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Lampen am Kanal

2017 100 Seiten

Leseprobe

Table of Contents

Title Page

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

Über die Autorin

Lampen am Kanal

 

von Lotte Betke

 

 

Roman

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Titelbild: Pixabay und Kathrin Peschel, 2018

Korrektorat: Kerstin Peschel

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

Klappentext:

 

Kätes Vater, der ein Alkoholiker ist, lebt, von Kätes Mutter verstoßen, seit einiger Zeit in einer Entziehungsklinik. Kätes Mutter wird Straßenbahnfahrerin, um für ihre Kinder sorgen zu können. Daher muss sich Käte neben ihrer Schule, auch noch um ihren kleinen Bruder kümmern. Da bleibt Käte nur wenig Zeit für sich selbst und ihre Freunde. Zu ihnen flüchtet sie sich, um den Belastungen zu Hause ein klein wenig entgehen zu können. Dort verliebt sie sich in Tim, den verträumten Musiker. Wenn sie mit ihm zusammen ist oder mit ihren Freunden Musik macht, fühlt sie sich frei, ist glücklich und unbeschwert.

Bis sie eines Tages ihren Vater am Kanal trifft, der aus der Entziehungsklinik entflohen ist. Die Ereignisse überschlagen sich, wachsen ihr über den Kopf, denn keiner darf wissen, dass ihr Vater ausgerissen ist. Tim hat wenig Verständnis für Kätes Sorgen und setzt sie unter Druck. Aber Käte ist fest entschlossen ihrem Vater zu helfen. Wird es ihr gelingen, oder scheitert auch sie wie die Erwachsenenwelt vor ihr …

 

***

 

Dieses Buch erschien erstmals 1976 und liegt nun mit neuer Rechtschreibung als eBook vor.

Lotte Betke schaffte es auf kongenialer Weise die Geschichte dieses Buchen unvergänglich zu machen. Es war 1976 auf der Auswahlliste des Deutschen Jugendliteraturpreises.

Die Jurybegründung dazu; „Aus inneren Monologen, Traumfetzen und harter Altagsrealität entsteht das Bild der Antiheldin Käthe, eines jungen Mädchens aus einfachen, sozial benachteiligten Verhältnissen, das mehr Hilfe braucht als es geben kann. Obwohl das Gefühl eine große Rolle spielt, gibt es keine peinliche Sentimentalität.“

 

 

 

 

1. Kapitel

 

Schwankende Zweige

und Gras.

Grauer Himmel.

Vielleicht ein Flug.

Vögel.

 

Sie waren alle schon da, als ich ins Jugendhaus kam. Und noch einer mehr. Ein Neuer. Ich sah ihn gleich. Die ganze Gruppe saß im großen Zimmer, auf einem Haufen, auf dem Boden. Und ein Büschel von Haaren ragte über die anderen Köpfe hinweg.

Das war er.

Zwischen Helmut und Sinje war noch ein bisschen Platz. Ich zwängte mich da hinein.

Sinje zeigte auf den Neuen:

„Der singt gleich. Er soll’n ziemliches Ass sein.“

„Das werden wir ja sehn.“ Helmut schaukelte sich bequem zum Sitzen zurecht.

„Sei du still“, fuhr Sinje ihm über den Mund, „alle Seehunde sind sowieso elende Heulbojen.“

Helmut grinste und sah mehr denn je wie ein Seehund aus. Ich schubste Sinje an: „Wer hat den Neuen aufgetan?“ „Kordes hat ihn mitgebracht. Er findet, dass wir von der Altstadt’n bisschen Musik nötig brauchen können.“ „Worauf wartet ihr denn noch?“

„Auf Kordes.“ Sinje strich sich mit allen zehn Fingern durchs Haar. „Er hat noch allerhand Schreibkram. Weißt doch, wegen der Aktion für die Alten und so.“

Ich schielte zu dem Neuen hinüber. Dann sagte ich zu Sinje: „Wir hatten doch schon was vor?“

„Ja, und jetzt bist du dran“, rief Helmut mir zu, „du musst mich übermorgen bei der alten Frau Schumacher vertreten. Ich kann nicht, hab Berufsschule.“

Er hatte heftig den Kopf zu mir herumgedreht und sah mir direkt in die Augen.

„Mach ich, klar“, sagte ich und fing an zu lächeln. Schön blöde, dass ich jedes Mal, wenn er so guckte, das Husten kriegte. Aber es sah zu komisch aus: Wenn Helmut etwas durchsetzen wollte, sah er einen so scharf an, dass ihm die Augen dabei irgendwie übereinander gingen. Nicht richtig schielen, aber so ähnlich. Ich war froh, dass Kordes gerade in die Tür kam, um den Neuen zu begrüßen. Der stand jetzt auf. Im Sitzen hatte er gar nicht so groß ausgesehen. Aber jetzt. Lang. Lange Beine. Sinje stieß mich an: „Beine mit Laute und Haare oben drüber.“

„Wer?“

„Na, der Neue! Guck doch hin!“

„Ach, der.“

Ich tat bloß so lässig. Ich hatte ihn die ganze Zeit nicht aus den Augen gelassen. Kordes war in unseren Kreis getreten: „Also, Leute, ich hab euch einen super Klimperer mitgebracht. Er heißt Tim, will bei uns mitziehen und uns außerdem die Flötentöne beibringen.“ Kordes quetschte sich irgendwo zwischen die Anderen. Der Neue hockte sich in die Mitte auf die blanke Erde, kreuzte die Beine, beugte den Kopf über seine Laute, sodass die Haare sein Gesicht bedeckten, und ließ die Knöchel über die Saiten gleiten. Ziemlich leise, aber oho! Da war Djum drin! Sogar die Jungs sagten keinen Ton mehr.

Auf einmal kommen aus der Laute schwankende Zweige und wehendes Gras. Grauer Himmel. Keine Sonne. Vielleicht ein Flug Vögel. Das Licht ist schon vor vielen Jahren untergegangen.

Als er zu singen anfängt, gibt es mir zuerst einen Stoß: Die Laute allein war besser. Aber allmählich merke ich, dass die heiser hervor gestoßenen Worte dazugehören. Sie treffen. Einer ruft irgendwo. Hinter einer Mauer. Er will hinüber und kann nicht. Und plötzlich muss ich an Papa denken. Unwillkürlich schüttele ich den Kopf. Ich will nicht! Ich drehe mich schnell zu Sinje um. Die sitzt da mit offenem Mund. Der Seehund auf meiner anderen Seite rührt sich nicht. Vom Gesicht des Neuen ist nichts zu sehen. Er sitzt vorgebeugt, als wolle er in seine Laute hineinkriechen. Die Laute ist jetzt wieder allein dran, sie wird laut und böse. Irgendwo trommelt es. Wie macht der das? Trommelt er mit den Knöcheln aufs Holz?

Ich weiß nicht. Doch. Da marschieren welche. Und nun singt er wieder. In einer fremden Sprache. Die Worte verstehe ich nicht. Aber den Sinn.

„Packt sie.“ „Stellt sie an die Wand“, oder so ähnlich. Es läuft mir den Rücken hinunter.

Die Laute wechselt zu etwas anderem über. Dann stößt die heisere Stimme dazu, gar nicht schön, sie flüstert, wird lauter, sie geht einem ans Fell.

Das ging so hin, bis ich plötzlich den Seehund ganz nahe an meinem Ohr hörte:

„Singt der so durch bis Mitternacht?“

Ich fuhr ordentlich zusammen, langte nach Sinjes linkem Arm, um nach ihrer Uhr zu sehen. Menschenskind, es war schon halb elf! Und ich hatte Mama versprochen, um zehn zu Hause zu sein. Aber er sang weiter. Sinje sah mich an wie einen Geist, als ich mich an ihr vorbei drückte. Auf Zehenspitzen ging ich hinter dem Neuen vorbei. Der merkte nichts. Der war hinter hundert blauen Bergen. Wenn das Jugendhaus bloß nicht so ein alter Kasten wäre! Als ich die Türklinke vom großen Zimmer hinunterdrückte, passierte es natürlich: die Tür quietschte wie siebenundfünfzig Autobremsen. Nichts wie raus und die Treppe mit den ausgelatschten Stufen runter! Die Beleuchtung war auch gleich Null, ich sah die letzte Stufe nicht und flog gegen die schwere Haustür. Als ich mich hochrappelte, stand der Seehund plötzlich neben mir.

„Nu mal langsam!“

Er stemmte die vorsintflutliche Tür auf. Ich rieb mir das Knie und trat auf die Straße.

„Ist das kalt!“ Ich setzte mich in Trab. Der Seehund nebenher.

„Was hast du’s denn plötzlich so eilig?“ „Ich muss schnell nach Hause.“

„Warum grad heut?“

„Meine Mutter! Morgen hat sie Fahrprüfung bei der Straßenbahn.“

„Na und?“

„Ist doch klar. Sie braucht ihren Schlaf.“

Ich rannte schneller. Kalte, scharfe Luft. Feucht. Rechts um die Ecke. Der Seehund hielt Schritt, dies machte mich ganz nervös. Was wollte er denn? Linksherum. Ich war da. Die Haustür war abgeschlossen.

Ich fummelte in meiner Anoraktasche herum, zog den Schlüssel heraus.

„Du, Käte „Ja?“

„Ich muss dir was sagen!“

„Mensch, ich bin so in Eile.“

„Aber es ist wichtig.“

„Na, sag schon!“

„Ich glaube, ich hab ihn gesehn!“

„Wen?“ frage ich noch und weiß doch schon, wen er meint. „Na, guck nicht so. Ja, deinen Vater.“

Die Arme fallen mir herunter. Keine Eile mehr.

„Nein“, würge ich heraus, „das ist nicht möglich. Der ist weg. Ich hab’s dir doch erzählt, und du hast mir auch versprochen …“

„Ich hab’s ja niemandem gesagt. Wirklich nicht. Aber jetzt …, ich hab da einen gesehn. Am Kanal. Und ich dachte …“

„Du hast dich bestimmt vertan. Papa ist in Upderode.“ „Na gut.“ Der Seehund schielt mich von der Seite an. „Wenn du meinst, kann ja sein, dann also gute Nacht, Käte!“

„Gute Nacht, Helmut.“

Er dreht sich um. Bleibt noch mal stehen. Guckt, geht um die Ecke. Schlüssel ins Schloss. Ist die Tür schwer! Und die Treppe hoch! Wohnungstür auf, leise hineinschleichen, im Dunkeln tappen, ja kein Licht machen, Mama muss schlafen. Ins Zimmer, ausziehen, auf die Schlafcouch kriechen, horchen: Ja, Eva schläft. Man hört sie atmen.

Ich liege im Dunkeln. Die Musik sitzt mir noch in der Haut. Tiefer sitzt, was der Seehund gesagt hat. Aber das darf nicht wahr sein. Das war nicht Papa, den er gesehen hat. Und du weißt, dass er’s doch war! Wie soll ich schlafen, im Dunkeln, wenn die Gedanken geflogen kommen wie Motten, riesig, mit Insektenaugen? Wenn die Dunkelheit so groß ist? Und du niemanden wecken darfst?

 

 

2. Kapitel

 

Irgendwo weit weg höre ich die Uhr acht schlagen.

Die weiße Göttin dreht sich einmal kopfüber im Kreis.

Es war noch nicht richtig hell. Wir lehnten nebeneinander im offenen Fenster. Der scharfe Herbstwind fauchte an unseren Gesichtern vorbei. Ich schielte Eva von der Seite an. Sie merkte es und setzte ihr „Wasgehtmichdasan“-Gesicht auf. Das war ein einziger Bluff. Ich wusste, dass sie genauso nervös war wie ich. Ich rannte zur Kommode und sah nach dem Wecker.

Eva drehte sich um: „Wie spät ist es denn?“ „Sechs Uhr fünfzehn.“

„Wir sind ja auch blöd! Um halb sieben soll der Übungswagen hier erst vorbeikommen, und wir hängen schon jetzt aus dem Fenster.“

Eva zog fröstelnd die Schultern hoch, trat ins Zimmer zurück und zündete sich eine Zigarette an.

„Ob ich Kalli wecke?“

Eva winkte ab. „Lass ihn schlafen. Der macht bloß Umstände.“ „Ich hab’s ihm aber versprochen. Er will Mama doch auch vorbeifahren sehen.“

„Mach, was du willst“, Eva zuckte die Schultern, „du weißt ja sowieso alles besser.“

„Ist ja gar nicht wahr.“

Ich lief schnell auf den Flur. Sonst hätte es am frühen Morgen schon Krach gegeben.

Kalli war mal wieder in Mamas Bett gekrochen. Ich zog ihm die Bettdecke weg.

„Los, Kalli, schnell! Mama kommt gleich vorbei. Mit der Straßenbahn.“

Er schlug die Augen auf, sah sich verwundert um. Aber nur einen Augenblick, dann krabbelte er aus dem Bett. „Nicht barfuß, dann kriegst du wieder’n Schnupfen.“ Ich raffte seine Latschen vom Bettvorleger und rannte hinter ihm her, ins Zimmer.

„Pass doch auf!“ fauchte ich Eva an, riss Kalli zurück, der viel zu weit aus dem Fenster lehnte, und wickelte ihn in Evas Bademantel, der über dem Stuhl hing. Kalli strampelte. Ich gab ihm einen Klaps, aber ehe er richtig losbrüllen konnte, kam schon der Sonderwagen um die Ecke Wallgraben-Rosenstraße gequietscht. Nicht, dass Mama schlecht fuhr: Alle Straßenbahnen quietschen an dieser Stelle.

„Da ist sie drin!“ Kalli zappelte wie verrückt.

„Ja, doch!“ Ich hatte ihn zwischen meine aufgestützten Arme geklemmt.

Wir starrten alle drei auf die morgengraue Straße. Der Wagen hatte die Ecke glücklich passiert und sauste jetzt den Wallgraben entlang. Wir konnten Mama beim Vorbeifahren gut erkennen. Sie saß kerzengerade im Führerstand, die Hand an der Kurbel. Ich musste daran denken, was der Seehund gestern Abend zu mir gesagt hatte. Mein Herz klopfte, Kalli schrie und winkte, Eva paffte. Der Wagen verschwand. „Das wäre gelaufen.“ Eva machte das Fenster zu.

Ich suchte meine Siebensachen zusammen und ging mit Kalli in die Küche. Eva kam hinterher, um sich Kaffee zu machen. Ich drehte den Wasserhahn auf und nahm Kallis Waschlappen vom Haken.

„Stell doch den Eimer unter den Ausguss. Sonst leckt die ganze Küche voll.“

„Weiß ich selber.“

Der JederMorgen quillt aus allen Ritzen. Ich denke an gestern Abend. Kalli tritt mir auf die Füße. Beim Waschen stellt er sich furchtbar an. Eva stellt ihre Tasse auf den Küchentisch. „Ich geh jetzt.“

„Du hast nichts gegessen, bloß wieder gepafft wie verrückt. Ewig diese Zigaretten.“

Eva dreht sich in der Tür um: „Ob ich was esse oder nicht, geht dich gar nichts an. Und das will ich dir mal sagen, ob und wie viel ich rauche, erst recht nicht. Schließlich verdien ich meine Piepen selber. Ich lieg Mama nicht auf der Tasche, ich nicht!“ Und Knall und die Tür zu!

Der graue JederMorgen.

Kalli futtert seine Haferflocken. Ich nehme mal einen Löffel voll. Es schmeckt mir nicht Das Gerede von gestern Abend geht mir nicht aus dem Kopf.

„Iss deinen Teller leer, Kalli, wir müssen weg!“

Schnell einen Schluck Kaffee! Dann ins Zimmer und mein Bettzeug in die Couch stopfen. Franzheft suchen! Rein in die Mappe! Kallis und meinen Anorak von der Garderobe holen!

„Los, Kalli! Wir müssen weg!“ Anorak an und ab! Hausschlüssel? Tür auf, Tür zu. Abschließen. Treppe runter. Kalli unter den Arm nehmen, das geht schneller. Nichts wie raus aus dem muffigen Treppenhaus. Tür auf! Ah! Der Wind! Geht einem durch und durch, schön!

Nun an den Häusern entlang!

An der Straßenkreuzung warten, auf Grün. Rüber! Jetzt kommt der Moment, wo die Kirchenuhr drüben zwischen den Häusern auftaucht. Wie viel Uhr? Dreiviertel acht. Das geht ja noch. Trotzdem Galopp!

„Los, Kalli, gleich haben wir’s geschafft!“

Schnell durch die Anlagen, an der Gipsgöttin mit den kaputten Armen vorbei, die breite Treppe zum Kindergarten rauf, durch die große Glastür!

Die Kindergärtnerin steht auf dem Flur:

„Na, mal wieder auf’n letzten Drücker, was?“

Es ist die nette Schwarze. Sie grinst, nimmt Kalli bei der Hand. Ich kehre um.

Als ich vorhin mit Kalli hier vorbeigelaufen bin, war die Bank neben der Gipsgöttin leer. Jetzt sitzt jemand darauf. Ein Mann. Ich stehe wie ein Stock. Und die weiße Göttin dreht sich einmal kopfüber im Kreis. Er sagt nichts. Er sieht mich bloß an.

„Papa.“

Irgendwo weit weg höre ich die Uhr acht schlagen. Papa steht auf. Er kommt ein paar Schritte näher, bleibt stehen, fährt sich mit der Hand über die Bartstoppeln. „Ich, ich bin da weg aus der Entziehungsanstalt.“ Sein Gesicht zuckt. „Ich weiß, es war verkehrt. Aber ich hab’s nicht ausgehalten ohne euch.“

Wirklich? Früher hätte ich dir geglaubt. Jetzt schon lange nicht mehr. Vielleicht stimmt es, was du gesagt hast? Aber vielleicht ist es auch glatt gelogen? Ich weiß, was Mama jetzt denken würde. Und da kommt es auch prompt:

„Hast du nicht’n paar Mark?“

Ich kriege wieder das schreckliche Fahrstuhlgefühl im Magen. „Keine fünfzig Pfennig, Papa.“

„Damit ich zurückfahren kann, nach Upderode.“ Stimmt ja nicht, Papa. Du willst dir bloß Schnaps kaufen. Laut sage ich:

„Kannst du es nicht per Anhalter versuchen? Du musst wieder zurück, Papa. Sonst, sonst bei uns ist doch alles in Scherben.“

Wieder fährt er sich mit der Hand über den Mund. „Sag’s nicht zu Mama, dass du mich hier getroffen hast.“ „Nein. Mama kann jetzt keine Aufregungen gebrauchen. Sie macht heute ihre Prüfung als Straßenbahnführerin.“ „Was?“

Langsam kommt er auf mich zu.

„Ja. Wovon sollen wir denn schließlich leben?“

Er bleibt stehen, starrt mich an, dann auf die Erde, scharrt mit seinem dreckigen rechten Stiefel im Kies.

Mensch! Ich denke, ich bin drüber weg. Aber es tut immer noch weh. Schläge hab ich von dir nie gekriegt. Aber als ich dich das erste Mal durchschaut hab, das war schlimmer als Schläge.

„Ich …, ich muss in die Schule, Papa.“

„Vielleicht sollte ich mal mit Eva reden?“

Da bist du schief gewickelt. Begreifst du denn nicht? Die zu Hause wollen doch nichts mehr von dir wissen. Aber sag ihm das mal ins Gesicht!

„Ich muss in die Schule, Papa.“

Ich renne weg. Renne!

Friedrich II. wurde 1196 in Deutschland von den Fürsten zum Herrscher gewählt gewählt wurde gewählt gewählt.

Es war still in der Klasse. Alle um mich herum saßen und schrieben. Manchmal hustete jemand. Allen schien etwas einzufallen. Nur mir nicht.

Wenn Papa nun doch einfach zu uns nach Hause geht? Hat er überhaupt noch Schlüssel? Und sitzt in der Küche und wartet auf Mama? Nein. Bloß nicht! Bitte nicht wieder das Ganze von vorn. Das hält Mama nicht aus. Aber kann man denn einen Menschen einfach abschieben? ‚Einfach‘ ist gut! Menschenskind, was faselst du! Konzentriere dich doch! Friedrich II., ja, also Friedrich … Mein Kopf ist wie ein ausgeblasenes Ei.

Petra hat schon drei Seiten voll. Menschenskind, starrt die Markus da vorne mich an! Die denkt wohl, ich hab’n Spickzettel. Leider nein. Friedrich II. Da war doch die Sache mit Otto IV. Ja. Also schreib: Als Otto Sizilien erobern wollte, setzte der Papst sich für Friedrich II. ein. Und nein, er kann nicht in die Wohnung. Ich glaube, Mama hat ihm nach dem letzten schrecklichen Krach den Hausschlüssel weggenommen.

Wenn er doch, wenn er doch bloß zurückginge in die Anstalt! Wenn er doch vielleicht, Unsinn … Hoffst du das immer noch? Der hält nicht durch. Weißt du doch! Der Papst, ja der Papst … Ich weiß nichts. Doch. Friedrich II. hatte sein ganzes Leben lang viele Gegner. Der Papst belegte ihn später sogar zweimal mit dem Bann. Und im Jahre Friedrich hatte einen Sohn. Enzio. Der wurde umgebracht. Und im Jahre Was ist mit den Menschen los? Und im Jahre Damals haben sie ihre Gegner köpfen lassen, sie vergiftet, sonst was! Und heute im Jahre wie sah Papa aus! Ganz zerknitterte Hosen. Sein Gesicht ist auch nicht mehr das. Als ich klein war, hab ich ihn oft mit ’ner Glaskugel rasiert. „Andenken vom Harz“, stand da drin. Und er hat mich hochgestemmt: „Wie hoch kann sie fliegen? Bis an die Decke!“

Es schrillt. Pausenzeichen. Ich klappe mein Heft zu, geh nach vorn, seh der Markus direkt in die Brille, halte ihr mein Heft hin und sage: „Die Arbeit hab ich verhauen.“

Als Kalli die Stufen vom Kindergarten herunterkam, war es bei mir abgemacht, dass wir einen Umweg machen und nicht durch die Anlagen nach Hause gehen würden.

Kaum, dass ich Kalli an der Hand hielt, ging ich durch die Anlagen. Schon von weitem hielt ich Ausschau, nach der Bank. Sie war leer. Nein, nicht leer. Eine alte Frau saß darauf und fütterte Tauben. Ich hätte mich erleichtert fühlen sollen, aber je mehr wir uns unserem Wohnblock näherten, desto niedergeschlagener wurde ich. Lass ihn nicht da sein! Doch da sein! Nicht! Doch! Doch! Wen rief ich eigentlich an? Die blaue Wolke? Als ich klein war, hatte ich mir oft gewünscht, eine blaue Wolke zu sein, so eine Art Mary Poppins, na ja, ich hatte eben die Meise und mich überall da niederzulassen, wo gerade jemand heulte da hätte ich viel zu tun gehabt, was? In der Straße, gleich hinter dem Park, gab es ein paar hübsche Boutiquen. Vor einer blieb ich stehen und guckte hinein. Aber aus all dem hübschen Krimskrams tauchte bloß immer Papas zerstörtes Gesicht vor mir auf.

Kalli zerrte an meiner Hand:

„Er hat Hunger.“

„Ich hab Hunger, heißt es.“

„Nein, Kalli hat Hunger!“

„Also schön. Dann komm!“

Gerade wollte ich mich umdrehen, als plötzlich in der Fensterscheibe ein Gesicht sich neben meinem spiegelte. Ein lebendiges. Kein Schatten. Ich starrte das Gesicht im Fensterglas an.

„Warum bist du gestern Abend so schnell weggelaufen?“ Ich schluckte.

„Ich dachte, du, du sitzt hinter deinem Haarwald und siehst nichts von der Welt?“

„Was ich sehen will, sehe ich schon“, er lachte leise. „Das ist ja der Trick.“

„So?“ sagte ich gedehnt. Mir fiel einfach nichts ein. Blöd! Ihm offenbar auch nicht.

„Das mit der Stimme ist dann wohl auch’n Trick, was“, fing ich schließlich wieder an. „Aus der Nähe klingst du gar nicht so heiser.“

Er trommelte mit den Fingerspitzen gegen die Fensterscheibe:

„Wenn ich singe, bin ich aufgeregt, da legt sich irgend so’n komischer Film auf meine Stimmbänder.“

„Und wenn ich aufgeregt bin, rutscht meine völlig in’n Eimer.“

Wir grinsten uns im Fensterglas an. Verrückt! Dabei standen wir Ärmel an Ärmel.

„Nein, im Ernst“, sagte er, „warum bist du gestern so schnell verschwunden? Ich wollte dich gern anheuern. Spielst du irgendein Instrument?“

„Topfdeckel.“

„Das ist gut.“

„Du spinnst wohl!“

„Nein, ehrlich. Kordes findet, die Gruppe im Jugendhaus sollte ein Orchester gründen.“

„Hat er dich deshalb geangelt?“

„Nicht direkt. Es traf sich so. Im Ernst, machst du mit?“ „Ich sag dir doch. Ich kann nichts.“

„Außer Topfdeckel. Ich weiß. Aber du wirst lachen, ich brauche dringend Topfdeckelmädchen.“

„Das kann doch nicht wahr sein!“

„Wenn ich es dir sage! Ich will ein ganz irres Orchester aufmachen. Aber bring ’nen schweren Topfdeckel mit. Möglichst kein Aluminium. Das gibt nicht genug her. Und dann noch was Hölzernes. Was so’n Effekt gibt wie diese Negerbaumstämme, weißt du? Am liebsten würde ich so ein Ding kaufen. Tu ich vielleicht, wenn ich eins erwische. Also, sieh mal zu!“

Es war ihm ernst, das merkte ich; wie elektrisiert war er, ich auch, und immer noch redeten wir in die Glitzerfensterscheibe hinein. Plötzlich fing Kalli auf meiner anderen Seite an zu zappeln.

„Er muss mal.“

„Ach du Schreck!“

Wir wendeten uns beide von der Fensterscheibe ab und sahen uns an. Grüne Augen mit ein bisschen Braun drin. Ich spürte, wie mir das Blut den Hals hinaufstieg.

„Bei dem Kleinen ist Alarmstufe 77“, sagte ich. „Ich muss rennen.“

Ich lief schon.

„Morgen Abend um acht“, rief er hinter mir her, „und vergiss den Topfdeckel nicht!“

Ich keuchte mit Kalli die Treppe hinauf. Vor der Wohnungstür stoppte ich. Wenn Papa nun drin war? Ich steckte den Schlüssel ins Schloss. Es war nicht abgeschlossen. Schnell mit dem Jungen aufs Klo und zurück auf den Flur. Ich horchte. Aus der Küche drangen Geräusche. Ich schlich den Flur entlang, machte vorsichtig die Küchentür auf.

„Mama?“ Ich schaute mich um, sie war allein. Erleichtert ließ ich meine Schulmappe auf den Boden plumpsen. Mama drehte sich um: „Was ist denn mit dir los?“

„Nichts. Aber wieso bist du schon da?“ „Na ja. Ich hab’s hinter mir.“

„Na und?“

Mama wischte sich mit dem Handrücken eine Haarsträhne aus der Stirn, hob die Pfanne vom Feuer und hielt sie mir unter die Nase.

„Koteletts“, staunte ich, „dann hast du also bestanden?“ „Ja.“

Mama stellte die Pfanne wieder aufs Feuer. Ich ging zu ihr und gab ihr einen Kuss.

„War’s schlimm?“

„Die Knie haben mir ganz schön gezittert. Wo ist Kalli?“ „Auf’m Klo.“

„Ist er nicht.“ Kalli kam mit heruntergelassenem Höschen in die Küche gestürmt und warf sich gegen Mamas Knie.

„Ich hab so fettige Finger. Zieh du ihm mal die Hose hoch.“

Mama beugte sich mit gespreizten Händen zu Kalli hinunter und gab ihm einen Kuss auf die Nase.

„Er hat dich gesehen“, sagte Kalli. „Wann?“ fragte Mama.

„Heute Morgen.“

Ich hob Kalli auf seinen Stuhl.

„Wir haben alle drei am Fenster gestanden, als du vorbeigefahren bist. Hast du uns nicht gesehen?“

„Nein.“ Mama wendete die Koteletts. „Dazu hatte ich wahrhaftig keine Nerven.“

„Warst du sehr aufgeregt?“

„Es geht. Hab du mal zwei Aufpasser neben dir. Und hinter dir im Wagen hocken die anderen vier aus der Lehrgruppe und schmoren vor sich hin.“

„Hat der Inspektor dich zuerst dran genommen?“

„Ja. Sonst werden während der Ausbildung ja keine Unterschiede gemacht, zwischen Männern und Frauen. Aber heute sagte Inspektor Kunert:

„Frau Kroogmann, ladies first.“

„Find ich aber Klasse von ihm.“

„Ja. Der Kunert ist in Ordnung. Sitzt gar nicht auf’m hohen Ross wie so viele. Auch beim Theoretischen hat er mir immer Mut gemacht.“

Mama legte Messer und Gabeln auf den Küchentisch. „Wenn alle so wären!“

„Ja“, sagte ich und sah sie scharf an, „da hat Papa es schwerer gehabt. Den haben sie ganz schön fertiggemacht in seiner Firma.“

„Sicher.“ Mama kehrte mir den Rücken zu.

Immer dasselbe. Wenn man Papa bloß erwähnt, gleich kriegt sie diesen verkniffenen Mund. Da verschlägt’s einem doch alles. Da hat man keinen Mut, noch mehr zu sagen. Deprimiert hockte ich mich an den Tisch. Dunkel und Druck.

„Mit meinem Dienst geht das auch in Ordnung“, fuhr Mama fort. „Ich hab mich zum Frühdienst gemeldet. Dann bin ich nachmittags zu Hause, wenn Kalli da ist.“ Ich hörte nur mit halbem Ohr, was Mama sagte, piekte mir eine Kartoffel auf die Gabel, versuchte mit aller Gewalt, den Druck loszuwerden.

Ich sagte: „Du, im Jugendhaus gründen sie’n Orchester!“

Mama drehte sich überrascht zu mir um.

„Wie schade, dass du da nicht mitmachen kannst, Käte! Was ihr sonst in der Gruppe macht, finde ich nicht immer so gut. Aber Musik! Das wäre doch mal was gewesen!“

Ich legte die gepellte Kartoffel auf Kallis Teller.

„Wer sagt denn, dass ich nicht mitmache?“

„Aber du spielst doch kein Instrument.“

„Hast du ’ne Ahnung! Ich werde Schlagzeuger. Wir ziehen ein modernes Orchester auf. Ich arbeite mit Topfdeckeln. Was? Da bist du platt!“

„Käte, das ist doch ein Witz!“

„Das dachte ich zuerst auch. Aber der Neue, der Tim, der hat’s gesagt, und der hat was drauf, sag ich dir!“ Mama stellte eine Schüssel mit Salat auf den Tisch. „Der hat dich doch auf den Arm genommen.“

„Wenn ich dir sage! Der meint’s blutig ernst. Das ist ein fanatischer Musikmensch.“

Mama sah mich nachdenklich an: „Ich hätte ja so gern, dass du ein richtiges Instrument bekämst. Aber das schaff ich im Moment einfach nicht.“

„Ist doch auch gar nicht nötig.“ Ich steckte hastig ein Stück Kartoffel in den Mund. „Topfdeckel ist doch gut!“ Mama sagte nichts, aber ich sah, wie es in ihr arbeitete. Schweigend spießte sie ein dickes Kotelett aus der Pfanne und tat es auf meinen Teller.

Von ihrem Kotelett schnippelte sie kleine Stücke für Kalli ab. „Schmeckt fantastisch, Mama!“

„Ja?“ Sie strahlte mich über den Tisch hinweg an. Trotz der Löcher in den Backen sah sie prima aus.

Richtig hübsch in ihrer hellblauen Bluse. Auf einmal tauchte wieder die Bank im Park vor mir auf.

„Hast du was?“ Mama füllte mir Salat auf.

„Nö, wieso?“

„Du machst so ’n Gesicht. War was in der Schule?“ „Ich hab heute ’ne Arbeit völlig verhauen.“

„Ach Käte! Was war’s denn?“

„Geschichte. Dieser blöde Friedrich II.“

„Aber du hast dich doch darauf vorbereitet, nicht?“ „Nö.“ Das war glatt gelogen. Aber immer noch besser, als die wahre Ursache zu sagen. „Reg dich nicht auf, Mama, außer in Mathe steh ich in allen Fächern ganz gut.“

„‚Ganz gut ist nicht genug, Käte. Heutzutage wird so viel verlangt, und ich möchte so gern, dass du vorankommst, nanu, du bist aber auch ganz schön nervös. Was zuckst du denn so zusammen?“

„Es hat geklingelt.“

„Na, und wenn?“ Mama stand auf und ging zur Tür. Jetzt, dachte ich, jetzt steht er draußen.

Aber es war nicht Papa. Es war bloß der Postbote.

Ein Telegramm. Mama raschelte mit dem Papier.

„Von meiner Cousine.“ Mama stand in der Tür und schwenkte das geöffnete Telegramm zwischen zwei Fingern.

„Die ist doch verrückt. Schickt mir’n Telegramm.“ „Was steht denn drin?“

„Hals und Beinbruch, weiter nichts.“ Und dann sackte sie auf den Küchenstuhl und weinte ein bisschen.

Ich stand schnell auf und langte nach Kalli, um ihn zum Nachmittagsschlaf ins Bett zu bringen. Aber Kalli entwischte mir und krabbelte flink auf Mamas Schoß. Ich stellte unterdessen das Geschirr zusammen.

„Lass man, ich mach das schon.“ Mama brachte Kalli ins Schlafzimmer.

„Halt du dich lieber ran mit den Schularbeiten, sonst gibt’s heute Abend, wenn Eva kommt, wieder ’ne Rangelei.“

Mama kam in die Küche zurück, goss heißes Wasser in die Spüle und ich ging ins Zimmer und büffelte französische Vokabeln. Später, als ich gerade mit Mathe anfangen wollte, klingelte es wieder. Immer dieses blöde Zusammenzucken! Ich hörte, wie Mama zur Tür ging und aufmachte.

„Helmut? Du bist es?“

Ich sprang auf und lief auf den Flur.

„Hallo!“

„Hallo!“

„Willst du nicht reinkommen?“ fragte Mama.

Der Seehund schüttelte den Kopf und trampelte mit seinen großen Botten auf unserer Fußmatte herum. „Lieber nicht, Frau Kroogmann. Draußen regnet es, und ich hab so viel Schmutz an den Sohlen.“

„Auf’n bisschen mehr oder weniger Schmutz kommt’s bei uns auch nicht an“, sagte Mama. „Aber ich seh schon, ihr habt alleine was zu besprechen. Also, dann mal los, Käte! Aber bleib nicht so lange. Du musst noch Schularbeiten machen.“

Details

Seiten
100
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907346
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351879
Schlagworte
lampen kanal

Autor

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Titel: Lampen am Kanal