen, was sie eigentlich ursprünglich nicht hatte tun wollen?

„Wir haben nichts kaputt gemacht, Mädchen“, murmelte er versonnen und lächelte schmal. „Es ist noch alles intakt. Einiges ist dadurch sogar noch besser geworden.“

Aber vielleicht sah sie das anders und ging ihm deshalb aus dem Weg. Er frühstückte im Saloon, ließ sich anschließend vom Barber rasieren und erfuhr dabei, was es in Shalaco so alles an wissenswerten und weniger interessanten Neuigkeiten gab. Auch dass demnächst in der Cattle Town eine Menge Gold erwartet wurde, kam ihm zu Ohren, und er hoffte, dass niemand auf die blöde Idee kam, die Postkutsche abzufangen.

Das war nämlich immer wieder mal zu befürchten. Vor allem dann, wenn die Fracht besonders wertvoll war. Der Barber war zwar alt, kurzsichtig und zittrig, doch sobald er einem Kunden das gefährlich scharfe Messer an die Kehle setzte, war seine Hand erstaunlich ruhig.

Ich vertraue dir, Old boy, dachte Carter mit geschlossenen Augen. Enttäusche mich nicht. Und er überlebte die Rasur tatsächlich ohne die kleinste Schnittwunde.

Der Barber hatte Carrie Craine schon sehr früh die Main Street hinuntergehen und die Kirche betreten sehen. „Ein Jammer“, sagte er, während er seinem Kunden mit dem Tuch den Restschaum vom Gesicht wischte. „So viel ungewürdigte Schönheit. Eine Sünde ist das. Wenn Sie mich fragen – Jonathan Craine kommt ganz bestimmt nicht zurück. Angeblich wurde er in Amarillo, Texas, mit einer abgetakelten Hure gesehen. Sie soll den Leuten für Geld die Zukunft aus der Hand lesen und er – er säuft sich den Tag schön.“ Er schüttelte den Kopf. „Ich begreife nicht, wie Carrie auf diesen gewissenlosen Halunken hereinfallen konnte. Und noch weniger kann ich verstehen, dass sie noch immer auf ihn wartet. Der ledige Hufschmied, der verwitwete Trader, der ebenfalls verwitwete Leiter der Stagecoach-Station – alle hätten sie gerne zur Frau, doch sie lässt keinen an sich heran.“

Mich hat sie rangelassen, dachte Carter, und ich weiß das auch ehrlich zu würdigen. Er teilte mit dem betagten Barber die Auffassung, dass Carrie Craine ihre beste Zeit verschwendete. Doch das war allein ihre Entscheidung.

Als er zurückkam, war sie zu Hause. Sie trug ein hübsches, schlichtes, hochgeschlossenes kornblumenblaues Kleid, sah mit dem hochgesteckten Haar sehr züchtig aus und sagte mit ernster Miene: „Wir müssen reden.“

„Du warst in der Kirche?“

„Bitte setz dich.“

„Unseretwegen?“

Sie zeigte auf einen Stuhl. „Bitte.“

Er nahm Platz. „Hast du Schuldgefühle?“

„Allerdings, die habe ich.“

„Konnte der Priester sie dir nehmen?“

Sie schaute an ihm vorbei. „Was letzte Nacht vorgefallen ist, wird sich nicht wiederholen.“

„Das wäre sehr schade, du bist...“

„Wenn du das nicht akzeptieren kannst, bin ich gezwungen, dich zu bitten, dir eine andere Unterkunft zu suchen“, sagte sie mit fester Stimme. Es schien ihr wirklich sehr ernst damit zu sein.

„Würdest du mir bitte erklären...“

„Kannst du es akzeptieren?“, unterbrach sie ihn.

„Du bist eine Frau...“

„Ich bin eine verheiratete Frau.“

„Du bist eine verlassene Frau“, stellte er trocken richtig. Da gab es nichts zu beschönigen. „Wann wirst du endlich den Mut aufbringen, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen? Du musst dich den Tatsachen stellen, Carrie. Jonathan Craine kommt nicht wieder. Niemand weiß, wo er sich herumtreibt. Vielleicht in Amarillo, mit einer anderen Frau...“

Sie hob trotzig den Kopf. „Ich kenne dieses Gerücht, aber ich glaube es nicht.“

„Wie kannst du nur so verbohrt sein? Und so naiv? In Shalaco gibt es so viele Männer, die dich auf Händen tragen würden, wenn du ihnen eine Chance geben würdest. Wieso hängst du so sehr an Jonathan Craine?“

„Ich habe es ihm geschworen.“

„Auch er hat geschworen, dich zu ehren, dich zu lieben, für dich zu sorgen und dir treu zu sein, bis dass der Tod euch scheidet, doch er pfeift sich keinen Deut darum.“

„Das geht nur mich etwas an“, erwiderte Carrie Craine ungewöhnlich schroff. Von ihrer sinnlichen Zartheit, die ihm in der vergangenen Nacht so unbeschreiblich wohl getan hatte, war nichts geblieben. Sie bot ihm ihre Freundschaft an. Nur die. Nicht mehr.

Wenn er abgelehnt hätte, hätte er gehen müssen. Da er bleiben wollte, musste er ihr unvernünftiges Angebot, mit dem sie sich selbst am meisten schadete, wohl oder übel annehmen. Die Klarheit, die Carrie Craine soeben so entschlossen zwischen ihnen geschaffen hatte, hatte auch – man mochte es kaum glauben - eine gute Komponente: Sie würde es ihm sehr viel leichter machen, Shalaco zu verlassen, sobald der Tag gekommen war.

Und er würde kommen. Ganz bestimmt. Denn er kam immer. Irgendwann würde die zurzeit in ihm schlummernde Sehnsucht nach der Ferne wieder erwachen, und dann würde er weiter ziehen. Ohne Grund und ohne Ziel. Daran würde sich wohl nie etwas ändern. Das war sein Leben.

*

Der Plan war simpel. Brett Granger erklärte ihn seinen Männern dennoch so genau wie möglich, damit es im entscheidenden Moment keine unerfreuliche Panne gab.

Der Bandenchef hatte mit einem Stock eine „Landkarte“ in den Sand gezeichnet. „Wir fangen die Postkutsche im Jordan Valley ab“, sagte er.

Jedediah Donahue rümpfte die Nase.

Brett Granger sah ihn an. „Was ist?“

„Das Tal habe ich in schlechter Erinnerung.“

„Wieso?“

„Dort hat mal so ein gottverdammtes Kupferkopfscheusal einen meiner damaligen Freunde in den Hintern gebissen.“

„Wie denn das?“, fragte Ricky Vatan, während er sich kämmte.

Donahue zuckte mit den Achseln. „Na ja. Er musste mal, verschwand hinter einem Felsen, ließ die Hose runter – und schon war’s passiert.“

Lalo Butterfield griente. „Was lernen wir daraus?“

„Dass es niemand mag, wenn man ihm auf den Schädel kackt“, sagte Ollie Cattarro amüsiert. „Auch Kupferkopfschlangen nicht.“

„Ich finde das überhaupt nicht lustig“, grummelte Donahue. „Mein Kumpel wäre um ein Haar draufgegangen.“

Cattarro lachte. „Wer hat ihm denn die Bisswunde am Allerwertesten ausgesaugt? Du?“

Donahue funkelte ihn an. „Willst du wissen, was du mich kannst?“

Der stiernackige Cattarro schüttelte den Kopf. „Eigentlich nicht.“

„Dann halt gefälligst dein dämliches Maul.“

„Ich wäre euch unendlich dankbar, wenn ihr mir wieder eure Aufmerksamkeit schenken würdet“, sagte Brett Granger sauer. „Wäre das möglich?“

Alle rückten etwas näher zusammen, und der Outlaw-Boss fuhr mit seinen Ausführungen fort. „Also... Jordan Valley... Es ist schmal und winkelig... Nirgendwo auf der Strecke ist die Gelegenheit für einen Überfall günstiger... Die Postkutsche kommt gemächlich angerollt... Wir sind hier, hier, hier, hier und hier postiert...“ Er tippte mit dem Stock auf die entsprechenden Positionen. „Auf mein Zeichen nehmen wir die Kutsche unter Beschuss. Keiner feuert zu früh, ist das klar?“

„Legen wir den Kutscher und seinen Begleiter um, Boss?“, erkundigte sich Ricky Vatan.

„Wenn sie vernünftig sind und sich ergeben, lassen wir sie am Leben.“

„Und wenn sie blöd sind?“, wollte Jedediah Donahue wissen.

„Dann schicken wir sie zu ihren Ahnen.“

„Weil sie’s dann nicht besser verdient haben“, versetzte Lalo Butterfield trocken und drückte seine Brille mit dem Zeigefinger hoch.

„Unnötiges Blutvergießen werden wir aber vermeiden“, sagte Brett Granger. Er schaute in die Runde. „Kann ich mich darauf verlassen?“

„Hallo“, tönte Ollie Cattarro, als wäre er angemessen empört, „wir sind keine schießwütigen Höllenhunde.“

„Ja“, pflichtete ihm Jedediah Donahue bei. „Wir schießen nur, wenn es unbedingt sein muss.“

Cattarro nickte. „So ist es. Vernunft wird mit gönnerhafter Milde belohnt.“

Er sagte das zwar, aber Brett Granger wusste, dass es nicht stimmte. Die Schlachthofarbeit hatte Cattarro grausam, roh und hartherzig gemacht.

Es machte ihm nichts aus, zu töten. Im Gegenteil. Granger hatte bisweilen den Eindruck, dass es dem Stiernackigen sogar Spaß machte, Leben zu vernichten.

„Das Gold befindet sich unterm Kutschbock, nehme ich an“, sagte Lalo Butterfield.

Brett Granger nickte. „In einer Kiste.“

„Sind es Barren?“

Granger schüttelte den Kopf. „Münzen.“

Ollie Cattarro verdrehte die Augen, als würde er gleich ohnmächtig werden. „Fünfzigtausend.“

Jedediah Donahue wackelte beeindruckt mit dem Kopf. „Das wird klimpern.“

Granger sagte: „Wir schnappen uns den Schatz und verschwinden wie ein Furz im Abendwind.“

„Stichwort Furz“, sagte Cattarro grinsend. „Dazu habe ich kürzlich einen grandiosen Spruch aufgeschnappt: Mutig ist, wer Dünnschiss hat und trotzdem furzt.“

Alle lachten. Cattarro am lautesten.

„Was ist mit den Passagieren?“, wollte Ricky Vatan wissen, sobald das Gelächter verstummt war.

„Was soll mit denen sein?“, fragte Brett Granger zurück.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907797
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353597
Schlagworte
falsches spiel gold

Autor

Zurück

Titel: Falsches Spiel mit echtem Gold