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Timetravel #31: Flucht aus der bleiernen Kammer

2017 120 Seiten

Leseprobe

FLUCHT AUS DER BLEIERNEN KAMMER

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 31

von HORST WEYMAR HÜBNER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 123 Taschenbuchseiten.

 

Der Auftrag:

In der Nacht vom 30. Oktober auf 1. November 1756 entfloh Giacomo Casanova aus den gefürchteten Bleikammern unter dem Dach des herzoglichen Palastes in Venedig. Obgleich der galante Verführer, Degenheld, Abenteurer und Aufschneider in seinen Memoiren schreibt, er habe den Ausbruch aus eigener Kraft zuwege gebracht, haben wir berechtigte Zweifel. Denn weder vor noch nach Casanova gelang einem Gefangenen eine solche spektakuläre Flucht. Wir haben alle Veranlassung zu der Annahme, dass Casanova außerhalb des fürchterlichen Gefängnisses Helfer hatte, und zwar hochgestellte Bürger der Republik Venedig. Reisen Sie an den Ort des Geschehens und finden Sie den wahren Sachverhalt heraus.

Konsortium der Sieben

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Vorfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ In London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension. Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

 

 

1

Sein geschärfter Sinn für brenzlige Lebenslagen meldete sich. Er wandte den Kopf - und versteifte sich.

Die zwei Kerle waren wieder da, die ihn vor einer Stunde vor dem Hause des Doktor Righelini argwöhnisch gemustert hatten. Jenes Haus lag am anderen Ende der Stadt, und an den göttlichen Zufall, der ihn und die zwei seltsamen Männer nun hier bei der Rialto Brücke wieder zusammenführte, glaubte Professor Robert Hallstrom nicht.

Das war eine herbeigeführte Begegnung.

Je genauer er die beiden Männer betrachtete, desto mehr gewann er die Überzeugung, dass sie hinter ihm her waren.

Waren es Straßenräuber?

Erst gestern hatte er erfahren, dass man im Venedig des Jahres 1756 des höchst zweifelhaften Vergnügens teilhaftig werden konnte, am helllichten Tag von gemeinen Dieben und Räubern auf offener Gasse ausgeplündert zu werden. Einem Reisenden aus Frankreich war dieses Schicksal widerfahren, und beim Wein hatte der Mann in bewegten Worten sein Leid geklagt.

Hallstrom war sich nicht sicher, ob es Straßenräuber waren. Sie sahen nicht nach solchem Gesindel aus. Vielmehr waren sie derb, aber solide gekleidet. Und sehr unauffällig.

Enge dunkle Beinkleider zu einem dunklen Gehrock und einem dunklen Dreispitz.

Plötzlich bemerkte er die Stoßdegen mit dem mächtigen Handkorb. Auf dem Handkorb, einem Schutz für den Arm desjenigen, der den Degen im Gefecht führte, prangte ein Wappen.

Es zeigte den Löwen von San Marco. Das Wahrzeichen der Republik Venedig.

Spione!, schoss es Hallstrom durch den Kopf. Oder Häscher der Republik! Letztlich läuft’s aufs selbe hinaus! Jemand hat sie mir auf den Hals gehetzt!

Düstere Visionen von Gefangenen befielen ihn. Von Gefangenen, die in den Kerkern der Stadt verschwunden waren und von denen man hernach nie wieder etwas gehört hatte.

Hallstrom verspürte keine Neigung, die venezianischen Gefängnisse von innen kennenzulernen. Ihm genügte zu wissen, dass derzeit in den grässlichen Kammern unter den Bleidächern des herzoglichen Palastes der unglückliche Giacomo Girolamo Casanova einsaß und ein trostloses Dasein lebte.

Dieses Mannes wegen hatte Hallstrom mit seinen beiden Assistenten die Zeitreise in die Vergangenheit unternommen. Sein Interesse für Casanova, sein Schicksal und sein Gefängnis in den Bleikammern ging aber nicht so weit, sich ergreifen und ebenfalls in dieses entsetzliche Gefängnis werfen zu lassen.

Als Hallstrom erkannte, dass die beiden Spione oder Schergen schnurstracks auf ihn zukamen und dabei nach den Stoßdegen griffen, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.

Er war verraten worden!

Die Alte aus dem Hause des Doktor Righelini hatte ihm die Häscher auf die Fersen gehetzt!

Ich Narr!, dachte er bitter. Warum habe ich das schwatzhafte Weib nur so eingehend nach den üblen Streichen und tolldreisten Festen gefragt, die Righelini und Casanova mit hochgestellten Damen dieser Stadt noch vor Jahresfrist gefeiert haben? Das musste sie ja misstrauisch machen! Womöglich erhofft sie sich eine Belohnung, wenn sie der Staatsinquisition einen vermeintlichen Freund und Gönner Casanovas ausliefert, der erst acht Tage in der Stadt weilt und von dem man zuvor nie hörte!

Die Schergen hatten jetzt die Stoßdegen heraus und rückten Hallstrom mit blanker Klinge zu Leibe.

Er begann zu rennen, die breiten Stufenplatten der Rialto Brücke hinauf, und verfluchte seine Unvorsichtigkeit. Er hätte gehen und wiederkommen sollen, wenn Righelini zu Hause war. Denn im Gegensatz zu Casanova war dem Doktor nichts geschehen. Er war ein begehrter Chirurg, dem man die wüsten Ausschweifungen verziehen hatte. Casanova war nicht begehrt, vor allem nicht von den zahllosen gehörnten Ehemännern, die teilweise recht hohe Positionen und Ämter in der Stadt bekleideten. Darum war der Frauenheld und Herzensbrecher, der Spieler und Tunichtgut in die Bleikammern gewandert. Nach dem Willen einiger Leute hätte er dort auch sein Leben beschließen sollen.

Jagende Schritte ließen Hallstrom den Kopf nach hinten wenden.

Nun war jeglicher Zweifel ausgeschlossen.

Sie wollten ihm ans Leder. Sie kamen mit gezogener Waffe hinter ihm drein!

Die schrecklichen Verhaftungsbefehle fielen ihm ein, von denen er gelesen hatte. Wenn die Staatsinquisitoren von Venedig die Häscher ausschickten, einen Feind festzunehmen, so hieß es, dass sie ihn tot oder lebendig einzubringen hatten.

Diese zwei, die da die Brücke heraufrannten, schienen entschlossen, auch einen Toten heimzuschaffen, wenn ihnen das Opfer ihrer Bemühungen allzu viele Umstände bereitete.

Er verspürte keine Neigung, sein Leben auf dem Pflaster Venedigs zu beschließen. Er verdoppelte seine Anstrengungen und lief, bis er Stiche in den Lungen spürte.

Der Atem wurde ihm knapp, der Schweiß rann ihm am Körper hinab. Es kam nicht allein von der körperlichen Anstrengung.

Der seltsame Aufzug des vornehm gekleideten Mannes, der aus Leibeskräften rannte, und seiner beiden keuchenden und fluchenden Verfolger erregte Aufsehen.

Passanten, Bürger, Handwerker, Händler, würdige Männer, Frauen und Gondelschiffer blickten teils empört und teils wissend.

Hallstrom verwünschte die grinsenden Gesichter, weil er bei sich dachte, dass man in ihm einen Liebhaber vermutete, der beim galanten Abenteuer vom heimkehrenden Hausherrn überrascht wurde und dem man zwei Knechte nachschickte, damit sie ihn ordentlich verprügelten.

Aber die unbequeme Hetzjagd ging auf die schwatzhafte alte Köchin des Doktors zurück.

Diese vermaledeite Hexe!, dachte Hallstrom und bog zur Erberia ein, dem Gemüse und Obstmarkt am Canale Grande, einem beliebten und immer belebten Flanierplatz. Darum hat sie mir einen Krug köstlichen Weines vorgesetzt! Sie hat mich für die Zeitspanne festgehalten, die sie benötigte, um die Häscher zu alarmieren! Fünf Minuten hat sie mich mit dem Wein allein gelassen. Das war ausreichend!

Als er zurückschaute, sah er die amüsierten und begierigen Gesichter der Menschen. Er sah auch die beiden Schergen oder Sbirren, wie sie hier in Venedig genannt wurden. Und er gewahrte die Gondel, die eben anlandete und aus der drei Männer sprangen und sich an der Verfolgung beteiligten.

Auch sie trugen die Stoßdegen mit dem Löwenwappen.

Fünf gegen einen!

Das war unfair. Das Kräfteverhältnis ließ ihm keine große Chance.

Ein Sprichwort fiel ihm ein, nach dem viele Feinde viel Ehre bedeuteten.

Auf diese Ehre mochte er gerne verzichten, und selten war wohl ein dümmeres Sprichwort in Umlauf gebracht worden als dieses.

Schon von Weitem erkannte der keuchende und schwitzende Professor, dass die Erberia nicht in dem Maße bevölkert war, wie es seinem Vorhaben dienlich gewesen wäre. In dieser recht dünnen Menge konnte er niemals untertauchen.

Auch dort hatte man die Hetzjagd bereits beobachtet und wohnte ihr neugierig bei.

Hallstrom riss einen Karren um, hörte die saugroben Flüche des Früchtehändlers und unmittelbar darauf einen schrillen Schrei und einen schweren Fall. Er schaute sich nicht um. Die unbeschädigte eigene Haut war ihm weit wichtiger als der Anblick, der vielleicht seine Augen befriedigte.

Er bog in eine Gasse, bemerkte im Vorüberjagen einen Durchgang und dahinter einen Innenhof mit Bäumen und Blumen, ein Geländer und die hochgezogenen Bugspitzen von Gondeln.

Er hielt sofort an, hastete zurück und eilte in diesen Hof, weil er sich sagte, dass man die Gondeln wohl kaum zum Trocknen aufgestellt hatte.

Besorgt lauschte er hinter sich. Von fern hörte er vielstimmiges Lachen. Die Zuschauer auf der Erberia schienen einem großen Vergnügen beizuwohnen. Die jagenden Schritte der Sbirren und ihrer dreiköpfigen Verstärkung hörte er nicht.

Einer der Häscher musste also über den umgestürzten Karren gepurzelt sein. Das Gelächter der Menge zeigte an, dass die Sympathien nicht den Schergen der Staatsinquisition und dem Gericht gehörten.

In großer Hast erkundete der Professor den Innenhof und fand zu seiner grenzenlosen Erleichterung, dass er von einem schmalen Kanal berührt wurde, auf dem die Gondeln schaukelten.

Einen Fußweg am Kanal entlang konnte er nicht sehen. Die Häuser waren unmittelbar ans Wasser gebaut.

„Man wird Nachsicht mit mir haben“, murmelte Hallstrom. Er sah keine Menschenseele und band eine Gondel los. Behänd stieg er ein, balancierte in dem schwankenden Gefährt nach hinten und ergriff das mächtige Ruder.

Gesehen hatte er, wie die Gondoliere ihr Ruder handhabten. Es sah kinderleicht aus. Diese Kunst nun selber in die Tat umzusetzen, erwies sich als schwieriges Unterfangen.

Er rührte mit dem Ruder verzweifelt im Wasser und bekam die Gondel nicht von ihrem Liegeplatz fortbewegt.

Aus der Gasse drangen Stimmen, dann Schritte. Waffen klirrten.

Ein Mann schaute in den Innenhof und rief etwas. Dazu machte er heftige Armbewegungen.

Hallstrom verdoppelte seine mühevollen Anstrengungen, zog das lange Ruder aus dem Wasser und zielte mit dem Blatt nach der Anlegestelle, um eine Ecke zu finden, wo er sich abstoßen konnte.

Fünf Sbirren stürzten in diesem Moment in den Innenhof. Ihre Gesichter schauten grimmig, und der eine hatte ein aufgeschlagenes Kinn.

Himmel, wofür halten die mich bloß, dass sie solchen Aufwand treiben?, wunderte sich Hallstrom. Bin ich ein gefürchteter Staatsverbrecher, bloß weil ich Erkundigungen bei Leuten eingezogen habe, die Casanova kennen?

Er konnte die Gondel abstoßen. Aber nicht kräftig genug.

Einem der Schergen gelang es, mit vorgehaltenem Stoßdegen in die Gondel zu springen. Das Wassergefährt schaukelte wild, Hallstrom stand sekundenlang nur auf einem Bein und lief Gefahr, ins Kanalwasser zu stürzen und zur leichten Beute der Sbirren zu werden.

Geistesgegenwärtig ging er in die Knie, fand das Gleichgewicht wieder und erkannte, dass er den Stoßdegen des Schergen eher im Leib haben würde als seinen Paralyzer schussbereit in der Hand.

An die Lähmstrahlwaffe kam er nicht mehr heran.

Aber das Ruder hielt er noch in Händen!

Er schwang es herum und schlug es mit dem Blatt dem Sbirren gegen den Oberarm.

Der Häscher flog freihändig samt Degen aus der Gondel und begleitete seine Luftreise mit einem wütenden Schmerzensschrei.

Das Wasser spritzte hoch auf, die anderen Sbirren fluchten lästerlich, und Hallstrom benutzte das Ruder in Ermanglung von Ruderkenntnissen zum Staken.

Der Kanalgrund lag nicht sehr tief, er fand Widerstand und schob die Gondel zur Kanalmitte und fort von der Anlegestelle.

Als er zurückblickte, sah er, dass der Sbirre triefend vor Nässe aus dem Kanal kroch. Die anderen waren bereits verschwunden.

Spätestens an der nächsten Anlegestelle oder einer kleinen Brücke würde er sie wieder zu Gesicht bekommen, davon war Hallstrom felsenfest überzeugt:

Und darauf war er gar nicht scharf.

Er fixierte den Anlegeplatz eines heruntergekommenen Palastes und die Türe der Wasserseite, die nicht völlig geschlossen war. Er sah einen handbreiten Spalt.

Gondeln lagen keine an der Wasserseite des Palastes.

Hallstrom lenkte sein Wasserfahrzeug hinüber, fing den Stoß des Anpralles ab und sprang auf die glitschigen Stufen. Das Gondelseil schlang er flüchtig um eine im Kanalgrund verankerte Stange, sah dabei keine hundert Meter entfernt eine Brücke und war hundertprozentig davon überzeugt, dass dort in wenigen Augenblicken die Häscher erscheinen mussten.

Die Gondel würde ihnen zwar die richtige Eingebung bringen, aber bis sie zum Palast vorgedrungen waren, hoffte Hallstrom einen hübschen Vorsprung herausgewirtschaftet zu haben.

Das hing nur noch von der Türe ab.

Mit feuchten Händen packte Hallstrom die Leistenkante, lauschte durch den Spalt ins dunkle Palastinnere und riss mit einem entschlossenen Ruck die Türe auf, nachdem er nicht einen Laut hatte wahrnehmen können.

Die Türangeln knarrten abscheulich und weckten ein geisterhaftes Echo. Raschelnd und fiepend huschten Ratten über den Boden und flohen vor dem jäh einfallenden Tageslicht.

Das helle Rechteck einer offenen Tür jenseits des dunklen Raumes kam dem Professor wie eine himmlische Vision vor. Er sah Leute dort vor jener Tür arglos vorbeigehen. Dort war eine Gasse, ein offener Fluchtweg.

Er trat rasch in den Palazzo, zog die morsche Tür hinter sich bis auf jenen Spalt zu und durchquerte vorsichtig und mit Hindernissen rechnend einen gewaltigen Raum, der entweder Halle oder Vorratsraum oder Lager gewesen war.

Jetzt stank er nur noch und war leer wie ein von Seeräubern geplündertes Schiff.

Nach sechzig Schritten war Hallstrom an der Tür zur Gasse, trat finster entschlossen hinaus und mischte sich unter die Passanten. Kein Sbirre war vor oder hinter ihm, kein Häscher erwartete ihn mit vorgehaltenem Stoßdegen.

Auf Umwegen, die ihm nützlich erschienen, um auch wirklich alle Spuren zu verwischen, strebte er dem Quartier zu, das er mit seinen beiden Assistenten im Hause einer Witwe gefunden hatte.

Das Haus lag am Canale Grande und genau gegenüber dem Palazzo Vendramin. Das Quartier war geräumig, für venezianische Verhältnisse billig trotz des Balkons zum Kanal hin, und es hatte den Vorzug, dass es von den beiden verteufelt hübschen Töchtern der Witwe besorgt wurde. Ein Umstand, den besonders Ben Crocker und Frank Jaeger zu würdigen wussten.

Nur Hallstroms raffinierten Vereitelungskünsten war es bislang gelungen, eine Annäherung seiner beiden Assistenten an die beiden hübschen Töchter zu hintertreiben. Seufzend hatte er sich schon mehrmals gefragt, für wie lange noch.

Nachdem er sich nach etwaigen Verfolgern umgeblickt hatte und keine entdecken konnte, betrat er das Haus.

Totenstille umfing ihn.

Das behagte ihm nicht sonderlich. Ja es war geradezu befremdlich, denn die Witwe oder eine der Töchter war sonst sofort zur Stelle, wenn nur die Türe zur Gasse geöffnet wurde.

Hatte er einen Fehler gemacht?

Automatisch fühlte Hallstrom über seine vornehme Kleidung hinweg und ertastete die Waffen und persönlichen Ausrüstungsstücke. Es beruhigte ihn, alles an seinem Platz zu finden.

Er stieg die ausgetretene Marmortreppe zum ersten Stockwerk hinauf, wo das Quartier lag. Absichtlich trat er sehr fest auf, um eines der Mädchen oder die Frau herauszulocken.

Niemand kam, und er entschuldigte es damit, dass die Witwe wohl Besuch erhalten hatte.

Als Hallstrom in den Flur trat, der zu dem angemieteten Quartier führte, griff er nochmals zur Tasche seiner Ausgehjacke aus schwerem Brokatstoff. Es war mehr ein Rock, der bis auf die Oberschenkel reichte. Der Schneider, der ihn hier in Venedig gefertigt hatte, hatte ihn reichlich mit Taschen versehen.

Hallstrom war bei der Überprüfung seiner Habseligkeiten eben irgendetwas verändert vorgekommen. Waffen und Ausrüstung betraf es nicht, die hatte er alle vollzählig ertastet.

Er fuhr in die Taschen und hatte einen wüsten Fluch auf den Lippen, als er den Verlust wichtiger Papiere feststellen musste. Es waren Dokumente, die den Frauenhelden Casanova betrafen. Und es war die Quittung der Witwe über die fünf Zechinen für eine Quartiermiete.

„Himmelkreuzkanonenrohr!“, murmelte Hallstrom wütend. „Das Zeug konnte doch nicht aus der Tasche fallen!“

Er war plötzlich voller Argwohn, denn auf der Quittung standen die Adresse des Hauses und der Name der ehrbaren Witwe. Und aus den Dokumenten, die Casanova betrafen, konnte sogar ein einfältiger Ankläger nach den gültigen Gesetzen dieser Zeit eine Anklage zurechtzimmern, die ihn bis ans Lebensende ins Gefängnis brachte. Oder ins Würgeeisen, das der Henker so lange zuschraubte, bis ihm die Seele aus dem Leib fuhr.

Hallstrom untersuchte die Tasche, in der er die Papiere meistens mit sich herumgetragen hatte.

Es war ausgeschlossen, er konnte die Dokumente und die Quittung weder bei der Flucht noch bei dem jähen Manöver in der Gondel verloren haben. Die Tasche war so tief, dass nichts herausfallen konnte.

Die Stille im Haus zerrte plötzlich mit Urgewalt an seinen Nerven. Sollte ihm ein geschickter Dieb ...?

Er führte den Gedanken nicht weiter. Er war seit Verlassen des Hauses von Doktor Righelini keinem Menschen näher als drei Armlängen gekommen.

Die schwatzhafte Hexe!

Wie ein Blitz zuckte diese Erkenntnis durch seinen Kopf. Die Alte hatte ihn bestohlen, während sie ihm mit falscher Freundlichkeit den Wein aufgetragen hatte!

Nur sie war ihm sehr nahe gekommen, gewissermaßen auf Tuchfühlung. Er hatte nichts bemerkt, denn er hatte keine Arglist vermutet.

Darum!, überlegte er. Darum sind die Sbirren hinter mir her wie der Teufel hinter einer armen Seele. Casanova - dieser Name allein genügt in dieser Stadt, um das Ziel haltloser Verdächtigungen zu sein!

Die ungewohnte Stille im Haus hatte eine Ursache, die Hallstrom mit seiner Person in Verbindung brachte.

Vorsorglich griff er unter den Ausgehrock und knöpfte das Spitzenjabot auf, um den Paralyzer griffbereit zu haben.

Er hatte gerade den zweiten Knopf auf, als vier Türen auf dem Flur aufgerissen wurden.

Er fuhr mörderisch zusammen. Mit einer derartigen Reaktion hatte er nicht gerechnet.

In der letzten Tür sah er die Witwe. Ein Häscher stand hinter ihr, hatte den Arm fest um sie gepresst und hielt ihr mit der anderen Hand den Mund zu. Vielleicht hatte die Frau einen Warnruf ausstoßen wollen.

Aus den anderen Türen drängten Sbirren mit blanken Waffen.

Hallstrom wunderte sich über ihre Zahl und darüber, wie sie lautlos gewartet hatten, bis er sicher in ihrer Falle festsaß.

Er bewahrte trotz seines gewaltigen Erschreckens so viel Geistesgegenwart, dass er das Handgelenk mit dem Radar-Timer und der Sprechfunkeinrichtung vor den Mund hielt und gefasst sagte: „Ich bin im Quartier. Sie haben mich. Eine Falle! Die Köchin von Doktor Righelini steckt dahinter! Beeilt euch!“

Hallstrom wartete nicht ab, bis ihn die anstürmenden Sbirren auf ihre blanken Stoßdegen gespießt hatten.

Er gab sehr unmännlich Fersengeld, polterte die Marmortreppe hinab und dachte an ein anderes Sprichwort, das besagt, dass Mut der einzige Reichtum der Dummen ist.

Sprichwörtern stand er mit gesunder Skepsis gegenüber. Dieses aber traf den Nagel auf den Kopf.

Er rannte, was seine Beine zu leisten vermochten.

Wie ein Schwarm gereizter Hornissen setzten ihm die um ihre sichere Beute geprellten Häscher nach.

 

 

2

„Sieht mächtig unfreundlich aus“, sagte Ben Crocker und schürzte die Lippen. „Aus dem Kasten kommst du nicht mal mit Hammer, Meißel und Beißzange heraus, da kannst du dich auf den Kopf stellen und meinetwegen mit den Füßen Fliegen fangen.“

„Ich habe nicht die Absicht“, erwiderte Frank Jaeger und lächelte nachsichtig. Bens schlichtes, aber treffendes Gutachten galt dem Herzogspalast oder Dogenpalast, dessen Dächer abschüssig und mit Bleiplatten eingedeckt waren.

Vom Dogenpalast führte über den schmalen Rio di Palazzo die sogenannte Seufzerbrücke zum Staatsgefängnis, einem reichverzierten und zweistöckigen Gebäude mit eigenem Gondelanlegeplatz. Hier waren solche Leute untergebracht, die sich unbeliebt gemacht hatten und als Verbrecher bezeichnet wurden. Räuber, Mörder, Giftmischer und andere Zeitgenossen.

Die Feinde der Republik Venedig hingegen, und zu ihnen zählte auch Casanova, waren im Dogenpalast inhaftiert - entweder unter den Bleidächern, wo im Winter grimmige Temperaturen herrschten und im Sommer Gluthitze, oder in den Wassergefängnissen im Keller des Palastes, wo die Häftlinge bei lebendigem Leibe verfaulten.

In jedem Falle aber waren es die wichtigen Gefangenen, die man unter ständiger Aufsicht zu haben wünschte und die man für weit gefährlicher erachtete als Räuber und Mörder.

Es waren Geldwucherer, angebliche Hexenmeister, Verschwörer gegen die Republik und andere Leute, die man aus dem Verkehr zu ziehen sich genötigt sah.

Den Gepflogenheiten der Zeit entsprechend wussten die Inhaftierten auch nicht, ob sie bereits verurteilt waren und zu welcher Strafe. Verhandlungen fanden ohne die Hauptperson statt.

War die Strafe abgesessen, wurde der Gefangene ohne Angabe von Gründen an die frische Luft befördert.

Hatten die Richter auf Tod erkannt, dann erfuhr der Delinquent sein Schicksal auch erst, wenn man ihn zur Hinrichtung führte.

In Venedig wurde mit dem Würgeeisen hingerichtet, mit dem Feuer und mit dem Strick.

Das Würgeeisen stand unter den Bleidächern hoch oben im Herzogspalast. Wurde hier eine Hinrichtung vorgenommen, fand sie unter Ausschluss der Öffentlichkeit statt.

Dagegen war die Bevölkerung der Stadt zu Verbrennungen und Halsgerichtsbarkeiten eingeladen. Diese fanden auf der Piazzetta statt, dem Platz zur Mole hin und gegenüber der Insel San Giorgio gelegen.

Ben und Frank wurden nachdrücklich an diese Einrichtung erinnert, als Esel mit Holz und Rohrlasten herbeigetrieben wurden und Knechte begannen, bei den beiden rußgeschwärzten Steinblöcken mit den eingelassenen Eisenringen das Holz und das Schilfrohr abzuladen und unverkennbar zu einem Scheiterhaufen schichteten.

Es gab sofort einen Auflauf.

Frank wandte sich an einen Schiffer, dessen Hände mit Pech beschmutzt waren.

„Eine Hinrichtung, mein Freund?“

Der Schiffer musterte das feine Gewand des Fragestellers und bequemte sich schließlich zu der Antwort: „Morgen vor Sonnenaufgang. Er hat ein paar Pfähle in der Lagune eingeschlagen, um seine Netze besser aufhängen zu können.“

„Ein Fischer also. Wird das so streng bestraft?“, fragte Frank seltsam berührt.

„Es ist verboten. Es gibt viele Gesetze darüber. Er kann den Fluss der Strömung verändern und die Stadt in große Gefahr bringen.“

„Ein paar Balken bringen doch wohl nicht diese ganze Stadt in Gefahr!“, zweifelte Frank.

Der Schiffer nickte eigensinnig. „Wenn der Wind gegen die Stadt bläst, staut er das Wasser und drückt es in die Kanäle. Die Strömung kann sich so sehr verändern, dass viele Häuser unterspült werden. Jeder Balken in der Lagune verändert die Strömung. Er wusste es. Er hätte es nicht machen sollen. Das hat er nun davon. Gott sei seiner Seele gnädig.“

Frank war blass geworden. Und Ben starrte düster auf die Steinblöcke, die allmählich unter Holz und Schilfrohr verschwanden. Ein Knecht hatte durch die Eisenringe eine Kette gezogen und sie nun obenauf gelegt. Mit dieser Kette wurde zweifellos der arme Teufel gefesselt, dessen Verbrennung hier vorbereitet wurde.

„Das großartige Venedig, diese strahlende Perle der Adria, zeigt sich von einer weniger angenehmen Seite“, sagte Frank und strebte mit Ben von der Piazzetta fort.

In einiger Entfernung vom Ort der Vorbereitungen verhielten die beiden Gefährten und musterten wieder den Herzogspalast. Ihr ganz besonderes Interesse galt den Bleidächern und den vergitterten Luken, die wohl nur geöffnet wurden, wenn Reparaturen vorgenommen werden mussten.

Ben beobachtete an der Mole das Anlegen einer kostbar ausgestatteten Gondel. Das war einträglicher als das Anstarren der grauen Dächer und das Rätselraten, wo genau dieser Casanova nun da oben saß.

Die Vorhänge der Gondel waren zugezogen und blieben es auch, bis das Wasserfahrzeug von den beiden Gondolieri festgemacht war.

Zwei Kavaliere in mantelartigem Umhang und mit Degen erwarteten die Gondel. Einer entlohnte die Schiffer, der andere streckte die Hand aus.

Eine zierliche Hand griff von drinnen durch den Spalt der Vorhänge und schob den schwarzen Stoff beiseite. Die Gondel schaukelte heftig.

Der Kavalier trat noch näher und reichte seinen Arm dieser zierlichen Hand zur Stütze.

Eine entzückende junge Dame entstieg der Gondel, hielt das himmelblaue Seidenkleid anmutig gerafft und setzte behutsam den rechten Fuß, der in einem goldglitzernden Schuh steckte, auf die Bohlen der Anlegestelle.

Mehr bekam Ben nicht zu sehen. Das bodenlange Kleid fiel zurück und verhüllte den zierlichen Fuß.

Mit wachsendem Interesse beobachtete Ben, dass die junge Dame jetzt die helfende Hand des Kavaliers mit allen Anzeichen des Unwillens zurückstieß. Sie trat sogar einen Schritt rückwärts und wäre um ein Haar in das schwappende Wasser zwischen Gondel und Mole gestürzt, wenn einer der Gondoliere nicht hilfreich zugegriffen und ihr den nötigen Halt verschafft hätte.

„Da - schau mal!“, raunte Ben und stieß Frank an, der immer noch den Palast musterte. Es musste schon bald auffallen, denn seit Tagen trieben sie sich hier herum und sondierten das Bauwerk wie versierte Diebe, die nichts dem Zufall überlassen wollen.

„Was?“, machte Frank. „Tut sich was?“

„Bei der Gondel. Die Dame scheint einen anderen Kavalier erwartet zu haben“, sagte Ben vergnügt „Ich spüre, es gibt gleich Streit“

„Dann hast du das falsche Gespür, lieber Ben. Eine venezianische Dame streitet sich nicht in der Öffentlichkeit. Und diese schon gar nicht. Ich habe sie zwei Tage hintereinander hier ankommen sehen. Ich habe mich auch für sie interessiert. Sie ist die Tochter des sehr ehrenwerten Domenico Cavalli. Ich hoffe, der Name sagt dir etwas.“

„Cavalli?“, brummte Ben. Er liebte es nicht sonderlich, Geistesübungen abzuhalten, die nichts einzubringen versprachen. „War der nicht mal Sekretär der Staatsinquisition?“

„Das war er, und er war obendrein der Mann, der den Haftbefehl gegen Casanova Unterzeichnete. Im vorigen Jahr war er Sekretär. In diesem Amt ...“

„... werden die noblen Leute, die zum Sekretär bestellt sind, jedes Jahr abgewechselt, ich weiß“, unterbrach Ben ihn. „Ich bin ja nicht auf den Kopf gefallen.“ In sein Gesicht trat ein sehr listiger Ausdruck. „Du hast nicht zufällig eine Ahnung, wie diese edle Dame mit Vornamen heißt?“

„Ich habe in der Tat keine Ahnung, und ich rate dir, die Finger von ihr zu lassen. Sie gehört zu den ersten Familien der Stadt. Es ist nicht gut, Anschluss an diese Familien zu suchen; sie wünschen unter sich zu bleiben. Der bedauernswerte Casanova hat das zu spüren bekommen und andere Zeitgenossen ebenso. Nur redet von denen niemand.“

„Wahrscheinlich sind das auch keine solchen Wüstlinge wie Casanova, wie?“, meinte Ben und lachte trocken. „Es interessiert mich doch, wie sie heißt.“ Frank wollte ihm eben den bösartigen Ratschlag geben, die entzückende junge Dame selber zu fragen, als es an der Anlegestelle zu einem Tumult kam.

Der aufdringliche Kavalier, der immer noch die Hand ausgestreckt hielt in der Hoffnung, dass die Signorina Cavalli ihm den Arm reichte, wurde von einem schwarz gekleideten Herrn angerempelt.

Sofort war der zweite Kavalier zur Stelle und legte die Hand an den Degengriff. Diese Geste war unmissverständlich.

Entweder nahm der schwarz gekleidete Mann diese Aufforderung zu einem Duell an. Oder er kniff und verlor damit das Gesicht und die Ehre.

Jedenfalls interpretierten Ben und Frank das so.

Es fanden sich sofort eine Menge Zuschauer ein, die nicht mit gutem Rat geizten und dem schwarz gekleideten Mann zuriefen, er möge die beiden herausgeputzten Affen abstechen.

Aber der Mann war weise und verlegte sich statt auf einen Waffengang auf die Beschimpfung der beiden Männer.

Das Volk war entzückt und drängte sich noch enger um die Anlegestelle.

Die Signorina Cavalli nutzte die gebotene Gelegenheit, schlüpfte durch die Menge und verschwand im bunten Gewühl auf der Piazzetta.

Und die beiden prächtig ausstaffierten Gondolieri banden ihr Boot los und machten sich ebenfalls davon.

Ben lauschte mit versonnenem Gesichtsausdruck dem Streit der drei feinen Herren an der Anlände, die überhaupt nicht wahrgenommen hatten, dass der Gegenstand ihres Zwistes entwichen war. Er setzte sich in Bewegung und schob sich näher.

Mit sorgenvoller Miene folgte Frank ihm, bereit, sofort einzugreifen, falls Ben sich bewogen fühlen sollte, sich in den Streit einzumischen.

Wie es aber aussah, wollte Ben dem Ort des Auftrittes nur besonders nahe sein.

Frank schob sich dicht an Ben heran und hielt die linke Hand an dessen Ärmel, um unverzüglich zupacken zu können.

„Ihr erdreistet Euch, uns in den Weg zu treten, Ihr jämmerlicher Quacksalber?“, tönte jener Kavalier, der der Signorina Cavalli den Arm hatte reichen wollen. Er trug einen grasgrünen Rock voll prächtiger Stickerei, der unter seinem mantelartigen Umhang sichtbar war.

Der als Quacksalber Angesprochene lachte amüsiert, und die Umstehenden lachten mit.

„Ich bin der berühmteste Chirurgus dieser Stadt“, sprach der Mann und machte eine ausholende Handbewegung. „Der Beifall mag es Euch beweisen. Und als Bürger dieser Stadt ist mir bekannt, dass es ungehörig ist, Damen zu belästigen oder ihnen Dienste aufzudrängen, die sie nicht erbeten haben. Schreibt Euch das hinter die Ohren!“

Damit machte er eine Körperdrehung und zeigte dem grünberockten Mann den Rücken.

Die beiden Kavaliere wurden bleich vor Wut.

Den Mut aber, den davongehenden Schwarzgekleideten von hinten niederzustechen, hatten sie angesichts der Menge nicht. Sie sandten ihm ein paar deftige Verwünschungen nach, als er im Volke untertauchte.

„Na ja“, brummte Frank. „Alles nett und amüsant, aber das kommt hier jeden Tag wohl ein dutzendmal vor.“

„Sehr merkwürdig“, sprach Ben mit seltsamer Betonung.

„Das ist gar nicht merkwürdig“, widersprach Frank. Er merkte dann aber, dass Ben gar nicht ihn meinte, und fragte: „Was gefällt dir nun jetzt nicht? Ich finde, es ist außerordentlich schwierig, dich zufriedenzustellen.“

„Dieser Auftritt“, meinte Ben. Er schaute nahezu geistesabwesend. „Die zwei herausgeputzten Ochsen warteten auf die Signorina, die von dieser Begleitung überhaupt nicht entzückt war. Und wie aufs Stichwort taucht der Schwarzgekleidete auf, macht einen Wirbel und lenkt die zwei Burschen ab.“

„Du meinst, er hat der kleinen Cavalli eine Gelegenheit verschafft, sich unbelästigt abzusetzen? Wozu sollte das gut sein?“

„Eben, das frage ich mich auch“, sagte Ben und begann zu lächeln. „Was hat sie überhaupt hier zu suchen? Um diese Zeit und an diesem Ort?“

„Erlaube mal, du kannst doch den Bürgern der Republik nicht vorschreiben, was sie zu tun und zu lassen haben!“

„Nichts liegt mir auch ferner“, gestand Ben. „Aber ich finde ihr Auftauchen hier mehr als seltsam. Und das Benehmen der beiden Affen auch!“ Er machte eine knappe Kopfbewegung.

Neugierig wandte Frank sich der Anlegestelle zu.

Die beiden Männer hatten inzwischen bemerkt, dass ihnen die Dame aus den Augen geraten war. Der Umstand machte sie noch wütender. Mit derben Püffen und Stößen verschafften sie sich Platz.

Die Art und Weise, wie sie sich unverzüglich daranmachten, in der Menge auf der Piazzetta Umschau zu halten, stimmte auch Frank nachdenklich.

„Vielleicht ist doch etwas dran“, meinte er. „Aber es kümmert uns nicht. Unser Zielobjekt ist Casanova mit seiner unglaublichen Flucht von da oben unter den Bleidächern. Wir können uns nicht um jede Weiberlaune und um jeden Auftritt eines abgewiesenen Liebhabers kümmern. Wohin kämen wir da schließlich?“

„Mach du dir Gedanken um die Bleikammern, ich zerbreche mir den Kopf um die junge Dame“, erklärte Ben. Der Unterton in seiner Stimme ließ keinen Zweifel an seiner festen Entschlossenheit.

Ben Crocker war ein Mann der Tat und der praktischen Nutzanwendung. Scharfsinnige Hypothesen waren ihm immer ein Gräuel gewesen.

Er schob sich mit einem leutseligen Lächeln an einen der Gaffer bei der Anlegestelle heran und fragte unschuldsvoll: „War das nicht die Contessa Cavalli, um die der Streit der drei Kavaliere entbrannte? Ich müsste mich sehr irren.“

Der Mann, ein Bursche mit geflickter Kappe, abgeschabter Kniehose und wieselflinken Augen, blickte Ben abschätzend von Kopf bis Fuß an und meinte nach dieser eingehenden Musterung: „In der Tat, Herr. Ihr Irrt Euch sehr. Denn nichts wäre uns willkommener als die Nachricht, dass die wilde Claudia Cavalli eine Contessa wurde und dass ein Mann mit starker Hand versuchen möge, ihr die Zügel anzulegen wie einem feurigen Pferde.“

„Dann hat man mich mit einer falschen Auskunft gefoppt“, meinte Ben und gab damit dem Burschen Gelegenheit, über ihn zu grinsen. „Es hieß, sie sei eine Contessa.“

„Eine Dame von hohem Stande ist sie“, erklärte der Bursche. „Aber ein Luder, wenn Ihr mich fragt, Herr. Sie hat mehr Liebhaber, als nötig sind, um diesen Platz zu füllen. Ihr sehr ehrenwerter Vater wird seine liebe Not haben, einen passenden Mann für sie zu finden. In der Republik wird er ihn schwerlich bekommen.“

„Und die drei Kavaliere?“

Der Bursche machte eine wegwerfende Handbewegung. „Herr, es waren keine Kavaliere. Der eine ist der hochgeschätzte Doktor Righelini, und er flickt die Leute zusammen und zerfetzt sie nicht mit dem Degen. Die beiden aufgeblasenen Pfaue sind die Söhne der Madame Memmo. Missratene Wüstlinge, Intriganten und üble Spione. Große Sprüche und Raufhändel halten sie im Gespräch.“ Ein nachdenklicher Ausdruck trat ins Gesicht des Burschen. „Warum sie allerdings die Signorina belästigt haben, bleibt mir unerfindlich.“

„Die Dame wohnt hier?“, fragte Ben und bemühte sich, sein freudiges Erschrecken nicht allzu deutlich zu zeigen.

Wieder wurde er von dem Burschen flink gemustert. Dann hob der Mann die Schultern. „Wenn es Euch gelüstet, den Schwarm der Liebhaber zu vergrößern, so sollen Euch meine Worte nicht hindern. Nein, sie wohnt an der Kirche Santa Fosca. Jedes Kind kann Euch das Haus zeigen. Aber dann merkt Euch auch den Namen Righelini gut. Ihr werdet den Doktor brauchen, wenn Euch ein Rivale übel zerstochen hat.“

„Ich werde es mir noch reiflich überlegen“, meinte Ben und zog sich zurück, um Frank die Neuigkeiten zu erzählen.

In Casanovas Erinnerungen, die er sehr viel später niederschrieb, spielte eine hochgestellte venezianische Dame eine Rolle, die der Kavalier und Liebhaber schlicht C. C. nannte.

C. C. - das bedeutete aller Wahrscheinlichkeit nach Claudia Cavalli!

Ben war von dieser Entdeckung derart angetan, dass ihm erst nach einer Minute aufging, dass er wohl einem Trugschluss aufgesessen war. Casanova hatte zu vielen Damen Venedigs sehr innige Verbindungen geknüpft - aber die Tochter des amtierenden Sekretärs der Staatsinquisition dürfte er aus reinem Selbsterhaltungstrieb ausgelassen haben.

Oder etwa doch nicht?

War dem ehrenwerten Domenico Cavalli die Affäre zu Ohren gekommen, und hatte er darum im vergangenen Jahre, nämlich 1755, den Verhaftungsbefehl gegen Casanova unterschrieben, um sich für die Verletzung der Familienehre zu rächen?

Auch das war denkbar.

Je intensiver Ben über die verfluchte Geschichte nachdachte, desto überzeugter war er, dass Doktor Righelini nicht zufällig an der Anlegestelle aufgetaucht war. Und dass Claudia Cavalli auch nicht zufällig gerade an diesen Platz gekommen war, an dem unweit der galante Casanova in der Bleikammer schmachtete.

„Mal sehen, was aus der Sache wird“, brummte Ben. „Ich habe einen Riecher für Merkwürdigkeiten, und diese Sache ist so merkwürdig, dass ich sie bei geschlossenen Augen mit dem Stock ertasten kann. Righelini - ausgerechnet der! Der war doch neben Casanova ein gleichwertiger Wüstling und hat mit ihm keine Jungfrau ungerupft davonkommen lassen.“

Der wieseläugige Bursche vernahm Bens Murmeln und schickte ihm einen ratlosen Blick nach, der seine Zweifel am gesunden Verstand des Mannes ausdrückte.

Und Frank hob überrascht die Brauen und fragte gedämpft: „Seit wann führst du Selbstgespräche? Dass du schnarchst, ist mir in schmerzlicher Erinnerung. Aber dass du schon seltsam wirst, erfüllt mich mit Sorge.“

„Verschone mich mit deinen witzigen Spötteleien“, knurrte Ben. „Es gehen seltsame Dinge vor.“

„Und die wären?“ Frank beugte sich grinsend etwas vor.

Ben wurde einer Antwort enthoben, denn aus dem Ärmel ihrer noblen Ausgehröcke ertönte klar Hallstroms Stimme: „Ich bin im Quartier. Sie haben mich. Eine Falle! Die Köchin von Doktor Righelini steckt dahinter! Beeilt euch!“ Dann war Stille. Es kam nichts mehr. Frank und Ben standen wie vom Schlag gerührt. Nur ein paar Umstehende schauten neugierig, weil sie den Urheber der Geisterstimme nicht entdecken konnten.

Eine Frau mit runzligem Gesicht bekreuzigte sich hastig.

Aber da liefen die beiden vornehm gekleideten Männer schon davon und brachen sich Bahn durch die Menge auf der Piazzetta.

 

 

3

Ben keuchte, als hätte er bereits sämtliche Treppen und Stiegen der Stadt erklommen.

„Man kann ihn wirklich nicht aus den Augen lassen!“, schimpfte er. „Richtig, er wollte zu Doktor Righelini. Er sprach heute Morgen davon.“

„Scheint ihm gründlich misslungen zu sein“, stieß Frank keuchend hervor.

„Dieser Doktor war vorhin an der Mole.“

„Aber die Köchin war zu Hause, und sie scheint Hallstrom etwas eingebrockt zu haben. Wen meinte er mit 'sie'?“

„Frag mich besser nicht“, erwiderte Frank. Sie näherten sich der Rialto Brücke. „Wenn es über ihn kommt, schafft er das Kunststück, mit der halben Welt in Fehde zu leben. Vielleicht ist er mit Freunden des Doktors zusammengeraten. Oder mit irgendeiner Interessengruppe.“

„Ich rufe ihn!“, bestimmte Ben.

Jenseits der Brücke drückte er sich in einen dunklen Hauseingang, führte das linke Handgelenk zum Munde und betätigte die winzige Funksprechanlage im Radar-Timer. Frank verschaffte ihm Deckung, denn neugierige Passanten hätten unzweifelhaft an Spuk und Hexerei gedacht und die kirchliche Inquisition alarmiert, die noch weit unangenehmer war als die staatliche der Republik. Hallstrom meldete sich nicht.

Entweder hatte man ihn schon ergriffen oder er steckte derart in Schwierigkeiten, dass er keine Gelegenheit fand, sich des Radar-Timers und seiner Einrichtungen zu bedienen.

„Was nun?“, fragte Ben. Er war ganz blass um die Nase herum.

„Zum Quartier!“, bestimmte Frank. „Ganz lautlos geht so etwas ja nicht über die Bühne. Die Witwe kann uns weiterhelfen.“

Sie setzten ihren Weg fort, liefen nicht mehr und wurden vorsichtig, als sie sich dem Haus der Witwe näherten.

„Sbirren!“, sagte Frank und machte mit dem Kopf eine knappe Bewegung. „Hinten in der Gasse! Und zwei vor dem Haus!“

Ben reckte das kantige Kinn. „Die verputze ich zum Frühstück, und da strenge ich mich nicht mal besonders an.“

„Breche keinen Privatkrieg vom Zaun!“, mahnte Frank. „Wir sind nicht hier, um uns als Feinde der Republik zu profilieren, sondern um herauszufinden, wer Casanova die Flucht aus diesem entsetzlichen Gefängnis ermöglichte.“

„Hm!“, machte Ben. „Und wenn er’s doch aus eigener Kraft schaffte?“

Frank schüttelte weise den Kopf. „Ausgeschlossen. Wir haben uns die Dächer seit Tagen angesehen. Wir haben alle Möglichkeiten durchgerechnet. Es geht nicht. Nicht mittels eines Ausbruchs von innen. Er muss draußen Helfer haben.“

„Das ist die sture Ansicht eines Ziegenbockes“, knurrte Ben.

„Über den Ziegenbock unterhalten wir uns zu gegebener Zeit und unter günstigeren Vorzeichen!“, drohte Frank. „Mensch, gebrauche deinen Verstand, falls du welchen mitbekommen hast! Weder vor Casanova noch nach ihm hat es einer geschafft, aus den Bleikammern zu entspringen. An Versuchen dürfte es nicht gefehlt haben. Aber nur dieser Frauenheld hatte Erfolg. Nur er kam raus. Warum wohl, he?“

„Deine Argumentation ist hinterlistig wie das Ränkespiel eines Anklägers beim kirchlichen Gericht“, meinte Ben. „Gehen wir ins Haus?“

„Ausgeschlossen“, wehrte Frank ab. „Wir spazieren vorbei und sondieren die Lage.“

Sie gingen am Haus der Witwe vorbei. Vor der Tür standen wirklich zwei Sbirren, erkenntlich am Wappen auf dem Degenkorb. Im Eingang zum Hof, den sich dieses Haus und die Nachbargebäude teilten, lehnten zwei weitere Häscher der Republik an der Wand.

Sie schauten finster. Frank nahm Abstand davon, sie in ein Gespräch zu verwickeln.

Die Sbirren, die drei Häuser weiter die Gasse abriegelten, zeigten nur mäßiges Interesse an den beiden daherflanierenden Männern.

„Weiß der Teufel, was Hallstrom angerichtet hat, aber eine Kleinigkeit ist es nicht!“, brummte Ben. „Die halbe Polizeimacht Venedigs ist auf den Beinen, und zwar um das Haus der Witwe herum. Das gefällt mir absolut nicht.“

„Mir schon“, erwiderte Frank und lächelte.

„Bist du von Sinnen?“, regte sich Ben auf.

„Noch nicht. Das Aufgebot der Sbirren verrät uns, dass sie den Professor noch nicht haben, leuchtet dir das ein? Hätten sie ihn nämlich, dann wären diese Posten abgezogen. Sie sind es aber nicht. Also hofft man, dass Hallstrom unvorsichtigerweise zurückkehrt.“

„Er soll sich das bloß nicht einfallen lassen!“ Ben blickte aufgebracht.

Die Häscher in der Gasse, fünf an der Zahl, machten mürrisch Platz und schauten unfreundlich.

Frank blieb stehen, betrachtete die Männer der Reihe nach und kostete die Situation aus, die starke Nerven und eine gehörige Portion Unverfrorenheit verlangte.

Dann wandte er sich gemächlich um, schaute zum Haus der Witwe zurück und fragte einen Häscher: „Ist ein Verbrechen geschehen?“

Der Mann bedachte ihn mit einem abweisenden Blick und sagte: „Das ist Sache des Rates, Herr. Geht Eurer Wege!“

„Sofort, mein Freund. Meine Frage entsprang der Neugierde. Ist das nicht das Haus der Witwe Tebaldi?“

„Es ist das Haus“, war die mürrische Antwort.

„Mich wundert, dass Ihr dann auf der Gasse steht, wenn dort ein Verbrechen verübt wurde“, bohrte Frank lächelnd weiter. Ben standen schon die Haare zu Berge.

„Wir verfahren nur nach dem Gesetz, Herr. Ein Verbrecher muss einwandfrei überführt werden, und das ist nur in jenem Hause möglich. Die arglose Witwe Tebaldi hat einem Verschwörer Quartier gewährt. Nun geht endlich!“

Die Antwort machte Frank und Ben ratlos. Zunächst aber sahen sie zu, dass sie aus der Gasse fortkamen. Sie suchten sich am Canale Grande einen ruhigen Platz am Ufer.

„Hallstrom ein Verschwörer? Verdammt, welche finstere Fantasie haben denn die Leute hier?“, regte sich Ben auf.

„Moment mal!“, wehrte Frank ab. „Ich überlege. Der Professor ist in eine heikle Sache hineingeraten, soweit ist mir das klar. Righelinis Köchin ist darin verwickelt, wenn ich das richtig verstanden habe. Überführt werden kann Hallstrom aber nur im Haus der Witwe. - Ich verstehe es nicht.“

„Ich schon”, sagte Ben plötzlich und bekam einen roten Kopf. „Wie hat man denn voriges Jahr Casanova hereingelegt? Mit angeblichen Zauberbüchern, die in seinem Besitz waren.“

„Du hast nicht alle Tassen im Schrank! Hallstrom besitzt keine Zauberbücher!“, sagte Frank fest.

„Aber die verdammten Dokumente, die den prominenten Häftling unter den Bleidächern betreffen.“

„Woher sollte jemand von ihnen Kenntnis haben? Er trägt sie doch meistens mit sich herum.“

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907414
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351981
Schlagworte
timetravel flucht kammer

Autor

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Titel: Timetravel #31: Flucht aus der bleiernen Kammer