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Jim Shannon #3: Shannon und die Satans-Passagiere

2017 130 Seiten

Leseprobe

JIM SHANNON

Band 3

Shannon und die Satans-Passagiere

 

Ein Western von John F. Beck

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach einem Motiv von Charles Schreyvogel mit Steve Mayer, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

Der Abenteurer Jim Shannon bekommt in White Bluff einen lukrativen Job angeboten. Er soll eine Postkutsche mit 50.000 Dollar begleiten und mit seinem Revolver dafür sorgen, dass diese Beute unterwegs nicht in die Hände von Banditen fällt. Die Passagiere, die sich in dieser Kutsche befinden, ahnen jedoch nichts von dieser wertvollen Fracht – und als sie es schließlich herausfinden, entsteht Neid, Hass und Gier. Jeder der Passagiere verfolgt von nun an seine eigenen Interessen – und alle sind bereit, Shannon in den Rücken zu fallen. Aber nicht nur diese Menschen bereiten Shannon große Probleme. Da gibt es auch noch eine Horde entschlossener Banditen, die ebenfalls das Geld haben wollen und die Kutsche schon seit Tagen verfolgen. Wird es Shannon gelungen, diese ausweglose Situation zu meistern? Denn jetzt steht er buchstäblich zwischen zwei Fronten – und der Ausgang dieses Geldtransportes ist mehr als ungewiss ...

 

 

 

 

 

 

Roman

Schlag 12 Uhr mittags sprangen zwei staubbedeckte Reiter vor dem einzigen Saloon in White Bluff aus den Sätteln. Mit klirrenden Sporen stürmten sie über die Verandastufen, stießen die schulterhohen Schwingtüren auf und zogen die Revolver.

Der einzige Gast in dem großen, dämmrigen Raum war Jim Shannon. Er saß an einem runden Tisch, ein halb volles Bierglas vor sich, eine Zigarette im Mundwinkel. Seine schlanken Hände, die so verteufelt flink mit dem Colt und den Karten sein konnten, legten eine Patience. Er war fast fertig, als die rauen Kerle hereinstürzten.

Du wartest umsonst auf Sam Whitneys Kutsche, Hombre", höhnte der eine, der ein bunt gestreiftes Indianerstirnband trug. „Wir haben für dich bereits 'nen Platz in der Hölle reserviert."

Dann eröffneten sie das Feuer auf Shannon. Das Krachen der Schüsse rüttelte an den morschen Saloonwänden. Die Flaschen im Regal hinter der Theke klirrten. Die Karten, die Shannon in Reih und Glied auf die Tischplatte gebreitet hatte, wirbelten durch die rauchige Luft. Shannon jedoch war nicht mehr da, wo er eben noch gewesen war. Sein durchtrainierter Körper glich einer Stahlfeder. Blitzschnell warf er sich vom Stuhl. Als der große Zeiger der alten Standuhr in der Ecke um einen Strich weiterrückte, war schon alles vorbei.

Zweimal flammte Shannons 44er Army Colt unter der Platte des kugelzernarbten Pokertisches auf. Jede Kugel saß. Der eine Halunke wurde rücklings zur Saloontür hinausgeschleudert. Der mit dem Stirnband sank ächzend an der Wand nieder. Sein qualmender Sixshooter polterte neben ihn auf die Bretter. Fassunglos starrte der Bandit den dunkkelhaarigen, sonnengebräunten Mann an, der sich im zerwehenden Pulverdampf erhob und auf ihn zukam.

Im Gegensatz zu den meisten Männern hier im Südwesten trug Shannon weichlederne Stiefel mit flachem Absatz. Sein Gang wirkte katzenhaft. Sein schmales Gesicht zeigte keine Erregung. Die Schussnarbe an der rechten Schläfe war ein Andenken an fern zurückliegende Tage, in denen Shannons rastloses Leben als Revolvermann wider Willen begonnen hatte. Inzwischen hatte er sich längst damit abgefunden, dass er sein Leben immer wieder mit der Waffe in der Faust verteidigen musste wie eben jetzt. Irgendwann würde vielleicht der Tag kommen, an dem ihn sein Glück verlassen und seine Hand nicht schnell genug sein würde. Shannon hatte keine Angst davor.

Die Zigarette klebte noch immer zwischen seinen Lippen. Kalt blickte Shannon in das unrasierte Gesicht des Verwundeten hinab. Er hatte keinen der beiden Angreifer je zuvor gesehen.

Rede, Mister, ehe es zu spät ist. Wer hat euch geschickt?“

Der Mann versuchte zu sprechen, seine Lippen bewegten sich. Plötzlich fiel er kraftlos zur Seite. Er war nur noch ein schlaffes, lebloses Bündel. Ein Golddollar rollte aus seiner Tasche vor Shannons Stiefel. Die Zigarette schmeckte Shannon nicht mehr. Er trat sie mit dem Stiefelabsatz aus.

Totenstille lastete über der kleinen Stadt im südlichen New Mexico. Niemand kam, um nachzusehen, was im Saloon passiert war, obwohl die Schüsse bis in den entferntesten Winkel von White Bluff gehört worden sein mussten.

Shannon kannte diese Art von bleiernem Schweigen. Hellwach wartete er eine Minute. Dann schob er den Colt in die Halfter zurück und bückte sich nach der Münze. Die Gefahr kam von dort, wo Shannon sie nicht erwartete: Ein leises Knarren auf der Treppe zum Obergeschoss riss ihn herum.

Diesmal brachte er nur noch die Hand an den Hickorykolben seiner Waffe. Der Tod starrte ihn aus einer schwarzen Revolvermündung über dem Treppengeländer an.

Da ist wahrhaftig ein zweibeiniger Tiger in dieses gottverlassene Nest gekommen. Wie hat Whitney es bloß geschafft, Sie als bewaffneten Begleitreiter für seine Kutsche nach El Paso anzuwerben? Sie sehen eigentlich nicht wie ein Narr oder Selbstmörder aus.“

Und Sie nicht wie ein mieser Halunke, der zwei gedungene Killer auf mich loshetzte.“ Shannon warf spielerisch den Golddollar in die Luft. „Das Geld stammt doch von Ihnen, oder?“

Der Mann auf der Treppe lächelte kalt. Er war groß, breitschultrig, blond. Der graue Prince Albert-Rock passte ihm wie angegossen. Auf seinen hochschäftigen Stiefeln gab es kein Stäubchen. Geschmeidig stieg er die Stufen herab. Sein Revolver blieb unverwandt auf den großen, schlanken Mann in der Saloonmitte gerichtet.

Und wenn es so wäre?", fragte er achselzuckend. „Dies ist eine verdammte bleihaltige Gegend. Kein Hahn würde nach Ihnen krähen, wenn ich jetzt abdrückte.“

Dazu hätten Sie längst Gelegenheit gehabt. Ich glaube nicht, dass Sie es auf meinen Skalp abgesehen haben.“

Der Breitschultrige lehnte sich an die aus ungehobelten Brettern gezimmerte Theke. Mit der freien Hand zog er Flasche und Glas heran und schenkte sich ein. „Das hängt ganz von Ihnen ab, Shannon. Übrigens, mein Name ist Lee Teggard. Es ist noch nicht lange her, da war ich der mächtigste und reichste Mann in White Bluff, der ungekrönte König, wenn Sie so wollen. Damals waren es meine Kutschen, die zwischen White Bluff und El Paso rollten, bis die allmächtige Wells Fargo Company nach Kriegsende ihren Arm auch nach diesem Teil von New Mexico ausstreckte. Ihr Agent Sam Whitney konnte seinen fetten Hintern ins gemachte Nest legen. Der Teufel soll ihn holen! Sehen Sie sich um, Shannon! Diese Bruchbude von Saloon ist alles, was mir in White Bluff geblieben ist. Das heißt aber nicht, dass ich nicht genug Geld besitze, um mit Ihnen ins Geschäft zu kommen.“

Teggards Lächeln wurde lauernd. Er griff nach einem zweiten sauberen Glas, füllte es und schob es ein Stück über die Theke. „Bedienen Sie sich! Der Drink geht auf Kosten des Hauses.“

Shannon ging zur Theke und warf die Münze auf die glattgescheuerte Platte. „Es gibt Leute, von denen ich nicht mal ’nen Drink umsonst will. Dazu gehören so großartige Geschäftemacher, die mich erst umlegen lassen und dann kaufen wollen.“

Teggards blaue Augen glänzten eisig. „Die Reihenfolge ist ganz in Ordnung. Ich musste schließlich erst sehen, wie fix Sie mit der Kanone sind, sonst hätte ich kein Wort an Sie verschwendet, höchstens eine Unze Blei. Well, ich nehme nur die Härtesten in meinen Verein, wie zum Beispiel Clint Spencer mit seiner Bande. Sagt Ihnen der Name was?“

Nichts Gutes. Spencer wäre der Letzte, mit dem ich Bügel an Bügel reiten wollte.“

Sie werden sich daran gewöhnen.“

Teggard ließ Shannon wieder in die Revolvermündung sehen. Dann hob er mit der Linken das Glas an die Lippen und leerte es mit einem Ruck.

In tausend Gefahren hatte Shannon gelernt, den winzigsten Bruchteil einer Chance zu nutzen. Aber er bekam ihn nicht. Teggards Blick war unverwandt auf ihn gerichtet. Der Saloonbesitzer drehte das leere Glas zwischen den Fingern. „Wieviel hat Whitney Ihnen geboten?“

Das wissen Sie doch längst. Oder sind Sie nicht der Mann, für den ich Sie halte?“

Teggards Lächeln vertiefte sich. „Sie sind ein kluger Kopf, Shannon. Und deshalb werden Sie auf die hundert Bucks pfeifen, die Ihnen Whitney zahlen will.“

Hundert Dollar sind ’ne Menge Geld für einen VierTage-Ritt nach El Paso.“

Zu wenig, um dafür ins Gras zu beißen! Und das werden Sie garantiert, wenn Sie nicht schleunigst die Seite wechseln. Ich zahle Ihnen das Doppelte, einschließlich der Garantie, dass Sie Ihren Skalp behalten.“

Auf den habe ich bisher recht gut alleine aufpassen können. Teggard, hinter dieser Sache steckt doch mehr als nur der Wunsch, Rache an Whitney und der Wells Fargo Company zu nehmen.“

Teggard stellte hart das Glas ab. Sein Lächeln war fort. „Ich will die fünfzigtausend Dollar, auf denen Whitney seit Tagen wie eine Bruthenne auf ihren Eiern sitzt und die für die First National Bank in El Paso bestimmt sind.“

Shannon pfiff leise durch die Zähne. „Jetzt wird die Sache interessant.“

Der Saloonbesitzer lachte rau und schenkte von neuem ein, ohne dass sein Revolver auch nur einen Zoll aus der Richtung kam. „Whitney, dieser fette Bastard, hat Ihnen die Sache mit dem Geld wohlweislich verschwiegen, weil er fürchtete, Sie würden den Job bei ihm sausen lassen. Ich weiß Bescheid. Meine Beziehungen reichen bis ins Hauptquartier der verdammten Company. Die Kiste mit den fünfzigtausend Bucks steht seit drei Tagen in Whitneys Office. Eine Armee-Abteilung hat sie heimlich dort abgeliefert. Aber die Zuständigkeit der Blauröcke aus Fort Allister endet in White Bluff. Ab hier übernimmt die Wells Fargo die volle Verantwortung für den Geldtransport, das heißt Whitney. Für mich sind es zwei Fliegen auf einen Schlag: Geld und Rache. Whitney ist erledigt, wenn ihm der Zaster durch die Lappen geht. Der nächste Sheriff sitzt weit weg in Las Cruces und hat genug eigene Sorgen. Genau genommen wird diese Gegend bis zur mexikanischen Grenze von Clint Spencer und seinen Reitern kontrolliert. Whitney hat überhaupt keine Chance, die Moneten durchzubringen. Er hätte Sie glatt in den Tod geschickt, Shannon.“

Muss ich mich für diese Warnung bedanken?“

Hufschlag trommelte die Main Street herab und verstummte vor dem Saloon. Doch Teggard ließ sich nicht ablenken.

Hören Sie mit den Mätzchen auf!“, sagte er scharf. „Jeder sieht Ihnen auf den ersten Blick an, dass Sie vom Revolver leben.“

Shannon hob gelassen sein volles Glas.

Als die Türflügel aufsprangen, wandte Teggard einen Augenblick den Kopf. Shannon nahm die Chance wahr, schwappte Teggard den Whisky ins Gesicht, schlug die Revolverfaust zur Seite und knallte ihm die geballte Rechte ans Kinn. Teggard prallte gegen die Theke. Seine Beine knickten durch. Im gleichen Augenblick wechselte der Sixshooter den Besitzer.

Shannon glitt zur Seite und zielte auf den Mann bei der Tür, der ihn erschrocken anstarrte. „Versuch es ruhig, wenn du lebensmüde bist, Muchacho!“

Der Kerl sah genauso verkommen aus wie die beiden Halunken, die Shannon überfallen hatten. Zögernd zog er die Hand von der Waffe zurück. Sein Blick tastete zu Teggard, der sich mit zusammengepressten Lippen an der Theke aufrichtete.

Boss, ist das der Hundesohn, den Bill und Ed zum Teufel schicken sollten?“

Stell keine blöden Fragen! Hat Clint dich geschickt? Habt ihr die Kutsche? Raus mit der Sprache! Geheimnisse sind überflüssig. Wenn die Sache gelaufen ist, verschwinden wir sowieso nach Mexiko. Shannons Schießeisen braucht dich nicht zu stören, Jube.“

Der Desperado kniff ein Auge zu, grinste Shannon höhnisch an und kam ein paar Schritte näher. „Es hat wie am Schnürchen geklappt. Wir haben die Stagecoach abgefangen.“

Teggards Augen leuchteten triumphierend. „Habt ihr die Geiseln?“

Den Kutscher und zwei Passagiere, einen Mann und eine Frau. Verdammt hübsche Person übrigens.“

Na also!“ Lee Teggard straffte sich und blickte Shannon überlegen an. „Jetzt können Sie nur noch für eine längst verlorene Sache kämpfen. Ohne Stagecoach wird es keinen Geldtransport nach El Paso geben. Außerdem ist die Wells Fargo für die Sicherheit ihrer Passagiere verantwortlich. Ich werde von Whitney die fünfzigtausend Bucks für die Freilassung der Geiseln verlangen. So verdammt einfach ist das. Was sagen Sie nun?“

Ich habe meine Meinung nicht geändert“, knurrte Shannon. „Ich halte Sie noch immer für einen Schurken, der entweder an den Galgen oder hinter dicke Zuchthausmauern gehört. Sagen Sie Clint Spencers Boten, er soll nur ja die Hand von der Kugelspritze lassen, wenn ich jetzt verschwinde. Sonst sind Sie der Mann, der dafür bezahlt, und Spencer wird allein kassieren.“

Mit dem Revolver in der Faust setzte sich Shannon in Bewegung. Teggard stützte lässig die Ellenbogen auf die Thekenkante. „Sie werden diese Entscheidung bestimmt noch bereuen. Ich vergesse nichts. Wenn ich mit Whitney abgerechnet habe, sind Sie dran, Shannon.“

Rückwärts gehend erreichte Shannon die Schwingtüren. „Na denn, auf ein baldiges Wiedersehen, Teggard!“

Die Türflügel schlugen hinter ihm zu. Jube riss fluchend den Colt aus der Halfter und stürzte zur Tür. Teggard stoppte ihn. „Idiot! Dieser Teufelskerl wartet doch nur darauf, dass du ihm wie ein Greenhorn vor die Mündung rennst. Hast du nicht gesehen, was mit Bill und Ed passiert ist?“

Knurrend huschte Jube ans nächste Fenster. Da hämmerte draußen Hufschlag los. Staubschleier wehten im flimmernden Licht. Achselzuckend ließ Jube die Waffe sinken. „Er verlässt die Stadt. Er gibt auf, Boss.“

Teggard griff nach der Whiskyflasche. „Er weiß jetzt, um was es geht. Ich halte jede Wette, dass er zurückkommt, um seinen Teil von dem großen Kuchen zu erwischen. Dann halte dein Schießeisen bereit. Jube!"

 

*

 

Hufgeklapper riss die Banditen vom Lagerfeuer hoch. Fäuste zuckten zu den tief an den Gürteln hängenden Waffen. Ein Mann warf einige Handvoll Sand auf die prasselnden Flammen, so dass der Lichtkreis zusammenschrumpfte und die klobige, von Kugellöchern übersäte Concord-Kutsche in tiefem Schatten lag. Im nächsten Moment waren die Desperados verschwunden. Das alles klappte so hervorragend, als hätten sie diese Reaktion schon hundert Mal geübt. Wie Raubkatzen duckten sie sich hinter Felsblöcken und halbverdorrtem Mesquitegestrüpp.

Nur ein Mann war an den niedrig züngelnden Flammen zurückgeblieben, groß, hager, mit schnurrbärtigem Gesicht und Stirnglatze. Seine knochigen Fäuste umklammerten ein Remington-Repeliergewehr.

Die Mündung zielte auf die Kerbe zwischen den schwarzen Felsmauern, den einzigen Zugang zu dem versteckten Camp. Dort erschien eine hohe Reitergestalt vor dem Hintergrund des aufgehenden Vollmondes wie ein Scherenschnitt.

Für etliche Sekunden war nur das Knistern des Feuers und das Schnauben der in der Dunkelheit angepflockten Gäule zu hören.

Bist du’s, Spencer?“ Die Stimme des Reiters weckte ein Echo an den dunklen Felswänden.

Die Remington des Mannes am Feuer ruckte drohend. „Ja, zum Teufel! Und wer bist du?“

Ich soll dir Grüße von deinem Freund Teggard bestellen. Er lässt dir ausrichten, dass du zwei Namen aus der Liste deiner Reiter streichen sollst. Die Namen der beiden Kerle, die nach White Bluff geritten sind, um mich umzulegen.“

Shannon!“, knirschte der schnurrbärtige Bandenboss. Der Gewehrkolben flog an seine Schulter.

Shannon rief hastig: „Das ist noch nicht alles, Spencer. Ich habe das Geld. Whitney hat mich losgeschickt, um die Gefangenen freizukaufen. Die fünfzigtausend Bucks stecken in meinen Satteltaschen.“

Die hagere Gestalt des Verbrechers reckte sich. Ein gieriges Leuchten huschte über sein Gesicht. Langsam setzte er das Remingtongewehr ab.

Bist du allein, Shannon?“

Was hast du denn gedacht? Kennst du irgendeinen Hombre in White Bluff, der für ein paar lumpige Dollars den Ritt vor die Colts der Spencer-Bande wagen würde?“

Ein zufriedenes Grinsen kroch über Spencers Mund. „All right, Shannon, bring den Zaster her!“

Um von deinen Leuten in Fetzen geschossen zu werden? Spencer, für wie verrückt hältst du mich? Wenn du das Geld willst, musst du dich zu mir bemühen. Ich warte.“

Mann, wenn du ’nen faulen Trick versuchst, kommst du hier nicht lebend fort. Ich warne dich.“

Der drahtige Reiter beim Schluchteingang lachte spöttisch. Für Clint Spencer und seine Schießer, die seit Monaten New Mexico in Furcht und Schrecken versetzten, war dieses Lachen eine tödliche Beleidigung. Shannon wusste das, aber es gehörte mit zu seinem Plan. Wieder einmal steckte Shannon mitten im gefährlichsten Revolverpoker. Er war eiskalt bis ins Mark hinein.

Angst vor einem einzelnen Mann, Spencer? Wenn du die Moneten nicht willst, brauchst du es nur zu sagen. Ich habe jede Menge Verwendung dafür. Ich gehöre nicht zur Wells Fargo Company und denke nicht daran, für deine Gefangenen meine Haut zu riskieren. Ich erledige hier nur den Job, für den mich Whitney bezahlt, sonst nichts. Ich gebe dir drei Minuten, Spencer. Wenn du dann nicht mit den Geiseln bei mir bist, unbewaffnet wohlgemerkt, dann verschwinde ich samt dem Geld.“

Clint Spencers Fäuste schlossen sich hart um das Gewehr. Im flackernden Feuerschein verzerrte sich sein Gesicht zu einer Teufelsmaske. Sein Auflachen schrillte überlaut in der Nacht.

Jetzt hältst du dich für weiß der Teufel wie gerissen, was? Dabei hast du deinen tödlichen Fehler längst gemacht, Shannon. Meinst du denn, wir hocken hier gemütlich herum, ohne einen Wachtposten aufgestellt zu haben? He, Chuck! Amigo, du hast diesen kaltschnäuzigen Bastard doch sicher im Visier. Siehst du, Shannon, ich werde mir nicht nur den Zaster, sondern auch deinen Skalp holen. Kein Mann schießt ungestraft auf Jungs aus meiner Crew, auch wenn es um diese Dummköpfe Ed und Bill nicht schade ist. Außerdem lassen wir die Gefangenen — wenn überhaupt — erst jenseits der mexikanischen Grenze frei. Dann haben dich längst die Geier gefressen. Los, Chuck, gib ihm die Kugel!“

Alle erwarteten, dass Shannon jetzt sein Pferd herumreißen und doch nicht schnell genug sein würde, um der tödlichen Kugel aus dem Hinterhalt zu entgehen. Doch nichts passierte. Shannon verharrte aufreizend gelassen im Sattel.

Gut ausgedacht, Spencer! Nur schade, dass Chuck dich nicht hört. Ich hab ihn schon vor ’ner Viertelstunde ins Reich der Träume geschickt.“

Spencer brüllte eine Verwünschung, schwang seine Remington hoch und feuerte. Im engen Felsschlund klang der Schuss, als würde eine Kanone abgefeuert. Shannon warf den Oberkörper zur Seite. Die Kugel wischte an ihm vorbei. Wiehernd bäumte sich Shannons Brauner auf. Über der flatternden Mähne blitzte Shannons Winchester.

Die Kugel hieb in das Campfeuer und schleuderte vor dem Bandenführer Glutbrocken und glimmende Zweigreste hoch. Rauch wirbelte in Spencers Gesicht und Stirnglatze. Er schoss, repetierte und schoss wieder. Links und rechts von ihm glühten die Mündungsfeuer der übrigen Banditen aus der tintigen Schwärze. Doch für ihre Colts war die Entfernung zu groß.

Shannon hatte seinen zottigen Braunen herumgeworfen und duckte sich tief auf den Pferdehals. Mann und Tier verschmolzen zu einem Körper aus Kraft und Schnelligkeit. Zähneknirschend starrte Spencer auf die dunkle Silhouette, die geradewegs in die Vollmondscheibe hineinzugaloppieren schien. Mit dem Gewehr in den Fäusten fuhr der Bandenhäuptling herum.

Her mit den Pferden, verdammt noch mal! Der Kerl hat die fünfzigtausend Dollar. Er darf uns nicht entkommen.“

Wüstes Durcheinander herrschte in der Schlucht für Sekunden, dann saßen die Banditen in den Sätteln. Spencer lauschte gespannt auf das ferne Hämmern der Hufe, das ihnen den Weg durch die mondhelle Nacht weisen würde. Sein Blick zuckte über die dicht gedrängte, schwerbewaffnete Schar der Hartgesottenen.

Earl, Burt, Wade! Ihr bleibt hier und achtet auf die Gefangenen. Keine Widerrede! Ihr anderen, mir nach!“ Er stieß die Faust mit dem Gewehr in die Luft, hieb seinem Gaul die Sporen in die Weichen und preschte los.

Johlend folgte die Meute. Eine Staubwolke füllte die Schlucht. Wie die wilde Jagd stürmte die Bande zwischen den hochragenden Felsschultem in die Wildnis der San Andres Mountains hinaus. Keiner bemerkte die schemenhafte Gestalt, die sich reglos in eine Felsnische am Schluchtausgang presste.

Shannon lächelte. Er wartete, bis von den Reitern nichts mehr zu sehen war. Dann verließ er lautlos sein Versteck und bewegte sich wie ein Apache auf dem Kriegspfad zurück in die Schlucht. Kein Stein knirschte unter seinen Sohlen, kein Zweig knackte, Die Winchester 66 ruhte fest in Shannons Fäusten. Seine Augen funkelten.

Shannon ging nie mit Lärm und Getöse auf Menschenjagd, sondern immer lautlos und geschmeidig wie ein Tiger. Und genauso erfolgreich.

Die rauen Stimmen der zurückgebliebenen Desperados klangen ihm entgegen. Ein Bündel trockenes Zweigwerk flog auf die Überreste des Lagerfeuers. Flammen loderten hoch auf, Lichtfinger geisterten über die Schluchtsohle und die schartigen Felsmauern.

Shannon duckte sich hinter einen Felsblock. Ein krächzendes Lachen wehte zu ihm, dann ein heiserer Fluch.

Verdammt! Dieses Weibsstück führt sich auf wie eine Wildkatze. Halt sie fest, Earl! Pass auf! Sonst kratzt sie dir die Augen aus.“

Stiefel scharrten im Sand, Männer keuchten und fluchten. Dann ertönte die schrille, verzweifelte Stimme einer Frau. „Nein! Lasst mich los, ihr gemeinen Schufte! Loslassen!“

Polterndes Gelächter folgte. Das scharfe Zerreißen von Stoff war deutlich zu hören. Langsam und vorsichtig lud Shannon seine Winchester 66 durch. Geschmeidig richtete er sich hinter dem Felsen auf.

Die drei Halunken bemerkten ihn nicht. Einer, ein gedrungener Kerl in speckigem Lederanzug, rang halb lachend, halb wütend mit der sich verzweifelt wehrenden jungen Frau. Die beiden anderen schauten gierig zu. Der eine zog gerade mit den Zähnen den Korken aus einer Brandyflasche. Der andere hockte mit dem Gewehr über den Knien auf dem Trittbrett der Concord-Kutsche, deren Tür weit offen stand. Die wüste Szene wurde von den Flammen gespenstisch beleuchtet.

Shannon schätzte die Frau auf vierundzwanzig Jahre. Sie war bildhübsch, auch jetzt mit den vor Entsetzen geweiteten Augen und dem angstverzerrten Mund. Ihr tizianrotes Haar war zu einer kunstvollen Frisur hochgesteckt gewesen, jetzt umzüngelte es wild ihr makellos geschnittenes Gesicht. Das knöchellange Sommerkleid war zerknittert und vorne bis zu den Hüften aufgerissen.

Die Frau stieß einen durchdringenden Schrei aus, als der Ledergekleidete sie in den Sand schleuderte. Knurrend wie ein wildes Tier warf sich der Bandit auf sie. Seine Kumpane grölten begeistert, als die rothaarige Frau noch immer nicht aufgab und sich unter dem keuchenden Verbrecher hervorzuwinden versuchte.

Phil!“, schrie die Frau in höchster Not. „Hilf mir, Phil!“

Aus der Kutsche drangen verschwommene Geräusche. Der mit der Brandyflasche nahm einen kräftigen Schluck.

Shannon war nicht mehr zu bremsen. Ein Hieb mit dem Gewehrlauf schleuderte den Desperado fünf Schritte weit. Mit ausgebreiteten Armen fiel der Kerl auf den Rücken und regte sich nicht mehr. Mit zwei Sprüngen war Shannon bei dem Ledergekleideten. Mühelos riss er ihn mit einer Faust hoch. Der Halunke stierte ihn aus blutunterlaufenen Augen ungläubig an und griff zum Colt.

Shannon ließ ihm keine Chance. Er stieß dem Kerl die Winchestermündung in den Bauch, und als der Schurke ächzend in die Knie sank, schlug er ihm die Waffe ins Genick. Schlaff kippte der Verbrecher nach vorne.

Das metallische Schnappen eines Repetierhebels war hinter Shannon. Er schnellte zur Seite und warf sich dann erst herum. Ein Mündungsblitz raste von der Stagecoach her an ihm vorbei. Der Knall füllte seine Ohren. Shannon schoss mit der Winchester aus der Hüfte in das zusammensinkende Mündungsfeuer. Der dritte Gegner rutschte stöhnend an der Kutsche nieder.

Shannon repetierte mechanisch. Sein Gesicht war immer noch eine unheimlich starre Maske. Mit abgezirkelten, marionettenhaften Schritten ging er auf den Banditen zu. Erst als er feststellte, dass der Mann die Besinnung verloren hatte, sank seine Winchester herab. Shannon drehte sich um.

Die junge, rothaarige Frau kauerte am Boden und starrte ihn groß an. Der Nachglanz des Entsetzens flackerte noch immer in ihren leicht schräg stehenden meergrünen Augen. Mit einer Hand stützte sie sich auf, mit der anderen hielt sie ihr zerrissenes Kleid zusammen. Ihre Lippen bewegten sich tonlos. Die Härte auf Shannons Gesicht zerbröckelte. Er ging zwei Schritte auf sie zu, blieb aber sofort stehen, als sie ängstlich zusammenzuckte.

Keine Sorge. Ma’am“, beruhigte er sie, „ich bringe Sie und Ihre Gefährten heil nach White Bluff.“ Er wandte sich wieder der Kutsche zu und befreite die beiden gefesselten und geknebelten Männer, die auf dem Boden zwischen den Ledersitzen lagen.

Der eine war ein mittelgroßer, sehniger Mann mit blassem, magerem Gesicht und langen, schlanken, gepflegten Händen. Er trug einen hellgrau gestreiften Stadtanzug, eine dunkelrote Seidenweste und ein weißes Hemd mit Kragenschleife. Shannon, der manche Nacht am Pokertisch durchwacht hatte, erkannte in ihm sofort den Berufsspieler. Ohne ein Wort des Dankes kletterte der Kartenhai an ihm vorbei aus der Kutsche und lief auf die Frau zu.

Sue, um Himmels willen, ist alles in Ordnung mit dir?“ Er half ihr auf die Beine. Schwankend und zitternd lehnte sie sich an ihn.

Der andere Gefangene war der Wells Fargo-Kutscher, ein untersetzter, graubärtiger Oldtimer, der erst mal einen Stapel saftiger Verwünschungen losließ, als Shannon ihm den Knebel abnahm. Dann, als er das wie von einem Wirbelwind hingemähte Banditentrio entdeckte, zog ein breites Grinsen über sein wettergebeiztes Ledergesicht. Er streckte Shannon seine schwielige Rechte hin.

Wer immer Sie auch sind, Mister, ich freue mich. Mein Name ist Joe Baker, und verdammt will ich sein, wenn Sie von jetzt an nicht jederzeit auf mich zählen können. Nennen Sie midi Joe, Mister, wenn’s Ihnen recht ist.“

Danke, Joe“, lächelte Shannon. Bakers Händedruck war kräftig und herzlich. Der Händedruck eines einfachen, grundehrlichen Mannes, dessen Zuhause seit Jahr und Tag der Kutschbock war.

Shannon stellte sich ebenfalls vor. Der städtisch gekleidete Spieler räusperte sich nervös. „Wir sollten schnellstens von hier verschwinden, ehe Spencer und seine Halsabschneider zurückkommen. Übrigens, ich heiße Phil Larkin, und das ist meine Verlobte Miss Sue Bancroft. Wir sind auf dem Weg nach El Paso.“

Die Frau an seiner Seite lächelte schwach. Larkin hatte einen Arm um sie gelegt. Sein glattes Gesicht zeigte keinen Schimmer Wärme. Er sah Shannon auf eine Weise an, als würde er durch ihn hindurchblicken. Shannon hob die Schultern.

Natürlich verschwinden wir, aber wir nehmen die Kutsche mit. Joe, helfen Sie mir anspannen?“

Soviel Zeit haben wir nicht“, zischte Larkin. „Die Pferde genügen. Sue kann reiten. Nicht wahr, Sue?“

Darum geht es nicht“, lächelte Shannon kalt. „Wir brauchen die Stagecoach, um fünfzigtausend Dollar nach El Paso zu befördern.“

Plötzlich war ein Glitzern in Larkins Augen. „Haben Sie das Geld tatsächlich dabei?“

Whitney wartet damit in White Bluff. Beeilen wir uns! Er weiß nicht mal, dass ich hier bin.“

Baker spuckte heftig in den Staub. „Hätte mich auch gewundert, wenn Whitney das Geld so anstandslos für uns an Spencer geblecht hätte. Dem geht es ja doch nur im Grunde darum, dass er seinen gut bezahlten Job bei der Wells Fargo nicht verliert. Well, mir kann’s egal sein. Kümmern wir uns um die Pferde!“

Shannon und der Driver stiefelten los. „Phil!“, schrie die junge Frau hinter ihnen erschrocken.

Shannon und Baker zuckten herum. Larkin hatte den Colt des ledergekleideten Banditen hochgerissen. Die Mündung wanderte drohend hin und her. Larkin stand breitbeinig und geduckt da. „Ich habe gesagt, wir nehmen nur die Pferde.“

Winzige Schweißperlen glitzerten auf seiner bleichen Stirn. Shannon musterte ihn verächtlich. „Wenn Sie’s so eilig haben, dann hauen Sie doch ab, Mann. Joe und ich brauchen Sie nicht, um die Kutsche startklar zu bekommen.“

Der Spieler schüttelte den Kopf. „Sue und ich sind fremd in dieser lausigen Gegend. Wir kennen den Weg nach White Bluff nicht. Ich habe keine Lust, nochmals Spencer und seinen Banditen in die Arme zu reiten. Wir halten uns nicht mit der verdammten Stagecoach auf. Notfalls genügt uns auch Baker als Führer. Das hängt ganz von Ihnen ab, Shannon. Verstehen wir uns?“

Shannon ging lässig einige Schritte auf ihn zu. Er hakte die Daumen hinter den breiten Ledergurt, an dem sein 44er Colt baumelte. Die Winchester lehnte an der Kutsche. Shannon musterte Larkin kalt. „Sie würden gut in Spencers Crew passen.“

Die junge Frau gab sich einen Ruck, lief zu ihrem Begleiter und packte seine linken Arm. „Phil, sei vernünftig! Bedenke, was er für uns getan hat!“

Nicht für uns!“, erwiderte der Spieler gepresst. „Für Whitney und die Wells Fargo Company! Er wird schließlich dafür bezahlt. Sue, ich denke nicht nur an mich. Ich bin für deine Sicherheit verantwortlich. Ich will nicht, dass wir die vielen Meilen nur zurückgelegt haben, um in dieser gottverlassenen Gegend für nichts und wieder nichts vor die Hunde zu gehen. Du weißt, wie viel davon abhängt, dass wir nach El Paso kommen.“

Auf der Flucht, wie?“, fragte Shannon gedehnt.

Das geht Sie nichts an“, fauchte Larkin. „Glauben Sie ja nicht, ich bluffe! Wie lange muss ich noch auf die Pferde warten?“

Shannon seufzte übertrieben. „Tun wir ihm den Gefallen, Joe! Lassen wir die Stagecoach Spencer als Andenken zurück.“

Er kehrte Larkin den Rücken zu. Nach einem Schritt stockte er und bückte sich, als hätte er auf dem Boden etwas gefunden. Dann ging alles blitzschnell.

Shannon wirbelte herum und schleuderte dem Spieler eine Handvoll Sand ins Gesicht. Larkin riss eine Hand an die geblendeten Augen. Fluchend prallte er einen Schritt zurück. Wie ein Panther schnellte Shannon auf ihn zu und streckte ihn mit einem einzigen Fausthieb zu Boden.

Mit einem bedauernden Achselzucken wandte er sich an die Frau. „Tut mir leid, Ma’am! Er ließ mir keine Wahl.“

Ihre grünen Augen wirkten verschleiert. Langsam atmete sie tief durch. „Sie müssen sich nicht entschuldigen, Shannon. Phil ist nicht mein Verlobter, er redet sich das nur immer wieder ein. Wir waren nur Partner, die von Saloon zu Saloon zogen, um am Pokertisch das große Geld zu machen. Ohne viel Erfolg, wie Sie sicher gemerkt haben.“

Die Frau lachte bitter. Sie kam nahe an Shannon heran. „Aber hüten Sie sich vor Phil! Er wird Ihnen nie vergessen, dass Sie ihn vor meinen Augen niedergeschlagen haben. Er kann sehr gefährlich sein. Es würde mir leid tun, wenn Ihnen etwas zustieße.“

In ihrer Stimme schwang mehr als eine Warnung.

Shannon spürte die Verlockung, die von dieser schönen Frau ausging. Aber er war kein Mann, der sich so leicht in die Karten blicken ließ. Er lächelte knapp. „Keine Sorge. Ma'am! Ich werde auf mich aufpassen.“

 

*

 

Trotz der frühen Morgenstunde war ganz White Bluff auf den Beinen, als die Concord-Kutsche in die Stadt einrollte. Mit knirschenden Rädern und schwankendem Aufbau kam sie vor dem Office des Wells Fargo-Agenten zum Halten. Sam Whitney stand breitbeinig, mit den Händen in den Hosentaschen auf dem hölzernen Gehsteig. Er sah aus wie eine Kugel auf kurzen Beinen. Seine Glatze spiegelte. In seinem Vollmondgesicht stand ein breites, zufriedenes Grinsen. Die kleinen Äuglein verschwanden fast hinter schwammigen Fettpolstern. Whitney war in Hemdsärmeln und Pantoffeln. Buntbestickte Hosenträger spannten sich über seinen massigen Leib.

Großartig, wirklich großartig, Shannon!“, begeisterte er sich mit ölig klingender Stimme. „Die Wells Fargo Company wird Ihnen nie vergessen, was Sie da geleistet haben. Ich werde immer in Ihrer Schuld stehen.“

Darauf lege ich keinen Wert", verzichtete Shannon vom staubbedeckten Pferd herab. „Es genügt, wenn Sie tief genug in die Tasche greifen. Ihre Gesellschaft ist schließlich kein Verein armer Leute.“

Whitneys Grinsen war wie weggezaubert. Seine eben noch so harmlos wirkenden Schweinsäuglein blickten stechend. In seinem fleischigen Gesicht zeichneten sich harte Konturen ab. „Wovon reden Sie eigentlich, Shannon?“

Der dunkelhaarige Reiter schwang sich aus dem Sattel, lehnte sich an das Pferd und drehte mit flinken Fingern eine Zigarette. „Ich rede von Geld, Whitney“, erklärte er sanft. „Von viel Geld! Zum Beispiel von fünfzigtausend Dollar, die Sie unbedingt nach El Pasp bringen wollen und die ich Ihrer Gesellschaft heute Nacht eingespart habe. Spencer hätte diese Summe nämlich als Lösegeld für seine Gefangenen und die Kutsche gefordert. Well, wir werden einen neuen Preis für den Transport nach El Paso aushandeln müssen.“ „Verdammt!“, schnaubte Whitney. „Woher wissen Sie ...“

Teggard hat mir bereits ein Angebot gemacht. Aber ich kämpfe immer nur auf der Seite, die im Recht ist.“

Whitney begann zu schwitzen. Sein Blick irrte von Shannon zu dem bärtigen Driver, der Frau und dem Spieler, die reglos neben der Concord standen, und wieder zurück. „Zum Teufel, Shannon, Sie haben bereits fest zugesagt, die Kutsche für hundert Dollar zu begleiten.“

Da wusste ich noch nichts von der Geldkiste, die in dieser Kutsche mitreisen wird, und nichts von den Leuten, die hinter diesem Geld her sind. Ich lasse mich nicht gern übers Ohr hauen, Whitney. Tausend Dollar — oder die Kutsche fährt ohne mich.“

Whitney riss die Hände aus den Hosentaschen und wich zurück. „Sie sind ja verrückt, Mann.“

Verrückt wäre ich, wenn ich mein Leben für nur hundert Dollar aufs Spiel setzen würde, bloß weil Sie Ihren Posten behalten wollen. Na schön, Whitney, wie Sie wollen. Dann eben nicht.“ Shannon schob die Zigarette in den Mund und griff nach dem Sattelhorn.

Nein, nein, warten Sie doch!“, keuchte der dicke Agent. „Vielleicht einigen wir uns noch. Ich biete Ihnen dreihundert, Shannon.“

Na hören Sie mal, Whitney! Sie werden sich doch von einem hergelaufenen Revolverschwinger nicht unter Druck setzen lassen“, grollte eine heisere Stimme hinter dem Wells Fargo-Mann. „Schicken Sie ihn doch zum Teufel! Geld hin oder her, wir kommen schon mit der Stagecoach durch. Ich schleppe meine Bleispritze schließlich nicht zum Spaß mit mir herum. Außerdem kann ich solche schnell schießenden Kerle, die sich weiß der Kuckuck für wie smart halten, nicht ausstehen. Auf einen Mann, der sein Schießeisen vermietet, ist doch sowieso kein Verlass, wenn es hart auf hart geht. Soll er doch abhauen! Ich weine ihm keine Träne nach.“

Der Mann, der hinter Whitney aus dem Wells Fargo Office getreten war, starrte Shannon feindselig an. Er war groß, schwergewichtig, etwa fünfzig Jahre alt und hatte ein breitflächiges, derb geschnittenes Gesicht. Er trug einen abgewetzten braunen Kordanzug. Ein langläufiger 45er Colt baumelte an seiner Seite. Er hatte die Jacke über den Elchhornknauf der Waffe zurückgeschlagen.

Shannon drehte sich langsam um. Seine Miene war ausdruckslos. „Suchen Sie Streit, Mister, oder sind Sie hier der neue Wells Fargo Boss?“

Der Bullige lachte rau. „Mein Name ist George Rockburn. Ich habe eine Fahrt in dieser verdammten Kutsche nach El Paso bezahlt. Also habe ich auch ein Wörtchen mitzureden. Ist es nicht so, Whitney?“

Der Agent der Transportgesellschaft zögerte unschlüssig. Da stampfte der bärtige Postkutschenfahrer wütend mit dem Fuß auf. „Wenn Shannon verschwindet, verschwinde ich auch.“

Du bist wohl verrückt, Baker“, krächzte Whitney. „Du bist bei uns fest angestellt.“

Joe Baker spuckte aus. „Niemand kann mich daran hindern, den Job zu kündigen. Egal, was Rockburn redet. Ich kann besser beurteilen, was uns bevorsteht, wenn dieser Höllenhund Clint Spencer mit seiner Bande hinter der Kutsche, her ist. Niemand kann mich zwingen, Selbstmord für die Company zu begehen. Ich fahre nicht ohne Jim Shannon, basta.“

Whitney, merken Sie denn nicht, dass die beiden Kerle unter einer Decke stecken?“, knurrte der Massige. Drohend stapfte er die ausgetretenen Bretterstufen herab. Er musterte Shannon beleidigend von Kopf bis Fuß. „Weiß der Teufel, wie es dir gelungen ist, die Gefangenen herauszuholen. Vielleicht hatte Spencer gar nichts dagegen, he? Vielleicht hat er dir ’nen hübschen Batzen Geld versprochen, wenn du ihm die fünfzigtausend in die Hände spielst.“

Plötzlich, wie durch Zauberei, hielt Shannon seinen 44er in der Faust. „Glauben Sie das wirklich, Rockburn?“

Der Bullige erstarrte. Seine Hände fielen herab. Widerstrebend wich er an die Gehsteigkante zurück. Im nächsten Moment war Shannons Colt schon wieder in der Halfter verschwunden.

Baker kicherte heiser. „Whitney, ich halte jede Wette, dass Sie in ganz New Mexico keinen tüchtigeren Mann für diesen Job finden als Shannon. Wenn wir die Kutsche mit der Geldkiste überhaupt ans Ziel bringen, dann nur mit ihm.“

Whitney zerrte ein rotgetupftes Taschentuch hervor und wischte sich die schweißnasse Stirn ab. „Also gut, Shannon, ich erhöhe auf fünfhundert.“

Tausend, keinen Cent weniger.“

Jenseits der Fahrbahn entstand Bewegung. Die Mauer der Gaffer klaffte auf. Lee Teggard überquerte die staubige Main Street. Der große, geschmeidige Saloonbesitzer wirkte völlig gelassen. Er rauchte eine Zigarre und blieb arrogant lächelnd neben der Concord-Kutsche stehen. Nur als sich sein Blick auf Shannon heftete, blitzte Hass in seinen Augen auf. Lässig klopfte Teggard die Asche von seiner Zigarre. Er wandte sich an Whitney.

Ob Sie ihm tausend oder mehr zahlen spielt keine Rolle. Die Kutsche wird mit dem Geld El Paso nicht erreichen. Sie werden sie nicht mal aus dem Tal von White Bluff herausbringen, auch nicht, wenn sie zehn Kerle von der Sorte Shannons mitschicken würden. Wollen Sie wetten, Whitney?“

Teggards Ton war eine einzige Herausforderung. Sam Whitneys Kugelgestalt schrumpfte zusammen. „Eines Tages werde ich Ihnen einen Marshal auf den Hals hetzen, Teggard.“

Der breitschultrige Mann im Prince Albert-Rock lachte leise. „Damit sind Sie zu spät dran. Wenn tatsächlich mal ein Sternträger in White Bluff auftauchen sollte, werde ich längst als feiner Caballero in Mexiko leben — von dem Geld, das mir die Wells Fargo schuldet und das ich mir zurückholen werde.“

Wer ist der Kerl?“ knurrte Rockburn.

Teggard lächelte ihn spöttisch an. „Einer, der es gut mit Ihnen meint, Mister, wenn er Ihnen rät, die Fahrt nach El Paso aufzuschieben. Sie würden nämlich todsicher nicht in El Paso, sondern in der Hölle landen. Das gilt für euch alle — besonders für Sie, Shannon. Vergangene Nacht haben Sie nur eine Menge Glück gehabt. Das hat nichts weiter zu bedeuten. Mein Angebot steht Ihnen trotz allem noch immer offen. Wenn wir erst Whitneys Moneten haben, sind tausend Dollar auch auf meiner Seite für Sie drin. Na, was halten Sie davon?“

So viel!“, brummte Shannon und spuckte dem Saloonbesitzer vor die Füße. Teggards Miene vereiste. Einen Moment sah es aus, als würde er unter den Rock greifen, wo sich der Stoff über einer Revolverhalfter bauschte. Dann trat er achselzuckend von der Stagecoach zurück.

Die Narren sterben eben nie aus.“ Er schleuderte seine erst halb gerauchte Zigarre weg. Für den Bruchteil einer Sekunde waren seine Augen auf eine Stelle bei den Häusern hinter Shannon gerichtet.

In den Jahren als einsamer Kämpfer hatte Shannon gelernt, die geringsten Zeichen zu beachten. Er hatte einen sechsten Sinn für Gefahrenmomente entwickelt. Das Wegwerfen der Zigarre sollte wohl ein Signal sein. Shannon reagierte entsprechend. In der blitzartigen Drehung zog er den Colt. Ehe die anderen, Teggard ausgenommen, überhaupt begriffen, was los war, feuerte er auf die hagere Gestalt, die sich vor dem Hintergrund der aufgehenden Sonne über einer Dachkante abzeichnete.

Ein Gewehr war bereits auf die Gruppe vor der Postkutsche gerichtet, aber keine Kugel verließ mehr den Lauf. Im Krachen von Shannons Schuss neigte sich der Mann auf dem Dach nach vorne und stürzte in die Tiefe.

Irgendwo in der Menge stieß eine Frau einen schrillen Schrei aus. Schlagartig begannen sich die Gehsteige und Vorbauten zu leeren. Türen schlugen zu. das Getrappel von vielen Füßen verklang in den verwitterten Gebäuden.

Shannon blickte Lee Teggard durchdringend an. „Sie gehen verdammt großzügig mit Ihren Golddollars um.“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907513
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Januar)
Schlagworte
shannon satans-passagiere

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Titel: Jim Shannon #3: Shannon und die Satans-Passagiere