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Tony Ballard #90: Die Vampir-Klinik

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Vampir-Klinik

Dämonenhasser Tony Ballard Band 90

von A. F. Morland


Der Umfang dieses Buchs entspricht 113 Taschenbuchseiten.


Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner.

Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.



Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de


„Edition A. F. Morland“ ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2017



1

Charlton Dodd weinte. Wut, Hass und Verzweiflung trieben ihm die Tränen in die Augen. Er konnte es immer noch nicht fassen, aber das Schreckliche war eine unbestreitbare Tatsache. Melusine, seine Frau, war eine Vampirin!

Es war Mitternacht, und Wolken verdeckten den Mond. Düstere Schatten tanzten über der Wiese, die Melusine soeben überquerte. Ihr fahles Gesicht verschwamm in der Dunkelheit. Hart presste der weibliche Blutsauger die Lippen zusammen. Es hatte den Anschein, als wollte Melusine Dodd ihre langen Eckzähne, dieses grausige Merkmal aller Vampire, verbergen. Ihr weißes, zartes Nachthemd reichte bis zum Boden. Die junge schöne Frau wirkte wie ein unheimliches Gespenst. Kein Geräusch verursachte sie, während sie durch die Nacht eilte. Sie war durstig. Sie hatte Hunger, und nur eines konnte diesen Hunger stillen: Menschenblut!

Melusine verschwand im schwarzen Schatten einer alten, hoch aufragenden Baumgruppe. Charlton Dodd hatte Mühe, seine Frau nicht aus den Augen zu verlieren.

Er musste wissen, wohin sie sich begab, und wenn ein Mensch dran glauben sollte, war es seine Pflicht, dies zu verhindern. Erschüttert fragte er sich, wie vielen Menschen Melusine schon das Blut ausgesogen hatte.

Und warum hatte sie ihn bisher verschont? Wie lange führte sie dieses Leben als Schattenwesen schon? Dodd erinnerte sich an einen Abend vor zwei Monaten.

Melusine hatte ihre Schwester in London besucht. Da Dodd seine Schwägerin nicht ausstehen konnte, hatte er es sich zur Gewohnheit gemacht, Melusine dorthin niemals zu begleiten.

Er genoss die Abwesenheit seiner Frau, trank guten alten Sherry und schmökerte in seinen zahlreichen Büchern, wozu er ohnedies niemals kam, wenn seine Frau daheim war.

Ziemlich bleich war Melusine nach Hause gekommen. Da der Wagen eine Meile vor dem Ziel den Geist aufgegeben hatte, hatte Melusine den Rest des Weges zu Fuß zurücklegen müssen.

Dodd führte die Müdigkeit seiner Frau darauf zurück. Er ließ den Wagen anderntags von der Werkstatt abholen und in Ordnung bringen. Es bereitete ihm Kummer, dass sich seine Frau selbst 24 Stunden später immer noch nicht erholt hatte.

Fahl saß sie im Wohnzimmer, aß nichts, trank nichts, starrte nur zum Fenster, und es hatte den Anschein, als sehnte sie die Nacht herbei. Von einem Arztbesuch wollte sie nichts wissen.

Sobald die Dämmerung einsetzte, schien sie sich etwas wohler zu fühlen, und Dodd bemerkte eine gewisse Unruhe bei ihr, die sie vor ihm zu verbergen versuchte.

Mehr und mehr machte sie die Nacht zum Tage. Natürlich störte Dodd das, aber er wusste nicht, was dahintersteckte. Oft ging er schlafen, während Melusine noch lange aufblieb.

Dafür zog sie sich am Tage dann ins Schlafzimmer zurück, zog die dicken Übergardinen zu und wollte nicht gestört werden. In letzter Zeit bekam Dodd sie fast nur noch zu Gesicht, wenn es dunkel geworden war.

Jedem diesbezüglichen Gespräch ging Melusine aus dem Weg, und Dodd konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass sich seine Frau nachts, wenn er schlief, mit irgend jemandem traf.

Vor zwei Tagen erwachte er früher als sonst. Der Morgen war noch düster, und Dodd hörte seine Frau das Haus betreten. Sie schien es sehr eilig zu haben, in das schützende Gebäude zu gelangen.

Heute wusste er, dass sie damals vor dem anbrechenden Tageslicht geflohen war. Sie hatte das Bad aufgesucht, und er war der Meinung gewesen, Blut auf ihren Lippen gesehen zu haben.

Als sie eine Stunde später im Bett lag und tief schlief, vermeinte er, unter ihrer Oberlippe die dolchartigen Spitzen der Eckzähne hervorlugen zu sehen.

Erschüttert begriff er das Schreckliche. Melusine war kein Mensch mehr. Sie sah nur noch so aus. In Wirklichkeit aber war sie eine gefährliche Bestie.

Das Grauen musste in jener Nacht vor zwei Monaten zugeschlagen haben, als der Wagen streikte und Melusine den Heimweg zu Fuß fortsetzen musste. Wem war sie auf ihrem Weg damals begegnet? Was hatte sich in jener schicksalsträchtigen Nacht abgespielt?

Dodd zweifelte daran, dass er das jemals herausfinden würde. Melusine würde es ihm bestimmt nicht erzählen, und von wem sonst sollte er es erfahren? Er wischte sich mit dem Handrücken die Tränen von den Wangen.

Er hatte seine Frau verloren. Sie lebte mit ihm zwar noch unter einem Dach, war jetzt aber ein gefährliches Ungeheuer, das irgendwann auch über ihn herfallen würde.

Dodd wusste, dass er in Melusines Nähe seines Lebens nicht mehr sicher war. Die Situation wurde von Tag zu Tag unhaltbarer. Es musste etwas geschehen. Aber was?

Eigentlich war das gar keine Frage. Man hätte die Vampirin töten müssen, aber bei dem Gedenken krampfte sich Dodds Herz zusammen. Die eigene Frau … O Gott, dazu konnte er sich einfach nicht überwinden.

Dabei wusste er, dass kein Weg daran vorbeiführte, und je länger Melusine als Schattenwesen am Leben blieb, um so größer war die Gefahr, dass sie den schrecklichen Vampirkeim an andere Menschen weitergab.

Sie war ein grausames Ungeheuer, das keine Gnade kannte, und so durfte man auch ihr gegenüber nicht gnädig sein. Sie musste sterben, je eher, desto besser.

Es war kein Mord, den Charlton Dodd begehen würde, das war ihm klar, denn umgebracht hatte jemand anders seine Frau. Wenn er sich dazu aufraffte, ihr das unselige Leben zu nehmen, dann tat er nichts anderes, als sie zu erlösen.

Aber woher sollte er die Kraft dazu nehmen? Dodd blieb kurz stehen. Er lauschte mit angehaltenem Atem, konnte nichts außer dem Schlagen seines Herzens hören.

Doch dann schimmerte etwas Weißes zwischen den Bäumen, und der Mann wusste, welche Richtung er einschlagen musste. Er wohnte mit Melusine in einem Haus nur fünf Meilen vom Londoner Stadtrand in einer einsamen Gegend.

Ihr Leben würde in anderen Bahnen verlaufen, wenn sie nicht hierhergezogen wären, das stand für Dodd nun fest, aber jetzt war es zu spät. Nichts konnte mehr rückgängig gemacht werden.

Der Mann – mittelgroß, dunkelhaarig und kräftig – beeilte sich, um seine Frau nicht aus den Augen zu verlieren. Unwillkürlich kam ihm ein Name in den Sinn. Ellias McCleary. Dodd kannte ihn nicht persönlich, hatte über ihn aber erfahren, dass er einen recht seltsamen Beruf ausübte: McCleary war ein … Vampirjäger. Angeblich bereiste er die ganze Welt und bekämpfte diese Schattenwesen überall. Er wohnte nicht weit von hier, und Dodd fragte sich, ob es nicht vernünftiger gewesen wäre, diesen erfahrenen Mann um Hilfe zu bitten.

McCleary würde Melusine mit harter Entschlossenheit gegenübertreten und ihr ohne Mitleid den Garaus machen, kein Zweifel. Aber wollte Dodd das? War es nicht seine verdammte Pflicht und Schuldigkeit, seine Frau selbst zu erlösen? Durfte er sich davor drücken? Sollte Melusine durch die Hand eines Fremden sterben? Nein.

Dodd schüttelte grimmig den Kopf und presste entschlossen die Lippen zusammen. Wenn es schon sein musste, dann wollte er es sein, der seiner Frau diesen letzten Dienst erwies.

Der weibliche Blutsauger verharrte kurz. Hatte Melusine ihr Ziel erreicht? Dodds Kopfhaut zog sich mit einem mal schmerzhaft zusammen, und es rieselte ihm eiskalt über die Wirbelsäule.

»Himmel, nein …!«, stöhnte der leidgeprüfte Mann.

Er sah zwischen den Bäumen die vagen Umrisse eines Hauses. Die Crockers wohnten darin. Angenehme, hilfsbereite Menschen. Junge Leute, deren ganzer Stolz ihr fünfjähriger Sohn Timmy war.

Lechzte die Vampirin nach dem Blut dieses Kindes? Dodd hatte das Gefühl, eine Eishand würde sich um sein Herz legen und zudrücken. Er empfand tiefen Abscheu.

Ein unschuldiges Kind als Opfer auszuwählen, war das Verwerflichste, was die Vampirin tun konnte. In Dodd zerriss etwas, und er wusste mit einem mal, dass er es fertigbringen würde, Melusine zu töten.

Dieses Ereignis gab den Ausschlag. Lautlos näherte sich der weibliche Blutsauger dem finsteren Haus. Melusine war eine Schönheit mit lackschwarzem Haar und einer atemberaubenden Figur.

Viele Männer beneideten Charlton Dodd um seine attraktive Frau. Sie hätten besser daran getan, ihn zu bemitleiden. In diesem Augenblick hob sich Melusines blutleere Oberlippe.

Sie grinste boshaft und grausam. Gier schimmerte in ihren dunklen Augen, während sie auf eines der Fenster zu schlich. Lang und spitz waren ihre Eckzähne.

Sobald sie das Fenster erreicht hatte, blickte sie sich um. Charlton Dodd stand hinter dem dicken Stamm einer Pappel, so dass Melusine sich unbeobachtet wähnte.

Sie setzte ihre Fingernägel an das Glas und zog sie diagonal darüber. Das Geräusch, das dabei entstand, ging Dodd durch und durch. Er zog unwillkürlich die Schultern hoch und schüttelte sich.

Melusine wollte sich auf diese Weise bemerkbar machen. Sie starrte in den dunklen Raum. Ihr Blick war auf die kleine Gestalt gerichtet, die dort im Bett lag und friedlich schlummerte.

Als die Vampirin ihre Fingernägel ein zweites mal über das Glas zog, erwachte Timmy Crocker. Der kleine Junge bewegte sich. Er drehte sich um und wollte weiterschlafen.

Doch Melusine klopfte leise an das Fenster. »Timmy!«

Der Junge setzte sich auf und sah zum Fenster. Sofort traf ihn der hypnotische Blick der Vampirin. Er kannte Melusine, deshalb hatte er keine Angst vor ihr.

Sie winkte ihn zu sich. Er warf die Steppdecke zur Seite und verließ das Bett. Wie immer vergaß er seine kleinen Pantoffeln. Timmy Crocker war ein hübsches Kind mit dichtem blondem Lockenschopf und großen klaren Augen.

Er war der Liebling aller Erwachsenen, die er mit seinen drolligen Späßen sehr oft erheiterte. Die Vampirin winkte noch einmal. Diesmal sehr ungeduldig.

Timmy erreichte das Fenster und öffnete es. Melusines Blick schlug ihn so sehr in seinen Bann, dass der Kleine nicht mehr wusste, ob er wachte oder träumte.

»Mrs. Dodd …«

»Hallo, Timmy. Du bist überrascht, mich zu sehen, nicht wahr?«

»Ja, Mrs. Dodd. Wieso tragen Sie nur Ihr Nachthemd?«

»Ich muss dir unbedingt etwas zeigen, Timmy.«

»Es ist sehr spät …«

»Komm. Klettere aus dem Fenster.«

»Meine Eltern …«

»Ich werde dich nicht verraten. Niemand wird etwas davon erfahren. Es bleibt unser Geheimnis. Komm. Beeil dich!«

Die Vampirin streckte dem Kind die Hand entgegen. Timmy ergriff sie, zuckte aber sofort wieder zurück.

»Was hast du denn?«, fragte der weibliche Blutsauger mit verhaltenem Ärger.

»Ihre Hand, Mrs. Dodd … Sie ist eiskalt.«

»Ach was, das bildest du dir bloß ein. Komm jetzt endlich!« Die Worte waren für Timmy wie Schläge ins Gesicht. Er zuckte zusammen – und gehorchte. Das entlockte der Vampirin ein zufriedenes, höhnisches Lächeln.

Sie streichelte scheinbar liebevoll über das dichte Haar des Jungen. Doch Liebe war etwas, wozu sie nicht mehr fähig war. Ihre kalte Hand glitt zum nackten Hals des Kindes weiter und legte sich hart auf die kleine runde Schulter.

Der Junge fröstelte. »Wieso sehen Sie mich so an, Mrs. Dodd? Sind Sie böse mit mir?«

»Aber nein, du bist doch ein braver, folgsamer Junge«, erwiderte die Vampirin heiser. »Lass mich dich dafür küssen.« Sie beugte sich zu ihm hinunter, zog die Lippe weit nach oben und öffnete den Mund.

Gleich würde sie zubeißen. Ihre langen Zähne berührten schon beinahe den schlanken Hals des Kindes.

Da handelte Charlton Dodd. Er bückte sich und hob einen armdicken Ast auf. Das Geräusch, das er dabei verursachte, riss die Vampirin herum. Sie fauchte wütend.

Dodd stürmte los. Der weibliche Blutsauger sah nur eine Gestalt zwischen den Bäumen. Melusine wusste nicht, dass es ihr Mann war. Sie ließ augenblicklich von dem Kind ab und ergriff die Flucht,

Wie eine weiße Wolke, von einer heftigen Sturmbö getragen, sauste sie fort. Dodd wollte sie verfolgen, doch da war Timmy Crocker, der im Schlafanzug vor dem Fenster des Kinderzimmers stand und so verloren wirkte, dass er sich um ihn kümmern musste.

Dodd warf den Ast weg und eilte zu dem Jungen. »Bist du okay, Kleiner?«

»Mr. Dodd, wieso ist Mrs. Dodd plötzlich weggelaufen? Sie wollte mir etwas zeigen.«

»Mrs. Dodd ist sehr krank, Timmy«, sagte Charlton Dodd ernst.

»Was wollte sie mir zeigen?«

»Ich habe keine Ahnung. Darf ich dich um einen ganz großen Gefallen bitten, Timmy? Vergiss, dass Mrs. Dodd hier war. Erzähle es niemandem. Auch deinen Eltern nicht. Dafür sage ich ihnen nicht, dass du aus dem Fenster geklettert bist. Einverstanden?«

Der Junge nickte.

»Gibst du mir deine Hand drauf! Wollen wir es mit einem kräftigen Handschlag wie zwei richtige Männer besiegeln?«

Timmy reichte Dodd seine kleine Hand. »Ihre Hand ist viel wärmer als die von Mrs. Dodd«, stelle er fest.

»Ich sagte ja, meine Frau ist sehr krank.«

»Wird sie wieder gesund?«

»Bestimmt«, sagte Charlton Dodd mit belegter Stimme, denn er wusste, dass er nicht die Wahrheit sagte. Es gab keinen Menschen auf dieser Welt, der Melusine Dodd hätte heilen können.

Dodd hob den Jungen hoch und schob ihn durch das offene Fenster. Er sagte ihm, er solle das Fenster schließen, die Vorhänge zuziehen, sich ins Bett legen und unter keinen Umständen mehr aufstehen. »Versprichst du mir das?«

»Ja, Mr. Dodd«, antwortete der Kleine, und Charlton Dodd atmete auf. Sobald Timmy Crocker im Bett lag, suchte Dodd seine Frau. Unermüdlich durchstreifte er die Gegend.

Doch ohne Erfolg. Der Tag brach an, und Charlton Dodd kehrte hundemüde nach Hause zurück. Ohne Hoffnung warf er einen Blick ins Schlafzimmer – und er traute seinen Augen nicht, denn im Bett lag tief schlafend Melusine!



2

Vor zwei Tagen hatten mein Freund und Kampfgefährte, der Ex-Dämon Mr. Silver, und ich einem Mann aus der Welt des Guten das Leben gerettet. Er hätte auf eine grauenvolle Weise sterben sollen.

Fystanat war sein Name, und er hätte im Sarg der tausend Tode sein Ende finden sollen. In einem Silbersarg, den der Silberdämon Metal mitgebracht und im Keller einer ausgebrannten Fabrik aufgestellt hatte.

Glücklicherweise konnten wir dieses schreckliche Schicksal von Fystanat abwenden. Nicht er verlor in diesem mit Stacheln gespickten Foltersarg sein Leben, sondern die Zauberin Arma, Metals Freundin.

Nun mussten wir mit der Rache des Silbermannes rechnen, denn mit Armas Tod hatten wir ihm einen schmerzhaften Tiefschlag versetzt. Sobald sich Metal davon erholt hatte, würde er zurückschlagen, das kam so sicher wie das Amen in der Kirche.

Fystanat war aus der Welt des Guten nach London gekommen, um Mitglied des »Weißen Kreises« zu werden, den Daryl Crenna alias Pakka-dee gegründet hatte. Auch Crenna kam aus der Welt des Guten, und er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, auf der Erde die Mächte der Finsternis zu bekämpfen.

Leider würde ihm Fystanat in diesem Kampf keine Hilfe sein können, denn der Biss schwar magischer Ratten, die Arma schuf, hatte ihn gelähmt. Er konnte sich seither nicht mehr rühren. Steif wie ein Brett hatten wir ihn bei Daryl Crenna abgeliefert, und so traf ich ihn heute, zwei Tage später, immer noch an. Ich war allein gekommen.

Mr. Silver verbrachte ein paar Tage mit Roxane auf dem Lande. Ich war sicher, dass die beiden dort recht ernsthaft ein Problem wälzen würden, denn sowohl die Hexe aus dem Jenseits als auch dem Ex-Dämon war der Sarg der tausend Tode ein Dorn im Auge.

Aber nicht nur ihnen. Auch mir und einigen anderen Eingeweihten, denn der Silbersarg befand sich immer noch im Keller dieser Fabrikruine. Der Abgang war zwar von der Polizei auf meine Veranlassung hin mit einer schweren eisernen Gittertür gesichert worden, und Posten achteten darauf, dass kein Unbefugter den Keller betrat, aber das war keine Lösung auf Dauer.

Der Sarg war gefährlich. Er hatte Arma, die Zauberin, verschlungen und vernichtet. Sie hatte in der silbernen Totenkiste ein grauenvolles Ende gefunden.

Danach ließ sich der Deckel nicht mehr öffnen, aber Mr. Silver war der Meinung, dass der Deckel ganz von selbst wieder aufgehen könnte. Gewissermaßen dann, wenn es dem Sarg gefiel. Wenn er wieder Leben vernichten wollte. Niemand wusste, wann das sein würde.

Es hatte sich viel in den letzten Wochen getan. Wir hatten unseren Freund Frank Esslin verloren. Rufus, der Dämon mit den vielen Gesichtern, hatte sich, als ihn Mr. Silver auf dem Schiff der schwarzen Piraten in die Enge trieb, wieder einmal selbst zerstört, um zu entkommen, und Frank, der sich in seiner Gewalt befunden hatte, hatte er mitgenommen. Die freiwerdende schwarze Energie hatte den WHO-Arzt in ein Zwischenstadium gerissen. Er lebte nicht mehr, war jedoch auch noch nicht tot. Aus diesem Zustand holte ihn Rufus mit Hilfe der Totenuhr, einem gefährlichen Energie-Vampir, der auch mir zum Verhängnis werden sollte.

Rufus und Mago, der Schwarzmagier, hatten sich zusammengetan. Sie wollten uns mit Frank Esslins Hilfe täuschen, denn Mago, der Jäger der abtrünnigen Hexen, war scharf auf Mr. Silvers Höllenschwert, eine Waffe, um die sich noch ein großes Geheimnis rankte. Das Schwert lebte auf eine rätselhafte Weise und akzeptierte nicht jeden als Besitzer. Mein Wille zum Beispiel reichte nicht aus, um mir diese Waffe Untertan zu machen, deshalb war es für mich nicht ratsam, sie anzufassen, denn sie hätte mich unweigerlich getötet.

Damit sie nicht auch Frank Esslin tötete, wenn er sie für Mago aus meinem Haus holte, wollte Rufus den WHO-Arzt mit den Energien mehrerer Menschen stärken.

Das klappte jedoch nicht, denn Mr. Silver zerstörte die Totenuhr mit seinem Feuerblick, und Mago, Rufus und Frank Esslin hatten Mühe zu entkommen. Vielleicht würden sie auf eine andere Weise versuchen, an das Höllenschwert zu gelangen. Diesmal hatten sie es jedenfalls nicht geschafft.

Aber wir freuten uns nicht über den Erfolg, denn der Wermutstropfen war Frank Esslins Verlust. Es brannten einige Lunten, und ich hätte verdammt gern gewusst, was uns die Zukunft bringen würde. Daryl Crenna führte mich in das geräumige Wohnzimmer seines Hauses. Auf einer Ledercouch lag Fystanat, bei dessen Anblick sich mein Herz zusammenkrampfte.

Ich beugte mich über ihn. »Ich dachte, ich muss mal wieder nach dir sehen.«

Fystanat, der sich entschlossen hatte, in unserer Welt den Namen Mason Marchand zu tragen, seufzte. »Es hat sich an meinem Zustand nichts verändert, Tony. Ich liege hier herum wie eine Leiche, die lebt, die sich wegen der Totenstarre jedoch nicht bewegen kann.«

»Das tut mir leid«, sagte ich ehrlich.

»Ich habe weiße Magie angewandt«, sagte Pakka-dee, »versuchte ihm mit Formeln und Sprüchen zu helfen, erreichte jedoch nichts.«

»Erfahrungsgemäß gibt es für jeden Zauber einen Gegenzauber, für jede Magie eine Gegenmagie«, meinte ich. »Eines kann das andere aufheben.«

»Ich bin davon überzeugt, dass es so etwas auch in Fystanats Fall gibt«, erwiderte Daryl Crenna. »Es ist nur verflucht schwierig, das Gegenmittel zu finden. Es kann sich um ein Wort handeln, um ein Symbol oder einen Trank. Mit irgendetwas ist diese Starre zu brechen, und wenn wir Glück haben, finden wir es eines Tages.«

»Eines Tages«, seufzte ich und rollte die Augen. »Das hört sich beinahe nach einer kleinen Ewigkeit an. Soll Fystanat wirklich so lange hier wie ein Holzklotz herumliegen?«

»Du bist herzlich eingeladen, dich an der Suche nach dem Gegenzauber zu beteiligen, Tony«, sagte Daryl. »Möchtest du was trinken?«

»Ja, gern.«

»Bedienst du dich selbst?«

Ich begab mich zur Hausbar und schenkte mir einen Pernod ein. Während ich die goldene Flüssigkeit im Glas kreisen ließ, kehrte ich zu den beiden Männern aus der Welt des Guten zurück. Sie sahen beide aus wie Menschen, waren aber keine. Sie besaßen verblüffende übernatürliche Fähigkeiten. Daryl Crenna zum Beispiel war in der Lage, seine Arme in geschuppte schwarze Tentakel mit feuerroten Saugnäpfen zu verwandeln, die messerscharfe Zähne aufwiesen. Harte, spitze gelbe Hornstacheln bildeten das Ende dieser gefährlichen Fangarme.

Mason Marchand alias Fystanat konnte ein tödliches Elmsfeuer schaffen und seinen Körper damit auch überziehen. Leider überlistete ihn die Zauberin Arma mit einem schwarz magischen Regen, der das schützende Feuer löschte. Ehe er es wieder aktivieren konnte, setzten ihn die Monsterratten, von denen er umzingelt gewesen war, außer Gefecht.

»Hattet ihr in den letzten Tagen auch Zeit, euch über den Sarg der tausend Tode den Kopf zu zerbrechen?«, fragte ich und nippte an meinem Drink.

Pakka-dee senkte den Blick. »Natürlich haben wir uns auch darüber Gedanken gemacht.«

»Kam etwas Fruchtbares dabei heraus?«

»Ich hätte dich unverzüglich angerufen, wenn wir eine Idee gehabt hätten, wie man den Silbersarg entschärfen kann«, sagte Daryl.

»Mr. Silver und Metal entstammen beide der Silberwelt«, sagte Mason Marchand. »Sie beherrschen beide dieselbe Magie. Metal hat den Sarg der tausend Tode hergeschafft, kann ihn Mr. Silver nicht wieder fortschaffen?«

Ich zuckte die Schultern. »Silver sagt nein. Metal muss irgendeinen Trick gefunden haben, den mein Freund nicht kennt.«

»Dann gibt es wohl nur eine Möglichkeit, den Silbersarg zu entfernen«, bemerkte Pakka-dee.

»Und die wäre?«, fragte ich gespannt.

»Man muss Metal zwingen, die Silberkiste abzuholen.«

»Du denkst wohl, ich lache über jeden Scherz. Wie wollen wir Metal denn zu etwas zwingen, wo wir doch nicht einmal wissen, wo er steckt?«

»Er wird wieder auftauchen«, sagte Daryl. »Dann muss es passieren.«

Hinter uns öffnete sich die Tür, und so gut wie niemand trat ein. Es freute mich, ihn wiederzusehen … Cruv, den hässlichen, aber ungemein sympathischen Gnom aus der Prä-Welt Coor.

Wir hatten ihn mitgenommen, weil die Lebenserwartung von Gnomen auf Coor nicht sehr groß ist. Die ganze Welt ist ihr Feind, deshalb stirbt auf Coor kaum ein Gnom eines natürlichen Todes.

Cruv war der einzige Gnom, der es schaffte, den gefahrvollen Weg zum Tunnel der Kraft unbeschadet zurückzulegen, und in diesem Tunnel, in dem Mr. Silver wiedererstarkte, bekam auch der Gnom seinen Anteil ab: er wurde ein paar Zentimeter größer, und die Spitzen seines Dreizacks luden sich magisch auf.

Als er mich jetzt sah, strahlte er über das ganze Gesicht. »Tony!«

»Mir fliegt gleich das Blech weg!«, sagte ich überwältigt, denn Cruv war kaum wiederzuerkennen. Der Gnom hatte sich vom Prä-Welt-Wesen zum Westentaschengentleman gemausert.

Er trug einen maßgeschneiderten Nadelstreifenanzug, dazu eine schwarze Melone und einen Spazierstock aus schwarzen Ebenholz mit massivem Silberknauf. Grinsend breitete er die Arme aus und fragte mich: »Wie sehe ich aus?«

»Wie einer aus ‘nem teuren Herrenmagazin«, antwortete ich. »Vorbei ist’s mit Lendenschurz und Dreizack, wie?«

»Den Dreizack gibt’s noch immer«, sagte Cruv und wies auf seinen Spazierstock. »Allerdings nicht mehr in seiner ursprünglichen Form, die war zu auffällig. Deshalb ließ ich meine Waffe umbauen. Mit dem faustgroßen Silberknopf kann ich mühelos eine Zombie-Schädeldecke zertrümmern. Und jetzt pass mal auf!« Cruv drehte den blanken Knopf, und unten zuckten die magisch geladenen Dreizackspitzen heraus und spreizten sich auseinander.

»Hervorragend«, sagte ich beeindruckt. »Man sieht dem Stock seine Gefährlichkeit nicht an.«

»So soll es auch sein«, sagte Cruv und nahm die Melone ab. Auch er gehörte dem »Weißen Kreis« an, und er brannte darauf, zu beweisen, dass er ein vollwertiges Mitglied war. Trotz seiner geringen Größe.

Das Telefon läutete. Daryl hob ab. Am anderen Ende war meine Freundin Vicky Bonney, das bekam ich schon nach den ersten Worten mit. Pakka-dee sprach ziemlich lange mit ihr.

Schließlich reichte er den Hörer an mich weiter. »Vicky möchte dir etwas sagen«, bemerkte er.

Ich stellte mein Pernodglas weg und übernahm den Hörer. »Wenn ich mir deiner nicht so sicher wäre, müsste ich jetzt direkt eifersüchtig sein«, sagte ich.

»Ein bisschen Eifersucht würde dir ganz gut stehen«, kicherte Vicky Bonney. »Rat mal, wer vor fünf Minuten angerufen hat.«

»Maggie Thatcher?«

»Daneben.«

»Ein Mann?«

»Brillenfabrikant. Gebürtiger Pole mit österreichischer Staatsbürgerschaft. Wohnhaft in Wien«, half mir meine Freundin.

»Vladek Rodensky!«, platzte es sofort aus mir heraus. »Gewonnen«, lachte Vicky. »Er ist in London. Einer seiner Geschäftsfreunde wurde mit akutem Herzversagen in die St.-Mary’s-Klinik eingeliefert. Dean Ashcorft ist sein Name. Angeblich hatte er noch mal Glück und ist schon wieder über den Berg. Vladek will ihn heute besuchen, und er würde sich freuen, wenn du ihn um neunzehn Uhr von der Klinik abholen würdest.«

»Mach’ ich mit dem größten Vergnügen«, sagte ich erfreut. Mich verband mit Vladek Rodensky eine langjährige Freundschaft. Wir hatten schon etliche Male gegen die schwarze Macht gekämpft, wobei Vladek bewies, dass er erstaunlich tapfer sein konnte. Er reiste viel, nicht nur geschäftlich. Er war ein Weltenbummler, und wenn ihm zu Ohren kam, dass irgendwo finstere Mächte am Werk waren, ließ er mich das umgehend wissen, damit dem schwarzen Treiben ein Riegel vorgeschoben wurde.

Vladek in London, das freute mich ganz besonders. Ich fragte Vicky: »Sag mal, was hältst du davon, wenn wir zu dritt essen gingen?«

»Eine großartige Idee.«

»Darauf bin ich ganz allein gekommen. Bestell einen Tisch für drei Personen.«

»In welchem Lokal?«

»Für welches bist du heute in Stimmung?«

»Kann ich frei entscheiden?«

»Selbstverständlich.«

»Gut, dann lass dich überraschen«, sagte Vicky Bonney. »Passt dir zwanzig Uhr?«

»Ausgezeichnet. Vladek und ich holen dich ab. Mach dich für unseren Freund aus Wien besonders hübsch. Er wird es dir mit einem galanten Kompliment danken«, sagte ich und freute mich auf den Abend.

Ich hätte mich nicht gefreut, wenn ich gewusst hätte, was statt des netten Essens zu dritt auf mich zukommen würde.



3

Charlton Dodd zitterte, als wäre ihm schrecklich kalt. Melusine lag im Schlafzimmer. Wie tot. Und eigentlich war sie das ja auch – tot. Sie lebte nicht mehr, war eine Untote, ein Schattenwesen, das sich erst wieder erheben würde, wenn die Dämmerung anbrach.

Dann würde die totenähnliche Starre vor ihr abfallen, und sie würde wieder losziehen, um ruhelos und voll brennender Blutgier nach einem Opfer zu suchen.

Timmy Crocker hatte in der vergangenen Nacht unerhörtes Glück gehabt. Ein zweites Mal würde Melusine von dem Jungen bestimmt nicht so schnell ablassen. Dodd biss sich auf die Unterlippe.

Ihm war sonnenklar, was er tun musste, aber er brachte nun doch nicht die nervliche Kraft auf, die Sache auszuführen. Aufgewühlt lief er im Wohnzimmer hin und her.

Du hast keine andere Wahl!, sagte er sich immer wieder. Du musst es tun, sonst begibt sie sich wieder auf die Suche nach einem Opfer, und vielleicht wendet sie sich diesmal auch gegen dich.

Lautlos schlich er an die Schlafzimmertür heran. Vorsichtig öffnete er sie. Melusine lag auf dem Rücken. Eine bleiche Schönheit. Dodd redete sich ein, dass sie nur noch eine Hülle war, in der das absolut Böse wohnte.

Obwohl er das begriff, konnte er sich nicht dazu überwinden, zu tun, was unbedingt noch vor Einbruch der Dunkelheit getan werden musste. Es war bestimmt nicht schwierig, die Vampirin jetzt zu erlösen.

Sie würde sich nicht wehren, würde den Tod einfach hinnehmen, würde davon nicht einmal etwas mitbekommen. Schweiß glänzte auf Dodds Stirn. Er roch den süßlichen Atem des weiblichen Blutsaugers, und ihm drohte übel zu werden.

Rasch schloss er die Tür und lehnte sich dagegen. Eine Gänsehaut kroch über seinen Rücken. Wie viele Stunden zögerte er nun schon? Er hatte jeglichen Zeitbegriff verloren.

Wenn er an die bevorstehende Nacht dachte, wurde ihm angst und bange, und dennoch ging es über seine Kräfte, sich zu dem Unvermeidlichen aufzuraffen. Tu es!, befahl ihm eine scharfe innere Stimme. Bring es hinter dich! Je eher, desto besser! Du darfst sie nicht verschonen! Das würde dir selbst zum Verhängnis werden!

Er wankte ins Wohnzimmer zurück und schenkte sich einen Scotch ein. Während des ganzen Tages seine einzige Nahrung. Der wievielte war das eigentlich schon?

Er wusste es nicht, kippte den Schnaps in seine Kehle und presste das kühle Glas gegen seine heiße Wange. Jemand läutete an der Tür. Dodd zuckte wie unter einem Stromstoß zusammen.

Er stellte das Glas auf den Tisch und verließ das Wohnzimmer. Als er die Haustür öffnete, sah er sich zwei großen, schlanken jungen Männern gegenüber, die ihn freundlich anlächelten.

»Was wollen Sie?«, fragte er barsch.

Sie waren Mormonen – oder Zeugen Jehovas. So genau bekam er das nicht mit. Sie fragten ihn, ob sie ihn sprechen könnten, schienen ihn für ihre Anschauung bekehren zu wollen.

»Kein Interesse!«, sagte er schroff.

Sie sprachen vom Weltuntergang, der bevorstehe, und jeder Mensch solle noch beizeiten mit sich und Gott ins Reine kommen. Himmel, dachte Dodd verzweifelt. Die reden vom Weltuntergang – und ich habe meinen eigenen Weltuntergang in meinem Haus. Wenn die wüssten, was hier los ist …

»Gehen Sie!«, verlangte er ungehalten. »Belästigen Sie jemand anders. Ich bin nicht interessiert.«

»Würden Sie sich selbst als Atheist bezeichnen?«, fragte einer der beiden. »Lassen Sie uns über die Kraft des Lichts diskutieren.«

Ich weiß, dass es diese Kraft gibt, dachte Dodd. Aber es gibt auch die andere. Jene, die mir Melusine genommen hat. Könnt ihr mir meine Frau wiedergeben? Könnt ihr das?

Sie redeten auf ihn ein. Er hörte ihnen nicht zu, sondern trat zurück und warf die Tür zu. Mein Gott, dachte er völlig durcheinander. Ich habe einen Vampir unter meinem Dach, und die gehen mir mit ihren Weisheiten auf den Geist.

Er begab sich hastig in den Keller. Es gibt mehrere Möglichkeiten, einen Vampir zu erlösen. Eine davon war Dodd bekannt: man musste dem Blutsauger einen Eichenpfahl durch das Herz schlagen.

Im Keller standen alte Möbel, die ausgedient hatten. Möbel aus Eiche. Dodd wollte sie nach und nach verheizen. Doch nun konnte das Eichenholz auch noch einen anderen Zweck erfüllen.

Dodd schaltete die Kellerbeleuchtung ein. Unter dem Abgang befand sich ein reich sortiertes Weinflaschenregal. Daneben stand ein alter Schrank, in dem Dodd sein Werkzeug aufbewahrte.

Er öffnete die knarrenden Schranktüren und griff nach einem blanken scharfen Beil, holte einen Eichenstuhl und hieb diesem ein Bein ab. Das abgeschlagene Stuhlbein spitzte er sodann mit einem Beil.

Span um Span fiel. Bald war der Eichenpfahl so spitz, dass er mühelos Melusines Brustkorb durchdringen würde. Mit verstörtem Blick betrachtete Charlton Dodd die Spitze des Pfahls.

Er kam sich wie ein Verbrecher vor, der sich auf einen grausamen Mord vorbereitete. Eiskalt rann ihm der Schweiß in den Hemdkragen. Er hätte viel dafür gegeben, wenn ihm das, was ihm nun bevorstand, erspart geblieben wäre.

Doch dieser bittere Kelch würde nicht an ihm vorübergehen. Müde stieg er die Kellertreppe hinauf. Unbeschreiblich alt kam er sich vor. Das Beil nahm er mit.

Er brauchte es zum Zuschlagen. Mit der stumpfen Seite wollte er auf den Pfahl hämmern und der Vampirin so die Eichenspitze durchs Herz treiben. Am oberen Ende der Kellertreppe blieb er stehen. Er seufzte geplagt, und er zweifelte wieder daran, dass er die Kraft aufbringen würde, das Furchtbare zu tun. Mit hängenden Schultern und schlurfenden Schritten setzte er seinen schweren Weg fort.

Im fiel nicht auf, dass der Tag allmählich zur Neige ging. Größte Eile wäre geboten gewesen, doch Dodd konnte sich nicht überwinden, auch nur einen einzigen schnelleren Schritt zu machen.

Das grausame Schicksal hatte ihn gezwungen, die schrecklichste Entscheidung seines Lebens zu treffen, und nun musste er seine ganze Courage zusammenkratzen, um diesen schaurigen Weg bis ans Ende zu gehen.

Vor der Schlafzimmertür blieb er erneut schwer atmend stehen. Er hätte den Pfahl und das Beil wegwerfen und das Haus verlassen können. Aber dann hätte alles, was Melusine danach tat, sein Gewissen furchtbar belastet.

Wenn er jetzt weglief, macht er sich gewissermaßen zum Komplizen der Vampirin. Das konnte und wollte er nicht auf sich nehmen. Entschlossen griff er nach der Klinke und drückte sie nach unten.

Melusine lag noch immer reglos im Bett. Ihre Blässe ließ sie wie eine kranke Frau aussehen, die ihrer Genesung entgegen schlummerte. Doch Melusine würde nie mehr genesen.

Sie war vom Vampir-Bazillus verseucht, konnte den Menschen nur noch Grauen und Verderben bringen, wenn man ihr nicht Einhalt gebot, indem man sie erlöste.

Dodd trat aufgeregt an das Bett heran. Draußen ging der Tag nahtlos in den Abend über. Dodd bekam es nicht mit, denn die schweren Übergardinen waren sorgfältig zugezogen worden, damit kein Lichtstrahl in den Raum fallen konnte.

Unbeholfen bereitete sich Charlton Dodd auf sein grausiges Werk vor. Allein bei dem Gedanken, wie er vorgehen musste, sträubten sich ihm schon die Haare.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907773
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353594
Schlagworte
tony ballard vampir-klinik

Autor

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Titel: Tony Ballard #90: Die Vampir-Klinik