Lade Inhalt...

Milton Sharp #6: Die Frau mit dem Echsenkopf

2017 130 Seiten

Leseprobe

Die Frau mit dem Echsenkopf

Band 6

 

WOLF G. RAHN

 

 

- Milton Sharp: Der Schattenjäger -

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2016

Logo: Steve Mayer

Korrektorat: Dr. Frank Roßnagel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappe

Blut fließt und Menschen sterben, als während einer Varieté-Vorstellung in Paris ein simpler Zaubertrick vorgeführt wird und ein Ungeheuer auf der Bühne erscheint. Bei dem Illusionisten de Fortune erscheint ein unheimlicher Fremder, der mit ihm einen Pakt schließt, der ihn zum größten Varieté-Star an der Seine macht. Doch damit beginnt das Morden erst. Als Milton Sharp erfährt, was in Paris passiert, unterbricht er seine Heimreise nach England, um sich den Schattenwesen zu stellen. Schnell kommt er dahinter, dass er es wieder mit Xurus dem Düsteren zu tun hat, der Milton schier unüberwindbare Hindernisse in den Weg stellt. Der Schattenjäger lernt nicht nur die Gebieter über eine merkwürdige Zwischenwelt kennen, sondern auch den Mann, der in Wirklichkeit die Identität seines Bruders beherbergt …

 

Die Personen

Milton Sharp

Der Schattenjäger unterbricht seine Rückreise nach England, als er erfährt, dass in Paris unerklärliche Dinge geschehen, hinter denen Xurus der Düstere steckt. Er muss sich erneut mit dessen Schergen auseinandersetzen und lernt den Mann kennen, der in Wirklichkeit sein Bruder Glyn ist.

 

Lee Fallon, »die Ratte«

Der Juwelendieb flieht vor der britischen Polizei nach Paris, um dort unterzutauchen. Zu seiner großen Verwunderung macht er sich plötzlich nichts mehr aus Juwelen und fragt sich, was aus ihm geworden ist.

 

Gérard de Fortune

Der mittelmäßige Illusionist lässt sich auf einen Handel ein, der ihn zum gefragtesten Varieté-Star von ganz Paris macht. Doch der Pakt hat einen schrecklichen Preis, vor allem, wenn der Vertragspartner Xurus heißt.

 

Sidney Carpenter

De Fortunes Helfer ist der Star des billigen Verwandlungstricks, mit der der Illusionist sein Publikum täuscht. Doch der eigentlich tote Assistent spielt bei de Fortunes Handel eine äußerst lebendige Rolle.

 

 

 

 

Roman

Die Zuschauer starrten gebannt auf die Bühne.

Aus der Dunkelheit hob sich im Lichtkegel eines Spots die schwarzgekleidete Gestalt des bekannten Illusionisten Gérard de Fortune.

Mit beschwörender Geste heftete er den Blick auf seine blonde Assistentin und berührte sie mit den Fingerspitzen an den Schläfen. Ein Seufzer entrang sich den Lippen der Frau.

Der Illusionist griff spielerisch in die Luft und hielt plötzlich ein großes, seidenes Tuch in der Hand, das er über die Gestalt seiner Assistentin breitete.

Die Beleuchtung schien düsterer zu werden.

Lediglich die Besucher auf den vorderen Sitzen konnten noch die Konturen der Verhüllten erkennen.

Gérard de Fortune murmelte unverständliche Worte, die von monotoner Musik untermalt wurden.

Als er seine Arme hob, verstummten die Klänge. In der Stille funkelten die Augen des Illusionisten wie die einer Katze, als er nach dem Tuch griff und es mit einem Ruck wegzog.

Ein Aufschrei ging durch die Menge.

In der ersten Reihe fiel eine Frau in Ohnmacht.

Leute sprangen auf und rannten davon. Eine Panik schien unausweichlich.

Auf der Bühne, wo eben noch die reizende Blondine gelächelt hatte, fauchte ein Ungeheuer und schickte sich an, in die Menge zu springen.

Frauen kreischten.

Einige Männer boten ihnen unerschrocken Schutz an. Trotz der Schreckmomente hatten sie nicht vergessen, dass sie sich in einer magischen Show befanden und es sich nur um einen raffinierten Trick handeln konnte.

Der Mann auf der Bühne breitete seine Arme aus und raunte ein paar Worte, die das Scheusal besänftigen sollten.

Doch die Kreatur schlug mit einer Pranke nach ihrem Herrn.

Die Augen in der scheußlichen Fratze loderten und überstrahlten das Licht des Scheinwerfers.

Gérard de Fortune zuckte irritiert zurück.

»Bist du von allen guten Geistern verlassen, Sid?«, flüsterte er wütend.

Hohngelächter antwortete ihm.

Eiseskälte stieg in dem Illusionisten hoch, denn er hatte das Gefühl, dass ihm diesmal die Zügel entglitten waren.

 

*

 

Das Monstrum schlug zu, de Fortune spürte brennenden Schmerz am Handgelenk.

»Sid!«, schrie er angstvoll. »Sidney, du verdammter Narr! Hör' endlich auf damit!«

Das Monster zuckte zusammen, als es von einem Lichtfinger angestrahlt wurde.

Die Zuschauer, die sich noch immer in der Nähe der Bühne aufhielten, schauderten. So etwas Hässliches hatte noch niemand gesehen.

Auch hinter der Bühne herrschte Unruhe.

Adame Dutreaux, der Besitzer des Varietés, kaute nervös an seinen Fingernägeln.

So dick brauchte de Fortune wirklich nicht aufzutragen. Er vergraulte noch das ganze Publikum.

Der Berufszauberer und Illusionist biss sich auf die Lippen.

Was sollte er tun? Sid war offenbar übergeschnappt.

In diesem Moment sprang ihn das Monster an.

De Fortune drehte sich zur Seite, doch eine Pranke traf ihn und riss den Umhang in Fetzen.

»Vorhang!«, brüllte Dutreaux außer sich.

Der Vorhang schloss sich ruckweise.

Gérard de Fortune atmete auf.

Doch seine Erleichterung kam zu früh, denn auch jetzt gelang es ihm nicht, den entfesselten Partner zur Vernunft zu bringen.

Das Ungeheuer wirbelte zwar herum und ließ von ihm ab. Dafür zerfetzte es den Vorhang und warf sich auf einen der flüchtenden Männer.

Seine Pranke hieb zu.

Jemand schrie mit panischer Stimme nach der Polizei.

Der Angefallene brach blutüberströmt zusammen. Verzweifelt versuchte er das Monster abzuschütteln, doch ohne Erfolg.

Als der Mann sich nicht mehr rührte, sah sich das abscheuliche Wesen nach einem neuen Opfer um.

Es war aber niemand mehr zu sehen. Auch der Zauberer, der einen Blick durch den Vorhang geworfen hatte, zog sich schleunigst zurück.

Die mordlüsternen Augen des Monsters weckten panisches Entsetzen in ihm.

Zum Glück tauchten bereits bewaffnete Polizisten auf. Im ersten Moment zögerten sie. Etwas derart Scheußliches hatten sie noch nie gesehen.

Das monsterhafte Wesen konnte doch nicht Wirklichkeit sein!

Die Kreatur warf sich herum und fauchte mit aufgerissenem Maul die Polizisten an.

Die Männer wichen schockiert zurück.

Da sahen sie den Toten ...

»Verdammt!«, brüllte einer. »Schießt doch endlich! Die Bestie ist gefährlich!«

Er riss seine Waffe hoch und feuerte.

Gerade noch rechtzeitig, denn das Ungeheuer setzte schon zum Sprung an.

Wie vom Schlag getroffen, wurde das Wesen zurückgeschleudert.

Die Beleuchtung im Zuschauerraum flackerte und erlosch.

»Licht! Licht! Hat denn keiner eine Taschenlampe dabei?«

Die Polizisten liefen durcheinander. Niemand wollte im Dunkeln der Mordbestie in die Fänge geraten.

Die Männer fielen übereinander und fluchten.

Ein Schuss löste sich irgendwo.

Jemand brüllte vor Schmerz.

Gérard de Fortune riss den Vorhang beiseite.

Von der Bühne fiel genügend Licht in den Zuschauerraum, um den Stöhnenden zu erkennen.

»Sid!«, schrie der Zauberer, sprang von der Bühne herab und lief zu dem Verletzten.

Auch die Polizisten kamen heran.

Sie richteten noch immer die Pistolen auf das Untier, das sich jedoch seltsam verändert hatte.

Zwar trug Sidney Carpenter noch immer den schauderhaften Pappkopf mit den glühenden Augen und dem aufgerissenen Maul, das sich lebensecht bewegen ließ. Doch sein Körper hatte jede Spannkraft verloren.

Eine seiner Pranken lag mit herausgerissenen Plastikkrallen neben ihm.

Zwei Kugeln hatten ihn getroffen.

Eine steckte im rechten Oberschenkel, die andere in der Brust, knapp neben dem Herzen.

De Fortune nahm Carpenter den Pappkopf ab.

Ein bleiches, vom Tod gezeichnetes Gesicht kam zum Vorschein.

 

*

 

»Sie haben auf mich geschossen«, flüsterte er, während sein Blick die Polizisten suchte.

»Wir müssen ihn mitnehmen«, erklärte einer der Beamten. »Er kommt unter Bewachung ins Krankenhaus. Sobald er gesund ist, wird ihm der Prozess gemacht.«

»Ich habe doch nichts getan«, flüsterte Carpenter.

Blut sickerte aus der Wunde in seiner Brust.

Einer der Polizisten rief einen Krankenwagen.

Er glaubte nicht, dass es noch zu einer Gerichtsverhandlung kam, denn der Mann sah nicht so aus, als würde er die kommende Nacht überleben.

»Du hast in deiner Raserei einen Menschen getötet, Sid«, erklärte Gérard de Fortune. »Auch mich hast du verletzt.«

Der Verwundete schloss die Augen und sprach mit kaum verständlicher Stimme.

»Ich war es nicht! Er hat es getan. Ich konnte mich nicht mehr wehren, als er plötzlich in mir war.«

»Guter Witz!«, meinte der kleinere Polizist verächtlich und steckte die nicht mehr benötigte Pistole zurück. »Aha, wieder mal der große Unbekannte! Aber da hast du Pech, Freundchen, denn draußen stehen hundert Leute, die alles gesehen haben. Du kannst dich nicht herauswinden. Vielleicht erklären dich die Ärzte für unzurechnungsfähig, aber auf jeden Fall wirst du nie wieder frei herumlaufen und Menschen umbringen!«

Adame Dutreaux rang verzweifelt die Hände. Ein Mord in seinem Haus bedeutete seinen Ruin.

Drei Wagen fuhren heran und hielten vor dem Haus mit der grellen Leuchtreklame.

Aus dem Sanitätswagen sprangen weißgekleidete Männer und rannten mit einer Bahre ins Haus.

Ihnen folgten weitere Polizeibeamte, angeführt von Commissaire Auguste Leroux.

Den Abschluss bildeten zwei Leichenträger, die einen Zinksarg ins Haus schleppten. Sie brauchten sich keinen Weg durch die neugierige Menge zu bahnen, denn alle wichen voll Grauen zurück.

Ein Arzt stellte den Tod des Mannes fest, der von Sidney Carpenter angefallen worden war. Die Leichenträger legten ihn in den Sarg und trugen ihn hinaus.

Bei Carpenter machte der Mediziner ein bedenkliches Gesicht.

»Er muss schleunigst operiert werden«, entschied er.

De Fortune war noch immer benommen, als sich der Commissaire mit Fragen an ihn wandte.

Das Verhör dauerte über eine Stunde, und am Ende war Leroux von Carpenters Schuld an dem Mord überzeugt. Außerdem hatte er auch noch seinen Partner angegriffen und verletzt.

Der Mann musste durchgedreht haben.

Gérard de Fortune wankte schließlich völlig gebrochen in seine Garderobe.

Dutreaux hatte ihn vor die Tür gesetzt, seine Nummer war geplatzt.

Aber wahrscheinlich würde er sowieso nie wieder diese Monstershow darbieten.

 

*

 

Keuchend ließ sich der Illusionist auf den Stuhl fallen und betrachtete sich im Spiegel.

War das noch er selbst?

Er schien um Jahre gealtert zu sein.

Plötzlich fiel ihm Simone ein. Sie musste davongelaufen sein, als die Katastrophe begonnen hatte.

De Fortune presste die Fäuste gegen die Schläfen und versuchte, wieder klar zu denken.

Ein scharrendes Geräusch ließ ihn herumfahren.

Neben der Tür stand ein Fremder.

Da er die Tür hinter sich verschlossen hatte, musste der Bursche schon vorher in die Garderobe gekommen sein.

»Was wollen Sie denn noch von mir?«, fuhr de Fortune hoch, weil er annahm, man wolle ihn noch mal verhören. »Ich habe bereits alles gesagt, was ich weiß.«

»Also nichts, mein Freund.«

»De Fortune stutzte.

»Wie soll ich das verstehen?«

Der Andere lächelte.

»Sie haben keine Ahnung, was sich in den letzten Stunden abgespielt hat. Also können Sie auch nichts Nennenswertes zu Protokoll gegeben haben, Sie blinder Narr!«

»Erlauben Sie!«

De Fortune schoss in die Höhe.

Musste er sich zu allem Ärger auch noch von der Polizei beleidigen lassen?

»Setzen Sie sich wieder hin!«, befahl der Fremde hart. »Ich habe mit Ihnen zu reden.«

De Fortune war beleidigt. So ließ er nicht mit sich umspringen.

Was konnte er dafür, dass Sid ein Mörder war?

Also schritt er an dem Unbekannten vorbei und griff nach der Türklinke.

Mit einem Aufschrei ließ er wieder los.

Die Klinke war glühend heiß, und auf der Innenfläche seiner Hand sah man einen brandroten Streifen.

»Wer sind Sie?«, stammelte er entsetzt.

Der Unbekannte lächelte dünn.

»Jemand, der Ihnen helfen will. Sie sind in Schwierigkeiten, denn Ihr Partner ist so gut wie tot, Ihre Freundin ist Ihnen davongelaufen und Monsieur Dutreaux hat Ihren Vertrag gelöst. Niemand wird Sie mehr engagieren.«

»Wollen Sie mir eine Stelle anbieten?«

»Mehr noch, mein Freund. Ihre Nummer wird über die Grenzen von Paris hinaus berühmt werden. Die Leute werden in Scharen herbeiströmen, und Sie sind ein gemachter Mann!«

»Sie Lügner! Ihre Beschreibung ist Unsinn, und Sid wird aufgrund der Verletzungen die Nacht nicht überleben.«

Der Fremde kam einen Schritt näher und streckte seine Hand aus.

»Vertrauen Sie mir bitte!«, sagte er schmeichelnd. »Sie werden es nicht bereuen.«

Gegen seinen Willen ergriff Gérard de Fortune die dargebotene Hand.

Hierbei erlebte er eine weitere Überraschung, denn die Schmerzen an seiner Hand ließen augenblicklich nach. Als er die Handfläche betrachtete, war das Brandmal verschwunden.

Endlich glaubte er zu verstehen.

»Wir sind Kollegen, wie? Diese Nummer war ausgezeichnet. Sogar ich bin auf den Trick hereingefallen. Demnach wollen Sie Sids Stelle einnehmen und zusammen mit mir arbeiten?«

Der Unbekannte verzog verächtlich die Mundwinkel.

Er war groß und muskulös. In seinen braunen Augen schimmerte ein eigenartiger Glanz.

»Sie haben schon fast begriffen«, erklärte er. »Wir werden einen Vertrag schließen.«

Der Fremde zog ein zusammengerolltes Pergament aus der Tasche und breitete es aus.

Der Text war kurz und besagte, dass de Fortune sämtliche Anordnungen seines Vertragspartners zu befolgen hatte. Dafür sollte er Berühmtheit und Wohlstand erlangen.

Der Zauberkünstler war verwirrt von dem Vertrag.

Aber was riskierte er schon?

Mit dem Burschen hatte er scheinbar einen guten Fang getan.

Er suchte auf dem Tisch zwischen Schminktöpfen und Utensilien, die er für seine Tricks benötigte, nach einem Kugelschreiber.

Der andere schüttelte verneinend den Kopf.

»Nicht doch! Welch ein Stilbruch! Wollen Sie etwa das kostbare Pergament mit billiger Tinte beschmutzen?«

Als er die Hand wieder öffnete, lag die schwarze Feder eines Habichts darin.

Mit Schwung setzte er seinen Namen unter das Dokument und reichte die Feder an Fortune weiter.

Der Namenszug war unleserlich und bestand nur aus einem Wort.

De Fortune wollte ebenfalls unterschreiben, aber die Feder versagte den Dienst.

Es haftete keine Tinte mehr am Kiel. Ratlos sah er sich um.

Der Fremde tippte ihm mit dem Finger gegen die Brust.

»Stoßen Sie sich die Feder ins Herz!«, forderte er.

De Fortune erschrak, denn der Bursche wurde ihm langsam unheimlich.

Aber er sah keinen anderen Ausweg, um dem bevorstehenden Ruin zu entfliehen.

Der Blick des Fremden nahm ihn gefangen und machte ihn widerstandslos.

Mit kalter Hand nahm er die Feder und bohrte sie in seine Brust.

Ein feiner Schmerz durchdrang ihn, und er hatte das Gefühl sterben zu müssen.

Doch nichts geschah. Als er die Feder herauszog, glänzte die Spitze rot.

Er schrieb seinen Namen unter den Vertrag und brach im nächsten Augenblick ohnmächtig zusammen.

Das diabolische Gelächter seines neuen Partners hörte er nicht mehr.

 

*

 

Simone Lafayette irrte ziellos und verstört durch die Straßen von Paris.

Die schrecklichen Ereignisse brachten sie fast um den Verstand.

Sid hatte sich verhalten wie noch nie und dabei einen Menschen getötet.

Jeden Abend hatte der Trick geklappt.

La belle et la bête – die Schöne und die Bestie.

Im Schutz des Dämmerlichts und des schwarzen Tuches hatten Sid und sie die Rollen getauscht. Sid hatte ein bisschen Theater gespielt, damit die Zuschauer eine Gänsehaut bekamen, und bei der angeblichen Rückverwandlung applaudierten sie dann.

Was war heute mit Sid geschehen?

Die junge Frau nahm die Menschen um sich nicht wahr.

Sie wurde geschoben und merkte kaum, dass sie plötzlich vor dem Friedhof in der Rue Caulaincourt stand.

Normalerweise mied sie solche Stätten.

Doch in dieser Nacht trat sie durch das Eingangstor.

Der Straßenlärm blieb hinter ihr zurück, und Dunkelheit umfing sie.

Sie schritt zwischen den Grabreihen entlang, wie von einem fremden Willen geführt.

Das blonde Mädchen ging bis zum äußersten Teil des Friedhofs und verharrte dort vor einem Grab, das leer war. Der Sarg, den es am folgenden Tag aufnehmen sollte, stand noch in der Leichenhalle neben der Kapelle.

Simone Lafayette verspürte eine große Müdigkeit und hatte das Bedürfnis, sich gleich hier auszuruhen und zu schlafen.

Sie machte einen Schritt nach vorn und stürzte in die Grube.

Dort blieb sie reglos liegen.

Erde rieselte auf sie herab.

Sie wurde lebendig begraben.

 

*

 

In dieser Nacht ereignete sich noch etwas anderes, das einige Männer an ihrem Verstand zweifeln ließ.

Im Operationssaal des Hospital Napoleon beugten sich der Chirurg, seine Assistenten und die Narkoseschwester fassungslos über den Körper des Patienten.

Docteur Boulet atmete heftig, während auf seiner Stirn Schweißtropfen glänzten, die ihm eine zierliche Assistentin abtupfte.

»Ich verstehe nicht«, murmelte er. »Das ist doch niemals eine Pistolenkugel, sondern sieht eher aus wie eine ... äh, Unsinn! Das … das kann nicht sein!«

»Wie eine versteinerte Eidechse«, vollendete der junge Jardin den Satz.

Alle Anwesenden zuckten zusammen, doch keiner widersprach.

Das Projektil, das dicht neben dem Herzen steckengeblieben war, besaß tatsächlich die Form einer Eidechse.

Noch beängstigender war, dass es sich sämtlichen Entfernungsversuchen Boulets widersetzte.

Drei Skalpelle waren bereits stumpf geworden, ein viertes abgebrochen. Gerade reichte Lucille ihm das fünfte Instrument.

Würde es diesmal klappen?

Boulet atmete tief durch.

Zu sehen war es noch nicht, aber er spürte, dass

seine Hand zu zittern begann. Das konnte sein Ende als Chirurg bedeuten.

Falls dieser Patient nicht mehr aus der Narkose erwachte, würde man ihm keine Vorwürfe machen. Als er eingeliefert worden war, hatte ohnehin niemand mehr an eine Rettung geglaubt.

Aber ein Chirurg mit zitternden Händen war einfach unmöglich.

Boulet setzte die rasiermesserscharfe Klinge an.

Das Skalpell begann zu glühen, wurde weiß und in dem Licht, das es ausstrahlte, wand sich die winzige Eidechse ...

Alle sahen es.

Der Chirurg ließ das Skalpell los und griff sich ans Herz.

Jardin musste ihn stützen, dabei zitterten seine eigenen Beine.

Die Assistentinnen schrien auf, und Lucille klammerte sich an Jardin.

»Es geht schon wieder«, versicherte Boulet. »Neues Skalpell!«

Er streckte seine Hand aus, doch niemand legte ihm das Instrument hinein, denn alle waren entsetzt zurückgewichen.

Der narkotisierte Patient hob seinen Arm und legte die Hand in die des Chirurgen.

An diesem Halt richtete er sich auf, öffnete die Augen und sah seinen Oberkörper.

»Schweinerei!«, murrte er. »Man muss sich ja schämen.«

Mit beiden Händen griff er an seine Brust und schob das Muskelgewebe, das über dem Herzen klaffte, zusammen.

Er schwang seine Beine vom Operationstisch und blickte einen nach dem ändern wild an.

»Lasst die Finger von mir«, zischte er. »Wer mich anfasst, den reiße ich in Stücke.«

Seine Stimme klang wie aus einem Grab.

Lucille fiel in Ohnmacht.

Boulet stöhnte und taumelte zum Waschbecken.

Jardin war kreidebleich.

Eine solche Narkosewirkung hatte er noch nie erlebt. Wenn es nicht gelang, den Patienten zu beruhigen, würde er die nächsten Minuten nicht überstehen.

Er nahm allen Mut zusammen, drängte die Narkoseschwester beiseite und packte den Mann von hinten an den Schultern, um ihn auf den Tisch zurückzuzwingen.

Im nächsten Moment erhielt er einen Schlag, der ihn quer durch den Operationsraum fliegen ließ.

Apparaturen stürzten dabei um. Das Chaos war perfekt.

Zwei Schwestern fegte der unheimliche Patient beiseite.

Ein Assistent, der nicht rechtzeitig den Weg freigab, erhielt einen Hieb, der ihn zu Boden warf.

Boulet sah keine andere Möglichkeit, als den Entfesselten mit kaltem Wasser zu sich zu bringen.

Es gelang ihm noch, den Wasserhahn aufzudrehen, als ihn zwei eiskalte Fäuste am Kopf packten und unter den Strahl hielten.

Er schnappte nach Luft und versuchte, sich aus dem mörderischen Griff zu befreien, doch ohne Erfolg.

Zum Glück ließ ihn der Rasende los.

Er verließ zielstrebig den OP-Saal und stieg in den Fahrstuhl.

Der Lift surrte nach unten.

Der Patient ging an dem verglasten Anmeldungszimmer des Krankenhauses vorbei.

Ein Mann mit dicker Hornbrille stieß mit dem Kopf fast durch die Scheibe und sperrte den Mund auf, als er den Halbnackten sah.

«He, Sie!«, schrie er und wollte hinterher.

Ein hasserfüllter Blick traf ihn und ließ ihn auf seinen Stuhl zurücktaumeln.

Seine Augen wurden glasig, und auf seinen Lippen bildete sich ein schwachsinniges Lächeln.

So fanden ihn Boulet und die anderen, die in fliegender Hast über den 2. Fahrstuhl dem seltsamen Patienten gefolgt waren.

Boulet versetzte dem Portier ein paar leichte Ohrfeigen.

»Wachen Sie auf Mann! Was ist denn los mit Ihnen?«

Der Mann riss erstaunt die Augen auf.

»Mit mir? Nichts. Ich bin okay!«

»Haben Sie nichts bemerkt? Etwas Ungewöhnliches meine ich.«

»Nein, um diese Zeit ist es immer sehr ruhig. Warum fragen Sie?«

»War nicht wichtig.«

Boulet ging mit seiner Gefolgschaft zurück.

Im Operationssaal angekommen, ließ er sich aus dem Kittel helfen. Er sah seine Mannschaft sehr ernst an.

»Was Sie eben erlebt haben«, begann er, »streichen Sie schleunigst aus Ihrem Gedächtnis, denn es hat nie stattgefunden. Carpenter ist tot, was jeder erwartet hat. Ich erinnere Sie an Ihre Schweigepflicht.«

Jardin wagte einen Einwand.

»Die Polizei wird die Leiche von uns fordern. Sie wird nicht glauben, dass der Tote aus eigener Kraft das Krankenhaus verlassen hat. Nicht mal Hulot könnte das bestätigen, da der Trottel geschlafen hat.«

Boulet schwieg betreten. Daran hatte er in der Aufregung nicht gedacht.

Erst nach einer Weile kam ihm der rettende Einfall.

»Commissaire Leroux soll seine Leiche haben. Wir präsentieren ihm Moulois!«

»Den Infarkt?«

»Warum nicht? Nach Moulois kräht kein Hahn. Der Clochard besaß weder Freunde noch Verwandte, und so erhält er wenigstens ein anständiges Begräbnis.«

»Aber man wird Carpenter finden, denn weit kann er doch mit der Wunde und den Verletzungen nicht kommen.«

Der Chirurg wischte diese Bemerkung mit einer Handbewegung fort.

»Haben Sie eine bessere Idee, Jardin?«

Die hatte der Assistenzarzt nicht.

Also schwieg er und fügte sich, auch wenn ihm dabei ganz und gar nicht wohl war.

 

*

 

Lee Fallon wurde »die Ratte« genannt. Die englische Polizei gab ihm diesen zweifelhaften Ehrennamen, denn er hatte ihr schon manchen Streich gespielt.

Mit kleinen Fischen hatte sich Lee Fallon nie abgegeben.

Sein Instinkt hatte ihn immer dort aufkreuzen lassen, wo es einen fetten Brocken zu holen gab.

Vor allem verstand er etwas von Diamanten und anderen Edelsteinen, da machte ihm keiner so leicht etwas vor.

Er erinnerte sich an den großen Coup, bei dem er Juwelen im Wert von einer Viertelmillion Pfund erbeutet hatte. Seltsam, dass ihn das jetzt kalt ließ.

Er konnte sich gar nicht mehr vorstellen, die Hand nach fremder Leute Eigentum auszustrecken.

Der schwergewichtige Mann grübelte darüber nach, was ihn derart verändert hatte.

Er spielte sogar mit dem Gedanken, sich mit diesem »Problem« an einen Psychoanalytiker zu wenden. Aber er fürchtete etwas zu erfahren, das besser für immer im Dunkeln blieb.

Die britische Polizei konnte lange nach ihm suchen.

In der Seine-Metropole vermutete sie ihn kaum.

Er hatte auch nicht die Absicht, auf sich aufmerksam zu machen.

Lee Fallon schlenderte die Rue Blanche entlang. Von Zeit zu Zeit blieb er vor den Auslagen eines Geschäftes stehen, zum Beispiel vor einem Buchladen.

Versonnen blätterte der Gangster in einem zerlesenen Werk, das er in einem der Kästen mit den billigen Büchern entdeckt hatte. Früher hatte er sich nicht für parapsychologische Phänomene interessiert, doch in Paris ertappte er sich immer wieder beim Studium solcher Bücher.

Er zahlte acht Francs und wollte weitergehen.

Da legte sich von hinten eine schwere Hand auf seine Schulter.

Fallon erschrak. Das konnte nur ein Polizist sein.

»Sieh da! Lee Fallon, die Ratte! Bist du aus der Kanalisation von Paris gekrochen? Wie ich hörte, wurdest du zuletzt auf Schloss Canderworth gesehen.«

Lee Fallon fuhr herum.

Der Kerl mit der schmierigen Visage kam ihm bekannt vor, aber der Name fiel ihm nicht ein.

»Canderworth?«, fragte er gedehnt.

»Ich weiß, mein Freund, an seine Niederlagen will man nicht erinnert werden. Du wurdest dort wohl von den Bullen verjagt. Na, tröste dich, heute zahlst du es ihnen heim.«

»Ich weiß wirklich nicht, mit wem ich das Vergnügen habe.«

Der Andere lachte jovial.

»Du brauchst dich nicht zu verstellen, Lee. Oder kennst du mich wirklich nicht mehr? Eric Galvin. Wir haben damals das Ding in Manchester gedreht. Du warst so freundlich, mich im Stich zu lassen, als die Bullen auftauchten. Achtzehn Monate hat mich das gekostet, aber ich bin nicht nachtragend. Ich weiß, dass du mich nicht absichtlich in die Pfanne gehauen hast und darauf brennst, auch mal etwas Gutes für mich zu tun. Dazu hast du heute Gelegenheit!«

Fallon konnte sich nicht an diesen Ganoven erinnern, doch wahrscheinlich stimmte, was der behauptete.

Allerdings wollte er nichts mit ihm zu tun haben und sagte das deutlich.

Eric Galvin verzog keine Miene.

»Das ist deine Entscheidung, Lee. Schließlich bist du, bis jetzt noch, ein freier Mann!«

»Was willst du damit sagen?«

»Ich sorge dafür, dass dich die Bullen heute noch hochnehmen, wenn du nicht genau tust, was ich dir sage.«

«Was wäre das?«

Galvin strahlte.

»So gefällst du mir schon besser. Hör' zu! Vielleicht hast du von dem plötzlichen Tod André Messiers gehört. Ein Playboy, wie er im Buche stand. Er wird heute in einer großen Trauerfeier zu Grabe getragen, und seine zahlreichen, wohlhabenden Verflossenen werden ihm das letzte Geleit geben. Sie werden es sich bestimmt nicht nehmen lassen, teuren und teuersten Schmuck vorzuführen. Du wirst dich unter die große Trauergemeinde mischen und beim anschließenden Essen die Klunker abräumen. Darin bist du ja Spezialist. Ich warte in der Nähe und übernehme das Zeug. Sei aber fleißig, Lee, denn achtzehn Monate haben ihren Preis.«

»Du bist verrückt«, stellte Fallon fest. »Wenn du den Schmuck haben willst, wirst du ihn dir ohne mich holen müssen.«

»Verstehe! Du hast ausgesorgt und willst ein sogenanntes ehrliches Leben beginnen. Gut, doch es hängt von dir ab, auf welcher Seite der Gefängnismauern dieses Leben stattfindet. Ich kann dir ein paar nützliche Tipps geben. Zum Beispiel, wie du an eine Extraration Wassersuppe kommst.«

»Lass mich in Ruhe!«

»Hinterher, Lee, hörst du nie wieder etwas von mir. Ich würde es ja selbst tun, aber ich besitze leider nicht deine geschickten Finger. Deshalb erwarte ich von dir diesen Freundschaftsdienst, oder du wanderst ins Loch.«

Lee Fallon las in der Miene seines Gegenüber, dass alles sehr ernst gemeint war.

Vielleicht fand er später einen Ausweg, er musste Geduld haben.

»Wo findet die Beerdigung statt?«, fragte Fallon scheinbar überzeugt.

Eric Galvin schmunzelte.

»Ich bringe dich sicherheitshalber hin, mein Lieber, aber versuch’ keine Tricks! Noch mal lasse ich mich nicht reinlegen.«

Fallon sah ein, dass ihn die Vergangenheit eingeholt hatte.

 

*

 

Eric Galvin hatte durchaus nicht übertrieben.

Die teuersten Modehäuser Frankreichs leisteten ihren Beitrag zu dieser unbeabsichtigten Modenschau. Die Frauen setzten alles daran, bezüglich des Schmucks nicht gegenüber ihren einstigen Rivalinnen zu verblassen.

Früher hätte Lee Fallon das Herz im Leib gelacht, aber heute?

Es juckte ihn nicht in den Fingern, als er die Kostbarkeiten zum Greifen nahe sah. Sein Denken war auf Galvin ausgerichtet, den er in der Nähe wusste.

Hier konnte er ihm nicht entrinnen.

Die Prozession führte quer durch den Friedhof, denn das Grab André Messiers befand sich am äußersten Ende.

Verhaltenes Schluchzen war zu hören. Als der Zug stoppte, wurde der Sarg neben der offenen Grube abgestellt. Weit mehr als hundert Kränze türmten sich daneben.

Der Geistliche begann mit seiner Rede.

Es kostete ihn zweifellos Mühe, positive Charaktereigenschaften des Verstorbenen zu finden. Doch ein Mensch, um den so viele trauerten, konnte schließlich nicht schlecht gewesen sein.

Einige Musiker spielten Messiers Lieblingsstück, dann wurde der Sarg hinabgelassen.

Im nächsten Moment flog er wie eine Rakete wieder in die Höhe.

Die versammelte Menge, überwiegend Frauen, stob kreischend auseinander, einige brachen zusammen.

Auch Lee, die Ratte, bekam einen Schrecken, als der Sarg seinen Kopf nur knapp verfehlte.

Beim Aufprall brach die Kiste auseinander, und der Tote fiel unter dem Aufschrei vieler Stimmen heraus.

Unten in der Grube rumorte es, der Boden erzitterte.

Der Geistliche schlug das Kreuz und hielt seine Hände schützend über die beiden Ministranten.

Er war ein mutiger Mann.

Doch auch ihn packte das Entsetzen, als sich aus dem Grab erst eine, dann eine zweite verkrüppelte Klaue nach dem Rand der Grube tastend emporreckte.

»Das ist das Ende«, murmelte der Geistliche und zerrte die beiden Jungen mit sich fort.

Lee Fallon traute seinen Augen nicht, als sich eine abscheuliche Fratze aus dem Grab erhob.

Das Scheusal war mit einem Satz aus der Grube heraus und sprang mitten zwischen die aufschreienden Trauergäste.

Brutal packte es zwei vor ihm stehende Männer und hieb sie mit den Köpfen zusammen.

Alle versuchten zu fliehen, und jeder versuchte rücksichtslos, sich in Sicherheit zu bringen.

Schmerz- und Panikschreie wurden laut, als das Ungeheuer zwischen den Menschen wütete.

Es glich einer gewaltigen Echse.

Mit seinem langen, gepanzerten Schwanz schlug es um sich, knickte schmiedeeiserne Grabkreuze und warf schwere Marmortafeln um, als wären es Zündholzschachteln.

Lee Fallon nahm allen Mut zusammen, als er sah, wie sich das Monstrum einer rothaarigen Frau näherte. In dem aufgerissenen Maul blinkten anstelle von Zähnen zwei Stahlplatten, die wie Henkersbeile wirkten.

Als Lee die Frau zur Seite riss, berührte seine Hand eine schwere Goldkette, und das erinnerte ihn an seinen Auftrag.

Nein, er würde es angesichts der Gefahr durch dieses unerklärliche monsterhafte Wesen nicht tun.

Ein Bildberichterstatter, der gekommen war, um den letzten Auftritt des Playboys zu fotografieren, drückte immer wieder auf den Auslöser seiner Kamera.

Das Blitzlicht zuckte.

Die Echse fühlte sich gestört, ließ von der Rothaarigen ab und interessierte sich für den Reporter.

Der schoss hastig noch einige Fotos und rannte davon.

Er hatte eine Sensation im Kasten, dagegen war der Playboy eine müde Story.

Lee Fallon versuchte, die Frau, die sich verschreckt an ihn klammerte, zu beruhigen.

»Bringen Sie mich von hier fort!«, bat sie schluchzend.

Während Fallon mit der zitternden Frau zwischen den Gräbern entlang zum Ausgang hetzte, sah er hinter einem Baum Eric Galvin stehen.

 

*

 

Der Kerl trat ihm prompt in den Weg.

»Stop, mein Lieber! Die Show war gut. Typisch Messiers. Doch das ändert aber nichts an unserem Abkommen!«

Die Frau bekam einen Schreikrampf.

Lee Fallon zerrte sie weiter.

Er sah, dass das Scheusal ihnen folgte. Erst wenn sie den Wagen erreicht hatten, waren sie gerettet.

»Haben Sie keine Angst!«, rief Fallon, doch er schlotterte selbst.

Hinter ihm gellte ein Schrei.

Er zuckte herum. Was er sah, erfüllte ihn mit Grauen.

Die Echse hielt Eric Galvin zwischen den Klauen, riss mit aller Gewalt an ihm, bis Blut spritzte.

Die Rothaarige stürzte ohnmächtig zu Boden.

Lee hob sie auf und rannte mit ihr weiter.

Er drehte sich nicht mehr um, denn jede Verzögerung konnte den Tod bedeuten.

Vor dem Friedhof herrschte unbeschreibliches Durcheinander. Schlangen prachtvoller Luxuslimousinen warteten, aber sämtliche Friedhofsbesucher versuchten schutzsuchend, das nächststehende Gefährt zu besteigen.

Das Chaos war perfekt.

Lee konnte die Frau nicht fragen, welcher Wagen ihr gehörte, da sie wie leblos in seinen Armen hing.

Kurzerhand setzte er die Flucht zu Fuß fort.

Als er eine Metro-Station vor sich bemerkte, jagte er die Treppe hinunter und sprang wenig später in den Wagen eines anfahrenden Zuges.

Inzwischen wütete das Ungeheuer auf dem Friedhof weiter, ohne dass jemand den Mut gefunden hätte, es zu stoppen.

Als die Gräber im weiten Umfeld verwüstet waren, brach sich das Wesen einen Weg durch die Friedhofsmauer.

Auf der Straße sorgte es für eingebeulte Kühler und Totalschäden.

Die inzwischen verständigte Polizei kurvte mit heulenden Sirenen auf den Wagen heran.

Verängstigte Zeugen deuteten auf ein Haus, in dem die grauenhafte Kreatur verschwunden war.

Das Gebäude wurde umstellt und die Bewohner über Lautsprecher vor der Bestie gewarnt. Sie sollten in ihren Wohnungen bleiben und die Türen verbarrikadieren.

Nachdem Verstärkung eingetroffen war, drangen die Polizisten in das Haus ein. Es handelte sich um die unerschrockensten Männer, die in der Eile aufgetrieben werden konnten. Manche von ihnen nahmen das Ganze für einen albernen Scherz.

Die erste Überraschung erlebten sie, als eine blonde Frau die Treppe heruntertrippelte und ihnen zulächelte.

»Hallo! So viele schöne Männer hat Paris?«

»Sind Sie wahnsinnig?«, brüllte ein hagerer Beamter. »Haben Sie unsere Warnung nicht gehört?«

»Das schon«, gab die Frau zu. »Ich bin aber in Eile. Mein Dienst fängt in einer halben Stunde an.«

»Seien Sie froh, dass das Monstrum Sie nicht entdeckt hat.«

»Monstrum?«

Die junge Frau lachte ungläubig, drängte sich an den Männern vorbei, trat auf die Straße und rief nach einem Taxi.

Die Polizisten durchsuchten in Vierergruppen das Haus.

Nach zwei Stunden, in denen sie keinen Raum ausließen, brachen sie die Fahndung ab.

Sie hatten nicht die kleinste Spur des angeblich schrecklichen Ungeheuers entdeckt.

 

*

 

Docteur Boulet fühlte sich nicht wohl in seiner Haut, aber was sollte er machen?

Er musste den bei der Operation gestorbenen Sidney Carpenter der Polizei vorweisen, denn immerhin war Carpenter ein Mörder.

Boulet präparierte den bereits toten Moulois nachträglich so, dass auch die Polizeiärzte glauben würden, ihm wäre eine Pistolenkugel aus der Brust entfernt worden.

Dann erst gab er an Commissaire Leroux die Meldung durch, dass alle ärztliche Kunst vergebens gewesen war.

»Carpenter war nicht zu retten. Sie können ihn abholen lassen.«

Auguste Leroux stieß pfeifend den Atem aus.

Mit allem hatte er gerechnet, nur nicht mit dieser Nachricht.

»Sidney Carpenter?«, vergewisserte er sich.

Boulet wurde unsicher.

War die richtige Leiche etwa schon an anderer Stelle aufgetaucht? Das würde Ärger geben.

Doch jetzt konnte er nicht mehr zurück.

»Ich habe ihn selbst operiert«, sagte er. »Er ist mir unter dem Skalpell gestorben.«

Leroux räusperte sich.

»Da kann man nichts machen. Ich schicke einen Wagen. Kommen Sie wegen dem Protokoll am besten gleich mit, dann kann ich den Fall abschließen.

Boulet atmete erleichtert auf.

Der Chirurg wartete auf den Wagen und überwachte den Abtransport des falschen Toten. Er selbst nahm neben dem Fahrer Platz und ließ sich zu Leroux bringen.

Boulet wunderte sich, als der Wagen in die Rue Custine einbog, erfuhr aber, dass der Commissaire im Varieté auf ihn wartete.

Das alte Entsetzen war wieder da, denn der Schwindel mit dem Toten würde platzen, sobald Adame Dutreaux oder ein anderer der Truppe den Leichnam sah.

Doch warum sollte man die Leiche hier in Augenschein nehmen?

Um den kümmerten sich allenfalls noch die Gerichtsmediziner, und selbst das war zweifelhaft.

Auguste Leroux begrüßte den Chirurgen gutgelaunt mit Handschlag.

Wer den Commissaire näher kannte, wusste, dass gute Laune bei ihm ein schlechtes Zeichen war.

Boulet kannte ihn aber nicht.

»Bringen wir’s hinter uns!«, sagte der Polizist.

Der Arzt war einverstanden, denn er wollte schnellstens wieder in sein Krankenhaus.

Die beiden Männer gingen in ein Büro, das der Varietébesitzer zur Verfügung gestellt hatte. Hinter einer Schreibmaschine saß ein junger Beamter, um die Aussage zu tippen.

»Wann trat der Tod ein?«, wollte Leroux als erstes wissen.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907483
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v352116
Schlagworte
milton sharp frau echsenkopf

Autor

Zurück

Titel: Milton Sharp #6: Die Frau mit dem Echsenkopf