Lade Inhalt...

SAN ANGELO COUNTRY #47: Die Flussbanditen vom Brazos River

2017 130 Seiten

Leseprobe

SAN ANGELO COUNTRY #47: Die Flussbanditen vom Brazos River

 

Ein Western von R. S. Stone

 

 

 

 

 

 

 

Klappe

Texas Ranger Jess Calhoun soll den Verbrecher Dutch Owen Ray nach Waco bringen, wo ein Gericht auf ihn warten und verurteilen wir. Eigentlich nur ein Routinejob für einen erfahrenen Mann wie Jess Calhoun. Aber Dutch Owen Ray denkt natürlich nicht im Traum daran, sang- und klanglos aufzugeben. Als der Ranger und sein Gefangener an Bord des Flussdampfers „Glory Donce“ gehen, um so schneller ans Ziel zu kommen, wittert er Verbrecher seine Chance. Denn an Bord ist jemand, den gut kennt – und dieser Mann gehört zur Bande eines gewissen Tascosa-Todd, der es auf den Flussdampfer abgesehen hat. Denn die „Glory Donce“ transportiert eine Waffenladung, die sich Tascosa-Todd unter den Nagel reißen will.

Jess Calhoun ahnt nichts von alledem – genausowenig wie die anderen Passagiere an Bord des Schiffes. Während sein Gefangener sicher unter Deck eingesperrt ist, lernt er eine Schauspielertruppe unter der Leitung eines Franzosen namens Lucien Deveraux kennen – und eine Frau namens Juliette Cravat, die ihn fasziniert. Dann schlagen Tascosa-Todds Banditen zu. Zahlreiche Menschen an Bord sterben, und das Schiff versinkt im Brazos River. Jess Calhoun und Lucien Deveraux können sich retten – aber von den Frauen der Truppe und von Dutch Owen Ray fehlt jede Spur. Als die beiden ahnen, welches schlimme Schicksal den Frauen blüht, setzen sie sich auf die Fährte der Banditen. Zwei Männer, wie sie unterschiedlicher nicht sein können – aber ihr gemeinsames Ziel schweißt sie zusammen ...

Teil 1 eines spannenden Doppelromans

 

 

1.

 

 

Auf einem hochgelegenem Plateau verhielt Jess Calhoun seinen Falben und spähte hinunter in das Tal. Dort unten lag Lucky Bend. Von seinem Standort aus erkannte Calhoun die primitiv zusammengezimmerten Häuser. An der Stadtgrenze nach Westen hin schlängelte sich ein schmaler Creek durch ebenes Land, der irgendwo weiter hinten in den Hügeln in einen See mündete.

Lucky Bend war nicht besonders groß. Und die Bezeichnung Stadt durfte auch etwas übertrieben sein. Die Ansiedlung der verschiedenen Häuser hätte eher Städtchen genannt werden können.

Die rauchgrauen Augen des hochgewachsenen, hageren Jess Calhouns tauchten in das Tal hinab und schweiften über jedes einzelne Gebäude, bis sie dann das Sheriff-Office erblickten. Plötzlich zeigte sich auf Calhouns markantem Gesicht ein leichtes Grinsen. Es war kein angenehmes Grinsen. Es ließ sich mit dem Ausdruck eines Wolfes vergleichen, der nach langer Entbehrung endlich die Witterung einer Schafherde aufgenommen hat. Noch etwas fiel an diesem hochgewachsenen Mann sofort auf: Er trug seinen Revolver tief rechts!

Es drängte ihn sehr, den Hang hinunter in die Stadt zu reiten. Dennoch blieb Jess Calhoun für ein paar Minuten auf dem Plateau. Er griff in die Brusttasche seines blauen Flanellhemdes und angelte ein ziemlich verschlissenes Päckchen Durham-Tabak heraus. Aus den letzten Krümeln des Beutels drehte er sich eine dünne Zigarette. Dabei hatte er die seltsame Angewohnheit, dies nur mit einer Hand zu tun.

Mit dem Tabak war der allerletzte Proviant aufgebraucht. Am Sattelknauf entfachte er ein Streichholz und führte es in der hohlen Hand an die Zigarette, steckte diese in Brand und warf dann das Streichholz achtlos auf den steinigen Geröllboden.

Wenn ein Mann stets alleine ist, so fängt er irgendwann einmal an, mit sich selbst zu sprechen. Oder – wie in Jess Calhouns Fall – mit seinem Pferd. Und so sagte er zu seinem Falben Firerose:

»Nun, mein guter Freund. Schätze, diesmal wird er uns nicht mehr durch die Lappen gehen, was? Mir scheint, wir sind endlich am Ziel unserer langen Jagd!«

Es schien, als verstünde das Tier die Worte seines Reiters. Der Falbe warf seinen Kopf etwas in die Höhe und stieß ein leises Wiehern aus. Dann trat er einmal mit dem linken Vorderhuf auf. Calhoun tätschelte seinem treuen Pferd über den Rücken.

»Du bist genauso gespannt, wie ich, alter Freund?«

Calhoun schnippte die halb gerauchte Zigarette mit den Fingerspitzen fort. Dann gab er Firerose einen leichten Schenkeldruck. Calhoun ritt den schmalen Hang ins Tal hinunter und etwa zehn Minuten später erreichte er auch schon die ersten Häuser Lucky Bends.

Dieses Nest schien im Mittagsschlaf zu liegen. Weder rechts noch links entlang der Main-Street war irgend etwas los. Ein paar vereinzelte Gestalten tauchten hier und da auf, blickten dem fremden Reiter hinterher, der mit entschlossener Mine im Sattel eines prachtvollen, Falben saß und genau auf das Sheriff-Office zuhielt.

Vor dem Office saß ein Mann in einem Schaukelstuhl. Die langen Beine hatte er über das Geländer gelegt, den breiten Stetson tief ins Gesicht gezogen. Auf der Brusttasche seines weißen Hemdes blitzte der Stern des Gesetzes. Erst als der fremde Reiter dicht vor dem Office sein Pferd zum Stehen brachte, kam Regung in ihn. Er schob betont langsam den breiten Hut in den Nacken und blinzelte aus zusammengekniffenen Augen zu dem Fremden hoch.

»Wollen Sie zu mir?«

Calhoun rieb sich kurz übers unrasierte Gesicht. »Wenn Sie Sheriff Tab Winslowe sind – ja.«

Die Haltung des Sheriffs spannte sich etwas, aber er machte noch keine Anstalten, sich aus dem Schaukelstuhl zu erheben. Erst jetzt sah Jess Calhoun die halbvolle Flasche Whisky, die neben dem Schaukelstuhl auf dem Bretterboden des Gehsteigs stand.

»Ich bin Sheriff Winslowe, Fremder. Was kann ich für Sie tun?« Noch immer klangen die Worte des Sheriffs recht mürrisch. Offensichtlich fühlte er sich durch den fremden Reiter gestört.

»Ich bin Texas-Ranger Jessn Calhoun«, stellte sich Calhoun vor, »und habe den Auftrag, Ihren Gefangenen Dutch Ray abholen.« Er öffnete dabei die Verschläge seiner Wildlederweste. Auf der Hemdbrusttasche steckte das blitzende Abzeichen der Ranger und fiel dem Sheriff mit aller Pracht ins Auge. Da die Truppe der Texas-Ranger einen besonderen Ruf mit ebenfalls besonderen Befugnissen besaßen, die weit über denen eines Sheriffs lagen, sprang Winslowe plötzlich aus seinem Schaukelstuhl. Es fehlte nur noch, dass er vor Calhoun salutierte.

»Ihr Vorgesetzter, Colonel Calhoun, hat uns telegraphiert, dass Sie kommen werden, um diesen verdammten Killer abzuholen, um ihn nach Waco zurück zu bringen. Wir ... wir haben Sie allerdings schon gestern hier erwartet. Haben Sie die Papiere dabei, die Sie bevollmächtigen ... «

»Ja«, antwortete Calhoun nur. Er reichte dem Sheriff ein zusammengerolltes Schriftstück. Winslowe nahm es entgegen, las, nickte und gab die Schriftrolle Calhoun mit einem seltsam klingenden Seufzer der Erleichterung zurück.

»Verdammt«, entfuhr es dem Sheriff, dessen Augen etwas gerötet vom Whisky waren, »Sie glauben gar nicht, wie froh wir sind, diesen verdammten Killer endlich wieder los zu werden.«

Für einen kurzen Augenblick betrachtete Calhoun sein Gegenüber. Der Mann sah wahrhaftig gar nicht danach aus, einen schlimmen Desperado wie Dutch Owen Ray dingfest machen zu können. Und doch war es möglich.

Nur durch puren Zufall allerdings gelang ihm dieses Bravourstück. An jenem Tag, als sich Dutch Owen Ray hier in Lucky Bend aufhielt – er war angeblich auf der Durchreise – da hatten Sheriff Winslowe und sein Deputy zufällig in dem Wust der Steckbriefe geblättert. Und das Gesicht von Dutch Ray befand sich auf einem dieser Steckbriefe. Diese Visage passte haargenau zu dem Mann, der vor einigen Stunden im Glendan-Saloon abgestiegen war.

Winslowe hatte all seinen Mut zusammengefasst, und gemeinsam mit dem Deputy Hastings war er in den Saloon marschiert. Beide Männer hatten sich zuvor mit ihren Schrotflinten bewaffnet. Und als sie sahen, dass Dutch Ray völlig betrunken an einem Tisch mit einem der Mädchen flirtete, legten sie ihre Schrotflinten an. Dutch Ray war so betrunken, dass er sich fast widerstandslos verhaften ließ. Wäre dieser Killer nüchtern gewesen, hätte die Geschichte sicherlich einen ganz anderen Ausgang gehabt.

Jess, der diese Geschichte von seinem Vater, Colonel Amos Calhoun zu hören bekam, bevor er sich mit dem Auftrag, Dutch Ray zurück nach Waco zu bringen, auf den Weg machte, konnte nur staunen. Seit Jahren war er diesem Killer auf den Fersen. Immer wieder gelang es Ray zu entkommen.

Und ein kleiner Sheriff in einem unbedeutenden Nest schaffte es, diesen gefährlichen Burschen auf so unkomplizierte Weise ins Jail zu befördern.

Am gleichen Tag noch hatte Sheriff Tab Winslowe ein Telegramm nach Waco geschickt. Genauer gesagt ins Hauptquartier der Kompanie F zu Colonel Amos Calhoun, dem Kommandeur der Truppe. Der Colonel hatte daraufhin alle Hebel in Bewegung gesetzt, um Jess Calhoun nach Lucky Bend zu schicken, damit er Dutch Owen Ray nach Waco überführen sollte.

Obwohl tief in Calhoun der Hass brannte, den er auf Dutch Owen Ray hegte, musste er grinsen. Grinsen darüber, wie diese seltsame Figur des Sheriffs vor ihm es fertig bringen konnte, Ray ins Jail zu bekommen.

Sheriff Winslowe sah das Grinsen des hageren Texas-Rangers und es verunsicherte ihn etwas. Aber dennoch sagte er nichts, sondern beobachtete, wie sich der Ranger gewandt aus dem Sattel seines Falben schwang, das Tier lose an die Haltestange band und dann zu ihm auf den Gehsteig trat. Jess Calhoun war mindestens anderthalb Köpfe größer als der Sheriff, dessen Proportionen ganz und gar nicht zusammenpassen wollten. Die viel zu lang geratenen Beine bildeten einen seltsamen Kontrast zu einem zu kurz geratenen Oberkörper. Den großen, wulstigen Kopf des Sheriffs zierte ein breiter, grauer Backenbart, und die augenblicklich vom Whisky etwas geröteten Augen wirkten wie Knopfaugen eines Teddybären.

Nein, unter ganz normalen Umständen hätte es dieser Sheriff nie fertig gebracht, einen Mann wie Dutch Owen Ray zu verhaften.

Winslowe trat ins Office ein und Calhoun folgte ihm. Ein muffiger, säuerlicher Geruch schlug ihm entgegen und der Ranger rümpfte unweigerlich die Nase. Vom Lüften schien man hier nicht viel zu halten. Hinter dem Schreibtisch saß ein älterer Bursche auf dem Stuhl. Ein mächtiger Dragonerbart zierte sein faltiges Gesicht. Die Füße hatte er übereinander auf den speckigen Schreibtisch gelegt. Als Winslowe, gefolgt von Calhoun ins Office trat, legte der Dragonerbart die Zeitung aus der Hand und sah den hochgewachsenen Fremden fragend an.

»Das ist mein Stellvertreter«, stellte der Sheriff den Mann hinter dem Schreibtisch vor und fügte nicht ohne Angabe in seiner Stimme fort: »Mit ihm zusammen habe ich den verdammten Bastard Dutch Ray festgenommen.«

Calhoun ersparte sich jeglichen Kommentar, sondern nickte dem Deputy nur flüchtig zu. Dieser stierte auf das Rangerabzeichen an der Brusttasche von Calhouns Flanellhemd und meinte dann: »Sie sind also dieser Ranger, den man uns aus Waco geschickt hat, damit diese Klapperschlange da drinnen endlich abgeholt werden kann? Verdammt, Ranger, einen größeren Gefallen können Sie uns und unserer Stadt gar nicht tun.«

Der Oldtimer klatschte erfreut in die Hände. Eine zentnerschwere Last schien von seinen Schultern zu fallen. Calhoun grinste. Er konnte sich lebhaft vorstellen, dass Dutch Owen Ray kein angenehmer Zeitgenosse in seiner Zelle war. Als der Sheriff die Zwischentür zum Zellengang aufschloss, verschwand Calhouns Grinsen plötzlich wieder. Vom Zellentrakt her hörte er eine raue Stimme rufen: »Was ist, Winslowe? Gibt es endlich was zu fressen? Verdammt, du wolltest mir doch ein paar von den Ladies herschicken! Wo, zur Hölle, bleiben die!«

Das war unverkennbar die Stimme von Dutch Owen Ray, einem der gefährlichsten und übelsten Burschen jenseits des Pecos. Die Bandbreite seiner Straftaten reichte von Banküberfall, Vergewaltigung, Raub, Erpressung über kaltblütigen Mord. Also alles, was einen erstklassigen Schurken ausmacht. Für Texas-Ranger Jess Calhoun nicht genug: Dutch Owen Ray war der Mörder von Slim Thackary, Calhouns Freund.

Als Calhoun die kehlige Stimme aus dem Inneren des Zellentraktes vernahm, keimte wieder der unbarmherzige Hass in ihm auf.

Wenig später stand der Mörder dann auch vor ihm, an Handschellen gefesselt, mit einem hämischen Grinsen im Gesicht.

Selbst wenn man nicht wusste, was für ein übler Bursche dieser Dutch Owen Ray war – spätestens beim ersten Hinsehen ließ sich sofort die ganze geballte kriminelle Energie erkennen. Dutch Owen Rays brutales Gesicht wurde von einem schwarzen Stoppelbart umrahmt – was ihn nur noch wüster und gefährlicher aussehen ließ. Das schwarze Haar hing ihm wirr in die Stirn und seine gelblichen Augen leuchteten seltsam. Eine dünne Narbe verlief von der linken Wange quer bis zur Kinnspitze.

Er erkannte Jess Calhoun sofort. Das fiese Grinsen in des Banditen Gesicht wurde breiter und breiter. Fast freudig rief er dem Ranger zu: »Tod und Teufel, der alte Jess! Das es dich noch gibt, alter Junge! Du sollst mich zurück nach Waco bringen? Menschenskind, das finde ich gut. Dachte schon, Colonel Calhoun schickt einen dieser langweiligen Jungens los, um mich zu holen. Teufel, Jess! Da werden wir ja mächtig viel Spaß unterwegs haben!«

Die Stimme des Banditen klang wirklich so, als würde er einen alten Freund begrüßen. Und die Antwort kam prompt. Mit ein, zwei Sätzen war Jess Calhoun dicht vor Dutch Ray. Er holte aus und schlug zweimal zu. Die überraschende Dublette bewirkte, dass Dutch Ray gegen die Zwischentür zum Zellengang geschleudert wurde, hart mit dem Hinterkopf dagegen schlug und dann wie ein nasser Sack zu Boden glitt.

»Ich freue mich auch, Dutch Ray«, kam es sanft von Calhouns Lippen. Aber in seinen rauchgrauen Augen loderten tausend kleine Flammen, als er auf den Banditen heruntersah, der sich benommen den Kopf schüttelte, den Calhoun gerade mit zwei Hammerschlägen bearbeitet hatte.

»Verdammt, Calhoun!«, rief der Sheriff empört. »Sie können doch nicht einfach einen Gefangenen schlagen. Noch dazu, wenn er an Handschellen gefesselt ist und ... «

»Das ist kein gewöhnlicher Gefangener, Sheriff«, unterbrach ihn Calhoun schroff, »das ist Dutch Owen Ray. Und den sollte man eigentlich schon hier an Ort und Stelle aufhängen.«

Der Bandit hatte sich inzwischen von seiner Benommenheit etwas erholt und brummte: »Bist du noch etwa sauer auf mich? Wie kann man denn so nachtragend sein. Unsere kleine Geschichte, nun, die ist doch schon ein paar Jährchen her und ... «

»Hör zu, Ray«, zischte der Ranger, »ich werde dich nach Waco bringen. Dort wird man dich hängen. Mir ist es völlig egal, ob du vorher schon krepiert bist oder nicht. Glaube mir; wenn du nur irgend etwas veranstalten solltest auf dem Weg dorthin, was nicht nach meinem Geschmack sein sollte, dann stanze ich dir sofort ein paar Löcher in den Kragen. Und damit wir uns gleich richtig verstehen: ich könnte danach höllisch ruhig schlafen, als wenn nichts gewesen wäre. Du hast viele Unschuldige auf dem Gewissen, Ray. Um dich ist´s nicht schade. Und vor allen Dingen hast Du damals meinen Freund Thackary einfach ein paar Kugeln in den Rücken gejagt. Wir verstehen uns? Ist die Sachlage zwischen dir und mir völlig klar?«

Ein dreckiges Grinsen huschte über Dutch Rays brutales Gesicht. Doch dann blickte er in zwei rauchgraue, mitleidlose Augen. Und der Ausdruck dieser Augen war es, der ganz schnell sein Grinsen wieder verschwinden ließ. Sheriff Winslowe und der alte Deputy wechselten einen kurzen Blick miteinander. Sie erkannten beide, dass es zwischen dem Ranger und dem Banditen gewisse persönliche Referenzen zu geben schien. Und sofort wurde ihnen klar, dass wahrscheinlich ganz bewusst Jess Calhoun ausgesucht wurde, um Dutch Ray nach Waco in Texas zu überführen.

Sheriff Winslowe half dem Banditen wieder auf die Beine. Die gelblichen Augen des Desperados blitzten tückisch, als er sagte:

»Okay, Hombre. Du hast deinen Text gesagt. Aber bis nach Waco ist es ein weiter Weg, mein Freund. Und zwischen hier und dem Brazos gibt es höllisch viele Freunde, die darauf warten, dir das Lebenslicht auszublasen, Ranger.«

»Freunde?«, höhnte Calhoun. »Du sitzt hier seit mehr als fünf Tagen, Ray! Und bislang hat sich noch keiner deiner Amigos bemerkbar gemacht, stimmt´s? Scheint wahrlich weit her zu sein mit deinen Freunden.«

»Warte es ab, Ranger«, kam es nur von Dutch Rays Lippen. »Warte es verdammt noch mal ab!«

Calhoun wandte sich an den Sheriff. »Sind in den letzten Tagen irgendwelche Fremde aufgetaucht?«

Winslowe schüttelte den Kopf und auch der Deputy zuckte mit den Achseln. Dann sagte dieser: »Das wäre uns mit Sicherheit aufgefallen.«

»Siehst du, Dutch Ray«, klang es höhnend von Calhouns Lippen, »deine Freunde werden nicht einmal wissen, wo du augenblicklich steckst. Pech für dich, mein Freund!«

Der Ausdruck in Dutch Rays Gesicht verfinsterte sich. Sein galliger Humor war gänzlich verschwunden und man sah ihm an, dass er den Ranger in diesem Augenblick bis aufs Äußerste verfluchte.

 

 

2.

 

 

Sie verließen etwa eine gute halbe Stunde später Lucky Bend, nachdem Calhoun Proviant eingekauft und ein Telegramm nach Waco aufgegeben hatte, welches die Worte beinhalteten:

 

An Colonel Amos Calhoun:

Habe gerade Dutch Owen Ray aus Lucky Bend abgeholt – Stopp – Bandit ist in guter körperlicher Verfassung – Stopp – nehme Schiffsweg über den Brazos – Stopp!

 

Jess Calhoun, Texas Ranger

 

Nach anderthalb Tagen überquerten sie den Red River, umgingen die Stadt Wichita Falls und erreichten gegen Mittag des zweiten Tages die ersten Ausläufer des Brazos. Während der ganzen Zeit hatte Jess Calhoun so wenig Rast wie möglich gemacht. Er wählte unbekannte Pfade und Wege, denn er wollte es vermeiden, mit seinem Gefangenen belebte Straßen zu bereisen.

Dutch Owen Ray hatte in der Tat viele Freunde. Und all diese Freunde waren nicht sonderlich gut auf die Texas-Ranger zu sprechen, die mit ihrer unnachgiebigen Härte und Gesetzestreue immer wieder das Land von zwielichtem Gesindel säuberten. Jeder Desperado in ganz Texas begegnete jenen Texas-Reitern mit einer heiligen Mannesfurcht – aber auch mit unbändigem Hass.

Sie reisten also durch zerklüftetes Land, durch öde Landschaften, überquerten Pfade und Wege, die nur ganz selten – wenn überhaupt – von Menschen benutzt werden. Jess Calhoun nahm all diese Wege, als kannte er sie aus der Westentasche.

Selbst der gebietserfahrene Desperado Dutch Ray musste sich wundern. Sie ritten durch Gegenden, die nicht einmal er kannte.

Sie begegneten während der ganzen Zeit über keine Menschenseele. Die anfänglichen Hoffnungen des Banditen, entfliehen zu können, schwanden immer mehr. Der Bandit kannte diesen Texas-Ranger. Es war ihm klar, dass Calhoun zu den härtesten und gefürchtetsten dieser Gattung zählte. Colonel Calhoun aus Waco wusste haargenau, wen er zu beauftragen hatte, um Dutch Ray aus diesem kleinen Nest zu überführen. Und sein Sohn Jess war einer der besten Männer der ganzen Truppe!

Calhoun ließ den Banditen nicht eine Sekunde lang aus den Augen. Auch, wenn es so aussah, als würden die stahlharten, rauchgrauen Augen mal nicht auf Dutch Owen Ray lasten – der Desperado durchlebte nicht einen Moment, in dem er sich nicht beobachtet fühlte. Langsam wurde er von einer ohnmächtigen Wut erfüllt, denn er wusste; je näher sie Waco kamen, desto näher rückte der Strick!

Dutch Owen Ray fing an, irgendwelche Lieder zu singen. Er sang sie so falsch und schräg, dass selbst das Getier rings herum Reißaus nahm. Nach etwa einer guten Stunde wurde es dann auch Calhoun zuviel. Er glitt aus dem Sattel, band sich das Halstuch ab und ging auf Dutch Ray zu, dessen Hände am Sattelknauf gefesselt waren. Auch die Beine des Banditen waren durch den Bauch des Pferdes hindurch an das Tier gebunden.

Calhoun blieb vor Ray stehen und sagte ruhig: »Wird Zeit, dass ich dir´s Maul stopfe, Ray.« Mit diesen Worten knebelte der Ranger dem protestierenden Banditen den Mund. Ray wollte seinen rechten Fuß zum Treten benutzen. Aber durch die Fesseln war der Bandit natürlich machtlos.

Es kamen noch einige gedämpfte Töne des Banditen heraus. Calhoun wusste, dass es übelste Verwünschungen waren, die er aber nicht mehr verstehen konnte, da der Bandit auch noch geknebelt war.

Nach dieser Aktion schwang sich Calhoun wieder in den Sattel seines Falben. Er ritt dicht an Rays Pferd heran und gab dem Tier einen Klaps auf das Hinterteil. Das Pferd setzte sich in Bewegung. Calhoun blieb dicht hinter ihm. So, wie er es die ganze Zeit über getan hatte. Er drehte sich gemächlich eine Zigarette mit einer Hand und während dieser Tätigkeit begann er plötzlich, ein altes Lied zu pfeifen. Er tat es provokativ und wusste dabei genau, dass der vor ihm reitende Dutch Owen Ray nahe des Platzens war.

 

*

 

Gegen späten Nachmittag rasteten sie. Calhoun hatte sich dabei einen Punkt nahe am Ufer des Flusses ausgesucht. Sie waren umgeben von Dickicht, Felsen und einigen Bäumen. Dutch Rays Hände lagen in Handschellen. Das erlaubte ihm, essen und trinken zu können – mehr nicht. Sein Körper war in sitzender Haltung an einem der Bäume gebunden. Calhoun hatte ihn sogar von dem lästigen Knebel befreit.

Dieser Ranger war ein Meister der Fesselkunst. So sehr sich Dutch Ray sein Hirn zermarterte, um einen Fluchtweg zu finden, oder den unliebsamen Ranger übertölpeln und erschlagen zu können – es war sinnlos. Calhoun sah dem Banditen dessen Gedanken förmlich an.

»Gib dir keine Mühe, Dutch Ray. Du wirst nicht fliehen können.«

»Dir macht das Ganze mächtigen Spaß, was, Hombre?«

»Du verdienst es nicht anders, Ray,« antwortete Calhoun nur. Er hatte ein Feuer entfacht, kochte Kaffee und briet etwas Speck.

»Hör zu, du halsstarriger Hundesohn von einem Ranger,« sagte Dutch Owen Ray nach einer Weile. »Ich weiß, wo es eine höllische Menge Geld gibt. Viel mehr, als du jemals verdienen wirst mit deinem kargen Lohn als Ranger. Ich bin bereit mit dir zu teilen.«

Calhouns Grinsen wurde immer breiter. Er ließ sich auf einen Felsbrocken nieder, blickte in Dutch Rays Richtung und schüttelte leicht den Kopf.

»Du versuchst wirklich alles, um deinen dreckigen Hals vor dem Galgen zu retten, was? Gib dir keine Mühe. Ich bin nicht scharf auf dein Geld. Klebt sowieso Blut dran.«

»Weißt du, was ich an dir nicht verstehe, Ranger? Du vergeudest dein Talent. Du und ich, wir beide könnten eine Menge erreichen. Was kümmern dich all die Gesetzesbrecher? Zum Teufel, Ranger: Die wird es immer geben. Willst du wirklich dein ganzes Leben opfern, um Banditen zu jagen? Bei dem Sold, den ihr Ranger bekommt? Oder willst du nicht mal langsam dein starrsinniges Hirn anstrengen und dir mal eine andere Variante überlegen? Hölle, eine Variante, bei der verdammt viel mehr rauskommt, als du dir erträumen kannst.«

»Klar, Dutch Ray,« erwiderte Calhoun, während er den Kaffeetopf vom Feuer nahm und zwei Becher füllte. Er erhob sich und drückte dem Banditen einen der Becher in die Hand. Ray bedankte sich mit einem falschen Grinsen, das Calhoun ignorierte. Während er sich dann wieder auf seinen Platz begab, sagte er: »Deine Variante sieht so aus, dass du skrupellos irgendwelchen unschuldigen Menschen ein paar Kugeln in den Rücken pfefferst. Du glaubst, dass du das Recht hast, dir alles nehmen zu können, was du willst. Du fragst nicht danach, ob es deins ist oder nicht. Notfalls nimmst du es mit Gewalt. Und wenn jemand dabei im Wege ist, bekommt er eine Kugel. Burschen wie du, Dutch Ray, sind übel. Und irgendwann endet jeder von deiner Sorte mit einer Kugel im Kopf oder einem Strick um den Hals. Irgendwann ist bei euch allen mal mächtig was schief gelaufen. Ihr habt dann den geraden Weg verlassen und seid zu üblen Subjekten geworden. Und weißt du was, Dutch Ray? Solche Subjekte müssen vernichtet werden. Sie dürfen nicht auf die Menschheit losgelassen werden. Feuer bekämpft man mit Feuer. Du verstehst?«

»Zum Teufel mit dir und deinen moralischen Ansichten. Ihr gottverdammten Ranger seid doch nicht viel besser als wir, die ihr Gesetzlose und Desperados schimpft. Ihr tragt dieses verdammte Abzeichen aus Blech und das gibt euch den Freifahrtsschein für euer selbstgerechtes Tun und Handeln. Oh nein, Ranger! Ich sehe nicht den Unterschied zwischen meiner Sorte und deiner. Ganz bestimmt nicht.«

Über den Rand des Bechers hinweg sah Calhoun den Banditen an. Und er wusste in diesem Augenblick nicht, ob er ihn nun weiterhassen oder gar bedauern sollte. Dutch Owen Ray kannte es nicht anders. Er glaubte sich im Recht. Dieser Bandit kannte nur die andere Seite. Und somit musste er für sich im Glauben sein, richtig zu handeln.

Jess Calhoun wusste über Dutch Ray sehr gut Bescheid. Er kannte auch dessen Werdegang ganz genau. In Dutch Owen Ray lag kein guter Kern. Er war schlecht durch und durch. Auch sein Vater war schlecht. Genauso wie die älteren Brüder. Der Vater wurde in einem kleinen Nest nahe dem Rio Grande wegen Mordes gehängt. Dutch Rays Mutter war eine Hure, die anschaffen ging, bis irgendein Freier sie im Suff getötet hatte. Da war Dutch Ray noch ein kleiner Junge, aber seine Brüder bereits erwachsen. Den Freier hatten sie irgendwann erwischt, der ihre Mutter tötete. Er starb, von Kugeln durchsiebt, in irgendeinem Hotelzimmer. Die Brüder taten es ihren Vater gleich und zogen einen blutigen Trail westlich des Pecos. Und Dutch Ray mit ihnen.

Ja, Jess Calhoun kannte diese Geschichte. Aber er konnte das Verhalten des Banditen trotz dieser üblen Kindheit nicht billigen. Viele Menschen kommen aus üblen Verhältnissen – aber nicht jeder wählt den falschen Weg.

Er wandte sich Ray zu: »Es ist zwecklos, dir die Begriffe Recht und Unrecht klarmachen zu wollen – du kapierst sie sowieso nicht. In deinem Schädel ist alles pechschwarz und schlecht. «

»Du bist doch nur sauer, weil ich deinem Kumpel damals ein paar Kugeln verpasst habe, nicht wahr? Zur Hölle, Ranger, da waren ein paar von euren Rangers scharf auf meinen Skalp. Wir mussten uns den Weg freischießen. Du kennst doch dieses alte Lied: entweder du oder ich! Und ich hatte keine Lust, mich erwischen zu lassen. «

»Du hast Thackary in den Rücken geschossen, du feiger Lump«, stieß Calhoun hervor. Der Ausdruck seiner Augen war hart und unversöhnlich. »Und alleine deshalb will ich dich baumeln sehen. «

»Warum gibst du mir nicht gleich hier die Kugel, Ranger?", zischte Dutch Ray. »Ja, das wäre doch die einfachste Variante. Weshalb mich nach Waco schleppen? Du riskierst doch immer noch dabei, dass ein paar von den Jungens mich befreien könnten. Leg mich doch einfach hier um, und du hast deine Ruhe. «

Doch Calhoun schüttelte nur den Kopf.

»Ich schieße keinen wehrlosen Mann über den Haufen.«

»Aber in diesem Office – da konntest du mir eine mächtige Dublette verpassen, was? Da waren meine Hände auch gefesselt. «

Calhoun begann zu grinsen, während er den Becher zum Mund führte und den Kaffee schlürfte.

»Von ein paar Schlägen ist noch keiner zu Grunde gegangen, Ray. Außerdem war dies meine Art, unser Wiedersehen zu feiern. «

»Zum Teufel mit dir, Ranger, « fluchte der Bandit. Er stellte mit seinen beiden gefesselten Händen den Kaffeebecher auf den Boden. Soviel Bewegungsfreiheit erlaubte ihm der gefesselte Zustand. Aber der Versuch, seinen Tabaksbeutel aus der Jackentasche zu ziehen, mochte ihm nicht gelingen. Nach ein paar erfolglosen Versuchen gab er fluchend auf.

Calhoun, der ihn die ganze Zeit bei seinem Manöver beobachtet hatte, grinste und angelte seinerseits ein Päckchen Durham-Tabak aus der Brusttasche seines Flanellhemdes. Betont andächtig rollte er sich eine Zigarette, zog einen glühenden Ast aus dem Feuer und zündete sich die Zigarette an. Genussvoll sog er den Rauch in seine Lungen und stieß ihn dann geräuschvoll wieder aus.

»Verdammter Hundesohn«, brummte der Bandit, » gib du mir wenigstens eine Zigarette. Du siehst doch, dass ich rauchen will – und nicht an meinen Tabak herankomme.« Dabei hielt Dutch Ray demonstrativ seine in Handschellen gefesselten Hände hin. Jess Calhoun sprang über seinen Schatten. Er warf dem Banditen den Tabaksbeutel zu, den dieser trotz Behinderung erstaunlich geschickt auffing.

»Morgen früh wird hier die ´Glory Donce´ den Brazos runterschippern. Und mit diesem Schiff geht unsere Reise dann weiter, Freund Ray. Viele Zigaretten wirst du also nicht mehr zu rauchen bekommen.«

Dutch Ray unterdrückte eine üble Verwünschung, die sich gegen Calhoun richtete und begann, sich eine Zigarette zu drehen.

 

 

3.

 

 

Und tatsächlich schipperte am nächsten Morgen in aller Frühe ein Dampfschiff den Brazos hinunter. Das große Schaufelrad am Heck des Schiffes peitschte im gleichmäßigen Rhythmus durch das Wasser, und die beiden mächtigen Schornsteine stießen gelblich-grauen Rauch in die Luft. Von weitem ließ sich erkennen, dass die Glory Donce bereits einige Jährchen auf dem Fluss schippern musste – die seitliche Aufschrift war ausgeblichen und die Holzfassaden verwittert. Die vielen Einschusslöcher in den Holzfassaden ließen erkennen, dass die Glory Donce bereits in einige Kämpfe verwickelt wurde.

Das etwa achtzehn Meter lange Schiff bewegte sich in stetiger Geschwindigkeit auf dem ruhigen Fluss. Jess Calhoun stand am Ufer und winkte der Glory Donce zu. Der Steuermann erkannte ihn und erwiderte seinen Gruß, indem er die Dampfsirenen ertönen ließ. Calhoun bewegte sich zurück zur Lagerstätte, schüttete den Rest seines Kaffees aus dem Becher, dann warf er Sand über das noch seicht glimmende Lagerfeuer. Missmutig beobachtete Dutch Ray ihn dabei. An diesem Morgen war der Desperado ganz und gar nicht zu Scherzen aufgelegt. Er wusste, wenn er erst einmal auf diesem Schiff war, das in Richtung Waco fuhr, dann sanken die Chancen zur Flucht noch weiter. Fieberhaft dachte er darüber nach, wie er sich aus den Klauen dieses verhassten Rangers entwinden konnte. Er sah, wie das Schiff auf dem Fluss den Kurs änderte und das Ufer ansteuerte. Calhoun musste bereits vorher ein Treffen an dieser Stelle mit dem Kapitän ausgemacht haben. Dutch Ray wollte vor Wut schreien.

Calhoun machte sich daran, ihn von dem Baum zu entfesseln. In wenigen Minuten würde das Schiff anlegen. Da presste Dutch Ray die Lippen hart aufeinander. Obwohl er wusste, dass er kaum eine Chance hatte, wollte er es dennoch wagen. Gerade, als Calhoun das Lasso von seinem Körper entfernte, rammte ihm Dutch Ray das Knie in den Magen. Calhoun war in diesem Augenblick nicht darauf vorbereitet. Der jähe Schmerz ließ ihn in die Knie sinken. Rays gefesselte Hände knallten ihm plötzlich mit aller Wucht an den Schädel.

Der Ranger fiel zur Seite in den Sand. Ray lief zu den Pferden. Er war nicht so schnell, wie er gerne wollte. Die Blutzirkulation in seinen Beinen war noch nicht in Gang. Er erreichte sein Pferd, das ohne Sattel an einem Baum angehobbelt stand. Gerade wollte er sich auf das sattellose Tier schwingen, als Calhoun bei ihm war und ihn am rechten Bein herunterzerrte. Und dann bekam es Dutch Owen Ray rau zu spüren. Wie Hämmer klatschten des Rangers Fäuste immer wieder gegen seinen Kopf. Ray hatte keine Chance mehr, sich zur Wehr zu setzen. Ein harter Aufwärtshaken gegen sein Kinn ließ ihn bewusstlos zu Boden sinken.

Calhoun tastete seine blutende Stelle ab, wo ihn vorhin Rays Fäuste getroffen hatten. Der Metallring der Handschellen hatte eine etwa drei Zentimeter lange Schramme über der rechten Augenbraue hinterlassen. Ohne einen Funken Mitleid blickte er auf den am Boden liegenden Desperado. Am liebsten hätte er Dutch Ray jetzt den Rest gegeben.

Inzwischen hatte die Glory Donce längsseits am seichten Ufer angelegt. Eine Landebrücke wurde ausgeworfen und der Kapitän rief Calhoun zu: »Hallo, Ranger! Hat es Ärger gegeben?«

Calhoun zauberte ein hartes, mitleidloses Grinsen auf sein Gesicht und erwiderte: »Ist alles in Ordnung, Käpt´n. Der Typ hier macht nur ein Nickerchen.«

Er legte den Pferden die Sättel auf, wuchtete anschließend den noch bewusstlosen Körper des Desperados über seine Schulter und warf ihn quer über Firerose. Er führte die Tiere über die Landungsbrücke zum Schiff. Ein Besatzungsmitglied kümmert sich um die Pferde.

»Ist das wirklich der berüchtigte Dutch Owen Ray, den Sie als Gefangenen da bei sich haben, Calhoun?«, fragte Kapitän Ringrose. Er war ein Mann in den Fünfzigern. Sein Gesicht, das ein eisgrauer Backenbart zierte, war wettergegerbt und von Falten übersät.

Calhoun nickte. »Ja, Käpt´n. Das ist Dutch Owen Ray. Und in Waco wird man ihn für seine Taten zur Rechenschaft ziehen. Darauf können Sie sich verlassen.«

»Wird er hängen?«

»Davon gehe ich aus.«

Die Landebrücke wurde eingezogen, die Dampfpfeifen gaben Signal zur Weiterfahrt. Das mächtige, schwerfällige Heckschaufelrad begann sich langsam zu drehen und warf das schäumende Wasser auf. Wellen klatschten ans Ufer. Das Schiff setzte sich in Bewegung und steuerte die Mitte des Stromes an. Die Glory Donce war ein Schiff, welches nicht nur Güter, sondern auch Passagiere beförderte. Längst schon war ihre Art überholt; viel schnellere und größere Schiffe hatten bereits die Flüsse erobert. Aber da sie trotz des Alters noch funktionstüchtig war, blieb sie im Dienst.

Der bewusstlose Dutch Owen Ray wurde in den Kesselraum einquartiert und mit den Handschellen an eine Rohrleitung gekettet. Als dies geschah, war er immer noch ohne Bewusstsein. So sehr hatten ihm Calhouns Fäuste zugesetzt.

 

 

4.

 

 

Gegen Mittag befand sich Jess Calhoun auf dem Texasdeck, dem Oberdeck des Schiffes. Gedankenverloren blickte er zu den Ufern entlang des Brazos. Hier, im Brazosland hatte die Zivilisation bereits schon Einklang gefunden, wogegen westlich des Pecos immer noch Banden von Desperados das Land tyrannisierten. In zwei Tagen würde die Glory Donce Waco erreichen. Und damit wäre dann Calhouns Auftrag, den Mörder Dutch Ray auszuliefern, erledigt. Er fragte sich, wohin es ihn anschließend verschlagen würde. Würde er sich wieder mit mexikanischen Grenzbanditen am Pecos herumschlagen? Oder wieder einen Weidekrieg schlichten müssen?

Jess Calhoun war zweiunddreißig Jahre alt. Und von diesen zweiunddreißig Jahren schlug er sich bereits einige Jahre als Texas-Ranger durchs Leben.

Calhoun warf seine aufgerauchte Zigarette über die Reling in das schäumende Wasser des Brazos. Im gleichen Augenblick sah er den wettergegerbten Kapitän auf sich zukommen. Obwohl Duncan Ringrose kleiner war als Calhoun, so wirkte seine Gestalt nicht minder imposant. Selbst wenn dieser Mann ohne Kapitänsmütze und Uniform dastände, man konnte ihm trotzdem ansehen, dass er ein Kapitän war. In seinem Mund steckte eine Pfeife.

Ich denke, dass für Sie die Reise noch einige Abwechslungen verspricht, Leutnant Calhoun.“ Es war bezeichnend für ihn, dass er den Ranger mit dem Dienstgrad anzusprechen pflegte. Calhoun warf ihm einen fragenden Blick zu.

»In Bezug auf Ray?«

Der Kapitän winkte mit einer energischen Geste ab. Er legte ein verschmitztes Lächeln in sein Gesicht und sagte: »Zur Hölle, nein. An den Burschen habe ich im Entferntesten nicht gedacht, Leutnant. Der befindet sich im Kesselraum angekettet und ist hier so sicher aufgehoben wie das Amen in der Kirche. Nein. Ich dachte eher an die Schauspielertruppe, die sich seit Wichita Falls auf meinem Schiff befindet.«

»Eine Schauspielertruppe?« Calhoun hob überrascht die Augenbrauen. »Auf der Glory Donce?«

Ringroses fleischige Rechte umfasste den Kopf seiner Maiskolbenpfeife. Er grinste fast ein wenig schelmisch, dieser Kapitän, während er ein paar Züge paffte. Der Wind trug das Aroma des Tabaks zu Calhoun herüber. Die Augen des Kapitäns sprühten vor Begeisterung, als er meinte: »Ja. Sie kommen aus New Orleans, diese Schauspieler und Schauspielerinnen. Und ich sage, mein lieber Freund: Die Ladies dieser Truppe sind einfach eine Augenweide. Eine hübscher als die andere. Und bestimmt wird ...«

Er unterbrach sich, als ein elegant gekleideter Mann mit einem hohen Zylinder auf dem Kopf das Texasdeck betrat. Er hielt einen Gehstock unter dem Arm geklemmt und wirkte sehr seriös . Er war mittelgroß und eher schmächtig. Fast schon ein wenig arrogant waren seine Gesichtszüge. Ein dünnes Oberlippenbärtchen zierte sein schmales, weißes Gesicht. Dieser Bursche lüftete in eleganter Manier den Zylinder zum Gruß, als er auf den Kapitän und Calhoun stieß. Dabei wurde sein dichtes widerspenstiges, dunkles Haar sichtbar.

»Monsieur Deveraux«, sagte der Kapitän, »darf ich Ihnen Jess Calhoun von den Texas-Rangern vorstellen? Calhoun bringt einen Gefangenen nach Waco. Dieser Mann hier ist der Leiter der Schauspielertruppe, von der ich Ihnen soeben berichtet habe.«

Der Monsieur in seiner eleganten Kleidung machte eine leichte Verbeugung. In seinem »Sehr angenehm, Monsieur« klang zweifelsohne der französische Dialekt heraus. »Ich habe von meinem Kabinenfenster aus gesehen, wie Sie an Bord des Schiffes kamen. Darf man fragen, um wen es sich bei Ihrem Gefangenen handelt?«

»Dazu bedarf es nur eines kurzen Satzes, Monsieur: Dutch Owen Ray ist ein Mörder, und in Waco wird ihm der Prozess gemacht,« erwiderte Calhoun ohne Umschweife. Er drehte sich eine dünne Zigarette und betrachtete diesen Neuankömmling mit dem schwarzen Zylinder und dem Gehstock mit einer Mischung aus Humor und unverhohlenem Interesse. Es war sehr selten für den Einzelgänger Calhoun, auf ein solches Exemplar zu treffen, welches absolut nicht in den Westen gehörte.

»Ein Mörder? O lala.«

»Kein Grund zur Sorge, Monsieur Deveraux: Dutch Ray ist hier im Kesselraum eingesperrt und wird bestimmt keine Dummheiten machen können. Sie können also wirklich beruhigt sein,« sagte der Kapitän.

»Nun, ich bin mehr um das Wohl meiner teuren Mädchen besorgt als um meinetwillen, Monsieur Kapitan. Aber danke für Ihren Hinweis.« Der Franzose wandte sich an Calhoun: »Heute Abend geben wir hier an Bord des Schiffes eine kleine Vorstellung, Ranger. Ich würde mich sehr freuen, Sie dabei begrüßen zu dürfen. Aber Monsieur, sorgen Sie doch bitte dafür, dass Sie Ihr Gesicht von den Bartstoppeln befreien. So etwas könnte meine Mädchen wirklich sehr erschrecken und am Ende glauben sie noch, Sie seien ein finsterer Desperado.«

Bei diesen Worten streckte der Franzose sein Kinn etwas seitlich nach oben. Diese Geste wirkte irgendwie arrogant und ganz und gar nicht männlich. Überhaupt, so schien es Jess Calhoun, hatte dieser Mann etwas Weibliches an sich. Die Gesten und Gebärden des Franzosen erinnerten Calhoun an die Ladies aus der oberen Klassenschicht, wie sie den kleinen Finger beim Trinken abspreizen oder sich mit einem Fächer kühle Luft zufächern. Ihm fiel es schwer, sein Grinsen zu unterdrücken. Er konnte diesem französische Geck auch nicht für seine Maßregelung böse sein. Einem anderen Patron hätte Calhoun sicherlich auf den Kopf geklopft. Er strich sich nur über das unrasierte Kinn und nickte. »Ich werde Ihren Rat beherzigen, Monsieur.« Allerdings war nicht zu vermeiden, dass eine gehörige Portion Spott aus seiner Stimme klang.

Deveraux schien es zu merken, denn er lüftete ganz plötzlich seinen Hut und zog sich mit einer leichten Verbeugung zurück. Calhoun rieb sich wieder über das unrasierte Kinn, grinste breit und wandte sich dann an Ringrose.

»Gütiger Himmel!« ,stieß er hervor, »wenn seine Vorstellung genauso lustig ist, wie sein Auftreten gerade eben, dann werde ich mich wohl wirklich rasieren.«

Ringrose klopfte ihm auf die Schulter und meinte: »Die Vorstellung wird Ihnen sicher gefallen.«

 

 

5.

 

 

Als Dutch Owen Ray erwachte, hatte er mächtige Kopfschmerzen. Es dauerte einige Augenblicke, bis er wieder einigermaßen klar wurde und die Orientierung wiederfinden konnte. Seine Hände steckten immer noch in den Handschellen. Sie waren an irgendwelchen Rohren befestigt. Als Dutch Owen Ray die riesige Kesselanlage erblickte, wusste er, dass er sich nur im Kesselraum der Glory Donce befinden konnte. Bevor er richtig zu denken vermochte, verfluchte er innerlich wieder diesen Ranger.

Im Kesselraum war es warm und stickig. Zwei Männer bedienten die gewaltige Anlage, die dazu diente, über zwei Leitungen nach hinten die Maschine im Heck des Schiffes zu regulieren, die wiederum das Schaufelrad antrieb.

Dutch Ray verspürte einen höllischen Durst und sein Schädel schmerzte ihn sehr. Dieser Texas-Ranger hatte Fäuste wie Dampfhämmer und wusste sie auch höllisch gut einzusetzen. Ray musste sich eingestehen, dass er in seinem Leben noch nie so höllische Prügel einkassiert hatte. Diese Tatsache allein schmälerte nicht gerade den wilden Hass, den er auf Jess Calhoun schob.

Dafür schneide ich dich in Stücke, dachte er bitter. Eine hilflose Wut übermannte ihn, denn er wusste, dass aus seinen Wünschen vorläufig nichts werden konnte. Gewisse Tatsachen sprachen dagegen. Eine davon war nun einmal, dass er hier in Handschellen an eines der Rohre im Heizungsraum gekettet war. Da half es auch nichts, wie ein wildgewordener Stier daran zu rütteln. Dieses Rohr war massiv installiert.

Der Bursche im Heizraum war ein Hüne von Kerl. Mit bloßem Oberkörper, der durchweg von Schweiß bedeckt war, schob er Holz in die Luke, schaffte Holzscheite herbei und arbeitete auch sonst, als ging es um sein Leben. Doch plötzlich hielt er inne, als er sah, dass der Gefangene aus seiner Bewusstlosigkeit erwacht war. Nun schnellte ein flüchtiges Grinsen über des Heizers Gesicht und er wandte sich dem Gefangenen zu.

»Hast ´n Scheißlos gezogen, was Hombre?«, fragte er grinsend. Dutch Ray fühlte sich in seiner Wut nur noch mehr angestachelt. Wollte dieser Bursche ihn auf die Schippe nehmen? So kam es ihm jedenfalls vor. Deshalb herrschte er ihn an: »Was willst du von mir, zur Hölle? Scher dich um deinen verdammten Kessel, Mann!«

Den Heizer schienen Dutch Rays harte Worte nicht im Geringsten zu beeindrucken. Im Gegenteil. Er zog einen ziemlich zerknüllten Tabaksbeutel aus der Hosentasche und hockte sich neben Dutch Ray auf den Boden. In aller Seelenruhe begann er, zwei Zigaretten zu drehen. Eine davon steckte er dem verdutzten Ray zwischen die Lippen, entfachte ein Streichholz und gab ihm Feuer.

»Was bist du?«, fragte Dutch Ray nach ein paar kräftigen Lungenzügen, die er machte, ohne die Zigarette dabei aus dem Mund zu nehmen. »Ein Heiliger? Verdammt, Mann. Du musst ein Heiliger sein. Allerdings ein mächtig komischer dazu.«

Der Heizer steckte sich nun seine Zigarette an und meinte lässig: »Weder noch, Hombre. Mein Name ist Lon McGuire. Schon mal von mir gehört, Bruder?«

Ray zog die Stirn in Falten und dachte nach. Sein Kopf war noch nicht ganz klar. Und plötzlich erschien ein wildes Leuchten in seinen gelblichen Augen. Sein Mund verzog sich zu einem breiten Grinsen, was dann in ein abgehacktes Lachen überging. Er beruhigte sich ziemlich schnell und sagte freudig: »Wenn du Lon McGuire bist, mein Freund, dann ... dann gehörst du eigentlich gar nicht zu diesem Schiff, richtig?«

»Bist ein verdammter Blitzmerker, Dutch Owen«, antwortete McGuire, der wusste, um wen es sich bei dem Gefangenen handelte. Er zog kräftig an seiner Zigarette und stieß den Rauch dann durch die Nase wieder aus. Das sah wirklich sehr merkwürdig aus und hätte an einen wutschnaubenden Stier erinnern können, wenn McGuire nicht gerade dabei gelächelt hätte.

»Du kennst mich?«, fragte Dutch Ray.

»Habe dich sofort erkannt, als dieser Ranger dich an Bord geschleppt hat, Mann.«

Das Blatt schien sich für Dutch Owen Ray vielleicht noch zu wenden. Lon McGuire gehörte zu einer Bande Hartgesottener, die hier im Brazosland Geschäfte mit Waffen machte. Mit Waffen und auch mit Menschenhandel. Und dass er nun hier die Funktion des Heizers übernommen hatte, musste einen triftigen Grund haben.

»Ich erinnere mich an deinen Namen, Freund«, sagte Dutch Ray, »du gehörst zu Tascosa-Todds Bande, nicht wahr? Oha, dann startet bestimmt bald ´n Ding, was? Oder bist du etwa solide geworden und arbeitest deshalb hier unten am Kessel?«

McGuire winkte lässig ab. »Keine Spur, Amigo«, sagte er lachend, »das mit dem Ding ist schon richtig. Dieser verdammte Kahn transportiert eine gewaltige Waffenladung. Alles Winchestergewehre. Etwa dreihundert Stück. Das hat Tascosa spitz gekriegt, obwohl man die Sache ziemlich geheim gehalten hat. Aber Tascosa hat überall seine Ohren und weiß immer wann und wo etwas Lohnenswertes startet. Die Waffen sollen für die Armee sein. Wir sind da anderer Meinung. Du verstehst?«

McGuires Grinsen wurde immer breiter. Er nahm seine Zigarette zwischen Zeige- und Mittelfinger und zog kräftig daran. Dutch Ray lachte erleichtert in sich hinein. Diesen McGuire schickte der Himmel und auch diese verdammte Waffenladung. Denn ohne die gäbe es ja auch keinen McGuire. Und Tascosa-Todd kannte Dutch Ray persönlich. Mit dem Mann hatte er vor einigen Jahren schon mal zu tun – und das im positiven Sinne.

»Bist du der einzige von Tascosas Jungs hier an Bord?«, fragte Dutch Ray.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907698
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353117
Schlagworte
angelo country flussbanditen brazos river

Autor

Zurück

Titel: SAN ANGELO COUNTRY #47: Die Flussbanditen vom Brazos River