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Das magische Amulett #94 Die wilde Herrin vom See

2017 120 Seiten

Leseprobe

DIE WILDE HERRIN VOM SEE

Das magische Amulett Band 94

Roman von Jan Gardemann

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Warum ist Daniel nur so mürrisch, fragt sich Brenda Logan, die mit ihrem Mann auf dem Weg in seinen Geburtsort ist, um den Geburtstag seiner Mutter zu feiern. Brenda hegt schon den Verdacht, dass Daniel ihr untreu ist. Doch der Grund ist ein ganz anderer. Daniel macht sich immer noch Vorwürfe über das plötzliche Verschwinden seiner Jugendliebe Lilith vor 12 Jahren, nach der er nie gesucht hat. Brenda sieht es nun als ihre Aufgabe an, ihrem Mann diese Last zu nehmen und nach dem Verbleib von Lilith zu forschen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2017

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Prolog

Loome kniff die Augen zusammen und spähte auf den See hinaus. Das Plätschern war nun immer deutlicher zu hören. Auch gerieten die Nebel in der Mitte des Sees nun in Wallung. Gespenstisch waberten sie hin und her, als würde sich etwas in ihnen bewegen. Loome bekam eine Gänsehaut. Er war ein hartgesottener Kerl. Aber das hier überstieg seine Nervenkraft. In dem wallenden Nebel zeichnete sich plötzlich eine schemenhafte Gestalt ab. Sie schien direkt auf Loome zuzukommen. Die Nebel folgten ihr auch, schoben sich rasch auf Loome zu und hüllten ihn ein, so dass er jetzt von fahl leuchtendem, milchigem Dunst umfangen war. Der Ganove gab ein ersticktes Röcheln von sich und wich einen Schritt vom Ufer zurück. Aber der Nebel gab ihn nicht wieder frei ...

 

 

1

Daniel schlang von hinten die Arme um meinen Unterleib und zog mich zu sich heran. Mit dem Rücken schmiegte ich mich an seine breite Brust und lehnte den Kopf wohlig an seine Schulter.

»Es ist wunderschön hier«, murmelte ich, wandte Daniel kurz das Gesicht zu und küsste ihn.

Wir standen neben Daniels elegantem Sportwagen und schauten den Hügel hinab, auf dem wir uns befanden. Vor uns breitete sich eine malerische Landschaft aus. Kleine Felder wechselten sich mit dichten urigen Wäldern ab. Sie überzogen einen hügeligen einsamen Landstrich, über den ein frischer kräftiger Wind hinwegfegte. Er wehte von der nahen Küste herüber, peitschte die Halme auf den Feldern und ließ die Kronen der mächtigen alten Bäume rauschen.

Das graue Asphaltband der Straße führte zu einem kleinen Ort hinab, dessen Fachwerkhäuser und Höfe sich kaum von der urigen, windgebeutelten Landschaft abhoben. Das Dorf hieß Witheham und war der Geburtsort von Daniel Connors, meinem geliebten Ehemann.

»Jeder Flecken hier ist mit Erinnerungen behaftet«, murmelte Daniel gedankenverloren, während er seinen Blick über Witheham schweifen ließ.

»Ist das der Grund, warum du die Einladung deiner Mutter ausschlagen wolltest?«, fragte ich.

Lisa Connors, Daniels Mutter, hatte vor einer Woche bei uns in London angerufen und mich gefragt, ob Daniel und ich zu ihrem Geburtstag kommen würden. Ich hatte natürlich gleich zugesagt. Als ich Daniel darin aber am Abend von dem Telefonat berichtete, machte er bloß ein düsteres Gesicht und behauptete, er müsse am Geburtstag seiner Mutter im St. Thomas Hospital Dienst schieben, wo er als Arzt und Neurologe arbeitete. Erst als ich auf ihn einredete und ihn drängte, sich frei zu nehmen, lenkte er schließlich ein. Wohl schien er sich dabei aber nicht zu fühlen.

Und daran schien sich auch jetzt nichts geändert zu haben. Meine Frage schien er gar nicht gehört zu haben. Düster starrte er auf Witheham hinab. Sein markantes Gesicht hatte einen grimmigen Ausdruck angenommen, die blauen Augen waren zusammengekniffen und schattig. Wind fuhr durch sein hellbraunes lockiges Haar.

»Was ist los mit dir?«, fragte ich und drehte mich in seinen Armen zu ihm um. Daniel zuckte mit den Schultern.

»Nichts«, behauptete er lapidar. »Es müssen wohl die Erinnerungen sein, die mich ein wenig schwermütig stimmen.«

Ich strich mir eine Strähne meines weizenblonden Haars aus dem Gesicht und sah Daniel von unten prüfend ins Gesicht.

»Wir sind nun schon seit über drei Jahren verheiratet«, sagte ich. »Du kannst mir nichts vormachen, mein Schatz. Irgendetwas bedrückt dich doch. Ist es die Erinnerung an unsere Hochzeit?« Wir hatten in Witheham geheiratet. Daniel lächelte mit einem Mundwinkel.

»Unsinn, Brenda«, sagte er. »Wie kommst du denn auf so etwas?«

»Die Hochzeit war nicht so verlaufen, wie wir es uns gewünscht hatten«, sagte ich. »Die unheimlichen Vorfälle in der Kirche von Witheham hätten unsere Hochzeit fast verhindert.«

Daniel schüttelte den Kopf und strich mir mit der Hand zärtlich über die Wange.

»Unheimliche Vorfälle gehören nun einmal zu unserem Leben dazu«, sagte er sanft. »Das wusste ich schon vor unserer Hochzeit. Du bist eine engagierte Archäologin und Amulettforscherin. Das Übersinnliche gehört zu deinem Job wie zu meinem Beruf Operationen im OP-Saal.«

»Ich glaube nicht, dass du die Jagd nach magischen Amuletten mit deiner Arbeit vergleichen kannst«, bezweifelte ich ernst. »Deine Patienten glauben an dich und die Medizin. Doch an übersinnliche Phänomene und Magie glauben nur ganz wenige Menschen. Würde ich von meinen Abenteuern erzählen, wie du etwa über eine gelungene Operation, würden meine Kollegen mich für verrückt erklären.«

»Ich glaube dir aber«, erwiderte Daniel leichthin und lächelte charmant. »Schließlich haben wir zusammen unzählige mysteriöse Abenteuer bestanden. Mir würde etwas fehlen, wenn sich daran eines Tages etwas ändern sollte.«

Ich atmete erleichtert auf. Daniel meinte es wirklich ernst. Die Erinnerung an die Vorkommnisse während unserer Hochzeit in Witheham waren es also nicht, die ihm aufs Gemüt schlugen. Einen Moment hatte ich tatsächlich befürchtet, die Erinnerung an unsere turbulente Hochzeit hätte ihm vor Augen geführt, was für ein ungewöhnliches und unruhiges Leben wir führten. Ich hatte befürchtet, er würde sich tief in seinem Innern nach einem anderen Leben sehnen. Nach einem Leben in Harmonie, ohne die ständige Angst, jeden Moment könnten unheimliche Ereignisse uns einholen und das Leben zur Hölle machen. Ich selbst sehnte mich manchmal nämlich nach einem gewöhnlichen Leben. Aber es war mir nicht vergönnt. Damit hatte ich mich abgefunden. Und wie es aussah, hatte Daniel es auch.

Aber warum war er dann so betrübt?

Ich wandte mich in Daniels Armen wieder der Landschaft zu und schaute auf Witheham hinab. Das Dorf machte einen friedlichen, verschlafenen Eindruck. Ich war in London aufgewachsen, und zusammen mit Daniel wohnte ich in einer Atelierwohnung mitten in der City. Der friedliche Anblick des einsamen Ortes weckte in mir wildromantische, behagliche Gefühle. Nach unserer Hochzeit hatten wir Witheham und Daniels Eltern nur einige wenige Male besucht. Unsere Berufe und die haarsträubenden Abenteuer, in die die magischen Amulette mich ständig verstrickten, brachten es mit sich, dass für einen Besuch bei Daniels Eltern nur wenig Zeit geblieben war. Daniels momentanes Befinden ließ jedoch nun den Verdacht in mir aufsteigen, dass es für die seltenen Besuche noch einen anderen Grund geben könnte. Doch Daniel schien nicht gewillt, darüber mit mir zu sprechen.

Plötzlich drang Sonnenlicht durch die dichte Wolkendecke. Ein breitgefächerter goldener Strahl fiel aus den Wolken herab in den dichten Wald, der Witheham umgab. Etwas Blausilbernes glitzerte plötzlich zwischen den finsteren Baumriesen hervor.

»Sieh mal!«, rief ich beglückt von dem reizvollen Anblick und deutete auf den Wald hinunter. »Dort unten in dem Wald muss ein See liegen!«

Daniel nickte.

»Es ist der Withelake«, erklärte er. »Als Junge bin ich dort oft baden und schwimmen gewesen. Der See ist ziemlich tief und gilt als tückisch. Es soll sogar mal ein Kind darin ertrunken sein. Aber ich bin mir nicht sicher, ob das wirklich stimmt, oder ob die Erwachsenen diese Schauergeschichte nur erfanden, damit wir beim Schwimmen vorsichtig waren.«

Ich lachte.

»So entstehen Legenden«, erklärte ich. »Wahrscheinlich spinnen die Kinder die Erzählung der Eltern noch weiter aus und behaupteten, in dem See würde der Geist des Ertrunkenen umgehen.«

»Du hast recht«, lachte Daniel. »So war es tatsächlich. Der See ist sehr trübe. Sogar am Ufer kann man nicht auf den Grund sehen. Wenn wir auf den See hinausschwammen und unter uns den Schatten eines Fisches dahin huschen sahen, sind wir kreischend zum Ufer geflohen, weil wir glaubten, den Geist des ertrunkenen Kindes gesehen zu haben. Nachts und hinter vorgehaltener Hand erzählten wir uns, der Geist würde denjenigen, den er erwischte, bis auf den Grund des Sees hinabziehen und dort so lange festhalten, bis man ertrunken war.«

Ich schüttelte mich und schmiegte mich wieder enger in Daniels Arme.

»Ich hoffe, an dieser Geschichte ist nicht doch mehr dran, als du annimmst, Daniel«, sagte ich im Scherz und mit gruseliger Stimme. »Stell dir vor, was deine Mutter sagen würde, wenn der Seegeist zu ihrer Geburtstagsfeier kommen und nach einem Stück Sahnekuchen verlangen würde.«

Daniel lachte herzhaft, wurde dann aber plötzlich wieder ernst. Starr und düster blickte er vor sich hin. Ich seufzte und schüttelte den Kopf.

»Jedes Mal, wenn von dem Geburtstag deiner Mutter die Rede ist, verfällst du in Trübsinn.«

Daniel ließ die Arme von mir abgleiten.

»Lass uns weiterfahren«, sagte er ausweichend. »Mom und Dad erwarten uns bestimmt schon.«

Schweigend stiegen wir ins Auto. Daniel startete den Motor und fuhr die Straße hinab nach Witheham - den Blick düster auf die urigen Fachwerkhäuser des Ortes gerichtet.

 

 

2

Das Anwesen der Connors war von einer Allee aus hohen alten Eichen umgeben. Zwischen den dunklen mächtigen Stämmen schimmerte weiß das prächtige Wohnhaus hervor. Die Fachwerkbalken waren dunkel und alt. Aber die Mauersegmente dazwischen strahlten hell und weiß. Das verwinkelte Dach mit seinen Gauben und Erkern verlieh dem alten Anwesen ein märchenhaftes, uriges Aussehen. Die Hofeinfahrt wurde von zwei Säulen aus Feldsteinen gesäumt, die dem alten schmiedeeisernen Tor als Einfassung dienten. Das Tor stand offen. Man erwartete uns bereits.

Tatsächlich flog die Haustür auch sogleich auf, kaum dass Daniel in die Hofeinfahrt gebogen war. Lisa und Peter Connors, Daniels Eltern, eilten mit freudestrahlenden Gesichtern auf uns zu.

Lisa war eine untersetzte Frau und über fünfzig Jahre alt. Ihr langes kastanienbraunes Haar hatte sie hinten zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden. Sie lachte und winkte und schien sehr aufgeregt zu sein. Peter Connors, ein stattlicher Mann mit gelichtetem Haar und braunem, wettergegerbtem Gesicht, in dem die blauen Augen förmlich zu leuchten schienen, verschränkte die Arme vor der Brust und nickte uns lächelnd zu.

Daniel stoppte den Wagen neben dem Auto seiner Eltern, und wir stiegen aus. Lisa schloss mich warmherzig in ihre Arme und drückte mich.

»Brenda!«, rief sie glücklich. »Ich bin ja so froh, dich zu sehen.«

»Ich habe mich sehr über deine Einladung gefreut«, erwiderte ich freundlich. Lisa hatte erst morgen Geburtstag. Nachdem ich Daniel aber erst umgestimmt hatte, sich wegen dieses Anlasses frei zu nehmen, hatte ich bei Lisa angerufen, und wir hatten vereinbart, dass Daniel und ich gleich das ganze Wochenende in Witheham verbringen würden.

»Jetzt, da ihr beide hier seid, wird mein Geburtstag auch ein freudiges Ereignis für mich werden«, sagte Lisa gerührt. Sie ließ von mir ab und trat zögernd auf ihren Sohn zu.

»Schön, dass du doch noch gekommen bist«, sagte sie mit gedämpfter Stimme und schloss Daniel dann in ihre Arme. Doch Daniel erwiderte diese Geste nur halbherzig und erwiderte nichts.

Peter Connors stand plötzlich vor mir. Er ergriff meine Hand und schüttelte sie kameradschaftlich.

»Du siehst gut aus, Brenda«, schmeichelte er. »Daniel hat den guten Geschmack von seinem Vater geerbt - das ist nicht zu verkennen.«

»Hallo Peter«, erwiderte ich lächelnd, stellte mich rasch auf die Zehenspitzen und hauchte meinem Schwiegervater einen Kuss auf die Wange.

Die Connors waren für mich so etwas wie ein Elternersatz geworden. Meine Eltern waren nämlich bei einem Busunglück ums Leben gekommen, als ich noch ein Mädchen war. Ich wuchs bei meiner Großmutter in London auf. Aber auch sie war seit langem tot. Eine richtige Familie hatte ich nie gehabt. Erst seit meiner Hochzeit wusste ich, was es bedeutete, einer richtigen Familie anzugehören.

Peter ging auf seinen Sohn zu, schüttelte ihm kräftig die Hand und schlug ihm auf die Schulter. »Es ist anständig von dir, mein Junge, dass du dich endlich dazu entschlossen hast, deiner Mutter auf ihrem Geburtstag einen Besuch abzustatten.«

Daniel nickte nur ernst und schaute dann zu Boden.

Ich schaute mich auf dem Hof um. Und da außer dem Wagen der Connors und dem von Daniel keiner zu sehen war, fragte ich: »Ist Xenia denn noch nicht da?«

Xenia war Daniels Adoptivschwester und um einiges jünger als er. Mit ihrer erfrischenden, frechen Art hatte sie immer frischen Wind in die Familientreffen gebracht.

Lisa zuckte betrübt mit den Achseln.

»Xenia ist mit ihrem Mann nach Indien gereist«, erklärte sie. »Er hatte dort geschäftlich zu tun und wollte auf die Gesellschaft seiner Frau nicht verzichten.«

Peter blinzelte mir zu.

»Dafür gibt es auch einen bestimmten Grund«, meinte er schmunzelnd. »Die beiden möchten nämlich gerne ein Kind. Und da solche kleinen Bälger ja bekanntlich nicht vom Klapperstorch gebracht werden, ist ein Zusammensein der beiden unabdingbar.«

Lisa knuffte ihrem Mann mit dem Ellenbogen in die Seite.

»Du solltest dieses Thema nicht vor Brenda und Daniel ansprechen«, sagte sie tadelnd.

»Warum denn nicht?«, erwiderte ich vergnügt. »Nur weil Daniel und ich vorerst keine Kinder wollen, bedeutet das nicht, dass wir uns nicht über Nachwuchs in der Familie freuen können.«

Ich ging zu Daniel und hakte mich bei ihm unter.

»Ich würde mich für Xenia freuen, wenn ihr Kinderwunsch in Erfüllung geht. Sie ist bestimmt eine gute Mutter.«

»Sprechen wir nicht mehr darüber«, winkte Peter ab. »Ihr wisst, wie sehr Lisa und ich uns über Enkel freuen würden. Aber natürlich wollen wir auch nicht drängen.«

Ich schaute verstohlen zu Daniel auf. War dies der Grund, warum er seine Mutter nicht hatte besuchen wollen? Weil er bei seinen Eltern den stillen Vorwurf spürte, dass er nach drei Jahren Ehe noch immer keine Kinder hatte?

Daniel machte sich von mir los und holte die Koffer aus dem Wagen.

»Brenda und ich wollen uns ein bisschen frisch machen«, erklärte er knapp. »In einer Stunde treffen wir uns dann zum Tee.«

 

 

3

Das Gästezimmer lag im ersten Stock des Gebäudes. Ich kannte es von meinem ersten Aufenthalt in Witheham. In dem pompösen Himmelbett in der Mitte des Zimmers hatten Daniel und ich unsere Hochzeitsnacht verbracht. Eine Nacht, an die ich auch heute noch oft und gerne zurückdenke.

Daniel stellte die Koffer vor dem Schrank ab und traf Anstalten, ihren Inhalt in die Fächer zu räumen. Doch ich packte ihn an den Aufschlägen seiner Jacke, zog ihn rückwärts zum Bett und ließ mich in die Kissen fallen, wobei ich Daniel kurzerhand mitriss, so dass er schließlich auf mir lag.

»Erinnerst du dich noch an unsere erste gemeinsame Nacht in diesem Bett?«, hauchte ich Daniel ins Ohr.

»Na klar«, erwiderte Daniel grinsend und sah mir tief in die Augen. Verlangend schlang ich meine Arme um seinen Hals. Ich küsste Daniel auf den Mund und drängte mich leidenschaftlich und bebend an seinen starken muskulösen Körper. Ein wohliges Kribbeln durchströmte mein Inneres, als ich Daniels kosende Hände auf meinen Rundungen spürte.

Doch dann hielt Daniel plötzlich inne. Auch sein Mund fühlte sich beim Küssen nicht mehr so weich und sinnlich an. Verwundert löste ich mich von ihm und sah ihn fragend an.

»Was ist los mit dir, Daniel? Hast du etwa keine Lust auf mich?«

Daniel erhob sich. Seine Miene war ernst.

»Es tut mir leid, Brenda«, sagte er. »Mir gehen so viele Dinge durch den Kopf.«

Er wandte sich ab und trat an das Sprossenfenster. Nachdenklich schaute er nach draußen.

Ich kroch aus dem Bett, ging zu Daniel und schlang von hinten die Arme um seinen breiten Brustkorb.

»Warum sagst du mir nicht einfach, was dich bedrückt?« fragte ich einfühlsam und schmiegte mich dicht an seinen Rücken. Daniel schüttelte den Kopf.

»Es ist nichts«, sagte er gedehnt. »Nur eine sentimentale, alberne Erinnerung - mehr nicht.«

Plötzlich glaubte ich zu wissen, was mit Daniel los war - und diese Erkenntnis versetzte mir einen leichten Stich ins Herz.

»Du ... du hast Liebeskummer«, sagte ich und ließ Daniel unwillkürlich los. »Aber es ist nicht wegen mir. Du denkst die ganze Zeit an eine andere Frau. Hast du etwa eine Geliebte?« Mir wurde schwindelig. Daniel und ich führten ein angefülltes, aufregendes Liebesleben. Nie wäre mir in den Sinn gekommen, er könnte mich betrügen. Doch sein Verhalten ließ keinen anderen Rückschluss zu.

Daniel drehte sich zu mir um.

»Ich liebe dich, Brenda«, sagte er mit fester Stimme. »Und ich liebe dich mehr, als ich einen Menschen je geliebt habe.«

Misstrauisch sah ich ihm in seine blauen Augen. Es lag ein leiser unterschwelliger Schmerz in ihnen.

»Warum, um Gottes willen, bist du denn so komisch? Sag mir endlich, was dir durch den Kopf geht!«

Daniel presste die Lippen zusammen. Dann sagte er mit rauer, leiser Stimme: »Du hast recht, Brenda. Seit wir nach Witheham aufbrachen, muss ich tatsächlich an eine andere Frau denken. Ihr Name ist Lilith Grendell. Ich ging mit ihr, als ich achtzehn war.«

Verletzt starrte ich Daniel an.

»Eine Jugendliebe also«, stellte ich rau fest. »Hast du diese Lilith in letzter Zeit getroffen? Sei ehrlich, Daniel! Ich will die Wahrheit wissen!«

Daniel sah mich verständnislos an. Dann lächelte er breit und schüttelte den Kopf.

»Du bist ja eifersüchtig, Brenda. Aber dazu besteht überhaupt keine Veranlassung. Ich habe Lilith zuletzt vor zwölf Jahren gesehen.«

»Und warum hängst du ihr in Gedanken noch immer nach?«, wollte ich wissen. »Es muss etwas Unerledigtes zwischen euch sein.«

Daniels Gesicht wurde wieder verschlossen und nachdenklich.

»Du brauchst dir keine Sorgen zu machen«, sagte Daniel, »Lilith ist spurlos verschwunden. Niemand weiß, was aus ihr wurde.«

»Warum hast du mir nie von dieser Lilith erzählt?«

Daniel zuckte mit den Schultern.

»Seit wir beide zusammen sind, habe ich nicht mehr an sie gedacht. Erst der anstehende Geburtstagsbesuch bei meiner Mutter hat sie mir wieder in Erinnerung gerufen.«

»Wolltest du deswegen nicht nach Witheham?«

Daniel nickte und umfasste meine Hüften mit seinen Händen. Es fühlte sich vertraut und gut an.

»Ich wollte nicht, dass diese Erinnerungen wieder in mir hochkommen«, sagte er. »Lilith war ein hübsches, attraktives Mädchen. Ich hatte sie sehr geliebt damals. Aber diese Gefühle sind nichts im Vergleich zu dem, was ich für dich empfinde, Brenda.«

»Dann vergiss Lilith doch einfach wieder«, sagte ich leichthin und schlang meine Arme um seinen Nacken. Daniel neigte sein Gesicht zu mir herab und unsere Lippen vereinigten sich. Wir küssten uns lange, immer wilder und leidenschaftlicher pressten wir die Lippen aufeinander und spielten mit unseren Zungen. Meine Lust wurde aufs Neue entfach, und ich schmiegte mich eng an Daniel, um seinen aufregenden starken Körper zu spüren. Daniel drängte mich zum Bett. Und noch während wir in die weichen Kissen sanken, rissen wir uns voller Ungeduld die Klamotten vom Leib. Nackt schmiegten wir uns aneinander und versanken in einem Meer aus Lust und Leidenschaft ...

 

 

4

»Wir sind da.«

Der Mann, der dies sagte, hieß Nelson Craig. Er war ein athletischer Typ mit blondem Haar und smartem Gesicht, trug einen braunen maßgeschneiderten Anzug und Lackschuhe. Die teuren Schuhe waren staubig und der Anzug fleckig. Craig stemmte die Hände in die Hüften und sah auf den düsteren, von Bäumen umstandenen See hinaus.

Ein grobschlächtiger Mann in Jeans und Blazer trat neben Craig. Sein zerfurchtes Gesicht verriet Unbehagen. Finster blickte er über den See hinweg.

»Vielleicht hätten wir doch lieber ein anderes Versteck suchen sollen«, sagte er.

»Hast du etwa Angst, Walt?«, ertönte hinter den beiden Männern eine schneidende, ätzende Stimme. Sie gehörte Andru Loome, dem dritten Mann der Clique. Loome war ein hagerer drahtiger Kerl, dem seine wahre Kraft und Ausdauer nicht anzusehen war. Er war ein verschlagener, bösartiger Mensch. Loome trug einen schwarzen Sakko, schwarze Schuhe und sah genauso verstaubt und schmuddelig aus wie seine beiden Komplizen.

Walt Simson, der Kräftigste des Dreiergespanns, drehte sich zu Loome um, der im Schatten eines Baumes stand und verschlagen zu den beiden Männern am See hinüberschaute.

»Wovor sollte ich denn Angst haben?«, grollte Simon und ballte die Fäuste. Er mochte Loome nicht. Seine ständigen Sticheleien verletzten ihn mehr, als er nach außen hin zeigte.

Seit Tagen waren sie zu Fuß im Norden Englands unterwegs. Sie befanden sich auf der Flucht vor der Polizei, die sie wegen mehrerer Kapitalverbrechen suchte. Zuletzt hatten sie sich in London aufgehalten und dort einige Coups gelandet. Doch auch in der englischen Metropole war ihnen das Pflaster schließlich zu heiß geworden. Fast waren sie von zwei Polizisten in Streifendienst verhaftet worden. Es kam sogar zu einem Schusswechsel. Einer der Polizisten wurde dabei schwer verletzt. Er lag jetzt im Krankenhaus und schwebte in Lebensgefahr.

Loome schnitzte gelangweilt an einem Ast herum und deutete nun mit der Waffe auf den See. »Hier hat alles angefangen, Walt«, sagte er höhnisch. »Oder hast du das vergessen? So blöd kannst selbst du nicht sein.«

»Ich bin nicht dumm!«, schrie Simson. »Und darum frage ich mich auch, ob es wirklich schlau war, zu diesem See zurückzukehren.«

»Du hast also doch Angst«, höhnte Loome und schnitzte gelassen an dem Holz herum. Späne fielen zu Boden, Loome spuckte verächtlich aus.

»Hört auf zu streiten!«, herrschte Craig die beiden an. Dann sah er Simson von der Seite an.

»Wir sind hier sicher, Walt«, sagte er in versöhnlichem Tonfall. »Niemand wird uns hier suchen. Außerdem weiß keiner, was damals an diesem See vorgefallen ist. Wir haben also nichts zu befürchten.«

Simson zuckte unbehaglich die massigen Schultern und wandte sich wieder dem See zu.

»Trotzdem, Boss«, grolle er leise, so dass Loome ihn nicht verstehen konnte. »Ich habe so ein komisches Gefühl, dass wir besser nicht hierher zurückgekehrt wären.«

»Unsinn«, erwiderte Craig. »Seit wann hörst du auf deine Gefühle? Tu nur, was ich dir sage! Es ist besser für dich, das weißt du.«

Simson nickte. »Du bist der Boss, Craig.«

Craig tätschelte den muskulösen Oberarm seines Komplizen.

»Wir werden einige Tage hierbleiben. Wenn die Wogen sich geglättet haben, versuchen wir, England mit einem Schiff zu verlassen. Vielleicht fahren wir sogar nach Amerika, ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten.«

Auf Simsons einfältiges Gesicht malte sich ein Strahlen. Craigs Worte hatten ihm wieder Hoffnung gegeben.

»Und nun geh und halte nach diesem Holzhaus Ausschau! So weit ich mich erinnere, muss es hier irgendwo im Wald in der Nähe des Ufers stehen.«

Simson nickte. »Ich glaube, ich weiß noch, wo es stand«, sagte er und drehte sich von Craig weg. Dann stapfte er das Ufer entlang.

»Und pass auf, dass dich keiner sieht!«, rief Craig ihm nach. »Es soll niemand erfahren, dass wir hier sind!«

»Geht klar!«, erwiderte Simson und hob die Hand. Dann war er im Wald verschwunden.

Loome verstaute das Messer und stieß sich von dem Baum ab.

»Was meinst du, wie lange du diesen Idioten noch hinhalten kannst?«, fragte er kalt. »Irgendwann wird auch Walt merken, dass du mit deinem Latein am Ende bist, Craig.«

»Halt die Klappe, Loome!«, fuhr Craig seinen Komplizen an. »Wir stecken alle drei bis zum Hals in Schwierigkeiten. Und nur, wenn wir zusammenhalten, werden wir uns aus diesem Schlamassel wieder befreien.«

»Da bin ich mir nicht mehr so sicher«, erwiderte Loome und starrte Craig herausfordernd an. »Du hast Fehler gemacht, Craig. Das sollte einem guten Boss nicht passieren.«

»Wenn du den Bullen nicht niedergeschossen hättest, Loome, wäre jetzt nicht die halbe Polizei von England hinter uns her!«, schrie Craig. In letzter Zeit verlor er öfter und schneller als gewöhnlich die Nerven. Nur, wenn er mit Simson sprach, war er anders. Der grobschlächtige, einfältige Hüne übte einen beruhigenden Einfluss auf ihn aus. Ganz anders Loome. Er war verschlagen und schien nur darauf zu lauern, Craig das Heft aus der Hand zu nehmen, um die Gruppe selbst anzuführen. Aber so weit würde Craig es nicht kommen lassen. Er nahm sich vor, Loome genau im Auge zu behalten.

»Der Bulle hätte mir eben nicht in die Quere kommen dürfen«, sagte Loome ungerührt. »Und das rate ich auch allen anderen.«

»Hier am See sind wir ungestört«, erklärte Craig. »Es kommen höchstens ein paar Kinder aus Witheham, um zu schwimmen. Dann verstecken wir uns, bis sie wieder fort sind.«

Loome spuckte aus.

»So weit ist es mit uns schon gekommen, dass wir uns vor Kindern verstecken müssen.«

»Die Zeiten werden sich auch wieder ändern«, versprach Craig.

In diesem Moment sah er Simson. Einige hundert Meter entfernt war er aus dem Wald an den See getreten und winkte den beiden Männern mit hochgerissenen Armen zu.

»Was fuchtelt dieser Idiot wie ein Gorilla mit den Armen herum?«, fragte Loome verächtlich.

»Er wird die Hütte gefunden haben«, erwiderte Craig.

Loome grinste schräg.

»Dort hat unsere Verbrecherlaufbahn begonnen«, meinte er und nickte. »Keine schlechte Idee, ausgerechnet hier Unterschlupf zu suchen.«

»Darum bin ich der Boss«, konterte Craig, »und du bloß ausführendes Organ. Wir gehen jetzt zu Simson und untersuchen die Hütte.«

Loome brummte etwas vor sich hin, warf das Holzstück, an dem er zuvor geschnitzt hatte, achtlos zu Boden und setzte sich in Bewegung. Nach kurzer Zeit erreichten die beiden Simson, der mit in den Taschen vergrabenen Händen auf sie gewartet hatte.

»Dort ist sie«, sagte er und deutete mit einem Kopfnicken zu einer Hütte hinüber. Im Schatten des Waldes war sie kaum auszumachen, denn das Holz der Hütte war mit den Jahren dunkel und morsch geworden. Pilze und Moos wucherten in den Ritzen, und auf dem Dach wuchsen sogar Baumsprösslinge.

»Wie sieht es drinnen aus?«, wollte Craig von Simson wissen. Der Hüne zuckte die massigen Schultern und verzog das Gesicht.

»Keine Ahnung«, meinte er. »Hab mich nicht getraut, nachzusehen.«

Loome fasste sich an den Kopf.

»Du lockst uns hierher und weißt nicht einmal, ob jemand in der Hütte ist?«, fragte er fassungslos. »Wie blöd bist du eigentlich? Willst du, dass uns jemand entdeckt?«

»Still!«, zischte Craig. »So, wie die Hütte aussieht, ist sie schon seit Jahren von niemandem mehr betreten worden.« Er ging auf die dunkle Hütte zwischen den mächtigen Baumstämmen zu. Hüfthoch stand das Gras und das Farnkraut um das windschiefe Bauwerk. Die Pflanzen waren unversehrt. Nichts wies darauf hin, dass die Hütte noch benutzt wurde.

»Passt auf, dass ihr nicht alles niedertrampelt!«, wies Craig seine beiden Komplizen an. »Es soll nicht jeder auf dem ersten Blick erkennen, dass die Hütte Besuch bekommen hat.« Vorsichtig streifte er durch den Farn und hatte kurz darauf die Hüttentür erreicht. Sie quietschte in den Angeln, als Craig sie öffnete. Dann verschwand er in der dunklen Öffnung.

»Du bleibst hier, Walt, und schlägst Alarm, wenn jemand kommt!«, befahl Loome. »Mit deiner tolpatschigen Art würdest du das Gras und den Farn sowieso nur zertrampeln.«

»Du hast mir gar nichts zu sagen«, erwiderte Simson grimmig. Loome funkelte den Hünen durchdringend an. »Leg dich nicht mit mir an, Walt! Du würdest den Kürzeren ziehen.«

Simson wich unwillkürlich einen Schritt zurück. Er wusste, wie verschlagen und hinterhältig Loome sein konnte.

»Lass mich in Ruhe!«, grollte er und ballte die Fäuste. Dann fluchte er, denn er bekam plötzlich einen nassen Fuß. Ohne es bemerkt zu haben, hatte er einen Fuß in den See gesetzt, als er vor Loome zurückgewichen war. Loome lachte schadenfroh, als er bemerkte, was geschehen war.

Doch plötzlich gefror ihm das Lachen auf den Lippen. Mit weit aufgerissenen Augen starrte er an Simson vorbei auf den See hinaus. Einen derartigen Gesichtsausdruck hatte Simson bei seinem abgebrühten Komplizen noch nie gesehen. Unbehaglich drehte er den Kopf Richtung See, um zu sehen, was Loome so erschreckt hatte.

In der Mitte des Sees, dessen Wasser dunkel und grün war, war die vom Wind leicht gekräuselte Oberfläche in Wallung geraten. Es sah aus, als würde das Wasser an dieser Stelle kochen. Blasen durchbrachen die Oberfläche und Wasser wölbte sich buckelförmig auf, als würde sich dort eine Quelle befinden.

Dann war der Spuk plötzlich wieder vorbei. Nur die konzentrischen Wellen, die Richtung Ufer drifteten, verrieten noch, dass sich auf dem See soeben etwas Sonderbares abgespielt hatte.

»Was ... was war das?«, stammelte Simson. Er drehte sich zu Loome um. Der schien sich inzwischen wieder gefangen zu haben und zuckte nur gleichmütig mit den Schultern.

»Wahrscheinlich ein Fisch, du Dummkopf«, schnappte er gereizt. »Es lauern bestimmt etliche kapitale Burschen unter der Oberfläche. Es würde sich lohnen, hier zu angeln.«

Simson wollte Loome gerade erklären, dass es unmöglich ein Fisch gewesen sein konnte, der den See zum Kochen gebracht hatte. Doch da trat Craig plötzlich aus der Hütte. Der winkte seinen Komplizen zu.

»Die Hütte ist ein ideales Versteck!«, rief er. »Wenn ihr keine Dummheiten macht, werden wir hier einige Tage verbringen können, ohne, dass uns jemand bemerkt!«

 

 

5

Frisch geduscht und in ausgelassener Stimmung begaben Daniel und ich uns in den großen Speisesaal. Daniels Eltern waren gerade damit beschäftigt, den Saal für das morgige Fest zu schmücken. Sie hängten bunte Girlanden an die Decke und die Wände. Als wir eintraten, unterbrachen sie die Arbeit und setzten sich an den Tisch, auf dem Lisa alles für ein Dinner vorbereitet hatte.

»Ihr scheint für morgen ja eine Menge Gäste zu erwarten«, bemerkte ich und schaute mich in der schon recht festlich aussehenden Halle um.

Lisa nickte stolz.

»Ich will meinen Geburtstag diesmal ganz groß feiern.« Sie blinzelte mir zu. »Schließlich werde ich morgen fünfundfünfzig.«

»Wen hast du denn diesmal von der Feier ausgeschlossen?«, fragte Daniel mürrisch.

Das freudige Strahlen wich augenblicklich aus Lisas Gesicht. Betrübt schaute sie auf ihren Teller hinab.

»Ich habe alle eingeladen, die mir etwas bedeuten«, sagte sie leise. Tränen traten ihr plötzlich in die Augen. Peter knüllte seine Serviette zusammen und warf sie neben seinen Teller auf den Tisch. Vorwurfsvoll starrte er seinen Sohn an.

»Was soll diese Stichelei, Daniel?«, fragte er erregt. Lisa legte ihrem Mann begütigend eine Hand auf den Unterarm.

»Lass nur«, sagte sie traurig. »Daniel kann mir die Sache mit Lilith noch immer nicht verzeihen.«

Peter machte eine wegwerfende Geste.

»Unsinn!«, rief er und sah seinen Sohn durchdringend an. »Du wirst deiner Mutter wegen dieser alten Geschichte doch wohl nicht immer noch böse sein?«

Daniel atmete tief durch. Er legte das Besteck aus der Hand und ballte die Fäuste.

»Ich ... ich kann die Sache mit Lilith einfach nicht vergessen«, presste er hervor. »Es macht mich verrückt, nicht zu wissen, was aus ihr wurde.«

Verwundert sah ich meinen geliebten Ehemann an. So kannte ich Daniel gar nicht. Er wirkte verbissen und verschlossen. Etwas musste seine Seele quälen. Und diese Lilith spielte dabei eine wichtige Rolle!«

»Deine Mutter kann nichts dafür, dass Lilith spurlos verschwand!«, platzte es aus Peter hervor.

»Das sehe ich anders«, erwiderte Daniel kalt.

»Was ist hier überhaupt los?«, wollte ich verstört wissen.

»Ich hatte Lilith damals nicht zu meinem Geburtstag eingeladen«, erklärte Lisa traurig. »Ich gebe zu, dass es ein Fehler gewesen war. Aber ich konnte doch nicht ahnen, dass sie an jenem Abend plötzlich spurlos und für immer verschwinden würde.«

»Wenn du Lilith eingeladen hättest, wäre sie bestimmt nicht verschwunden«, sagte Daniel hart. »Aber du warst eifersüchtig auf deinen Sohn, fürchtetest, Lilith könnte mich dir wegnehmen. Darum hast du sie nicht eingeladen.«

Tränen kullerten über Lisas Wangen.

»Du gibst mir die Schuld für Liliths Verschwinden. Aber du kennst die wahren Gründe für ihr Fortgehen nicht. Du bist ungerecht zu deiner Mutter, Daniel.«

»Lilith ist nicht fortgegangen«, stellte Daniel richtig. Die Tränen seiner Mutter schienen ihn nicht zu rühren. Er war wie ein bockiges Kind.

»Wenn sie das tatsächlich vorgehabt hätte, hätte sie es mich wissen lassen.«

»Was in den Köpfen junger Leute vor sich geht, ist manchmal nicht zu verstehen«, versuchte Peter dem Gespräch eine versöhnliche Wendung zu geben. »Wer weiß, was in Lilith damals vor sich ging, und was sie dazu bewog, Witheham den Rücken zu kehren, ohne ihren Eltern oder ihrem Geliebten Lebewohl zu sagen.«

Details

Seiten
120
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907353
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351916
Schlagworte
amulett herrin

Autor

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Titel: Das magische Amulett #94 Die wilde Herrin vom See