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„Zieh, Johnny…Zieh!“

2017 130 Seiten

Leseprobe

„ZIEH, JOHNNY…ZIEH!“

 

JASPER P. MORGAN

 

Western

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Hugo Kastner, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

Sein Name ist berüchtigt und gefürchtet und zwingt ihn, auf dem rauen Trail der Männer vom schnellen Eisen zu reiten. 

Schon lange reitet Jonathan Ringo auf dem Trail der Geächteten, denn ein grausames Schicksal will es, dass er sich mit einem der gefürchtetsten Männer des Westens den Namen teilt. Immer wieder wird Jonathan gegen seinen Willen in Revolverkämpfe verwickelt und muss sich gegen Männer wehren, die ihr Leben riskieren, um damit prahlen zu können, den legendären Johnny Ringo bezwungen zu haben.

Als Jonathans Weg ihn in das beschauliche Halbmond-Tal in Arizona führt, ahnt er nicht, dass sich hier sein Schicksal erfüllen soll. Denn nur an ihm liegt es, einen drohenden Weidekrieg zu verhindern.

Und während der echte Johnny Ringo, von Gesetzlosen gejagt, um sein Leben reitet, wird für Jonathan Ringo der mit Leichen und Blei gepflasterte Trail der Geächteten enden – mitten in der Hölle oder in den Armen einer schönen Frau…

 

Ein spannendes, dramatisches und bleihaltiges Wildwest-Abenteuer, wie es die Leser lieben…

 

Vorwort

 

Viele Legenden ranken sich um berühmte und berüchtigte Heldenfiguren des Wilden Westens. John Wesley Hardin, Wild Bill Hickock, Buffalo Bill Cody, Kit Carson, Wyatt Earp und Doc Holliday, William „Billy the Kid“ Bonney oder William „Bill“ Longley – sie alle boten Stoff für Legenden und Geschichten, wurden als tapfere Kämpfer und berüchtigte Banditen gezeichnet, und sie waren die Helden Dutzender spannender Abenteuer, die ihnen in sogenannten “Penny Dreadfuls”, den billigen Spannungsromanen findiger Verleger von der Ostküste, angedichtet wurden.

Eine dieser eher berüchtigten denn berühmten Heldenfiguren war Johnny Ringo. Der Name „Ringo“ gehört seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert zu jenen Charakternamen, die man sofort mit dramatischen Revolverkämpfen, Verfolgungsjagden und Auseinandersetzungen in Verbindung bringt. So wurde Ringo im Umfeld von Wyatt Earp platziert, tauchte gar im legendären Revolverkampf am OK Corral in Tombstone auf, mit dem die Gebrüder Earp und Doc Holliday zu ewigem Ruhm gelangten, und ritt mit Jesse und Frank James. Er war Ordnungshüter und Outlaw, begleitete den Langreiter Curly Bill Brocious auf zahlreichen Raubzügen und war angeblich ein gefürchteter Revolverschütze.

Es versteht sich von selbst, dass ein solcher Mann, ein solcher Name auch lange nach seinem Tode zum Helden unzähliger fiktiver Abenteuer wurde. Ob es sich nun um Hollywood-Western handelte oder gar um eine eigene Reihe als Westernheld im europäischen Kino, als Held einer populären Cowboy-Ballade oder als ehemaliger Revolverheld, der sich in einer amerikanischen Fernsehserie als Gesetzeshüter und Streiter für Recht und Gerechtigkeit verdingte - möglich war alles.

Ich muss gestehen, dass auch mich die Figur, und insbesondere der Name, des Johnny Ringo schon seit meiner Jugend fasziniert hat. Was also lag da näher, als eine meiner liebsten Westernfiguren in einem Wildwestroman zu verewigen und zu würdigen?

Im vorliegenden Falle handelt es sich natürlich um ein fiktives Abenteuer, das der echte Johnny Ringo so nie erlebt haben dürfte. Aber die schriftstellerische Freiheit impliziert auch immer, dass er die geschilderten Ereignisse so oder so ähnlich erlebt haben könnte…

Somit schicke ich also den berüchtigten Revolverkämpfer Johnny Ringo in ein spannendes Abenteuer aus seinen letzten Tagen auf dem langen Trail der Gesetzlosen. Ob es zur selben Zeit im Westen Amerikas des ausgehenden 19. Jahrhunderts ähnliche Ereignisse gab, ist möglich, aber nicht bekannt. Etwaige Ähnlichkeiten mit tatsächlichen historischen Ereignissen sind daher rein zufällig.

Jasper P. Morgan

Im Januar 2017

 

 

 

1. Kapitel

 

Johnny Ringo!“

Die Stimme hallt über den Platz.

Kalt.

Fordernd.

Und sie duldet keinen Widerspruch.

Die Siedlung ist nur klein. Lediglich etwas mehr als ein Dutzend Häuser säumt eine staubige, von unzähligen Wagenrädern zerfurchte Straße. Ein Saloon, ein heruntergekommenes Hotel, ein Mietstall, ein General Store.

Das ist Glennville, Kansas.

Das fröhliche Lächeln verschwindet vom Gesicht des hochgewachsenen, schlanken Mannes, der sich eben von Sheriff Delbert Baines verabschiedet. Langsam dreht er sich um und blickt aus zusammengekniffenen Augen über die Straße.

„Ja, genau Sie meine ich, Mister!“, schallt es von der anderen Straßenseite herüber.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragt der große Mann ruhig, obwohl er die Antwort auf seine Frage bereits kennt.

„Sterben, Mister… Das können Sie für mich tun!“

„Sie reden mit dem falschen Mann“, sagt der Angerufene ruhig. Er weiß, was ihn erwartet, und doch bleibt er überraschend gelassen.

Die beiden Männer auf der anderen Straßenseite mustern ihn eingehend. Er ist etwa Mitte Dreißig, misst annähernd sechs Fuß und ist breitschultrig. Unter einem flachkronigen, schwarzen Stetson lugen dunkle Haare und ein sonnengebräuntes, markantes Gesicht hervor. Dichte Brauen über stahlblauen Augen, eine gerade Nase und scharf geschnittene, energische Lippen, auf denen ein permanentes ironisches Lächeln zu liegen scheint, verleihen diesem Mann ein sympathisches, wenn doch zugleich auch oft ernstes Aussehen.

Er trägt schwarze Levishosen, ein dunkelblaues Bib-Hemd mit dem markanten, breiten, beidseitig geknöpftem Brustbesatz, eine passende dunkle Tuchjacke, ein schwarzes, sorgfältig geknüpftes Halstuch und blankpolierte Stiefel. Die Jacke verdeckt teilweise einen tiefgeschnallten Revolvergurt und die dazugehörige Waffe.

„Sie sind Ringo!“, beharrt der Rufer.

Er und sein Begleiter sind etwas älter als der großgewachsene Mann. Sie machen einen ungepflegten Eindruck und tragen die verschwitzte, staubige Kleidung von Männern, die lange im Sattel gesessen haben.

Aber beide haben Revolver in ihren Patronengurten stecken, deren abgewetzte Griffschalen davon zeugen, dass sie die Waffen nicht nur zur Zierde mit sich herumschleppen, sondern dass sie mit ihnen umzugehen wissen.

„In der Tat“, bestätigt der große, dunkel gekleidete Mann. „Ich heiße Ringo. Jonathan Ringo. Aber ich habe mit dem berühmten Johnny Ringo nur den Nachnamen gemein. Wenn Sie mich nun entschuldigen würden, Gents...?“

Ringo nickt dem Sheriff noch einmal zum Abschied zu, tritt vom Vorbau herunter und steht mit wenigen Schritten neben dem Fuchswallach, der vor dem Sheriff’s Office geduldig auf seinen Reiter wartet.

Die beiden Männer treten aus dem Schatten des Hotels. „Sie können uns viel erzählen, Ringo. Sie haben ja keine Ahnung, wie lange wir schon hinter Ihnen her sind. Wir lassen uns nicht mit Ammenmärchen abspeisen wie dumme Grünschnäbel. Den ganzen Weg von Arkansas herauf sind wir geritten. Mein Bruder Randy ist bei uns zu Hause der Schnellste mit dem Schießeisen. Keiner hat ihn bisher schlagen können. Und wenn wir Sie erledigt haben, Ringo, wird der Name der Sloane-Brüder in die Geschichte des Westens eingehen. Also drehen Sie sich um, Ringo… und ziehen Sie!“

Die beiden Männer gehen ein paar Schritte auseinander und bleiben breitbeinig stehen. Ihre Hände schweben über den Revolvergriffen. Die Finger bewegen sich nervös.

Aber Jonathan Ringo schüttelt den Kopf. „Bedaure, Gents, dass Sie den weiten Weg hierher umsonst gemacht haben. Ich habe nicht die Absicht, mich mit Ihnen zu schießen.“

Ringo greift zum Sattelhorn, springt hoch und schiebt dabei seinen Fuß in den Steigbügel. So steigt er immer auf, und er kann sich dabei geschmeidig in den Sattel schwingen.

Doch diesmal kommt er nicht mehr dazu.

„Wenn du aufsitzt, knallen wir dich ab wie einen räudigen Coyoten, Ringo!“

Da greift Sheriff Baines endlich ein. „Schluss jetzt!“, ruft er streng. „Der Spaß geht zu weit! Ich dulde hier keine Schießerei!“

„Halten Sie sich raus, Sheriff. Wir lassen uns nicht abweisen, so wahr ich Dick Sloane heiße. Wenn Sie nicht ins Gras beißen wollen, bleiben Sie uns vom Leib, klar?“ Sloane dreht sich halb zu Sheriff Dell Baines um und legt seine Hand auf den Revolvergriff. „Und ich meine es ernst, Sheriff! Das hier ist kein Spiel! Haben wir uns verstanden?“

Jonathan Ringo nickt dem Ordnungshüter kurz zu, und Baines zieht sich in den Schatten seines Bürogebäudes zurück. Aber er macht sich kaum Sorgen um Ringo, denn dieser Mann hat ihm eine Zeitlang geholfen, in Glennville für Recht und Ordnung zu sorgen. Er trägt nicht nur den Namen des berühmten Revolverhelden, sondern er kann auch verteufelt gut mit dem Schießeisen umgehen. Vielleicht ist er nicht ganz so schnell wie sein berüchtigter Namensvetter, doch viel fehlt nicht.

Und das macht er durch schnelle Reflexe und unerwartete Reaktionen wett.

Der Sheriff schiebt den Hut nach hinten und runzelt die Stirn.

Die Sloane-Brüder wissen nicht, dass sie im Begriff sind, den Teufel persönlich vor die Eisen zu holen.

Aber vielleicht haben sie diese Lektion nötig.

„Nun, wie steht’s, Ringo? Willst du wie ein winselnder Coyote abgeknallt werden oder stellst du dich wie ein Mann?“ Dick Sloanes Stimme zittert vor Ungeduld.

Und da gibt sich Jonathan Ringo einen Ruck. Er streicht seinem Pferd kurz und liebevoll über die Nase, dreht sich dann um und schiebt den Aufschlag seiner Jacke zurück. Langsam geht er auf die Sloane-Brüder zu, ohne die beiden Männer aus den Augen zu lassen. Seine Augen funkeln ärgerlich, und um seinen Mund liegt ein entschlossener Zug.

Dick Sloane schluckt. „Bleib stehen, Ringo!“, ruft er, und die Nervosität in seiner Stimme ist nicht zu überhören.

Doch Ringo geht unbeirrt weiter.

Ruhig, ohne jegliche Hast, setzt er einen Schritt vor den anderen.

„Ich hab‘ gesagt, du sollst stehenbleiben!“ Sloanes Stimme überschlägt sich. Schlagartig macht sich Panik in ihm breit.

„Sie wollen sich mit mir schießen. Also tun Sie’s!“, gibt Ringo gelassen zurück.

Kaum sind die Worte des großen Mannes verklungen, als sich Randy Sloanes Anspannung in einem heiseren Schrei löst. Seine Hände stoßen nach unten und reißen die schweren Revolver aus den Kreuzgurten!

Sein Bruder Dick schreit ebenfalls auf und ist nur einen winzigen Augenblick langsamer. Aber auch seine Eisen scheinen förmlich aus dem Leder und in seine Hände zu springen.

Und die beiden sind wirklich schnell.

Aber wird es reichen, um einen Johnny Ringo auf den Trail in die Ewigkeit zu schicken?

Ringo fliegt zur Seite, als Randy Sloane zieht, und sein langläufiger 44er schwingt bereits hoch, als die Mündungen von Randys Colts noch zu Boden zeigen.

Ein einziger Schuss dröhnt peitschend durch die Straße!

Der Knall bricht sich an den Hauswänden und wird vom Wind davongetragen.

Randy Sloane wird vom Einschlag der Kugel halb herumgerissen und bricht in die Knie. Der rechte Colt fällt ihm aus der Hand, und von Schmerz und Schock übermannt lässt er auch den anderen Revolver sinken.

Dick Sloane aber starrt in die rauchende Mündung von Ringos Eisen. Sein Mund wird auf einmal trocken. Er bringt nur krächzende Laute über die Lippen und bemüht sich, die Hände von den Schießeisen zu nehmen.

Nie zuvor ist Dick Sloane dem Tode so nah gewesen...

Ringo bleibt stehen.

Leicht geduckt, die Waffe tief an der Hüfte im Anschlag, so steht er in der Straße und hält die beiden schießwütigen Brüder in Schach. Verärgert beobachtet er, wie Dick Sloane zu seinem Bruder stürzt und ihn in die Arme nimmt.

„Er braucht einen Arzt!“, stößt Sloane heiser hervor.

Da schüttelt Ringo bedauernd den Kopf und sagt:: „Ich glaube, er braucht mehr als das. Er braucht Abstand von Ihnen, Sloane. Was sind Sie nur für ein Mensch, der bereit ist, für einen zweifelhaften Ruhm seinen eigenen Bruder in den Tod zu hetzen?“

Ringo blickt verächtlich zu Sloane hinüber, dann geht er zu seinem Pferd, schwingt sich geschmeidig in den Sattel und reitet davon.

Ohne ein weiteres Wort des Abschieds, ohne zurückzuschauen verlässt er die Town.

Lynnville, Kansas, ist nur eine Zwischenstation auf einem langen, schier endlosen Trail gewesen…

 

 

2. Kapitel

 

Colorado.

Frühling 1882.

Die zerklüfteten Felsregionen der Rocky Mountains dienten damals zahlreichen Outlaws und Geächteten als Schlupfwinkel vor dem Gesetz. Die Rockies waren als Versteck ebenso beliebt wie der berüchtigte, aber nur Eingeweihten bekannte „Owlhoot Trail“, jener legendäre Trail der Gesetzlosen, der sich in zahllosen Nebenstrecken und Verzweigungen durch den gesamten amerikanischen Westen zog, und das als Banditenversteck weithin bekannte Hole-in-the-Wall, das „Loch in der Wand“ im nördlichen Wyoming. Die Gesetzeshüter, die den Banditen bis hierher gefolgt waren, gaben die Jagd an diesen Punkten meist auf, denn die Chance, die Gesuchten in diesen Felslabyrinthen zu finden, war nicht besonders groß. Weitaus größer hingegen war die Wahrscheinlichkeit, dass eine aus dem Hinterhalt abgefeuerte Kugel einen Verfolger aus dem Sattel holte.

Zu den Outlaw-Banden, die sich durch dreiste und brutale Überfälle im Westen einen Namen machten, gehörte unter anderen die James-Younger-Bande und ein wild zusammengewürfelter Haufen, der von Curly Bill Williams angeführt wurde. Sogar von Wyatt Earp und seinen Brüdern wurde behauptet, dass sie ihr Marshalsgehalt hin und wieder durch Raubüberfälle aufbesserten, aber beweisen konnte man ihnen nichts. Wie skrupellos sie sein konnten, hatten sie in der legendären Schießerei im O.K. Corral in Tombstone bewiesen.

An einem jener Tage, als der Stern eines wilden, gesetzlosen, unbezähmbaren und unzivilisierten Landes bereits langsam am Verglühen ist, führt ein großgewachsener, dunkelhaariger Reiter seinen Grauschimmel durch eine schmale Spalte in einer Felswand.

Das Pferd schnaubt unwillig. Es hat diesen Weg zwar schon mehrere Male gehen müssen, scheut aber immer noch vor den schroffen Felswänden zurück, die das Tier und seinen Reiter zu erdrücken drohen.

Ein sanfter, aber bestimmter Schenkeldruck erstickt den Widerstand des Grauen. Die Stiefel des Reiters schaben zu beiden Seiten des Tieres am Fels entlang. Dumpf klappern die Hufeisen auf dem Gestein.

Als der Reiter das Ende des Felsspalts erreicht hat, ist ein metallisches Schnarren zu hören. Sofort zügelt der Mann sein Pferd, gibt sich aber betont entspannt. Nur sein Arm schiebt sich nach hinten, und seine Hand nähert sich dem Kolben des Revolvers am rechten Schenkel.

„Lass nur hübsch die Finger von der Kanone, Mister! Halte die Hände so, dass ich sie sehen kann, und komm langsam näher!“

Die Stimme bricht sich an den Felswänden. Der Sprecher ist nirgends zu sehen.

Der Reiter atmet tief durch und verlässt die Felsspalte.

Er muss nicht lange reiten, dann öffnet sich vor ihm ein Felsenkessel, auf dessen Grund eine kleine Blockhütte zu sehen ist. Aus einem Schornstein an der Seite des Blockhauses kräuselt Rauch. Nicht weit entfernt sind ein schmales Rinnsal und eine ausgedehnte Stelle, an der sogar Gras wächst und einige verkrüppelte Bäume Wurzeln gefasst haben, zu erkennen.

Als der Grauschimmel den Rand des Kessels erreicht hat, springt hinter ihm eine drahtige Gestalt behände auf den Boden. Die Mündung eines Repetiergewehrs ist auf den Rücken des Reiters gerichtet.

„Nur immer weiter, Mister!“, befiehlt der Mann mit dem Gewehr. „Curly Bill wird sich über deinen Besuch mächtig freuen. Es wird verdammt noch mal Zeit, dass wir etwas Abwechslung bekommen. Hier oben finden uns zwar die Sternträger nicht, aber dafür ist es todlangweilig!“

Der großgewachsene Reiter lenkt sein Pferd zur Hütte hinunter. Der Mann mit dem Gewehr folgt in geringem Abstand.

„Wen schleppst du denn da an, Toby?“

Der dröhnende Bass gehört zu einem massigen Burschen, der aus dem Blockhaus tritt und sich dabei ducken muss, um sich nicht den Kopf am Türrahmen anzuschlagen.

Gut und gerne seine zweihundertfünfzig Pfund mag dieser Mann wiegen, und er ist ein wahrer Riese, mit gewaltigen Muskeln, über denen sich der Stoff seines abgetragenen Flanellhemdes spannt, sowie einem dichten, mit grauen Strähnen durchsetzten Bart und wirrem, graumeliertem Lockenhaar, das ihm den Namen Curly Bill eingebracht hat.

„Ich hab‘ ihn oben an der Spalte geschnappt, Bill! Er hat sich bestimmt verirrt. Zu dumm aber auch, dass er unser Versteck gefunden hat. Aber wir werden schon unseren Spaß mit ihm haben!“, antwortet Toby, der als Wache am Zugang zum Felsenkessel postiert gewesen ist.

Curly Bill Williams schaut zu dem Reiter hin. Die zusammengekniffenen Knopfaugen verleihen seinem bärtigen Gesicht ein finsteres Aussehen.

„Ringo!“

Ehe Williams etwas zu dem Reiter sagen kann, saust eine zierliche Gestalt an ihm vorbei.

Der Reiter schwingt sich aus dem Sattel und fängt das blonde Mädchen mit beiden Armen auf. Er hält sie eng umschlungen, wirbelt sie herum und küsst sie wild.

Williams stemmt die gewaltigen, dicht behaarten Fäuste in die Hüften und betrachtet sich die stürmische Begrüßung eine Weile, ehe er das Wiedersehen grollend unterbricht. „Genug jetzt! Zum Knutschen habt ihr später noch Zeit!“, bellt er schließlich.

Der großgewachsene Reiter löst sich aus den Armen des Mädchens und geht auf Curly Bill zu. „Hätte nicht gedacht, dass ich dich tatsächlich hier finden würde, du Beutelratte!“, ruft er grinsend.

Curly Bills Gesicht verfinstert sich noch mehr. „Wieso bist du nicht unter dem Stein geblieben, unter dem du dich verkrochen hast, Ringo?“

Das Grinsen verschwindet von Ringos verwittertem Gesicht und weicht einem finsteren Ausdruck, der deutlich macht, dass dieser Mann ungemein gefährlich werden kann und mit ihm nicht gut Kirschen essen ist.

„Du hast gut reden, Bill. Du warst es doch, der sich verzogen hat, als die Knallerei zuviel wurde. Es konnte ja keiner von uns ahnen, dass man da unten in Harperville auf einen Überfall vorbereitet war. Aber statt den Jungs und mir den Weg freizuschießen, hat sich der berüchtigte und mächtige Curly Bill Williams auf einmal in die Hosen gemacht und ist abgehauen, bevor er angefangen hat zu stinken!“

„Du verdammter...“

Curly Bill stiert Ringo entgegen, der sich in Rage geredet hat und mit weit ausgreifenden Schritten herangestapft kommt. Und er weiß, dass jedes Wort der Wahrheit entspricht. Nur kann Curly Bill Williams diese Wahrheit nicht ertragen. Und Kritik erträgt schon zweimal nicht.

Und deshalb greift er jetzt zum Revolver!

Aber genau das ist der größte Fehler, den er in dieser Situation hätte machen können.

Der massige Bandenführer hat die Waffe bereits halb aus dem Leder gerissen, als Ringo mit voller Wucht gegen ihn prallt.

Die Blockhütte erzittert, als Curly Bills muskelbepackter Körper wuchtig gegen die Hauswand geworfen wird. Mit einem lauten „Uff!“ entweicht die Luft aus Bills Lungen.

Er wird von Ringos Aktion völlig überrascht.

Ringos geballte Rechte rast auf Curly Bills Gesicht zu und rammt dicht über dem wuchernden Bart gegen die breite Nase.

Blut spritzt und verteilt sich in breiten Schlieren auf den Wangen, tropft in das Bartgestrüpp.

Von Schmerz und Zorn erfüllt brüllt Curley Bill auf, und es klingt wie das Röhren eines brunftigen Elches.

Mit einem harten Hieb fegt Ringo das Eisen aus Williams‘ Hand und bearbeitet dann den massigen Körper des Bandenführers mit schmerzhaften, harten, unnachgiebigen Fausthieben.

Es dauert ziemlich lange, bis Curly Bill seine Überraschung überwunden hat und sich wehrt. Aber dann durchbricht er mühelos Ringos Schläge. Beinahe achtlos fegt er die Arme seines Gegners beiseite und holt Ringo schließlich mit zwei gewaltigen Schwingern von den Beinen.

Wutschnaubend stampft Curly Bill auf Ringo zu und versucht, ihm den Stiefel ins Gesicht zu rammen.

Im letzten Moment kann Ringo den gemeinen Tritt abfangen!

Wie die Backen eines Schraubstocks legen sich seine Hände um Curly Bills Knöchel. Er dreht das Bein herum, und als Bill schwankt und um sein Gleichgewicht ringt, tritt ihm Ringo das Standbein weg.

Wie eine gefällte Eiche kracht der Banditenboss zu Boden!

Im nächsten Moment ist Ringo über ihm und lässt seine Hiebe auf ihn niederprasseln, bis Curly Bill nur noch röchelt und Blut und Zähne spuckt.

Erst dann lässt Ringo von ihm ab.

Breitbeinig bleibt er über Curly Bill stehen. Seine Hand ist nicht in der Nähe des Revolvergriffs, aber das ist auch gar nicht nötig.

Ringo ist so schnell mit dem Eisen, dass er jedes andere Mitglied der Bande mühelos bezwingen könnte.

„Du... bist die längste... Zeit mein Stellvertreter... gewesen“, bringt Curly Bill Williams unter lautem Gurgeln hervor.

„Ich pfeife drauf! Vier gute Jungs hast du auf dem Gewissen, Williams, und zwei weitere werden baumeln, falls sie ihre Schussverletzungen überleben! Du solltest an ihre Stelle treten, Williams! Hätte nie gedacht, dass du ein mieses, gelbgestreiftes Stinktier bist. Du hast sie geopfert, um deinen eigenen feigen Hintern zusammen mit der Beute in Sicherheit zu bringen! Um ein Haar wäre auch ich dabei draufgegangen. Dafür sollte ich dich eigentlich abknallen wie den stinkenden Coyoten, der du bist, aber du bist die Kugeln nicht wert!“

Verächtlich spuckt Ringo dem Bandenboss zwischen die Beine und wendet sich ab.

Die umstehenden Langreiter weichen vor ihm zurück. Sie wissen, dass mit Johnny Ringo nicht gut Kirschen essen ist, wenn die Wut in seinem Inneren tobt. Und so wütend wie an diesem Tag haben sie ihn noch nie erlebt.

„Niemand darf es wagen, so mit Curly Bill Williams zu reden!“

Die schrille Stimme des jungen Clay Hollister klingt seitlich von Ringo auf. Die Nervosität des Jungen ist ihm deutlich anzuhören. Erst vor wenigen Tagen ist er zur Williams-Bande gestoßen und kennt Ringo noch nicht. Wohl ist ihm der Name des Schießers Ringo geläufig, doch er beeindruckt ihn nicht. Für ihn ist Curly Bill Williams ein Held, der schon im Krieg zwischen Nord und Süd auf der Seite der Rebellen gekämpft hat und dabei ziemlich rücksichtslos vorgegangen ist. Curly Bill hat alles erreicht, was er sich vorgenommen hat, und das will dieser junge Heißsporn Clay auch.

„Lass ihn in Ruhe!“, gurgelt Curly Bill.

„Er hat dich beleidigt, Bill! Niemand darf dich ungestraft beleidigen! Nicht mal, wenn er Ringo heißt...!“, kreischt Clay schrill.

Ringo ist es leid, sich immer wieder jungen Hitzköpfen stellen zu müssen, die aus nichtigem Grund ihr Leben wegwerfen, als sei es nichts wert.

„Geh nach Hause zu deiner Mutter, Sonny, und komm wieder, wenn du erwachsen geworden bist“, sagt er ruhig und geht weiter.

Doch Clay ist nicht nur hitzköpfig, er ist auch stur. Mit einem weiten Satz springt er über Curly Bill hinweg. „Bleib stehen, du verdammter…!“

Weiter kommt der junge Heißsporn nicht.

Das blonde Mädchen hat Clays Absicht längst erkannt und schreit gellend. „Pass auf, Ringo!“

Gleichzeitig brüllt Curly Bill: „Mach keine Dummheiten, Junge!“

Noch während die Stimmen verklingen, hält Clay bereits seinen Colt in der Hand, steht in den Knien eingeknickt und fächert mit der Linken den Hammer zurück!

Insgeheim ist Ringo erstaunt. Er hat nicht damit gerechnet, dass der Junge tatsächlich ziehen, geschweige denn die Waffe in Anschlag bringen würde. Aber Clay ist dennoch kein ernstzunehmender Gegner für ihn. So, wie er die Sache sieht, hat der Junge bisher noch nie auf einen Menschen geschossen.

Und genauso ist es auch.

Einen Augenblick lang ist Clay unsicher. Der Lauf seines Revolvers zittert unmerklich, die Hand liegt noch am Hammer.

Und dann dröhnt Ringos schwerer 44er!

Ringo hat seine Schritte nicht unterbrochen, hat nicht mal genau geschaut, wohin er schießen muss.

Er hat einfach gezogen, abgedrückt und das Eisen wieder ins Holster geschoben.

Jetzt nimmt er die blonde Jessie in die Arme und bekommt nicht mehr mit, wie Clay fassungslos auf den Revolver in seiner Hand starrt. Der Lauf zittert nun stärker. Die Waffe wird zu schwer und senkt sich. Clay bemüht sich, den Colt hochzubringen, schafft es aber nicht mehr. Nun erst spürt er den Schmerz, der sich in seinem Körper ausbreitet.

Der junge Heißsporn bricht in die Knie und kippt zur Seite weg.

Keuchend kriecht Curly Bill auf den zitternden Jungen zu und dreht ihn herum. Ringos Kugel hat ihn dicht unter dem Schlüsselbein erwischt. Mit etwas Glück wird er am Leben bleiben. Aber seine Zeiten als Revolverheld und Bandit sind bereits vorbei, noch ehe sie richtig begonnen haben.

„Jessie! Halte dich von ihm fern! Komm sofort her!“, hallt Curly Bills Reibeisenstimme zwischen den Felswänden, aber Ringo und das blonde Mädchen schenken ihm keine Beachtung.

Curly Bill Williams bebt vor Wut. Er sucht nach seinem Revolver und blickt hilflos zu den umstehenden Männern auf. Aber keiner von ihnen wird es wagen, sich Ringo in den Weg zu stellen. Nicht jetzt, da er so wütend ist. Nicht, nachdem sie gesehen haben, wie es Clay ergangen ist.

Curly Bills Männer sind verwegene, skrupellose Typen. Aber sie sind nicht lebensmüde...

 

 

3. Kapitel

 

Oh Johnny, ich hatte schon befürchtet, dich nie wiederzusehen!“

Jessie schmiegt sich an ihn und legt ihren Kopf gegen seine starke Schulter. Süße neunzehn Jahre ist sie jung, weizenblond, und sie hat ein schmales, hübsches Gesicht, leuchtend grüne Augen und einen Mund mit vollen Lippen, der so herrlich küssen kann.

Sie ist Curly Bill Williamss kleine Schwester. Der Bandenchef hütet sie wie seinen Augapfel. Doch als Ringo einst zu der Bande stieß, verliebte sich Jessie sofort bis über beide Ohren in ihn. Damals konnte Curly Bill nichts dagegen unternehmen. Aber er wusste, dass Ringo die Zuneigung der kleinen Jessie nur ausnutzte.

Und daran hat sich bis zu diesem Tag nichts geändert. Davon ist Curly Bill Williams felsenfest überzeugt.

Ringo küsst Jessie sanft und zieht sie mit sich, bis sie hinter den Bäumen verschwunden sind und von der Hütte aus nicht mehr gesehen werden können. Sie erreichen eine niedrige Uferböschung, die zu dem schmalen Bachlauf führt, dessen klares, kaltes Wasser munter dahinplätschert.

Am Ufer lassen sie sich nieder. Ringo hebt einige Kiesel auf und wirft sie in den Bach, wo sie gluckernd versinken.

„Unrasiert siehst du völlig verändert aus“, meint Jessie. „Um ein Haar hätte ich dich nicht wiedererkannt.“

Ringo fährt mit den Fingern durch den dichten, braunen Bart, der sein Kinn und einen Teil der Wangen bedeckt.

„Wo hast du nur so lange gesteckt?“

„Ich musste erst ein paar Verfolger abschütteln“, erklärt Ringo ausweichend. Alles, was in Harperville reiten und eine Kanone halten konnte, war mir auf den Fersen. Die Bluthunde hatten sich aufgeteilt. Es war ein richtiges Kesseltreiben. Ich musste mir dann auch noch ein anderes Pferd besorgen. Meinen Braunen haben sie mir einfach unter dem Sattel weggeknallt, diese Mistkerle. Und wem habe ich den ganzen Ärger wohl zu verdanken, hm?“

Jessie krault Ringos Nacken. „Sei nicht so nachtragend. Du hast ihm eine Abreibung verpasst, und damit ist es genug.“

„So nah war ich dem Strick noch nie, Jessie. Das ist nicht so leicht zu verdauen… und erst recht nicht einfach zu vergessen.“

„Ich hole dir dein Rasierzeug. Das Gestrüpp muss ab. Es kratzt beim Küssen. Du machst dich frisch, und danach sieht die Welt schon wieder ganz anders aus.“ Sie küsst Ringo im Nacken. „Und vielleicht bekommst du dann auch eine Belohnung, die dir schon lange zusteht...“

Leichtfüßig eilt das Mädchen davon. Ihr helles Kichern hallt noch lange zu Ringo hin.

Seltsam, denkt der Outlaw, warum habe ich mich denn bisher bei diesem süßen Geschöpf zurückgehalten? Ich bin doch sonst auch nicht so zimperlich. Da soll einer die Weiber verstehen...

Wenig später kauert Jessie wieder am Ufer und beobachtet Ringo beim Rasieren. Keine seiner Bewegungen entgeht ihren Blicken, und ein eigentümlicher Glanz schimmert in ihren blauen Augen. Sie lässt die entblößten Füße im kalten Wasser baumeln und stützt sich auf beide Unterarme.

Auch Ringo ist das verträumte Lächeln einer verliebten Frau auf ihren Lippen nicht entgangen.

Bedächtig schabt er mit dem Rasiermesser über sein Kinn. „Ich werde die Bande verlassen, Jessie“, sagt er auf einmal.

Das Gesicht des Mädchens wird ernst. „Bitte geh nicht, Johnny. Ohne dich wird die Bande nicht bestehen können. Und ich brauche dich auch. Bleib bei uns, Johnny.“

Er verzieht schmerzerfüllt das Gesicht, als er sich am Kinn schneidet. „Ich kann nicht.“

Lange erhält er keine Antwort. Schweigend beendet er seine Rasur und spült sich den Seifenschaum aus dem Gesicht. Das kühle Nass fühlt sich gut an auf seiner Haut.

Als er sich aufrichtet, hörte er ein leises Rascheln.

„Vielleicht änderst du ja deine Meinung.“ Jessies Stimme hinter ihm klingt verführerisch.

Er dreht sich zu ihr um und erstarrt.

Sie trägt nur noch Unterwäsche. Ein weißes Miederhemd und eine Unterhose, die ihr bis zum Knie reicht, bedecken ihren zierlichen, mädchenhaften Leib.

Ringo spürt, wie das Blut in seinen Adern zu kochen beginnt. Er will etwas sagen, doch er bringt nur ein Krächzen zustande.

„Jetzt siehst du wenigstens wieder aus wie ein Mensch“, meint Jessie Sie kommt zu ihm und schmiegt sich an ihn. Ihre Lippen finden seinen Mund, und ihre Zunge geht auf Wanderschaft.

Der erfahrene Liebhaber in ihm kann nicht anders – sacht streichelt er ihren Hals, fühlt den rasch pochenden Puls unter ihrer zarten Haut.

Ein wohliger Schauer lässt Jessie erbeben. Sie ergreift seine Hände und führt sie über den dünnen Stoff ihres Mieders zu den festen, kleinen Rundungen, die sich darunter abzeichnen.

Ringo atmet heftiger. Die Lust ist in ihm erwacht. Das Blut pulsiert glühendheiß durch seine Lenden. Ihm wird bewusst, wie sehr er dieses Girl begehrt.

Ja, er will dieses Mädchen besitzen!

Jessie kommt ihm zuvor.

Mit fliegenden Fingern knöpft sie sein Hemd auf. Sie streicht über seine behaarte Brust und lässt ihre Zunge über seine Haut gleiten.

Das ist mehr, als Ringo ertragen kann.

Als Jessie ungeschickt an seinem Hosengurt nestelt, bäumt er sich auf.

Es bedarf all seiner Willenskraft, nicht bis zum Äußersten zu gehen. Ein raubtierhaftes Knurren löst sich aus seiner Kehle. Er presst das blonde Girl an sich. Seine Hände sind wie Krallen und zerren einen Moment lang ungeduldig an der dünnen Unterwäsche, die Jessies Reize kaum zu verbergen vermag.

Dann aber löst er sich aus ihrer Umarmung und wendet sich abrupt von ihr ab, geht zum Wasser und schöpft mit beiden Händen von dem kalten Nass, benetzt sein glühendes Gesicht und seinen nackten Oberkörper, um die Hitze der Begierde abzukühlen, die seinen Körper erfüllt.

Jessie keucht. Sie starrt ihm nach, und ihre Augen verengen sich zu schmalen Schlitzen. Wütend und enttäuscht zugleich presst das Mädchen die Lippen aufeinander, stemmt die kleinen Hände in die schmalen Hüften und schüttelt unwillig den Kopf.

Was soll sie nur von dem seltsamen Verhalten dieses Mannes denken, den sie so sehr begehrt? Wie sehr hat sie diesen Augenblick herbeigesehnt, an dem sie sich ihm schenken und endlich eine Frau sein will.

Seine Frau.

Die Frau des berühmten und berüchtigten Revolverhelden Johnny Ringo!

Jessie nähert sich ihm schließlich mit sanft wiegenden Hüften. Als er sich zu ihr umdreht, klatscht ihre Hand in sein Gesicht.

Dann wirft sie sich in seine Arme und trommelt mit ihren kleinen Fäusten gegen seinen Brustkorb. „Du Schuft!“, schluchzt sie, und die Tränen, die über ihre Wangen strömen, lassen ihn um ein Haar schwach werden. „Dies ist der perfekte Moment, damit wir endlich eins werden können, damit ich endlich ganz dir gehören kann, und was machst du? Du verschmähst mich! Wie kannst du mir das nur antun, Johnny? Wie kannst du mir so sehr wehtun?“

Er nimmt ihre Stimme kaum wahr. Das Blut rauscht in seinen Ohren. Ihm wird gleichzeitig heiß und kalt. Er hat schon viele Frauen gehabt, aber keine ist so aufregend und so begehrenswert gewesen wie Jessie.

Ihre Lippen finden sich, ihre Zungen spielen miteinander. Es ist ein Geben und Nehmen, fordernd und hingebungsvoll zugleich. Jessie sehnt sich danach, seine Hände auf ihrem heißen Körper zu spüren und unter seinen Berührungen zu erbeben, aber Ringo hält sich immer wieder zurück.

Endlich gibt er ihrem Drängen und seinem Verlangen nach. Die Begierde ist einfach zu stark, er muss ihr erliegen!

Längst hat sie das Miederhemd geöffnet, und seine Lippen gleiten über ihre samtweiche Haut. Der Anblick ihres von langen, blonden Lockensträhnen nur unzureichend verhüllten Körpers droht ihm den Verstand zu rauben. Er zieht sie an sich, küsst sie leidenschaftlich und führt seine Lippen dann über ihren Hals nach unten.

Jessie biegt ihren Rücken durch. Ein triumphierendes Lächeln breitet sich auf ihren Lippen aus.

Jetzt!, denkt sie. Jetzt ist es soweit. Jetzt gehöre ich dir, Johnny Ringo!

Ringo atmet heftig.

Jessie spürt die Wärme seines Körpers, die Härte seiner Muskeln, die unter der Haut spielen, und sie weiß, dass sie nur noch ein paar Schläge ihres wild pochenden Herzens davon trennen, in Johnny Ringos Armen die Erfüllung zu finden…

Das Girl schließt die Augen, und ein eigentümliches, nie gekanntes Gefühl der Schwerelosigkeit und des zum Greifen nahen, grenzenlosen Glücks erfüllt sie.

Ja, sie lässt sich fallen und gibt sich diesem Mann, dem Mann ihrer Träume, vollkommen hin. Nun muss er nur noch diesen einen, winzigen Schritt gehen und sie mit sich hinübernehmen in ein neues Leben, ein Leben an seiner Seite…

Und diesen letzten, alles entscheidenden Schritt geht Johnny Ringo… nicht!

Ruckartig wirft er den Kopf zurück, stößt einen tief in der Kehle geborenen Schrei aus und befreit sich entschlossen aus Jessies Armen, wirft sich nach hinten und in die eiskalten Fluten des Baches, die über seinem Haupt zusammenschlagen!

Lange bleibt er Jessies tränenverschleiertem Blick entschwunden, bis er irgendwann die Wasseroberfläche durchbricht und sich prustend das nasse Haar aus der Stirn streicht.

So sitzt er da, bis zu den Schultern im Wasser, und die Hitze der Leidenschaft ist längst der Kälte des Creeks gewichen, die ihn erzittern und seine Zähne klappern lässt.

„Ich… kann es… nicht“, bringt Ringo bibbernd hervor. „Es… wäre nicht… recht…!“

Jessie schüttelt unwillig den Kopf, dass die blonde Lockenpracht nur so fliegt und erneut den Blick auf ihre verheißungsvollen Rundungen erlaubt. „Du… du… verdammtes Scheusal!“, stößt sie mit zornbebender Stimme hervor, doch dann erstrahlt ein Lächeln auf ihrem Gesicht, und in ihrem Blick glänzt sogar so etwas wie Dankbarkeit. „Du verdammtes, liebenswertes Scheusal…“, fügt sie hinzu.

Insgeheim weiß Jessie, dass Ringo richtig gehandelt hat. Sie ist bereit gewesen, sich ihm hinzugeben, aber tief in ihrem Innern hat sie doch auch so etwas wie Angst verspürt. Angst vor dem Moment, in dem sie zur Frau würde. Angst davor, sich dem falschen Mann hinzugeben, auch wenn sie glaubt, ihn zu lieben. Und Zweifel hat sich tief in ihrem Innern breitgemacht, ob es richtig ist, den Schritt vom Mädchen zur Frau in Johnny Ringos Armen zu gehen.

Jetzt aber ist Jessie nur noch dankbar, dass Ringo der Mann ist, dem sie ihr Herz geschenkt hat. Ja, vielleicht ist sie wirklich noch zu jung, ihr Leben an der Seite eines rastlosen Revolverhelden und gehetzten Banditen zu verbringen und jeden Tag zu bangen, ob er ihn überleben würde. Aber in ein paar Jahren wird es dann schon ganz anders aussehen. Ein paar Jahre nur, die wie im Fluge vergehen werden, und dann wird sie Johnny Ringos Frau sein, und er wird sich nicht mehr zurückhalten.

Denn dann wird er nicht mehr das Gefühl haben müssen, dass sie noch ein Kind ist…

Ja, Jessie ist diesem Mann dankbar, dass er ihr Verlangen nicht ausgenutzt hat.

Ihre Augen schimmern feucht, als sie ebenfalls in den Bach watet und neben Ringo untertaucht. Wasser klatscht in sein Gesicht, dann richtet sie sich vor ihm auf, und ihr glockenhelles Lachen begleitet das Murmeln der silbrig schimmernden Fluten.

„Wenn uns die anderen so sehen würden!“, ruft das Girl und kämmt mit den Fingern durch ihre nassen, goldblonden Haarsträhnen. „Wie zwei begossene Welpen müssen wir aussehen.“

„Wohl eher wie eine begossene Katze und ein begossener Welpe“, meint Ringo. „Aber du bist und bleibst trotzdem das schönste Mädchen, das jemals meinen Weg gekreuzt hat.“

„Du bist ein unverbesserlicher Schmeichler, Johnny Ringo!“ Jessie richtet sich auf, und nun vermögen das triefnasse Haar und der durchsichtig gewordene Stoff ihrer Unterwäsche den verführerischen Körper nicht länger vor seinen Blicken zu verbergen.

Dennoch spürt Ringo in diesem Moment kein Verlangen mehr. Zwar genießt er diesen einzigartigen Anblick, aber das Feuer der Begierde ist erloschen.

„Solange du das keiner anderen Frau sagst, ist alles in Ordnung, Ringo“, stößt Jessie hervor. Ihre Finger schließen sich um sein Kinn, ihre Lippen nähern sich seinem Gesicht. „Aber wehe dir, wenn du es jemals wagen solltest… Wehe dir!“

Sie lässt ihren Worten einen langen Kuss folgen, ehe sie sich abwendet und ans Ufer watet. Dort streift sie ihre Kleidung über und verabschiedet sich von Ringo mit einer Kusshand.

Lange verharrt Ringo noch in den kalten Fluten. Er hat dieses Mädchen begehrt, wie er noch nie ein anderes Girl begehrt hat. Und er begehrt sie immer noch, mit jeder Faser seines Leibes.

Aber irgendetwas hat ihn zurückgehalten, und er ist froh, dass es so gekommen ist.

Er weiß, dies war noch nicht der richtige Zeitpunkt.

Doch ob dieser Zeitpunkt jemals kommen wird, weiß Ringo nicht. Er wird einfach abwarten und sehen müssen, wie die Dinge sich entwickeln.

Vielleicht meint das Schicksal es ja auch einmal gut mit ihm.

Aber gibt es überhaupt einen Mann vom schnellen Eisen, mit dem es das Schicksal jemals gut gemeint hätte?

Johnny Ringo hat da so seine Zweifel.

 

 

4. Kapitel

 

 

Ich will, dass Sie aus meiner Stadt verschwinden, Ringo! Und zwar heute noch!“

Der Mann, der diese Worte mit Reibeisenstimme ausgestoßen hat, steht mit verschränkten Armen an die Wand gelehnt und blickt missmutig drein. Auf seiner Brust blinkt ein imposant aussehendes Abzeichen aus Blech.

„Jetzt gleich?“, fragt Jonathan Ringo amüsiert.

Er sitzt in einem großen Holzzuber. Seine nackten Beine hängen über den Rand des Bottichs. Nasse, dunkle Haarsträhnen kleben auf seiner Stirn und reichen bis fast zur Nasenwurzel. Trübe, dampfende Seifenlauge schwappt ihm bis über die Brust.

„Machen Sie sich nicht über mich lustig, Mister!“, blafft Clem Lucas, der Town Marshal der kleinen Stadt Shady Tree in Arizona. „Sonst buchte ich Sie ein, bis Sie mir Respekt entgegenbringen. Danach werden Sie liebend gerne diese Stadt verlassen, das dürfen Sie mir glauben. Vielleicht sollte ich mal meine Steckbriefe durchsehen, ob ich nicht doch etwas über Sie finde...“

„Mister, ich habe mir die Füße wund gelaufen. Ich habe Staub geschluckt. Ich bin hundemüde und jeder verdammte Knochen im Leib bereitet mir höllische Schmerzen. Alles, was ich im Augenblick will, ist in Ruhe ein Bad nehmen und mich etwas entspannen. Und Sie haben nichts Besseres zu tun, als mich verjagen zu wollen. Darf ich wenigstens den Grund erfahren?“

„Ich will keinen Ärger, Ringo. Wo Sie auftauchen, kracht es. Das weiß jeder. Ich habe schon genug Scherereien mit Trimble und der Bartlett. Da kann ich auf jemanden von Ihrer Sorte getrost verzichten!“

„Marshal, ich habe nicht vor, Sie zu ärgern. Ich nehme in aller Ruhe ein Bad, danach werde ich etwas essen und mich richtig ausschlafen. Morgen werde ich dann entscheiden, ob ich Ihre Gastfreundschaft noch ein wenig länger in Anspruch nehme.“

„Den Teufel werden Sie!“ Der feiste Marshal, dessen beachtlicher Bauch die Gürtelschnalle verdeckt und ihn nötigt, permanent die Hose hochzuziehen, um sie am Rutschen zu hindern, plustert sich auf und wirkt dadurch, als würde er jeden Augenblick platzen. „Hauen Sie ab, Ringo, und zwar noch heute Nacht. Ich dulde nicht, dass Sie sich länger als unbedingt nötig in Shady Tree aufhalten. Der Westen ist weit. Wieso mussten Sie sich ausgerechnet meine Stadt aussuchen, Ringo?“

„Sie ist genauso gut wie jede andere. Oder genauso schlecht...“

„Was wollen Sie damit sagen?“

„Marshal, ich habe Städte gesehen, in denen man mich mit offenen Armen empfing, weil das Gesetz ohnmächtig war. Man sah mich als ein Geschenk Gottes an und bat mich auf Knien, für Ordnung zu sorgen. Und ich habe Orte besucht, in denen man mich am liebsten gesteinigt hätte, weil man befürchtete, ich würde die heile Welt der friedliebenden Bürger durcheinander bringen. Aber Sie können mir glauben, dass diese Ordnungsfanatiker mehr Dreck am Stecken hatten als jeder verdammte Pferdedieb, der sich da draußen herumtreibt. Über Ihre Stadt konnte ich mir bisher allerdings noch kein Bild machen.“

„Sie werden auch keine Gelegenheit dazu haben, Ringo. Wenn Sie gebadet haben, verschwinden Sie!“

„Ich fürchte, das geht nicht.“ Wassertropfen lösen sich von den durchnässten Haarsträhnen und flirren durch die Luft, als der großgewachsene Mann in der Wanne den Kopf schüttelt.

Der Marshal blinzelt verdutzt. „Nennen Sie mir nur einen plausiblen Grund, warum ich Sie hier dulden sollte, Ringo… nur einen einzigen Grund!“

„Mein Pferd.“

Clem Lucas schüttelt verständnislos den Kopf.

„Mein Pferd und ich haben gerade eine Staubwüste durchquert und sind vollkommen erledigt. Selbst, wenn ich nicht so müde wäre, könnte ich Shady Tree unmöglich verlassen. Das Tier bricht unter mir zusammen, bevor ich den Ortsausgang erreicht habe.“

Marshal Lucas reißt die Augen weit auf und betrachtet den Mann im Badezuber ungläubig. „Sie sind durch die Wüste...? Nein, Mister, das glaube ich Ihnen nicht. Seit Jahren hat das niemand mehr versucht... und kaum einer von denen, die es je versucht haben, hat es geschafft.“

Jonathan deutet auf seine Kleidung, die in einem unordentlichen Haufen in einer Ecke der Badestube liegt. Als Lucas mit dem Fuß die Kleidungsstücke auseinanderzieht, sieht er, dass sie mit feinem Staub bedeckt sind.

„Niemand nimmt solche Strapazen ohne Grund auf sich, Mister“, stößt der Ordnungshüter hervor. „Wieso Sie? Warum haben Sie einen lebensgefährlichen Weg genommen, um hierher zu gelangen, wenn Sie es einfacher haben konnten?“

„Sagen wir, ich mag die Berge nicht. Zu schmale Pfade, zu viele Spalten. Da kann ein Pferd leicht abstürzen oder sich ein Bein brechen.“

„Ich glaube Ihnen kein Wort, Mister. Ich will Ihnen sagen, weshalb Sie hier sind. Jemand hat Sie angeheuert. Sie werden bezahlt, um jemanden umzulegen. Das ist doch Ihr Job, also verschonen Sie mich mit Ihren Ammenmärchen und reden Sie nicht lange um den heißen Brei. Wer hat Sie hierher geholt? Für wen erledigen Sie die Drecksarbeit? Trimble? Die Bartlett? Wer es auch ist, ich werde nicht zulassen, dass Sie hier einen Mord begehen, Ringo...“

„Tut mir leid, Marshal. Ich kenne diese Leute nicht, habe die Namen nie zuvor gehört. Und ich habe auch gar nicht die Absicht, sie kennenzulernen. Das scheinen recht unangenehme Zeitgenossen zu sein, wenn Sie ihnen einen Mordauftrag zutrauen.“

Clem Lucas zerrt den Revolvergurt über seinen Schmerbauch empor und stampft zum Zuber. Mit geballter Faust schlägt er in das Wasser, dass es hoch aufspritzt. „Himmel Herrgott, Ringo, Sie treiben mich noch zur Weißglut! Diese Stadt ist ein Pulverfass, und ich bin vollauf damit beschäftigt, zu verhindern, dass die Lunte brennt. Ich kann es mir nicht leisten, auch noch Kindermädchen für einen Revolverschwinger der übelsten Sorte zu spielen!“

„Meinen Sie etwa mich damit?“ Jonathan grient unschuldig. „Ich kann sehr gut selbst auf mich aufpassen, Marshal.“

„Klar, indem Sie mit Ihrer verdammten Kanone rumfuchteln und jedem, der Sie auch nur schief ansieht, zu einem Ehrenplatz auf dem Stiefelhügel verhelfen!“

„Ich bin nicht das schießwütige Ungeheuer, für das Sie mich halten, Mister“, gibt Jonathan Ringo kalt zurück. „Aber das verstehen Sie nicht.“

„Nein, und das will ich auch gar nicht! Ich will nur, dass Sie verschwinden!“

„Wer weiß - vielleicht fühle ich mich hier wohl und beschließe, mich hier niederzulassen...“

„Das hätte mir noch gefehlt. Ein Revolverschwinger, der hier den braven Bürger mimen will! In Ordnung, baden Sie, essen Sie, ruhen Sie sich meinetwegen auch noch aus. Aber sobald ihr Gaul wieder bei Kräften ist, will ich nur noch Ihre Staubwolke sehen, wenn Sie die Stadt verlassen!“

„Warten wir es ab, Marshal.“

Lucas ballt die Fäuste in ohnmächtiger Wut. „Wenn Sie hier Unruhe stiften, Ringo, loche ich Sie ein. Ganz gleich, ob Sie schuld sind oder nicht. Ich hoffe, wir haben uns verstanden!“

„Laut und deutlich, Marshal. Ach, könnten Sie so freundlich sein und dem Barbier sagen, dass ich noch heißes Wasser haben möchte? Und ich brauche auch ein paar neue Klamotten. Ich kann ja schließlich nicht nackt über die Straße gehen, oder? Sie sperren mich am Ende gleich wegen unsittlicher Belästigung der ehrenwerten Ladies von Shady Tree ein...“

Lauthals fluchend wirft Clem Lucas seinen Hut gegen die Wand und ist drauf und dran, in seiner Wut auf der Kopfbedeckung herumzutrampeln. Dann überlegt er es sich jedoch anders und stülpt den Stetson auf sein schütteres Haupt, verlässt immer noch fluchend die Badestube und knallt die Tür hinter sich zu.

Jonathan taucht grinsend in der Seifenlauge unter und reckt die Füße in die Luft. Als der Gehilfe des Barbiers mit heißem Wasser erscheint, gibt Jonathan ihm etwas Geld und schickt ihn zum General Store, um Ersatzkleidung zu besorgen.

Wenig später tritt der große dunkelgekleidete Mann auf den Bohlensteig. Er streicht sich über das glattrasierte Kinn, über das neue, mit zweireihigem Brustbesatz versehene Hemd und die ebenfalls neuen schwarzen Levis-Hosen. Unbewusst rückt er den tief geschnallten Patronengurt mit dem 44er Coltrevolver an der rechten Hüfte zurecht.

Aus dem Rusty Horseshoe - Saloon ein paar Häuser weiter dringt Gegröle, schrilles Gelächter der Saloongirls und das leise Geklimper eines verstimmten Klaviers. Auf der Main Street traben ein paar Cowboys entlang. Ein Pferdefuhrwerk hält vor dem General Store, um beladen zu werden.

Im Eingang des Gemischtwarenladens bemerkt Jonathan eine junge Frau. Sie steht neben dem Storemann und überwacht das Verladen der Einkäufe.

Und in diesem Augenblick wird sich Jonathan Ringo bewusst, dass er selten zuvor eine schönere Frau gesehen hat!

Sie ist groß und gertenschlank. Das glatte, pechschwarze Haar ist zu zwei Zöpfen geflochten, die ihr Gesicht umrahmen und bis auf die festen Rundungen fallen, die sich unter dem schlichten, hochgeschlossenen sandfarbenen Kleid abzeichnen. Zwei dunkle, leicht mandelförmige Augen blicken wachsam. Die schmale, gerade Nase und die vollen, scharf gezeichneten Lippen verleihen dem sonnengebräunten Gesicht leichte aristokratische Züge.

Und auf diesem Antlitz lässt Jonathan seinen Blick gerne verweilen, betrachtet es lange und bewundernd, beinahe ehrfürchtig. Er weiß, das ist nicht gerade höflich, aber er kann nicht anders. Die Anmut dieser Frau ist atemberaubend, und er sieht es als seine Pflicht an, sie mit seinen anerkennenden Blicken zu würdigen.

Die junge Frau wendet den Kopf, und ihre Blicke treffen sich… nur für einen winzigen Augenblick, dann schenkt ihm die Frau keine Beachtung mehr.

Jonathan schüttelt den Kopf und zwingt sich so, seinen Tagträumen zu entfliehen und in die nüchterne Wirklichkeit zurückzukehren. Er verspürt mächtigen Hunger, und so macht er sich auf den Weg zu einem Speiselokal. Er überquert die Straße, geht am Saloon vorbei und prallt gleich darauf mit einer jungen Frau zusammen, als diese eilig ein Damenmodengeschäft verlässt und dabei einige Pakete auf den Armen balanciert.

„Können Sie nicht aufpassen, Sie Tölpel?“, faucht die Frau ihn an. Sie ist ebenfalls ausgesprochen anmutig und trägt das lange kastanienbraune Haar im Nacken zusammengebunden. Ihr Gesicht ist mit Sommersprossen übersät. Grobe Männerkleidung, die man eher am Körper eines Cowboys erwartet hätte, vermag dennoch ihre zierliche Figur nicht zu verbergen. Ihr Busen hebt und senkt sich unter dem karierten Stoff des Flanellhemdes.

„Tut mir außerordentlich leid, Ma’am“, murmelt Jonathan und bückt sich eilig, um die Pakete aufzuheben. Dabei reißt eine Verpackung auf und gibt den Blick auf ein spitzenbesetztes, türkisfarbenes Kleid frei, das nun im Staub der Straße liegt.

„Da sehen Sie, was Sie angerichtet haben, Sie Tölpel! Nehmen Sie Ihre Finger da weg, Sie Unglücksrabe!“ Die junge Frau stößt Jonathan beiseite, rafft wütend die Pakete zusammen und stolziert von dannen.

Kopfschüttelnd begibt sich Jonathan weiter zu dem Restaurant, über dessen Tür die bogenförmige Aufschrift Delmonico’s prangt. Dass dieses Lokal etwas mit dem gleichnamigen berühmten New Yorker Café zu tun hat, wagt Jonathan allerdings zu bezweifeln. Vielmehr geht er davon aus, dass sich der geschäftstüchtige Wirt wohl eher des berühmten Namens bedient hat, um Gäste anzulocken. Ein anerkennendes Lächeln spielt um Jonathans Lippen. Wenn Speisen und SerNicke dieses Restaurants nur halb so gut sind, wie der hochtrabende Name verspricht, wird er zum Ende der Mahlzeit sicherlich mehr als zufrieden sein.

Freundlich wird er von der Bedienung begrüßt und zu einem Tisch im hinteren Teil des Speiseraumes geführt. Er bestellt Steak mit gebratenen Zwiebeln, Kartoffeln und Eiern und dazu Kaffee.

Aber er kommt nicht zum Essen, denn er muss immer wieder an die schwarzhaarige Schönheit denken, die er vor dem Laden gesehen hat. Ihr bezauberndes Gesicht hat sich unauslöschlich in sein Gehirn eingegraben. Mir gefällt es immer besser hier, bei so vielen hübschen Ladies, geht es ihm durch den Kopf.

Aber die Neuigkeit, dass sich der berühmt-berüchtigte Schießer Johnny Ringo in der Stadt aufhält, verbreitet sich gewiss bereits wie ein Präriefeuer.

Und Jonathan beschleicht das unangenehme Gefühl, dass ihn der Ruf seines gefürchteten Namensvetters bald auch hier einholen wird...

 

 

5. Kapitel

 

 

Während Jonathan Ringo sich erst noch in Shady Tree, Arizona, eingewöhnen muss, hat der Revolvermann und Outlaw Johnny Ringo ganz andere Sorgen.

Er hat seinen Grauen bis an den Rand der Erschöpfung getrieben und sich auf einer Wechselstation ein Ersatzpferd besorgt. Die Hufe trommeln nun dumpf auf dem felsigen Boden. Ringo nimmt keine Rücksicht darauf, sich erst lange einen Weg durch die unwirtlichen Berge zu suchen. Er reitet querfeldein, um so viele Meilen wie möglich zwischen sich und Curly Bill Williams‘ Bande zu bringen.

Nachdem die hübsche Jessie in seinen Armen eingeschlafen war, sah sich Ringo in aller Ruhe im Lager der Banditenhorde um. Und wahrhaftig entdeckte er die Beute aus dem Überfall in Harperville und aus früheren Raubzügen. Noch war sie nicht aufgeteilt worden.

Am nächsten Tag, etwa zu der Zeit, als Jonathan Ringo neben seinem Pferd durch die Staubwüste marschierte, war es bei der Planung eines neuen Beutezugs zu großen Differenzen zwischen Curly Bill und Ringo gekommen.

Wieder war es Jessie, die zu dem Schießer hielt, ihn aufmunterte und ihm den Rücken stärkte. Sie wusste, dass er die Bande bald verlassen würde. Und sie wollte ihn mit allen Mitteln dazu bringen, sie mitzunehmen...

Ringo aber war allein geritten. Er hatte einen Großteil der Beute in seine Satteltaschen gestopft und sich im Zwielicht des jungfräulichen Tages, zu jener Stunde, da der Schlaf am tiefsten ist, aus dem Staube gemacht…

Und einmal mehr jagt der berüchtigte Mann vom schnellen Eisen nun rastlos dahin, um seinen Verfolgern zu entgehen.

Unter ihm beginnt das Pferd zu straucheln. Schaum trieft in langen Schlieren vom Maul des Tieres. Der Atem des Schecken pumpt pfeifend durch die Lungen.

Irgendwann macht Ringo einen schwachen Lichtschein zwischen den Felsformationen aus und hält darauf zu.

Der Schecke hat seine letzten Kraftreserven ausgeschöpft, als sie den Ort erreichen. Man kann diese Ansammlung einer Handvoll windschiefer, verwitterter Hütten weder Stadt noch Dorf nennen. Eine Talglampe, die an einem Hüttendach aufgehängt worden ist und leise quietschend im Wind schaukelt, spendet schwaches Licht.

Ringo springt aus dem Sattel, stolpert auf schwachen Beinen zur Hüttentür und stößt sie auf, ohne anzuklopfen.

Bläulich-graue Schwaden von Tabakrauch durchziehen den Raum. An einem grobgezimmerten Tisch sitzen drei in Wildleder gekleidete, bärtige Männer. Neugierig starren sie Ringo an und kümmern sich dann wieder um ihr Kartenspiel.

Eine Frau in tief ausgeschnittenem, geflicktem Flitterkleid, deren dick aufgetragene Schminke die Spuren, die ein Leben in zahllosen Saloons und Absteigen auf ihrem Gesicht hinterlassen hat, nur unzureichend zu verbergen vermag, nähert sich und grinst Ringo an. Er sieht die dunkle Lücke zwischen den gelben Zähnen, als sie ihn mit heiserer Stimme anspricht. „Weit geritten, Stranger? Mach die Tür zu, es zieht. Komm ans Feuer, ich hab‘ einen Teller Eintopf für dich. Die alte Lettie hat noch niemanden verhungern lassen.“

„Wie wahr“, brummt einer der Kartenspieler. „Nimm dich in Acht, Söhnchen. Die Alte frisst dich mit Haut und Haaren, wenn sie dich erst mal unter der Fuchtel hat!“

„Maul halten, Billy-Bob, sonst fliegst du raus. Du bist ja nur neidisch, weil du selbst deinen Mann nicht mehr stehen kannst. Hängst den ganzen Tag hier rum, säufst und spielst mit deinen stinkenden Karten. Du könntest ruhig mal hiermit spielen.“ Die Animierdame, deren Alter man nur schwer schätzen kann, lacht schrill und rau, legt ihre Hände unter den ausladenden Busen und hebt ihn an.

Ihre Augen glitzern, als sie Ringo kurz darauf beim Essen beobachtet. Der Eintopf riecht wie Büffeldung und schmeckt noch schlimmer, aber Ringo knurrt der Magen, und so schaufelt er das widerliche Zeug in sich hinein.

Lettie füllt ein Glas mit billigem Fusel, und Ringo ist auch hier nicht wählerisch. Schlimmer als der Eintopf kann dieses Gesöff auch nicht sein.

Er irrt sich.

Weit reißt er Augen und Mund auf, als sich das scharfe Gebräu in seinem Inneren verteilt. Tränen schießen ihm in die Augen. Er kann nicht mal husten, denn dazu hätte er zuerst Luft holen müssen. „Wasser“, stammelt er schließlich heiser. „Viel... Wasser...“

Lettie stellt einen verbeulten Topf vor ihn hin. Ringo setzt ihn an die Lippen und kippt kein Wasser, sondern heißen Kaffee in seine Kehle. Aber auch das verschafft ihm kaum Linderung.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907568
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352706
Schlagworte
zieh johnny…zieh

Autor

Zurück

Titel: „Zieh, Johnny…Zieh!“