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Romantic Thriller Trio #5

2017 360 Seiten

Leseprobe

Romantic Thriller Trio #5 - Drei Romane

von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 284 Taschenbuchseiten.

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Die tödliche Kristallkugel – Das magische Amulett Band 13

Der Schatten des Verdammten – Das magische Amulett Band 14

Verbündete des Teufels – Das magische Amulett Band 15

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author, Cover Firuz Askin

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Die tödliche Kristallkugel

Das magische Amulett Band 13

von Jan Gardemann

Ein seltsamer Mord im Arsenalhafen von Paris. Ein Buckliger, der durch die Stadt streift. Und zwei junge Künstler, die in einem verhängnisvollen Wettstreit stehen. Kann Brenda Logan es schaffen, diese seltsamen Vorkommnisse aufzuklären?

Prolog

Ein fahler Abglanz von dem schwachen Widerschein, der von oben in den Schacht sickerte, fiel auf die Gestalt und beleuchtete ihr hässliches, entstelltes Gesicht. Fettige Haarsträhnen waren der unheimlichen Gestalt in das Antlitz gefallen. Unter den Haarsträhnen leuchtete ein Paar gelber Augen hervor, die mich unverwandt anstarrten. Der Mann hatte einen enormen Buckel, wie ich jetzt erkannte. Sein ganzes Erscheinungsbild war abstoßend und mitleiderregend zugleich. Das missgestaltete Aussehen des Mannes war aber der Grund, warum ich wie festgeschweißt auf der Leiter verharrte. Es waren vielmehr seine glühenden Augen, die mir wie schwefelgelbe Punkte unter dem fransigen Haar entgegenleuchteten.

1

Juliet Prevert umklammerte Giles Nacken mit ihren schlanken Armen. Wie eine Ertrinkende, die sich an einem Stück Treibgut festhielt, hing sie an Giles Hals und drängte sich voller Leidenschaft an seinen starken, muskulösen Körper. Sie genoss das prickelnde Gefühl, das entstand, als ihre Lippen sich fanden und scheinbar miteinander verschmolzen. Ein süßer Schmerz, der Juliets Körper bis in die letzte Faser durchdrang, verriet ihr, wie sehr sie sich danach sehnte, ganz und gar mit diesem aufregenden jungen Mann zu verschmelzen, der sie mit sanftem Nachdruck in seinen Armen hielt und küsste.

Für Juliet gab es nichts Sinnlicheres und Erotischeres, als mit Giles Moulin, den sie erst einige wenige Tage kannte, durch die nächtlichen Straßen von Paris zu schlendern und ihn leidenschaftlich zu küssen. Und sie hatte nicht vor, diesen romantischen Moment so schnell verstreichen zu lassen.

Wenn es nach ihr gegangen wäre, würde sie die ganze Nacht über am Ufer des Kanal Saint Martin stehen und sich Giles Zärtlichkeiten hingeben.

Aber Giles Kuss wurde nun immer ungestümer und drängender. Seine Hände, die Juliet anfangs festgehalten und an Giles kraftstrotzenden Körper gedrückt hatten, fingen an, voller Begehren über Juliets Rücken zu streichen. Eine dieser Hände glitt plötzlich warm und fest um ihre Körpermitte herum und suchte ungeduldig einen Weg unter Juliets Bluse.

Ein wohliger Schauer kroch unter ihre Haut, als sie Giles Handfläche plötzlich auf ihrer nackten Haut spürte. Kosend strich diese Hand erst über ihren Bauch und schob sich dann zu ihren Brüsten hinauf.

Als Giles Juliets linke Brust mit seiner Hand leidenschaftlich umschloss, löste die junge Frau ihre Lippen von seinem Mund. Ein leises, sehnsüchtiges Stöhnen entschlüpfte ihrer Kehle, als sie den Kopf genießend in den Nacken legte und sich ganz den leidenschaftlichen Berührungen des jungen Mannes hingab. Ihre Augen waren dabei einen Spalt breit geöffnet, sodass Juliet die funkelnden Sterne sehen konnte, die das blauschwarze Firmament über ihr bedeckten.

Giles neigte sich vor und bedeckte Juliets Hals mit heißen, leidenschaftlichen Küssen. »Ich liebe dich, Juliet«, keuchte er. »Ich liebe dich so sehr, dass ich bestimmt gleich wahnsinnig werde.«

Da löste er sich plötzlich von ihr, zog seine Hand unter ihrer Bluse hervor und umfasste in einer nüchternen Geste ihre Schultern.

Juliet gab einen protestierenden Schmolllaut von sich und richtete ihren Blick mit einem fragenden Ausdruck auf Giles markantes Gesicht, das von schwarzen Locken umrahmt war, die fast noch dunkler als die Nacht waren.

»Willst du mich nicht in dein Hausboot bitten, Juliet?« Giles gepresster Atem verriet, wie erregt er war und wie sehr er sich danach sehnte, Juliet in dieser Nacht zu besitzen.

Scheu blickte Juliet über ihre Schulter zu den Hausbooten hinüber, die am Ufer des Kanal Saint Martin verträumt vor sich hin dümpelten.

Einige der prachtvollen und gepflegt aussehenden Hausboote waren festlich beleuchtet. Der Widerschein der bunten Lichter tanzte über die nachtschwarze, gekräuselte Oberfläche des Kanals.

Das Hausboot aber, vor dem Juliet und Giles standen, war unbeleuchtet. Nur ein schwaches Notlicht hatte den Steg, der das Boot mit dem Kai des Hafens verband, in ein schummeriges Halbdunkel getaucht.

»Ich weiß nicht«, setzte Juliet an, während sie sich wieder zu Giles umwandte. »Onkel Alan könnte jeden Moment vom Opernbesuch zurückkehren. Er wird einen Heidenaufstand machen, wenn er uns in seinem Hausboot erwischt.«

Giles presste enttäuscht die Lippen zusammen. Doch das Leuchten in seinen Augen verriet Juliet, dass er nicht gewillt war, so schnell aufzugeben.

»Dein Onkel wird nach der Opernaufführung mit seinen Freunden bestimmt noch irgendwo etwas trinken.« Er trat wieder einen Schritt auf Juliet zu, sodass ihr der betörende Duft seines After Shaves wieder in die Nase stieg. »Findest du nicht, dass die Aussicht auf ein berauschendes Liebeserlebnis das Risiko wert ist, von deinem Onkel überrascht zu werden?«, flüsterte er. »Schließlich war er ja auch mal jung...«

Juliet legte Giles rasch einen Finger auf die Lippen und brachte ihn zum Schweigen.

»Würde Onkel Alan mich dabei erwischen, wie ich mich in seinem Hausboot einem wildfremden jungen Mann hingebe, wird es das letzte Mal gewesen sein, dass er mich nach Paris eingeladen hat«, erklärte sie. »Außerdem wird er meinen Eltern von diesem Vorfall berichten und dann fängt der Ärger für mich erst richtig an.«

Enttäuscht wich Giles von ihr zurück und ließ auch ihre Schultern los. Das abenteuerliche Glänzen war aus seinen dunklen Augen verschwunden.

Aufmunternd ergriff Juliet seine Hände und drückte sie leidenschaftlich. »Sei bitte nicht enttäuscht«, flehte sie. »Du musst mich verstehen. Ein Mädchen wie ich, das in einem kleinen, verschlafenen Mittelmeerstädtchen lebte, kann es sich nicht erlauben, eine so exklusive Unterkunft in Paris für eine Liebesnacht aufs Spiel zu setzen.«

Sie ließ Giles Hände los und beschrieb eine ausholende Bewegung mit den Armen, die den Arsenal Hafen mit seinen illuminierten Hausbooten, die angrenzenden Straßen mit ihren Häusern und den Opernpalast an der Bastille, mit einschloss.

»Sieh dich doch nur mal um«, forderte sie den jungen Mann auf. »Mein Onkel lebt mitten in Paris auf dem Wasser. Er ist sehr großzügig zu mir, weil er selbst nie Kinder hatte. Wann immer ich will, darf ich ihn besuchen und auf seinem Hausboot wohnen. Du musst verstehen, dass ich all dies nicht für eine Nacht mit dir aufs Spiel setze.«

»Zu mir willst du aber auch nicht«, warf Giles ein.

Juliet verdrehte entnervt die Augen. »Du haust in einer engen Wohngemeinschaft, Giles. Wie soll da eine romantische Stimmung aufkommen, wenn um uns herum deine Mitbewohner herumlärmen?«

»Und wenn wir uns in einem billigen Hotel ein Zimmer mieten?«, unternahm Giles einen letzten Versuch, die Nacht noch zu retten.

»Ich bin doch kein Flittchen, das irgendwo in einem Stundenhotel absteigt, um eine Nummer zu schieben«, entrüstete sich Juliet. »Außerdem muss ich an Bord des Hausbootes sein, wenn mein Onkel aus der Oper zurückkehrt. Es ist undenkbar, dass ich die Nacht irgendwo anders verbringe.«

Giles Bemerkung über das Stundenhotel hatte den Zauber des Momentes nach Juliets Dafürhalten endgültig zerstört. Enttäuschung machte sich in ihr breit und ließ ihr die Kehle eng werden. Demonstrativ schaute sie auf ihre Armbanduhr.

»Wir müssen uns nun voneinander verabschieden«, meinte sie rau und versuchte die Tränen zu unterdrücken, die mit aller Macht in ihr aufzusteigen drohten. Ihr wurde wieder bewusst, dass sie Giles ja kaum kannte und deshalb auch seinen Charakter nicht eindeutig einschätzen konnte. Es sah nun ganz danach aus, dass sie in dieser lauschigen Nacht, die so vielversprechend begonnen hatte, nun eine herbe Enttäuschung erleben musste.

»Werden wir uns denn morgen wieder sehen?«, fragte Giles lahm.

Juliet lächelte verunglückt. »Ich würde das schon wollen«, meinte sie ausweichend. »Es sei denn, du ziehst es vor, dich nicht mehr mit mir abzugeben, weil wir nicht miteinander geschlafen haben.«

Giles umfasste Juliets Kopf, zog sie zu sich heran und drückte ihr einen Kuss auf die Lippen.

»Du schätzt mich völlig falsch ein, wenn du so etwas von mir denkst«, meinte er und sah Juliet verliebt an. »Du bedeutest mir etwas...« Giles grinste verwegen. »Außerdem bin ich mir sicher, dass wir in den nächsten Tagen einen Weg finden werden, uns doch noch ungestört unserer Liebe hingeben zu können.«

Juliet atmete erleichtert auf. Giles war offenbar doch kein so übler Bursche, wie seine letzte Bemerkung sie hatte befürchten lassen. Sie hatte sich in ihm also wohl doch nicht getäuscht.

»Dann bis morgen.«, sagte sie und hauchte verführerisch: »Onkel Alan muss morgen frühzeitig zur Arbeit. Wir könnten also in einem Bistro zusammen frühstücken.«

»Gerne«, erwiderte Giles und lächelte gezwungen. »Bis morgen dann also. Ich werde dich abholen.«

Er hob den Arm und winkte Juliet lax zu. Dann wandte er sich ab und schlenderte davon.

Schmachtend blickte Juliet dem jungen Mann hinterher, der nun auf die Einmündung einer Seitenstraße zusteuerte. Juliet war bereit, Giles eine Kusshand zuzuwerfen, wenn er sich noch einmal zu ihr umdrehte.

Aber das tat er nicht. Mit hochgezogenen Schultern und den Blick zu Boden gerichtet betrat er die Seitenstraße und entschwand Juliets Blicken.

Enttäuscht seufzte Juliet auf. Doch dann wandte sie sich ab und betrat den schummerig beleuchteten Steg, der zu dem Hausboot ihres Onkels führte.

2

Juliet seufzte schwermütig. Noch immer war ihr Körper erfüllt von dem Nachhall des kribbelnden Gefühls, das Giles in ihr hervorgerufen hatte. Sie fand es selbst sehr bedauerlich, das dieses Gefühl in dieser Nacht nicht in einem Höhepunkt in Giles Armen enden würde, sondern nur langsam abklingen musste und diese schmerzhafte Leere in ihr zurücklassen würde, die sie schon oft hatte erfahren müssen.

Fast wünschte sie sich in diesem Moment, Giles würde doch noch zu ihr zurückkehren, sie auf seine starken Arme nehmen und kurzerhand in das Hausboot ihres Onkels tragen, um die Nacht doch noch zu einem leidenschaftlichen Abschluss zu bringen.

Verärgert wischte sie diesen Gedanken beiseite. Es half alles nichts. Sie hatte sich nun einmal entschlossen, die Möglichkeit, bei ihrem Onkel stets willkommen zu sein, nicht durch eine einzige Liebesnacht aufs Spiel zu setzen. Und von diesem Entschluss wollte sie auch nicht abrücken.

Ihre Schritte verursachten auf den Bohlen des Stegs ein hartes, hallendes Hämmern, das in ein dumpfes Pochen überging, als sie das Hausboot endlich erreichte.

Juliet holte den Schlüssel, den ihr Onkel ihr ausgehändigt hatte, aus ihrer Hosentasche und sperrte die Eingangstür auf. Es war eine verglaste Schiebetür, die mit einer kunstvoll gearbeiteten Gardine verhängt war, um die neugierigen Blicke der Passanten abzuhalten.

Das Licht in dem Raum, der sich hinter der Schiebetür auftat, flammte automatisch auf. Juliets Onkel war ein reicher, wohlhabender Mann. Er hatte sein Hausboot mit der neuesten Technik ausgestattet und auch bei der Möblierung nicht gespart.

Die gesamte Einrichtung des Hausbootes bestand aus kostbaren Antiquitäten, die Alan Bervian auf verschiedenen Auktionen in Paris erstanden hatte. Eine aufwendige Alarmanlage schützte sein Hab und Gut vor Einbrechern und Dieben.

Juliet ließ die Tür hinter sich einrasten und schlenderte versonnen durch das Wohnzimmer. Eine wuchtige Ledercouch und die dazugehörigen Sessel nahmen einen Großteil des Platzes ein. Die Sitzelemente waren um einen Kamin gruppiert, der einst den Salon eines Pariser Herrenhauses geziert hatte.

Die Ledergarnitur stammte aus einem alten englischen Clubhaus, in dem Arthur Conan Doyle, der Autor der Sherlock Holmes Romane, angeblich verkehrt haben sollte.

Juliet streifte ihre Schuhe ab und warf ihre Jacke über die Lehne eines antiken Stuhls, der vor einem Sekretär aus Nussbaumholz stand.

Dabei fiel ihr Blick auf einen Bogen Papier, der auf der Tischplatte des Sekretärs lag. Das Portrait einer jungen Frau war mit Kohlestift auf den Bogen gemalt worden.

Versonnen griff Juliet nach der Zeichnung und betrachtete sie gedankenversunken.

Es war ihr Gesicht, das da mit Kohlestift auf das Papier gebannt worden war. Giles hatte dieses Portrait angefertigt, als sie ihn vor drei Tagen beim Eiffelturm kennengelernt hatte, wo er vor einer Staffelei gesessen und den Touristen seine Dienste als Portraitzeichner angeboten hatte.

Während Juliet still und unbeweglich auf dem kleinen Klappschemel gesessen und sich von Giles hatte zeichnen lassen, hatte sie sofort gespürt, dass sie soeben die Bekanntschaft mit einem ganz besonderen jungen Mann gemacht hatte. Sie genoss die Blicke, mit denen Giles ihr Gesicht aufmerksam taxierte. Und während er ihr Konterfei dann mit geübten, schnellen Strichen auf das Papier bannte, fing er an, sie in ein ungezwungenes, aber sehr interessantes Gespräch zu verwickeln.

Als Giles mit seiner Zeichnung schließlich fertig war und sie ihm das Geld für seine Arbeit aushändigen wollte, lehnte er lächelnd ab und erklärte, dass er stattdessen lieber mit ihr essen gehen würde.

Zu ihrem eigenen Erstaunen willigte sie in diesen Vorschlag ein.

Seitdem hatten sie sich jeden Tag gesehen und gemeinsam etwas unternommen. Sie waren sich nähergekommen und Juliet hatte sich schließlich eingestehen müssen, dass sie sich in diesen jungen, etwas verrückt erscheinenden Künstler verliebt hatte.

Giles schien sie ebenfalls zu lieben, jedenfalls hatte er dies vorhin behauptet.

Doch kurz darauf war es zu der kleinen Unstimmigkeit gekommen. Nun war Juliet sich gar nicht mehr so sicher, ob es wirklich Liebe war, was Giles für sie empfand und nicht viel mehr nur Leidenschaft und das Verlangen, mit ihr zu schlafen.

Seufzend ließ Juliet den Papierbogen wieder auf die Arbeitsplatte des Sekretärs gleiten. Dann verließ sie das Wohnzimmer und betrat den kleinen Flur, von dem die anderen Räumlichkeiten des Hausbootes abgingen. Dazu zählte auch Juliets Gästezimmer, das Alan Bervian extra für seine Nichte hatte herrichten lassen.

Juliet hatte vor, sich zuerst einmal unter die Dusche zu begeben und sich dort abzukühlen. Sie musste unbedingt wieder einen klaren Kopf bekommen, bevor Onkel Alan in sein Hausboot zurückkehrte.

Gerade wollte sie nach dem Türknauf des Badezimmers greifen, da vernahm sie draußen auf dem Bootssteg plötzlich ein seltsames Geräusch.

Erschrocken hielt Juliet in der Bewegung inne und lauschte.

Es bestand kein Zweifel: Was sie da hörte, war der Klang von Schritten. Jemand hatte den Bootssteg betreten und näherte sich nun dem Hausboot!

Aber es waren nicht die festen, selbstsicheren Schritte ihres heimkehrenden Onkels, die sie da hörte. Die Schritte, die dumpf zu ihr in das Hausboot drangen, waren unregelmäßig und wurden von einem seltsam schleifenden Geräusch begleitet.

Eine Gänsehaut rieselte Juliet über den Rücken, als ihr plötzlich bewusst wurde, dass sie auf dem Hausboot ganz allein war.

Während Juliet den seltsamen, beängstigenden Schritte draußen auf dem Bootssteg lauschte, versuchte sie sich einzureden, dass ihr hier auf dem Hausboot nichts passieren konnte. Das Schloss der Schiebetür war automatisch eingerastet, als sie die Tür vorhin hinter sich geschlossen hatte. Derjenige, der sich dem Hausboot in diesem Moment näherte, konnte folglich nicht ins Innere des Bootes gelangen, es sei denn, er hatte vor, die Tür gewaltsam zu öffnen, was augenblicklich die Alarmanlage aktivieren würde.

Inzwischen schien der Fremde das Hausboot erreicht zu haben, denn seine Schritte waren plötzlich verklungen.

Mit einem beklommenen Gefühl im Bauch schickte Juliet sich an, in das Wohnzimmer zurückzukehren. Ihr war in den Sinn gekommen, dass es Giles sein könnte, der das Hausboot betreten hatte.

Anscheinend wollte er sie erschrecken und hatte seine Schritte deshalb verstellt, sodass sie klangen, als würde ein hinkender Unhold über den Bootssteg kommen.

Wenn Giles tatsächlich vorgehabt haben sollte, sie zu ängstigen, hatte er sein Ziel erreicht, das musste Juliet sich eingestehen. Wenn er aber geglaubt hatte, sie auf diese Weise doch noch dazu bewegen zu können, ihn in das Hausboot zu lassen, hatte er sich getäuscht. Denn der Schreck hatte auch die letzten Wogen der Lust aus Juliets Körper vertrieben und einer beklemmenden Furcht Platz gemacht.

»Na warte«, flüsterte sie erbost und entschlossen, Giles den Schrecken heimzuzahlen.

Doch als sie nun das Wohnzimmer betrat und sich der Schiebetür zuwandte, blieb sie wie angewurzelt stehen.

Das Licht in dem Zimmer war erloschen, obwohl Juliet es nicht ausgeschaltet hatte. Dafür drang der schwache Widerschein der Straßenlaternen durch die niedrigen Fenster, sickerte durch das Glas der Schiebetür.

Der dunkle, klobige Schemen eines Mannes zeichnete sich verschwommen hinter der Gardine der Schiebetür ab. Der Kerl hatte breite, vorgeschobene Schultern und wiegte seinen bulligen, irgendwie unförmig erscheinenden Oberkörper auf groteske Weise hin und her wie ein Schimpanse, der unschlüssig war, was er mit der Tür anstellen sollte, vor der er da stand.

Für einen Schimpansen war die Gestalt jedoch viel zu groß, wie Juliet fand. Und doch drängte sich ihr der Vergleich mit einem Affen unweigerlich auf, denn die Arme des Mannes baumelten an den Seiten seines massigen Körpers schlaff herab und schienen zu lang für seine gedrungene Statur zu sein. Dass es nicht Giles war, der da vor der Schiebetür stand, darin bestand für Juliet nun kein Zweifel mehr. Es war ein Fremder, ein Verrückter vielleicht!

In diesem Moment hob der unheimliche Fremde die Arme. Der Bewegung haftete etwas Linkisches, Unbeholfenes an. Er packte den Griff und rüttelte an der verschlossenen Schiebetür.

Unwillkürlich wich Juliet einen Schritt zurück und stieß mit dem Rücken gegen eine Vitrine. Die kostbaren Zinnfiguren, die ihr Onkel darin aufbewahrte, wankten. Einige der Figuren fielen klirrend um.

Doch das nahm Juliet nur am Rande wahr, denn der Fremde hinter der Schiebetür stieß nun ein enttäuschtes Knurren aus und fing an, immer heftiger an der verschlossenen Tür zu rütteln.

Der Laut, den der Mann ausgestoßen hatte, hatte in Juliets Ohren wie das Grollen eines enttäuschten, wütenden Tieres geklungen.

Eines Tieres, das um jeden Preis zu ihr vordringen und ihr etwas antun wollte!

Und dann geschah etwas Ungeheuerliches. Der Kerl hinter der Tür musste über übermenschliche Kräfte verfügen, denn er schaffte es, die Schiebetür mit roher Gewalt aufzubrechen. Der Metallrahmen knirschte und ächzte, während das Schloss mit einem lauten Krachen zerbarst.

Voller Ungestüm riss der Unhold die Tür nun vollends auf. Die Gardine zerriss mit einem vernehmlichen Ratschen und wallte wie ein hilfloses Gespenst vor der Öffnung auf und ab. Doch der Fremde packte den Fetzen mit seinen Pranken und riss ihn beiseite.

Dann betrat er das Wohnzimmer, seine gelb leuchtenden Augen unverrückbar auf die verängstigte junge Frau gerichtet, die sich neben die Glasvitrine geschoben hatte und mit dem Rücken zur Wand stand.

Juliet hatte die geballten Fäuste vor den Mund gepresst und starrte den unheimlichen Eindringling mit weit aufgerissenen Augen an. Sie verstand nicht, warum die Alarmanlage nicht losschrillte und die Bewohner der umliegenden Hausboote aufschreckte.

Noch viel weniger aber verstand sie, was diese missgestaltete Figur dazu veranlasst hatte, in das Hausboot ihres Onkels einzubrechen. An den Antiquitäten schien er jedenfalls kein Interesse zu haben. Er streifte die teuren Möbel nicht einmal mit seinem Blick. Stattdessen kam er hinkend und ziemlich zielstrebig auf Juliet zu.

Während er sich fortbewegte, schleifte der Unhold seinen rechten Fuß hinter sich her. Dabei entstand ein schleifendes Geräusch, das Juliet eine Gänsehaut über den Rücken jagte. Der Mann besaß einen Buckel, der seine Schultern unförmig und klobig erscheinen ließ und der den spärlich behaarten Schädel fast überragte. Die schäbige Jacke, die der Mann trug, drohte förmlich aus den Nähten zu platzen, so sehr spannte der ominöse Buckel den Stoff.

»Was... was wollen Sie von mir?«, schrie Juliet mit schriller Stimme. Sie wunderte sich, überhaupt ein Wort über ihre Lippen bringen zu können, denn eigentlich war ihr viel mehr danach, laut und hysterisch zu schreien.

Doch irgendetwas an diesem missgestalteten Mann erregte ihr Mitleid. Ein Mitleid, das in Anbetracht der gelben, mordlüstern funkelnden Augen jedoch rasch dahinschmolz und Juliet die Gewissheit einflößten, dass ihre letzte Stunde geschlagen hatte.

Der Eindringling antwortete nicht auf Juliets mühsam hervorgepresste Frage. Er war nun vor ihr angelangt und starrte sie mit seinen schrecklichen, gelben Augen durchdringend an. Dünne Haarsträhnen waren ihm in sein entstelltes, fratzenhaftes Gesicht gefallen, das Juliet erst jetzt, da der Mann direkt vor ihr stand, deutlich erkennen konnte.

Plötzlich riss der Mann seine baumelnden Arme empor und schloss seine unförmigen Pranken um Juliets schlanken Hals. Ohne eine Miene zu verziehen, drückte er erbarmungslos zu und schnürte der jungen Frau die Luft ab.

Nun, endlich, begann Juliet sich zu wehren. Mit geballten Fäusten und nach Luft schnappend schlug sie auf die breite Brust des Unholds ein, ohne damit aber das Geringste zu bewirken. Sie trat nach ihm. Aber der Bucklige hob Juliet kurzerhand am Hals empor, sodass sie den Kontakt zum Boden verlor und hilflos mit den Beinen strampelte.

Dann verlor Juliet auch den Kontakt zur Wirklichkeit. Ihre Umgebung und dieser furchteinflößende Mann, der ihr die Luft abdrückte, kamen ihr plötzlich unwirklich und bedeutungslos vor.

Ihr Widerstand erlahmte. Sterne tanzten vor ihren Augen. Sterne, die vor einem nachtschwarzen Hintergrund herumwirbelten, der schließlich Juliets gesamtes Gesichtsfeld ausfüllte und ihren Geist mit sich in eine unendliche Tiefe riss.

3

Die graue, imposante Eisenkonstruktion des Eiffelturms ragte vor mir, Brenda Logan, majestätisch und erhaben in den azurblauen Himmel von Paris. Ein paar Tauben flatterten um die kreuz und quer verstrebten, gusseisernen Träger umher und landeten schließlich mit flappenden Flügeln mitten auf dem mit Menschen hoffnungslos überfüllten Platz des Eiffelturms.

Ich vermutete, dass in diesem Moment aus jeder Nation und fast jedem Land der Erde ein Bürger oder eine Bürgerin auf diesem Platz vertreten war. Jedenfalls ließ mich der Anblick der vielen, bunt gekleideten Leute und deren in verschiedenen Nuancen getönte Haut diesen Schluss nicht ganz aus der Luft gegriffen erscheinen.

Es hielten sich bei dem Eiffelturm aber nicht nur Touristen auf. Es waren auch einige Einheimische unter ihnen. Ich glaubte sie an ihren Staffeleien zu erkennen, vor denen sie saßen, um die Touristen für den Preis einiger Francs vor dem Hintergrund des Eiffelturms zu porträtieren.

»Es erstaunt mich jedes Mal wieder aufs Neue, was für ein wichtigtuerisches Bauwerk der Ingenieur Alexandre Gustave Eiffel aus den sechstausend Tonnen Eisen erschaffen hat, die ihm zur Verfügung gestellt worden waren, um Paris ein Wahrzeichen zu verpassen.«

Der Mann, der sich beim Anblick dieses wohl berühmtesten architektonischen Monuments der Erde zu einer solchen trockenen Bemerkung hatte hinreißen lassen, hieß Daniel Connors, stand in diesem Moment an meiner Seite und hatte einen Arm zärtlich um meine Hüfte geschlungen.

Ich wandte mich von dem Eiffelturm ab und sah meinem geliebten Mann von unten herauf skeptisch in die blauen Augen. Das Sonnenlicht verfing sich in Daniels hellbraunem, lockigen Haar und ließ es aussehen, als bestünde es aus Bronze. Ein entwaffnendes Lächeln umspielte Daniels Lippen und ehe ich mich versah, neigte er sich rasch zu mir herab und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen.

»Du siehst reizend aus, wenn du entrüstet bist«, stellte er vergnügt fest.

»Willst du etwa behaupten, du hättest deine geringschätzige Bemerkung nur deshalb von dir gegeben, damit ich einen reizenden Gesichtsausdruck bekomme?«, fragte ich in gespielter Empörung.

Daniel zuckte unbehaglich mit den Schultern und sah dann nachdenklich zum Eiffelturm hinüber. Wir standen am Rand des Parc du Champs de Mars, wo wir von dem Strom der am Turm vorbeidefilierenden Touristen nicht erfasst werden konnten.

»Ich glaube, der Eiffelturm ist mir nur deshalb plötzlich unsympathisch geworden, weil er dir einen Anlass gegeben hat, hier in Paris auf Amulettjagd zu gehen, Brenda«, gab Daniel zu.

Mich fröstelte plötzlich und ich schmiegte mich noch enger an Daniels Seite. Ich musste mir eingestehen, dass mir beim Anblick des Eiffelturms ebenfalls nicht ganz wohl zumute war. Ich hatte dieses Wahrzeichen der französischen Hauptstadt während früherer Parisreisen bereits mehrmals besichtigt und war sogar die eisernen Treppen bis zur obersten Aussichtsplattform emporgestiegen. Die Erhabenheit dieses Marksteines der Ausstellungsarchitektur hatte mich stets mit Ehrfurcht und Staunen erfüllt.

Doch nun überkam mich beim Anblick des Eiffelturms stattdessen eine Gänsehaut, denn der Turm erinnerte mich an die schrecklichen Ereignisse, die ich vor kurzem in London hatte erleben müssen, als ich einem magischen Amulett auf der Spur gewesen war.

Dieses Amulett hatte mich tagelang in Atem gehalten und Daniel und mich in ein haarsträubendes Abenteuer gestürzt. Das Amulett hatte die Form eines kleinen, goldenen Apfels gehabt und war von einer Gestalt aus der Unterwelt erschaffen worden, die der »Helfer« oder der »Verführer« genannt wurde. Dieses Unterweltwesen besaß das Aussehen eines unschuldigen Jünglings, der einen Kranz schwarzer Rosen auf seinem lockigen Haupt trug.

Dieser Jüngling war aber alles andere als harmlos. Er war bösartig, hinterhältig und besessen von der Gier, so viele unsterbliche Seelen wie möglich in seine Gewalt zu bringen. Sein Wirken auf der Erde zielte daher allein darauf ab, Seelen einzufangen und in sein dunkles Reich zu entführen.

Der »Verführer« konnte mit Hilfe einer speziellen Kristallkugel gerufen werden. Er versprach, seinen Anhängern ihre geheimsten Wünsche und Sehnsüchte zu erfüllen und schenkte ihnen ein magisches Amulett in der Form eines kleinen, goldenen Apfels. Dass alle Menschen, die mit der Magie dieses Amuletts in Berührung kamen, ihre Seele an den »Helfer« verloren, verschwieg dieser Unhold wohlweislich. Und falls er es doch nicht tat, war der Umstand, dass Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen wurden, den Leuten, die den »Helfer« gerufen hatten, vermutlich auch egal. Denn jemand, der es nötig hatte, für die Durchsetzung und Erfüllung seiner Träume und Wünsche, die Hilfe eines Wesens aus der Unterwelt in Anspruch zu nehmen, galt das Leben eines anderen Menschen vermutlich nur wenig.

Genauso hatte es sich auch in meinem zurückliegenden Abenteuer verhalten. Ich hatte es trotz meiner Kenntnisse auf dem Gebiet der Amulettforschung nicht verhindern können, dass unschuldige Menschen dem »Helfer« zum Opfer fielen und sie ihre Seele an ihn verloren.

Am Ende hatte ich das magische Amulett des »Verführers« zwar unschädlich machen und die Kristallkugel, mit der er gerufen worden war, zerstören können, die Seelen der armen Menschen aber, die der »Helfer« in seine Gewalt gebracht hatte, hatte ich nicht retten können.

Daher hatte ich mir geschworen, alles in meiner Macht Stehende zu tun, dem »Verführer« doch noch das Handwerk zu legen und ihm die Seelen zu entreißen, die er in sein dunkles Reich entführt hatte.

Einen Hinweis, wo ich den »Verführer« finden könnte, hatte mir die zerstörte Kristallkugel gegeben. Nachdem die Kugel zersplitterte, war in ihren Scherben, die wie ein Mosaik vor mir auf dem Boden ausgebreitet lagen, für kurze Zeit das Abbild des Eiffelturms zu sehen gewesen. Eine Gruppe von Malern hielt sich zu Füßen der Turmpfeiler auf.

Mehr hatte ich nicht erkennen können, denn im nächsten Moment erlosch die Magie, die nach der Zerstörung der Kristallkugel in den Scherben verblieben war. Das Bild verblasste und verschwand schließlich ganz. Zurück blieb ein wertloser Haufen Scherben aus Kristallglas.

Das Bild des Eiffelturms und der Maler zu seinen Füßen aber, hatte sich mir tief in mein Bewusstsein gebrannt. Dieses Bild war der einzige Anhaltspunkt, den ich auf meiner Jagd nach dem »Verführer« besaß. Und ich war fest entschlossen, diesem Hinweis nachzugehen und zu versuchen, den »Helfer« oder die Person, die ihn vielleicht gerufen hatte, in Paris aufzuspüren.

»Glaubst du noch immer, es ist eine gute Idee, dich allein unter die Leute beim Eiffelturm zu mischen?«, riss Daniel mich in diesem Moment aus meiner dumpfen Grübelei.

Ich nickte entschlossen. »Wir haben die Sache doch schon zigmal durchgesprochen«, erwiderte ich. »Wenn wir als Pärchen auftreten, werden wir zu den Kunstmalern vermutlich nicht so leicht Zugang finden. Es ist besser, ich versuche allein Kontakt zu ihnen aufzunehmen.«

»Und wenn das Bild, das du in den Kristallsplittern gesehen hast, dich gar nicht auf die Künstler aufmerksam machen wollte, sondern nur auf den Turm?«, warf Daniel ein.

»Ich weiß ja nicht einmal, ob dieses Bild überhaupt irgendeine Bedeutung hat«, gab ich zurück. »Vielleicht war es ja nur eine zufällige Spiegelung, hervorgerufen durch den Rest von Magie, die in den Splittern steckte wie bei einer Fata Morgana etwa.«

Daniel sah mich zweifelnd an. »Das glaubst du doch selbst nicht«, sagte er ernst. »Es muss einen Grund dafür geben, dass ausgerechnet der Eiffelturm und die Kunstmaler in den Scherben zu sehen gewesen waren.«

Ich grinste entwaffnend. »Du siehst hinreißend aus, wenn du entrüstet bist, Daniel«, spottete ich amüsiert.

Mein geliebter Mann schnappte empört nach Luft.

Doch bevor er etwas sagen konnte, hauchte ich ihm rasch einen Kuss auf den Mund.

»Wenn ich mir nicht sicher wäre, hier in Paris tatsächlich einen Hinweis auf das Wirken des Helfers zu finden, hätte ich mir niemals die Mühe gemacht, Prof. Sloane dazu zu überreden, mir einige Tage Urlaub zu gewähren«, erklärte ich in versöhnlichem Tonfall.

Professor Salomon Sloane war der Direktor des British Museum, wo ich als Archäologin arbeitete. Es war in der Tat nicht ganz einfach gewesen, ihn dazu zu bewegen, mir für einige Tage freizugeben. Es war auch aus dem Grund schwierig gewesen, weil ich dem Professor gegenüber den Anlass meiner Parisreise nicht hatte plausibel erklären können. Schließlich konnte ich ihm ja nicht einfach erzählen, dass ich aufgrund eines mysteriösen Hinweises, den ich aus den Splittern einer dubiosen Kristallkugel erhalten hatte, mich nach Paris begeben wollte, um dort eine mystische Gestalt aus der Unterwelt aufzuspüren und zur Strecke zu bringen.

Stattdessen hatte ich dem Museumsdirektor erklärt, mit Daniel, meinem Mann, eine romantische Reise nach Paris unternehmen zu wollen.

Warum diese Reise nicht verschoben werden konnte, begründete ich dem Professor gegenüber damit, dass Daniel, der als Arzt und Neurologe im St. Thomas Hospital arbeitete, wegen dringender OP Termine sich nur die kommenden Tage würde frei nehmen können...

Daniel stupste mit dem Zeigefinger gegen meine Nasenspitze und lächelte versöhnlich. Der Kuss und meine Bemerkung schienen ihn wieder besänftigt zu haben. Er machte sich immer große Sorgen um mich, wenn ich auf der Spur eines magischen Amuletts war, denn er wusste aus eigener leidlicher Erfahrung, wie gefährlich es war, sich der Magie dieser Amulette entgegenzustellen. Ich konnte ihm seine Nervosität daher gut nachfühlen.

»Ich bin froh, dass wir es arrangieren konnten, gemeinsam nach Paris zu fliegen«, meinte er nun auch prompt. »Ich hätte in London keine ruhige Minute gehabt mit dem Wissen im Hinterkopf, dass du dich hier in Paris in Gefahr begibst. Ich könnte es nicht ertragen, wenn dir etwas zustieße, Brenda. Ich liebe dich nämlich mehr als mein eigenes Leben. Und darum werde ich auch nichts unversucht lassen, dich zu beschützen.«

Ich lächelte gerührt. »Trotzdem wirst du mich nun für einige Stunden allein lassen müssen.« Ich klopfte gegen meine Jackentasche, in der sich mein Handy befand. »Ich werde aber in Kontakt mit dir bleiben und dich auf dem Laufenden halten. Du kannst dann ja immer noch auf den Plan treten, wenn es die Situation erfordert.«

Daniel nickte gefasst. Es war ihm aber trotzdem deutlich anzusehen, dass er von meinem Vorhaben nicht eben begeistert war. Aber er wusste auch, dass ich mich mit magischen Amuletten so gut auskannte wie kein Zweiter. Er vertraute daher auf mein Urteilsvermögen, was ich ihm hoch anrechnete.

»Wir sehen uns dann also heute Abend in unserem Hotel, Brenda«, sagte er zuversichtlich. »Ich wünsche dir alles Gute.«

Er gab mir zum Abschied noch einen Kuss und wandte sich dann ab. Ich vermutete jedoch, dass er sich nicht weit von dem Eiffelturm entfernen, sondern irgendwo im Parc du Champs de Mars Stellung beziehen und mich beobachten würde.

Solange er mir nicht in die Quere kam, war mir das sogar ganz recht. In Daniels Gegenwart fühlte ich mich stets sicher und geborgen. Es war gut zu wissen, dass er in meiner Nähe war.

Mit diesem Gedanken im Hinterkopf tauchte ich in den Pulk von Touristen ein, die sich hier versammelt hatten, um den Eiffelturm zu bestaunen.

4

Aufmerksam blickte ich mich unter den Menschen auf dem Platz des Eiffelturms um, schlenderte gelassen zwischen den mächtigen Pfeilern des Turmes umher. In Wahrheit aber stand ich innerlich unter großer Anspannung. Würde es mir gelingen, hier beim Eiffelturm den erhofften Hinweis zu finden? Und wenn ja, in was für ein Abenteuer würde ich dann wieder verstrickt werden?

Ich zählte etwa ein halbes Dutzend junge Männer und Frauen, die entweder vor einer Staffelei standen oder auf einem Schemel kauerten und einen Malblock auf ihrem Schoß hielten.

Das Geschäft mit den Portraits schien an diesem Tag gut zu florieren, denn so weit ich es überblicken konnte, waren all die jungen Künstler, die sich auf dem Platz aufhielten, beschäftigt. Eifrig kritzelten sie mit Kohle oder Buntstiften auf ihren Malgründen herum und bannten das Gesicht des Touristen, der vor ihnen auf einem Klappschemel saß, auf das Papier.

Ich hatte vor, mich ebenfalls porträtieren zu lassen und den Künstler dabei in ein Gespräch zu verwickeln. Vielleicht würde ich auf diese Weise erfahren, warum mir das Bild des Eiffelturms in den Scherben der Kristallkugel erschienen war.

Wie es aussah, musste ich mich aber noch gedulden, bis ich mein Vorhaben in die Tat umsetzen konnte. Um einige der Künstler hatten sich nämlich wahre Menschentrauben versammelt, die dem Maler oder der Malerin bei der Arbeit über die Schulter schauten und wahrscheinlich selbst darauf warteten, an die Reihe zu kommen.

Ich richtete mich daher auf eine längere Wartezeit ein. Doch als ich meinen Blick müßig über den Platz schweifen ließ, bemerkte ich plötzlich einen weiteren Künstler, der allein und unbeachtet im Schatten eines der riesigen Pfeiler kauerte und düster vor sich hinstarrte. Das schwarze, lockige Haar verstärkte den düsteren Eindruck noch, den der Mann vermittelte. Auch seine Klamotten, die aus einer dunklen, schmuddeligen Jeans und einem schwarzen, hochaufgeschlossenen Hemd bestanden, ließen ihn nicht gerade lebensfroh erscheinen.

Er hatte seinen Malblock hochkant auf seine Oberschenkel gestellt und stützte seine Arme darauf ab, während sein Blick wie in weite Ferne gerichtet war. Von dem bunten Treiben, das um ihn herum herrschte, schien er gar nichts mitzubekommen.

Bevor mir jemand zuvorkommen konnte, strebte ich auf den jungen Mann zu und stellte mich vor ihn hin.

Dieser schien mich aber gar nicht zu bemerken, denn der melancholische, schwermütige Ausdruck in seinem Gesicht blieb unverändert. Auch sein entrückter Blick klärte sich nicht.

Ich ertappte mich dabei, wie ich den Hals des Mannes näher in Augenschein nahm. Ich hielt nach einer Kette und dem Amulett des »Helfers« Ausschau.

Doch der junge Mann hatte das Hemd bis zum Kragen zugeknöpft, sodass nicht zu erkennen war, ob er ein Schmuckstück um den Hals trug.

»Halten Sie gerade ein Mittagsschläfchen ab?«, fragte ich mein Gegenüber auf Französisch, das

ich perfekt beherrschte. »Oder sinnieren Sie einfach nur über eine neue Kunstrichtung nach?«

Der junge Mann zuckte erschrocken zusammen und starrte dann finster zu mir auf.

»Was wollen Sie?«, blaffte er unhöflich.

Ich zauberte ein entwaffnendes Lächeln auf meine Lippen und deutete dann auf seinen Malblock.

»Ich schätze mal, Sie führen Ihre Malutensilien nicht nur einfach spazieren, um ihnen ein wenig frische Luft zu verschaffen, oder?«

»Natürlich nicht«, entgegnete der Mann nun schon ein wenig freundlicher. Aufmerksam sah er mir ins Gesicht. »Möchten Sie, dass ich ein Portrait von Ihnen anfertige?«

»Sind Sie denn gut in Ihrem Job?«, wollte ich wissen.

Ohne auf meine Frage einzugehen, zog er einen Klappstuhl hinter seinem Rücken hervor, stellte ihn vor sich hin und forderte mich mit einem Kopfnicken auf, Platz zu nehmen. Dann förderte er auch noch eine Mappe zu Tage, schlug sie auf und zeigte mir einige Portraits, die er gemalt hatte.

Die Bilder waren professionell gemacht, das war auf den ersten Blick zu erkennen. Bestimmt hatte der junge Mann ein Studium auf einer der zahlreichen Kunstschulen in Paris absolviert oder war noch dabei.

Mein Augenmerk galt aber viel weniger den Kohlezeichnungen, als vielmehr der Signatur, mit der der Künstler seine stimmungsvollen Werke gezeichnet hatte. Ich hoffte auf diese Weise den Namen meines Gegenübers zu erfahren.

Aber die Signatur bestand nur aus zwei ineinander verschlungenen Buchstaben. Ein Kürzel vermutlich, mit dem der Künstler seine Werke signierte.

»Wofür stehen die Initialen G.M.?«, erkundigte ich mich, während ich dem Mann die Mappe zurückreichte.

»Giles Moulin«, erwiderte der Mann mürrisch.

Ich streckte Giles meine Hand hin. »Mein Name lautet Brenda Logan. Ich bin Engländerin und...«

»Geben Sie sich keine Mühe«, unterbrach Giles mich gelangweilt. »Ihren Namen werde ich mir sowieso nicht merken können. Sobald Sie mich für meine Arbeit bezahlt haben, werde ich Ihren Namen wieder vergessen. Genau so, wie ich mich nicht mehr an Ihr bezauberndes Gesicht erinnern werde, wenn Sie mir den Rücken kehren.«

Er rückte den Malblock auf seinen Knien zurecht und klaubte dann einen Kohlestift aus der Schachtel, die neben ihm auf dem Boden stand.

Mir schwante langsam, dass es nicht einfach werden würde, Giles in ein Gespräch zu verstricken. Es war ein mürrischer, verschlossener Bursche, der sich nicht gerade Mühe gab, freundlich und zuvorkommend zu seiner Kundschaft zu sein.

»Wenn Sie immer so schlechte Laune haben, wundert es mich nicht, dass die Touristen Sie links liegen lassen und sich lieber von Ihren Kollegen porträtieren lassen«, merkte ich an.

»Seien Sie einfach still und bewegen Sie sich nicht«, erwiderte Giles ungerührt. »Sonst kann ich nicht dafür garantieren, dass Sie mit Ihrem Portrait zufrieden sein werden, wenn ich damit fertig bin.«

Ich setzte mich in Pose und befolgte Giles mürrischen Anweisungen, wie ich meinen Kopf zu halten hatte.

Schließlich war er zufrieden und fing an, mit seinem Kohlestift über das Papier zu kratzen.

»Warum haben Sie sich ausgerechnet den Eiffelturm als Standort ausgesucht?«, konnte ich meine Neugier nicht länger zügeln. »Es gibt in Paris durchaus auch andere Sehenswürdigkeiten, wo man die Gelegenheit bekommt, Touristen zu porträtieren.«

»Der Eiffelturm ist das touristisch meistbesuchte Monument der Welt«, belehrte Giles mich wie beiläufig. »Dieses Pflaster hier ist unter uns Künstlern heiß begehrt. Aber nicht jeder darf beim Eiffelturm seine Staffelei aufstellen und anfangen zu malen. Jedenfalls nicht, solange Karl und ich hier das Sagen haben.«

Giles Stimme hatte zum Schluss einen bedrohlichen Unterton angenommen. Offenbar betrachteten er und dieser Karl sich als Oberhäupter der hier anwesenden Künstler. Wahrscheinlich wachten sie eifersüchtig über diesen einträglichen Ort und kannten Wege und Mittel, um zu verhindern, dass fremde Künstler sich hier niederließen.

Wenn dem wirklich so war und Giles nicht nur zu dick aufgetragen hatte, um mich zu beeindrucken, war ich bei diesem Mann genau an der richtigen Adresse. Falls einer der Künstler beim Eiffelturm tatsächlich etwas mit dem »Verführer« zu schaffen hatte, wären Giles oder Karl wegen der mysteriösen Ereignisse, die damit einhergingen, bestimmt auf diesen Kollegen aufmerksam geworden.

Vielleicht saß derjenige, der den »Helfer« gerufen hatte, mir in diesem Moment aber auch direkt gegenüber. Giles schien ein sehr eigenbrötlerischer, sonderbarer Zeitgenosse zu sein. Ich konnte mir gut vorstellen, dass er sich magischer Kräfte bedienen würde, wenn er Gelegenheit dazu erhielt.

Vielleicht täuschte ich mich aber auch. Zumindest schien ich einen Zugang zu Giles gefunden zu haben, sodass die Chance, mehr über die Künstler beim Eiffelturm zu erfahren, gar nicht so schlecht standen.

»Ihren Worten nach zu urteilen, sind Sie und dieser Karl der Kopf einer Bande von Gangstern, und kein Kunstmaler«, scherzte ich und hoffte Giles auf diese Weise noch mehr Informationen entlocken zu können.

Giles setzte ein schräges, fieses Grinsen auf, hielt dabei in seiner Arbeit aber nicht inne.

»Wir sind beides«, erklärte er dann kalt. »Aber Karl und ich sind nicht nur Komplizen, wir sind auch erbitterte Kontrahenten und befinden uns in einem ständigen Konkurrenzkampf. Ich werde diesem arroganten Knaben beweisen, dass ich der Bessere bin.«

Giles griff in seinen Kasten, holte einen farbigen Stift daraus hervor und rückte dem Bild damit wie mit einem Messer zu Leibe.

»So, fertig!«, verkündete er schließlich, warf die Stifte in den Kasten zurück, riss den bemalten Bogen vom Block und überreichte mir seine Arbeit.

Entgeistert starrte ich das Portrait an.

Die Frau, deren Kopf auf dem Gemälde abgebildet war, trug unverkennbar meine Züge. Aber das Gesicht auf dem Bild war vor Schmerz verzerrt. Die Augen waren weit aufgerissen; in ihnen spiegelte sich nackte Angst und Entsetzen wider. Der Mund war wie zu einem Schrei geöffnet, das Haar stand wirr und zottig vom Kopf ab; es sah verschwitzt und gerauft aus, wie das Haar einer Frau, die soeben den blanken Horror durchgestanden hatte.

All dies wäre noch zu ertragen gewesen, wenn Giles dem Portrait von mir mit seinem roten Buntstift nicht noch zusätzlich eine besonders fiese Note verliehen hätte. Auf meinem verzerrten Gesicht klebten nämlich Blutschlieren, als wäre jemand mit blutbesudelten Fingern darüber hinweggefahren.

Auf der Zeichnung war aber nicht nur deshalb bloß mein Kopf abgebildet, weil es sich um ein Portrait handelte. Vielmehr war es so, dass der Kopf auf dem Bild vom Rumpf abgetrennt worden war und nun in seinem eigenen Blut auf dem Straßenpflaster lag. Der durchtrennte Hals war eine einzige Wunde und bot einen grausigen Anblick, der mir unwillkürlich eine Gänsehaut über den Rücken jagte.

Empört sprang ich von dem Klappschemel auf und hielt Giles das Gemälde anklagend vor die Nase.

»Finden Sie das etwa lustig?«, rief ich außer mir vor Wut.

Giles blieb ungerührt sitzen und starrte mich mit ausdrucksloser Miene an. »Ich hatte Ihnen doch gesagt, ich kann nicht dafür garantieren, dass Ihnen Ihr Portrait gefallen wird, wenn Sie unentwegt auf mich einreden und den Kopf nicht still halten.«

Auffordernd streckte er mir die Hand hin und nannte mir die Summe, die er für seine Arbeit verlangte.

»Sie glauben doch wohl nicht etwa, dass ich Sie für diese Schmiererei auch noch entlohne!«

»Ich habe Sie nicht gebeten, sich von mir porträtieren zu lassen«, erwiderte Giles grimmig. »Sie sind zu mir gekommen und haben mich aus meinen Träumen gerissen. Und dafür verlange ich jetzt eine Gegenleistung!«

Giles erhob sich und nahm eine drohende Haltung an.

Ich ertappte mich dabei, wie ich mich unter den Touristen auf dem Platz hektisch umsah, in der Hoffnung, das vertraute Gesicht von Daniel zu erblicken.

Doch ich konnte ihn unter den Umstehenden nicht erblicken. Stattdessen schaute ich in Gesichter, die entweder unbeteiligt oder amüsiert wirkten. Niemand schien die kleine Auseinandersetzung, die sich zwischen der jungen, weizenblonden Frau und dem verwegen aussehenden Künstler in diesem Moment abspielte, ernst zu nehmen.

Giles packte mich hart am Oberarm. »Rücken Sie das Geld endlich heraus«, forderte er in barschem Tonfall. »Oder ich sehe mich gezwungen, ungemütlich zu werden.«

»Gibt es hier etwa ein Problem?«

Die männliche Stimme, die plötzlich hinter mir zu hören war, klang sonor und bestimmend. Aber es war nicht Daniels Stimme, wie ich sofort erkannte.

Noch während ich mich zu dem Sprecher umwandte, trat ein junger, hochgewachsener Mann zwischen mich und Giles hin. Sein dunkelblondes Haar war auf Streichholzlänge gekürzt und sein hageres Gesicht zierte ein Bartschatten, der dem kräftigen Burschen den Ausdruck eines Bohemiens verlieh. Ein Ausdruck, der durch die klaren, verträumt dreinschauenden Augen noch unterstrichen wurde.

Der Fremde legte eine Hand auf Giles ausgestreckten Arm.

»Lass den Unsinn, Giles«, fuhr er den Künstler an. »Oder hast du etwa vor, gegen unsere Regeln zu verstoßen? Niemand darf durch unseren Zweikampf zu Schaden kommen, da waren wir uns doch einig.«

Giles ließ mich nun endlich los. Er ballte die Fäuste und starrte sein Gegenüber feindselig an. »Ich pfeife auf die Regeln, Karl. Diese Frau ist mir etwas schuldig. Und ich werde sie nicht eher gehen lassen, bis sie diese Schuld beglichen hat!«

Karls Gegenwart hatte mich meine Selbstsicherheit wiederfinden lassen. Es war nun an der Zeit, mich in das Gespräch einzumischen. »Ich hatte Sie gebeten, ein Portrait von mir anzufertigen, Giles«, erklärte ich kühl und hielt den bemalten Papierbogen hoch, damit Karl die Zeichnung ebenfalls sehen konnte. »Aber das hier ist kein Portrait, sondern eine groteske Beleidigung!«

Karl starrte die Zeichnung entsetzt an. Dann wandte er sich wieder an seinen Kontrahenten.

»Bist du jetzt völlig übergeschnappt? Kein Wunder, dass die Leute dich heute meiden wie die Pest. Du solltest nach Hause gehen und deinen Frust dort in aller Abgeschiedenheit an einer Leinwand austoben. Aber lass die Touristen in Ruhe. Sie können nichts dafür, dass Juliet Prevert dich gestern Nacht versetzt hat!«

»Das geht dich überhaupt nichts an!«, rief Giles aufgebracht. Er sah aus, als wollte er sich jeden Moment auf Karl stürzen.

Dieser aber verzog seinen Mund zu einem spöttischen Lächeln. »Natürlich geht mich das etwas an, Giles«, erklärte er unnachgiebig. »Seit Beginn unseres Wettstreites habe ich drei Frauen rumgekriegt. Du aber noch keine...«

»Bei Juliet ist das etwas anderes!«, begehrte Giles auf. Sein Gesicht hatte plötzlich einen gequälten Ausdruck angenommen. »Sie... sie bedeutet mir etwas und ist für mich viel mehr, als bloß eine gute Gelegenheit, meine Statistik aufzubessern!«

Karl krauste die Stirn. »Du hast dich doch wohl nicht etwa in die Kleine verliebt?«, wollte er wissen.

»Ich sagte doch bereits: Das geht dich nichts an, Karl!«

Karl zuckte unbeeindruckt die Achseln. »Wie du meinst. Aber mit solch einer Einstellung wirst du unseren Wettstreit kaum gewinnen. Die Sache mit Juliet wird dich noch dazu bringen, dass du dich mir geschlagen geben musst.«

»Niemals!«, presste Giles mit unterdrückter Wut hervor.

»Wie viele Touristen hast du denn heute schon porträtiert?«, erkundigte sich Karl spöttisch. »Ich habe soeben meinen fünfzehnten Kunden abgefertigt... Und du?«

»Drei«, murrte Giles und deutete mit einem abfälligen Kopfnicken auf mich. »Diese hysterische Kuh dort mit hinzugerechnet.«

Der Dialog zwischen den beiden Männern hatte mir die Sprache verschlagen. Anscheinend hatten sie einen Sport daraus gemacht, Frauen zu verführen und verbuchten jedes erfolgreiche Schäferstündchen als Pluspunkt auf ihrem Wettkampfkonto.

Diese Erkenntnis machte mir Karl, der als mein Retter aufgetreten war, genau so unsympathisch wie Giles, sein mürrischer Kontrahent.

Ich zerriss die Zeichnung und warf den beiden Männern die Fetzen voller Verachtung vor die Füße.

»Ich lege keinen Wert darauf, Bestandteil Ihres idiotischen Wettkampfes zu sein«, sagte ich verächtlich und wollte mich abwenden.

Doch Karl hielt mich am Arm zurück. Vorwurfsvoll starrte er Giles an, während er mich mit festem Griff am Gehen hinderte.

»Du bist kurz davor, aus dem Spiel auszuscheiden, Giles«, sagte er düster. »Halte dich an die Regeln oder ich werde diesen Wettkampf gewinnen, weil es keinen Kontrahenten mehr gibt. Und das wäre doch sehr bedauerlich und würde den Reiz der ganzen Geschichte zerstören.«

Giles begann verärgert seine Malutensilien zusammenzupacken. Anscheinend hatte er eingesehen, dass es besser für ihn war, den Ratschlag seines Kontrahenten zu befolgen und nach Hause zu gehen.

»Heute Nacht werde ich den Vorsprung, den du gewonnen hast, wieder einholen«, versprach Giles mit gepresster Stimme. »Von meiner Aktion wird ganz Paris sprechen, darauf kannst du Gift nehmen, Karl!«

Mit diesen Worten klemmte er sich seine Sachen unter den Arm und stampfte wütend davon. Schon nach wenigen Augenblicken war er in dem Gewimmel der Touristen verschwunden, die bereits einen Halbkreis um die beiden Streithähne zu bilden begonnen hatten.

»Ich möchte mich für das unmögliche Verhalten meines Freundes entschuldigen«, richtete Karl nun das Wort an mich und ließ nun auch meinen Arm wieder los.

Unter normalen Umständen hätte ich diesem unverschämten Kerl wegen seines ruppigen Vorgehens längst eine schallende Ohrfeige verpasst. Da ich mir aber die Chance, mehr über die Künstler beim Eiffelturm in Erfahrung zu bringen, nicht verderben wollte, hatte ich Karl gewähren lassen und war geduldig stehen geblieben, anstatt mich von ihm loszureißen und ihm eine Backpfeife zu verabreichen.

Aus diesem Grund stapfte ich nun auch nicht empört davon, sondern starrte Karl herausfordernd in sein unrasiertes Gesicht.

»Es müsste Ihnen schon etwas ganz Besonderes einfallen, mich die peinliche Szene, die Sie und Ihr Kumpel mir soeben geboten haben, vergessen zu lassen.«

Karl lächelte selbstgefällig und taxierte mich dann von oben bis unten. Ein begieriges Leuchten trat dabei in seine blauen Augen. Anscheinend wurde ihm erst jetzt bewusst, wie attraktiv und begehrenswert die junge Frau war, die da vor ihm stand.

»Ich bin ein sehr kreativer Mensch«, sagte er dann mit öliger Stimme. »Das Ersinnen besonderer Einfälle ist sozusagen meine Berufung. Mir wird mit Sicherheit etwas einfallen, womit ich Sie zufriedenstellen kann.«

Ich verzog spöttisch den Mund. »Wenn Sie glauben, mich dazu zu kriegen, mit Ihnen ins Bett zu gehen, muss ich Sie leider enttäuschen, Karl. Um mich zu verführen, bedarf es schon mehr, als bloß den Künstler und Bohemien zu mimen.«.

Einen Moment lang stahl sich ein harter, bitterer Zug in Karls Gesicht. Doch so rasch, wie er gekommen war, verschwand dieser Eindruck auch wieder. Stattdessen lächelte Karl nun süffisant und hob abwehrend die Hände.

»Ich verspreche, dass ich Sie nicht in den Wettkampf zwischen Giles und mir hineinziehen werde.« 

So ganz überzeugten mich seine Worte nicht. Trotzdem tat ich so, als würde ich ihm glauben.

»Also gut«, sagte ich in versöhnlichem Tonfall. »Porträtieren Sie mich. Dann werde ich diesen kleinen Vorfall vergessen. Malen Sie mich diesmal aber bitte so, dass ich auf dem Bild nicht wie eine Leiche aussehe!«

»Mir schwebte als Wiedergutmachung eher eine Einladung zum Abendessen vor«, räumte Karl ein. »Wenn Sie Lust haben, dürfen Sie danach auch meiner Aktion beiwohnen, die ich für heute Nacht geplant habe. Schließlich muss ich ja mit Giles mithalten, der heute Nacht ebenfalls ein künstlerisches Event geplant hat.«

»Fallen Sie nicht gleich mit der Tür ins Haus«, erwiderte ich kühl und versuchte mir die Freude darüber, Zugang zu dem jungen Künstler gefunden zu haben, nicht anmerken zu lassen. »Fangen wir lieber klein an. Wenn mir das Portrait gefällt, das Sie gleich von mir anfertigen werden, werde ich es vielleicht in Erwägung ziehen, Ihre Einladung zum Abendessen anzunehmen, Karl.«

5

»Wie ist die Sache beim Eiffelturm gelaufen?«

Während Daniel mich dies fragte, saß er mir an einem Bistrotisch gegenüber. Wir befanden uns in einem kleinen Straßencafé in der Nähe unseres Hotels und hatten an einem Tisch draußen auf dem Trottoir Platz genommen. Vor der gleißenden Mittagssonne schützte uns die Markise des Bistros. Der Laden war gut besucht und der Kellner hatte alle Hände voll damit zu tun, seine Gäste zu bewirten.

»Ich habe ein paar bemerkenswerte Bekanntschaften gemacht«, beantwortete ich Daniels Frage zögernd. Nachdem Karl mein Portrait fertiggestellt und ich mich von ihm verabschiedet hatte, hatte ich Daniel von meinem Handy angerufen und mit ihm verabredet, uns hier im Bistro zu treffen.

»Redest du etwa von diesem dunkelhaarigen Burschen, der dich so hart angepackt hat?«, hakte Daniel nach und grinste entwaffnend.

»Du hast mich also beobachtet«, stellte ich fest.

Daniel nickte. »Die Tatsache, dass du mich nicht bemerkt hast, lässt mich vermuten, dass ich meine Sache offenbar gut gemacht habe.«

Ich sah Daniel über den Tisch hinweg verwundert an. »Und warum bist du nicht auf den Plan getreten, als Giles mich bedrohte?«

Daniel zuckte gelassen mit den Schultern. »Ich kenne dich, Brenda. Mit diesem Burschen wärst du auch allein fertig geworden. Außerdem kam dir dann ja dieser andere Künstler zur Hilfe.«

Ich ergriff Daniels Hände und drückte sie zärtlich. »Du hast richtig gehandelt, Daniel. Wenn du dazwischengegangen wärst, hättest du nur alles verdorben. So aber ist es mir doch noch gelungen, Zugang zu den Künstlern beim Eiffelturm zu finden.«

»Und?«, bohrte Daniel ungeduldig. »Glaubst du, du hast gefunden, wonach du gesucht hast?«

Ich wog abwägend den Kopf hin und her. »Ich bin mir nicht ganz sicher. Karl und Giles scheinen mir aber irgendwie verdächtig. Ich konnte aber nicht erkennen, ob sie das Amulett des Helfers bei sich trugen. Sie hatten beide ihre Hemden bis zum Kragen zugeknöpft. Und dennoch, irgendetwas scheint mit diesen Burschen nicht zu stimmen. Sie sind ziemlich exzentrisch.«

»Diese Eigenschaft ist bei Künstlern doch oft anzutreffen«, gab Daniel zu bedenken.

»Aber nicht in dieser ausgeprägten Form«, entgegnete ich.

Ich seufzte und trank dann einen Schluck Milchkaffee, den der Kellner soeben vor mir auf den Tisch gestellt hatte.

»Vielleicht hast du ja recht und diese beiden haben wirklich nichts mit dem Helfer zu schaffen«, räumte ich ein. »Vielleicht werde ich ja heute Nacht mehr erfahren.«

Daniel zog eine Augenbraue empor. »Heute Nacht?«, echote er und wirkte dabei wenig begeistert.

Ich nickte und schenkte Daniel ein bedauerndes Lächeln. »Ich fürchte, du wirst heute Nacht auf meine Gesellschaft verzichten müssen, mein Schatz. Karl hat mich nämlich zum Abendessen eingeladen. Anschließend darf ich dann einer Künstlerdarbietung beiwohnen, die Karl für diese Nacht geplant hat, und die wahrscheinlich ziemlich spektakulär werden wird. Karl befindet sich in einem Wettstreit mit Giles, der diese Nacht ebenfalls eine Aktion durchführen wird. Die beiden müssen sich anscheinend andauernd beweisen, wer der Bessere ist.«

Ich erklärte Daniel kurz, was es mit diesem Wettstreit auf sich hatte. Seine Miene wurde dabei jedoch immer düsterer.

»Dir ist doch wohl klar, dass dieser Bursche versuchen wird, dich zu verführen, Brenda!«

Ich hielt meine Hand hoch, sodass Daniel meinen Ehering sehen konnte.

Daniel winkte ab. »Dieser Ring wird Karl bestimmt nicht davon abhalten, dir den Hof zu machen.«

Ich lächelte nachsichtig. »Ich habe dich bestimmt nicht nur deshalb geheiratet, um durch diesen Ring daran erinnert zu werden, dir treu zu bleiben, mein Lieber. Ich habe dich geheiratet, weil ich dich liebe und weil ich weiß, dass es in meinem Leben nie einen anderen Mann geben wird, dem ich mich bedingungslos hingeben werde.«

Daniel grinste glücklich. »Du hast es echt drauf, einem die Eifersucht auszutreiben, mein Schatz.«

»Traust du mir etwa nicht?«

»Eigentlich schon«, erwiderte Daniel ernst. »Aber so lange kennen wir uns nun auch wieder nicht. Vielleicht gibt es in dir ja ein paar Seiten, die ich noch nicht kenne.«

»Darauf kannst du Gift nehmen.« Ich grinste breit. »Und ich hoffe, dass du alles unternehmen wirst, um diese Seiten zu erforschen, Daniel. Denn wenn du es nicht tust, werden sie für immer unentdeckt bleiben. Einen anderen Mann als dich lasse ich bestimmt nicht in meinem Inneren herumforschen.«

Tief atmete Daniel durch und sah mich dann mit einem verliebten Ausdruck in den Augen an. »Du bist wirklich eine bemerkenswerte Frau, Brenda. Ich bin sehr glücklich darüber, dass das Schicksal uns zusammengeführt hat.«

Er blinzelte mir verschwörerisch zu. »Ich würde deine Einladung, dich näher zu erforschen ja umgehend in die Tat umsetzen. Aber leider bist du heute Nacht ja anderweitig beschäftigt.«

»Wir haben noch unser ganzes Leben Zeit uns kennenzulernen«, erwiderte ich scherzend. »Da kommt es auf eine Nacht mehr oder weniger auch nicht an.«

»Ich fürchte nur, dass es diesmal etwas schwieriger für mich sein wird, mich unbemerkt in deiner Nähe aufzuhalten, Brenda. Beim Eiffelturm, wo es vor Touristen nur so wimmelte, war dies kein Problem. Aber nachts verhält es sich bestimmt anders.«

»Karl darf dich aber auf keinen Fall bemerken«, sagte ich eindringlich. »Wenn er erfährt, dass ich zusammen mit meinem Mann in Paris bin, wird er sich mir verschließen. Und das darf auf keinen Fall geschehen, jedenfalls nicht, bevor ich mir nicht Gewissheit darüber verschafft habe, ob er etwas mit dem Helfer zu schaffen hat oder nicht. Aus diesem Grund habe ich Karl auch nicht den Namen unseres Hotels verraten. Ich ließ mir von ihm stattdessen seine Adresse geben und versprach, ihn heute Abend dort abzuholen.«

Daniel nickte gefasst. »Verstehe... Ich werde also in unserem Hotelzimmer bleiben. Ich bin für dich ja über Handy jederzeit zu erreichen.«

Er lehnte sich auf seinem Stuhl zurück und sah sich mürrisch um. Sein Jackett klaffte dabei auf und eine französische Tageszeitung, die Daniel zusammengerollt und in die Innentasche gesteckt hatte, kam zum Vorschein.

Zwei dickgedruckte Worte, die auf der Titelseite der Zeitung prangten, sprangen mir förmlich ins Gesicht. Die Worte lauteten: Mord und Juliet!

Sofort erinnerte ich mich daran, dass der Name Juliet in dem Streitgespräch zwischen Giles und Karl gefallen war. Giles hatte Juliet verführen wollen, um einen Punkt in seinem Wettkampf mit Karl zu gewinnen. Aber Juliet hatte Giles anscheinend einen Korb gegeben, was diesen aber anscheinend nicht nur deshalb frustriert hatte, weil ihm dadurch ein Punkt verlorengegangen war. Anscheinend hatte Giles sich in Juliet verliebt und nahm es sich deshalb sehr zu Herzen, nicht bei ihr gelandet zu sein.

»Gib mir doch bitte mal deine Zeitung, Daniel«, sagte ich gedehnt.

Natürlich wusste ich nicht, ob die Juliet, um die es in dem Zeitungsartikel ging, mit der jungen Frau identisch war, in die Giles sich verliebt hatte. Meine Amulettforschung hatte mir jedoch gezeigt, dass ich mit allem rechnen musste, wenn ich es mit Magie und übersinnlichen Phänomenen zu tun hatte.

Daniel zog die Zeitung unter seinem Jackett hervor und reichte sie mir über den Tisch.

Mit einem unguten Gefühl im Magen starrte ich die Schlagzeile an, von der ich bisher nur zwei Worte hatte erkennen können.

»Grausamer Mord im Arsenalhafen«, las ich mit rauer Stimme. »Juliet P. erdrosselt in einem Hausboot aufgefunden.«

Neben dem Artikel, zu der die Schlagzeile gehörte, war ein Foto abgebildet, das den Arsenalhafen mit seinen Hausbooten zeigte. Dieser Hafen war Teil des Kanal Saint Martin, den Napoleon einst erbauen ließ, um dem Trinkwasserproblem von Paris beizukommen. Der Hafen befand sich kurz vor der Einmündung in die Seine. Die Liegeplätze dort waren so teuer wie etwa eine Suite in einem Luxushotel.

»Warum interessierst du dich für diese Meldung?«, wollte Daniel wissen, nachdem ich den Artikel gelesen hatte.

Ich erklärte es ihm.

»Der Nachname des Mädchens, das Giles erwähnte, lautete Prevert. Das Mordopfer im Arsenalhafen war noch sehr jung und ihr Nachname wurde mit einem P abgekürzt. Es könnte also durchaus möglich sein, dass es sich bei dem Mordopfer um Giles’ Freundin handelt.«

Daniel nickte gefasst. »Ich werde versuchen, den Nachnamen der Ermordeten herauszufinden«, meinte er. »So habe ich wenigstens etwas zu tun, während ich in unserer Suite auf dich warte, Brenda.«

Ich reichte Daniel die Zeitung mit der schrecklichen Meldung über den Tisch.

»Wenn Giles tatsächlich etwas mit dem Helfer zu schaffen hat und diese Juliet, deren Leichnam man auf dem Hausboot im Arsenalhafen entdeckte, seine Freundin war, wird ihre Seele nun wahrscheinlich in der Unterwelt gefangen sein, zusammen mit all den anderen unsterblichen Seelen, die der Helfer bisher in seine Gewalt brachte.«

Daniel verstaute die Zeitung in der Innentasche seines Jacketts, umfasste dann zärtlich meine Hände und sah mich ernst an.

»Noch stützen sich unsere Überlegungen bloß auf Spekulationen«, versuchte er mich zu besänftigen.

Daniel war ein feinfühliger Mann. Ihm war nicht entgangen, wie niedergeschlagen und traurig ich plötzlich war.

»Glaub mir, Daniel«, sagte ich mit rauer Stimme. »Mit jeder Faser meines Körpers wünsche ich mir, dass wir hier in Paris nur einem Hirngespinst hinterherjagen. Sollte sich jedoch herausstellen, dass unsere schlimmsten Befürchtungen zutreffen, werde ich alles in meiner Macht Stehende tun, dem Helfer das Handwerk zu legen und die armen Seelen zu befreien, die er in der Unterwelt gefangen hält!«

6

Dass Karl wirklich ein ausgeflippter Typ mit verrückten Ideen war, bewies er mir sogleich aufs Neue, als ich an der Wohnungstür in der Rue Paradis klingelte, wo er, seinen eigenen Angaben nach, zusammen mit anderen Künstlern in einer Art Wohngemeinschaft lebte.

Als die Tür geöffnet wurde, stand ein in einem schwarzen Smoking gekleideter junger Mann vor mir, in dem ich erst auf den zweiten Blick Karl wiedererkannte. Er hatte eine Perücke aus wüsten, unbändigen Locken aufgesetzt, die sein Aussehen noch viel mehr veränderten, als es der Smoking bereits tat.

»Willkommen, Madame Logan«, sagte Karl in hochnäsigem Tonfall. »Treten Sie ein, ich werde Sie zu Ihrem Tisch geleiten.«

Karl trat galant beiseite und deutete mit einer einladenden Geste in den Wohnungsflur.

Der Flur war sehr breit und mit alten Dielenbrettern ausgelegt. Auf den Garderobenhaken, die die gesamte Fläche zwischen zwei Zimmertüren einnahmen, hingen eine Unmenge von Mänteln, Hüten und Mützen. Darunter standen mindestens ein Dutzend Schuhe und Stiefel, von denen die meisten ausgetreten und abgewetzt aussahen.

Verwirrt schaute ich mein Gegenüber an. »Ich dachte, Sie wollten mich in ein Restaurant ausführen, Karl?«

Irgendwie scheute ich mich, die Wohnung des Künstlers zu betreten. Ich befürchtete nämlich, dass Karl dann glauben würde, die nächste Schwelle, die ich übertreten würde, wäre die, die in sein Schlafzimmer führte.

»Keine Bange, Madame Logan«, sagte Karl ernst. Anscheinend hatte er mein Zögern richtig gedeutet. »Das, was ich Ihnen hier an kulinarischen Genüssen zu bieten habe, werden Sie in keinem Restaurant der Welt vorgesetzt bekommen. Wir werden mein Zimmer auch ganz bestimmt nicht betreten!«

Ich beschloss, das Spiel vorerst mitzuspielen und setzte schließlich doch einen Fuß in die Wohnung. Karl ging voran. Mit gemessenen Schritten geleitete er mich den Flur entlang wie ein Butler, der einen lieben Gast des Hauses in das Empfangszimmer führte.

Einige der Türen, an denen wir vorbeikamen, standen offen. Die Zimmer dahinter schienen sehr geräumig zu sein und stellten, jedes für sich, ein Gemisch aus Wohnraum und Atelier dar, die ganz nach den individuellen Vorlieben ihrer Bewohner gestaltet waren.

Eines der Zimmer war mit flackerndem Kerzenschein beleuchtet. Eine Staffelei war mitten im Raum aufgestellt. Eine junge, leicht bekleidete Frau saß davor und malte einen Mann, der wenige Meter von ihr entfernt nackt vor ihr posierte.

In einem anderen Zimmer hielten sich über ein Dutzend Leute auf, die leidenschaftlich miteinander diskutierten und Karl lässig zuwinkten, als er an der offenen Zimmertür vorüberschritt.

»In unserer Wohngemeinschaft herrscht ein ständiges Kommen und Gehen«, erklärte Karl an mich gewandt. »Manchmal verliere ich selbst den Überblick darüber, wer hier wohnt und wer nur zu Gast ist. Giles wohnt hier übrigens auch. Aber Sie werden ihm wohl nicht begegnen, Brenda. Er ist irgendwo in Paris unterwegs und bereitet die spektakuläre Aktion vor, von der er gesprochen hat.«

Bei der Erwähnung von Giles musste ich unwillkürlich an Juliet denken. Und wieder fragte ich mich, ob es Giles Freundin war, die auf dem Hausboot im Arsenalhafen den Tod gefunden hatte.

»Wissen Sie, ob Giles die Tageszeitung liest?«, konnte ich mir nicht verkneifen, Karl zu fragen.

Wir hatten das Ende des Korridors inzwischen erreicht. Karl schickte sich soeben an, die Tür, vor der wir angelangt waren, zu öffnen.

»Nicht, dass ich wüsste«, beantwortete er meine Frage leicht verwundert. »Für so etwas Profanes, wie die Tagesmeldungen, interessieren wir uns nicht. Zeitungen verwenden wir höchstens dazu, um sie in kleine Schnipsel zu zerreißen und Pappmaschee für eine Skulptur daraus herzustellen.«

Mit diesen Worten stieß er die Tür auf und deutete mit theatralischer Geste in die Küche, die sich dahinter auftat.

Auf dem Herd standen Töpfe und Pfannen, aus denen Dampf empor wallte. Der Geruch von gebratenem Fisch, gedünstetem Gemüse und frischen Kräutern hing in der Luft.

Vor dem Herd hantierte ein junger, gedrungen aussehender Kerl mit Kochlöffel und Kelle herum. Er hatte eine gestreifte Küchenschürze umgebunden und war in seine Arbeit so sehr vertieft, dass er nicht einmal zu uns herüberblickte.

»Das ist Marcel Villette, unser Küchenchef«, verkündete Karl im Tonfall eines Zirkusdirektors, der die nächste Artistennummer ankündigte. »Er mag ein wenig unbeholfen und überanstrengt wirken, aber Sie werden erstaunt sein, wenn Sie erst die Gaumenfreuden zu schmecken bekommen, die er uns gleich auftischen wird.«

Marcel winkte verlegen ab. »Geht schon mal hinauf«, versuchte er uns abzuwimmeln und deutete auf das offenstehende Küchenfenster.

Ich warf Karl einen verwunderten Blick zu, da ich die Geste des Kochs nicht richtig zu deuten wusste.

Doch Karl tat so, als hätte er meinen Blick nicht bemerkt. Stattdessen trat er auf das Fenster zu, schwang sich mit einer eleganten Bewegung auf das Fensterbrett und war im nächsten Moment im Dunkel der Nacht verschwunden.

Völlig perplex starrte ich das Fenster an. Kurz darauf erschien Karls Kopf draußen in dem Fensterausschnitt.

»Ich hoffe, Sie sind schwindelfrei, Brenda!«, rief er mir vergnügt zu und war im nächsten Moment auch schon wieder verschwunden.

Zögernd trat ich an das Fenster heran, lehnte mich hinaus und schaute mich aufmerksam um.

Links neben dem Fenster war eine Eisenleiter in das Mauerwerk eingelassen worden. Sie nahm bei dem Küchenfenster ihren Anfang und führte bis zum Dach empor.

Als ich zum Dach hinauf blickte, das wenige Meter über dem Fenster begann, sah ich Karls Frackschöße gerade noch über der Dachkante verschwinden.

»Gehen Sie nur hinauf«, munterte Marcel mich auf. »Der erste Gang wird gleich serviert.«

Mit einem unbehaglichen Gefühl starrte ich in die Tiefe. Ich blickte in einen, mehrere Stockwerke in die Tiefe führenden, schmalen Lichthof, auf dessen Grund aufgeplatzte Müllbeutel und anderer undefinierbarer Unrat herumlagen, den ich in der Dunkelheit nicht genau erkennen konnte.

Ein Sturz aus dieser Höhe würde den sicheren Tod bedeuten.

Schließlich fasste ich mir aber doch ein Herz und kletterte auf das Fensterbrett. Ich griff nach den Sprossen, schwang mich zu der Eisenleiter hinüber und klammerte mich daran fest.

Während ich die Leiter emporstieg, dachte ich, dass es eine weise Entscheidung gewesen war, statt eines Kleides eine weite, elegante Hose anzuziehen. Ein Kleid hätte mich in dieser Situation nur in meinen Bewegungen eingeschränkt.

Ich hatte die Hälfte der Strecke soeben bewältigt, als hinter mir plötzlich das Bersten von Glas zu hören war.

Erschrocken hielt ich inne und wandte mich, so gut es ging, auf der Leiter um.

Scherben, die in der Dunkelheit geheimnisvoll aufgleißten, rieselten wie magischer Glitzerstaub in die Tiefe und landeten klirrend zwischen dem Unrat am Grund des Schachtes.

Erst jetzt gewahrte ich, dass auf der gegenüberliegenden Seite des Schachtes kleine Fenster die Eintönigkeit der schmuddeligen Mauer durchbrachen.

Eines der Fenster war zerstört worden. Die gezackten Scherben, die noch in dem Rahmen steckten, bildeten einen glitzernden Kranz, hinter dem eine dunkle Gestalt auszumachen war.

In diesem Moment schob sich die Gestalt mit dem Oberkörper durch das zerstörte Fenster.

Ein fahler Abglanz von dem schwachen Widerschein, der von oben in den Schacht sickerte, fiel auf die Gestalt und beleuchtete ihr hässliches, entstelltes Gesicht. Fettige Haarsträhnen waren der unheimlichen Gestalt in das Antlitz gefallen. Unter den Haarsträhnen leuchtete ein Paar gelber Augen hervor, die mich unverwandt anstarrten.

Der Mann hatte einen enormen Buckel, wie ich jetzt erkannte. Sein ganzes Erscheinungsbild war abstoßend und mitleiderregend zugleich.

Das missgestaltete Aussehen des Mannes war aber nicht der Grund, warum ich wie festgeschweißt auf der Leiter verharrte. Es waren vielmehr seine glühenden Augen, die mir wie schwefelgelbe Punkte unter dem fransigen Haar entgegenleuchteten.

Ähnlich leuchtende Augenpaare hatte ich vor wenigen Tagen auch in London gesehen. Dort waren es jedoch die Augen von Katzen gewesen, die diesen unheilvollen gelben Glanz besessen hatten. Diese Tiere hatten unter dem magischen Einfluss der Frau gestanden, die den »Helfer« mittels einer magischen Kristallkugel beschwört hatte.

Stand dieser unheimliche Bursche, der nun auch seine Arme durch das zerstörte Fenster zwängte, etwa ebenfalls unter dem magischen Einfluss desjenigen, der mit dem »Verführer« im Bunde stand?

Mir blieb keine Zeit, länger über dieses Problem nachzudenken, denn der missgestaltete Bursche hielt plötzlich eine Eisenkette in der Hand. Wie ein Lasso schwenkte er diese Kette in der Luft herum. Sie rasselte dabei vernehmlich. Ein Laut, der in dem engen Schacht kalt und gespenstisch widerhallte.

Im nächsten Moment ließ der Mann das eine Ende der Kette los. Wie ein Geschoss rauschte sie quer durch den Schacht, direkt auf mich zu.

Instinktiv wich ich der heransausenden Kette aus. Dabei rutschte mein linker Fuß von der Leitersprosse. Ich drohte den Halt zu verlieren, klammerte mich aber gerade noch rechtzeitig an der Seitenverstrebung der Leiter fest und konnte in letzter Sekunde verhindern, dass ich in die Tiefe stürzte.

Doch damit war ich noch nicht gerettet.

Mit einem scheppernden, metallischen Laut krachte die schwere Eisenkette gegen die Leiter und wickelte sich mehrmals um eine der Sprossen, die ich vor wenigen Augenblicken noch mit meinem Körper verdeckt hatte.

Wäre ich der Kette nicht ausgewichen, hätte sie sich vermutlich um meine Körpermitte gewickelt.

Der bucklige Kerl am gegenüberliegenden Ende des Schachtes hielt das andere Ende der Kette in seinen riesigen, unförmigen Pranken. Er stieß ein enttäuschtes, kehliges Grollen aus, als er bemerkte, dass er mich verfehlt hatte. Doch als er schließlich gewahr wurde, dass das Ende der Kette sich stattdessen um die Leitersprosse gewickelt hatte, holte er plötzlich aus und riss wie ein gefangenes Ungetüm mit aller Kraft an der Kette.

Ein heftiger Ruck ging durch die Leiter.

Ich schrie erschrocken auf und klammerte mich noch fester an der Seitenverstrebung fest.

Der Bucklige knurrte ungehalten und zerrte nun noch kräftiger und ungestümer an der Eisenkette.

Der Ruck, der daraufhin durch die Leiter ging, war so gewaltig, dass meine Beine hochgeschleudert wurden.

Verzweifelt klammerte ich mich mit den Händen an der Seitenverstrebung fest und versuchte, mit den Füßen wieder irgendwo Halt zu finden.

Doch da vernahm ich plötzlich ein beängstigendes Knirschen und Schaben im Mauerwerk. Der missgestaltete Kerl hatte es tatsächlich geschafft, die Leiter aus der Verankerung zu lösen!

Ängstlich starrte ich nach oben und erblickte Karl, der sich über die Dachkante gebeugt hatte und zu mir hinunter starrte. Er rief mir irgendetwas zu, das ich jedoch nicht verstand, und winkte hektisch.

Da kippte das obere Ende der Leiter plötzlich von der Mauer weg.

Karl versuchte noch, die Leiter an der Sprosse zu packen. Aber sie wurde ihm aus der Hand gerissen. Um ein Haar wäre Karl selbst in den Abgrund gestürzt, wenn er sich nicht noch in letzter Sekunde an der Dachrinne festgehalten hätte.

Unter lautem Knirschen und Ächzen kippte die Leiter um. Haltlos und einen langen, entsetzten Schrei ausstoßend, stürzte ich in die Tiefe.

Als der Fall der Leiter plötzlich gestoppt wurde, hatte ich das Gefühl, meine Arme würden mir aus den Gelenken gerissen.

Das obere Ende der Leiter war gegen die gegenüberliegende Mauer gekracht und hatte sich dort verkeilt. Die Leiter überspannte den Schacht nun in waagerechter Lage.

Mit den Händen an die Seitenverstrebung geklammert, hing ich hilflos über dem Abgrund. Der Fuß der Leiter war noch in dem Mauerwerk neben dem Küchenfenster verankert. Es war allerdings nur eine Frage der Zeit, wann auch diese Halterung herausbrechen und ich zusammen mit der Leiter in die Tiefe stürzen würde.

»Bewege dich nicht!«, rief Karl vom Dach aus zu mir herab. »Die kleinste Erschütterung könnte die Leiter wieder losreißen!«

»Das habe ich auch schon bemerkt«, giftete ich zurück.

Besorgt blickte ich zu dem zerstörten Fenster hinüber. Der Bucklige mit den glühenden Augen hatte sich anscheinend zurückgezogen. Die beiden gelben Punkte, die in der Dunkelheit hinter dem Fenster glühten, verrieten aber, dass sich der Unhold noch in dem Raum aufhielt.

Die Eisenkette hatte der Bucklige losgelassen, wahrscheinlich, um zu vermeiden, dass er von der herabstürzenden Leiter mit in die Tiefe gerissen wurde. Sie baumelte nun direkt neben mir von der Sprosse herab, um die sie sich gewickelt hatte.

Da war hinter dem zerstörten Fenster plötzlich ein kehliges, unwilliges Brummen zu vernehmen. Der Bucklige hatte diesen Laut ausgestoßen. Es schien ihn ziemlich zu wurmen, dass die Leiter sich in dem Schacht festgekeilt hatte, anstatt in die Tiefe zu stürzen.

Im nächsten Moment erschien die hässliche Fratze des unheimlichen Kerls auch schon wieder in der Fensteröffnung. Grimmig starrte er die Leiter an, als könne er sie allein durch den Blick seiner unheimlich leuchtenden Augen dazu bringen, abzustürzen.

Das Ende der Leiter hatte sich etwa einen Meter neben dem zerstörten Fenster in dem Mauerwerk verkeilt. Der Unhold brauchte bloß seinen langen Arm auszustrecken, die Leiter zu packen und fortzustoßen.

Und genau dies schien der missgestaltete Kerl auch vorzuhaben, denn er schickte sich plötzlich an, einen Arm wieder aus dem Fenster zu schieben.

»Achtung, Brenda!«, rief Karl überflüssigerweise.

Einer inneren Eingebung folgend löste ich meine rechte Hand von der Leiter und griff nach der Eisenkette.

Nun, da kein Zug mehr auf der Kette lastete, ließ sie sich leicht von der Sprosse lösen.

Ich packte die Kette, brachte sie mit einigen geschickten Armbewegungen in Schwung und ließ ihr unteres Ende dann wie einen Peitschenstriemen zu dem Unhold emporschnellen.

Ich hatte gut gezielt. Die Kette traf den ausgestreckten Arm des Unheimlichen, mit dem er nach der Leiter hatte greifen wollen.

Der Bucklige schrie erschrocken und schmerzgepeinigt auf und zog seinen Arm rasch wieder zurück.

Doch meine Aktion hatte die Leiter zu sehr erschüttert. Das obere Ende rutschte ein Stück die Mauer entlang und befand sich nun direkt neben dem Fenster des Buckligen.

Der Griff meiner Hand, mit der ich mich an der Leiter festklammerte, drohte zu sprengen. Wäre ich körperlich nicht so gut in Form gewesen, wie es der Fall war, hätte ich nun wahrscheinlich den Halt verloren und wäre in den Schacht gestürzt. So aber konnte ich mich noch mit letzter Kraft festhalten.

Plötzlich bemerkte ich, dass Marcel am offenen Fenster der Küche erschienen war. Der Lärm hatte ihn offenbar von seinen Kochtöpfen und Pfannen weggelockt.

Sofort erkannte ich meine Chance.

»Marcel!«, rief ich dem Koch zu. »Fangen Sie die Kette auf!«

Mit einer letzten, kraftvollen Bewegung meines Armes verstärkte ich das Schwingen der Eisenkette und ließ das Ende nun zum Küchenfenster emporschnellen.

Geistesgegenwärtig fing Marcel die Kette auf und hielt sie fest.

Im selben Moment riss sich die Leiter los und stürzte dem Schachtboden entgegen.

Gerade noch rechtzeitig ließ ich sie los und klammerte mich statt dessen mit beiden Händen an der Kette fest.

Die Hausmauer, die zu Karls Wohnung gehört, schien in einem wahnsinnigen Tempo auf mich zuzurasen.

Instinktiv winkelte ich die Beine an, um den bevorstehenden Aufprall abzufedern. Ich betete, Marcel möge über genug Kraft verfügen, die Kette, an deren Ende ich hing, festzuhalten.

Im nächsten Moment prallte ich gegen die Mauer. Ich zog mir ein paar Schürfungen und Prellungen zu, blieb sonst aber unversehrt. Auch Marcel machte seine Sache gut. Er lehnte mit dem Oberkörper halb aus dem Fenster und hielt die Kette mit beiden Händen verbissen umklammert.

»Ich habe Sie..., ich habe Sie!«, rief er gepresst zu mir herunter.

»Ich werde jetzt zu Ihnen emporklettern, Marcel«, rief ich. »Glauben Sie, Sie halten das durch?«

Marcel nickte abgehakt und schaffte es sogar, ein schräges Grinsen auf seine Lippen zu zaubern.

»Ich mache mir zwar nichts aus Frauen. Nun, da ich aber schon mal eine am Haken habe, werde ich Sie ganz bestimmt nicht wieder loslassen!«

Unter anderen Umständen hätte ich jetzt wahrscheinlich befreit aufgelacht. Doch dazu fehlte mir momentan die Kraft. Die benötigte ich nämlich, mich an der Kette emporzuziehen.

Als ich das Küchenfenster fast erreicht hatte, spähte ich ängstlich zu dem zerstörten Fenster hinüber. Aber von dem unheimlichen Buckligen war nichts mehr zu sehen.

Marcel packte meine Hände und zog mich über die Fensterbrüstung. Als ich dann schließlich vor

ihm stand, fiel ich dem jungen Koch spontan um den Hals und drückte ihm einen Kuss auf die Wange.

»Ohne Ihre Hilfe würde ich jetzt mit zerschmetterten Gliedmaßen zwischen all dem Müll am Grunde des Schachtes liegen«, sagte ich rau. »Ich verdanke Ihnen mein Leben, Marcel!«

Marcel lächelte verlegen. Er schien sogar ein wenig rot im Gesicht geworden zu sein.

»Hätte nie gedacht, dass mir eine Frau mal so was sagen würde«, meinte er. »Ich komme mir fast wie in einem Kinofilm vor.«

»Wenn das hier ein Film wäre, hätte ich die Szene draußen im Lichtschacht lieber einem weiblichen Stuntman überlassen«, entgegnete ich sarkastisch. »Diese Kletteraktion hätte meine Kräfte fast überschritten.«

Beklommen blickte ich auf das Küchenfenster. »Wie wird Karl denn jetzt vom Dach wieder herunterkommen, nun, da die Leiter fort ist?«

»Es gibt eine Luke«, erwiderte Marcel und wandte sich wieder seinen Töpfen zu. »Von dort kann Karl auf den Dachboden und schließlich in das Treppenhaus gelangen.«

Hektische Schritte näherten sich plötzlich der Küchentür und als sie kurz darauf aufgerissen wurde, stand Karl vor mir. Sein Gesicht war schreckensbleich und seine Augen weit aufgerissen.

»Bin ich froh, dass Sie noch am Leben sind, Brenda!«, rief er aufgebracht. »Für einen Moment hatte es wirklich so ausgesehen, als würden Sie diese Nacht nicht überstehen.«

Ich rieb mir mit den Händen fröstelnd über die Oberarme. »Was war das nur für ein seltsamer Kerl, der versucht hat, mich umzubringen?«

Karl zuckte ratlos die Achseln. »Keine Ahnung. Ich habe diesen Burschen heute auch zum ersten Mal gesehen. Ich habe ein paar meiner Freunde losgeschickt. Sie werden das gegenüberliegende Haus durchsuchen. Wenn dieser Wahnsinnige sich dort noch aufhält, werden meine Freunde ihn finden und ihm einen Denkzettel verpassen!«

»Wir sollten lieber die Polizei verständigen«, entgegnete ich. »Dieser Kerl ist ziemlich stark. Er könnte Ihren Freunden etwas antun.«

»Meine Leute werden schon auf sich aufpassen«, erwiderte Karl lax. Seine Miene wurde wieder ernst. »Möchten Sie, dass ich Sie in Ihr Hotel bringe?«, fragte er einfühlsam. »Ich schätze, nach diesem schrecklichen Erlebnis steht Ihnen nicht mehr der Sinn nach einem romantischen Abendessen auf dem Dach eines Pariser Hauses.«

Ich warf Marcel einen raschen Blick zu. Er hatte sich halb von seinen Kochtöpfen abgewandt und sah mir gefasst in die Augen, so als wartete er voller Bangen auf meine Antwort.

»Um nichts auf der Welt würde ich mir ein Abendessen entgehen lassen, das ein Mann zubereitet hat, der mir soeben das Leben rettete«, erwiderte ich und blinzelte Marcel verschwörerisch zu, woraufhin sich auf seinem Gesicht ein zufriedener Ausdruck breit machte.

Der Grund für mein Hierbleiben lag jedoch nicht allein darin, Marcel eine Freude zu bereiten. Das Auftauchen des Buckligen mit den gelb leuchtenden Augen, hatte mir gezeigt, dass ich anscheinend doch auf der richtigen Fährte war.

Und ich war fest entschlossen, dieser Fährte auch weiterhin nachzuspüren, auch wenn mich dieses Vorgehen wieder in eine gefährliche Situation manövrieren würde.

Karl bedachte Marcel mit einem feindseligen Blick.

»Du scheinst meinen Gast mit deiner Rettungsaktion ja mächtig beeindruckt zu haben«, meinte er mit einem böswilligen Unterton in der Stimme. »Nur gut, dass du dir nichts aus Frauen machst. Sonst hätte ich jetzt allen Grund, eifersüchtig zu sein.«

Marcel starrte Karl mit zusammengekniffenen Augen an.

»Mrs. Logan weiß bereits, dass ich homosexuell bin. Da muss sie wenigstens nicht befürchten, dass ich von ihr als Gegenleistung für die Rettung verlange, mit mir ins Bett zu steigen, wie du es vermutlich tun würdest, Karl!«

Ich fand Karls Bemerkung mehr als unangebracht. Anscheinend betrachtete er jeden Mann, der ihm in die Quere kam, als Kontrahenten, auch wenn dieser schwul war.

»Warum haben Sie mich über die Leiter und nicht über die Bodenluke auf das Dach führen wollen?«, frage ich an Karl gewandt, um die Situation zu entschärfen.

Karl zuckte schuldbewusst mit den Schultern. »Ich dachte, der Weg über die Leiter wäre für Sie aufregender«, erklärte er. »Ich liebe das Spektakuläre und Besondere. Aber wenn ich geahnt hätte, dass ein Irrer Sie auf der Leiter angreifen würde, hätte ich natürlich die Dachluke gewählt.«

»Und die solltet ihr jetzt auch rasch benutzen, denn sonst ist das Essen zerkocht und ungenießbar!«, warf Marcel ein, der Karls Anfeindung anscheinend schon wieder vergessen hatte.

Ich hakte mich rasch bei Karl unter und forderte ihn auf, mich nun endlich zu meinem Tisch zu geleiten.

7

»Ich kann mich nicht erinnern, je eine so köstliche Mahlzeit vorgesetzt bekommen zu haben wie an diesem Abend«, sagte ich an Marcel gewandt, als dieser sich anschickte, die Teller von dem Tisch abzuräumen, den Karl auf dem Flachdach des Hauses aufgestellt hatte.

Marcel lächelte geschmeichelt. »Ich betrachte das Zubereiten von Speisen als eine Art von Kunst«, erklärte er. Und mit einem giftigen Seitenblick in Karls Richtung fuhr er fort: »Es ist jedoch eine Kunst, die einen alltäglichen Zweck erfüllt und darum von den meisten Menschen nicht genug gewürdigt wird.«

Mit diesen Worten zog Marcel sich in Richtung Dachluke zurück und ließ mich mit Karl allein zurück.

Dieser lehnte sich genüsslich auf seinem Stuhl zurück und schaute zu dem nächtlichen Himmel empor. »Ein wundervoller Abend, nicht wahr?«, seufzte er selbstgefällig.

Ein paar vereinzelte Sterne, deren Licht stark genug war, den hellen Schimmer der illuminierten Stadt zu überstrahlen, glitzerten verloren über unseren Köpfen.

»Auf jeden Fall ein ziemlich aufregender Abend«, relativierte ich seine Aussage, die mir in Anbetracht der turbulenten Ereignisse doch ein wenig zu schönseherisch erschien. Karls Freunde waren vor wenigen Minuten auf dem Dach erschienen und hatten gemeldet, dass sie den Buckligen nirgendwo hatten finden können.

Karl hatte sie daraufhin wütend angeherrscht und ihnen vorgeworfen, unfähig zu sein. Dann hatte er sie wieder fortgeschickt.

Karl riss sich plötzlich von dem Anblick der Sterne los und sah mich über den Tisch hinweg unverwandt an.

»Der Abend könnte für Sie noch weitaus aufregender werden, Brenda«, meinte er geheimnisvoll. »Es sei denn, Sie ziehen es vor, in Ihr Hotel zurückzukehren und sich schlafen zu legen.«

»Kommt ganz darauf an, was Sie zu bieten haben«, erwiderte ich ausweichend. »Wenn Sie darauf anspielen, dass ich mein Hotelbett gegen das Bett in Ihrem Zimmer tauschen soll, muss ich Sie leider enttäuschen. Nach dieser Art von Abenteuer steht mir momentan nämlich überhaupt nicht der Sinn.«

Karl lächelte hintersinnig. »Das meinte ich auch gar nicht«, entgegnete er mit einem Tonfall, der mich vermuten ließ, dass der Bettentausch sehr wohl ein Teil seiner Überlegung gewesen war. »Ich spreche von der künstlerischen Aktion, die ich für heute Nacht geplant habe, und die so spektakulär werden wird, dass sie Giles Vorhaben weit in den Schatten stellen wird.«

»Was ist eigentlich das Ziel Ihres Wettkampfes?«, wollte ich wissen.

Karl sah mich entgeistert an. »Ziel?«, echote er verständnislos. »Es geht uns darum, herauszufinden, wer von uns beiden der Beste ist.«

»Das ist alles?«

»Wie, das ist alles? Sie scheinen nicht zu verstehen, wie wichtig es für einen Mann ist, einen Kontrahenten zu haben, jemanden, an dem man sich messen, den man herausfordern und dem man sich schließlich unterwerfen kann... Sei es nun mit der Kraft des Körpers oder mit der Kraft des Geistes!«

Während Karl sprach hatte er angefangen aufgeregt mit den Händen und Armen zu gestikulieren. Ein leidenschaftlicher, fast ein wenig irre anmutender Ausdruck war in sein Gesicht getreten.

»Wenn man Sie so reden hört, könnte man Sie für einen mittelalterlichen Ritter halten, der einem Burgfräulein die Turnierspiele zu erklären versucht.«

Karl wiegte abwägend den Kopf hin und her. »Die Art und Weise, wie die Ritter ihre Zweikämpfe damals ausfochten, waren zugegebenermaßen etwas roh und primitiv«, räumte er ein. »Aber der Vergleich, den Sie da anstrengen, ist durchaus berechtigt. Giles und ich..., wir sind wie Ritter in einem Turnier und Paris ist unser Turnierplatz. Die Waffen aber mit denen wir kämpfen, sind keine Lanzen, Schwerter oder Morgensterne. Wir kämpfen mit den Waffen der Phantasie und der Kunst!«

Details

Seiten
360
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907605
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
romantic thriller trio

Autor

Zurück

Titel: Romantic Thriller Trio #5