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Tony Ballard #88: Die Totenuhr

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Totenuhr

Dämonenhasser Tony Ballard Band 88

von A. F. Morland

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 119 Taschenbuchseiten.

 

Tony Ballard ist der Dämonenhasser. Er kämpft gegen die Mächte der Finsternis und begegnet dem Unfassbaren. Vampire, Dämonen, Werwölfe und andere Kreaturen der Schattenwelt sind seine unbarmherzigen Gegner.

Erfolgsautor A. F. Morland schuf diese einzigartige Horror-Serie, die jetzt endlich auch im E-Book vorliegt.

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

„Edition A. F. Morland“ ist ein Imprint von Alfred Bekker & Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte des Titelbild-Logos by Jörg Martin Munsonius/Edition Bärenklau

Illustrator: Michael Sagenhorn, 2017

 

 

Prolog

Die Luft begann zu flimmern und zu glühen. Milliarden roter Partikelchen wirbelten um eine unsichtbare Achse und bildeten nach und nach einen Kegel, in dem eine grauenerregende Gestalt entstand.

Das Wesen, das nicht von dieser Welt war, trug ein braunes Lederwams, hatte granitgraue Haut, spitze Ohren und war hager. Sein Blick war grausam und stechend. Mago, der Schwarzmagier, war gekommen! Er entstieg dem feuerroten Kegel, der hinter ihm wie eine leere Hülle zusammenfiel.

Er war nach London gekommen, um sich hier mit einem anderen Vertreter des Höllenheers zu treffen: mit Rufus, dem Dämon mit den vielen Gesichtern!

 

 

1

Der Gemüsemarkt befand sich in der Praed Street, nicht weit von der Paddington Station entfernt. In einer riesigen Halle standen die Transporter und wurden von Gabelstaplern beladen.

Die Halle war vorn und hinten offen, so dass der kühle Wind hindurch fegen konnte. Männer in warmen Jacken standen herum und diskutierten über Maggie Thatchers Politik.

Der Kaffeeautomat wurde fortwährend frequentiert, und wenn er mal verrückt spielte, erhielt er einen derben Tritt, der ihn zumeist wieder zur Vernunft brachte. Der Aufkleber: »Bei Störung rufen Sie …« war unnötig. Die Lkw-Fahrer wussten sich selbst zu helfen. Sie ließen sich nicht betrügen, dazu war ihr Geld zu sauer verdient.

George Johnson stand mit seinem Kollegen Dennis Maskell abseits vom Trubel. Sie hielten Pappbecher in den Händen, in denen dampfender Kaffee schwappte.

Johnson, ein Mann Mitte vierzig, schwergewichtig und vollbärtig, meinte mit finsterer Miene: »Du darfst dir nichts gefallen lassen, Dennis.«

»Tu’ ich auch nicht«, brummte Maskell, ein unscheinbarer Mann, dessen Markenzeichen die speckige Lammfelljacke war, die älter als er selbst zu sein schien.

»Sowie die merken, dass du dir alles gefallen lässt, bist du schon verkauft«, sagte George Johnson und dachte wohl, damit eine besondere Weisheit von sich zu geben. »Die denken, sie sind die größten, meckern fortwährend an uns herum, ohne selbst irgendetwas besser machen zu können.«

»Stimmt genau, und das habe ich ihnen vorhin auch gesagt. Du kennst mich, ich bin nicht aufs Maul gefallen. Wenn mir einer dämlich kommt, kriegt er das Passende zu hören.«

Johnson nickte beipflichtend. »So ist’s richtig. Wenn sie merken, dass du nicht kleinzukriegen bist, lassen sie dich in Ruhe und fallen einem andern auf den Wecker.«

»Herb Forshey zum Beispiel«, sagte Maskell und lachte.

Johnson fiel in dieses Lachen ein. »Ja, mit dem können sie so umspringen, und er sagt hinterher noch danke schön, dieser Holzkopf. Als Herb Forshey muss man aber geboren sein. Dazu eignet sich nicht jeder.« Er trank seinen Becher leer und knüllte ihn zusammen. Dann blickte er sich suchend um.

»Diese Idioten«, schimpfte Maskell. »Da stellen sie einen Kaffeeautomaten auf, was an und für sich eine gute Sache wäre, aber dann vergessen sie die Papierkörbe, wodurch man gezwungen ist, die leeren Becher einfach auf den Boden zu werfen.«

Johnson zuckte die Schultern. »Ist es unsere Schuld, wenn aus der Halle allmählich ein Saustall wird?« Er ließ den Becher fallen und kickte ihn fort. Dann drehte er sich halb um und blickte zu seinem Laster, der noch nicht voll beladen war. »Ein Arbeitstempo haben die wie im Altersheim. Ich würde ihnen am liebsten Beine machen.«

»Lass doch. Je länger sie brauchen, um so gemütlicher hast du’s hier.«

»Ich kann mir was Besseres vorstellen, als hier herumzustehen. Das soll keine Spitze gegen dich sein, Kumpel, aber wenn ich mich mit dir unterhalten möchte, können wir uns auch in ›Mama’s Inn‹ zu einem Schwätzchen treffen.«

»Gute Idee«, hakte Maskell gleich ein. »Wie wär’s mit heute Abend?«

»Kann ich noch nicht sagen.«

»Woran hängt’s?«

»Na, woran schon? Woran hängt’s denn immer? An den Frauen, und in diesem speziellen Fall eben an meiner Frau.«

»He, deine Alte begehrt doch nicht etwa auf!«

»Doch, das tut sie. So geht das nicht weiter mit uns beiden, George!, sagte sie. Du bist ja kaum noch zu Hause. Entweder sitzt du in deinem Lkw oder in Mama’s Inn. Ich habe gar nicht mehr den Eindruck, verheiratet zu sein. Wenn ich so ein Leben gewollt hätte, hätte ich allein bleiben können. Und du wärst billiger davongekommen, wenn du dir hin und wieder eine Putzfrau genommen hättest.«

»Was können die Weiber doch keifen«, sagte Dennis Maskell lachend. »Mann, bin ich froh, dass mich keine herumgekriegt hat. Du siehst ja, wohin das führt. Geradewegs in die Sklaverei. Man ist nicht mehr sein eigener Herr, darf nicht mehr tun, was einem Spaß macht.«

George Johnson wiegte den Kopf. »Na ja, ganz unrecht hat mein Mauerblümchen ja nicht. Ich war in letzter Zeit tatsächlich viel unterwegs. Weißt du, Kumpel, man darf in der Ehe den Bogen nicht überspannen, dann läuft’s ganz gut. Im Grunde genommen bin ich ganz gern verheiratet. Ich hab’ mal gelesen, dass Junggesellen nicht so alt wie Ehemänner werden.«

»Das ist mir neu.«

Johnson grinste. »Du weißt vieles nicht, mein Lieber. Ist doch einleuchtend. Ihr Junggesellen führt doch ein verdammt unsolides Leben, während bei uns Ehemännern alles schön geregelt ist.«

»Ja, so geregelt, dass ihr vor Langeweile gähnt, wenn mal von Sex die Rede ist.«

Johnson protestierte lautstark gegen diese Behauptung. Maskell versuchte ihn mit Argumenten niederzureden. Johnson wies sie alle als haltlos zurück, und während die beiden Fahrer lauthals diskutierten, stahl sich hinter ihnen eine seltsame Gestalt vorbei.

Mago!

Weder Johnson noch Maskell bemerkte ihn. Ihr Gespräch über die Werte des Lebens wurde immer hitziger, während der Schwarzmagier sich Johnsons Transporter näherte.

Er wartete, bis der Gabelstapler wendete, um neue Kisten mit Rotkraut zu holen, dann öffnete er die Tür und kletterte in die Fahrerkabine. Die Standheizung war eingeschaltet. Eine angenehme Wärme erfüllte den kleinen Raum.

Mago brauchte keine Heizung. Er war hitze- und kälteunempfindlich. Seine schwarze, gespaltene Zunge flatterte kurz aus dem Mund. Er orientierte sich im Cockpit des Lkw und startete den Motor.

Johnson und Maskell brachen ihre Diskussion jäh ab. Sie wären sowieso zu keiner Einigung gekommen. Dazu waren ihre Ansichten zu verschieden. Dennis Maskells Augen weiteten sich. »Verdammt, wer macht sich denn da an deinem Transporter zu schaffen?«

»Sicher so ein Spaßvogel von der Fahrerclique«, knurrte George Johnson. »Wahrscheinlich geht’s mal wieder um eine Wette. Ich breche dem Knaben die Finger.« Er rannte los.

Maskell leerte seinen Kaffeebecher, ließ ihn fallen und lief hinter seinem Freund und Kollegen her. Solche Späße konnte George nicht vertragen. Wenn sich einer an seinem Lkw vergriff, wurde er unwirsch. Dennis Maskell wollte aus nächster Nähe miterleben, wie George mit dem Burschen Schlitten fuhr.

Noch zehn Meter bis zum Truck. George Johnson schüttelte die Fäuste. »Raus aus meinem Wagen, du verdammter Mistkerl!«

Mago sah den Fahrer im Außenspiegel. Der Schwarzmagier grinste und gab Gas. Eine schwarze Wolke fegte aus dem Auspuff. Mago schaltete, nachdem er die Handbremse gelöst hatte, und fuhr los.

»Hat man Töne?«, schrie Johnson. »Der haut mit meinem Wagen ab!« Er rannte schneller, wollte den Lkw einholen, doch Mago schaltete noch. Er knüppelte das Fahrzeug durch die große Halle.

Johnson erkannte, dass er zu Fuß zu langsam war. Er blieb keuchend stehen. Maskell erreichte ihn und stieß aufgeregt hervor: »Verdammt, George, das ist kein blöder Scherz von ‘nem Kollegen. Dir hat irgend so ein Gangster den Truck vor der Nase geklaut. Wir müssen die Polizei …«

Johnson winkte wütend ab. »Ach was, die Polizei. Das nehme ich selbst in die Hand. Das lasse ich mir doch nicht gefallen.«

»Was willst du denn machen? Wie ein Langstreckenläufer hinterher rennen, bis dir die Zunge wie eine Krawatte auf die Brust runter hängt?«

»Wieso denn rennen? Ich fahre.«

»Womit denn?«

»Na, mit deinem Lkw, ist doch klar.«

Mago fuhr unbehelligt aus der Halle. Er drosselte die Geschwindigkeit kurz und bog in die Praed Street ein. Die beisammen stehenden Fahrer hatten ihm keine Beachtung geschenkt.

Ein Truck hatte die Halle verlassen. Kein Grund, sich darum zu kümmern. So etwas war hier schließlich an der Tagesordnung. Die Transporter kamen, wurden beladen und fuhren wieder weg.

Mago fuhr zügig. Der Verkehr war nicht dicht, und die Ampel, auf die der Schwarzmagier zufuhr, zeigte Grün. Er überquerte die Kreuzung. Auf den Gehsteigen gingen Menschen ihres Weges.

Keiner warf einen Blick in das Fahrerhaus des Trucks. Diese Fahrzeuge gehörten zum gewohnten Stadtbild. Es war nur ungewöhnlich, dass dieser Lkw von keinem Menschen gelenkt wurde, aber das fiel niemandem auf.

Als Johnsons Truck die Halle verließ, schwang sich Dennis Maskell hinter das Steuer seines Brummers.

»Nun mach schon!«, drängte George Johnson. »Beeil dich! Der verdammte Kerl darf uns nicht entkommen!« Er ließ seine Faust auf und ab wippen. »Ich sag’ dir, der Bursche hat in Kürze einen blutigen Schädel, darauf gebe ich dir mein Wort!«

Maskell fuhr los. Er war ein exzellenter Fahrer, der imstande war, aus seinem Truck das Letzte herauszuholen. Er bildete mit seinem Lkw so etwas wie eine Einheit. Für ihn war der Truck kein lebloses Ding, sondern ein Lebewesen, das man behandeln können musste, und er konnte das besser als jeder andere.

Sein Brummer rollte mit zunehmender Geschwindigkeit durch die Halle. Augenblicke später bog er in die Praed Street ein, und er schaffte es, noch bei Grün hinter Mago über die Kreuzung zu kommen.

»Neulich habe ich einen amerikanischen Film im Fernsehen gesehen«, sagte George Johnson aufgeregt. »Da war ‘n Mann in ‘ner Raststätte, und zwei Kerle klauten ihm vor seinen Augen den Truck. Weißt du, was ich dachte? Das sollte mir mal passieren, dachte ich. Verdammt und zugenäht, und nun ist es mir tatsächlich passiert.«

Maskell grinste. »Und nun guckst du bescheuert aus der Wäsche.«

»Ich mach’ Hundefutter aus dem Kerl!«, knurrte Johnson. »Herrgott noch mal, kannst du nicht ein bisschen schneller fahren?«

»Wir sind nicht allein auf der Straße, vergiss das nicht. Ich möchte keine anderen Verkehrsteilnehmer gefährden.«

»Rücksicht ist ja was Schönes, aber hier geht es darum, ein Verbrechen zu verhindern!«

»Deswegen kann ich auch nicht alle Autos über den Haufen fahren. Sei unbesorgt, wir kriegen den Kerl. Ich hab’ den stärkeren Truck und fahre garantiert auch besser als er. Er kann uns nicht abschütteln.«

»Du hast doch nicht etwa die Absicht, hinter ihm zu hängen, bis ihm der Treibstoff ausgeht. Ich hab’ vollgetankt.«

»Ich auch, und mein Tank fasst mehr als deiner.«

»Mach mich nicht schwach, Dennis. Ich sitze auf glühenden Kohlen. Du musst versuchen, den Mistkerl zu stellen, damit ich ihm die Fresse polieren kann!«

Mago erreichte die Edgware Road. Er blinkte links und bog ab. Ihm war längst aufgefallen, dass er verfolgt wurde, doch das beunruhigte ihn nicht.

Die Verfolger konnten ihm nichts anhaben. Selbst wenn es ihnen gelang, ihn zu stoppen, war das nicht für ihn, sondern für sie gefährlich, denn er konnte sie mit seiner Magie grausam treffen.

Seine eigentliche Aufgabe war es, abtrünnige Hexen zu jagen, und er war aus diesem Grund bereits zweimal in London erschienen, denn hier lebte eine Hexe, die seit langem ganz oben auf seiner Liste stand: Roxane.

Sie gehörte dem Freundeskreis Tony Ballards an, war die Jugendfreundin des Ex-Dämons Mr. Silver, der stets schützend seine Hand über sie zu halten versuchte. Dennoch hätte Mago die Hexe aus dem Jenseits schon zweimal beinahe erwischt, und er hoffte, dass es beim dritten Mal klappen würde. Vor etwa einem halben Jahr war die weiße Hexe Oda zu jener Gruppe um den Dämonenhasser gestoßen. Ein doppelter Grund also für Mago, bald wieder etwas in dieser Richtung zu unternehmen.

Doch im Moment galt es für ihn, etwas anderes zu erledigen. Ärgerlich stellte er fest, dass das Verfolgerfahrzeug aufholte. Diese Männer riskierten verdammt viel, ohne es zu wissen.

Sie hatten es mit keinem gewöhnlichen Dieb zu tun. Es wäre besser für sie gewesen, wenn sie die Jagd aufgegeben hätten. Aber sie waren ehrgeizig, wollten beweisen, was für tolle Kerle sie waren, und das konnte ihnen schon bald zum Verhängnis werden, denn wer Mago reizte, dessen Leben hing nur noch an einem seidenen Faden.

In Höhe der St. John’s Wood Rood fuhren die beiden Brummer bereits dicht hintereinander. Die Straße war im Moment frei. Die Gelegenheit zum Überholen günstig.

»Los, Mann!«, schrie George Johnson aufgeregt. »Presch vor! Schneide brutal in seine Fahrspur, bring ihn zum Stehen, damit ich ihn mir kaufen kann! Verdammt, sämtliche Zähne schlage ich ihm ein! Wenn ich mit dem Knaben fertig bin, erkennt ihn seine eigene Mutter nicht wieder!«

Dennis Maskell zog seinen Truck nach rechts und beschleunigte. Sein Brummer schob sich Meter um Meter vorwärts.

»Gleich ist es soweit!«, rief Johnson. »Gleich haben wir ihn! Und dann gibt’s Saures, Freundchen!« Er lachte. »Bist herzlich eingeladen mitzumachen, Dennis. Der Junge vergreift sich garantiert nie wieder an fremdem Eigentum, wenn wir von ihm ablassen.«

Maskell konzentrierte sich auf das Überholmanöver. Johnson konnte es kaum noch erwarten, bis es abgeschlossen war. Ihm lachte das Herz im Leibe.

»Warum stiehlt er keine Handtaschen? Warum muss es gleich so was Großes sein?«, rief er.

Maskell ließ seinen Truck weiter vorstoßen. Es dauerte nicht lange, da fuhren die beiden Transporter auf gleicher Höhe. George Johnson blickte Wut entbrennt nach drüben.

Er sah das seltsame Gesicht des Schwarzmagiers und schrie: »Er hat sich maskiert, damit man ihn nicht erkennt. Ich werde ihm die Maske vom Gesicht dreschen! Los, Dennis, zwing ihn anzuhalten!«

»Bin schon dabei!«

Maskell zog vor, und als er die erforderliche Position erreichte, drehte er das Lenkrad blitzschnell nach links. Gleichzeitig wechselte sein Fuß vom Gas zur Bremse.

Die Zwillingsreifen blockierten und schmierten dicke schwarze Striche auf den Asphalt. Maskells Fahrzeug blieb exakt so stehen, wie er es haben wollte und vorausberechnet hatte.

Johnsons Truck rutschte auf sie zu. Maskell und Johnson rechneten mit einem harten Aufprall und hielten sich fest, doch der Zusammenstoß blieb ihnen erspart.

Johnsons Lkw kam knapp vor der Blockade zum Stehen. »Jetzt setzt es Prügel!«, rief George Johnson und rammte die Tür auf der Beifahrerseite auf.

Dennis Maskell blieb nicht hinter dem Volant sitzen, sondern sprang ebenfalls auf die Straße. Da die beiden Trucks so dicht zusammenstanden, musste Maskell um die Schnauze seines Fahrzeugs herumrennen.

Mittlerweile erreichte Johnson seinen Lkw. Er riss die Tür auf. »Das hast du dir so gedacht, Dreckskerl, aber bei mir klappt so was nicht!«

Er wollte Mago packen und zu sich herunterzerren, doch das war nicht nötig, denn der Schwarzmagier sprang selbst aus dem Truck. Maskell erreichte die beiden.

Johnson stürzte sich auf den vermeintlichen Maskierten. Er hieb mit seinen Fäusten auf den Hageren ein. Ihm kam es so vor, als würde er einen Sandsack bearbeiten. Seine Schläge klangen dumpf, erzielten aber nicht die geringste Wirkung. Ja sie trafen den seltsamen Kerl nicht einmal. Johnsons Faust wurde etwa drei Zentimeter vor Mago abgeblockt.

Der Körper des Schwarzmagiers schien von einer dünnen, aber hochwirksamen Schutzschicht eingehüllt zu sein. Nur Magie hätte sie zu durchdringen vermocht, doch woher hätte George Johnson das wissen sollen.

Dennis Maskell kam ihm zu Hilfe. Er macht dieselbe Erfahrung. Verdattert dachte er, dass es hier nicht mit rechten Dingen zuging, und er wich beunruhigt zurück.

Doch Johnson wollte nicht wahrhaben, dass er diesem Kerl mit seinen Fäusten nicht beikommen konnte. Er drosch weiter auf Mago ein, und seine Wut wurde immer größer.

»Lass ihn!«, rief Maskell. »Hier ist irgendetwas faul, George!«

Mago verzog das granitgraue Gesicht zu einem höhnischen Grinsen. »Du hast es erfasst!«, sagte er. Die schwarze Zunge flatterte aus seinem Maul, er zischelte, lispelte.

Dennis Maskell, normalerweise kein Feigling,wich betroffen zurück. »Verdammt, das ist kein Mensch! Das ist ein Ungeheuer!«

Johnson fand immer noch kein Ende. Bis jetzt hatte Mago ihn gewähren lassen, doch nun unternahm er etwas gegen die beiden Gegner. George Johnson wuchtete sich vor.

Er schlang seine Arme um Mago. Im selben Augenblick stieß er einen markerschütternden Schrei aus. Eine unsichtbare Kraft schleuderte seine Arme zurück.

Er wurde hochgehoben, als wollte ihn ein kräftiger Kinnhaken aus den Stiefeln reißen, und fiel neben Dennis Maskell auf die Straße. Mago wandte sich sofort gegen den zweiten Gegner.

Er starrte Maskell nur an. Das genügte, um den Fahrer in Panik zu versetzen. Dennis Maskell fühlte sich mit dem nackten Grauen konfrontiert. Er schüttelte verstört den Kopf.

»Nein! Bitte … Nicht …!«

Er wich zurück. Nach dem zweiten Schritt traf ihn Magos Magie wie ein Hammer. Ein furchtbarer Schmerz explodierte in seinem Kopf. Er brüllte auf, fasste sich mit verzerrtem Gesicht an die Schläfen und brach besinnungslos zusammen.

 

 

2

Cullkirk gehörte der Vergangenheit an, und ebenso unsere Abenteuer in der Prä-Welt Coor, wo Mr. Silver im Tunnel der Kraft wiedererstarkte, nachdem er viele Hürden überwunden hatte.

Es gab keine schwarzen Piraten mehr, und der Schatz der toten Seelen befand sich im Heimatmuseum jenes kleinen schottischen Fischerdorfs, an das ich mit einem lachenden und einem weinenden Auge zurückdachte.

Atax, die Seele des Teufels, hatte ein höllisches Treiben inszeniert, dem meine Freunde und ich zum Opfer fallen sollten, und Rufus, der Dämon mit den vielen Gesichtern, wollte sich meinen Untergang aus nächster Nähe ansehen.

Die schwarze Macht hatte schweres Geschütz aufgefahren. Auch Yora, die Totenpriesterin, hatte sich in das Geschehen eingeschaltet und wollte sich an mir rächen, indem sie Vicky Bonney, meine Freundin, zu töten versuchte.

Zum Glück konnten wir gerade noch verhindern, dass Vicky dem Seelendolch zum Opfer fiel. Yora aber, Odas Zwillingsschwester, gelang die Flucht, und wir konnten sicher sein, dass wir ihr eines Tages wieder begegneten.

Doch unser Erfolgspegel sank auch noch an einer anderen Stelle ab. Mr. Silver hatte Rufus auf dem Schiff der Zombie-Piraten gestellt, aber nicht verhindern können, dass der Dämon unseren Freund Frank Esslin in seine Gewalt brachte, und als der Hüne mit den Silberhaaren den Gegner überlisten und mit dem Höllenschwert vernichten wollte, kam es zur Katastrophe.

Rufus, in die Enge getrieben, zerstörte sich wieder einmal selbst. Mit diesem verfluchten Trick schlug er uns immer wieder ein Schnippchen, denn solange er sich selbst zerstörte, konnte er wie ein Phönix aus der Asche wiederauferstehen und sein grausames Treiben fortsetzen.

Die von Rufus freigesetzte magische Kraft hatte leider nicht nur ihn getroffen, sondern auch den WHO-Arzt Frank Esslin. Sie verschwanden beide vom Schiff der schwarzen Piraten, und wir wussten nicht, ob Frank nun noch lebte oder tot war.

Wahrscheinlich war letzteres der Fall. Keiner von uns konnte sich vorstellen, dass Frank diese magische Explosion überlebt hatte. Wir kehrten dementsprechend niedergeschlagen nach London zurück.

Die zweimotorige Maschine, von meinem Partner Tucker Peckinpah geschickt, um uns abzuholen, landete auf der Piste eines kleinen Londoner Vorortflugplatzes.

Wir hatten einen Freund verloren und brachten einen andern mit: Cruv, den Gnom aus der Prä-Welt Coor. Er war der erste Gnom, dem es gelungen war, den Tunnel der Kraft zu erreichen.

Ohne uns hätte er das niemals geschafft. Der Weg dorthin hatte sich nicht nur für Mr. Silver bezahlt gemacht, sondern auch für den Knirps, dessen Waffe ein Dreizack war. Im Tunnel der Kraft hatten sich die Spitzen des Dreizacks magisch aufgeladen, so dass der Gnom seine Waffe nun wirksam gegen Höllenwesen einsetzen konnte.

Er war froh, seine Welt, auf der es noch Saurier und Riesenechsen, Hexen, Magier und Fabelwesen gab, verlassen zu haben, denn auf Coor wäre er früher oder später ein Oper seiner vielen Feinde geworden.

Cruv hoffte, bei uns auf der Erde ein ungefährliches Leben führen zu können, und vielleicht würde ihm das auch gelingen. Während des Fluges erzählte ich ihm von Daryl Crenna alias Pakka-dee, unserem Freund aus der Welt des Guten, der auf die Erde gekommen war, um den weißen Kreis zu gründen, eine Vereinigung, die sich gegen die schwarze Macht stellen würde.

Damit machte ich den Gnom neugierig. »Aus wie vielen Mitgliedern besteht der weiße Kreis schon?«, wollte er wissen.

»Vorläufig nur aus Pakka-dee. Er geht seine Sache sorgfältig und gewissenhaft an«, antwortete ich. »Demnächst wird ein weiterer Mann aus der Welt des Guten zu ihm stoßen, wie er mir sagte. Fystanat ist sein Name.«

»Glaubst du, Crenna würde mich in seinen weißen Kreis aufnehmen, Tony?«

»Warum nicht? Er kann mutige Mitstreiter gebrauchen.«

»Ich bin nur ein Gnom.«

»Das ist richtig. Aber du warst im Tunnel der Kraft. Das hat dich gestählt. Du bist zwar klein von Wuchs, aber als Kämpfer bestimmt nicht zu unterschätzen. Wenn du möchtest, rede ich mal mit Pakka-dee.«

Cruvs Augen leuchteten. »Damit würdest du mir eine große Freude machen, Tony.«

Die Maschine rollte aus. Wir stiegen aus. Wir, das waren Vicky Bonney, Mr. Silver mit seiner Freundin Roxane, Lance Selby mit seiner Freundin Oda, Cruv und ich.

Tucker Peckinpah, der schwerreiche Industrielle mit den weitreichenden Verbindungen, bewies wieder einmal sein umfassendes Organisationstalent. Ein Mercedes 600, in dem wir alle Platz hatten, wartete am Pistenrand auf uns.

Mr. Silver übernahm das Steuer, nachdem er das Höllenschwert in den Kofferraum gelegt hatte. Das war die geheimnisvollste Waffe, die mir je untergekommen war. Das Schwert lebte auf eine rätselhafte Weise, und es akzeptierte nicht jeden als Besitzer. Mich zum Beispiel hätte es getötet, wenn ich es angefasst hätte, denn meine Willenskraft reichte nicht aus, um es mir untertan zu machen.

Würde es uns gelingen, sein Geheimnis jemals vollends zu lüften? Es war auf dem Amboss des Grauens geschmiedet worden, und wir wussten noch nicht, für wen es ursprünglich angefertigt worden war. Der Dämon, dem es Mr. Silver abgenommen hatte, hieß Ammorgh, und dieser war durch das Höllenschwert umgekommen. Seither gehörte es Mr. Silver, aber würde er es behalten können?

Der Ex-Dämon fuhr los. Ich saß neben ihm, lehnte mich bequem zurück und steckte mir ein Lakritzbonbon in den Mund. Cruv beugte sich vor. Er saß zum ersten mal in einem Auto.

Für ihn war die Technik, die für uns eine Selbstverständlichkeit darstellte, ein Wunder, ein Zauber. Vorhin waren wir geflogen, ohne Vögel zu sein. Nun fuhren wir, ohne dass jemand den Wagen zog.

Vielleicht nahm Cruv an, es wären Geisterpferde vorgespannt. Er sagte jedoch nichts, schaute Mr. Silver nur genau auf die Finger. Kein Handgriff entging der Aufmerksamkeit des hässlichen Gnoms.

Mr. Silver steuerte die Londoner City an. Ich freute mich schon auf zu Hause. Zunächst würde ich mir ein Gläschen Pernod genehmigen.

Ruhig rollte der schwarze Mercedes die Straße entlang. Die vielen Häuser beeindruckten Cruv sehr. »Das ist also London«, sagte er. »Ich konnte mir nichts darunter vorstellen, als du davon sprachst.«

»Du wirst eine Menge lernen müssen«, sagte ich.

»Ich habe eine rasche Auffassungsgabe«, behauptete Cruv.

»Die wirst du brauchen, Kleiner«, schnarrte Mr. Silver. »Sonst füllen wir dir das nötige Wissen mit einem Trichter in den Schädel.«

»Ist er nicht ein großartiger Freund?«, feixte der Gnom. »Ich könnte ihn erwürgen. Aus Liebe versteht sich.«

»Das wirst du schön bleiben lassen«, meldete sich Roxane zu Wort. »Silver wird noch gebraucht.«

Der Ex-Dämon lachte. »Vielleicht möchte der Knirps meinen Platz einnehmen. Mädchen, dann wärst du zu bedauern.«

Wir erreichten die Grove End Road. Mr. Silver bog rechts ab. Ich sah ein Straßenschild, konnte es in der Eile nicht lesen, wusste aber, dass wir es nicht mehr weit bis Paddington hatten.

Wir wohnten alle in der Chichester Road. Vicky Bonney, Roxane, Mr. Silver und ich auf Nummer 22. Oda und Lance Selby in dem Haus nebenan. Und es war kein Problem, in meinem Haus auch noch Cruv unterzubringen.

Er sollte die Wahl haben. Wenn er bei uns blieb, war es mir recht. Wenn er sich Daryl Crenna anschließen wollte, hatte ich auch nichts dagegen. Mal sehen, was sie Zukunft brachte.

Ein kurzes Stück konnten wir noch flott fahren, dann stockte plötzlich der Verkehr. Mr. Silver schlug mit seinen Pranken auf das Lenkrad. »Mist! So kurz vor dem Ziel ein Stau.«

»Auch das ist London«, sagte ich. »Auspuffgestank, Hektik, Verkehrsstau.«

»Wir könnten alle aussteigen und zu Fuß nach Hause gehen«, bemerkte Lance Selby.

Mr. Silver drehte ärgerlich den Kopf. »Und ich?«

Ich grinste. »Wer hindert dich, ebenfalls auszusteigen?«

»Blödmann, was wird denn dann aus dem Wagen?«

»Das ist dein Problem, nicht unseres.«

Der Verkehr stockte in beiden Richtungen. Es schien einen größeren Blechsalat gegeben zu haben. Mir fielen Fußgänger auf, die es eilig hatten wegzukommen.

Seltsamerweise trieb sie ihre Neugierde nicht zur Unfallstelle hin, sondern die Angst davon weg.

Mr. Silver sprach aus, was ich dachte. »Seht euch die Gesichter der Passanten an. Die scheinen zu fliehen. Das macht mich neugierig.«

»Mich auch«, sagte ich.

»Lance!«, sagte der Ex-Dämon. »Du übernimmst das Steuer.«

»Okay«, sagte der Parapsychologe.

»Pass gut auf die Mädchen auf«, riet ich ihm und stieg aus.

»Sollte sich der Stau auflösen, nehme ich euch weiter vorn wieder an Bord«, sagte Lance.

»Zu gütig«, erwiderte der Hüne mit den Silberhaaren. »Solltest du uns übersehen, macht es auch nichts. Ein kleiner Fußmarsch würde uns bestimmt nicht schaden.«

Wir stiegen aus. Lance Selby setzte sich hinter das Volant, während Mr. Silver und ich auf der Fahrbahn an der Autoschlange vorbeigingen. Am Straßenrand stand ein Mann. Er wischte sich mit der Hand über das blasse Gesicht. Ich trat auf ihn zu. »Ist Ihnen nicht gut, Sir?«

Er schaute mich an, und ich sah Angst in seinen Augen. »Wenn Sie gesehen hätten, was ich sah, würden Sie sich genauso elend fühlen«, entgegnete er.

»Was haben Sie denn gesehen?«, fragte Mr. Silver.

»Einen Kerl, den die Hölle ausgespien haben muss.«

Mein Freund und ich wechselten einen raschen Blick. »Erzählen Sie!«, verlangte ich.

»Anscheinend hat er einen Truck geklaut. Ein anderer Transporter stoppte ihn …« Wir erfuhren, was sich dann ereignete. Als der Mann geendet hatte, bat ich ihn, das Höllenwesen zu beschreiben.

Der Blasse kam meiner Aufforderung nach, und mir fuhr der Schreck in die Glieder als ich begriff, dass der Mann soeben Mago, den Jäger der abtrünnigen Hexen, beschrieben hatte.

Auch Mr. Silver schaltete sofort. »Los, Tony!«, stieß er aufgeregt hervor.

Wir hetzten los. Obwohl unser Kampf mit Mago schon eine Weile zurücklag, konnte ich mich noch sehr gut daran erinnern. Er hatte Roxane und Oda erwischt und die beiden Mädchen auf einen Scheiterhaufen gestellt, und es hatte nicht viel gefehlt, dann wären sie qualvoll verbrannt.

Mr. Silver und ich hassten diesen Höllenhund wie die Pest, und wir hatten uns geschworen, die erstbeste Gelegenheit zu nützen, um ihm das grausame Handwerk zu legen.

Was hatte ihn diesmal nach London geführt? Wollte er einen neuerlichen Versuch starten, Roxane und Oda für ihre Abkehr vom Bösen zu bestrafen?

Von weitem schon sahen wir die beiden Trucks. Aus der Ferne sah es so aus, als wären die Fahrzeuge ineinander verkeilt.

»Wozu um alles in der Welt braucht er einen Transporter?«, keuchte ich.

»Wenn ich ihn erwische, wird er nicht die Möglichkeit haben, es uns noch zu sagen!«, gab der Ex-Dämon grimmig zurück. Er war von Magos Existenz unmittelbarer betroffen als ich, denn der Schwarzmagier hatte es auf seine Freundin abgesehen.

Das Dröhnen des Truckmotors drang an unser Ohr. Wir sahen, wie sich eines der beiden großen Fahrzeuge in Bewegung setzte, waren aber noch zu weit entfernt, um es verhindern zu können.

»Mago!«, fauchte Mr. Silver. »Er macht sich aus dem Staub, Tony!«

Der Truck rumpelte auf den Gehsteig. Er stieß Autos zur Seite, bahnte sich unaufhaltsam seinen Weg zur nächsten Querstraße. Dort schob er sich hinein. Immer mehr verschwand von ihm, bis wir ihn nicht mehr sahen.

Wir rannten, so schnell wir konnten, doch als wir die Querstraße endlich erreichten, hatten wir das Nachsehen. Dem Truck zu folgen, war unmöglich. Das herrschende Durcheinander war viel zu groß. Mago hatte das Chaos perfekt inszeniert.

Mr. Silver und ich eilten zum zweiten Transporter. Jetzt strömten von allen Seiten Neugierige herbei. Sie waren uns im Weg. Der Ex-Dämon drängte einige von ihnen unsanft zur Seite.

Sie protestierten, dachten, wir wären auch bloß Schaulustige wie sie. Atemlos erreichten wir die beiden Truckfahrer, die sich soeben benommen erhoben.

Sie wussten es nicht, aber mir war klar, dass sie großes Glück gehabt hatten. Sie hatten immerhin den Schwarzmagier angegriffen, und es grenzte an ein Wunder, dass er sie dafür nicht mit dem Tod bestraft hatte.

Für gewöhnlich war er nicht so human. Ich hatte ihn und seine verdammten Schergen schon ganz anders erlebt. Wir fragten die beiden Männer nach ihren Namen.

Sie hießen George Johnson und Dennis Maskell. Ich erkundigte mich nach ihrem Befinden, denn ich konnte nach wie vor nicht glauben, dass Mago sie mit einem blauen Auge davonkommen ließ. Wo war der Haken?

Johnson legte den Handrücken auf seine Stirn. »Ich bin ein wenig benommen.«

»Sonst fühlen Sie sich gut?«, fragte ich misstrauisch.

»Einigermaßen.«

Auch Dennis Maskell schien einigermaßen auf dem Posten zu sein. Das gibt’s doch nicht!, sagte ich mir. Aber die beiden Männer bewiesen uns, dass es doch möglich war, mit Mago zusammenzugeraten und zu überleben.

Das freute mich natürlich für Johnson und Maskell. Ich fragte sie sicherheitshalber nach ihrer Adresse. Wenn es sich einrichten ließ, wollte ich mich in den nächsten Tagen mal um sie kümmern. Wenn dann immer noch alles mit ihnen in Ordnung war, würde ich glauben, dass Mago sie verschonte.

Mich interessierte im Augenblick, wo Mago aufgetaucht war. Ich fragte die Männer deshalb, wo der Schwarzmagier den Truck gestohlen hatte. George Johnson blickte mich und dann Dennis Maskell verloren an.

»Gestohlen?«, fragte er.

»Der Kerl klaute Ihren Wagen, Sie verfolgten ihn, stoppten ihn und versuchten ihm einzubleuen, dass man so etwas nicht tut«, sagte ich.

Johnson schüttelte den Kopf. »Wer hat Ihnen denn das erzählt?«

»War es nicht so?«

»Keine Ahnung.«

»Können Sie sich nicht mehr erinnern?«

Johnson schüttelte wieder den Kopf. Da fiel bei mir der Groschen. Mago hatte ihnen die Erinnerung genommen. Sie konnten uns nichts verraten. Was geschehen war, war aus ihrem Gedächtnis ausgelöscht worden.

Die Polizei drängte sich durch die immer größer werdende Menschentraube. Da es für uns nichts mehr zu tun gab, überließen wir den Uniformierten das Feld und kehrten zum Mercedes zurück.

 

 

3

Mago lachte teuflisch. Wie dumm Menschen doch sein konnten. Sie überschätzten immer wieder ihren Mut und ihre Kraft. Dabei war es so einfach, mit ihnen fertigzuwerden.

Der Schwarzmagier lenkte den Truck auf kürzestem Wege aus der Stadt. Sein Ziel war Hertfordshire. Dröhnend rollte das Fahrzeug über die Landstraße, vorbei an Hügeln und Wäldern.

Nebelfetzen tauchte auf, schwebten über Wiesen, wälzten sich über Wege. Ab und zu kam dem Transporter ein Auto mit abgeblendeten Scheinwerfern entgegen. Mago erreichte eine Kreuzung, bog ab.

Am Straßenrand stand ein Wegweiser. EPPREST stand darauf. Und die Entfernung: 3 MILES. Über die graue Fratze des Magiers huschte ein hämisches Grinsen.

In dieser gottverlassenen Gegend suchte ihn bestimmt niemand. Der Nebel kam ihm zugute. Die dichten Schwaden waren seine Verbündeten. Er hatte keine Schwierigkeiten, sich in ihnen zurechtzufinden.

Sein Blick durchdrang den Nebel mühelos. Klar und ungetrübt nahm er die Umgebung wahr. Er hatte nicht die Absicht, bis Epprest zu fahren. Ihm genügte es, den außerhalb des Dorfes liegenden Friedhof zu erreichen.

Er sah schon die steinerne Mauer, die den kleinen Gottesacker einfriedete. Langsam nahm er Gas weg. Das Dröhnen des Transporters schwoll ab. Mago steuerte das Gefährt auf den Friedhof zu.

Grabsteine und Grabkreuze ragten aus der dicken Nebelbrühe. Die Szene wirkte unheimlich und unwirklich. Mago hielt den Truck vor dem schmiedeeisernen Friedhofstor an und stellte den Motor ab.

Eine gespenstische Stille lastete plötzlich über dem alten Friedhof. Wie körperlose Wesen krochen die Nebelschlieren umher. Der Wind bewegte hin und wieder den Klöppel der Kapellenglocke. Der Schlag hallte gedämpft über die Gräber.

Mago stieg aus. Der Nebel hüllte ihn ein und verlieh ihm ein noch unheimlicheres Aussehen. Aufrecht schritt er auf das Friedhofstor zu. Er berührte es nicht, brach das Schloss mit seiner Magie auf und stieß das Tor mit seiner schwarzmagischen Kraft zur Seite.

Dann setzte er seinen Fuß auf den Gottesacker. Zielstrebig näherte er sich der Friedhofsmitte, während durch den dichten Nebel grauenerregende Gestalten schlichen.

Mago erreichte die Mitte des Friedhofs und blieb stehen. Kein Wort drang aus seinem Mund. Reglos stand er da und wartete, und furchterregende Geschöpfe tauchten zwischen den Grabsteinen auf. Gedrungene Gestalten, deren Haut grün glänzte, näherten sich dem Schwarzmagier. Er war ihr Herr. Ihretwegen war er hierher gekommen. Er hatte sie vorausgeschickt und ihnen aufgetragen, hier auf ihn zu warten.

Nun war er gekommen, um sie abzuholen. Sie verströmten einen bestialischen Geruch, waren ghoulähnliche Geschöpfe, hatten stumpfe Hörner auf den kahlen Schädeln, und gelbe, widerliche Rattenzähne schimmerten in ihren Mäulern. Bewaffnet waren sie mit gefährlichen Höllenpeitschen, deren Schlag für Menschen tödlich war.

Als Mr. Silver von einer solchen Peitsche getroffen wurde, verlor er seine übernatürlichen Fähigkeiten, und es hatte lange gedauert, bis er sie sich wiederholen konnte.

Magos grausame Schergen bewegten sich beinahe kriechend vorwärts. Erst vor ihm richteten sie sich langsam auf. Der Schwarzmagier bedeutete ihnen mit einer herrischen Geste, ihm zu folgen.

Sie verließen mit ihm den stillen Gottesacker, auf dem sie sich verborgen gehalten hatten. »Habt ihr euch auch so verhalten, dass niemand eure Anwesenheit bemerkte?«, fragte der Schwarzmagier, als sie den Truck erreichten.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907582
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352745
Schlagworte
tony ballard totenuhr

Autor

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Titel: Tony Ballard #88: Die Totenuhr