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Western Großband Februar 2017: Fünf Romane

von Alfred Bekker (Autor:in) Larry Lash (Autor:in) U. H. Wilken (Autor:in) Wolf G. Rahn (Autor:in)
2017 500 Seiten

Leseprobe

Western Großband Februar 2017: Fünf Romane

Dramatische Western aus einer beispiellos harten Zeit. Männer im Kampf um Recht und Rache in einer Epoche, deren Gesetz der Colt schrieb. Top-Autoren des Wildwest-Roman-Genres haben diese Geschichten in Szene gesetzt. Aufrechte Männer, hinterhältige Schurken und atemberaubend schöne Frauen spielen hier die Hauptrollen.

Dieses Buch enthält folgende Western:

Alfred Bekker: Sonora-Geier

Larry Lash: Trent McShanes Schatten

U. H. Wilken: Marshal Tod

U.H. Wilken: Sarita – die schöne Mörderin

Wolf G. Rahn: Todeszug nach Green River

––––––––

Cover: Firuz Askin

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

SONORA-GEIER

Western-Roman von Alfred Bekker

––––––––

Satteltramp Jeff Corley im Kampf gegen Vigilanten und Banditen - An Bord des Flussdampfers COLORADO QUEEN erfüllt sich das Schicksal eines Revolvermanns.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

1

Eine plötzliche Bewegung und ein schwarzer Schatten hoch oben, bei den Felsspitzen...

Ein unmenschlicher Schrei holte den einsamen Reiter aus der Lethargie heraus, die sich fast automatisch einstellte, wenn man, wie er, stundenlang bei vor Hitze flimmernder Luft im Sattel zugebracht hatte.

Jeff Corley sah zu den schroff und zackig in den azurblauen Himmel ragenden Felsen hinüber und zog sich die Hutkrempe ins Gesicht.

Corleys Augen wurden zu schmalen Schlitzen, als er gegen die hochstehende Sonne blinzelte.

Es war ein tierischer Schrei, den Corley gehört hatte. Über den Felsen sah der Reiter den dunklen, schemenhaften Umriss eines großen Vogels kreisen.

Ein Geier!

Das mächtige Tier krächzte erneut, und es konnte aller Erfahrung nach nicht allzu lange dauern, bis weitere Aasfresser angelockt würden. Corley ließ seinen Braunen stoppen und überlegte einen Moment. Ein kreisender Geier konnte alles Mögliche bedeuten. Vielleicht war irgendwo ein halbwildes Rind durch die Trockenheit zu Grunde gegangen oder ein Puma hatte Beute gerissen und jetzt gönnten ihm die Aasfresser seine Mahlzeit nicht...

Aber genauso gut konnte es sein, dass da jemand in einer misslichen Lage war und dringend Hilfe brauchte. Ein Verletzter vielleicht, oder einer, dem das Pferd gestorben und das Wasser ausgegangen war...

Die Geier waren immer die ersten, die erkannten, wann es mit einem Lebewesen zu Ende gehen würde. Sie hatten einen Instinkt dafür, und sie hatten Geduld. Stundenlang warteten sie, bis ihr Augenblick gekommen war...

Corley wusste, dass es seine Pflicht war, nach dem Rechten zu sehen.

In der Wildnis musste jeder jedem helfen, das war ein ungeschriebenes Gesetz - auch wenn sich lange nicht alle daran hielten.

Aber für Jeff Corley war das keine Frage und so trieb er den Braunen voran.

Nach kurzer Zeit hatte er das zackige Felsmassiv umrundet. Wenig später sah er dann, worauf es der Geier abgesehen hatte.

Es war ein Bild des Grauens!

Corley sah einen Wagen, dessen hintere Achse gebrochen war und der jetzt schräg im heißen Sand stand.

Es war ein Vierspänner gewesen. Die Deichsel ragte in Stück nach oben.

Von den Pferden sah Corley keine Spur.

Im Sand verstreut lagen die zum Teil merkwürdig verrenkten Leichen von acht Männern. Ein kurzer Blick genügte Corley, um zu wissen, dass hier ein mörderischer Kampf getobt haben musste.

Die Männer waren allesamt erschossen worden. Manche von ihnen lagen auf dem Bauch und hatten den Rücken blutrot. Es machte ganz den Anschein, als wären sie in einen Hinterhalt geraten und von hinten aus dem Sattel geschossen worden. Andere schienen gerade noch Gelegenheit gehabt zu haben, ihre Eisen zu ziehen.

Aber viel hatte ihnen das nicht genutzt.

Ihre Augen standen zumeist weit offen und waren von Schrecken gezeichnet. Sie hatten kaum die Situation erfassen können und waren schon tot gewesen, so wirkte es auf Corley, der jetzt von seinem Pferd herunterstieg.

Jeff Corleys Hand ging instinktiv zu dem Revolvergriff, der an der Hüfte aus seinem tiefgeschnallten Holster ragte. Sein Blick glitt über die Umgebung, denn er wusste, dass die Gefahr vielleicht noch nicht vorbei war.

Was hier geschehen war, konnte noch nicht allzulange her sein, denn sonst hätten die Geier sich längst in Scharen über diese Beute hergemacht.

Die Gefahr, die für die acht erschossenen Männer einen grausamen Tod nach kurzem, aussichtslosen Kampf bedeutet hatte, konnte noch immer gegenwärtig sein.

Aber Corley konnte nirgends etwas sehen.

Dennoch - zur Sicherheit blieb Corleys Hand bei dem Revolvergriff an seiner Seite.

Diejenigen, die für dieses Schlachtfeld verantwortlich waren, mussten sämtliche Pferde mitgenommen haben und es schien so, als hätten sie auch einige der Waffen ihrer toten Gegner eingesammelt.

Aber darauf konnten es diese Bestien unmöglich allein abgesehen haben. Ein solches Blutbad für ein paar Waffen und Pferde anzurichten, das war zumindest ungewöhnlich. Und dann sah Corley einen Augenblick später den eigentlichen Grund. Auf der anderen Seite des Wagens lag eine aufgebrochene Stahlkassette. Sie war selbstverständlich leer, aber ein Stück weiter im Sand fand Corley dann ein kleines Papierband, das alles erklärte.

Es war eines jener Papierbänder, mit denen Banken üblicherweise abgezählte Packen von Scheinen zu bündeln pflegten.

Corley nahm das Papier auf. Es stammte von einer Bank in Dutton, Arizona.

Ein Geldtransport also, dachte Corley.

Und acht bewaffnete Männer hatten nicht ausgereicht, um zu verhindern, dass ein paar skrupellose Banditen sich die Dollars unter den Nagel reißen konnten!

Corley zuckte mit den Schultern.

Für diese Männer konnte er nichts mehr tun.

Nichts, außer einer Sache.

Er ging zurück zu seinem Braunen und griff zu dem Klappspaten, den er hinten am Sattel hatte. Die Toten sollten ihre letzter Ruhe finden und dafür wollte Corley sorgen, auch wenn es es in der erbarmungslosen Hitze eine ziemliche Plackerei werden würde.

Mochten sich die Geier anderswo ihre Mahlzeit suchen!

Aber Corley hatte noch nicht die Schnalle gelöst, die den Klappspaten am Sattel festhielt, da vernahm er ein verräterisches Geräusch irgendwo in seinem Rücken. Instinktiv war ihm von der ersten Sekunde an klar, dass für diesen Laut weder Geier noch Coyoten verantwortlich waren - es sei denn solche, die auf zwei Beinen zu gehen pflegten. Aus mehreren Richtungen kam etwas an Corleys Ohren. Mit den Augenwinkeln nahm er zwischen den Felsen eine flüchtige Bewegung war.

Corleys Hand ging jetzt vom Klappspaten aus fast unmerklich ein Stück weiter zum Scubbard, aus dem der Kolben eines Winchester-Gewehrs ragte.

Mit einer blitzartigen, entschlossenen Bewegung hatte Jeff Corley die Waffe herausgerissen und durchgeladen. Als er dann herumwirbelte, blickte er in von abgrundtiefem Hass gezeichnete Gesichter und blanke Revolvermündungen.

2

Was dann geschah, ging unwahrscheinlich schnell vor sich und Jeff Corley wusste, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing.

Das Krachen der Revolver, das Aufblitzen der Mündungsfeuer, das alles ahnte Corley um den Bruchteil einer Sekunde voraus und warf sich zur Seite, während rechts und links von ihm die Kugeln einschlugen.

Sein Pferd stob wiehernd zur Seite, während Corley noch im Fallen die Winchester krachen ließ.

Ein Dutzend Reiter waren mit gezückten Waffen hinter den Felsen hervorgekommen und hatten Corley ins Visier genommen. Den ersten von ihnen erwischte er am Arm, sodass er laut aufschrie und seine Waffe in den Staub fiel. Das Pferd des Mannes richtete sich wiehernd auf und er hatte einige Mühe, oben zu bleiben.

Aber da waren noch all die anderen, die jetzt ein wahrhaft wütenden Kugelhagel in Corleys Richtung schickten. Der Sand wurde dutzendfach zu kleinen Staubfontänen aufgewirbelt, während die Kerle in einem wilden Sturmangriff heranpreschten.

In den Augen dieser Männer blitzten Wut und Zorn. Corley hatte nicht die geringste Ahnung, wer sie waren oder was sie wollten.

Es war nur sein Glück, dass sie in ihrer Mehrheit wohl nur mittelmäßige Schützen waren.

Mit einem Hechtsprung beförderte Corley sich hinter den halb umgestürzten Wagen, während das Blei durch das Holz splitterte.

Zunächst musste Corley den Kopf einziehen, so wütend war das Revolverfeuer, das auf ihn niederprasselte. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er es dann wieder wagen konnte, kurz aus seiner Deckung hervorzutauchen und erneut seine Winchester sprechen zu lassen.

Corley war ein schneller und sicherer Schütze. Er holte mit einem kurz gezielten, guten Schuss einen der Männer aus dem Sattel.

Der Kerl wurde an der Schulter erwischt und durch die Wucht des Geschosses nach hinten gerissen. Als er dann unsanft auf dem Boden landete, rührte er sich zwar noch, schien aber kampfunfähig zu sein.

Indessen hatte sich die heranpreschende Gruppe geteilt. Die Angreifer waren in einem Bogen um den Wagen herumgeritten und hatten Corley auf diese Weise praktisch eingekreist.

Einen Sekundenbruchteil nur, nachdem Corley aus der Deckung hervorgetaucht war, spürte er plötzlich einen unangenehmen Ruck.

Instinktiv wollte er die Winchester in die Höhe reißen und erneut feuern, aber das ging nicht mehr.

Eine Lassoschlinge hatte sich um seinen Oberkörper gelegt und und sich blitzschnell zugezogen.

Corley wurde nach hinten gerissen, die Winchester glitt ihm aus der Hand und dann schrammte er rau ein paar Dutzend Meter über den Boden. Sie schleiften ihn einfach hinter sich her.

Der trockene Boden war zum Teil hart und rissig. Steine schrammten Corley die Haut auf.

Als sie endlich anhielten, blickte Corley erneut in hassverzerrte Gesichter.

Einer der Männer hatte den Revolver auf ihn gerichtet und zog den Hahn nach hinten.

"So, du Bastard! Jetzt hat dein letztes Stündlein geschlagen!"

Es war ein vierschrötiger Mann mit Sommersprossen und und einem grobgeschnittenen Gesicht, der das sagte. Und er bleckte dabei die Zähne wie ein Raubtier.

Corleys Revolver war bei der Schleiferei aus dem Holster gerutscht und so hatte nicht den Hauch einer Chance. Er hatte sich keuchend erhoben und stand jetzt wehrlos vor diesen Männern. Ohnmächtig ballte er die Hände zu Fäusten. Es gab nichts, was er tun konnte.

Er war seinen Gegnern völlig ausgeliefert. Sie konnten mit ihm tun, was ihnen beliebte.

Corley wollte etwas sagen, aber bevor auch nur eine einzige Silbe über seine Lippen kam, krachte bereits der Revolver des Sommersprossigen.

Der Schuss ging dicht vor Corleys Füße und schlug dort in den Boden. Trockener Staub wurde aufgewirbelt.

Einer der anderen Männer hatte seinen Gaul einen Schritt nach vorn machen lassen und war dem Vierschrötigen in die Parade gefahren. Er hatte ihm einfach den Revolverarm nach unten gedrückt, fast genau in dem Moment, in dem der Schuss losging.

Der Vierschrötige fluchte lauthals.

"Was soll das, Justin! Verdammt nochmal, was fällt dir ein?"

Der Mann, der Justin hieß, war älter als die anderen. Sein Haar war silbergrau, sein Gesicht hager. Er schien so etwas wie eine natürliche Autorität zu besitzen.

"Ich bin hier der Boss, Hiram! Das sollte hier niemand in Zweifel zu ziehen wagen!"

Seine Stimme war befehlsgewohnt und sicher, seine Züge hart. Er wandte sich Corley zu und unterzog ihn einer kritischen Musterung.

"Warum willst du diesen Hund am Leben lassen! Acht Männer waren bei dem Transport für die Bank! Und sie alle sind tot! Und hast du vergessen, wie brutal diese Bande die McQuire-Ranch überfallen hat? So viele haben schon dran glauben müssen und jetzt haben wir endlich einen dieser verfluchten Hunde... Und verdammt, so wahr ich hier stehe, er soll soll für alles bezahlen, Justin!"

Hirams Stimme bebte vor Erregung.

Tränen des Zorns rannen dem sommersprossigen Mann über die Wangen.

Corley begann zu dämmern, dass hier schreckliche Dinge geschehen sein mussten, Dinge von denen er keine Ahnung hatte. Aber nun schien es, als steckte er bis zum Hals in dieser Sache drin - gleichgültig, ob es ihm nun gefiel oder nicht. Justin deutete auf den sommersprossigen Mann namens Hiram und wandte sich dann an Corley.

"Dieser Mann hat allen Grund, dich zu hassen, Hombre! Er wollte eigentlich in ein paar Wochen heiraten! Aber die Frau, die mit ihm verlobt war, war Dan McQuires Tochter und sie starb bei diesem brutalen Überfall auf die Ranch ihres Vaters! So wie fast alle anderen, die dort gelebt haben!"

"Damit habe ich nichts zu tun", erklärte Corley gelassen. Aber sein Gegenüber spuckte nur verächtlich aus.

"Feige Ausreden!"

Justins Augen schienen grau und kalt zu sein. Und unerbittlich.

Er stieg langsam von seinem Gaul herunter und trat ein paar Schritte an Corley heran.

"Weißt du, warum du noch lebst, du Hundesohn?", zischte seine Stimme gefährlich.

Corley wusste, dass er nichts mehr zu verlieren hatte.

"Ich weiß überhaupt nichts", erklärte er wahrheitsgemäß und so ruhig, wie das in dieser Lage möglich war. "Ich weiß nicht, worum es hier geht oder weshalb Sie und Ihre Leute mich angegriffen haben! Und von den Überfällen, von denen Sie gesprochen haben, höre ich zum ersten Mal. Ich bin lediglich auf der Durchreise..."

Blitzschnell war Justin dann noch einen Schritt näher gekommen. Und ehe Corley sich versah, hatte ihm sein Gegenüber auch schon einen furchtbaren Fausthieb versetzt, der ihn der Länge nach hinstreckte.

"Ich mag es nicht, wenn man mich belügt!", sagte Justin kalt. "Merk dir das!"

"Sofort aufhängen!", meinte einer der anderen Männer. Aber Justin winkte ab und schüttelte energisch den Kopf.

"Er wird bekommen, was ihm zusteht, Leute! Er wird hängen, so wahr ich hier stehe! Aber erst dann, wenn er uns ein paar Dinge verraten hat, die uns weiterhelfen! Schließlich nützt es uns nichts, wenn wir uns an einem dieser Kerle schadlos halten!"

"Die Bande hat meine Frau umgebracht und meine Farm niedergebrannt!", kam es von einem der Männer zornig zurück.

"Wenn wir diese Bande besiegen wollen, dann müssen wir unseren Verstand gebrauchen, Leute! Rache ist ein Gericht, das man kalt ist! Merkt euch das!"

Die Kerle knurrten etwas vor sich hin, das Justin als Zustimmung zu deuten schien.

Justin atmete tief durch.

Er schien sich jetzt wieder ziemlich sicher sein, den aufgebrachten Haufen, der ihm folgte, einigermaßen unter Kontrolle zu haben.

Der graue Wolf wandte sich an Corley und wandte ihm einen verächtlichen Blick zu.

"Es liegt an dir, Hombre!"

Corley verzog das Gesicht und erhob sich mit einiger Mühe wieder. Die Arme konnte er dabei kaum zu Hilfe nehmen, da die festgezurrte Lasso-Schlinge ihn praktisch fesselte.

"Wie es aussieht, werdet ihr mich ohnehin töten - ohne mich auch nur anzuhören oder mir eine Chance zu geben!" Justin lachte hässlich und freudlos.

"Man kann auf verschiedene Art und Weise sterben, Hombre! Wir können dich einfach aufhängen und - aus! Dann geht es verhältnismäßig schnell für dich! Aber wir können dich auch vorher so zurichten, dass du wünschen wirst, nie geboren worden zu sein!"

Der Mann, der das Lasso hielt, das nach wie vor straff um Corleys Oberkörper geschlungen war, ließ seinen Gaul einen Schritt zur Seite traben, sodass Corley erneut zu Boden ging.

Justin ließ seine Stiefelspitze nach vorne schnellen und verpasste dem am Boden Liegenden einen brutalen Tritt in die Seite.

"Du hast die Wahl, Fremder!"

3

"Hier sind Spuren!", rief einer der Kerle. "Sie führen nach Süden!"

Der graue Justin nickte und bleckte dabei grimmig die Zähne.

"Natürlich...", murmelte er. "Wohin auch sonst... Sie werden versuchen, so schnell wie möglich über die Grenze zu verschwinden, so wie sie es immer tun!"

Dann hob er er beschwörend die Hände und augenblicklich sagte keiner aus der Meute noch ein Wort.

"Hört her, Männer, wir werden uns aufteilen. Norris und Watkins reiten mit den Verletzten und dem Gefangenen zurück in die Stadt. Der Rest folgt mir! Wir dürfen keine Zeit verlieren! Vielleicht holen wir sie noch ein!"

"Okay, Justin!", kam es von den Männern zurück. Justin überprüfte den Sitz des Revolvers an seiner Seite und murmelte: "Es wird zwar das Problem nicht auf Dauer lösen, wenn wir sie tatsächlich kriegen... Aber es kann in keinem Fall schaden, sie ein bisschen zu dezimieren!" Unterdessen machten sich zwei Männer daran, Corley rau zu packen und zu fesseln.

Dann nahmen sie ihn und legten ihn wie eine Leiche über den Rücken seines Pferdes

"Du wirst noch dein blaues Wunder erleben!", zischte einer von ihnen. Es war der größere von beiden. Ein stämmiger, hochgewachsener Mann mit etwas Bauch, aber sehr kräftig.

"Watkins! Norris!"

Es war Justins Stimme. Er saß bereits wieder im Sattel. Seine Abteilung war im Begriff aufzubrechen.

Die beiden wirbelten herum.

"Was ist?", fragte der Kleinere.

"Lasst ihn leben!"

Es war ein Befehl, der da über Justins dünne Lippen kam, nicht mehr und nicht weniger.

"Sollen wir ihn schon einmal ein bisschen bearbeiten? Vielleicht verrät er uns ja, wo das Hauptquartier dieser Bande ist und dann können wir es endlich ausräuchern!" Das war der Größere und er lachte hässlich dabei. Aber Justin schüttelte energisch den Kopf.

"Nein, Watkins! Das mache ich lieber selbst! Du schießt mir zu leicht über das Ziel hinaus - und dann ist der Hombre am Ende nicht mehr in der Lage auch nur irgendetwas zu sagen..." Watkins knurrte etwas vor sich hin.

Aber Justins Befehle waren für ihn Gesetz und er würde sie erfüllen.

Sekunden später preschten Justins Männer mit donnernden Hufen davon.

Der Aufbruch der Restgruppe ging nicht so schnell vonstatten. Zunächst einmal wurden die Verletzten versorgt. Um die toten Begleiter des Geldtransports würden sie sich ein anderes Mal kümmern.

Schließlich ging es dann endlich los, aber für Jeff Corley wurde es alles andere, als eine angenehme Reise. So bäuchlings auf einem Pferderücken zu liegen war eine ziemliche Strapaze.

Corley hatte das Gefühl, dass ihm regelrecht der Magen umgestülpt würde...

Glücklicherweise konnte wegen der Verletzten nicht allzu schnell geritten werden.

Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis sie endlich die Stadt erreichten. Mehrere Stunden mussten vergangen sein, aber es wäre für Corley im Moment unmöglich gewesen, das genau abzuschätzen.

Er hatte das Gefühl für Zeit verloren und hing benommen und schlaff über dem Sattel. Die Betriebsamkeit der Stadt war es, die ihn dann wieder aus seiner Agonie erweckte. Bei dieser Stadt handelte es sich vermutlich um jenes Dutton, Arizona, zu dessen Bank das Geld hatte transportiert werden sollen.

Corley sah aus seiner unglücklichen Lage heraus nicht allzuviel, aber das wenige, das er trotzdem wahrnahm, ließ ihn unwillkürlich stutzen.

Überall auf den Sidewalks und an den Hausecken standen bewaffnete Männer mit Gewehren und hielten Wache. Einige von ihnen patrouillierten auf der Straße herum.

Dem äußeren, flüchtigen Anschein nach waren diese Männer kein dahergelaufenes Gesindel oder eine Horde von Desperados, die sich hier breitgemacht hatte. Sie wirkten wie Stadtbürger.

Fast konnte man den Eindruck gewinnen, das Dutton von irgendeinem Feind belagert wurde...

Als der Reitertrupp vor dem Sheriff-Büro anlangte, stiegen Watkins und Norris aus den Sätteln.

Die Verletzten ritten weiter, vermutlich zum Doc, sofern es hier einen gab. Ansonsten zu jemand anderem, der sie pflegen konnte.

Watkins packte Corley bei den zusammengeschnürten Füßen und warf ihn kopfüber aus dem Sattel, sodass er hart auf dem Boden aufkam.

"Die Reise ist zu Ende, Hombre!", knurrte er. Und dann nahmen die beiden ihn zu zweit und trugen ihn fort. Mit einem Fußtritt wurde die Tür des Office aufgestoßen und dann ging es gleich in die benachbarte Gefängniszelle. Sie warfen Corley auf den Boden; die Zellentür fiel ins Schloss. Den Gefangenen loszubinden, dass hielten die beiden nicht für nötig.

Watkins setzte sich so an den Schreibtisch, dass er Corley immer im Auge hatte, während Norris sich am, Ofen zu schaffen machte, um Kaffee aufzusetzen.

Corley wälzte sich unbeholfen am Boden herum, um sich in eine bequemere Lage zu bringen.

"Gibt es hier keinen Sheriff?", fragte er anschließend. Watkins verzog seinen breiten Mund.

"Soll das ein Witz sein?"

"Jedenfalls seid ihr keine Sternträger. Und dieser Justin auch nicht."

"Es gibt keinen Sheriff mehr in Dutton. Er hat sich davongemacht. War ihm hier zu heiß, seitdem diese Horde von Desperados unsere Gegend in Angst und Schrecken versetzt hat."

Norris drehte sich vom Ofen herum und meinte: "Jetzt haben wir das Gesetz in die eigenen Hände genommen!"

"Ihr seid also Vigilanten!", erwiderte Corley. Norris nickte.

"Ja, genau! Und Cole Justin haben wir zu unserem Anführer gewählt... Wir sind auf niemanden mehr angewiesen! Auf keinen Sheriff, keinen Richter, nicht einmal auf einen Henker! Das machen wir jetzt alles selbst!" Er zuckte mit den Schultern.

"Wir haben an den Gouverneur geschrieben und um Hilfe gebeten, aber nie eine Antwort bekommen! Und irgendwie müssen wir uns ja vor euch Coyoten schützen! Wir werden es euch schon zeigen! Warte nur ab, Hombre! Aber das wirst du wohl nicht mehr erleben! Bald werden wir eine Truppe von Männern aus der ganzen Umgegend aufstellen und euch ein für allemal vertreiben!"

Corley begriff.

Hier herrschte ein regelrechter Krieg.

"Ich gehöre nicht dazu!", sagte Corley dann. "Ich gehöre nicht zu der Bande, die euch zu schaffen macht!"

"Feiger Lügner!", zischte Watkins.

Knurrend stand der großgewachsene, massige Mann auf und ging zu den Gitterstäben.

"Willst du, dass ich dir das austreibe, du Ratte!"

"Lass das!", rief Norris. "Du bekommst nur Ärger mit Justin! Hör' auf mich!"

Watkins zeigte seine Zähne und rüttelte einmal kräftig an den Metallstäben.

Dann ging er zurück zum Schreibtisch und entlud einen Teil seiner grenzenlosen Wut, indem er die flache Hand auf die Tischplatte donnern ließ.

Corley sah ein, dass es keinen Zweck haben würde, diese Männer überzeugen zu wollen. Man hatte ihnen allen zweifellos übel mitgespielt und jetzt waren sie blind vor Hass- und Rachegefühlen.

Ich werde auf Justin warten müssen, dachte Corley. Vielleicht konnte er bei dem eiskalt wirkenden grauen Wolf mehr erreichen.

Aber insgeheim wusste er, dass seine Chancen miserabel standen...

4

Es war gegen Abend, als der Vigilantenführer Justin und seine Leute in die Stadt zurückkehrten.

Offensichtlich ohne Erfolg, wenn man nach dem ging, was Corley von draußen an Gesprächsfetzen aufschnappen konnte. Wenig später war Justin dann auch schon im Office. Watkins und Norris hatte die Zeit mit Kartenspielen verbracht, aber als ihr Anführer jetzt eintrat, hörten sie sofort auf damit.

"Wir haben ihm nichts getan!", sagte Watkins. "So wie du gesagt hast, Justin!"

Aber der graue Wolf achtete überhaupt nicht auf ihn. Sein Blick war starr zur Zelle gerichtet. Er nahm beiläufig den Schlüssel vom Haken an der Wand und ging dann geradewegs zu den Gitterstäben.

Justin schloss auf, betrat die Zelle und baute sich breitbeinig vor dem am Boden liegenden Corley auf.

"Deine Komplizen sind uns entkommen!", zischte er.

"Es sind nicht meine Komplizen! Vielleicht werden Sie jetzt endlich mal vernünftig und hören mir zu!"

"Die Angst macht deine Zunge locker, Hombre!", versetzte Justin. "Aber mich kannst du nicht täuschen!" Und dann zog er das lange Bowie-Messer heraus, dass er am Gürtel trug.

Er trat zu Corley heran und forderte: "Ich will wissen, wohin sie geritten sind! Es gibt ein Versteck, irgendwo hinter der Grenze im Hochland. Dahin zieht ihr euch doch immer zurück, nicht wahr?"

Er beugte sich nieder und hielt Corley die blinkende Klinge unter die Nase. "Ich will wissen, wo es ist! Und ich werde dich so lange mit diesem Messer bearbeiten, bis du es mir gesagt hast! Und glaub mir! Ich werde nicht den Fehler machen, dich vorzeitig über den Jordan zu schicken!" In diesem Augenblick ging die Tür des Sheriff-Office auf und eine junge Frau kam herein.

Sie hatte langes, braunes Haar, dass ihr bis weit über die Schultern fiel.

"Dad!"

Sie erstarrte mitten in der Bewegung und sah zu Justin in die Zelle. Und Justin wirbelte herum.

"Eliza, das hier ist nichts für dich!"

"Dad, ich habe euch durch das Fenster zurückkommen sehen..."

"Geh jetzt!"

Aber Eliza ging nicht. Sie kam näher an die Zelle heran und schüttelte dann fassungslos den Kopf.

"Ich kann kaum glauben, was ich sehe!"

"Du verstehst nichts davon, Kind! Geh jetzt endlich!"

"Dad, du und die anderen Vigilanten, ihr seid angetreten, um dem Gesetz wieder zu Geltung zu verhelfen! Um dem Terror dieser Banditen endlich zu begegnen, weil es sonst niemand tut und die, deren Job das eigentlich wäre, zu schwach dazu sind! Aber das, was du jetzt tun willst, hat damit nichts zu tun!"

Jetzt richtete sich Justin wieder auf.

"So sollte eine Tochter nicht mit ihrem Vater reden!", rief er. Aber Eliza schien dieselbe Hartnäckigkeit und Durchsetzungskraft wie ihr Vater zu haben.

Und so versetzte sie eisig: "...und ein Mann, der das Recht durchsetzen will, sollte das nicht mit den Methoden derer tun, die er bekämpft!"

Sie deutete auf Corley. "Ich weiß nicht, was dieser Mann getan hat, aber wenn du ihn folterst, weiß ich nicht mehr, wo der Unterschied zwischen euch Vigilanten und den Männern ist, die Dan McQuire so lange quälten, bis er ihnen alle seine Geldverstecke verriet!"

Das saß.

Justin atmete tief durch und schnappte nach Luft. Es dauerte eine Weile, bis er wieder sprechen konnte. Als er dann seine Lippen bewegte, war sein Tonfall ein ganz anderer geworden.

"Du hast recht!", sagte er. Er beugte sich zu Corley und schnitt ihm die Fesseln durch. Dann steckte er sein Bowie-Messer weg. Seine Augen funkelten Corley kalt an, als dieser sich erhob.

"Hören Sie, Mister Justin...", begann Corley. Aber der graue Wolf schnitt ihm rau das Wort ab.

"Nein, Sie hören mir erst einmal zu! Ich werde Sie nicht um Verzeihung bitten! Aber meine Tochter hat recht, dass muss ich eingestehen. Ich könnte mir selbst nicht mehr in den Spiegel blicken, ohne vor mir auszuspucken. Euer Versteck werden wir auch so eines Tages ausräuchern, denn unsere Truppe hat immer mehr Zulauf!" Er atmete hörbar aus. "Jetzt habt ihr den Geldtransport für die Bank überfallen! Das bedeutet, dass viele Cowboys in der Umgegend keinen Lohn bekommen werden! Dasselbe gilt für die Arbeiter in O'Bryans Mine! Viele von ihnen werden sich jetzt uns anschließen!"

"Mister Justin, ich war zufällig dort, wo der Überfall stattgefunden hat! Als ich dort eintraf, war schon alles geschehen. Und wenig später kam dann Ihre Meute!"

"Pah!"

"Ich weiß, dass das in meiner Lage jetzt wie eine schwache Ausrede klingt. Aber es ist die Wahrheit! Überlegen Sie doch mal: Weshalb hätte ich am Tatort bleiben sollen, während meine angeblichen Komplizen mit der Beute längst über alle Berge waren? Wo läge da der Sinn?"

"Hören Sie auf! Wir haben Sie überrascht. Was weiß ich, warum Sie noch da waren, als wir kamen! Vielleicht waren Sie einfach zu gierig und wollten die Leichen bis zum letzten ausfleddern!" Justin machte eine unbestimmte Geste. "Die Sache ist klar und eindeutig! Sie werden hängen, Mister! Aber ich bürge dafür, dass Sie ein faires Verfahren bekommen!" Corley verzog das Gesicht.

"Vor einem Vigilanten-Gericht!"

"Ja."

Corley atmete tief durch.

Es war ein Aufschub, eine Galgenfrist im ursprünglichsten Sinn des Wortes. Mehr nicht. Das Urteil dieses 'Gerichtes', in dem Justin vermutlich gleichzeitig die Rollen von Ankläger und Richter spielen würde, stand schon jetzt fest. Schuldig und Tod durch den Strang.

Endlich glaubten die Menschen dieser Stadt, einen von jener Banditenhorde gefasst zu haben, die die Gegend in Schrecken versetzt hatte.

Und diesen einen würden sie nun auch für all die anderen zahlen lassen...

Es war nur allzu menschlich und Corley verstand die Beweggründe der Stadtleute auch. Aber ihm war auf der anderen Seite nicht wohl dabei, dass sein Leben davon abhing, ob diese Leute wieder zur Vernunft zurückfanden.

5

Während der Nacht schlief Corley tief und fest auf der harten Pritsche, die in der Zelle stand. Als er am Morgen erwachte, hatte er sich weitgehend von den Strapazen und Misshandlungen des Vortages erholt.

Die ganze Nacht über war ständig mindestens ein Posten im Office gewesen, um auf den Gefangenen aufzupassen. Sie hatten sich im Rhythmus mehrere Stunden abgelöst, aber von alledem hatte Corley nichts mitbekommen.

Aber als er er am Morgen erwachte, war er froh, nicht mehr in Watkins giftiges Gesicht blicken zu müssen.

Den Mann, der jetzt am Tisch saß, hatte er bisher noch nicht gesehen.

Sie sind sehr vorsichtig!, dachte Corley.

Selbst wenn er in diesem Augenblick den Zellenschlüssel in den Fingern gehabt hätte, hätte er immer noch an dem Posten vorbeigemusst. Und dessen Winchestermündung zeigte genau in seine Richtung.

Der Gefangene war aufgestanden und hielt jetzt die Gitterstäbe in den Händen. Der Posten schien Corleys Gedanken erraten zu haben. Er grinste.

"Schlag dir jeden Gedanken an Flucht aus dem Kopf, hörst du? Meine Kugel ist in jedem Fall schneller als du!" Corley lächelte müde.

"Keine Sorge, Hombre! So verhungert bin ich noch nicht, dass ich dünn genug wäre, um mich durch das Gitter quetschen zu können!"

Der Posten lachte gehässig.

"Du bekommst deine Henkersmahlszeit noch! Verlass dich drauf!"

Mit dem Kerl scheint man reden zu können!, dachte Corley. Und es konnte nicht schaden, noch etwas mehr über die Lage hier zu erfahren.

"Sag mal, was ist dieser Justin eigentlich für ein Mann?"

"Ihm gehört der Drugstore und ein Saloon, dessen Leitung er aber seiner Tochter überlassen hat!", antwortete der Posten ohne viel nachzudenken. "Sein Geschäft ging immer gut, schließlich hat er nicht viel Konkurrenz in der Gegend. Aber seit hier die Hölle los ist, hat er Schwierigkeiten, überhaupt noch Warenlieferungen durchzubekommen!"

"Schätze, er hat eine Menge Einfluss hier, nicht wahr?" Der Posten nickte.

"Aye, das hat er! Er ist fest entschlossen, diese Stadt wieder einer besseren Zeit entgegenzuführen! Und ich bin überzeugt davon, dass er es auch schaffen kann! Ich bewundere ihn..."

Etwas später kam dann Eliza Justin ins Office, um etwas zu Essen für den Gefangenen zu bringen.

Der Posten kam mit der Winchester herbei und scheuchte Corley in eine Ecke, bevor er kurz die Gittertür öffnete und das Frühstück hindurchschob.

Dann fiel die Tür wieder ins Schloss, aber Eliza Justin drehte sich nicht zur Tür um, sondern hielt den Blick geradewegs auf den Gefangenen gerichtet.

Sie trat etwas heran.

"Meine Saloonküche kann sonst mehr bieten, aber seit einiger Zeit sind bestimmte Dinge knapp in Dutton geworden...", meinte sie nicht ohne bissigen Unterton.

"Ist schon in Ordnung", meinte Corley.

"Sind Sie wirklich unschuldig, Mister?" Sie blickte ihn prüfend an.

Corley sah auf und nickte.

"Ja. Und ich möchte mich bei Ihnen bedanken!" Sie hob die Augenbrauen.

"Wofür?"

"Für das, was Sie gestern getan haben, Ma'am."

"Ja, Sie sähen jetzt sicher nicht mehr so gut aus, wenn Dad Sie mit dem Messer bearbeitet hätte! Aber bedanken Sie sich nicht bei mir. Ich habe es nicht für Sie getan!" Corley zuckte mit den Schultern.

"Mir ist gleichgültig, weshalb Sie es getan haben, Ma'am."

"Man wird Sie heute vor Gericht stellen, Mister! Bei mir im Saloon! Es wird eine Geschworenen-Jury geben und Sie werden Gelegenheit haben, sich zu verteidigen..."

"Zu gütig!"

"Ja, allerdings, das ist es! Denn Sie bekommen eine faire Chance! Die Leute auf der McQuire-Ranch hatten das nicht!"

6

Eliza Justin war schon seit einiger Zeit gegangen, da hörte Corley plötzlich Lärm von draußen. Ein paar raue Männerstimmen waren da zu hören, ein Pferdewagen schien vorzufahren. Und dann hörte er, wie genagelt wurde... Corley brauchte nicht zu dem hohen Gitterfenster zu gehen, und sich an den Stäben hochzuziehen, um hinauszublicken. Er wusste auch so, was da jetzt vor sich ging. Sie errichteten einen Galgen.

Und das bedeutete, dass der Ausgang dieses 'fairen' Prozesses schon feststand, bevor er überhaupt begonnen hatte. Irgendwann in den frühen Nachmittagsstunden, kamen sie dann, um Corley in Eliza Justins Saloon zu bringen. Justin selbst führte die Männer an. Insgesamt waren es fünf Bewaffnete.

Sie kamen zu ihm in die Zelle.

"Hände ausstrecken!", bellte Justin und Corley gehorchte. Es machte 'klick!' und der Vigilantenführer hatte ihm ein paar rostige Handschellen angelegt. Dann packte ihn an jedem Oberarm einer der Bewaffneten.

Corley wurde hinaus ins Freie geführt.

Der Gefangene ließ den Blick kurz die Main Street entlangschweifen. Er sah die Bank, das Hotel, den Drugstore und natürlich ein paar Saloons.

Aber nur vor einem standen jetzt Pferde.

Mindestens zwei Dutzend - und das war für diese Tageszeit ungewöhnlich viel.

Kein Zweifel, dort musste die Verhandlung angesetzt sein. Und das wollte sich niemand in Dutton entgehen lassen. Noch immer strömten Bürger dorthin. Und diejenigen, die den Zug mit dem Gefangen erblickten, blieben stehen und glotzten wie gebannt zu ihm herüber.

Schließlich war der Zug vor dem Saloon angekommen. Drinnen, hinter den brusthohen Schwingtüren, schien es brechend voll zu sein.

Corley sah die flüchtig festgemachten gesattelten Pferde und dachte: Vielleicht ist das meine letzte Chance!

Diese Chance war nur verschwindend klein.

Die Bewaffneten um ihn herum würden sofort schießen, wenn es ihm gelang, sich von den beiden Kerlen neben sich loszureißen.

Und selbst wenn er es dann schaffte, mit seinen gefesselten Händen auf ein Pferd zu kommen, bedeutete das noch lange nicht, dass er es geschafft hatte.

Eine gnadenlose Meute würde ihn hetzen und seine Flucht als Schuldeingeständnis werten.

Dennoch musste er es versuchen.

Nur einen Augenblick hatte Jeff Corley Zeit, um sich das durch den Kopf gehen zu lassen.

Denn wenn er erst einmal durch die Schwingtüren geführt worden war, war er verloren.

Die Verhandlung würde nicht lange dauern und wenn man ihn dann wieder hinausbringen würde, dann ging es vermutlich auf direktem Weg zum Galgen...

Er traf seine Entscheidung.

Urplötzlich schleuderte er dem links von ihm stehenden Wächter seine zusammengeketteten Fäuste ins Gesicht. Dann ließ er sich nach rechts fallen und riss seinen zweiten Bewacher mit sich zu Boden.

Blitzschnell rollte Corley sich dann am Boden herum, während bereits der Sand durch Schüsse aufgepeitscht wurde. Aber Corley hatte genau gewusst, was er tat.

Bevor die Schüsse fielen, war er bereits unter die Pferdebäuche gerollt. Durch die Ballerei gerieten die Tiere in Unruhe. Sie wieherten und rissen an den Zügeln. Corley musste den Hufen so gut es ging ausweichen.

"Los, packt ihn, Männer!", hörte Corley Justin rufen. Ein riesiger Tumult war entstanden. Pferde hatten sich losgerissen und liefen völlig kopflos durch die Gegend, während die umherstehenden Vigilanten ihnen zum Teil ausweichen mussten.

Das alles hatte nicht länger als einen Augenblick gedauert und nun war Corley auch schon wieder auf den Beinen. Mit den zusammengeketteten Händen griff er nach dem Sattelknauf eines Pferdes und schwang sich halb hinauf.

Dann trieb er das Tier nach vorn und preschte die Main Street entlang, während er haarscharf über seinem Rücken spüren konnte, wie die Kugeln von Justin und seinen Leuten knapp über ihn hinwegschossen.

So dicht es ging presste er sich an den Pferderücken, während ihm ein wahrer Geschosshagel hinterdreingeschickt wurde. Einige von Justins Männern hatten sich ebenfalls Pferde geangelt und machten sich an die Verfolgung. Schuss um Schuss ließen sie hinter ihm herkrachen, als gelte es, einer ganzen Armee Widerstand zu leisten.

Die meisten waren wirklich lausige Schützen und das war Corleys Glück, denn sonst wäre er schier von Bleikugeln durchsiebt worden.

Aber dann erwischte es den flüchtenden Reiter doch. Ein höllischer Schmerz durchzuckte ihn plötzlich. Dieser Schmerz ging von der Seite aus und durchflutete von dort aus in einem furchtbaren Schauer seinen ganzen Körper. Corley biss die Zähne zusammen und trieb das Pferd zu einem noch wilderen Galopp an.

Nur kurze Zeit verstrich, da hatte Corley das Ende der Main Street erreicht, und damit das Ende von Dutton. Er hatte kaum eine Ahnung, wohin er ritt, aber das war im Moment auch zweitrangig.

Hauptsache war erst einmal, etwas Abstand zwischen sich und die Meute zu legen, die hinter ihm her hetzte.

Corley hatte Glück im Unglück gehabt. Das Pferd, auf dem er saß war ein prachtvoller Rappen, der gut in Schuss war. Und vor allem auch schnell.

Das war jetzt das Wichtigste.

Mit schmerzverzerrtem Gesicht drehte er sich kurz im Sattel herum und sah die Schar seiner Verfolger. Sie kamen nicht als geordneter Verband, sondern in einem wilden, zerfransten Haufen.

Einige hatten wohl erst ihre Pferde wieder einfangen und unter Kontrolle bringen müssen.

Aber sie waren jetzt auf dem Weg. Ungefähr ein Dutzend Bewaffnete waren es. Und an ihrer Spitze ritt mit grimmigem Gesicht ihr Anführer Justin.

Corley wusste, dass diese Männer keine Gnade kennen würden, wenn er ihnen jetzt noch einmal in die Hände fiel. Vermutlich würde es dann auch nicht einmal mehr den Aufschub eines - wenn auch noch so abgekarteten - Verfahrens geben.

Ein Mann, der zu fliehen versuchte, musste schließlich schuldig sein...

Die Meute würde ihn sofort töten.

Jeff Corley wusste, dass er nur diese eine Chance hatte und er wollte sie um jeden Preis nutzen. Eine Zweite würde es nicht geben.

Er keuchte.

Der Schmerz, den die Wunde an seiner Seite verursachte, machte ihm sehr zu schaffen. Aber es war nicht nur der höllische Schmerz...

Es war zunehmend auch eine tödliche Schwäche, die sich in seinem Körper auszubreiten begann...

Weiter! Nur weiter!, hämmerte es in ihm.

Er nahm vage wahr, dass er in südöstliche Richtung ritt dem Stand der Sonne nach zu urteilen. Diese Richtung war so gut wie jede andere.

Noch lagen dünn mit braunem Gras bewachsene Hügel vor ihm, aber es konnte nicht allzulange dauern, dann würde er in karges Hochland kommen - etwa in jene Gegend, in der der Überfall auf den Geldtransport stattgefunden hatte. Wenn er im Hochland war, hatte er bessere Karten. Dort gab es mehr Möglichkeiten, sich zu verstecken.

Corley blinzelte zum Horizont, wo jetzt die ersten Anhöhen auftauchten.

7

Mit Befriedigung sah Corley, dass die Schar seiner Verfolger mehr und mehr auseinanderfiel. Die Pferde waren unterschiedlich schnell und ausdauernd und so blieben einige langsam aber sicher zurück.

Allerdings blieben noch immer genug Wölfe übrig, die sich an seine Fährte geheftet hatten.

Aber sie würden es jetzt schwerer haben, denn jetzt ging die Jagd ins Hochland hinein.

Vor ihm breitete sich nun eine kahle, bergige Ödnis aus, soweit das Auge reichte.

Felsmassive ragten schroff in die Höhe.

Unterdessen war Corley direkt in dieses karge Land hinein geritten. Von seinen Verfolgern konnte er bald nirgends mehr etwas sehen.

Das war gut so.

Er war jetzt erst einmal unsichtbar für sie und es würde für Justins Männer nicht leicht sein, ihn in diesem felsigen Labyrinth wieder aufzufinden.

Corley war allerdings klug genug, um zu wissen, dass das noch lange nicht bedeutete, dass er die Meute abgehängt hatte. Seine Spuren waren auf dem trockenen Boden wie ein offenes Buch für die Männer, die ihn verfolgten.

Zwischendurch nutzte er die Gelegenheit zu einer kurzen Pause, um sich um seine Wunde zu kümmern. Seine Seite war voller Blut.

Die Wunde sah böse aus und er konnte nur hoffen, dass sie sich nicht entzündete. Wenn es nur eine Fleischwunde war, hatte er eine gute Chance, aber wenn dort noch eine Kugel steckte, würde er bald jemanden finden müssen, der sie ihm herausschnitt...

Und dann waren da noch seine Hände, die noch immer in Handschellen steckten... Auch in diesem Punkt musste er jetzt etwas unternehmen.

Im Scubbard des Pferdes, dass Corley an sich gebracht hatte, steckte ein Winchester-Gewehr, aber mit nach vorn zusammengefesselten Händen ließ sich damit nicht sehr viel anfangen...

Corley ließ wachsam den Blick schweifen, stieg aus dem Sattel und zog dann das Gewehr mit beiden Händen aus dem Futteral.

Wenn es doch nur ein Revolver gewesen wäre!, fluchte er innerlich. Es wäre eine Kleinigkeit gewesen ihn trotz der zusammengebundenen Hände so hinzufingern, dass man die Handschellen mit einer Kugel hätte trennen können. Aber bei einem Gewehr war das etwas anderes.

Der Lauf war einfach zu lang - selbst bei einem Karabiner. Er konnte seine Hände nicht gleichzeitig vor der Laufmündung und am Abzug haben. Das war ein Ding der Unmöglichkeit...

Aber Corley hatte eine Idee.

Er band erst einmal das Pferd an einem vertrockneten Dorngebüsch gut fest.

Dann setzte er sich auf den Boden und lud die Waffe durch, die er dann mit dem Kolben aufstützte.

Das Mittelstück der Handschellen presste er vor Mündung, während er gleichzeitig mit dem Sporenrad des rechten Stiefels den Abzug zu betätigen versuchte.

Es krachte.

Die Waffe fiel mit rauchendem Lauf in den Sand. Corleys Hände waren frei.

Die Schellen um seine Handgelenke würden ihn jetzt kaum noch behindern.

Erst wenn er wieder mit Menschen zusammentraf, würde er eine Erklärung für seine ausgefallenen Armreifen finden müssen...

Aber jetzt hatte er näherliegende Sorgen.

Den Schuss hatte man weithin hören können. Das Krachen hallte mehrfach zwischen den Felsen wider, bis es sich schließlich verlor.

Es würde nicht leicht für Justin und seine Leute sein, die Herkunft des Geräusches auch nur ungefähr zu lokalisieren. Aber sicher hatte sie der Lärm jetzt aufgeschreckt. Sie wussten, dass der Mann, den sie suchten, irgendwo in der Nähe war und würden um so intensiver nach ihm Ausschau halten.

Corley schwang sich wieder in den Sattel, nachdem er das Winchestermagazin überprüft hatte.

Es war bis zur letzten Patrone geladen gewesen. Zwölf Schuss also - jetzt waren es noch elf.

Elf Kugeln!

Wenn die Kerle ihn wirklich aufstöberten, war das nicht viel.

8

Cole Justin beugte sich nieder und blickte angestrengt zu Boden. Mit der Hand berührte er den Sand und richtete sich dann wieder zu voller Größe auf.

"Du hattest recht, Watkins! Es muss ihn erwischt haben! Er hat Blut verloren!"

Watkins grinste zynisch.

"Dann wird er nicht weit kommen!"

Je weiter sie ins Hochland vorgedrungen waren, desto schwieriger war die Verfolgung geworden. So hatten dann auch die langsameren Reiter Justin und seine Vorhut nach und nach einholen können.

Justin seufzte und schwang sich wieder in den Sattel.

"Vorwärts, Männer! Wir müssen ihm auf den Fersen bleiben!"

"Was machen wir mit ihm, wenn wir ihn kriegen?", erkundigte sich Hiram, der Mann, dessen Verlobte bei dem Überfall auf die McQuire-Ranch umgekommen war.

Justin wandte sich im Sattel zu den Männern um. Ungefähr ein Dutzend waren sie und auf Grund des schnellen Aufbruchs ziemlich willkürlich zusammengewürfelt.

Einige hatten nicht einmal ihr eigenes Pferd unter dem Hintern, sondern einfach nach dem nächstbesten Gaul gegriffen.

Von Vorräten an Wasser, Proviant und Munition, wie sie für eine längere Jagd notwendig waren, konnte natürlich keinerlei Rede sein.

Bis jetzt hatte Justin seinen Leuten noch nichts von dem Plan gesagt, den er insgeheim hegte.

Aber jetzt war die Zeit reif.

Justin hob die Hand.

"Hört zu Männer! Ich sag euch, was wir tun werden!" Der Vigilantenführer kniff die Augen zu schmalen Schlitzen zusammen und ließ den Blick von einem zum anderen gleiten. Die Männer runzelten die Stirn.

"Was meinst du damit?", erkundigte Hiram mit deutlichem Misstrauen in der Stimme.

"Wir werden ihm weiter auf den Fersen bleiben, aber ich halte es für klüger, ihn nicht einzufangen!" Hiram verzog das Gesicht zu einer grimmigen Maske.

"Das ist nicht dein Ernst! Justin, das kann auf keinen Fall dein Ernst sein! Diesen Mörder, diesen Bastard..." Unter den Männern entstand ein bedrohliches Gemurmel und Justin merkte, dass das Ganze in eine falsche Richtung lief. Er hob erneut die Hand.

"Hört mir zu!", rief er.

Und sie schwiegen.

Noch hatte der graue Wolf sie alle im Griff.

Justin stellte das nicht ohne deutliche Erleichterung fest und atmete tief durch.

"Warum willst du diesen Hund schützen!", rief Hiram. Und auch Watkins meldete sich zu Wort.

"Ja, warum?"

"Ich will ihn nicht schützen. Aber wenn wir ihm nur folgen, ohne ihn einzufangen, dann könnte er uns direkt zum Nest dieser Bande führen!"

"Justin! Wir sind nicht dafür ausgerüstet! Wir hätten mehr Männer zusammentrommeln sollen! Wir..." Es war Watkins der das gesagt hatte und nun plötzlich abbrach. Er schüttelte energisch den Kopf.

"Ich weiß!", sagte Justin. "Aber es ist eine einmalige Chance. Dieser verwundete Coyote wird versuchen, auf schnellstem Weg zu seinem Rudel zu kommen, um sich die Wunden lecken zu lassen. Wenn er es trotz seiner Verletzung schafft - um so besser für uns. Und wenn nicht, dann brauchen wir darüber auch keine Träne zu vergießen!"

Die Männer sagten nichts.

Sie schienen es zu schlucken und irgendwann würden sie auch sicher begreifen, dass es so am besten war.

Justin zog sich den Hut tiefer ins Gesicht und blickte nach vorne.

Er deutete mit der Linken.

"Lassen wir die Spur nicht kaltwerden, Hombres!"

9

Die Dämmerung brach herein und Corley wusste, dass es bald sehr dunkel werden würde.

Schweiß stand ihm auf der Stirn.

Er hing schlaff im Sattel und hatte Mühe, sich überhaupt dort zu halten. Er fror erbärmlich, obwohl es noch immer warm war. Außerdem war ihm schwindelig.

Kein Zweifel, er hatte Wundfieber.

Es steckte ihm wohl doch eine Bleikugel im Leib und wenn er niemanden fand, der sie ihm herausschnitt, dann konnte er nur auf ein Wunder hoffen.

In der Rechten hielt er das Winchester-Gewehr fest umklammert. So gut wie möglich hielt er die Umgegend im Auge, während sein Pferd müde voranschritt.

Corley wusste dass er sich der schleichenden Agonie nicht ausliefern durfte. Er fühlte seine Schwäche, aber noch lebte er. Die Versuchung aufzugeben und sich einfach niederzulegen war groß.

Alles schien sinnlos und ohne Aussicht auf Erfolg zu sein. Aber Corley wollte nicht aufgeben.

Solange er noch einen klaren Gedanken im Kopf hatte, wollte er alles versuchen... Justins Horde sollte ihn nicht bekommen!

Als die Dämmerung schließlich langsam aber sicher in pechschwarze Finsternis überzugehen begann, dachte er zunächst daran, sich an einer geschützten Stelle einen Lagerplatz zu suchen.

Doch dann entschied er sich anders.

Nein, dachte er, wenn ich jetzt aus dem Sattel steige, werde ich nie wieder dort hinaufkommen! Dann ist es zu Ende!

Corley entschloss sich, die Nacht über im Sattel zu bleiben. Es würde nicht schnell vorangehen und es war auch nicht ausgeschlossen, dass er sich in diesen Bergen hoffnungslos verirrte.

Doch mit Hilfe der Sterne hoffte er, ungefähr die Richtung beizubehalten, um seinen Verfolgern wenigstens nicht geradewegs in die Arme zu laufen.

Corley beugte sich ächzend nieder und steckte die Winchester in den Sattelschuh.

Dann langte er zu den Satteltaschen, um die er sich bisher nicht gekümmert hatte. Es war einiger nutzloser Krempel darin, aber dann fühlte er dort auch etwas Hartes. Eine Flasche!

Corley zog sie heraus. Es war eine Whisky-Flasche, wenn auch nicht einmal halbvoll.

Aber es war immer noch besser als nichts! Mit dem Whisky würde er er die Wunde etwas auswaschen können. Heilen würde ihn das nicht.

Aber vielleicht würde es dann wenigstens nicht noch schlimmer werden!

10

Es wurde eine lange und unangenehme Nacht für Jeff Corley. Manchmal war er nahe daran, in die Bewusstlosigkeit hinüberzudämmern.

Aber er tat alles, um das zu verhindern.

Die Eiseskälte, die in der Nacht herrschte, half kräftig dabei mit, dass er bei Sinnen blieb.

Corley verlor das Gefühl für Zeit. Die Nacht schien kein Ende zu haben.

Stunde um Stunde kroch langsam dahin.

Von seiner Umgebung nahm der einsame Reiter kaum noch etwas wahr und so entging ihm auch, dass die karge Landschaft langsam in ein vegetationsreicheres Gebiet überging. Als die ersten Strahlen der aufgehenden Sonne sich über den Horizont stahlen, hatte sein Pferd Gras unter den Hufen. Corley hing vornübergebeugt im Sattel.

Vage spürte er, wie der Gaul einfach einen Huf vor den anderen setzte. Von irgendwo her kam dann plötzlich das Geräusch von fließendem Wasser.

Es war das letzte, was Corley wahrnahm, bevor es schwarz vor seinen Augen wurde.

11

Barry Woodcock trat an die Reling der Colorado-Queen und blickte hinaus in den Nebel, der vom Fluss aufstieg. Woodcock und seine Mannschaft hatten das Flussschiff die Nacht über an einer geeigneten Stelle festgemacht, um am folgenden Tag den Colorado River weiter flussabwärts zu fahren.

Weiter nach Süden, bis nach Mexiko hinein.

Aber das Stück, dass Woodcock und seine Leute als nächstes vor sich hatten, würde nicht ganz einfach werden. Da war einerseits eine gefährliche Banditen-Horde, die die vor ihnen liegende Gegend in Atem hielt und von der sie weiter stromaufwärts schon schlimme Geschichten gehört hatten. Auf der anderen Seite gab es da noch einige gefährliche Untiefen, die umschifft werden mussten.

Aber Woodcock kannte den Colorado-River genausogut wie seinen Raddampfer. Dutzendfach war er schon den Colorado hinauf und hinunter gefahren, oft sogar bis über die Mündung hinaus und ein Stück die Küste von Sonora entlang. Sein Hauptgeschäft war der Warentransport, aber er handelte mitunter auch auf eigene Rechnung mit allem, womit sich Dollars oder Pesos machen ließen.

Woodcocks Augen suchten einen Augenblick und hatten dann gefunden, was sie vermisst hatten. Ein Stück weiter die Reling entlang lag ein Mann in eine Decke gehüllt, den Stetson über das Gesicht gezogen.

Er hatte seine Winchester im Arm wie eine Mutter ihr Baby und schnarchte laut vor sich hin.

"Hey, Randy!", tönte Woodcocks raue, kehlige Stimme. Der Mann am Boden schreckte hoch.

"Was...?"

"Ich dachte, du würdest Wache halten! Warst du nicht als letzter an der Reihe?"

Randy rappelte sich hoch.

"Bin nur kurz eingenickt, Boss!"

"Ja, ja... Jetzt ist es ohnehin egal. Wir müssen aufbrechen!" Woodcock war wirklich ein wenig ärgerlich, denn die Banditen, die in diesem Landstrich ihr Unwesen trieben, würden ihnen eine Unaufmerksamkeit nicht verzeihen..."

"Wir müssen verdammt nochmal auf der Hut sein, Randy! Wenn nur die Hälfte von dem wahr ist, was sich die Leute oben in Briggston von diesen Halunken erzählen, dann müssen wir sehr aufpassen! Ein Flussschiff mit voller Ladung! Das werden sich diese Hunde nicht entgehen lassen, wenn wir ihnen eine Gelegenheit lassen..."

"Ich weiß, ich weiß! Es kommt nicht wieder vor!"

"Schon gut, Randy!"

12

Wenig später glitt die Colorado-Queen durch den morgendlichen Nebel flussabwärts. Nicht mehr allzu lange und die Sonne würde es geschafft haben, den Nebel zu vertreiben. Und dann würde es wieder ein heißer Tag mit wolkenlosem Himmel werden.

Der Wasserstand des Colorado war niedrig zur Zeit - und das war einer der Faktoren, der die Sache gefährlich machte. Aber Woodcock war ein erfahrener Schiffer.

Woodcock stand am Steuer.

Fünf Menschen lebten an Bord des Flussschiffes. Außer Woodcock und Randy waren das noch zwei weitere Angestellte, sowie die junge Bellinda. Bellinda war in den letzten Jahren eine junge Frau geworden.

Woodcock hatte ihr einst ihren Namen gegeben. Sie war noch ein Säugling gewesen.

Der Schiffer hatte sie wie eine Tochter aufgezogen, nachdem er sie in einem von den Yumas geplünderten Dorf gefunden hatte.

Das war vor vielen Jahren, drüben in Mexiko gewesen, auf der anderen Seite der Grenze. Und es war bis heute der einzige Hinweis auf Bellindas Herkunft.

Sie wusste nicht, wer ihre Eltern waren, denn so weit reichten ihre Erinnerungen nicht. Und wie es schien, würde es ihr auch nie jemand sagen können.

Bellinda stand im Augenblick an der Reling und blickte hinaus zum Ufer. Der Colorado River trennte an dieser Stelle Arizona und Mexiko voneinander.

Bellinda blickte nach Arizona.

Auch sie hatte ihre Aufgaben hier an Bord, genauso wie die Männer. Aber im Moment gab es nichts zu tun.

Woodcock hatte die Maschinen nicht anlaufen lassen, sondern ließ die Queen einfach mit der Strömung flussabwärts treiben. Das ging nicht so schnell, als wenn sich das große Schaufelrad in Bewegung setzte, aber erstens sparte es Brennstoff und zweitens gab es keine meilenweit sichtbare Rauchfahne, die aus dem Schornstein hochstieg.

So etwas würde nur die Gier von zweibeinigen Coyoten erregen. Und die Queen war schließlich kein Schlachtschiff.

"Dad!", rief Bellinda plötzlich.

Ihr schlanker Arm deutete hinüber zum Arizona-Ufer, an dem sich noch ein paar Nebel-Reste hielten.

Woodcock legte die Stirn in Falten.

"Was ist denn, Bellinda?"

"Dad, Sieh doch mal! Da ist ein Reiter am Ufer! Er scheint verletzt zu sein."

Und jetzt sah es auch Woodcock.

Ein Mann hing schlaff auf einem Pferd, das seinerseits den Kopf zum Flusswasser hinabgeneigt hatte, um zu trinken.

"Weiß der Teufel, was dort geschehen ist! Sieht aus wie ein Toter!", meinte Woodcock.

"Der Mann ist vielleicht auch nur verletzt! Wir müssen ihm helfen!"

"Ich will keinen Ärger!", meinte Woodcock mürrisch. "Wer weiß, was dahintersteckt!"

"Es ist weit und breit niemand zu sehen! Ich bitte dich, lass uns nach ihm schauen!"

"Ich bin dagegen!"

"Wir können ihn nicht sich selbst überlassen! Nicht, wenn er noch lebt! Das wäre unmenschlich!"

"Also gut! Du sollst deinen Willen haben, Bellinda! Ich werde zum Ufer drehen! Randy! Wir legen gleich an!"

13

Es dauerte nicht lange und Woodcock hatte die Colorado Queen an eine Stelle am Ufer gelenkt, die tief genug für das Schiff war.

Randy und ein zweiter Mann, ein Schwarzer, sprangen an Land und hielten die Queen in dicken Tauen. Langsam legte sich sich das Flussschiff herum und krengte gegen die Uferböschung, von der ein Stück herunterbrach.

Wenn im Winter die Schmelzwässer den Colorado anschwellen ließen, dann lag die gesamte Uferregion unter Wasser. Jetzt kam auch Bellinda an Land. Ihr folgte Woodcocks dritter Mann, seiner Kleidung und seinem Akzent nach ein Mexikaner.

Bellinda erreichte den schlaff im Sattel hängenden Reiter als erste, der Mexikaner folgte bald nach.

Die junge Frau zog das Gesicht des Mannes etwas hoch und fühlte nach dem Puls an seiner Halsschlagader.

"Lebt er noch?", fragte der Mexikaner. Bellinda nickte.

"Ja, Aureliano! Er lebt! Er ist schwer verletzt, wie ich vermutet hatte. Wir müssen ihm helfen!"

Aureliano schob sich seinen mexikanischen Sombrero in den Nacken und strich sich dann mit den Fingern über seinen dünnen Oberlippenbart.

"Nicht so voreilig, Bellinda! Sieh mal auf seine Hände!" Jetzt sah auch Bellinda, was der Mexikaner meinte.

"Handschellen!"

"Richtig! Wahrscheinlich ein ausgebrochener Sträfling! Wir werden uns nur Ärger einhandeln, wenn wir ihn mitnehmen!"

"Das ist nicht sicher!", meinte Bellinda. "Außerdem wird er sterben, wenn wir ihm nicht helfen."

"Wahrscheinlich wird er sowieso sterben!", erwiderte Aureliano kalt.

Bellinda legte ihre Hand an den Sattel.

"Und wenn schon! Dann werden wir immerhin seine Sachen für gutes Geld verkaufen können!"

"Das Pferd können wir nicht mitnehmen!"

"Aber den Sattel und die Winchester." Bellinda neigte den Kopf zur Seite. "Komm, fass an, Hombre!"

14

Als Jeff Corley zum erstenmal erwachte, war es nur für ganz kurze Zeit. Ein Auflackern seines Bewusstseins sozusagen. Er sah nicht viel, aber es machte ihm den Anschein, als ob er in einem Bett lag.

Aber das musste reine Einbildung sein.

Es konnte nicht wahr sein...

Außerdem war da noch die schwache Erinnerung an wirre Fieberträume, die ihn geschüttelt hatten.

Und dann war es wieder schwarz und finster vor seinen Augen. Er fiel zurück in die Bewusstlosigkeit. Als Corley dann zum zweiten Mal erwachte, hatte er nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit vergangen war.

Er schlug die Augen auf und blinzelte. Durch ein rundes Fenster fiel ziemlich hell das Tageslicht ein.

Das erste, was er dann wirklich klar erkennen konnte, war das feingeschnittene Gesicht einer jungen Frau. Sie war dunkelhaarig und hatte große sprechende Augen, mit denen sie ihn aufmerksam musterte.

"Du bist wach?", fragte sie.

Corley nickte schwach mit dem Kopf. Er hörte ein Knarren und dann glaubte er, dass das Bett, in dem er lag, zu schwanken begonnen hatte.

Das muss am Fieber liegen, schoss es ihm durch den Kopf.

"Wo bin ich?"

"Auf der Colorado-Queen, dem Schiff meines Dads!", war die prompte Antwort.

Corley wollte sich aufrichten, aber die junge Frau trat näher heran und drückte ihn zurück in die Kissen.

"Dafür ist es noch zu früh!"

"Aber..."

"Du hast viel durchgemacht, Fremder! Aber wenn du dich jetzt schön ausruhst, wirst du es wohl schaffen! Kenneth hat dir die Kugel aus der Seite herausgeholt. Du wirst wirst später alle kennenlernen."

Sie ging dann zu einem Krug mit Wasser, goss etwas davon in eine Blechtasse und war dann wieder bei dem Verletzten.

"Hier", sagte sie und hielt Corley die Tasse unter die Nase. "Trink etwas! Das wird dir guttun. Du hast viel Flüssigkeit verloren!" Corley hatte tatsächlich eine trockene Kehle. Er nahm die Tasse und führte sie zum Mund.

"In welche Richtung fährt das Schiff?", fragte Corley dann.

"Den Colorado River flussabwärts..."

"Also nach Mexiko!"

"Ja..."

Ihre Augen begegneten sich und es schien Corley so, als wäre da jetzt ein Quentchen Misstrauen in ihren Zügen abzulesen.

Corley hob die Hand und dann sah er, dass die Schellen von den Handgelenken entfernt waren.

Jetzt verstand er.

"Ein merkwürdiger Armschmuck, den du da hattest..."

"Jeff ist mein Name. Jeff Corley."

"Du bist vor dem Gesetz auf der Flucht, nicht wahr?"

"Nein, Miss, ganz so ist das nicht."

"Vielleicht erklärst du es mir!"

Und genau das tat Corley dann auch.

Er erzählte ihr so knapp wie möglich, was ihm geschehen war, während sie ihn aufmerksam musterte und förmlich an seinen Lippen hing.

Aber ob sie ihm auch glaubte, das war eine ganz andere Frage. Sie war eine kluge junge Frau, das hatte Corley ziemlich schnell gemerkt. Eine Frau, die sich kein X für ein U vormachen ließ.

Und Corley wusste nur zu gut, wie seine Geschichte für einen Unbeteiligten klingen musste. Er selbst hätte einem anderen diese Story vermutlich auch nicht abgenommen...

"Es gibt tatsächlich eine Bande, die seit einiger Zeit die Gegend unsicher macht. In den Flusshäfen redet man davon. Überall haben die Leute Angst!", meinte sie dann. "Vielleicht stimmt deine Geschichte... Aber könnte es nicht ebenso gut sein, dass du tatsächlich zu dieser Bande gehörst - so wie es die Vigilanten, die dir auf den Fersen sind, behauptet haben?"

"Warum hätte ich dir dann davon erzählen sollen?"

"Das ist allerdings wahr..."

Sie zuckte mit den Schultern.

"Wir werden sehen, was wird. Schlaf jetzt erst einmal, Amigo!"

Sie wandte sich zum Gehen, aber dann hielt Corleys Stimme sie zurück.

"Du hast mir noch nicht deinen Namen gesagt!" Sie drehte sich wieder um und warf dabei keck ihre Haare nach hinten.

"Ich heiße Bellinda!", sagte sie.

Dann ging sie endgültig und es dauerte nicht lange, da war Corley bereits wieder in einen tiefen Schlaf hinübergedämmert.

15

Als Corley das nächste Mal erwachte, fühlte er sich schon wesentlich besser.

Es war Nacht. Jedenfalls war alles dunkel und von draußen kam kein Sonnenlicht herein.

Corley setzte sich auf und betastete vorsichtig die Wunde an seiner Seite. Ein Verband war angelegt worden - und zwar ziemlich gut.

Er hörte jemanden schnarchen. Corley drehte sich zur Seite und sah die Umrisse einer Hängematte.

Corley stieg aus dem Bett und richtete sich zu voller Größe auf. Er wollte sich etwas auf dem offenbar ziemlich großen Schiff umsehen.

Als Corley einen Schritt nach vorne machte, knarrte das Holz zu seinen Füßen und der Kerl, der in der Hängematte lag, schreckte hoch.

"Hey, wer macht da so einen Krach?"

"Ich bin's", meinte Corley.

Der Mann sprang aus seiner Hängematte.

Er war so rabenschwarz wie die Nacht. Nur seine Augen blitzten hell.

Er kam auf Corley zu und reichte ihm die Hand.

"Corley ist mein Name."

"Ich bin Kenneth!"

"Ah, dann bist du der Doc, der mir die Kugel herausgeschnitten hat!"

"Doc ist wohl etwas zuviel gesagt. Ich habe einfach eine ziemlich ruhige Hand und mein Bestes gegeben."

"Danke! Ich wäre wohl nicht mehr am Leben, wenn du das nicht getan hättest!"

Der Schwarze nickte.

"Das stimmt!"

Er griff zu seinem Revolvergurt, den er an einen Haken gehängt hatte und schnallte ihn sich um die Hüften. Dann griff er noch nach einem Winchester-Gewehr und meinte: "Es ist halb so schlimm, dass du mich geweckt hast, Hombre! Schließlich beginnt jetzt ohnehin bald meine Wache!" Er deutete auf das Bett, in dem Corley gelegen hatte.

"Leg' dich lieber wieder hinein! Es ist das einzige Bett an Bord und wenn wir erst in San Luis Colorado anlegen, wirst du dir ein anderes Nest suchen müssen..."

Corley zog die Augenbrauen hoch.

"Du meinst... ihr wollt das Ding noch verkaufen?"

"Es ist schon verkauft. Bestellt und verkauft an einen mexikanischen Hidalgo, der es in San Luis abholen will!" Kenneth lachte rau. "Du solltest es also nutzen, und ich schätze, dass es im Augenblick auch noch dringend brauchst!" Corley spürte Schwindelgefühl.

Der Schwarze hatte zweifellos recht.

Warum nicht noch ein paar Stunden schlafen? Zumindest, bis der Morgen graute.

16

"Hey, aufwachen!"

Es war eine helle Frauenstimme, die da in Corleys Bewusstsein drang. Als er dann die Augen aufschlug sah er, wie Bellinda ihm ein vorzügliches Frühstück ans Bett stellte. Der Duft von frischem Kaffee stieg ihm in die Nase und begann seine Lebensgeister wiederzuerwecken.

Er setzte sich auf.

"Es wird Zeit, dass du wieder auf die Beine kommst, Jeff!", meinte Bellinda und schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. Corley lächelte auch.

"Nichts lieber als das!"

Dann waren Schritte zu hören und wenig später betrat noch jemand den Raum. Es war ein großer, bärtiger Mann in den fünfzigern mit braungebranntem Gesicht.

Auf dem Kopf trug er eine Schirmmütze, um die Hüften hatte er einen Revolvergurt.

Ein zweiter Colt steckte hinter seinem Hosenbund. Er kam langsam näher, während seine Augen an Corley hingen.

"Ich bin Woodcock!", sagte der Mann.

"Und mein Name ist Jeff Corley. Ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet!"

Aber Woodcock lachte nur rau.

"Nein, keine Rede davon! Hier draußen muss man sich helfen."

"Trotzdem tun es die meisten nicht."

"Das ist leider wahr. Und nun hören Sie mir gut zu! Gleichgültig, welche Story Sie meiner leichtgläubigen Tochter auch immer verkauft haben mögen..."

"Dad!"

"...wenn ein Mann eine Schusswunde und auseinandergeschossene Handschellen hat, dann flüchtet er vor dem Gesetz." Corley wollte etwas sagen, aber Woodcock brachte ihn mit einer Handbewegung zum Schweigen.

"Hören Sie zu, Corley - oder wie immer ihr wirklicher Name auch sein sollte! Es ist mir gleichgültig, wie viele Marshals Ihnen auf den Fersen sind! Sie werden Ihnen nur bis zur Grenze folgen können. Und die haben wir bereits hinter uns gelassen."

Corley atmete tief durch. Dann griff er zur Kaffeetasse, führte sie zum Mund und nahm einen Schluck.

Dieser Mann ist ein Fuchs!, war ihm sofort klar. Er verfolgte irgendein Ziel, dass Corley bis jetzt noch nicht kannte...

Corley verengte die Augen ein wenig und meinte: "Worauf wollen Sie hinaus, Woodcock?"

"Ich kann einen Mann gebrauchen, der mit Waffen umzugehen versteht..."

Corley lächelte dünn.

"Ist es so gefährlich in Mexiko?"

"Sie machen sich keine Vorstellungen! Eine Bande von Geiern macht den äußersten Nordwesten von Sonora unsicher. Es sind keine schlechtbewaffneten mexikanischen Bandoleros, sondern Gringos..."

"Es könnte dieselbe Bande sein, hinter denen die Vigilanten her sind!"

Woodcock nickte.

"Vorausgesetzt, an Ihrer Geschichte ist doch etwas Wahres dran, was ich aber nicht glaube. Schließlich sind diese Sonora-Geier überall im Gespräch! Wahrscheinlich haben Sie das nur geschickt in ihre Erzählung eingewoben..."

"Dad!", stieß Bellinda hervor.

Woodcock lachte zu seiner Tochter hinüber.

"Schon gut, Kind. Du hast offenbar an diesem Kerl einen Narren gefressen und siehst alles etwas blauäugig." Er wandte sich wieder an Corley. "Was immer Sie auch für ein Schurke gewesen sein mögen, ich brauche jeden Mann, den ich kriegen kann und der Mut genug hat, mit mir über San Luis Colorado hinaus zu fahren."

Corley zuckte mit den Schultern.

Zurück konnte er nicht, denn die Vigilanten konnten sein Gesicht so schnell nicht vergessen haben... Er hatte keine Lust, ihnen in die Arme zu laufen.

"Okay!", meinte er.

"Sie bekommen denselben Lohn wie alle anderen hier an Bord! Zwei Dollar pro Tag!"

"Das ist das Doppelte eines Cowboylohns!"

"Ich weiß, Hombre. Aber schließlich kann es auch doppelt so hart werden!"

"Ich bin kein ängstlicher Mann, Mister Woodcock!" Ein breites Grinsen zeigte sich jetzt um die Lippen des Schiffers.

"Mir scheint, dass wir uns verstehen werden!" Woodcock holte den zweiten Colt aus dem Hosenbund und warf ihn zu Corley auf das Bett. "Hier! Sie hatten zwar ein Holster umgeschnallt, als wir Sie fanden, aber da war kein Colt drin! Sie werden ihn brauchen!"

"Danke!"

"Verflucht nochmal, danken Sie mir nicht dauernd! Ich ziehe Ihnen die Waffe vom Lohn ab, klar?"

"Klar."

17

Später kam Corley dann an Deck.

Bellinda hatte ihm ein Hemd gegeben. Eigentlich sollte es auf den Markt von San Luis Colorado kommen, aber so erfüllte es auch einen guten Zweck.

"Na, wie geht's?", lachte ihm Bellinda entgegen, während ihr Dad am Ruder stand.

Sie kam ihm über die rutschigen Planken entgegengelaufen, während Corley sich an der Reling festhielt.

Sie ist eine verdammt schöne Frau!, dachte Corley, als er sie auf sich zukommen sah. Jede ihrer Bewegungen hatte Charme und ihre dunklen Augen konnten einen Mann verzaubern. Doch sie schien sich ihrer Wirkung selbst gar nicht bewusst zu sein. Vielleicht war das auch besser so. Es gab ihr etwas angenehm Natürliches.

"Es tut gut, wieder frische Luft zu atmen und zwei Beinen zu stehen", meinte er.

Er fühlte etwas Schwäche, aber Corley war überzeugt davon, dass das verschwinden würde.

Corley blickte sich um und sah zum Ufer hinüber.

"Ist unsere Reise wirklich so gefährlich, wie dein Dad behauptet?", fragte er dann.

Bellindas Gesicht verdunkelte sich etwas. Dann nickte sie.

"Ja, es ist wirklich so gefährlich. Als wir den Weg vor einem Monat in entgegengesetzte Richtung gemacht haben, haben wir dabei zwei Männer verloren. Und Randy und Aureliano, die beiden, die du jetzt am Bug stehen siehst, waren schwer verletzt. Bandoleros hat es hier immer gegeben, aber nie ein solches Rudel von gutgerüsteten Revolverschwingern. Sie wissen, dass kein Gesetz bis in den äußersten Nordwesten von Sonora reicht. Nicht das Mexikanische und schon gar nicht das des Territoriums von Arizona."

"Weiß man, wer der Anführer ist?"

Sie zuckte mit den Schultern.

"Es taucht immer wieder ein Name im Zusammenhang mit diesen Dingen auf: Ted Quentin, der früher in Nevada sein Unwesen getrieben hat, bis er dort vertrieben wurde... Aber ob da etwas dran ist, kann ich nicht beurteilen... Tatsache ist jedenfalls, dass so ein Flussschiff ein geradezu ideales Ziel ist!"

Corley nickte.

"Sind die Quentin-Leute auch der Grund dafür, dass dein Dad das Schiff einfach flussabwärts treiben lässt, ohne die Maschine anzuheizen?"

"Ja. Die Rauchfahne würde uns meilenweit verraten. Wahrscheinlich wissen die Hunde ohnehin ungefähr, wo wir wann sind. Schließlich spricht es sich herum, wenn wir irgendwo erwartet werden. Aber wir wollen es ihnen schließlich nicht leichter, als unbedingt notwendig machen..."

In diesem Moment kam der schwarze Kenneth aus einer Luken, die hinab in den Bauch der Queen führten. Als er die Luke hinter sich geschlossen hatte, richtete er sich zu voller Größe auf und wandte sich an Corley.

"Es dauert nicht mehr lange, bis wir San Luis erreichen. Bist du schon fit genug, um uns beim Ausladen zu helfen?"

"Klar!", meinte Corley.

"Das ist gut! Es ist nämlich ziemlich viel diesmal!"

18

In der Ferne tauchten Häuser auf und das musste wohl San Luis Colorado sein, ein kleines Nest, das eigentlich nur aus ein paar Drugstores und Bodegas bestand. Die Besitzer der wenigen Haziendas in der Umgebung kauften hier ein, ihre Vaqueros betranken sich in den Kaschemmen, die oft nicht mehr als Scheunen waren, in die man ein paar Tische und Stühle gestellt hatte.

Im Grunde war San Luis mehr eine Handelsstation als eine richtige Ortschaft.

Aber für die Bewohner der Umgegend war dieser Platz am Ufer des Rio Colorado sehr wichtig. Der Fluss war schließlich die wichtigste Verkehrsader dieses wilden Landstrichs. Die Colorado-Queen näherte sich der primitiven Anlegestelle, an der sich bereits eine Menschenansammlung gebildet hatte.

Das Eintreffen von Woodcocks Schiff schien hier ein großes Ereignis zu sein.

"Wir sind ein paar Tage im Verzug!", meinte Bellinda an Corley gewandt. "Die Leute von San Luis scheinen schon auf uns zu warten!"

Wenig später legte die Queen an dem einfachen Steg an, der ein Stück ins Wasser hineinragte. Randy und Aureliano sprangen von Bord und machten das Schiff mit derben Tauen fest.

Jeff Corley wandte den Blick zu der Menge, die an Land wartete. Vielleicht hundertfünfzig Menschen waren es, darunter auch ein paar Frauen und Kinder. Geschäftsleute waren darunter und natürlich auch einige Vaqueros, die zufällig in San Luis waren und sich dieses Ereignis nicht entgehen lassen wollten.

Außerdem war Woodcock in der Gegend für seinen preisgünstigen Tabak bekannt, sodass es sicher lohnte, davon einen kleinen Vorrat anzulegen - vorausgesetzt man hatte die nötigen Pesos oder Dollars.

Aber da waren auch ein paar andere Gestalten. An ihrer Kleidung und ihrer sehr hellen Haut waren sie gleich als Nordamerikaner zu erkennen.

Sie waren gut bewaffnet und trugen allesamt Sechsschüsser an den Hüften. Fünf Gringos entdeckte Corley unter den am Ufer Stehenden. Er wandte sich Kenneth.

"Könnten das die Leute sein, die es auf uns abgesehen haben?", fragte er.

Der Schwarze nickte.

"Kein Mensch wird es ihnen nachweisen können, dass sie dazugehören, aber wenn du mich fragst, dann ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß..."

"Glaubst du, dass es bereits hier Ärger gibt?" Aber Kenneth schüttelte den Kopf.

"San Luis Colorado steht unter dem Schutz eines gewissen Don Felipe Perez, dem hier die größte Hazienda in der Gegend gehört. Zwischen den Gringo-Banditen und Don Felipes Leuten herrscht eine Art Waffenstillstand. Beide Seiten lassen sich in Ruhe, weil sie wissen, dass keiner es mit dem anderen aufnehmen könnte, ohne selbst große Verluste erleiden zu müssen..."

"Dann sind sie hier, um uns auszukundschaften?"

"Ja. Und etwas weiter flussabwärts werden sie sich eine günstige Stelle aussuchen, um uns zu überfallen. Beim letzten Mal war es ähnlich..."

Kenneth klopfte Corley auf die Schulter.

"Komm, jetzt geht es ans Ausladen!"

19

Es war eine Menge Arbeit, aber die Kaufleute, die von Woodcock ihre Waren transportieren ließen, kamen mit ihren Gehilfen zur Queen und packten kräftig mit an. So ging es rasch voran.

Das Schiff war schon fast vollständig entladen, da kam sogar der große Don Felipe persönlich herangeritten. Seine Hazienda lag nur ein paar Meilen entfernt und irgendjemand hatte sich wohl auf den Weg gemacht, um dem großen Herren Bescheid zu sagen.

Jetzt kam er mit ein paar Leuten und einem Gespann, um das Bett abzuholen, in dem Corley geschlafen hatte. Woodcock begrüßte den Don sehr herzlich. Die beiden Männer schienen sich gut zu kennen.

"Sie wollen weiter gen Süden fahren, Señor Woodcock?", fragte Don Felipe, der von seinem Pferd gestiegen und an Bord gekommen war.

Woodcock nickte.

"Aye, Sir. Bis hinunter zum Delta."

"Señor, Sie sind ein mutiger Mann, das ist überall bekannt. Aber Sie sollten auch Klugheit walten lassen... Fahren Sie nicht weiter flussabwärts..."

"Ich habe keine Wahl. Schließlich habe ich Kunden dort unten, die ich im Stich lassen kann!"

"Ich werde Sie nicht schützen können, Señor Woodcock! So leid es mir tut!"

"Ich weiß, Don Felipe!"

"Denken Sie nicht, dass ich ein Mann ohne Ehre wäre", meinte Don Felipe dann ziemlich kleinlaut. "Aber ich muss auch an meine Familie denken... Ein Krieg mit den Gringos, die in unser Land eingefallen sind, wäre vielleicht unser Ende! So müssen wir uns mit Ted Quentin und seinen Wölfen arrangieren... Ich kann Sie nur eindringlich warnen!"

"Danke, aber wir werden es schon schaffen!"

"Überschätzen Sie sich nicht, Woodcock! Das hat schon so manchem am Ende das Genick gebrochen!"

"So lange ich denken kann bin ich durch Gebiete gefahren, die banditenverseucht sind! Ich habe keine Angst!" Es klang sehr trotzig, wie Woodcock das sagte. Aber im Klang seiner Stimme war eine winzige Kleinigkeit, die ihn Lügen strafte. Selbst der eisenharte Barry Woodcock machte sich offenbar Sorgen - auch wenn er davon kaum etwas nach außen dringen ließ.

Doch das war nun einmal seine Art.

"Wo ist übrigens Ihr Sohn, Don Felipe?", fragte der Schiffer dann plötzlich. "Bellinda hätte sich gefreut, ihn wiederzusehen..."

"Er ist unglücklicherweise gerade unterwegs in die Provinzhauptstadt, um für mich dringende Geschäfte zu erledigen, Señor Woodcock. Wenn Sie auf dem Rückweg vom Delta wieder hier vorbeikommen, wird er zurück sein!"

"Hm", brummte Woodcock in seinen Bart hinein, während Bellinda mitten in der Bewegung erstarrte und zu den beiden Männern hinüberblickte.

Aber sie sagte nicht eine einzige Silbe dazu.

20

Die Nacht über würden sie in San Luis Colorado bleiben, so hatte es Barry Woodcock bestimmt. Hier waren sie einigermaßen sicher, denn Quentins Leute würden es kaum wagen, den Frieden mit Don Felipe zu brechen.

Eine Galgenfrist war es, mehr nicht.

Aber eine Frist, die genutzt werden wollte! Alle die an Bord waren, würden sich gut ausruhen, um die nächsten Tage zu überstehen.

Dennoch - der alte Flusswolf Woodcock blieb vorsichtig. Zwei Mann würden ständig Wache halten und auf alles schießen, was sich in die Nähe der Queen bewegte.

Die erste Wache übernahmen Aureliano und Randy. Jeff Corley ging hinunter in den Laderaum, in dem er gemeinsam mit Kenneth geschlafen hatte.

Doch der Schwarze ließ noch auf sich warten. Er war oben an Deck. Man hörte ihn in lautstarker Unterhaltung mit Aureliano, dem Mexikaner.

Stattdessen kam Bellinda zu ihm. Sie hatte ein paar Decken dabei und außerdem noch frisches Verbandszeug.

"Hier, nimm die Decken, Jeff Corley! Das Bett ist ja nun nicht mehr da..."

"Das macht nichts, ich werde mich irgendwo zwischen die Sachen legen..."

"Und dann muss noch dein Verband erneuert werden. Ich werde das machen! Zieh dein Hemd aus!"

21

Sie war sehr geschickt und es dauerte nicht lange, da hatte Bellinda ihm einen frischen Verband angelegt.

Dann sah sie ihn mit einem seltsamen Gesichtsausdruck an, während Corley sein Hemd nahm, und wieder über die Schultern streifte.

Als Corley aufsah, erwiderte er den Blick.

Und dann hatte er sie plötzlich am Hals hängen. Ihre schlanken Arme gingen um seinen kräftigen Nacken, ihr Kopf legte sich seine breite Brust.

"Oh, Jeff, du hast mir von Anfang an gefallen! Vom ersten Augenblick an, Jeff..."

Bevor Jeff etwas sagen konnte, hatte sie bereits begonnen, ihn leidenschaftlich zu küssen. Corley konnte nicht anders, als das zu erwidern.

Diese Frau faszinierte ihn und er begehrte sie. Er hatte zunächst gegen diese Regung angekämpft, weil er keinen Ärger mit Woodcock haben wollte. Aber jetzt sah er ein, dass das sinnlos war.

Sie legte wieder den Kopf an seine Schulter und sagte: "Irgendwann wirst du dieses Schiff wieder verlassen und deiner Wege ziehen, nicht wahr, Amigo?"

"Ja, irgendwann schon. Obwohl dein Dad mir keinen schlechten Lohn zahlt!"

"Ich möchte, dass du mich mit mitnimmst, wenn du eines Tages gehst, Jeff! Ganz egal wohin..."

"Aber..."

Sie sah ihn mit ihren großen dunklen Augen an.

"Versprichst du mir das?"

Er strich ihr über das lange Haar.

"Meinetwegen... Aber ich verstehe nicht so recht..."

"Wir werden irgendwohin ziehen und ein neues Leben beginnen. Ich glaube, du bist der richtige Mann dafür. Ich habe das im Gefühl." Dann atmete sie tief durch und sagte: "Ich liebe meinen Dad, aber es wird Zeit, dass ich die Colorado-Queen verlasse."

"Warum?"

"Er denkt daran, mich mit dem Sohn von Don Felipe zu verheiraten, weil ihm das Vorteile bringen würde. Schließlich ist Don Felipe der mächtigste Mann in der Gegend und sein Sohn wird ihm sicher nachfolgen... Aber auch für Don Felipe würde es vorteilhaft sein, Dad und sein Schiff irgendwie an sich und seine Familie zu binden."

"Nun", meinte Corley. "Wahrscheinlich würde dich ein Leben in Luxus erwarten... Don Felipes Familie ist sicher nicht gerade arm!"

"Ja, aber das will ich nicht. Ich liebe den jungen Hidalgo nun einmal nicht. Er ist ein nichtsnutziger Trunkenbold, dem es gefällt, seine Tagelöhner zu schikanieren! Nein, das ist kein Mann für mich!"

"Wenn du mit mir gehst, ist das eine Reise ins Ungewisse. Ich habe als Cowboy, Satteltramp, Hilfssheriff und in paar Dutzend anderen Jobs mein Geld verdient!"

"Ich habe nichts gegen das Abenteuer, Jeff! Und irgendwo wird es auch für uns eine Chance geben!"

Corley lächelte.

Diese Frau hatte Temperament und Wagemut.

Und wenn er sich überhaupt mit einer Frau zusammentun wollte, so kam ohnehin nur eine in Frage, die diese Eigenschaften mitbrachte.

Warum also nicht?

Aber im Augenblick klang das alles noch wie ein ferner Traum. Vor ihnen lagen erst einmal ein paar Dutzend sehr gefährlicher Meilen den Rio Colorado hinab.

"Sag den anderen nichts von dem, was ich dir erzählt habe, hörst du Jeff? Weder Kenneth noch dem anderen beiden. Sie bilden zusammen mit Dad eine verschworene Gemeinschaft. Schon seit Jahren..."

Aber es war zu spät.

Die Luke, durch die es an Deck hing, hatte sich geöffnet und mit einem Sprung stand Barry Woodcock unten im Lagerraum.

22

"Hier steckst du also, Bellinda!"

Die junge Frau zuckte zusammen und löste sich von Corley. Sie wirbelte herum und blickte mit offenem Mund zu ihrem Dad.

Woodcocks Augen hatten sich zu schmalen Schlitzen verengt. Um seine Mundwinkel war ein verkniffener Zug. Es war nicht zu übersehen, dass ihm missfiel, was er sah.

"Was fällt Ihnen ein, über Bellinda herzufallen!"

"Dad, er ist nicht..."

"Halt den Mund!"

"Dad, es war meine Schuld!"

"Du sollst den Mund halten!" Er machte ein Zeichen mit der Hand. "Geh an Deck, Bellinda!"

Bellinda zögerte erst, dann ging sie langsam an Woodcock vorbei die kleine Treppe hoch, die hinauf zur Luke führte. Sie klappte die Luke hoch, wartete aber noch, ehe sie hinauf an Deck trat.

Woodcock schien wirklich wütend zu sein. Seine Rechte war in der Nähe des Revolverholsters

"Hören Sie zu, Corley, normalerweise würde ich mich jetzt mit Ihnen schießen!"

Corley zog die Augenbrauen hoch.

"Und warum tun Sie es dann nicht, Woodcock?" Einen Moment lang erwog Corley, die Hand in Richtung des Colts an seiner Hüfte zu bewegen, aber dann entschied er sich dagegen.

Er wollte die Situation nicht unnötig anheizen. Außerdem war er diesem Mann Dank schuldig.

Woodcock ballte seine Hände unwillkürlich zu Fäusten. Seine Nasenflügel bebten vor Erregung.

"Weil ich Sie zu dringend brauche, um es mir leisten zu können, Sie über den Haufen zu schießen! Ich brauche jeden Mann, den ich kriegen kann - und leider auch Sie!"

"Gut zu wissen!", meinte Corley.

"Aber lassen Sie ihre Finger von Bellinda!"

"Das kann ich Ihnen nicht versprechen, Sir!"

"Sie ist einem anderen versprochen. Schon seit einem halben Jahr!"

"Ja, das hat sie mir erzählt. Aber sie liebt ihn nicht!"

"Mischen Sie sich in diese Dinge nicht ein, Corley!" Corley zuckte mit den Achseln.

"Ich will mich keineswegs in Dinge einmischen, die mich nichts angehen", sagte er. "Aber ich finde auch, dass diese Sache von Bellinda selbst entschieden werden muss - und nicht von Ihnen!"

Woodcock atmete tief durch.

Es schien, als wollte er noch etwas sagen. Sein Mund öffnete sich halb und verzog sich dann grimmig nach unten. Er knurrte etwas Unverständliches vor sich hin und wandte sich dann zum Gehen.

23

Am nächsten Tag ging es weiter den Rio Colorado hinunter. In langsamer Fahrt kamen sie fast lautlos mit der Strömung gen Süden. Alle an Bord hatten sich mit Winchester-Gewehren und genug Munition versehen.

Und sie alle hatten sich an Deck postiert und starrten angestrengt zu den Flussufern hinüber.

Es war wieder ein erbarmungslos heißer Tag. Die Sonne brannte wie verrückt vom Himmel und der Wasserstand des Rio war sehr niedrig.

Woodcock wusste, wie gefährlich das sein konnte. Man musste den Fluss schon gut kennen, um zu wissen, wo es noch tief genug war für die Queen. Zum Glück hatten sie einen Teil der Ladung ja in San Luis aus dem Bauch des Schiffes herausgebracht.

Mit voller Ladung wären sie hier nicht weit gekommen. Jedenfalls nicht zu dieser Jahreszeit...

Aber Woodcock verstand sein Geschäft. Er hatte vor allem ein gutes Gefühl.

Ein Gefühl für das Schiff und den Fluss - ein gewisser, untrüglicher Instinkt, der aus jahrelanger Erfahrung geboren war.

Alle an Bord mussten sich wohl oder übel auf diesen Instinkt verlassen.

Denn wenn die Colorado Queen irgendwo auflaufen und im Schlamm stecken bleiben sollte, dann waren sie fast wehrlos Ted Quentin und seinen Geiern ausgeliefert...

Woodcock stand am Ruder, aber er achtete ebenso wie auf die Untiefen des Rio Colorado auch darauf, dass Bellinda nicht von seiner Seite wich.

Seit dem gestrigen Zwischenfall hatte Corley nicht mehr mit ihr sprechen können. Woodcock hatte dafür gesorgt und keine Gelegenheit entstehen lassen.

Corley war ihr in der Nacht kurz begegnet.

Es war bei der Wachablösung gewesen.

Einen Moment lang hatte die junge Frau zu ihm hinübergeschaut, war aber dann ihm vorbeigehuscht, als ihr Dad herankam, mit dem sie eine Wachperiode übernommen hatte. Jetzt stand sie mit einer Winchester neben dem Schiffer und beobachtete - wie alle anderen auch - stumm die Uferregion.

24

Es war in der Hitze des frühen Nachmittags, als die Hölle über die Colorado Queen hereinbrach...

Der Fluss machte eine Biegung, während zu beiden Ufern dichtbewachsenes Land war. Wie geschaffen, um sich zu verstecken...

Aber das wirklich Gefährliche war das Stück, das kurz hinter der Biegung kam. Dort war es nämlich bis auf eine Art Rinne in der Mitte sehr flach. Aller Erfahrung nach wurde eine solche Stelle gerne als Furt benutzt, weil sich hier Pferde und Rinder verhältnismäßig leicht durch den Fluss bringen ließen.

Mit einem vollbeladenen Schiff wäre es ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, hier hindurchzukommen. Auf Woodcocks letzten Fahrten hatte es jedesmal an diesem Ort Schwierigkeiten gegeben. Woodcock musste höllisch auf der Hut sein.

Ein geringfügiger Fehler nur, eine kleine Unaufmerksamkeit vielleicht - und es war geschehen...

Die Anspannung war dem Schiffer deutlich vom Gesicht abzulesen. Alle spürten das und hielten den Atem an. Es schien zunächst, als würde es glattgehen.

Aureliano, der Mexikaner, stand am Bug und suchte mit den Augen die Umgebung ab.

Als er den Blick schließlich nach vorn wandte, veränderte sich sein Gesicht auf einmal und er schrie plötzlich entsetzt auf. "Vorsicht! Verflucht..."

Dann gab es ein furchtbares Geräusch. Es war ein Laut, den Corley noch nie zuvor gehört hatte...

Jemand hatte die teuflische Idee gehabt, einen dicken Draht dicht über der Wasseroberfläche von einem Ufer zum anderen zu spannen.

Er war von der Colorado Queen aus erst zu sehen gewesen, als es schon zu spät gewesen war.

Der Draht hielt, aber die Holzpflöcke, mit denen er an den Ufern befestigt war, wurden von der Kraft des Schiffes aus der Erde gerissen.

Dennoch wurde die Queen gestoppt. Sie war derart aus ihrer Bahn abgelenkt worden, dass sie nur Sekunden später schon aufgelaufen war.

Ein Ruck ging durch den Schiffskörper.

Tief bohrte sich der Schiffsleib in den Schlamm hinein. Alle an Bord hörten es und sie wussten auch, was das für sie bedeutete...

Die Colorado Queen lag fest.

Zuerst war es nur der Bug, dann wurde das Heck einige Yards durch die Strömung herumgedrängt, sodass wenig später auch das Ruder tief im Schlamm steckte.

Kaum war das geschehen, da hagelte es auch schon Blei aus den Büschen am Ufer.

"Diese Hunde!", rief Barry Woodcock grimmig. "Diese verfluchten Hunde!"

Er kam nicht einmal dazu, einen Schuss aus dem Revolver abzugeben, den er einen Sekundenbruchteil zuvor aus dem Holster gerissen hatte.

Eine Kugel traf ihn mitten in der Stirn und riss ihn nach hinten. Eine zweite fuhr ihm in den Leib, aber da lebte er schon nicht mehr.

Der Länge nach schlug er auf die Planken.

25

Es ging alles sehr schnell.

Am Ostufer blitzten die Mündungsfeuer, während Corley sich gleich im ersten Moment zu Boden geworfen, und mit dem Winchester-Gewehr zurückgefeuert hatte. Einen der Kerle holte Corley aus seiner Deckung am Ufer heraus. Der Mann schrie auf und sackte tödlich getroffen ins Flusswasser.

Auf den glattgehobelten Schiffsplanken rollte Corley dann herum, während dicht neben ihm die Kugeln ins Holz fuhren. Nur sehr flüchtig nahm er mit den Augenwinkeln wahr, wie Aureliano und Randy getroffen zu Boden sanken.

Corley feuerte noch einmal in Richtung der Angreifer. Blitzschnell hintereinander ließ er die Winchester los krachen, um dem Geschosshagel der Angreifer etwas entgegen zu setzen.

Einen Augenaufschlag später rettete er sich dann mit zwei mächtigen Sätzen hinter die Aufbauten.

Eine wütende Salve wurde ihm hinterdreingeschickt, aber die ging ins Leere.

Corley zog seinen Kopf ein und lud mit einer schnellen Bewegung die Winchester durch.

Dann ließ er den Blick schweifen.

Seine Augen suchten Bellinda, aber er sah sie nirgends. Vor seinem inneren Auge sah er sie schon von Kugeln zerfetzt auf den Planken liegen. Er wagte gar nicht, daran zu denken...

Der Kugelhagel ließ jetzt etwas nach.

Von der Colorado Queen schien nirgends noch Widerstand zu kommen.

Corley glaubte die Gelegenheit für gekommen, um kurz aus der Deckung herauszutauchen. Er blickte hinüber zum Ufer, wo die Kerle jetzt einer nach dem anderen aus ihrer Deckung kamen.

Sie schwangen sich auf ihre Gäule, trieben diese in den Fluss hinein und kamen auf die Queen zugeritten. Hoch spritzte das Wasser auf, als sie herangeritten kamen.

Die Banditen schienen nicht mehr damit zu rechnen, dass an Bord des Schiffes noch irgendjemand am Leben war. Etwa zwei Dutzend Mann waren es.

Corley duckte sich rasch wieder und lauschte ihren rauen Stimmen. Sie machten eine Menge Lärm und schienen sich ihrer Sache sehr sicher zu sein.

Corley brauchte nur eine Sekunde, um zu überlegen. Es gab nur noch einen Weg, der ihm blieb.

Er rollte sich über die Planken, rutschte dann unter der Reling hindurch und plumpste anschließend ins Wasser, während die Banditen bereits von der anderen Seite die Queen enterten.

Das Platschen, mit dem sein Körper in den Rio Colorado kam, fiel in dem allgemeinen Lärm überhaupt nicht auf. Corley tauchte unter, während sein Hut mit der Strömung davontrieb.

Als er dann wieder an die Oberfläche kam, steckte er kaum mehr als Augen und Nasenspitze hinaus. Außerdem hielt er sich so weit wie möglich unter dem mächtig vorgewölbten Rumpf der Colorado Queen, sodass ihn vermutlich nicht einmal jemand sehen konnte, der direkt über ihm an der Reling stand und hinunter in den Fluss blickte.

Corley hörte ihre Stimmen und ihre Schritte.

Sie kletterten einer nach dem anderen von den Pferden herunter und hinauf auf die Queen.

Diese Männer hatten es eilig, das war für Corley kaum zu überhören. Sie waren wie hungrige Wölfe, die es kaum erwarten konnten, sich über ihre Beute herzumachen.

"Hey, Boss! Hier liegt einer, der noch ein bisschen lebt!", hörte Corley eine grausam klingende Stimme.

"Das ist ja ein gottverdammter Nigger", meinte jemand anderes. "Hat ihn übel erwischt..."

"Mach ein Ende, Billy!", sagte dann jemand mit befehlsgewohnter, eiskalter Stimme. Der Angesprochene ließ sich nicht zweimal bitten. Im nächsten Moment krachte eine Waffe los.

26

Bellinda hatte sich in die hinterste Ecke des Lagerraums im Innern des Schiffsrumpfs verkrochen, wohin sie sich mit knapper Not hatte retten können, als um sie herum alle gestorben waren.

Und jetzt kauerte sie mit ihrer Winchester hinter ein paar Bierfässern, die neben einem Haufen von Stoffballen standen. Möglicherweise waren diese Banditen ja in erster Linie hinter Barry Woodcocks Bareinnahmen her - und vielleicht noch hinter Waffen und Munition.

In diesem Fall bestand die Chance, dass sie sich um die Fässer mit Bier und die Stoffballen nicht weiter scherten. Und dann hatte auch Bellinda eine Chance...

Sie wartete voller Angst, während sie überall die Schritte der Banditen vernahm.

Als sie dann ihre Stimmen hörte und den Schuss, der für Kenneth bestimmt war, lief es ihr kalt den Rücken herunter. Was müssen das für Menschen sein!, dachte sie. Wut packte sie.

Aber es war ihr klar, dass sie nichts ausrichten konnte. Alles, was sie tun konnte war, abzuwarten und zu hoffen, dass man sie nicht entdeckte...

Dann kamen die ersten der Wölfe durch die Luke hinabgestiegen. Bellinda wagte es kaum zu atmen.

Sie machte sich so klein sie nur konnte, während die Banditen auf der anderen Seite damit begannen, die eingelagerten Waren zu durchwühlen, um sich das herauszusuchen, was sie gebrauchen konnten.

"Dieser Woodcock muss in letzter Zeit gute Geschäfte gemacht haben!", meinte einer der Männer. "Es war eine Menge Bargeld da - das gibt einen schönen Anteil für jeden!"

"Ja, aber hier unten scheint nur wertloser Plunder zu sein", brummte jemand anderes.

"Aye, die besten Stücke hat dieser Schiffer wohl schon in San Luis ausgeladen! Leider meint der Boss ja, dass wir gewisse Rücksichten auf diesen Don Felipe und seinen Anhang nehmen müssten!"

Bellinda hörte, wie die Schritte der Männer näherkamen.

"Hey, Jimmy! Schau mal her!"

Und dann hatte einer der Kerle ein Bierfass zur Seite geschoben und blickte direkt in Bellindas angsterfüllte dunkle Augen - und in den Lauf ihrer Winchester. Bellinda lud die Waffe mit einer energischen Bewegung durch und im selben Moment wirbelten sämtliche Banditen zu ihr herum, die sich im Augenblick im Lagerraum befanden. Es waren sieben, acht Mann, die die Frau bei den Stoffballen jetzt anstarrten, als wäre sie eine Geistererscheinung.

"Du willst doch nicht etwa auf uns schießen, Kleine", meinte der Mann, der sie entdeckt hatte ruhig. Er trug einen mexikanischen Sombrero, aber seiner Sprache nach war ein Nordamerikaner.

Bellinda wirkte entschlossen.

"Keinen Schritt weiter!", sagte sie so kühl und gelassen sie konnte. Aber das wollte ihr nicht so recht gelingen. Ein verstohlenes Zittern schwang in ihrem Tonfall mit... Den Wölfen im Lagerraum sagte das jedoch bereits mehr als genug.

Es sagte ihnen, dass die junge Frau höllische Angst hatte. Und das machte die Kerle sehr sicher.

"Überleg doch mal, Kleine...", begann jetzt wieder der Mann mit dem Sombrero, den er sich jetzt in den Nacken schob. "Du kannst uns unmöglich alle erschießen..."

"Nein, aber ein paar von euch sicher!"

"Es wäre dein sicherer Tod!"

"Und wenn schon! Was hätte ich denn ansonsten von euch zu erwarten?"

Der Mann grinste unverschämt und trat einen Schritt vor.

"Vielleicht etwas Besseres... Jedenfalls etwas Besseres, als den sicheren Tod..."

Er stahl sich einen weiteren Schritt vor und Bellinda wirbelte mit der Winchester zu ihm herum. Sie hielt ihm die Waffe jetzt direkt unter die Nase.

Aber ihr Gegner war blitzschnell - viel schneller, als sie geglaubt hatte.

Mit seiner eisernen Faust packte er den Lauf der Winchester und riss ihn in die Höhe.

Ein Schuss löste sich und krachte in die Planken über ihren Köpfen. Mit einem weiteren kräftigen Ruck hatte er der jungen Frau die Waffe dann entrissen und sie selbst rau am Arm gepackt.

Sie versuchte sich zu wehren, aber gegen diesen eisenharten Griff konnte sie nichts tun.

Mit der Kraft seines linken Arms schüttelte er sie unsanft und warf sie dann mit einem Stoß zu Boden.

Als Bellinda wieder aufblickte, sah sie in grinsende Gesichter mit hungrigen Augen.

"Oh, mein Gott...", flüsterte sie still vor sich hin.

27

Ein hagerer, etwas schmalbrüstiger, aber sehr hochgewachsener Mann war jetzt zu den anderen in den Lagerraum hinabgestiegen. Sein Gesicht war hartgeschnitten.

Das spitze Kinn wurde durch den dünnen schwarzen Bart noch verstärkt.

Gerade noch hatten die Männer mit gierigen Blicken die am Boden kauernde Frau angestarrt, aber jetzt waren ihre Gesichter herumgewirbelt.

"Was ist ist hier los gewesen?", fragte der Schwarzbart.

"Nichts besonderes, Mister Quentin", meinte der Mann mit dem Sombrero. "Wir hatten nur ein paar Probleme mit der Lady hier... Sie wollte unbedingt mit dem Gewehr auf uns losgehen!"

Einige der Kerle grinsten, während der schwarzbärtige Quentin den Blick zu Bellinda wandte.

"Was machen wir mit ihr, Boss?"

"Erschießen - wie den Nigger. Was denn sonst, Bob?" Bob machte ein verdutztes Gesicht.

"Ich dachte nur..."

"Ich bin hier der Boss! Und das Denken solltest du deshalb besser mir überlassen..."

"Sie ist eine Frau...", meinte Bob mit blitzenden Augen.

"Na und? Spielt das eine Rolle?"

"Natürlich spielt das eine Rolle, Boss! Wir leben ziemlich einsam in unserem Versteck! Und das wäre doch eine schöne Abwechslung, oder? Nach San Luis kommen wir ja nicht allzu oft..."

"Einsam?" Quentin hob die Augenbrauen. "Das ich nicht lache! Ihr Kerle habt doch eine ganze Reihe Mexikanerinnen aus der Umgebung ins Lager gebracht, mit denen ihr euch vergnügen könnt..."

"Das sind doch nur Bauernmädchen!"

Quentin musterte die Frau einen Augenblick lang. Sein Gesicht veränderte sich, je länger er sie ansah. Dann meinte er: "Wir nehmen sie mit, Leute!"

28

Alles, was nicht niet-und nagelfest war und sich auf Pferderücken transportieren ließ, schleppten die Banditen aus der Colorado Queen heraus.

Mit zusammengekniffenen Augen beobachtete Ted Quentin die Aktivitäten seiner Männer und bellte ab und zu ein paar Befehle.

Bellinda war unterdessen an den Händen gefesselt worden. Als zwei der Kerle sie an Quentin vorbeiführten, wandte sie ihm einen wütenden Blick zu und spuckte vor ihm aus. All ihren Hass und ihre Verachtung legte sie in diese Geste.

"Ihr Mörder!", rief sie. "Verfluchte Mörder!" Quentin packte sie am Kinn.

"Die Kleine hat anscheinend Feuer!", meinte er. "Das gefällt mir!" Und dabei entblößte er mit einem hässlichen Grinsen zwei Reihen blitzender Zähne.

"Eines Tages werdet ihr Hunde für das bezahlen, was ihr meinem Dad und den anderen angetan habt!", schrie sie zornig. Quentin lachte.

Dann wandte er sich an die beiden Männer, die sie mit eisernen Griffen an den Oberarmen hielten.

"Setzt sie auf ein Pferd!", zischt er. "Aber dass sie mir keiner von euch anrührt! Sie gehört mir!"

Ted Quentin sah die junge Frau jetzt mit unverhohlener Gier an. "Wenn du klug genug bist und dich zähmen lässt, hast du eine Chance, am Leben zu bleiben", setzte er dann hinzu.

"Pah!", rief sie.

"Ich finde, dass das mehr ist, als du in dieser Situation erwarten kannst, Lady!"

Und dann machte er ein Zeichen mit dem Kopf, sodass die beiden Kerle sie wegbrachten.

Wenige Augenblicke später hatte man sie auf Gaul eines erschossenen Banditen gesetzt, der dann durch das flache Wasser zum Flussufer getrieben wurde.

Ihren Widerstand ließ sie zunächst einmal ruhen, denn sie wusste, dass es im Moment wohl sinnlos war, etwas zu versuchen. Mit gefesselten Händen unter Wölfen - da hatte sie keine Chance. Nicht die Geringste!

Sie würde warten müssen...

Warten... Auf eine Gelegenheit zur Flucht und vielleicht auch zur Rache.

29

Es dauerte nicht lange, bis Ted Quentin und seine Männer mit der Colorado Queen fertig waren.

Sie stiegen auf ihre Gäule und preschten davon. Ein paar Packpferde waren auch dabei. Die Bande schien sie vorsorglich mitgeführt zu haben.

Sie waren jetzt beladen mit Stoffballen, Waffen, Munition und Proviant. Das Bargeld hatte Ted Quentin höchstpersönlich an sich genommen und in seine Satteltaschen gesteckt. Die Männer würden alle ihren Anteil bekommen. Aber wenn es um Geld ging, dann traute Quentin keinem einzigen seiner Leute...

Corley sah die Bande jetzt davonreiten. Er hatte auch mitbekommen, wie sie Bellinda mit sich führten... Der Trupp war kaum ein paar Dutzend Yards davongezogen, da da kam Corley aus seinem Versteck.

Zunächst schwamm er ein Stück, dann wurde das Wasser so flach, dass es einfacher war, zu waten.

Pitschnass kam er an Land.

Als Corley die Uferböschung hinaufkam, verschwand die Reitergruppe bereits hinter der nächsten Hügelkette. Corley atmete tief durch und schüttelte sich. Es war für ihn keine Frage, dass er die Verfolgung aufnehmen würde. Bellinda und ihren Leuten verdankte er schließlich sein Leben.

Er konnte die junge Frau jetzt nicht im Stich lassen. Tatenlos hatte er mitansehen müssen, wie die Kerle sie mitgenommen hatten.

Er hätte nichts bewirken können, obwohl er nur zu gerne eingegriffen hätte.

Aber das wäre glatter Selbstmord gewesen.

Und das hätte am Ende niemandem gedient.

Auch Bellinda nicht.

Doch jetzt würde er alles daransetzen, sie aus den Klauen dieser Banditen zu befreien. Sie liebte ihn und wollte mit ihm ein neues Leben beginnen. Corley fühlte sich für sie verantwortlich.

Er überlegte, wie er die Sache anstellen sollte. Er würde sich schon etwas Gutes überlegen müssen, um mit dieser Bande fertigwerden zu können...

Im Augenblick hatte er zwar eine Winchester und seinen Revolver - aber kein Pferd.

So würde er die Verfolgung notgedrungen zu Fuß aufnehmen müssen. Eine andere Möglichkeit gab es nicht.

Corley ließ den Blick schweifen.

Die Bande hatte ihre Toten einfach dort liegengelassen, wo sie hingefallen waren. Auch eines der Pferde hatte es bei der Schießerei erwischt.

Corley trat zu dem auf der Seite liegenden Tier hin und nahm die Feldflasche an sich, die am Sattelhorn befestigt war.

Sie war halbleer.

So ging Corley kurzerhand zum Fluss zurück, um sie aufzufüllen. Der fruchtbare Streifen Land links und rechts des Rio Colorado war nicht besonders breit.

Die Bande hatte ihr Versteck vermutlich irgendwo im trockenen, wüstenartigen Hochland am Rande des Gran Desierto, das ein paar Meilen gen Osten die fruchtbare Flussniederung ablöste.

Corley würde sich das kostbare Nass in der Feldflasche gut einteilen müssen, denn es war fraglich, wann er zum nächsten Mal auf Wasser traf. Außerdem brannte die Sonne immer noch heiß vom Himmel herab.

Er verlor keine weitere Minute mehr, sondern machte sich unverzüglich auf den vor ihm liegenden, bei dieser Hitze schier mörderischen Fußmarsch.

30

Ted Quentin und seine Leute mussten sich sehr sicher fühlen. Jedenfalls unternahmen sie nicht die geringsten Vorkehrungen, um ihre Spuren zu verwischen.

Corley setzte wie automatisch einen Fuß vor den anderen. Er wusste, es würde hart werden.

Aber er war zu allem entschlossen.

Die Wunde an seiner Seite machte ihm manchmal noch etwas zu schaffen, aber er wollte sich durchbeißen.

Die Stunden krochen mühsam dahin und langsam wurde die Sonne milchig. Es war schon lange her, dass Corley das letzte Mal einen derartigen Fußmarsch hinter such zu bringen gehabt hatte.

Es machte ihm nichts aus, tagelang im Sattel zu sitzen, aber längere Fußwege waren ihm eigentlich ein Gräuel. Corleys nasse Kleidung war in der brandheißen Sonne ziemlich schnell getrocknet. Bald würde die Dämmerung hereinbrechen und wenn es dann erst einmal dunkel war, würde es bitterkalt werden.

Corley war entschlossen, die Helligkeit bis zum letzten Augenblick auszunutzen.

Er gönnte sich nicht eine einzige Pause.

Die Spur machte schließlich einen Bogen nach Südosten. Bis jetzt war Corley durch hügeliges, grasbewachsenes Land gekommen, das auch mit spärlicher Baumvegetation versehen war. Aber in der Ferne am Horizont sah er jetzt steile Felsmassive in den Himmel ragen.

Kurz bevor die Sonne ihre letzten Strahlen über das karge Land gesandt hatte, suchte Corley sich einen Lagerplatz für die Nacht. Bei einer Gruppe halbverdorrter Bäume ließ er sich nieder und entfachte mit ein paar trockenen Ästen ein Lagerfeuer. Die Banditen, die er verfolgte, hatten einen meilenweiten Vorsprung und es war daher nicht anzunehmen, dass sie etwas von dem Feuer bemerken konnten.

Es bedeutete also kein allzu großes Risiko.

Corley kauerte am Feuer, während es um ihn herum dunkel wurde. Dann nahm er plötzlich eine Bewegung im nahen Gras war.

Corley schaltete sofort.

Ein Präriehuhn!, durchfuhr es ihn. Und das kam ihm mehr als gelegen, denn sein Magen knurrte erbärmlich von dem langen Marsch.

Blitzartig fuhr mit der Hand zur Hüfte, riss den Colt heraus und feuerte zweimal kurz hintereinander. Dann stand er auf, um nachzuschauen.

Er hatte getroffen.

Wenig später schmorte das Präriehuhn bereits über seinem Lagerfeuer.

31

Es war die Kälte, die Corley am nächsten Morgen weckte. Das Feuer war heruntergebrannt und Corley fror erbärmlich. Kurz vor Sonnenaufgang war es, aber schon hell genug, um die Spuren weiterzuverfolgen und so setzte Corley seinen Weg fort.

Jetzt in der Morgenkühle ging es schneller voran, als in der brütenden Hitze des Tages.

Gegen Mittag erreichte Jeff Corley dann die hoch aufragenden Felsen, die er am Horizont hatte auftauchen sehen.

Eine Art Canyon breitete sich vor ihm aus. Dieser Ort war wie geschaffen für eine Gruppe von Männern, die ein Versteck suchten.

Es war jetzt nicht mehr ganz so einfach, die Spuren zu lesen. Der Untergrund wurde zum Teil hart und steinig. Aber Corley hatte in Bezug auf Spuren gut geübte Augen. Sein Weg führte ihn durch eine etwa hundert Yards breite, langgezogene Schlucht, die an beiden Seiten hoch aufragenden Steilwänden begrenzt wurde.

Fast wie ein Graben schien sich diese Schlucht durch das Gestein geschnitten zu haben.

In der Mitte war eine Vertiefung, die nahelegte, dass hier ein Wasserlauf war, der in heißen Sommern ausgetrocknete. Jedenfalls war im Moment nirgends auch nur die geringste Spur von Wasser zu sehen.

Und die braune, vertrocknete Vegetation, die allenthalben vorzufinden war, sprach in dieser Hinsicht eine deutliche Sprache.

Corley wischte sich den Schweiß von der Stirn und nahm dann einen sparsamen Schluck aus der Feldflasche. Viel war nicht mehr drin, allenfalls noch ein Viertel.

Wenn sein Wasservorrat aufgebraucht war, bevor er das Ziel seines Marsches erreicht hatte, würde ihm nur noch die Möglichkeit bleiben, den Saft der Kakteen zu trinken... Corley hängte sich die Flasche wieder über die Schulter und erstarrte dann plötzlich.

Das Geräusch galoppierender Pferde hallte zwischen den Felsen wieder...

Corley blickte sich nach Deckung und einem Versteck um, aber da war nichts Geeignetes in seiner unmittelbaren Nähe. Und dann tauchten die Reiter auch schon auf.

Drei Mann waren es.

Corley wusste, dass es nun zu spät war, um davonzulaufen. Wenn er Glück hatte, dann erkannten ihn die Kerle nicht wieder und würden ihn seines Weges ziehen lassen... Die drei kamen heran und zügelten in einiger Entfernung ihre Pferde. Die drei waren Anglo-Amerikaner von jenseits der Grenze. Das war an ihrem Äußeren deutlich erkennbar. Revolverschwinger - so sahen sie aus.

Zwei von ihnen erkannte Corley wieder.

Sie waren bei dem Überfall auf die Queen dabeigewesen, da gab es für ihn keinen Zweifel. Bei dem dritten war er sich nicht sicher, aber da er mit den anderen beiden kam, war anzunehmen, dass er auch zur Quentin-Bande gehörte. Mit einem hässlichen Grinsen auf den Lippen kamen die drei noch ein paar Yards näher.

Der Mittlere schien seinem Gebaren nach das Sagen zu haben. Er war ein braungebrannter Blondschopf mit Vollbart, in dessen Gesichtsmitte zwei stahlblaue Augen blitzten.

"Ziemlich heiß für einen Fußmarsch, was, Amigo?", meinte der Blondschopf zynisch.

Corley zuckte mit den Schultern.

"Ich habe leider mein Pferd verloren!", meinte er.

"So ein Pech!", grinste der Blondschopf und die anderen beiden lachten hässlich. "Aber soll ich dir was sagen? Du gehst in eine Richtung, die dir nicht gut bekommen könnte... Nicht nur der Hitze wegen!"

Jetzt kam Gelächter von den beiden anderen.

Der Blondschopf deutete mit der Hand in eine andere Richtung und meinte: "Der nächste Ort liegt ein Stück in diese Richtung, Hombre! Heißt San Luis Colorado! Wenn du im Dauerlauf vorantrabst, bist in drei Tagen da!" Er klopfte sich vor Vergnügen auf den Oberschenkel.

"Hey, den kenn ich doch irgendwoher!", meinte dann plötzlich einer der beiden anderen Kerle. Seine Stirn zog sich zusammen und es schien in seinem Hirn zu arbeiten... Er hob den Kopf und bedachte Corley mit einem durchdringenden Blick. Dann fragte er: "Warst du nicht auf diesem Schiff!" Corley schwieg.

Der Bandit verengte die Augen und nickte dann heftig.

"Natürlich! San Luis Colorado! Das hat mich daran erinnert!"

"Was soll das heißen?", fragte der Blondschopf.

"Ganz einfach: Der Boss hatte mich mit ein paar Leuten um unsere Beute auszuspähen, dieses verdammte Schiff! Und dieser Kerl dort war bei der Mannschaft, so war ich hier stehe!"

"Jetzt erinnere ich mich auch an ihn!", meinte nun der Blondschopf. "Und ich dachte, wir hätten alle niedergemacht, die an Bord waren..."

Ein Ruck ging durch die Männer.

Corley sah es mit wachsender Besorgnis. Es war ihm klar, dass gleich etwas geschehen würde.

"Dieser Bastard ist unseren Spuren gefolgt...", zischte der Blondschopf grimmig.

Die Hände der Banditen gingen zu den Revolverholstern, aber noch war keine Waffe herausgerissen, kein Schuss abgefeuert worden.

Sie musterten ihn mit kalten Blicken und in diesen Blicken sah Corley seinen Tod.

Mit der Rechten hielt er die Winchester umfasst, jederzeit bereit, sie blitzartig hochzureißen und abzufeuern, wenn es sein musste.

Und die Männer auf der anderen Seite schienen es geradezu darauf anzulegen.

Eine Sekunde lang hing alles in der Schwebe.

Corley blickte von einem zum anderen und überlegte, wer von ihnen wohl als erster zum Eisen greifen würde.

Es war der Mann auf der Rechten.

Corley hatte seine Anspannung gesehen, dann ein kaum merkliches Zucken seiner Muskeln und Sehnen... Und er hatte das Handeln seines Gegenübers um den Bruchteil einer Sekunde vorausgeahnt!

Der Mann riss seinen Colt heraus.

Er war sehr schnell, aber nicht schnell genug. Corley riss die Winchester hoch, lud blitzschnell durch und feuerte fast ohne zu zielen.

Sein Gegenüber schrie auf, während der Revolver zu Boden fiel. Der Man hielt sich die blutende Hand, während Corley die Winchester herumriss und sie in Richtung der beiden anderen hielt.

Der Blondschopf und sein links von ihm postierter Komplize hatten ihre Waffen gerade zur Hälfte aus dem Holster gebracht, da erstarrten sie mitten in der Bewegung, denn jetzt wurde ihnen klar, dass es einen von ihnen beiden erwischen würde, wenn sie versuchten, ebenfalls die Waffen in Anschlag zu bringen.

Corley hatte noch nicht zum zweiten Mal gefeuert, war aber bereit dazu. Und es war seinen Gegnern bewusst, dass er in jedem Fall schneller sein würde.

"Schön ruhig, Amigos!", zischte Corley. "Ich habe euren Mann nur an der Hand erwischt, aber ich kann nicht dafür garantieren, dass ich jedesmal so sauber treffe!"

"Wenn wir beide zugleich ziehen, wirst du so oder so ins Gras beißen!", zischte der Blondschopf.

Corley nickte.

"Schon möglich, aber denkt daran, wie viele ich vielleicht mitnehmen werde!"

"Was willst du?", knurrte der Blondschopf.

"Ich bin nicht darauf aus, euch über den Haufen zu schießen, sofern es sich vermeiden lässt... Lasst also eure Eisen stecken. Es ist besser für euch!"

Die Haltung der Männer entspannte sich etwas. Nur der, den es an der Hand erwischt hatte, fluchte noch immer fürchterlich.

Aber zum Glück hatte dieser ja kein Eisen mehr in der Hand. Corley ließ den Lauf der Winchester ein paar Inch sinken, blieb aber wachsam.

"Verdammt, warum schießt ihr den Bastard nicht endlich über den Haufen!", schimpfte der Verletzte laut und vernehmlich. Aber der Blondschopf machte ein Zeichen mit der Hand, mit dem er ihm bedeutete, zu schweigen.

"Einen Moment, Mickey! Wir wollen uns doch mal anhören, was unser Freund hier zu sagen hat! Abknallen können wir ihn ja immer noch..."

"Pah!"

Der verletzte Mickey knurrte noch etwas vor sich hin, aber der Blondschopf achtete nicht weiter auf ihn, sondern wandte den Blick zu Jeff Corley.

"Was hast du hier gewollt, Hombre? Raus damit! Es muss doch einen Grund für deinen Fußmarsch geben! Schließlich ist es eine ganze Ecke vom Rio Colorado bis hier her..." Corley nickte.

Er hatte plötzlich so etwas wie die Ahnung eines Plans. Und wenn alles glattging, dann konnten ihm diese Kerle viel-leicht sogar noch nützlich sein...

"Richtig", meinte er. "Um es gleich zu sagen, ich bin auf dem Weg zu Ted Quentin, eurem Boss!"

Der Blondschopf verzog keine Miene.

"Was willst du von Quentin? Im Allgemeinen mag unser Boss nämlich keine Besucher... Du wolltest dich rächen, nicht wahr? Für den Überfall auf das Schiff..."

Aber Corley schüttelte den Kopf.

"Kein Gedanke! Ich war bei Mister Woodcock nur angestellt. Es waren nicht meine Sachen, die ihr davongeschleppt habt. Und da mir ja nicht viel passiert ist, trage ich keinem von euch etwas nach."

"Was steckt dann dahinter?"

"Ich dachte mir, dass man bei eurem Haufen vermutlich mehr verdienen kann, als bei einem geizigen Flussschiffer... Und das Risiko ist wahrscheinlich auch geringer, wenn man sich auf der Seite der Stärkeren hält!"

Der Blondschopf grinste.

"Deine Art zu denken gefällt mir! Außerdem kannst du hervorragend schießen, wie wir gesehen haben... Kann schon sein, dass dich der Boss gebrauchen kann, schließlich haben wir in letzter Zeit ein paar Leute verloren!" Der Blondschopf trieb seinen Gaul ein paar Schritt nach vorn, bückte sich zu Corley hinab und reichte ihm die Hand.

"Steig auf!", meinte er. "Unser Lager ist zu Pferd nur wenige Minuten von hier entfernt!"

"Du willst doch nicht etwa zurückreiten!", ereiferte sich der verletzte Mickey, dessen Blutung an der Hand noch immer nicht ganz zum Stillstand gekommen war.

Der Blondschopf lachte.

"Klar, was denn sonst! Die Sachen, die wir für den Boss aus San Luis holen sollen, werden uns nicht weglaufen! Außerdem weißt du sehr genau, unsere Wachen ihn über den Haufen schießen würden, - sofern er das Lager überhaupt finden würde!"

32

Das Lager von Ted Quentin und seiner Bande war eine Farm, die auf einem nahegelegenen Hochplateau lag, von der aus das gesamte Umland zu überblicken war.

Die Farmer, die hier ehedem ihrem kargen Land etwas abzuringen versucht hatten, waren entweder vertrieben worden oder hatten schon zuvor auf Grund der ungünstigen Bedingungen aufgegeben.

Jedenfalls musste das schon eine geraume Weile her sein, denn sowohl das Wohnhaus wie auch die Unterkünfte für die Lohnarbeiter, sowie die Stallungen, waren allesamt in einem erbarmungswürdigen Zustand.

Die neuen Herren schienen jedenfalls kein Interesse daran zu haben, etwas in Ordnung zu bringen.

Corley saß hinter dem Rücken des Blondschopfs. Ihm entging nicht die große Zahl von Wachposten, die überall versteckt waren. Es wäre wirklich fast ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, sich hier anzuschleichen.

Die meisten Männer lagen faul im Schatten herum. Manche von ihnen spielten Karten, andere ließen den Whisky kreisen.

Es waren auch eine Reihe von Frauen im Lager. Mexikanerinnen aus der Umgegend, so war zu vermuten, die glaubten, den verhältnismäßig reichen Gringos die geraubten Dollars und Pesos aus den Taschen ziehen zu können. Wahrscheinlich hatten sie sogar Erfolg damit. Als die Männer die Ankömmlinge sahen, blickten sie auf. Ihre Gespräche verstummten für einen Moment.

Aus der Tür des Farmhauses trat dann ein paar Augenblicke später Ted Quentins hochaufragende Gestalt.

"Wen hast du da mitgebracht?", fragte er an den Blondschopf gerichtet.

"Einen Kerl, der hervorragend schießen kann und bei uns mitmachen will, Mister Quentin!" Er deutete auf Mickey. "Er hat ihm den Colt aus der Hand geschossen! Das will schon was heißen!" Der Blondschopf zuckte mit den Schultern. "Irgendwie hat er es geschafft die Sache unten am Fluss zu überleben, obwohl er zur Schiffsbesatzung gehörte. Jedenfalls ist er zu dem Schluss gekommen, dass unsere Seite die einträglichere ist!"

Quentin grinste.

"Scheint ein kluger Kerl zu sein..." Der Bandenführer trat ein paar Schritte nach vorn und baute sich dann breitbeinig auf.

Unterdessen ließ sich Corley von dem Pferderücken hinabgleiten. Seine Lage konnte noch einmal brenzlig werden, dass war ihm durchaus klar. Sein Blick glitt über die Männer und ihre mexikanischen Gespielinnen.

Er suchte nach Bellinda, fand sie aber nicht. Und dann war es Quentin, der Anführer dieser Bande, der seine Aufmerksamkeit forderte.

"Stimmt das so, Hombre?", erkundigte sich Quentin. Corley nickte.

"Ja, genauso ist es."

"Wie heißt du?"

"Corley."

Quentin schob sich den Hut in den Nacken. Dann murmelte er versonnen: "Ein Mann, der auf einem Schiff gearbeitet hat! Amigo, dich schickt der Himmel!"

Corley zogt die Augenbrauen in die Höhe.

"Ich fürchte, ich verstehe nicht so recht..." Quentin lachte schallend.

"Nein, wie könntest du auch!" Er kam noch näher heran und schlug Corley auf die Schulter, fast als wäre er ein langjähriger Freund. "Bevor ich es dir erkläre: Hast so einen Flussdampfer auch schon selbst gesteuert?"

"Ja", log Corley. Er hatte das untrügliche Gefühl, dass Quentin das in diesem Augenblick gerne hören wollte und es ihn daher weiterbringen konnte.

"Das ist gut! Ich will nämlich die Schiffslinie auf eigene Rechnung führen - und damit diesem arroganten Don Felipe das Genick brechen!" Er verfiel wieder in schallendes Gelächter und schlug Corley erneut auf die Schultern. "Noch steckt die Colorado Queen im Schlamm fest, aber diese Männer hier..." Er deutete auf den Blondschopf und seine beiden Begleiter "...waren nach San Luis unterwegs. Sie sollten ein paar Sachen einkaufen, um eine Winde zu bauen! Mit der werden wir den alten Kahn aus dem Dreck ziehen!" Er grinste zynisch. "Don Felipe wird von meinen Transporten abhängig werden! Und ich werde mir alles sehr teuer bezahlen lassen!" Corley tat, als würde er Quentin bewundern.

"Sie haben große Pläne, Mister!"

"Ja, allerdings! Einen Schluck Whisky, Corley?"

"Warum nicht!"

33

Als sie das Wohnhaus betraten, stockte Corley schier der Atem. Er blickte in Bellindas warme Augen. Sie stand mit einem Teller voll dampfendem Eintopf da und blickte Corley an, als wäre er ein Geist.

Im ersten Moment schien sie sich zu freuen.

Ihr Gesicht, das zuvor düster und traurig gewirkt hatte, erhellte sich ein wenig. Doch als sie an Corley hinabblickte und sah, dass man ihm seine Waffen gelassen hatte, wurden ihre Züge wieder etwas finsterer.

Sie schien nicht recht zu wissen, was sie davon halten sollte.

"Ihr kennt euch, nicht wahr?", meinte Ted Quentin. "Ihr wart ja schließlich zusammen auf dem Schiff." Corley nickte stumm, während Quentin ihn an der Schulter packte. "Hör zu, Hombre! Diese Lady gehört mir. Hast du verstanden? Ich möchte nicht, dass das irgendwelche Probleme gibt. Wenn du willst kannst du dich mit den anderen Frauen vergnügen, die hier im Lager sind. Aber nicht mit ihr."

"Kein Problem", knurrte Corley, während sein Blick an Bellinda hängenblieb.

"Okay", murmelte Quentin. "Das ist gut zu wissen."

"Du hast dich auf die Seite dieser Leute geschlagen, Jeff?", rief Bellinda empört. "Das darf doch nicht wahr sein!" Corley zuckte mit den Schultern.

"Tut mir leid, Lady! Das Blatt hat sich gewendet!"

"Hast du vergessen, was wir für dich getan haben? Hast du vergessen, dass du uns dein Leben verdankst?"

"So ist das Leben, Bellinda!"

"Pah!" Sie spuckte verächtlich vor ihm aus. "Ich hatte geglaubt, du wärst tot, Jeff! Selbst wenn du dich heimlich davongemacht hättest - ich hätte es verstehen können. Aber dies..."

Sie schluckte.

Tiefe Enttäuschung zeichnete ihre Züge.

"Die junge Lady hat starke Ideale", meinte Ted Quentin mit einem Unterton, der deutliche Verachtung mitschwingen ließ.

"Sie wird noch lernen, wie das Leben wirklich läuft..."

"Jeff!", meinte sie. "So ruchlos kannst du doch nicht sein, dich auf die Seite dieser Hunde zu schlagen! Auf die Seite jener Männer, die Dad und die anderen - und beinahe auch dich! - feige ermordet haben!" Tränen liefen ihr über das Gesicht. "Und ich glaubte dich zu kennen!" Quentin verzog das Gesicht zu einem dünnen Lächeln.

"Du musst wirklich noch viel lernen, Kleine! Dieser junge Mann hier wird nämlich wahrscheinlich der neue Captain der Colorado Queen - sobald ich einen Weg gefunden habe, sie wieder flott zu machen!"

Jetzt konnte sie nichts mehr sagen. Sie stand einfach da, mit dem heißen Teller in der Hand und blickte fassungslos von einem zum anderen.

"Na los! Geh schon hinüber in den Pferdestall und bring dem Gefangenen sein Essen, wie ich es dir gesagt habe!", meinte er dann. "Wenn er erst verhungert ist, zahlt niemand mehr Lösegeld für ihn!"

Sie nickte stumm und ging dann an den beiden Männern vorbei.

Es tat Corley in der Seele weh, dass er sie so quälen musste. Aber es gab keinen anderen Weg.

Wie gut, dass sie davon geschwiegen hat, dass ich so gut wie nichts von der Schifferei verstehe!, dachte er bei sich. Wahrscheinlich war sie einfach zu perplex gewesen. Aber wie auch immer! Corley hatte alles tun müssen, um seine Maske nicht durchsichtig werden zu lassen.

Auf dem Tisch stand eine Whiskyflasche. Quentin holte zwei Gläser und stellte sie auf die Tischplatte. Dann schenkte er ein.

Auf Corley machte die ganze Angelegenheit den Eindruck, als brauchte dieser Mann im Augenblick jemanden, dem er von seinen hochtrabenden Plänen erzählen konnte, um ihn damit zu beeindrucken.

Corley entschied sich, auch dieses Spiel mitzuspielen.

"Sie haben einen Gefangenen?", fragte er, nachdem er sich sein Glas genommen hatte.

Quentin nickte.

"Ja, das ist ein ganz besonderer Fang!", meinte er. "Er ist ein Geschäftsmann aus Dutton. Er hat sich in unsere Nähe gewagt und da konnte ich der Gelegenheit einfach nicht widerstehen... Man wird ein gutes Lösegeld zahlen, um ihn freizubekommen!" Er lachte rau und dann stieß Corley mit dem Bandenführer das Glas an.

Als sie dann getrunken hatten, musste Jeff Corley sich die Geschichten des Bandenführers anhören.

Das meiste war reine Angeberei, aber einiges ließ Corley auch aufhorchen.

So handelte es sich bei dem Gefangenen im Pferdestall um niemand anderen als Cole Justin, den Anführer der Vigilanten von Dutton, Arizona.

Corley reimte sich die Sache so zusammen, dass die selbsternannten Gesetzeshüter ihm weiter auf den Fersen geblieben waren.

Jedenfalls waren sie nach Quentins Erzählung irgendwann mit dem Bandenchef und seinen Männern aneinandergeraten - und Ted Quentin hatte sich diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. Erstens würde es ein Lösegeld geben und zweitens waren die Vigilanten ohne ihren Kopf vermutlich nur halb soviel wert. Später, als Corley dann wieder zur Tür ging meinte Quentin dann plötzlich in einem sehr ernsten Tonfall: "Ich habe gesehen, wie du die Frau vom Schiff angeschaut hast, Corley."

"Bellinda?"

"Ja... Sie ist eine schöne Frau und wahrscheinlich gibt es kaum einen Mann, der sie nicht so anschauen würde... Aber ich habe dich gewarnt, Corley. Sie gehört mir. Mir ganz allein."

"Und ich habe diese Warnung verstanden", meinte Corley gelassen. "Die Lady hat Feuer, Mister Quentin! Wenn Sie Lust haben, sich an ihr die Zähne auszubeißen, dann ist das Ihr Vergnügen! Ich jedenfalls werde den Teufel tun und mir wegen einer Frau Schwierigkeiten einhandeln. Nicht einmal, wenn sie so schön ist wie Bellinda!"

"Ich werde die stolze Lady schon weichkochen", knurrte Quentin grimmig. "Aber es beruhigt mich, dass du so über die Sache denkst, Hombre! Denn sonst wäre für einen von uns beiden kein Platz hier - und du verstehst doch, was das bedeuten würde, nicht wahr?"

Corley nickte.

"Natürlich...", murmelte er.

Es bedeutete nichts anderes, als die Drohung, eine Kugel in den Kopf zu bekommen.

34

Bis zum Abend trieb Corley sich bei den anderen Banditen herum, spielte mit einigen Karten und wechselte ein paar belanglose Worte mit ihnen.

Später gab man ihm eine Decke mit dem Hinweis, dass er sich in der Unterkunftsbaracke oder in der Scheune einen Platz suchen könne.

Corley hätte gerne noch die Chance gehabt, ein paar Worte mit Bellinda zu wechseln. Aber dazu ergab sich keine Gelegenheit.

Das fröhliche Treiben im Lager der Banditen währte bis lange nach Mitternacht. Die Männer hatten wohl das Gefühl, sich das Vergnügen redlich verdient zu haben.

Schließlich war die Bande in letzter Zeit sehr erfolgreich gewesen. Und vor allem die Kaperung der Colorado Queen schien die Mehrzahl ihrer Mitglieder in eine geradezu rauschhafte Stimmung versetzt zu haben.

Wenn Corley den Erzählungen der Männer folgte, dann waren sie jedenfalls seitdem mehr oder weniger durchgängig am Feiern gewesen - obwohl ihr Boss alles daran setzte, sie wieder auf Trab zu bringen.

Corley war entschlossen, für ihre Ernüchterung zu sorgen. Er wartete, bis alle außer den Wachposten sich in ihre Decken gehüllt hatten und vor sich hin schnarchten. Dann schlich er zum Pferdestall, wo Justin gefangengehalten wurde. Der Mann, der dort mit einem Gewehr im Arm saß und Wache hielt war nicht so ganz bei der Sache.

Als er Corley dann heranschnellen sah, war es für ihn bereits zu spät.

Corley hatte ihm einen Schlag mit dem Kolben seiner Winchester verpasst, der den Posten fast lautlos niedersinken ließ.

Dann trat er nach innen.

Es war ziemlich dunkel.

Nur das fahle Mondlicht, dass durch ein Loch im Giebel hereinfiel, brachte etwas Helligkeit.

Trotzdem brauchten Corleys Augen ein wenig, bis sie sich an die Verhältnisse gewöhnt hatten.

Corley sah sich um und dann sah er den Gefangenen. Man hatte ihn an einem Stützpfeiler festgebunden und so verschnürt, dass er sich kaum bewegen konnte.

Als der Gefangene aufblickte, fiel das Mondlicht in sein Gesicht.

"Erkennen Sie mich wieder, Mister Justin?", fragte Corley. Cole Justin verzog das Gesicht.

"Natürlich, du verfluchter Hund! Hast dich also doch bis hier her durchgeschlagen... Ich wusste es... Ich wusste es vom ersten Augenblick an, als ich dich sah, dass du ein Schurke bist!"

"Halten Sie Ihren Mund, Mister Justin! Sie und ihre Meute wollten mich aufhängen, obwohl ich nichts mit den Verbrechern zu schaffen hatte, hinter denen Sie her waren... Ich hätte allen Grund, Sie zum Teufel zu wünschen. Aber im Augenblick brauche ich einen Verbündeten..."

Justin runzelte die Stirn.

"Ich verstehe nicht!"

"Ich werde es ihnen so knapp wie möglich erklären!" Und damit bückte Corley sich und begann damit, Justins Fesseln zu lösen.

35

Mit eisernem Griff hatte Ted Quentin Bellinda am Arm gepackt und an sich gezogen, aber sie war kräftiger, als er zunächst vermutet hatte.

Sie riss sich von ihm los und flüchtete hinter den Tisch. Quentin riss ihr dabei den Ärmel ihrer Bluse halb aus der Naht heraus.

Bellinda schaute den grimmigen Mann angstvoll an. Quentin bleckte die Zähne und knurrte: "Warum zierst du dich so? Glaubst du, du bist etwas Besseres?" Bellinda sagte nichts.

Sie atmete nur tief durch.

Als dann die Tür unvermittelt aufgestoßen wurde, wirbelte Ted Quentin erschrocken herum.

Sein Mund stand weit offen, als er die Gestalt erkannte, die da in der Tür stand.

Es war niemand anderes als Jeff Corley.

Quentin taumelte einen Schritt zurück und hielt sich dann am Tisch fest. Dort verharrte er erst einmal regungslos, während Corleys Blick ihn durchdringend musterte. Niemand im Raum wagte in diesem Augenblick eine Bewegung. Aber dieser Schwebezustand währte kaum länger als einen Sekundenbruchteil.

Dann griff Ted Quentin zur Waffe.

Blitzschnell fuhr seine Rechte zum Revolverholster an der Hüfte und riss den 45er Colt heraus.

Noch annähernd im selben Moment drückte er ab. Ted Quentin war ein schneller und guter Schütze, aber Corley hatte die Vorgehensweise seines Gegenübers vorausgeahnt und sich zur Seite fallenlassen, während dort, wo er gerade noch gestanden hatte, bereits eine Kugel in den Türrahmen krachte.

Noch im Fallen feuerte Corley zurück.

Was blieb ihm auch anderes? Er hatte keine andere Wahl!

Ted Quentin ließ in einer Mischung aus Wut und Schmerz einen unterdrückten Schrei hören.

Corley hatte sein Gegenüber auf der rechten Seite erwischt - knapp oberhalb der Brust.

Die Wucht des Geschosses riss den Bandenchef ein Stück zurück, sodass dessen zweiter Schuss in die Decke ging.

Aber noch war es nicht zu Ende.

Mit grimmigem, schmerzverzerrtem Gesicht legte Quentin erneut den Lauf seines 45er auf Corley an, der jetzt am Boden lag.

"Nein!", war Bellinda zu hören.

Nacktes Entsetzen war aus ihrer Stimme zu hören, aber es gab keine Möglichkeit für sie, irgendwie einzugreifen. Quentin ballerte wild drauflos.

Corley drehte sich herum, während er dicht neben sich die Geschosse seines Gegners in den Bretterboden des Farmhauses einschlagen fühlte.

Dann endlich fand er eine Gelegenheit, seine eigene Waffe hochzureißen und zurückzufeuern. Zweimal schoss er, dann brach der Bandenführer in sich zusammen und schlug schwer zu Boden.

36

"Oh, Jeff! Ist dir etwas passiert!"

Bellinda kam auf ihn zugestürzt, aber da war Corley längst wieder auf den Beinen.

"Alles in Ordnung!"

"Oh, Jeff! Ich hätte fast geglaubt, dass du dich mit diesen Kerlen zusammengetan hast! Es war sehr überzeugend!" Corley lächelte. Sie hatte ihn also von Anfang an durchschaut! Er war froh, dass er ihr nichts mehr erklären brauchte. Sie sah ihn mit ihren großen dunklen Augen an und dieser Blick ging Corley warm herunter.

Aber sie hatten keine Zeit zu verlieren.

"Komm", sagte er. "Hier bricht gleich die Hölle los!" Er nahm sie bei der Hand und zog sie mit sich ins Freie. In das Banditenlager kam jetzt lebend hinein. Die Männer hatten viel getrunken und einige der Posten waren sicherlich vom Schlaf übermannt worden. Aber man durfte sich keiner Selbsttäuschung hingeben. Viel Zeit würde nicht bleiben.

Überall regte sich etwas, überall wurde die Nacht von Bewegungen und Stimmen erfüllt.

Sie liefen die Meter bis zum Pferdestall hinüber, in dessen Schatten Justin mit drei gesattelten Gäulen wartete. Corley hatte ihm seine Winchester dagelassen und so hielt er nun in einer Hand die Waffe, mit der anderen die Zügel der durch das Geballere unruhig gewordenen Tiere.

Sie schwangen sich in die Sättel und trieben die Tiere vorwärts.

"Jemand hat den Boß erschossen!", rief einer einer der Männer.

"Dahinten, Leute!"

"Verflucht, der Gefangene!"

Und dann wurde auch schon wahrer Kugelhagel in Richtung der Flüchtenden geschickt.

Justin und Corley feuerten zurück und Corley erwischte einen der Männer, der gerade auf ihn angelegt hatte. Dann trieben sie ihre Reittiere rau vorwärts.

Einen Posten, dem sie begegneten, erledigte Justin mit der Winchester und dann ging er einen schmalen, steinigen Pfad hinab. Noch immer wurde auf die drei Reiter geschossen, aber diese pressten sich dicht an die Rücken ihrer Pferde. In einem mörderischen Tempo ging es den schmalen Pfad hinab, der vom Hochplateau hinabführte.

Dann lag das Canyon vor ihnen.

Bei Nacht war es schon eine gewisse Kunst, sich zurechtzufinden.

"Verflucht, Sie sind ein Teufelskerl, Corley!", meinte Justin voller Anerkennung. "Es scheint ganz, als hätte unsere Flucht geklappt..."

"Wir sollten uns nicht zu früh freuen."

"Was ist mit Quentin?", fragte Justin. "Haben Sie ihn erschossen?"

"Ja, er ließ mir keine andere Wahl."

"Pah, sagen Sie bloß, dass Sie es bedauern!"

"Nein, das nicht. Aber es wäre besser gewesen, wenn man ihn vor Gericht hätte stellen können." Corley grinste. "Ich meine damit ein richtiges Gericht - nicht so eines, wie das, dem Sie vorstehen, Justin!"

"Sie haben es noch immer nicht vergessen, nicht wahr Corley?"

"Nein."

"Es tut mir leid, Mister Corley! Ehrlich!" Und dann wurde ihre Unterhaltung auf einmal durch Schüsse unterbrochen. Aber diese Schüsse schienen von weit her zu kommen.

Die drei stoppten ihre Pferde und wandten sich nach rückwärts. Dann sahen sie hinauf zum Hochplateau, von wo sie gekommen waren.

"Was ist da los?", fragte Justin völlig verwirrt. "Das hört sich an, als ob..."

Corley nickte.

"Genau so ist es" meinte er. "Die Bande hat keinen Anführer mehr - und jetzt scheinen sie sich gegenseitig umzubringen!"

"Dort oben im Farmhaus lagerten gewaltige Schätze", meinte Bellinda dann. "Ich habe nur einen Teil davon flüchtig zu Gesicht bekommen..."

"Nun, es scheint, als wäre man dort oben gerade beim gerechten Aufteilen!", meinte Corley sarkastisch.

"Das bedeutet, dass es keine Jagd auf uns geben wird nicht wahr?", meinte Bellinda.

Corley nickte.

"So ist es. Jeder dieser Wölfe nimmt sich soviel er kriegen kann und versucht dann zu verschwinden! Aber wir sollten trotzdem machen, dass wir hier wegkommen! Ich möchte im Augenblick keinem von ihnen begegnen..." Ted Quentin war der Kopf der Bande gewesen und ohne Kopf, das schien sicher, würde diese Horde von Revolverschwingern schnell auseinanderfallen...

Wahrscheinlich würde das Lager schon am nächsten Morgen verlassen daliegen...

37

Sie ritten die ganze Nacht hindurch.

Erst als die Sonne bereits aufgegangen und die Morgenkühle fast verschwunden war, gönnten sie sich und den Tieren an einem Wasserloch eine Pause.

"Wie wird es jetzt weitergehen?", fragte Bellinda an Corley gewandt und legte ihm ihre schlanken Arme um den Hals. Er drückte sie an sich und spürte ihren warmen Atem.

"Du wolltest irgendwo ein neues Leben mit mir anfangen", erwiderte Corley, während seine Hand ihr über das Haar strich. "Gilt das noch?"

Bellinda zeigte ihm ein Lächeln.

"Natürlich gilt das noch Jeff! Es hat nie so sehr gegolten wie in diesem Augenblick..."

In diesem Moment kam Justin herbei.

"Hey, geht es bald weiter?"

Aber die beiden achteten gar nicht auf ihn.

"Was hältst du davon, wenn wir versuchen, die Colorado Queen wieder flott zu machen?", fragte Bellinda. Corley hob die Augenbrauen.

"Du konntest es doch kaum erwarten, endlich von diesem Kahn herunterzukommen!"

"Ja, aber jetzt hat sich vieles verändert. Was ist, Jeff?" Corley zuckte mit den Schultern und drückte sie an sich.

"Warum nicht?", meinte er. "Es könnte ein Anfang sein. Und es ist bestimmt nicht der Schlechteste..."

ENDE

Trent McShanes Schatten

Ein Western von Larry Lash

IMPRESSUM

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Meinard Dixon & Sidney Laurence mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

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Trent McShane hat eine dunkle Vergangenheit hinter sich gelassen. Einige Jahre hat er im Gefängnis gesessen, und nun kommt er endlich frei. Doch diese neue Freiheit nimmt einen tragischen Verlauf, denn McShanes einstiger Zellengenosse Mort Hayle hat in der Zwischenzeit ein abgekartetes Spiel begonnen und sich die Ranch der McShanes in Montana unter den Nagel gerissen. Denn er sieht aus wie Trent McShane, und damit hat er alle in die Irre geführt.

Als Trent das erfährt, kennt er nur noch ein Ziel. Er muss Hayle zur Rechenschaft ziehen und dieses Spiel beenden. Zusammen mit seinem Partner Bass Mitter reitet er nach Montana. Auf dem Weg dorthin müssen die beiden Männer um ihr Leben kämpfen, denn Mort Hayle weiß natürlich längst, dass Trent McShane frei ist – und er wird alles tun, um zu verhindern, dass dieser sein Ziel erreicht.

1.

––––––––

Eine Tür flog auf. Der Beamte am Schreibtisch hob den Kopf, blinzelte gegen die Sonnenstrahlen, die durch die geöffnete Tür fielen. Die Silhouette eines Mannes, der abwartend mit einem Begleiter in der Tür stand, fiel ihm ins Auge.

Beide Männer warteten, der Wärter im Hintergrund, den Mann beobachtend, der abgehärmt, hager und blass, seine Augen senkte, gegen die Lichtfülle im Raum ankämpfte und starr auf seine Füße herabschaute.

„Nummer 345, Chef.“

„Yeah, gewesen! Treten Sie näher, Trent McShane. Unterschreiben Sie Ihre Entlassungspapiere.“

Das war kein Befehl mehr, sondern eine Aufforderung. Die Stimme des Allgewaltigen, Chef des Zuchthauses von Prescott, hatte an Härte eingebüßt. Er war nur noch Beamter, der leise vor sich hinlächelte, sich die Bemerkung aber nicht verkneifen konnte: „Rein will keiner, aber raus wollen alle. Jetzt sind Sie dran, Mister. Vor fünf Jahren wussten wir wirklich nicht, wen wir entlassen sollten.“

„Es war nicht meine Schuld, dass Mort Hayle mit mir die Zelle teilte, Mister“, schleppte Trent McShane. Nur zögernd ging er mit hängenden Schultern auf den Schreibtisch zu, blieb einen Yard davor stehen und wartete.

Jovial lächelnd legte der Chef die Papiere zurecht. Stellte Tinte und Halter daneben.

„Sicher, Sie haben damit nichts zu tun, und Sie können auch nichts dafür, dass jener Ihnen wie ein Ei dem anderen glich. Man nannte euch nur die Zwillinge...“

„Das ist mir bekannt, Chef“, brach es fast heiser von den Lippen des Gefangenen, der gleich keiner mehr sein sollte. „Schätze, dass es doch eigenartig ist, dass Mort Hayle schon vor fünf Jahren entlassen werden konnte. Er hatte doch dieselbe Strafe bekommen, wir hätten am gleichen Tag entlassen werden müssen.“

„Sicher — aber auch jetzt kann ich Ihnen nichts darüber sagen, Mister Trent McShane. Tut mir leid.“ Er zuckte mit den Achseln, sah zu, wie die nervige Hand McShanes den Halter ergriff, ihn vorsichtig in die Tinte tauchte und in kühnem Zug seinen Namen unter das Entlassungspapier setzte.

„Bin ich nun entlassen?“

Das war eine verdammt sonderbare Frage. Der Boss riss die Augen auf, rieb sich kurz die Nase, blickte zu dem verlegen grinsenden Wärter hinüber.

„Yeah, das sind Sie!“, platzte er heraus. „Meinen Glückwunsch!“

„Den behalten Sie für sich, Mister“, klang es rau, abgehackt zurück.

Das war noch nicht vorgekommen. Der Wärter zuckte wie unter einem Hieb zusammen, verhielt so, bereit, jeden Augenblick zuzuspringen. Der Boss schnappte nach Luft, war einem Schlaganfall nahe.

„Sie haben es nötig... Sicher werden Sie bald wieder hier landen, Mister“, explodierte er grimmig. „Verlassen Sie den Raum, lassen Sie sich Zivilzeug geben, und dann ... so long!“

Der Wärter winkte. McShane drehte sich schwerfällig auf dem Absatz, hatte fast die Tür erreicht, als der Chef ihm nachbrüllte: „Sagen Sie einmal, Mister, welche Laus ist Ihnen denn über die Leber gelaufen, heh?“

Trent blieb wie unter einem Kommando stehen. Es war nicht leicht, ein freier Mann zu sein. Zehn Jahre Zuchthaus konnten aus einem Mann eine Maschine machen, der auf Anhieb stand und sich auf Zuruf bewegte... der nur auf eine Nummer hörte, und jetzt plötzlich doch keine mehr war.

Wenngleich der Allgewaltige auch nicht mehr die Nummer 345 herausbrüllte, so war das Ertönen seiner Stimme einem Hieb in den Rücken gleich.

Aus düsteren Augen schaute er den Chef an. Entsann sich, dass er keine Nummer und auch kein Gefangener mehr war, hob ruckartig den Kopf, lachte seltsam vor sieh hin, gab aber keine Antwort auf die Frage.

„Verzeihung, Chef, vielleicht hält er sich für unschuldig“, gab der Wärter mit einem Augenzwinkern zu verstehen. „Vielleicht ist er genau so wie alle anderen. Sie wissen nie was sie ausgefressen haben und weshalb sie hier waren!“

„Yeah, das hätte er vor zehn Jahren der Jury sagen sollen und nicht uns an seinem Entlassungstag“, sprühte der Mann hinterm Schreibtisch heraus, hob wie in Abwehr oder im großen Ärger beide Hände, krampfte sie in seinen dunklen Vollbart hinein. „Vor zehn Jahren hätte er Gelegenheit dazu gehabt, etwas zu seiner Verteidigung zu unternehmen.“

„Hören Sie, McShane, was werden Sie jetzt tun?“

„Reiten“, klang es dumpf, hallte durch den schmucklosen Raum, ließ den Chef die Hände zu Fäusten ballen und sie mit einem Ruck niedersausen, auf den Schreibtisch aufkrachend. Er stemmte sich in seinem Sessel hoch, wirkte wie die verkörperte Drohung, aus Fleisch, Muskel und Knochen. Sein kantiges Kinn schob sich vor.

„Reiten? Sie wollen wieder auf den langen Trail? Ich sage Ihnen, McShane, das wird Sie bald unter einen Galgen führen!“

McShane ließ die Worte an sich abprallen. Hager, blass und mit dunkel glühenden Augen stand er im Raum, Er war groß, knochig, hatte ein männliches Gesicht mit regelmäßigen Gesichtszügen und eine kräftige Nase. Er wirkte wie eine in Stein gehauene Statue eines Kämpfers. Sein volles, schwarzes Haar zeigte graue Strähnen. Buschig standen die Brauen in dem bleichen Gesicht. Jetzt kam ein undeutbares Lächeln in sein Gesicht, kerbte sich in den Mundwinkeln ein und verharrte dort.

„Ich werde nach Montana reiten, Chef. Dort haben meine Eltern eine Ranch ...“

„Himmel, weshalb sagen Sie das erst jetzt?“

„Weil ich nicht wollte, dass ein Brief aus dem Zuchthaus meinen Dad erschreckte, er sollte sich nicht meinetwegen schämen. Jetzt bin ich frei... so long!“

„So long, McShane. Bis nach Montana ist es sehr weit. Halten Sie die Ohren steif, Mann, und denken Sie immer daran, was hinter Ihnen liegt. Vielleicht können Sie das Jucken in den Handflächen überwinden. Reiten Sie jedem Streit aus dem Weg und wenn Sie einen Sheriff sehen, ziehen Sie die Eisen und entfernen Sie vorher alle Patronen. Man kann sich nur einmal gegen das Gesetz vergehen und mit einem blauen Auge davonkommen. Beim zweiten Mal würde selbst der Teufel Sie nicht vor dem Galgen retten können. Bedenken Sie das, McShane!“

Chef und Freigelassener standen sich gegenüber, musterten sich kalt und aufmerksam.

Auf McShanes wuchtiger Stirn standen glitzernde Schweißperlen. Langsam hob er die Rechte, wischte mit dem Ärmel über die Stirn und keuchte: „Was vor zehn Jahren geschah, ist in wenigen Worten erklärt, Boss... und das sage ich Ihnen noch einmal... ich habe den Sheriff von Danton nicht erschossen! Well, bevor ich das Zuchthaus verlasse, soll es gesagt werden, und Sie können es zu den Akten nehmen, oder nicht!“

„Interessant, McShane. Aber wie wollen Sie sich da herauswinden? Sie haben zugegeben, auf den Sheriff geschossen zu haben, und werden jetzt auch dabei bleiben müssen."

„Yeah, das kann ich nicht bestreiten. Aber ich weise es ab, dass meine Kugel ihn getötet hat. Bei mir war es Notwehr.“

„Notwehr? Warum?“

„Es war sehr einfach, Boss. Ich kannte Danton kaum, als ich vor zehn Jahren in das kleine Nest einritt. Außerdem war es in der Dämmerung. Plötzlich stürzte eine Gestalt auf die Fahrbahn, schrie mir etwas zu und schoss auch schon. Mein Pferd brach unter mir zusammen. Ich konnte noch durch einen Sprung aus dem Sattel kommen und feuern. Deutlich sah ich, dass meine Kugel die Revolverhand des anderen traf. Im nächsten Moment dröhnte etwas seitlich von mir ein Schuss auf, hieb zu dem waffenlosen Mann mitten auf der Fahrbahn, streckte ihn lang...“

„Yeah, zwei Kugeln hatten den Sheriff von Dalnon niedergestreckt... Well, McShane, nur der Sheriff wusste, weshalb er Ihnen in den Weg sprang. Leider ist er tot und nahm sein Geheimnis mit sich. Sie wollen also bestreiten, dass Sie Mort Hayle damals schon gekannt haben?“, lauerte der Mann hinter dem Schreibtisch.

Durch Trent McShane ging ein Beben. Finster zogen sich seine Augenbrauen zusammen.

„Yeah, ich bestreite es... Ich war selbst überrascht, als ich nach meiner Festnahme Mort Hayle gegenüberstand. Und nicht nur ich war es... alle anderen, die uns beide sahen, waren es ebenfalls.“

„Well, Sie kommen reichlich spät mit Ihrem Bericht heraus, McShane. Vor fünf Jahren hat Mort Hayle bereits die damalige Tat rekonstruiert, und — hören Sie genau zu — fast dieselben Worte zu seiner Entlastung gebraucht wie sie. Das war auch einer der Hauptgründe, dass er vorzeitig entlassen wurde. Außerdem hatte er einflussreiche Freunde, die sich um ihn kümmerten!“

Es traf den anderen wie ein Schlag. Er zuckte wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Sein Gesicht verzerrte sich. Sein Blick irrte zum Chef. „Sie hätten sich das alles vor zehn Jahren ausdenken, oder Mort Hayle zuvorkommen sollen“, klang es kalt. „Ihre Erklärung ist reichlich abgedroschen, denn Sie haben mir wirklich nichts Neues berichtet.“

Wortlos, mit hängenden Schultern machte Trent McShane kehrt, schritt steifbeinig hinter dem voranschreitenden Wärter her, und wieder klappte eine Tür zu, ein Gang nahm die beiden auf. Rechts und links Zellen, Nummern, dahinter Gitter... Kerle, mit bärtigen, grauen Gesichtern, die durch die Gitterfenster spähten, böse grinsten, grimmig dreinblickten, doch allen gemeinsam war das erschreckend ausdruckslose Glimmen in den Augen, der Hunger nach Licht...

Aber das alles sah McShane nicht. Dagegen war er abgestumpft. In zehn Jahren war er selbst zu einer Nummer geworden. Ja, Nummer 345, und Mort hatte die Nummer 346 gehabt.

Türen öffneten sich vor ihm und schlossen sich hinter ihm. Wieder Gänge, Zellen, Gitter und vor ihm die breiten Schultern des Wärters, der ab und zu zurückblickte und kalt grinste.

„Wachen Sie auf, McShane“, brummte die Stimme des bulligen Wärters. „Mann, Sie träumen ja ... Dort liegen Ihre Zivilsachen, Ihre Auslöhnung und Ihr Eisen. Munition müssen Sie sich selbst beschaffen; früher war man hier großzügiger, aber wie gesagt, früher. Bis dann der Teufel los war und so ein Bursche auf den verteufelten Einfall kam, sofort sein Eisen in Gebrauch zu nehmen, seine Wärter ins Jenseits zu befördern, und versuchte, aus dem Zuchthaus ein Freudenhaus zu machen. Er ließ eine Anzahl wilder Vögel hinaus, und eine Revolte brach aus. Aber solche Gedanken haben Sie sicher nicht, McShane?“

„Nein, nein, ich habe mich noch nicht genügend an die wiedergewonnene Freiheit gewöhnt, ich muss erst wieder lernen, keine Nummer mehr zu sein ...“

„Ich sage Ihnen, wenn sich die Tore des Zuchthauses öffnen und Sie die ersten Schritte auf die Straße getan haben, wird es anders sein. Und nun los, ziehen Sie die Anstaltskleidung aus. Wenn Sie in Zivil vor mir stehen, werde ich wohl Mister sagen müssen!“ Sein Grinsen verstärkte sich. Mit flinken Händen drehte er zwei Zigaretten, hielt eine davon Trent entgegen.

„Rauchen Sie, McShane. Ein freier Mann kann selbst in diesen geheiligten Mauern rauchen.“ Nur zögernd griff Trent zu, steckte das Tabakröllchen zwischen die blutleeren Lippen, ließ sich Feuer geben, hörte das leise, kichernde Lachen des Wärters hinter sich und hörte ihn sagen:

„Sie sehen aus wie ein Cowboy, der dem Totengräber von der Schippe gesprungen ist!“

Das war kein Wunder. Hose, Baumwollhemd und Weste waren viel zu weit. Trent zerrte den Leibgurt straff, langte nach seinem Eisen. Es war ein 45er alter Ausführung. Kolben und Lauf verschrammt. Fast andächtig nahm er das Eisen in die Hand, blickte in die Mündung, ins Magazin, und nickte befriedigt.

„Kein Rost“, murmelte er vor sich hin.

„McShane, das würde sich der Chef nicht nehmen lassen. Er lässt alle Waffen immer sorgfältig pflegen. Schauen Sie auch ihre Chaps an, als Sie vor zehn Jahren ankamen, fehlten drei Zierknöpfe, hier auf dem Schein steht’s ...“

„Yeah“, hauchte Trent, schüttelte sich etwas und murmelte, „es ist alles in Ordnung!“

„Scheinbar nicht“, entgegnete der Wärter und ließ keinen Blick von Trent. „Sie benehmen sich reichlich sonderbar, Mister... Jetzt kann ich ja Mister sagen, Sie stehen in Zivil vor mir. Jeder andere ist ziemlich protzig, wenn er hier heraus kann und prahlt schon von seinem neuen Leben. Well, schauen Sie durch das Fenster und nehmen Sie den Eindruck mit, es sind die Lebenslänglichen...“

„Ich kenne den Anblick.“

„Trotzdem sollten Sie noch einmal hinunter schauen, könnte nicht schaden. Jedem Mann, der entlassen wird, sage ich das.“

„Warum?“, klang es düster zurück.

„Er soll eine heilsame Lehre mitnehmen. Einen Anblick, den er nie vergessen soll. Hören Sie, Mister, es sind lebende Tote, ohne Hoffnung, ohne Zukunft. Jeden Tag eine halbe Stunde frische Luft ... immer im Kreis ... endlos, bis an das Ende ihrer Tage. Diese halbe Stunde ist der einzige Lichtblick ...“

Er brach ab, sah mit verkniffenen Augen sein Gegenüber an, der sich mit einem Ruck seinen Waffengurt um die Hüften schlang, das Halfter mit der Waffe nach vorn rückte, schnell und heftig atmete.

„Ich sage Ihnen, dass ich niemals unter ihnen sein werde ... solange ich meine Eisen habe ... Mag kommen was will, aber in diese Mauern werde ich nie wieder einkehren!“

„Yeah, viele haben das gesagt, außer einem. Er war sechzig Jahre, sollte entlassen werden, bat, man solle ihn behalten, und dann musste er doch gehen. Man kann doch einen Mann, der seine Strafe verbüßt hat, nicht hier behalten... Nun ja, er ging, eine halbe Stunde später saß er wieder hinter Gittern. Grund? ... Er wollte wieder hinein, hatte diese halbe Stunde der Freiheit dazu benutzt, mit seinem Colt Amok zu laufen!“ Rau, abgehackt klang das Lachen des Wärters. „Dabei war der Oldtimer nicht einmal verrückt...“

„Sicher, er fand sich nicht mehr zurecht“, murmelte Trent McShane.

„Yeah, es gibt seltsame Sachen, Mister. Hier in diesem Umschlag ist Ihre Löhnung. Sie wollen nach Montana?“

„Yeah!“

„Mit dem Geld können Sie sich Reit- und Packpferd kaufen und können sich mit Proviant und Munition versorgen. Sie sollten doch lieber mit der Postkutsche reisen. Es kommt billiger.“

„Ich werde reiten“, sagte Trent, nahm die Zigarette aus dem Mund, ließ sie fallen und trat darauf, löschte mit der Stiefelsohle die Glut, lachte rasselnd vor sich hin. „Die Löhnung von zehn Jahren. Dasselbe hätte ich als Cowboy in drei Monaten verdienen können!“

„Yeah, als Cowboy ..., wir sind jedoch kein Wohlfahrtsinstitut, Mister“, schroffte es zurück. „Und nun kommen Sie!“

Wieder folgte Trent dem Wärter, aber jetzt behinderte ihn keine Zuchthauskleidung. Leise klirrten seine Sporen, flappten die Chaps bei jedem Schritt und seltsam, McShanes Lungen dehnten sich, sein Gang wurde beschwingter, freier.

„Die Freiheit ist schon in Ihnen, Mister. Vergessen Sie nicht, dass diese Freiheit da draußen auch begrenzt ist, dass es Gesetze gibt, die ... na Sie wissen schon, was ich meine. Freiheit im eigentlichen Sinne steht nur in den Sternen geschrieben. Wir dürfen nur davon träumen, das ist aber auch alles!“

Der Teufel mochte wissen, woher der Wärter seine philosophischen Anwandlungen nahm. Was er eigentlich wollte, weshalb er immer wieder Trents verkniffenes Gesicht fast scheu von der Seite musterte, und warum er noch am Zuchthaustor sagte: „Hören Sie, Mister..., Sie gleichen einem Loafer, der sich auf eine Fährte setzen will. Habe das Gefühl, dass so eine Fährte für Sie schrecklich enden könnte, denn am Ende aller Fährten ist immer etwas, was mit Kugeln behoben werden muss. Niemals steht nur eine Eins dort... immer sind es mehrere, vergiss das nicht, Cowboy, werde nicht zum Schatten!“

Trent McShane hob überrascht den Kopf. Sonnenfluten prallten auf den Hof. Wachposten schauten grinsend zu ihm hin.

„Ich werde es nicht vergessen, und Dank für den Rat!“

Er tippte an die verwaschene Hutkrempe seines Stetsons, passierte mit schnellen Schritten das Tor, die Wachposten, stand auf der Straße, und hinter ihm lagen die grauen, vergitterten Fenster, lagen Wachtürme, Wärter, Elend und Not.

*

Er blickte sich nicht um. Hastig überquerte er die Fahrbahn, rannte fast, und blieb erst stehen, als er sicher war, dass das Zuchthaus nicht mehr zu sehen war. Nun schaute er wie erwachend um sich.

Es wimmelte in den Straßen wie in einem aufgescheuchten Ameisenhaufen. Reiter und Fuhrwerke aller Art kreuzten auf. Planwagen, Prärieschoner, die plump und schwer von Ochsengespannen gezogen wurden, bis zum eleganten Einspänner, alles war vertreten. Staub und Dreck schwängerte die Luft. Lärm brandete ringsumher. Musik dröhnte aus den Kneipen, den Bars, Spielrooms und den Tanzhallen. Store an Store reihte sich...

Für McShane bedeutete dies alles den Eintritt in ein neues Leben. Er saugte alles in sich hinein, wie ein Verdurstender. Was tat es, dass seine Blässe immer wieder prüfende Blicke anzog. Es machte ihm nichts aus, verstärkte nur seinen Abwehrwillen, erfüllte ihn mit einem gewissen Trotz, einer Gleichgültigkeit gegenüber seiner Umwelt. Einmal gurrte ein Frauenlachen dicht an seinem Ohr. Fast erschrocken wirbelte er herum. Sah eine betörende Frau, die verlegen zurückprallte.

„Entschuldigung, Mister, ich hielt Sie für einen Bekannten“, sprudelte es von ihren Lippen.

Er konnte nichts erwidern, sah sie nur beobachtend, misstrauisch an, und sie wandte sich schroff herum, ließ ihn einfach stehen. Lange stand er auf einem Fleck und sah ihr nach. Ihr Blondhaar faszinierte ihn, und seine Blicke hingen an ihr, bis das Gewühl der Menschen sie aufgenommen hatte.

Das war seine erste Begegnung mit einer Frau ... seit zehn Jahren. Das waren die ersten Worte, der erste Eindruck, der sich in ihm einbrannte. Sie hatte ihn stehen lassen... na ja, er hatte sich ja auch recht tölpelhaft benommen. Ein leises Lächeln in den Mundwinkeln, ging er seines Weges. Sein erstes Ziel sollte ein Mietstall sein. Den Lockungen der Kneipen, die mehr als genug vorhanden waren, widerstehend, hatte er sein Ziel bald erreicht. Ein Stallknecht kam ihm entgegen.

„Kann man hier Pferde kaufen?“

Der krummrückige Stallknecht mit den gichtigen Fingern musterte ihn schnell, abschätzend, sagte: „Man kann, wenn man Money genug hat, Mister!“

Trent überhörte das Anzügliche, duckte sich unter dem Holm durch, trat in den Stall und warf dem anderen zu: „Hol den Besitzer, aber ein bisschen fix!“

„Das ist nicht nötig, Mister.“

„Dann sind Sie etwa selber ... ?“

„Yeah, kommen Sie. Ich habe Reit- und Tragetiere sowie auch gute Gespannpferde. Bei den ersten Boxen finden Sie einige gute Pferde... aber Sie sind wohl lange genug über eine Weide geritten, ich brauche Ihnen sicher keinen Wink zu geben, stimmt’s?“

Ruckhaft blieb Trent stehen, sah den Buckligen seltsam an, barschte: „Wenn sich ein Mann wie ein Cowboy kleidet, braucht er noch lange keiner zu sein, Mister.“

„Sicher, aber ich habe meine Erfahrungen“, murrte der Alte. „Außerdem habe ich nicht gesagt, dass Sie von einer Weide kommen...“

„Was wollen Sie damit sagen?“, explodierte Trent. Er war stehengeblieben, lehnte sich an eine Box und ließ den Verwachsenen nicht aus den Augen.

„Ich nehme an, dass in ihrer Waffe nicht eine einzige Kugel steckt, Mister“, gab der andere ruhig zurück. „So werden nur Boys behandelt, die aus dem Zuchthaus kommen. Ich habe nichts gegen Sie, werde mich hüten. Aber mein Gedächtnis ist noch gut, und Sie wurden vor fünf Jahren schon einmal entlassen und standen genau da, wo Sie jetzt auch stehen. Was haben Sie denn dieses Mal... ? Ah, es hat mich ja nicht zu interessieren. Sie wollen gewiss wieder ein Reit- und ein Packpferd, wie?“

„Genau das, Mister“, entfuhr es Trent überrascht. „Allright. Proviant, Munition und was sonst noch dazu gehört, bekommen Sie gleich drüben auf der anderen Straßenseite. Sicherlich wollen Sie sich wieder für einen langen Ritt vorbereiten?“

„Yeah, so ist’s. Können Sie sich denn noch erinnern, wohin ich mich das letzte Mal gewandt habe?“, lauerte Trent, hielt den Atem an, denn er wusste nun, dass Mort Hayle vor fünf Jahren aus diesem Mietstall Pferde bezogen hatte und von hier aus aufgebrochen war. Merkwürdig, dass der Zufall ihn hierher geführt hatte.

Der Mietstallbesitzer duckte sich etwas, schielte ihn an und grinste: „Wenn Sie es wünschen, habe ich das glatt vergessen!“

„Ich will aber, dass Sie es noch wissen!“

„Well, ich weiß, dass der Trail nach Norden ging, vielleicht erst nach Utah, dann nach Wyoming... vielleicht auch nach Montana... Aber das müssen Sie ja besser wissen, Mister!“, schleppte der Bucklige und lächelte stärker. „Ich würde Ihnen auch raten, schnell aufzubrechen, denn das, was Sie vor fünf Jahren hier angestellt haben, ist noch nicht vergessen. Der alte Groy Mitter lebt noch, seine Tochter auch... und ihr Bruder würde wenig danach fragen, ob ein Mann aus dem Zuchthaus kommt, oder nicht... Doch das wissen Sie ja alles besser als ich, stimmt’s? Sie werden sich doch noch an Nelly erinnern und an das kleine Anwesen vor der Stadt... Na ja, war Ihre Sache...“ Er brach ab, musterte Trent schnell, wie gehetzt, und flüsterte: „Sage Ihnen nur, dass ihr Bruder jeden Tag die Stadt abgrast, immer in der Hoffnung, Sie zu finden. Das tut er schon seit fünf Jahren und wird erst dann Ruhe haben, wenn er Sie vor seinem Eisen hat... Sie müssen wissen, was Sie machen. Gegen Bass Mitter haben Sie jedoch keine Chance, denn er ist ein Revolvermann bester Klasse, ein Beidhandschütze und kalt wie Eis.“

„Warum erzählen Sie mir das alles?“, unterbrach Trent den kleinen Mann mit den Gichtfingern.

„Einfach ...“ Der Bucklige reckte sich, deutete mit dem Daumen in der Richtung, wo das Zuchthaus stehen musste, und brachte heiser heraus: „Auch ich kam einmal da heraus, und hinter mir schlossen sich die Eisentore ... Ich fing neu an und blieb... blieb in der Nähe des Zuchthauses, damit ich immer wieder vor Augen habe, wie gut es ist. die Freiheit zu besitzen. Well, es ist für mich tagtäglich ein Genuss zu leben. Well, und darum kann ich Kanonen, die in glühend heißen Stiefeln herumlaufen und mit den Eisen fix sind, nicht allzusehr leiden, und wenn es gar Revolvermänner oder Beidhandschützen sind, erst recht nicht, denn diese Kerle gehen immer am Zuchthaus vorbei, ohne darin zu landen. Sie können schießen und wenn sie es tun ... ist es einfach Notwehr, weiter nichts... Der Teufel mag das alles holen. Well... so ist das.“

„Sie erklären sich solidarisch mit den Männern, die aus dem Zuchthaus kommen?“, forschte Trent erregt.

„Im gewissen Sinne ja“, klang es prompt zurück. „Sie waren zweimal drin und das müsste doch wirklich genügen, um ein anderes Leben zu beginnen. Kommen Sie, Mort Hayle.“

Trent wusste genug. Die Erregung trieb einen dicken Kloß in seine Kehle, ließ ihn schlucken und würgen.

Jetzt wusste er, dass sich sein Schatten auf den Trail nach Norden gemacht hatte, wusste aber auch gleichzeitig, dass Mort im gewissen Sinne dafür gesorgt hatte, dass ein unversöhnlicher Gegner ihn schon hier in Prescot belauerte, um ihn auszulöschen. Das sah nicht nach einem Zufall aus. Mort hatte irgendein Ding gedreht, das war sicher... aber was es war, das entzog sich seiner Kenntnis.

Ah, der Anfang war bitter. Er tappte im Dunkeln, während der Gegner ihn genau kannte, ihn jederzeit stellen und zum Kampf zwingen konnte. Rau, heiser lachte Trent vor sich hin. Der Teufel selbst hatte ihm die verdammte Ähnlichkeit mit Mort Hayle gegeben. Schon einmal hatte diese Ähnlichkeit ihn ins Zuchthaus gebracht, hatte sein Leben und seine Zukunft fast zerstört.

Mort Hayle... der Name trieb ihm das Blut ins Gesicht, ließ sein Trommelfell erdröhnen, sein Herz in rasendem Rhythmus schlagen, gegen die Wandungen der Rippen pochen.

Warum wandte sich Mort nach Norden, als er vor fünf Jahren entlassen wurde... warum schuf er sich einen Feind, der allen Grund hatte, ihn niederzuschießen?

Weil er genau wusste, dass er, Trent, einmal entlassen würde... Es war ein verdammt übles Spiel. Mort wollte seinen Schatten, den Mann, der ihm aufs Haar glich, aus der Welt schaffen ... Ah, warum nur? Hatte er Angst, dass er seine Fährte aufnehmen, ihn verfolgen, stellen und vernichten würde?

„Mort, dieser Gaul wäre etwas für Sie“, brummte der Stallbesitzer, blieb stehen und deutete auf einen drahtigen, schlanken Falben. „Er ist ausdauernd, zäh und genügsam, hat einen langen Atem und gute Lungen. Sie sollten ihn sich genauer ansehen.“

Trent beugte sich vor, trat nahe an das Tier heran, untersuchte es fachmännisch, fragte:

„Der Preis ... ?“

„Dreißig Dollar, Mister!“

„Wenn er ein Blender ist, dann ist er nicht mal die Hälfte wert, im anderen Falle ist es ein faires Geschäft. Ich nehme ihn!“

„Sie werden es nicht bereuen, Mister. Und nun kommen Sie zu den Packpferden. Sie stehen im Corral. Falls Sie durch die Berge wollen, würde ich Ihnen ein Muli empfehlen. Es braucht aber keins zu sein, habe auch einen Gaul darunter, der fast so gut klettern kann wie der Falbe!“

Wenn er hält, was Sie versprechen, nehme ich ihn. Will ihn mir mal anschauen!"

Der Bucklige schleppte sich vorwärts. Sie ließen den Stall hinter sich und kamen zu dem Corral.

„Dort, der hagere Braune mit der Blässe auf der Stirn und den schwarzen Stulpen, das ist er. Er sieht zwar nicht großartig aus, dafür bekommen Sie ihn auch für zwanzig Dollar“, nuschelte der Verwachsene.

Trent stellte den rechten Stiefel auf die Corralstange, schob sich den Stetson etwas aus der Stirn, und sagte: „Ich brauche diesem Burschen nicht einmal in das Zahngehege zu sehen, schätze sein Alter auf neun Jahre. Er ist bodenweit und vorgiebig, die Hinterhand ist nicht nur durchtretend, sondern fast bärentatzig, hat einen zu langen Widerrist, zu steile Schultern und eine ziemlich schwache Hinterhand. Wenn ich alle Fehler aufzählen würde...“

„Stopp“, unterbrach der Bucklige. „Schätze, Sie sind nicht nur hinter Rindern hergeritten, wie?“

„Ich habe Pferde getrieben“, klang es leise. „Habe Hunderte von Pferden unter meinem Sattel gehabt ...“

„Broncobuster?“

„Wie man’s nimmt, aber so eine Karikatur ist mir noch nicht begegnet. Der Gaul ist in seiner Hässlichkeit noch kaum mehr zu übertreffen! Schauen Sie dort, den Rotbraunen mit dem Rammskopf und dem überladenen Hals, den werde ich nehmen.“

„Vierzig Dollar!“, klang es knapp und mürrisch. „Der Himmel möge mich bestrafen, aber vierzig Dollar ist kein Preis für diesen Gaul“, grinste der Bucklige.

„Achtundzwanzig ... und keinen Cent mehr. Sie wissen genau, dass der Rammskopf seine Tücken hat. Außerdem ist sein Kehlgang zu eng...“

„Hölle und Teufel!“, unterbrach der Kleine, „wenn Sie so weitermachen, Mister, zweifle ich nicht daran, dass ich in meinem Corral nur Kroppzeug beisammenstehen habe.“

„Aber nehmen Sie ihn in Gottes Namen für den Spottpreis!“

„Well, und jetzt Sattel und Zaumzeug..

„Kommen Sie ins Haus, Mister, schauen Sie sich die Sachen an. Habe alles vorrätig, vom Holzrahmensattel bis zum ..

Der Zwerg verstummte, trat ins Haus. In der weichen Halbdämmerung begann Trent seine Wahl unter den Sätteln zu treffen. Der Bucklige störte sich nicht daran, trat ans Fenster und schaute hinaus.

Plötzlich stieß er einen unterdrückten Schrei aus, winkte aufgeregt mit den Armen.

„Bass Mitter... Heh, Mort Hayle, kommen Sie her!“

„Bass Mitter?“, fragte Trent, ließ beinahe den Sattel fallen, den er in der Hand hielt, besann sich, schleppte nach kurzem Zögern Reit- und Packsattel beiseite.

„Teufel“, zischte der Bucklige ihm zu. „Sie haben verteufelte Nerven. Bass Mitter ist hier, reitet auf seinem Rappen zum Store. Mann Gottes, haben Sie denn gar keine Nerven. Kann sein, dass er zufällig hier hereinschaut, und wenn er Sie entdeckt, dann kann ich Ihnen garantieren, dass es knallt und die Hölle los ist...“

„Bass Mitter“, murmelte Trent. Seine Augenbrauen schoben sich drohend zusammen. Er machte einige Schritte, doch der Bucklige streckte ihm abwehrend, fast verzweifelt die Arme entgegen.

„Mann“, stöhnte er ächzend, „bleiben Sie, wo Sie sind. Sie haben auch nicht die geringste Chance. Er könnte Sie von seinem Gaul aus sehen und dann... Ah, Sie sind des Teufels... Ich wasche meine Hände in Unschuld. Ich habe Sie gewarnt.“

Es war fast nur noch ein stammelndes Gezische. Die Gichthand des Krüppels klammerte sich an Trents Arm, zerrte an dem Stoff der Weste, krallte sich fest. Doch Trent ließ sich nicht aufhalten, trat an das Fenster und spähte hinaus.

Draußen flirrte die Sonne. Staub wallte in sanften Schleiern. Menschen hasteten hin und her, eilten geschäftig auf den Bohlensteigen. Ein prächtiger Rappe hielt mitten auf der Straße. Sein Reiter war eine Klasse für sich. Man wusste nicht, was es war, was ihn aus dem Rahmen der anderen Menschen heraushob. Es lag nicht allein an den tiefgeschnallten Colts, auch nicht an seiner düsteren Kleidung. Alles war schwarz gehalten. Selbst das Halstuch ... und gewiss würde es das Taschentuch auch sein. Nein, irgend etwas war an diesem Mann, was ihn sofort als Revolvermann kennzeichnete... und sah man ihn richtig an, wusste man plötzlich, dass es seine kalten, hellen Augen waren, die wie Gletscher wirkten.

„Groy Mitters Sohn, der Bruder Nellys, der Sie...“ Wieder brach der Bucklige mitten im Satz ab.

Trent streifte mit einem Ruck die Klauenhand des Alten von seinem Arm.

„Sie ruinieren mich“, wimmerte er.

„Treten Sie um Himmelswillen vom Fenster zurück. Man sagt von Bass Mitter, dass er seine Feinde findet, dass er sie auftreibt und dass ihm keiner entkommt. Nehmen Sie doch Vernunft an, Mort, und bedenken Sie, dass Sie keine Kugel in Ihrem Colt haben. Bedenken Sie ferner, dass dies dem Rappenreiter wenig ausmacht, er würde Ihnen eine seiner eigenen Waffen zuwerfen und Sie zum Ziehen zwingen... und das hier, in meinem Bau ... in meinem Haus.“

Der Kleine war wirklich einem Nervenzusammenbruch nahe, stöhnte immer wieder und. klammerte sich erneut an Trent fest, bemüht, diesen vom Fenster fortzuzerren. Wie ein Spinne hing er an Trent McShane. Seine rotgeflammten Augen weiteten sich vor einer unbegreiflichen Angst.

„Mister“, flehte er, „Sie bekommen Sattel, Zaumzeug und alles umsonst... alles ...“

„Auch die Pferde?“, spottete Trent, ohne sich von seinem Beobachtungsposten abdrängen zu lassen.

„Die nicht...“, wehte es an sein Ohr. „Haben Sie doch ein Herz, wenn Sie hier erschossen werden, muss ich für Ihre Beerdigung aufkommen, und das wird zur Folge haben, dass man meinen Laden meidet, keine Pferde mehr bei mir kauft... mich ruiniert ...“

Trent tat ihm den Gefallen. Blieb jedoch einige Yards vor dem Fenster stehen, schaute aus der Tiefe des Raumes auf den Reiter, neben sich den atemlosen Zwerg.

Inzwischen hatte der Rappe den gegenüberliegenden Store erreicht und hielt an. Sein Reiter schwang sich aus dem Sattel. Sofort spritzten einige Halbwüchsige auseinander, die offenbar Langeweile hatten. Einige Männer wichen scheu zur Seite, stierten feindselig hinter dem Revolvermann her, der sich pantherhaft geschmeidig unter den Holm duckte, auf dem Gehsteig stehenblieb, seltsam eilig nach allen Seiten blickte, als müsse er sich vergewissern, dass keine Gefahr drohte.

Hochgewachsen, mit breiten, athletischen Schultern und unwahrscheinlich schmalen Hüften, stand er an der Verandasäule gelehnt. Verhaltene Kraft, pumahafte Bereitschaft und Kräfte vereinten sich in ihm. Man sah es ihm an, dass er ein Kämpfer war; dass der Kampf für ihn Lebensnotwendigkeit war. Er brauchte ihn wie das tägliche Brot.

Gelangweilt beobachtete er eine geraume Zeit das Treiben auf der Straße. Seine Gelassenheit bedeutete nichts anderes als ständige Bereitschaft. Ein Mann wie Bass Mitter musste immer und zu jeder Stunde damit rechnen, dass ihm ein Möchtegern in den Weg sprang, dass ein hungriger Killer ihm vor die Stiefel stolperte, dass einer der Männer vom langen Trail ihn mit einem Schrei herumriss, um an ihm seine Eisen und die Schnelligkeit seiner Hände auszuprobieren. Well, so unglaublich es klingen mag, aber es gab wirklich solche Männer, die immer auf der Suche nach dem besseren Mann waren, um dann an ihm ihre Kräfte zu messen und erst dann Ruhe fanden, wenn einer ins Gras biss.

Einige Minuten stand er da wie versunken. Scheinbar sah und hörte er nichts, was um ihn herum vorging. Die feindseligen Blicke der Passanten prallten an der kristallenen Kälte seiner Augen ab. Seine hervorstehenden Backenknochen gaben dem Gesicht eine außergewöhnliche Breite. Sein mächtiges Kinn würde selbst von dem Schlag einer Männerfaust nicht gleich splittern. Es war vorgeschoben, wuchtig und beherrschte das Gesicht.

Trent saugte den Anblick dieses Mannes wie trunken in sich hinein. Ah, er kannte solche Männer aus früheren Tagen.

Zehn lange Jahre waren plötzlich wie ausgewischt, waren einfach überbrückt.

„Himmel, was ist Ihnen, Mister?“, stöhnte der Bucklige.

„Übel ist mir, speiübel; Mort Hayle hat mir eine dicke Suppe zurückgelassen, und ich, ich soll sie auslöffeln“, murmelte er, ohne den Alten anzusehen. Dieser griff sich mit beiden Händen an den Kopf und starrte Trent mit irrem Blick an. Wahrscheinlich zweifelte er plötzlich an seinem Verstand. Sicher war es so, denn sein Blick flackerte und merklich unruhig wich er von ihm ab.

„Ah, ich verstehe ... es tut Ihnen leid, wie? Wirklich, das hätte ich von Ihnen nicht erwartet. Hielt Sie bisher für einen Hartgesottenen, für einen, der sich nicht einen Deut daran stört, was er mit seinen Händen zertrümmert. Die Reue kommt etwas spät, Mort Hayle. Das einzige, was Sie noch retten kann, ist die Flucht... und zwar sofort, auf der Stelle. Satteln Sie Ihr Pferd und reiten Sie...“

„Ich habe keinen Proviant und keine Munition“, unterbrach Trent. Seine Zähne knirschten aufeinander, als er nach einer Atempause herausstieß: „Ich muss beides haben ...“

„Mann Gottes ... reiten Sie, schlucken Sie Staub und reißen Sie die Sporen über Flanken und Weichen. Proviant bekommen Sie auch in Asfork ... überall... aber hier sind Sie keine Minute sicher. Jeder Herzschlag kann Ihr letzter sein. Warten Sie, bleiben Sie hier im Raum, ich sattle die Pferde und führe sie dann durch den Hof in die Nebenstraße. Sie können unbemerkt entkommen, können Ihr Leben retten!“

Der Zwerg war wie toll vor Eifer. Schweiß stand auf seiner Stirn, rann in kleinen Bächlein von seinen Wangen.

„Zögern Sie nicht, Mister... es ist verdammt warm hier, und es wird noch heißer werden, wenn Sie bleiben... Es ist unangenehm, wenn ein Mann auf der Schwelle zur Freiheit einer Kugel in die Fluglinie gerät. Mort...“ Er rüttelte Trent heftig am Arm. „Mort, seien Sie doch vernünftig. Ich kann mir denken, was Sie vorhaben. Sie würden am liebsten auf den verteufelten Burschen durch das Fenster schießen ... ohne Anruf, ohne Warnung... aber das wäre gleichbedeutend mit Selbstmord oder ewig hinter Zuchthausmauern unterzutauchen ... und davon haben Sie doch sicherlich die Nase voll, wie? Seien Sie vernünftig, Mann, bedenken Sie, was Freiheit nach zehn Jahren Kerker bedeutet. Freiheit... hören Sie?“

Eindringlich redete der Verwachsene auf ihn ein, doch Trent wehrte fast schroff ab, stieß heftig heraus:

„Unter diesen Umständen frei zu sein, bedeutet die Hölle. Ich bleibe und werde mir Proviant holen, werde meine Eisen mit Futter versorgen!“

„In Teufels Namen“, schnappte der Alte bissig. „Sie hätten als letzten Eindruck den Marsch der Lebenslänglichen in den grauen Mauern mitnehmen sollen. Es ist eine heilsame Lehre!“

Überrascht schaute Trent auf den verkrüppelten Kerl, wandte sich schweigend ab, wollte gehen. Die Stimme des anderen erreichte ihn unter den Türbalken.

„Wo wollen Sie hin?“

„Dem Tod geradewegs in den Rachen schauen“, klang es brüchig zurück.

„Himmel“, krächzte es erstickt. Die Arme des Verwachsenen hoben sich wie Windflügel, kreisten in den Gelenken, konnten jeden Augenblick abbrechen, durch die Luft sausen. Es war kein schöner Anblick.

„Wem soll ich eine Nachricht schicken?“, bellte er.

Trent blieb nachdenklich stehen, wischte mit der Stiefelspitze den Sand durcheinander und murmelte: „Wenn ich mein Ziel nicht erreichen sollte, so ist es besser, wenn meine Angehörigen nichts mehr von mir hören. Ja, Alter, Sie können mich beerben und alles Nötige veranlassen. Wünsch mir einen feinen Sarg, das ist alles!“

„Allright, Mort. Sie sind ein harter Mann. Das Zuchthaus war keine heilsame Lehre!“

––––––––

2.

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Trent spürte die brennenden Blicke des Mietstallbesitzers in seinem Rücken. Mit fast trippelnden Schritten überquerte er den Hof, blinzelte gegen die flutende Sonnenglut. Blaue und violette Schatten lagen in den Winkeln und Nischen. Irgendwo bellte ein Hund. Genau vor ihm wischte der Schatten eines kleinen Vogels durch die Luft. Er trat schnell in den Stall, schaute nicht in die Boxen links und rechts des Ganges. Irgendwie trieb es ihn vorwärts. Kaum trat er aus dem Stall auf die Straße hinaus, als er auch schon wie angewurzelt stehenblieb und zu dem Rappen hinüberschaute, der auf der anderen Straßenseite an den Holm gebunden war.

Eine seltsame Spannung durchströmte sein Nervensystem, machte ihn hellwach. Im Vorwärtsschreiten tastete er nach seinem Colt. Nur wenige Yards vor dem Rappen blieb er stehen und musterte das gleißende Fell des wunderbaren Tieres.

Sonderbar, für Minuten vergaß er die Gefahr, die der Besitzer dieses Pferdes für ihn bedeutete. Der Teufel mochte wissen, wo sich Bass Mitter im Augenblick aufhielt. Vielleicht war er im Store und kaufte ein, oder er war in die gleich nebenan liegende Kneipe gegangen, um seine staubige Kehle mit einem Whisky zu spülen.

Well, auch Trent war es verdammt trocken in der Kehle. Er schluckte mehrmals, als ob er etwas hinunterwürgen müsste. Bewundernd nahm er das Bild des Tieres in sich auf. Erfasste sofort die edle Herkunft. Das Geäder lag plastisch auf der Haut. Die Nüstern waren rosig, die Fesseln zierlich. Seine größte Aufmerksamkeit galt dem Brandmal. Es war ein Hufeisen, auf der Schulter eingebrannt, kaum im schwarzen Fell erkenntlich.

Well, diesem Rappen konnte man mit einem gewöhnlichen Gaul nicht davonreiten. Es war ein fabelhaft gebauter Wallach, mit breiten Lungen und einem unbezähmbaren Temperament. „Stranger, ein schönes Tier, wie?“

Wie von einer Tarantel gestochen wirbelte Trent herum. Etwas seitlich von ihm, auf dem Bohlensteig, lehnte ein Kerl an einem Stapel leerer Kisten, deutete gemächlich auf den Rappen, grinste breit, murmelte:

„Sie sind recht nervös, Mister!“

„Ab und zu nur, das ist nicht zu verleugnen. Habe wohl eine schlechte Nacht gehabt, Gent!“

Der Alte mit den lückenhaften Zähnen, schob die Stummelpfeife in eine Zahnlücke, sog kräftig an dem zernagten Mundstück und betrachtete Trent reichlich offen, nickte vor sich hin.

„Yeah, man sieht es!“

Ob diese Feststellung sich auf Trents bleiches Aussehen bezog, oder ob er sich über ihn lustig machen wollte? Trent kam nicht dazu, es zu erforschen. Einige Straßenpassanten waren stehengeblieben, lugten neugierig herüber, spitzten die Ohren. Unverkennbar war Trent in den Mittelpunkt des Interesses gerückt.

Es war klar, man kannte den Rappen, kannte den Besitzer und ... man machte sich Gedanken über den Mann, der so interessiert sein Augenmerk auf den Rappen lenkte.

Trent wurde es langsam unangenehm in seiner Haut, erregt blickte er zu den Menschengruppen, dann zur gegenüberliegenden Straßenseite, dorthin, wo der Mietstall stand und wo hinter den erblindeten Fensterscheiben das verzerrte Gesicht des Verwachsenen, bleich und fast maskenhaft sichtbar war.

Er gab sich einen Ruck, trat an den Bohlensteig, legte die Rechte auf die Klinke, öffnete die Tür zum Store, trat ein. Eilig huschten seine Augen durch den Raum. Zwei Männer zeigten ihm den Rücken. Gedämpft klangen ihre Stimmen zu ihm hin. Ihm gegenüber, hinter der Ladentheke, stand ein Mädchen und richtete ihren Blick auf ihn.

„Sie wünschen?“

Diese Frage ließ ihn nähertreten und, den Stetson vom Kopf nehmend, lächelte er sie verlegen an.

„Madam, ich habe einen größeren Einkauf zu tätigen. Was ich vor allen Dingen brauche ist Munition für meine 45er.“

Beim Klang seiner Stimme flackerte es seltsam in ihren Augen auf. Sie erwachten sozusagen zu einem erschreckenden Leben, huschten über ihn, krallten sich in seinem Gesicht fest.

„Mort“, flüsterte sie beinahe tonlos. „Sie hätten niemals nach Prescott zurückkommen sollen. Bass war hier und kommt gleich wieder, sagen Sie schnell, was Sie brauchen und wo ich es hinschaffen lassen kann, und dann gehen Sie, wenn Ihnen Ihr Leben lieb ist!“ Sie beugte sich über die Theke zu ihm hin, so dass ihr Haar ihn streifte, ihr rot geschminkter Mund ihm sehr nahe war.

Unverkennbar war die Sorge und Furcht aus ihrer Stimme herauszuhören, und etwas Undeutbares schwang darin mit.

„Madam, ich sehe keine Veranlassung dazu. außerdem habe ich keine Munition ...“

Ihre Blicke irrten über ihn hinweg, wanderten zu den beiden Männern im Hintergrund des Raumes, die, augenscheinlich mit ihrem Gespräch zu Ende, herüberblickten und Trent mit bedeutsamen Blicken bedachten.

„Zu spät!“, hauchte das Mädchen, „Phil Sogan hat dich erkannt. Um Himmelswillen, was auch immer geschehen mag, denk daran, dass ich nicht vergessen habe, was damals geschah, und dass ich immer wieder an dich denken musste; ja, ich habe mich sogar nach dir gesehnt...“, raunte sie aufgeregt, heiser und eilig. „Auch die Sache mit Nelly verzeihe ich dir, Mort, aber Bass wird das niemals können. Sie war seine Schwester... Er wird dich auslöschen ..

„Madam, geben Sie mir die Munition ...“

„Das wird dir nichts mehr nützen ..., mein Gott“, stammelte sie gequält.

Es bimmelte, ihre Augen brannten über seine Schultern hinweg, wurden weit, starr und erschreckend leer, waren auf die Tür gerichtet.

Auch ohne hinzusehen wusste Trent, wer dort soeben den Laden betreten hatte, wer sich mit pantherhafter Lautlosigkeit näherte, einige Yards hinter ihm stehenblieb und fragte:

„Madam, haben Sie meine Sachen bereitgestellt?“

Die Stimme hatte einen weichen Klang und passte nicht zu dem Mann, der in diesen Kleidern steckte. Doch Trent ließ sich nicht täuschen. Er wusste, die melodische Stimme eines Mannes konnte sich oft wandeln, konnte jählings zu einer metallischen Härte, zu einem tödlichen Klirren werden.

Er zog die Schultern ein, fühlte Kälteschauer über seinen Rücken jagen. Hinter ihm stand der Mann, den Mort Hayle auf ihn gehetzt hatte. Ein Mann, dessen Colts Gesetz waren.

Aufmerksam beobachtete er aus den Augenwinkeln heraus die beiden Gents, sah, wie der Bärtige im Hintergrund die Hände ausstreckte.

„Phil?“, klang die weiche Stimme hinter Trent fragend. Keine Antwort erfolgte. Der Mann im Hintergrund deutete mit einer seltsamen Bewegung auf Trent, ließ die Arme sinken und an den Seiten herabpendeln.

„Bass, ich habe nichts vergessen. Es ist alles bereit!“, bebte die Stimme des Mädchens. „Und wenn alles Bisherige Bass Mitter nicht stutzig gemacht hätte, dieses Beben musste selbst einem Greenhorn auffallen.

Trent senkte den Kopf. Stierte wie verzaubert auf die Theke, starrte auf die ausgestellten bunt bemalten Porzellantassen, ohne sie zu sehen. Vor seinen Augen verschwommen die Gegenstände, dafür wurde sein Gehör aber empfindlicher, registrierte alle Geräusche.

Irgend etwas polterte im Hintergrund dumpf zu Boden. Ein schnelles Schnaufen, abgerissene Atemzüge und das leise Schaben gleitender Stiefelsohlen tönte.

Der Tiger von Prescott stand nun dicht hinter ihm, und Trent fühlte, wie das Baumwollhemd auf seinem Rücken schweißig wurde, auf der Haut klebte.

Es herrschte atemlose Stille.

Vor ihm wich das Mädchen langsam zurück, heftig wogte ihr Busen, dunkelrot leuchtete ihr samtenes Kleid, das eng anliegend die Formen ihres Körpers betonte. Das enge Mieder drohte unter den jagenden Atemstößen zu zerreißen.

„Hallo, Stranger“, tönte es in die mit berstender Spannung geladene Stille hinein. „Schätze es nicht, wenn man mir den Rücken zeigt!“

Ein kleiner Schrei kam von den Lippen des Mädchens. Wie abwehrend hob sie die Hände, streckte sie aus, krallte sie in das polierte Holz der Theke und jetzt erst loderten ihre Augen Trent an, brannten sich in seinem Gesicht fest.

„Ich habe dich etwas gefragt, Stranger“, klang es aufreizend höflich.

Trent stemmte sich mit den Händen ab, drehte sich langsam herum.

„Hallo“, sagte er rau, „wenn einer den Wunsch hat, mit mir zu reden, ich bin nicht abgeneigt!“

Es war erstaunlich. Die Gletscheraugen zeigten weder Überraschung noch Verwunderung. Entweder, der Revolvermann hatte sich und seine Nerven sehr in der Gewalt, oder aber er wusste von seinem Hiersein, wusste es ganz genau ... und das konnte nur bedeuten ...

„Sieh an, Mort Hayle“, flüsterte er, neigte etwas den Kopf. „Ich wusste, dass sie dich wohl heute entlassen würden. Jeden Tag wartete ich auf dich. Es freut mich, dass du dich nicht aus dem Staub gemacht hast...“

„Sicher“, unterbrach Trent, „es hätte auch wenig genutzt, wer einen so vorzüglichen Gaul unterm Sattel hat wie du, dem sollte es ein leichtes sein, jedes andere Pferd aus dem Rennen zu bringen!“

Der andere lächelte wie geschmeichelt, strich sich eilig mit der Hand eine schwarze Haarsträhne aus der Stirn.

„Mort, eigentlich hätte ich niemals gedacht, dass du den Mut haben würdest, mir nochmals gegenüberzutreten, aber um so besser. Willst du es hier oder vor der Stadt austragen? Bedenke, dass du hier Zeugen hast...“

Nicht um einen Grad härter wurde die Stimme Bass Mitters. Sie blieb freundlich, höflich, zuvorkommend. Jeder unbeteiligte Zuschauer hätte angenommen, dass zwei alte Bekannte sich über das Wetter unterhielten.

„Bass, tut mir leid, aber den Gefallen kann ich dir nicht tun. Ich schieße mich nicht mit dir!“

„Nicht?“, klang es erstaunt, ungläubig, seltsam forschend. Bass hob schnell den Kopf, und seine Gletscheraugen tasteten vorsichtig sein Gegenüber ab. „Ich verstehe, du willst das Mädchen aus dem Raum haben. Sie war ja einmal deine Freundin..., hm, kann ich verstehen, schick sie fort!“

„Du verstehst mich falsch, Bass... Bevor du dich mit mir schießt, würde ich dir raten, zum Zuchthaus zu reiten und dich dort zu erkundigen, wie lange ich hinter den Mauern gesessen habe!“

„Was sollte das nützen? Das wäre für dich ein Aufschub von höchstens zwei bis drei Stunden, dann aber würde ich dich doch gestellt haben. Wozu willst du mir diese Arbeit machen?“

Bass Mitter kam näher heran, stellte sich neben Trent, legte ihm die Hand auf die Schulter und fuhr in seinem Gespräch fort. „Fünf Jahre hast du hinter dir... und davor ebenfalls fünf. Du bist eben ein Mann, der immer nur herauskommt, um etwas frische Luft zu schnappen, hinter Weiberröcken herzujagen, den Mädels Unglück zu bringen, um dann wieder hinter den grauen Mauern unterzutauchen. Du bist ein eigenartiger Vogel und entziehst dich deiner Unterhaltspflicht auf eine etwas sonderbare Weise

„Unterhaltspflicht?“, unterbrach Trent fragend. Der andere lachte rasselnd, nahm seine schwere Hand von Trents Schultern.

„Solltest du etwa nicht wissen, dass meine Schwester Nelly ein Baby von dir hat? Es ist ein Boy, und ich möchte dir nur sagen, wir von der Hufeisen-Ranch dulden keine krummen Sachen, das wärst du doch sicher verstehen, oder nicht?“

„Yeah, nur zu gut, Bass“, murmelte Trent. Ein galliger Geschmack legte sich auf seine Zunge. Das Mädchen an der Theke richtete sich steif auf. Wieder war die erschreckende Leere in ihrem Blick als sie herausstieß:

„Mort, dass Nelly Mitter ein Kind hat, habe ich nicht gewusst, Sie sind ein Schuft!“

„Regen Sie sich nicht auf, Madam“, lächelte Bass Mitter hart. „Er wird selbst wissen, was er von sich zu halten hat. Vor fünf Jahren hat er sich nicht gerade gut benommen, und es ist kein Wunder, dass er wieder im Zuchthaus landete. ..“

„Yeah“, mischte sich Phil Sogan, der bärtige Mann aus dem Hintergrund, ein. „Mir schulden Sie tausend Dollars ... Spielschulden ... Sie verstehen?“

Trent zuckte die Schultern. Goddam, es wurde verdammt ungemütlich. Mort Hayle schien nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis ein sehr flottes Leben geführt zu haben. Nur der Teufel mochte wissen, was er alles angestellt hatte... Jedenfalls war das, was allein hier in Prescott geschehen war, erschreckend. Er hatte ausreichend dafür gesorgt, dass Trent McShane eine geballte Ladung vor die Füße bekam, sobald auch er entlassen wurde. Himmel und Hölle! Trents Fingerspitzen begannen zu jucken, in seinen Handflächen wurde es schweißig. Er ballte sie zu Fäusten, und Bass Mitter sah es mit grimmiger Genugtuung.

„Nun, Mort?“ Die Frage riss ihn aus seinem wirren Grübeln.

„Ich sagte schon, gehen Sie zum Gefängnis, Bass, und erkundigen Sie sich. Wenn Sie danach noch die gleiche Ansicht vertreten ... gut, dann werde ich mich mit Ihnen schießen!“

„Feigling“, zischte das Mädchen, lachte fast hysterisch und fügte höhnisch hinzu: „Vor fünf Jahren gehörte Ihnen Prescott, Sie hatten jeden Tag Schießereien und brachten die ganze Stadt durcheinander. Man nannte Sie nicht umsonst den wilden Mort. Jeden Tag gab's was Neues. Man hielt Sie für total verrückt! Halten Sie mich nicht auf, Bass“, schrie sie den Revolvermann an, als dieser sie mit einer raschen Handbewegung unterbrechen wollte. „Jetzt und sofort will ich mit diesem sauberen Mister abrechnen, ich habe allzu lange alles hingenommen, habe immer an ihn geglaubt, doch jetzt kann ich es nicht mehr... er soll es wissen, dass ich ihn für den größten Schuft auf Gottes Erdboden halte! Damals ... ganz Prescott brachte er in Aufregung, trieb alles auf die Spitze, um dann, als ihm der Boden zu heiß wurde, plötzlich zu verschwinden ... und wir erhielten die Nachricht, dass er wieder im Zuchthaus gelandet sei, um weitere fünf Jahre abzusitzen. Mort Hayle, Sie sind nicht nur feige, sondern dazu auch noch furchtbar dumm...!“

Schweigend hörte Trent zu, blickte das Mädchen an, zuckte mit keiner Wimper. Als sie ihre Anklage hervorgeschleudert hatte, trat sie rasch an ihn heran, holte aus, doch er fing ihre kleine Hand mitten im Fluge ab, hielt sie fest.

Benommen schrie sie auf, wand und wehrte sich.

„Lass sie los“, zischte Bass. Die Sanftheit war aus seiner Stimme wie fortgewischt. Er lächelte nicht mehr, hatte aber seine lässige Haltung noch nicht aufgegeben.

„Bass, eine Frage, wenn eine Katze Ihnen ins Gesicht fährt, lassen Sie es zu?“, schroffte Trent.

„Ich nicht... aber Sie werden es schon zulassen müssen“, brummte er grimmig. „Die Hände weg, Gent.“

Trent war versucht es zu tun, doch im gleichen Augenblick erwachte ein unbändiger Trotz und eine Leidenschaft in ihm, die sich gegen Bass wandte. Reine Leidenschaft, die sich aus früheren Tagen noch in ihm befand, die selbst das Zuchthaus nicht aus ihm pressen konnte. Seine Rechte klammerte sich noch fester um die Handgelenke des Mädchens.

„Und wenn nicht... ?“, schleppte er.

Sofort erstarb der Widerstand des Mädchens. Phil Sogan prallte einen Schritt zurück, und sein Begleiter, ein zerknittert aussehender Mann unbestimmbaren Alters, duckte sich erschrocken.

„Ziehen Sie“, sagte Bass. „Ein Eisen haben Sie ja, Mort.“

„Well“, murmelte Trent mit verkniffenen Lippen. „Sie wollen es ja nicht anders haben!“

Bass Mitter lächelte grimmig, nickte, schob sich mit dem Rücken von der Theke. „Na, dann los. Ist auch das beste, wenn die Sache gleich hier erledigt wird, denn dann ist sie aus der Welt geschafft. Ich könnte Sie zusammenschlagen ... aber das wäre nicht gerecht. Mit einer Kugel ist die leidige Angelegenheit am besten erledigt... !“

„Sein Eisen ist nicht geladen“, unterbrach das Mädchen fast schrill, als sie sah, dass Trent sie losließ, um sich ebenfalls von der Theke zu lösen.

„Nicht geladen?“, forschte der Revolvermann. Seine Gletscheraugen gingen von einem zum anderen, blieben dann auf dem Mädchen haften und wanderten zu Trent.

„Mort, ich liebe derartige Späße nicht. Sie wollen mich durch Ihren Tod wohl ins Zuchthaus bringen? ... Wäre für Bass Mitter ein schlechtes Zeugnis, wenn man seinen Gegner wohl mit gezogener Waffe, aber ohne Patronen, finden würde. Damned, so etwas dulde ich nicht. Ich bin kein Killer und habe immer fair gekämpft... konnte mich mit meiner Methode selbst in einer Stadt wie Prescott halten ...“

„Sie hätten den Mund halten sollen, Madam“, brach es aus Trent heraus. Der Himmel allein mochte es wissen, was die Frauen doch für seltsame Geschöpfe sind. Erst machte sie ihm Hoffnung, dann schrie sie ihm ihre Verachtung ins Gesicht, und nun hatte sie plötzlich Angst, dass er aus den Stiefeln fahren könnte!

Er lächelte verlegen. „Seien Sie überzeugt Bass, dass ich trotz allem kein Selbstmordkandidat bin“, sagte er, als ob er sich für etwas entschuldigen müsste.

Das saß!

Bass Mitter rang nach Luft. Flammende Röte jagte über sein breitflächiges Gesicht, und seine Backenmuskeln zuckten. Mit wenigen Worten hatte ein Mann seine Revolverehre angegriffen, hatte ihn fast lächerlich gemacht. Himmel und Hölle! Gegen eine Kugel aus einem tiefhängenden Colt war selbst der Teufel nicht gefeit, würde den Schweif einziehen und sich auf leisen Sohlen davonmachen.

Seine Rechte fiel herab, kam hinter dem Eisen zu liegen. Mit einer gleitenden Bewegung riss er den Colt heraus, hielt ihn am Lauf Trent McShane entgegen und harschte:

„Zwei Chancen für dich, Mort... greif zu und feuere sofort... Du siehst, dass ich dir das rechte Eisen überlasse und links greifen muss!“

Seine athletische Gestalt straffte sich. Kalt, ohne Leben waren die Gletscheraugen, zeigten keine Regung, aber hinter den eisblauen Scheiben brannte gewiss ein Hölle.

„Du bist sehr sicher“, dehnte Trent McShane fast spöttisch. Er wusste genau, dass jeder Schießer diese Gelegenheit nicht ungenutzt gelassen hätte. Man brauchte nur die Hand um den Kolben zu krallen und den Hammer springen zu lassen.

Fast verächtlich blickte er auf die Waffe, die weder Kimme noch Korn, noch Abzugbügel hatte, verächtlich auf die nervige Hand, die unter seinem Blick jetzt leise bebte, zurückzuckte. Zwei Griffe, der Waffengurt fiel jetzt hinter Bass Mitter zu Boden, die Eisen schepperten, blieben liegen. In die Stille hinein knarrte Phil Sogans krächzende Stimme, wie hallende Hammerschläge:

„Sie tun mir da einen persönlichen Gefallen, Mister Bass Mitter... von einem Toten hätte ich niemals meine tausend Dollar erhalten, lassen Sie ihn leben, aber stutzen Sie den Burschen auf seine richtige Größe zurecht. Meinetwegen besäumen Sie ihm die Ohren, oder lassen Sie ihn tanzen... Sie können ihm auch die Knochen einzeln brechen, und was dann übrigbleibt, überlassen Sie mir...!“

Bass schob seinen muskelbepackten Oberkörper etwas herum, sah den Bärtigen strafend an. „Mister“, sagte er wenig freundlich, „ich liebe den Verrat, aber den Verräter hasse ich. Irgendeiner soll diese Worte schon vor mir gebraucht haben ... der Mann war kein Dummkopf!“

„Bass Mitter, ich warne Sie“, zischte der Bärtige.

„Sie? He, wohl weil hinter Ihnen einige schmutzige Burschen stehen, was? Sogan, machen Sie sich nicht lächerlich! Wenn ich mit Mort Hayle fertig bin, können Sie es mit mir versuchen, ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung!“

Er wandte sich etwas ab, lachte eigenartig und sagte: „Mort, mit dir rechne ich gerne ab, von dir habe ich soweit nichts Schlechtes gehört, sollst ein Kämpfer sein, und wenn du auch oft daneben gehauen hast, so ist das deine Sache. Wenn du mir in die Hand versprichst, zur Hufeisen-Ranch zu kommen, um das Versäumte nachzuholen, wenn du meine Schwester heiratest und dein wildes Leben aufgibst, dann würde ich dich nur etwas zusammentrümmern, sozusagen auf die richtige Größe stutzen ... na?“

„Du machst zu viele Worte, Bass.“

„Well, ich sehe es ein, habe meinen Atem verschwendet“, entgegnete Bass ruhig, „also los...“

Mit einem langen Satz war er heran, streifte die Schulter Trents, blitzschnell wich dieser aus, holte aus, schlug zu. Seine hartknochige Hand traf Mitters Kinn, ließ den Revolvermann einen überraschten Seufzer ausstoßen, etwas zurücktaumeln, sich sogleich wieder auffangend.

Phil Sogan schrie auf, und das Mädchen schlug beide Hände vors Gesicht, wandte sich ab, und ihre Schultern zuckten unter verhaltenem Schluchzen.

Zwei Männer standen sich geduckt gegenüber, starrten sich an, lächelten sich grimmig zu.

Das Blut schoss dem Revolvermann ins Gesicht. McShanes Faust hatte eine Spur zurückgelassen.

„Höre, Mort, damit du klar siehst. Phil Sogan hat nichts mit mir zu schaffen. Er war dein dicker Freund, kann kaum verstehen, dass er sich plötzlich gegen dich stellt. Aber das ist seine Sache, und das musst du mit ihm erledigen, wenn du dies hier durchhältst. Tut mir leid, aber das mit meiner Schwester, hm, das ist eine klare Sache. Solltest du mir aber über sein, kannst du Gift darauf nehmen, dass ich dir bis zum Nordpol folgen werde, um dich vor meine Eisen zu bekommen ... !“

„Well, dann reite vorher zum Zuchthaus, wie ich es dir geraten habe ... !“

„Den Gefallen kann ich dir tun, Buddy... wenn du gewinnst... in welcher Richtung kann ich dir folgen?“

„Komme nach Montana, meine Eltern haben dort eine Pferderanch ... die größte, die es gibt. Es wird dir nicht schwer fallen, mich zu finden!“

„Pferderanch ... Montana ... hehehe“, kicherte Phil Sogan, die tausend Dollar scheinen mir sicher zu sein!“

„Allright, verlasse mich auf dein Wort, wollen es kurz machen!“

Er wartete unbeweglich Trent McShane schoss vor, griff mit einem schmetternden Schlag an. Mit einer unerwarteten Leichtigkeit war der Schlag gestartet, die Wucht, die dahinter saß, brachte Bass Mitter aus dem Stand, schmetterte ihn gegen die Theke, so dass sie aufdröhnte und das Porzellangeschirr zur Innenseite herabklirrte und in tausend Scherben zerbarst.

Er hätte einige Minuten gebraucht, um diesen Schwinger zu verdauen, aber der andere ließ es nicht zu, griff sofort wieder an, schwang seine Arme, stürmte auf seinen Gegner ein und beide rammten ineinander und tauschten in schwerem Schlagwechsel Hiebe aus. Ihre Fäuste wirkten wie Schmiedehämmer.

Zweimal landete Bass seine Faust auf Trent McShanes zusammengekniffenen Mund, hieb ihn zurück, trieb ihn vor sich her, wurde aber gleich darauf gestoppt. Explosiv, mit einer unerhörten Vitalität brach es aus Trent hervor. Seine Fäuste bahnten ihm einen Weg, erschütterten den Kopf Bass Mitters, prasselten wie ein vernichtendes Feuerwerk auf ihn ein, und der Schwung seines Vorwärtsstürmens war nicht mehr aufzuhalten, nicht mehr zu dämmen. Immer wieder warf er sich vor, schwang die Fäuste, ließ sie kreisen, sausen und aufprallen. Er legte in die Schläge nicht nur sein Körpergewicht und die Kraft des Ansprungs, sondern auch seine geradezu verbitterte Härte. Es war, als ob sich Schleusen geöffnet, oder ein Damm geborsten sei. Zehn verbitterte Jahre saßen hinter diesen Schlägen... zehn Jahre, die in ihm Bitternis, Höllenqualen und Leid angeschwemmt hatten; zehn Jahre, die sich eingebrannt hatten, die sich in diesem Kampf abreagierten.

Bass Mitter konnte sich kaum mehr aufrecht halten, stürzte, rappelte sich wieder hoch, wie durch dunstige Schleier sah er den anderen. Er wich nicht zurück. Sein Starrsinn, sein Stolz ließen es einfach nicht zu, aufzugeben. Immer wieder trieb es ihn dazu, einen Ausfall, einen Gegenangriff zu machen, verwegen auf seinen Angreifer loszugehen.

Zuerst hatte er die Schläge hingenommen mit dem Bewusstsein eines Mannes, der seinen Gegner bald erschöpft weiß... dann aber musste er erkennen, dass er den anderen falsch eingeschätzt hatte, und als ihm diese Erkenntnis kam, war es fast zu spät. Wieder stürzte er zu Boden, knallte mit dem Kopf gegen die Theke und rutschte einige Yards auf dem Boden lang.

McShane stand über ihm, wollte jeglichen Kampfgeist in seiner drohenden Haltung ersticken.

„Streck sie hoch“, zischte es hinter ihm. Mit einem fauchenden Schrei wirbelte er herum, stierte mit rotgeflammten Augen im blutverschmierten Gesicht auf Phil Sogan, den massigen Kerl mit dem Knebelbart, starrte in das verzerrte Maskengesicht dieses hinterhältigen Burschen.

„Was soll das?“, entfuhr es ihm keuchend.

Der andere lachte, deutete mit der Waffe auf den bewegungslos daliegenden Revolvermann, dann auf das Mädchen... „Streckt sie alle beide hoch“, brummte er. Seine Augen glitzerten seltsam. „Will dir etwas sagen, Sonny...“, unterbrach er sich, schaute zu seinem Begleiter, warf ihm zu: „Schau nach, ob keiner in der Nähe ist, und dann hol die Pferde aus dem Stall, bring sie in den Hof... es wird schnell erledigt sein. Heh, Sonny, was sagst du dazu, wenn ich dir jetzt eine Kugel gebe? Bass Mitter konnte mir keinen größeren Gefallen erweisen ..., aber er hätte dich niederschießen müssen, dann wäre alles erledigt, so aber muss ich es tun...!“

Er bückte sich bei diesen Worten, riss den am Boden liegenden Waffengurt des Revolvermannes an sich, richtete sich blitzschnell auf.

„Muss dich mit seinem Colt erschießen, Sonny, und jeder wird der Überzeugung sein, dass es Bass Mitter getan hat... Jeder wird ihn verdammen, verfluchen, und wenn man ihn kriegt, wird er lebenslänglich eingelocht oder den Strick bekommen.

„Well, Trent McShane... höre, alle sagen Mort zu dir... alle ... und Mort Hayle wird nun sterben ... für immer von diesem Planeten verschwinden und seine Geliebte mit sich nehmen. Die Szene ist zu echt gestellt, als dass ich sie ungenutzt ließe ... Aber bevor du zur Hölle fährst, sollst du wissen, dass Mort Hayle mich hier zurückgelassen hat, um auf dich zu warten, McShane.“

Er brach ab. Rau, abgehackt, widerwärtig war sein Lachen.

Trent fuhr etwas zurück, hielt die Hände hoch. Wut stieg in ihm auf. Alles was bisher geschehen war, hatte ihn nicht so aufgeregt, ihn nicht so tief ins Mark getroffen, wie diese Lumperei. Sein Verdacht war nun Wirklichkeit geworden. Heiser flüsterte er dem Bärtigen zu: „Deine Informationen hast du wohl direkt aus dem Zuchthaus, wie?“

„Yeah, es ist mir ein Vergnügen es dir mitzuteilen. Der Chef selbst war so freundlich, mir deinen Entlassungstag zu berichten. Es war nicht schwer, dich zu beobachten, festzustellen, wohin du deine Schritte lenkst und diesen Killer auf dich zu hetzen.“

Er deutete mit dem Daumen auf den am Boden liegenden Bass Mitter, der immer noch nicht aus seiner Ohnmacht erwacht zu sein schien und auf dessen Stirn sich eine mächtige Beule abhob, die zusehends größer wurde.

„Sage dir, Buddy, dass Mort in Prescott alles Mögliche angestellt hat, um einige Leute gegen dich zu hetzen und dennoch wollte er ganz sicher gehen ..., ich glaube er hat recht. Du gleichst ihm zu sehr, Buddy, und deshalb musst du auf den langen Trail...!“

Im gleichen Augenblick regte sich Bass Mitter, blinzelte und sagte laut und deutlich „Coyote“, wollte sich hochstemmen und nach dem rechten Stiefel Phil Sogans greifen. Doch der erkannte die Gefahr, trat rücksichtslos zu, Bass stöhnte, gelbe Funken glommen in seinen Augen. Sogans Begleiter kam gerade durch die Hintertür zurück, hatte ein Eisen in der Hand, wedelte damit aufgeregt herum.

„Alles o. k., Boss“, grinste er.

„Gut“, murmelte Sogan. Mit der Linken strich er über seine fliehende Stirn. Wenn jemals ein Mann morden wollte, so war er es. Man sah es ihm an, dass er zu allem fähig war.

Trents Blut erstarrte in den Adern. Leise schrie das Mädchen auf, denn Sogans Begleiter schob sich an ihr vorbei zur Kasse hin, dehnte: „Können wir gleich mitnehmen.“

„Lass das... pass auf Bass Mitter auf“, schrillte Sogan wütend und schielte zu dem ernsten, knochigen Gesicht Trent Mc Shanes hinüber. In diesem Gesicht war keine Regung wahrzunehmen, es war blutverschmiert aber beherrscht.

„Geh aus der Schusslinie, Pit... tu, was ich dir sage!“

Bass versuchte sich wieder hochzustemmen, öffnete den Mund, um etwas herauszubrüllen, doch die Stimme versagte ihm. Die Bestie Sogan hatte die Waffe angeschlagen und die drohende Mündung zeigte auf das leuchtend rote Kleid des Mädchens. Sie war am Ende ihrer Beherrschung, ihrer Kraft und ihres Mutes, drohte in sich zusammenzufallen. Das haltlose, fast lautlose Weinen erschütterte Trent, wühlte in seinem Innern, wühlte Ungeahntes auf. Er wusste nicht, was er tat... aber er tat es im Bruchteil einer Sekunde. Wie mit Zauberhänden riss er seine ungeladene Waffe aus dem Halfter, schleuderte sie durch die Luft, hieb dem Killer das Eisen aus der Hand... und im gleichen Moment, als Trent auf ihn zusprang, zuckte eine Flammenzunge über ihn hinweg, rollte die schwere Detonation des Schusses hinterher, breitete sich ätzender Pulverrauch durch den Store, und der grelle Aufschrei des Mädchens zündete in das wütende Knurren Bass Mitters hinein, der sich mit seinem ganzen Körpergewicht vorwarf.

Weder Trent noch Bass erwischten den geschmeidigen Sogan, der eine unvermutete Wendigkeit entwickelte, die niemand seinem massigen Körper zugetraut hätte. Mit einem langen Satz hechtete er über die Theke, war aus dem Feuerbereich seines Partners, der mit rauchender Mündung an der Hintertür stand ... Trent und Bass dazu zwingend, in Deckung zu bleiben.

„Soll ich sie ... ?“

„Lass das Mädchen raus, sofort!“

Eine Tür klappte zu. Trent schoss wie ein Katapultgeschoss in die Höhe, erstarrte zur Bildsäule. Draußen hieben Pferdehufe den Boden, entfernten sich in rasender Eile. Schüsse bellten.

„Buddy ... her mit deiner Hand ... ich lasse von mir hören.“

Bass Mitter schwankte heran. Man sah es ihm an, dass er vom Faustkampf noch reichlich mitgenommen war. Schwer senkte sich seine Rechte auf Trents Schulter, glitt ab, drückte die Hand, die ihm bereitwillig entgegengestreckt wurde. „Bleib und kümmere dich um das Mädchen, Rex steht draußen ... die entkommen mir nicht!“

Er wandte sich schwerfällig ab, stampfte schwankend zur Tür... riss sie auf... und prallte zurück.

„Rex!“, gellte es von seinen Lippen wie ein Aufschrei. „Rex!“ ... wehte es leise, wie erlöschend hinter her. Seine Hände griffen ins Leere, fielen herab, und sein Kopf senkte sich. Das Kinn hing ihm auf der Brust. „Sie haben ...“ Er konnte nicht weitersprechen. Seine Worte erstickten ihm in der Kehle. Mit zwei Schritten war Trent McShane neben ihm, sah in die flirrenden Sonnenstrahlen, sah den gelben Staub der Straße und ... einen zusammengebrochenen Rappen.

„Trent McShane... Rex war das schnellste Pferd der Hufeisenranch, er war mir mehr als nur ein Reittier“, brach es aus dem Revolvermann heraus.

„Ich kann das verstehen, Bass“, murmelte Trent, „dass sie das getan haben, werde ich nie begreifen!“ Die trübe schimmernden Augen Bass Mitters richteten sich düster auf ihn, saugten sich an seinem Gesicht fest.

„Du hast mit Mort Hayle eine glatte Rechnung ... und ich mit Phil Sogan ... sagt dir das etwas?"

„Yeah, Partner“, klang es leise. „Ich wusste, dass es so kommen würde. Mort Hayle gehört mir!“

Bass gab keine Antwort. Jäh wandte er sich ab, ging mit schnellen Schritten zu seinem zusammengebrochenen Gaul, beachtete die Menschen nicht, die sich angesammelt hatten und die ihn aufmerksam betrachteten, fast scheu vor ihm zurückwichen.

Er nahm Abschied von seinem Pferd, indem er sekundenlang davor verharrte. Dann bückte er sich, löste Sattel und Zaumzeug.

Trent McShane hob rasch seine 46er, Sogans Waffe, und den Gurt des Revolvermannes vom Boden auf.

Die Stimme des Mädchens traf ihn, flüsterte ihm zu: „Sie haben mir das Leben gerettet, Mort.“

„Madam, es war nicht der Rede wert, eine Selbstverständlichkeit. Wenn Sie sich jedoch bei Mort Hayle bedanken wollen, dann müssen Sie ihn suchen ... ich bin Trent McShane, möchte nicht mit dem anderen verwechselt werden.“

„Aber...“, stieß sie fast wild heraus, kam schnell an seine Seite, stand vor ihm. Verwunderung und Unglaube in den Augen. „Ich habe alles gehört, was gesagt wurde“, murmelte sie, „aber das kann es doch nicht geben ... diese Ähnlichkeit!“

„Yeah, Zwillinge gleichen sich manchmal wie ein Ei dem anderen“, entgegnete er reserviert... „allerdings sind es dann Brüder; aber wenn zwei fremde Menschen, wie Mort Hayle und ich einander zum Verwechseln ähnlich sind... dann ist einer zuviel auf der Welt, Mädel. Wenn Sie etwas für mich tun wollen, dann stellen Sie meinen Packen zusammen, hören Sie...“

Sie hörte zu, schrieb alles auf und nickte.

„Wo kann ich es hinschicken lassen?“

„Ich hole es hier ab, Madam“, erklärte er, tippte an die Stetsonkrempe, stampfte hinaus. Hinter ihm fiel die Tür ins Schloss, leise bimmelte die Ladenglocke.

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3.

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Bass Mitter weilte nicht mehr bei seinem toten Pferd. Nur einige Neugierige standen noch herum. Trent überquerte die Straße, trat in den Mietstall ein. Der Verwachsene kam aus einem Winkel heraus, kreischte in hohen Tönen:

„Sie leben, Mister?“

„Anscheinend“, murmelte Trent. „Sie haben sich wohl auf mein Erbe gefreut, wie?“

„Ich sah Sie schon in einem Sarg. Trotzdem habe ich mir erlaubt die beiden Pferde zu satteln, bereitzustellen in der Hoffnung, dass Sie dieselben für eine schnelle Flucht gebrauchen würden. Übrigens ... Sie haben Bass Mitter arg zerschlagen, meinen Glückwunsch!“

„Sagen Sie das nicht so laut. Wenn mein Partner das hört, hängt er Sie an den nächsten Ast... Und nun, wo kann ich mich waschen?“

„Partner, Glückwunsch, Ast, waschen“, stammelte der Alle. Er war vollkommen durcheinander, redete wie irr, explodierte wie ein Dampfkessel unter erhöhtem Druck:

„Teufel, Mort, Sie haben etwas an sich... Sie wollen sich mit einem Loafer zusammentun? Geben Sie acht, dass er Ihnen nicht an die Kehle fährt und Sie zerreißt!“

„Yeah, mit Mort würde er es sofort versuchen“, unterbrach Trent den Redeschwall des Alten.

Dieser glotzte wie gestochen auf seine Stiefelspitzen. Das sah unangenehm aus... Trent konnte Froschaugen nicht leiden, so sagte er dann nur: „Denke mal etwas nach, Mister. Vielleicht kommst auch du darauf. Und nun will ich mich endgültig waschen!“

Der Bucklige klappte sein Nussknackergebiss zu. „Kommen Sie, Mort“, kreischte er... „aus Ihnen mag der Teufel klug werden, ich schaffe es nicht.“

„Das verlangt auch keiner“, entgegnete Trent gelassen hinter dem Kleinen herschlendernd. Draußen im Hof pumpte dieser Wasser in einen Trog. Trent machte den Oberkörper frei und langte nach der braunen Seife. Er spürte die abtastenden Blicke des Kleinen, der nach den braunen und blauen Druckstellen schielte, die Bass Mitters Faust auf seinen Körper zeichnete.

Er wusch und frottierte sich, zog sich sorgfältig wieder an. Der Kleine ließ keinen Blick von ihm, sagte nichts, schwieg wie verbissen.

Etwas später zahlte ihm Trent das Geld für die Pferde, sagte „so long“ und führte die Tiere hinüber zum Store.

Das Mädchen hatte ihn offensichtlich erwartet, öffnete ihm eigenhändig die Tür, blieb im Türrahmen stehen und schaute interessiert zu, wie Trent die Pferde anband, direkt neben zwei anderen Gäulen, davon eins ein Reittier, das andere ebenfalls ein Packpferd, wie er an den verschiedenartigen Sätteln leicht erkennen konnte.

„Ist alles bereit, Mister... ?“, sagte sie laut.

Aus der Dunkelheit des Raumes schob sich ein Mann hinter ihr hervor.

„Hallo, Trent ich sehe, du hast meinen Gurt aufgehoben!“

„Ja, schätze, dass du ohne deine Eisen nicht auskommen kannst!“

„Da hast du recht, ich fühle mich ohne sie fast nackt“, nickte Bass Mitter ernsthaft. Auch er war gewaschen. Doch Wasser und Seife hatten die rauen Spuren des Kampfes nicht tilgen können.

„Schätze, dass wir gleich aufbrechen müssen, habe das verteufelte Gefühl, Buddy, dass man deinen Trail überwachen wird und du dich über Bleimangel nicht zu beklagen brauchst. Wenn mich nicht alles täuscht, musst du vor jedem Busch die Augen aufreißen, damit dir kein Heckenschütze dein Lebenslicht auspustet... ich glaube, Mort Hayle hat allen Grund, dich aus der Welt zu schaffen... na ja, wir werden ja noch dahinterkommen, Buddy!“

Er brach ab. Trent schleppte aus dem Store seine Packen und verstaute sie. Sein weiter Trail würde ihn durch die Wildnis führen, immer nach Norden. Er musste damit rechnen, Tage hindurch durch unwegsames Gebiet zu reiten, über Berge, durch Täler und Flüsse, durch weite Savannen und blumige Prärien.

Trent McShane war nicht einmal erstaunt, als er feststellte, dass die beiden anderen Tiere Bass Mitter gehörten, der dieselben Vorbereitungen getroffen hatte.

Wortlos reichte Trent ihm die Eisen. Bass nahm sie, lächelte kläglich, raunte fast heiser, indem er auf den Kadaver seines Pferdes blickte: „Well, sie werden beißen, Partner! Schau dort, die Männer drüben werden Rex fortschaffen!“

Auf der anderen Straßenseite, an einer Hausecke, standen drei abgerupfte Gestalten, Kerle, wie sie in allen größeren Städten zu finden waren. Kerle, die dem lieben Gott den Tag stahlen und die zu keiner Arbeit taugten.

„Buddy, habe mir die Pferde von einem Freund geliehen. Wir kommen an der Hufeisen-Ranch vorbei, dort werde ich sie auswechseln und du wirst es mit deinen ebenso halten. Nur die besten Pferde garantieren uns einen Erfolg“, schleppte monoton seine Stimme. Trent erhaschte einen Blick seiner Gletscheraugen, die seltsam glühten.

„Noch etwas, Buddy ... Nelly wird dich für Mort halten, das wird..."

„Ich weiß“, unterbrach Trent rauh, „das wird unangenehme Erinnerungen und die Vergangenheit in ihr wachrufen. Ich sollte ihr besser nicht begegnen.“

Mit fester Hand zurrte er die Packen an, schaute über den Pferdehals nach Bass Mitter, der sich jäh umwandte, ihn aus schmalen Augen musterte und heiser hervorstieß:

Details

Seiten
500
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907612
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
western großband februar fünf romane

Autoren

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Titel: Western Großband Februar 2017: Fünf Romane