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Der Lauscher an der Wand

©2017 325 Seiten

Zusammenfassung

Schon am Tage wirkte die Schlachthofstraße düster und hässlich, kurz vor 24 Uhr in einer ungewöhnlich nasskalten Aprilnacht konnte sie das Fürchten lehren. Die hohen, fensterlosen Wände der Fabriken, der Lagerhallen und des Schlachthofes, von denen der Putz bröckelte, hatten viel Ähnlichkeit mit Gefängnismauern, und die wenigen trüben Laternen verstärkten den Eindruck noch. Kein Mensch weit und breit, nicht einmal ein parkendes Auto. Wie zur Bestätigung fauchte eine Bö durch die Mauerschlucht und rüttelte den Wagen durch. Am Güterbahnhof schwankten die Leuchten, die an Kabeln quer über den Gleisen hingen, und warfen bedrohliche Schatten.
Eine halbe Minute fuhren Hartmut Prinz und Franziska Seidel, die beiden Zivilfahnder, schweigend an den Gleisen des Rangierbahnhofes vorbei, dann befahl sie plötzlich scharf: «Halt!»
Wie eine Wilde kurbelte sie das Fenster runter und riss das Nachtglas hoch: «Du, das ist der Geier.»
Durch puren Zufall entdecken die beiden Zivilfahnder den entsprungenen Sträfling «Der Geier». Aber nicht nur die Unterwelt hat ein brennendes Interesse daran, ihn so schnell wie möglich mundtot zu machen. Auch bei der Polizei können es sich einige Leute nicht leisten, dass der Geier singt. Und so stirbt der Geier bei einem Schusswechsel mit der Polizei, obwohl er gar keine Waffe bei sich trug ...

Leseprobe

Der Lauscher an der Wand

Krimi von Horst Bieber

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 325 Taschenbuchseiten.

 

Schon am Tage wirkte die Schlachthofstraße düster und hässlich, kurz vor 24 Uhr in einer ungewöhnlich nasskalten Aprilnacht konnte sie das Fürchten lehren. Die hohen, fensterlosen Wände der Fabriken, der Lagerhallen und des Schlachthofes, von denen der Putz bröckelte, hatten viel Ähnlichkeit mit Gefängnismauern, und die wenigen trüben Laternen verstärkten den Eindruck noch. Kein Mensch weit und breit, nicht einmal ein parkendes Auto. Wie zur Bestätigung fauchte eine Bö durch die Mauerschlucht und rüttelte den Wagen durch. Am Güterbahnhof schwankten die Leuchten, die an Kabeln quer über den Gleisen hingen, und warfen bedrohliche Schatten.

Eine halbe Minute fuhren Hartmut Prinz und Franziska Seidel, die beiden Zivilfahnder, schweigend an den Gleisen des Rangierbahnhofes vorbei, dann befahl sie plötzlich scharf: «Halt!»

Wie eine Wilde kurbelte sie das Fenster runter und riss das Nachtglas hoch: «Du, das ist der Geier.»

Durch puren Zufall entdecken die beiden Zivilfahnder den entsprungenen Sträfling «Der Geier». Aber nicht nur die Unterwelt hat ein brennendes Interesse daran, ihn so schnell wie möglich mundtot zu machen. Auch bei der Polizei können es sich einige Leute nicht leisten, dass der Geier singt. Und so stirbt der Geier bei einem Schusswechsel mit der Polizei, obwohl er gar keine Waffe bei sich trug ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Die Hauptpersonen

Die Kriminellen Die Polizisten

Der Geier Jens Rogge

Mario Torelli Alfons Lutterbeck

Carlos Buenterra Jürgen Soltau

Der Karten-König Rainer Dallon

Heinz Sichel Franziska Seidel

Ludwig Fischer Hartmut Prinz

Jonathan Schmittel

Stein Heesen

Britta Lund Jochen Leutwein

Ingrid Schneider Sabine Köhler

Ascho Thomas Förster

Renate Biederich

(einige der Personen gehören vielleicht auf die andere Seite)

und die Leute dazwischen

Evelyn Johannsen

Gunda

Annamaria Sigold

Neri Tabaja

Alle Personen und Firmen, Orte und Taten sind frei erfunden. Nur die Verhältnisse sollen an Deutschland erinnern.

 

 

Prolog

Die schneebedeckten Gipfel schienen zum Greifen nah, der Himmel war wolkenlos blau, aber die Sonne wärmte nicht mehr. Über Nacht hatte sich der Herbst verabschiedet. Maxi hatte keinen Blick für die Schönheiten des Tales, obwohl er pflichtgemäß die Aussicht bewundert und wie bei jedem Besuch überschwänglich gelobt hatte. Das gehörte zum Ritual und mittlerweile auch zur Tarnung seines Gastgebers, dem die Rolle des alten, etwas umständlichen und gelegentlich kauzigen Ruheständlers in Fleisch und Blut übergegangen war. Geduldig warteten sie, bis das Dienstmädchen den Frühstückstisch abgedeckt und die Tür fest hinter sich zugezogen hatte. Eggli setzte genussvoll die erste Zigarre des Tages in Brand, hustete und nebelte sich ein. Als sich die Rauchwolke wieder lichtete, fragte Maxi ungeduldig: «Nun, was meinst du?»

«Alles in allem - ja, danke für deine Mühe, der Laden interessiert mich.»

«Gut. Das hab ich mir so halb und halb gedacht. Kannst du mit der Klitsche wirklich etwas anfangen?»

«Ja, schon. Nicht kurzfristig, aber das Geschäft hat einen guten Namen, und der Alleineigentümer wird bald abtreten.»

«Fein. Dann sind wir uns wieder einmal einig.»

Maxi lächelte schmal, reichte den Hefter über den Tisch und steckte den dicken Briefumschlag ungeöffnet in seine Aktenmappe. Sein Gastgeber hatte ein paar Angewohnheiten, die ihn störten, dieses Zigarrenrauchen zum Beispiel, aber in geschäftlichen Dingen hatte er sich als ein angenehmer, kompetenter und vor allem zuverlässiger Partner herausgestellt. Anders als viele Neulinge setzte er auf friedliche Einigung mit möglichen Konkurrenten. Vom Temperament her ließ es Maxi eher auf einen Kampf ankommen, aber das Geschäft war hart geworden, und Maxi hatte teils aus Erfahrung, teils aus Klugheit eingesehen, dass auch er wohlwollende Partner benötigte. Allerdings sprachen sie nie über ihre Transaktionen, auch wenn jeder dank seiner Verbindungen ziemlich genau wusste, was der andere trieb. In diesem Metier war Schweigen Gold und Reden zu oft Blei von der Art, wie es aus Pistolen und Revolverläufen spritzte.

Eine Stunde später verabschiedete sich Maxi. Sie hatten noch über Gott und die Welt, die Europäische Gemeinschaft und die beiden geplanten Alpen-Eisenbahntunnel, über Dollarschwäche (ärgerlich) und Warentermin-Kontrakte (erfreulich) geplaudert. Zwei Geschäftsleute, der eine Mitte Dreißig, schlank und schmal, energisch und intelligent, skrupellos unter dem Firnis lässiger Eleganz, der andere dreißig Jahre älter, klein und füllig, scheinbar behäbig und zerstreut, freundlich und eine Spur konfus.

Eggli sah dem Wagen nach, bis er unten im Tal in die Hauptstraße einbog, und ging dann zum Telefon. Auf ein Telefonverzeichnis konnte er verzichten, zu seinem größten Kapital zählte ein phänomenales Gedächtnis für Ziffern und Namen. Und die Tatsache, dass keiner ihm das zutraute. Von Maxi hielt er nicht viel, ein Abstauber und zugleich ein Hasardeur, der bis jetzt zu viel Glück gehabt hatte, um Vorsicht zu lernen.

 

 

*

«Ich hoffe, Sie hatten eine angenehme Fahrt», grüßte Eggli höflich und hielt seinem Gast die Tür auf.

«Vielen Dank, ja, ich kann nicht klagen.»

«Sie wollen sich sicher die Hände waschen. Was halten Sie davon, wenn wir in einer Stunde essen? Bis dahin könnten Sie vielleicht freundlicherweise einen Blick in diese Unterlagen werfen?»

«Ganz, wie Sie wünschen.» Stein sagte es ernsthaft, er wusste, dass sein Gastgeber großen Wert darauf legte, die Form zu wahren und seine Befehle in Bitten oder Vorschläge zu kleiden. Nach dem Anruf war er sofort losgefahren. Denn Eggli verabscheute Verzögerung, Dummheit und Anbiederung.

Mit einer Flasche Wein zogen sie sich in das Arbeitszimmer zurück, während des Essens hatten sie das Geschäft mit keiner Silbe erwähnt, und das nicht nur wegen des älteren, mürrischen Dienstmädchens, das auftrug.

«Ein Macon», erläuterte Eggli leise schmunzelnd. «Ein zum Glück noch namenloser Wein. Erschwinglich, Sie verstehen?»

«Wie diese Firma», ergänzte Stein freundlich.

«Richtig. Ich habe einen jungen Mann an der Hand, der etwas vom Fach versteht. Und eine Firma im Ausland, die an diesem Stützpunkt interessiert ist. Die Firma wird sich beteiligen und den jungen Mann als Geschäftsführer installieren. Er wird dann mit Ihnen Kontakt aufnehmen.»

«Sollen wir nicht direkt ...?»

«Nein! Das ist mir zu riskant. Erst sanieren, dann expandieren.»

Stein hatte Kugelschreiber und Notizbuch hervorgeholt.

«Es könnte auffallen, wenn sich drei Krüppel verbünden, um einen Marathonlauf zu gewinnen.»

«Drei angesehene, geachtete Krüppel.»

«Zweifellos. Aber drei Ehrenmänner, die es nicht übers Herz bringen, vor anderen Ehrenmännern ihre finanziellen Nöte zu vertuschen.»

«In dem Punkt kann ich Ihnen leider nicht widersprechen», pflichtete Stein hölzern bei.

«Genau das brauchen wir, Herr Stein. Guter Ruf, Ehrlichkeit, respektierte Namen. Alles andere lässt sich kaufen.»

Die leichte Spitze war ihm nicht entgangen, aber er ließ sich nichts anmerken. «Dieser junge Mann weiß Bescheid?»

«Ja. Sie können ihm vertrauen. Er bestimmt den Zeitpunkt, er muss nämlich erst einen Erben davon überzeugen, dass man Geld auf verschiedene Art und Weise verdienen kann.»

«Sie wissen, dass mir eine Geschäftsausweitung nicht unlieb wäre.»

«O ja, das ist mir bekannt, Herr Stein.» Eggli hob in komischem Entsetzen beide Hände. «Trotzdem bleiben wir dabei: Keine Ausweitung. Wir bleiben unauffällig. Wir haben Zeit.»

«Sie sind der Boss», erwiderte Stein ausdruckslos.

«Und Sie wissen genau, dass ich recht habe», stichelte Eggli behäbig. «Nach allem, was Sie mir bis jetzt berichtet haben, ist es bei Ihnen in der Stadt ungemütlich geworden.»

Nach einer langen Bedenkpause nickte Stein. Das stimmte, leider. Vorsicht schien schon angebracht, obwohl er lieber an der Spitze mitkämpfte, als sich unauffällige Nischen zu suchen.

«Und? Ist eine Beruhigung abzusehen?»

«Schwer zu beurteilen. Die Pizza-Connection breitet sich aus, und wie es aussieht, hat sich einer durchgesetzt. Mario Torelli heißt er, in Deutschland geboren. Vorsichtiger und umsichtiger als die meisten seiner Landsleute. Ich hatte einen Mann bei ihm eingeschleust, der leider verurteilt worden ist - nein, nein, keine Sorge, unsere Firma ist nicht genannt worden.»

«Müssen Sie etwas für ihn tun?»

«Noch nicht. Ein paar Monate soll er noch sitzen, aber sonst ist alles vorbereitet.»

«Gut.»

«Von ihm weiß ich, dass Mario einige Polizisten auf seiner payroll hat.»

«Das ist nicht gut, nein, gar nicht gut. Wenn die Polizei jetzt, nach diesem albernen Gesetz, Ernst macht, wird sie sich als Erstes intern absichern müssen.»

Stein zuckte die Achseln. Möglich, dass es so kam, es berührte ihn nicht, er hatte sich immer strikt an Egglis Verbot gehalten, Polizisten zu bestechen oder anzuwerben.

«Mario hat andere Probleme, es hat erste Zusammenstöße mit den syrisch-kurdischen Lieferanten gegeben. Außerdem kursiert das Gerücht, dass die Cali-Leute direkt verkaufen möchten und deshalb eigene Endverteiler aufbauen wollen.»

«Auch bei Ihnen schon?»

«So heißt es. Im Rotlicht-Milieu, da gibt es nämlich noch Gruppen, die auf eigene Rechnung arbeiten, obwohl sie jetzt von allen Seiten in die Zange genommen werden.»

«Deutsche Eigentümer?»

«Ja. Der Markt ist eng und hart geworden.»

«Soll ich Ihren Worten entnehmen, dass diese armen Menschen nach Verbündeten oder Koalitionen suchen?»

«Ja, erste Rauchzeichen steigen zum Himmel.» Stein lachte.

«Nein!» Egglis Ton war plötzlich scharf geworden, «Kein Rauschgift, keine Prostitution und kein Geld, ob sauber oder schmutzig, aus diesen beiden Bereichen. Dabei bleibt es, Herr Stein.»

 

 

Samstag, 25. April

Wie fast immer in solchen Fällen regnete es, nicht heftig, sondern in einem enervierenden Niesel, der senkrecht aus einem niedrigen, grauen Himmel herabschwebte. Die zu den Teichen hin abfallende Wiese war nass wie ein Schwamm. Bei jedem Schritt bildete sich mit einem schmatzenden Geräusch rings um den Schuh eine Pfütze, eine Spur wie eine Kette von Wasserlöchern. Die Pappeln, noch ohne jede Spur von Grün, standen völlig regungslos und troffen vor Feuchtigkeit. Bis jetzt hatte der April nur Nässe, Stürme und eine Kälte gebracht, die jede Kleidung durchdrang.

«Genau das richtige Wetter, eine Wasserleiche zu finden», knurrte Sabine Köhler und klapperte mit den Zähnen.

Rogge antwortete nicht. Immerhin hatte das Wetter die sonst unvermeidlichen Schaulustigen vertrieben; nur ein älteres Ehepaar, beide in leuchtend gelben Ostfriesen-Nerzen, wartete geduldig oben auf dem Deich, ob nun etwas Sensationelles geschehen würde. Für einen Samstagnachmittag war der Auenpark geradezu gespenstisch leer, und an diesem Eindruck änderten auch die fünf Autos nichts, die auf dem breiten Weg parkten. Unten, am Deich, arbeitete bereits die Spurensicherung. Die Leiche war mit einer groben Plane abgedeckt, von der das Wasser herunterlief.

«Na, dann mal auf in den Kampf!»

Schon nach den ersten Schritten hatte er nasse Füße. Ihr ging es nicht anders: «Warum hat mir keiner gesagt, dass ich Stiefel ...»

«Weißt du, wie man nasse Schuhe vermeiden kann?» Er schmunzelte, weil sie ihn misstrauisch anblinzelte. «Indem man sie auszieht.»

Sie holte tief Luft, verschluckte aber die Entgegnung, die ihr auf der Zunge lag.

«Wir haben das für dich arrangiert, Bine. Damit dir der Abschied von der Mörderei leichter fällt.»

Hauptmeister Schütze, der ihnen entgegenkam, sah aus, als habe er eben eine Schlammschlacht verloren. Er trug hohe Stiefel, die rundum mit feuchtem Lehm gepanzert schienen. Sein Atem ging schwer. Zur Begrüßung nickten sie sich nur zu.

«Eine männliche Leiche, Herr Rogge. Bekleidet. Ich würde denken, sie liegt etwas länger als ein halbes Jahr im Wasser.»

Schütze hatte Erfahrung, sogar sehr viel Erfahrung, die Wasserpolizei bekam viele Ertrunkene zu sehen und hatte gelernt, sie so zu bergen, dass man sie nachher noch identifizieren konnte. Rogge brummte zustimmend und betrachtete einen Moment geistesabwesend den Fotografen. Schon jetzt war das Teichufer zertrampelt wie von einer Horde Elefanten. Vier Polizisten in Gummianzügen wateten noch durch das etwa brusttiefe Wasser und zogen Netze hinter sich her. Vielleicht fanden sie den Stein oder das Metallstück, mit dem die Leiche beschwert gewesen war. Denn sonst wäre sie längst aufgeschwommen.

«Wie ist sie denn entdeckt worden?»

Dank des berühmten Zufalls. Gegen 15 Uhr waren Vater und Sohn in den Park gekommen, um das neue ferngesteuerte Modellflugzeug auszuprobieren.

«Da hätt ich aber besseres Wetter abgewartet!», schimpfte sie leise, und Schütze lachte sie an: «Das meinte der Vater auch, aber Sohnemann war anderer Meinung.» Bis der Niesel wohl seinen Tribut forderte: Der Motor blieb stehen, abgesoffen im eigentlichen Sinne des Wortes, und das schöne Modell verschwand, auf keinen Steuerbefehl mehr reagierend, im flachen Gleitflug hinter dem Deich. Und landete wahrscheinlich im Teich. Denn als Vater und Sohn atemlos die Deichkrone erreicht hatten, war von dem teuren Stück nichts mehr zu sehen. Tränen, Geschrei, Geschimpfe, und natürlich wagte sich Papi dann doch ins kalte Wasser. «Der Grund ist weich und moddrig. So, wie er es geschildert hat, ist er wohl über die Leiche gestolpert, und durch den Stoß oder Tritt hat sie sich vom Boden gelöst.»

«Oder von dem Gewicht», ergänzte Rogge.

«Gut möglich.» Etwa vier bis sechs Meter vom Rand entfernt - mehr hatten sie aus dem völlig verstörten Mann nicht herausgeholt. Es spielte auch keine Rolle, wo genau die Leiche abgelegt worden war. Der Teich, etwa achtzig Meter lang und an die dreißig Meter breit, hatte keinen Zu- oder Abfluss. Auf der anderen Seite des Deiches lagen die Überschwemmungswiesen des Flusses; auf dieser Seite diente der Teich als Überlaufbecken für die Entwässerungsgräben, die den Auenpark trocken halten sollen. Ein fast sechs Kilometer langes und durchschnittlich fünfhundert Meter breites Grüngelände hinter dem Hauptdeich. Im Osten ging es in ein Moor und Sumpfgebiet über, das unter Naturschutz stand.

Prüfend schaute er auf das undurchsichtige Wasser. Es schimmerte moorig dunkel, als sei es dreckig oder voller Torffasern, und er glaubte den leicht säuerlichen und zugleich stechenden Dunst nach Verwesung zu riechen. Am Montag würde er sich erkundigen müssen, ob das Wasser je abgelassen oder abgepumpt würde, und wenn ja, wann zum letzten Mal.

«Vielen Dank, Herr Schütze.»

Auf einen Wink zog ein Uniformierter die Plane ein Stück herunter. Sabine Köhler drehte sich schnell zur Seite, und auch Kogge schluckte überrascht. Mit einem Farbigen hatte er nicht gerechnet dann begriff er. Algen und Schlick hatten das Gesicht mit einer fast schwarzen, dünnen Schicht überzogen, die alle Züge unkenntlich machte. Die Haare waren ausgegangen. Auf den ersten Blick erinnerte das Gesicht an eine missglückte Totenmaske aus schmutzigem Gips. Die Hände steckten bereits in fest verklebten Plastikbeuteln, die mit einer Flüssigkeit gefüllt waren. Sie brauchten Fingerabdrücke.

«Der Arzt wartet oben, Herr Hauptkommissar.»

«Vielen Dank.»

Mühsam kletterten sie den Deich wieder empor; in einem Transporter mit offener Schiebetür saßen zwei Männer an einem Klapptisch und hoben jetzt die Köpfe. Der ältere legte nur wortlos zwei Finger an die Mütze und zeichnete an seiner Skizze weiter.

«Na, Herr Wenzel, was verrät uns die ärztliche Wissenschaft?»

Der Arzt griente, er hatte schlechte Zähne, vom vielen Rauchen schwarz und gelb verfärbt.

«Männlich, zwischen dreißig und vierzig, von mindestens drei Schüssen getroffen, zwei in den Brustkorb, einer in den Schädel.»

«Oha!», sagte Rogge erstaunt. «Erschossen - ist das sicher?»

«Soll ich gleich hier obduzieren?»

«Viel Spaß. Ist überhaupt noch etwas für die Identifizierung übriggeblieben?»

«Doch, ja, sieht ganz so aus.» Wenzel zögerte und rieb sich über das Kinn. «Das saure Wasser, wissen Sie ...»

Rogge wartete, doch der Arzt sprach nicht weiter. Ein Kastenwagen bremste hinter der Autoreihe, vier Männer sprangen heraus, und zwei zogen aus dem Laderaum eine Art Badewanne mit langen Tragestangen heraus. Wasserleichen wollten sorgfältig behandelt werden.

«Lass uns gehen, mir ist kalt», drängte Sabine Köhler.

Der Regen fiel unverändert, und erst jetzt bemerkte er, dass die Feuchtigkeit auch alle Geräusche merkwürdig dämpfte. Der Himmel schien in der letzten Stunde noch grauer geworden zu sein. Für April zu kalt, zu nass, zu früh dunkel. Die Leute beeilten sich, jeder wollte rasch zurück ins Trockene.

Auf dem Deich musste er einige Zeit hin und her rangieren, um an den parkenden Wagen vorbeizukommen. Das Ehepaar starrte aufgebracht zu ihnen herüber, als sei es um ein Spektakel betrogen worden. Trotz des Gebläses, das auf Hochtouren lief, beschlugen alle Scheiben, und mit der Wärme verbreitete sich der muffige Geruch feuchter Kleidung.

«Du kommst doch heute Abend?», erkundigte sie sich unsicher.

«Doch, ja, keine Angst.»

«Fein. Mit Lutterbeck ...?»

«Nein. Du kennst doch Alfons.»

Bis zur Westerquerstraße, auf die er vom Deichkronenweg einbog, schwieg sie nachdenklich und fragte dann unvermutet:

«Du bist mir auch böse, dass ich zu OK gehe, nicht wahr?»

«Nein, nicht böse, Bine.» Er überlegte, was er wirklich empfand. «Traurig, ich bin traurig, ja, ich glaube, das ist der richtige Ausdruck.»

«Es ist eine Chance für mich», trotzte sie, und er beschwichtigte: «Die ich dir auch nicht verbauen will.»

«Ich freu mich auf heute Abend.»

Vor der Abschiedsfeier für Sabine Köhler und Thomas Förster konnte er sich nicht drücken, aber seine Begeisterung hielt sich in sehr engen Grenzen. Weil es ihm mittlerweile schwerfiel, sich an neue Gesichter zu gewöhnen, liebte er keine Versetzungen und Personalwechsel mehr.

 

*

 

Auf der Treppe begegnete ihm seine Nachbarin, die ihm den Weg versperrte: «Na, Herr Nachbar, du hast auch schon mal fröhlicher ausgesehen!»

«Dein scharfes Auge täuscht dich nicht.»

«Und das am Samstagabend?»

«Eine Feier, fast offiziell, ich muss leider hin. Zwei Kollegen verabschieden sich.»

«Trauer muss der Rogge tragen», spottete sie und trat zur Seite. Evelyn Johannsen war etwa zehn Jahre jünger und zwanzig Jahre temperamentvoller als er, groß, kräftig, aber schlank und rothaarig, keine Schönheit im landläufigen Sinne, doch eine überaus beachtenswerte Frau.

«Wenn du morgen früh einen Brummschädel hast, lade ich dich zum Katerfrühstück ein. Einverstanden?»

«Und vice versa», entgegnete er friedlich. Von der rothaarigen Evelyn durfte man sich nicht unterbuttern lassen, dazu neigte sie nämlich.

Das «Depot» hatte vor fünfzehn Jahren tatsächlich noch als Straßenbahn-Depot gedient, bis im Zuge der autogerechten Stadt die letzten Bahnen stillgelegt wurden. Dank einer entschlossenen Bürgerinitiative war der Stahlbau aus den späten zwanziger Jahren nicht abgerissen, sondern renoviert worden. Heute fanden hier Konzerte, Feiern, Ausstellungen oder Wettkämpfe statt; die Kollegen Köhler und Förster hatten für ihre Ausstands-Fete die alte Werkstatt gemietet, und als Rogge eintraf, verstand man schon kaum mehr sein eigenes Wort. Wenigstens fünfundzwanzig Paare tobten auf der Tanzfläche herum, eine kleinere Mannschaft, meist ältere Semester und der schweißtreibenden Bewegung abhold, hatte die Plätze rings um die Fassbierbar okkupiert. Die Oberlichter standen weit aufgeklappt, Rauch und Hitze zogen rasch ab, man konnte es aushalten.

Bine sauste vorbei, stoppte, küsste ihn links und rechts und strahlte: «Na, gefällt's dir?», und bevor er antworten konnte, war sie schon wieder unterwegs.

«Junge, Junge, die Mörderei feiert aber zünftig», nölte es neben ihm, und er musterte den Kollegen Soltau unfreundlich.

«Du verlierst zwei gute Leute, Jens.»

Nun kannte er Jürgen Soltau gut genug, um das nicht als Mitleid misszuverstehen. «Stimmt», sagte er deshalb kurz.

Mit Soltau tat nicht nur er sich schwer. Der dynamische (so sah er sich), ehrgeizige und rücksichtslose Kollege (so beurteilten ihn die Mitarbeiter) leitete die Sonderabteilung R, R wie Rauschgift, und hatte gehofft, wie alle seine zahlreichen Feinde im Präsidium wussten, ihm würde das neu geschaffene Dezernat Organisierte Kriminalität übertragen. Mit Rainer Dallon, der schließlich zum Leiter OK ernannt worden war, verstand sich Soltau ausgesprochen schlecht. Rogge überlegte einen Moment, ob er Soltau verraten sollte, dass man zuerst ihm OK angeboten und dass er abgelehnt hatte; es würde immerhin dafür sorgen, dass Soltau an diesem Abend kein Wort mehr mit ihm wechselte.

«Oder bekommt ihr Ersatz?»

«Doch, kriegen wir. Franziska Seidel, aus der Fahndung.»

Nach zehn Sekunden kicherte Soltau unangenehm. «Den Franz, soso. Na, dann wünsche ich dir viel Spaß.» Damit entfernte er sich federnden Schritts, und Rogge rieb sich nachdenklich das Kinn. Die Obermeisterin Franziska Seidel schien wirklich nicht beliebt zu sein.

Das Büfett wurde eröffnet, und er reihte sich in die Schlange ein.

Gegen zehn Uhr, als er schon heimlich auf die Uhr schaute, setzte sich Förster zu ihm. Er hatte für Rogge ein volles Glas mitgebracht und schien wild entschlossen, eine Art Abschiedsgespräch zu führen, was Rogge gern vermieden hätte, aber schlecht verweigern konnte. In den drei Jahren waren sie nicht recht warm miteinander geworden, obwohl Rogge dem Jüngeren nichts vorwerfen konnte, im Gegenteil. Thomas Förster war ein intelligenter, zäher Polizist, der wegen seiner Tüchtigkeit eine ungewöhnliche Karriere gemacht hatte. Abitur, eine Bank-Trainee-Lehre abgeschlossen, dann zur Polizei gegangen, nach zwei Jahren in die Kripo übergewechselt, vom Betrug fast sofort an eine Schwerpunkt-Staatsanwaltschaft ausgeliehen, freiwillig ins Präsidium zurückgekehrt, einer der jüngsten Kommissare des Hauses und jetzt, ab Anfang Mai, der jüngste je gekürte Oberkommissar. Gut, den Ehrgeiz durfte man ihm nicht vorwerfen, zumal er nie versucht hatte, ihn auf Kosten anderer zu befriedigen, es hatte auch nie Grund zur Klage, sondern oft Anlass zu Lob gegeben. Ein guter Mann und ein sorgfältiger Polizist, den er gleichwohl nicht schätzte, das gab's, nicht häufig, aber immer wieder einmal, und in solchen Fällen empfahl es sich, besser nicht nach den Gründen zu forschen.

«Natürlich freue ich mich über die vorzeitige Beförderung», begann er augenzwinkernd, «wer täte das nicht. Aber ich gehe nicht nur wegen des Oberkommissars aus der Mörderei weg.»

Rogge brummte freundlich zustimmend. Über das Gesetzespaket zur Bekämpfung der organisierten Kriminalität hatte er seine eigenen Vorstellungen, aber damit hätte er wohl die Stimmung verdorben, und deshalb schwieg er friedlich, auch noch, als Förster ihn ironisch anblinzelte. Er war intelligent genug, sich ziemlich genau vorzustellen, was sein Noch-Vorgesetzter gerade dachte, und die Fähigkeit, nicht alles auszusprechen, was man wusste, machte ihn eigentlich ein ganzes Stück sympathischer.

«Ich wünsche Ihnen viel Glück und viel Zufriedenheit», sagte Rogge langsam.

«Danke.»

«Sie werden beides brauchen, fürchte ich. Mehr als wir anderen in den anderen Dezernaten.»

«Ja, das ist mir inzwischen auch klar, Herr Rogge.» Sie tranken sich feierlich zu, und Rogge schnaufte erleichtert, dass er diese Klippe so elegant umschifft hatte.

Die nächste konnte er nicht vermeiden, Sabine Köhler erspähte ihn und verschleppte ihn trotz seiner Proteste auf die Tanzfläche. Alkohol und Abschied stimmten sie so schwach, so anlehnungsbedürftig, dass sie sich ganz, ganz fest an ihn klammern musste, er grinste breit über ihren Kopf hinweg und winkte dem jungen Mann zu, der sie mit einer gewissen Spannung betrachtete.

«He, Bine, du gehst ja nicht aus dieser Welt.»

«Doch, doch», nuschelte sie, «in eine ganz andere Welt, mit vielen bösen Männern, denen ich allen auf die Finger hauen muss.

Bei der Vorstellung einer Sabine Köhler, die mit einem Rohrstock einer Reihe vor ihr angetretener Männer auf die Finger schlug, begann er so laut zu lachen, dass sie sich beleidigt aufrichtete.

«Du ... du ... nimmst mich nicht ernst, nein, das tust du nicht, du bist ein ganz unernster Mann. Jawoll!»

Ein Tränchen rollte, er trocknete es mit seinem Taschentuch und übergab sie, wieder in bester Stimmung, dem jungen Mann, der seine Eifersucht so schlecht verbarg. «Das ist ... das ist ... Frank! Und das ist ... das ist ... Papa Rogge.»

Weil er sie wirklich gut leiden mochte, steckte er den Tiefschlag weg. Dieser Frank, Elektromeister und Inhaber eines kleinen Betriebes, schien zudem ein ganz ordentlicher Kerl zu sein; Rogge unterhielt sich später mit ihm unter vier Augen, und Frank gestand ihm, dass er schon lange heiraten und Kinder haben wollte, aber die nette, dickköpfige Bine meinte, das habe noch viel, viel Zeit.

Gegen elf verabschiedete er sich von Förster; Bine Köhler war mit ihrem Frank mal um die Ecke verschwunden, und schon jetzt stand fest, dass dieses Fest in die Polizei-Annalen der großen Feiern und Besäufnisse eingehen werde. Das ganze «Depot» zitterte rhythmisch, und der Lärm hatte Disco-Qualitäten erreicht.

Es regnete nicht mehr, dafür war eine schwache Brise aufgekommen, die schwere Tropfen von Blättern schüttelte. Auf den gekräuselten Oberflächen der Pfützen wurde das Licht der Laternen unruhig reflektiert. Kein Mensch weit und breit.

Bis zur Innenstadt brauchte er eine gute halbe Stunde. Laufen konnte nicht schaden, sein Kopf lüftete, er hatte nicht viel getrunken und freute sich noch auf ein Bier in einer ruhigen Kneipe ohne Musikbox und Lärm. Alles in allem war die Feier erträglicher gewesen, als er befürchtet hatte; seit dem Tod seiner Frau mied er Menschenansammlungen, erst recht, wenn sie laut und fröhlich waren.

Um den Hauptbahnhof herum registrierte er das übliche Treiben, die Bahnpolizei drehte zu dieser Zeit ihre Runden und vertrieb Dealer, Stricher, Penner und Betrunkene, bevor die meisten Zugänge abgeschlossen wurden. Zwei Gesichter erkannte er wieder.

In seiner Stammkneipe herrschte wenig Betrieb. Samstag gehörte der Papi der Familie und der Fernseher dem Papi. Gunda lehnte dekorativ hinter dem Tresen, langweilte sich und kicherte fröhlich, als er sich auf einen Hocker schwang. »Das Übliche?»

«Genau so.»

Auch zu vorgerückter Stunde weigerte sich Gunda, ihr wahres Alter zu verraten: «Es ist nicht wichtig, wie alt man ist, sondern, wie alt man sich fühlt.» Dass sie so gesehen noch nicht lange volljährig sein konnte, hatte er schon mehr als einmal erlebt. Zwischen ihnen beiden gab es ein kleines Geheimnis; er wusste aus den Akten, wann sie geboren war, aber ihre Vorstrafe hatte er nie erwähnt, bis sie ihn eines Tages darauf ansprach: «Du weißt, wer ich bin?»

«Sicher.»

«Stört es dich, dass ich gesessen habe?»

«Wäre ich dann hier?»

«Alt und Samtkragen.» Energisch stellte sie beide Gläser ab und tadelte vorwurfsvoll: «Weißt du, dass du der erste und einzige Gast bist, der Samtkragen bestellt?»

«Wirklich? - Die Leute wissen nicht mehr, was gut ist.»

Sie stützte beide Ellbogen auf das Holz und beugte sich weit vor, der Einblick in ihren tiefen Ausschnitt war so erfreulich wie anregend, er schnalzte mit der Zunge.

«Du bist also nicht prüde?», stichelte sie und setzte sich auf ihren Hocker.

«Nein, ich denke nicht. Warum fragst du?»

«Ich habe Angst vor der kommenden Nacht. Sie wird dunkel, einsam und traurig sein.»

«Du Ärmste!»

«Und da fiel mir ein, als ich dich sah, dass die Polizei mein Freund und Helfer ist.»

«Sein sollte, liebe Gunda. Die Zeiten ändern sich.»

«Ja, leider. Aber so ein paar nette, altmodische Modelle sollten doch noch herumlaufen.»

«Du meinst, Alt-Trinker mit Samtkragen?»

«Zum Beispiel.»

Ganz ernst nahm er ihre Avancen nicht, Gunda spottete gern, und er mochte sie zwar gut leiden, dachte aber nicht im Traum daran, mit ihr etwas anzufangen.

«Die nutzten dir auch nichts, wenn du sie verdursten lässt», belehrte er sie deshalb friedfertig.

 

*

 

Prinz hielt wie üblich am Hafermarkt an, schaltete das Licht aus und holte von der Hinterbank seine Aktentasche. Zeit für die Kaffeepause, er war ein Gewohnheitsmensch und ließ sich nicht gern aus der Ruhe bringen. Dazu passte sein rundes, volles Gesicht mit dem gutmütigen Lächeln, das sehr an einen gemütlichen Teddybären erinnerte. Er war groß, kräftig, behäbig und bewegte sich mit täuschender Schwerfälligkeit.

«Auch einen Schluck?»

Ja, danke», murrte sie. Franziska Seidel war nicht viel kleiner als ihr Kollege, aber sehr viel schmaler, eckig, und die ewig gereizte, ungeduldige Miene machte sie unschön. Mit ihr kam niemand leicht aus, weniger dienstlich - da spurte sie schnell und zuverlässig - als privat, und eine Acht-Stunden-Tour in einem unauffälligen, unbequemen Auto brachte unvermeidlich auch Leerlauf, manchmal Langeweile, und sehr viel Frust, für dessen Bewältigung die Dienstvorschriften kein Rezept boten. Andere gähnten, Franziska rastete aus, und die meisten Kollegen ergriffen dann die Flucht.

«Unsere letzte Tour», sagte er unvermittelt.

«Ja. Stört es dich?»

«Nein», brummte er. Im vergangenen Jahr hatte er sich an Franziska gewöhnt, aber der Gedanke, mit einer anderen Kollegin fahren zu müssen, schreckte ihn nicht; so angenehm war die liebe Franzi nun nicht.

«Wahrscheinlich bist du froh, mich loszuwerden.»

«Nach solchen dämlichen Bemerkungen - ja.»

Sie schwieg. Eigentlich hätte sie Hartmut Prinz gern einmal gestanden, dass er ein netter, anständiger Kollege war, bei dem sie sich immer sicher gefühlt hatte. Oder gut aufgehoben, was in ihrem Job eine große Rolle spielte. Doch die Furcht, er könne es missverstehen, verschloss ihre Lippen, und die Angst, ausgelacht zu werden, siegte regelmäßig über ihre Einsamkeit.

«Wer geht denn weg aus dem Ersten?», fragte er endlich.

«Sabine Köhler und Thomas Förster.»

«Und wohin?»

«Zu Dallon. In das neue Dezernat. Organisierte Kriminalität», setzte sie neidisch hinzu.

«Wann fängst du im Ersten an?»

«In der nächsten Woche.»

«Na großartig.» Sorgfältig schraubte er die Thermoskanne zu und verstaute sie in der Aktentasche. «Also dann!»

Während der Pause hatte sie in der Mappe mit den aktuellen Fahndungen geblättert, warf sie nach hinten und griff nach dem Mikro: «Lore 16 an Zentrale, wir fahren jetzt vom Hafermarkt über die Schlachthofstraße Richtung Güterbahnhof Nord.»

«Zentrale an Lore 16, verstanden.»

Schon am Tage wirkte die Schlachthofstraße düster und hässlich, kurz vor 24 Uhr in einer ungewöhnlich nasskalten Aprilnacht konnte sie das Fürchten lehren. Die hohen, fensterlosen Wände der Fabriken, der Lagerhallen und des Schlachthofes, von denen der Putz bröckelte, hatten viel Ähnlichkeit mit Gefängnismauern, und die wenigen trüben Laternen verstärkten den Eindruck noch. Kein Mensch weit und breit, nicht einmal ein parkendes Auto. In solchen Nächten blieben Katzen und Ganoven lieber zu Hause. Wie zur Bestätigung fauchte eine Bö durch die Mauerschlucht und rüttelte den Wagen durch. Am Güterbahnhof schwankten die Leuchten, die an Kabeln quer über den Gleisen hingen, und warfen bedrohliche Schatten.

«Links oder rechts?», bot er an.

«Links», entschied sie. Für Zivilfahnder war die Nordstadt, so bedrohlich hässlich sie auch aussah, ein eher ruhiges Pflaster, weil es hier kaum Kneipen und noch weniger Geschäfte oder Büros gab, die einen Einbruch lohnten. Und die Lagerhallen und Speditionen am Kanalhafen wurden von privaten Wachdiensten geschützt, die hart zulangten.

Eine halbe Minute fuhren sie schweigend an den Gleisen des Rangierbahnhofes vorbei, dann befahl sie plötzlich scharf: «Halt!»

«Was ist?»

«Da drüben. Der Mann, der auf das kleine Häuschen zuschleicht.»

«Wo? - Ja, ich sehe.»

Wie eine Wilde kurbelte sie das Fenster runter, riss das Nachtglas hoch: «Du, das ist der Geier.»

«Zeig her!»

Aber bevor Prinz das Glas angesetzt hatte, glitt der Mann - Mantelkragen hochgestellt, Mütze bis über die Ohren, Kopf eingezogen - an der hellen Wand vorbei und schlüpfte in das schützende Dunkel des früheren Rangierhäuschens. Wahrscheinlich war er zwischen zwei abgestellten Güterzügen, die nicht lang genug waren, auf das Häuschen zugeschlichen. Zwanzig Meter musste er ohne Sichtschutz unter einer Leuchtenkette hindurchlaufen. Und ausgerechnet in diesen Sekunden beobachtete eine Zivilfahnderin das Gelände.

«Bist du sicher?»

«Natürlich bin ich sicher», fauchte sie ihn an.

Unsicher hob er das Mikrophon: «Lore 16 an Zentrale.»

«Hier Zentrale.»

«Soeben ist Waldemar Taube in einem Rangierhäuschen auf dem Güterbahnhof Nord verschwunden. Wir stehen in der Rottenkuhlstraße, auf der Höhe des Umspannwerkes.»

«Lore 16, unternehmen Sie nichts, warten Sie auf Anweisung!»

«Das hat uns gerade noch gefehlt!», seufzte er, und sie tastete schon nach ihrer Pistole. Vor einer Woche war der Geier aus der Vollzugsanstalt Mellberg ausgebrochen, wo er sechs Jahre wegen diverser Gewaltverbrechen einsitzen sollte. Wie er an die Pistole gekommen war, mit der er zwei Wärter als Geiseln genommen und später einen Polizisten mit einem Bauchschuss schwer verletzt hatte, beschäftigte seitdem eine ganze Sonderkommission. Seine Fahndungsbilder hingen überall, und in ihrer Klemm-Mappe lag die Beschreibung obenauf, mit einem roten «G» für gefährlich und «Sch» für Schusswaffe. Und ihnen wurde das zweifelhafte Glück zuteil, auf einem Routine-Einsatz über einen gesuchten Schwerverbrecher zu stolpern, dessen Brutalität gefürchtet war. Was hatte ihn überhaupt aus seinem Versteck getrieben? Er musste doch wissen, dass jeder Polizist nach ihm Ausschau hielt.

«Zentrale an Lore 16. Hier spricht der KvD. Warten Sie auf Lore 11. Wir haben im Moment keine anderen Kräfte frei. Bis dahin unternehmen Sie nichts, ich wiederhole: nichts. »

«Lore 16 an Zentrale: Verstanden.»

«Scheiße!», fluchte sie. «Was heißt das - keine anderen Kräfte frei?»

Prinz zuckte nur die Achseln und behielt das Häuschen im Glas. Ein Großeinsatz irgendwo. Oder Krankmeldungen, bei diesem Grippewetter kein Wunder. So wenig ihm der Gedanke gefiel, gleich den Geier aus dem Häuschen zu holen - diese SEKs und MEKs passten ihm auch nicht; bei einigen wurde er den Verdacht nicht los, dass sie nur nach einem Vorwand suchten, gewaltig loszuballern.

Rechts vom Häuschen hatten sie, bis auf die letzten zwanzig Meter, Deckung durch die leeren Züge. Links war das Gelände höllisch, keine Gebäude, Wagen oder Schilder, nur Gleise und Weichenkästen. Allerdings auch etwas weniger gut beleuchtet als das Stück zwischen den Zügen und dem Haus. Aber Fenster und Türen in allen vier Wänden; die Männer, die hier arbeiteten, mussten die heranrollenden Waggons sehen, vor die sie die Hemmschuhe auf die Schienen legten. Bei Regen oder Frost fanden sie in dem Bau etwas Schutz, und an den Schmalseiten ragte das Dach über die Mauern hinaus, um die Gestelle mit den Hemmschuhen trocken zu halten.

«Welche Tür hat der Geier benutzt?», fragte er. Im Haus war nichts zu bemerken, keine Bewegung, kein gleitender Schatten.

«Auf der Rückseite.»

Nach vier Minuten bremste ein anderes Auto hinter ihnen, dann wurden die Hintertüren ihres Wagens aufgerissen, der in die Knie ging, als sich zwei Riesen auf die Rückbank fallen ließen.

«'n Abend.»

«Besser guten Morgen», antwortete sie erleichtert. Normalerweise schlug sie einen großen Bogen um Schmittel und Heesen, aber im Moment atmete sie leichter bei dem Gedanken, zwei ausgewiesen harte und erfolgreiche Fahnder bei sich zu haben.

«Fröhliche Ostern!», erwiderte Schmittel grob. «Wo steckt der Geier?»

«In dem kleinen Häuschen unter den Leuchten.» Auch Prinz schätzte die Kollegen nicht sehr; sie hatten ihren schlechten Ruf weg. Eine Minute herrschte Schweigen, bis Heesen stöhnte: «Das wird ja heiter. Also, ihr beiden Hübschen, ihr schlagt euch jetzt nach rechts, bis der Geier euch mit Sicherheit nicht mehr sehen kann. Dann rauf auf den Bahnhof und zwischen den Zügen zurück auf das Haus zu. Bleibt in Deckung und ruft ihn aus der Deckung an. Wenn er losballert, schießt zurück. Aber haltet hoch, wir kommen nämlich von der anderen Seite auf das Haus zu. In sieben Minuten geht's los.»

Schnell und gelenkig waren sie, das musste man ihnen lassen, wie die Blitze waren sie verschwunden, das Auto wippte, zwanzig Sekunden später verhallten ihre Schritte.

Prinz schielte sie beunruhigt an. Nicht nur, dass die beiden sofort das Kommando übernommen hatten, das mochte noch angehen, sie besaßen viel Erfahrung. Aber was sie planten, verstieß gegen so ziemlich alles, was sie gelernt und trainiert hatten.

«Zentrale an Lore 16. Bitte melden!»

«Lore 16 an Zentrale. Wir gehen jetzt los und holen den Geier. Ende.» Er schaltete schnell aus, bevor der KvD noch etwas fragen konnte. Oder etwas verbieten konnte, was sich jetzt nicht mehr aufhalten ließ.

Nach hundert Metern bogen sie von der Rottenkuhlstraße auf das Bahngelände ab. Ungeschickt stolperten sie über Schienen, Schwellen und Schotter, die Dunkelheit war abenteuerlich, wurde regelrecht gefährlich, als sie den ersten stehenden Zug erreichten.

«Du gehst hier entlang», drängte Prinz. «Ich glaub zwar nicht, dass er auf die Straße zuflüchtet, aber man weiß ja nie.»

«Und du?»

«Ich nehme die nächsten Züge. Also los!»

Die Schwärze verschluckte ihn sofort. Zwischen den Gleisen ließ es sich besser gehen, dort gab es schmale, glatte Pfade. Vier Minuten nach Aufbruch erreichte sie das Ende ihres Zuges, der aus Kesselwagen bestand, kauerte sich zwischen die Puffer des letzten Wagens und schaute sich um. Ihr Auto parkte etwa sechzig Meter weit weg, hinter ihr das Häuschen lag keine dreißig Meter halbrechts vor ihr. Von Schmittel und Heesen war nichts zu sehen, sie hatten auch den schwierigeren Teil zu bewältigen. Einmal meinte sie, hinter dem Haus am Boden einen kriechenden Schatten zu bemerken, aber die Bewegung wiederholte sich nicht.

Noch zwei Minuten.

Rechts von ihr sollte jetzt Prinz seine Position erreicht haben, keine zwanzig Meter von der Hausecke entfernt.

Nein, sie hatte sich nicht getäuscht. Da kroch jemand schlangengleich auf das Häuschen zu, die winzigsten Schatten von Weichenkästen, Rangiersignalen und Telefonkästen ausnutzend.

Noch eine Minute.

Wie waren Schmittel und Heesen so rasch herangekommen? Und warum wollten sie das Haus betreten?

Dann brach aus heiterem Himmel die Hölle herein. Zwei Männer brüllten wie auf Kommando los, zwei, drei, vier Schüsse krachten, zwei Schatten erhoben sich vom Boden, ein dritter verschmolz für Sekundenbruchteile mit der Hausecke, noch einmal eine Serie von zwei, drei Schüssen, dann ein Schrei, der vergurgelte. Ohne nachzudenken, war sie losgestürmt, irgendwie hatte sie völlig automatisch die Pistole entsichert und durchgeladen, rechts von ihr rannte eine andere Gestalt, ebenfalls eine Waffe in der Hand, sie stolperte, fing sich im letzten Moment, stieß schmerzhaft mit dem Fuß an, humpelte und hüpfte und erreichte mit Prinz die beiden anderen Männer.

«Diese Drecksau!», stöhnte Schmittel und rieb sich die Seite.

«Was ist passiert?»

Heesen fluchte etwas Unverständliches. «Er hat uns doch gesehen, gerade als wir aufstanden. Schmittel musste sich hinwerfen.»

«Und deshalb habt ihr gleich ...?»

Sie brachte den Satz nicht zu Ende. Der Mann am Boden war tot, er lag halb auf dem Rücken, den Kopf zum Himmel gedreht, und seine Hände waren leer.

Es wurde schon hell, als sie im Präsidium die Protokolle unterschrieben und sorgfältig die Quittungen für ihre Dienstwaffen und die abgelieferten Patronen einsteckten. Ihr Kopf schmerzte, aber zugleich war sie hellwach und ignorierte, dass jeder Muskel bei jeder Bewegung vor Müdigkeit protestierte. Manchmal hatte sich das Zimmer vor ihren Augen gedreht, und den Kaffeebecher schob sie weit weg, weil ihr schon von dem Geruch übel wurde.

Lutterbeck schwieg, aber seine Backenmuskeln mahlten. Der KvD biss die Zähne zusammen, bevor er reden konnte: «Ihr beiden seid vorläufig vom Dienst suspendiert - halten Sie die Klappe, Obermeister Prinz! Reine Formsache, bis der Staatsanwalt den Vorgang gelesen hat.»

«Dann verstehe ich nicht ...»

Der KvD hörte ihr nicht zu: «Unsere Sheriffs! Meine Schuld! Ich Arschloch hätte euch befehlen sollen, den Einsatz mit der Zentrale abzusprechen ... na ja, zu spät. Haut ab und versucht zu schlafen.»

Auch jetzt sagte Lutterbeck nichts, aber starrte sie aus blutunterlaufenen Augen an. Seine Wut hing wie eine Drohung in dem verqualmten Raum, und sie wussten nicht, dass ihm immer noch rote Kreise vor den Augen tanzten, seit er Schmittel und Heesen vernommen hatte.

«Verdammt, ich muss jetzt unbedingt was trinken», krächzte er vor dem Eingang des Präsidiums und schaute zum Himmel hoch, wo sich eine fahle Helligkeit durch schmutzig graue Wolkenfetzen kämpfte.

«Ich hab einen Weißwein im Kühlschrank», bot sie leise an und lauschte überrascht ihren Worten nach. Noch nie hatte sie einen Kollegen zu sich eingeladen.

«Worauf warten wir dann noch?», quengelte er.

Weil ihr der Wein zu Kopfe stieg, holte sie eine Flasche Sprudel. Sie hockten in der Küche, die Essecke war nicht für zwei Personen gedacht, aber es störte sie nicht, dass sich ihre Beine berührten. Nach dem nächsten Glas würde sie schlafen können, und er musste sehen, wie er mit der Couch im Wohnzimmer zurechtkam.

 

 

Sonntag, 26. April

Rogge wachte auf, weil sein Mund vor Trockenheit brannte. Durst peinigte ihn, aber an Aufstehen war vorerst nicht zu denken, weil das Bett samt Zimmer schwankte. Sein Kopf platzte vor Schmerzen, von innen schlug ein Hämmerchen wüst gegen die Schädeldecke, und die Speiseröhre wurde gerade von heißer Säure zerfressen.

Samtkragen und Alt-Bier! Sobald er wieder stehen konnte, würde er diese Gunda erwürgen, die ihm pausenlos nachgeschenkt hatte!

Nicht einmal mehr schlucken konnte er!

Wie konnte er nur so unter die Räder geraten!?

Doch wo ein Wille, da ist auch ein Weg, die Wände boten Halt, und der erste Schluck kalte Milch schmeckte wie Nektar; die Tabletten zischten im Glas, er schaffte es sogar, noch die Kaffeemaschine anzuwerfen, bevor er sich wieder hinlegen musste. Im Laufe der Jahre waren die Kämpfe gegen diese Kater immer schwerer geworden, aber er würde auch diesen gewinnen.

Die simple Wahrheit war, dass er nichts mehr vertrug!

Nach dem Aufweckfrühstück inspizierte er seinen Kühlschrank nach einem einzigen Schluck Alkohol. Nur einen winzigen Schluck brauchte er, um den restlichen Nebel vor den Augen aufzuklären, aber der Schrank gähnte vor Leere, und deshalb klingelte er bei Frau Nachbarin.

«Guten Tag, du hattest mir ein Katerfrühstück angeboten.»

«Morgen, Jens. Komm rein!»

«Das Frühstück hatte ich schon, es fehlt der krönende Schluck obendrauf.»

«Verstanden.»

Ihre Dachwohnung war größer als seine, zudem sehr viel besser eingerichtet, schließlich lebte sie hier schon fast zehn Jahre, und er war erst vor zwei Jahren nebenan eingezogen. Wenn er in Gedanken versunken war, passierte es ihm noch heute, dass er vor der Haustür seiner alten Wohnung hochschreckte.

«Sekunde mal!» Er hielt sie am Arm fest. «Du hast Kummer.»

Zwar drehte sie schnell den Kopf weg, aber er hatte die Tränenspuren schon an der Tür bemerkt.

«Was ist los, Evelyn?»

«Nachher. Wir brauchen beide einen Schluck.»

Beunruhigt sah er ihr nach. Dass Frau Nachbarin gegen Mittag noch im Morgenmantel herumtrödelte, hatte er noch nie erlebt, sie war in allen Punkten sehr viel korrekter als er. Und ausgeschlafen hatte sie so wenig wie er.

«Zum Wohl.»

Geduldig ließ er eine Minute verstreichen.

Sie betrachtete ihn halb spöttisch, halb schwermütig.

«Wer hat dich denn unter die Straßenbahn geschubst?»

«Gunda. Mit Samtkragen und Alt.»

Sie schüttelte sich, Gunda kannte sie, sie waren einige Male zusammen in der Kneipe gewesen, aber Samtkragen und Alt rührte Evelyn nicht an. Eher wolle sie verdursten, hatte sie nach dem ersten Schluck geschworen.

«Und wo hast du dich gestern Abend herumgetrieben?»

«Bei meinem Chef. In seiner scheußlichen Villa in Lichingen.» Und weil er anzüglich die Augenbrauen hochzog, tippte sie sich an die Stirn. «Großer Empfang, an die achtzig Männlein und Weiblein, und ich denke mal, ich war der Benjamin.»

«Wenn schon, die Benjamine.»

«Abgesehen vom Mietpersonal. Und meinem Spezi Miguel.»

«Wer ist Miguel?»

«Er heißt Miguel Bender, halb Schweizer, halb Spanier, und ist der neue Geschäftsführer in der Firma.»

Sie arbeitete als Sekretärin bei einer Papierfabrik. Gebrüder Frentzen, ein kleiner, etwas altmodischer Laden, der - so hatte sie ein paarmal vorsichtig angedeutet - in finanzielle Turbulenzen geraten war, weil ihr Chef starrsinnig und entschlussscheu geworden war. Seit einigen Monaten spielten die Banken nicht mehr mit, der Umsatz stagnierte, um es vornehm auszudrücken, und sie hatte ernsthaft erwogen, sich eine neue Stelle zu suchen, bevor das Unternehmen Konkurs anmelden musste.

«Wir haben jetzt einen Partner, Jens. Die ASPC, die Asociación Industrial de Papeles y Cartones. Ein Finanz- und Anlageberater aus der Schweiz hat uns den Retter aus höchster Not besorgt.»

«Und diesen Miguel als Kontrolleur eingesetzt.»

«Anzunehmen. Mit dem komme ich nicht klar. Der Bursche ist etwas jünger als ich, tüchtig, höflich, fleißig, von Papier versteht er unheimlich viel, aber die Chemie stimmt zwischen uns nicht.»

«Muss dich das stören? Du arbeitest doch für den Senior.»

«Nicht mehr lange. Gestern Abend hat mir Frentzen nämlich verklickert, dass er sich so rasch wie möglich vom Geschäft zurückziehen will. Er hat einen Sohn, mit dem er sich vor urgrauen Zeiten überworfen hat. Dem wird er jetzt einen Versöhnungsbrief schreiben und anbieten, in die Geschäftsleitung einzutreten.»

«Und was soll aus dir werden?»

Statt einer Antwort zuckte sie nur die Achseln, es sollte burschikos aussehen, aber missriet ihr kläglich. Hilflos suchte er nach einem tröstenden Satz, ohne zu heucheln oder sich in verlogenen Optimismus zu flüchten. Nach allem, was sie vom Geschäftsgebaren der Firma Frentzen erzählt hatte, würde man sie nicht brutal oder rücksichtslos behandeln, doch ihr Schicksal würde die Entscheidung weder beeinflussen noch verhindern. In jedem Vorzimmer lauerte eine Falltür.

«Das tut mir leid», murmelte er endlich. «Kennst du den Sohn?»

«Ja. Objektiv betrachtet ist Wolfgang Frentzen wohl ein ordentlicher, korrekter Mann. Aber in dem großen Krach, der zum Auszug des Juniors führte, habe ich aufseiten des Vaters gestanden.»

«Auweia», kommentierte er mitleidig.

«So ist es. Darauf noch einen Schluck?»

«Einen noch. Dann ziehst du dich an, und wir fahren irgendwohin.»

«Muss das sein?»

«Muss sein. Du kannst nicht den ganzen Sonntag in deiner Bude hocken und grübeln. Und dazu Bier trinken, das geht nicht gut.»

 

 

I.

Wenn sie nicht alle Polizisten wären, müsste man es ein konspiratives Treffen nennen, schoss es Arnhold durch den Kopf. Am Sonntagmittag in einem kleinen Zimmerchen im Gebäude der Staatsanwaltschaft. Alle in Räuberzivil. Keine Aktentaschen, keine Dienstwaffen, zu Fuß oder in den Privatwagen gekommen. Ein bisschen erinnerte es ihn an Räuber und Gendarm aus seiner Jugendzeit, damals gab es noch Trümmergrundstücke, in denen man sich verstecken konnte, und Straßen, auf denen sie Fußball spielten. Und Kleingärten, die sie heimsuchten, wenn die Äpfel und Birnen reif waren. Inzwischen waren die Trümmer beseitigt, die Straßen zugeparkt und die Gärten in Zierrasenflächen umgemodelt. Wer klaute heute noch Apfel vom Baum?

Hauptkommissar Rainer Dallon hüstelte mehrfach und strich den Zettel glatt, den er aus der Jackentasche gezogen hatte. Von Anfang an hatte er gezweifelt, ob Staatsanwalt Arnhold wirklich der geeignete Mann für ihre Aktion war. Statt dieses jovialen Mittfünfzigers hätte er sich einen jüngeren, forscheren Mann gewünscht, einen, der die Bedrohung etwas ernster nahm, sich energischer auf ihre Seite schlug. Und nicht so widerwillig in dem Ordner mit dem neuen Gesetz gegen Organisierte Kriminalität blätterte. Mein Gott, da hingen doch wenigstens zehn Papierstreifen heraus. Ein Bedenkenträger, er hatte sich sofort ganz oben beschwert, als Arnholds Name fiel, aber so weit reichte das Engagement seiner Vorgesetzten wiederum nicht, und jetzt konnte er nur hoffen, dass Arnhold von seinem Versuch, ihn durch einen anderen Staatsanwalt ersetzen zu lassen, nichts erfahren hatte.

Hauptmeister Jochen Leutwein starrte stumpf durch das Fenster in den dunklen Hof. Als Dallon ihn aufforderte, an dieser Sitzung teilzunehmen, hatte er einen Moment Unbehagen verspürt, aber selbstverständlich zugesagt. Ohne einen EDV-Spezialisten ging es nicht, und schließlich hatte er von allen Kollegen des neuen Dezernats die meiste Arbeit investiert. Im Präsidium war nicht verborgen geblieben, dass er ein neues kleines System aufgebaut hatte, das mit PAPS, dem Polizeilichen Auskunfts- und Personen System, nicht verbunden war. Ihre Computer waren drei- und vierfach gesichert, mit Schlüsseln, Passwörtern und einem komplizierten Abfragemodus - in seine Computer konnte kein Unbefugter hineingucken oder etwas einspeisen. Manchmal machte ihm die Arbeit sogar Spaß, aber heute wäre er lieber zu Hause geblieben. Linda hatte gestern einen Heidenzirkus veranstaltet, weil er sie am Sonntag allein lassen wollte, und war empört abgerauscht. Kurz vor zwölf war sie heute Mittag wieder in der Wohnung erschienen, mit verquollenen Augen und einem mächtigen Kater, aber wo - und mit wem - sie die Nacht verbracht hatte, wollte sie nicht verraten, und als sie duschte, hatte er ihre Handtasche inspiziert und die beiden Tausender gefunden. Und das Päckchen Kondome. Wortlos war er gegangen, er zappelte verzweifelt unglücklich an ihrem Haken und fürchtete den Moment der endgültigen Trennung.

Hauptkommissar Jürgen Soltau massierte seinen harten Bauch. Platzen konnte er vor Wut, eine Unverschämtheit war das, er hatte es gewusst, Dallon und er waren ranggleich und hatten dasselbe Dienstalter, doch vor zwei Monaten hatte er nicht aufgepasst, als Organisierte Kriminalität die Bezeichnung «Dezernat» erhielt und er mit «Sonderabteilung Rauschgift» abgespeist wurde. Jetzt erhielt er die Quittung für seine Gutmütigkeit. Dallon mischte sich in seine Geschäfte ein, und er konnte nur noch protestieren, aber nichts mehr ändern. Aber wenn diese Vollidioten von OK glaubten, er würde alles schlucken, waren sie schiefgewickelt. Nicht mit ihm!

Mattes gähnte ungeniert. Alle Welt nannte ihn Mattes, viele Kollegen hatten Mühe, sich an seinen korrekten Namen zu erinnern, und er war dazu übergegangen, sich auch am Telefon mit «Mattes» vorzustellen. Was wohl einer der Gründe dafür war, dass er nie befördert wurde. «Der dienstälteste Kommissar», das war er in der Tat, seit fünfzehn Jahren, und weil er das Stadium der Wut und Empörung längst überwunden hatte, leugnete er nicht länger, dass er mittlerweile wie ein dealender Junkie aussah, grau, ungepflegt, schmutzig und verkommen. Wenn er sich dösend in der Sonne wärmte und aus halb geschlossenen Augen ein Dealer-Paar beobachtete, kam es vor, dass mitleidige Großmütter ihm eine Mark schenken wollten. Mittlerweile nahm er sie dankend an und steckte sie in die Kaffeekasse. Soltau mochte ihn nicht, er konnte Soltau nicht leiden, aber es gab keinen besseren Kenner der Drogenszene. Auch keinen, der dort mehr gefürchtet wurde.

Staatsanwalt Arnhold räusperte sich lautstark und schaute demonstrativ auf seine Uhr.

«Meine Herren, wir sollten anfangen.»

«Gut», sagte Dallon schnell. «Wir haben uns nach Auswertung aller Informationen, Hinweise und Zwischenergebnisse entschieden, unsere Kräfte auf Mario Torelli zu konzentrieren. Wir wissen, dass er das örtliche Oberhaupt der Pizza-Connection ist, dass er die Rauschgiftverteilung organisiert, Schutzgelder erpresst, die polnischen Autoknacker-Banden weitgehend unter seine Kontrolle gebracht hat und nun versucht, mit den Türken und Kurden und Syrern ein Gebietsabkommen zu treffen. Genau da möchte ich einhaken ...»

«Mit allen technischen und juristischen Mitteln», warf Arnhold ein.

Einen Moment war Dallon verwirrt. «Ja. Mit allem, was uns das Gesetz erlaubt.»

Soltau witterte seine Chance: «Und wozu brauchst du dann mich und meine Leute?»

An der Antwort schien auch Mattes interessiert, er richtete sich halb auf und bohrte nachdenklich in seinem rechten Ohr.

«Ihr sollt weitermachen wie bisher, damit Mario nicht misstrauisch wird. Wenn wir uns bei der Arbeit zufällig treffen» - Mattes kicherte - «kennen wir uns nicht. Aber wir sprechen uns jeden Tag ab.» Voller Energie vom Wirbel bis zur Sohle drehte er sich zu Leutwein um. «Los, zeig mal,was wir vorbereitet haben. Es wird auch Sie überzeugen, Herr Arnhold.»

Aufreizend lässig rieb sich der Staatsanwalt das Kinn, und alle verstanden, was er dachte, aber nicht sagen würde: «Davon bin ich überzeugt, Herr Dallon.»

Sein Blick schweifte zu Soltau, der sich gerade mächtig aufpumpte, doch angesichts der unmissverständlichen Warnung den Mund hielt. Also war die Allianz längst geschlossen! Sein Bauch blähte sich vor hilfloser Wut.

 

*

 

Mario Torelli kam spät nach Hause. Hinter der Wohnungstür trat er auf einen Zettel: «Dallon kümmert sich um dich. Ab sofort mit allen Mitteln.»

Bei einem letzten Glas Wein zerriss er das Papier in kleine Fetzen und verbrannte sie im Aschenbecher. Dallon kannte er, und was «mit allen Mitteln» bedeutete, wusste er auch. Nicht schön, aber nicht wirklich gefährlich - nicht wirklich gefährlicher als die Manöver der letzten Wochen.

 

*

 

Sie wachte auf, weil es nach etwas roch, nicht unangenehm, aber ungewöhnlich. Draußen war es eigenartig hell, sie brauchte eine Weile, um sich zu erinnern, wo sie war. Was passiert war. Die letzte Tour mit Hartmut Prinz, der Geier, die Schießerei auf dem Güterbahnhof jetzt schaltete sie: Es roch nach Kaffee und Spiegeleiern. Und Toast. Etwas arg dunklem Toast.

Mühsam schwang sie die Beine aus dem Bett. Kopfschmerzen, nicht stark, aber gerade so, dass man sie nicht mehr ignorieren konnte. Ein trockener Hals - sie hatte nur ihre Klamotten auf den Boden geworfen und war wie eine Tote ins Bett gefallen.

Als Schritte näher kamen, schrie sie leise auf und sprang hinter die Tür, verhedderte sich natürlich prompt in den Ärmeln des Morgenmantels.

«Guten Tag, oder besser: Guten Nachmittag. Das kombinierte Frühstück-Mittagessen ist fertig ... he, Franziska, wo bist du?»

«Hinter der Tür, bleib bloß draußen, ich hab nichts an.»

Nach einer unverschämt langen Pause hörte sie ein typisch männliches Grunzen, aber Prinz überraschte sie: «Wo hast du Kopfschmerztabletten?»

«Im Bad. Über dem Waschbecken.»

«Na prima. Beeil dich!»

Die Schritte entfernten sich, sie stand regungslos hinter der Tür, überlegte und zog sie dann entschlossen auf. Es war ihre Wohnung! Und ein Morgenmantel war nichts, was er in den falschen Hals bekommen konnte. Im Bad stellte sie einen neuen Rekord auf.

Während des Frühstücks klingelte das Telefon, und weil er näher am Apparat saß, hob er ab: «Ja, bei Seidel?«

Einen Moment hörte er zu, runzelte die Stirn, bevor er wortlos auflegte, und behauptete dann mit seltsam veränderter Stimme: «Du hast ja merkwürdige Freunde.»

«Wie meinst du das?»

«Er meinte, er würde dich mal antreffen, wenn du gerade keinen Mann in der Bude hättest.»

Das war stark, einmalig, sie spürte, wie es in ihrer Kehle zu kitzeln begann. Und sie wäre gerne mit ihrer Erheiterung herausgeplatzt, wenn er nicht so eine finstere Grimasse geschnitten hätte.

 

 

Montag, 27. April

Die Woche begann mit dem üblichen Papierkrieg, die noch nicht identifizierte Leiche aus dem Teich blieb dem 1. K. erhalten, weil es sich «augenscheinlich» um das Opfer eines Verbrechens handelte. Rogge wusste, dass sich kein Ressort um unbekannte Tote riss, und Staatsanwalt Reichenbach, zuständig für U wie Unbekannt, hustete am Telefon nur.

«Erwarten Sie große Aktivitäten von mir, Herr Rogge?»

«Im Moment überhaupt keine, Herr Reichenbach.»

«Das ist mir die angenehmste Form der Zusammenarbeit.» Reichenbach war jung und gab sich faul und lässig, was täuschte.

Um neun Uhr wurde seine Tür ohne Vorwarnung so heftig aufgerissen, dass er zusammenschrak. Er fauchte: «Brauchst du unbedingt meine Planstelle, du alter Esel? Kannst du nicht auf meine Pensionierung warten?»

«Halt die Klappe und hör zu!»

Alfons Lutterbeck, Erster Hauptkommissar im Ersten Kommissariat, hatte genau zwei Lebens- und Berufsjahre mehr auf dem Buckel als er. Sie kannten sich seit fast dreißig Jahren. Früher waren sie einmal eng befreundet gewesen, die Freundschaft hatte sich im Laufe der Zeit verflüchtigt, doch das gegenseitige Vertrauen war geblieben, auch in den elf Jahren, in denen Rogge nun als Vertreter Lutterbecks amtierte. Es kam vor, dass sie einen ganzen Tag nicht miteinander sprachen, sondern sich beim Kommen und Gehen nur zuwinkten. Neulinge meinten, Chef und Vertreter verstünden sich so schlecht, dass man sie gegeneinander ausspielen sollte; den Chefs schadete der Versuch nie, aber regelmäßig den Neulingen.

Inzwischen bildeten sie ein merkwürdiges Gespann. Lutterbeck war grob, ungeduldig und kurz angebunden geworden, er hatte jede Lust verloren, auf andere Menschen Rücksicht zu nehmen, und niemand und nichts erschütterte seine Vorurteile. Rogge hatte sich anders entwickelt, war schweigsam geworden, manchmal schon trübe, und seit dem Tode seiner Frau ging er anderen Menschen gern aus dem Weg. Viel mehr Geduld als Lutterbeck besaß er nicht wirklich, aber er zwang sich, zuzuhören und zu schweigen. Am wohlsten fühlte er sich noch, wenn er allein und ungestört seinen Fällen nachgehen konnte; die Wochen, in denen er für Lutterbeck die Urlaubsvertretung übernehmen musste, empfand er zunehmend als ungerechtfertigte Bestrafung.

«Und den ganzen Ärger hab ich nur, weil du unbedingt zu dieser verdammten Feier gehen musstest.»

Da war was dran, eigentlich hatte Rogge am Wochenende Bereitschaftsdienst gehabt und Lutterbeck für den Samstagabend um Aushilfe gebeten, weil einer von ihnen zur Abschiedsparty gehen musste. Denn der eiserne Alfons hatte es strikt abgelehnt, sich im «Depot» blicken zu lassen, und stattdessen lieber Bereitschaft geschoben. Mit der Folge, dass er nun einen mehr als hässlichen Fall am Halse hatte. Eine Ermittlung gegen zwei Kollegen, die einen Verbrecher erschossen hatten. Das versprach einen Zwei-Fronten-Krieg. Die Öffentlichkeit würde sich über die Brutalität der Polizei erregen, einige Kollegen würden nicht verstehen, dass man gegen zwei erfolgreiche Fahnder mehr als pro forma ermittelte, Schmittel und Heesen hatten zwar hässliche Flecken in ihren Personalakten, aber mit ihrer weithin bekannten Auffassung, man solle, ja man müsse härter durchgreifen, standen sie nicht allein.

«Ich hab den Fall und werd ihn nicht los, Jens.»

«Du musst dafür sorgen, dass dieser Prinz und die Seidel aus der Schusslinie genommen werden», antwortete er zerstreut, mit den Gedanken bei den Weiterungen.

«Schusslinie ist ja wohl etwas zu dick aufgetragen», schnarrte Lutterbeck und stand auf. Rogge lachte. Sprache war oft verräterisch.

«Und rede bloß sofort mit Lobisch. Ein falsches Wort an die Presse, und wir werden gelyncht.»

Wider Erwarten hatte die Gerichtsmedizin gespurt. Opa Steinbart, steinalt und Bartträger, rief am späten Vormittag an: «Wir haben was für Sie, Herr Rogge.»

«Ich komm mal rüber.»

Vor Obduktionen hatte er sich immer gedrückt, und Steinbart bestand nicht auf der Anwesenheit fremder Amtspersonen; es entsprach nicht ganz den Vorschriften, aber über solche Kleinigkeiten setzte sich Opa Steinbart großzügig hinweg, und in diesem Punkt genoss er Rogges freudige Zustimmung. Schon der Geruch in dem alten Gebäude schnürte ihm den Hals zu, und fast dankbar atmete er den Rauch von Opas Pfeifenknaster ein.

«Ihr Findling hat eine ungewöhnliche Anomalie. Die Ringfinger beider Hände sind länger als die Mittelfinger. Wenn er mal von euch behandelt worden ist, sollte das aufgefallen sein.»

«Ja, sehr schön.»

«Außerdem hat er wenigstens einige Monate in den Vereinigten Staaten gelebt. Oben rechts hat er sich fünf Zähne reparieren und überkronen lassen, das hat längere Zeit gedauert, und diese Technik wird in Europa nicht angewendet. Sie kriegen's noch schriftlich.»

«Wie steht's mit Fingerabdrücken?»

«Haben wir, liegen schon bereit im Büro. Noch ein Hinweis: Dem Mann ist die linke Niere entfernt worden. Wann und wo - Fehlanzeige. Aber nach dem Zustand der rechten Niere würde ich mal vermuten, dass er beim Essen und Trinken vorsichtig war. Vorsichtig sein musste.»

«War er Dialyse-Patient?»

«Nee, glaube ich nicht.»

«Na prima, damit kommen wir weiter.»

Steinbart kraulte seinen Bart. Zum Frühstück hatte er ein sehr weiches Ei gegessen, aber das wusste er selbst, und deswegen erwähnte Rogge es nicht.

In der Technischen Abteilung hatten sie die Sachen des Toten noch nicht angefasst, was er achselzuckend zur Kenntnis nahm. Erstens eilte es nicht, und zweitens verriet ihm Sollberg, der stellvertretende Leiter der Kriminaltechnischen Untersuchung, dass sie sechs Mann abstellen mussten, an das neue Dezernat OK.

«Mensch, Rogge, ich kann dir flüstern, die übertreiben maßlos.»

«Wie meinst du das?»

«Bis jetzt haben die ja nur geübt, und nun planen die ihren ersten Einsatz. Mit allen technischen Raffinessen, ich könnt dir Geschichten erzählen, da fielen dir die Haare aus.»

«Lieber nicht», lehnte er gemütlich ab und strich sich über die dünne Stelle rund um den Wirbel.

«Keine Angst, ich darf ja auch nicht. Geheim, geheimer, OK.»

«Verlangt Dallon?»

«Der auch. Aber das ist von ganz oben gekommen.»

Bei seinem Entschluss, die Leitung des neuen Dezernats abzulehnen, war einer der Gründe auch gewesen, was die Spatzen hausintern schon lange pfiffen und seit einigen Wochen auch die Zeitungen - trotz aller Dementis, die Lobisch, der Leiter der Pressestelle, offiziell und offiziös verbreitete - vorsichtig andeuteten: Es gab im Präsidium undichte Stellen, Korruption und Verbindungen zum Organisierten Verbrechen. Wenn Dallon sich wirklich mit allen Möglichkeiten, die das neue Gesetz bot, an OK heranmachen wollte, würde er die Hälfte seiner Energie darauf verwenden müssen, sein Dezernat gegenüber dem Präsidium abzuschirmen. Denn ein Hinweis an den überwachten Kreis, und die Arbeit von Wochen war wertlos. Oder schlimmer noch: Die Informierten würden über Wochen ihre Beschatter an der Nase herumführen. Mit wenig Aufwand konnten sich einige so verdächtig benehmen, dass sie alle Überwachungskapazität auf sich zogen, damit die anderen ungestört ihren Geschäften nachgehen konnten.

Weil er einen Moment ins Grübeln geraten war, musterte Sollberg ihn pfiffig: «Wie kommst du eigentlich mit Dallon klar?»

«Gut», antwortete er ehrlich.

«Hoffentlich bleibt das so, Rogge.»

«Von meiner Seite aus bestimmt», versicherte er trocken, weil ihm der Unterton nicht entgangen war. «Und nun rück mal die Fingerabdrücke raus.»

In ihrem Computer waren die Fingerabdrücke des Toten aus dem Teich nicht gespeichert, also schickte er sie und die Liste der körperlichen Merkmale an das Bundeskriminalamt. Dank des Hinweises, dass der Unbekannte einige Zeit in den Vereinigten Staaten verbracht hatte, würde das BKA, falls nötig, Interpol einschalten. Das lief alles seinen bürokratischen Weg, darum musste er sich nicht kümmern. Obwohl er nach dem langen Spaziergang mit Frau Nachbarin fast neun Stunden geschlafen hatte, gähnte er herzerweichend. Und die Waden zwickten immer noch.

Diesmal klopfte Lutterbeck an, bevor er den Kopf ins Zimmer steckte: «So, ein beschissener Tag endet beschissen. Ich hab mit dem Direktor S gesprochen, Prinz schiebt ab sofort Innendienst, besser als Fahndung, du verstehst schon, und die Seidel kriegt Urlaub bis zum 4. Mai. Einverstanden?»

Er zwinkerte nur.

«Hältst du unser Abendgebet?»

«Hau schon ab!»

Eine Viertelstunde später versammelten sich die vierzehn Mitarbeiter des Ersten Kommissariats in Rogges Zimmer. Wenn es viel zu tun gab, trafen sie sich jeden Nachmittag kurz vor Dienstschluss, aber im Augenblick benahmen sich die Bewohner der Stadt friedlich und schonten Leben, körperliche Unversehrtheit und Freiheit ihrer Mitmenschen. Es gab immer etwas zu klären, zu besprechen, an Missverständnissen auszuräumen, die jüngeren Kollegen alberten und verzapften dumme Sprüche, die älteren drängten nach Hause, und Rogge sorgte dafür, anders als der ungeduldige Lutterbeck, dass wirklich jeder zu Wort kam, keiner ausgelacht wurde und niemand sein Mütchen auf Kosten eines anderen kühlen konnte. Gerne tat er es nicht, vielen gegenüber fühlte er sich fremd und manchmal schon gehemmt. Aber er akzeptierte, dass diese dreißig, vierzig Minuten nötig waren, um ein Gefühl der Zusammengehörigkeit zu erzeugen. Um nicht das große Wort Gemeinsamkeit in den Mund zu nehmen!

 

 

Dienstag, 28. April

In der Kantine setzte sich Dallon zu ihm an den Tisch und schaute so ungeduldig auf die beiden Frauen, dass die gekränkt zusammenräumten und aufstanden.

«Was ist los mit dir?», flachste Rogge. «Die Kleine ist doch recht hübsch.»

«Ja. Nein. Zentrale Verwaltung, eine Papiermaus, schmeckt sicherlich nach Staub.»

«Kaum schlechter als der Fraß hier.»

«Schon möglich.» Dallon war nervös und zugleich mit den Gedanken weit weg. «Hör mal, Jens, hast eine halbe Stunde Zeit? Unter vier Augen?»

«Sicher. Warum nicht?!»

«Dann lass uns diesen ungastlichen Ort so rasch wie möglich verlassen.»

Das Dezernat Organisierte Kriminalität hatte im Seitenflügel neu hergerichtete Räume bezogen, es roch noch schwach nach Farbe, die Möbel wiesen noch keine Schrammen und Kerben auf, dem Kunststoffboden fehlten die charakteristischen schwarzen Striche. Eine neue Abteilung, mittlerweile schon achtundzwanzig Köpfe stark, nicht eingerechnet die Kräfte, die Dallon für Einzelaufgaben und Sonderaktionen unterstellt wurden. OK war, wie jedermann wusste, ein Lieblingsprojekt des Präsidenten, der freilich auch Erfolge von seinem Hätschelkind erwartete. Und daran, so vermutete Rogge ohne Häme, haperte es. Deswegen rührte er geduldig in seiner Kaffeetasse.

«Also, es gibt Ärger mit Soltau, der auf seinem Rauschgift hockt wie die Glucke auf den Eiern und ewig stänkert, wenn wir seinen Kunden auch nur nahe kommen.»

«Das war vorauszusehen.»

«Sicher, natürlich, das kostet zwar viel Nerven, ist aber nicht das, was mich ...»

«Sondern?»

Unsicher, als reue ihn plötzlich sein Entschluss, schaute Dallon aus dem Fenster. Erst als Rogge sich räusperte, holte Dallon tief Luft: «Jens, ich fürchte, ich hab einen Maulwurf in der Abteilung.»

«Wundert dich das?»

«Ja und nein. Wir haben doch alle gesiebt und nochmals durchleuchtet. Niemand hat Schulden oder lebt über seine Verhältnisse, es gibt keine Weibergeschichten, keine schwebenden Verfahren, nichts.»

«OK unterscheidet sich von einer kriminellen Vereinigung dadurch, dass die Organisierten saubere Westen haben.»

«Ich kenne deine Theorie und nehme sie auch ernst.»

«Ja, das weiß ich. Aber die Konsequenzen will keiner wahrhaben.» Dallon winkte gequält ab, aber jetzt wollte er sich nicht bremsen lassen. «Seit Monaten, ach was, seit Jahren wird über das Gesetz diskutiert. Die Organisierten wissen doch ganz genau, was auf sie zukommt, ob mit oder ohne den Großen Lauschangriff. Intelligent sind sie, Geld haben sie, in vielen Fällen wohl auch politischen Einfluss, sie kaufen sich Informanten und richten sich auf dich und deine Leute so ein, wie ein Skandinavienurlauber etwas gegen die Mücken einpackt. Lästig, aber abzuwehren. Kennst du die Story aus Frankfurt, wo einer der Oberbosse jedes Wochenende zu seiner Familie nach Mailand flog? Nicht wegen Mama und der Bambini, zwei Stewardessen räumten mit seinem Tablett auch die Anweisungen ab. Warum sollte sich ein Boss heimlich mit einem Verbindungsmann auf der grünen Wiese treffen, wenn er befürchten muss, dass ihr mit einem Fernmikrophon hinter dem nächsten Baum lauert?»

«Kenne ich alles, Jens.»

«Bis jetzt haben wir die ganz Kleinen erwischt. Mit viel Glück auf unserer und viel Dummheit auf der anderen Seite werden wir jetzt vielleicht die Mittelschicht packen. An die Großen kommen wir nach wie vor nicht heran.»

«Du kannst einem richtig Mut machen.»

«Das will ich gar nicht. Wir ziehen Leute aus allen möglichen Abteilungen ab und jagen einem Phantom nach, von dem ich manchmal glaube, dass es künstlich und sehr bewusst aufgebauscht wird. OK, der neue Innere Feind. Deutsches Volk, sei wachsam! Auch nach der Wiedervereinigung! Der Feind hat es auf deine wahren Werte abgesehen.»

«Bitte, Jens, jetzt keine politischen Predigten. Hilf mir lieber und verrate mir, wie ich den Maulwurf stelle.»

«Wenn es einen gibt! Soll ich ganz ehrlich sein?»

«Raus mit der Sprache!»

«Du hast dich von dem Getöse der Politiker und unserer Sesselfurzer betäuben lassen. Hier ist das neue Gesetz, das OK im Handumdrehen erledigt! Die Wunderwaffe der Polizei und Justiz! Aber die Wunderwaffe wirkt nicht, also muss Verrat im Spiel sein. Wo steckt der Lump?»

Darauf atmete Dallon zwar scharf ein, blieb aber stumm. Bei allem Ehrgeiz, den er nicht leugnete, war er ein ehrlicher Mann, der sich Wahrheiten nicht verschloss. Und Rogge wusste, dass Dallon seine Zweifel hatte, wie jeder, der sich nicht nur theoretisch mit Organisierter Kriminalität beschäftigt hatte.

«Ich glaube, ich weiß, was du mich fragen wolltest, aber ich kann dir nicht helfen. Wenn du einen Maulwurf in deiner Abteilung befürchtest, musst du ihn selbst entdecken. Und in diesem Zusammenhang würde ich gern eine Bitte äußern: Das ist keine Aufgabe für Sabine Köhler. Förster, meinetwegen, der hat die nötige Härte, aber mach mir nicht eine Frau kaputt, die wir gerne behalten hätten.»

Im Laufe des Tages dachte er noch häufiger an Dallon. Die Zeitungen hatten sich wegen der Schießerei auf dem Güterbahnhof überschlagen, die Pressestelle und ihr Leiter Lobisch mussten wieder mal eine Glanzleistung geboten und alle Journalisten gegen sich aufgebracht haben. Jetzt noch ein Hinweis auf Korruption im Präsidium, und der Präsident würde entweder aus dem Fenster springen - was Rogge vorgezogen hätte - oder eine große Säuberungsaktion ankündigen - was Rogge ihm nicht glauben würde.

 

 

II.

Der Brillenträger schwitzte, vor Angst, vor Aufregung oder vor Hilflosigkeit. Zu Anfang hatte er noch so getan, als verhandelten sie von gleich zu gleich, doch als Stein ihm leise schmunzelnd das Päckchen Fotokopien und Bilder hinübergeschoben hatte, zerbrach die Fassade des Mannes wie eine Glasscheibe nach dem Aufprall eines Steines. Zwei-, dreimal hatte er den Mund geöffnet und geschlossen, ein Fisch auf dem Trockenen, und dann den Whisky in einem Schluck hinuntergestürzt.

Stein betrachtete ihn jetzt ausdruckslos. Eine Null, ein Versager, fast tat es ihm leid um die Zeit, die er für diesen Schwachkopf opfern musste. Doch bei solchen Geschäften zahlte es sich aus, wenn man nicht sofort drohte, sondern erst einmal die Vorteile herausstrich. Deshalb nahm er die Blätter und Fotos wieder an sich und zerriss sie, Seite für Seite, Stück für Stück, in winzige Schnipsel.

«Möchten Sie noch einen Whisky?»

«Ja. Bitte.» Der Brillenträger wischte sich den Schweiß von der Stirn.

«Bitte, bedienen Sie sich.» Bei Geschäften trank er nicht.

Schwer atmend stand der Mann auf und goss sich einen gewaltigen Schluck ein. Schade um den schönen Whisky. Und Vorsicht bei einem Mann, der bei der ersten Belastung zur Flasche griff!

«So, dann können wir zum geschäftlichen Teil kommen. Ich biete Ihnen hunderttausend, fünfzig sofort, bar auf die Hand, wenn Sie es wünschen, und fünfzig, wenn unser Geschäft geklappt hat.»

«Welches Geschäft?» Sein Besucher flüsterte und wagte nicht mehr, Stein anzusehen.

«In den nächsten vierzehn Tagen wird eine Firma Schopfmeier Werkzeugmaschinen den Antrag auf Exportgenehmigung von 50 Hochdruckpumpen des Typs KM 13 stellen. Empfänger ist das pakistanische Ministerium für Landwirtschaft und Forsten, und dort die Abteilung VI, Forschung und Entwicklung.»

«Oh», stieß der Mann heraus, nur ganz kurz und erschrocken.

Stein lächelte knapp. «Ein Wiederaufforstungsprojekt an Steilhängen, die von der Erosion bedroht sind, Herr Doktor. Schwierig zu bewässern. Sehr grün, sehr ökologisch, von der Weltbank gefördert.»

Unter dem kaum vernehmbaren Hohn schrumpfte der Mann zusammen.

«Deswegen in bester Ausführung. Stahl mit hohem Nickel und Molybdän-Anteil. Die Begründung wird Sie überzeugen.»

Nach einer langen Minute nickte der Mann zaghaft. «Ja, ich verstehe.»

«Dann sind wir uns einig?»

«Was wird - was geschieht - die Unterlagen ...?»

«Ich denke, die behalte ich vorerst. Wir wollen doch sicher jedes mögliche Missverständnis vermeiden.»

Der Brillenträger begann zu zittern, und Stein musterte ihn voller Abscheu. Was für ein Jammerlappen! Wegen einer kleinen Nutte Urkunden fälschen und bei den Spesenabrechnungen betrügen! Es war einfach zu erbärmlich, zu alltäglich. Nein, er würde sich nicht wehren, keine Schwierigkeiten machen, alles abzeichnen und vertreten und oft an Selbstmord denken, aber dazu den Mut nicht aufbringen. Langsam zog er das Bündel aus dem Aktenkoffer.

«Fünfzig, Herr Doktor. Gebrauchte und saubere Scheine, Sie können sich auf mich so verlassen, wie wir uns auf Sie verlassen.»

 

 

Donnerstag, 30. April

Das Labor hatte sich die Kleidung der Auenteich-Leiche vorgenommen und auch etwas gefunden. Handgefertigte Schuhe aus Italien, Größe 42, ein Maßanzug, das Etikett war sorgfältig entfernt worden, und eine teure Schweizer Armbanduhr ohne verwertbare Hinweise oder unverwechselbare Kennzeichen. Achselzuckend heftete er alle Blätter in der Akte ab.

 

 

III.

Die blonde Frau öffnete geräuschlos die Wohnungstür um genau 10.04 Uhr. Der kleine dicke Mann mit dem schütteren Schnurrbart Stand bereits schwer atmend im Flur und nahm die beiden schweren Taschen hoch. Trotz seines Gewichtes und seiner plumpen Figur bewegte er sich geschmeidig und lautlos, sie lief barfuß und benutzte mit unendlicher Geduld den Schlüssel, um die Tür wieder zu schließen und dabei jedes Geräusch zu vermeiden. Erst als sie ihm zunickte, entspannte der Kleine sich und schnallte die Riemen der beiden Taschen auf. Den Namen des Kleinen kannte sie nicht, er wurde nur der Kleine oder der Dicke genannt, und das klang meist respektvoll. In den Taschen hatte er irgendwelche Geräte, jetzt zog er Kabel heraus, eine Mehrfachsteckdose, schloss seine Apparate an, wickelte einen Draht um die Telefonleitung, baute im Zimmer merkwürdige Metallrahmen auf, die wie verunglückte Wäscheständer aussahen, bediente leise und vorsichtig Schalter, als könne er bei einer falschen Bewegung eine Explosion auslösen. Zum Schluss setzte er Kopfhörer auf.

Der Anruf kam pünktlich um 10.53 Uhr. Nach dem letzten Blick auf die Uhr hatte der Kleine mit gerunzelter Stirn auf seine Geräte geschaut und grinste nun so breit, dass seine prächtigen falschen Zähne blitzten. Zwei kleine Lämpchen leuchteten, sie beugte sich über seine Schulter und sah, als das Telefon das zweite Mal läutete, wie die Zeiger auf drei Instrumenten ausschlugen.

Nach dem dritten Läuten nahm sie ab und sagte mit kehliger Stimme: «Hallo?»

«Britta? Hier ist Lutz. Können wir nicht doch noch einmal reden? In aller Ruhe? Schatz, Liebling, es war doch nur ...»

«Fick dich ins Knie», unterbrach sie ihn kalt und legte auf.

Der Kleine räumte sofort wieder zusammen, sein Äußeres täuschte, er war schnell und geschickt. Das Telefon läutete ununterbrochen, sie hielt sich die Ohren zu. Zum Schluss zeigte er ihr eine rote Karte, und sie nickte vergnügt.

So lautlos, wie er gekommen war, verließ er die Wohnung. Das lärmende Telefon überdeckte alle anderen Geräusche.

 

*

 

Kurz vor Dienstschluss klopfte es so zaghaft an seiner Tür, dass er verblüfft aufstand.

«Guten Tag, Herr Rogge, ich bin Franziska Seidel.»

«Guten Tag, Frau Kollegin. Kommen Sie doch herein.»

«Danke.» Sie setzte sich, und obwohl er sie aufmunternd anlächelte, wagte sie nicht, ihn direkt anzusehen. «Ich komme gerade vom Chef, ich sollte mich doch in dieser Woche vorstellen.»

Du meine Güte, was war los mit dem Weib?

«Herr Lutterbeck meinte, ich sollte mit Ihnen zusammenarbeiten, sozusagen Sabine Köhlers Stelle einnehmen.»

Herr Lutterbeck! Dem allgemeinen Gerücht nach war sie eine schwierige, aufmüpfige und unfreundliche Obermeisterin, kurz angebunden und jederzeit zu verbalen Rundumschlägen bereit. Und nun: Herr Lutterbeck! Wer nannte Lutterbeck noch bei seinem Familiennamen? Beinahe hätte er vor Erstaunen den Kopf geschüttelt. Lutterbeck. Er hieß der «eiserne Alfons», basta, so schüchtern konnte sie doch nicht sein?!

«Das ist okay», sagte er ruhig und nahm sich vor, Alfons den Kopf zu waschen. Wenigstens eine Andeutung hätte dieser blöde Hund machen dürfen, dass er die Seidel zu ihm abschieben wollte. «Und wie geht's sonst?»

«Beschissen», antwortete sie so heftig, dass er lächelte. «Am laufenden Meter quatschen mich Kollegen an. Ob ich mir das mit meiner Aussage wirklich gut überlegt hätte.»

Damit hatte er gerechnet. Schmittel und Heesen waren bei einer bestimmten Gruppe der Kollegen beliebt, die ihr polizeiliches Credo immer ungenierter verkündete. Mit Verbrechern musste man hart umspringen, und wer Gewalt wollte, sollte Gewalt bekommen, wo stand geschrieben, dass immer die Polizei das Opfer sein musste?! Und der Geier war ein brutaler Schläger, nach dem Ausbruch zudem bewaffnet, da hatte jeder Fahnder das Recht, nein, die Pflicht, schneller zu schießen als der Gesuchte.

Nach einer Weile hob sie trotzig den Kopf: «Die beiden haben den Geier nicht angerufen. Kein Wort. Wir, Prinz und ich, sollten zum Rangierhäuschen hinüberbrüllen, damit der Geier in Richtung von Schmittel und Heesen türmte. Aber vor der Ballerei hat kein Mensch einen Satz - nicht einmal ein Wort gerufen.»

Das stand bereits in ihrer Aussage, die sie vor dem Untersuchungsrichter beeidet hatte. Er wollte ihr nicht verraten, dass Lutterbeck bisher kein entlastendes Motiv für die überhastete Schießerei gefunden hatte. Nach wie vor behaupteten Schmittel und Heesen übereinstimmend, dass der Geier überraschend aus dem Häuschen herausgestürzt sei, als sich Schmittel gerade aufrichtete, um in den Schatten eines Rangiersignals zu springen. Wahrscheinlich - so ihre Interpretation - habe der Geier die Bewegung registriert. Und danach habe er sofort in seine Jacke gegriffen, sie konnten nur annehmen, dass er eine Waffe ziehen wollte, weshalb Heesen laut und deutlich gebrüllt habe: «Polizei. Mach keine Dummheiten, Geier.» Nicht korrekt nach Dienstvorschrift, aber unmissverständlich. Erst danach habe Schmittel geschossen, senkrecht in die Luft, ganz korrekt.

In den beiden Dienstwaffen fehlten zusammen sieben Patronen, und alle sieben Kugeln hatten sie gefunden: in der Leiche und in den Wänden des Rangierhäuschens. Sieben Patronen fehlten auch in der Bestandsliste der Dienstmunition. Erst in der zweiten Vernehmung gestand Schmittel widerstrebend, er habe eine Patrone - entgegen den Vorschriften - im Lauf gehabt, und richtig war, dass die beiden schon mehrfach Ärger wegen ihrer Dienstwaffen bekommen hatten; es stimmte auch, dass bei Durchsuchungen in beiden Wohnungen privat gekaufte Munition gefunden wurde. Aber Prinz und Franziska Seidel hatten beeidet: Nur sieben Schüsse. Lutterbeck hatte das Stück des Rangierbahnhofes regelrecht umgraben lassen: Nur sieben Kugeln und sieben Hülsen. Für den achten Schuss - oder den ersten Warnschuss - gab es keinen materiellen Beweis.

«Okay, Frau Seidel, Sie melden sich am kommenden Montag bei mir. Und bis dahin machen Sie sich noch ein paar schöne Tage.»

Als sie sich verabschiedet hatte und zur Tür ging, bemerkte er, dass ihr das Kleid ausgesprochen schlecht stand. Wahrscheinlich lief sie lieber in Hosen herum. Hartmut Prinz schob bereits in einem Revier Innendienst. Dort konnte er weniger Fehler begehen als bei der Fahndung. Und dort war auch die Chance geringer, ihm eine Falle zu stellen, etwas, was der misstrauische, zynische, kaltschnäuzige Lutterbeck den Freunden von Schmittel und Heesen durchaus zutraute und Rogge nicht leugnen konnte: «Die sind aus deinem Holz geschnitzt, Alfons!»

Der Eiserne hatte ihn finster gemustert und eine seiner Dampfhammer-Fäuste geballt.

 

 

Montag, 4. Mai

Franziska Seidel meldete sich pünktlich um acht Uhr bei ihm, und weil es im Moment partout nichts zu tun gab, drückte er ihr die Akte der Auenteich-Leiche in die Hand: «Lesen Sie's, und wenn Sie was finden, reden Sie mit mir.»

Ihr Zimmer, vorher von Sabine Köhler belegt, grenzte an seines, ein schmaler Schlauch, gerade eine Fensterachse breit. Den vorderen Teil benutzten sie als Aktenablage, und ein dicker Mensch musste aufpassen, dass er nicht an die Regale links und rechts stieß.

«Etwas klein», entschuldigte er sich, «aber dafür können Sie wenigstens die Tür schließen, wenn Sie ungestört sein wollen.»

Zerstreut murmelte sie etwas und linste auf das vergessene Klebebild an der Wand: Sabine und Frank.

Am Nachmittag rief Sollberg von der KTU bei ihm an: «Sag mal, hast du eine Neue?»

«Eine Neue, wie meinst du - ach so, ja, Sabine Köhler ist doch jetzt bei Dallon.»

«Aha! Also, nur mal privat, diese Seidel legt wenig Wert darauf, sich beliebt zu machen.»

«Tja, auch solche soll's geben.» Damit legte er rasch auf.

Weil ihn wenig in seine Wohnung zog, aß er in einem Bierkeller, bummelte durch die Innenstadt und stieg gegen 21 Uhr die Treppen hoch. Der kleine magere Mann, der auf der obersten Stufe vor seiner Wohnungstür saß, guckte ihm giftig entgegen: «Ich hab hier schon Wurzeln geschlagen. Seit wann arbeiten Sie so lange im Bullenstall?»

«Gar nicht», antwortete er gemütlich. «Aber du hättest anrufen können.»

«Nee, nicht in diesem Fall, das ist mir zu gefährlich.»

«Dann komm mal rein, du Ungeduldiger.»

Jonathan hatte sich vierzig Jahre als Trick- und Taschendieb durchgeschlagen, mit ehrlicher Handarbeit, wie er sich rühmte, einige Jahre davon auf Staatskosten gelebt und dann seinen Beruf wechseln müssen. Eine Brosche saß fester als vermutet, die Trägerin schrie, Jonathan floh und raste auf der Straße in ein Auto. Trotz langwieriger Behandlung heilte der Trümmerbruch seines rechten Beines nie mehr richtig aus, seitdem hinkte er leicht und musste das Bein schonen, schlechte Bedingungen für einen Job, der Schnelligkeit und Unauffälligkeit verlangte. Jetzt lebte er von der Sozialhilfe, den gut angelegten und noch besser versteckten Erträgen einiger lukrativer Aktionen und den Informationshonoraren, die er sich gelegentlich bei der Kripo verdiente. Vor fast zwanzig Jahren hatte Rogge ihn zum letzten Mal festgenommen, und seitdem herrschte ein schwer erklärbares Vertrauen zwischen ihnen.

«Ein Bier? - Oh, Mist, ich hab schon wieder vergessen einzukaufen.»

«Von Wasser wird mir übel.»

«Ich koch Kaffee.»

Wenn Jonathan zappelte, hatte er etwas auf dem Herzen, und Rogge wappnete sich mit Geduld.

«Zwei Bedingungen, Herr Rogge. Ich rede nur mit Ihnen, und das auch nur, wenn Sie mir vorher schwören, dass Sie mich völlig raushalten.»

«Schwören tu ich nicht, aber ich verspreche es.»

«Na schön. Meinetwegen. Es geht um den Geier.»

Trotz aller Beherrschung fuhr Rogge zusammen.

«An dem Abend, als Ihre beiden Rabauken ihn umgenietet haben, war ich mit dem Geier verabredet.»

«Jetzt fantasierst du!»

«Nix! Die reine Wahrheit.»

«Du und der Geier?»

«Moment, Moment. Ich hab den Waldemar nie gesehen, hatte natürlich von ihm gehört, aber nie was mit ihm zu tun gehabt. Zwei oder drei Tage nach seinem Ausbruch spricht mich eine Nutte an, in meiner Kneipe. Ob ich mir einen Tausender verdienen wollte.»

Gegen Geld hatte Jonathan nichts, das war allgemein bekannt.

«Was ich für die Moneten tun sollte, hat sie mir nicht gesagt. Ich sollte mich um Mitternacht mit einem Mann treffen, der gewisse Schwierigkeiten hätte, und dabei ...»

«Wo treffen?»

«In dem Rangierhäuschen. Auf dem Güterbahnhof Nord.»

«Jonathan, wenn du mir einen Bären aufbindest, gibt's mächtigen Ärger.»

«Nun regen Sie sich doch nicht vorzeitig auf! Zwei Blaue, wenn ich zusagte, zum Güterbahnhof zu kommen. Und einen Riesen, wenn ich dem Mann helfen wollte.»

«Hat sie den Namen des Mannes genannt?»

«Nee. Und ich weiß auch nicht, ob ich hingegangen wäre, wenn ich gewusst hätte, dass es der Geier war.»

«Willst du etwa behaupten, dass du bei der Schießerei ...»

«Nun seien Sie doch nicht so ungeduldig! Ich hatte mich verspätet, das Bein machte wieder mal Sperenzchen, ich war kurz nach Mitternacht in der Rottenkuhlstraße und seh da zwei leere Autos parken. Mit Funkgeräten. Na, hab ich mir gedacht, das war ja wohl nicht vereinbart, hab kehrtgemacht und ziemlich Gas gegeben, als es plötzlich losbummerte.»

Rogge holte so tief Luft, dass Jonathan sich beeilte.

«Zur Schießerei selbst kann ich nichts sagen. Und dass der Geier dabei seine Flügel angelegt hat, hab ich erst aus der Zeitung erfahren.»

«Warum bist du nicht gleich zu mir gekommen?»

«Nee, nee, erst sollte mal ein Hauch von Gras über die Sache wachsen. Und dann: Was hätt ich Ihnen denn erzählen sollen?»

«Was du jetzt erzählst.»

«Das wär doch ein bisschen wenig, nicht wahr, Herr Rogge? Oder würden Sie mir dafür einen Blauen zukommen lassen?»

«Kaum», stimmte er zu.

«Ich hab die Nutte gesucht, die mich zum Bahnhof geschickt hat. Und hab sie gefunden.»

Eine lange Minute starrten sie sich an, Rogge voller Misstrauen,

Jonathan mit dem harmlosen Lächeln, das früher die Opfer seiner Tricks so getäuscht hatte.

«Sie arbeitet im <Bumsfidel>. Hinter dem Bahnhof. Das ist so eine Oben-ohne-Bar.»

«Was hast du in solchen Schuppen verloren?»

«Nichts. Ist nicht meine Kragenweite. Aber ich hab sie auf der Straße gesehen und bin ihr nachgegangen. Bis sie in dem Laden verschwand und nicht wieder herauskam.»

«Rein zufällig getroffen, wie?»

«Unsinn! Aber ich weiß doch, wo ich solche Damen suchen muss.»

«Um mir einen Gefallen zu tun?»

Darauf lächelte Jonathan etwas zu pfiffig: «Man muss nicht immer widersprechen - oder?»

«Wie sie heißt, weißt du nicht?»

«Nein. Aber sie ist groß, sehr groß für eine Frau, hat blonde, ganz kurz geschnittene Haare. Wie so ein Streichholzkopf.»

Von Lutterbeck wusste er, dass der immer noch nach dem Versteck des Geiers suchte. Gut möglich, dass Waldemar Taube bei einer früheren Freundin untergeschlüpft war. Und dann versucht hatte, über Jonathan mit bestimmten Personen Kontakt aufzunehmen. Vielleicht sogar mit der Polizei; im Milieu wurde nämlich gemunkelt, Jonathan besitze gute Drähte zu einzelnen Kripobeamten. Obwohl es wahrscheinlicher war, dass Jonathan einen früheren Kumpel des Geiers bewegen sollte, dem von der Polizei Gesuchten zu helfen. Bei der Flucht oder einem neuen Versteck oder gefälschten Papieren.

«Weiß irgendein Mensch, dass du mit dem Geier zusammentreffen solltest?»

«Nein, nur diese lange Blonde. Und jetzt Sie.»

Wahrscheinlich sagte Jonathan die Wahrheit. Einen Versuch war es wert. Leise seufzend stand er auf und holte einen Hunderter aus dem Portemonnaie. Die Gerechtigkeit hatte ihren Preis.

«Ich werd's Lutterbeck erzählen müssen - nein, nein, du hast mein Wort, dein Name fällt nicht. Und wenn diese Blonde aussagen sollte, dass sie sich mit dir getroffen hat, werde ich dafür sorgen, dass dein Name nicht protokolliert wird.»

«Kann ich mich darauf verlassen?»

Rogge schaute ihn erstaunt an. Zum ersten Mal verriet Jonathan Angst, nicht die verständliche Unruhe, bei einem Treffen mit der Kripo gesehen zu werden, sondern richtige Angst.

«Mein Wort, Jonathan.»

 

*

 

Lutterbeck schnaufte erleichtert: «Na, Gott sei Dank, Jens. Endlich ein Lichtblick. Wie lange hat so eine Bar wohl geöffnet?»

«Für ein paar Stunden Schlaf reicht es allemal.»

Sie arbeiteten selten zusammen an einem Fall, aber Schmittel und Heesen hatten mehr Skandal ausgelöst als befürchtet, die Zeitungen schäumten, statt sich zu beruhigen. Lobisch von der Pressestelle reagierte hilflos, und unter den Kollegen brodelte es. Vertrauen ist gut, Misstrauen ist besser, denn Lobische haben kurze Beine, pflegte Lutterbeck zu deklamieren, und wenigstens in diesem Fall mochte Rogge ihm nicht widersprechen.

Die Straße war schmal und düster. Die Häuserzeile mit diversen Lokalen, die alle schon geschlossen hatten, Schnellimbissen und Geschäften stieß direkt an das hochliegende Bahnhofsgelände. Auf der anderen Seite lag ein offenes Parkhaus, die Neonröhren der einzelnen Stockwerke gaben etwas Licht. Nur am Eingang des «Bumsfidel» brannten diskret zwei stilisierte Kutschenlampen. Um diese Zeit war kein Mensch mehr auf den Straßen, und selbst vom Bahngelände kam kein Laut.

«Wer geht rein und schaut nach, ob die Type wirklich noch drin ist?»

Rogge winkte ab: «Ich hab schon einen Hunni für Jonathan löhnen müssen.»

«Aber mich erkennt jeder sofort als Bullen.»

«Dann warten wir hier brav.»

Kurz nach drei erloschen die beiden Kutschenlampen. Zuerst erschien ein Mann unter der Tür, der mit gefährlicher Schlagseite davontaumelte. Zehn Minuten später fuhren zwei Taxen vor, Rogge nahm das Glas und diktierte Lutterbeck die Kennzeichen. Wenig später verließen vier Frauen und ein Mann das Lokal, der Mann schloss ab und ging zu Fuß fort.

Aus dem Schatten der Parkhaus-Einfahrt konnte Rogge die Frauen mühelos beobachten. Sie standen noch zusammen und schienen miteinander zu streiten. Eine kleine, zwei durchschnittlich große und eine tatsächlich ungewöhnlich lange Frau; sie trug eine Pudelmütze, die sie tief in die Stirn gezogen hatte, ihre Haare waren verdeckt.

Die mittelgroßen Frauen stiegen in das vordere Taxi, die beiden anderen nahmen den zweiten Wagen.

«Los, Alfons, sie sitzt in dem Taxi AL.449.»

Die Buchstaben sollte sich Alfons Lutterbeck merken können, dachte er amüsiert. Ihre Wagen hatten sie um die Ecke geparkt, er hörte, wie Alfons den Motor anließ, und als das Taxi in die Korener Straße einbog, fuhr Lutterbeck an ihm vorbei. Er winkte und ging langsam zu seinem Auto.

Auf der Korener Straße griff er zum Mikrophon, und Lutterbeck meldete sich sofort. «Korener Straße Richtung Schloss.»

«Okay, ich schließe auf und löse dich ab.»

Eine Minute später überholte er Lutterbeck, der schon blinkte und in eine Parallelstraße abbog. Das Taxi fuhr die zu dieser Tageszeit übliche Geschwindigkeit von 70km/h, bremste an der Kreuzung Korener Straße - Baulandring und bog ohne Blinker nach rechts ab.

«Abgebogen in den Baulandring Richtung Innenstadt.»

«Okay, ich übernehme sie an der Einmündung Göbenweg.»

Rogge ließ sich zurückfallen und lachte laut auf, als der eiserne Alfons fluchte: «Verdammt, das Taxi ist in den Göbenweg eingebogen.»

«Fahr weiter und warte auf dem Baulandring, ich übernehme.»

Der Göbenweg gehörte zu einem Viertel, das in den fünfziger Jahren errichtet worden war, sozialer Wohnungsbau, hohe Häuser, schmale Straßen und verkümmertes Grün.

«AL hält ... Moment ... die Kleine steigt aus, ja, die Kleine, Nummer 126 oder 128 ... ich überhole und warte an der nächsten Ecke.»

Ein schleichendes Auto auf der aussichtslosen Suche nach einem Parkplatz fiel hier nicht auf, an der nächsten Kreuzung kurbelte er ungeschickt und wurde keine dreißig Sekunden später von dem ungeduldigen Taxifahrer angeblinkt, machte Platz und meldete vergnügt: «AL fährt Elsastraße Richtung Innenstadt. Warte einen Moment.»

Mit großem Abstand folgte er dem Wagen.

«AL biegt ab in die Semmlergasse Richtung Baulandring.»

«Danke, ich übernehme.»

Die beiden Frauen hatten sich ein Taxi geteilt, ganz normal, und jetzt würden sie in aller Ruhe ihrer großen Blonden folgen.

«So, ich hab sie wieder, nach links in den Baulandring Richtung Schloss abgebogen.»

Gegen zwei erfahrene Beschatter, die sich über Funk verständigen konnten, hatte keiner eine Chance; Rogge schmunzelte und pfiff unmelodisch vor sich hin, die Sache begann, ihm Spaß zu machen. Wie lang war das her, dass er einen Verdächtigen per Auto beschattet hatte? Der Schreibtisch war bequemer, keine Frage, aber auch langweiliger.

Das Taxi fuhr am Schloss vorbei, verließ den Baulandring und steuerte Richtung Willingen. Die Häuser wurden niedriger, die ersten Kleingartenanlagen kamen rechts und links in Sicht, Willingen hatte immer einer geordneten Bebauung getrotzt und galt nun als unkonventionell, etwas heruntergekommen und unübersichtlich, keine gute Adresse, doch nicht verrufen. Wenn die Blonde tatsächlich hier wohnte, hatte sich der Geier gut bei ihr verstecken können.

Die Bremslichter leuchteten auf, Rogge schaltete im letzten Moment und zog in einem etwas gewagten Manöver nach links.

«Oleanderweg, Vorsicht, sie steigt wohl aus.»

«Kein Problem, ich komm aus der Gegenrichtung.»

Im Rückspiegel sah er Lutterbeck an der Einmündung vorbeifahren.

«Die Hausnummer habe ich nicht lesen können, aber ich habe sie noch hineingehen sehen.»

«Gut. In zehn Minuten.»

Das Taxi wendete mit unnötig viel Gas auf dem schmalen Weg und brauste hinter ihm Richtung Innenstadt vorbei. Als das Geräusch verklungen war, rauschte die Stille in seinen Ohren. Hier war es kühler als in der Stadt, und die Luft roch noch sauber.

Mit der Beleuchtung hatte die Verwaltung gespart, die nächste Laterne stand gut hundert Meter entfernt, und ihm fiel wieder einmal auf, dass es in der Stadt nie richtig dunkel wurde. Manchmal vermisste er die kalten, dunklen, ruhigen Nächte, an die er sich noch aus seiner Jugend erinnerte, aber er traute sich nicht, solche Sentimentalität auszusprechen.

Alfons schlug sich mit der Faust an die Brust: «Auf in den Kampf, Torero.»

Das Häuschen lag in einem großen, sichtlich verwilderten Garten, den eine übermannshohe Hecke zur Straße hin abschirmte, sie balancierten über schwankende und löcherige Steinplatten zur Haustür; Rogge schüttelte energisch den Kopf und schob Alfons zur Seite: «Das ist dein Fall, brich du dir den Hals.»

«Freunde muss man haben!»

Das Dumme an freistehenden Häusern war, dass sie meist auch einen Hinterausgang besaßen, und sie wussten nicht, wie die Blondine reagieren würde. Oder ob sie sich wirklich allein in dem Häuschen aufhielt.

Nach zwei Minuten drückte Rogge auf den Klingelknopf. Drinnen schrillte es laut und durchdringend, er bummerte mit der Hand gegen die Tür, die Staatsgewalt ist immer mit Lärm verbunden, grinste er in sich hinein.

Keine halbe Minute später wurde im Haus Licht gemacht. Er hörte Schritte, die näher kamen, dann wurde die Tür einen Spalt geöffnet, er sah die straffe Sperrkette.

«Verdammt, wer sind Sie denn? Was wollen Sie um diese Zeit?»

Er hielt ihr seinen Dienstausweis hin: «Kriminalpolizei. Mein Name ist Rogge, wir müssen unbedingt mit Ihnen sprechen.»

«Kripo? - Jetzt? - Wir?»

«Ja. Ich bin nicht allein. Wenn Sie uns nicht hereinlassen, müssen wir Sie auf's Revier mitnehmen.»

«Warum denn das?»

Ihr Gesicht konnte er noch nicht sehen, aber ihre Stimme verriet wachsende Unsicherheit.

«Das erzählen wir Ihnen, wenn Sie uns hereinlassen.»

«Scheiße», flüsterte sie, aber die Tür wurde etwas zugeschoben, eine Kette rasselte, und er pfiff leise. Dann zog sie die Tür weit auf.

«Wissen Sie eigentlich, wie spät es ist?»

«Ja. Tut mir leid, aber es geht nicht anders.»

Jonathan hatte sich nicht geirrt, sie war wirklich groß, über 1,80 Meter, und die blonden Haare waren so kurz geschnitten, dass sie sich nicht entscheiden konnten, ob sie liegen oder stehen sollten. Ohne den harten, verdrossenen Zug um Mund und Augen hätte sie ein hübsches Gesicht gehabt, und die gespannte Vorsicht, mit der sie Lutterbeck und Rogge taxierte, machte sie alt.

«Um was geht's denn?», fragte sie endlich nervös.

Lutterbeck war schon auf dem Weg ins Wohnzimmer, notgedrungen folgte sie ihm. Innen wirkte das Häuschen noch kleiner als von außen, das Mobiliar des Wohnzimmers bestand aus vier Sesseln und einer großen Stereoanlage, mehr hätte auch nicht in den Raum hineingepasst.

«Wie heißen Sie eigentlich?», polterte Lutterbeck drohend. Rogge seufzte heimlich, Alfons wollte also Theater spielen, er der grobe Bulle, Rogge der mitfühlende Mensch. Hoffentlich war sie nicht so ausgekocht, wie sie aussah.

«Wilma. Wilma Schulte.» Bei den Worten zog sie den langen Morgenmantel enger um sich und wusste nicht, wie viel sie mit dieser Bewegung verriet.

«Sie waren eine Freundin des Geiers.»

Die Worte trafen sie wie ein Schlag ins Gesicht, sie zuckte zusammen, schien dann aufspringen zu wollen, sank aber zurück und wurde bleich. Treffer, jetzt war Rogge an der Reihe.

«Frau Schulte, wir vermuten, dass sich Waldemar Taube nach seinem Ausbruch hier bei Ihnen versteckt hat.»

Das kurze Flackern in den Augen konnte sie nicht unterdrücken, es war so gut wie eine Bestätigung.

«Wir sind nicht gekommen, um Ihnen deswegen Schwierigkeiten zu machen. Allerdings erwarten wir jetzt ein paar ehrliche Auskünfte.»

Das freundliche Angebot, und gleich darauf die Drohung, nur wirklich erfahrene Knastologen ließen sich durch dieses Spiel nicht einschüchtern. Lutterbeck knurrte: «Sie wissen, dass der Polizist schwer verletzt ist. Versuchter Mord, Verehrteste. Und was Sie getan haben, nennt man Beihilfe nach der Tat.»

Lutterbeck zeigte seine riesigen Zähne, Rogge lächelte aufmunternd, sie schaute von einem zum anderen und wurde weich: «Waldi wollte nicht schießen, bestimmt nicht.»

Details

Seiten
325
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738907643
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
lauscher wand
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Titel: Der Lauscher an der Wand