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Im Reich der fremden Götter

2017 130 Seiten

Leseprobe

IM REICH DER FREMDEN GÖTTER

 

KLAUS TIBERIUS SCHMIDT

 

 

Romantik-Thriller

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E‑Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Rembrandt van Rijn mit Steve Mayer, 2017

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Deborah Farr fliegt nach Marrakesch. Sie ist auf der Suche nach ihrem Vater, Frank Farr, der spurlos verschwunden ist. Auf ihrer Reise begegnet sie dem Journalisten Bob Shelley, der verspricht, ihr bei der Suche zu helfen. Beide steigen zufällig im selben Hotel ab. Und damit beginnt ihr gemeinsames, dunkles Abenteuer …

Bei ihrer Suche stoßen sie auf eine Vereinigung – dem Clan der Mächtigen –. Sein Symbol ist eine goldene Spinne. Was bezwecken sie, wer steckt dahinter? Was hat dieser Clan mit dem Verschwinden ihres Vaters zu tun …? Kann sie ihn finden und retten?

In ihrer Umgebung verschwinden Menschen, werden plötzlich tot aufgefunden, völlig zerlumpt und arg zugerichtet. Sie selbst wird verfolgt.

Auf ihrer Suche vertraut sie sich dem freundlich wirkenden Said Abdul El Rashad, einem reichen Geschäftsmann, an, der ihren Vater zu kennen scheint. Ob dieser ihr wirklich helfen kann, wird sich zeigen …

 

 

 

 

 

 

 

 

Roman

Heiße Tropenluft schlug Deborah entgegen, als sie das Flugzeug verließ. Es kam ihr vor, als sei sie gegen eine unsichtbare Mauer gelaufen.

„Ganz schön warm, nicht wahr?“, bemerkte der Mann, der hinter ihr die kleine Gangway hinunterging.

„Das ist untertrieben“, meinte die junge Frau mit dem seidigen Haar. Es fiel ihr weich und locker bis auf die Schultern und umrahmte ihr hübsch geschnittenes Gesicht.

Man konnte Deborah fast schon schön nennen. Verehrer hatte sie genug, doch bisher war sie vor einer festen Bindung immer zurückgeschreckt.

Sie lächelte den jungen Mann dankbar an, als er ihr die schwere Reisetasche abnahm.

Sie hatte Bob Shelley vor ein paar Stunden zufällig in der Wartehalle des Kennedy Airports kennengelernt. Von Beruf war er Journalist. Er sollte eine Reportage über Marokko schreiben. Seine freundliche, unverbindliche Art gefiel Deborah.

Mit der Concorde waren sie in wenigen Stunden über den Atlantik in die Alte Welt gekommen. Einen Flug mit diesem stählernen Überschallriesen vergaß man nicht so schnell. Von Paris aus hatten sie mit der Air Maroc Tanger und schließlich Casablanca angeflogen. Von der Hafenstadt aus war es dann über die Strecke Casablanca – Marrakesch mit einer zweimotorigen Maschine weitergegangen.

Die vielen gemeinsamen Stunden hatten sie damit verbracht, über sich und ihr Leben zu sprechen.

Bob Shelley wusste, dass Deborah nicht nach Marrakesch geflogen war, um Urlaub zu machen.

Sie suchte ihren Vater.

Vor einigen Monaten hatte er einen Job als Trucker in Marokko angenommen. Frank Farr, der von seiner Frau getrennt lebte, war und blieb ein Globetrotter und Abenteurer.

Deborah dachte voller Wehmut an ihn. Vor vier Wochen war das letzte Lebenszeichen von ihm gekommen. Für Frank Farr war das ungewöhnlich, denn er und Deborah standen ständig in Briefkontakt. Sie schrieben sich wöchentlich. Plötzlich aber war der Kontakt aus unerfindlichen Gründen abgebrochen.

Sie erreichten das Flughafengebäude. Die Passkontrolle verlief reibungslos.

Mit dem Taxi fuhren sie in die Stadt. Wie das Schicksal es gewollt hatte, bewohnten sie auch das gleiche Hotel.

Mehrere Male schaute Deborah ihren Begleiter verstohlen von der Seite an. Der Schnauzer stand ihm gut. Überhaupt sah er blendend aus. Er verstand sich zu kleiden und wirkte gepflegt. Aber vor allem war er ein netter Kerl, er war Deborah auf den ersten Blick sympathisch gewesen.

Sie ertappte sich dabei, dass sie sich vorstellte, er würde ihr näherkommen.

„Das Es‑Saadi, Sir!“ Die Bemerkung des farbigen Fahrers riss sie aus ihren Gedanken.

Das Es‑Saadi war für marokkanische Verhältnisse ein teures Luxushotel. Es stand in der Nähe der Medina.

Bob bezahlte den Fahrer und gab ein großzügiges Trinkgeld. Der Mann bedankte sich mit einem strahlenden Lächeln.

„Stets zu Diensten, Sir“, meinte er. „Wenn Sie mich einmal brauchen, sagen Sie an der Rezeption Bescheid. Ich heiße Ali Sogala und komme sofort. Good bye, Sir, good bye, Miss! Sie haben übrigens eine schöne Freundin, Sir.“

Bob Shelley lachte. „Okay, Ali! Ich werde dran denken. Und vielen Dank für das Kompliment. Aber leider ist Miss Farr nicht meine Freundin.“

Deborah merkte, dass sie ein wenig verlegen wurde. Das verstärkte sich, als Ali meinte: „Was nicht ist, kann ja noch werden.“ – Dann gab er Gas …

„Ein dreister Bursche“, versuchte sich Bob zu entschuldigen. Er schnappte die beiden Koffer und marschierte los.

Deborah folgte ihm. Es war heiß. Jede Bewegung machte ihr zu schaffen. An dieses Klima würde sie sich erst gewöhnen müssen. In New York herrschten zurzeit Temperaturen wie im Spätherbst.

Schon nach wenigen Metern kam ihnen ein kräftiger Araber in weißem Hemd und schwarzer Hose entgegen. Mit einem leisen „Sorry, Sir“, nahm er dem Reporter die Koffer ab.

Sie betraten die Rezeption, die im Stil einer maurischen Empfangshalle gebaut worden war. Hohe Säulen und marmorne Rundbögen hielten die Decke. Mitten im Raum sprudelte ein Springbrunnen, der angenehme Kühle verströmte.

„Ich hatte ein Zimmer bestellt“, erklärte Bob Shelley dem Empfangschef, einem dürren Einheimischen, den man in einen etwas zu groß wirkenden Anzug gesteckt hatte. „Mein Name ist Bob Shelley, New York Globe.“

Der Dürre lächelte freundlich. „Ja, Sir! Das Zimmer ist reserviert. Herzlich willkommen! Die Lady gehört zu Ihnen?“

Bob Shelley sah den prüfenden Blick des Empfangschefs. Er schien sich zu wundern, denn Bob hatte ein Einzelzimmer bestellt.

„Nein, nein“, erklärte Deborah rasch. „Wir hatten nur denselben Flug und dasselbe Taxi.“ Sie nannte ihren Namen.

„Ah, jetzt verstehe ich“, meinte der Marokkaner. „Zimmer 34 und Zimmer 41. Bitte, Ihre Schlüssel.“

Ein kurzer Wink reichte, um den Hotelboy heranzuwinken. Er brachte sie zu ihren Zimmern und wartete auf ein Trinkgeld. Bob und Deborah ließen sich nicht lumpen. In diesem Land öffnete ein Bakschisch, wie man ein Trinkgeld nannte oftmals Tür und Tor.

„Treffen wir uns gleich an der Bar?“, fragte Bob.

Deborah zögerte. Sie sah seinen Blick und fühlte sich unsicher. Er mochte sie, das wusste sie genau.

„Heute nicht“, meinte sie. „Ich möchte duschen und dann ein wenig schlafen. Außerdem werde ich versuchen, etwas über meinen Vater zu erfahren. Vielleicht ein anderes Mal.“

Bob Shelley lächelte. Er war ein wenig enttäuscht, doch er ließ es sich kaum anmerken.

„Okay, dann ein anderes Mal.“ Er schloss seine Tür auf und machte einen Schritt ins Zimmer. Plötzlich aber drehte er sich noch einmal um und sah, wie Deborah gerade in ihrem Apartment verschwand.

„Deborah!“

„Ja?“ Verwundert schaute sie zu ihm herüber. „Was gibt es?“

„Wenn Sie einmal Hilfe brauchen, bin ich da, okay?“

Er ist süß, dachte sie.

„Okay, und schönen Dank, aber ich glaube, ich komme schon alleine klar.“

Sekunden später schlossen sich die Türen. Deborah Farr ahnte nicht, dass ihre letzte Äußerung sehr bald reiner Hohn sein würde.

Sie würde Hilfe brauchen, denn der Tod wartete bereits auf sie …

 

*

 

Stundenlang hatte Deborah telefoniert und versucht, etwas Näheres über den Verbleib ihres Vaters zu erfahren, doch sie war nicht sehr erfolgreich gewesen. Das Ausländeramt hatte ihr lediglich mitteilen können, dass sich ein Frank Farr vor ein paar Monaten bei ihnen gemeldet und die nötigen Formalitäten erledigt hatte.

Zum Glück war auch eine Adresse angegeben worden. Deborah hatte sie sich notiert.

Ihr Vater sollte angeblich im Hotel Ibn Salaah in der Rue Bab Ahmed wohnen.

Ein letztes Mal griff sie zum Telefon und ließ sich von der Rezeption des Es‑Saadi mit der Polizei verbinden. Sie bat den Portier, dafür zu sorgen, dass sie mit einem Beamten sprechen konnte, der Amerikanisch verstand.

Eine Minute später wurde das Gespräch vermittelt, und eine tiefe Stimme meldete sich.

„Sergeant Malada“, stellte der Mann sich vor. Er sprach mit starkem Akzent, doch man konnte ihn gut verstehen.

„Mein Name ist Deborah Farr, Sergeant“, erklärte sie. „Ich brauche Ihre Hilfe!“

„Worum geht es?“, fragte der Beamte freundlich, aber ein bisschen unterkühlt.

„Ich suche meinen Vater, der hier in Marokko, das heißt, in Marrakesch lebt. Jedenfalls kam seine letzte Nachricht aus dieser Stadt. Gibt es vielleicht irgendeine Akte über einen gewissen Mr. Frank Farr bei Ihnen?“

So einfach, wie Deborah geglaubt hatte, war es nicht. Die Polizisten in Marokko unterschieden sich kaum von den Cops in New York.

„Bedauere, Mademoiselle“, lehnte der Beamte ab. „Da werde ich Ihnen nicht helfen können. Unsere Unterlagen sind nicht für jedermann, wenn Sie verstehen.“

Die junge Frau seufzte gequält. Sie fuhr, sich mit gespreizten Fingern durch das Haar und suchte nach einer Möglichkeit, wenigstens eine Kleinigkeit zu erfahren.

„Ich will ja keinen Lebenslauf des Gesuchten oder seine Personalakte“, meinte sie ungeduldig. „Es geht mir nur um einen Hinweis, ein Zeichen, dass mein Vater noch lebt.“

„Sie sollten eine Vermisstenanzeige aufgeben, Mademoiselle Farr“, schlug Sergeant Malada vor. „Das wäre bestimmt das Beste.“

„Hilft mir das weiter?“, erwiderte Deborah unwirsch. Sie konnte ihre Enttäuschung nicht länger verbergen.

„Das weiß ich nicht“, antwortete der Mann gleichgültig. „Das wird sich mit der Zeit zeigen.“

Deborah merkte, dass es keinen Zweck hatte. Sie musste den Hebel an einer anderen Stelle ansetzen. Bei den Behörden kam sie einfach nicht weiter.

Sie bedankte sich, versprach, in den nächsten Tagen vorbeizukommen, und beschloss aufzulegen.

Wütend wollte sie den Hörer auflegen, als ihr noch etwas einfiel. Sie presste die Muschel wieder ans Ohr, doch der Teilnehmer hatte bereits aufgelegt.

Aber sie vernahm etwas anderes …

Ein leises Klicken, das irgendwie nicht in die Leitung passte.

Nachdenklich betrachtete Deborah den Hörer und horchte noch einmal hinein. Es war nicht mehr das Geringste zu hören.

Absolute Stille.

In diesem Moment wurde Deborah klar, dass sie und Sergeant Malada einen Mithörer gehabt hatten. Und dieser Bursche saß garantiert in diesem Luxushotel.

Sie dachte nicht länger darüber nach. Wahrscheinlich saß irgendein neugieriges Fräulein in der Vermittlung und vertrieb sich die Zeit, indem sie fremde Gespräche belauschte.

Gähnend schaute Deborah auf die Uhr. Es war kurz nach fünf. Seit einigen Stunden hatte sie nichts mehr gegessen, doch sie verspürte keinerlei. Hunger. Die Reise saß ihr in den Knochen. Es würde gewiss noch längere Zeit dauern, bis sie sich akklimatisiert hatte.

Sie musste an Bob denken. Was machte er wohl gerade? Saß er vielleicht allein in der Hotelbar? Vielleicht hätte sie die Einladung zu einem Drink doch nicht ablehnen sollen.

Verflixt, warum kam ihr der Mann nur immer wieder in den Sinn? Sie griff nach dem Glas Mineralwasser, das sie sich eingeschenkt hatte, und trank einen kleinen Schluck. Dann nahm sie den Notizblock und überflog, was sie niedergeschrieben hatte.

Viel war es nicht, aber zumindest hatte sie eine Adresse. Vielleicht fand sie dort eine Spur von ihrem Vater.

Deborah stand auf und öffnete die Terrassentür. Ihr gemütlich eingerichtetes Apartment lag ebenerdig und führte in einen wunderbaren Garten mit bunten Blumen und grünen Sträuchern. Im Innenhof war es angenehm kühl.

Deborah überlegte, was sie als nächstes tun sollte.

War es nicht doch besser, Bobs Hilfe in Anspruch zu nehmen?

Das Hotel Ibn Salaah lag in der Altstadt, östlich vom berühmten Place Djemaa el Fna, der ein wahrer Touristenmagnet war. Für eine Frau nicht ganz ungefährlich, wenn man keine Begleitung hatte oder sich in keiner Gruppe aufhielt.

Trotzdem entschloss sich Deborah, Bob nicht zu belästigen. Warum sollte gerade ihr etwas passieren?

Sie zog sich um und verließ das Hotel.

Über der Stadt lastete die Hitze immer noch wie ein schweres Tuch und machte das Atmen schwer. Doch Deborah ließ sich nicht abschrecken. Sie musste endlich mehr über das Verschwinden ihres Vaters erfahren.

 

*

 

Der Place Djemaa el Fna präsentierte sich wie ein Platz aus einem Märchen aus Tausendundeiner Nacht.

Was Deborah im Flugzeug über die Stadt und ihre Sehenswürdigkeiten gelesen hatte, überstieg ihre kühnsten Vorstellungen. Sie fühlte sich regelrecht in mittelalterlich orientalische Vergangenheit versetzt. Marrakesch war ein Traum voller afrikanischer Exotik.

Nur eines störte diese farbenprächtige, fremdländische Vision: die Touristen.

Überall zwischen den Händlern, die ihre Waren auf Decken oder Ständen ausgebreitet hatten, wimmelte es von Männern und Frauen, die, mit Fotoapparaten und Filmkameras bewaffnet, den Platz unsicher machten.

Jedes Motiv war ihnen recht. Es klickte und summte überall.

Deborah hatte Mühe, sich einen Weg durch die Menge zu bahnen. Immer wieder wurde sie von Einheimischen angehalten, und man pries ihr mit temperamentvollen Gesten von kunstvoll gearbeiteten Blechtellern bis hin zu Gewürzen alles Mögliche an.

Kinder mit großen, traurigen Äugen umlagerten sie bettelnd und streckten ihre kleinen Hände hoch, um vielleicht ein paar Centimes zu erhaschen.

Ganz, in der Nähe entstand ein Tumult, der Deborah für einen Moment etwas Luft verschaffte.

Zwei farbenprächtig gekleidete Wasserverkäufer schimpften lautstark und verlangten ihren Lohn, als ein Mann, in Bermudashorts und Hawaiihemd, sie abgelichtet hatte und sich, ohne zu zählen, davonmachen wollte.

Er kam nicht weit. Ihm blieb letztendlich nichts anderes übrig, als sein Bakschisch zu entrichten. Mit der aufgebrachten Menge Einheimischer wollte er sich nicht anlegen.

Plötzlich übertönte der helle Klang einer Flöte das laute, kehlige Stimmengewirr der schreienden Händler. Deborah schob sich durch die Menge. Sie achtete peinlichst darauf, dass ihre Handtasche nicht verschwand! Im Hotel hatte man sie vor den zahlreichen Gaunern dieser Stadt gewarnt.

Marrakesch – das Mekka der Taschendiebe.

Die zahllosen Anzeigen beraubter Touristen waren der traurige Beweis für diesen nicht gerade schmeichelhaften Titel.

Nach einigen Metern entdeckte Deborah die Quelle der simplen, sich immer wiederholenden Melodie.

Ein alter Berber mit weißem Turban hockte auf dem Boden und lockte eine Kobra aus einem geflochtenen Korb. Züngelnd erhob sich die Giftschlange und wiegte ihren Körper im Takt des Flötenspiels.

Die Touristen ringsum wurden aufmerksam und blieben stehen. Sofort war ein kleiner Junge zur Stelle und sammelte Geld für die Vorstellung.

Deborah verweilte nicht, sondern strebte dem Ostteil des Platzes zu.

Zwei Hamada-Berber, in ihren typisch blauen Gewändern, musterten sie verwundert. Ihr wurde ein wenig komisch zumute. Plötzlich wurde ihr klar, wie leichtsinnig sie eigentlich war. Sie wäre nicht die erste Frau gewesen, die in diesem Land spurlos verschwand.

Die beiden Berber aber schienen harmlos zu sein. Sie setzten ihre Unterhaltung fort, als Deborah an ihnen vorbeigegangen war und in den Schatten einer kleinen Gasse tauchte.

Bis zur Rue Bab Ahmed konnte es nun nicht mehr weit sein.

Kaum hatte Deborah die erste Biegung der Gasse hinter sich gelassen, als Stille sie umgab. Hier war vom lebhaften Treiben auf dem Platz nichts mehr zu hören.

Drei Männer in leinenen Kapuzenmänteln kamen ihr entgegen, ein vierter in einer schneeweißen Djellaba folgte ihnen. Fast erschrocken blieben die Männer stehen.

Deborah ahnte, dass es wohl sehr selten war, eine Touristin in diesem Teil der Stadt zu sehen. Alle Fremdenführer, Hotels und Reisegesellschaften warnten davor, sich in diese Gegend zu wagen.

Es wäre wohl besser gewesen, Bob zu bitten, mich zu begleiten, dachte sie. Wieso hatte sie auch kein Taxi genommen? Das nächste Mal würde sie vorsichtiger sein.

„Rue Bab Ahmed?“, sprach sie die Einheimischen an und wartete ungeduldig, bis einer der Männer nach vorne zeigte. Sie verstand nicht, was der Berber sagte, doch seine Gesten waren eindeutig und klar.

 

*

 

Deborah machte sich wieder auf den Weg, und endlich wurde die Gasse breiter. Sie endete an einer Straße, die höchstens fünf Schritte breit war und lediglich einem Auto die Durchfahrt gestattet hätte. An Gegenverkehr war hier nicht zu denken.

Deborah hatte die Rue Bab Ahmed gefunden, und auch das Hotel, das sie suchte, war nicht weit entfernt.

Allerdings passte das Wort „Hotel“ ganz und gar nicht. Die Fassade ließ eher auf eine Kaschemme schließen, die schon bessere Zeiten gesehen hatte.

Wie recht sie hatte, zeigte sich, als sie in das Haus trat und sich verstohlen umblickte.

Das Gefühl der Beklemmung wich nicht. Es verstärkte sich eher, und plötzlich hatte Deborah das Gefühl, beobachtet zu werden. Zu sehen aber war niemand. Wahrscheinlich bildete sie sich das alles nur ein.

Der Empfangsraum war nicht mehr als ein großes Zimmer mit gekalkten Wänden. In einer Ecke standen vier klapprige Stühle und ein altersschwacher Tisch.

Hinter der Rezeption, die mehr einer alten Theke glich, stand ein Mann mit faltigem Gesicht. Auf dem Kopf trug er ein gestricktes Käppchen, das nicht verbergen konnte, dass er eine Glatze hatte.

Das Gesicht des Alten war von der Sonne gegerbt und voller Runzeln. In seinen Augen blitzte es lüstern auf, als er die junge Frau eintreten sah. Er grinste breit, und es schien ihn nicht zu stören, dass er dabei seine letzten unansehnlichen Zahnstummel präsentierte.

„Bonjour, guten Tag, hallo“, sprudelte es fast schon automatisch aus ihm heraus. „Germaniko? Amerikano?“

„Ich bin Amerikanerin“, erklärte Deborah und ließ sich nicht anmerken, wie widerlich ihr dieser Kerl war. „Verstehen Sie meine Sprache?“

Der Alte drehte sich um und rief etwas in den Raum, der hinter der schmierigen Rezeption lag. Offenbar hatte er Deborah nicht verstanden.

Sekunden später tauchte ein junger Mann auf. Er musterte die Besucherin unverhohlen und lächelte sie freundlich an, nachdem sein Eindruck wohl positiv ausgefallen war.

„Guten Tag, Miss. Mein Name ist Hassan Muchtar“, grüßte der Berber in gebrochenem Englisch. „Was kann ich für Sie tun?“

„Ich suche meinen Vater.“ Deborah hatte ein Foto gezückt und legte es auf die Theke. Sie zeigte auf Frank Farr. „Kennen Sie diesen Mann?“

Der Berber wischte sich die Handflächen an seinem grauen Hemdkittel trocken und betrachtete das Bild genauer.

„Kann schon sein“, wich er aus. Plötzlich wirkte er verschlossen. „In Marrakesch gibt es viele Touristen. Gäste kommen, Gäste gehen – Man kann nicht alle kennen, MISS.“

Die mehr als unbefriedigende Antwort entlockte Deborah einen Stoßseufzer. Wie hatte sie auch vergessen können, diese Frage mit dem entsprechenden Bakschisch zu verschönern?

Ein Dirham-Schein wechselte seinen Besitzer, und plötzlich kam die Erinnerung bei Hassan Muchtar zurück!

„Moment“, entschuldigte er sich. „Da fällt mir etwas ein.“ Rasch griff er in eine Schublade. Ein schwarzes, abgewetztes Buch mit Eintragungen kam zum Vorschein. Nach einigem Blättern fand Hassan Muchtar, was er suchte.

„Der Mann hieß Mr. Farr und ist vor fast vier Monaten hier eingezogen. Eine lange Zeit, Miss!“

Deborahs Herz begann schneller zu schlagen. Sie merkte, wie ihre Hände leicht zitterten, als sie einen weiteren Geldschein über die Rezeption schob. Sie konnte sich ausmalen, dass die weiteren Informationen noch eine Menge Geld kosten würden, doch das war ihr egal. Sie hatte eine Spur.

„Wann war mein Vater das letzte Mal hier?“, fragte sie aufgeregt.

Muchtar zuckte mit den Schultern.

„Das weiß ich nicht so genau“, erklärte er. „Es ist schon eine ganze Weile her.“ Er wandte sich an den schmuddeligen Alten und fragte ihn etwas auf Arabisch.

„Mein Vater weiß es auch nicht mehr genau“, übersetzte er. „Es ist auf jeden Fall mehr als vier Wochen her, denn die letzte Miete ist noch fällig.“

Deborah überhörte die Geldforderung.

„Wo ist sein Zimmer?“, fragte sie.

„Mr. Farr wohnt oben im ersten Stock im Zimmer 21, Miss“, verriet der junge Muchtar.

„Kann ich es sehen?“

Draußen auf der anderen Straßenseite tauchten zwei Gestalten auf. Sie trugen schwarze Mäntel mit Kapuzen. Lautlos schälten sie sich aus dem Schatten einer Gasse. Ihre Gesichter waren nicht zu erkennen. Die Kapuzen, die sie weit in die Stirn gezogen hatten, verdeckten sie.

Deborah drehte sich nur zufällig um und sah die seltsamen Gestalten im grellen Licht der sinkenden Sonne.

Ein seltsames Gefühl beschlich sie. Von diesen beiden Typen ging etwas Mysteriöses, Böses aus. Sie glaubte, es förmlich auf der Haut zu spüren.

So lautlos, wie sie aufgetaucht waren, verschwanden sie auch wieder in der Gasse. Das Halbdunkel schluckte sie.

„Kann ich das Zimmer einmal sehen?“, fragte sie noch einmal, als sie sich wieder dem jungen Berber zuwandte – und erschrak.

Der junge Mann starrte an ihr vorbei nach draußen, wo eben noch die beiden Kapuzenmänner gestanden hatten. Er war ganz bleich geworden, und in seinen schwarzen Augen glitzerten Unruhe und Angst.

Also hatte er die Kapuzenmänner ebenfalls gesehen.

„Was ist los?“, fragte Deborah verwirrt. „Stimmt etwas nicht?“

Muchtar erwachte wie aus einem bösen Traum.

„Nein, nein, es ist nichts“, stotterte er und zwang sich, nicht mehr nach draußen zu blicken. Mit fahrigen Fingern griff er an das Brett hinter sich und gab Deborah den Schlüssel.

„Zimmer 21, wie ich schon sagte“, stotterte der Berber abwesend.

Deborah war über das Benehmen des jungen Mannes sehr verwundert. Muchtar war völlig verändert und benahm sich ziemlich eigenartig.

Ob das mit den Kapuzenmännern zu tun hatte?

Sie unterließ es, ihn danach zu fragen. Wahrscheinlich hätte sie so oder so keine Antwort erhalten.

Rechts führte eine hölzerne Treppe in den ersten Stock des Hauses. Kaum hatte Deborah die ersten Stufen hinter sich gebracht, als der junge Mann sie noch einmal zurückhielt.

„Bitte halten Sie sich nicht so lange im Zimmer auf, Miss Farr“, bat er. „Wenn Sie gehen, hängen Sie den Schlüssel wieder an den Haken. Ich muss jetzt fort und stehe leider nicht mehr zu Ihrer Verfügung, und es ist sonst niemand im Haus, der Ihre Sprache versteht.“

Muchtar hatte abgehackt und mit zittriger Stimme gesprochen. Noch ehe Deborah etwas entgegnen konnte, war er im Zimmer hinter der Rezeption verschwunden. Sein Vater folgte ihm und redete aufgeregt auf ihn ein. Auch er schien höchst beunruhigt zu sein.

In Gedanken versunken, ging Deborah in den ersten Stock.

Das Zimmer ihres Vaters war rasch gefunden. Es lag direkt an der Treppe.

Der Schlüssel zum Schloss passte.

Das Zimmer selbst war ebenso heruntergekommen wie das ganze Haus. Von Wänden und Decke bröselte der Kalk. Vor dem Fenster hing eine Strohmatte, die die Hitze abhalten sollte, was ihr aber nicht gelang.

Die Luft war so stickig, dass Deborah kaum atmen konnte. Es roch penetrant nach Abfällen. Nur die zahlreichen Fliegen schienen sich in diesem Zimmer wohl zu fühlen.

Deborah machte sich im Halbdunkel an die Arbeit. Sie suchte etwas, ohne erklären zu können, was es eigentlich war.

Auf der klapprigen Liege, deren Matratze mit einem fleckigen Laken bespannt war, lag eine graue Decke. Darunter fand Deborah einen benutzten Schlafanzug. Im Schrank neben dem schmalen Fenster stand ein leerer Koffer. Wäsche und Kleidung befanden sich unangetastet in den Fächern.

Deborah suchte alles ab, doch sie fand nichts Aufschlussreiches, das ihr weitergeholfen hätte. Man konnte meinen, ihr Vater wäre vor Stunden noch in diesem Raum gewesen.

Die Sorge um ihren Vater stieg ins Unermessliche. Muchtar hatte bestätigt, dass Frank Farr seit Wochen nicht mehr, im Hotel aufgetaucht war. Der Verdacht, dass ihm etwas zugestoßen sein musste, wurde übermächtig.

Deborah stand in diesem kargen Zimmer und fühlte plötzlich eine qualvolle Leere in sich. Mehr denn je wünschte sie, Bob Shelley wäre bei ihr.

Sie seufzte und beschloss, wieder in ihr Hotel zurückzukehren. Sie hatte das Bedürfnis, mit einem Menschen über ihre Ängste und ihre Hoffnungslosigkeit zu sprechen. Nun konnte nur noch Bob Shelley helfen.

Draußen bei der Treppe vernahm sie ein dumpfes Poltern. Jemand schrie unterdrückt auf, dann gab es einen Knall, als sei ein Stuhl oder ein Tisch umgestürzt.

Deborah stürmte aufgeregt die Treppe hinunter.

Schlagartig war es wieder ruhig geworden, Es schien so, als sei sie allein im Haus und hätte sich die Geräusche hur eingebildet.

Wie ihr aufgetragen worden war, hängte sie den Schlüssel ans Brett und wollte gehen, doch das Stöhnen, das aus dem Nebenzimmer drang, machte sie neugierig.

Als sie einen Blick in den Raum warf, sah sie das Chaos.

Tische und Stühle waren umgeworfen worden. Kohlköpfe, Tomaten und Datteln lagen verstreut auf dem steinernen Boden.

Mittendrin hockte der alte Mann und hielt seinen blutenden Sohn in den Armen.

Hassan Muchtar keuchte. Er hatte die Augen geschlossen. Sein Brustkorb hob und senkte sich heftig, als bekäme er keine Luft mehr.

Aus einer Platzwunde am Kopf sickerte Blut über die rechte Seite des Kopfes und tropfte zu Boden. Das ganze Gesicht war mit blauen Flecken und Abschürfungen übersät.

Hassan Muchtar öffnete die Augen. Er sah Deborah im Türrahmen stehen und versuchte, sich aufzurichten. Nackte Angst stand in seinen Augen, seine Mundwinkel zuckten vor Schmerzen.

„Gehen Sie, Miss Farr“, keuchte er mit matter Stimme. „Lassen Sie uns allein, und laufen Sie weit fort. Bitte!“

Deborah dachte nicht daran, die beiden Männer einfach allein zu lassen, sie wollte helfen.

„Was ist passiert? Und warum soll ich fortrennen? Wovor?“

„Die goldene Spinne“, stöhnte. Muchtar. „Bitte, gehen Sie, sonst sind Sie verloren!“

Er öffnete kraftlos die rechte Hand und streckte sie Deborah entgegen.

Die junge Frau erschrak, als sie die widerliche Spinne entdeckte. Unwillkürlich machte sie einen Schritt zurück.

Die Figur war aus purem Gold. Die dürren Beine endeten in Spitzen, die sich schmerzhaft in Hassans Handfläche gebohrt hatten. Die Wunde blutete stark.

„Was hat das alles zu bedeuten?“ Deborah spürte, wie sich ihre Kehle zuzog. Wie hypnotisiert starrte sie auf die goldene Spinne.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907735
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
reich götter

Autor

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Titel: Im Reich der fremden Götter