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Krimi Doppelband #6 - Sein Job war Mord/Falsche Heilige

von Alfred Bekker (Autor) A. F. Morland (Autor)

2017 0 Seiten

Leseprobe

Krimi Doppelband #6: Sein Job war Mord/ Falsche Heilige

Alfred Bekker präsentiert, Volume 6

Alfred Bekker and A. F. Morland

Published by Alfred Bekker präsentiert, 2016.

Krimi Doppelband #6

von A. F. Morland & Henry Rohmer

Der Umfang dieses Buchs entspricht 270 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende Krimis:

A.F. Morland: Sein Job war Mord

Henry Rohmer (Alfred Bekker): Falsche Heilige

Zwei Kriminalromane der Sonderklasse: hart, überraschend und actionreich.

Henry Rohmer ist das Pseudonym des bekannten Fantasy- und Jugendbuchautors Alfred Bekker, der darüber hinaus an zahlreichen Spannungsserien wie Ren Dhark, Jerry Cotton, Cotton Reloaded, John Sinclair und Kommissar X mitschrieb.

Titelbild: Firuz Askin.

Sein Job war Mord

von A. F. Morland

Der Umfang dieses Buchs entspricht 98 Taschenbuchseiten.

Töten war für ihn nichts als Routine - aber dann übernahm er einen „Auftrag“, der ihm Bount Reiniger auf den Hals hetzte ...

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die Hauptpersonen des Romans:

Pat de Luis — Der Mord an Alan Schatzberg ist für ihn eine glatte Sache, aber dann fangen die Schwierigkeiten an.

Vito Cagney — Man nennt ihn die „Ratte“. Er hat seine Finger in vielen schmutzigen Geschäften. Deshalb bleibt es nicht aus, dass sich Bount Reiniger an seine Fersen heftet.

Nadim Waterman — Als man seinen Freund und Partner umbringt, engagiert er den besten Mann: Bount Reiniger.

Boney Barnes, Mortimer Thaw, Dennis Palmer — Die beiden Kriegsveteranen und ihr junger Freund begeben sich auf private Killerjagd und bleiben dabei beinahe selbst auf der Strecke,

Bount Reiniger ist Privatdetektiv.

June March ist Bounts Assistentin und hilft ihm beim Lösen der Fälle.

1

„Wie viel?“, fragte Pat de Luis. Ihn interessierte immer zuerst, was ein Job einbrachte. War es zu wenig, so winkte er gleich desinteressiert ab. Er arbeitete nicht für ein Almosen. Früher, als er am Beginn seiner Laufbahn gestanden hatte, hatte er hin und wieder weit unter seinem Wert gearbeitet, um ins Geschäft zu kommen. Heute war er bekannt, und er suchte sich die Aufträge aus, die er übernehmen wollte.

„Zehntausend“, sagte Vito Cagney. Er fungierte in dieser Angelegenheit als Kontaktmann.

„Welche Zahlungsmodalitäten?“, wollte de Luis wissen.

„Die Hälfte, nachdem du ja gesagt hast. Den Rest, wenn Alan Schatzberg tot ist.“

De Luis, der Berufskiller, nickte bedächtig. „Einverstanden. Wann soll’s passieren?“

„Je eher, desto besser.“

„Und wo?“

„Das bleibt dir überlassen. Schatzberg hat gerade Besuch von seiner Nichte aus Boston. Er wird sich mit ihr heute Abend auf den Rummelplatz von Coney Island begeben. Ich will dir in deine Arbeit nicht drein reden, aber wäre das nicht eine günstige Gelegenheit, den Knaben fertig zu machen?“

Pat de Luis lächelte hündisch. Er hatte pechschwarzes Haar, das glatt auf seinem Kopf lag. Sein Blick war kalt. Liebe war ein Fremdwort für ihn. Er konnte an manchen Tagen nicht einmal sich selbst ausstehen. Mit seinen zweiunddreißig Jahren blickte er auf eine bewegte Vergangenheit zurück. Er hatte schon vielen Menschen den Tod gebracht, und er hatte dabei noch kein einziges Mal so etwas wie Reue verspürt.

Er war ein aalglatter Typ, kräftig, durchtrainiert und zäh. Was die Polizei auch unternommen hatte, um ihm etwas nachzuweisen, es hatte nicht geklappt. Deshalb hielt sich der Killer der Polizei gegenüber für überlegen, und er glaubte nicht, dass man ihn jemals erwischen würde.

„Coney Island“, sagte er und nickte. „Ich war lange nicht mehr dort. Wird Zeit, dass ich mir den Rummelplatz wieder einmal ansehe. Wann kann ich die fünftausend Lappen haben?“

„In einer Stunde“, sagte Vito Cagney mit dem Spitznamen die „Ratte“. Erstens, weil seine langen Schneidezähne ihm das Aussehen eines Nagetiers verliehen, und zweitens, weil sein Wesen dem einer Ratte entsprach - er verkroch sich gern unter dem Abfall der menschlichen Gesellschaft.

„Wer überbringt das Geld?“, fragte de Luis.

„Ich“, sagte Cagney.

Die beiden saßen in einer kleinen Bar in der 48. Straße West. Die „Ratte“ hatte einen Bourbon vor sich stehen. De Luis trank Campari-Wodka.

„Okay“, sagte der Killer. „In einer Stunde bin ich wieder hier.“ Er erhob sich.

Gagney blickte schief grinsend zu ihm hoch. Er rieb Daumen und Zeigefinger aneinander. „Springt für mich wieder eine kleine Provision heraus?“

De Luis tätschelte die Wange der „Ratte“. „Ich bin sicher, du holst dir von meinem Auftraggeber schon was. Und gleichzeitig hältst du auch bei mir die Hand auf. Auf diese Weise kassierst du doppelt.“

„Wenn du es für unverschämt hältst, dass ich auch ein bisschen an mich denke, dann vergiss es, Pat. Ich möchte nicht, dass du auf mich sauer bist.“

„Du kriegst hundert Bucks für die Vermittlung.“

Die Augen der „Ratte“ leuchteten. „Oh, danke, Pat. Du bist verdammt großzügig.“

„Es gibt zwei Sprüche, nach denen ich lebe. Der eine lautet: Leben und leben lassen.“

„Und der zweite?“

Pat de Luis grinste kalt. „Leben und sterben lassen. Ist doch klar.“

Er verließ die Bar.

2

Eine Stunde später kam er wieder. Sein schwarzer Thunderbird stand auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Er ließ den Blick durch das Lokal schweifen. Eine Blondine glitt sofort vom Hocker und ging mit rotierenden Hüften auf ihn zu. Sie wollte ihn für sich interessieren, mit ihm ins Geschäft kommen. Ihr Angebot umspannte die ganze Palette der käuflichen Liebe, unterstützt von rasiermesserscharfen Hardcore-Filmen, die sie für ihren Kunden zu Hause in ihrem Apartment abgespult hätte. Doch de Luis schüttelte nur den Kopf und sagte: „Schwirr ab!“

Der Blick, den er ihr dabei zuwarf, erschreckte sie. Ihre Menschenkenntnis sagte ihr, dass sie bei diesem Mann keine Chancen hatte, und sie wusste, dass ihr allerhand hätte zustoßen können, wenn sie ihm weiter auf die Nerven gegangen wäre.

„Verzeihung“, murmelte sie und kehrte zum Tresen zurück.

Und dann traf Vito Cagney ein.

De Luis musterte ihn mit kalten Augen. „Hast du’s?“

Die „Ratte“ klopfte dorthin, wo sich seine Brusttasche befand.

Sie setzten sich an denselben Tisch, an dem sie schon vor einer Stunde gesessen hatten. Cagney holte einen Umschlag aus der Jacke und schob ihn über den Tisch. „Es stimmt auf den Cent. Du kannst nachzählen, Pat.“

De Luis grinste. „Junge, ich traue dir doch.“

„Das ehrt mich.“

„Soll ich dir verraten, warum?“

„Lass hören.“

„Weil du weißt, dass du ’ne Leiche bist, wenn du versuchst, mich zu bescheißen“, sagte der Killer, und die „Ratte“ fasste sich unwillkürlich mit der Hand an die Kehle und schluckte. De Luis klopfte auf den Umschlag. „Ist ein Foto von Schatzberg drinnen?“

„Ja.“

„Und hast du dir die hundert Mäuse schon genommen?“

Vito Cagney riss erschrocken die Augen auf und hob abwehrend die Hände. „Ich würde mir nie erlauben, dein Geld anzufassen.“

„Brav“, lobte de Luis. „Schön, dass man sich auf dich verlassen kann.“ Er öffnete den Umschlag, fingerte hundert Dollar heraus und stopfte sie der „Ratte“ dorthin, wo elegante Leute ein Stecktuch tragen.

Die Blondine sah das, und ihre Augen nahmen sofort einen verklärten Glanz an. Der Killer wies mit dem Kopf grinsend in ihre Richtung und sagte zu Cagney: „Nimm dich vor der Puppe in acht, die ist monetengeil. Wenn du dich bei der nicht vorsiehst, bist du den ganzen schönen Zaster gleich wieder los.“

„Ehe ich dafür bezahle, lebe ich lieber keusch wie Josef“, meinte die „Ratte“.

„Richtig so“, lobte de Luis. Er blickte auf seine Uhr. Draußen fing es allmählich zu dämmern an. „Wird Zeit für mich, Geld zu verdienen“, sagte er und stand auf. „Du hörst wieder von mir.“

„Wann?“

„Heute noch“, antwortete der Killer und ging. Als er die Tür erreichte, sah er, wie die Blondine wieder ihr Glück versuchte. Grinsend trat er auf die Straße. Er überquerte die Fahrbahn, setzte sich in seinen schwarzen Thunderbird und brachte die Anzahlung für den Mord beim Autoschalter seiner Bank vorbei.

Danach fuhr er nach Coney Island.

3

Alan Schatzberg war einundfünfzig. Ein untersetzter Mann mit schweren Knochen, unübersehbarem Doppelkinn und weit nach vorn gewölbtem Bauch. Sein dunkles Haar war mit vielen Silberfäden durchzogen. Die Augen waren verhältnismäßig klein in seinem großen Gesicht, und wenn er herzlich lachte, füllten sie sich stets mit Tränen.

Seit einer Stunde amüsierte er sich mit seiner Nichte auf dem Rummelplatz, und die neidvollen Blicke anderer Männer, die das hübsche brünette Mädchen für seine Geliebte hielten, wärmten sein Herz.

Das Round-up - eine Art Zentrifuge, die sich so schnell im Kreis drehte, dass einen die Fliehkraft an die Wand presste - hatte Schatzberg ganz schön zu schaffen gemacht Er wollte es sich nicht anmerken lassen, aber sein Inneres schien völlig durcheinandergeraten zu sein. Seine Knie zitterten, als stünde ihm ein Schwächeanfall bevor.

Tessa, der Tochter seiner Schwester, schien die Zentrifuge überhaupt nichts ausgemacht zu haben. Das Mädchen war voller Leben und Übermut, und Alan Schatzberg seufzte lächelnd: „Ach Gott, man müsste noch einmal zweiundzwanzig sein.“

„Man ist so alt, wie man sich fühlt, Onkel Alan“, sagte das quirlige Mädchen.

„Dann bin ich nach der Fahrt im Round-up eben hundert geworden.“

Tessa May lachte girrend. „Du hast doch nicht etwa schon genug, Onkel Alan? Jetzt geht es doch erst richtig los.“

„Der Himmel stehe mir bei!“

Tessa schleppte ihn zu einem Schießstand. Dort musste er ihr drei rote Papierrosen schießen. Er wunderte sich darüber, dass er nur achtmal daneben ballerte. Er hatte eigentlich damit gerechnet, dass er überhaupt nicht treffen würde.

Vom Schießstand ging’s weiter zur Achterbahn. Schatzberg sah, wie die Wagen zu Tal donnerten, und hörte, wie die Leute schrien.

„Ich hoffe, das mutest du deinem hundertjährigen Onkel nicht zu, Tessa“, sagte er und sträubte sich, seiner Nichte, die ihn zur Kasse ziehen wollte, zu folgen.

„Ach, komm doch, Onkel Alan“, drängte Tessa ihn. „Sei kein Spaßverderber. Es wird dir bestimmt gefallen.“

Er blickte zum nächsten Wagen hoch, der soeben steil abkippte. „Da fährt einem der Magen ja geradewegs in die Gurgel.“

„Das ist ja das Schöne daran.“

„Ein Glück, dass ich zu Mittag zum letzten mal gegessen habe.“

„Na also. Dann kann ja gar nichts passieren“, sagte Tessa lachend, und einen Augenblick später stand sie schon an der Kasse und kaufte zwei Tickets. „Jetzt gibt es kein Zurück mehr“, sagte sie belustigt. „Nun musst du beweisen, dass du ein mutiger Mann bist.“

„Kann ich das nicht, indem ich mir dort drüben beim Zoo eine Pythonschlange um den Hals hängen lasse?“

„Keine Ausflüchte“, sagte Tessa energisch. Sie ergriff seine Hand und zog ihn mit sich. „Jetzt wird hier gefahren!“

Er seufzte. „Es ist manchmal bei Gott nicht laicht, Onkel zu sein. Wer hätte sich das träumen lassen.“

Sie setzten sich mit anderen Leuten in den engen Stahlrohrwagen. Die Öl- und Dreck verkrustete Transportkette packte zu und schleppte den Wagen rasselnd nach oben.

Die Fahrt begann.

Für Alan Schatzberg sollte es eine Fahrt in den Tod werden!

4

Es herrschte viel Betrieb auf dem Rummelplatz. Lichter flirrten. Lautsprecher dröhnten. Ansager versuchten mit haarsträubenden Behauptungen Neugierige in Zelte und Buden zu locken. In der Todeskugel rasten wagemutige Männer auf ihren knatternden Feuerstühlen kreuz und quer.

Es schien fast unmöglich zu sein, einen bestimmten Menschen in diesem Trubel zu finden, aber Pat de Luis hatte damit keine Schwierigkeiten. Er entdeckte Schatzberg, als dieser mit seiner Nichte, ein bisschen bleich um die Nase, das Round-up verließ.

Von diesem Moment an heftete der Killer sich an die Fersen seines Opfers. Er beobachtete aus sicherer Entfernung, wie sich Schatzberg - größtenteils vergeblich - bemühte, die drei roten Rosen zu treffen, und er folgte dem Mann und dem Mädchen zur Achterbahn.

Hier schien die Gelegenheit für einen Mord günstig zu sein.

Der Achterbahn gegenüber befand sich eine Rutschbahn, die noch nicht ganz fertiggestellt war. Holzlatten versperrten den Eingang.

BETRETEN DER BAUSTELLE VERBOTEN!, stand auf einem Schild, doch der Killer kümmerte sich nicht darum. Schon nach wenigen Schritten umfing ihn Dunkelheit. Er öffnete seine knielange Jacke, in deren Futter sich Taschen befanden, die alles aufzunehmen vermochten, was de Luis für sein makabres Handwerk benötigte.

Es würde einer von den leichten Jobs sein.

Der Killer erwartete keine Schwierigkeiten.

In welchem Beruf hätte er so leicht zehntausend Dollar verdienen können? Er brauchte nichts weiter zu tun, als den Finger zu krümmen. Jedes Kind konnte das. Okay, man musste auch gut schießen können, aber das konnte de Luis. Er wäre bei jedem Wettbewerb unter den Besten gewesen. Das war ein angeborenes Talent, und er hatte das Glück gehabt, es rechtzeitig zu erkennen und zu nützen.

Seine Augen gewöhnten sich rasch an die Dunkelheit.

Er entdeckte eine Leichtmetalltreppe und stieg sie hoch.

So kam er bis auf das Dach der Rutschbahn.

Drüben löste Tessa May soeben die Tickets. Pat de Luis hatte noch massenhaft Zeit. Er überstürzte nichts. Nacheinander entnahm er seiner Jacke die Teile eines Präzisionsgewehrs, die er mit oft geübten Griffen zusammensetzte, ohne sich zu beeilen.

Nachdem er das Zielfernrohr auf die Waffe montiert hatte, versah er sie mit einem klobigen Schalldämpfer.

In diesem Augenblick bestieg Alan Schatzberg den Wagen der Achterbahn.

Der Killer entnahm seiner Jackentasche eine Patrone. Nur eine. Die würde reichen. Er lud die Waffe, brachte sie in Anschlag, atmete vollkommen ruhig. Keinen einzigen Schlag mehr tat sein Herz. Er arbeitete hier.

Der Wagen der Achterbahn erreichte den höchsten Punkt.

Pat de Luis hatte sein Opfer genau im Fadenkreuz.

Sein Finger suchte den Druckpunkt am Abzug, und als drüben die dicke Transportkette ausklinkte, zog der Mörder durch.

Der Schuss war nicht zu hören. Es war viel zu viel Lärm auf dem Rummelplatz. Außerdem schluckte der Schalldämpfer beinahe den gesamten Knall. Niemand sah das Mündungsfeuer auf flammen. Keinem fiel auf, dass Alan Schatzberg im Wagen der Achterbahn zusammensackte. Nicht einmal seine Nichte, die hinter ihm saß, bemerkte es.

Sie schrie mit den andern um die Wette, als der Wagen in die Tiefe sauste. Sie lachte begeistert und genoss die wahnwitzige Fahrt...

5

So flink, wie de Luis das Gewehr zusammengesetzt hatte, zerlegte er es auch wieder. Er verstaute die Einzelteile in den Taschen seiner Jacke und verließ die Baustelle, ehe der Achterbahnwagen, in dem ein Toter mitfuhr, zum Stehen kam.

Der Killer wandte sich sogleich nach rechts und entfernte sich von der Achterbahn. Es interessierte ihn nicht, was dort jetzt passierte. Er wusste, dass sein Opfer tot war, und das genügte ihm.

Neben einer Go-Kart-Bahn, über deren Betonpiste die kleinen Flitzer heulten, entdeckte de Luis eine Telefonzelle. Er durchstöberte seine Taschen nach einem Dime und steuerte auf die Box zu.

Ein unrasierter Kerl mit dem eingeschlagenen Nasenbein eines Raufboldes stieß ihn zur Seite und wollte die Telefonzelle vor ihm betreten.

„He!“, sagte de Luis ungehalten. „Was sind denn das für Manieren?“

Der Typ drehte sich sofort um. Er war größer als Pat de Luis. Seine Schultern waren breit, und seine Fäuste konnten garantiert eine Menge Schaden anrichten.

Es funkelte in seinen Augen. „Ist was, Kleiner?“, fragte er lauernd. Er war - wie wahrscheinlich immer - gleich auf Streit aus.

Pat de Luis hatte keine Angst vor dem Schläger. Er traute sich zu, ohne weiteres mit dem Kerl fertig zu werden. Aber in seinem unterkühlten Gehirn liefen ein paar Gedankengänge ab, die es ihm angeraten erscheinen ließen, es hier auf keinen Kampf ankommen zu lassen.

Der Killer hatte allen Grund, auf dem Rummelplatz leise zu treten. Während eines Fights mit dem Raufbold hätten ihm Teile des Gewehrs aus den Taschen fallen können. Der Kampf hätte Neugierige angelockt. Vielleicht auch Bullen...

Das waren Überlegungen, die Pat de Luis veranlassten, sich höflich zu entschuldigen. „Sie können selbstverständlich vor mir telefonieren“, sagte er.

Und er dachte: Der Teufel soll dich holen. Wenn wir beide an einem anderen Ort aneinandergeraten wären, hätte ich dich fertiggemacht.

„Na also!“, knurrte der Schläger. Er rammte seinen Zeigefinger gegen de Luis’ Brustbein. „Nächstens sieh dir die Leute genauer an, bevor du die große Lippe riskierst.“

„Es tut mir leid, was ich gesagt habe“, entgegnete de Luis, während er spürte, wie die Wut in ihm nagte.

Treib’s nicht auf die Spitze, Junge, dachte er. Meine Geduld hängt an einem sehr dünnen Faden. Er könnte reißen!

Der Schläger musterte ihn mit einem geringschätzigen Blick und betrat dann die Telefonbox.

De Luis wartete in der Nähe, und er richtete es so ein, dass er mit dem Kerl nicht noch einmal zusammentraf, als dieser die Zelle verließ.

Als er dann endlich telefonieren konnte, tauchten die ersten Patrol Cars der City Police auf. Mit heulenden Sirenen und zuckenden Rotlichtern fuhren sie an ihm vorbei - in Richtung Achterbahn.

Die Menschen blieben stehen. Sie blickten den Polizeifahrzeugen nach und sahen einander ratlos an. Neugier sprang in ihre Augen, und sie strebten dorthin, wohin die Patrol Cars gefahren waren.

„Es ist immer dasselbe“, murmelte Pat de Luis. „Der Tod hat eine seltsame Faszination für die meisten Menschen.“

Auf ihn traf das nicht zu. Er warf die Münze in den Automaten und wählte eine sechsstellige Nummer.

Das Freizeichen ertönte. Aber er musste fast eine Minute lang warten, bis am andern Ende des Drahtes abgehoben wurde.

„Ja?“

„Ich bin’s, Pat“, sagte de Luis. „Die Sache ist gelaufen.“

„Prima. Das geht ja ruckzuck bei dir.“

„Hast du daran gezweifelt? Ich leiste eben was für mein Geld.“

„Ich weiß. Ich habe den zuverlässigsten Mann empfohlen“, sagte Vito Gagney am andern Ende.

„Apropos Geld“, sagte de Luis. „Du kannst deinem Mann sagen, dass ich die zweite Hälfte des vereinbarten Betrages sehen möchte.“

„Heute noch?“

„Was man hat, hat man“, sagte der Killer und lachte.

„Okay, ich werd’s ausrichten. Wohin soll ich die Kohlen bringen? Wieder in die Bar?“

„Ist ein guter Treffpunkt.“

„In Ordnung“, sagte die „Ratte“.

„Bis später.“

„Bis später“, echote de Luis und wollte einhängen.

Da rief Cagney: „Einen Moment noch, Pat.“

„Ja?“

„Ich würde meinem Mann gern ein bisschen was erzählen, damit er das Gefühl hat, er kriegt etwas für sein Geld.“

„Nicht am Telefon“, sagte der Killer. „Dabei sind schon die verrücktesten Dinge raus gekommen. Es braucht sich bloß einer in unser Gespräch rein zu wählen, und wir haben schon die ärgsten Schwierigkeiten, wenn wir zu viel quasseln.“

„Ist auch wieder wahr“, pflichtete die „Ratte“ dem Killer bei.

„Dein Mann soll sich morgen die Zeitung kaufen. Da wird alles haarklein drinstehen, was ihn interessiert. Sogar mit Bildern.“

„Ich werd’s ihm bestellen“, sagte Vito Gagney und legte auf.

De Luis hängte den Hörer an den Haken und verließ die Telefonbox.

Ein zufriedenes Lächeln umspielte seine Lippen.

6

Manchmal beschreitet das Schicksal verschlungene Pfade. Überraschungen. Zufälle... Einer dieser Zufälle wollte es, dass Bount Reiniger ausgerechnet an diesem Tag auf der Suche nach Vito Cagney war, denn es gab da eine offene Rechnung, die ihm der Privatdetektiv, der in New York auch unter dem Namen Bount Reiniger bekannt war, präsentieren wollte.

Bount befand sich in einer wenig vertrauenerweckenden Gegend. Hier zeigte sich die Weltstadt New York von ihrer übelsten Seite. Hier waren Armut, Angst und Verbrechertum so stark komprimiert, dass viele Leute es nicht wagten, ihren Fuß in dieses Gebiet zu setzen.

Es war die Süd-Bronx.

Ein Trümmerhaufen der Wohlstandsgesellschaft. Ein Prüfstein, an dem die schwachen Menschen zerbrachen. Ein Gebiet, in dem eigene Gesetze herrschten. Hier hatte nur der Starke ein Recht. Der Schwache musste kuschen und sich fügen, wenn er überleben wollte.

Süd-Bronx. Ein Siedepunkt im Hexenkessel New York!

Hier gab es zahlreiche Wespennester, in die kaum jemand zu stechen wagte. Hier regierten die Rackets. Sie handelten mit geraubten Waren, mit Rauschgift, mit Waffen. Es gab nichts, was sie nicht zu Geld machten. Sie plünderten, vergewaltigten und terrorisierten.

Das war die Gegend, in der sich Bount Reiniger befand, denn er hatte den Tipp bekommen, dass sich Vito Cagney vor ein paar Monaten in einem Abbruchhaus nahe dem Mary’s Park eingenistet hatte.

Bount blieb an einer Hausecke kurz stehen. Er zündete sich eine Pall Mall an und blickte sich aufmerksam um. Man beobachtete ihn. Er fühlte es. Aber er konnte niemanden sehen.

Hier schienen sogar die Mauern Augen zu haben.

Bount Reiniger ließ den Rauch durch die Nasenlöcher sickern. Der Wind erfasste die dünnen Schwaden und zerfaserte sie. Dann setzte er seinen Weg fort. Vor einem düsteren Durchgang lungerte ein magerer Bursche herum.

Seine Wangen waren tief eingesunken. Unter den Augen lagen dunkelgraue Ringe. Der Blick war glasig. Ein Junkie, der sich vermutlich erst vor wenigen Augenblicken zur großen Glückseligkeit verholfen hatte.

Ein Wrack, dem niemand mehr helfen konnte. Er würde sich eines Tages eine Überdosis spritzen und daran zugrunde gehen. Einer der vielen Todeskandidaten, die man überall in New York antreffen konnte. Die Drogensucht war ein furchtbares Problem, mit dem die Behörden einfach nicht fertig wurden.

Bount beachtete den Junkie nicht weiter. Er überquerte die Straße und erreichte wenig später das Gebäude, das man ihm beschrieben hatte. Ein grauer Klotz, hässlich und deprimierend.

Hier sollte die „Ratte“ wohnen, weil man in diesem Haus keine Miete zu bezahlen brauchte. Bount rümpfte unwillkürlich die Nase. Niemals hätte er in so etwas wohnen mögen. Dann schon lieber gleich unter einer Brücke.

Er schnippte die Pall Mall in die Gosse, zog den Reißverschluss seiner Windjacke ein Stück auf und ließ die rechte Hand hineingleiten. Er prüfte den Sitz seiner Automatic, die im Schulterholster steckte.

Er hatte nicht die Absicht, sie gegen Cagney einzusetzen. Wenn die „Ratte“ sich ordentlich auf führte, würde es ohne Gewalt abgehen.

Eine höfliche Aufforderung - und Vito Cagney würde Bount folgen müssen. Vorausgesetzt, er war hier in diesem scheußlichen Bau anzutreffen.

Bount Reiniger ging auf das Haustor zu. Es stand sperrangelweit offen, hing schief in den Angeln, war nicht mehr zu bewegen.

Fauliger Geruch schlug dem Detektiv entgegen, als er das Gebäude betrat. Hier war die Welt schon lange nicht mehr in Ordnung, und Bount Reiniger fragte sich, wie man sich in einer solchen Behausung wohlfühlen konnte.

Man musste dafür geboren sein. Man musste eine „Ratte“ sein, um dies hier als Zuhause betrachten zu können.

Das Straßenlicht erhellte den Flur nur schwach. Bount blieb stehen, bis sich seine Augen an die Beleuchtung gewöhnt hatten.

Unter Bounts Schuhen knirschte der Verputz, der teilweise von der Wand gebröckelt war. Er schritt vorsichtig einen Gang entlang. Rechts war eine halboffene Tür. Bount warf einen Blick in den dahinterliegenden Raum. Eine faulende Matratze lag auf dem schimmeligen Bretterboden.

An den Wänden standen ordinäre Sprüche, mit Lack hin gesprüht. Es gab obszöne Zeichnungen. Das Ganze erinnerte an Gefängniszellen und Toiletten.

Bount setzte seinen Rundgang fort. Obwohl das Haus einen leeren Eindruck machte, wurde Bount Reiniger das Gefühl nicht los, dass er sich nicht allein darin aufhielt Er hoffte, irgend jemandem zu begegnen, der ihm sagen konnte, wo Vito Cagney zu finden war.

Schon einen Augenblick später erfüllte sich seine Hoffnung - wenigstens teilweise!

Da waren plötzlich mehrere Kerle. Vier, fünf. In schwarzes Leder gekleidet. Von Kopf bis Fuß mit blitzenden Nieten bedeckt. Und sie fielen sofort über Bount Reiniger her.

7

In dieser Gegend fragte man nicht lange. Man schlug zuerst zu und stellte die Fragen, wenn sie noch nötig waren, hinterher. Eine Faust raste haargenau auf Bount Reiniger zu.

Er nahm den Kopf zurück und verteidigte sich mit einem Karatetritt. Der Getroffene schrie auf. Zwei Fäuste trafen ihn. Sie hämmerten ihm die Luft aus den Lungen.

Bount Reiniger steppte zurück und fing einen Heumacher ab, der ihn niedergestreckt hätte, wenn er getroffen hätte. Wenn...

Bount ließ den abgefangenen Arm nicht los, sondern riss den dazugehörenden Rocker herum und beförderte ihn kurz entschlossen seinen Kameraden entgegen. Die Zahl der Gegner vermehrte sich.

Auch Mädchen waren dabei. Ketten klirrten und rasselten. Springmesser schnappten auf.

Viele Hunde sind des Hasen Tod, schoss es Bount durch den Kopf, und er wollte sich den Rückweg frei schlagen, aber für jeden Rocker, den er zur Seite schlug, stellten sich ihm zwei andere in den Weg.

Er schaffte es nicht lange, sich den Rücken freizuhalten. Als die Kerle ihn dann eingekreist hatten, wusste er, dass es keinen Zweck mehr hatte, weiter zu fighten.

Jetzt konnte ihn nur noch kaltes Blut retten, denn wenn er mit seinen Fäusten weitermachte, konnte er sicher sein, dass die Rocker ihn mit ihren Ketten oder Messern behandeln würden.

Keuchend gab er auf. Er spreizte die Arme ab. Schweißperlen glänzten auf seiner Stirn. Die Jungs hatten ihn ganz schön außer Atem gebracht.

Die Situation gefiel ihnen. Sie kosteten ihren Triumph grinsend aus. Einer von ihnen - ein bulliger Bursche mit karieszerfressenen Zähnen - grinste besonders breit. Er war der Anführer der Rockerbande.

Hinter ihm stand ein blasses rothaariges Mädchen. Eine Mitläuferin, die offenbar mit dem, was passierte, nicht einverstanden war, die aber ebenso wie Bount nichts an der Sache ändern konnte.

Sie war wohl nur bei diesem Haufen, weil sie nicht wusste, an wen sie sich sonst anschließen sollte.

„Okay, okay“, sagte Bount Reiniger. „Ihr habt eindeutig gewonnen.“

„Scheint so“, sagte der mit den schlechten Zähnen. Er blickte in die Runde, und alle lachten. Auch das rothaarige Mädchen lachte pflichtschuldig und nervös mit.

„Was nun weiter?“, fragte Bount.

Der Anführer der Rocker wies mit dem Daumen auf seine Brust. „Ich stelle die Fragen, Mann.“

„In Ordnung“, sagte Bount.

„Was hast du hier zu suchen?“

„Man hat mir gesagt, ich könnte hier Vito Cagney finden“, antwortete Bount Reiniger wahrheitsgetreu.

„Was willst du von ihm?“

„Ich muss mit ihm reden.“

„Bist du ein Bulle?“

„Nein.“

„Was dann?“

Bount zögerte mit der Antwort, denn „Privatdetektiv“ war hier ein Reizwort. Der Anführer der Rocker nickte kurz. Das war ein Zeichen für zwei kräftige Burschen, die hinter Bount Reiniger standen. Sie packten sofort zu. Wie Schraubstockbacken klemmten sie den Detektiv zwischen sich fest. Sobald er sich nicht mehr rühren konnte, trat der Kerl mit den schlechten Zähnen vor, riss Bounts Jacke auf und durchsuchte ihn.

Als er die Automatic fand, verfinsterte sich seine Miene. Er nahm die Pistole an sich, suchte weiter und fand Bounts Detektivlizenz. Daraufhin blähten sich seine Nasenflügel.

„Freunde, wisst ihr, was für einen Vogel wir da gefangen haben? Einen verdammten, lausigen Schnüffler! Bount Reiniger ist sein Name!“

Bount hob die Augenbrauen. „Jeder muss sich auf seine Weise sein Geld verdienen“, meinte er entschuldigend.

„Du bist unsertwegen hier!“, knurrte der Anführer der Rocker böse. „Vito Cagney ist nur ein Vorwand! Du wolltest uns bespitzeln, wolltest herausfinden, was wir planen. Mann, das hättest du lieber lassen sollen. So etwas kriege ich nämlich in den falschen Hals, verstehst du?“

„Ich hatte keine Ahnung, dass ihr euch in diesem Haus eingenistet habt!“, sagte Bount Reiniger.

Aber die Rocker glaubten ihm nicht.

„Wer hat dich auf uns angesetzt?“, fragte ihr Anführer. „Welches Schwein hat dich engagiert?“

„Liebe Güte, ich will nichts von euch.“

„Rede!“

„Ich bin nur an Cagney interessiert!“

Der mit den schlechten Zähnen nickte. „Na schön. Wenn du’s nicht anders haben willst, werde ich’s aus dir heraus prügeln!“

„Sag mal, kann man mit euch denn nicht vernünftig reden?“

„Wir sprechen sofort mit den Fäusten, Freundchen. Das ist eine internationale Sprache, die jeder versteht. Da gibt es niemals Missverständnisse!“

Der Anführer der Rocker schlug zu. Er legte eine Menge Dampf in den Schlag, und Bount Reiniger war nicht in der Lage, davor zurückzuweichen. Die Kerle hielten ihn fest, und ihr Anführer zeigte ihnen, was für einen großartigen Punch er hatte.

Bount konnte zwar einiges vertragen. Er war weder wehleidig noch zimperlich. Aber auch für ihn gab es eine Grenze, und was danach kam, war eben zu viel.

Vor seinen Augen wallten rote Nebel auf. Wenn ihn die Kerle nicht festgehalten hätten, wäre er umgefallen.

Irgendwann traten sie dann zurück, und er sackte zusammen. Der Rockerboss fragte wieder, wer Bount engagiert habe. Bount Reiniger blieb dabei, dass er wegen Cagney hier sei.

„Lass dir das eine Lehre sein, Schnüffler!“, knurrte der Anführer der Rocker. „Lauf uns nicht noch mal über den Weg, sonst machen wir dich fertig.“

Der Kerl bluffte bestimmt nicht. Bount kannte diese Art von Typen. Sie glaubten, die Beherrscher der Welt zu sein, denen sich niemand entgegenstellen durfte.

Bount sah noch, wie einer der Rocker ausholte, dann verlor er das Bewusstsein.

8

June March - blond, blauäugig und sexy — machte Überstunden, um den Papierkram bewältigen zu können, der sich in den letzten Tagen angehäuft hatte. Sie arbeitete mit einem Elan, dass es eine Freude gewesen wäre, ihr dabei zuzusehen.

Vor einer halben Stunde hatte das Telefon geläutet. June hatte abgenommen und ihr Sprüchlein aufgesagt: „Detektei Reiniger - Büro für private Ermittlungen...“

„Würden Sie mich bitte mit Mister Reiniger verbinden“, hatte ein Mann gebeten.

„Wie ist Ihr Name, Sir?“

„Nadim Waterman. Von Waterman & Schatzberg – Import-Export.“

„In welcher Angelegenheit...“

„Es geht um Mord, Miss. Um einen ganz gemeinen, kaltschnäuzigen, hinterhältigen Mord!“, polterte Nadim Waterman.

„Es tut mir außerordentlich leid, aber Mister Reiniger ist im Augenblick nicht hier. Wenn Sie vielleicht mit mir vorliebnehmen möchten...“

„Nein“, hatte Waterman darauf geantwortet und ohne ein weiteres Wort aufgelegt...

Etwa eine Stunde später hörte June March auf dem Flur Schritte. Sie hob den blonden Lockenkopf und blickte zur Tür, die sich eine Sekunde später öffnete. Ein hochgewachsener, hagerer Mann trat ein. Er hatte eine spitze Nase und das spärliche Haar nach vorn gekämmt, um jünger auszusehen. June schätzte ihn auf gut fünfzig.

Er war nicht allein.

Ein blasses brünettes Mädchen - etwa zweiundzwanzig - betrat hinter ihm das Vorzimmer der Detektei. Sie hatte rotgeweinte Augen und nestelte fortwährend an ihrer Handtasche herum, aus der drei rote Papierrosen lugten.

„Ich bin Waterman“, sagte der Mann. „Und dies ist Miss Tessa May aus Boston. Sie ist die Nichte meines Geschäftspartners Alan Schatzberg.“

June March wies auf die Besucherstühle. „Bitte nehmen Sie Platz.“ Die beiden setzten sich.

„Mein Freund und Partner ist heute auf dem Rummelplatz von Coney Island von einem heimtückischen Killer erschossen worden, Miss ...“

„March. June March.“

„Ja. Es ist ein Skandal!“ Nadim Waterman schlug mit der Faust auf den Schreibtisch, dass es krachte. Empörung leuchtete in seinen Augen. „Ein aufrechter, ehrlicher Mann, dem seine Arbeit über alles ging, wurde das Opfer eines gemeinen Killers. Mit einem einzigen Schuss hat er Alan getötet. Es muss ein Profi gewesen sein. Aber, zum Teufel, mir will nicht in den Kopf, warum das passiert ist. Warum engagiert jemand einen Berufsmörder, um meinen Freund und Partner zu ermorden? Ist Mister Reiniger jetzt da? Ich möchte ihn engagieren. Ich will den besten Mann haben, den es hier gibt, damit dieses schreckliche Rätsel gelöst wird.“

„Tut mir leid“, sagte June bedauernd. „Mister Reiniger ist immer noch unterwegs.“ Sie wollte Genaueres über den Mord an Alan Schatzberg wissen, und Tessa May begann stockend zu erzählen, was sich auf dem Rummelplatz zugetragen hatte.

Tessas Augen füllten sich mit Tränen. „Wir waren so glücklich, so unbeschwert, ausgelassen wie Kinder. Onkel Alan hat mir rote Rosen geschossen. Nie im Leben hätte ich gedacht, dass er danach nur noch wenige Minuten zu leben hatte... Ich kann es nicht fassen. Ich kann es einfach nicht fassen...“

June nickte. „So ein Ereignis ist immer ein schlimmer Schock, Miss May...“

„Eine sinnlose Tat!“, fiel Nadim Waterman der Detektiv-Volontärin ins Wort „Eine ganz und gar sinnlose Tat ist das, Miss March.“

„So sieht es im Moment jedenfalls aus“, meinte June.

„Fast könnte man glauben, ein Verrückter wäre es gewesen, wenn der Todesschuss nicht mit einer solchen Präzision erfolgt wäre“, sagte Waterman. Er schüttelte den Kopf. „Alan. Ausgerechnet Alan. Wo er doch so wichtig für unser Geschäft war. Er war der Motor der Firma. Er riss ständig neue Geschäftsverbindungen auf. Er arbeitete Tag und Nacht. Ich war kaum in der Lage, sein Tempo mitzuhalten, aber das machte ihm nichts aus. Es störte ihn nicht, mehr zu arbeiten als jeder andere in unserer Firma. Als Tessa mich anrief und mir sagte, dass Alan auf dem Rummelplatz ermordet worden sei, glaubte ich, sie würde sich mit mir einen schlechten Scherz erlauben...“

„Gibt es irgendwelche Augenzeugen?“, fragte June.

„Der Rummelplatz war voller Menschen“, sagte Nadim Waterman.

„Was haben die gesehen?“

„Nichts. Genau so viel oder genau so wenig wie Tessa. Keiner weiß, wie der Mörder aussieht. Keiner kann sagen, wohin er verschwunden ist Niemand hat eine Ahnung, warum Alan sterben musste. Dieser Mord ist für mich ein großes Rätsel, Miss March. Deshalb sagte ich zu Tessa sofort, da muss ein Spezialist ran. Einer, der sich selbst in den kniffligsten Fällen zurechtfindet. Eine Kapazität. Ein As auf seinem Gebiet. Eben - ein Bount Reiniger!“

June nickte. „Mister Reiniger wird diesen Fall übernehmen, Mister Waterman.“

Der Partner des Ermordeten blickte sie groß an. „Können Sie das denn entscheiden, Miss March?“

„Ich bin Mister Reinigers Sekretärin und Mitarbeiterin. Er wird sich mit Ihnen in Verbindung setzen. Würden Sie mir sagen, wo Sie in den nächsten Stunden zu erreichen sein werden?“

„Ich? Zu Hause“, sagte Nadim Waterman. Er nannte seine Anschrift.

„Und Sie, Miss May?“, fragte June, nachdem sie Watermans Adresse notiert hatte.

„Wenn Sie nicht allein sein möchten, können Sie bei mir....“, bot Waterman an.

Doch Tessa schüttelte den Kopf. Matt lächelnd sagte sie: „Ist nett, dass Sie das sagen, Mister Waterman. Aber Sie haben schon genug für mich getan.“

„Ich bitte Sie, das ist doch das Mindeste, was ich für die Nichte meines Freundes tun kann.“

„Ich möchte allein sein“, sagte Tessa.

„Wie Sie wünschen“, meinte Waterman.

„Mister Reiniger erreicht mich im Apartment meines Onkels“, sagte Tessa und gab June Anschrift und Telefonnummer.

Waterman schwang seine Faust. „Ich bin sicher, Bount Reiniger wird herausfinden, welche Hintergründe dieser gemeine Mord hat, und dann wird es Heulen und Zähneknirschen geben! Eine verdammte Schweinerei ist das. Nicht einmal die harmlosesten Menschen sind in dieser Stadt noch sicher. Alan hatte mit niemandem Schwierigkeiten. Er kam mit allen Menschen gut aus. Er war beliebt und hilfsbereit. Ich kann mir nicht vorstellen, dass er auch nur einen einzigen Feind gehabt hat, und doch muss es einen geben - weil kein Verbrechen ohne Grund verübt wird.“

„Mister Reiniger wird nichts unversucht lassen, um diesen Mord so rasch wie möglich aufzuklären, darauf können Sie sich verlassen“, versicherte June March den neuen Klienten.

„Sagen Sie ihm, ich bin bereit, jedes Honorar zu bezahlen!“, erklärte Nadim Waterman.

„Er hat seine festen Sätze“, erwiderte June. „Zweihundert Dollar pro Tag. Spesen extra.“

„Einverstanden“, sagte Waterman. „Und ich lege zweitausend Dollar dazu, wenn Bount Reiniger in den nächsten zweiundsiebzig Stunden Erfolg hat. Das soll ein kleiner Anreiz für ihn sein.“

„Ich werde es ihm bestellen“, versprach June und lächelte.

Und Waterman sagte: „Kommen Sie, Tessa, wir gehen. Mehr können wir im Augenblick nicht tun.“

9

Bount Reiniger lag vorläufig noch im Aus und war am Boden zerstört - und das im wahrsten Sinne des Wortes. Aber seine Lebensgeister erwachten allmählich wieder.

Es war ein Hundeleben, das er manchmal zu führen gezwungen war. Alle Welt schien zu denken, sie hätte das Recht, ihn zu verprügeln. Die Hiebe, die er im Verlauf seiner Karriere schon hatte einstecken müssen, waren ganz schön viel für einen einzigen Mann.

Aber die Sache hatte auch - so paradox es klingen mag - ihre positive Seite. Man kann sich auch an Schläge bis zu einem gewissen Grad gewöhnen, und die Folge ist, dass man sich davon schneller erholt als der Otto Normalverbraucher.

Bount registrierte, dass sein Schädel brummte. Auf der Zunge hatte er einen pelzigen Geschmack. Wenigstens etwas. So konnte er wenigstens sicher sein, dass die Rocker ihm die Zunge nicht abgeschnitten hatten. Auch solche Dinge waren schon vorgekommen.

Jeder tiefe Atemzug belebte ihn mehr, schmerzte gleichzeitig aber auch höllisch. Er ächzte und drehte sich auf den Rücken. Als er die Augen öffnete, brannten sie wie Feuer.

Er war allein.

Dem Himmel sei Dank, dachte er.

Noch so eine Runde mit den Rockern hätte ihm absolut nicht gefallen.

Er wusste nicht, wie lange er ohnmächtig gewesen war. Er wusste nur, dass es noch eine Weile dauern würde, bis er sich erheben konnte. Schließlich machte er so etwas nicht zum ersten Mal mit.

Er drehte den Kopf.

Neben ihm lagen seine Lizenzkopie und seine Automatic. Mister Karies schien dafür keine Verwendung zu haben. Bount griff nach der Kopie, die in Plastik eingeschweißt war.

Als er sie in die Innentasche seiner Jacke steckte, drang ein knirschendes Geräusch an sein Ohr, das ihn augenblicklich alarmierte. Er griff sofort zur Waffe. Die rasche Bewegung tat ihm nicht gerade gut. Er unterdrückte nur mit Mühe ein Stöhnen.

Da kam jemand!

War es einer der Rocker, der Bount sicherheitshalber den Rest geben wollte, damit sie mit ihm keinen Ärger mehr hatten? Bount biss die Zähne zusammen und setzte sich langsam auf.

In wenigen Sekunden würde sich herausstellen, wer da kam und was er von Bount Reiniger wollte.

10

Es gefiel June March, dass Bount nicht in seinem Büro auftauchte. So konnte sie endlich wieder einmal schalten und walten, wie sie es für richtig hielt. Bount spannte sie in seine Fälle viel zu selten ein. Er hatte immer Angst um sie.

Angst. Lächerlich. June fühlte sich Manns genug, um auch im hitzigen Kampf gegen das Verbrechen bestehen zu können. Leider gab ihr Bount nur selten Gelegenheit, dies unter Beweis zu stellen, und er nutzte jede Gelegenheit sofort aus, um mit Nachdruck darauf hinzuweisen, dass er mit seiner Ansicht ja doch richtig lag. Als ob es bei ihm niemals Fehlschläge gegeben hätte. Aber die wurden von ihm selbstverständlich anders gewertet. Das blonde Mädchen engagierte sich sofort mit Feuereifer.

Ein paar Telefonate genügten fürs Erste, dann wusste sie, dass der Mordfall Alan Schatzberg bei Bount Reinigers Freund Captain Toby P. Rogers gelandet war. Sie rief im Police Headquarters an und hatte das Glück, Toby in seinem Büro zu erreichen.

„June !“, rief der gewichtige Leiter der Mordkommission erstaunt aus. „Was für eine freudige Überraschung!“

„Hast du schon zu Abend gegessen, Toby?“, fragte June mit einschmeichelnder Stimme.

„Nein, noch nicht. Aber ich denke, dass ich mich in der nächsten halben Stunde in die Kantine begeben werde, um den Schlangenfraß, den es da gibt, hinunterzuwürgen.“

„Wie wär’s mit einem saftigen Steak, einer leckeren Sauce Béarnaise und einem Berg Pommes frites?“

„Wer hat Geburtstag?“

„Niemand. Darf ich dich trotzdem einladen?“

„Gibt es dafür einen besonderen Grund?“

„Ich esse nicht gern allein.“

„Das ist ein Argument. Wohin soll ich kommen?“

„Kennst du das neue Steakhouse auf dem Cathedral Parkway?“

„Daran bin ich schon mal vorbeigefahren.“

„Wie wär’s damit?“

„Einverstanden. Ich bin schon da. Aber ich warne dich. Ich bringe einen Bärenhunger mit.“

„Das soll mir recht sein. Die Einladung geht sowieso auf Spesen“, sagte June und legte auf. Sie machte den Laden dicht und fuhr mit dem Fahrstuhl nach unten. Auf der Straße winkte sie ein Taxi heran und sagte dem Fahrer, wohin sie wollte. Der Mann nickte und fuhr los. Zehn Minuten später war June am Ziel. Sie staunte, als sie feststellte, dass Toby Rogers bereits da war und auch schon die Speisenkarte in seinen klobigen Händen hielt.

„Das ging aber schnell“, sagte June.

Toby erhob sich grinsend. „Wusstest du nicht, dass ich der rasenden Truppe angehöre?“

„Aber nur, wenn es darum geht, das größte Steak zu ergattern, was?“ Toby lachte. „Man muss eben jeden auf eine andere Weise motivieren, wenn man will, dass er eine Spitzenleistung erbringt.“

Nachdem June Platz genommen hatte, setzte auch er sich. Sie bestellten, und während sie auf das Essen warteten, blickte der Captain das blonde Mädchen lauernd an.

„Ich mag zwar in mancher Leute Augen einen dummen Eindruck erwecken, aber ich bin nicht wirklich dumm.“

„Niemand hat das je behauptet“, meinte June und strahlte Toby an.

„Aber man behandelt mich hin und wieder so, als hätte ich nicht alle Tassen im Schrank“, sagte Toby. „Wer?“

„Du zum Beispiel. Oder Bount. Der hält mich manchmal für ganz besonders begriffsstutzig.“

„Jetzt tust du uns aber unrecht, Toby“, sagte June und zog eine Schnute.

„Hand aufs Herz. Hast du mich wirklich nur zum Essen eingeladen, weil du - der Prototyp eines emanzipierten Weibchens - nicht allein speisen möchtest?“

„Von wegen emanzipiert! Bount unterdrückt mich ganz gehörig...“

„Du schweifst vom Thema ab, June!“

Das Mädchen seufzte. „Na schön. Ich habe dich auch noch aus einem anderen Grund eingeladen.“

„Nachtigall, ich hör’ dir trapsen.“

„Ich habe erfahren, dass du den Mordfall Schatzberg übernommen hast, obwohl die Sache auf Coney Island passiert ist und somit in den Zuständigkeitsbereich der dortigen Mordkommission fällt.“

„Aufmerksam beobachtet. Ich habe versprochen, mit den zuständigen Kollegen so eng wie möglich zusammenzuarbeiten, damit sich niemand auf den Schlips getreten oder übergangen fühlt. Es soll in der Angelegenheit kein böses Blut geben. Interessierst du dich für den Fall?“

„Ja.“

„Warum?“

„Schatzbergs Partner Nadim Waterman und Schatzbergs Nichte Tessa May haben uns engagiert.“

„Haben die beiden kein Vertrauen zur Arbeit der Polizei?“

„Sie möchten, dass sich auch Bount Reiniger dieses Falles annimmt, in dem es kein Motiv zu geben scheint.“

„Es gibt ein Motiv. Man muss es nur lange genug suchen, dann wird man es auch finden.“

„Das ist auch meine Meinung“, sagte June.

Ihr Essen kam. Riesenportionen. June sah sie, lachte und stöhnte: „Puh, das schaff ich nie!“

„Sei unbesorgt“, bemerkte der Captain, „Onkel Toby wird dir dabei tatkräftig helfen.“ Und er hielt Wort. Alles, was June nicht mehr verdrücken konnte, schaufelte Toby Rogers mit großem Appetit in seinen Bauch. Hinterher schluckte er noch ein kühles Blondes. Danach lehnte er sich mit einem zufriedenen Lächeln zurück und sagte achselzuckend: „Der Schornstein muss schließlich von etwas rauchen, nicht wahr?“

„Was hat dich bewogen, dich des Mordfalles Schatzberg anzunehmen, Toby?“, erkundigte sich June.

„Du bist nicht besser als dein Chef“, sagte der satte Captain versöhnlich. „Ihr zwei tut niemals etwas aus reiner Nächstenliebe.“

„Das ist nicht wahr. Das darfst du nicht sagen!“, protestierte June.

„Bei euch ist immer irgendein Hintergedanke dabei, aber allmählich gewöhne ich mich daran, dass es auf dieser Welt keine wahren Freunde gibt“

„Ach, hör doch auf, Toby. Du weißt, wie wir zu dir stehen.“

„Ja. Leider.“

„Jetzt machst du mich aber gleich böse.“

Toby winkte ab. „Vergiss es. Du möchtest etwas wissen, und ich werde es dir sagen. Vor zwei Monaten hat es einen aufsehenerregenden Mord an einem aufstrebenden Gangsterboss in Manhattan gegeben.“

June nickte. „Ja, ich erinnere mich.“

„Der Newcomer wurde mit einem einzigen Schuss getötet. Wie Alan Schatzberg. Der Killer hat sein Opfer aus einer Menschenmenge herausgeschossen. Auf dem Rummelplatz war es genauso. Aber das hätte mich noch nicht veranlasst, mir den Mordfall Schatzberg unter den Nagel zu reißen. Den Ausschlag gab erst die Kugel, die Alan Schatzberg getötet hat. Die Ballistiker - ausnahmsweise mal blitzschnell am Ball - stellten fest, dass beide Projektile von derselben Waffe abgefeuert worden sind. Habe ich deine Frage damit ausreichend beantwortet? Wo ist übrigens Bount, das Schlitzohr? Warum stellt er mir diese Frage nicht?“

„Bount ist anderweitig beschäftigt. Ein anderer Fall. Er weiß noch nicht einmal, dass wir von Waterman und Schatzbergs Nichte engagiert wurden“

„Was hat er denn zu tun, dein Chef?“

„Er sucht einen Mann namens Vito Cagney.“

„Weswegen?“, fragte Toby.

„Neugierig bist du wohl überhaupt nicht, was?“, fragte June.

„In diesem Punkt bin ich genau wie du“, gab der Captain grinsend zurück.

„Cagney, den man auch die ,Ratte‘ nennt, versucht, seine Finger in viele miese Geschäfte zu stecken“, sagte June. „Wo er ein paar Dollar wittert, versucht er sofort zu landen. Er vermittelt illegale Wetten, verschafft Interessenten heiße Waffen, steht bei Einbrüchen Schmiere. Aber ans große Geld lässt ihn keiner ran. Er ernährt sich zumeist von den Krümeln, die andere Leute vom Tisch fegen. Vor ein paar Tagen gelang es ihm, an minderwertiges Rauschgift zu gelangen, Er hat es an Kinder verkauft. Ein dreizehnjähriges Mädchen, die Tochter eines Bankdirektors, hat das verfluchte Zeug nicht vertragen. Sie starb auf einer Bank im Mount Morris Park. Der erschütterte Vater des Mädchens hat sich an Bount um Hilfe gewandt. Seither versucht Bount, die ‚Ratte‘ zu finden“

„Ich wünsche ihm dazu Erfolg!“, knirschte der Captain grimmig. „Hoffentlich wird es ihm nicht zu viel, sich auch noch um den Mord an Schatzberg zu kümmern.“

„Ich werde ihn nach Möglichkeit entlasten“, sagte June.

Toby grinste. „Gefällt dir besser als Schreibtischarbeit, was?“

„Auf jeden Fall“, erwiderte June und winkte den Kellner. Sie verlangte die Rechnung, stellte auf den nach oben aufgerundeten Betrag einen Scheck aus und griff nach ihrer Handtasche. „Wir bleiben in Verbindung, okay?“, sagte die blonde Detektivin.

„Logo“, antwortete der Captain und hob eine Hand. „So heißt das bei der heutigen Jugend doch, oder?“

11

Wieder knirschte es. Bount hob die Automatic, um zu dokumentieren, dass er nicht gewillt war, sich wie ein Opferlamm abschlachten zu lassen. Eine Gestalt schob sich langsam in sein Blickfeld. Lederne Nietenjeans, Nietenjacke. Aber für das männliche Geschlecht war die Figur zu rundlich. Vor allem um die Hüften herum. Und wie viele Männer gibt es schon, die einen ansehnlichen Busen haben?

Es war die Rothaarige, die hinter Mister Rocker gestanden hatte. Sie ließ einen erleichterten Seufzer hören. In ihren meergrünen Augen schimmerte so etwas wie Mitleid.

Zögernd kam sie noch zwei Schritte näher. Dann blieb sie stehen. „Ich bin froh, dass Sie wieder bei Bewusstsein sind“, sagte sie leise. „Ich dachte schon, Mick hätte Sie erschlagen. Er kann manchmal schrecklich brutal sein.“

„Das habe ich gemerkt“, sagte Bount und ließ die Waffe sinken.

„Haben Sie Schmerzen?“

„Nur, wenn ich lache.“

„Dass Sie Ihren Humor nicht verloren haben...“

„Wie heißt Mick mit dem Nachnamen?“

„Holbrook.“

„Sind Sie seine Freundin?“

Das rothaarige Mädchen schüttelte hastig den Kopf. „Wo denken Sie hin? Mit diesem hässlichen Kerl würde ich niemals... Ich bin niemandes Freundin. Ich bin einfach nur bei dem Haufen dabei.“

„Warum?“, fragte Bount.

Das Mädchen zuckte mit den Schultern. „Ich weiß nicht. Weil eben alle dabei sind, die in dieser Gegend wohnen. Da, wo Sie herkommen, braucht man wohl für alles einen Grund, nicht wahr?“

„Man denkt zumindest mehr nach als hier. Zum Beispiel, was aus einem Mann wird, den man niedergeschlagen hat.“

„Ich habe nachgedacht...“

„Sie haben mich nicht angerührt“, sagte Bount.

„Aber ich war dabei, als Mick Sie.......“

„Und nun fühlen Sie sich mitschuldig.“

„Ein bisschen schon“, antwortete das Mädchen und mied es, Bount in die Augen zu sehen.

„Wie heißen Sie?“, wollte Bount Reiniger wissen.

„Georgina Philips.“

„Sie sind nicht so wie die andern.“

„Ich gebe mir die größte Mühe, das zu vertuschen.“

„Weshalb?“

„Es ist nicht gut, anders zu sein als die andern.“

„In diesem Fall schon. Sie denken noch nach, Georgina. Sie sind fähig, Gefühl zu zeigen. Das ist etwas Positives.“

„Nicht in dieser Gegend. Wer in der Süd-Bronx bestehen will, muss hart sein. Je härter, desto besser. Von Kindheit an.“

„Warum gehen Sie nicht weg von hier?“

„Ich bin erst siebzehn. Meine Eltern kümmern sich zwar nicht um mich, aber wenn ich fortgehen wollte, würden sie es nicht zulassen.“

„Warum nicht?“, fragte Bount.

„Sie brauchen mich. Ich gebe ihnen Geld. Fragen Sie mich nicht, woher ich es habe.“

Bount konnte es sich denken. Das Geld stammte von den Raubzügen der Rocker. Er steckte die Automatic weg und fasste in seine Taschen. Mick Holbrook und seine Banditen hatten ihm nicht einen Cent gelassen. Alles Geld, das er bei sich gehabt hatte, hatten sie ihm abgenommen.

Er stand auf.

„Warten Sie, ich helfe Ihnen“, sagte Georgina und eilte herbei.

„Es geht schon wieder“, wehrte Bount ab. „Sie sollten sich von Ihren Freunden trennen.“

„Das schaff’ ich nicht.“

„Würden Sie es denn wollen?“

„Vielleicht.“

„Ich könnte Ihnen helfen. Es ließe sich bestimmt eine Stellung für Sie finden.“

„Meine Eltern...“

„Mit denen würde ich reden.“

„Warum wollen Sie das für mich tun, Mister Reiniger?“, fragte das Mädchen. „In meinem ganzen Leben hat noch nie jemand auch nur einen Finger für mich gerührt.“

„Ich möchte nicht, dass Sie mit Mick Holbrook auf den sicheren Untergang zusteuern. Mick und den andern würde ich meine Hilfe nicht anbieten, weil ich weiß, dass sie mich auslachen würden. Die denken, sie brauchen niemandes Hilfe.“ Georgina blickte auf ihre Hände. „Ich weiß nicht

recht....“

„Wo wohnen Sie?“, fragte Bount.

Sie sagte es ihm.

„Gehen Sie nach Hause, Georgina“, riet ihr Bount. „Versuchen Sie, Mick und seiner Bande fernzubleiben. Ich lass wieder von mir hören.“

„Mick wird das nicht gefallen.“

„Sie können ja mal krank werden, oder?“

Georgina nickte langsam. Bount sah ihr an, dass sie sich hoffnungsvoll an das klammerte, was er ihr versprochen hatte, und er wollte sie nicht enttäuschen. Er würde ihr helfen, aus diesem Sumpf raus zu kommen. Sie war es wert, dass er ihr half.

„Sind Sie wirklich nicht unsertwegen hier, Mister Reiniger?“, fragte das Mädchen leise. „Dieses Haus ist seit kurzem so etwas wie unser Hauptquartier.“

„Ich suche Vito Cagney“, entgegnete Bount. „Man hat mir gesagt, ich würde ihn hier finden.“

„Er hat was Besseres gefunden, ist ausgezogen, leistet sich jetzt eine Kellerwohnung in der 141. Straße. Mit Telefon.“

„Ist bei ihm der Reichtum ausgebrochen?“

„Das nicht, aber als Mick Holbrook ihm eröffnete, dass wir die Absicht hätten, hier einzuziehen, hat er das Feld geräumt.“

Georgina nannte Bount die Hausnummer.

„Danke“, sagte Bount Reiniger.

„Ich bin froh, dass es Ihnen schon wieder besser geht.“

„Oh, ich kann was vertragen“, sagte Bount. „Wissen Ihre Freunde, wo Sie sind?“

„Natürlich nicht. Ich habe gesagt, ich würde nach Hause gehen.“

Bount nickte. „Das würde ich an Ihrer Stelle nun auch tatsächlich tun.“

„Aber ich verlasse dieses Haus allein!“, sagte Georgina schnell.

„Selbstverständlich. Es wäre nicht gut, wenn man uns zusammen sehen würde“, sagte Bount Reiniger verständnisvoll. Sie ging. „Ich melde mich“, rief er ihr mit gedämpfter Stimme nach. Dann war sie weg.

Bount ließ zehn Minuten verstreichen und verließ danach ebenfalls das Abbruchhaus. Seine Knochen waren noch heil, und er fühlte sich auch wieder stark genug, um Vito Cagney nötigenfalls auseinanderzunehmen, und darauf kam es letztlich an.

12

Bount hatte kein Glück. Die „Ratte“ war nicht in ihrem Kellerloch. Aber so leicht ließ Bount Reiniger sich nicht entmutigen. Er suchte eine nahe gelegene Kneipe auf, nahm einen Whisky auf zwei Raten zur Brust und machte dazwischen im Waschraum nach Möglichkeit wieder einen Menschen aus sich. Aus dem halbblinden Spiegel starrte ihm ein wahres Ungeheuer entgegen. Das änderte sich erst, nachdem er das Blut abgewaschen hatte. Die Schwellungen würden im Laufe der Nacht größtenteils zurückgehen.

„Wenn du‘s nötig hast, kannst du morgen schon wieder auf den Aufriss gehen, Bount“, sagte er zu seinem Spiegelbild. „Vielleicht mit einem blauen Auge, aber gerade das finden manche Frauen an einem Mann ja besonders interessant.“

Nach dem kurzen Kneipenbesuch bezog Bount in der Nähe von Cagneys Kellerwohnung Posten. Wenn er sich etwas in den Kopf gesetzt hatte, konnte er verdammt hartnäckig sein.

Er wollte Vito Cagney treffen, und er würde alles daransetzen, um ihn zu kriegen.

Sein silbermetallicfarbener Mercedes 450 SEL stand auf dem Parkplatz vor der Harlem Station. Da war der Exot besser aufgehoben als hier in dieser gesellschaftlichen Sumpflandschaft. Solch ein Wagen wäre in dieser Gegend aufgefallen wie ein grün gestrichenes Nashorn im Zoo.

Bount fingerte die Pall-Mall-Packung aus der Jacke. Er brannte sich ein Stäbchen an und rauchte gedankenverloren. Typen wie Vito Cagney waren ihm besonders zuwider.

Es gab für ihn nichts Abscheulicheres, als wenn jemand Kinder in seine verbrecherischen Geschäfte hineinzog. Deshalb konnte sich Cagney auch auf harte Bandagen gefasst machen, falls der Kerl auch nur den Versuch wagte, ein vorlautes Wort von sich zu geben.

Dass Cagney den Mut aufbrachte, ihn anzugreifen, war sowieso so gut wie undenkbar. Wenn der Knabe es in einem Anfall von geistiger Umnachtung aber doch tun sollte, wollte Bount Reiniger ihm schon zeigen, wohin die Fahrt ging.

Er brannte auf die Begegnung mit der „Ratte“. Von Minute zu Minute fiel es ihm schwerer, auf den Ganoven zu warten.

13

Vito Cagney war vergnügt. Er hatte das restliche Geld bei Pat de Luis abgeliefert, und der Killer hatte ihm in seiner Geberlaune noch einen Hunderter in die Hand gedrückt und gesagt: „Hier. Weil es so leicht verdientes Geld ist. Es war eine Klackssache. Ich schäme mich beinahe, soviel Geld dafür zu nehmen.“

„Du kriegst das Moos auch nicht bloß für die Tat, sondern vor allem für das Gewusst-wie.“

„So ist es. Leg den Schein gut an.“

„Mach ich“, hatte Cagney gesagt, und er wusste auch schon, was er mit dem Geld anfangen wollte.

Er suchte den Typ auf, der ihm den minderwertigen Stoff zu einem wahren Schleuderpreis überlassen hatte. Tony Stockwell hieß der Mann. Selbst ein Fixer, der sich seine irren Träume mit solchen Geschäften finanzierte.

Stockwell saß in einem schäbigen ächzenden Rollstuhl, in dessen Batterie fast kein Saft mehr war. Wenn er sich von der Stelle bewegen wollte, musste er mit den Handhebeln rudern.

„Wie geht’s?“, erkundigte sich Cagney. Aber es interessierte ihn nicht wirklich. Wenn Stockwell mit „Leck mich“, geantwortet hätte, wäre es ihm auch egal gewesen.

„Stuhlverstopfung“, knurrte der Rollstuhlfahrer. „Ich saufe literweise Abführtee, aber es tut sich nichts.“

„Das kommt vom vielen Sitzen. Zuwenig Bewegung.“

„Wie soll ich mich denn bewegen, wenn man mir die Beine unter den Knien abgeschnitten hat?“

„Bist ein armes Schwein.“

„Spar dir dein Mitleid. Es ist ohnedies nicht ehrlich gemeint. Hast du mal wieder ein paar Kröten aufgerissen?“

„Ja, und ich möchte Stoff dafür kaufen.“

„Für wie viel?“

„Zweihundert.“

Selbst hätte Stockwell das Zeug, das er verhökerte, niemals genommen. Es war ihm zu schlecht, aber das hinderte ihn nicht daran, es zu verkaufen. Cagney blätterte die Scheine auf den Tisch des Hauses und erhielt von Tony Stockwell die Briefchen.

„Lass aber ja niemanden wissen, dass du das Zeug von mir hast, verstanden?“

Cagney schüttelte grinsend den Kopf. „Das sagst du jedes mal. Wie ein Plattenspieler kommst du mir vor.“

„Man kann es euch Brüdern nicht oft genug eintrichtern. Ihr seid ja so entsetzlich vergesslich, wenn die Bullen euch kassieren.“

„Mach dir um mich keine Sorgen. Mich erwischen die Bullen schon nicht.“

„Das haben schon Schlauere als du gesagt, und heute sitzen sie im Knast und werden wohl noch bis zum Jüngsten Tag drin bleiben.“

Cagney schlug Stockwell zum Abschied auf die Schulter. „Bis demnächst, alter Junge!“

„Ach, geh zum Teufel!“, brummte Stockwell, und Vito Cagney machte die Tür von außen zu. Er überlegte, ob er die Briefchen gleich an den Mann zu bringen versuchen sollte, aber dann fand er, dass es dafür schon zu spät war. Er wollte den Stoff schließlich nicht bloß verschleudern, sondern das Zeug gewissermaßen auf dem freien Markt anbieten und den höchstmöglichen Gewinn erzielen.

„Morgen ist auch noch ein Tag“, murmelte er und schlug den Heimweg ein.

Als er in die Straße einbog, in der er wohnte, kam ihm ein ausgemergelter Bursche entgegen.

„Hi, Vito.“

„Hallo, Mel“, sagte Cagney und nickte dem Ausgemergelten zu. „Alles in Ordnung?“

„Bei mir schon.“

„Na prima“, sagte Cagney und wollte weitergehen, doch Mel Franklin trat ihm in den Weg und schüttelte grinsend den Kopf.

„An deiner Stelle würde ich nicht nach Hause gehen, Vito.“

„Warum nicht?“

„Da liegt einer auf der Lauer. Einer, der es bestimmt nicht so gut wie ich mit dir meint.“

„Ein Bulle?“; fragte die „Ratte“ erschrocken.

„Weiß ich nicht, aber möglich ist alles“, sagte Franklin.

„Danke“, sagte Cagney hastig. „Vielleicht kann ich mich mal revanchieren.“ Er machte auf den Hacken kehrt und suchte das Weite.

14

Bount Reiniger bewies Umsicht, indem er sich nicht nur auf Vito Cagneys Kellerwohnung konzentrierte, sondern in unregelmäßigen Abständen seinen Blick auch die Straße auf und ab wandern ließ.

Deshalb sah er auch, dass Vito Cagney in diesem Moment etwa hundertfünfzig Yards von ihm entfernt um die Ecke bog und von einem ausgemergelten Burschen angehalten wurde. Der Dürre war Bount schon einmal aufgefallen.

Cagney wechselte mit dem Andern nun ein paar Worte, und Bount Reiniger glaubte zu wissen, worüber die beiden sprachen. Als die „Ratte“ gleich darauf die Beine in die Hand nahm, war es für Bount gewiss, dass der Ausgemergelte eine Warnung vom Stapel gelassen hatte.

Die „Ratte“ flitzte augenblicklich um die Ecke, und sein Gesprächspartner verschwand in einer schwarzen Hauseinfahrt. Die Dunkelheit verschluckte ihn, während Bount Reiniger seinen inneren Motor ankurbelte und die Verfolgung des Ganoven aufnahm. Mit langen Sätzen lief Bount Reiniger auf die Ecke zu, hinter der Cagney verschwunden war.

Als Bount sie erreichte, sah er die „Ratte“ gerade noch in eine schmale Gasse huschen. Bount forcierte sein Tempo. Er holte auf. Die Distanz zwischen ihm und dem Verbrecher verringerte sich zusehends.

Aber Vito Cagney griff zu einem lausigen Trick. Er warf seinem Verfolger sozusagen lebende Knüppel zwischen die Beine. Vor einem Hauseingang standen drei schwergewichtige Burschen beisammen, halb krank vor Langeweile.

Cagney eilte auf sie zu. Sie kannten ihn vom Sehen. „Ich flehe euch an, helft mir!“, keuchte die „Ratte“. „Da ist einer hinter mir her. Ich weiß nicht, was er von mir will, jedenfalls führt er nichts Gutes im Schilde.“

„Überlass den Kerl nur uns“, sagte der älteste der drei Muskelmänner. „Wir sind eine Hürde, über die er nicht drüber kommt.“

„Das werde ich euch nie vergessen!“, stieß die „Ratte“ heiser hervor. „Schon gut.“

Cagney rannte weiter, und am Beginn der schmalen Straße tauchte Bount Reiniger auf. Die Schwergewichte regten sich nicht. Sie behielten ihre gelangweilten Mienen bei, lehnten an der Mauer und blickten Vito Cagney nach.

„Ganz cool“, sagte ihr Ältester. „Der Typ darf nicht merken, dass wir mit ihm was vor haben. Er muss den Eindruck haben, als würden wir uns nicht im Geringsten um ihn scheren. Erst wenn er da ist - dann zack!“

Bount sah die drei Kerle. Sie würdigten ihn keines Blickes, und das fand er eigenartig. Sie hörten seine Schritte, sahen aber in die entgegengesetzte Richtung.

Das alarmierte Bount Reiniger. Diese Form des Nichtbeachtens war gespielt. Es wäre natürlicher gewesen, wenn die schweren Brocken ihm ihr Gesicht zugewandt hätten. Bount witterte, dass die „Ratte“ die Kerle für ihre Zwecke eingespannt hatte. Er war auf der Hut.

Sie ließen ihn ganz herankommen. Erst dann drehten sie sich um und bildeten plötzlich eine Front gegen ihn. Bount Reiniger stoppte außerhalb der Reichweite ihrer Fäuste.

„Wohin so eilig?“, fragte der Wortführer.

„Einmal um den Block“, erwiderte Bount. „Es gilt, eine Wette zu gewinnen.“

„Oh, jammerschade, die wirst du jetzt verlieren.“

Bount winkte ab. „Macht nichts. Es ödet einen ohnedies an, wenn man immer gewinnt.“

„Tust du das?“

„Meistens“, sagte Bount.

„Weißt du, was ich nicht ausstehen kann?“

„Was?“

„Wenn mich einer belügt. Da werde ich ganz pampig. Meinen Freunden geht’s genauso.“

„Tatsächlich? Und wie löst ihr euer Problem?“, fragte Bount.

„Mit den Fäusten. Immer mit den Fäusten.“

Nicht schon wieder, dachte Bount Reiniger.

„Warum hältst du uns für Trottel?“, fragte der Wortführer der Muskelmänner aggressiv. „Warum glaubst du, uns einen Bären aufbinden zu können? Sehen wir so bescheuert aus? Warum gibst du nicht zu, dass du hinter Vito Cagney her bist?“

Bount hob die Schultern und lächelte entwaffnend. „Ich dachte, es würde euch nicht interessieren.“

„Los, Jungs! Zeigen wir ihm, dass es ein Fehler war, uns für Idioten zu halten!“

Die Kerle rückten mit erhobenen Fäusten näher. Aber Bount Reiniger hatte keine Lust, damit Bekanntschaft zu machen. Er war froh, halbwegs verdaut zu haben, was er von Mick Holbrook hatte einstecken müssen. Auf einen neuerlichen Schlaghagel konnte er heute gern verzichten.

Deshalb zuckte seine Hand blitzschnell zur Automatic.

Er zog die Pistole aus dem Schulterholster und richtete sie auf die drei Kerle, die sofort erstarrten.

Ihr Wortführer grinste nervös. „Mann, lass doch den Quatsch. Glaubst du, wir wollten dir wirklich die Birne weich klopfen? War doch alles bloß Bluff. Dass manche Typen alles gleich missverstehen müssen. Wir wollten dir nur ein bisschen Angst machen, das war alles. Ganz harmlos.“

Bount lächelte kalt. „Weiß ich doch. Deshalb ist meine Kanone ja auch nur mit Pralinen geladen. Der Erste von euch, der mir zu nahe kommt, kriegt sofort eine zu lutschen ... Wer will noch mal - wer hat noch nicht?“ Bount Reiniger setzte sich von den Schlägern im Krebsgang ab. Sie rührten sich nicht von der Stelle, und daran taten sie gut, denn Bount war wütend, weil sie es Vito Cagney ermöglicht hatten, sich seinem Zugriff zu entziehen. Er steckte die Waffe erst weg, nachdem er die Kerle nicht mehr sehen konnte und sich auf dem Weg zu seinem Mercedes befand.

Für heute konnte er die „Ratte“ vergessen. Es war schon spät, und Cagney würde bestimmt nicht so bald wieder bei seiner Kellerwohnung auftauchen.

Morgen ist auch noch ein Tag, sagte sich Bount, während er sich in seine Silberschwalbe setzte und nach Hause fuhr. Was er jetzt dringend benötigte, war ein bisschen Ruhe.

15

Der nächste Tag wirkte grau und trostlos. Sämtliche Wetterstationen waren sich einig, dass sich die Sonne in den nächsten fünf bis sieben Tagen nicht zeigen würde. Das Tief, das stationär über der Ostküste hing, machte die Menschen gemütskrank. Die Verbrechensquote stieg. Die Selbstmordrate ebenfalls. Und auch Bount Reiniger war nicht gerade bester Laune.

Die Schwellungen in seinem Gesicht waren zurückgegangen. Geblieben waren die Schmerzen hier und dort - ziehende, bohrende Erinnerungen an den Rockerboss Mick Holbrook. Bei diesem Namen kam es in Bounts Kopf zu einer Gedankenassoziation. Er dachte an Georgina Philips, der er zu helfen versprochen hatte.

Durch seinen Beruf kannte Bount Reiniger viele Menschen. Auch Geschäftsleute, die ihm aus diesem und jenem Grund besonders verpflichtet waren. Bount tätigte ein paar Anrufe, um für Georgina einen Job, womöglich gleich mit Unterkunft, zu finden.

Nach zehn Telefonaten konnte Bount aus sieben Angeboten wählen. Er nahm sich vor, sich noch im Laufe dieses Tages zu entscheiden.

Und dann schneite June March zur Tür herein. Sie brachte Schwung und Elan mit, war bester Laune und wirkte ausgeruht, als käme sie soeben vom Urlaub zurück.

„Sag mal, spürst du das Tief nicht, das die ganze Stadt niederdrückt?“, fragte Bount Reiniger verwundert.

June lachte. „Ich bin der Zeit etwas voraus und spüre bereits das nächste Hoch.“

Bount schüttelte den Kopf. „Das Mädchen ist ein Phänomen.“

„Wie fiel dein gestriger Nachteinsatz aus, Chef?“, erkundigte sich das blonde Mädchen.

„Besch. . . eiden“, antwortete Bount verdrossen. Er berichtete, wie schwer er es gehabt hatte, Vito Cagneys Bleibe ausfindig zu machen, und dass ihm die „Ratte“ schließlich doch noch durch die Lappen gegangen war.

„Schade“, sagte June. Sie setzte sich an ihren Schreibtisch. „Ich war ziemlich sicher, dass du Cagney erwischen würdest.“

„Ich auch“, brummte Bount. „Aber es hat nicht sein sollen.“

„Wenn ich geahnt hätte, dass du dich mit der Sache so schwer tust, hätte ich den neuen Fall nicht angenommen.“

Bount horchte auf. „Welchen neuen Fall?“

„Ich dachte, wir könnten Cagney heute schon vergessen, weil du ihn bereits bei der Polizei abgeliefert hast“, sagte June.

„Was für einen neuen Auftrag hast du übernommen?“, wollte Bount wissen.

„Sagt dir der Name Alan Schatzberg etwas?“

„Nein. Sollte er?“

„Import-Export“, sagte June March. „Waterman & Schatzberg.. “

Bount zuckte mit den Schultern. „Ich kann nicht ganz New York kennen.“

„Den Einwand lasse ich gelten“, sagte June. „Schatzberg wurde auf dem Rummelplatz von Coney Island während einer Achterbahnfahrt von einem Berufskiller erschossen. Er befand sich in Begleitung seiner Nichte Tessa May. Sie und Schatzbergs Geschäftspartner und Freund, Nadim Waterman, waren gestern Abend hier. Waterman will, dass sich der beste Mann an die Fersen des Killers heftet. June berichtete haarklein über das Gespräch mit Tessa May und Nadim Waterman und was sie anschließend unternommen hatte. Hierzu legte sie gleich die Spesenrechnung auf den Tisch, und Bount seufzte, nachdem er einen Blick auf die Summe geworfen hatte.

„Dieser Kerl ist in der Lage, einem die Haare vom Kopf zu fressen“, sagte er.

June lachte. „Gönn Toby das kleine Vergnügen. Er isst nun mal für sein Leben gern.“

„Er ist wie eine Termitenplage.“

„Du musst das so sehen: Kleine Geschenke erhalten die Freundschaft.“ Bount winkte ab. „Okay. Schwamm drüber. Die Rechnung bezahlt sowieso Nadim Waterman.“

„Er kann es sich leisten“, sagte June überzeugt.

Bount kräuselte die Nase. „Es wäre mir lieb gewesen, wenn du den Auftrag nicht über meinen Kopf hinweg übernommen hättest. Ich kann mich schließlich nicht in Stücke reißen.....“

„Das brauchst du nicht“, sagte June mit einem hintergründigen Lächeln. „Du hast ja schließlich auch noch mich. Während du weiter versuchst, Vito Cagney zu kassieren, beginne ich im anderen Fall mit meinen Recherchen.“

Bount schüttelte den Kopf. „Kommt nicht in Frage. Du hältst dich aus der Sache raus.“

„Hältst du mich immer noch nicht für fähig, so einen Job zu übernehmen? Nach allem, was ich schon für die Detektei geleistet habe, solltest du mich endlich als ebenbürtige Partnerin betrachten!“

Bount nickte. „Das tu ich. Und wir spielen das Spiel mit verteilten Rollen. So, wie es die Natur von Anfang an festgesetzt hat: Das Männchen geht auf die Jagd, und das Weibchen hütet das Nest“

„Das sind die goldenen Regeln der Steinzeit, die haben heute keine Gültigkeit mehr“, protestierte June.

„In dieser Firma schon.“

„Ein Grund, zu kündigen.“

Bount grinste. „Das tust du ja doch nie.“

Es blitzte kampflustig in Junes Augen. „Was macht dich so sicher?“ Er zwinkerte. „Ich weiß zufällig, dass du in deinen Chef verliebt bist.“ Einen Moment blieb June die Luft weg. Dann wurde sie rot, und sie wusste vor Verlegenheit nicht, was sie sagen sollte. Das Rot der Wangen stand ihr hervorragend. In diesem Augenblick wurde Bount Reiniger wieder einmal bewusst, dass es in ganz New York kein hübscheres Mädchen gab als June March.

16

Na schön, June hatte einen neuen Fall übernommen, und Bount wollte seinen Klienten beweisen, dass er für sein Geld auch etwas tat, deshalb suchte er zunächst Tessa May in Alan Schatzbergs Apartment auf. Anschließend wollte er sich kurz mit Nadim Waterman unterhalten. Hinterher beabsichtigte er, noch einmal zu versuchen, Vito Cagneys habhaft zu werden.

Tessa öffnete.

Bount Reiniger zückte seinen Ausweis und sagte: „Bount Reiniger.“

Tessa May nickte, ohne das Dokument anzusehen. Bount machte einen so vertrauenerweckenden Eindruck auf sie, dass sie ihm glaubte, was er sagte. Sie gab die Tür frei.

Das Apartment war spartanisch eingerichtet, obwohl Alan Schatzberg kein armer Mann gewesen war, aber er schien nichts von überflüssigem Interieur im Wohnbereich gehalten zu haben.

Tessa merkte, wie Bount sich umsah, und sagte: „Die Wohnung eines Junggesellen, Mister Reiniger. Wohin man blickt, vermisst man die einfühlsame Hand einer Frau, nicht wahr?“

„Aber was da ist, erfüllt seinen Zweck“, gab Bount zurück.

„Sie sind auch Junggeselle?“

„Ja, und ich genieße es.“

„Immer?“

„Nun, ich muss gestehen, es gibt Momente, wo ich einsehe, dass das Leben als Single auch seine Nachteile hat. Aber die überwiegen nicht, sonst hätte ich dagegen schon etwas unternommen.“

„Ihre Sekretärin ist sehr hübsch.“ Bount blickte Tessa erstaunt an. Wollte sie ihm June March ans Herz legen? „O ja, das ist sie.“

„Und auch sehr nett.“

„Kein Zweifel. Aber wir wollen uns nicht über June unterhalten. Ich habe wenig Zeit, Miss May.“

Sie nickte. Bount setzte sich. Tessa nahm ihm gegenüber in einem nüchternen Sessel Platz.

„Ich hatte heute schon Besuch von einem unmöglichen Polizeibeamten. Mit seiner ruppigen Art gab er mir das Gefühl, als würde er mich für die Mörderin meines Onkels halten.“

„Ein großer, gewichtiger Mann mit röhrendem Organ?“, fragte Bount schwach lächelnd.

„Ja“, antwortete Tessa.

„Captain Rogers.“

Tessa Mays Augen weiteten sich. „Sie kennen ihn?“

„Er ist mein Freund. Seine ruppige Art ist nur gespielt. Er ist ein Bursche mit rauer Schale und butterweichem Kern. Ein Mann, der sich für das Gesetz, das er vertritt, in Stücke reißen lässt. Lauter, unbestechlich, ein Kamerad in der Gefahr, auf den man sich blind verlassen kann.“

Bount hatte zwar schon von June gehört, was sich auf dem Rummelplatz von Coney Island zugetragen hatte, aber er wollte es aus Tessas Mund noch einmal hören. Er hoffte, dem Mädchen würde noch etwas einfallen, was es gestern - in der ersten Aufregung - zu erzählen vergessen hatte.

Aber sie berichtete nur das, was Bount bereits wusste.

„Als der Wagen hielt, wischte ich mir die Tränen aus den Augen, die sich durch den Fahrtwind gebildet hatten“, sagte Tessa. „Onkel Alan rührte sich nicht. Die anderen Personen stiegen bereits aus. ,He!‘ rief ich. ,Onkel! Was ist mir dir? Hat es dir so gut gefallen, dass du noch einmal fahren möchtest?' Er gab keine Antwort, lehnte an meinen Knien, bewegte sich nicht. Aber ich hätte nie gedacht, dass er nicht mehr lebte. Meine erste Sorge war, ihm könnte vielleicht schlecht geworden sein. Ich stand auf. Dadurch verlor sein Körper die Stütze, er rutschte zurück, und dann sah ich... seine gebrochenen Augen...“

Sie brach heiser ab und biss sich auf die Lippe. Tapfer kämpfte sie gegen die Tränen an. Bount ließ ihr Zeit, sich zu erholen.

„Von wo aus war der Todesschuss abgegeben worden?“, fragte er.

„Ich habe keine Ahnung. Ich weiß nicht, wann Onkel Alan von der Kugel getroffen wurde.“

„Sie erwähnten Miss March gegenüber, dass Ihr Onkel keine Feinde gehabt hat.“

„Das war Mister Waterman. Aber ich schließe mich dieser Behauptung an.“

„Irgendeinen Grund muss es geben ...“

„Ich kenne ihn nicht“, fiel Tessa dem Detektiv ins Wort.

„Sie wohnen in Boston?“

„Ja. Meine Mutter und ich besitzen da eine Boutiquen-Kette.“

„Dann kann man Sie als wohlhabend bezeichnen?“

„Wir sind nicht gerade arm“, erwiderte Tessa May. „Reich natürlich auch nicht. Dafür sorgt schon das liebe Finanzamt.“

„Gab es einen besonderen Grund, weshalb Sie Ihren Onkel besuchten?“, fragte Bount.

„Mutter und ich kommen jedes Jahr mindestens einmal von Boston rüber. Diesmal wurde Mutter kurz vor der Abfahrt krank. Ich wollte bei ihr bleiben, aber sie sagte, Onkel Alan freue sich schon so sehr auf den Besuch, deshalb solle ich wenigstens allein nach New York fahren. Das habe ich dann auch getan.“

„Weiß Ihre Mutter schon vom Tod ihres Bruders?“, erkundigte sich Bount.

„Ja. Ich habe sie in der Nacht noch angerufen.“

„Was hat sie gesagt?“

„Sie fiel aus allen Wolken. Sie kann sich auch keinen Grund für diesen sinnlos scheinenden Mord vorstellen.“

„Ist Ihnen bekannt, wer Alan Schatzberg beerben wird?“

„Ich glaube, er hat alles einer Stiftung vermacht“, sagte Tessa.

„Nicht seiner Schwester? Nicht seiner Nichte?“, fragte Bount.

„Er wusste, dass wir sein Geld nicht brauchten. Wenn ich mich recht entsinne, hat er vor Jahren die Einwilligung meiner Mutter dazu eingeholt. Sie sehen also, Ma hatte keinen Grund, Onkel Alan zu hassen.“

„Wieso sagen Sie das?“, fragte Bount. Tessa blickte ihn herausfordernd an. „Wollten Sie darauf nicht hinaus?“

„Eigentlich nicht. Aber wenn ein Mensch eines gewaltsamen Todes stirbt, ist man gezwungen, sich zwangsläufig die Frage zu stellen: Wem nützt es?“

„Uns nicht“, sagte Tessa spröde. „Und Mister Waterman?“

„Dem auch nicht, da ja die Stiftung das Geld bekommt.“

„Wie gut kennen Sie Nadim Waterman?“

„Nicht sehr gut“, sagte Tessa May achselzuckend „Was halten Sie von ihm?“

„Er ist ein guter Geschäftsmann.“

„Wie stand er zu Ihrem Onkel?“

„Gut - nehme ich an. Jedenfalls hat Onkel Alan nichts Nachteiliges über ihn gesagt.“

„Wie hat Mister Waterman den Tod seines Partners und Freundes aufgenommen?“

„Er war sichtlich erschüttert.“ Tessas Brauen zogen sich zusammen. Sie musterte Bount eingehend. „Glauben Sie, dass er etwas mit der Sache zu tun hat?“

„Ich glaube vorläufig noch gar nichts. Ich versuche mir nur ein umfassendes Bild von dem Fall zu machen. Irgendwo steckt ein Motiv. Meine Aufgabe ist es, es zu finden.“

„Wenn Sie es sich einfach machen wollen, können Sie behaupten, dass Mister Waterman in diesem Mordfall der einzige Nutznießer ist“, sagte Tessa. „Denn Onkel Alans Privatvermögen geht zwar an die Stiftung, aber die Firma gehört Nadim Waterman nun allein.“

„Daran habe ich auch schon gedacht“, sagte Bount mit einem kalten Lächeln.

„Aber hätte Mister Waterman darauf gedrängt, Sie zu engagieren, wenn er wirklich hinter diesem gemeinen Mord stehen würde?“, fragte Tessa.

Bount blieb ihr die Antwort darauf schuldig. Er hob nur die Schultern, und das hieß soviel wie: Man kann nie wissen. Alles ist möglich. Vielleicht hält sich Mister Nadim Waterman für besonders schlau.

Das Telefon schlug an, und Tessa May zuckte heftig zusammen. Sie erhob sich nicht sofort, sondern blickte beunruhigt zum Apparat hinüber. Sie schien zu befürchten, dass ihr schon wieder jemand etwas Unangenehmes mitteilen wollte, deshalb zögerte sie abzuheben.

Schließlich raffte sie sich aber doch dazu auf. Sie stand aus dem Sessel auf und begab sich ohne Eile zum Telefon. Zaghaft nahm sie den Hörer ab.

„Hallo!“, meldete sie sich. „Oh, Captain Rogers...!“

Bount Reiniger flitzte hoch und stand einen Moment später neben dem Mädchen. „Darf ich?“, fragte er und nahm ihr den Hörer aus der Hand. Sie hatte nichts dagegen. Es gefiel ihr sowieso nicht, mit dem Captain zu reden. Sie konnte sich an seine forsche Art nicht gewöhnen.

„Toby!“, rief Bount in die Membrane. „Hier ist Bount!“

„Was machst du denn bei der Kleinen?“, fragte der Captain.

Details

Seiten
0
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907681
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v353101
Schlagworte
krimi doppelband

Autoren

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Titel: Krimi Doppelband #6 - Sein Job war Mord/Falsche Heilige