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Texas Mustang #12: Der Tod im Poncho

2017 130 Seiten

Leseprobe

Der Tod im Poncho


TEXAS MUSTANG


Band 12


Ein Western von U.H. Wilken




IMPRESSUM


Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Frederic Remmington, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de



Klappe

Auf der Jagd nach einem gesuchten Banditen wird US-Marsal Jim Allison angeschossen. Er ist gezwungen, sich einige Tage auszukurieren. Sein Mustang King wird in der Zwischenzeit von der Farmerfamilie Donovan versorgt. Ein an der Farm vorbeireitender Trupp zwielichtiger Halunken entdeckt kurz darauf das Pferd. Ihr Anführer Buccaneer will dieses prächtige Tier haben – und dafür scheuen er und seine Männer noch nicht einmal vor einem Mord zurück. Sie töten die Familie. Nur Jesse, der jüngste Sohn, kann zusammen mit dem Mustang entkommen. Als der verletzte Allison von dieser Bluttat erfährt, gibt es für ihn nur noch eins – er muss diese Killerhorde verfolgen. Egal, wie lange es dauern mag. Auch wenn er selbst noch geschwächt von der Verletzung ist, setzt er sich auf die Spur der Täter!








Roman

Grell platzte die Stichflamme des mörderischen Schusses durch die dunkle Hofeinfahrt. Blei durchbohrte den US-Marshalstern und drang in die Brust ein. Der Marshal wurde vom Gehsteig geschleudert und knallte in den erkalteten Staub der Straße.

Gellend schrie eine Frau auf und flüchtete blindlings in ein Haus. Vor den Haltestangen tobten die angeleinten Sattelpferde. Hunde schlugen an und kläfften sich heiser.

Stöhnend rollte Marshal Jim Allison herum und zog noch seinen Colt. Die schwere Waffe in seiner Faust hämmerte ein Bleigewitter über die Fahrbahn - genau dorthin, wo soeben das Mündungsfeuer aufgeblitzt war. Pausenlos jagte er die Kugeln in die Einfahrt hinein, bis es aus war, bis er erschlaffte und mit dem Gesicht dicht neben dem rauchenden Colt in den Straßendreck sackte.

Er sah und hörte nichts mehr.

Einwohner hasteten näher.

Als er zu sich kam, lag er in einem Bett und war dick und fest verbunden. Ein Mann mit einem langen und zerknitterten Gesicht beugte sich über ihn und grinste wie eine alte Schindmähre.

Glück gehabt, Marshal.“

Wer war das?“, ächzte Allison. Hab’ ich ihn - noch gekriegt?“

Das kann man wohl sagen. Die Leiche liegt nebenan, aber viel ist von dem Halunken nicht mehr zu erkennen. Sie haben wohl mächtig viele Feinde, wie?"

Keine Ahnung, Doc, wer es sein kann?“

Nein. Irgend so ein verrückter, blindwütiger Kerl, der Sie in die Hölle jagen wollte. Ihr Stern auf dem Hemd hat Sie davor bewahrt.“

Guter Stern." Jim Allison wollte plötzlich hoch, doch der Arzt drückte mit sanfter Gewalt gegen seine Schultern.

Sie bleiben liegen, verstanden? Sonst trete ich Sie ins Kreuz.“

Der US-Marshal bewegte stöhnend den Kopf, biss die Zähne zusammen und fragte gepresst und undeutlich: „Wo ist King, Doc? Jemand muss sich um mein Pferd kümmern! Es steht doch noch im Stall, verdammt."

Ich weiß, Sie sind ein Pferdenarr, Marshal aber beruhigen Sie sich. Sie bekommen gleich Besuch."

King“, flüsterte Allison, „ihr dürft King - nicht im Stich lassen!“

Sein Gesicht war so grau wie erkaltete Asche. Schweiß perlte auf der Stirn. Tiefe Schatten lagen unter den Augen. Der Körper kämpfte gegen das Fieber an. Schwer und matt lag er auf dem Bett. Ein Brocken von einem Mann, der jetzt so hilflos war wie ein Kind.

Sein Name war Jim Allison

Aus Colorado kam er.

Dies ist seine Geschichte und die eines wundervollen Pferdes, das er mehr liebte als sich selber.


*


Der Nachtwind wimmerte um die dunklen Häuser. Quietschend schwangen die alten Stalllampen vor den Stores und Saloons, vor der Schmiede und vor dem Barber’s Shop hin und her.

Wie leergefegt war die Straße.

Nur in einem einzigen Saloon war noch Licht. Der Keeper, der sonst hinter der Theke ausschenkte, fegte nun mit dem abgenutzten Besen den Dreck zusammen. Etwas aufgewirbelter Staub wallte durch die obere Öffnung der Schwingtür ins Freie.

Hufschlag kam die Straße herauf.

Der Keeper hielt inne und horchte.

Es war spät in der Nacht. Er wollte endlich ins Bett gehen. Darum löschte er die Lampen und ging zur Tür. Draußen hielten die Reiter an.

Wolken hatten sich vor den Mond geschoben. Zwischen den Wolkenfetzen sickerte Sternenlicht hindurch. Die fremden Reiter waren kaum zu erkennen. Matt schimmerte Metall. Gebissketten klirrten, Pferde stampften. Leise, verhaltene Stimmen drangen über den Gehsteig. Ständig quietschten die hängenden Schilder vor den Häusern.

Geh mal rein“, sagte jemand mit staubheiserer Stimme.

Der Keeper unterdrückte den Fluch. Er wollte keine Gäste mehr haben, doch er hütete sich, jene Fremden abzuweisen. Man konnte niemals wissen, wie sie darauf reagieren würden. So mancher Mann begann dann zu toben und wurde wild wie ein angeschossener Büffel.

Er sah, wie ein junger blonder Mann vom Pferd rutschte, wie er am Waffengurt rückte und dann auf den hochhackigen Cowboystiefeln näherkam. Schon betrat er auf langen Beinen den Gehsteig.

Da ist alles dunkel, Buccaneer“, sagte er.

Vielleicht ist die Tür noch auf, Junge! Los, mach schon, ich hab’ Durst wie ’ne Bergziege.“

Der junge Blonde mit den langen Beinen nickte. Der Kinnriemen des hellen durchschwitzten Stetsons baumelte hin und her. Langsam drückte er gegen die Türflügel und trat ein.

Die Türflügel schwangen knarrend zurück. Die heftige Bewegung wirbelte Staub vom Boden auf. Lässig schritt der Blonde durch den Saloon.

He“, rief er halblaut, „ist da jemand?“

Der Keeper hielt es für unmöglich, länger zu schweigen und sich verborgen zu halten. Er trat hinter dem erkalteten alten Röhrenofen hervor und hielt noch den Besen.

Ja, Mister“, sagte er, „aber es ist schon verdammt spät.“

Der Blonde starrte ihn an. Durch Fenster und Tür fiel etwas Sternenlicht herein, und der Keeper konnte erkennen, dass der junge Blonde blaue Augen hatte, ein schmales glattes Gesicht und beinahe sympathische Gesichtszüge. Der Hals war so schlank, dass der Adamsapfel viel zu groß erschien. Flüchtiges Lächeln huschte über das Gesicht.

Für uns ist es nie zu spät, Keeper“, antwortete er. „Gieß uns ein paar Pfützen ein. Wir sind durstig.“

Ja, aber ...“

Nichts, Keeper - nichts sagen, verstanden? Du tust hier nur deine Pflicht, wie? Und du kriegst höllischen Ärger, wenn du meine guten Freunde verdursten lassen willst.“

Schon gut“, lenkte der Keeper ein, „ihr könnt reinkommen.“

Fein. Ich wusste doch, dass wir uns gut verstehen würden.“

Lächelnd wandte der Blonde sich ab und ging zur Tür. Hinter ihm flammte das Licht von zwei Lampen auf. Draußen grinsten die Reiter und murmelten durcheinander, saßen ab und leinten die Pferde an. Nacheinander kamen sie herein. Sechs Mann.

Sie alle waren schwer bewaffnet, trugen tiefhängende Colts und hatten einen langen Ritt gemacht. Sie waren durchschwitzt und staubig. Sporenrasselnd gingen sie zur Theke.

Der Keeper füllte die Gläser mit Whisky. Einer der Männer nahm ihm die Flasche ab. Lächelnd schenkte er seinen Begleitern ein.

Hinter ihnen waren die blakenden Petroleumlampen. Dennoch konnte der Keeper so manches Gesicht erkennen, obwohl die Fremden vor dem Lichtschein standen. Sie alle trugen irgendwie lässig die Stetsons und ließen alle die Kinnriemen hängen.

Der Anblick des einen Fremden erschreckte den Keeper. Der Mann war einäugig. Das blinde oder ausgestochene Auge war mit einer schwarzen Klappe verdeckt.

Zufrieden, Buccaneer?“, fragte der Blonde lächelnd.

Der Einäugige nickte. „Wenn du es nicht geschafft hättest, Troy, dann hätte ich dir eins ins Genick gegeben.“

Sie lachten leise und gepresst. Wie Vieh standen sie an der Tränke. Sie tranken die Flasche leer und bestellten dann gleich für jeden eine Flasche. Unruhig wartete der Keeper.

Du kriegst dein Geld schon noch, Keeper", versicherte der einäugige Buccaneer. „Oder hast du Angst, dass du es nicht kriegst, he?“

Nein, nein“, sagte der Keeper mit flacher Stimme, „es ist ja alles in Ordnung.“ Er wagte eine Frage: „Gehören Sie zur Treibmannschaft, die hier vor Tagen vorbeigekommen ist?“

Ja“, antwortete Buccaneer nach kurzem Zögern, „das stimmt. Genau so ist es, Keeper." Er drehte sich halb um und starrte an den Lampen vorbei auf die Schwingtür. „Alles still hier, wie? Der Sheriff pennt wohl auch schon, oder habt ihr keinen?"

Wir haben einen Marshal."

Town Marshal?“

Nein, einen US-Marshal. Er hat hier sein Quartier, bis wir einen Sheriff für die Stadt gefunden haben.“

Buccaneer grinste eingefroren.

Ist er gut?"

Ja, sogar noch besser, aber er wurde...“ Der Keeper schwieg, denn er wollte diesen Fremden nicht sagen, dass Allison angeschossen worden war, aus welchen Gründen auch immer. Im Unterbewusstsein spürte er, dass diese Fremden ihm nicht die Wahrheit gesagt hatten, dass sie irgend etwas vor ihm verbargen.

Was wurde er?“, hakte Buccaneer nach. „Los, rede schon, Mann!"

Angeschossen", ächzte der Keeper, „von irgendeinem Kerl, den niemand gekannt hat. Jetzt liegt er im Bett.“

Die Fremden lachten leise auf. Der blonde junge Mann sagte: „So ein Pech für ihn! Das hab’ ich ja noch nie gehört, dass ein Marshal im Bett liegt! Wie das wohl aussieht, Junge, wie? Mit 'ner Schlafmütze und so!“

Sie johlten und kicherten wie angetrunkene Jünglinge, langten nach den Flaschen, tranken geräuschvoll und warfen plötzlich das Geld auf den Tresen. Grinsend gingen sie hinaus.

Der Keeper sollte die Gesichter niemals vergessen.

Die Fremden benahmen sich zu ruhig. Cowboys auf dem Trail verhielten sich anders, lauter und rauer. Sie hätten hier gelärmt und auch irgend etwas zertrümmert. Gerade dieses ruhige Verhalten machte die Fremden verdächtig.

Draußen stiegen sie auf die Pferde und ritten langsam weiter. Der Keeper sah, wie sie die Whiskyflaschen in den Satteltaschen verstauten. Er trat hinaus und blickte dem Rudel nach.

Sie verließen die Stadt.


*


Laut wieherte der Hengst, warf den Kopf hoch und jagte voller Kraft und Geschmeidigkeit durch die Fenz. In der Sonne glänzte der Schecke. Er trabte hin und her im wilden jugendlichen Übermut, raste dicht an den beiden Männern vorbei und blieb schließlich stehen.

Mein Gott, was für ein Pferd!", flüsterte der Farmer bewundernd. „Das war mal ein richtiger Mustang, Scobie! Weißt du, wieviel Dollar dieser Hengst wert ist?"

Vierhundert, Boss?"

Scobie, du bist ein Esel. So ein Pferd kann keiner von uns beiden bezahlen! Diesen Hengst kriegst du noch nicht einmal für tausend Dollar! Wenn Allison mit diesem Pferd nach Osten ziehen würde, wenn er bei einem der Pferderennen mitmachen würde, verstehst du - dann würde er jedes Rennen gewinnen!"

Der Farmhelfer Scobie kaute auf dem Grashalm herum und nickte. Hell wieherte der Schecke und tänzelte spielerisch.

Aus dem Farmhaus kam ein sechzehnjähriger Junge. Sein Gesicht war tiefbraun. Schwarzes Haar verriet ihn als einen Jungen, der einen Amerikaner zum Vater und eine Mexikanerin zur Mutter hatte. Er lief über den Hof und erreichte seinen Vater und den Farmhelfer, stieg auf den Lattenzaun und beobachtete den Hengst.

King vermisst den Marshal, Dad."

Sicherlich, Jesse“, antwortete Cole Donovan lächelnd, „aber er hat es ja gut bei uns.“

Hat Marshal Allison dir sein Pferd sofort überlassen, Dad? Ich frag’ deshalb, weil wir ja Farmer sind, keine Rancher.“

Cole Donovan blickte versonnen auf den Hengst King.

Er lag im Bett und machte erst große Augen, aber dann war er damit einverstanden. Er fragte so ähnlich wie du, mein Junge, und da hab' ich ihm gesagt, dass ich Pferde liebe. So ist das ja auch."

Ein Farmer, der Pferde liebt, ist selten, wie?“, meinte Scobie und grinste. „Da muss man schon einen leichten Tick haben."

Du bekommst gleich eins auf den Kürbis, Scobie! Hau ab, mach dich an die Arbeit! Schließlich läuft die Ernte nicht von allein in den Schuppen!"

Lächelnd sah Donovan seinem Farmhelfer nach, dann betrachtete er wieder King, dieses wundervolle Pferd, das jeden Mann, der Tiere liebte oder so ein Pferd unbedingt brauchte, begeistern musste.

Sieh dir die Beinstellung an, mein Junge“, sagte er bewundernd. „Ganz gerade, nicht bodeneng oder weit. Das ist ein Renner, Jesse! Ein Vollblüter! Allison ist ein reicher Mann, auch ohne einen einzigen Dollar in der Tasche.“

Was hat denn Allison noch gesagt?", wollte der Sohn wissen.

Was ganz Komisches, Jesse. ,Donovan’, hat er gesagt, .Sie sind Farmer, Sie kriegen King. Wenn Sie Rancher wären, hätte ich Sie zum Teufel gejagt. Wissen Sie, warum? Weil fast jeder Rancher die Pferde nur zum Reiten benutzt. Für einen Rancher sind diese Pferde nichts anderes als Arbeits- und Gebrauchstiere.’ Ja, das hat er gesagt.“

Wir haben ja auch Ackerpferde, Dad!“

Stimmt schon, aber wir geben das ja auch zu. Allison hat schon recht. Es gibt Rancher und Cowboys, die ihre Pferde zuschanden reiten. Er weiß genau, dass sein King bei uns gut aufgehoben ist.“

Im Galopp raste der Schecke vorbei, warf den Kopf hoch, wieherte und setzte mit einem gestreckten Sprung mühelos über das Gitter hinweg. Die kleinen Hufe trommelten über den Hof. Neben dem Stall blieb King im Schlagschatten stehen und trank aus dem großen Holzeimer, in dem das Kartoffelwasser war.

Nun sieh dir das an, Jesse! King macht das jetzt schon zum zweiten Mal. Beim nächsten Male frisst er auch noch die Kartoffeln.“

Jesse sprang vom Lattenzaun und näherte sich King. Der Hengst blickte ihm entgegen und tippte mit dem rechten Huf sanft gegen den Eimer. Als der Junge die Hand ausstreckte, wich King nicht zurück.

Beißt du auch nicht?“, fragte Jesse leise. „Nein, das tust du nicht, King, nicht wahr? Wir beide sind doch Freunde. Willst du eine Kartoffel?"

Behutsam berührte Jesse die weichen Nüstern. Er wusste natürlich nicht, dass Zehntausende von Nervenenden die Pferdelippen hochempfindsam machen, doch er war ganz sanft, und King ließ sich liebkosen. Der Hengst suchte diese Zärtlichkeit. Er brauchte sie wie ein Mensch.

Jesse lachte glücklich. Er beugte sich vor King hinab und angelte eine geschälte Kartoffel aus dem Eimer. King stieß sanft in seinen Nacken. Abseits verharrte Cole Donovan und atmete schwer ein. Für den Farmer hatte es nicht immer gute Zeiten gegeben. Er erinnerte sich noch oft daran, wie er von den anderen Männern beschimpft worden war, weil er sich mit einer Mexikanerin eingelassen hatte. Die Männer hatten sogar seinen Sohn verächtlich als Bastard bezeichnet.

Aber dieses Wunderpferd machte keinen Unterschied zwischen der Hautfarbe der Menschen. Selbst der schwärzeste Mann könnte die Freundschaft des Hengstes finden, wenn er nur gut war, und darauf kam es ja auch an, auf das Gute, auf Liebe und Herzlichkeit.

Auf der Türschwelle erschien Jesses Mutter.

Kommt bitte“, rief sie, „das Essen ist fertig.“

Donovan legte den Finger gegen die Lippen und deutete dann zu Jesse und King hinüber. Der Sohn hatte die Kartoffel in Scheiben geschnitten, und King zermahlte die Scheiben zwischen seinen Zähnen.

Langsam ging Donovan zu seiner Frau Pilar.

Ich hab’ noch nie gesehen, dass ein Pferd Kartoffeln frisst, Pilar. Das muss King gefallen, denke ich. Unser Junge ist sehr glücklich.“

Ja, Cole“, sagte sie weich und legte den Arm um ihn.

Ich hoffe, dass Allison noch lange im Bett liegen bleibt“, meinte Donovan, „nicht, dass ich ihm das gönne, aber ich möchte, dass King noch möglichst lange bei uns ist.“

Hell wiehernd lief der Hengst über den Hof und blieb grasend auf der kleinen Weide im Tal stehen.

Die Donovans und Scobie gingen ins Haus und setzten sich an den Mittagstisch.


*


Fremde Männer kamen an den Talrand geritten, entdeckten die Farm und zogen sich hinter die Bäume, Sträucher und Felsen zurück.

Hast du das Pferd gesehen, Buccaneer?“, flüsterte einer der Männer. „Das kann uns mehr einbringen als ein Banküberfall!"

Der einäugige Buccaneer blickte den geschniegelten Komplizen seltsam an. Millands schwarzes Haar glänzte ölig. Ein fiebriges Flackern war in Millands Augen.

Du verstehst was von Pferden, Milland?"

Aber immer! Ich hab’ vor einiger Zeit mit ein paar Jungs Mustangs im Südwesten gejagt, auf der Mesa, aber so ein Klassepferd hab’ ich noch nie gesehen. Was meinst du, Buccaneer, he?“ Milland zwinkerte. „Das wär doch was für uns!“

Langsam ritt Buccaneer wieder nach vom und blickte in das Tal.

King graste. Er konnte die Sattelpferde und die Fremden nicht wittern. Der Wind stand ungünstig für ihn.

Milland warf sich vom Pferd und ging zu Buccaneer.

Lass dich nicht sehen!“, warnte er. „Das Pferd ist ein Hengst! Wenn der dich sieht, ist alles aus."

Du willst mich verkohlen, wie?"

Nein, das ist die Wahrheit, Buccaneer! Selbst ein gezähmtes, früher wildes Pferd ist noch jahrelang misstrauisch, vielleicht für immer. Auf der Mesa stießen wir mal auf ein Rudel wilder Pferde. Der Leithengst war eine Viertelmeile von dem Rudel und von uns entfernt, : und trotzdem hatte er das Rudel vor uns gewarnt.“

Ich versteh’ nichts von Pferden. Mir genügt es, wenn ich ein gutes Pferd unterm Sattel habe.“

Aber wir sollten uns diesen Hengst holen, Buccaneer! Der Schecke ist bereits gezähmt. Es kann also nicht so schwierig sein."

Die Komplicen warteten in der Deckung. Sie hörten die leisen Stimmen und sahen dann Buccaneer und Milland zurückkommen. Buccaneer grinste breit und zynisch.

Heute Abend reiten wir ins Tal. Wir holen uns den Schecken!“

Pferdediebe werden hierzulande aufgehängt", mahnte ein Komplize.

Wir lassen uns nicht erwischen!“, knurrte Buccaneer grimmig. „Wir werden auch keine Zeugen haben, verstanden? Milland hat recht - dieser Hengst ist einmalig. Ich will ihn haben!“

Sie waren abgesessen und lagerten nun in der Deckung am Talrand. Das Fieber erfasste sie alle, einen nach dem anderen. Der Anblick des Hengstes machte sie verrückt. Jeder träumte davon, dieses Pferd zu besitzen. Dann könnte ihn kein Aufgebot einholen, dann könnte er am hellichten Tag eine Bank überfallen und würde dennoch entkommen.

Buccaneer und seine Freunde waren Banditen.

Sie ritten schon lange eine rauchige Fährte und hatten so manchen Mann erschossen.

Die Farm im Tal war völlig unwichtig für sie, bedeutungslos. Da unten im Haus war nichts zu holen, da lebten arme Leute von der Hand in den Mund. Ein Farmer wurde selten vermögend.

Der junge blonde Troy musste wachen, während die Komplicen schläfrig im Schatten hockten und auf den Abend warteten.

Er sah, wie der Hengst über die Weide trabte und auf dem Hof stehenblieb, und er beobachtete den jungen Mann, der das Pferd streichelte und dann zu striegeln begann.

Auf den kleinen Feldern arbeiteten zwei Männer, standen gebeugt und wühlten mit den Hacken den Boden auf.

Ein Windrad drehte sich über dem Brunnen. Neben der Tür des Farmhauses saß eine ältere Mexikanerin und drosch Weizenkörner aus den Ähren. Zwei massige Ackergäule standen im kleinen Korral und fraßen Hafer. Hühner scharrten auf dem Hof im Sand.

Ein Bild des Friedens und der Ruhe, der Arbeit und der Sesshaftigkeit.

Noch sehnte der blonde Bandit sich nicht nach Ruhe und Frieden. Er wusste gar nicht, wie gut ein armes, aber ruhiges Dasein sein konnte. Er glaubte noch, die Welt aus den Angeln heben zu können, und er hatte noch niemals gesehen, wie ein Mann an einem Bauchschuss elendig krepiert war. Er wusste nicht, dass sein Weg als Bandit irgendwann grausam enden musste, dass er keine Chance zum Überleben hatte.

Die Sonne wanderte nach Westen dahin. Das Schattenfeld kroch vom Talrand tiefer und erreichte bald die Felder.

Dort machten Cole Donovan und Scobie sich auf den Weg zum Haus zurück. Sie sprachen miteinander und gingen gebeugt und mit schweren, erdhaften Schritten, als wären sie mit dem Boden verwachsen.

Vor dem Haus erschien die Mexikanerin und schlug gegen den Triangel. Der helle Klang rief die Männer und den jungen Jesse ins Haus.

King stand am Korral und schmuste mit den Ackergäulen.

Am Talrand stieg der Tod in die Sättel.


*


Dumpf schlugen die Hufe. Sattelleder rieb knarrend unter den bewaffneten Banditen. Staub wirbelte von den Feldern auf und trieb im roten Schein der untergehenden Sonne flirrend davon. Noch immerkam der Wind aus der alten Richtung und in die Gesichter der Reiter. Der Hufschlag war nicht zu hören.

Vier Menschen saßen zu Tisch. Pilar Donovan betete. Schweigend saßen ihr Mann, ihr Sohn und Scobie mit gesenktem Kopf andächtig am Tisch. Die abgearbeiteten Hände der Frau ruhten auf der alten Bibel.

Diese Leute hatten keinem Menschen was getan.

Dennoch kam der Tod durch das Tal, näherte sich auf vielen Hufen dem Haus. Der Stall verbarg die Reiter.

Das letzte Tageslicht fiel über die Türschwelle ins Haus. Leise klang die Stimme der Mexikanerin. Sie dankte dem Himmel für den reichgedeckten Tisch.

Jesse hob auf einmal den Kopf an und lauschte.

Draußen stampfte King und wieherte laut.

Jesse", murmelte Cole Donovan rügend, weil seine Frau noch das Dankgebet sprach.

Aber Jesse konnte sich nicht mehr in das Gebet vertiefen. Er horchte angespannt. Hufe stampften. Wieder wieherte King. Der Hengst raste über den Hof und blieb vor der Tür stehen. Wild scharrte er mit dem Vorderhuf, steckte den Kopf durch die Tür und prustete warnend.

Pilar Donovan unterbrach sich. Alle blickten zur Tür. Jesse erhob sich und ging auf King zu. Dahinter, jenseits des Hofes, des Stalls und der Felder, glühte der Himmel im Feuer des Sonnenuntergangs.

Was hast du denn, King?“, fragte Jesse beunruhigt. „Du willst uns was sagen, nicht wahr?"

Ich geh’ mal raus“, murmelte Scobie. „Beginnt schon mit dem Essen."

Er folgte Jesse zur Tür. Jesse trat hinaus und legte die Rechte gegen den schlanken Hals des Hengstes. Der Hof war leer. Niemand war zu sehen. Kein Geräusch warnte die Menschen im Haus und davor.

Die Banditen hatten die Rückseite des Stalles erreicht und verhielten sich völlig ruhig. Ständig streichelten sie die Nüstern ihrer Pferde - nicht aus Liebe, sondern aus Vorsicht, damit sie nicht durch Schnauben die Menschen auf dieser Farm warnen würden.

Nichts ist“, sagte Scobie leise. „Ich weiß nicht, was King hat, Jesse. Geh an den Tisch zurück, Junge. Ich bring’ King zum Stall.“

Nein, lass mich das machen, Scobie."

Na gut, dann tu’s.“

Sie ahnten nicht, dass dieser Entschluss Jesse das Leben rettete. Er klopfte Kings Hals und zog den Hengst von der Tür weg. Langsam führte er ihn zum Stall und sprach leise. Das Stalltor stand weit auf. Jesse ging hinein und wollte King hinterherziehen, doch das Pferd widersetzte sich.

Was ist denn, King? Warum bist du so unruhig? Willst du nicht in den Stall? Vielleicht vermisst du deinen Herrn. Ja. bestimmt ist es so. Aber ich sag’ dir, du musst noch etwas Geduld haben. Er kommt bestimmt bald. Ich glaub’, ich kenn’ ihn gut. Wenn er gehen kann, dann hält ihn nichts mehr in der Stadt.“

King trottete ihm nach. Beide verschwanden im Stall.

Scobie stand noch auf der Türschwelle. Er war nicht bewaffnet. Die Hühner waren vom Hof verschwunden, sie fürchteten die Dämmerung. Dicht nebeneinander standen die Ackerpferde im Korral. Im Tal breitete sich nun die Dämmerung aus. Über dem Brunnen stieg der Dunst empor. Der Wind ließ nach und war nicht mehr zu spüren.

Achselzuckend wandte Scobie sich ab und ging ins Haus zurück.

Pilar machte Licht.

Beginnen wir", sagte Cole Donovan. „Der Junge hat einen Narren an King gefressen. Ich glaube, am liebsten würde er im Stall schlafen, um immer beim Pferd sein zu können.“

Sie lachten leise auf.

Klappern tönte aus dem Haus.

Jesse schüttete Hafer in den Trog und blickte auf. King stand wie zum Sprung bereit. Der Hengst hatte den Kopf angehobenund die Nüstern gebläht, als wollte er sich nichts vom Windhauch entgehen lassen.

He“, sagte Jesse, „he.“

Er wollte King zum Trog locken. Der Hengst stampfte hart auf.

Nun komm doch schon, King! Hier ist dein Futter. Ich werde im Haus erwartet, verstehst du? Ich muss rüber. Das musst du verstehen. Ich...“

Urplötzlich schwang das Stalltor herum und knallte zu. Aber draußen war es windstill. Schwer polterte der Querbalken draußen in die Halterung.

Schlagartig war es im Stall stockdunkel.

Jesse begriff nicht. Er hastete zum Tor und wollte es aufstoßen. In diesen Sekunden krachten Schüsse ...

Schüsse, die töteten.

Laut und peitschend fuhren die Schüsse ins Haus hinein. Männer brüllten heiser. Blei riss die Teller vom Tisch, stieß die Bibel herunter. Kugeln durchsiebten die Töpfe, die an der Wand hingen. Blech klirrte laut. Pulverdampf wallte vor dem Haus. Der gläserne Zylinder der Petroleumlampe zerplatzte. Glas regnete zu Boden.

Scobie stürzte mit dem Oberkörper auf den Tisch. Cole Donovan wollte sich noch schützend vor seine geliebte Frau stellen, doch er erreichte sie nicht mehr. Zuckend sank sie zu Boden. Ihre Hand krampfte sich im Sterben um die Tischkante. Schlaff fiel sie zurück. Wild flackerte das Licht. Patronenhülsen fielen aus den Kammern der Gewehre.

Es war furchtbar.

Und im Stall stand Jesse und schrie in Todesangst.

Der Hengst raste an ihm vorbei. King richtete sich auf. Die Vorderhufe knallten gegen das hintere Tor. Holz zerbrach, Latten polterten weg. Wie verrückt tobte King und zertrümmerte das Tor.

Jesse rannte hinterher, erreichte den Korral, warf sich im Dunst herum und hetzte geduckt zum Zaun.

Voller Entsetzen sah er zum Haus hinüber.

Fremde waren vor der Tür, hoben sich schwarz und verschwommen vor dem flackernden Lichtschein ab.

Holt den Hengst!“, brüllte jemand.

Jesse rannte um sein Leben, stolperte, schlug hin, rollte weg. Die mörderischen Banditen hatten ihn entdeckt und feuerten in den Korral. Er flüchtete und machte wilde Sprünge hin und her, um den Kugeln zu entgehen, um kein Ziel für diese Schüsse abzugeben.

Eine Kugel schrammte über seine Schulter hinweg und zerfetzte das Baumwollhemd. Blei grub sich klatschend in die Pfosten des Korrals und riss ein paar Latten herunter. Querschläger jaulten durch den Dunst.

Ein junger Mensch schrie.

Hinter ihm brüllte Buccaneer, dass sie ihn nicht entkommen lassen sollten. Die raue Stimme überschlug sich voller Wut.

Legt ihn um! Knallt ihn ab!"

Im Haus lagen drei Menschen entseelt am Boden. Im Korral rannten die Ackerpferde umher. Irgendwo in der Dämmerung wieherte King laut und durchdringend.

Keuchend stürzte Jesse zu Boden. Im Dunst flammten die Mündungsfeuer auf. Einer der Banditen hastete durch den Korral und entdeckte den jungen Farmerssohn.

Ich hab’ ihn!“, schrie er triumphierend. „Ich hab’...“

Er stürmte heran und richtete den Colt auf Jesse. Er wollte abdrücken, starrte in die weit aufgerissenen Augen des Jungen, in das vor Todesangst entstellte Gesicht, stieß die Hand mit der Waffe tiefer. Der Schuss würde Jesses Gesicht völlig verwüsten.

Nein!", flehte Jesse. „Bitte, nicht schießen!“

Doch!“, fauchte der Bandit und geriet in den Rausch des Tötenwollens. „Mich kriegst du nicht weich, du verdammtes Miststück! Ich leg’ dich um!“

Wie ein grauer Schatten raste King heran. Der Hengst riss den Banditen um. Brüllend wälzte sich der Kerl am Boden und wollte aufspringen. Da wuchteten die Vorderhufe des Hengstes in sein Gesicht hinein. Vom Grauen geschüttelt, sah Jesse, wie King den Mann förmlich zerstampfte, wie dieses Pferd zum Satan wurde und den Banditen völlig zertrampelte.

Das Wiehern klang wie eine Fanfare des Zorns.

Schon gruben sich die Zähne des Pferdes in Jesses Weste. King zerrte ihn weg, schleifte ihn über den Boden.

Die Banditen drangen in den Korral ein. Sie schossen jetzt nicht, um den Komplizen nicht zu treffen.

Mam!“, schrie Jesse durch das Tal. „Dad!“

Er kam auf die Beine und warf sich mühsam auf Kings Rücken. Der Hengst raste mit ihm weg. Der Lattenzaun tauchte jäh aus dem Dunst auf. Wie ein Büffel raste King hindurch, und die Latten wirbelten hoch und zur Seite.

Im rasenden Galopp trug das Pferd den jungen Menschen durch das Tal. Die Hufe knatterten nur so über den Boden.

Zu Pferde jagten die Banditen hinterher, doch King verschwand in der Nacht. Weinend hing Jesse auf dem Pferd und umklammerte den Hals. King wurde zu einem Sturmwind. Er fegte über die nächtliche Ebene und trug Jesse Donovan in Sicherheit.


*


In der Stadt schliefen die tausend Seelen. Trübe leuchteten ein paar Lampen. Ein Hund streunte umher. Fauchend jagte eine Katze über einen Zaun hinweg. Grillen zirpten in der warmen Nacht.

Auf dem Tisch im Office des US Marshals lag ein durchschossener Blechstern, aufgerissen von einer Kugel. Am Wandhaken hing ein alter Stetson. Die Winchester stand im Schrank. Auf dem kalten Ofen stand noch die Blechkanne mit Kaffee. Alles war so, wie Allison es verlassen hatte. Schlafend lag er im Haus des Arztes. Neben dem Bett hing über der Stuhllehne sein schwerer Waffengurt. Mondlicht fiel bleich durch das Fenster herein. Tiefe Stille herrschte in der Stadt.

Aber dann ertönte ein helles Wiehern in der Nacht und riss Jim Allison aus dem Schlaf. Er horchte.

Wieder wieherte ein Pferd. Um den Mund des Marshals zuckte es. Er schwang die Beine über die Bettkante und drückte sich hoch. Draußen trommelten die Hufe näher. Vor dem Haus verstummte der Hufschlag.

King!“, flüsterte Allison und er wusste sofort, dass etwas geschehen war. Ächzend stieg er in die alten Stiefel und packte den Colt.

Marshal!“, schrie jemand draußen mit fast erstickter Stimme. „Kommen Sie, Marshal! Hilfe!“

Allison riss die Tür auf und trat hinaus auf den Gehsteig. Schwankend kam ihm Jesse entgegen, fiel gegen den Vordachpfosten und konnte vor Atemnot kaum sprechen. Hinter Allison flammte Lichtschein auf. Der Arzt kam hervor und wollte fluchen, als er Jesse erblickte und die harte Handbewegung des Marshals sah.

Röchelnd sank Jesse auf die Knie und hielt sich am Pfosten fest.

Ich - kann nicht – mehr!“, stöhnte er und fiel um.

Doc, fassen Sie mit an!“ Allison verbiss den Schmerz in der Brust. Er fühlte sich bereits stark genug. Gemeinsam trugen sie Jesse ins Haus. Während der Arzt sich sofort um den jungen Donovan kümmerte, stapfte Allison hinaus und umarmte den Hals seines Pferdes. King stieß immer wieder mit den Nüstern in Allisons Gesicht.

Allison betrachtete sein Pferd. Der treue Vierbeiner hatte keine Kugel abbekommen. Das Fell glänzte schweißnass im Mondlicht.

Komm, King!“

Allison ging voraus und erreichte den Stall hinter dem Marshal’s Office. Er zog das Tor auf und brachte King hinein, warf eine dicke wärmende Decke auf den Hengst und verließ den Stall, ließ das Tor angelehnt und rannte zum Haus des Arztes zurück.

Als er eintrat, war Jesse wieder bei Bewusstsein. Er atmete rasselnd und starrte leer irgendwohin. Die Tränen nässten das graue Gesicht.

Sie sind alle tot", flüsterte er klanglos, „tot."

Ich gebe dem Jungen ein Beruhigungsmittel, Marshal", sagte der Doc. „Es ist zwar verrückt, was Sie vorhaben, aber ich kann Sie ja doch nicht festhalten. Passen Sie auf, dass die Wunde nicht aufreißt.“

Allison gab keine Antwort. Er blickte auf den Jungen, und in seinem Herzen wurde es eiskalt.

Schweigend ging er hinaus. Viele düstere Gedanken beschäftigten ihn auf dem Weg zum Stall. Er rieb King schnell und notdürftig ab, dann griff er zum Sattel. Danach stapfte er ins Office, warf sich einen Mantel über und langte zur Winchester.

Draußen rief Jesse nach ihm. Er hatte kein Beruhigungsmittel zu sich nehmen wollen. Blass kam er herein und hielt sich an der Türklinkefest,

Ich - ich will mit, Marshal!“, stöhnte er. „Bitte, nehmen Sie mich mit! Ich bin doch schon alt genug, und ich will meine Eltern ...“ Er verstummte und blickte Allison gequält an.

Hör mir mal zu, mein Junge.“ Allison schob Patronen in die Kammern der Winchester. „Ich kann nicht mehr nach hier zurück. Ich will keine Zeit verlieren und werde mich auf die Spur dieser Halunken setzen. Keiner soll mir entkommen. Ich darf also keine Rücksicht auf dich nehmen. Es wird ein höllischer Ritt. Da kann ich dich nicht brauchen.“

Jesse schloss einen Atemzug lang die Augen und presste den weichen Mund zusammen. Vorn auf der Straße stampfte King. Noch hing die Decke über dem Hengst und wärmte ihn.

Ich muss zu meinen Eltern zurück, Marshal“, sagte Jesse mit fremder Stimme. „Ich muss sehen, was - was aus ihnen - geworden ist. Und ich will - ich will sie rächen."

Rächen?“ Allisons Stimme klang wie zersplitterndes Glas. „Was redest du da für einen Unsinn, Junge? Rache ist nicht deine Aufgabe! Auch nicht meine. Ich will gar nichts rächen - ich will diese Halunken stellen und fertigmachen, mit Blei oder mit einem Strick, das ist mir egal. Ich bin Marshal, und es ist meine Pflicht, diese Bande zu hetzen, bis alle Halunken erledigt sind, bis ihnen der Atem ausgeht!"

Nehmen Sie mich mit, Marshal“, hauchte Jesse. „Ich mach’ Ihnen keine Schwierigkeiten, das verspreche ich Ihnen.“

Du bist verrückt, Junge."

Dann bin ich eben verrückt, Marshal! Aber ich will dabeisein, wenn Sie mit diesen Mördern abrechnen!"

Du und die anderen, ihr seid alle leicht beknackt", grollte Allison. „Ihr mit eurem Gefasel von Rache und Sühne! Keiner nimmt den Colt und kämpft selber. Aber wenn alles im Eimer ist, dann schreit ihr nach dem Marshal." Er winkte ab. „Zum Kotzen. Du willst wirklich mit? Du bist zu jung zum Sterben, mein Junge. Das wird kein Spazierritt. Du kippst ja jetzt schon aus den Stiefeln!“

Ich will mit!"

Nein." Allison ging zu ihm, haute zu und zog den Bewusstlosen in eine Zelle hinein. Da er den Schlüssel nicht fand, gab er auf und verließ das Office.

Im Galopp jagte er auf King aus der Stadt.

Vielleicht sahen sie ihn nie wieder. Das Leben eines US-Marshals konnte zu jeder Stunde enden, und es erneuerte sich auch zu jeder Stunde. Jim Allison wusste das. Er kannte seinen Job. Er wusste um die Gefährlichkeit seines Berufes und um die Skrupellosigkeit seiner Gegner. Diesmal hatten Kerle eine kleine Farm überfallen, um King in ihren Besitz zu bekommen. Sie sollten büßen dafür und hundert Mal ihre Geburt verfluchen.

Er war kein Mann der langen Reden. Das sollten sie noch zu spüren bekommen. Sie hatten Allison herausgefordert.


*


Im Morgengrauen sah alles düster und trostlos aus. Er sah die Spuren auf dem Hof und ging ins Haus, und er stand vor den Toten und mahlte die Zähne aufeinander. Ein schwerer Druck lastete auf seiner Brust. Die Schmerzen machten sich ständig durch heftiges Pulsieren bemerkbar. Er nahm keine Rücksicht auf sich.

In alter zerschlissener Kleidung stand er im Raum des Todes. Staub wehte im hereinkommenden Morgenwind von seinen Schultern. Draußen wartete King. Das Windrad über dem Brunnen drehte sich schneller und quietschte lauter. Flugsand war in das Haus geweht. Alles im Haus war durchwühlt worden. Nichts stand mehr auf dem alten Platz. Die Banditen hatten wie die Vandalen gehaust und in ihrer Wut alles zertrümmert. Geschirr lag auf den Toten. Unter harten Stiefeln war die Bibel zertreten worden. Die Lampe war längst ausgegangen und erkaltet.

Trotz seiner Härte war Allison erschüttert.

Er fuhr sich über das Gesicht und schüttelte wie benommen den Kopf.

Dann ging er zum Stall, nahm eine Schaufel und begann zu graben. Er hüllte die Toten mit Decken ein und legte sie behutsam in das Grab. Lange stand er vor dem offenen Grab und gedachte der Menschen, die hier gelebt, gearbeitet und ihr Leben ausgehaucht hatten.

Schließlich warf er die Erde hinein und häufte sie an. Im Stall zimmerte er ein primitives Kreuz zusammen und stieß es dann in den kleinen Erdhügel.

Hufgetrappel und Kings Schnauben warnten ihn. Sofort griff er zur Winchester und verharrte dicht neben dem Haus.

Ein leiser Fluch kam über seine Lippen.

Jesse Donovan kam mit dem Keeper aus dem Saloon herangeritten.

Was wollt ihr denn hier?“, schnauzte er sie an. „Jesse, ich hab’ dir doch deutlich genug gesagt, dass ich dich auf dem Ritt nicht brauche!“

Jesse schüttelte den Kopf.

Sie werden mich nicht los, Marshal", flüsterte er, „niemals! Und wenn ich immer hinter Ihnen bleibe.“

Und du, Keeper?“

In der vorletzten Nacht waren sechs Fremde im Saloon, Marshal. Darum bin ich hier. Vielleicht haben diese Männer die Farm überfallen. Ich hab’ mir die Gesichter gemerkt. Ich wollte Ihnen das nur sagen, und wenn Sie Zeit haben, dann will ich Ihnen diese Männer beschreiben.“

Komm mit!"

Allison ging dem Keeper voraus. Sie betraten den Korral. Vor der Leiche des Banditen verharrte der Marshal und zeigte wortlos darauf.

Der Keeper erblasste, als er das zerstampfte Gesicht sah. Er schluckte würgend und wandte sich halb ab.

Sieh ihn dir genau an, Keeper! Du kannst später noch kotzen. Das Gesicht ist nicht mehr zu erkennen. Der Kerl war King unter die Hufe geraten. Pech für den Hundesohn. Aber betrachte die Kleidung, Keeper! Los, Mann, mach schon!"

Die rauen Worte ließen den Keeper ruhiger werden. Er beugte sich über die Gestalt und betrachtete auf einmal die linke Hand. Deutlich war der Ring daran zu erkennen.

Ja, Marshal“, ächzte er, „das ist einer von den Fremden.“

Keine Zweifel, Keeper?“

Nein, bestimmt nicht. Auf dem Ring sind zwei gekreuzte Tomahawks zu erkennen. Ich weiß es genau. Ja, ich hätte Ihnen das alles eher sagen sollen, aber die Kerle hatten sich eigentlich ganz ruhig und vernünftig verhalten. Sie waren ruhiger als manche Cowboys, Marshal!“

Dann man los mit der Beschreibung, Keeper! Du wirst sie mir ganz genau beschreiben. Ich will das Gefühl haben, als hätte ich sie selber schon einmal gesehen. Also los.“

Die Sonne vertrieb den Dunst. Jesse kniete vor dem Grab und starrte auf die aufgeworfene Erde, die unter der Sonne zu Sand wurde. Er weinte verkrampft, bis er nicht mehr konnte.

Allison und der Keeper kamen über den Hof. Der Marshal zog den Eimer aus dem Brunnen und kippte sich das Wasser über den Kopf. Dann spülte er die erdverkrusteten Hände ab.

Soll ich den Kerl begraben, Marshal?“, erkundigte der Keeper sich.

Jim Allison blickte ihn mit nassem Gesicht an, als wunderte er sich über diese Frage.

Wozu?“, fragte er zurück. „Haben sich diese Hundesöhne um Cole Donovan und seine gute Frau gekümmert? Haben sie die drei armen Menschen begraben? Nein, Keeper nein! Ich habe so was wie Ehrfurcht vor dem Tode braver Menschen, aber ich habe für tote Banditen nichts übrig, auch nicht den Dreck unter meinen Fingernägeln. Das sollten Sie wissen!“

Ich tu’s trotzdem, Marshal. Und ich nehme die Ackergäule und das Federvieh mit.“

Tu das.“ Allison starrte zu Jesse hinüber, der sich gerade aufrichtete. „Der Junge macht mir Sorgen.“ Seine Stimme klang auf einmal erstaunlich weich. „Ich kann ihn ja nicht einsperren. Er wird mir folgen. Ich muss ihn also mitnehmen. Verrückte Sache!“

Sie kommen nicht in die Stadt zurück, Marshal?“

Was soll ich da? Wählt einen Mann zu eurem Town Marshal oder macht ihn meinetwegen zum Sheriff! Ich kann die Banditen nicht entkommen lassen. Woher hat der Junge das Pferd?“

Aus dem Mietstall. Er hat es geliehen bekommen, ohne Cent und Dollar."

Jesse, komm her!“, rief Allison rau.

Der Junge kam langsam heran. Mit geröteten Augen blickte er den Marshal an. Allison sprach ihm nicht sein Beileid aus. Der Ritt würde vielleicht grausam werden. Er musste Jesse Donovan von nun an in kürzester Zeit rau machen, kalt und beherrscht, damit er eine Überlebenschance hatte. Es war keine Zeit für weiche und große Worte.

Reib die Pferde ab, Junge! Wir reiten gleich los.“

Ja, Marshal“, flüsterte Jesse und tat, was ihm befohlen worden war.

Während der Keeper den toten Banditen begrub, füllte Allison die Wasserflaschen und holte Proviant aus dem Haus.

Einen Augenblick lang stand Jim Allison still und nachdenklich in der heißen Sonne und beobachtete den Jungen. Vielleicht konnte er mehr für Jesse tun als jeder andere.

An diesem Morgen brachen sie gemeinsam auf.

Der Keeper blieb noch auf der Farm, um das Vieh zusammenzutreiben.

Der Marshal und der Waisenjunge ritten auf der noch erkennbaren Spur der Banditen in die weite, rauchige Ferne.

Du hättest dir ein besseres Pferd nehmen sollen, Junge!“


*


Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907759
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353365
Schlagworte
texas mustang poncho

Autor

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Titel: Texas Mustang #12: Der Tod im Poncho