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Seelen in der Dämmerung

©2017 300 Seiten

Zusammenfassung

Wismar 1708 – 1709
Elisabeth, die verarmte Kaufmannstochter, kann ihrem Schicksal nicht entfliehen. Nachdem sie erfahren musste, dass ihr verstorbener Vater sie an ihren Vormund - den Ältermann der Kaufmannskompanie, Paul Streeck - verkauft hatte, wird sie von jenem zur Ehe gezwungen. Was für Elisabeth zu einer immensen Qual wird, erscheint ihrem Bruder Piet als Erfüllung seiner Träume. Die Verbindung mit Paul Streeck bringt dem Geschwisterpaar erneut gesellschaftliches Ansehen. Etwas, das allerdings nur Elisabeths Bruder genießt. Während Piet sich vollständig auf die Seite des verschlagenen Ältermannes stellt und dessen Tücken erlernt, ersehnt Elisabeth die Rückkehr des schwedischen Stadtkommandanten, Liam Lindkvist, dem bereits ihr Herz gehört und sucht diesen nach dessen Eintreffen sogleich auf.
Als das Schicksal Liam die Möglichkeit bietet, Streeck für ein begangenes Verbrechen dingfest machen zu können, zerschlägt ihm und Elisabeth dieses wenige Tage später erneut die letzte Hoffnung: Oberst Liam Lindkvist wird im August 1708 von General Lewenhaupt und im Auftrag des Schwedenkönigs Karls XII. in den Krieg gegen Zar Peter einberufen.
Während Liam über einen bitteren Winter schreckliche Schlachten durchleben muss, unterwirft sich Elisabeth im Hause Streeck der Erbarmungslosigkeit ihres Ehemannes und muss miterleben, wie ihr Bruder immer tiefer in den moralischen Abgrund versinkt und schließlich von Schergen verfolgt wird.
Ende Februar 1709 tritt der durch mehrere Verletzungen kampfunfähige Dragoneroffizier Lindkvist als königlicher Gesandter mit einigen Männer seines Regimentes den Rückzug von der Ukraine nach Wismaria an.
Wird er es durch eisige Schneestürme und durch die von den Russen abgesperrte Gebiete zurück in die Garnison schaffen und Elisabeth letztendlich doch noch retten können?
Im Hause Streeck kündigt sich zwischenzeitig ein unerwartetes Ereignis an.

Leseprobe

Seelen in der Dämmerung

Teil 4

 

Ein historischer Roman von Astrid Gavini

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild & Illus Astrid Gavini/ Edition Bärenklau, 2016

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappentext

 

Wismar 1708 – 1709

Elisabeth, die verarmte Kaufmannstochter, kann ihrem Schicksal nicht entfliehen. Nachdem sie erfahren musste, dass ihr verstorbener Vater sie an ihren Vormund - den Ältermann der Kaufmannskompanie, Paul Streeck - verkauft hatte, wird sie von jenem zur Ehe gezwungen. Was für Elisabeth zu einer immensen Qual wird, erscheint ihrem Bruder Piet als Erfüllung seiner Träume. Die Verbindung mit Paul Streeck bringt dem Geschwisterpaar erneut gesellschaftliches Ansehen. Etwas, das allerdings nur Elisabeths Bruder genießt. Während Piet sich vollständig auf die Seite des verschlagenen Ältermannes stellt und dessen Tücken erlernt, ersehnt Elisabeth die Rückkehr des schwedischen Stadtkommandanten, Liam Lindkvist, dem bereits ihr Herz gehört und sucht diesen nach dessen Eintreffen sogleich auf.

Als das Schicksal Liam die Möglichkeit bietet, Streeck für ein begangenes Verbrechen dingfest machen zu können, zerschlägt ihm und Elisabeth dieses wenige Tage später erneut die letzte Hoffnung: Oberst Liam Lindkvist wird im August 1708 von General Lewenhaupt und im Auftrag des Schwedenkönigs Karls XII. in den Krieg gegen Zar Peter einberufen.

Während Liam über einen bitteren Winter schreckliche Schlachten durchleben muss, unterwirft sich Elisabeth im Hause Streeck der Erbarmungslosigkeit ihres Ehemannes und muss miterleben, wie ihr Bruder immer tiefer in den moralischen Abgrund versinkt und schließlich von Schergen verfolgt wird.

Ende Februar 1709 tritt der durch mehrere Verletzungen kampfunfähige Dragoneroffizier Lindkvist als königlicher Gesandter mit einigen Männer seines Regimentes den Rückzug von der Ukraine nach Wismaria an.

Wird er es durch eisige Schneestürme und durch die von den Russen abgesperrte Gebiete zurück in die Garnison schaffen und Elisabeth letztendlich doch noch retten können?

Im Hause Streeck kündigt sich zwischenzeitig ein unerwartetes Ereignis an.

 

 

 

 

 

Was bisher geschah

 

 

Wismar – im Buch als Wismaria bezeichnet – in der Schwedenzeit.

Die verarmten Kaufmannskinder Elisabeth und Peter - genannt Piet - Hennings schlagen sich durch ein karges Leben. Die 22jährige Elisabeth als rechtschaffene Näherin, ihr vier Jahre jüngerer Bruder hingegen entwickelt sich zusehends zum Taugenichts und vertreibt sich die Zeit mit Glücksspiel und Gaunereien.

Nach den abgebrochenen Lehren bei dem Zimmermannsmeister Hannes Lübke und dem Seifensiedermeister Pavel Korden muss ihn die Schwester immer wieder vor den Folgen seines unehrenhaften Tuns bewahren, bis sie dadurch selbst in eine lebensbedrohliche Lage gerät.

In jener Zeit begegnet sie im Hause von Piets Kameraden Bertel Ruge dem schwedischen Stadtkommandanten und Oberst, Liam Lindkvist. Dieser zeigt sich nicht nur durch den Mut des Mädchens beeindruckt und sichert ihr seinen Beistand zu. So wagt sie es auch, einen Tag vor Heiligabend zu jenem charismatischen Mann zu gehen, um ihn bei ihrer Suche nach einem wertvollen Familiensiegel um Hilfe zu bitten, was dieser auch tut.

Als Elisabeth erfährt, dass sie von ihrem Vater an ihren Vormund, den kaltherzigen Chef der Kaufmannskompanie, Paul Streeck, verkauft wird und jenen heiraten muss, ist Oberst Lindkvist in Schweden und kann sie nicht vor dieser Verbindung bewahren. Ihr Bruder Piet, begeistert durch den neu errungenen Wohlstand, folgt dem skrupellosen, wenn auch angesehenen Schwager fußfällig, so dass das Band zwischen ihm und seiner Schwester endgültig zu zerbrechen scheint.

Lindkvist allerdings kommt genau am Tag von Elisabeths Hochzeit zurück. Als Paul Streeck sich kurz darauf auf Geschäftsreise begibt, eilt Elisabeth zu dem Stadtkommandanten, der zu jener Zeit im schwedischen Tribunal residiert. In dem ehemaligen Fürstenhof können sich beide - geschützt vor den Augen der Gesellschaft - zu ihrer Liebe bekennen. Sie bringen in Erfahrung, dass Paul Streeck einst ein Verbrechen in Gotland begangen hat, worüber auch Pastor Sprengel von Sankt Georgen in Kenntnis gesetzt wird.

Elisabeth sucht nach schriftlichen Beweisen, mit denen Liam den gesetzeswidrigen Ehemann dingfest machen kann und weiß auch schon wo sie diese finden wird …

 

 

 

Kapitel 1

 

Dienstag, 7. August 1708

 

 

An jenem Morgen traf Elisabeth nicht nur Piet am Frühstückstisch, sondern auch Streecks angeworbenen Beobachter und angeblichen Kammerdiener Anton, der dienstbereit - aber vor allem mit gespitzten Ohren die Lage überblickend - in der Tür stand. Sie schob ihrem Bruder unbemerkt einen Zettel zu, auf dem groß »Ich erwarte dich sofort nach dem Frühstück« zu lesen war. Piet nickte mit Bedeutungslosigkeit demonstrierendem Ausdruck und steckte das Papier in seine Weste. Beide redeten wie immer kaum miteinander, wenn Anton im Raum war. Die vergangenen Tage meistens, weil man sich nichts mehr zu sagen hatte, und nun, weil es besser war, über die neuen Pläne Stillschweigen walten zu lassen. Piets beiläufiger Anmerkung »Dein Gatte verließ bereits um sechs Uhr das Haus gen Lübeck und kommt erst am Samstag zurück« nickte sie ebenfalls kurz zu.

»Danke, dies sagte er mir bereits gestern Abend.«

Gut fünf Minuten, nachdem Elisabeth ihren Tagesraum betreten hatte, war auch Piet zur Stelle. Er vermied es anzuklopfen, da er sich erneut als der vertraute Bruder fühlte. Sie rügte ihn nicht, sondern kam gleich zur Sache.

»Du musst mir rasch Anton für eine Stunde vom Halse halten, Piet, und mir den Schlüssel zu Streecks Geldschrank geben.«

Nach Piets fassungsloser Bemerkung, sie könne doch nicht an Paul Streecks Geld gehen, erklärte Elisabeth kurz, dass sie dies auch nicht wollte. Da Streeck aber gewiss geheime Akten dort aufbewahrt hätte, möchte sie auf diese gerne ein Auge werfen.

»Du suchst nach etwas, mit dem der Stadtkommandant Paul Streeck schaden kann? Else, er bemerkt jede Veränderung in seinem Raum!«

»Dann warst du eben kurz am Schrank und hast dir ein paar Taler deiner noblen Abfindung geholt!«, hielt sie zielsicher dagegen. Piet wollte es auf den Punkt bringen.

»Sieh einer an … und doch sind wir uns ähnlicher, als du glauben möchtest! Ich erkenne, dass du gewisse Dinge ebenso hemmungslos angehen kannst wie ich, wenn es dir dienlich ist.«

»Nein, Piet, das hat nur für dich diesen Anschein. Ich arbeite ausschließlich für die Gerechtigkeit, ohne zu betrügen oder Judaslöhne zu empfangen.«

Piet legte den Kopf in den Nacken und lachte leise auf. Daraufhin zog er einen kleinen schwarzen Schlüssel aus der Brusttasche seiner Weste und reichte ihn der Schwester.

»Hier, edle Schwester – und teile deinem noblen Oberst bitte mit, dass nun auch ich durch meine Mithilfe auf der Seite des Rechtes stehe! Ich werde Anton darum bitten, mich heute in die Seifensiederei zu begleiten, um nachzusehen, ob dort alles ordentlich läuft. Das hatten wir morgen vor, ich kann dies aber gut vorschieben. Das Ganze ist mir zwar ein Graus, aber … für dich tue ich das gerne.« Er hielt den Kopf schief und grinste Elisabeth mit seinem altbewährten Jungenlächeln an. Elisabeth seufzte übertrieben stark auf.

»Ach, Peter Hennings, hättest du bloß nicht den Boden des Gesetzes und der Moral unter den Füßen verloren. Ich werde dich - als den Bruder, der du einst warst - in meinem zukünftigen Leben vermissen.«

Piet blickte ihr erneut kess entgegen.

»Und du, Else, du bist nicht mehr die brave, unschuldige Jungfer Hennings. Die treusorgende Schwester. Vielleicht verstehen wir uns deshalb nun wieder besser.«

»Nein, darauf besteht keine Aussicht, Piet! Ich kann deine Lebensansichten nicht im Geringsten verstehen und du nicht meine. Von daher lasse ich mich auch nicht mit dir und deinen Taten in einen Topf werfen!«

Piet hob die Augenbrauen und verzog die Mundwinkel.

»Du hörst ja, wenn ich mit Anton das Haus verlasse, dann gehe an dein Werk und hinterlege mir den Schlüssel in meinen Raum!«

»Sage Anton später, dass ich mich in das Schlafgemach zurückgezogen hätte - mir ist unwohl!«, fügte seine Schwester hinzu. Piet nickte, wiegte mit dem Kopf und verließ den Raum.

Eilig versteckte Elisabeth den kleinen Schlüssel im Ausschnitt ihres Kleides und besuchte kurz darauf Anna in der Küche. Die Bedienstete war bei dem Abwasch.

»Ich muss dich erneut um deine Hilfe bitten, Anna«, begann sie ohne Umschweife. »Sag Anton, dass ich gegessen und mich bereits hingelegt hätte. Frau Sprengel wird mich heute schon nach 12 Uhr abholen. Sie hat eine der Seitenkapellen zu einer Feierlichkeit zu richten. Bitte hilf mir! Ich möchte die Frau des Pastors nicht alleine lassen.«

Anna hatte bereits ihre Hände an der Schürze getrocknet und blickte Elisabeth geradezu fassungslos entgegen.

»Ich kann Anton, der Ihrem Gatten treu ergeben ist, doch nicht belügen, Frau Streeck!«

Elisabeth jedoch überzeugte Anna davon, dass sie nicht lügen müsse. Sie hätte Frau Streeck doch nur ins Schlafgemach gehen sehen, und diese hätte nach einem kleinen Mahl absolute Ruhe erbeten.

»Piet, mein Bruder, ist auch eingeweiht, also sorge dich nicht!« Die kleine, mollige Frau krallte sich in die Haube.

»Dafür könnte er mich sogleich aus dem Haus werfen! Aber gehen Sie, Frau Streeck, ich habe von nichts eine Ahnung.«

Es war knapp nach elf Uhr, als Piet und Anton das Haus verließen und Elisabeth in das Arbeitszimmer ihres Gatten trat. Sie hielt für eine Sekunde beängstigt die Luft an, denn er schien gegenwärtig, auch wenn er körperlich nicht anwesend war. Ruhig und dennoch mit einem Herzschlag, der ihr aus der Brust springen wollte, bewegte sie sich auf den Geldschrank hinter dem schweren Vorhang zu. Er ließ sich widerstandslos öffnen. In der oberen Ablage gab es eine Metalltür, die einen weiteren Schlüssel benötigte. Hier hortete er gewiss sein Geld. In dem Fach darunter lag das längliche Päckchen aus dem Kommandantenhaus mit den Judastalern, und im unteren Bereich befanden sich tatsächlich einige dünne und auch dicker gepackte Akten.

Elisabeth begutachtete genau den Abstand, in dem sie lagerten. Der Freiraum zu der rechten Schrankwand betrug etwa eine Fingerlänge, von der linken Seite ab, fast die Länge ihrer gesamten Hand. Vorsichtig hob sie das Aktenbündel heraus und begann die sechs, in Ledereinbände eingeschlagene Schriftstücke zu durchzusehen. Die oberen Bände schienen nichts von dem zu enthalten, was wirklich für ihren Fall interessant schien, gewiss aber auch nicht makellos waren, sonst hätte Streeck sie wohl nicht im Geldschrank gelagert.

Ungeplant fasste sie nach der untersten Akte. Als sie diese aufschlug, erkannte sie mühelos, dass man das Innenteil, welches ebenfalls in feines Leder gebunden war, schon lange nicht mehr bewegt hatte. Vorder- und Rückenteil waren an den Rändern miteinander verklebt. Vorsichtig löste sie das schwarze Leder voneinander und erblickte einige vergilbte Schriftstücke, die sofort als Rechnungen zu erkennen waren. Elisabeth schaute zuerst auf das Datum der jeweiligen Blätter:

Juni, Anno 1698, Juli 1698, August 1698 - auch eine Rechnung vom Mai des gleichen Jahres lag dazwischen. Aus irgendeinem Grund las sie nicht als Folge die Auflistung in den Rechnungen, sondern die Unterschriften.

Sie hätte sich gewünscht, es wäre nicht wahr gewesen, aber jedes Blatt war mit den Namen Johann Hennings und Paul Streeck unterzeichnet. Es waren Summen, die ihr Vater an Streeck ausgezahlt hatte, und die dieser wieder in der Form von Verträgen mit seinem Geschäftspartner nach Schweden überwiesen haben musste.

Auf den Zwischenzetteln, die vom Postkontor stammten, wurden diese Überweisungen bestätigt und auch mit jeweils einem Schreiben der Empfang derselben in Schweden. Es waren Summen in der schwindelnden Höhe von 1.000 bis 3.000 Talern, und dazwischen lag sogar die Schenkungsurkunde von Vaters Brauerei an Paul Streeck. Elisabeth fühlte sich tief ergriffen. Haltlos liefen ihr die Tränen über die Wangen auf das Papier, wo sie erschrocken mit ihren Fingern einen Teil der Tintenschrift verwischte. Dann aber fasste sie sich sogleich, legte die Blätter zur Seite, presste den alten Umschlag zusammen und fügte alle Akten in der gleichen Reihenfolge und im selben Abstand, den sie zuvor zur Wand hatten, wieder in den Geldschrank ein.

Sie schloss die schwere Eichentür, rollte die Papiere auf und eilte aus dem Zimmer des Grauens. Welch fürchterliche Entdeckung hatte sie gemacht, aber trotzdem: Wie unsagbar wichtig waren diese Unterlagen für Liams Vorhaben! Streeck und ihr Vater hatten zwielichtige Personen in Schweden finanziert, um an einen kostbaren, sagenhaften Schatz zu gelangen. Liams Vermutungen waren bis ins Detail richtig, und Paul Streeck konnte nun mit diesem Beweismaterial zusätzlich überführt werden. Vielleicht lagerte Streeck in seinem Geldschrank weiterhin einen Teil des Schatzes aus Vallhagar in Gotland. Das müsste man herausfinden.

Elisabeth band die Rechnungen und Dokumente in ein schmales Tuch, versteckte diese in ihrem Tagesraum und legte Piet den Schlüssel auf dessen Schreibtisch zurück. Es war ihr speiübel, und sie zitterte am ganzen Körper.

»Nein, reiß dich zusammen! Du hast diesen Weg gewählt und den wunderbarsten Menschen, den es gibt, an deiner Seite. Also halte durch!«, sagte sie hart zu sich selbst und begab sich gleich darauf in den Waschbereich ins Untergeschoss, um in der großen Wanne mit ihrer Seife und dem kühlen Wasser in der großen Tonne ein erfrischendes Bad zu nehmen. Elisabeth entspannte sich tief und fest. Nein, Streeck würde nicht dahinterkommen, dass sie die Blätter entwendet hatte. Es schien, als hätte er diese seit vielen Jahren nicht mehr zum Betrachten aus dem Schrank geholt. Weshalb also sollte er es jetzt tun?!

Als Elisabeth aus dem Wasser stieg, wollte sie sich nur kurz die Nässe von ihrem Körper wischen. Ihre Beinwunde war fast verheilt, trotzdem band sie sich erneut einen schmalen Leinenstreifen um den Oberschenkel.

Es sollte abermals ein sehr heißer Tag werden, und sie genoss die feuchte Frische auf ihrer Haut. So entschied sie sich auch für ein luftiges Tageskleid, das sie bisher noch nicht getragen hatte, da der Ausschnitt ihr etwas gewagt vorkam. Es war ein sehr feiner, rosa und gelb geblümter Stoff mit einer kleinen Spitze an dem glockig fallenden Armabschluss und an jenem Halsausschnitt, der den Ansatz ihrer kleinen, festen Brüste ein wenig freigab. Elisabeth rubbelte ihr Haar trocken, bürstete es durch und schlüpfte in einen leichten, flachen Stoffschuh. Sie wollte nur den rosafarbenen Seidenschal umlegen, so dass sie auch keine Haube benötigte, und unter dem sie auch zusätzlich die Papierrolle verstecken konnte.

Gerade hatten die Glocken der Stadtkirchen das erste Viertel nach 12 Uhr geschlagen, als auch bereits Frau Sprengel eintraf. Sogleich war Elisabeth zur Stelle, und Anna - die die Tür öffnete - verstummte mit schmal zusammengepressten Lippen in Demut.

»Alles wird gut, Anna, sorge dich nicht!«, wollte Elisabeth die Bedienstete beruhigen. Diese aber verneigte sich nur erneut und legte die Tür hinter Elisabeth und Thea Sprengel ins Schloss.

»Liebste Elisabeth«, ließ Thea Sprengel sofort ihrer Rede lauf, »ich weiß, dass deine Handlungen frei von Unrecht sind, aber was du da angehst, ist unsagbar gefährlich. Du begibst dich zum zweiten Mal zu einem fremden Mann in dessen Wohnung. Wie soll dies einer besseren Zukunft dienen und dich von Streeck befreien können?«

»Oberst Lindkvist und ich … wir haben Wichtiges zu bereden, Frau Sprengel. Mehr darf ich leider nicht verraten!«, versuchte Elisabeth sie zu beschwichtigen. Thea Sprengel schüttelte den Kopf.

»Ich möchte von Herzen an die Sittsamkeit und Moral des Kommandanten glauben, aber auch er ist nun mal ein …« Sie sprach ihren Satz nicht zu Ende und begann den nächsten.

»In seiner Position hat er die Macht, sich alles nehmen zu können und zu tun, was ihm beliebt.«

»Er würde mir niemals ein Leid antun, Frau Sprengel. Ich denke, das ist das Wichtigste!« Thea Sprengel holte tief Luft und stieß diese, wie es ihr eigen war, mit einem langen Seufzen aus. Als sie vor dem Pfarrhaus ankamen, fehlten noch gute 20 Minuten bis 13 Uhr.

»Ich gehe alleine weiter, Frau Sprengel. Wartet bitte gegen 19 Uhr in Sankt Georgen auf mich.« Thea Sprengel sog erneut die Luft ein.

»Elisabeth! 19 Uhr?! - SECHS Stunden willst du bei dem Kommandanten bleiben?! Bei Gott, du wirst heute deine Ehre verlieren!« Elisabeth lächelte.

»Nein, Frau Sprengel, Oberst Lindkvist wird sie mir wieder zurückgeben.« Sie streichelte Thea Streeck über den Arm und ließ die verwirrte Pastorenfrau vor deren Haustür stehen.

»Ich werde wohl sechs Stunden für dich und deine Seele beten müssen, Elisabeth«, antwortete Frau Sprengel. Zu gerne hätte Elisabeth geantwortet, dass sie dies besser für ihren Ehemann, den Herrn Pastor, tun sollte, aber das wäre zu anmaßend, wenn auch folgerichtig gewesen.

Die beiden Wachsoldaten an dem Seitenportal des Tribunals schienen Elisabeth überraschenderweise sofort erkannt zu haben. Der eine nickte ihr bereits zu, bevor sie das Tor erreicht hatte. Sofort hielt sie die gerollten Dokumente - deren Gewichtigkeit demonstrierend - vor ihren Körper. Man hatte sie tatsächlich erwartet.

»Guten Tag, Frau Hennings, nådig Dam, fölig mig. Sie können mir folgen«, sagte der rotblonde Schwede mit ernster Miene, und erneut schritt Elisabeth über den Hof zum Privateingang des Tribunalspräsidenten und somit zurzeit auch des Stadtkommandanten, ließ sich die Treppe bis in den Vorraum der Residenz begleiten und ging daraufhin alleine zu jener untersten, linksseitigen Tür. Sie spürte, dass Liam noch nicht zugegen war, entnahm von daher - so, wie er es ihr angeboten hatte - den Schlüssel aus dem Geheimfach, öffnete die Tür und trat in den Empfangsraum, beziehungsweise in das erhabene Büro des Präsidenten, in dem sie am Vortag mit Liam verweilt hatte.

Ein Fenster war geöffnet und die Tür zum rechten Nebenzimmer ebenfalls. Vorsichtig lugte sie in den anschließenden Raum, und sogleich erfüllte sie erneutes Erstaunen. Dies musste der Speisesaal oder auch ein weiterer Tagesraum sein. Hier waren die Farben der ausladenden Möbel in dezenten grün-grau-weißen Tönen gehalten. Die Wände hatte man in fast weißem Stoff ausgekleidet, und die schweren Veloursvorhänge strahlten in einem satten, angenehmen Grün. Zwei Fenster standen offen, und es war unschwer zu bemerken, dass dadurch eine, wenn auch kaum wahrnehmbare Brise - die vom Meer her kam - durch beide Zimmer kursieren konnte. Der ovale Tisch zwischen beiden Fenstern war bereits mit einer herrlich gestickten Decke eingekleidet und trug einen feingliedrigen fünfarmigen Kerzenleuchter.

Auf jenen graugrünen Sesseln würde sie gewiss mit Liam speisen, erkannte Elisabeth, und um den Zauber nicht ganz und gar zu enthüllen, vermied sie es, jenes Nebenzimmer zu betreten. Sie wollte bis zu seiner Ankunft auf dem Stuhl verweilen, den sie auch den Tag zuvor eingenommen hatte. Die bedeutungsvollen Papiere hatte sie auf seinen Schreibtisch gelegt, den Seidenschal von ihrem Kopf genommen und diesen nur leicht um ihre Oberarme geschlungen. Die Neugierde jedoch zog sie an einen kleinen Seitentisch neben dem roten Chaiselongue. Hier lagen vereinzelte Bücher. Gewiss hatte Liam erst kürzlich darin gelesen. Elisabeth setzte sich daneben und schlug eine jener Lektüren vorsichtig auf. Es war ein kleines, in helles Leder gebundenes und mit filigranen Messingbeschlägen verziertes Buch. Sie öffnete es in der Mitte und erkannte sogleich, dass es sich um Poesie in schwedischer Sprache handelte. Auf dem Umschlag stand »Gunno Dahlstirna« als Dichter, und gleich hinter der ersten Seite lag eine gepresste, etwas gelblich gewordene Margerite. Hier befanden sich auch feine, handgeschriebene Worte. Es war eine Widmung, über der sein Name mit einer nicht zu entziffernden Anrede stand und welche jemand mit einem zart ausladenden »Leah« unterzeichnet hatte.

Elisabeth schluckte, klappte das Buch wieder zu und legte es zur Seite. Sie ärgerte sich, weil ihr dieses »Leah« nicht unwichtig zu sein schien.

»Mein Gott, was bilde ich mir ein? Liam ist ein erwachsener Mann, eine Augenweide und in geradezu fürstlicher Position. Gewiss gibt es auch viele Frauen in seinem Leben. Ich bin einfach nur einfältig!«, knurrte sie sich selbst an und nahm sich vor, dieses »Leah« so schnell zu vergessen, wie sie es gelesen hatte. In der Hoffnung, in dem danebenliegenden Buch keine Widmungen zu finden, schlug sie das Zweite auf. Es war doppelt so groß, sehr schmal und sie erkannte sofort, dass es kein gedrucktes Buch war, sondern handschriftlich verfasste Seiten aufwies. Verse, Gedichte – Zeichnungen. Liam verfasste Poesie und bebilderte diese. Sie sah die gegenstandsbezogene Federzeichnung eines alten, bärtigen Mannes mit einem Auge und neben ihm den Kopf eines Raben oder einer Krähe mit geöffnetem Schnabel. Die Verse waren in Schwedisch geschrieben und teilweise mit Runenschrift begleitet. Diese Entdeckung wollte sie tief beeindrucken. Was wusste Liam über diese Raben, was ihr noch nicht bekannt war? Die Faszination, die jener Mann auf sie ausübte, schien sich immer mehr ausdehnen zu wollen. Ein Soldat, ein Offizier, der Gedichte schrieb und herrlich zeichnen konnte …

Nach einem kurzen Lächeln biss sie sich auf die Unterlippe, schloss die kunstvoll gestalteten Seiten und schämte sich fast ein wenig dafür, dass sie in eine Ecke seiner persönlichsten Dinge gedrungen war. Doch auch das danebenliegende kräftige Buch in dunklem Leder weckte ihr Interesse. Sein Titel: »Galante Gedichte von Hoffmanswaldau«. Als sie dieses aufschlug und die ersten Zeilen las, röteten sich ihre Wangen vor einem Erstaunen, das ihr so unbekannt war, wie die Dinge, die hier standen. Von feurigen Leibern, begehrender Sehnsucht und jenem Küssen mit der Zunge - das sie mittlerweile kennengelernt hatte - war hier in den Versen zu lesen. Aber auch von zärtlichen Küssen auf Brüste, auf den Leib und die Schenkel! Alles war mit wunderbaren Worten verpackt, nichts war anstößig. Dennoch glaubte sie, das Buch müsse ihr - bei der Vorstellung, dass es so etwas wirklich geben sollte - sofort aus den Händen rutschen. Gab es Männer, die das machten? Wie würde sich das als Frau wohl anfühlen?

Lieber Himmel, was lesen Soldaten … Offiziere denn für Bücher?! Sollte gar ER so etwas … schoss es ihr immer heißer werdend durch den Kopf, als das Buch plötzlich tatsächlich aus ihren Händen auf den Fußboden fallen wollte, da sich im gleichen Moment das Schloss der Tür, die außerhalb der Räumlichkeit zum Vorraum führte, mit einem lauten Knacken meldete. Liam musste eingetroffen sein! In erschrockener Eile sprang Elisabeth vom Chaiselongue und legte das Buch mit der außergewöhnlichen Literatur auf den Tisch zurück. Sie fühlte, dass ihre Hände schlagartig eiskalt wurden. Die vier Schritte zu dem gepolsterten Stuhl an dem anderen Tischchen schaffte sie nicht mehr. Die Tür öffnete sich …

 

*

 

Liam Lindkvist befand sich an jenem Morgen bereits gegen fünf Uhr im Kommandantenhaus. Es bescherte ihm nur wenig Mühe, tatsächlich Unterlagen in Bezug auf den Diebstahl in Vallhagar auf Gotland zu finden. Seinerzeit, im Juli 1698, ging sofort eine diesbezügliche Meldung an den damaligen Stadtkommandanten. Ein ganzes Jahr wurde äußerst präzise recherchiert, ob sich die vermeintlichen diebischen und mörderischen Kaufleute etwa in Wismaria oder im Umkreis befinden würden, doch die Untersuchungen wurden im Juli 1699 nach der verheerenden Explosion eingestellt. Seit den vergangenen neun Jahren waren auch nur unbrauchbare Hinweise eingegangen. Nun aber wollte der junge Oberst sofort die zuständigen Stellen in Schweden mit mehreren Schreiben darüber in Kenntnis setzen, dass der Fall neu angegangen werden müsse, da er kurz vor der Aufklärung jener Tat stehen würde. Er erbat die vollständige Leitung der Untersuchung und legte die Schreiben in das Arbeitszimmer der zuständigen Mitarbeiter, so dass diese sie unverzüglich zum Postkontor zu bringen hatten.

Als ihm Sankt Marien die Uhrzeit mit elf Glockenschlägen kundtat, hatte Liam seine zusätzlichen Arbeiten so weit erledigt, dass seine Unteroffiziere diese für den angehenden Tag weiter ausarbeiten konnten. Er selbst trug seine Abwesenheit ab elf Uhr mit der Begründung ein, eine wichtige Besprechung in Bezug auf den Diebstahl zu haben und übertrug Major Almström die Befugnis, anstehende Besuche in seinem Namen empfangen zu dürfen. Alles Weitere, seine Position als Stadtkommandant betreffend, würde er über das Wochenende abarbeiten. Liam ließ sich auf seinen Sessel am Schreibtisch im Kommandantenzimmer sinken und wischte sich die morgendliche Anstrengung von der Stirn.

Nein, es war nicht die Arbeit als Stadtkommandant, die ihn seit einigen Tagen in leichter Sorge wiegte, sondern die Nachrichten von den Truppen, die sich gegen Zar Peter im Krieg befanden. König Karl XII. hatte zwar im vergangenen Juli eine wichtige Schlacht gewonnen, konnte seine nun geschwächten Einheiten aber nicht zum greifbaren Endsieg führen, sondern wollte vorerst den angeschlagenen Männern eine Pause gönnen.

Das war gewiss eine weise und menschengerechte Entscheidung, aber der Dragoneroffizier und Stratege Oberst Lindkvist hegte bereits die düstere Vorahnung, dass die Russen allemal erneut für Unmut sorgen könnten, in dem sie nun die schwedischen Versorgungstruppen aufspüren würden, um diese zu vernichten. Ein Versorgungstrupp in der Größe, wie ihn Karl nun benötigte, musste mit einer gewaltigen Anzahl von Infanteristen und Reitern flankiert werden. Weiter wollte Liam nicht denken, denn General Lewenhaupt würde sich im Falle eines Engpasses gewiss sehr rasch an ihn, als einen seiner ausgezeichneten Offiziere erinnern.

Liam ordnete seinen Schreibtisch, gab seinen Leuten weitere Anweisungen und verließ kurz nach elf Uhr das Kommandantenhaus. Erneut hatte ein heißer Sommertag die Stadt fest im Griff. Er spürte, dass seine Kleider und sein Haar in unerträglicher Weise an ihm klebten und fand sich sofort und ohne Umwege in der Badestube des Tribunals ein. Er hatte die Befugnis erhalten, die Badestätte benutzen zu dürfen. Diese war ausschließlich dem Präsidenten vorbehalten, mit einem großen, stets mit frischem Wasser aufgefülltem Holzbecken eingerichtet und einem Schrank mit reiner Wäsche versehen. Auch wenn er in den heißen Tagen oftmals unerkannt den Mühlenteich als Badeort aufsuchte, so war das Bad im Fürstenhof doch ein hervorragender Platz, um sich ohne Umstand zu erfrischen.

Seine Seife bezog Liam aus der Siederei der Stadt. Ohne zu wissen, dass Peter Hennings dort neue Seifenzugaben aus unterschiedlichen Früchten, Kräutern und Blüten destillierte, hatte er sich bereits im Vorjahr für eine jener herb duftenden Seifen entschieden. Das Wasser war angenehm kühl, und er tupfte sich nach dem ausgiebigen Bad nur leicht die Nässe vom Körper, zog eines der frischen, weißen Hemden darüber, deren Jabot er - da diese wegen der feinen Musseline- oder Seidenspitze separat gewaschen wurden - in seinen Räumlichkeiten aufbewahrte. Die ebenfalls frische, weiße Seidenculotte und die passenden Strümpfe waren ihm fast an Stoff zu viel, aber da ihn jede Sekunde die Gewissheit begleitete, dass er heute ein außerordentlich wichtiges Treffen mit Elisabeth hatte, wollte er sich auch mit dem Besten einkleiden, was er besaß und in dem er sich auch am wohlsten fühlte.

Liam ließ sein noch nasses Haar offen. Dieses und Weiteres würde er in seiner Wohnung richten. Der Waschfrau hinterließ er die getragene Kleidung, welche er über den vorhandenen Tisch legte, und ging zügig über die Seitentreppe hoch zu seiner Räumlichkeit.

Die fast unmerkliche Veränderung an dem Geheimfach jenes Schlüssels fiel ihm sofort auf. Dieses war zwar exakt geschlossen, aber es befanden sich kleine, matte Zeichen auf dem auf Hochglanz polierten Holz: eindeutig Fingerabdrücke. Elisabeth war demnach schon angekommen, was Liam eine Woge der Erleichterung bescherte, doch hielt er für eine Sekunde inne. Nach der Regel des Sittlichkeit war er noch nicht anständig gekleidet, auf der anderen Seite aber schließlich auch nicht nackt. Weshalb also sollte er nicht mit ausschließlich Hemd und Hose am Leibe seine Wohnräume betreten? Jede Sekunde mit Elisabeth war ihm kostbar. Sie würde es gewiss nicht anzüglich finden, wenn er für einen Moment ohne Weste und Rock vor ihr stehen würde.

Liam öffnete die Tür und sah der lieblich gekleideten jungen Frau - die etwas erschrocken vor der kleinen Sitzgarnitur stand - sogleich mit einem zwanglosen Lächeln, das seine freudige Erleicherung kundtat, entgegen.

»Heej, min karlek - jag hälsar dig!« , begrüßte er sie in schwedischer Sprache. Elisabeth teilte sofort sein freies Lächeln, lief ihm in die leicht geöffneten Arme und ließ sich von Liam fest an dessen Brust drücken. Sie fühlte die kühle Nässe seiner Haut durch das feine Linnen, und der frische Duft, der von ihm ausging, wollte ihr im gleichen Moment die Sinne verzaubern. Ihm hingegen war es ebenso rasch aufgefallen, dass auch Elisabeth sich für diesen heißen Sommertag erfrischt haben musste, denn ihr Haar war ebenfalls noch etwas feucht und ihr herrlicher Geruch nach wilden Rosen außerordentlich durchdringend. Liam spürte den Druck ihrer festen, warmen Brüste an seinem Körper und war sich sogleich sicher, dass der Plan, nachdem er den heutigen Tag mit ihr gestalten wollte, augenblicklich bedeutungslos werden könnte, würde er sie jetzt küssen.

Die Sinne forderten ihr Tribut, wo bereits im darauffolgenden Moment seine Strategie an Macht verlor. Elisabeths Lippen lagen an der Brustöffnung seines Hemdes, und sogleich betranken sich beide an einem Kuss, der den letzten Winkel ihrer Körper mit einem süßen Schauer zu durchlaufen schien. Mit einem geschickten Griff hatte sich Liam seines Hemdes entledigt, so dass sie ihm auf blanker Haut die festen Muskeln erfühlen und mit Küssen in ihn versinken konnte. Elisabeth ließ Liams Gewandtheit, mit der er den vorderen Verschluss ihres Kleides öffnete und das Oberteil mit aller Vorsicht über ihre Schultern schob, über sich ergehen. Ohne, dass ihr Mund seine Lippen verließ, zog sie ihre Arme aus den schmalen Kleiderärmel. Das feine, leichte Sommerkleid rutschte dabei bis auf ihre Hüften und bot ihm ihren freien Oberkörper, den er mit sanfter Bestimmtheit umfasste, um ihre Brüste und ihren Leib zu liebkosen. Elisabeth führte ihre Hände durch sein kühles, feuchtes Haupthaar, legte den Kopf in den Nacken und genoss jenen, ihr unbekannten Zauber der Gefühle.

Nein, dieses Sehnen, das ihren Körper - gleich einer aufschäumenden Gicht - aufzukochen schien, konnte keine Sünde sein. Was nun auch immer passieren würde, mit diesem Mann - den sie bereits bedingungslos liebte - wäre es köstlich, nur dies erfüllte ihre Sinne. Dass er sie in die Arme gehoben hatte und zu der linkseitigen Tür in jenes Zimmer trug, hatte sie kaum wahrgenommen. Liam öffnete mit kurzem Griff einen Raum, der zweifelsfrei das Schlafgemach war. Sie erkannte nur schwach, dass ein schwerer sandfarbener Vorhang halbwegs vor das geöffnete Fenster gezogen war. Der matthelle Raum leuchtete in sanften Blautönen und das Lager, auf das er sie sanft legte, war mit kühler Wäsche aus feinstem, schneeweißen Leinen bezogen.

Mit einem weiteren geschickten Griff hatte er ihr den Rock des Kleides vom Leib gestreift. Schon in der nächsten Sekunde lag sie vollkommen nackt auf seinem Bett und Elisabeth erkannte, dass sie zum ersten Mal vor einem Mann ihre gesamte Blöße preisgab. Liam erblickte den schmalen Verband an ihrem Oberschenkel. Seinem Blick, der ein erschrockenes »Was ist passiert?« ausdrückte, antwortete sie sofort mit ruhigem Ton.

»Es ist nur ein kleiner Kratzer ..., durch den ich mir ihn fernhalten kann.«

Liam verstand im Fluge, lächelte ein sanftes »Meine Kriegerfrau« und küsste sie erneut, während er sich selbst sehr rasch und mit wenigen Griffen vom Rest seiner Kleider befreit hatte und sogleich bemerkte, dass Elisabeth nun doch eine leichte Anspannung preisgab sowie erkennbar verunsichert wirkte.

»Hab keine Angst - nichts geschieht, was du nicht selbst möchtest ...«, flüsterte er und lag sogleich an ihrer Seite. Liam zog Elisabeth an sich, damit sie seinen Körper spüren und ertasten sollte. Es war ihm klar, dass sie noch nie ein Liebesspiel gespielt hatte. Sie kannte weder ihren eigenen Körper, noch den eines Mannes. Von Lustempfinden und entspanntem Genießen war sie bis zum jetzigen Moment genauso weit entfernt wie jede ahnungslose Jungfrau. Alles, was sie durch ihren Ehemann Paul Streeck erlebt hatte, war seelische und körperliche Gewalt.

Ihre Hände glitten erkundend über seinen Rücken, sein Gesäß, seine Schenkel. Doch sie scheute sich davor, seine Männlichkeit zu berühren ...

Liam wollte ihr Zeit geben. Er umfasste erneut ihre Brüste, die zwischen seinen Lippen zu versinken schienen, bedeckte ihren Leib mit Küssen und hielt - als er die großen blaugelben Blutergüsse an ihrem Becken und ihren Schenkeln sah - nur kurz inne, um dann umso behutsamer und zärtlicher fortzufahren. Elisabeth schloss die Augen und ertastete seine Schulter, seine Haare. Sie wusste nicht, was mit ihr geschah. Sie hoffte nur, ihre enorme Anspannung zu verlieren, um sich fallen lassen zu können. Das Ungewohnte aber, das Liam mit ihr tat, dieses unfassbar wunderbare Ungewohnte, wollte sie geradezu erstarren lassen. Seine Lippen waren wieder auf ihrem Mund, als sie seine Hand auf ihrem Unterkörper spürte. Es war ein sanftes, warmes, immer tiefer fühlendes Streicheln.

»Fürchte dich nicht! Nichts wird geschehen, was dir wehtun könnte«, hörte sie ihn erneut flüstern, als seine Lippen an ihren Leib herab wanderten und er mit seinem Mund an dem Punkt ihres Körpers ankam, von dem sie nie geglaubt hätte, dass er sie dermaßen erregen könnte. Sie ließ Liam sein Spiel spielen, das ihr auf der einen Seite das Bewusstsein zu rauben und sie auf der anderen in hohe Erregung zu stürzen schien. Er spürte, dass ihr Atem schneller wurde, vernahm ihr leises Stöhnen mit Wohlwollen und hatte seinen Mund wieder sehr rasch auf den Lippen ihres Mundes.

»Was machst du mit mir Liam?! Das ist Zauberei«, keuchte sie mehr, als sie flüsterte, und er küsste sie lächelnd weiter.

»Wenn du es zulässt, dann soll es so sein«, entgegnete er leise, hob seinen Körper über sie und versuchte so vorsichtig wie möglich zum eigentlichen Begehren zu kommen. Elisabeth umklammerte seinen Rücken, als er seinen Kopf an ihre Schulter legte und ließ auch dies zu, entspannte sich dabei und spürte, wie sie dieses Vereinigen genießen konnte. Nichts tat weh, es war nur herrlich – es war göttlich schön, ihn in sich zu spüren! Liam zeigte ihr den sanften Rythmus, bei dem sie mit seinen Bewegungen im Gleichklang liegen konnte. Es war ein Tanz aus einem Drehen und Entgegenkommen, einem Tänzeln an der Pforte und einem sich tiefem Vereinigen, begleitet durch Küsse und zärtliches Streicheln. Ein Tanz, der sich in seinen Bewegungen steigerte, sich abbremste, wieder begann, bis sie plötzlich das Gefühl hatte, dass sie in dieser Bewegung nicht mehr aufhören könnte. In jenem Moment kam eine riesige Welle auf sie zu, stieg in ihr hoch, schäumend und höher als die höchste Brandung an der See. Elisabeth wurde in einen Rausch an wundersamen Empfinden und Farben gestürzt. So wundervoll, dass sie laut aufstöhnen musste und Liam in diesem wilden Rhythmus es ihr gleich tat. Eine seelig erschöpfte Ruhe schloss sich an. Sie spürte Liams Herz auf ihrer Brust rasen und hielt ihn weiterhin fest umklammert.

»Was war das, Liam?! – Was war das, das mir gerade die Sinne raubte?«, fragte sie leise und spürte Tränen des Glücks in sich aufsteigen. Er lächelte, küsste ihre Stirn und ihre Augenlider.

» Min kärlek , es war die Liebe ... so, wie sie sein sollte zwischen einem Mann und einer Frau!«

Sie blieb stumm und durchwühlte sein offenes Haar. Liam hatte längst verstanden, dass Elisabeth bis zu dieser Stunde der Ansicht war, nur ein Mann könnte und dürfe Genuss bei dem Zusammensein empfinden und es ausschließlich das Schicksal einer Frau war, dies zu erdulden und auf die Zeugung zu warten. Ihre folgende zögernde Frage überraschte ihn von daher nicht wirklich.

»Aber … wieso besteht dieser grenzenlose Unterschied zwischen einem … Begatten und … dieser Art des … Zusammenseins?!«

»Ein Mann ohne Gefühlsregung begattet aus reiner Selbstsucht, demütigt die Frau und beschert ihr die Hölle. Ein Mann, der seine Frau liebt, führt sie hingegen bei jenem Zusammensein in den Himmel.« Was Liam ihr mit diesen wenigen Worten erklärt hatte, änderte Elisabeths diesbezügliche Sicht der Dinge in vollem Umfang. Sie hatte sogleich begriffen, dass Ehemänner ihre Frauen mit jenem gefühllosen, brutalen Begatten dumm und verängstigt halten wollten, um Macht über sie zu haben. So konnten sie diese in Schuld verweisen, wenn sie nicht willig oder empfangsunfähig waren. Nun aber, durch dieses Offenbarung, die ihr Liam zuteil werden ließ, würde sie unantastbar sein, egal, wie Paul Streeck sie bis zu seinem hoffentlich baldigen, jähen Ende behandeln würde. Dabei wollte sie nicht mehr an das Begatten denken. Eine derartige Handlung durfte nie wieder geschehen!

Liam schien ihre Gedanken zu erkennen. Obwohl Elisabeth sich wünschte, er würde sich nie mehr von ihr lösen, legte er sich behutsam an ihre Seite, zog sie an sich und streichelte weiterhin ihren Körper.

»Siehst du, im Grunde hat dich dieser Unmensch, der dich zur Ehe zwang, nie berührt, Elisabeth. Du warst bis zu diesem Moment Jungfrau. - Liam Malvin Lindkvist, der Schwede aus Gotland, hat dich erobert. Ihm alleine schenktest du deine Jungfernschaft, und nur ER ist dein wahrhaftiger Ehemann - und den falschen wird er zur Strecke bringen!«

»Weißt du, wie sehr ich dich liebe, Liam?«, gestand sie ohne Umschweife. Liam schloss kurz die Augen und nickte ihr ernst entgegen.

»Auch du bist in meinem Herzen, Elisabeth, und du wirst es für immer bleiben! - Jag älskar dig, också ... Ich habe heute die Beschwerdeführer in Schweden darüber informiert, dass wir den Verbrecher von Vallagan aufgespürt haben. Es kann alles sehr schnell gehen, dann bist du ihn und diese falsche eheliche Verbindung rasch los, und wir können in Sankt Marien dem Gesetz folgend heiraten.«

»So rasch würdest du ... «

»Ja, Elisabeth, du etwa nicht?« Sie nickte fest und konnte hinter Liams plötzlicher Stirnfalte einen trüben Gedankenschleier erspüren. Seine wenige Sekunden später geäußerten Worte »Lass uns den heutigen Tag so verbringen, als gäbe es in unserer Welt keine Sorgen ...« wollten ihr die Vermutung bestätigen. Liam schien etwas auf dem Gemüt zu liegen, das ihn ebenso bedrücken wollte wie sie ihre Ehe mit Streeck. Elisabeth hoffte, dass es nichts dergleichen war und wollte von daher auch nicht nachfragen. Sie grub ihr Gesicht in seine Arme, und beide schienen sich den stillen Momenten einer Tiefenentspannung hingeben zu wollen. Von Sankt Marien schlug es die die erste Hälfte der 15. Tagesstunde, als Liam sie auf die Stirn küsste.

»Wollen wir etwas essen, Liebes?« Elisabeth nickte mit einem ruhigen »Ja«. Trotz der gegenseitigen Zustimmung fiel es beiden schwer, sich von dem Lager des Zaubers zu erheben.

»Ich möchte mich nicht einmal mehr ankleiden«, bemerkte Eisabeth beiläufig und Liam lachte auf.

»Das müssen wir auch nicht. Warte …« Er band sich ein kurzes Laken, das über dem Ende des Bettes lag, um die Lenden, als Elisabeth sich ebenfalls aufrichtete und mit ihrer Hand nach seiner rechten, hinteren Schulter fasste.

»Du hast es entdeckt?«, fragte er ruhig und setzte sich zurück auf die Bettkannte. Ja, sie hatte etwas recht Seltsames erkannt. Es war ganz gewiss ein talergroßes, dunkles Muttermahl mit einer außergewöhnlichen Form, die einem leicht gezackten Halbmond ähnelte, oder …

»Es sieht aus, wie eine Feder«, bemerkte Elisabeth leise. Liam stimmte ihr zu.

»Ja, es ist eine Feder! Es ist ein Mal, das in unserer Familie von Seiten meiner Mutter angeblich seit Jahrhunderten vererbt wird.« Er drehte sich zu Elisabeth zurück, die aufs Sorgfältigste dieses außergewöhnliche Zeichen begutachtete und Ergriffenheit zeigte.

»Eine … Raben oder Krähenfeder! Liam, was bedeutet das?!«

»Man nennt es bei uns in Gotland Stigma der Götter. All dies ist mit langen Geschichten verbunden. Bei manchen meiner Verwandten befindet es sich auch am Bein, am Hals oder am Rücken. Viele hingegen tragen es auf den Schultern, gleich wie Odin seine Raben.«

Elisabeth fühlte sich aufgewühlt. Sie musste unbedingt alles über diese nordischen Geheimnisse erfahren, darin war sie sich sicher. Für den Moment aber ließ sie Liam damit in Frieden. Er sollte entscheiden, wann der Moment dafür der richtige wäre. So erhob er sich, ging aus der Stube und brachte Elisabeth das Hemd, welches er nach dem Bad getragen hatte.

»Wenn es dir ausreicht, dann lass uns in dieser noblen Kleidung zu Tische gehen.« Liam musste seinen Worten hinterher schmunzeln. War es ihm vor eineinhalb Stunden noch unangenehm, ohne vollständige Uniform vor Elisabeth zu erscheinen, so war er jetzt bereit, das Mahl mit ihr nackt einzunehmen. Sie zog voller Freude sein Hemd über ihre Blöße und sog dessen Duft in sich ein.

»Es ist wie zu meiner Jugendzeit in Gotland: unschuldig leicht im Sinnen und frei von auferlegtem Zwang ...« Erneut nahm er mit diesen Worten Elisabeth in den Arm.

»Höre auf die Worte der Götter! Gedanke und Erinnerung … sie führen unsere Wege.«

Elisabeth atmete tief durch.

»Diese Worte muss ich erst verstehen lernen, Liam.«

»Das wirst du! Denn sie sind weiser und ehrlicher, als die Worte einiger Pastoren!«

»Die Worte … der Götter?« Er nickte.

»Ja, die Worte und Botschaften der Götter! Ich wäre für mein Land lieber einer der alten Krieger Odins geworden, als dass ich nun Oberst in der schwedischen Armee bin. Denn ein Krieger folgt immer seinem Herzen - ein Soldat ausschließlich den Befehlen seiner Obrigkeit.«

Liams Äußerung überraschten Elisabeth ein wenig, doch er hatte ihr bereits am Vortag versprochen, dass er einiges über seine Person kundtun wollte, das kaum jemand über ihn wissen würde.

»Gedanke und Erinnerung ... «, wiederholte Elisabeth nachdenklich und entschloss sich dazu, Liam von dem alten, düsteren Mann zu erzählen, der sie auf geheimnisvolle Weise zu verfolgen schien, und der einst das Gleiche zu ihr gesagt hatte. Sie erntete Liams erstaunt verwunderten Blick und sogleich schien er gedanklich in sich zu versinken.

»Dann ist es also wahr!«, unterstrich er mit ruhigem Ton sein Sinnen, und Elisabeth wagte ein vorsichtiges, wenn auch leicht erschrockenes »Was meinst du damit, Liam?« Sie erkannte, dass er nach rechten Worten zu suchen schien, die er schließlich in Ruhe aussprach.

»Man sagte in Schweden - wenige Wochen nachdem ich den Dienst als Stadtkommandant aufgenommen hatte - dass sich ein Druide aus den Tal der Götter auf den Weg gemacht hätte, um die Familie der Verbrecher vor dem Fluch der Raben zu schützen. So hätte man es die Menschen in Gotland wissen lassen ... aber wohin er gegangen sei, hätte er niemandem kundgetan.

Ein Druide, der so schwarz, wie eine Krähe gekleidet sei und ihnen auch ähnelt. Ein gesegneter Mann – der viele Sprachen spricht und das Schicksal der Menschen kennt.

Elisabeth, wenn dieser Druide dir begegnet ist, dann zu deinem Schutz und … bei Gott, dann war er gewiss bereits Anfang November auf dem Schiff, auf dem ich als Stadtkommandant hier eingezogen bin! - Demnach weiß er auch von mir, und … Elisabeth, dann ist unsere Begegnung eine Fügung der Götter …« Sie umarmte ihn fest und konnte seinen Worten nur Glauben schenken.

Ja, der Alte war ihr zum ersten Mal im November 1707 begegent ... früh morgens am Hafen – als sie den Fisch bei Mutter Mathes kaufte. Sie konnte sich noch genau an seine Worte erinnern. Es war der Tag, an dem das schlimme Gewitter den Ast durch ihr Fenster geschleudert hatte. Elisabeths Atem zitterte für einen Augenblick.

»Wenn dem so ist, dann wird alles gut, nicht wahr?«

»Ja, aber wir müssen wachsam bleiben, kämpfen und den Göttern unser Vertrauen schenken. Der Krieg ist noch lange nicht gewonnen« Sie nickte. Wenn dies der einzige Weg der Rettung war, dann würde sie außer ihrem Herrn Jesus allen Göttern des Nordens blind vertrauen.

Elisabeth wies Liam darauf hin, dass sie bei Paul Streeck einen wichtigen Fund in dessen Tresor gemacht hätte, und Liam lächelte verschmitzt als sie ihm kundtat, dass Piet nun in tiefer Furcht vor dem Aufdecken seines Verrates sich ihr treu zu Diensten ergeben hätte.

»Das geschieht ihm recht, denn so etwas ist für kleine, unglückliche Gauner gewiss eine schlimmere Strafe, als Ketten und Kerker. - Lass uns später danach sehen!« Er führte Elisabeth an der Hand in den harmonisch gerichteten Speisesaal, den sie gleich nach ihrem Eintreten mit ihrem Blick überflogen hatte und rückte ihr den Stuhl vor.

»Min kärlek , einen Augenblick!« Liam verschwand in dem nächsten Zimmer, zu dem eine Tür an der rechten Wandseite führte. Elisabeth vernahm ein leises Surren und glaubte zu erahnen, dass es sich um einen Speiseaufzug handeln musste. Nach einer knappen Minute kam Liam mit einer Servierplatte, auf dem sich zwei Teller mit wundervollen Speisen befanden, zurück, stellte diese auf den Tisch und das Tablett gegen die Wand. Gläser und Bestecke standen und lagen bereits an jeder Seite der kleinen Tafel. Mit einem weiteren Gang zum Speiseaufzug holte er eine große Karaffe kühlen Weißweines herbei und schenkte sofort die Kristallgläser voll.

»Oh mein Gott! Ich werde vom Stadtkommandanten bedient!«, flüsterte Elisabeth in einer Tonlage, die ihr aufrichtige Fassungslosgikeit ausdrückte.

»Nackt!«, ergänzte Liam lachend und setzte sich ihr gegenüber.

»Siehst du, wie wunderbar das Leben sein könnte, ohne all die Zwänge und Ängste, die man hat oder uns antun möchte? Es ist genau diese Welt, die ich dir schenken will, Elisabeth. Dir - zu deiner Freiheit, mir - um mit meiner Seele Frieden schließen zu können und uns beiden - für eine bessere Zukunft!« Liam hob das Glas an.

»Auf, dass die Götter uns weiterhin hold sein mögen!« Elisabeth nahm ebenfalls ihr Weinglas in die Hand und berührte das von Liam.

»Auf, dass alle guten Geister deine Worte erhören mögen, denn es sind die eines reinen Herzens!« Beide tranken genussvoll das Glas leer. Sie musste lachen.

»Wie wundervoll es ist, derart gewichtige Dinge plötzich mit Leichtigkeit aussprechen zu können.« Liam hielt den Kopf etwas schief und sah sie begeistert lächelnd an.

»Und wie wunderbar ist es, wenn man entdeckt, dass einem ein großartiger Mensch die Seele berührt!« Sie räusperte sich kurz und blickte über ihren Teller. Liams Worte hatten sie tiefer ergriffen, als sie im Augenblick verkraften konnte. Sie wollte Tränen vermeiden, und doch ihr beiläufiges »Was ist das Wunderbares?«, verriet ihr aufgewühltes Gemüt, und Liam fasste nach ihrer Hand.

»Geräucherter Stör, gebeizter Lachs und Krebse … Dann haben wir noch Gänsebrust, Putenbraten und verschiedene Wildpasteten – als Vorspeise!« Elisabeth lächelte verlegen.

»Du meine Güte - das ist ja ein … Hochzeitsmenü!«

»Ja, Elisabeth, unser Hochzeitsmenü , nur für uns beide.«

Es war tatsächlich ein Mahl, das in seiner fürstlichen Wahl der Speisen nicht einmal im Hause Paul Streecks aufgetischt werden konnte. Doch das wirklich Außerordentliche daran war eben, dass sie es derart zwanglos einnehmen durften, gleich zweier einfacher Bürger, die nach ihrem Bad im Mühlbach an dessen Ufer ihre bescheidenen Speisen halbnackt verzehrten. In den folgenden beiden Stunden der Gaumenfreuden erfuhr Elisabeth auch bereits sehr viel über den beeindruckenden Mann, der ihr gegenüber saß, den Schweden, Stadtkommandanten und Oberst einer Dragonereinheit: Liam Malvin Lindkvist!

Sein Vater war ein hochrangiger schwedischer Offizier gewesen, der 1674 die schöne bürgerliche Gotländerin Ylva heiratete und, nachdem Gotland erneut durch die Dänen besetzt wurde, mit ihr und den Zwillingen Liam und Leah nach Stockholm zog. Liam hatte nach seinem höheren Schulabschluss sofort eine militärische Karriere anzustreben. Etwas, dass er bei den bereits brennenden nordischen Kriegen leider sehr früh mit praktischer Erfahrung angehen musste.

Auch 1704 harrte Liam zwei Jahre in den Feldzügen gegen Polen und Sachsen aus, während Livland von der russischen Armee verwüstet wurde. Er erzählte ruhig.

»Die Schlacht gegen August den II. war König Karls ganz persönlicher Heereszug und strategisch gewiss nicht die intelligenteste Entscheidung. Er wollte jenen Katholiken vernichten, der nur wegen eines politischen Machtkalküls seine lutherische Überzeugung ablehnte, um König von Polen werden zu können. Dafür ließ der schwedische König entscheidende Schlachten gegen Russland aus, die ihm den vorzeitigen Sieg hätten bringen können.

Auch Oberst Lewenhaupt war dieser Ansicht, denn während dieser irren Feldzüge im Süden verwüstete die russische Armee Livland ... Vater hatte Mutter und unsere Familie dort untergebracht und hoffte auf das Eintreffen der Truppen, bei denen ich bereits als Dragoneroffizier die Befehlsgewalt hatte. Meine Schwester war in Livland … auch meine Frau und … mein Sohn. Die wenigen Überlebenden sagten später aus, dass Leah wie ein Mann gekämpft hätte - mit Axt und Schwert! Sie hätte bis zur letzten Sekunde auf die Rückkehr und Hilfe ihres Bruders gewartet, der aber gegen die Polen kämpfen musste. Leider kam ich auch hier eine ganze Woche zu spät « , Liam hielt kurz an, bevor er weitersprach.

» Einige Tage zuvor ereignete sich etwas Unfassbares: Ich hörte, das Leah mich früh morgens in meinem Traum laut und deutlich beim Namen rief, was mich aufschreckte. Es klang wie ein Hilfeschrei … Ich erklärte es mir dadurch, dass meine innere Anspannung wohl zu groß geworden sei. Dann, sechs Tage später bei unserer Ankunft in Livland wurde mir bewusst, dass sie gewiss angesichts des Todes nach mir gerufen hatte ... Zwillinge haben eine tiefe Verbindung …« Er blickte angespannt zum Fenster.

» Ich war nach jener Erfahrung sicher, dass ich das Feld nie mehr verlassen würde, solange wir die Russen nicht vernichtet hätten. Dann aber hatte mich einer von denen vom Pferd geschossen. Ich brach mir die Schulter und einige Rippen, wurde von Lewenhaupt trotzdem wegen hoher Verdienste zum Oberst ernannt, aber zurück nach Schweden geschickt. Zuhause fragte man mich, ob ich das Kommando über eine Garnison übernehmen möchte ... die größte im schwedischen Reich auf deutschem Boden: Wismaria!

Nun, meine Verletzung blockierte fast ein ganzes Jahr die Beweglichkeit meines linken Armes. Ich hatte Zeit für Schulungen, und als ich meine Schulter wieder gebrauchen konnte, war ich zwar weiterhin nicht für den Dienst im Feld vorgesehen, aber man übertrug mir das Amt des nächsten Stadtkommandanten Wismarias.

So bin ich nun hier und hoffe, dass König Karl sein Werk mit Einsicht und Ruhe zu Ende bringt, denn nach dem letzten großen Sieg hat er erneut nicht gerade weise gehandelt.«

Liam trank von seinem Wein, und Elisabeth fühlte sich durch seine Erzählung aufgewühlt und war sich nicht sicher, ob das, was sie nun antworten wollte, vor einem Offizier das Richtige sei.

»Liam … wichtig, dass du hier bist und nicht draußen, bei denen die … sterben.«

Er sah ihr in die Augen und nickte fest.

»Ja, heute sehe ich das auch so. Aus persönlichem Beweggrund in den Krieg zu ziehen, ist zwar äußerst ehrenhaft, aber auch das macht uns die Getöteten nicht wieder lebendig. Dieser Krieg hat meinen persönlichen Lebensplan zerstört, aber ich werde alles dafür geben, damit ich meinen jetzigen unangetastet leben kann.« Liam griff erneut nach Elisabeths Hand. Sie wagte eine Frage.

»Ist keiner mehr von deiner Familie …«

Er wiegte sogleich kaum merkbar den Kopf, und sie sprach den Satz nicht zu Ende.

»Man hat sie alle fünf getötet. Unsere Truppen kamen zu spät!«

»Wie furchtbar! Es tut mir so leid.« Elisabeths Stimme erbebte. Liam schien gefasster.

»Dies ist nur ein Vorfall von denen, die da draußen zigtausend Mal täglich seit Jahren passieren. Ich bin ein Offizier der königlichen Armee und habe ebenfalls getötet. Heute aber hasse ich diesen Krieg und besonders seine Auswüchse auf die Bevölkerung. Ich hasse ihn von ganzem Herzen, und ich möchte in meiner jetzigen Position, soweit es mir möglich ist, für den Frieden arbeiten, auch wenn dies leider nicht ausschließt, dass ich hier kriegshandwerklich planen und Leute an die Front schicken muss.« Sie drückte seine Hand.

»Danke dafür, dass du mir dein Herz geöffnet hast, Liam. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, dass dir diese schlimme Vergangenheit zu ertragen hilft.«

»Das hast du bereits getan, Elisabeth. In dir entdeckte ich meine Zwillingsschwester Leah wieder, die Kriegerfrau und … die Liebe, von der ich geglaubt habe, dass sie nie wieder zu mir zurückfinden würde.« Er hob mit der Linken sein Glas, presste kurz die Lippen aufeinander und lächelte Elisabeth erneut zu.

»Von daher: Es lebe dieser Tag, auf dass er der erste wunderbare einer gemeinsamen Zukunft sei!«

Im jenem Augenblick wollte Elisabeth ein liebliches Lachen genauso leichtfallen wie das Vergießen einiger Tränen. Mittlerweile hatte sie ihr drittes Glas Wein und spürte, dass ihr dieser bereits leicht in den Kopf gestiegen war.

»Auf die Mächte, die uns zusammengeführt haben, Liam! Mögen sie uns beschützen!«

»Ich rechne bis Ende dieser Woche mit einer Nachricht und der Untersuchungsbefugnis aus Schweden, damit ich diesen … Paul Streeck dingfest machen kann. Gleichzeitig wird der Pastor von Sankt Georgen die Ehe widerrufen. Da du kein JA ausgesprochen hast, muss er das tun, oder die Kommandantur wird ihn in dem Fall als Mitwisser zur Verantwortung ziehen. So bist auch du sehr rasch amtlich geschieden. Wollen wir mal sehen, vor wem der Pfaffe mehr Respekt hat: Vor Streeck oder vor dem Stadtkommandanten.«

Elisabeth hielt sich die Fingerspitzen vor die Lippen.

»Ich fürchte mich ein wenig, Liam … Gebe Gott, dass dies alles reibungslos abläuft.«

»Es wird reibungslos ablaufen – selbst wenn dieser Bursche mit dem Teufel im Bunde ist.« Liam erhob sich, ging in den Empfangsraum und holte von dort die Rolle mit den Papieren, die Elisabeth ihm mitgebracht hatte. Da sie zu Ende gespeist und er bereits den Esstisch bis auf den Wein und die Gläser abgeräumt hatte, konnte Liam die besagten Rechnungen ausbreiten. Schon nach einem kurzen Blick lachte er auf und nickte zufrieden und anerkennend.

»Das ist großartig, Elisabeth! Diese Rechnungen bewegen sich genau um das Datum des Diebstahles und Mordes. Hiermit ist Paul Streeck überführt. Wie auch immer, er wird das Tageslicht nicht mehr sehen! Und du, meine Liebste, wirst eine Woche nach deiner Eheschließung bereits wieder frei sein!«

Elisabeth konnte keinen Ton herausbringen. Es war ihr, als befände sie sich in einem wundersamen Traum. Liam setzte andächtiger werdend fort.

»Die nächsten vier Tage habe ich wegen meiner liegengebliebenen Arbeit im Kommandantenhaus wenig Zeit, aber es wäre schön und auch wichtig, wenn wir zumindest die Abendstunden gemeinsam verbringen könnten. Draußen am Mühlenteich oder am Meer … Piet kann dich begleiten und auch wieder abholen. Er wird darüber erfreut sein, dass er uns einen Dienst erweisen kann. Trotzdem, sage ihm nichts von unseren Plänen! Menschen, wie deinem Bruder kann man keine Sekunde über den Weg trauen«.

Elisabeth stimmte Liam zu und folgte mit stummer Begeisterung dessen Vorschläge, wobei sie Gedanken entrückt durch den Raum blickte. Ihre Wut auf Piet war zwischenzeitig gewiss genauso tief in ihr verankert wie ihre Abscheu vor Paul Streeck, aber im gleichen Maße glaubte sie auch daran, dass Liam sie von der steten Gegenwart beider Personen befreien könnte. Dann blieb ihr Blick an einem langgestreckten Möbelstück hängen, dass an der gegenüberliegenden Wand hinter dem breiten, ausladenden Schrank hervorlugte. Es sah aus wie ein Musikinstrument.

»Ist das ein Cembalo?«, fragte sie gerade heraus. Liam drehte den Kopf zurück.

»Ja - es gehörte meiner Frau. Kannst du spielen?«

Elisabeth verharrte.

»Ich habe … bis fast zu meinem 14. Lebensjahr gespielt. Nach der Katastrophe Anno 1699 aber nie wieder.«

Liam erhob sich.

»Möchtest du? Dann tue es! Außer mir hat in den letzten Jahren keiner mehr das Instrument angefasst.«

Es war das Cembalo seiner Frau! Elisabeth fühlte sich nicht sonderlich wohl nach dieser Offenbarung, die Situation hatte etwas Beklemmendes. Liam allerdings schien es nicht so zu sehen und wünschte tatsächlich, dass sie spielen sollte. So zog sie ihr - oder genauer gesagt - sein Hemd glatt, ging die wenigen Schritte hinüber zu dem Instrument und betrachtete die schwarzen, aus Hartholz bestehenden und die hellen, mit Elfenbein überzogenen Tasten, atmete tief und war sich nicht sicher, ob sie noch das Geschick besitzen würde, um einen zusammenhängenden Klang erzielen zu können.

Liam hob das Verdeck des Instrumentes an, und nach zwei kleinen Proben stellte sich das geschmeidige Spiel eines ihrer Stücke ein, das sie als Jugendliche gelernt hatte, und die Melodie gestaltete einen erhabenen Moment, als Liam - der neben Elisabeth stand und den Arm um ihre Schulter gelegt hatte - mit dritter Hand die kleine Tonfolge begleiten konnte. Er kannte das Werk. Elisabeth hielt nach einer Weile inne, legte ihren Kopf an seine Seite und ließ ihren Tränen freien Lauf. All dies hatte sie zu sehr aufgewühlt, was Liam im Fluge verstand, sie aber konnte nicht ahnen, dass es in jenem Augenblick in seiner Seele ähnlich aussah. Er küsste sie und nahm sie in den Arm.

»Meine wundervolle Elisabeth ...«, sagte er leise und trug sie kurz daraufhin in sein Schlafgemach zurück. Nach einer weiteren süßen Erschöpfung fielen beide in einen kurzen Schlaf, den die Kirchturmglocken von Sankt Marien zur 18. Tagesstunde unterbrachen. Elisabeth schreckte hoch, sah aber sofort auf der Uhr gegenüber des Bettes, dass sie noch Zeit hatte. Sie konnten ihren herrlichen Tag in Ruhe ausklingen lassen, und mit dem Versprechen, Liam am nächsten Abend am Mühlenteich an der verabredeten Stelle zu treffen, verabschiedete sie sich kurz vor 19 Uhr von ihm und begab sich auf den Weg zur Georgenkirche und somit zu der in Ungeduld verharrenden Frau Sprengel.

Die Gemahlin des Pastors saß tatsächlich mit gesenktem Haupt in der vordersten Reihe am Hochaltar. In den enormen Kirchenräumen war wie an jedem Tag um diese Stunde, kein Bürger anzutreffen, und Thea Sprengel bemerkte sofort Elisabeths hurtige Schritte, die wie ein feines Trippeln über den Backsteinboden halten. Sie erhob sich.

»Oh, Elisabeth – Kind!« Ihre Mimik und ihr halblauter Ton verdeutlichten eine große Gefühlsaufwallung als sie Elisabeth entgegenging und diese bei den Schultern fasste.

»Wie kannst du nur all die Stunden alleine bei diesem fremden Mann bleiben?! Was immer auch sein mag, Elisabeth, du bist eine verheiratete ...«

»Haltet an, Frau Sprengel! Bitte predigt mir nichts von Anstand und Sitte! Wenn Ihr wüsstet, was ich diesbezüglich über Paul Streeck - meinen ehrenwerten Gemahl - erfahren habe, würdet ihr vor Entsetzen in die Knie gehen.«

Elisabeth fasste nach den Armen der Pfarrersfrau, so, dass diese ihre Hände von den ihren nehmen musste. Thea Sprengel war es bereits in diesem Moment danach, in die Knie zu gehen, so sehr hatte sie Elisabeths Aussage und Auftreten überrascht, mit dem diese ihr die Rede unterbrochen hatte. Auf Thea Sprengels »Was sagst du da, Kind?«, packte Elisabeth deren Arme fester.

»Frau Sprengel, wie könnt Ihr Euch Sorgen machen, wenn ich bei einem noblen Menschen bin, der mir helfen möchte, meinem Leid zu entkommen?! Sucht Ihr wirklich immer noch ein Verständnis dafür, dass ein … Verbrecher, Dieb und Mörder mich misshandelt, nur, weil dieser in der Stadt Ansehen genießt? Ist es Euch gleichgültig zu wissen, dass mein Vater mich ihm verkaufen musste?«

Wie zu erwarten, wollte Thea Sprengel Elisabeths Worte nicht verstehen. Diese aber war so aufgewühlt, dass sie ihr näher erklärte, was durch Oberst Liam Lindkvist ans Tageslicht gekommen sei, und dass auch ihr Gemahl, der Herr Pfarrer, von all dem wusste sowie diese Untat begünstigen würde. Sie war sich sicher, dass die Pfarrersfrau vor Scham und Angst kein Wort davon weitererzählen würde.

»Oh Kind, in welche Abgründe begibst du hier deine Neugierde? Ist es so wichtig, dies alles erfahren zu müssen? Hier geht es doch in erster Linie um dein … um unser aller Ansehen in der Stadt, Elisabeth! Nun kann uns der schwedische Stadtkommandant mit Feuer und Schwert mehr zerschlagen, als dir selbst lieb sein wird.«

»Frau Sprengel!« Elisabeth deutete zur Westseite der Kirche, zum Haupteingang und zur Orgel, bei der das mächtige Triumphkreuz hing.

»Ich habe einzig und alleine unserem Heiland Rechenschaft abzugeben. Ihm sowie meiner selbst … und dem Mann, den ich liebe!«

Bei Thea Sprengel wollte diese Erklärung nicht zustimmend fruchten. Sie schlug sich die Hände vor ihr Gesicht, als hätte sie augenblicklich verstanden, dass Elisabeth sich heute jenem Mann hingegeben hatte und sie nun für ihn und gegen Paul Streeck, ihren Gatten - sowie jedem, der ihr im Weg stehen würde - in den Krieg ziehen wollte.

»Dir ist als Frau nicht das Recht gegeben, solche Dinge anzugehen, Elisabeth! Paul Streeck wird dich dafür vernichten. Der Schwede hat dir Unsinn in den Kopf gesetzt, so, wie sie es alle tun, gleich welchen Rang sie als Soldat haben. Sie nehmen törichten jungen Frauen wie dir die Ehre mit ihrem geschickten Gerede, und du kannst es später mit deinem Leben bezahlen. Der Herr stehe dir bei, Elisabeth!«

In Elisabeth stiegen nach diesen Worten Wut und Verzweiflungstränen hoch, doch sie wollte sich zusammenreißen.

»So sehr verweigert ihr der Wahrheit den Blick? Ich glaube nicht, dass Ihr dies alles wirklich denkt.« Nun war es Frau Sprengel, der die stummen Tränen überquollen.

»Du bist noch sehr jung, Elisabeth, und ich bete dafür, dass du diese Geschichte heil überstehen wirst, denn glaube mir: Für uns Frauen ist es in solch schweren Fällen besser, den Blick von der Wahrheit abzuwenden. Doch du, meine liebe Elisabeth, du hast heute zusätzlich einen Schritt getan, den du nicht mehr zurücknehmen kannst. Es steht dir im Gesicht geschrieben, und es ist nur zu hoffen, dass dein Ehemann es nicht lesen kann.«

»Sorgt Euch nicht! Den Schritt und das, was ich heute getan habe, werde ich niemals im Leben bereuen. Er war mehr als überfällig! - Lasst uns nach Hause gehen, Frau Sprengel! Es ist an der Zeit.«

Elisabeth hörte nur ein leises »Gott ... Kind! Deine Großmutter würde dich nicht mehr erkennen ...« woraufhin sie sich nur selbst still zunickte. Und wenn schon, dachte Elisabeth, auch ich habe Großmutter Else erst jetzt wirklich kennengelernt.

Vor der Haustür an der Lubekerstrate bat Elisabeth die Frau des Pastors zu deren großer Überraschung, dass sie diese die nächsten Tage nicht mehr zum Kirchgang abholen sollte. Sie begründete dies damit, dass sie der Pfarrersfrau nicht die Gewissensbisse antun wolle, eine verheiratete Frau zu ihrem schwedischen Galan begleiten zu müssen. Thea Sprengel errötete tief, fand aber keine Worte der Umstimmung, obwohl es ihr sehr am Herzen lag, nachdem sie von Elisabeth erfahren hatte, dass nun Piet diese die nächsten Tage begleiten sollte. Frau Sprengel war sich sicher: Würde sich Elisabeth auf diesen kleinen, gerissenen Halunken verlassen wollen, könnte sie rasch in eine noch größere Gefahr geraten.

Anton öffnete die Tür und ließ Elisabeth mit höflicher Verbeugung eintreten.

»Guten Abend, gnädige Frau Streeck, ich hoffe, es geht Ihnen wieder besser.«

»Danke Anton, noch nicht wirklich, aber ich möchte mein Abendgebet in Sankt Georgen beibehalten, so, wie es in meiner Familie üblich war«, entgegnete sie ruhig und fügte ein bestimmendes »Anton, schick mir meinen Bruder! Ich habe ihm Wichtiges über den Seifensieder zu berichten« hinzu.

Elisabeth musste auch kaum eine halbe Stunde warten, bis Piet zu ihr fand. Er hatte sich zu jener Stunde ausgiebig am Abendtisch bedienen lassen, schwankte ein wenig durch die Tür in Elisabeths Tagesraum und demonstrierte ihr mit ausladender Armbewegung und weinseligem Grinsen eine übertriebene Verbeugung.

»Ihr habt mich rufen lassen, gnädige Frau Streeck? Was kann ich für Sie tun?« Elisabeth schenkte seinem Auftritt Verachtung.

»Nichts Besonderes, du kannst auch gleich wieder gehen und weiter trinken. Ich möchte dich nur darauf hinweisen, dass du mich morgen, um 18 Uhr nach Sankt Georgen begleiten wirst und anschließend zum Altwismarer Tor. Von dort wirst du mich gegen 21 Uhr wieder abholen.«

»Waas? Wieso ich? Weshalb nicht die Frau des Pastors? Und wieso musst du dich mit deinem … Herrn Oberst vor der Stadt treffen?«

Elisabeth blieb weiterhin ruhig und erklärte ihrem Bruder kurz, dass sie Frau Sprengel die folgenden Tage nicht zusätzlich belasten wolle und es ihn - egal, wo sie sich mit Liam treffen würde - nicht das Geringste zu interessieren hätte. Piet wurmte Elisabeths Überlegenheit demonstrierende Kälte.

»Else, locke mich in keine Falle! Ich will den Gesellen nicht persönlich treffen. Ist das klar, Schwesterherz?«, keifte er gegen ihre Worte, und Elisabeth hatte im Fluge verstanden, dass Piet alleine schon bei dem Gedanken, er würde den Stadtkommandanten, Oberst Lindkvist, antreffen, das Totenhemd anhaben musste. Ihr huschte ein Lächeln über das Gesicht.

»Keine Bange, Bruderherz. Liam legt keinen Wert darauf, dich persönlich kennenzulernen. Es wäre Zeitverschwendung!« Piet versuchte Elisabeths Gelassenheit anzuheizen.

»Wenn dein hohes Ross dich ja nicht demnächst abwirft, Else!« Sie drehte sich um und blickte ihm fest in die Augen.

»Genau darüber solltest gerade DU nachdenken, Peter Hennings!« Piets Wangen wurden noch roter. Der Worte wurden nicht mehr viele gewechselt und jene wenigen nur, indem Elisabeth ihre Kleidung im Schrank zu richten versuchte.

»Na fein, aber gerissen von dir, dass du Anton gegenüber einer wichtigen Sache, den Seifensieder betreffend, aufgedrückt hast. Das hätte glatt von mir sein können ...«, musste Piet dennoch, Spitzzüngigkeit veranschaulichend, hinzufügen. Elisabeth blieb beherrscht, auch dann noch, als Piet bereits aus dem Raum gegangen war.

Kurz darauf begab sie sich in das eheliche Schlafgemach, wo sie jedoch mit leicht aufsteigendem Ärger das Kopfkissen und die Decke ihres Gemahls vom Bett auf den Boden warf und sich selbst in ihr eigenes Kissen wühlte. Nein, sie wollte sich an diesem Abend nicht einmal waschen. Liams Berührung, sein Duft auf ihrer Haut wollte sie, solange es möglich war, spüren.

Schließlich ummantelte sie eine heftige, gar angstbeladene Sehnsucht als sie noch lange an den Mann dachte, der sie zum ersten Mal und in jeder Hinsicht ihres Lebens Geborgenheit empfinden ließ und ein absolutes Glücksgefühl beschert hatte. Liam war ihre Rettung, ihre Zukunft und - so wie er ihr zu verstehen gab - war sie auch das Gleiche für ihn. Niemand und nichts durfte sich ihrem Lebensziel in den Weg stellen oder es gar zerstören wollen. Dem war sie sich genauso sicher, wie der Tatsache, dass sie damit einem großen Kampf die Ansage gemacht hatte. Sie atmete tief, versuchte mit der Erinnerung an Liams Zärtlichkeit dem dunklen Sinnen zu entfliehen und schlief ein.

 

Mittwoch, 8. August 1708

Der Tag verlief unter einer stets gegenwärtigen Anspannung. Nun, wo Paul Streeck auf Geschäftsreise war, wusste Elisabeth nicht, vor wem sie sich im Hause mehr in Acht nehmen sollte: Vor Anna, die im inneren Zwiespalt lebte, aber aus Furcht ihrem Herrn treu ergeben blieb; vor Anton - Streecks angeblichen Kammerdiener - der gewiss eher als dessen Auskundschafter arbeitete und von daher seinem Herrn entschieden alles berichten würde, was während dessen Abwesenheit im Hause geschah, oder vor Piet, der stets darauf achtete, von welcher Seite er größeren Nutzen erwarten konnte und vor welcher er sich hüten musste.

Ihrer Rechnung nach konnte sie in jenem Moment auf Piets Zuverlässigkeit vertrauen, selbst wenn er ihr diese nur aus Furcht vor Verrat anbot. Antons Aufmerksamkeit musste sie geschickt umgehen und Annas Mitgefühl gewinnen. So sann sie fast den ganzen Tag in ihren Räumlichkeiten nach, was weiterhin den Anschein erweckte, dass es ihr nicht wohl erginge.

Gegen 18 Uhr fand sich Piet bei ihr ein und warf sich bei ihr mit den Worten »Ich habe Anton erzählt, dass ich dich nach Sankt Georgen begleiten und anschließend durch die frische Luft führen würde. Schließlich solltest du zu rosigen Wangen und gesunden Kräften kommen, bis dein Gemahl wieder zurück sei« ins Zeug. Elisabeth hatte große Lust, diesem schmutzig grinsenden Gesicht eine Backpfeife zu verpassen, musste Piets Worte aber als ein Entgegenkommen ansehen. Sie zog ihre bänderlose Spitzenhaube über und erklärte sich zum Ausgang bereit. Piet musterte ihr moosgrünes Kleid mit Zweifel.

»Der Ausschnitt deines gestrigen Kleides war aber reizvoller. Das hier ist wieder eins für alte Jungfern.« Sie stieß ihn an der Schulter aus der Stubentür.

»Schäme dich, Piet! Ich bin eine verheiratete Frau!«, entgegnete Elisabeth in klarem Ton, denn es war ihr bewusst, dass Anton im gleichen Moment aus dem zweiten Wohnraum treten würde, um auf dem Flur anzuhalten. Er neigte seinen Kopf und lächelte Elisabeth ehrerbietig entgegen.

»Ich erlaube mir, Ihnen einen schönen Tag zu wünschen, gnädige Frau!«, sagte er mit einschmeichelnder Stimme. Sie nickte ihm mit einem kurzen »Danke« zu, und verließ mit Piet an ihrer Seite das Haus.

Auf dem Weg nach Sankt Georgen vermied Elisabeth es, mit ihrem Bruder zu reden, blieb aber - für die wenigen Bürger, die sich auf der Straße befanden - in sittsamer Nähe zu ihm. In der Kirche half er ihr sogar die frisch eingetroffenen Blumen, die Anna zustellen ließ, am Grabe der Verwandten und auch an dem von Paul Streecks Familie zu richten. Elisabeth entnahm einige davon und stellte sie vor den Hochaltar, dorthin, wo ihre persönliche Vase stand. Immer noch lag der goldene Knopf, den sie im vergangenen Dezember in der Sargmacherstraße gefunden hatte, seitlich dahinter. Ohne die im Schnee pickende Krähe und diesen Fund hätte sie sich wohl nie getraut, ins Kommandantenhaus zu gehen. Warum dies so war, konnte sie sich allerdings bis zu jenem Tag nicht erklären. Gewiss hatte all dies etwas mit dem schwarzen Krähenmann zu tun, dem Druiden aus Gotland. Welch unheimliche und bezaubernde Geschichte zugleich, dachte sie.

Schon eine halbe Stunde später waren die Geschwister kurz vor dem großen Stadttor gen Osten. Viele der Handwerker saßen in der Altwismarer Straße vor ihren Läden und verrichteten unter einer Sonnenschutzplane ihre Arbeit im Freien. Man hielt die Verkaufsräume im Sommer lange Zeit offen, damit die Arbeiter nach getanem Tageswerk noch vorbeischauen und etwas erwerben oder in Auftrag geben konnten. So beobachtete und grüßte man auch hier und da das nun gesellschaftlich aufgestiegene Geschwisterpaar auf seinem Weg zum Stadttor. Elisabeths Anspannung erhöhte sich, und auch Piet zeigte leichte Gereiztheit.

»Zum Teufel, was soll ich sagen, wohin ich dich jetzt bringe oder brachte? Das macht mich bald wahnsinnig! - Hier erkennt uns doch fast jeder.«

»An den Mühlenteich! Du begleitest mich an den Teich. Wir wollen heute Abend die Enten füttern, damit ich mich bei guter Luft etwas entspannen kann«, kam Elisabeths rasche Antwort.

»Aha, zum Mühlenteich bringt dich dein …« Piet hielt an, als ihn Elisabeths vorwurfsvoller Blick traf.

»… Oberst«, beendete er rasch.

»Vielleicht wirst du mir nochmals dankbar sein, Peter Hennings. Stelle dir nur mal vor, es gäbe keinen Paul Streeck mehr und dir würde sein Erbe zukommen. Also, bleibe besonnen!«, begann Elisabeth Piets Interesse zu wecken.

Er hielt an.

»So rede doch endlich! Was meinst du damit?«

»Noch nicht, Piet, alles zu seiner Zeit!« Sie waren am Tor angekommen. Liam hatte Elisabeth gebeten, sie solle hindurchgehen. Er würde zwischen Stadttor und Festung auf sie warten. Piet klatschte die Handflächen an seinen Justaucorps.

»Und was, zum Henker, soll ich nun zweieinhalb Stunden tun? Es darf doch keiner bemerken, dass ich nun alleine bin.«

»Geh die Stadtmauer hoch! Gleich gegenüber der Mühlengrube befindet sich eine nette Gaststätte, in der sich am Abend auch die schwedischen Wachleute treffen. Vielleicht laden sie dich zu einem Würfelspiel ein.«

Piet musterte seine Schwester mit entgeistertem Ausdruck. Wie maßlos beißend sie doch plötzlich sein konnte. Er kannte die kleine Gaststätte Zum Bachbett . Durchreisende konnten dort nächtigen, und im Wirtshaus gab es immer genügend Bier und auch etwas zu essen.

Na, warum eigentlich nicht?, dachte er sich. Schließlich kannte ihn dort gewiss keiner. So könnte er unter den dort Logierenden ein paar Runden ausgeben und einen netten Abend verbringen. Piet nickte seiner Schwester grinsend zu.

»Na, dann gehe es an, dass du zum Torschluss, um 21 Uhr, hier bist! Ansonsten könnte es Schwierigkeiten geben, würde uns Anton nicht gemeinsam zurückkehren sehen.«

Auch Elisabeth nickte schweigend, und so trennten sich ihre Wege vor dem Altwismarer Tor.

Sie konnte zügig die beiden Pforten des Stadttores, die mit einem Durchgang und Drehkreuz verbunden waren, passieren. Für wenige Sekunden dachte sie an Pavel Korden und an die Geschehnisse in der Seifensiederei. Diese befand sich gleich nördlich über dem Mühlenteich, dort, wo die Felder offen waren. In südlicher Richtung lag das eindrucksvolle Gewässer in einer geradezu märchenhaften Bewaldung, die bereits hinter der Bastion begann.

Hier, zwischen Stadtmauer und Befestigungsanlage, auf dem kahl gehaltenen Niemandsland, versuchte man immer schleunigst entweder in oder aus der Stadt zu kommen. Der schmale Weg führte direkt an eine der wuchtigen, militärisch bewachten Pforten, jener größten Festung ganz Europas. Wachsoldaten waren hier rege im Einsatz. Einige schienen zu Pferde die wuchtigen Mauern abzuschreiten oder das Umland zu kontrollieren. Es kam ihr ein Pferdefuhrwerk entgegen, das in die Stadt einlief. Gewiss war es einer der ersten Bauern, die ihr Tageswerk vollendet hatten. Ein Paar mittleren Alters saß auf dem Karren und in der Befürchtung, man würde sie erkennen, versuchte Elisabeth scheu ihren Blick abzuwenden. Weiteres Pferdegetrabe gesellte sich dazu. Es schien sie von der Stadtmauer her einholen zu wollen.

»Heej, min kärlek!«, hörte sie eine vertraute Stimme und spürte sogleich eine Hand an ihrer Schulter, als ein fuchsbraunes Pferd an ihrer Seite sichtbar wurde. Elisabeth drehte sich mit einem beglückenden Erschrecken nach rechts und sah einen erfreut lächelnden Liam hoch zu Ross. Er hielt seine Stute an, zog den linken Fuß aus dem Steigbügel und fasste nach Elisabeths Hand.

»Komm, steig auf, meine Liebe!«

Sie zögerte einen Moment mit einem Blick, der ebenso entgeistert, wie beglückt schien.

»Auf … das Pferd?« Sie musste selbst, genau wie auch er, über ihre aberwitzige Frage lachen und setzte sogleich ihren Fuß in den Steigbügel, während Liam nach ihrer Taille fasste, sie vor sich auf den Sattel anhob und an seinen Körper drückte.

»Elisabeth!«, sagte er mit einem feinen Lächeln und küsste sie spontan und leidenschaftlich auf den Mund, so dass ihr kaum Zeit blieb, um einen Gruß zu entgegnen und sie einen solchen durch das neu empfundene Glücksgefühl auch gar nicht mehr hervorbringen konnte. Sie hatte auch kaum wahrgenommen, dass Liam dieses Mal keine übliche Militärkleidung trug, sondern nur eine feine, haselnussbraune Wildlederweste auf seinem weißen Hemd mit den feinen Kragen- und Ärmeljabots. Ansonsten war er wieder mit einer seiner weißen Culotte bekleidet, dieses Mal aber in kniehohen, schwarzen Reiterstiefel. Er wirkte in dieser Kleidung eher wie ein junger Edelmann auf der Jagd als ein hoher Offizier.

So saß sie seitlich vor ihm, legte ihren Kopf an seine Schulter und ihren Arm um seinen Rücken.

»Gut so, halte dich fest! Dieses brave Pferd wird sich bemühen, uns sehr rasch an einen zauberhaften Ort zu bringen.« Liam ruckte die Zügel. Sie durchritten in forscher Eile die Tore der Festung und waren recht bald auf dem freien Feld außerhalb der Stadt. Hier ließ Liam ein halblautes »H å h!« ertönen, und seine braune Stute begab sich in einen recht schwungvollen Trab, der Elisabeth fast etwas zu gewagt schien. Doch es war ihr nur allzu klar, dass sie hier nicht bei einem einfachen Reiter, Jäger oder Soldaten zu Pferde saß, sondern bei einem Dragoneroffizier, der gewiss mit seinem Ross eine noch viel wildere Geschwindigkeit gewohnt war und diese auch im Griff hatte - und sie wusste vor allem, dass ihr bei ihm nichts passieren würde.

Ihr Ritt dauerte eine längere Zeit an. Liam hatte ihr erneut die Haube vom Kopf gezogen, welche sie flugs in der Tasche ihres Rockes verschwinden ließ. Nun konnte der Wind des eiligen Rittes ihr Haupthaar zerzausen, während sie sicher zwischen seinen Armen saß. Bäume verdichteten die offenen Felder, und das stahlblaue Wasser des Mühlenteiches glitzerte ihnen zur linken Seite mit seinen Silberstreifen entgegen.

Liam führte das Pferd durch einen kleinen Wald an den südwestlichen Ufern des Teiches. Hier gab es wunderschöne Ausbuchtungen, die in eine Schilflandschaft führten und den Blick auf die kleinen sattgrünen Inseln mitten auf dem spiegelglatten Wasser freigaben. An einer dieser Stellen stieg er ab, hob Elisabeth vom Pferd und fasste nach ihrer Hand. Ohne ein weiteres Wort, sondern nur mit der Sprache des Blickes führte er sie und sein Ross durch ein ziemlich dichtes Gestrüpp auf eine kleine grüne Wiese, die am Ufer des Teiches lag. Die enge Bucht wurde von gewaltigen Trauerweiden eingefasst, die einen Teil ihrer Zweige wie mit Blättern versehene Vorhänge ins Wasser und die restlichen auf den begrünten Boden fallen ließen. Seerosen in vielerlei Farben und Sorten umsäumten den Teich in Ufernähe. Das gesellige Quaken der Wildenten kam aus dem teilverdeckten Gewässer, und der Wohlgeruch hochsommerlicher Blüten erfüllte die Luft, die sich in der Unendlichkeit eines kornblumenblauen Himmels verlor.

»Das ist märchenhaft, Liam! Hier war ich noch nie in meinem Leben«, musste Elisabeth gestehen. Liam setzte sich in das halbhohe, dichte Gras, lehnte sich an den Stamm der breiten Weide, und Elisabeth gesellte sich dicht neben ihn.

»Ich hatte diesen Platz bereits vergangenen Herbst gefunden«, begann er gedankenversunken.

»Seither kam ich sehr oft hierher und das nicht nur zum Baden, sondern hauptsächlich, wenn ich von alledem, was ich hier bin und sein muss, Abstand haben möchte, nachdenken und Kraft schöpfen will. Außer dir, meine Liebste, habe ich noch niemanden hierhergebracht.«

Elisabeth war sich bewusst, was Liam ihr damit geschenkt hatte. An diesem Ort fand seine Seele Ruhe, war er ganz er selbst. Ohne all die militärischen Titel war er das, was er nie aufgehört hatte zu sein: Ein Mensch mit einem großen Herzen und sehr viel Feingefühl. Viel zu viel für einen Soldaten seines Ranges. Er erzählte ihr auch, dass er in Gotland und in Schweden solche Plätze in der Natur gefunden hätte und diese als persönliche Kraftstätten ansah. Heute allerdings hatte er sich vorgenommen, einen solchen Platz mit ihr zu teilen. Im gleichen Moment flogen einige quarrende Krähen aus den Bäumen über den Teich. Elisabeth hielt den Atem an. Liam aber lächelte und blinzelte ihr zu.

»Siehst du? Wir sind in guter Gesellschaft.«

So saßen sie unter den hängenden Zweigen der Weide, die sich vor ihnen wie ein grüner Vorhang öffneten, auf der abschüssigen Wiese direkt am Ufer. Von hier aus konnte man die Natur wunderbar beobachten und kleine Geheimnisse empfangen, wenn man diese zulassen würde, so Liam. Sein Pferd war in der Zwischenzeit das kurze Ufer entlanggelaufen und stand bereits bis über die Hälfte seiner Beine im Wasser, um sich zu erfrischen.

»Du hast recht, Liam. Ich glaube, solche Orte nehmen allem Bösen die Macht. Hier kann man gewiss über Dinge nachdenken und auch reden, ohne dass sie einem wehtun oder beängstigen könnten. «

»Genauso ist es, Elisabeth, und genau aus diesem Grund brachte ich dich auch hierher, damit auch deine Seele leichter wird. Wir werden diesen Krieg gegen deinen Vormund und alle verbrecherischen Wesen gewinnen, egal wer und was sich uns noch in den Weg stellen wird. Davon bin ich überzeugt, denn auf diesem Weg werde ich zu meinem Lebensziel gelangen – unserem Lebensziel!« Sie schmiegte sich in seinen Arm.

»Glaubst du, dass … unser Heiland und eure Gottheiten im Einklang miteinander sind? So etwas legt man bei uns als große Sünde aus.« Er nickte.

»Ich weiß, dass man das tut. Aber dem kann nicht so sein, denn alles, dass etwas Gutes vollbringen will, hält zusammen und stärkt sich gegenseitig. Diese Orte sind meine liebsten Kirchen, denn alle guten Geister geben dir hier ihre Zeichen. Du musst sie nur erkennen wollen. Auch wenn sie dir manchmal diese erst zu geben scheinen, wenn du kaum noch an sie glauben willst.«

Liam erkannte in Elisabeths Gesicht die Bitte einer Erklärung für seine Worte, und er zog sie näher in seinen Arm.

»Elisabeth, als ich dich im letzten Jahr vor dem Haus der Ruges antraf, konntest du keine Ahnung davon haben, was du in mir bewegt hattest. Du warst die lebendige Erinnerung an meine Zwillingsschwester Leah!« Liam erzählte ihr eine Geschichte, die sich vor 13 Jahren in Schweden abspielte, als er noch in der Militärakademie war und eine gewichtige Aufgabe verweigert hatte. Damals wäre der Aufruhr groß gewesen, und seine vorgesetzten Offiziere hätten ihm sogar mit Gefängnis gedroht, selbst noch, als sein Vater sich für ihn einzusetzen versuchte. In jener Zeit sei Leah ungeplant über Tage zu dem Generalmajor geritten, hätte wegen einer dringlichen Besprechung während dessen Dienstes um Einlass gebeten und bei dem hohen Herrn Hilfe für ihren Bruder ersucht. Der Generalmajor sei derart verblüfft gewesen, dass er tatsächlich zwei Tage später in der Hochschule erschienen wäre, um sich nach den Anschuldigungen gegen Liam zu erkundigen. Für die dortigen Offiziere wäre es zu einer großen Bloßstellung gekommen, als der hohe Besuch dem jungen Mann aus Gotland während seiner Unterhaltung mit demselben sein Einsehen für dessen Haltung ausdrückte. Er hätte sich sogar beeindruckt gezeigt über Liams kluge Ausdrucksweisen und sinnvolle Gegendarstellungen.

Die Beschuldigungen gegen ihn wurden sofort aufgehoben, und er erzielte einen durchaus glänzenden Abschluss. Die einzige Person, die unter dieser Handlung leiden gemusst hätte, sei Leah gewesen. Die Offiziere hätten sie angefeindet, Schmach über sie gebracht und dafür gesorgt, dass sich kein Mann mit ihr verheiraten wollte.

»Wer als Mädchen solch entschiedene Dinge wagt, wird früher oder später in Gefahr geraten«, fügte Liam hinzu.

»Jetzt verstehst du, weshalb ich dir bereits an jenem Tag sagte, dass du dich auf meine Hilfe verlassen könntest, würdest du sie benötigen, denn du hattest das gleiche Auftreten wie Leah. Das hatte ich auch erkannt, als du wegen der Angelegenheit mit dem Familiensiegel ins Kommandantenhaus kamst. Du wolltest entschlossen und furchtlos für deine Familie, für deinen Bruder eintreten. Dass ein solches Benehmen einer jungen Frau in eurem Land noch mehr Anstoß erwecken würde wie in unserem, war mir bewusst, und ich sorgte mich von daher wirklich sehr um dich ... vom ersten Moment an.« Er eröffnete Elisabeth, dass er sich nicht nur um sie sorgte, sondern dass sie auch in wundersamer Weise beim ersten Aufeinandertreffen einen tiefen Eindruck hinterlassen hatte und somit in seinen Gedanken und Herzen blieb. Nach ihrer Begegnung bei den Ruges war Liam noch am gleichen Tag zu seinem Freund, Bürgermeister Rathcke gegangen, um Auskünfte über eine Elisabeth Hennings zu erhalten. Von daher hätte er bei ihrer Ankunft im Kommandantenhaus, jenem Tag vor Heiligabend, auch bereits alles über sie gewusst.

»Du verstehst, wie schlimm ich es empfand, als ich nach meiner Rückkehr nach Wismaria feststellen musste, dass ich zu spät kam und dich somit nicht vor der Hochzeit mit diesem Unmenschen habe retten können. Zu spät – wie damals bei Leah und meiner Familie in Livland!« Elisabeth berührte sein Gesicht mit ihrer Hand, und er führte diese an seine Lippen.

»Nein, Liam, nicht wie damals! Ich lebe noch. Wir alle leben noch und werden dieses Unglück in unserem Dasein auch überleben. Jetzt bin ich mir sicher, dass es so ist!«

»Und ich bin mir fast sicher, Leahs Geist hat dieses Aufeinandertreffen ermöglicht. Da sie nicht heiraten konnte, derweil man sie um ihren Ruf gebracht hatte, sorgte sie sich die darauffolgenden Jahre ausschließlich um unsere Familie und um mich. Auch als Vater meine Hochzeit mit der Tochter eines Generals besiegelt hatte, blieb sie an meiner, unserer Seite.« Elisabeth sah ihn mit überraschtem, aber nicht erschrockenem Ausdruck an.

»Du … wurdest verheiratet?!«

»Natürlich, das ist in unseren, wie in euren höheren Kreisen üblich. Es war allerdings keine Heirat, die mich in eine Pein stürzte. Wir waren von Jugend aufeinander versprochen. Agatha war ein gutes Mädchen und eine ebensolche Ehefrau. Auch wenn es keine Liebesheirat von meiner Seite aus war, so konnte sich mit den Jahren aus Vertrautheit und Dankbarkeit die Liebe zu ihr einstellen. Als sie mir meinen Sohn schenkte, war unser Leben in Wohlklang. Dann … kam der Krieg.« Liam hielt gedankenversunken an und beendete seinen Satz mit einem scharf klingendem »… und dieser verdammte Krieg will kein Ende nehmen! Karl hört nicht auf seine Generäle - ist ein Hitzkopf, und dieser Unsinn wird erst sein Finitum erreichen, wenn wir irgendwann in hohem Maße gegen die Russen verlieren werden.« Er riss ein Büschel Gras aus.

»Mein Gott, Elisabeth. Für das, was ich soeben aussprach, könnte ich vor ein Kriegsgericht kommen!« Sie küsste Liam spontan auf den Mund.

»Deine Gedanken sind an diesem Ort gut aufgehoben!«

Elisabeth konnte Liams Ansicht teilen. Nur, sollte er in seiner Vermutung recht behalten, würde es erneut für die Stadt und ihre Bürger schlimm bestellt sein. Denn würden die Schweden gegen die Russen verlieren, könnten die Dänen Wismaria zurückerobern wollen, und Krieg und Zerstörung wäre erneut vor jeder Haustür. König Karl der XII. hatte ein Wespennest angestochen, und nun blieb nur zu hoffen, dass seine Truppen durchhalten und Wismaria seine stärkste Festung bleiben würde.

»Lass uns in dieser Stunde nicht weiter an Krieg und Leid denken, sondern nur darauf hoffen, dass eine baldige Nachricht vom schwedischen Beschwerdeführer kommt, damit wir Paul Streeck dingfest machen können. Ansonsten möchte ich meine Aufgaben in Wismaria nicht nur weiterhin in der militärischen Kontrolle sehen, sondern die Stadt gerne noch über lange Zeit in Frieden und Ordnung halten«, bemerkte Liam ruhig, während er über Elisabeths Haar strich.

Die Luft war immer noch sehr warm und sie spürten, dass ihnen die Kleider am Körper klebten, obwohl sie im Schatten saßen. Über den Teich hörte man die Marienkirche das letzte Viertel vor 20 Uhr schlagen. Liams Stute lief immer noch die Frische genießend durch das Wasser, als Liam seine Idee kundtat.

» Wollen wir es ihr gleichtun und auch ein Bad nehmen?«, fragte er lächelnd.

»Hier ist das Wasser nur einen Meter tief. Ich kenne es!« Er hatte Elisabeths überraschten Gesichtsausdruck erwartet.

»Ja - im Teich! «, scherzte Liam in Anspielung auf Elisabeths anfängliche Frage, ob sie auf sein Pferd aufsteigen sollte. Sie gab ihm einen liebevollen Klaps gegen die Brust und erhob sich.

»Na, dann wollen wir doch mal sehen, wer schneller im Teich ist!«

Nun war es Liam, der ihr mit einem kleinen erstaunten Lächeln entgegenblickte und regungslos erkannte, wie hurtig sie die Schnüre am Oberteil ihres Kleides löste, so dass dieses geradewegs auf den Boden fiel. Er biss sich vor Erstaunen über Elisabeths unerwartete Handlung auf die Unterlippe und blickte ihr regungslos nach, als diese geschwind in das Wasser rannte und einige Schwimmstöße hinaus in den Teich wagte. Beim Wenden spürte Elisabeth, dass noch immer Boden unter ihren Füßen war und ihr das Wasser nur bis knapp über die Brust reichte. Sie blickte lachend zum Ufer. Liam aber war nicht zu sehen. Wohin sie auch schaute, es gab keine Spur von ihm. Erneut wandte sie sich um und sah mit ansteigendem Herzklopfen über den Teich. Die Wasseroberfläche war regungslos glatt.

»Liam?«, entfuhr es ihr leise, und sie wollte ihre schlimmste Ahnung nicht aufkeimen lassen, als sie unter Wasser zwei starke Arme um die Taille packten und emporhoben.

Ein leichter Aufschrei war nicht zu vermeiden. Elisabeth verstand nicht, wie schnell er es geschafft hatte, sich seiner Kleider zu entledigen und ihr unbemerkt hinterher zu tauchen. Nun aber mussten sie gemeinsam lachen, und sie umarmten und küssten sich schließlich in herzlicher Leidenschaft.

So wetteiferten beide im Schwimmen, plantschten und bespritzten sich wie Kinder, bis zu dem Moment, als Liam sie aus dem Wasser auf das Grasbett am Ufer unter die Weide trug und sie alle Macht ihren Sinnen und ihrem Begehren überließen, während der grüne Vorhang der Weide sie umschloss, als wollte er sie vor dem Rest der Welt verstecken und vor allem Bösen schützen. Elisabeth war sich sicher, dass sie sich nicht mehr auf dieser Erde befand. Liam hatte sie gewiss in das Paradies entführt - oder war alles nur ein wundersamer Traum, aus dem sie rasch erwachen und sich neben Paul Streeck wiederfinden würde? Wie auch immer, diese Stunden konnte ihr keiner mehr rauben. Sie lagen in süßer Erschöpfung Seite an Seite, noch immer die Hände ineinander gefaltet. Liam hielt die Augen geschlossen. Er schickte ein stilles Gebet an alle Heiligen, Götter und Geister, das da lautete:

Bitte verlasst uns nicht! Ich bin zu jedem Kampf bereit, diene jener dem Guten, diene er Elisabeths und meiner … unserer Zukunft!

Eine l eichte Brise kam auf und wollte die feuchten, überhitzen Körper rasch abkühlen. Sie schlüpften erneut in ihre Kleider, aber man wollte den Platz nicht verlassen, und so saßen beide noch eine Weile unter ihrem Weidenzelt vor dem Mühlenteich und unterhielten sich über geheimnisvolle Dinge sowie über ihre gemeinsame Zukunft. Eine weitere volle Stunde war - so wie Sankt Marien ihnen verkündete - vergangen und Liam wusste, dass es Zeit war, um aufzubrechen. Gegen 21 Uhr würde man die Stadttore schließen, und man wollte mit einer eventuellen Verspätung kein Aufsehen erregen.

»Wenn du morgen um dieselbe Zeit am Poeler Tor sein kannst, können wir hinaus zur Meeresküste reiten. Dort habe ich zwar keinen Kraftort, aber wir wären meiner Heimat sehr nahe. Denkst du, Piet würde dir ein weiteres Mal helfen?«

»Er wird es tun, Liam, denn er hat gewaltige Angst vor dir …« Liam bemerkte, dass Elisabeth bei dieser Bemerkung keine Häme zeigte, sondern eher besorgt wirkte.

Details

Seiten
300
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738907575
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2019 (Mai)
Schlagworte
seelen dämmerung

Autor

Zurück

Titel: Seelen in der Dämmerung