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Tony Ballard #82: Die Augen des Dr. Schock

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Augen des Dr. Schock

Dämonenhasser Tony Ballard Band 82

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 109 Taschenbuchseiten.

 

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner.

Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

„Edition A. F. Morland“ ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2017

 

 

Prolog

Die Ärzte waren der Ansicht, er wäre über den Berg. Sie hatten ihn operiert, und er erholte sich zufriedenstellend. Aber dann kam der Rückschlag, denn es war schwarze Magie im Spiel …

 

 

1

7.30 Uhr.

Esram Bannon lag bleich in seinem Bett. Er atmete schwer, und die Augen waren weit aufgerissen. Ein dumpfes Rasseln entrang sich seiner Kehle. Schweiß bedeckte seine Stirn. Er wusste nicht, dass in diesem Augenblick die Hölle nach ihm griff.

Der Mann sah aus wie der Teufel. Sein Antlitz war dreieckig, lief zum Kinn hin spitz zu. Ihm fehlten nur die Hörner, dann hätte er Satans Bruder sein können. Die Wangen sanken unter den Knochen tief ein, die Lippen waren dünn und schmal. Alles in allem konnte man Esram Bannon nicht gerade als einen schönen Menschen bezeichnen.

Aber er war ehrgeizig. Und geldgierig.

Aus diesem Grund hatte er sich mit dem Höllenfürsten arrangiert. Dieser stellte ihm eine gefährliche Kristallkugel zur Verfügung, mit deren Hilfe es Bannon gelang, sieben schwarzmagische Bomben zu schaffen. Die Bomben versteckte er auf dem Ozeanriesen »Empire«, und dann verlangte er von dem Reeder Frederick Asner zwei Millionen Pfund.

Die gemeine Erpressung schien zunächst glattzugehen, aber dann schalteten sich Tony Ballard, der Dämonenhasser, Professor Lance Selby, dessen Freund, und der Ex-Dämon Mr. Silver ein – und diesem Trio gelang es nach erbittertem Ringen, Esram Bannons Pläne zu vereiteln.

Während Tony Ballard und Lance Selby auf hoher See gegen die entstandenen Ungeheuer kämpften, setzte Mr. Silver Esram Bannon in London außer Gefecht. Der Hüne mit den Silberhaaren tauchte bei Bannon auf, kam hinter dessen Geheimnis, und seine Silberkugel zertrümmerte den Höllenkristall, von dem alles Übel ausging. Die Kristallkugel zerplatzte, und unzählige Splitter drangen Esram Bannon in den Körper. Mr. Silver veranlasste sofort, dass der verletzte Mann ins Krankenhaus geschafft wurde, und man legte Bannon unverzüglich auf den Operationstisch.

Wie gesagt, alles schien in Ordnung zu sein.

Doch nun – um 7.30 Uhr – sollte Esram Bannon an den Folgen der schwarzmagischen Verletzungen sterben. Das Gift der Hölle hatte seinen Körper verseucht und war weder zu sehen noch mit dem Skalpell zu entfernen.

Bannon lag mit vier Männern in einem Zimmer. Er hatte kaum mit ihnen gesprochen, kapselte sich ab, bekam niemals Besuch. Die anderen hielten ihn für einen Eigenbrötler, für einen Narren, der die ganze Welt – sich miteingeschlossen – hasste.

Frank Zaney, der neben Bannon lag, richtete sich auf, als Bannon so markerschütternd zu röcheln begann.

»Meine Güte, der geht ex!«

»Blödsinn«, sagte Bill Murphy, der Mann gegenüber. »Er hat sich doch in den letzten Tagen ausgezeichnet erholt.«

»Wenn ich’s dir sage, der macht’s nicht mehr lange!«, stieß Zaney aufgeregt hervor.

Sie waren alle Ganoven. Zaney hatte schon drei Monate Knast hinter sich, als er ein Geschwür unter der Achsel bekam und vom Gefängnisarzt ins Krankenhaus eingewiesen wurde.

Murphy hatte der Polizei ein heißes Feuergefecht geliefert, war angeschossen worden und gleichfalls hier gelandet. Mit den anderen Patienten war es ähnlich.

Zaney stand auf, obwohl ihm der Arzt noch Bettruhe verordnet hatte. Er beugte sich über Esram Bannon. Dieser bemerkte ihn nicht. Er verdrehte die Augen, dass nur noch das Weiße zu sehen war, und sein Stöhnen wurde immer lauter.

»Bannon! He, Bannon! Was ist los mit dir?«,

Der Mann gab keine Antwort.

Murphy humpelte herbei. Die anderen Patienten waren zu schwach, um sich zu erheben. Murphy schaute Bannon beunruhigt an. »Du hast recht, Frank. Der kriegt die Kurve nicht mehr. Komisch. Er war doch schon beinahe gesund. Ich sag dir, den haben die Ärzte verpfuscht. Die haben ihn operiert – und irgendetwas in ihm drin gelassen, vergessen, ‘ne Schere vielleicht. Oder ‘ne Klemme. Ist alles schon vorgekommen. Mit Leuten wie uns machen die ohnedies nicht viel Geschichten.«

Zaneys Zunge huschte aufgeregt über die Lippen. »Wir müssen Alarm schlagen. Vielleicht ist Bannon noch zu retten.«

Zaney wandte sich seinem Bett zu. Er drückte auf einen Knopf. Murphy kroch wieder unter die Decke, und auch Zaney legte sich wieder hin.

Esram Bannon trug einen schrecklich anzusehenden Kampf gegen einen unsichtbaren Gegner aus. Einen Kampf, den er niemals gewinnen konnte, wie es schien.

Die Tür wurde aufgerissen. Ein Arzt, eine Krankenschwester und zwei Helfer traten ein.

»Bannon!«, rief Zaney. »Es geht ihm dreckig, Doc. Er ist schon fast hinüber.«

»Verdammt, warum habt ihr mich nicht früher alarmiert?«, fragte der Arzt ärgerlich.

»Wir wussten doch nicht, dass es wirklich so schlimm um ihn steht«, verteidigte sich Zaney.

Der Arzt klemmte sich sein Stethoskop in die Ohren, beugte sich über Bannon und lauschte nach dessen Herztönen. Er vernahm ein wildes, unregelmäßiges Hämmern.

»Los!«, sagte er zu den Helfern. »Schafft ihn raus! Schnell! Schwester Clarisse, holen Sie Dr. Bannister.«

Die Krankenschwester wirbelte herum und stürmte davon. Die Helfer lösten die blockierten Räder des Krankenbetts und schoben Esram Bannon hinaus.

Zaney brummte mit grimmiger Miene: »Das hat man nun davon. Da tut man an seinem Nächsten ein gutes Werk, und was ist der Dank? Angepfiffen wird man. Nächstens kann mir der Doc den Buckel runterrutschen, das steht fest.«

Murphy biss die Zähne zusammen. Sein Bein schmerzte wieder. Er wartete, bis der Schmerz nachließ, dann schüttelte er den Kopf und sagte: »Die können mit Bannon anstellen, was sie wollen. Die kriegen ihn nicht durch.«

 

 

2

Es stimmte, was Bill Murphy prophezeite. Nach einer raschen Untersuchung entschieden sich die Ärzte zu einer Notoperation, aber auch damit konnten sie Esram Bannon nicht mehr retten. Er starb ihnen unter den Händen weg.

»Exitus«, sagte der Narkosearzt, als es mit Bannon vorbei war.

Dr. Sangster – eben noch in Hektik – ließ die Hände langsam sinken und atmete schwer aus. Dr. Bannister nahm seine Gesichtsmaske ab. »Das war’s«, meinte er und verließ den Operationssaal. Er hasste solche Niederlagen, aber sie kamen immer wieder vor.

Er zog die dünnen Gummihandschuhe aus und warf sie weg. Dann wusch er sich die Hände und betrachtete sich dabei im Spiegel. Fast fünfzig Stunden war er nun schon im Einsatz. Solche Marathontouren waren bei ihm keine Seltenheit, und manchmal fragte er sich, wie lange er noch ungestraft solchen Raubbau an seiner Gesundheit betreiben konnte.

Dr. Sangster trat neben ihn. »Ich versteh’s nicht. Ich versteh’s einfach nicht. Wir haben doch nichts falsch gemacht. Der Mann war schon fast wiederhergestellt. Ein Rückfall war mit Sicherheit auszuschließen.«

Bannister zuckte mit den Schultern. »Manchmal zeigt uns das Leben unsere Grenzen. Wir schneiden Tag für Tag Menschen auf und flicken sie wieder zusammen. Wir holen aus ihnen alles Mögliche heraus, und meistens geht es gut. Wie Götter kommen wir uns manchmal vor. Damit unsere Bäume aber nicht in den Himmel wachsen, gibt es ab und zu solche unerwarteten Tiefschläge. Damit wir nicht übermütig werden.«

Man zog Esram Bannon ein Totenhemd an, schob ihn aus dem Operationssaal und brachte ihn, mit einem Laken zugedeckt, in den Keller, wo sich die Leichenkammer befand.

Ein Kärtchen mit seinem Namen hing an seinem großen Zeh.

Drei Tote lagen bereits in der kühlen Kammer. Morgen würden sie abgeholt werden.

Morgen, im Laufe des Vormittags.

Aber Esram Bannon würde nicht dabei sein!

 

 

3

Als die Dämmerung einsetzte, fächerten in der Leichenkammer des Hospitals Höllenkräfte auseinander. Sie gingen von Esram Bannons starrem, kaltem Körper aus.

Um den Toten herum baute sich eine schwarzmagische Aura auf. Mit zunehmender Dunkelheit verdichtete sie sich. Das Böse weckte den Leichnam. Er schlug unter dem Laken die Augen auf. Seine Hände fegten den Stoff vom Gesicht. Kreideweiß war sein Antlitz, und sein Blick war glanzlos.

Die Hölle hatte sein Schicksal in die Hand genommen, ersparte ihm nach der völligen Genesung den Weg ins Zuchthaus. Sie hatte andere Pläne mit ihm. Die Magie des zerstörten Kristalls erfüllte ihn nun, und er wurde eins mit diesen gefährlichen Kräften, die das Universum des Schreckens geboren hatte.

Mit einem Ruck setzte sich Esram Bannon auf. Er war nun nur noch dem Aussehen nach ein Mensch. In Wirklichkeit aber war ein Höllenwesen aus ihm geworden, vor dem sich die Menschen in Acht nehmen mussten. Mit gewöhnlichen Waffen konnte man ihm nichts mehr anhaben. Er stand nun auf einer Stufe zwischen Mensch und Dämon, und die Gesetze des Bösen würden ihn leiten.

Er warf das Laken auf den Boden. Grauenerregend sah er aus, als er aufstand. Das Totenhemd raschelte leise. Bannon wandte den hässlichen Kopf. Es drängte ihn hinaus, er wollte nicht in der Leichenkammer bleiben. Er hatte bei den Toten nichts zu suchen. Er gehörte zu den Lebenden – wenn auch anders als früher.

Patschende Geräusche waren zu hören, als Esram Bannon mit nackten Füßen durch die Leichenkammer ging. Spiegelblank war der pflegeleichte Kunststoffboden, über den Bannon schritt.

Seine fahle Hand legte sich auf die Chromstange der Tür. Es war niemandem zu raten, sich ihm in den Weg zu stellen. Er hätte jeden umgebracht, der versucht hätte, ihn aufzuhalten.

Bannon drückte die Tür auf und verließ die Totenkammer. Neonlicht strahlte von der Decke und ließ das Antlitz des wandelnden Leichnams noch blasser erscheinen.

Obwohl er nicht ortskundig war, fand er den Weg in die Freiheit mit untrüglichem Instinkt. Er stieg Stufen hinauf. Schritte hallten ihm entgegen. Ein feindseliges Knurren entrang sich seiner Kehle. Er blieb stehen. Sein Gesicht verzerrte sich zu einer aggressiven Fratze. Er machte sich nicht die Mühe, sich zu verstecken. Derjenige, der ihn entdeckte, würde kaum Alarm schlagen können, denn kalte Totenhände würden sich blitzschnell um seine Kehle legen.

Die Schritte erreichten das obere Ende der Treppe.

»Slim!«, rief jemand.

Die Schritte stoppten.

»Warte einen Augenblick, Slim!«

Noch jemand eilte herbei.

»Was gibt’s?«, fragte Slim.

»Hast du Kathy gesehen?«

Slim lachte. »Junge, lass die Finger von der, die ist für Dr. Migger reserviert. Wenn der spitzkriegt, dass Kathy ihn mit dir betrügt, fliegst du in hohem Bogen aus diesem Krankenhaus, und Migger sorgt dafür, dass du in ganz London keine Stellung kriegst.«

»Ich habe dich nach Kathy und nicht nach deiner Meinung gefragt.«

»Ich mein’s gut mit dir, Bob.«

»Spar dir deine Ratschläge. Ich weiß selbst, was ich zu tun habe.«

»Na schön, wie du meinst, Kathy war vorhin bei der Aufnahme.«

Die beiden Männer wollten sich trennen. Da erklang eine samtweiche Mädchenstimme aus dem Lautsprecher und beorderte sie auf Station vier. Sie eilten zum Lift und fuhren nach oben. Zumindest einer von ihnen hatte damit großes Glück, denn wäre er nicht gerufen worden, dann wäre er direkt Esram Bannon in die Arme gelaufen, und das hätte sein sicheres Ende zur Folge gehabt.

Als der Fahrstuhl verschwand, setzte Bannon seinen Weg fort.

Er ging einen leeren Gang entlang, erreichte eine schmale Hintertür, öffnete sie und trat in den Krankenhauspark. In dieser gepflegten Anlage erholten sich am Tage die Rekonvaleszenten.

Nachts hatte hier niemand etwas zu suchen.

Bannon glitt lautlos in die Dunkelheit hinein. Die Schwärze der Finsternis verlieh ihm zusätzliche Kräfte. Unbemerkt schritt er unter den weit ausladenden Kronen alter Bäume hindurch. Er blickte sich kein einziges Mal um. Es war ihm egal, ob ihm jemand folgte oder nicht. Aufhalten konnte ihn ja doch keiner.

Der Park war mit einer Backsteinmauer eingefriedet, vor der üppige Büsche standen. Bannon überkletterte die Mauer und gelangte in eine schmale Straße.

Plötzlich ging ein Ruck durch seinen toten Körper.

Er hatte die Witterung eines Menschen aufgenommen.

 

 

4

Sie hieß Sally Bingo und war trotz ihrer Fülle ein leichtes Mädchen, eine Gunstgewerblerin, die ihrem Zuhälter eine Menge Geld einbrachte. Aber der Typ glich einem Fass ohne Boden. Je mehr Sally verdiente, umso mehr gab er aus. Es war zum Verrücktwerden. Sally konnte niemals genug anschaffen.

»Hör zu«, sagte er in der Bar, in der er Stammgast war, zu ihr. Sein Atem roch nach teurem Kognak, sein Haar war pomadisiert, und an der linken Wange trug er eine Messernarbe, die ihm Sallys früherer Beschützer zugefügt hatte. Der Mann lebte heute nicht mehr. Die offizielle Version lautete, er habe einen Autounfall gehabt, aber Sally Bingo und Sig Dobie wussten es besser.

»Hör zu, Sally«, sagte Sig. »Ich hab’ ne Pechsträhne beim Pokern.«

»Schon wieder?«, seufzte Sally. »Warum lässt du nicht die Finger von den Karten, wenn du ständig verlierst?«

»Quatsch nicht kariert, sonst werde ich sauer, Süße!«, blaffte Sig Dobie. »Ich habe schon mal fünftausend Pfund an einem einzigen Abend gewonnen.«

»Ja, aber das ist lange her. Und wieviel hast du in der Zwischenzeit verloren?«

»Das geht dich einen feuchten Kehricht an!«, herrschte Sig die Nutte an.

Es ist immerhin das Geld, das ich verdiene, was du so großzügig verspielst, dachte Sally Bingo, aber sie hätte niemals den Mut aufgebracht, das auszusprechen. »Hai will mir keinen Kredit mehr geben«, sagte Sig. »Ich brauche dringend ein paar Scheine. Sieh zu, dass etwas hereinkommt. Es herrscht Ebbe in unserer Kasse.«

Immer wenn kein Penny drin ist, ist es unsere Kasse, dachte Sally ärgerlich. Ansonsten ist es sein Geld.

»Beeil dich!«, verlangte Sig Dobie. »Lass mich nicht zu lange warten. Du weißt doch: Spielschulden sind Ehrenschulden.«

»Du wirst wieder verlieren, Sig. Warum wartest du nicht auf ‘ne Glückssträhne?«

»Die kommt noch heute. Ich hab’s im Gefühl.«

»Dein Gefühl.« Sally Bingo machte eine wegwerfende Bewegung. »Als wir neulich in Brighton waren, sagte dir dein Gefühl auch, du würdest gewinnen, und dann mussten wir vorzeitig unseren Urlaub abbrechen.«

»Also gehst du nun endlich raus, oder muss ich dich erst verprügeln?«, fragte Sig Dobie ungeduldig.

»Okay, okay, ich geh’ ja schon!«, gab das Mädchen lustlos zurück und verließ die Bar.

Sally war mollig, mit großen schweren Brüsten. Das brandrote Haar war gefärbt. Sie trug eine knappe, tiefausgeschnittene Leopardenbluse, einen Minirock, der kürzer nicht ging, und ihre wohlgeformten Beine steckten in langen Lederstiefeln.

Sie schwang ihre Handtasche über die Schulter und schlenderte die Straße entlang, und sie verwünschte Sig Dobie in Gedanken. Sie hatte gehofft, es bei ihm besser zu haben als bei seinem Vorgänger, aber das hatte sich bald als Irrtum herausgestellt. Sig Dobie nahm ihr noch viel mehr Geld ab als der andere. Ersparnisse für die alten Tage? Die konnte sie nicht anlegen, denn sobald Sig Geld bei ihr witterte, luchste er ihr auch das ab.

»Ich wünschte, der Teufel würde dich holen, Sig Dobie«, sagte Sally, während sie nach Kundschaft Ausschau hielt.

Ein Wagen fuhr langsam an ihr vorbei. Der Fahrer musterte sie ungeniert. Sie setzte ein professionelles Lächeln auf, schob die Hüfte vor und feuchtete ihre roten Lippen mit der Zunge an. Doch der Mann ging auf die Einladung nicht ein.

»Trottel!«, schimpfte Sally, als er weiterfuhr. »Geizhals! Wozu sitzt du so auf deinem Geld? Wer weiß, wie lange diese miese Welt überhaupt noch existiert?«

Der Wagen verschwand. Sally blieb an der Ecke unter einer hell strahlenden Laterne stehen. Rechts ging es in eine schmale Straße ab. Sally Bingo öffnete ihre Handtasche, holte die Zigarettenpackung hervor, schüttelte ein Stäbchen heraus, und als sie es anzündete, hatte sie plötzlich das unangenehme Gefühl, heimlich beobachtet zu werden.

Sie drehte sich um.

Niemand war zu sehen, aber Sallys sechster Sinn sagte ihr, dass sie sich keinesfalls irrte. Sie wurde nervös, zog kräftig an der Zigarette und pumpte den Rauch tief in die Lunge hinunter.

War irgendein verrückter Spanner in der Nähe, dem es genügte, sie anzusehen? Diese verklemmten Typen konnten manchmal gefährlich werden. Erst vor einem Monat hatte einer in Soho ein Mädchen erstochen. Einfach so. Völlig ohne Grund. Bloß, weil sie ihm zufällig über den Weg gelaufen war.

Es war dunkel in der schmalen Straße.

Und in dieser Dunkelheit zeichnete sich mit einem Mal ein heller Fleck ab. Sally biss sich auf die Unterlippe. Der Fleck bewegte sich, kam näher, und Augenblicke später erschien eine furchterregende Gestalt im Streulicht der Straßenlampe.

Sally Bingo traute ihren Augen nicht. Ihr war im Leben schon vieles untergekommen, aber so etwas noch nicht.

Der Mann, der auf sie zukam, hatte keine Schuhe an den nackten Füßen. Er trug ein knöchellanges weißes Hemd aus grobem Leinen. Das Gesicht war schrecklich fahl, die Augen gebrochen. Sally begriff, dass sie einen Toten vor sich hatte. Einen lebenden Leichnam. Sie ließ vor Entsetzen die Zigarette fallen.

Esram Bannon starrte sie mit seinen blicklosen Augen durchdringend an. Dem Mädchen wurde angst und bange. Er will dich umbringen!, schoss es ihr siedend heiß durch den Kopf.

»Nein!«, presste sie heiser hervor. »Himmel, nein …!«

Sie wich vor dem Schrecklichen zitternd zurück. Er hob seine Hände.

Er will dich erwürgen!, hämmerte es in Sally Bingos Kopf, und im nächsten Moment dachte sie nur noch an eines: an Flucht!

Sie kreiselte herum. Bannon sprang vorwärts. Das Mädchen spürte seine kalten Totenhände auf ihren nackten Oberarmen. Ein krächzender Schrei entrang sich ihrer Kehle. Die Totenfinger drückten schmerzhaft zu.

Sally Bingo wollte sich losreißen, schaffte es aber nicht. Bannon warf sie nieder und ließ sich auf sie fallen. Das Mädchen rollte entsetzt zur Seite und wollte aufspringen, doch Bannons rechter Arm drückte sie nieder.

Sie schlug verzweifelt um sich und trat mit den Füßen nach dem Angreifer. Er knurrte unwillig. Seine Hände glitten über ihren Körper. Angewidert versuchte sich Sally Bingo zu befreien. Seine Finger erreichten ihre Kehle. Das versetzte das Mädchen in helle Panik. Sie stieß die Arme des Toten von sich, rollte noch einmal herum und schaffte es aufzuspringen.

Esram Bannon erhob sich langsamer als sie.

Sally Bingo gab sofort Fersengeld. Der Stöckel ihres rechten Stiefels brach ab, sie humpelte weiter, spürte, dass der Unheimliche dicht hinter ihr war und bangte um ihr Leben.

Wenn er dich einholt, bist du verloren!, dachte sie verzweifelt. Er will dein Leben! Er bringt dich um!

Die Angst beflügelte ihre Schritte. Sie rannte, als wäre der Teufel persönlich hinter ihrer Seele her. In fiebernder Hast stieß sie die Eingangstür der Bar auf, stürzte hinein, stolperte und fiel.

Dieser Auftritt beunruhigte alle, die im Lokal waren. Sig Dobie warf die Karten auf den Spieltisch und sprang auf. Er eilte zu Sally, die völlig verstört war und deren Augen nun in Tränen schwammen.

»Sally, was ist passiert?«, fragte der Zuhälter aufgeregt.

Sie schluchzte, klammerte sich an ihn und brachte kein Wort heraus.

»Verdammt, was ist geschehen?«, schrie er sie an.

»Oh, Sig, es war so entsetzlich …«

»Was? Was denn, verflucht noch mal?«

»Er, er wollte mich umbringen …«

»Wer?«

»Es ist eine Leiche im Totenhemd!«

Sig Dobie starrte das Mädchen entgeistert an. »Meine Güte!«, ächzte er. »Jetzt hat die Biene den Verstand verloren!«

 

 

5

Am Ende des Tresens saß ein großer gutaussehender Mann. Harry Dean war sein Name. Er hatte einen Scotch vor sich stehen und langweilte sich. Der große Blonde war Privatdetektiv. Zurzeit herrschte Flaute, und so zog er durch die Lokale, um zu erfahren, was es in der Unterwelt Neues gab. Manchmal kamen ihm auf solchen Streifzügen wichtige Informationen zu Ohren.

Als er hörte, was Sally Bingo sagte, warf er das Geld für den Drink auf den Tresen, leerte sein Glas und sprang vom Hocker.

Sig Dobie stellte sein verstörtes Mädchen soeben auf die Beine. Sie zitterte erbärmlich.

»Baby, nimm mich nicht auf den Arm!«, warnte er. »Ich kann es nicht vertragen, wenn mich jemand lächerlich macht, das weißt du!«

»Es ist die Wahrheit, Sig, ich schwör’s!«, presste Sally Bingo heiser hervor. Die Tränen hatten die Wimperntusche aufgelöst und schwarze Striche auf die blassen Wangen des Mädchens gezeichnet. »Er ist über mich hergefallen. Er wollte mich umbringen. Beinahe hätte er’s geschafft, Sig. Er trägt ein Totenhemd …«

»Ist er dir nachgerannt?«

»Ja.«

Sig Dobie wandte sich an den Barkeeper. »Charlie, gib ihr einen Drink. Was Starkes. Und mach das Glas voll bis zum Rand.« Er schubste das Mädchen Richtung Tresen und wandte sich anschließend den Männern zu, mit denen er gepokert hatte.

»Kommt ihr mit?«, wollte er wissen.

Einer tippte sich an die Stirn. »Denkst du, wir jagen einem Hirngespinst nach?«

»Ich begleite Sie«, sagte Harry Dean.

Dobies Blick wieselte an dem Detektiv auf und ab. Er wusste nicht, dass der Mann ein Schnüffler war, sonst hätte er das Angebot abgelehnt. Er mochte diese Spürhunde nicht, die ständig bemüht waren, einem wie ihm das Leben schwerzumachen.

»Okay«, sagte der Zuhälter.

Sie verließen die Bar. Von einem lebenden Leichnam im Totenhemd keine Spur. Es war überhaupt niemand auf der Straße. Aber das hatte nichts zu sagen. Sally Bingo war dermaßen in Panik, dass an ihrer Geschichte unbedingt etwas dran sein musste. Zwar nahm Sig Dobie nicht an, dass es sich um einen Toten handelte, der über das Mädchen hergefallen war, aber er war bereit, zu glauben, dass es sich um einen Kerl handelte, der ein langes weißes Hemd trug. Vermutlich war es ein Verrückter, der aus dem nahen Krankenhaus abgehauen war.

»Verdammt, welche Richtung?«, fragte sich Sig Dobie laut.

»Laufen Sie da lang, ich hier«, sagte der Privatdetektiv.

»Der Irre kann was erleben!«, knurrte der Zuhälter.

»Wenn Sie sich keinen Ärger aufhalsen wollen, beschränken Sie sich darauf, ihn zu überwältigen. Den Rest der Arbeit nimmt Ihnen die Polizei ab.«

»Ihren Rat habe ich gerade nötig«, maulte Dobie und lief davon.

Harry Dean eilte in die entgegengesetzte Richtung. Er angelte eine Mauser-Pistole aus der Schulterhalfter, von der er jedoch nur im Notfall Gebrauch machen würde. Er war ein Mann, der jede Kugel, die er abfeuerte, verantworten konnte.

Als er die nächste Querstraße erreichte, blickte er nach rechts und sah … eine Gestalt, die wie ein weißes Gespenst den Gehsteig entlanghuschte. Sally Bingo hatte also die Wahrheit gesagt.

 

 

 

6

Wut erfüllte Esram Bannon, weil ihm das Mädchen entwischt war. Er hätte so gern die Mordlust befriedigt, die in ihm loderte. Er selbst war tot, und er wollte deshalb jedes Leben vernichten. Da er selbst nicht mehr lebte, sollten auch die andern nicht mehr leben.

Aber er hatte Pech gehabt. Er hatte sich nicht geschickt genug angestellt. Das Mädchen war schnell und wendig gewesen, und das hatte sie gerettet. Da Bannon damit rechnete, dass sie in der Bar allen von ihm erzählte, zog er es vor, rechtzeitig das Feld zu räumen.

Er blieb kurz stehen, vernahm rasche Schritte und warf einen Blick zurück. Über sein bleiches Gesicht huschte ein gemeines Grinsen, als er den großen blonden Mann erblickte, der ihn offenbar verfolgte.

Bannon verschwand in der Dunkelheit eines unscheinbaren Durchlasses. Der Verfolger sollte sich lieber nicht wünschen, ihn einzuholen und zu stellen, denn das hätte für ihn tödliche Folgen gehabt.

Esram Bannon lief zwischen eng stehenden Häusern hindurch. Er überkletterte eine Plakatwand, hastete über einen großen Bauplatz und rechnete damit, den mutigen Mann abgehängt zu haben.

Aber Harry Dean war ihm noch auf den Fersen.

 

 

7

Ich saß im Livingroom meines Hauses und spielte mit Mr. Silver Schach. Er hatte schon zwei Partien verloren, und ich trieb ihn gerade wieder in die Enge.

»Es ist eine Wohltat, einmal gegen dich zu spielen, ohne dass du mogelst«, sagte ich grinsend.

Für gewöhnlich setzte der Ex-Dämon seine übernatürlichen Fähigkeiten ein, um mich zu schlagen. Doch die waren ihm vor einigen Wochen abhandengekommen. Wir gerieten damals an Mango, den Schwarzmagier, und seine gefährlichen Schergen, und Mr. Silver wurde von der Höllenpeitsche getroffen, mit der die Schergen bewaffnet waren. Jeden Menschen hätte dieser Schlag vernichtet. Mr. Silver kostete er lediglich seine außergewöhnlichen Fähigkeiten.

»Nun sehe ich mal, wie gut du wirklich bist«, stichelte ich.

Der Hüne mit den Silberhaaren rümpfte die Nase. »Ich habe heute nicht meinen besten Tag.«

»Ich werde dir ein Buch schenken: Schach für Anfänger.«

»Das werfe ich dir garantiert an den Kopf.«

»Ach ja, weil du nicht lesen kannst«, konterte ich, stand auf, begab mich zur Hausbar und nahm mir einen Pernod.

Vor ein paar Stunden war ich von Bodmoor, das im Landkreis Dartmoor liegt, nach London zurückgekehrt. Mein Partner, der reiche Industrielle Tucker Peckinpah, hatte da zu tun gehabt, und ich hatte ihn nur aus privatem Interesse begleitet, weil er mit seinem Geld an einer Firma beteiligt war, die an der Verflüssigung von Kohle arbeitete.

Großer Gott, was war aber aus dieser Reise geworden. Ein Zyklop namens Zakatta hatte in Bodmoor sein Unwesen getrieben, und es war mir nicht leichtgefallen, mit ihm und seinen Anhängern fertigzuwerden.

Wir hätten noch in Bodmoor bleiben können, aber irgendetwas ließ es mir angeraten erscheinen, so rasch wie möglich nach London zurückzukehren. Ich hatte das Gefühl gehabt, zu Hause gebraucht zu werden, doch bislang hatte sich dieses Gefühl noch in keiner Weise bestätigt.

Doch das sollte sich schon sehr bald ändern …

 

 

8

Harry Dean überkletterte die Plakatwand ebenfalls. Der Mann im Totenhemd geisterte über den großen Bauplatz. Hier sollte ein Bürohochhaus entstehen. Im Moment waren jedoch noch nicht einmal die Ausschachtungsarbeiten abgeschlossen. Ein Kran, noch nicht ganz fertig zusammengesetzt, ragte in den tintigen Nachthimmel hinein! Gelbe Bauhütten mit geteerten Dächern standen am Rand des Geländes.

Dean sah Esram Bannon dazwischen verschwinden. Er forcierte sein Tempo, um den Fliehenden einzuholen. Der Detektiv war zuversichtlich, dass ihm der Mann keine Schwierigkeiten machen würde, wenn er die Mauser sah. Bestimmt konnte der Bursche im weißen Hemd noch in dieser Stunde dorthin zurückgebracht werden, woher er kam.

Dean erreichte die Bauhütten. Er verlangsamte seinen Schritt, schlich vorsichtig an der Hüttenwand entlang. Schwer lag die Pistole in seiner Hand. Er würde nicht gleich schießen, mit der Waffe aber nötigenfalls zuschlagen, um den Kerl zur Räson zu bringen.

Dean linste vorsichtig um die Ecke.

Enttäuschung breitete sich über sein Gesicht, denn er sah den Geistermann nicht mehr. Vor ihm lag eine menschenleere Straße. Ausgestorben. Nicht einmal ein herrenloser Köter trieb sich hier herum.

Der Mann schien sich in Luft aufgelöst zu haben.

Harry Dean zerbiss einen Fluch zwischen den Zähnen. Was hatte er falsch gemacht? Hatte er den Unbekannten zu vorsichtig verfolgt? Hätte er weniger Rücksicht auf die eigene Sicherheit nehmen sollen? War es mangelnde Risikofreudigkeit, die ihn den Kerl verlieren ließ?

Hartnäckig versuchte er die Spur des verhinderten Mädchenmörders wiederzufinden. Es glückte ihm nicht.

 

 

9

Ich kehrte mit dem Pernod zu Mr. Silver zurück. »In sechs Zügen bist du schachmatt«, behauptete ich

»Angeber«, tönte der Ex-Dämon.

»Worum willst du wetten?«

»Kiste Sekt.«

»Kannst du dir das leisten?«

Der Hüne mit den Silberhaaren grinste. »Erstens brauche ich nicht zu befürchten, sie bezahlen zu müssen, und zweitens werden wir ja großzügig von Tucker Peckinpah unterstützt. Da ist eine Kiste Sekt allemal drin.«

Ich zählte die Züge laut mit, damit Mr. Silver hinterher nichts abstreiten konnte. Da er unkonzentriert und überheblich spielte, machte ich ihn sogar mit fünf Zügen fertig. Er fegte die Figuren mit der Hand ärgerlich vom Brett und stand auf.

»Du tust mir beinahe leid«, hänselte ich ihn. »Was warst du mal für ein besonderer Typ. Die Hölle hat vor dir gezittert. Und nun gewinnst du nicht einmal mehr eine Schachpartie gegen mich.«

»Die Zeiten werden auch mal wieder anders«, erwiderte Mr. Silver verdrossen. »Denk an meine Worte. Es geht bald wieder mit mir aufwärts, das fühle ich.«

»Du meinst, du spürst, dass deine übernatürlichen Fähigkeiten wiederkommen?«, fragte ich hoffend. Seine Mogelei hätte ich gern wieder in Kauf genommen, wenn er seine außergewöhnlichen Kräfte wiedererlangt hätte.

Er blieb mir die Antwort auf meine Frage schuldig. Das Telefon schlug an, und ich ging an den Apparat. »Ballard.«

Am andern Ende des Drahtes war Daryl Crenna, der Mann aus der Welt des Guten. Dort hieß er Pakkadee. Wir lernten ihn in Hongkong kennen. Es verschlug uns damals in die Welt der Pavian-Dämonen, und Crenna war dabei. Dieser außergewöhnliche Mann bekämpfte das Böse mit allen ihm zur Verfügung stehenden Mitteln, und das waren nicht wenige. Er war auf die Erde gekommen, um hier den »Weißen Kreis« zu gründen, eine Verbindung von Gleichgesinnten, deren Ziel die Vernichtung alles Bösen war.

Er hatte sich in London niedergelassen, und es tat gut zu wissen, dass er in unserer Nähe war.

»Hallo, Daryl«, sagte ich. »Wie geht’s dem Weißen Kreis?«

»Der besteht vorläufig nur aus einem Mann: aus mir. Aber das bleibt nicht so. Ich erwarte bald Unterstützung aus der Welt des Guten. Der Name der Nummer zwei in meinem Kreis wird Fystanat sein.«

»Pakkadee und Fystanat. Seltsame Namen.«

»Nur für dich, Tony Ballard. Da, wo wir herkommen, klingt dein Name komisch.«

»Wahrscheinlich.«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907704
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353175
Schlagworte
tony ballard augen schock

Autor

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