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Callahan #4: Kampf um das Boon Valley

2017 130 Seiten

Leseprobe

CALLAHAN

Band 4

Kampf um das Boon Valley

 

Ein Western von Glenn Stirling

 

 

 

Klappe

Ein Goldstück, das Col Mishburn wechselte, brachte mich auf seine Spur. Er war einer der Banditen, die außer anderen Wertgegenständen auch mein ererbtes Gold auf der Western Union Bank gestohlen hatten. Aber ich hatte nicht vor, auf diese Dinge zu verzichten — deshalb ritt ich auf Mishburns Spur. Er aber war in ein Tal unterwegs, in dem auf mich eine verhängnisvolle Überraschung wartete. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Jagd nach Mishburn erst der Anfang einer Kette von dramatischen Umständen war, in die ich sehr bald geraten würde. Und erneut musste ich kämpfen – diesmal um das Boon Valley. Es ging um Besitzansprüche, die zwei verfeindete Parteien geltend machen wollten. Und jeder war bereit, dafür zu töten!

 

 

 

Roman

Bis Mittag goss es in Strömen. In dem Tal hing von einer Seite zur anderen ein Schleier dichten Nebels, und die Hufe meines Palomino patschten im nassen Gras.

Ich hockte zusammengesunken im Sattel, starrte auf die deutliche Spur, die sich talaufwärts zog. Sie war keine halbe Stunde alt.. Das Gras hatte sich noch nicht wieder aufgerichtet. Der Reiter schien sich sicher zu fühlen.

Ich wusste genau, wie sicher er sich fühlte. Er hatte nicht die mindeste Ahnung davon, dass ich sein Geheimnis kannte.

Seit fünf Tagen war ich hinter ihm her. Seit der Stunde, da er Mason mit einem Goldstück bezahlt hatte, das einmal das Eigentum meines Vaters gewesen war. Ich hatte es als der Erbe in der Western Union-Bank deponiert. Die Bank wurde überfallen, die vier Bankräuber entkamen. Einen davon konnte ich inzwischen erwischen, jetzt waren es noch drei. Die Beschreibung der drei hatte es mir unmöglich gemacht, sie zu suchen. Der, dem ich folgte, musste der Beschreibung nach Col Mishburn sein, ein Mann, dem acht Morde und unzählige Überfälle zur Last gelegt wurden. Ich wollte hier nicht Sheriff oder Marshal spielen, es ging mir einzig und allein darum, einen Teil des Goldes wiederzubekommen, das mir gehörte.

Der letzte Ort, durch den ich gekommen war, hieß Clintwater. Das war nun schon viele Stunden her, seitdem ritt ich bergwärts in die Mora Ranges, und es wurde merklich kühler. Um diese Jahreszeit bestand sogar die Gefahr, dass hier oben Schnee fiel. Die schroffen Felsen konnte man im Dunst des Regens nicht sehen. Alles war grau in grau verhangen, und ich musste höllisch aufpassen, um Mishburn nicht in eine Falle zu geraten.

Die Spur vor mir ging schnurgerade aus bergauf, und wenn die Auskünfte stimmten, die ich in Clintwater bekommen hatte, gab es da oben eine Ranch, eine, zu der dreihundert Rinder gehörten und die von zwei Leuten bewirtschaftet wurde.

Mehr war hier oben auch nicht möglich. An den Hängen, die unterhalb der Felsen das Tal säumten, wuchsen nur knorrige, krumme Kiefern, Ginsterbüsche und auf dem Boden des unteren Tals überwiegend Salbei, dem es sogar gelungen war, das Gras zu verdrängen. Aber hier, weiter oben, war der Boden noch grasbedeckt. Plötzlich sah ich in diesem Gras eine zweite Spur.

Da Pferde das Gras - im Gegensatz zu Menschen - in die Richtung niedertreten, aus der sie gekommen sind, konnte ich erkennen, dass diese zweite Spur nicht vom Tal zum Berg, sondern umgekehrt führte. Dann war das Pferd stehengeblieben. Auch das Pferd von Mishburn war angehalten worden, und auf einmal bewegten sich beide Pferde parallel bergwärts. Das war aus den Spuren ganz deutlich zu lesen.

Ich hielt meine Hände hinter die Ohren und lauschte talaufwärts. Aber das einzige, was ich hörte, war das Rauschen des Regens und das Sprudeln eines Wildbaches, der von den Felsen herunterkam.

Verdrossen ritt ich weiter. Die Nässe hatte meine defekte Ölhaut durchdrungen und kroch mir den Rücken hinunter. Ich fror, und mein Pferd fing ebenfalls zu frieren an. Es war durchnässt und so dunkel wie ein Brauner.

An einer Stelle, wo die Grasnarbe lückenhaft war, konnte ich die Hufeindrücke deutlicher erkennen, im morastigen Boden zeichneten sie sich ganz klar ab. Ich stellte fest, dass das Pferd desjenigen, der vom Berg gekommen war, kleinere Hufe hatte und auch bedeutend leichter zu sein schien als das Tier des vermeintlichen Mishburn.

Der Verdacht, dass der Reiter mit dem kleineren Pferd nicht unbedingt freiwillig umgekehrt war, drängte sich mir geradezu auf. Es gab noch etwas, was mich darauf hinwies. Das Pferd mit den kleinen Hufen tänzelte öfters, lief auch seitwärts. Es war fast der Beweis, dass der Reiter bedroht wurde und Mishburn nicht aus freien Stücken begleitete.

Der Regen nahm zu. Es ging immer weiter bergauf. Die Sicht wurde schlechter. Wenn es stimmte, was man mir in Clintwater erzählt hatte, gab es am Ende des Tales nur einen halsbrecherischen Ausgang, einen, den man nur bei bester Sicht und trockenem Wetter benutzen konnte. Angeblich war noch nie ein Pferd über diesen Felspfad hinweg gekommen, aber ich betrachtete solche Angaben mit größter Vorsicht. Mir selbst war es schon mehrmals gelungen, mitsamt einem Pferd ein Tal zu verlassen, aus dem angeblich kein Mensch heraus konnte.

Ich hielt ab und zu an und lauschte, doch da war nur das Rauschen des Regens, sonst nichts. Ich fragte mich, was Mishburn veranlasste, zu dieser Ranch hinaufzureiten, die sich da oben befinden sollte. Vielleicht, sagte ich mir, kannte er doch jemanden und wurde womöglich da oben aufgenommen. Warum sonst riskierte er, in eine Sackgasse zu reiten. Wusste er, dass ich ihm folgte? Auch da war ich nicht sicher.

Col Mishburn war kein Anfänger, vielmehr ein eiskalter Killer, der vor nichts zurückschreckte. Der aber gleichzeitig in der Wildnis zu Hause war, mit tausend Tricks kämpfen konnte, und sein Ruf war weit verbreitet. Der Ruf eines raffinierten Kämpfers.

Was wollte Col Mishburn da oben? Diese Frage stellte ich mir immer wieder, während ich seiner Spur folgte.

Das Tal flachte etwas ab. Im Schutz der nun fast senkrecht aufragenden Felsen am Rande des Tales wuchsen Birken und höhere, gradstämmigere Kiefern als weiter unten. Ich erreichte einen kleinen See. Eine Wasserstelle, um die herum die Klauenabdrücke vieler Rinder im Morast zu erkennen waren, und dann hörte ich auch Vieh, das dumpfe Brüllen eines Stieres, dann das Muhen von Kühen. Es musste weiter rechts sein. Der Beschreibung nach, die man mir in Clintwater gegeben hatte, befand sich aber die Ranch selbst an der linken Seite des Tales, auch der Weg führte in die Richtung.

Schemenhaft erkannte ich wenig später einzelne Rinder, die mit hängenden Köpfen im Gras standen. Es war ihnen offenbar zu nass, sich dabei hinzulegen. Spukartig tauchten sie auf und verschwanden wieder, blieben irgendwo hinter mir zurück, als ich weiter aufwärts ritt.

Nach etwa einhundert Metern lichtete sich der Dunst, und die Sicht war klar. Es regnete noch immer, aber weniger als zuvor. Plötzlich lag das ganze Tal vor mir. Die Felsen näherten sich mehr und mehr und schienen am Ende des Tales miteinander zu verschmelzen. Aber der Eindruck täuschte, wenn man glaubte, bis zum Ende wären es vielleicht noch zwei, drei Meilen. Das Tal war weit größer, als es den Anschein hatte, und jetzt, da der Dunst geschwunden war, sah man die Breite, aber auch die Macht und Wucht der Felsen zu beiden Seiten. Noch immer hingen oben die Wolken tief herunter und verbargen die Spitzen der Berge. Aber die Fundamente allein ließen schon ahnen, wie gewaltig das Gebirge war, in dem sich dieses Tal befand.

Ich ritt vorsichtig weiter, und da es hier oben, auch auf dem Talgrund, Buschwerk gab, dessen Blätter sich um die späte Jahreszeit schon bunt gefärbt hatten, nutzte ich jede Deckungsmöglichkeit aus, um nicht zu früh erkannt zu werden. Irgendwo, dort vorne links, musste die Ranch sein. Noch sah ich sie nicht. Ich bog nach Süden von der Spur ab, schlug einen Bogen und sah dann auf einmal die Ranch vor mir. Ein dünner Rauchfaden kräuselte sich aus dem Kamin, aber sonst war nichts zu sehen. Gerade das kam mir besonders verdächtig vor.

Ich ritt jetzt auf die Felsen zu, blieb dicht neben ihnen und konnte so ungesehen in einem weiten Bogen um die Ranch herumkommen. Hier drüben wimmelte es von Büschen und niederen Bäumen, aber ich fand einen Pfad, den wohl die Rinder getrampelt hatten und folgte ihm. Als ich dann nördlich der Ranch wieder die Felswand erreicht hatte, blickte ich nach oben. Die Felsen ragten in die Wolken hinein. Am Fuße dieses Felsens zog sich das Buschwerk etwa hundertfünfzig Meter hin, daran schloss sich eine Lichtung an, und am Rande der Lichtung stand die Ranch mit ihren drei Gebäuden, von denen das größte wohl das Wohnhaus war. Davor befand sich ein Weiher, der aus drei Bächen gespeist wurde, die von irgendwo aus den Felsen sprudelten.

Wasser bedeutete hier über die karge Zeit der Sommertrockenheit Leben und die Verwirklichung des Ranchbetriebes. Von diesem Teich aus rann in einer Schlängellinie ein Bach und verschwand zwischen den Büschen. Hinter den drei Gebäuden schloss sich ein Feld an, auf dem Mais gestanden hatte, der aber jetzt abgeerntet war.

Ich hatte gelernt, dass Eifer schadet, lehnte mich aufs Sattelhorn und verhielt mich in der Deckung der Kiefern, zwischen denen ich angehalten hatte, ganz ruhig. Ich beobachtete die Lichtung, die Häuser, den Acker und all das, was dort frei einzusehen war. Als ich den Corral entdeckt hatte, in dem sich die Pferde befanden, zog ich aus der Satteltasche mein Spektiv heraus.

Es war eines jener altmodischen Fernrohre, die man auseinanderziehen musste, aber für meinen Zweck hat es immer seinen Dienst getan.

Durch dieses Fernglas erkannte ich, dass zwei der Pferde lehmbespritzt waren, das eine sogar noch mehr als das andere, und dieses eine war ein großes Pferd, ein Grauschimmel mit kräftigen Knochen. Auf dem Rücken war eine Stelle, die nicht so nass wirkte wie der übrige Teil des Felles. Es war die Stelle, wo ein Sattel gelegen hatte. Noch vor kurzem musste er darauf gewesen sein. So ähnlich war es auch bei dem kleinen Fuchs, eine Stute übrigens, wie ich erkennen konnte.

Mein Palomino stampfte ruhig. Er war ein Wallach. Ihn interessierte weniger die Stute drüben im Corral. Er hatte Hunger. Er wollte, dass ich endlich aus dem Sattel stieg und ihm den Sattel abnahm, damit er sich frei bewegen konnte. Aber noch war es nicht soweit, damit würde er noch etwas warten müssen.

Ich lockerte meine Winchester im Scabbard, öffnete meinen Regenumhang, damit ich besser an den Revolver heran konnte, dann setzte ich die Beobachtung des Gebäudes fort. Es war einfach zu wenig Rauch, der aus dem Schornstein kam, ein ganz dünner Faden nur. Das wirkte ungewöhnlich. Wenn ein Mann heimkehrt oder wenn jemand erwartet wird, ist es in diesem Land üblich, ihm etwas vorzusetzen, etwas Warmes, und es würde Feuer gemacht, stärker aufgelegt. Entsprechend musste nach der Rückkehr der beiden Reiter mehr Qualm aus dem Schornstein kommen und nicht nur das.

Die Pferde standen allesamt an der Fenz, so, als hätten sie nichts zu fressen bekommen und warteten darauf. Sie hatten sich zusammengedrängt am Gatter und blickten mehr oder weniger alle zum Haus hinüber. Also, sagte ich mir, hatten sie nichts bekommen. Die beiden Reiter schienen ihnen nur die Sättel abgenommen zu haben, um sie zu den anderen Tieren in den Corral zu treiben. Insgesamt waren es fünf Pferde, die im Corral standen.

Ich beobachtete, wie der Grauschimmel mit den Hufen scharrte, unwillig den Kopf hochwarf und schnaubte. Er schien Hunger zu haben, vielleicht noch mehr Hunger als die anderen Tiere, aber im Corral war nur zerstampfter Boden, kein einziger Grashalm.

Vom Haus her kam niemand, um den Pferden etwas zu geben. Im Haus war alles still, und das war mir so verdächtig, dass ich weiterhin beschloss, das Haus zu beobachten. Plötzlich wurde die Tür des Hauses geöffnet.

Eine junge Frau kam heraus. Sie hatte dunkles, bis an die Schulter reichendes Haar, das sie oben mit einem roten Band zugebunden trug, wie es die Indianer tun. Auch das bis über die Hüften reichende Wildlederhemd schien indianischer Herkunft zu sein. Doch das Gesicht des Mädchens war das einer Weißen. Ein bezauberndes Gesicht mit dunklen Mandelaugen, einer schmalen, leicht nach oben gebogenen Nase, die dem Gesicht etwas Keckes verlieh, die Lippen hatten einen vollen, sinnlichen Ausdruck.

Sie sah sich scheu zum Haus hin um, trat dann nach links, hob einen Eimer aus dem Regal neben der Tür, drehte ihn um und verschwand dann in dem Nebengebäude, tauchte aber schon bald wieder mit einem gefüllten Eimer auf. Es war etwas Gelbes, was sich darin befand, vermutlich Hafer oder Mais. Sie ging damit zum Corral hinüber. Die Pferde stampften, wieherten dumpf. Der Grauschimmel warf den Kopf hoch, schnaubte, dass der Atem wie Rauch zum Himmel quoll.

Neben der Fenz befand sich ein Behälter, in den schüttete das Mädchen das Körnerfutter. Sofort drängten sich die Pferde heran. Sie bissen sich, der Grauschimmel schlug sogar, und eine wilde Rangelei begann, obgleich im Grunde alle fünf miteinander Platz genug hatten. Schließlich hatten sie sich wohl geeinigt und fraßen gierig, während das Mädchen noch einen Augenblick auf die Tiere blickte, sich dann aber abwandte, zum Regal neben der Tür zurückging, den Eimer hinstellte und dann noch einen Moment stehenblieb. Sie starrte auf irgend etwas, das sich neben der Tür befand.

Das eigenartige Verhalten des Mädchens war mir Warnung genug. Sie bewegte sich nicht natürlich. Alles, was diese junge Frau tat, war steif, gepresst, und meine Vermutung, dass sie von einem Gewehr in Schach gehalten wurde, verstärkte sich noch mehr, als sie auf einmal einen Schritt zurücktrat und Anstalten machte, die Arme hochzuheben.

Dann aber schien sie einen Befehl von einem Unsichtbaren bekommen zu haben und ging rasch auf die Tür zu, die auf einmal aufschwang, bevor das Mädchen sie berührt hatte. Danach schlug die Tür wieder zu.

 

*

 

Ich überlegte schon, wie ich mich ungesehen dem Gebäude nähern konnte, da flog die Tür unten wieder auf. Ein dunkelhaariger, lockenköpfiger, etwa fünfundzwanzigjähriger Mann von mittelgroßer Statur kam mit im Nacken verschränkten Händen heraus, und sofort entdeckte ich den Gewehrlauf, dessen Mündung ihm in den Rücken gepresst wurde. Das Gewehr selbst wurde von einem Mann gehalten, auf den die Beschreibung Col Mishburns so genau passte, dass ich das Gefühl hatte, diesen Mann schon oft im Leben gesehen zu haben, und nicht nur die Beschreibung kannte ich.

Col Mishburn hatte sich in Santa Fé fotografieren lassen. Als die Beschreibung auf den Steckbriefen überall zu lesen war, meldete sich auch der Fotograf. Er machte für die Behörden mehrere Abzüge von der alten Fotoplatte, die er sorgfältig aufgehoben hatte, und eine dieser Fotografien hatte ich auch gesehen. Der Mann dort vorne war derselbe, den ich vom Foto kannte: Col Mishburn.

Auch das Mädchen tauchte auf. Es hielt ebenfalls die Hände im Nacken verschränkt. Beide wurden von Mishburn gezwungen, auf den Corral zuzugehen, wo die Pferde noch standen und fraßen, ohne sich um das eigenartige Gebahren der Menschen zu kümmern.

Das Mädchen war zuerst an der Fenz, nahm die Hände aus dem Nacken und schob die Stangen des Gatters zurück.

Ein Kommando aus Col Mishburns Mund hallte bis zu mir herüber. Der Dunkelhaarige, der die Hände im Nacken verschränkt hatte, trat jetzt einen Schritt beiseite und wandte mir sein Gesicht zu. Das Gesicht war dem des jungen Mädchens so ähnlich, dass keine Phantasie dazu gehörte, beide für Geschwister zu halten. Im Gegensatz zu dem sympathischen, fast hübschen Gesicht des jungen Mannes wirkte das von Col Mishburn ausgesprochen hässlich. Er hatte eine fleischige Nase, schmale, tiefliegende Augen, Backenknochen, die fast an die eines Menschenaffen erinnerten. Da er den Hut ins Genick geschoben hatte, konnte man die flache Stirn mit den wulstigen, vorstehenden Augenbrauen erkennen, die ihm, ebenso wie der breite Mund, einen animalischen Ausdruck verliehen.

Col Mishburn stand mit hängenden Schultern krumm, fast träge da, aber wer ihn dafür hielt, hatte ihn schon unterschätzt. Das Primitive seines Äußeren verdeckte das Raubtierhafte seines Wesens, und ich war viel zu lange in der Wildnis und hatte viel zu häufig solche Männer wie Mishburn getroffen, um mich irritieren zu lassen oder verrückt genug zu sein, solche Männer zu unterschätzen. Die meisten von ihnen konnten nicht einmal lesen und schreiben, aber sie waren so schlau wie ein Kojote und gefährlich wie ein ganzes Nest voller Klapperschlangen.

Ich fragte mich noch, was er vorhatte, da lieferte er mir schon selbst die Antwort. Der junge, dunkelhaarige Mann nahm die Arme herunter, kletterte über die Fenz und näherte sich den Pferden. Ich nahm an, dass er eines der Tiere fassen und herausführen sollte, vermutlich wollte Col Mishburn seinen Weg fortsetzen. Ich fragte mich nur, ob er nicht wusste, dass dieses Tal im Grunde eine Sackgasse war.

Der Himmel wurde immer heller. Die Wolkendecke begann an einigen Stellen aufzureißen, die Sonne sandte sichtbare Strahlen ins Tal hinab. Es waren nur Inseln, die sie mit ihrem Schein auf dem Talboden bildete, und unten war es noch grau. Das schien auch Col Mishburn zu interessieren, denn er blickte in diesem Augenblick nach oben und wandte sich von dem jungen Mann und dem Mädchen ab.

Das Mädchen, das ihn die ganze Zeit lauernd beobachtet hatte, nutzte im selben Moment die Gelegenheit, Col Mishburn anzugreifen. Aber es war der verzweifelte, jedoch hoffnungslose Angriff einer Schwalbe auf einen Falken.

Sie versuchte es mit bloßen Händen. Eigentlich hatte sie nur eine Hand frei, mit der anderen raffte sie ihren Rock, der bis zum Boden reichte, und mit der Rechten fuhr sie Mishburn ins Gesicht. Eine Sekunde lang war er wirklich überrascht, taumelte einen Schritt zurück. Das Mädchen wollte ihm nach, aber da erwischte er sie mit dem Gewehrlauf wie mit einem Knüppel. Er traf sie an der Schulter. Sie flog von diesem Schlag getroffen in den Morast.

Der junge Mann handelte im gleichen Augenblick, da er Mishburn abgelenkt meinte. Er bückte sich, nahm eine Handvoll Schlamm und wollte ihn gerade nach Mishburn schleudern, um ihn abzulenken, da wirbelte Mishburn herum und schoss. Der Schuss traf den jungen Mann, trieb ihn bis zu den Pferden zurück, wo er stolperte und rücklings unter die Tiere fiel.

Im selben Augenblick hatte ich mein Gewehr aus dem Scabbard, riss es an die Schulter und schrie: „Mishburn, hierher!“

Mishburn flog förmlich herum. Ich wartete noch, bis er mich entdeckt hatte, und dann schoss ich.

Mein Schuss und seiner fielen fast gleichzeitig, aber der meine erreichte ihn früher, stieß ihm gegen die Schulter, so dass ihm Arme und Gewehr hochgerissen wurden. Während sein Geschoss völlig ungefährlich für mich über die Spitzen der Kiefern fauchte, hatte ich repetiert und feuerte ein zweites Mal. Mishburn torkelte - das Gewehr noch im Anschlag zwei, drei Schritte nach vorn, fiel auf die Knie und drückte noch einmal ab, ohne überhaupt zielen zu können. Abermals fuhr der Schuss in den Himmel. Dann schlug Mishburn nach vorn und fiel mit dem Gesicht auf sein Gewehr.

Ich trieb meinen Palomino an, ritt um das Haus herum auf den Corral zu, wo das Mädchen sich gerade zwischen den Stangen hindurchzwängte und zu dem jungen Mann lief, der am Boden kniete und sich die Hand auf seine rechte Schulter presste.

Ich wollte keinen Fehler machen und konzentrierte mich voll und ganz auf Mishburn. Möglich, dass er gar nicht tot war. Er war ein Trickser, bei dem man mit allem rechnen musste.

Ich saß ab, verhielt mich aber so, dass ich ihn keine Sekunde aus den Augen lassen musste. Das Gewehr im Anschlag ging ich auf ihn zu, näherte mich ihm von der Seite und tippte ihm dann mit dem Gewehrlauf auf den Rücken. Dem Aussehen nach war er tot. Ich stieß das Gewehr, unter dem er lag, beiseite, hebelte den Revolver aus seinem Holster und kniete dann neben ihm nieder, um seinen Puls zu fühlen. Er war wirklich tot.

Als ich hinüberkam zum Gatter, sah mich das Mädchen aus seinen großen dunklen Augen an. „Er hat einen Steckschuss in der Schulter“, sagte sie.

Sie hatte eine wohlklingende, anmutige Stimme. Ich ging auf sie beide zu und blickte in das schmerzverzerrte Gesicht des jungen Mannes. Er presste seine linke Hand auf die rechte Schulter, und zwischen den Fingern hindurch rann das Blut.

Das ist nicht lebensgefährlich“, sagte ich, „der Schuss sitzt zu hoch. Ich werde nachsehen. Können Sie auf die Beine kommen?“

Ich half ihm hoch, und er sagte gepresst: „Es geht schon, es war nur ein Schwächeanfall.“

Es ist der Schock“, erwiderte ich, „wenn man getroffen ist, ist am Anfang der Schock das Schlimmste, aber das geht vorüber.“ Ich wandte mich dem jungen Mädchen zu und sagte: „Mein Name ist übrigens Jed Callahan. Am besten, Sie kochen ihm einen heißen, starken Kaffee. Ich kümmere mich um seine Verletzung. Wir gehen ins Haus.“

Ich stützte den jungen Mann, und das Mädchen lief voraus.

Es geht schon“, sagte er, „übrigens ... ich heiße John. Kitty nennt mich Jonny ... John McQueery.“

Und Kitty ist deine Schwester?“, fragte ich.

Er nickte. „Es geht mir schon besser. Die Schulter, weißt du, es war wie ein Schlag, als wenn sie mir weggerissen würde. Aber jetzt ist nur ein stechender Schmerz.“

Ich sagte doch, es ist der Schock“, erklärte ich ihm.

 

*

 

Im Haus war ein Stuhl umgestoßen, aber sonst wirkte das Zimmer sehr wohnlich. Kitty stellte den Stuhl auf, ging an den rechts liegenden offenen Herd, trat mit dem rechten Fuß in den Zug des Blasebalges und legte Holz auf. Dann, als das Feuer hell brannte, füllte sie mit der Handpumpe, die sich neben dem Herd befand, einen großen Topf und hängte ihn an den Haken über den Flammen.

Ich führte Jonny zu dem langen Tisch, der in der Zimmermitte unter einer Kerosinlampe stand. „Setz dich hin“, sagte ich, und er versank förmlich in den Stuhl. Ich zog ihm das Hemd von der Schulter und sah die Verletzung. Das Geschoss war fast bis zur anderen Seite durchgedrungen. Ich entdeckte den blauen Fleck an der Rückseite der Schulter und ahnte, dass ich das Geschoss dort finden würde. Keine große Sache, wenn es mir gelang, den Wundkanal zu reinigen und überdies, wenn die Patrone nicht eingefettet war.

Miss Kitty“, sagte ich, „bitte gehen Sie hinaus und holen Sie sein Gewehr! Das Gewehr des Toten. Ich muss die Patronen ansehen.“

Sie nickte nur und huschte nach draußen. Kurz darauf kam sie mit der Waffe wieder, während ich inzwischen die Blutung stillen konnte.

Sie hatte nicht nur das Gewehr, sondern auch meine Satteltasche mitgebracht. „Soll ich Ihnen helfen, oder kann ich mich um Ihr Pferd kümmern?“, fragte sie.

Ich kann das hier allein. Es wäre nett, wenn Sie mein Pferd absatteln würden.“

In meiner Satteltasche befand sich eine Flasche hochprozentiger Brandy. Damit desinfizierte ich die Einschusswunde. John McQueery biss die Zähne zusammen, aber er wurde blass vor Schmerzen.

Am besten“, sagte ich, „du legst dich auf den Tisch.“ Ich warf einen Blick zur Feuerstelle hinüber und sah dort aufgerichtetes Anbrennholz. Es waren ein paar Stücke, die nicht dicker als zwei Finger waren, dabei, und eines davon nahm ich, gab es ihm und sagte: „Nimm das zwischen die Zähne. Ich muss mit einer Sonde in den Wundkanal fahren und muss ihn desinfizieren. Aber vorher sehe ich mir noch die Patrone an, die Mishburn verwendet hat.“

Ich atmete auf, als ich feststellte, dass Col Mishburns Patrone nicht eingefettet war. Das erhöhte die Heilungschancen für Jonny.

Dann wickelte ich etwas Werg um das Ende eines Drahtes, tauchte das Werg in den Brandy und schob es dann vorsichtig mit Hilfe des Drahtes in den Wundkanal.

Jonny gab gepresste Schmerzenslaute von sich, aber ich konnte ihm nicht helfen. Was sein musste, musste sein.

Als ich damit fertig war, hieß ich ihn, sich auf den Bauch zu wälzen. Ich holte mein Rasiermesser aus der Satteltasche, rieb es mit Brandy ab und sagte: „Es wird einen Moment weh tun. Beiß die Zähne zusammen oder beiß aufs Holz, was besser ist.“

Ein kurzer Schnitt, und ich spürte schon beim Schneiden, dass ich an das Geschoss stieß. Im quellenden Blut rutschte das Geschoss an seinem Arm hinunter und blieb auf dem Tisch liegen.

Ich ließ es eine Weile bluten, bevor ich ihm wieder mit Brandy die Wunde säuberte. Er schrie wie ein Stier, aber es musste sein. Dann legte ich ihm einen Verband an, und er fragte: „Wann, zum Teufel, holst du die Kugel raus?“

Die liegt schon neben dir“, sagte ich.

In dem Augenblick trat Kitty wieder ein. Sie sah mich erschrocken an, und ich sagte: „Die Kugel ist heraus. Er hat es überstanden, und wenn alles verheilt ist, wird er hoffentlich den Arm wieder richtig bewegen können. Ich weiß nicht, wieviel Muskeln dabei verletzt wurden, aber den Knochen hat’s offenbar nicht erwischt.“

Sie hatte nur Augen für ihren Bruder. Besorgt beugte sie sich über ihn: „Jonny, mein Junge, ist es sehr schlimm?“

Er war schon etwas angeschlagen, aber er versuchte ein Grinsen und meinte trotzig: „Du siehst, ich lebe noch. Unkraut geht nicht kaputt.“

Ich besaß Verbandszeug, das ich mir vor einer Woche von einer Militärapotheke besorgt hatte. Es waren richtige Mullbinden, und sie erinnerten mich an den Bürgerkrieg. Damit einen Verband anzulegen, war kein Kunststück. Es wurde ein richtig schöner Verband, und Kitty meinte anerkennend:

Sie machen das wie ein Doc.“

Mit dem Unterschied, dass ich keiner bin“, erwiderte ich. „Sieht er nicht fantastisch aus?“ Ich wurde ernst und fragte: „Was hat Mishburn eigentlich hier gewollt?“

Ich weiß es nicht“, sagte Jonny, und Kitty ergänzte:

Ich kann es mir schon denken. Dich jedenfalls wollte er umbringen und mich wollte er mitnehmen. Er hat zwar behauptet, er wollte uns beide mitnehmen, aber ich konnte ihm das nie glauben.“

Mitnehmen? Wohin?“, wollte ich wissen.

Nach Clintwater“, erklärte Kitty.

Und was solltet ihr dort?“

Es ist eine lange Geschichte“, erklärte sie. „Sie können uns sicher nicht helfen. Sie haben uns schon so sehr geholfen. Wir haben uns noch nicht einmal bedankt.“

Ich sagte, ich wäre Mishburn auf der Spur gewesen. „Er gehört zu den Bankräubern, die die Western Union Bank...“

Ich weiß, dass hat er uns sogar erzählt“, erwiderte Kitty, „er prahlte hier mit seinen Untaten. Aber er ist nicht deswegen hier gewesen, um uns das zu erzählen. Die Tashings haben ihn geschickt. Darauf würde ich bald einen Eid leisten.“

Du weißt nichts Genaues“, sagte Jonny, der sich jetzt aufrichtete. Dabei schmerzte ihm die Schulter, und er verzog das Gesicht.

Langsam, mein Freund“, mahnte ich, „ich bin noch nicht völlig fertig mit dir, den Arm anwinkeln, und den legen wir jetzt in die Binde.“

Er ließ es geschehen, ohne zu widersprechen und sagte dann: „Die Tashings sind wild auf dieses Tal. Sie sind erst seit zwei Wochen in Clintwater. Sie haben eine Rinderherde da stehen. Sie behaupten, dass ein Streifen des Tals ihnen gehört. Das ist nicht wahr. Dieses Tal hat schon unserem Vater gehört. Er ist im letzten Winter von einem Felsen gestürzt, drei Tage, nachdem unsere Mutter gestorben war.“

Ich blickte Kitty an. Ihr Gesicht war grau in diesem Augenblick, grau vor Trauer. Bevor Jonny weitersprechen konnte, meinte sie: „Ich glaube nicht, dass er zufällig abgestürzt ist. Ich denke er hat es bewusst getan. Es sollte nur so aussehen wie ein Unfall. Die beiden hatten sich so sehr geliebt. Sie konnten ohne einander nicht mehr sein.“

Sie wandte sich ab, damit ich ihre Tränen nicht sehen sollte. Als wenn ich dafür kein Verständnis gehabt hätte, und Jonny fuhr fort:

Dieses Land gehört den McQueerys, seit mein Vater es als junger Mann besetzt hatte. Wir besitzen einen Teil von diesem Land - eingetragen. Aber da gibt es eine Schenkung, die längst annulliert worden ist und aus der Zeit stammt, da dieses Gebiet hier mexikanisch gewesen ist. Diese Schenkungen sind allesamt lange vor dem Bürgerkrieg für ungültig erklärt worden. Aber die Tashings, die diese Schenkungsurkunde von Don Mateo jedem zeigen, der sie sehen will, rechnen damit, dass hierzulande von der Annullierung dieser Schenkungsurkunde niemand weiß, und tatsächlich wissen es wenige. Nur der Sheriff kennt diese Annullierung und würde die Tashings auslachen, wenn sie sie ihm vorhielten. Nun versuchen sie es anders. Ich glaube jedenfalls“, sagte Jonny, „dass Col Mishburn deswegen hier war. Er wollte uns umbringen, zumindest mich. Aber vielleicht wollte er es bei uns beiden tun. Ich weiß nicht, an welcher Stelle er das vorgehabt hat, doch lebend waren wir für den Plan der Tashings gefährlich, und Mishburn selbst hatte ja wohl an uns kein Interesse.“

Ich kenne ihn“, sagte ich, „ich folge ihm eine ganze Weile, und ich habe seine Geschichte studiert wie ein anderer Zahnarzt studiert. Mishburn“, sagte ich, „hätte Sie, Miss Kitty, nicht gestört. Er ist ein böser Bursche. Aber an einer Frau hat er sich noch nie vergriffen. Ich vermute, er hätte Sie, Miss Kitty, weit weggebracht, vielleicht bis nach Mexiko hinunter, und dort laufen lassen. Aber Jonny hat recht, wie er sein eigenes Schicksal beurteilt, aber die Sache ist nun ausgestanden.“

Jonny schüttelte den Kopf: „Das ist sie nicht. Die Tashings haben eine ganze Reihe von Männern. Es sind alles Texaner. Die Tashings selbst kommen aus Texas. Harte Burschen, und sie wollen dieses Tal. Sie können gar nicht mehr zurück. Es wird bald Winter sein. Nur in diesem Tal hier können sie mit der Herde, die sie besitzen, überwintern. In Clintwater steht das Vieh zusammengedrängt. Sie haben bis jetzt Futter kaufen müssen, mussten für die Weiden, auf der die Herden stehen, teure Pacht bezahlen. Ich weiß, dass sie dem Store-Besitzer Geld schulden. Sie sind also nicht mehr flüssig. Wollen sie das Vieh durchbringen, dann müssen sie ins Tal, oder aber sie verkaufen die Herde. Aber das hätten sie längst tun können und haben es nicht getan. Sie wollen also das Tal. Mishburn hat es nicht geschafft. Dann werden sie wiederkommen und mehr Leute schicken, und du, Callahan, wirst dann nicht mehr da sein...“

Ich sah Kitty an, und in ihrem Blick war ein Flehen, eine deutliche Bitte, die ich durchaus verstand. Aber sie sprach sogar aus, was ich dachte.

Können Sie nicht hierbleiben, Mister Callahan?“

Kitty gefiel mir, mehr noch, auch Jonny war ein netter, sympathischer Junge. Und so hörte ich mich selbst zu meiner eigenen Überraschung sagen: „Ich bleibe. Aber ich stelle eine Bedingung. Wenn Sie mich noch mal Mister Callahan nennen, statt einfach Callahan zu mir zu sagen, reite ich auf der Stelle davon.“ Ich grinste schief.

Kitty kam zu mir, schlang ihre Arme um meinen Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und hauchte mir einen Kuss auf die Lippen. Dann sagte sie: „Und jetzt sagst du auch Kitty zu mir.“

Ich hätte liebend gerne diesen Brüderschaftskuss ausgedehnt, zumal ich spürte, wie mein Blut in Wallung geriet, aber da war sie schon wieder weg, lächelte mich spitzbübisch an und fragte: „Du bist doch einverstanden, oder?“

Und ob ich einverstanden war. Ich nahm die Flasche mit dem Brandy, die noch auf dem Tisch stand, hielt sie hoch und sagte: „Darauf müssen wir auch einen trinken, so jung kommen wir nicht mehr zusammen, und Jonny sieht aus, als könnte er gerade jetzt einen vertragen.“

Jonny war noch etwas blass. Er grinste wie ein Lausejunge, und ich sagte: „Du warst ganz schön tapfer.“

Ja, das war er“, rief Kitty voller Stolz auf ihren Bruder.

Sie war ein Typ, wie ich ihn bisher nicht gekannt hatte. Anmutig, burschikos, aber auch anschmiegsam. Ich glaubte jedenfalls, dass sie sehr anschmiegsam sein konnte. Sie hatte etwas von einem guten Kameraden an sich, und dann wieder wirkte sie naiv wie ein kleines Mädchen. Es waren viele Eigenschaften in ihr vereint, und allesamt faszinierten mich. Sie gefiel mir. Sie gefiel mir so sehr, dass ich mir nichts anderes wünschte, als sie in den Armen zu halten, und doch empfand ich ihr gegenüber Hemmungen.

Ja, Freunde, lacht mich nicht aus! Ich hatte Hemmungen bei einem jungen Mädchen wie ihr, und gerade das war es ja. Für eine Liebschaft, eine kurze Liebelei war sie einfach zu schade. Sie war ein Mädchen, das man behalten musste. Im Grunde war sie eine Frau fürs Leben, sie einfach anmachen und vernaschen, dazu war sie zu kostbar. Das empfand ich vom ersten Augenblick an, daher rührten auch meine Hemmungen.

Sie schien von all dem, was ich dachte, nichts zu ahnen. Offen und frei schaute sie mich an, strahlte, und ich meinte sogar, etwas Verliebtheit in ihren Augen erkennen zu können.

Callahan“, sagte sie und himmelte mich mit einem Blick an, bei dem ich schlucken musste, „was du für uns getan hast, werden wir dir nie vergessen“, erklärte sie. „Das brauchen wir nicht erst mit einem Schnaps zu besiegeln.“

Wir tranken dann doch einen, und ehe ich mich versah, war die Flasche leer. Aber in Clintwater würde ich neuen bekommen, und genau dahin, nämlich nach Clintwater, würde ich reiten.

Was hast du vor?“, fragte Jonny. „Was sollen wir jetzt tun?“

Ich werde nach Clintwater reiten und mich dort einmal genauer umsehen. Und außerdem werden wir unseren Freund da draußen auf sein Pferd binden und den Grauschimmel dahin zurückjagen, woher er gekommen ist. Ich nehme an, er gehört den Leuten, von denen ihr mir erzählt habt.“

Das stimmt nicht“, korrigierte mich Jonny, „es ist ein Leihpferd aus Clintwater. Ich kenne das Pferd, außerdem hat es den Brand des Mietstalls.“

Umso besser“, sagte ich, „dann wird es in jedem Fall den Weg nach Clintwater kennen und mit der Last zurücklaufen. Vielleicht kann mir Kitty helfen, den Toten aufzuladen. Oder nein“, beschloss ich, als ich entdeckte, wie sie erschrak, als ich von dem Toten sprach, „ich mache das allein“, fuhr ich fort.

Sie wollte doch noch nachkommen, aber ich schickte sie zurück und bat sie, sich um Jonny zu kümmern.

Draussen zäumte ich den Grauen auf, führte ihn aus dem Corral, sattelte auf und schleppte dann den völlig durchnässten Toten zu seinem Pferd, hob ihn in den Sattel, dass er quer darüber lag, und band ihn dann fest. Danach schlang ich die Enden der Zügel um das Sattelhorn, gab dem Grauen einen Schlag auf die Kruppe, und er lief los. Erst machte er ein paar Sprünge, dann wurde er langsamer und drehte sich um, so als überlegte er, ob er nicht doch bliebe. Als ich ihm aber einen Klumpen Dreck nachwarf, jagte er davon. Er wurde zwar bald wieder langsamer, aber er trottete talwärts und würde wohl früher oder später in Clintwater ankommen.

Mein Palomina war nicht müde genug, um ihn gegen ein anderes Pferd austauschen zu müssen. Da sich Kitty rührend um ihn gekümmert hatte, konnte ich ihn jetzt wieder aufsatteln, obgleich ihm das nicht sonderlich zu gefallen schien. Er scharrte mit den Hufen, schnaubte zornig, aber ich war gewohnt, diese Launen von ihm hinzunehmen.

Ich verabschiedete mich von den beiden, und in Kittys Augen stand die nackte Furcht, ich könnte womöglich nicht mehr zurückkehren. Es war ganz einfach zu erkennen, dass sie rasend in mich verliebt war. Sie gehörte nicht zu den Frauen, die das zu verbergen wussten. Auch Jonny schien sich Sorgen zu machen, aber ich beruhigte ihn und sagte:

Ich komme zurück. Es gibt da ein paar Dinge zu regeln, die ich unbedingt regeln möchte. Ich will mir diese Tashings mal ansehen und mir einen Begriff davon machen, wie mächtig sie wirklich sind. Dann komme ich zurück. Verlasst euch drauf.“

Kitty kam mit hinaus. Sie richtete es so ein, dass sie die Tür hinter sich schließen konnte, so dass Jonny nicht sah, was nun weiter kommen würde. Das, was weiter kam, war ganz einfach. Als ich ihr die Hand zum Abschied gab, da warf sie sich mir an die Brust, schlang ihre Arme um meinen Nacken, stellte sich auf die Zehenspitzen und küsste mich. Aber diesmal war es kein brüderlicher Kuss, den sie mir auf die Lippen hauchte, diesmal war er voller Inbrunst.

Ich zog sie noch fester an mich, erwiderte diesen Kuss, und sie lag in meinen Armen, als wäre sie ein Stück von mir. Mein Blut schien zu kochen, und ich spürte auch, wie sie vor Erregung zitterte. Und doch war das alles nicht die hemmungslose Leidenschaft einer Frau, die sich womöglich jedem Mann an die Brust warf, sondern ich sah es wie ein Naturereignis. Ich sollte später erfahren, dass ich mit dieser Ansicht bei Kitty sehr recht hatte. Kitty war wie ein Vulkan, und was jetzt kam, war eine regelrechte Eruption. Aber was ich nicht wusste, war die Tatsache, dass ich der erste Mann in Kittys Leben war, den sie wirklich liebte.

Um so mehr Überwindung musste es sie gekostet haben, von mir lassen zu müssen. Ich ritt, weil ich ein Vorhaben wie das nicht einfach unterbrechen wollte, und irgendwie, trotz aller Vorliebe fürs weibliche Geschlecht, hatte ich immer nach dem Motto gehandelt: Erst die Arbeit und dann das Vergnügen. In Clintwater warteten ein paar Dinge auf mich, und ich musste außerdem noch vor dem Grauen mit seiner Last in der Stadt sein.

Sie stand noch lange vor der Hütte und winkte mir nach. Erst als ich um die Biegung des Tals herum war und sie mich nicht mehr sehen konnte, hörte auch ich auf, zurückzuwinken. Schließlich sah ich dann den Grauen. Er ließ sich Zeit, bummelte, fraß da und dort ein bisschen und zottelte weiter talwärts. Als ich in seine Nähe kam, galoppierte er etwas, aber sobald er merkte, dass ich nicht darauf aus war, ihn zu treiben, blieb er stehen, ließ mich an sich vorbei, folgte mir dann aber.

Aber schon nach kurzer Zeit war ihm mein Falbe zu schnell, und er fiel wieder in sein Zockeltempo, während ich dem Palomino etwas Feuer machte, dass er sich beeilte, nach Clintwater zu kommen.

 

*

 

Es war schon später Nachmittag, als ich im Ort ankam. Clintwater war mehr oder weniger nicht viel mehr als eine kleine Siedlung. Zwei Stores, ein großer Saloon und dann noch ein kleinerer gegenüber, mit einem Hotel dabei. Die anderen Häuser oder Hütten wirkten ärmlich, und jetzt, nach diesem Regen, schien alles in dieser Stadt von einer Schlammschicht überzogen zu sein. Der Schlamm der zerstampften Hauptstraße prägte das Gesicht des Ortes.

Vor dem Saloon standen sechs Pferde, und alle trugen sie den Kreuzbrand. Da sie ihn auf der linken Halsseite trugen, dachte ich sofort an Texas, wo häufig an dieser Stelle bei Arbeitspferden das Brandzeichen gesetzt wurde. Fünf dieser sechs Pferde trugen diesen Brand, das sechste hatte ein Brandzeichen auf der Hinterhand, das gleiche übrigens, das ich bei diesem Mietpferd gesehen hatte, wahrscheinlich auch ein Leihpferd. Hinter den Pferden stand noch ein Buggy. Er war zur Hälfte mit Säcken beladen, und außerdem befand sich obenauf eine Rolle Stacheldraht. In diesen Breiten, wo man nichts einzäunte, war der Stacheldraht eine ungewöhnliche Fracht. Ich fragte mich sofort, wer hier etwas einzäunen wollte, dazu noch mit Stacheldraht. Diese Gegend war ein Rinderland, und Rinder konnte man frei treiben, jedenfalls war das bisher so üblich gewesen.

Ich zerbrach mir den Kopf nicht noch weiter über den Draht, sondern saß ab, schlang den Zügel meines Palominos um die Haltestange und wartete einen Augenblick, ob sich mein Wallach mit der Stute an seiner Seite vertragen würde.

Aber offensichtlich war das der Fall. Ich wollte gerade die Stufen der Veranda betreten, als jemand von rechts rief:

Jed Callahan, das gibt es doch nicht! Wo kommst du denn her?“

Ich brauchte gar nicht hinzusehen. Diese Stimme war mir auch so vertraut. Es war, als hätte mich ein Bruder gerufen: Jim Trenton. Mein Gott, wir waren Freunde und hatten schon so viel Gemeinsames erlebt. Seit Monaten hatte ich ihn nicht mehr gesehen ... seit Monaten? Ich glaube, es ist zwei Jahre her gewesen, als wir zusammen die Rinder getrieben hatten. Natürlich war es zwei Jahre her.

Ich wandte mich um, sah ihn an. Mir blieb die Luft weg, als ich den Stern an seiner linken Brustseite sah. Er war wieder Sheriff. Damals in Tucson war er zweiter Sheriff gewesen, und später dann hatte er den Stern an den Nagel gehängt, war als Cowboy geritten, hatte sich durchgeschlagen und ein Mädchen gefunden.

Er kam auf mich zu, strahlte mich an, und die Wiedersehensfreude überwältigte ihn fast. Als wir uns die Hände geschüttelt hatten, klopfte er mir auf die Schulter, als wollte er mich zertrümmern. Sein blondes Haar quoll ihm unter dem Hut hervor, sein Jungengesicht hatte sich praktisch überhaupt nicht verändert. Allerdings wirkte er unrasiert, auch sein Hemd sah nicht mehr frisch aus. Die Hosen waren so schlammig wie bei mir auch. Schlamm war hier überall.

Menschenskind“, sagte er, „wie kommst du bloß hierher?“ Als er sprach, entdeckte ich eine Zahnlücke. weiß der Teufel, welcher Bulle ihm den Zahn mit dem Horn herausgeschlagen hatte, oder vielleicht war er auch in eine Faust gelaufen? Auf alle Fälle freute ich mich. Ich hätte ja sonst wen hier erwartet, aber nicht Jim.

Es war ein warmes Gefühl, das in mir aufstieg, Jim hier in dieser Stadt zu wissen, und ich ahnte, dass es eine Menge gab, was ich von ihm wissen wollte, aber auch, was er mich fragen würde.

Du bist also Sheriff hier“, sagte ich und tippte an seinen Stern.

Es hat sich so ergeben", erwiderte er, grinste schief und meinte: „Die brauchten hier einen Sheriff, und du weißt ja, in Tucson habe ich das schon mal gemacht. Ich kenne mich also aus.“

Du bist also der Sheriff. Das trifft sich sehr gut. Ich wollte dich eine Menge Dinge fragen, aber reden wir erst einmal von der Zeit, die zwischen unserem letzten Zusammensein und heute liegt. Gehen wir einen trinken?“

Er schielte auf die Pferde, wurde schlagartig ernst und sagte: „Das können wir auch bei mir tun. Mein Office ist drüben neben dem Hotel. Komm mit, wir müssen dann zwar noch einmal durch den Schlamm, und am besten bringst du auch dein Pferd in den Stall.“

Das hatte ich ohnehin vor“, erwiderte ich. „Ich wollte mich nur einmal umsehen.“

Wir brachten den Palomino in den Leihstall, der auch in der Nähe war. Ich wusch den Wallach ab, rieb ihn trocken, und Jim half mir dabei. Währenddessen erzählte er, wie es ihm die beiden Jahre ergangen war. Mit dem Mädchen damals hatte es Streit gegeben. Seit einem halben Jahr lebte er hier. Er hatte einen gefährlichen Revolvermann unschädlich machen können, der diese Stadt terrorisiert hatte. Aus Dankbarkeit wählten ihn die Leute hier zum Sheriff. Es gefiel ihm, aber ich merkte an seinem ganzen Erzählen, dass ihm etwas fehlte. Weil ich Jim kannte, wusste ich zu genau, was es war: Jim brauchte eine Frau. Er war nicht der Typ, der allein leben konnte. In einer großen Mannschaft ging es noch, aber nur eine gewisse Zeit. Jim war beharrlich, war im Grunde seiner Seele auch sesshaft, und ich fragte ihn, als ich meinem Braunen den Schwanz auskämmte: „Wie ist es denn, hast du hier kein Mädchen gefunden?“

Es gibt eine“, meinte er mit verklärtem Blick. „Es ist eine wunderbare Frau. Fantastisch. Sie wohnt nicht in der Stadl.“

Seid ihr euch einig?“, fragte ich.

Sie weiß ja noch gar nichts von mir, das heißt, sie kennt mich natürlich, aber sie weiß nicht, dass ich sie liebe.“

Irgendwie kam mir das Wort „Liebe“ aus seinem Mund komisch vor. Aber er sagte es so gefühlvoll, so ergriffen, dass ich spürte, wieviel sie ihm bedeutete, und da er auch sensibel war, beschloss ich, lieber zu schweigen und an dieses Thema nicht mehr zu rühren. Vielleicht, so sagte ich mir, kann ich ihm einmal helfen. Ich wusste ja von früher her, wie gehemmt er war. Er hatte immer Schwierigkeiten gehabt, mit einem Mädchen Kontakt zu bekommen, vermutlich ging es ihm hier wieder so. Vielleicht, dachte ich ein wenig heiter, kann ich dem Glück auf die Sprünge helfen.

Und wo kommst du her?", wollte er wissen.

Ich erzählte ihm, was im letzten Jahr gewesen war, erzählte ihm auch von dem Banküberfall, den diese vier Kerle auf die Western Union-Bank ausgeführt hatten, wobei auch das von meinem Vater ererbte Gold verschwand. Einen kleinen Teil hatte ich ja inzwischen zurück erbeutet. Aber ich verschwieg ihm die Sache mit Mishburn. Ich weiß bis heute nicht, warum ich es tat. Jim konnte ich ja vertrauen und trotzdem, eine innere Stimme riet mir, es ihm nicht zu erzählen. Ich sagte nur, dass ich ein Stück das Tal hinaufgeritten sei und dann feststellen musste, dass es sich um eine. Sackgasse handelte, ein Tal ohne Ausweg.

Hast du die McQueerys nicht getroffen?“, fragte er und sah mich aus großen Augen an. Mir war, als erwarte er da eine besondere Antwort.

Ich nickte. „Sicher, ich habe sie getroffen. Ein sehr nettes junges Mädchen und ein sympathischer junger Mann."

Ja, sie sind sehr sympathisch“, erklärte er eifrig. Es sprudelte förmlich aus ihm heraus, als er das sagte, und seine Augen leuchteten, und dann fügte er hinzu: „Ich komme auch ab und zu dorthin. Es ist allerdings lange her, dass ich das letzte Mal dort war. Ich müsste bald mal wieder hinauf, bevor es Winter ist. Dort oben fällt früher Schnee als hier unten.“

Und was treibst du da oben?", wollte ich wissen.

Er sah mich verwirrt an. „Na ja“, erwiderte er, fand aber offensichtlich doch nicht gleich eine Antwort und stammelte: „Schließlich muss ich... ja natürlich, ich muss unbedingt noch meinen Kontrollritt machen.“

Ich dachte sofort an Kitty. War sie das Mädchen, das er verehrte? Und das von seinem Glück nichts wusste? Verdammt noch mal! Wenn das so war ...

Um uns beide auf andere Gedanken zu bringen, sagte ich: „Also, mein Palomino ist versorgt. Wollen wir bei dir einen trinken, oder gehen wir in den Saloon?“

O nein, besser zu mir.“

Wenig später saßen wir in seinem Office. Es war ein einfacher Raum. Das ganze Haus war aus Adobe-Lehm gebaut, die Wände innen gekalkt, und es schien vor nicht allzulanger Zeit gemacht worden zu sein, so dass wohl infolge der hohen Luftfeuchtigkeit nach dem Regen der ganze Raum nach Kalk roch. Der Fußboden bestand aus festgestampftem Lehm, und zwischen den Brettern der Decke hingen zum Teil Strohhalme durch. Die Mexikaner hatten diese Isolation aus Stroh über den Zimmerdecken eingeführt, denn dieses Haus schien noch aus der mexikanischen Zeit zu stammen.

Die Einrichtung war wohnlich und ganz individuell gestaltet. In der Mitte des Raumes stand ein größeres Fass, darauf hatte Jim Bretter genagelt, so dass es als Tisch diente. Rings herum standen kleinere Fässer, auf die oben Lederpolster aufgesetzt waren, so dass man bequem sitzen konnte. Eine zweite Tür führte zu den Zellen, die sich nicht wie sonst üblich im selben Raum befanden, sondern in einem Anbau. Einziger „Gast“ in Jims Gefängnis war ein Säufer, der offensichtlich dabei war, seinen Rausch zu überwinden. Wir hörten ihn beide mit krähender Stimme singen.

Er ist harmlos“, sagte Jim, „er ist fast zweimal die Woche bei mir. Wenn er ausgeschlafen hat, bekommt er noch auf Kosten der Stadt ein ordentliches Essen, und manchmal glaube ich, das sind die einzigen vernünftigen Mahlzeiten, die er überhaupt erhält.“

Wir ließen uns nieder, und Jim holte aus einem kleinen Kellerloch, das durch eine Falltür zu erreichen war, einen Krug Pulque, dieses mexikanische „Bier“, das vom Saft der Agave gewonnen wird.

Es ist nicht jedermanns Sache, dieses säuerliche Getränk zu genießen, aber ich hatte es in Mexiko schätzen gelernt, und auch Jim mochte es.

Irgendwas bedrückt dich“, sagte ich, „ich sehe dir das an. Hängt das mit den Pferden da drüben zusammen, die vor dem Saloon stehen?“

Ich hatte den Finger drauf, denn er erschrak, schaute mich ein wenig verlegen an und meinte: „Es gibt immer eine Grenze für einen Mann. Wenn die Stiefel, die man anzieht, einfach zu groß sind, kann man nicht darin laufen. Es sind zu viele, obgleich ich genau weiß, dass sie hergekommen sind, um zu stänkern.“

Was wollen sie hier?“

Er schien zu überlegen, ob er es mir erklären sollte, entschloss sich aber schließlich dazu und sagte: „Sie behaupten, dass ihnen ein Stück von dem Tal gehört, durch das du geritten bist. Ich weiß aber ganz genau, dass es den McQueerys gehört. Sie haben Brief und Siegel darauf. Aber das ist noch nicht alles. Die Tashings, das sind jene Leute, die den Talstreifen beanspruchen, behaupten, auf Grund einer Schenkung dieses Land beanspruchen zu können, und diese Schenkung ist ungültig. Ich weiß das. Ich nehme an, die wissen das auch selbst. Ich hatte eigentlich immer befürchtet, dass sie mit Jonny McQueery Stunk anfangen, aber bis jetzt...“

In diesem Augenblick stampfte jemand über die Veranda vor dem Office, dann klopfte es hart an die Tür, und unmittelbar danach wurde sie auch schon aufgestoßen. Ein grauhaariger, verwittert aussehender Mann von etwa sechzig Jahren stürzte herein und rief erregt: „Da ist ein Pferd in die Stadt gekommen mit einem Toten drauf, es ist ein Fremder. Er hatte sich das Pferd aus dem Mietstall ausgeliehen. Den Grauschimmel, weißt du. Der Mann ist darauf gebunden, ist tot.“

Nun mal langsam, Festus. Woher kommt das Pferd? Aus welcher Richtung?“

Keine Ahnung“, meinte der Alte. „Ich habe so das Gefühl, wir sollten die Tashings fragen, vielleicht wissen sie etwas. Sie stehen draußen mit Comestock und Frank Coyle. Ich hatte den Eindruck“, meinte der Alte, „dass es sie irgendwie getroffen hat, aber nachher haben sie zu mir gesagt, sie wüssten nicht, wer das ist. Der kleine Joel vom Mietstall sagte, dass der Kerl das Pferd für zwei Tage haben wollte, und Joel meint, er hätte schon mal auf einem Steckbrief etwas gelesen. Die Beschreibung würde auf diesen Mann passen, aber er könnte sich an den Namen nicht mehr erinnern. Verdammt noch mal, dann müsstest du doch etwas davon wissen!“

Ich war ebenfalls aufgestanden, ging auf die Tür zu, wartete, dass auch Jim käme. Er nickte mir zu, und zusammen mit dem Alten ging er hinaus. Ich folgte den beiden. Draußen hatte es wieder angefangen zu regnen, feiner Nieselregen. Richtig ungemütlich und durchdringend bis auf die Haut. Wir stampften durch den Schlamm zum Saloon hin. Davor stand das Pferd. Irgendwer hatte es gepackt, und die anderen scharten sich um das Tier und seine traurige Last.

Ich war gespannt darauf, was Jim sagen würde. Eigentlich war er für dieses Nest Clintwater zu schade. Er hatte damals unten in Tucson gezeigt, welches Format er besaß. Er war ein hervorragender Sheriff.

Als wollte er es mir bestätigen, ging er auf das Pferd und den Toten zu. Die Menschen, die rings herum standen, machten eine Gasse frei für ihn, und ich blieb zurück, um mir die Gesichter dieser Leute einzuprägen. Aber bevor ich dazu kam, hatte Jim den Kopf des Toten angehoben, blickte einmal kurz hin und sagte:

Das ist Mishburn, Col Mishburn, ein mehrfacher Killer. Er wird lange genug gesucht. Der ihn erschossen hat, müsste eine Prämie kriegen.“ Er zog sein Bowie-Messer, schnitt die Stricke durch, mit denen ich den Toten angebunden hatte, und zerrte Mishburn zu Boden.

Dann sah er ihn genauer an und meinte: „Zweimal getroffen, beides von vorn. Die Menschheit kann sich glücklich preisen, dass es diesen Burschen erwischt hat. Und wer kann mir sagen, woher er gekommen ist?“

Er richtete sich auf, blickte die Umstehenden an, von denen machten einige ahnungslose Gesichter, andere aber, das fiel mir auf, sahen verkniffen, fast ein wenig feindselig auf den Sheriff.

Es waren die letzteren, deren Gesichter ich mir merkte.

In diesem Augenblick näherte sich vom Saloon her ein hagerer, breitschultriger Mann mit weißblondem Haar. An den Schläfen allerdings ging dieses helle Blond in Grau über. Das Gesicht wirkte wie aus Stein gehauen. Graue kalte Augen blickten abschätzend auf die Szene, die sich da vor dem Pferd gebildet hatte. „Was ist denn da los?“ rief dieser Mann.

Jetzt wandten sich ihm alle zu. Ausgenommen Jim, der dabei war, Col Mishburns Kleidung abzusuchen.

Einer von denen, die vorher so verkniffen dreingeblickt hatten, sagte ehrerbietig: „Der Mann ist erschossen worden, Mister Tashing. Er muss überfallen worden sein.“

Jim richtete sich auf, schaute den Sprecher an und lachte verächtlich. „Überfallen? Wer einen Killer überfällt, dem sollte ein Denkmal gesetzt werden.“

Und woher wissen Sie, dass dieser Mann ein Killer ist?“, fragte jener Tashing.

Weil es auf allen Steckbriefen steht.“

Und Sie wissen, dass dieser Mann wirklich auf einem Steckbrief steht?“

Und ob ich das weiß. Er ist Col Mishburn“, erwiderte Jim Trenton.

Jetzt hielt ich es für angebracht, ein Wörtchen mitzureden. Ich ging hinüber, tat interessiert, sah mir Mishburn an, den ich ja noch lebend gekannt hatte.

Zusammenfassung

Ein Goldstück, das Col Mishburn wechselte, brachte mich auf seine Spur. Er war einer der Banditen, die außer anderen Wertgegenständen auch mein ererbtes Gold auf der Western Union Bank gestohlen hatten. Aber ich hatte nicht vor, auf diese Dinge zu verzichten — deshalb ritt ich auf Mishburns Spur. Er aber war in ein Tal unterwegs, in dem auf mich eine verhängnisvolle Überraschung wartete. Aber zu diesem Zeitpunkt wusste ich noch nicht, dass die Jagd nach Mishburn erst der Anfang einer Kette von dramatischen Umständen war, in die ich sehr bald geraten würde. Und erneut musste ich kämpfen – diesmal um das Boon Valley. Es ging um Besitzansprüche, die zwei verfeindete Parteien geltend machen wollten. Und jeder war bereit, dafür zu töten!

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907520
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Januar)
Schlagworte
callahan kampf boon valley

Autor

Zurück

Titel: Callahan #4: Kampf um das Boon Valley