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Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #8

2017 0 Seiten

Leseprobe

Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #8

Alfred Bekker

Published by BEKKERpublishing, 2015.

Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #8

von Alfred Bekker

Der Umfang dieses Buchs entspricht 331 Taschenbuchseiten.

Mitte des 23. Jahrhunderts werden die von Menschen besiedelten Planeten durch eine kriegerische Alien-Zivilisation bedroht. Nach Jahren des Krieges herrscht ein brüchiger Waffenstillstand, aber den Verantwortlichen ist bewusst, dass jeder neue Waffengang mit den Fremden das Ende der freien Menschheit bedeuten würde. Zu überlegen ist der Gegner.

In dieser Zeit bricht die STERNENKRIEGER, ein Raumkreuzer des Space Army Corps , unter einem neuen Captain zu gefährlichen Spezialmissionen in die Weite des fernen Weltraums auf...

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Chronik der Sternenkrieger  20: Vergeltung

Chronik der Sternenkrieger  21: Ins Herz des Feindes

Chronik der Sternenkrieger  22: Sklavenschiff

Alfred Bekker schreibt Fantasy, Science Fiction, Krimis, historische Romane sowie Kinder- und Jugendbücher. Seine Bücher um DAS REICH DER ELBEN, die DRACHENERDE-SAGA,die GORIAN-Trilogie und seine Romane um die HALBLINGE VON ATHRANOR machten ihn einem großen Publikum bekannt. Er war Mitautor von Spannungsserien wie Jerry Cotton, Kommissar X und Ren Dhark. Außerdem schrieb er Kriminalromane, in denen oft skurrile Typen im Mittelpunkt stehen - zuletzt den Titel DER TEUFEL VON MÜNSTER, wo er einen Helden seiner Fantasy-Romane zum Ermittler in einer sehr realen Serie von Verbrechen macht.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch, Cover: Steve Mayer

© by Author

© dieser Ausgabe 2015 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Band 20: Vergeltung

Taralon-System, Trans-Alpha.

Der Herr stand vor dem großem Panoramaschirm auf der Brücke seiner Raumyacht. Der vollkommen haarlose Kopf erinnerte an einen Totenschädel. Am Halsansatz trat eine der Ganglien hervor, mit deren Hilfe der Etnord den menschlichen Körper beherrschte, von dem er Besitz ergriffen hatte.

Tausende von Raumschiffen waren auf dem Schirm zu sehen. Insbesondere im Orbit um Taralon III, der Hauptwelt der Neuen Ordnung, gab es eine ungeheure Konzentration von Kampfschiffen unterschiedlichster Bauart. Nach Menschenart geformte Zylinderschiffe waren ebenso dabei wie keilförmige Fulirr-Raumer. So unterschiedlich sie in ihrer Form und der verwendeten Technologie auch sein mochten, so hatten sie alle doch die leuchtende kristalline Außenhaut gemein.

Dann tauchte am linken Rand des Bildausschnitts ein Objekt auf, das alles andere in den Schatten stellte. Ein gewaltiger Kubus, der im Orbit von Taralon III kreiste.

Die Schaltzentrale der Erhabenen.

„Unsere Raumwerften haben ganze Arbeit geleistet“, sagte Commodore Tyler Ronk, einer der Adjutanten des Herrn. „Es ist alles bereit für den Angriff. Nur Ihr Befehl ist noch vonnöten.“

Der Herr wandte ruckartig den bleichen, kahlen Schädel in Ronks Richtung. „Der Befehl ist hiermit erteilt“, sagte er, während seine Hand unwillkürlich jene Stelle unterhalb des Brustbeins berührte, wo das Etnord-Implantat saß.

1

„Captain auf der Brücke!“

Commodore Linda Van Thieu, Erster Offizier der LEVIATHAN nahm Haltung an, als Admiral Ned Nainovel die Brücke betrat. Die LEVIATHAN, die erste Einheit der neuen Carrier-Klasse, war das Flaggschiff jener Space Army Corps-Einheiten, die seit einigen Wochen einen Brückenkopf im Raumsektor Trans-Alpha hielten – unglaubliche 50 000 Lichtjahre von der Erde entfernt.

Die Space Army Corps Schiffe operierten in einer Raumkugel mit einem Durchmesser von einer Astronomischen Einheit um die flackernde Wurmloch-Porta. Der Trans-Alpha-Ausgang von Wurmloch Alpha musste zumindest so lange gehalten werden, bis man eine Methode gefunden hatte, das Wurmloch dauerhaft zu schließen. Zurzeit arbeitete man geradezu fieberhaft daran, den im Alpha Picus gelegenen Alpha-Ausgang des Wurmlochs mit Hilfe der verbündeten K’aradan zu verminen. Aber seitdem sich die Etnord im Besitz der fulirr’schen Antimateriewaffen befanden, stand dem Feind ein sehr wirksames Mittel zur Verfügung, Raumminen zu beseitigen. Die Mini Black Holes, die bei den Antimateriedetonationen entstanden, saugten sie einfach über ihren Ereignishorizont und anschließend hatten die Schiffe freie Bahn. Spezialisten der K’aradan und des Geheimdienstes der Humanen Welten experimentierten mit Weiterentwicklungen der bisher verwendeten Minen. Die Wirkung dieser neuen Minengeneration zielte darauf ab, die Antimaterie-Sprengköpfe gar nicht erst zur Detonation kommen zu lassen.

Aber anscheinend war man noch lange nicht so weit, dass man es wagen konnte, den Brückenkopf aufzugeben, denn auf der anderen Seite braute sich nur wenige Lichtjahre entfernt eine Gefahr ungeheuren Ausmaßes zusammen...

Seit längerem beobachtete man, wie sich im Taralon-System eine gigantische Etnord-Armada sammelte. Die dortigen Werften mussten auf Hochtouren arbeiten. Außerdem gab es Anzeichen dafür, dass die Etnord mit Hilfe des gewaltigen Kubus, der im Orbit um Taralon III schwebte, das Wurmloch zu beeinflussen versuchten. Zumindest waren ungewöhnlich starke Schwankungen bei den 5-D-Strahlungsemissionen festgestellt worden. Andererseits wusste man inzwischen, dass von dem geheimnisvollen Kubus 5-D-Signale ausgingen, deren Resonanz unter Umständen Lichtjahre weit geortet werden konnte.

Admiral Ned Nainovel erwiderte den militärischen Gruß seines Ersten Offiziers.

„Irgendwelche besonderen Vorkommnisse, I.O.?“

„Es ist eine verschlüsselte Transmission des Oberkommandos über Relais-Sonde A eingetroffen“, meldete Linda Van Thieu. Ein direkter Funkkontakt mit dem Oberkommando war nicht möglich. Selbst ein Sandström-Funksignal hätte Jahre gebraucht, um die 50 000 Lichtjahre zu überbrücken, die den Raumsektor Trans-Alpha vom Territorium der Humanen Welten trennten. So blieb nur die Möglichkeit, Botschaften über eine Sonde zu transportieren, die regelmäßig das Wurmloch passierte und anschließend mit der Antwort aus dem Alpha-Sektor zurückkehrte.

„Ich werde mir die Transmission in meinem Raum ansehen“, entschied Ned Nainovel. Die Befehle waren vermutlich nicht mit höchster Priorität ausgestattet. Andernfalls wäre Nainovel sofort bei ihrem Eintreffen auf die Brücke geholt und notfalls auch aus dem Schlaf geweckt worden.

„Wochenlang gibt es nichts weiter als ab und zu ein kleines Scharmützel“, mischte sich Commodore Antonio Douglas, seines Zeichens Zweiter Offizier der LEVIATHAN in das Gespräch ein. „Für meinen Geschmack verhalten sich die Etnord verdächtig ruhig, Captain.“

Nainovel zuckte mit den Schultern. Wiederholt waren Schiffe seiner Flottille zu Erkundungsflügen in das Territorium der Etnord aufgebrochen. Insbesondere das, was sich im Taralon-System tat, gab Anlass zu größter Besorgnis.

Immer wieder schickte Nainovel Leichte Kreuzer der Scout-Klasse im Schleichflug an das System heran, um über Veränderungen informiert zu sein. Alles, was es bis jetzt zu registrieren gab, war eine immer noch wachsende Flottenansammlung und das Auftauchen des Kubus...

„Sie haben Recht, II.O.“, nickte Nainovel. „Die Riesenflotte, die sich bei Taralon sammelt, wird uns früher oder später angreifen. Aber die Frage bleibt immer noch, ob sie wirklich den Weg über Wurmloch Alpha nehmen...“

„Über Wurmloch Beta müssten sie sich zumindest den Weg in den Alpha-Sektor nicht erkämpfen!“, stellte Van Thieu fest. „Schließlich liegt dessen Ausgang innerhalb des von ihnen eroberten Territoriums.“

„Warten wir es ab“, murmelte Nainovel. Noch war nicht einmal bekannt, wo sich überhaupt der Trans-Alpha-Ausgang von Wurmloch Beta befand. Es gab einige Punkte im Umkreis von gut hundert Lichtjahren, die nach Ansicht der Wissenschaftler dafür in Frage kamen, aber bislang war es nicht möglich gewesen, das zu verifizieren. Aber wie man die Sache auch dreht und wendet – die Etnord-Armada sammelt sich nicht im relativ nah gelegenen Taralon-System, um anschließend noch ein oder zwei Wochen im Sandström-Raum unterwegs zu sein, bevor sie die Trans-Alpha-Porta des zweiten Wurmlochs erreicht, ging es Nainovel durch den Kopf. Diese Armada hat es auf uns abgesehen... 

Aber der Captain der LEVIATHAN hielt diese Gedanken für sich. Für Spekulationen hatte er jetzt keinen Sinn.

Nainovel wollte gerade seinem Ersten Offizier die Befehlsgewalt übergeben, um die Transmission des Oberkommandos in seinem Raum entgegennehmen zu können, als sich plötzlich Kommunikationsoffizier Commander Vincente Joachimsen zu Wort meldete.

„Admiral, wir bekommen einen Schwung Daten über Sandström-Sonden herein.“

„Da muss sich irgendetwas Gewaltiges im Zwischenraum tun“, kommentierte Commodore Antonio Douglas. Der Zweite Offizier der LEVIATHAN hatte sich die eingehenden Daten auch auf seine Konsole geholt.

Ortungsoffizierin Commander Nour Al-Frangi oblag die Auswertung. Die schlanken Finger der dunkelhaarigen Mittdreißigerin glitten über die Sensorpunkte ihres Touch Screen. Der Bordrechner arbeitete auf Hochtouren.

Nour Al-Frangi musste unwillkürlich schlucken, als das Ergebnis vorlag.

Sie wandte sich zu Nainovel herum. „Admiral, es bewegt sich im Zwischenraum eine gewaltige Masse auf uns zu. Der Rechner ist mit der Detailauswertung noch nicht durch, aber es wurden die typischen Signaturen der Etnord-Schiffe angemessen.“

„Irgendwann musste es ja soweit sein“, murmelte Nainovel. „Liegt schon die Projektion der vermutlichen Austrittspunkte vor, Commander?“

Al-Frangi nickte. „Ja, aber bisher nur mit einer Detailsicherheit von siebzig Prozent. Ich gehe davon aus, dass die Daten im Verlauf der nächsten Viertelstunde noch einigen Korrekturen unterliegen.“ Nour Al-Frangi betätigte eine Schaltung. Auf dem Panoramaschirm der LEVIATHAN, der einen 360° Rundblick ermöglichte und den Eindruck vortäuschte, das man sich auf einer in den Weltraum ragenden Kanzel befand, wurde jetzt ein Teilfenster abgetrennt. Alle Anwesenden blickten zur Seite und sahen, wie sich die scheinbar dreidimensionale, schematisch gehaltene Positionsübersicht aufbaute. Die Raumkugel des Brückenkopfs mit dem Durchmesser von einer Astronomischen Einheit, deren Zentrum die flackernde Wurmloch-Porta war, wurde ebenso markiert, wie die Positionen sämtlicher Space Army Corps-Einheiten, die sich zurzeit unter Admiral Nainovels Kommando befanden. Der Carrier Leviathan befand sich nur etwa dreißigtausend Kilometer von der Porta entfernt auf einer sehr zurückgezogenen Position. Seine Hauptwaffe waren schließlich die dreihundert, von Geschwader Commodore Moss Triffler kommandierten, Jäger. Die anderen Schiffe des Verbandes waren an weiter vorgeschobenen Punkten postiert. Eine Flotte von 15 Schiffen – Kreuzern und Zerstörern sowie ein Dreadnought-Schlachtschiff – bildeten dagegen einen Cordon in einem Abstand von nur 20 000 Kilometern von der LEVIATHAN. Im Angriffsfall waren die Schiffe des Cordons jederzeit in der Lage, rechtzeitig an einem nahe dem Carrier gelegenen Austrittsort zu sein, um Attacken, die direkt auf die LEVIATHAN zielten, abzufangen.

Neben den Positionen der Space Army Corps Schiffe waren auch die voraussichtlichen Austrittspunkte der Etnord-Raumer durch giftgrüne Punkte markiert.

An verschiedenen Positionen gab es Konzentrationen solcher Markierungen.

„Wann ist mit dem Austritt der ersten Feindeinheiten aus dem Sandström-Raum zu rechnen?“, fragte Nainovel.

„In zwei Stunden dürften die ersten Etnord-Raumer uns erreicht haben“, gab Nour Al-Frangi Auskunft.

„Geben Sie die Daten alle Einheiten weiter“, befahl Admiral Nainovel.

„Jawohl, Sir.“

Nainovel nahm im Sessel des Captains Platz. Sein Griff ging zu der dazugehörigen Konsole. Mit einem Knopfdruck stellte er eine Verbindung zu Geschwader Commodore Moss Triffler her, unter dessen Befehl das Jagdgeschwader der LEVIATHAN stand.

Die Schlacht um Alpha Picus war durch das Eingreifen der LEVIATHAN entschieden worden und ohne ihren Einsatz wäre es wohl auch nicht möglich gewesen, auf der Trans-Alpha-Seite des Wurmlochs einen Brückenkopf zu errichten und zu halten. Bei diesen Kämpfen hatte das Jagdgeschwader natürlich starke Verluste hinnehmen müssen. In den letzten, verhältnismäßig friedlichen Wochen hatte man alles getan, um die Lücken wieder aufzufüllen. Während auf dem im Erdorbit gelegenen Spacedock 13 bereits ein zweites Schiff der Carrier-Klasse vor kurzem fertig gestellt worden war, lief natürlich auch die Produktion der schnellen Jäger auf Hochtouren. Die Zahl der Maschinen, die gegenwärtig auf der LEVIATHAN stationiert waren, betrug genau 298 Maschinen, womit die Verluste so gut wie ausgeglichen waren.

Sehr viel schwerer als die Produktion der Jäger, die im Prinzip einem fliegenden Gauss-Geschütz mit Pilotenkabine und Mesonenantrieb glichen, war die Ausbildung frischer Piloten. Noch gab es genug Personal, um die Verluste einigermaßen kompensieren zu können, aber wenn die Kämpfe mit den Etnord wieder an Heftigkeit zunahmen und der Krieg in eine neue Phase trat, dann war absehbar, wann das Space Army Corps in diesem Punkt an seine Grenzen stieß.

Schon jetzt hatte man die entsprechenden Ausbildungsgänge auf der Space Army Corps Akademie auf Ganymed drastisch verkürzt und war vor allem dazu übergangen, möglichst erfahrene Piloten aus der Privatwirtschaft oder den lokalen Verteidigungsstreitkräften der einzelnen Mitgliedswelten für den Dienst im Space Army Corps anzuwerben.

Trifflers Gesicht erschien auf dem Schirm.

„Wir werden in Kürze angegriffen, Commodore“, sagte Nainovel. „Eine gigantische Flotte von Etnord-Raumern befindet sich im Sandström-Anflug auf den Brückenkopf. Sorgen Sie dafür, dass Ihr Geschwader so schnell wie möglich gefechtsbereit ist.“

„Das ist innerhalb weniger Minuten der Fall, Sir!“, versicherte Moss Triffler.

„Die Positionsübersicht der voraussichtlichen Eintrittspunkte müsste von Ihrem Rechnerterminal aus bereits zugänglich sein. Wir müssen versuchen, so viele der gegnerischen Einheiten wie möglich gleich beim Austritt aus dem Sandström-Raum abzufangen und zu vernichten. Dazu werden wir mit einer koordinierten Aktion von Jägern und Kampfschiffen vorgehen.“

Je länger das Gefecht dauerte, desto mehr würde sich die zahlenmäßige Überlegenheit des Gegners auswirken, wie Nainovel aus bitterer Erfahrung wusste. Es war sehr schwer, die Schlacht noch einmal herumzudrehen und den Brückenkopf zu halten, wenn es die Etnord erst einmal geschafft hatten, sich innerhalb der 1 AE-Zone festzusetzen.

„Sir, haben wir Aussicht auf Verstärkung?“, fragte Triffler. „Schließlich soll doch inzwischen ein zweiter Carrier fertig gestellt worden sein...“

„Ich habe deshalb immer wieder angefragt, Commodore. Leider bin ich auf vollkommen taube Ohren gestoßen. Und was den zweiten Carrier angeht, so hat man damit wohl etwas anderes vor...“

„Zu dumm!“

Nainovel zuckte mit den Schultern. „Die personellen Verluste der vergangenen Monate sind überall zu spüren und sind auch nirgendwo vollständig auszugleichen. Zumindest nicht qualitativ. Es zeigt sich immer mehr, wie nahe uns die Schlacht um Alpha Picus an den Abgrund gebracht hat!“

„Dann werden wir wohl mit dem auskommen müssen, was wir haben“, knurrte Moss Triffler. „Wenigstens mangelt es uns im Moment noch nicht an Jägern...“

„Ich berufe in einer Viertelstunde eine Sitzung des strategischen Stabes in der Offiziersmesse ein. Seien Sie bitte pünktlich.“

„Ja, Sir!“, versicherte Triffler. Zwar war der ehemalige Testpilot des Far Galaxy-Konzerns, der sich nach einer Anklage wegen Geheimnisverrats als Frachterpilot hatte durchschlagen müssen, nun schon seit sechzehn Jahren im Dienst des Space Army Corps, aber seine Umgangsformen waren immer noch sehr unmilitärisch. Seine Auffassung von Pünktlichkeit allerdings mitunter ebenfalls, wie Nainovel in der kurzen Zeit ihrer Zusammenarbeit bereits festgestellt hatte. Dafür hat er andere Qualitäten, dachte der Admiral.

Die Verbindung wurde unterbrochen. Nainovel drehte sich zu Linda Van Thieu herum. „Sie nehmen an der Stabssitzung teil und bereiten alles vor. Das Kommando übernimmt der II. O.“

„Ja, Sir.“

„Commodore Douglas?“, wandte sich Nainovel an seinen Zweiten Offizier, einen Mann mit schlaksiger Gestalt und  wirrem, gelockten Haar. Douglas’ Anblick ließ Nainovel stets bedauern, dass man die Space Army Corps-Frisurvorschriften für Männer im Sinne einer Gleichbehandlung den Vorschriften für Frauen angepasst hatte.

„Captain?“, fragte Douglas und nahm Haltung an.

„Wie schon erwähnt übernehmen Sie das Kommando. Wenn sich irgendetwas tut, dann möchte ich darüber umgehend informiert werden.“

„Ja, Sir.“

Nainovel ging anschließend in den Raum des Captains, der sich – wie bei allen Space Army Corps Schiffen, traditionellerweise direkt neben der Brücke befand. Er durchschritt ein großzügiges Konferenzzimmer, das er für Besprechungen im kleineren Rahmen nutzte. Für alle Offiziere unter den 3000 Mann Besatzung, die an Bord der LEVIATHAN stationiert waren, gab es natürlich bei weitem nicht genug Platz, sodass Konferenzen und Stabsbesprechungen zumeist in der viel größeren Offiziersmesse durchgeführt wurden.

Die Schiebetür schloss sich hinter Nainovel, der mit raschen, entschlossen wirkenden Schritten den Raum durchquerte und schließlich sein eigenes Büro erreichte.

Der Admiral aktivierte über einen mündlichen Befehl, bei dem sein Stimmmuster erkannt wurde, seinen Zugang zum Bordrechner und rief die eingegangene Transmission des Oberkommandos auf.

Das Emblem des Space Army Corps erschien, dazu eine Sicherheitswarnung, die darauf hinwies, dass der Inhalt der aufgerufenen Datei nur besonders autorisierten Personen zugänglich gemacht werden durfte.

Admiral Nainovel seufzte. Computer! Er tippte einen Autorisierungscode ein, ließ sich außerdem noch den Fingerabdruck des rechten Zeigefingers vom Touchscreen ablesen und meldete sich mündlich.

„Hier spricht Admiral Ned Nainovel, Kommandant des Carriers LEVIATHAN im Dienst des Space Army Corps. Autorisierung wurde eingegeben. Ich erwarte jetzt die Freigabe.“

„Freigabe erteilt“, meldete sich eine Kunststimme.

Im nächsten Moment erschien das Gesicht von Admiral Mark Akato, dem Stabschef des Space Army Corps.

„Guten Tag, Admiral Nainovel. Dies ist eine Aufzeichnung.  Ich grüße Sie und hoffe, es geht Ihnen gut. Auf Grund der allgemeinen Knappheit an spacialen Ressourcen, sind wir leider gezwungen, in nächster Zeit mehrere Einheiten aus Ihrem Verband abzuziehen. Wir denken aber, das Sie Ihre wichtige Aufgabe dennoch bewältigen werden.“

„Das darf doch nicht wahr sein“, murmelte Nainovel vor sich hin.

„Ansonsten finden Sie die strategischen Direktiven für die Vorgehensweise in nächster Zeit im Datenstrom dieser Transmission. In Kürze werden einsatzfähige Kapseln mit der Substanz mit dem Codenamen EV-1 angeliefert. Die Grundsätze zur Lagerung und Handhabung sind ebenfalls auf diesem Datenstrom enthalten und unbedingt einzuhalten.“ Akato lächelte matt. „Viel Glück, Ned!“

Akatos Gesicht verschwand.

Nainovel kannte Akato von der Space Force Akademie.

Beide hatten einst zusammen auf dem Zerstörer ROGERS als Lieutenants gedient. 

Akatos Bild verschwand.

„Witzbold“, murmelte Nainovel vor sich hin.

EV-1...

Nainovel wusste natürlich, was sich hinter dieser Codebezeichnung verbarg. Etnord Virus 1. Die ultimative Bio-Waffe, mit deren Hilfe man sich der tödlichen Gefahr durch diese Parasitenspezies vielleicht entledigen konnte.

2

„Hier Geschwader Lieutenant Clay Schrader, Jägerstaffel LEVIATHAN 01. Wir sind mit dreißig Maschinen zwanzig Grad achtern“, kam es über den Lautsprecher auf der Brücke des Leichten Kreuzers NEPTUN.

Commander Raphael Wong erhob sich aus seinem Sessel. Eine Bildübertragung aus dem engen Cockpit des Jägerpiloten gab es nicht. Sie war zwar prinzipiell möglich, allerdings war auf den Bildern zumeist außer dem spiegelnden Helmvisier des Piloten nichts zu sehen.

„Verstanden, Lieutenant Schrader“, gab Commander Wong zurück. „Austrittspunkt des Gegners liegt bei den Koordinaten 23-6-45. Austrittszeitpunkt in genau fünf Minuten. Wir beginnen bei Austrittszeitpunkt minus drei Minuten mit dem Beschuss, um sicherzugehen.“

„Da sind wir ja wohl gerade noch rechtzeitig gekommen!“, meinte Lieutenant Schrader. „Aber selbst der Mesonenantrieb lässt uns keine Wunder vollbringen.“

Drei der zylinderförmigen Leichten Kreuzer bildeten eine Formation – die NEPTUN, die ALEXANDER und die TAJ MAHAL. Letztere hatte mit Selma McKeith eine neue Kommandantin, nachdem Commander Rajiv befördert worden war und das Kommando des gerade fertig gestellten Sondereinsatzkreuzers AMSTERDAM bekommen hatte.

Als Dienstältester der drei Kommandanten hatte Raphael Wong das Kommando über den Teilverband.

„Wir wenden die taktische Variante AA-12 an“, gab er an Lieutenant Schrader durch.

„Aye, aye, Sir!“

„Funk!“, wandte sich Wong an Lieutenant Pemmo Nebbson, den Kommunikationsoffizier der NEPTUN. „Geben Sie diese Order an alle Maschinen der Jägerstaffel LEVIATHAN 01 sowie an die TAJ MAHAL und die ALEXANDER durch.“

„Jawohl“, bestätigte Nebbson. 

Die Jäger folgten der taktischen Anweisung. Sie flogen einen Bogen und verteilten sich in Positionen rund um den Austrittspunkt, ließen dabei aber den Schussbereich der  Leichten Kreuzer frei. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein so kleines Objekt auf eine Entfernung von mehr als zwanzigtausend Kilometer durch Friendly Fire der eigenen Gauss-Breitseiten getroffen wurde, war zwar sehr gering, aber nicht ausgeschlossen und so blieb man vorsichtig.

Die Zeit verstrich mit angespanntem Warten.

Schließlich wurde auf allen drei Leichten Kreuzern die Schiffskontrolle an den Waffenoffizier übergeben.

Wenig später erfolgte die Feuerfreigabe durch Commander Wong.

Hundertzwanzig Gauss-Geschütze der drei Space Army Corps Raumer spuckten Abertausende von Geschossen heraus, die auf halbe Lichtgeschwindigkeit beschleunigt wurden. Noch feuerten sie ins Nichts.

Nach und nach materialisierten mehrere, von einer kristallinen, fluoreszierenden Schicht überzogene Raumschiffe unterschiedlichster Bauart. Es waren umgerüstete Beuteschiffe der Fulirr darunter, aber auch Nachbauten und Weiterentwicklungen verschiedener Schiffstypen wie das Space Army Corps verwendete. Gemeinsam hatten sie alle, dass sie mit äußerst effektiven Strahlenwaffen ausgerüstet waren, deren Wirksamkeit die qriidischen Traser noch um einiges übertraf.

Am gefürchtetsten aber waren auf Seiten der Humanen Welten nach wie vor die Antimateriesprengköpfe der ehemaligen Fulirr-Schiffe.

Doch jetzt flogen die Etnord-Schiffe mit vierzig Prozent der Lichtgeschwindigkeit daher – der normalen Austrittsgeschwindigkeit eines Raumschiffs, das aus dem Sandström-Raum materialisierte.

Die ersten dieser Schiffe zerplatzten bereits und verwandelten sich in kleine Kunstsonnen. Die Gravitationsschirme, mit deren Hilfe sich die Etnord ansonsten sehr wirkungsvoll gegen den Beschuss mit Gauss-Projektilen zu schützen vermochten, konnten offensichtlich während des Sandström-Fluges nicht aktiviert werden. Die Etnord waren gezwungen, sie erst nach dem Austritt hochzufahren, was für viele dieser Einheiten zu spät war. Der Hagel aus Gauss-Geschossen durchlöcherte sie mit zehn  Zentimeter durchmessendenden Schusskanälen.

Die auseinanderplatzenden Wracks beschädigten nachfolgende Etnord-Einheiten zum Teil erheblich.

Auch die Jäger feuerten.

Nur wenigen Etnord-Schiffen gelang es, die Gravitationsschirme rechtzeitig hochzufahren.

Sie rasten förmlich an den drei Leichten Kreuzern vorbei. Zwar gaben sie einige Schüsse mit Strahlengeschützen ab, aber die Wahrscheinlichkeit, dabei etwas zu treffen war bei Geschwindigkeiten oberhalb von 0,35 LG nahezu bei Null.

Sie flogen zwar zunächst direkt in den Geschosshagel der Space Army Corps Schiffe hinein, aber die nun eingeschalteten Gravitationsschirme der Etnord-Raumer ließen diesen Hagelschauer an Gauss-Projektilen einfach abprallen.

Da war die Stunde der Jäger.

Sie hefteten sich an die Spur dieser Einheiten. Die Gravitationsschirme deckten maximal 270 Grad eines Etnord-Schiffs ab, da es ansonsten durch die G-Kräfte seiner eigenen Schirme förmlich zerquetscht worden wäre. Immer dann, wenn ein Etnord-Raumer aus verschiedenen Richtungen beschossen wurde, bestand also die Chance, dass ein Projektil durch den verwundbaren Bereich drang und für die Zerstörung des Schiffs sorgte. Nur in ganz seltenen Fällen, wenn das Gauss-Projektil in einem bestimmten Winkel auf den Schirm traf, konnte es diesen durchdringen. Auch dafür standen bei den Jägern die Chancen besser als bei den Geschützen der größeren Schiffe, da erstere ihre Position sehr genau justieren und vergleichsweise genau zielen konnten.

Dennoch schafften es mit der Zeit immer mehr Etnord-Schiffe, einfach durchzubrechen. Für die Jäger, die sich an die Fersen eines Etnord-Schiffs hefteten, bedeutete die hohe Geschwindigkeit des Gegners eine erhebliche Minderung der Durchschlagskraft für die eigenen Geschosse. Wenn die Etnord-Schiffe nicht gerade schon beim Eintritt so schwere Beschädigungen hatten hinnehmen müssen, dass sie möglichst gleich wieder 0,4 LG zu erreichen versuchten, um in den Zwischenraum zu flüchten, leiteten sie ein Bremsmanöver ein, die sie innerhalb der ersten Stunde nach dem Austritt auf unter 0,35 LG herunterbremsten. Trotzdem waren sie damit immer noch so schnell, dass die relative Auftreffgeschwindigkeit der von den Verfolgern abgeschossenen Projektile manchmal nur noch 0,1 LG betrug. Damit war den Gauss-Geschossen bis zu vier Fünftel Ihrer Durchschlagskraft genommen, was dazu führte, dass manche Treffer sogar von der Außenpanzerung aufgehalten wurden und nur Beulen hinterließen.

Die enorme Beschleunigungsfähigkeit der Mesonentriebwerke, mit denen die Jäger ausgestattet waren, änderte daran zumindest auf den ersten 400 000 Kilometern nur wenig.

Auf jene Etnord-Verbände, die nicht durch Verfolger zerstört werden konnten, warteten weitere Jäger-Staffeln, die zurückgezogen postiert waren.

Geschwader-Commodore Moss Triffler hatte sie weitläufig in der 1 AE-Zone rund um die Wurmloch-Porta verteilt. Für die abbremsenden Etnord-Schiffe waren sie auf Grund ihrer geringen Größe oft erst zu orten, wenn es bereits zu spät war. Bei abgeschaltetem Antrieb war es nahezu unmöglich für den Gegner, eine einzelne Maschine zu erkennen.

Und nach den Abschusszahlen schien das selbst für die hochentwickelte Sensortechnik der Etnord zu gelten, die in der Vergangenheit die technologischen Errungenschaften zahlloser Völker assimiliert und für ihre eigenen Zwecke weiterentwickelt hatten.

„Captain, wir erhalten einen Notruf der DARIUS aus Battlefield Sector 023, Abschnitt 3. Sie sendet auf allen Frequenzen“, meldete Lieutenant Nebbson.

„Lassen Sie sehen!“, verlangte Wong.

„Die Ortung registriert in der Gegend starke Detonationen und ein erhöhtes Strahlungsniveau.“

„Das klingt nicht gerade besonders ermutigend“, murmelte Lieutenant Commander Brian Mayer. Der Erste Offizier der NEPTUN, hatte sich die Ortungsdaten ebenfalls auf seine Konsole geholt.

Waffenoffizierin Celine Al-Malik sorgte unterdessen dafür, dass sich die NEPTUN drehte und die nächste Breitseite in Richtung der immer zahlreicher aus dem Zwischenraum hervortretenden Feindeinheiten ausgerichtet werden konnten.

Pemmo Nebbson sorgte mit ein paar Schaltungen dafür, dass sich die Bildanzeige des Panoramaschirms teilte. In einem Teilfenster war die Transmission von der DARIUS zu sehen.

„An alle Space Army Corps Einheiten! Hier spricht Lieutenant Commander Joskan Gunther, Erster Offizier der DARIUS. Wir haben schwere Treffer erlitten. Die Energieversorgung ist zusammengebrochen, das Notstromaggregat steht kurz vor dem Kollaps. Etwa die Hälfte der Mannschaft ist tot oder schwer verletzt...“ Eine Erschütterung durchlief das Schiff. Schlieren erschienen auf dem Bild. Pixelfehler fraßen sich durch den ins Stocken geratenen Videostream.

Dann brach die Übertragung ab.

„Captain, die DARIUS ist soeben explodiert“, meldete Lieutenant Derek Batista, der Ortungsoffizier der NEPTUN. „Außerdem nähern sich fünf Etnord-Einheiten aus dreißig Grad Backbord mit einer Geschwindigkeit von nur 0,15 LG.“

„Das müssen Einheiten sein, die in Battlefield Sector 023 durchgebrochen sind“, kommentierte Mayer.

„Jedenfalls wird es jetzt gefährlich für uns“, murmelte Wong.

3

An immer mehr Stellen materialisierten jetzt Etnord-Raumer. Hatte man die erste Angriffswelle an dem Abschnitt, in dem die NEPTUN eingesetzt war, noch einigermaßen abwehren können, so brachen jetzt an immer mehr Stellen die Fronten der Verteidiger zusammen. Die Zahl der feindlichen Schiffe war einfach zu groß.

Der Anteil jener Etnord-Schiffe, bei denen es sich um Fulirr-Beuteschiffe oder deren Nachbauten handelte, war gering. Und bislang hatte keines von ihnen Antimateriewaffen eingesetzt, was wohl daran lag, dass es in der gegenwärtigen Lage unvermeidlich gewesen wäre, damit auch Einheiten der eigenen Flotte in Mitleidenschaft zu ziehen.

Die Angriffstaktik der Etnord lief im Augenblick darauf hinaus, die Vorteile ihrer zahlenmäßigen Überlegenheit zu nutzen. Offenbar stellten ihre Raumwerften im Taralon-System und anderswo alles in den Schatten, was man sich auf den Humanen Welten oder sogar auf Qriidia in dieser Hinsicht vorstellen konnte.

Noch immer feuerten die drei Leichten Kreuzer und die sie begleitenden Jäger aus allen Rohren, aber angesichts der immer größeren Zahl von Raumschiff-Austritten aus dem Zwischenraum wurde es schließlich unmöglich, die Angriffswellen noch abzuwehren. Nur noch ein Bruchteil der eintreffenden Schiffe konnte vernichtet werden, bevor die Gravitationsschirme hochgefahren waren. Immer öfter brachen sie einfach durch und auch die Jäger reichten bei weitem nicht aus, um sie zu vernichten.

Es war nur eine Frage der Zeit, wann auch die weiter zurückgezogenen Space Army Corps Schiffe es nicht mehr schaffen konnten die Angreifer abzufangen.

„Ihre Taktik ist eindeutig“, stellte Mayer fest. „Sie zielen vor allem auf die LEVIATHAN ab.“

Wong nickte düster. „Die Etnord haben begriffen, dass der Carrier das wichtigste Element unserer Abwehr ist...“

4

Dutzende von Einheiten durchbrachen inzwischen im Nahbereich der NEPTUN die Abwehr der Space Army Corps-Schiffe.

Sie rasten einfach an den Leichten Kreuzern der Scout-Klasse vorbei.

Aber jetzt war inzwischen auch das halbe Dutzend langsamerer Etnord-Schiffe auf Schussweite herangekommen, das in einem benachbarten Sektor materialisiert war.

Strahlenfeuer sorgte für die ersten Treffer.

Die NEPTUN wurde von einer schweren Erschütterung erfasst.

„Schwere Strahlentreffer!“, meldete Mayer. „Plasma-Schirm hält aber stand und ist jetzt noch bei 78 Prozent seiner normalen Stabilität.“ 

Drei solcher Treffer können wir uns leisten, dann sieht es düster aus, dachte Wong.

Celine Al-Malik sorgte dafür, dass das Schiff und damit seine Geschütze neu ausgerichtet wurden.

Die anderen Leichten Kreuzer taten dasselbe.

Noch konnten die Etnord die größere Reichweite und Treffsicherheit ihrer Strahlengeschütze als taktischen Vorteil ausnutzen.

Und das taten sie.

Sie veränderten den Kurs und flogen einen Bogen Richtung Backbord, sodass sie seitlich an den Space Army Corps Schiffen vorbeizogen. Einige Jäger kamen ihnen jedoch gefährlich nahe. Zielgenau feuerten sie durch die Lücken der Gravitationsschirme, die zumeist nach vorne ausgerichtet waren, sodass für den Jäger freie Schussbahn bestand, wenn er einen Bogen flog und sich von hinten näherte. Die Gravitationsschirme des Gegners wirkten dabei auch noch als Schutz gegen das Feuer der eigenen Einheiten.

Zwei dieser langsamen Etnord-Schiffe wurden bereits nach kurzer Zeit von den Jägern vernichtet. Lieutenant Clay Schrader persönlich sorgte für einen der beiden Abschüsse.

Unter den Jägern waren die Verluste bislang noch erträglich. Von den 30 Einheiten aus Schraders Staffel waren noch 24 im Einsatz. Fünf waren zerstört worden, ein weiterer vermisst. Möglicherweise geisterte er manövrierunfähig durch das All, sodass der Pilot noch gerettet werden konnte, wenn es irgendwann einmal eine Kampfpause gab.

Aber danach sah es im Augenblick nicht aus.

Die verbliebenen Etnord-Schiffe näherten sich vorsichtig. Eines von ihnen änderte den Kurs und flog einen Frontalangriff auf die Phalanx der drei Leichten Kreuzer. Da sich im Moment keine Jäger in der Nähe befanden, konnte es sich auf den Schutz seiner nach vorn ausgerichteten Gravitationsschirme verlassen. Wie eine feuersprühende Wunderkerze schossen die grünlichen Energiestrahlen aus den Strahlgeschützen hervor. Die ALEXANDER bekam einen schweren Treffer, wenig später auch die die TAJ MAHAL.

„Die TAJ MAHAL meldet Zusammenbruch des Plasma-Schirms!“, rief Pemmo Nebbson.

Im nächsten Moment wurde auch die NEPTUN getroffen.

„Unser Plasma-Schirm hat noch eine Stabilität von 40 Prozent!“, stellte Batista fest.

Eine Interkom-Verbindung zum Captain wurde aktiviert. Das Gesicht von Lieutenant Edna Kwon, der Leitenden Ingenieurin der NEPTUN, erschien auf dem Display von Commander Wongs Konsole.

„Was gibt es, L.I.?“, fragte Wong gereizter, als es ansonsten auch in kritischen Situationen für ihn typisch war.

„Es ist zu Interferenzen durch den Strahlerbeschuss gekommen!“, meldete Lieutenant Kwon. „Die Sandström-Aggregate fallen für mindestens drei Stunden aus und die Ionentriebwerke haben maximal halbe Leistung.“

Wong ballte unwillkürlich die Hände zu Fäusten. Dass es für die nächsten drei Stunden keine Möglichkeit gab, den Sandström-Antrieb zu aktivieren, war nicht so schlimm. Schließlich brauchte die NEPTUN ohnehin mindestens acht Stunden, um die zum Eintritt in den Sandström-Raum notwendige Geschwindigkeit von 0,4 LG zu erreichen. Aber die reduzierte Leistung der Ionentriebwerke konnte für die Besatzung des Leichten Kreuzers lebensgefährlich werden. Schließlich bedeutete dies eine erhebliche Einschränkung der Manövrierfähigkeit und damit auch der taktischen Optionen.

„Wie schnell bekommen Sie das wieder hin, L.I.?“, fragte Wong.

„Es könnte ein paar Stunden dauern, bis wir auf mehr als 80 Prozent unseres Beschleunigungsvermögens kommen. Ich weiß noch nicht genau, wie schlimm es wirklich ist, aber wenn das Hauptsystem durch die Interferenz zum Absturz gebracht wurde, wird das eine haarige Sache.“

„Wie lange?“, beharrte Wong.

„Mindestens vier Stunden. Und dass ist schon optimistisch geschätzt.“

„Halten Sie mich auf dem Laufenden, L.I.“

„Ja, Captain.“

Die Interkom-Verbindung wurde unterbrochen.

„Ich schätze, wir haben vier schwere Stunden vor uns“, sagte Mayer.

Erneut durchlief die NEPTUN eine Erschütterung.

„Schirmstabilität bei 14 Prozent!“, meldete Batista.

Das heißt, der ist so gut wie weg, ging es Wong durch den Kopf.

„Notruf der TAJ MAHAL!“, rief Nebbson. „Schwerer Hüllenbruch. Plasma-Schirm auf 0 Prozent. Commander McKeith hat die Evakuierung des Schiffes befohlen.“

Augenblicke später versuchte Selma McKeith Kontakt aufzunehmen. Das Gesicht der frisch gebackenen Kommmandantin der TAJ MAHAL erschien für Sekunden auf einem der Nebenbildschirme. Die Züge der dunkelhaarigen Frau von Anfang dreißig waren eine Maske des Schreckens. Sie versuchte etwas zu sagen, aber der Audiostream war bereits abgerissen.

„Kontakt abgebrochen“, stellte Nebbson klar.

Die Außenhülle der TAJ MAHAL war von dem angreifenden Etnord-Schiff auf einer Länge von zwanzig Metern förmlich aufgeschweißt worden. Atemluft, Wasser, Kühlgase und Ausrüstungsteile wurden ins All geschleudert. Dazu auch mindestens zwei Dutzend Besatzungsmitglieder, die sich dem durch den plötzlichen Druckabfall entstehenden Sog nicht mehr hatten entziehen können. Ihre Körper erstarrten zu schockgefrorenen Eisstatuen.

Der menschliche Körper besteht zu siebzig Prozent aus Wasser, erinnerte sich Wong schaudernd.

Jetzt wurden weiterer Explosionen aus dem Inneren der TAJ MAHAL geortet.

Gleichzeitig hatten es zwei Jäger-Piloten geschafft, sich von hinten an das angreifende Schiff heranzumachen.

Es waren die Maschinen von Clay Schrader und Filip van Dekkers.

Der Dauerbeschuss mit Gauss-Projektilen zeigte sehr deutlich, wohin die Gravitationsschirme ausgerichtet waren.

Van Dekkers und Schrader näherten sich bis auf wenige hundert Meter dem Etnord-Schiff. Zielsicher schossen sie durch die Lücke. Die Projektile gingen glatt durch das Schiff  und zogen ihre gefürchteten Schusskanäle. An mehreren Stellen platzte die kristalline Außenschicht ab. Auf der gegenüberliegenden Seite, wo die Projektile wieder austraten, wurden sie durch den Gravitationsschirm eingefangen und abgelenkt. Manche trafen dann erneut – wenn auch mit reduzierter Energie auf die Außenhaut des Etnord-Raumers und dellten sie ein. Innerhalb weniger Augenblicke verwandelten sich sowohl das Etnord-Schiff, als auch die TAJ MAHAL in expandierende Feuerbälle. Ein Beiboot, das die Besatzung unter Commander Selma McKeith gerade ausgeschleust hatte, wurde von dieser Explosion eingeholt und verschlungen.

Unter normalen Umständen dürfte es nicht eine einzige Rettungskapsel geben, deren Insasse überlebt hat, überlegte Wong.

Die Meldungen seines Ortungsoffiziers bestätigten dies wenig später.

„Nebbson! Eine Verbindung zur ALEXANDER!“, befahl Wong.

„Kanal ist frei! Sie können sprechen!“

„Sofortiger Rückzug! Wir können unsere Position hier nicht halten.“

Lieutenant Commander David Kronstein, der Erste Offizier der ALEXANDER meldete sich.

„Wir haben verstanden. Rückzug ist für die ALEXANDER im Moment nicht möglich. Wir haben nach einem Treffer in den Maschinentrakt einen Systemabsturz des Ionentriebwerks vorliegen. O Prozent Beschleunigung.“

Und du beschwerst dich bei deinem L.I. über die 80 Prozent der NEPTUN, überlegte Wong.

„Bis wann werden Sie einen Start mit auf die Reihe bekommen?“, fragte Wong.

„Unser L.I. sagt in zwanzig Minuten frühestens“, erklärte Kronstein.

Wong atmete tief durch.

Zwanzig Minuten. Bis dahin gibt es die ALEXANDER nicht mehr.

5

50 000 Lichtjahre entfernt, an der Grenze zwischen den Humanen Welten und dem ehemaligen Nalhsara der Fulirr...

Bartiondo 2203 war ein interstellares Objekt, das die zehnfache Masse des Jupiters und etwa die fünfzehnfache Ausdehnung des Solaren Gasriesen hatte. Und dennoch war dieses Objekt ein kosmischer Winzling. Es war zu klein gewesen, um eine Sonne zu werden. In seinem Kern war es nie zu einer Fusion gekommen. Seine Masse reichte einfach dazu aus, den nötigen Druck zu erzeugen.

Allerdings strahlte Bartiondo 2203 Wärme ab, die von einem natürlichen Atomreaktor in seinem Inneren gespeist wurde. Enorme Mengen an spaltbarem Material brüteten im planetaren Kern vor sich hin. Die Zehntausende von Kilometern dicke, aus Schwefelverbindungen, Methan, Ammoniak und Wasserstoff bestehende Atmosphäre filterte über neunzig Prozent der radioaktiven Strahlung heraus. Nur ein winziger, aber deutlich messbarer Teil der Gammastrahlung, die im Inneren des vagabundierenden Planeten frei wurde, drang ins All.

Ein paar unregelmäßig geformte Trabanten umkreisten das Objekt. Insgesamt waren es etwa zwei Dutzend Himmelskörper unterschiedlichster Größe und Form, die den Vagabunden umkreisten. Begleiter, die sich Bartiondo 2203 wohl auf seiner langen Wanderschaft eingefangen hatte.

Ob er tatsächlich als fehlgeschlagener Versuch einer Sternengeburt betrachtet werden konnte oder man ihn besser als Riesenplanet verstand, der irgendwann einem der benachbarten Systeme entrissen worden war, würde sich vielleicht nie mit hundertprozentiger Sicherheit klären lassen.

„Austritt aus dem Sandström-Raum erfolgreich abgeschlossen“, stellte Fähnrich Lin Al-Katibi fest. Der junge Offiziersanwärter vertrat Lieutenant John Taranos, den etatmäßigen Rudergänger der STERNENKRIEGER II.

Captain Rena Sunfrost hatte soeben in ihrem Kommandantensessel Platz genommen.

Ihr Blick war auf den Panoramaschirm gerichtet, in dessen Zentrum sich ein braungelber Fleck befand.

Bartiondo 2203 – der Rendezvouspunkt. Sunfrost wandte sich an Lieutenant Wiley Riggs, den Ortungsoffizier. „Irgendwelche Besonderheiten, Mister Riggs?“

„Nein, Ma’am – abgesehen davon, dass ich fünf Zerstörer und mehrere Leichte Kreuzer mit den Signaturen des Space Army Corps orte.“

„Sonst nichts?“, fragte Sunfrost etwas erstaunt.

„Nein, Captain.“

Gott sei Dank, dann sind wir wenigstens nicht die letzten am Rendezvouspunkt, ging es Rena Sunfrost erleichtert durch den Kopf.

Bartiondo 2203 war zum Treffpunkt für eine Flottille auserkoren worden, deren Aufgabe es sein sollte, tief in die von den Etnord eroberten Gebiete des alten Fulirr-Reichs vorzudringen.

Der Anti-Etnord-Virus, den menschliche Wissenschaftler aus dem Seelenmoos der auf Ambrais VII beheimateten Nosronen gewonnen hatten, sollte auf den ehemaligen Welten des Nalhsara freigesetzt werden. Nach einer Virusaussetzung blieb den Etnord noch immer Zeit genug, die betreffende Welt zu verlassen. Aber wenn der – für andere Spezis vollkommen unschädliche – Virus sich nach und nach verbreitet hatte, konnte die betreffende Welt von den Etnord nicht mehr betreten werden. Ein Virus-Kontakt führte unweigerlich zur Trennung des Parasiten von seinem Wirtskörper, ohne den ein Etnord nur für kurze Zeit überlebensfähig war.

Rena Sunfrost war bei dem Gedanken an den Einsatz dieser Waffe nicht besonders wohl. Aber sie sah ein, dass es keine andere Möglichkeit gab, die Etnord in ihrem brutalen Expansionsdrang zu stoppen. Die Menschheit stand am Rand des Abgrunds, auch wenn die Etnord ihr zuletzt eine kurze Verschnaufpause gegönnt hatten. Die Verluste der anderen Seite waren zwar ebenfalls hoch, aber dem Gegner standen unbestreitbar die größeren Ressourcen zur Verfügung. Noch wusste niemand wirklich, wie groß das Einflussgebiet der Etnord in Trans-Alpha überhaupt war und ob es nicht anderswo in der Galaxis noch weitere Zonen gab, in denen sie ihre sogenannte Neue Ordnung etabliert hatten. Schließlich standen ihnen technische Hinterlassenschaften der Alten Götter zur Verfügung, jener hoch entwickelten Spezies, die vor Äonen weitere Gebiete der Galaxis besiedelt haben musste, bevor sie verschwand oder unterging.

„Wir bekommen ID-Signale und Grußbotschaften der bereits am Rendezvouspunkt befindlichen Space Army Corps Einheiten“, meldete Lieutenant Susan Jamalkerim, die Kommunikationsoffizierin der STERNENKRIEGER II.

„Antworteten Sie, Lieutenant.“

„Ja, Captain.“

„Mister Al-Katibi, leiten Sie das Bremsmanöver ein.“

„Bremsmanöver eingeleitet“, bestätigte der junge Fähnrich.

Sunfrost wandte sich an Lieutenant Commander Steven Van Doren, ihren Ersten Offizier. „Ich bin in meinem Raum und werde die Gelegenheit nutzen, Logbucheintragungen nachzuholen. Sie haben in der Zwischenzeit das Kommando, I.O.“

„Jawohl, Captain.“

„Sollte die STAR WARRIOR auftauchen, so möchte ich umgehend informiert werden. Ich würde Commodore Soldo nämlich gerne zu seiner Beförderung zum Admiral gratulieren.“

„Aye, aye, Ma’am.“

6

Geschwader Lieutenant Titus Naderw war der Pilot des einzigen Jägers, über den die STERNENKRIEGER verfügte. Im Moment hatte er eine Freischicht – ebenso wie Taktikoffizier Lieutenant Commander Robert Ukasi, der mit nachdenklichem Gesicht vor einem heißen Syntho-Drink saß.

Bruder Guillermo hantierte am Getränkeautomaten herum und kehrte mit einem braunen Gebräu zurück, das ebenfalls recht heiß zu sein schien. Jedenfalls dampfte es.

„Was trinken Sie denn da?“, fragte Titus Naderw.

„Es nennt sich Kaffee und wurde mir vom Captain empfohlen“, antwortete der Angehörige des Wissenschaftlerordens der Olvanorer. „Um ehrlich zu sein, probiere ich das Gebräu heute zum ersten Mal.“

„Ich kenne ehrlich niemanden außer Captain Sunfrost, der dieses antike Getränk mag“, sagte Ukasi. Er zuckte mit den breiten Schultern. „Es muss eben jeder selbst wissen, womit er sich vergiftet, nicht wahr Bruder Guillermo?“

„Sie haben es mal wieder auf den Punkt gebracht“, gab Guillermo zurück.

Naderw seufzte hörbar.

„Es ist schon eigenartig“, murmelte er und nippte nicht sonderlich interessiert an seinem eigenen Getränk.

„Wovon sprechen Sie?“, hakte Bruder Guillermo nach, was nichts anderes, als ein Gesprächsangebot war. Bruder Guillermo hatte  - wie alle Olvanorer – den Ruf, ein sehr guter Beobachter zu sein und Situationen schnell erfassen zu können. Für Guillermo war es vollkommen klar, dass Naderw irgendetwas auf den Nägeln brannte. „Es ist besser, Sie vertrauen sich mir jetzt an, als wenn wir uns erst im Gefechtseinsatz befinden und alles mehr oder weniger drunter und drüber geht!“

„Als Zweiter Offizier der STERNENKRIEGER möchte ich natürlich ganz energisch bestreiten, dass es an Bord dieses Schiffes irgendwann schon drunter und drüber hergegangen ist“, mischte sich Ukasi ein. „Zumindest muss das dann wohl zu einem anderen Zeitpunkt und an einem anderen Ort gewesen sein!“

Aber Bruder Guillermo wusste haargenau, wovon er sprach. „Sie können jederzeit unter vier Augen mit mir sprechen, Lieutenant.“

„Ich kann mir auch einen anderen Platz suchen“, sagte Ukasi.“ Robert Ukasi hob sein Glas, kippte dessen Inhalt hinunter und hatte sich bereits halb erhoben.

„Ich habe nichts dagegen, wenn Sie dabei bleiben, Lieutenant Commander Ukasi“, erklärte Titus Naderw im Brustton der Überzeugung. „Im Gegenteil, ich hoffe, dann auch Ihren Standpunkt zur Sache erfahren zu können.“

„Welche Sache?“, fragte Ukasi.

„Ich meine das Aussetzen des Virus auf den ehemaligen Fulirr-Welten“, gestand Titus Naderw.

„Sie werden sicher bemerkt haben, dass ich der Angelegenheit reserviert gegenüberstehe“, sagte Bruder Guillermo.

Naderw lächelte matt. „Das war unübersehbar.“ 

„Denken Sie etwa, dass sich die Humanen Welten aus irgendwelchen prinzipiellen ethischen Bedenken heraus von den Etnord erobern und in ihre sogenannte Neue Ordnung eingliedern lassen sollen?“, fragte Ukasi. „Das kann nicht Ihr Ernst sein, Bruder Guillermo.“

„Das ist auch nicht meine Position“, erklärte der Olvanorer ruhig.

„Ich denke schon, dass es gerechtfertigt ist, gegen die Etnord durch den Einsatz des Virus vorzugehen“, meinte Naderw. „Jedenfalls habe ich keine Lust, eines dieser Implantate eingesetzt zu bekommen und nur noch die Marionette eines Parasiten zu sein...“ 

„Davon würden Sie ohnehin nicht lange etwas bemerken, Mister Naderw“, mischte sich Ukasi erneut ein, den dieses Thema offenbar ebenfalls sehr zu beschäftigen schien. „Schließlich löst sich die Original-Persönlichkeit von jemandem, dem dein Etnord-Implantat eingesetzt wurde, doch innerhalb weniger Tage vollkommen auf.“

„Aber Biowaffen sind grundsätzlich etwa Scheußliches“, sagte Naderw. „Da sträubt sich bei mir alles und es wäre mir sehr viel lieber gewesen, wir hätten die Etnord im Kampf besiegen können.“

„Im Prinzip stimme ich Ihnen zu“, erwiderte der eigentlich gar nicht angesprochene Ukasi, „aber ich frage mich ob Ihre Skrupel in diesem Fall wirklich angemessen sind. Schließlich bekommen die Etnord die Möglichkeit, die von ihnen eroberten Welten rechtzeitig zu verlassen. Die Menschen von Taralon oder die Fulirr hatten diese Chance nicht! Also kann uns niemand einen Mangel an Humanität vorwerfen!“

„Danke, ich wollte eigentlich die Meinung von Bruder Guillermo erfahren – und nicht die offizielle Verlautbarung der Humanity First Bewegung!“ Titus Naderws Tonfall war jetzt schneidend geworden.

Ukasis Züge verhärteten sich. „Ich bin keineswegs ein Propagandist der Humanity First-Bewegung.“

„Für mich klang das so.“

„Ich finde lediglich einige Positionen, die diese Bewegung einnimmt, sehr bedenkenswert und glaube, dass die Menschheit in Zukunft sehr viel offensiver ihren Platz im Universum suchen und verteidigen muss.“

„Das sagen die Rassisten von Humanity First auch!“

„Ist Überlebenswille für Sie schon Rassismus, Mister Naderw?“ Er atmete tief durch und wandte sich an Bruder Guillermo. „Entschuldigen Sie, aber ich glaube Ihre Meinung war gefragt – nicht meine.“

„Es gibt Situationen, in denen man seinen ethischen Grundsätzen nicht treu bleiben kann, ganz gleich, wie man sich auch entscheidet“, sagte Bruder Guillermo.

Ukasi runzelte die Stirn. Weicht er jetzt aus?, fragte er sich. Ausgerechnet er – ein Olvanorer?

Einige Augenblicke lang sagte niemand in Wort, dann fuhr Bruder Guillermo fort: „Den Einsatz des Anti-Etnord-Virus halte ich so, wie er geplant ist, für vertretbar. Ich sage das nicht gerne, aber wir haben wahrscheinlich keine andere Wahl...“

„Und doch sind Sie seinerzeit nicht auf Ambrais VII geblieben, als Professor Reilly und Professor Rollins die biochemische Wechselwirkung des Seelenmooses erforschten, um auf dieser Grundlage einen Virus zu entwickeln.“

„Sich selbst an etwas zu beteiligen ist meiner Ansicht nach noch etwas ganz anderes, als wenn man etwas nur geschehen lässt, ohne laut zu protestieren.“

„Olvanorische Haarspalterei“, sagte Ukasi.

In diesem Moment summte der Kommunikator am Handgelenk des Taktikoffiziers.

Auf dem kleinen Display erschien das Gesicht von Rena Sunfrost.

„Hier spricht der Captain.“

„Ma’am?“

„Es ist erforderlich, dass Sie sich möglichst schnell auf die Brücke begeben, um das Kommando zu übernehmen. Soldo ist soeben mit dem Flaggschiff des Verbandes eingetroffen und ich werde mich mit dem I.O. zu einer Besprechung an Bord der STAR WARRIOR begeben.“

„Ich bin gleich bei Ihnen, Ma’am.“

Die Verbindung wurde unterbrochen. „Vielleicht können wir die Unterhaltung über olvanorische Haarspalterei irgendwann einmal fortsetzen“, sagte Bruder Guillermo.

„Nichts dagegen einzuwenden!“

Ukasi erhob sich, warf seinen Becher in einen Müllschlucker und verließ den Raum.

Auch Naderws Armbandkommunikator summte. Es war Simon E. Erixon, der Leitende Ingenieur der STERNENKRIEGER, der auf dem Display zu sehen war. Die Facettenaugen ließen den für den Einsatz auf Methanplaneten optimierten Genetic wie einen Außerirdischen erscheinen.

„Naderw? Ich möchte gerne mit Ihnen den Einsatz der verbesserten Virusgranaten besprechen. Treffen wir uns im Kontrollraum C?“

„In Ordnung. Wann?“

„Möglichst bald, da ich vor unserem Kampfeinsatz gerne noch eine Alpha-Kontrolle des Mesonentriebwerks durchführen würde.“

„Ich bin gleich bei Ihnen“, versprach Naderw.

7

Nach und nach trafen auch die anderen an diesen Einsatz beteiligten Einheiten am Rendezvouspunkt Bartiondo 2203 ein. Da war zunächst einmal die STAR WARRIOR, der neue Carrier des Space Army Corps. Commodore Thorbjörn Soldo war zum Admiral befördert und hatte das Kommando übernommen. Beinahe gleichzeitig waren drei ebenfalls gerade fertig gestellte Schwesterschiffe der STERNENKRIEGER materialisiert: Die SONNENWIND unter Captain Chip Barus, die AMSTERDAM unter Captain Abdul Rajiv und die MARIA STUART unter Captain Brabak Gossan. Sie alle waren erfahrene Space Army Corps Kommandanten, die zuvor – ebenso wie Sunfrost – Leichte Kreuzer der Scout-Klasse kommandiert hatten.

Die Schiffe leiteten Bremsmanöver ein, um innerhalb der nächsten Stunden ihre Kurse zu synchronisieren.

Ein Überwechseln mit der Fähre von einem Schiff zum anderen war danach problemlos möglich.

Soldo hatte die Kommandanten und die Ersten Offiziere der vier Sondereinsatzkreuzer auf die STAR WARRIOR geladen. Zeit genug war für ein derartiges Manöver. Die noch fehlenden Einheiten brauchten schließlich noch mindestens 24 Stunden bis zum Rendezvouspunkt.

Pilot Yakuf Bogdan brachte Rena Sunfrost und Steven Van Doren sicher zur STAR WARRIOR hinüber, die inzwischen mit annähernd gleicher Geschwindigkeit und parallelem Kurs daherflog.

„Haben Sie zufällig eine Ahnung, warum uns Soldo auf sein Schiff holt, Captain?“, fragte Van Doren.

„Ich nehme an, er möchte mit jemandem auf seine Beförderung anstoßen“, antwortete Sunfrost. „Oder es hat etwas mit unserer Mission zu tun.“

„Etwas, dass man nicht per Videokonferenz klären könnte?“

„Warten wir es einfach ab, I.O.“

8

Nachdem die STERNENKRIEGER im Hangar der STAR WARRIOR sicher gelandet war, holte eine Adjutantin des Admirals Sunfrost und Van Doren ab. Sie hatte dunkles, gelocktes Haar, war sehr zierlich und hatte eine sehr hohe Stimme.

„Lieutenant Commander Buendía“, stellte sie sich vor. „Meine Aufgabe ist es, sie zum Admiral zu bringen.“

„Dann folgen wir Ihnen am besten“, erwiderte Sunfrost.

Die y-förmige, 1500 m lange Star Warrior war ein Gigant der neuen Carrier-Klasse. Vom äußeren Design her ähnelte sie den  Sondereinsatzkreuzern. Eine Stadt im Weltraum, dachte Sunfrost beeindruckt. Die Hangars waren groß genug, um notfalls selbst ein Schiff wie die STERNENKRIEGER aufnehmen zu können.

Gegenüber der LEVIATHAN, dem ersten Carrier des Space Army Corps, hatte man noch ein paar Verbesserungen eingeführt. So hatten in den Hangars, durch ein Platz sparendes Innen-Design nicht nur 300, sondern 350 Jäger Platz. Außerdem war eine Truppe von 400 Marines samt Landefähren und Antigravpanzer an Bord stationiert. Die Zahl der Antigravpanzer hatte man dabei stark reduziert, um noch ein par Jäger zusätzlich unterbringen zu können. Außerdem brauchte man Platz für Ersatzteile. Neben den Piloten selbst waren die Reparaturcrews an Bord der STAR WARRIOR in den nächsten Tagen und Wochen vermutlich die meistbeschäftigsten Mannschaftsteile, während die Waffenoffiziere der zwanzig ausfahrbaren und 380 Grad schwenkbaren Gauss-Geschütze nur dann zum Einsatz kamen, wenn etwas Entscheidendes schief gelaufen war und der Feind es schaffte, bis zu dem Riesen durchzubrechen. Normalerweise verhinderten dies die unter dem Kommando von Geschwader Commodore Ishi Tensold stehenden Jägerstaffeln. Solange sie in genügender Zahl im Naheinsatz um den Carrier waren, verbot sich sogar der Einsatz der Geschütze. Schließlich war es nicht Sinn der Sache, die eigenen Jäger zu eliminieren.

Lieutenant Commander Buendía brachte Van Doren und Sunfrost schließlich in die Offiziersmesse der STAR WARRIOR.

Unterwegs erfuhr Sunfrost, dass die Kommandanten der anderen Sondereinsatzkreuzer bereits an Bord waren. Die STAR WARRIOR war dermaßen groß, dass man von der STERNENKRIEGER noch nicht einmal die Ankunft der Fähren hatte orten können, denn die hatten sich während ihres gesamten Fluges vom jeweiligen Mutterschiff zum Carrier im Peilungsschatten des Giganten befunden.

Sunfrost wunderte sich trotzdem nicht darüber, dass sie und Van Doren die Letzten waren. Schließlich waren die drei Schwesterschiffe der STERNENKRIEGER II zusammen mit dem Carrier STAR WARRIOR aus dem Sandström-Raum gekommen und hatten es daher leichter gehabt, Kurs und Geschwindigkeit miteinander zu synchronisieren.

Der blonde, breit gebaute und durch seine blonden Haare an einen Wikinger erinnernde Thorbjörn Soldo wartete bereits zusammen den anderen Kommandanten und ihren Ersten Offizieren in der Messe.

Sunfrost und Van Doren nahmen Haltung an.

„Rühren und setzen“, befahl Soldo.

„Ich darf Ihnen zu Ihrer Ernennung zum Admiral gratulieren, Sir“, sagte Sunfrost.

„Danke, Captain.“

Wenn es einer verdient hat, in diesen Rang aufzusteigen, dann zweifellos er, dachte sie. Und politische Protektion war in seinem Fall ganz sicher nicht der Pate des Aufstiegs.

Sunfrost und Deyk begrüßten auch die anderen und setzten sich an den Konferenztisch.

„Es fehlt in unserer Runde nur noch Commodore Damian Duvalier, mein ehemaliger Erster Offizier und jetziger Nachfolger als Kommandant der Dreadnought LIBERTY. Aber die LIBERTY wird erst später hier eintreffen. Außerdem warten wir noch auf eine Kampfflottille der Qriid und die Reste der Fulirr-Flotte.“

„Was ist mit den Genetics?“, fragte Brabak Gossan. „Schließlich haben sie den Virus entwickelt!“ Dem frisch gebackenen Captain der MARIA STUART sagte man besonders gute Beziehungen zu Admiral Raimondo nach, seitdem beide sich während des ersten Qriid-Krieges als einzige Überlebende des havarierten Zerstörers MERRITT auf einer unwirtlichen Welt hatten durchschlagen müssen.

Soldo lächelte schief und strich sich über den frisch gestutzten Bart.

„Angeblich reichen die derzeit verfügbaren Raumstreitkräfte der Genetiker-Föderation nur für die Übernahme defensiver Aufgaben.“

„Klingt meinen Geschmack nach wie vorgeschoben“, äußerte sich Chip Barus, der Captain des Sondereinsatzkreuzers SONNENWIND.

„Ich nehme an, die wollen ihre Kräfte schonen“, glaubte Captain Abdul Rajiv von der AMSTERDAM, der bis vor wenigen Tagen noch Kommandant des Leichten Kreuzers TAJ MAHAL gewesen war.

„Vielleicht denken sie, dass durch die Entwicklung des Virus bereits ihren Bündnisbeitrag geleistet haben und nicht auch Schiffe und Besatzungen zu riskieren brauchen“, warf Sunfrost ein.

„Nun, es scheint in der Tat ein paar diplomatische Differenzen mit den Genetics zu geben, um es vorsichtig auszudrücken“, gestand Soldo.

„Nicht gerade ein günstiger Augenblick, um sie auszutragen“, fand Sunfrost. „Oder glaubt man auf Genet, dass der Konflikt mit den Etnord allein durch die Existenz des Virus bereits entschieden ist?“

„Da fragen Sie mich zuviel, Captain Sunfrost“, erwiderte Soldo und fügte noch ironisch hinzu: „Wahrscheinlich ist ohnehin niemand von uns in der Lage, die hochkomplexen Gedankengänge eines genoptimierten Gehirns mit seinem Affenschädel auch nur ansatzweise nachzuvollziehen.“

Verhaltenes Gelächter folgte.

Soldo aktivierte die Bildfläche auf dem Konferenztisch, der sich auf Knopfdruck in ein riesiges, scheinbar dreidimensionales Display verwandelte. Eine Sternenkarte erschien. Sie zeigte das Grenzgebiet der Humanen Welten, den Picus-Sektor und Wurmloch Alpha. Dazu fast das gesamte von den Etnord eroberte Gebiet der Fulirr einschließlich von Wurmloch Beta. „Unsere K’aradan-Verbündeten sammeln sich derzeit an mehreren Punkten an der Grenze. Wir werden mit den verbündeten Fulirr und Qriid als Erstes das Samtran-System angreifen und dort den Virus aussetzen. Die verbesserten Virusgranaten müssten sich an Bord Ihrer Schiffe befinden. Der Virus selbst trägt jetzt die Bezeichnung EV-1 und wurde ebenfalls seit den ersten Tests noch einmal optimiert, sodass eine schnellere Verbreitung gewährleistet ist.“

„Was geschieht, sobald das Samtran-System erobert wurde?“, fragte Rena Sunfrost.

Admiral Soldo lächelte. „Wenigstens ein Kommandant meiner Flottille ist optimistisch!“

Die anderen Anwesenden schmunzelten. Die allgemeine Anspannung war trotz aller Lockerheit, die vor allem Soldo zu verbreiten versuchte, deutlich spürbar. Und in Wahrheit war Rena Sunfrost keineswegs so sehr von einem Gelingen des Unternehmens überzeugt, wie Soldo es herausgestellt hatte.

„Zunächst einmal wird nicht leicht werden, zu den von Etnord besetzten Planeten durchzudringen. Deren Abwehr wird alles dazu tun, uns daran zu hindern. Darüber hinaus sind sie uns zahlenmäßig überlegen. Wir haben ohnehin nur dann eine Chance, uns im Ex-Nalhsara festzusetzen, wenn gleichzeitig die K’aradan an verschiedenen Stellen die Grenze zwischen ihrem Gebiet und dem ehemaligen Territorium der Fulirr überschreiten. Ihre Einheiten sind ebenfalls mit dem Virus ausgerüstet und werden dafür sorgen, dass die Etnord nicht ein einiges Kampfraumschiff von der K’aradan-Grenze abziehen können.“

„Die Etnord haben die Möglichkeit über Wurmloch Beta unbegrenzt Nachschub aus Trans-Alpha in unseren Teil der Galaxis zu  bringen“, gab Van Doren zu bedenken.

Soldo nickte.

„Das werden wir nicht verhindern können. Im Übrigen bekam ich vor wenigen Augenblicken die Nachricht, dass starke Etnord-Verbände gerade versuchen, den Brückenkopf jenseits von Wurmloch Alpha zu erobern, sodass auch von der Seite mit einer Angriffswelle zu rechnen ist.“

„Ist es da nicht sehr riskant, angesichts dieser Lage einen Gegenangriff zu starten?“, fragte Captain Barus.

„Sie haben vollkommen Recht, Captain Barus. Wer immer so etwas in einem Strategieseminar an der Space Army Corps Akademie vorschlagen würde, erntet wahrscheinlich selbst bei Erstsemestern schallendes Gelächter. Unglücklicherweise funktioniert die Wirklichkeit nicht so glatt wie irgendeine geschönte Simulation auf Ganymed, wenn Sie verstehen, was ich meine. Wir haben leider keine andere Wahl und können nur hoffen, dass der Brückenkopf gehalten werden kann, bis wir unsere strategischen Ziele erreicht haben. Die Ausbringung des EV-1 im Samtran-System ist der erste Schritt. Die Etnord werden klug genug sein, sich zurückzuziehen, sobald sie erkannt haben, dass sie die Samtran-Planeten für die nächsten zehntausend Jahre nicht mehr betreten können, es sei denn, es macht ihnen nichts aus, dass sich nach ein paar Stunden der Wirt vom Parasiten trennt.“

Seine Argumentation ist einleuchtend, dachte Rena Sunfrost, während sie gespannt die Ausführungen des Admirals verfolgte. Aber der Plan ist nicht von ihm. Er trägt eindeutig die Handschrift von Admiral Raimondo.

Obwohl Raimondo sich eigentlich seit geraumer Zeit aus der operativen Praxis des Space Army Corps zu Gunsten seiner politischen Ambitionen zurückgezogen hatte, griff er doch von Zeit zu Zeit in die konkreten Planungen der Stäbe ein. Eigentlich hatte er dort weder Sitz noch Stimme, aber ein Netzwerk von gut ausgebauten Kontakten sorgte dafür, dass er nach wie vor erheblichen Einfluss genoss. Raimondo ist immer eine Größe, mit der man rechnen muss, ging es ihr durch den Kopf. Eine graue Eminenz, die aus dem Hintergrund ihre Fäden zieht!

Soldo atmete tief durch. Nacheinander musterte er die Anwesenden.

Auch Rena.

Es war ein prüfender Blick, den Sunfrost nicht so recht zu interpretieren wusste.

Er hat uns noch etwas Wesentliches verschwiegen, erkannte sie schließlich.

„Der heikelste Teil der Operation beginnt erst, wenn wir das Samtran-System erobert haben“, erklärte Soldo. Er markierte einen Bereich im Zentralbereich des ehemaligen Nalhsaras. „Hier sehen Sie das Nabman-System.“

Das ehemalige Zentrum des Fulirr-Reichs, schoss es Rena durch den Kopf. Die STERNENKRIEGER war bei dem verzweifelten Abwehrkampf der Sauroiden dabei gewesen. Die Etnord hatten die Fulirr mit ihren Agenten bereits an entscheidenden Positionen unterwandert, als sie dem Reich der Sauroiden den Todesstoß versetzten.

Dazu hatte es nicht einmal mehr einer großen Anstrengung bedurft. Eine beispiellose Fluchtbewegung war danach unter den Fulirr ausgelöst worden.

„Wir werden mit den vier Sondereinsatzkreuzern sowie dem Carrier STAR WARRIOR und dem Dreadnought LIBERTY in die Höhle des Löwen fliegen und Nabman zurückerobern. Die Fulirr-Einheiten werden uns natürlich begleiten.“

„Und was ist mit den restlichen Schiffen unseres Verbandes?“, fragte Sunfrost. Ahnst du die Antwort nicht, Rena? Sie ist doch so offensichtlich...

„Der Rest unserer Flottille wird im Samtran-System bleiben und die Grenze sichern. Das Oberkommando geht davon, dass die Jäger der STAR WARRIOR sowie die vier Sondereinsatzkreuzer sich lange genug im Nabman-System halten können, um schließlich durchzubrechen und den Virus auf den Hauptplaneten des ehemalige Fulirr-Reichs zu verbreiten. Wenn uns das gelingt, müssen sich die Etnord wohl oder übel von dort zurückziehen.“

„Politische Rücksichtnahme auf unsere Fulirr-Verbündeten spielen da nicht etwa eine entscheidende Rolle bei der Festlegung dieser waghalsigen Strategie?“, fragte Captain Chip Barus.

„Dazu kann und werde ich Ihnen keinen Kommentar liefern, Mister Barus.“

„Das sagt mehr als ein ganzer Vortrag“, gab Barus zurück.

„Bedenken Sie, dass wir die Fulirr als Verbündete halten müssen. Ich habe gehört, dass sie um ein Haar daran gehindert wurden, einem der übereilten direktdemokratischen Beschlüsse auch in die Tat umzusetzen und einfach in den von den Etnord eroberten Raum vorzudringen.“

„Es macht schon einen Sinn, zunächst nur einen Vorstoß mit den Sondereinsatzkreuzern und einem Carrier durchzuführen“, fand Sunfrost schließlich.

„Das Dreadnought-Schlachtschiff hat lediglich die Funktion, für einen besseren Schutz des Carriers zu sorgen“, erläuterte Thorbjörn Soldo. „Schließlich hat so ein Carrier keinen Mesonenantrieb wie die Sondereinsatzkreuzer und braucht daher mindestens doppelt so lange, um in den Sandström-Raum eintauchen zu können.“

„An der Vorgehensweise ist im Prinzip nichts auszusetzen“, fand Captain Rajiv. „Nur die Auswahl des Ziels...“ Er schüttelte den Kopf. „Ich wäre lieber systematisch vorgegangen. Das hätte es vor allem leichter gemacht, das eroberte Territorium auch zu halten.“

„Eine Rückeroberung des Systems brauchen wir auf Grund des Virus nicht zu fürchten“, gab Captain Gossan zu bedenken.

„Das würde ich nicht unbedingt sagen“, konterte Rajiv. „Die Tatsache, dass die infizierten Welten für die Etnord langfristig nicht mehr besiedelbar sind, heißt ja nicht, dass sie uns deshalb nicht mehr mit Hilfe ihrer Flotte das Leben schwer machen könnten!“

„Machen wir einfach das Beste aus der Lage“, schlug Soldo vor.

Rena Sunfrost war überzeugt davon, dass Soldo hinter den Kulissen alles getan hatte, um die gegenwärtige Entwicklung zu stoppen.

„Bevor wir zum gemütlichen Teil dieser Sitzung übergehen und ich mit Ihnen auf meinen Kommandoantritt auf der STAR WARRIOR anstoßen möchte, weise ich Sie ausdrücklich darauf hin, dass alles, was ich Ihnen soeben eröffnet habe, strengster Geheimhaltung unterliegt. Darum habe ich auch nicht den Funkweg benutzt. Wir haben schließlich keinerlei Ahnung, wie fortgeschritten die Etnord auf dem Gebiet der Kommunikationstechnologie sind. Unser Geheimdienst glaubt jedenfalls fest daran, dass sie unsere Kommunikationssignale  durchgängig decodieren können und ihre Schlüsse daraus ziehen.“

Es gab niemanden im Raum, der dafür kein Verständnis gehabt hätte.

9

In den nächsten Stunden trafen die LIBERTY unter ihrem neuen Kommandanten Damian Duvalier sowie eine Flottille unter dem Qriid-Kommandanten Gor-Gan ein.

Sunfrost kehrte zusammen mit Van Doren auf die STERNENKRIEGER zurück.

Da Kommando überließ sie Ukasi. Für Van Doren gab es jetzt zahlreiche Kontrollaufgaben. Er musste dafür Sorge tragen, dass alles reibungslos ablief, wenn die STERNENKRIEGER ins Gefecht zog. Und das konnte allenfalls noch einen Erdtag dauern.

Sunfrost zog sich in ihren Raum zurück. Das Büro des Captains der STERNENKRIEGER war winzig. Nur der Umstand, dass der Konferenzraum für die Offiziere direkt daran angrenzte, machte ihn einigermaßen erträglich. Sunfrost rief Nirat-Son, den qriidischen Austauschoffizier, der an Bord der STERNENKRIEGER Dienst tat, zu sich.

Wenig später meldete er sich vom Besprechungszimmer.

„Captain, Sie haben mich rufen lassen.“

„Die Flottille von Gor-Gan wurde zu unserer Unterstützung hier her beordert. Mehrere Schiffe treten gerade aus dem Sandström-Raum“, eröffnete Sunfrost. „Was können Sie mir über Gor-Gan sagen? Mir war dieser Name bisher unbekannt.“

„Das ist kein Wunder“, erklärte Nirat-Son mit krächzender Stimme. Er schabte mit den Schnabelhälften dabei gegeneinander. Es schien ihm unangenehm zu sein, darüber befragt zu werden, aber Sunfrost war entschlossen darauf keine Rücksicht zu nehmen.

„Was meinen Sie damit?“, hakte Sunfrost nach, als von ihrem Gesprächspartner keine Antwort mehr kam.

„Gor-Gan ist ein Ra-Prasa Tanjaj“, erklärte Nirat-Son. „Das bedeutet, er hat außer der Ausbildung zum Gotteskrieger auch einen priesterlichen Lehrgang hinter sich gebracht. Vor der Wende durch den Prediger Ron-Nertas hatten die Ra-Prasa keine Chance, wirklich nach oben zu kommen. Sie galten zwar als willensstark, intelligent und besonders fanatisch. Aber so lange die Tanjaj und die Priesterschaft miteinander konkurrieren, bekam er keine Chance!“ 

„Aber nach dem Ende des Krieges hat sich das geändert?“

„Es gibt Leute, die sehen in ihm den kommenden Tanjaj-Mar. Aber um seine langfristigen Chancen auf den Posten des Oberbefehlshabers der Glaubenskrieger einschätzen zu können, bin ich ehrlich gesagt schon zu lange unter Menschen und habe zu wenig von der qriidischen Innenpolitik der vergangenen Monate mitbekommen.“

„Ich danke Ihnen trotzdem für Ihre Auskunft, Nirat-Son.“

Nirat-Son wandte sich zunächst zum gehen, doch dann blieb er kurz vor der Tür stehen.

Mit einer für ihn typischen, ruckartigen Bewegung drehte er sich wieder um. Seine nach hinten geknickten Beine waren jetzt vollkommen durchgedrückt und gerade.

Rena Sunfrost fiel das auf. Möglicherweise ist das seine Art, militärische Haltung und Respekt zu zeigen, dachte sie.

„Darf ich Ihnen eine Frage stellen, Captain?“

„Natürlich, Nirat-Son!“

„Ist die Tatsache, dass Sie sich nach der Person Gor-Gans erkundigt haben, auf ein besonderes Maß an Misstrauen gegenüber uns Qriid im Allgemeinen zurückzuführen oder was hat Sie sonst dazu veranlasst?“

„Ich weiß immer ganz gerne, mit wem, ich es zu tun habe – vor allem wenn ich in ein Gefecht ziehe. Das hat nichts damit zu tun, dass Gor-Gan Kommandant der qriidischen Flottille ist, die zu uns abkommandiert wurde.“

„Für die Person des Fulirr-Kommandanten haben Sie sich anscheinend weniger interessiert – und das, obwohl die Zeit der Konfrontation zwischen Menschen und Fulirr doch erst vor kurzem beendet wurde.“

„Die Namen an der Spitze der Fulirr-Flotte wechseln sehr schnell wie Sie wissen.“

„Ja, das ist dem unseligen Konzept der Direktdemokratie auf allen Ebenen geschuldet.“

„Also werde ich warten, bis ich sicher weiß, mit wem ich es bei den Fulirr zu tun habe“, erwiderte Sunfrost. „Davon abgesehen wären Sie wohl auch kaum der richtige Gesprächspartner, um mir etwas darüber sagen zu können.“

Der Qriid verschob die Schnabelhälften gegeneinander. Ein knirschendes Geräusch entstand dabei. Es gibt Dinge, an die ich mich bei aller Toleranz einfach nur schwer gewöhnen kann, dachte Sunfrost. Laut sagte Sie: „Ich habe das Gefühl,  dass meine Antworten nicht zur Klärung Ihrer Fragen beigetragen haben.“

„Das ist in der Tat so“, bestätigte Nirat-Son. „Es erscheint mir geradezu unnatürlich, dass Sie meinem Volk gegenüber kein allgemeines Misstrauen empfinden wollen.“

„Mein Misstrauen gilt in erster Linie einzelnen Individuen – niemals einer gesamten Spezies.“

„Ich gebe offen zu, dass dies bei mir anders ist.“

„So?“

„Ich misstraue allen, die nicht dieselbe Verwurzelung im Glauben kennen wie ich. Und eigentlich erwarte ich umgekehrt von Ihrer Seite auch nichts anders. Das wäre mir zumindest verständlich. In Ihrer Kultur gibt es Werte wie Toleranz und Freiheit von Vorurteilen. Ich hielt diese Werte zuerst für schwach.“

„Jetzt nicht mehr?“

„Vielleicht sind sie so stark, dass manche Menschen bereit sind, sich selbst zu belügen, um ihnen zu genügen.“

„Sie meinen, ich gestehe mir selbst nur nicht zu, den Qriid zu misstrauen oder sie insgeheim sogar zu hassen?“

„Ist das undenkbar?“

Sunfrost schüttelte den Kopf. „Nein. Aber vielleicht verhält es sich auch ganz anders und Sie suchen einen Grund, Ihre eigenen Vorurteile gegen Menschen weiter zu pflegen, was Ihnen natürlich viel leichter fällt, wenn Sie davon ausgehen können, dass wir Ihnen ebenfalls nur mit Misstrauen begegnen.“

„Sie sollten eins nie vergessen, Captain Sunfrost: Die Idee des Heiligen Krieges ist ein integraler Bestandteil unserer Religion. Ein Element, das im Moment vielleicht durch die Lehren des Predigers Ron-Nertas in den Hintergrund gedrängt wurde. Aber irgendwann wird dieses Element wieder an die Oberfläche kommen, da bin ich mir ganz sicher. Wenn ich ein Gottloser wäre wie Sie – dann würde ich keinem Qriid trauen.“

10

Innerhalb der nächsten 24 Stunden versammelte sich die gesamte, für den Einsatz im ehemaligen Nalhsara vorgesehene Flotte am Rendezvouspunkt.

Es gab eine weitere Flotte, die fast ausschließlich aus Space Army Corps Schiffen und einigen wenigen Einheiten aus der zerschlagenen Fulirr-Flotte bestand, die vom Gebiet des Ontiden-Reichs aus in den von den Etnord besetzten Raum eindringen würde. Dieser Verband wurde von dem Dreadnought-Schlachtschiff NELSON unter dem Kommando von Commodore Noel Sakur angeführt.

Nun wartete alles auf den codierten Befehl des Space Army Corps Oberkommandos. Dessen Stab befand sich auf dem Dreadnought STARHAWK, die sich derzeit bei Alpha Picus befand. Stabschef Admiral Mark Akato wartete seinerseits darauf, dass von den K’aradan-Verbündeten endlich das Signal kam, dass deren Verbände an der Grenze zwischen dem Ex-Nalhsara und ihrem eigenen Reich zum Angriff bereitstanden.

Auch die K’aradan waren mit dem Anti-Etnord-Virus ausgerüstet.

Allgemein nahm man an, dass die K’aradan versuchen würden, einen Großteil des Ex-Nalhsara in ihr ohnehin schon riesiges, eine Raumkugel von gut tausend Lichtjahren durchmessendes Sternenreich zu integrieren. Schließlich war das gesamte jetzt umkämpfte Gebiet vor langer Zeit schon einmal Teil ihres Reiches gewesen.

Zwar gefiel der Gedanke an die mittlerweile recht unverhohlenen und gar nicht mehr diplomatisch verbrämten Eroberungsgelüste der Verbündeten niemandem in der politischen und militärischen Führung der Humanen Welten. Andererseits war aber auch allen Beteiligten klar, dass es unmöglich sein würde, die Etnord zu besiegen, ohne auf die zahlenmäßig gigantischen Ressourcen der K’aradan-Flotte zurückgreifen zu können. Selbst die Tatsache, dass mit dem Virus jetzt ein sehr wirksame Biowaffe zur Verfügung stand, änderte an diesem Umstand nichts, denn dieser Virus musste zu jeder einzelnen umkämpften Welt hingebracht und dort ausgesetzt werden, wenn man diesen Sektor der Galaxis für die Etnord unbewohnbar machen wollte.

Der Aufbau der K’aradan-Front war seit Wochen im Gange. Aber auf Grund des gewaltigen Territoriums, das ihr Reich umfasste, mussten viele Einheiten erst über Hunderte von Lichtjahren herangeschafft und an der Grenze zum Ex-Nalhsara konzentriert werden.

Endlich kam das Signal zum Aufbruch.

Es kam früher als erwartet und bevor alle für den Einsatz eingeplanten Space Army Corps Einheiten eingetroffen waren.

Admiral Soldo war in seiner Konferenzansprache an alle beteiligten Schiffe in diesem Punkt sehr deutlich. „Wir sind leider gezwungen, auf einige fest eingeplante Flotteneinheiten zu verzichten, da sie dringend bei der Verteidigung von Wurmloch Alpha gebraucht werden. Der Brückenkopf in Trans-Alpha steht unter starkem Druck.“

11

Samtran VII war einst ein lokales Verwaltungszentrum der Fulirr gewesen, bevor das System schließlich zur letzten Rückzugsbasis des Nalhsara wurde.

Die Etnord hatten Samtran VII durch gezielt eingesetzte Sprengsätze zerstört. Die geologisch sehr aktive Feuerwelt war vollkommen aufgeschmolzen worden. Jetzt schwebte eine Wolke aus heißer Materie um seine Sonne. Ein Proto-Planet, dessen Masse sich früher oder später wieder zu einer festen Kugelform zusammenfinden würde.

Allerdings dauerte das wohl noch ein paar Millionen Jahre.

Weitere Zeitalter würden vergehen, ehe die neu geformte Welt so weit erkaltet war, dass sie wieder eine einigermaßen feste Oberfläche besaß.

Die anderen Planeten des Samtran-Systems – darunter die Sauerstoffwelten II und III – waren von jeher nur dünn besiedelt gewesen. Die Fulirr waren ohnedies nicht sehr zahlreich. Die Etnord hatten deren Stützpunkte und Siedlungen übernommen und ausgebaut. Seitdem die Eroberer das Samtran-System übernommen hatten, war es zu einer wichtigen Flottenbasis erweitert worden.

Hier hatten sich die Flotten der Angreifer gesammelt, bevor sie versuchten, den Picus-Sektor zu erobern.

Der Sondereinsatzkreuzer AMSTERDAM war das erste Schiff des unter dem Oberkommando Admiral Soldo stehenden Verbandes, das aus dem Sandström-Raum materialisierte. Die STERNENKRIEGER II folgte wenig später.

Die taktische Order lautete: Annäherung im Schleichflug. Die Systeme sämtlicher Schiffe liefen im reduzierten Modus. Insbesondere bei Gor-Gan, dem Kommandanten der Qriid-Flottille war diese Vorgehensweise zunächst auf wenig Verständnis gestoßen, aber schließlich hatte auch er Soldos Autorität anerkannt.

Der Plan war ganz einfach.

Sobald auch der Carrier STAR WARRIOR im Normalraum materialisiert war, starteten hundert Jäger. Dank des enormen Beschleunigungsvermögens des Mesonenantriebs erreichten sie früher die äußeren Planeten des Samtran-Systems. Auf Grund ihrer geringen Größe waren sie schwer zu orten. Soldo setzte darauf, dass einige von ihnen den Anti-Etnord-Virus bereits ausgesetzt hatten, bevor die Etnord in der Lage waren, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Die Virusgranaten waren an der Außenhaut der Jäger angebracht und konnten einfach ausgeklinkt werden. Der Virus verbreitete sich dann über die Atmosphäre. Es konnte Tage dauern bis er sich wirklich auf dem gesamten Planeten verbreitet hatte, aber es gab für die Etnord letztlich keinen Schutz, außer die betroffene Welt zu verlassen. Das galt selbst für Stützpunkte auf Nicht-Sauerstoffwelten. Auch dort gab es einen Austausch zwischen den Lebenserhaltungssystemen der Stationen und der Umwelt, weil zum Beispiel Rohstoffe aufgenommen werden mussten.

Nach vier Stunden Annäherungsflug mit einer Geschwindigkeit, die der Austrittsgeschwindigkeit von 0,4 LG entsprach, leitete der Hauptteil der Flotte das Bremsmanöver ein, um die Geschwindigkeit rechtzeitig vor Erreichen des Zielgebietes reduzieren zu können.

Dieses Zielgebiet umfasste vor allem die Planeten II und III auf denen sich die größten Etnord-Stützpunkte befanden. Aufklärungsflüge von mehreren Leichten Kreuzern hatten sogar ergeben, dass die Etnord damit begonnen hatten, dort industrielle Kapazitäten aufzubauen.

Die STERNENKRIEGER und ihre drei frisch in Dienst gestellten Schwesterschiffe nahmen an diesem Bremsmanöver jedoch nicht teil. Da sie ebenso wie die Jäger mit Mesonenantrieb ausgestattet waren, hatten sie einen sehr viel kürzeren Bremsweg.

Sie flogen daher mit unverminderter Geschwindigkeit weiter und bildeten nach den Jägern die zweite Angriffswelle.

„Starker Funkverkehr beim Gegner in allen Frequenzbereichen“, meldete Susan Jamalkerim. Die Kommunikationsoffizierin der STERNENKRIEGER ließ die aufgezeichneten Nachrichten durch ein Entschlüsselungsprogramm des Bordrechners laufen. Nur ein Teil konnte angesichts der Datenfülle ausgewertet werden, aber spezielle Programme sorgten dafür, dass aussagekräftige Kommunikationsanteile herausgefiltert wurden. „Die haben etwas bemerkt und Alarm ausgelöst!“, fasste sie ihre Erkenntnisse zusammen.

„Kein Wunder“, kommentierte Lieutenant Commander Steven Van Doren. „Der Hauptteil der Flotte hat vor wenigen Minuten ihr Bremsmanöver eingeleitet. Es wäre schon seltsam, wenn sie darauf nicht aufmerksam geworden wären.“

„Mehrere Etnord-Einheiten ändern den Kurs“, meldete Lieutenant Riggs. „Vier Schiffe verlassen die Umlaufbahn von Samtran II.“

Immerhin können die Sondereinsatzkreuzer darauf hoffen, noch eine Weile unbemerkt zu bleiben, dachte Sunfrost.

Von der STAR WARRIOR aus wurde eine zweite und schließlich eine dritte Staffel von Jägern ausgeschickt – diesmal um die aufgescheuchten Etnord-Einheiten abzufangen. 

Die Flotte der Fulirr flog in einem vertikalen Bogen auf die beiden inneren Planeten zu, die im Augenblick in Konjunktion zueinander standen und sich daher nahe waren.

Die Qriid-Flottille bildete die Nachhut der zweiten Jäger-Staffel.

Die Dreadnought LIBERTY und einige weitere Space Army Corps-Einheiten bildeten einen Abwehrkordon vor dem Carrier STAR WARRIOR. Eine kleinere Gruppe von Leichten Kreuzern und Zerstörern nahm sich die äußeren Planeten des Samtran-Systems vor. Samtran V befand sich derzeit in Opposition zu den I und II und war daher am weitesten entfernt. Zurzeit lag der fünfte Planet daher auch im Ortungsschatten des Zentralgestirns. 

Es handelte sich um eine marsähnliche Welt mit C02-Atmosphäre. Allerdings war die Gravitation höher und die Atmosphäre sehr viel dichter, sodass auf Grund Treibhauseffektes die Temperaturen über dem Gefrierpunkt lagen. Ein Leichter Kreuzer war dazu abkommandiert worden, auf der anderen Seite der Sonne Samtran zu materialisieren, sich dem fünften Planeten im Schleichflug zu nähern und Ortungsdaten an Soldo auf der STAR WARRIOR zu funken.

Die Daten trafen ein.

Danach befanden sich im Orbit von Nummer V lediglich drei Etnord-Schiffe.

Die Hauptangriffsrichtung zielte zunächst auf die Welten II und III.

Ein Teil der in der Nähe dieser Planeten befindlichen Etnord-Schiffe brach jetzt in Richtung von Soldos Hauptstreitmacht auf. Sie beschleunigten.

Die STERNENKRIEGER und ihre Schwesterschiffe hatten noch immer kein Bremsmanöver eingeleitet. Die entgegenkommenden Etnord-Schiffe rasten förmlich an ihnen vorbei.

Ob es ihnen inzwischen gelungen war, die vier Sondereinsatzkreuzer zu orten, war Sunfrost und den anderen Kommandanten nicht recht klar. Aber selbst wenn es der Gegner geschafft hatte, die im Schleichflug befindlichen Schiffe zu orten, wäre es unmöglich für die Etnord gewesen, ein Passiergefecht durchzuführen. Dazu war die relative Geschwindigkeit entschieden zu hoch. Viele der Etnord-Schiffe flogen ohnehin mit einem Abstand, der weit außerhalb der Schussweite lag.

„Captain, ein codiertes Sandström-Signal geht ein“, meldete Lieutenant Jamalkerim. „Es stammt aus der Nähe von Planet II. Jetzt folgt ein zweites Signal.“

„Dann ist es zwei Jägern gelungen, ihre Virus-Granaten auszuklinken!“, stellte Van Doren fest.

„Die Ortung zeigt Energienentladungen an, die auf die Verwendung der etnordischen Strahlengeschütze zurückzuführen sind“, sagte Lieutenant Riggs. „Im Orbit von Nummer II ist ein Gefecht im Gang!“

„Drücken wir unseren Jägern die Daumen“, schlug Lieutenant Commander Ukasi vor.

Auf einer scheinbar dreidimensionalen Positionsübersicht waren die Flottenverschiebungen deutlich zu sehen.

Die Etnord waren durch das Bremsmanöver der Hauptflotte dazu verleitet worden, ihre Positionen zu verlassen. Selbst wenn die STERNENKRIEGER und ihre Schwesterschiffe wider Erwarten bereits geortet worden waren, konnten die Etnord nun nicht einfach umdrehen, um den Gegner aufzuhalten. Wenn alles glatt geht, sind Planet I und II erobert, bevor die andere Seite richtig begriffen hat, wie das Spiel heißt, das hier gespielt wird, ging es Sunfrost durch den Kopf.

Inzwischen meldeten auch die Jäger, die Planet III angeflogen hatten, den erfolgreichen Einsatz der Virus-Granaten.

Soldo sandte eine Transmission an die Etnord, in der er sie über den Einsatz des Virus aufklärte und ultimativ zum Verlassen des Samtran-Systems aufforderte. „Wenn Sie den Widerstand aufgeben, lassen wir Ihnen freies Geleit für die Evakuierung. Unseren Berechnungen nach verbreitet sich der Virus innerhalb eines Erdtages auf einer Sauerstoffwelt.“

Eine Reaktion über Funk erfolgte darauf nicht.

12

Die vier Sondereinsatzkreuzer hatten ihre Geschwindigkeit auf O,1 LG heruntergebremst.

Eine Gruppe von langsameren Etnord-Schiffen hatte sie inzwischen geortet und versuchte auf Abfangkurs zu gehen. Die Sondereinsatzkreuzer hielten bei Angriffsflug – anders als die Space Army Corps Schiffe herkömmlicher Bauweise – einen möglichst großen Abstand voneinander. Die schwenkbaren Gauss-Geschütze machten es wesentlich leichter zu treffen. Eine kompakte Formation bot unter diesen Bedingungen kaum noch Vorteile. Die auf den SEKs stationierten Jäger wurden gestartet. Ihre Aufgabe war es, dafür zu sorgen, dass die Etnord-Schiffe immer auch noch aus einer anderen Richtung beschossen wurden, sodass sie zwangsläufig Fehler bei der Ausrichtung ihrer Gravitationsschirme machten und sich freie Schusskanäle ergaben.

Von Planet III zurückkehrende Jäger unterstützten sie dabei.

Außerdem hatten auch die an Bord der Sondereinsatzkreuzer stationierten Jäger Virusgranaten an Bord, die in der Stratosphäre ausgeklinkt werden konnten.

Titus Naderw glitt über ein Antigravfeld in voller Raummontur ins Cockpit seines Jägers. Er war an der Außenwand der STERNENKRIEGER befestigt. Das Cockpit schloss sich. Sauerstoffversorgung gab es hier nicht.

„Naderw klar zum Start“, meldete er an die Brücke.

„Viel Glück, Mister Naderw“, vernahm er die Stimme von Captain Sunfrost.

Der Jäger wurde ausgeklinkt. Das Mesonentriebwerk startete. Naderw wurde in seinen Sessel gedrückt. Er hatte auf maximale Beschleunigung geschaltet, sodass er einem fliegenden Gauss-Geschoss gleich förmlich davonraste. Die dabei auftretenden Kräfte wurden zwar von den Andruckabsorbern weitgehend absorbiert. Aber eben nur weitgehend. Schließlich musste das technische Equipment an der Maschine auf ein Minimum reduziert sein. Die eigentliche Beschleunigungsgrenze für den Jäger blieb damit die körperliche Belastbarkeit des Piloten.

Inzwischen waren die Etnord-Schiffe auf Schussweite heran. Die STERNENKRIEGER aktivierte ihren Plasma-Schirm, um zumindest einigermaßen vor den Strahlschüssen der Etnord sicher zu sein.

Naderw flog einen Bogen über die herannahenden Etnord-Schiffe hinweg, die von unterschiedlicher Bauweise und Größe waren. Nur die kristalline, leuchtende Schicht, von der sie bedeckt waren, war allen gemeinsam.

Naderw registrierte zufrieden, dass sich in diesem Verband nur ein Schiff nach Fulirr-Bauweise befand. Die anderen waren der Hauptflotte entgegengeschickt worden.

Während die Etnord gegen die Antimateriewaffen der Fulirr inzwischen ein wirksames Gegenmittel gefunden hatten, stand dem Space Army Corps so etwa bisher nicht zur Verfügung. Und so waren die Antimaterieraketen zu einer der stärksten Kriegswaffen auf Seiten der Etnord geworden, während die Fulirr selbst ihre traditionelle Hauptbewaffnung kaum noch effektiv einzusetzen vermochten, seit die Etnord die bei den Antimaterieexplosionen entstehenden Mini Black Holes zum sofortigen Kollaps bringen konnten.

Strahlenschüsse waren jetzt zu sehen. Die Ortung des Jägers registrierte die Energieentladungen.

Die STERNENKRIEGER bekam einen Treffer, während bereits all ihre nach vorn ausgerichteten Gauss-Geschütze feuerten.

Naderw konnte auf der Ortungsanzeige sehen, wie der Großteil der Projektile von den Gravitationsschirmen abgelenkt wurde. Dadurch ließ sich ihre Ausrichtung gut erkennen.

Naderw zog in seinem Jäger an den Etnord-Schiffen vorbei, während sowohl die STERNENKRIEGER, als auch die AMSTERDAM unter Captain Gossan Strahlentreffer erhielten.

Naderw senkte die Flugbahn, während eines der Etnord-Schiffe in seine Richtung feuerte. Offenbar war er geortet worden. Aber es war sehr schwer, ein so schnelles und kleines Objekt wie einen Jäger zu treffen. Selbst mit der hoch entwickelten Zieltechnik der Etnord.

Unbeschadet überstand Naderw den Beschuss.

Von hinten näherte er sich zunächst dem ehemaligen Fulirr-Schiff. Wegen der Antimateriewaffen ging von ihm die größere Gefahr aus. Er fand den freien Schusskanal. Die verwundbaren neunzig Grad, die von den Gravitationsschirmen nicht abgedeckt werden konnten.

Naderw kam so nahe an den Etnord-Raumer heran, dass es kaum noch eine Möglichkeit gab, daneben zu schießen. Das Gauss-Geschütz schaltete er auf Dauerfeuer.

Dutzende von Geschossen schlugen zuerst durch die kristalline Schicht, ließen sie auf breiter Front wegplatzen und drangen anschließend ins Innere des Schiffes. Auf der anderen Seite traten sie wieder aus, was gut zu erkennen war, da auch hier die Kristallschicht platzte.

Der Gravitationsschirm war nicht mehr existent, sodass nun auch das Feuer von vorn Wirkung zeigte.

Das Schiff zerbarst.

Naderw riss seine Maschine hoch und schaffte es gerade noch, sowohl dem Friendly Fire der eigenen Seite als auch dem sich ausbreitenden Glutball zu entkommen.

13

Nabman, ehemalige Hauptwelt des Nalhsara...

Admiral Ashton Brown wandte den kahlen Kopf in Richtung des Sichtfensters seiner Fähre. Die Kuppel des Konsensdoms der Fulirr. Man sieht sie bereits aus dem Orbit. Beeindruckend...

Er trug eine hautenge Uniform. Die Ganglien des Etnord in seiner Brust traten an den Handgelenken und Hals hervor.

Wie alle Etnord trug er den Namen seines Wirtskörpers, aus dessen Gehirn er auch ein gewisses rudimentäres Grundwissen übernommen hatte. Aber mit dem Menschen Ashton Brown, der einst in den lokalen Verteidigungsstreitkräften der menschlichen Siedler im Taralon-System diente, hatte das Wesen gleichen Namens nicht das Geringste gemein.

Sein Gehirn war nichts weiter als einem Datenspeicher auf organischer Basis geworden, die Persönlichkeit war ausgelöscht. Regiert wurde dieses aus jener faustgroßen Kugel aus Nervengewebe, die man einst in diesen Wirtskörper implantiert hatte.

Brown – oder besser: der eigentlich namenlose Etnord in ihm – war Befehlshaber des Kampfschiffs TARALON STAR 12 und darüber hinaus Kommandant sämtlicher Raumstreitkräfte der Etnord im ehemaligen Nalhsara der Fulirr.

Ihm gegenüber saß ein Sauroide namens Kapaggrr. Er hatte zu den ersten Fulirr gehört, denen ein Etnord-Implantat eingesetzt worden war. Jetzt bekleidete Kapaggrr einen wichtigen Posten in der Militärverwaltung der sogenannten Neuen Ordnung, die inzwischen im Ex-Nalhsara etabliert worden war.

Für ihre Verständigung brauchten sie einen Translator, da Etnord auch die jeweiligen Kommunikationsformen ihres Wirts zu übernehmen pflegten.

„Es gibt beunruhigende Nachrichten von der Grenze“, sagte Kapaggrr in die Stille hinein. Für ihn war der Anblick des Konsensdoms nichts Besonderes. Sein früheres Ich war des Öfteren dort gewesen. Ein paar Mal sogar persönlich. Zumeist hatte er jedoch sein Hologramm geschickt, um an der Plenumssitzung des Nalhsara teilzunehmen. Für den Etnord, der Kapaggrr regierte, war das Wissen um die radikale Direktdemokratie, wie sie bei den Fulirr traditionellerweise  praktiziert worden war, nichts weiter als ein theoretisches Konzept, dem er verständnislos gegenüberstand. Immerhin besaßen die Fulirr einigermaßen robuste Körper, die notfalls auch mit einem geringen Sauerstoffanteil in der Atmosphäre auskamen. Wie dieses Volk angesichts seiner Zerstrittenheit und dauernden politischen Auseinandersetzung mit sich selbst zu derart großen wissenschaftlichen Leistungen wie der Entwicklung von Antimateriewaffen fähig gewesen war, konnte Kapaggrr im Laufe der Zeit immer weniger verstehen.

Ein mattes Lächeln umspielte Ashtons Browns Lippen. Der Gebrauch der Gesichtsmuskulatur zum Zweck des emotionalen Ausdrucks wurde von den meisten Etnord-Menschen einigermaßen beherrscht. Schließlich gehörte dies zu übernommenem Grundwissen und war letztlich nichts weiter, als eine relativ genau kodifizierte Kommunikationsform. Allerdings eine, die nicht durch Translatoren übersetzt werden konnte, was Ashton Brown immer wieder vergaß, wenn er mit Etnord zusammen war, die sich anderer Wirtskörper bedienten.

„Was meinen Sie mit beunruhigenden Nachrichten von der Grenze? Die verdächtigen Flottenkonzentrationen an der Grenze zum K’aradan-Reich?“

„Beispielsweise.“

„Damit war doch zu rechnen, werter Kapaggrr. Die K’aradan wissen genau, dass sie demnächst ebenfalls der Neuen Ordnung einverleibt werden. Sie haben übrigens ein erstaunlich großes Territorium mit einer sehr großen Anzahl an potentiellen Wirtskörpern, die darüber hinaus auch noch um einiges robuster sind als diese Menschenkörper, die wir auf Taralon vorfanden...“ Ashton Brown blickte an sich herab und strich sich mit der Hand über den Brustkorb. Eine Geste, die wohl ausdrücken sollte, dass er mit manchen physiologischen Defiziten seine Wirtskörpers mehr als unzufrieden war.

Aber im Moment waren diese Mängel wohl nicht zu beheben.

Ein Austausch des Wirtskörpers gestatteten die Gesetze der Etnord nur in extremen Notfällen und bei einem ausreichenden Überschuss an potentiellen Wirten.

Außerdem legte der Herr großen Wert auf eine möglichst hohe Anzahl von Etnord-Menschen unter seiner Gefolgschaft. Welche Vorteile dies brachte, war Ashton Brown nicht so recht klar. Schließlich war die Spezies erst vor kurzem auf der Bühne der Weltraummächte erschienen und hatten ein Sternenreich in ihren Besitz gebracht, das verglichen mit den K’aradan oder den Qriid ein Winzling war. Ganz zu schweigen von der Einflusssphäre der Etnord, die sich noch viel weiter erstreckte.

Die Neue Ordnung sollte irgendwann universelle Gültigkeit haben. Aber das war ein utopisches Ziel, das wohl noch viele Zeitalter lang nichts weiter als ein Traum bleiben würde.

Ein Traum, dessen Erfüllung Ashton Brown nicht mehr erleben würde.

„Ich meine auch von den Grenzscharmützeln in Richtung der Humanen Welten, von denen man hört. Und der Brückenkopf der Menschen in Trans-Alpha ist auch noch nicht gefallen.“

„Sie haben erstaunlich viel Widerstandskraft, diese physisch so verwundbaren Säugetierabkömmlinge“, stellte Brown fest. „Eigentlich hatten wir alle - ich eingeschlossen  – gedacht, dass es sehr leichter sein würde, die Humanen Welten niederzuringen. Aber das war offensichtlich ein Irrtum.“

Unterdessen senkte sich die Flugbahn der Fähre immer weiter.

In gewaltiger Schönheit erhob sich der Kuppelbau des Konsensdoms vor ihnen.

Die Fähre landete schließlich punktgenau auf einem dafür vorgesehenen Feld, ganz in der Nähe des Doms.

„Ist es richtig, dass die Fulirr die Herrschaft des Volkes durch Abstimmungen für etwas Heiliges hielten?“, fragte Brown.

„Oh, ja! So könnte man das sagen. Ansonsten scheinen sie kaum religiöse Vorstellungen gehabt zu haben und ich bin mir bis heute nicht sicher, ob man das, was die Fulirr unter einer Demokratie verstanden tatsächlich als Religion sehen sollte.“

„Wie auch immer. Seien wir froh in der Neuen Ordnung zu leben, in der jeder Etnord die Aufgabe bekommt, für die er am besten geeignet ist.“

„Es beruhigt ungemein, zu wissen, dass der Geeignetste herrscht – und nicht derjenige, der sich am besten über die Medien zu präsentieren weiß und daher die meisten Stimmen auf sich vereinigen kann.“

Brown seufzte. „Aber das ist alles Vergangenheit. Eine Fußnote der Geschichte. Am Ende wird von der Unkultur der Fulirr nichts weiter bleiben als eine skurrile Fußnote in der geschichtlichen Überlieferung.“

Plötzlich ertönte ein sägendes Geräusch, das von beiden Etnord trotz ihrer sehr unterschiedlichen physischen Voraussetzungen als äußerst unangenehm empfunden wurde.

„Was zum Teufel ist das?“, fragte Brown. Was ein Teufel war hatte der Etnord in Brown in der Zeit, als die Etnord nach und nach Taralon unterwanderten, zumindest gelernt.

„Eine Interferenz unserer Kommunikations- und Ortungssysteme“, erklärte der als Pilot fungierende Etnord, dessen Wirtskörper den Namen Victoria Balombais trug.

„Wodurch verursacht?“, fragte Brown.

„Resonanzen fünfdimensionaler Impulse würde ich sagen, aber sie sind nur sehr schwach, sonst wäre hier ein größerer Schaden entstanden.“

„Solche Resonanzen können unter Umständen den Überlichtantrieb von Raumschiffen lahm legen“, gab Brown zu bedenken.

„Ja, aber das kann man durch ein paar einfache Maßnahmen verhindern. Was diese Fähre betrifft, besteht keinerlei Gefahr.“

„Mich würde interessieren, woher diese Impulse kamen, von denen Sie sprachen“, mischte sich Kapaggrr ein.

Victoria Balombais blickte auf die Anzeigen ihrer Steuerkonsole. Dann drehte sie sich herum und sagte: „Ich würde sagen, es deutet alles darauf hin, dass die Impulse aus dem Dom kamen!“

Brown atmete tief durch.

„Na, dann bin ich hier ja richtig.“

14

Wenig später passierten Kapaggrr und Ashton Brown die Außenschleuse der Fähre.

Eine gemischte Gruppe von Etnord-Menschen und Etnord-Fulirr empfing sie auf dem Landefeld. Ihr Anführer war ein breitschultriger Mensch, dessen Schädel einen sehr ausgeprägten Hinterkopf aufwies.

„Es freut mich, Sie zu sehen, Admiral!“, sagte er.

„Sie sind Professor Kovac?“

„Lyndon Kovac lautet der volle Name meines Wirtes.“

„Wir wurde soeben durch ein fünfdimensionales Signal traktiert, das auf der Fähre ein paar Systeme verrückt spielen ließ.“

„Da könnte etwas mit dem zu tun haben, was ich Ihnen gerne zeigen möchte, Admiral. Dieser Dom scheint einiges an Geheimnissen zu bergen, die für uns sehr wichtig sein könnten.“

„So?“

Ashton Brown bewegte ein paar Muskeln im Stirnbereich. Hätte sein seit der Etnord-Implantierung haarlos gewordener Körper noch Augenbrauen gehabt, hätten sich diese jetzt zweifellos gehoben.

Ein Zeichen der Aufmerksamkeit, das unter drontisierten Menschen seine Bedeutung verliert, dachte Brown. Aber jeder Körper hatte sein eigenes Gedächtnis, das unabhängig vom Gehirn funktionierte. Reflexartig vollführte der Ashton Brown-Wirtskörper immer wieder diese vollkommen sinnlos gewordene Muskelbewegung. Brown hatte es aufgegeben, sie bewusst zu unterdrücken. Es lohnte einfach der Mühe nicht.  Und wenn er sich die zuckenden Stirnflächen so manch anderer Etnord ansah, so konnte er nur mit einer gewissen Erleichterung immer wieder feststellen, dass er mit diesem Problem offenbar keineswegs allein dastand.

„Wir suchen doch seit langem nach einem Artefakt mit der Bezeichnung Marad’Zsan.“

„Eine Bezeichnung aus dem Wortschatz der Erhabenen, mit der niemand etwas anzufangen weiß.“

„Vielleicht hat sich das seit heute geändert!“

„Das klingt viel versprechend, Professor. Es scheint sich gelohnt zu haben, Ihre Forschungsgruppe hier her zu bringen.“

„Ein Impulsgeber, dessen Signale 50 000 Lichtjahre innerhalb von Sekundenbruchteilen überbrücken können, ist diese Reise sicherlich Wert gewesen“, erwiderte der Wissenschaftler.

Kapaggrr und Ashton Brown folgten Professor Lyndon Kovac durch einen von bewaffneten Posten besetzten Nebeneingang des Konsensdoms.

Der Kommunikator des Etnord-Admirals meldete sich.

Auf dem Minidisplay erschien das Gesicht von Zhedong No, dem Ersten Offizier der TARALON STAR 12.

„Admiral, hier treffen beunruhigende Nachrichten aus dem Samtran-System ein. Die Menschen und ihre Alliierten haben offenbar einen Großangriff auf das System begonnen und auf mehren Welten einen Virus ausgesetzt, der bei den Etnord die Abstoßung vom Wirtskörper bewirkt.“

„Wir wissen, dass die Menschen so etwas getestet haben“, warf Kapaggrr ein. 

„Sie waren sogar so dreist, den lokalen Truppen ein Ultimatum zu stellen“, erklärte der Erste Offizier der TARALON STAR 12.

„Ich empfehle Quarantäne-Maßnahmen“, mischte sich Kapaggrr ein, wofür er von Admiral einen missbilligenden Blick erntete. Einen Blick, den Kapaggrr jedoch in keiner Weise zu interpretieren wusste.

„Ich brauche eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung“, sagte Ashton Brown schließlich an seinen Ersten Offizier gerichtet. „Fordern Sie die ein. Ich weiß, dass zumindest auf Samtran II entsprechende Kapazitäten existieren.“

„Jawohl, Admiral.“

„Ich will aber auch eine Einschätzung aus der lokalen Flotte. Außerdem verbinden Sie ich so schnell es geht mit Commodore Kalam. Brown, Ende.“

15

Nachdem auf sämtlichen Samtran-Welten zum Teil Dutzende von Virusgranaten ausgesetzt worden waren, zogen sich die vier Sondereinsatzkreuzer und die Jäger zunächst aus dem inneren Bereich des Systems zurück. Inzwischen hatten Jäger sogar den in Opposition stehenden fünften Planeten auf der anderen Seite des Zentralgestirns erreicht und ihre für die Etnord tödliche Fracht ausgesetzt.

Die Virus-Granaten verfügten über ein eigenes Leitsystem, das autonom arbeitete und auf Signaturen reagierte, die für eine Besiedlung durch Etnord typisch waren. So gelangten die Viren gezielt in jene Regionen, in denen die Eroberer ihre Stützpunkte errichtet hatten.

Eine Ortung oder Abwehr so kleiner Objekte war beinahe unmöglich. Selbst wenn ein Teil der Granaten verloren ging, so reichte letztlich eine einzige aus, um nach und nach den gesamten Planeten zu infizieren, auch wenn die Verbreitung des Virus dann vielleicht etwas länger dauerte.

Unter den Jägern hatte es diesmal Verluste von zwanzig Maschinen gegeben. Einige davon waren lediglich verschollen und es bestand durchaus noch die Chance, sie wiederzufinden.

Im äußeren Bereich des Samtran-Systems tobten noch immer heftige Kämpfe. Vergeblich versuchten die Fulirr, ihre Antimaterie-Waffen zum Einsatz zu bringen. Aber die bei den Detonationen der Sprengköpfe entstehenden Black Holes konnten sich nicht zu voller Größe ausdehnen. Sobald die Fulirr eine ihrer Antimateriewaffen zündeten, antworteten die Etnord mit Raketen, deren Sprengköpfe eine bisher unbekannte Art von Strahlung freisetzen und dafür sorgten, dass sich der Ereignishorizont des Black Hole rasch wieder zurückzog. Die entstandene Dunkelzone fiel in sich zusammen und es wurden allenfalls die Schiffe im unmittelbaren Nahbereich der Antimaterieexplosion in Mitleidenschaft gezogen.

Allerdings hatte der Einsatz dieser Waffe für die Etnord den Nachteil, dass sie selbst ebenfalls auf die Verwendung ihrer eigenen Antimateriewaffen weitgehend verzichten mussten, denn die freigesetzte Strahlenemission ließ in einem gewissen Umkreis auch deren Mini Black Holes schnell in sich zusammenfallen.

Wirksamer war auf Seiten der Etnord das Feuer der Strahlenkanonen, das sich im direkten Vergleich mit den Waffen der Qriid als deutlich effektiver und treffsicherer erwies.

Fast ein Dutzend Schiffe der Verbündeten waren bereits explodiert oder geisterten als manövrierunfähige Wracks durch das All. Beiboote und Rettungskapseln waren ausgesetzt worden, aber man würde sich erst später um deren Insassen kümmern können.

Die zurückkehrenden Sondereinsatzleiter und die Jägerstaffeln sorgten jedoch für Entlastung.

Der vorübergehende Rückzug der Vorhut hatte in Soldos Taktik durchaus seinen Sinn. Die Etnord sollten Gelegenheit dazu bekommen, ihre Welten zu evakuieren.

„Eigentlich müsste sich die Wirkung des Virus langsam bemerkbar machen“, glaubte Van Doren.

„Die andere Seite ist gewarnt worden!“, meinte Sunfrost.

„Und sie reagiert auch, Captain!“, meldete Lieutenant Riggs. „Ich orte jetzt Dutzende von kleineren Raumschiffen, die von der Oberfläche des dritten Planeten ins Orbit gestartet sind. Das kann kein Zufall sein.“

Van Doren hatte sich die Anzeigen der Sensoren ebenfalls auf seine Konsole geholt und konnte nur bestätigen, was Riggs gesagt hatte. „Die scheinen tatsächlich alles mobilisiert zu haben, was raumtauglich ist!“

„Sie meinen, die Evakuierung hat begonnen?“, vergewisserte sich Sunfrost. Warum ist dir der Punkt so wichtig? Zur Beruhigung deines eigenen Gewissens? Sunfrost wollte nicht weiter über diesen wunden Punkt nachdenken und versuchte den Gedanken zu verscheuchen. Dies ist einfach nicht der richtige Zeitpunkt! Suchst du vielleicht nur eine billige Ausrede, um zu übertünchen, dass du dich an dem Einsatz einer Waffe beteiligt hast, den du noch vor ein paar Monaten vehement und kategorisch abgelehnt hättest?, meldete sich ein kritischer Kommentator in ihrem Hinterkopf, von dem sie ahnte, dass er sich nicht ganz so leicht zum Schweigen bringen lassen würde.

„Die Evakuierung scheint tatsächlich begonnen zu haben“, bestätigte jetzt Lieutenant Jamalkerim. „Ich fange entsprechende Nachrichten im Sandström-Funkspektrum auf, die unser Rechnersystem entschlüsseln kann.“

Van Doren schaltete plötzlich an seiner Konsole herum. Auf der Stirn des Ersten Offiziers der STERNENKRIEGER erschien eine tiefe Furche. Irgendetwas schien ihn zu beunruhigen. „Captain, die Sensoren orten ein sehr schwaches fünfdimensionales Hintergrund-Rauschen.“

„Mögliche Ursache?“, fragte Sunfrost.

„Dazu müssten wir genauere und längerfristige Messungen durchführen.“

„Ich hoffe nicht, dass unsere Gegner über Waffensysteme mit 5-D-Technik verfügen“, äußerte sich Lieutenant Commander Ukasi.

„Ich würde eher auf eine fünfdimensionale Kommunikationstechnik schließen, die uns natürlich vollkommen ausschließt“, vermutete Van Doren.

„Für mich stellt sich die Frage, ob die Etnord nicht vielleicht sehr viel mehr vom Erbe der ‚Alten Götter’ entschlüsselt haben, als wir bisher ahnen!“, sagte Riggs.

„Nun, dass ihre Manipulationen der Wurmlöcher Alpha und Beta nicht ihrer eigenen Technik entsprungen sind, haben wir doch schon länger vermutet“, gab Sunfrost zu bedenken. Sie erhob sich von ihrem Kommandantensitz und wandte sich an Van Doren. „Sagen Sie Bruder Guillermo, dass er sich mit diesen 5-D-Emissionen beschäftigen soll, sobald uns die Gefechtslage Sensorenkapazität freigibt.“

„Aye, aye, Captain.“

„Captain! Strahlenfeuer im Orbit von Planet II und III“, rief Riggs.

„Von unseren Einheiten dürfte dort eigentlich niemand mehr sein“, stellte Sunfrost fest.

„Vielleicht ein verschollener Jäger“, glaubte Jamalkerim.

„Das halte ich angesichts der Intensität des Beschusses für ausgeschlossen“, erwiderte Wiley Riggs. Er nahm ein paar Veränderungen am Ortungssystem vor. Eine Positionsdarstellung wurde in einem Teilfenster des Hauptbildschirms eingeblendet.

Und nun wurde allen Anwesenden klar, was sich im Orbit der beiden Planeten abspielte.

„Die schießen auf ihre eigenen Schiffe“, stieß Sunfrost hervor.

„Offenbar eine Quarantäne-Maßnahme“, glaubte Van Doren. „Sie fürchten wahrscheinlich, dass der Virus bereits in den Schiffen ist, die von der Oberfläche gestartet wurden und wollen eine Weiterverbreitung auf andere Etnord-Welten ausschließen.“

16

Innerhalb der nächsten Stunden erreichte die STERNENKRIEGER der dazugehörige Funkverkehr im Unterlichtbereich.

„Da scheinen sich Dramen anzuspielen“, sagte Susan Jamalkerim sichtlich mitgenommen. „Der Virus grassiert offenbar bereits an Bord der in den Orbit gestarteten Raumfahrzeuge und besteht auf Seiten der etnordischen Kampfraumer offenbar keine Neigung, die Infizierten an Bord zu nehmen.“

Inzwischen hatte sich der Großteil der Verteidigerflotte in den inneren Bereich des Systems zurückgezogen. Die Space Army Corps-Einheiten und ihre Verbündeten verzichteten darauf, ihnen zu folgen.

Manche von ihnen verteilten sich auf die Umlaufbahnen der  restlichen Samtran-Planeten und sorgten dafür, dass keines der dort in den Orbit geschossenen Kleinraumschiffe den Virus weitertragen konnte.

Schon schickten sich die ersten Etnord-Schiffe an zu beschleunigen, um das System zu verlassen.

17

Bruder Guillermo saß im Kontrollraum A des Maschinentrakts, über den normalerweise derzeit die Sandström-Aggregate überwacht wurden. Da die STERNENKRIEGER aber selbst bei einem Blitzstart erst drei Stunden lang beschleunigen musste, um die Eintrittsgeschwindigkeit für den Sandström-Raum zu erreichen, war dieser Raum im Moment nicht besetzt. Er war ihm daher vom Leitenden Ingenieur zugewiesen worden, um Van Dorens Befehl auszuführen und dem Ursprung der 5-D-Resonanz auf den Grund zu gehen.

Da er zunächst auf die Freigabe von Sensorenkapazität warteten musste, ließ er sich die laufenden Ortungsergebnisse und den entschlüsselten Funkverkehrs anzeigen. Einen Teil der Nachrichten hörte er sich im Original an. Soweit Etnord-Menschen die Sprecher waren, gab es natürlich keinerlei Verständnisprobleme.

Dringende, aber vergebliche Bitten um Hilfe reihten sich aneinander mit Berichten über Etnord, die der Virus bereits befallen hatte und die von ihrem Wirtskörper abgestoßen worden waren.

Die Antwort bestand aus dem Beschuss mit Strahlenkanonen. Eine Stimme nach der anderen verstummte aus dem Äther.

Bruder Guillermo saß mit ernstem Gesicht und gefalteten Händen da. Die Tür öffnete sich. Nirat-Son trat ein. Bruder Guillermo war so in seine Gedanken versunken, dass er den Qriid zunächst gar nicht bemerkte.

Diese machte sich schließlich durch ein lautstarkes Schaben seiner Schnabelhälften bemerkbar.

Bruder Guillermo blickte auf.

„Man sagte mir, dass Sie vielleicht Hilfe bei der Analyse eines 5-D-Phänomens brauchen könnten. Zumindest sprach der L.I. davon.“

„Das ist richtig, Nirat-Son.“

„Ich stehe Ihnen gerne zur Verfügung.“

„Danke. Aber zurzeit haben wir noch nicht genügend Sensorenkapazität, als das wir wirklich zu Ergebnissen kommen könnten.“

„Ich nehme an, dass dies mit zunehmender Beruhigung der Gefechtslage der Fall sein wird.“

„Gewiss.“

Es folgte Schweigen. Nirat-Son hörte ebenso wie Bruder Guillermo konzentriert den nach und nach verstummenden Chor der Funkstimmen zu. Zumeist wurden sie nun gar nicht mehr verschlüsselt, sondern konnten direkt übertragen werden.

Nirat-Son setzte sich so gut es ging auf einen der Schalensitze. Auf Grund seiner nach vorn geknickten Vogelbeine war für ihn die Benutzung menschlicher Sitzmöbel nicht immer unproblematisch. Er hatte aber inzwischen seine Methode gefunden, um damit zurechtzukommen.

Schließlich sagte er: „Ich weiß, dass Mitgefühl mit dem Feind zu den Grundlagen Ihres Glaubens gehört, Bruder Guillermo. Aber ich gebe zu bedenken, dass die meisten dieser Funkbotschaften, sofern sie nicht im Sandström-Spektrum abgegeben wurden, uns mit einer mehrstündigen Verzögerung erreichen. Die Sprecher dürften längst nicht mehr am Leben sein.“

„Das ist mir wohl bewusst, Nirat-Son.“

„Ich verstehe nicht, weshalb Sie sich dieser emotionalen Qual aussetzen. Diese Wesen sprechen die Sprache Ihrer eigenen Artgenossen. Sie tragen Ihre Namen und Ihr Aussehen hat sich durch die Ednordisierung nur geringfügig verändert. Aber Sie sollten sich klar machen, dass es keine Menschen mehr sind, Bruder Guillermo.“

„Auch das ist mir bewusst“, erwiderte der Olvanorer ruhig.

„Dennoch scheinen Sie sich unbedingt der destruktiven Wirkung einer Täuschung hingeben zu wollen.“

Bruder Guillermo schaltete den Lautsprecher schließlich ab. „Finden Sie es destruktiv, wenn man sich klarmacht, was die eigenen Waffen anrichten?“, fragte Bruder Guillermo.

„Die Frage nach der ethischen Verträglichkeit dieses Einsatzes mit Ihrem Glauben hätten Sie sich vor Beginn dieser Mission stellen sollen.“

„Und danach nicht mehr?“

„Wenn man sich einmal entschieden hat – nein. Jedes Infragestellen der eigenen Position führt nur zu unnötiger Schwäche, Bruder Guillermo.“

Bruder Guillermo lächelte matt.

„Ihr Vorschlag würde es mir leichter machen.“

„Warum handeln Sie nicht dementsprechend?“

„Leider gestattet es mir mein Glaube nicht, es mir leicht zu machen.“

„Dann bedaure ich Sie“, sagte Nirat-Son nach einer Pause. „Ehrlich gesagt, je länger ich unter Ihrer Spezies lebe, desto mehr begreife ich, welch ein Privileg ich genieße, als Angehöriger von Gottes auserwähltem Volk aus dem Ei geschlüpft zu sein, denn ich brauche mir über all die Fragen, die Sie so quälen, nicht den Schädelknochen zu zerkleinern. Ist das richtig formuliert?“

„Sie meinen den Kopf zu zerbrechen.“

„Exakt. Manche Ihrer brutalen Sprachbilder sind mir noch nicht so recht vertraut.“

Bruder Guillermo hob die Augenbrauen. „Sie stellen sich nie die Frage, ob das, was Sie tun richtig ist?“

„All diese Fragen hat ER für mich bereits beantwortet.“

Bruder Guillermo seufzte. „Mein Gott nimmt mir diese Gewissensarbeit leider nicht ab.“

„Ich weiß, er lässt Ihnen Entscheidungsfreiheit. Etwas, worauf Sie in Ihrer Kultur allgemein einen übersteigerten Wert legen.“

„Vielleicht sollten Sie bei Gelegenheit mal mit einem Fulirr über Entscheidungsfreiheit sprechen“, gab Bruder Guillermo zurück.

In diesem Moment leuchtete eine Anzeige auf. Offenbar war jetzt genügend Sensorenkapazität frei, um mit den Untersuchungen beginnen zu können.

18

Die Lage im Samtran-System entspannte sich zusehends. Die Schiffe der Etnord verließen fluchtartig den Sektor und beschleunigten, nachdem sie sichergestellt hatten, dass zumindest alle von den verseuchten Samtran-Welten aus gestarteten Raumschiffe mit Überlichtantrieb vernichtet worden waren. Lediglich einige Raumboote und Fähren ohne Sandströmfähige Triebwerke wurden zurückgelassen. Die Funksprüche, die von ihnen ausgesandt wurden, verstummten nach und nach. Die Fulirr-Schiffe, die als erste den eroberten Raum wieder in Besitz nahmen und zum Teil den Schiffen der Etnord-Flüchtlinge nahe genug kamen, um Biozeichen erfassen zu können, registrierten kein ednordisches Leben mehr an Bord.

Bis auf wenige hundert Meter näherten sich einige der Fulirr-Einheiten diesen Schiffen, die ohne erkennbare Manövriertätigkeit mit Geschwindigkeiten unter 0,001 LG durch das All trieben. Die meisten hatten in einem Akt der Verzweiflung die Umlaufbahn ihres jeweiligen Planeten verlassen – wohl wissend, dass keine Hoffnung mehr für ihr eigenes Überleben bestand.

Allenfalls ein paar Stunden konnte ein Etnord getrennt von seinem Wirt überleben. Vermutlich kannten die Etnord auch Konservierungsmöglichkeiten für Angehörige ihrer Art, die vorübergehend ohne Wirt waren. Aber alles hing letztlich davon ab, einen neuen Körper zu finden, der dem Etnord sowohl die Sinne als auch das Vermögen zu handeln gab. Auf sich gestellt war das Implantat allen bisherigen Erkenntnissen menschlicher Wissenschaft nach blind, taub und vollkommen unfähig, mit seiner Umwelt in Kontakt zu treten.

„Was wird mit den Wirtskörpern geschehen?“, fragte Sunfrost an Van Doren gewandt.

„Sie werden größtenteils überleben, fürchte ich.“

„Menschen, deren Bewusstseine ausgelöscht sind, die kaum mehr Persönlichkeit besitzen als eine Pflanze.“

„Man wird sich um sie kümmern müssen“, meinte Van Doren.

Rena dachte an die maulswurfsartigen Nosronen von Ambrais VII, jener Welt, von der das Seelenmoos stammte, das die biochemische Grundlage des von den Genetics entwickelten Anti-Etnord-Virus lieferte. Sie haben die vom Parasiten befreiten seelenlosen Artgenossen wieder in ihre Gemeinschaft aufgenommen, dachte Sunfrost. Aber so viel Menschlichkeit kann man wohl von der Gattung Homo sapiens wohl nur bedingt erwarten...

„Captain, eine Transmission des Admirals.“

„Auf den Schirm!“, verlangte Sunfrost und war froh, aus ihren düsteren Gedanken herausgerissen zu werden.

Das bärtig, breite Gesicht Thorbjörn Soldos erschien auf einem Teilfenster des Panoramaschirms. An einer Einblendung am Bildrand war erkennbar, dass es sich um eine Nachricht im  Konferenzmodus handelte, die außerdem noch an die Schwesterschiffe der STERNENKRIEGER, die Dreadnought LIBERTY sowie an die Kommandanten der Fulirr-Schiffe ging.

„Wie ich Ihnen bereits im persönlichen Gespräch eröffnet habe, brechen wir sofort in Richtung Nabman-System auf. Es liegen ein paar Tage Sandström-Flug vor uns. Das Kommando über die im Samtran-System zurückbleibenden Kräfte übernimmt Captain Vikram Shantijan vom Schweren Kreuzer LISSABON. Sobald die Lage vollkommen unter Kontrolle ist, werden wir einige Einheiten zur Unterstützung des Brückenkopfs in Trans-Alpha abziehen müssen, sodass es derzeit nicht möglich ist, weitere Systeme anzugreifen. Aber wie ich höre, sind sowohl die K’aradan-Verbündeten, als auch der Flottenverband von Commodore Sakur gut vorangekommen, sodass wir das verschmerzen werden. Ich bitte um sofortige Weiterleitung der Schadensberichte. Außerdem haben sämtliche Jäger den Befehl, zu ihren Mutterschiffen zurückzukehren. Soldo Ende.“

Das Gesicht des Admirals verschwand.

Die Mission tritt also in ihre entscheidende Phase, dachte Sunfrost. Ein Zuckerschlecken wird die Durchführung dieses waghalsigen Plans wahrscheinlich nicht – aber angesichts der knappen Ressourcen, die das Space Army Corps derzeit auf Grund der immensen Verluste zur Verfügung hat, ist das Ex-Nalhsara wohl gar nicht anders zu erobern als durch einen kühnen Handstreich.

„Captain! Geschwader Lieutenant Naderw meldet sich über Audiokanal und bittet an Bord kommen zu dürfen“, drang die Stimme der Kommunikationsoffizierin in Sunfrosts Bewusstsein.

„Erlaubnis erteilt“, murmelte sie. „Ruder?“

„Ja, Captain?“, meldete sich Lieutenant John Taranos.

„Bereiten Sie alles für den Sandström-Flug vor und gehen Sie auf maximale Beschleunigung, sobald Naderw an Bord ist.“

„Jawohl, Ma’am.“

Über Interkom meldete sich jetzt Bruder Guillermo auf der Brücke. „Captain, ich habe zusammen mit Nirat-Son versucht, die Ursache des 5-D-Rauscherns herauszufinden, auf das mich der I.O. hinwies.“

„Sind Sie zu einem Ergebnis gekommen, Bruder Guillermo?“

„Ja, Captain. Zumindest zu einem vorläufigen. Wir haben es mit einer sehr schwachen Resonanz von Impulsen zu tun, die auf fünfdimensionaler Ebene abgegeben werden. Diese Resonanz lässt sich auch im Sandström-Raum nachweisen. Ich habe die Daten unserer Sandström-Sonden herangezogen und konnte daher den Zwischenraumvektor bestimmen. Das 5-D-Signal wurde aus dem Nabman-System abgegeben. Plus minus anderthalb Lichtjahre.“

„Danke Bruder Guillermo“, sagte Sunfrost. „Wie es scheint, werden wir in ein paar Tagen genau an der richtigen Position sein, um der Sache weiter auf den Grund zu gehen.“

„Anscheinend haben die Etnord auf Nabman haufenweise Supertechnik der Alten Götter installiert“, mischte sich Taranos ein.

Ukasi tippte hektisch auf den Sensorfeldern seiner Konsole herum. „Ich habe mir Bruder Guillermos Daten auf das Display geholt, Captain“, meldete er sich zu Wort. „Es handelt sich um eine 5-D-Resonanz vom Y-Typ. Zwar sehr schwach ausgeprägt, aber dennoch eindeutig. Es ist dringend erforderlich, dass der Alpha-Faktor bei den Sandström-Aggregaten darauf abgestimmt wird, denn falls diese Resonanz bei der Annäherung an Nabman stärker wird, könnte es passieren, dass der Überlichtantrieb abrupt ausfällt und wir unkontrolliert in den Normalraum stürzen. Außerdem schlage ich vor, den Rest der Flotte ebenfalls auf dieses Phänomen hinzuweisen.“

Sunfrost war überrascht. „Sie scheinen sich in dieser Hinsicht auszukennen!“

Ukasi lächelte verhalten. „In meiner Zeit als Fähnrich gerieten wir in den Einflussbereich eines ähnlichen Phänomens. Ich kann Ihnen sagen, mit einer Austrittsgeschwindigkeit von über 0,7 LG mit einem Schiff in den Normalraum zu stürzen, dass für solche Geschwindigkeiten einfach nicht gebaut ist, gleicht einer Höllenfahrt, die ich ungern wiederholen möchte.“

„Wobei man bei 0,7 LG noch eine Überlebenschance hat, wenn man es schafft, schnell genug auf Werte zu kommen, die deutlich unter 0,6 LG liegen“, erklärte Van Doren.

„Was ist das Problem?“, fragte Taranos. „Die Zeitdilatation?“

„Nein, Lieutenant“, antwortete der Erste Offizier der STERNENKRIEGER. „Deren Auswirkungen erleben Sie dann gar nicht mehr. Es ist die Strahlung. Durch die hohen Geschwindigkeiten wird der Raum gestaucht – und dadurch auch die Wellenlänge des elektromagnetischen Spektrums. Aus der harmlosen Infrarotstrahlung und dem ebenso harmlosen sichtbaren Licht der umliegenden Sterne wird harte Gamma-Strahlung.“ Van Doren wandte sich an Sunfrost. „Ich war damals Kommandant der PLUTO und operierte ebenfalls im betroffenen Triple-Sun-Sektor. Daher bin ich mit dem Phänomen bestens vertraut.“

„Dann machen Sie eine entsprechende Meldung an alle Einheiten und sagen Sie dem L.I., dass er eine Anpassung des Alpha-Faktors vornehm soll“, befahl Sunfrost.

„Aye, aye, Captain.“

Sunfrost sah Van Doren erstaunt an und hob die Augenbrauen. „Sie waren tatsächlich in der Schlacht von Triple Sun dabei, I.O.?“ 

„Erster Qriid-Krieg, jawohl. Wir unterstützen die vor den Qriid geflüchteten Xabo.“

Sunfrost lächelte.

„Ich war damals noch Schülerin im Abschlussjahr und musste im Fach Politische Wissenschaften eine Medienanalyse über das Für und Wider eines Bündnisses mit den Xabo verfassen.“

„Ich vermute, Sie haben damals genauso blendend abgeschlossen wie später auf der Space Army Corps Akademie.“

„Leider nicht. Ich bekam die Note ausreichend, weil ich nicht die Auffassung meiner Lehrerin traf. Das hätte mir unter normalen Umständen sogar die Aufnahme auf die Ganymed-Akademie verhageln können, aber die Personalsituation der Raumstreitkräfte war damals auf Grund der hohen Verluste im Qriid-Krieg sehr angespannt und so wurde ich trotzdem aufgenommen.“

Van Doren schmunzelte verhalten. „Dann ist es also nicht übertrieben, zu behaupten, dass die Ereignisse um Triple Sun für uns beide von schicksalhafter Bedeutung waren.“

„Wenn Sie so wollen...“ 

19

Brückenkopf Trans-Alpha – 0,8 Astronomische Einheiten von der Wurmloch-Porta entfernt...

Commander Nina Singh krallte sich an den Armläufen ihres Kommandantensessels fest, als erneut eine starke Erschütterung die ALEXANDER durchlief.

Das Licht flackerte.

Der Notstrom wurde eingeschaltet, allerdings nur im Energiesparmodus, sodass lediglich abgedämpftes Licht herrschte.

„Der Plasma-Schirm ist weg!“, war die durchdringende Stimme von Lieutenant Commander David Kronstein, dem Ersten Offizier zu hören.

Kronstein sah auf sein Display. Der Schadensbericht war deprimierend. Es wurden Ausfälle bei der künstlichen Schwerkraft angezeigt. Auf ganzen Decks herrschten nur noch zwischen 0 und 0,3 g.

„Teilausfall der Waffensysteme“, meldete Lieutenant Charles Rahmani. Der für Waffen und Taktik zuständige Offizier schaltete hektisch an seiner Konsole herum. Mit atemberaubender Geschwindigkeit tippten seine Finger über den Touchscreen. „Breitseite rechts reagiert nicht mehr. Breitseite unten wird ausgerichtet.“

Augenblicke, in denen wir verwundbar sind, dachte Kronstein. Er spürte, dass auch bei seiner Kommandantin die Nerven blank lagen.

Entgegen jeder Vernunft hatte die NEPTUN unter Commander Wong bei der ALEXANDER ausgeharrt und dafür gesorgt, dass sie nicht völlig schutzlos blieb.

Nur ein Bruchteil der Gauss-Treffer, die von den Breitseiten der beiden Leichten Kreuzern der Scout-Klasse zu Abertausenden ins All gespuckt wurden, trafen auch ihre Gegner. Und davon gelang es wiederum nur sehr wenigen Projektilen, die Gravitationsschirme der Etnord-Raumer zu durchdringen. Manchmal war es nur Glück, wenn ein Projektil gerade im richtigen Auftreffwinkel auf den Schirm knallte  und ihn durchschlug. Oft genug war aber selbst die Auftreffgeschwindigkeit so gemildert, dass der Treffer nicht mehr einen Schusskanal durch die gesamte Einheit fräste, sondern lediglich die Außenpanzerung eindellte.

Auch solche Dellen konnten schwere Schäden verursachen, je nachdem wo und wie stark sie ausgeprägt waren. Durch eine Dellung ausgelöste plötzliche Druckschwankungen konnten unter ungünstigen Bedingungen Schotts sprengen und technische Aggregate in Mitleidenschaft ziehen. Außerdem litt die Stabilität der Außenhaut erheblich.

Aber der zerstörerischen Kraft eines glatten Gauss-Durchschusses waren diese Effekte natürlich nicht zu vergleichen.

Es waren zu wenig Jäger in diesem Abschnitt der Kampfzone im Einsatz. Eine Zone, die von Admiral Nainovel längst aufgegeben worden war.

David Kronstein stellte eine Interkom-Verbindung zum Maschinentrakt her. Montserrat Yukikawa, die Leitende Ingenieurin meldete sich. Es handelte sich um eine zierliche Frau mit hohen Wangenknochen und blauschwarzem, zu einem Knoten gebundenem Haar.

„Wie weit sind Sie, L.I.?“

„Die Kontrollsysteme für die Ionentriebwerke sind komplett ausgefallen und lassen sich auch nicht wieder hochfahren. Die durch die Strahlentreffer verursachten Interferenzen haben wirklich ganze Arbeit geleistet, Sir. Ich habe jetzt das Kontrollsystem einfach überbrückt. In ein paar Minuten versuchen wir eine Triebwerkszündung.“

„Besser Sie beeilen sich damit, L.I. sonst öffnen die unsere Panzerung mit Strahlkanonen wie eine Konserve!“

„Ich tue mein Bestes, Sir!“

„Das weiß ich. I.O., Ende.“

Die Verbindung wurde unterbrochen. Wieder erschütterte ein Treffer die ALEXANDER.

„Ich glaube, die Etnord fangen gerade damit an, I.O“, stellte Commander Singh fest. „Mit dem Aufschneiden der Konserve, meine ich.“

„Captain, eine Staffel mit dreißig Jägern nähert sich von Achtern“, meldete Ortungsoffizier Garcia.

„Na, fein, wir bekommen Unterstützung“, murmelte Singh.

Erneut wurde die ALEXANDER schwer getroffen. Für Sekunden war es stockdunkel auf der Brücke.

Als ein Teil der Beleuchtung wieder aktiviert wurde, zeigte der große Panoramaschirm nichts als einen Pixelsalat.

Das war ein Schlag ins Kontor, dachte Kronstein. Schiffsarzt Dr. McFadden lieferte einen Bericht über Verwundete und Tote. Aber angesichts der verzweifelten Lage, in der sich die ALEXANDER befand, ging das mehr oder minder unter.

Nina Singh gab schließlich den Befehl, dass alle gerade nicht im Dienst befindlichen Mannschaftsteile sich zu den Beiboot-Hangars begeben sollten.

Eine Flut von Gedanken durchraste David Kronstein. Er dachte an Yona Ramesh, seine Dauerfreundin auf dem Mars, der er fest versprochen hatte, zurück zu kehren. Ihr Bild erschien vor seinem inneren Auge, ihr Lächeln, der Blick ihrer dunklen Augen. Dieser Eindruck vermischte sich mit anderen Bildern, Eindrücken, Stimmen. Szenen aus der Kindheit, der Abschluss an der Space Army Corps Akademie, als er zusammen mit ein paar anderen frischgebackenen Fähnrichen mit Gauss-Gewehren auf herabsinkende Methantropfen schossen. Der Kommandoantritt auf der STERNENKRIEGER I – noch unter Captain Reilly – und die gemeinsamen Jahre mit Raphael Wong auf diesem Schiff. Erst als Fähnrich, zwei Jahre später als Lieutenant. Vielleicht ist es wirklich so, dass einem in dem Moment, in dem sich die Möglichkeit des eigenen Todes zur Gewissheit verdichtet, das ganze Leben an einem vorbeizieht, wie man es immer wieder hört. Sekundenschnell.

Ein dumpfes, brummendes Geräusch riss Kronstein aus seinen Gedanken heraus.

Es dauerte eine volle Sekunde, bis er begriffen hatte, was dies wirklich bedeutete.

Lieutenant Stroemfeld, der Rudergänger, fasste es in drei Worten zusammen.

„Der Ionenantrieb funktioniert!“

„Maximale Beschleunigung, Ruder!“, befahl Singh. „Funk?“

„Ja, Ma’am?“, meldete sich Lieutenant Bakir, der Kommunikationsoffizier.

„Stellen Sie eine Verbindung zur NEPTUN her.“

„Ja, Ma’am.“

Wenig später erschien das Gesicht von Commander Raphael Wong auf einem der Nebenbildschirme. Singh fasste den Stand der Dinge rasch zusammen. „Der Antrieb ist wieder einsatzfähig.“ 

„Dann nehmen Sie Kurs auf Rückzugspunkt 234-67-12. Wir müssen dem Feuer der eigenen Schiffe weiträumig ausweichen!“, befahl Wong.

„Aye, aye.“

„Unser Beschleunigungsvermögen liegt bei derzeit 60 Prozent.“

„Ich fürchte, wir können froh sein, wenn wir die überhaupt erreichen“, antwortete Kronstein.

Über Funk meldete sich Geschwader Lieutenant Baruch Davis, der eine Staffel von dreißig Jägern befehligte.

„Hier Davis. Wir hauen Sie raus, Captain Singh!“, war Davis’ Stimme über den Audiokanal zu hören.

„Aber gehen Sie keine unnötigen Risiken ein“, erwiderte Singh.

„Sorry, aber wir stehen nicht unter Ihrem Kommando, Ma’am!“, lautete Davis’ etwas flapsige Entgegnung. Der Audiokanal wurde daraufhin geschlossen. Die Jäger flogen in bewährter Manier einen Bogen und näherten sich den Etnord-Schiffen von hinten, wo sie nach dem freien Schusskanal zwischen den Gravitationsschirmen suchten.

Gleichzeitig flogen die Neptun und die ALEXANDER mit maximaler Beschleunigung ihrem Rückzugspunkt entgegen. Sie waren dabei gezwungen zu wenden und konnten dem Feind nicht mehr die todbringenden Breitseite zuwenden. Ein Nachteil der allerdings durch den koordinierten Einsatz der Jägerstaffel ausgeglichen wurde.

Die ALEXANDER bekam noch einen schweren Treffer in die Mannschaftsdecks, in denen sich zum Glück kaum Personen aufhielten. Eine ganze Sektion musste abgeschottet werden und ein Hüllenbruch mit einem Durchmesser von mehr als fünf Metern klaffte in der Außenpanzerung des Leichten Kreuzers. An eine Reinitialisierung des Plasma-Schirms war im Moment nicht im Traum zu denken, der Energiestatus war dazu schlicht ergreifend zu schwach.

Aber auch die NEPTUN unter Commander Wong hatte einiges abbekommen. Der Plasma-Schirm stand kurz vor dem Zusammenbruch und es gab Ausfälle mehrerer Lebenserhaltungssysteme, deren Funktion durch die Einschaltung von Notaggregaten ersetzt werden mussten. Außerdem hatten die Ionentriebwerke immer noch eine stark geminderte Leistungsfähigkeit.

Eines der Etnord-Schiffe platzte nach einem Volltreffer auseinander. Die glühenden Trümmerteile wurden in alle Richtungen geschleudert. Manche trafen auf die Gravitationsschirme von in der Nähe befindlichen Etnord-Einheiten, die die Teile als Querschläger auf eine ungewisse Reise schickten.

Ein zweites Etnord-Schiff erlitt einen Volltreffer. Es dümpelte als manövrierunfähiges Wrack dahin. Brände brauchen aus. Die Kristallschicht platzte auf der Länge eines Fußballfeldes ab und wenig später brachen auch neunzig Prozent der Gravitationsschirme zusammen. Die Projektoren waren offenbar ausgefallen. Zwei weitere Treffer durch Gauss-Geschosse sorgten für die endgültige Zerstörung.

Endlich erreichten beide Leichten Kreuzer eine Entfernung zum Gegner, die die Trefferhäufigkeit der Strahlenkanonen deutlich herabsetzte.

De Plasma-Schirm der NEPTUN hatte zu diesem Zeitpunkt gerade noch fünf Prozent seiner Wirkung.

Das bedeutete, es war so gut wie nichts von ihm übrig geblieben.

Die Etnord folgten den davonfliegenden Leichten Kreuzern NEPTUN und ALEXANDER jedoch nicht.

Zu sehr setzten ihnen die Jäger zu.

Als die beiden Leichten Kreuzer schließlich den anvisierten Rückzugspunkt erreicht hatte, wandte sich Admiral Nainovel über Funk im Konferenzmodus an beide Schiffe.

„Wir sind froh, dass wir Sie nicht verloren haben“, sagte der Befehlshaber der Brückenkopf-Flottille. „Ziehen Sie sich mit Ihren Schiffen hinter die neuen Verteidigungslinien zurück.“

Details

Seiten
0
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907377
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351925
Schlagworte
chronik sternenkrieger drei abenteuer

Autor

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Titel: Chronik der Sternenkrieger: Drei Abenteuer #8