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Das Gold der Dämonen

2017 130 Seiten

Leseprobe

DAS GOLD DER DÄMONEN

CEDRIC BALMORE

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: gleolite/123RF, 2017

Der Roman erschien bereits als „Die Schatzsucher“

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

 

Klappe

Kisten voller Gold, versteckt in einer Höhle auf einer kleinen Insel in der Karibik, die nur darauf warten, geborgen zu werden. Die Aussicht auf unermesslichen Reichtum lässt 3 Männer und 2 Frauen schon vor der Ankunft auf der Insel Mordpläne schmieden, um möglichst wenig von dem Gold abgeben zu müssen. Vor allem John Proone trägt sich mit dem Gedanken, den Schatz ganz alleine zu bergen. Glühende Augen, die nachts von der Insel übers Meer blicken, sollten den Abenteurern Warnung genug sein, dass ihr Vorhaben schwierig sein würde. Als sie den Schatz schließlich finden, müssen sie feststellen, dass dieser von einem Dämon bewacht wird, der nicht bereit ist, das Gold mit den Eindringlingen zu teilen. Wenn nötig, schickt er die Toten zurück ins Leben, um sich das Gold der Dämonen von Proone zurückzuholen …

 

In den 70er-Jahren belebte eine neue Generation von phantastischer Literatur das in Deutschland recht angestaubte Genre, die der Heftromane. Eine Vielzahl von Reihen und Serien bot jedem Geschmack die passenden Geschichten. Das Format des E-Books macht es nun möglich, die Kleinode deutscher Pulp-Fiction ins digitale Zeitalter hinüberzuretten und einer neuen Generation von Lesern zugänglich zu machen.

 

 

 

 

 

Roman

Das Zittern überfiel John Proone ganz plötzlich.

Es überraschte und erschreckte ihn. Bis zu diesem Augenblick war er ganz sicher gewesen, den Mord ohne Skrupel begehen zu können. Er zwang sich zu einem leeren Lächeln.

Das Zittern ging so rasch vorüber, wie es gekommen war. Auch Killer hatten ein Anrecht auf Lampenfieber.

Lee Cooper stand vor ihm am Rand der Klippe.

Diese Idioten“, sagte er.

Er meinte die drei, die auf der Jacht zurückgeblieben waren. Der sanfte Abendwind trug hin und wieder Fetzen ihres Lachens und ein wenig Radiomusik auf die Klippen.

Glorias Stimme war deutlich herauszuhören. Wenn Gloria zu viel getrunken hatte, und das hatte sie meistens, neigte sie zur Vulgarität. Dann wurde sie laut und erzählte schmutzige Witze.

John Proone kannte jeden einzelnen davon.

Er holte tief Luft und ballte unwillkürlich die Fäuste.

Es würde Spaß machen, Gloria zu töten.

Es war schon ein Vergnügen, sich vorzustellen, wie er dem Mädchen den hübschen weißen Hals zudrückte.

Aber mit Lee Cooper war das etwas anderes.

Cooper war fraglos eine Persönlichkeit.

Er war der Besitzer der Jacht, zumindest auf dem Papier. Tatsächlich war das Boot einer Bank als Sicherheit überlassen worden. Es gehörte ihr zu zwei Dritteln.

Aber wenn Cooper nicht in finanziellen Schwierigkeiten gewesen wäre, wäre er sicherlich nicht bereit gewesen, sich an der Expedition zu beteiligen.

Er war Skipper, Kapitän und Navigator in einem.

John Proone war Cooper unterwegs zur Hand gegangen und hatte dabei eine Menge gelernt. Proone war überzeugt davon, die Jacht ohne Komplikationen in den nächsten Hafen steuern zu können.

Allein.

Sie können nichts dafür“, sagte Cooper verächtlich.

Es sind deine Freunde“, stellte Proone fest.

Lee Cooper zuckte mit den Schultern.

Es war klar, was er damit auszudrücken versuchte.

Er glaubte nicht an Freundschaft, aber er legte Wert auf Loyalität und Kumpanei.

Er machte den Eindruck eines Einzelgängers, aber in Wirklichkeit konnte er ohne Gesellschaft nicht

leben.

Er gehörte zu denjenigen, die nicht einmal allein trinken konnten.

Er hätte auch ohne Begleitung zu den Klippen gehen können, aber er hatte Proone ersucht mitzukommen.

Proone grinste düster. Die anderen hatten die Aufforderung gehört.

Er hatte sich mürrisch gezeigt, unwillig. Aber schließlich war er mitgegangen.

Das würde sein Alibi sein.

Es sind Arschlöcher“, sagte Cooper.

Du bist dabei, sie zu vergolden“, meinte Proone.

Cooper zuckte erneut mit den Schultern und schwieg.

Er stand am Rand der Felsplatte und starrte hinaus aufs Meer.

Die Abendsonne vergoldete die Wasseroberfläche. Es war ein phantastischer Anblick, aber Lee Cooper war nicht der Mann, der romantischen Regungen erlag. Wenn er Gold sah, dachte er an solches, das sich zu Geld machen ließ.

Cooper streckte den Arm aus.

Da drüben“, sagte er. „Dort muss es sein. Das ist das Inselchen. Habe ich Recht?“

Es sieht so aus“, meinte Proone und trat näher.

Seine Muskeln spannten sich. Er merkte, dass er schwitzte.

Ob Lee Cooper merkte, dass er sterben musste?

Witterte Cooper nicht die Gefahr, die nach ihm griff?

Cooper wandte plötzlich den Kopf.

Proone blieb stehen.

Du schwitzt“, sagte Cooper.

Mir wird heiß, wenn ich an das Gold denke“, meinte Proone.

Cooper lachte.

Er hatte einen kantigen Schädel mit vorspringender Stirn, hellen Augen und buschigen Brauen. Die schmalen, fast blutleeren Lippen drückten konstante Spottlust aus. Sein blondes dünnes

Haar wirkte wie gebleicht. Der Wind spielte damit.

 

*

 

Du kommst damit nicht durch, Johnny“, sagte er plötzlich ernst.

Proone gab sich Mühe, sein jähes Erschrecken zu verbergen.

Was meinst du damit?“

Ich habe dich unterwegs beobachtet“, sagte Cooper.

Mich?“

Euch alle. Dich besonders. Du bist der einzige an Bord, den ich erst seit kurzem kenne.“

Seit drei Monaten“, stellte Proone richtig.

Die anderen kenne ich seit Jahren“, meinte Cooper. „Du willst uns bescheißen. Junge. Ich spüre genau, was in dir vorgeht. Ich weiß es einfach.“

Proone schluckte.

Cooper blickte schon wieder hinaus aufs Meer.

Tue es jetzt!, schoss es Proone durch den Kopf.

Sein Herz hämmerte.

Stoße ihn von der Klippe! Töte ihn!

Aber er rührte sich nicht vom Fleck.

Er stand reglos und mit hängenden Armen da und folgte Coopers Blick auf die kleine vorgelagerte Inselgruppe.

Er hat dich durchschaut, dachte Proone.

Er war verblüfft.

Er hatte Cooper keine Sensibilität zugetraut.

Das war offenbar ein Fehler gewesen.

Du bist nicht der Typ, der teilen kann“, sagte Cooper. „Habe ich Recht?“

Proone befeuchtete sich die spröde gewordenen Lippen mit der Zunge.

Das ist ja fein“, meinte er. „Wirklich wunderbar. Das denkst du also von mir! Hast du mich mit auf die Klippen genommen, um mir das sagen zu können?“

Ich bin noch nicht fertig“, sagte Cooper.

Proone schwitzte stärker.

Cooper hatte also Verdacht geschöpft.

Warum hatte er unter diesen Umständen den Mut, sich an den Rand des Abgrundes zu stellen? Wollte er seinen Begleiter prüfen und provozieren?

Oder war es gar Coopers Absicht, den Spieß umzukehren?

Proone blinzelte.

Die Überlegung, dass andere die gleichen Gedanken und Absichten haben könnten, die ihn beschäftigten und beflügelten, war von lähmender Wirkung.

Dabei lag sie so nahe!

Wer hatte schon Lust zu teilen? Hier ging es darum, wer zuerst handelte, wer die stärksten Nerven und die größte Tatkraft hatte.

Ich höre“, sagte Proone.

Du brauchtest uns, vor allem mich. Ohne die Jacht hättest du das Unternehmen nicht starten können.“

Stimmt!“, sagte Proone. „Daraus habe ich niemals einen Hehl gemacht. Ich hatte den Plan, und ihr hattet das Startkapital für die Expedition. Ich finde, du hast keinen Grund, mir meine Armut vorzuwerfen.“

Du hasst uns, weil wir aus einer anderen Klasse, aus einer anderen sozialen Schicht kommen“, sagte Cooper.

Proone verzog die Lippen.

Ja, er hasste sie, alle miteinander, Cooper vielleicht ausgenommen.

Aber Gloria Meith, Jeff Luckner und Miriam Fauberge waren trotz ihrer noblen Herkunft gescheiterte Existenzen.

Sie wurden von ihren Familien geschnitten.

Sie hatten sich zu Außenseitern der Gesellschaft entwickelt, auf die sie einmal stolz gewesen waren und als deren Angehörige sie sich selbst dann noch betrachteten, wenn sie sich über sie lustig machten.

Gib zu, dass es so ist!“, sagte Cooper.

Worauf willst du hinaus?“

Du kannst sie loswerden“, sagte Cooper.

Proones Herz machte einen schmerzhaften Satz.

Was kann ich?“, fragte er ungläubig.

Sie loswerden. Ich helfe dir dabei.“

Und dann?“

Dann wird die Beute durch zwei geteilt. Wie findest du das?“

Warum willst du gerade mit mir teilen?“

Ich will gar nicht teilen“, gab Cooper zu. „Aber ich sehe ein, dass ich einen Helfer brauche. Einen Mann, auf den Verlass ist.“

Ich denke, du traust mir nicht?“

Du weißt jetzt, was gespielt wird. Das wird dich an die Leine legen. Und noch eins, alter Junge. Ich bin nicht der Typ, der sich aufs Kreuz legen lässt. Vergiss das nicht!“

Noch haben wir den Zaster nicht“, sagte Proone, dessen Puls sich immer noch nicht beruhigte.

Es war wirklich fantastisch.

Er war hergekommen, um zu töten, und nun stellte sich heraus, dass der andere ganz ähnliche Absichten hegte, wenn auch in abgewandelter Form.

Der Plan ist echt. Das ist er doch, oder?“ fragte Cooper und blickte über seine Schulter.

Daran zweifle ich nicht.“

Ich auch nicht. Sonst wäre ich nicht bereit gewesen, mich an der Sache zu beteiligen“, meinte Cooper. „Machst du mit?“

Wie soll das Ganze ablaufen?“

Du übernimmst Jeff und Miriam, und ich erledige Gloria“, sagte Cooper.

Wann?“, fragte Proone. „Und wie?“

Bist du einverstanden?“

Erst muss ich mehr wissen.“

Nicht jetzt. Du erhältst rechtzeitig Bescheid. Erst müssen wir das Gold an Bord haben.“

Was ist, wenn die anderen ähnliche Pläne haben?“, fragte Proone.

Cooper lachte kurz.

Die doch nicht!“, höhnte er. „Die überlegen nur, was sie mit dem Gold anstellen wollen. Die macht schon der bloße Gedanke an den neuen Reichtum besoffen.“

Hast du vor, nach London zurückzukehren?“, fragte Proone.

Ja! Das ist meine Stadt. Woanders fühle ich mich nicht wohl“, sagte Cooper.

Ich schon. Ich gehe in die Staaten.“

New York?“

Nein, nicht New York.“

Cooper grinste.

Du willst nicht darüber sprechen. Auch gut! Ich respektiere das.“

Du wirst es in London nicht leicht haben. Die wissen dort, wen du an Bord hattest“, sagte Proone.

Na und? Gloria, Miriam und Jeff haben sich von ihren Familien losgesagt. Es gibt keine Verbindung mehr, die wir zu fürchten hätten. Die sind mal in London, mal in Paris, mal in New York. Sie sind überall und nirgends zu Hause. Das ist unser Vorteil. Niemand wird sie vermissen. Irgendwann wird es gewiss Fragen und Nachforschungen geben, aber niemand wird imstande sein, dir oder mir die Morde nachzuweisen.“

John Proone gab sich einen Ruck.

Jetzt oder nie!

Er machte einen Schritt nach vorn und riss die Arme hoch, um Cooper von der Klippe zu stoßen. Dieser wirbelte auf den Absätzen herum, gewarnt von seinem Instinkt, alarmiert von Proones jäher Bewegung.

Proone gab Cooper einen Stoß.

Aber es schien ihm, als versuchte er, eine Säule umzustoßen.

Cooper wankte, aber er fiel nicht.

Die Männer gingen in den Clinch.

Sie rangen miteinander, keuchend, zum Äußersten entschlossen.

Proone verfluchte sein Zögern.

Jetzt war er gezwungen, um sein Leben zu kämpfen.

Noch stand keineswegs fest, dass er die Auseinandersetzung als Sieger beenden würde.

Du Schwein!“, ächzte Cooper. „Du ver ...“

Er glitt aus und versuchte, Proone mit sich in die Tiefe zu reißen.

Aber dem gelang es in letzter Sekunde, sich freizumachen.

Er torkelte und starrte in die blauen Schatten, in die Cooper mit einem Schrei stürzte.

Dann wurde der Körper des Skippers von der Dunkelheit verschluckt.

Gleich darauf ertönte ein dumpfes, hässliches Geräusch.

Proone schloß die Augen.

Aus!“, sagte er. „Aus!“

*

 

Es erwies sich als äußerst schwierig, den Fuß der Klippe zu erreichen.

Proone musste immer wieder umkehren und sich einen neuen Weg suchen. Aber schließlich gelang es ihm, Cooper zu finden.

Proone fasste sich an den Hals. Ihm wurde übel, als er den Toten sah.

Cooper lag mit zerschmetterten Gliedern auf einer Felsplatte.

Sein Kopf war seltsam verdreht, und in den weit geöffneten Augen spiegelten sich die letzten verlöschenden Strahlen der untergehenden Sonne.

Proone machte kehrt.

Ihn fror.

Es wurde immer dunkler, und er hatte Mühe, etwas zu erkennen.

Er schaffte den Aufstieg nicht und sah sich mit der Gefahr eines vielleicht tödlichen Absturzes konfrontiert.

Das war absurd.

Er hatte die erste Etappe seines Planes hinter sich gebracht und sollte wie Cooper enden?

Nein, um keinen Preis!

Hier unten waren die Stimmen und die Musik von der Jacht nicht zu hören.

Proone vernahm nur das monotone Rauschen der Brandung und das Klatschen und Brechen der kleinen, von Schaum gekrönten Wellen.

Er überlegte, ob er zur Jacht zurückschwimmen sollte. Aber dazu fehlte ihm der Mut.

Hilfe!“, brüllte er laut. „Hilfe!“

Nur das Meer antwortete ihm, einschläfernd und höhnisch zugleich.

Er wagte erneut, nach oben zu klettern.

Er rutschte einige Male dabei aus und befürchtete einen Herzschlag lang, zu viel riskiert zu haben. Aber dann erreichte er das obere Ende der Klippen und den Weg, der an dem kleinen Wäldchen entlang hinab zur Bucht führte.

Die Jacht lag etwa siebzig Yards vom Ufer entfernt.

Das Beiboot befand sich noch an der Stelle, wo er und Cooper es auf den Sand gezogen hatten. Proone schob es zurück ins Wasser.

Er blickte hinüber zur Jacht.

Sie war hell erleuchtet.

Proone hörte wieder die Musik und die Stimmen, vor allem Glorias lautes Lachen. Sie war ziemlich betrunken.

Proone schwang sich in das Boot, griff nach den Rudern und legte sich kräftig ins Zeug.

Er erreichte die Jacht in wenigen Minuten, band das Boot fest und kletterte über die Strickleiter an Bord.

Gloria kam ihm entgegen.

Sie war im Bikini, schwankte leicht und hielt sich mit einer Hand an der Reling fest.

In der anderen hielt sie ihr Glas.

Hallo, Goldjunge“, sagte sie kichernd. „Nimmst du einen zur Brust? Oder möchtest du lieber mich haben?“

Er sah sie an.

Manchmal fiel es ihm schwer, sie zu hassen.

Trotz ihres Spottes und ihrer Vulgarität war sie eine begehrenswerte Frau, erst sechsundzwanzig Jahre alt, dabei schon zweimal geschieden. Sie war platinblond und fabelhaft gewachsen. Noch vor einem Jahr hatte sie ihr Geld als Fotomodell verdient. Aber dann war es zu einem Autounfall gekommen und auf ihrer rechten Wange war eine Narbe zurückgeblieben.

Seitdem ließ sie sich nur noch einseitig fotografieren. Das hatte ihre Karriere ruiniert.

Schön war sie immer noch.

Cooper hatte das zu schätzen gewusst. Sie war seine ständige Begleiterin.

Gewesen, fügte Proone in Gedanken hinzu.

Was ist los mit dir?“, fragte sie.

Sie schien plötzlich ernüchtert.

Warum sagst du nichts?“

Wo sind die anderen?“

Hinter der Brücke. Wir sitzen auf Deck und bewundern den Sonnenuntergang. Blutrot. Habt ihr das gesehen?“

Er ging an ihr vorbei.

Gloria folgte ihm.

 

*

Jeff und Miriam ruhten in bequemen Liegestühlen.

Der kleine Barwagen mit Flaschen und Gläsern stand in erreichbarer Nähe, neben dem voll aufgedrehten Kofferradio.

Aus dem Lautsprecher klang Tanzmusik.

Proone bückte sich nach dem Apparat und schaltete ihn aus. Er richtete sich auf.

Miriam war 29, ein paar Jahre älter als Gloria. Aber sie sah jünger aus. Dunkel, grazil, mandeläugig. Ihre Haut hatte ständig einen sanften Olivschimmer, auch im Winter. Wenn sie lächelte, wirkte ihr voller weicher Mund wie eine Einladung. Sie hatte eine Hemdbluse über ihren Badeanzug gestreift. Die Bluse war nicht zugeknöpft und stellte freizügig Miriams bemerkenswerte Oberweite zur Schau.

Jeff Luckner trug Jeans, sonst nichts. Er war ein gutaussehender Bursche, muskulös, mit breitem, stark behaarten Oberkörper. Er hatte einmal die Ambition und die Chance gehabt, Tennismeister seines Landes zu werden, aber dann hatte ihn ein Mädchen zum Rauschgiftgenuss verführt. Danach war es mit seinem sportlichen Ehrgeiz bergab gegangen. Jetzt spielte er nur noch, um die Zeit totzuschlagen.

Seitdem er Miriam kannte, hatte er das Haschrauchen aufgegeben. Aber er war labil geblieben, ein Mann, der wie ein Held aussah, aber nur ein Waschlappen war.

He, was soll das?“, fragte er. „Wie siehst du aus? Was ist passiert?“

Proone schenkte sich einen Brandy ein und kippte ihn hinunter.

Lee ist tot“, sagte er.

Die anderen schwiegen.

Sie starrten ihm ins Gesicht.

Gloria fing sich zuerst. Sie setzte sich.

Nein!“, murmelte sie. „Nein, das ist unmöglich.“

Proone war erstaunt.

Er hatte nicht geglaubt, dass Gloria dazu fähig wäre, um Cooper zu trauern.

Aber vermutlich bewegte sie in diesem Moment nur die Angst, ohne den Skipper auf dieser Insel gefangen und verloren zu sein.

Jeff Luckner setzte sich auf.

Er hatte ein markantes Gesicht mit hellblauen Augen. Sein kantiges Kinn täuschte eine Willensstärke vor, die nicht vorhanden war. Tatsächlich verstand er es fabelhaft, sich als harter und entschlussfähiger Typ darzustellen. Aber wer ihn näher kannte, wusste, was davon zu halten war.

Du spinnst!“, sagte er. „Damit macht man keine Scherze.“

Er ist abgestürzt. Ausgerutscht. Plötzlich war er weg“, sagte Proone.

Er füllte sein Glas nach.

Doch nicht Lee“, murmelte Miriam.

Sie fühlte Proones Blick, der auf ihre kaum bedeckte Brust gerichtet war, unternahm jedoch nichts, um die Hemdbluse zu schließen.

Er ist ein alter Fuchs. Er kennt sich in dieser Gegend aus. Er weiß, wie man sich auf gefährlichem

Grund bewegt“, meinte Jeff Luckner.

Proone nahm einen Schluck aus dem Glas.

Ich habe ihn gewarnt“, behauptete er. „Ich habe ihn darum gebeten, nicht so verdammt nahe an den Abgrund zu gehen. Er lachte mich aus. Er schalt mich einen Feigling. Und er ging wie zum Trotz noch näher heran. Da passierte es. Ich hörte noch seinen Schrei, den Aufschlag ...“

Proone schüttelte sich.

Er führte den Satz nicht zu Ende.

Er brauchte nicht zu schauspielern. Ihm war in diesem Augenblick und bei der Erinnerung an das Geschehene mehr als elend zumute.

Hast du versucht, ihn zu finden?“, fragte Luckner.

Klar!“, sagte Proone. „Das war eine Sache für sich. Beinahe hätte ich mir dabei den Hals gebrochen. Lee liegt auf einer Felsplatte am Fuße der Klippen. Zerschmettert. Was für ein Anblick!“ Er schüttelte sich.

Der Rückweg war grauenhaft, einfach halsbrecherisch.“

Mir kommen gleich die Tränen“, sagte Jeff Luckner und wurde plötzlich wütend. „Immerhin bist du am Leben geblieben! Lee ist tot.“

Was wird jetzt aus uns? Wie soll es weitergehen?“, fragte Miriam.

Zehn kleine Negerlein, jetzt sind es nur noch vier“, sagte Gloria.

In ihren Augen schimmerten Tränen, aber sie machte nicht länger den Eindruck, geschockt oder traurig zu sein.

Jetzt wird durch vier geteilt. Hat auch was für sich.“

Du hast das Gemüt eines Brauereipferdes“, beschwerte sich Luckner.

Ich will dir was sagen“, sagte Gloria.

Sie seufzte und starrte in ihr Glas.

Er hätte uns sowieso keine Chance gegeben.“

Was meinst du damit?“, fragte Luckner stirnrunzelnd.

Ich kenne ihn. Kannte ihn“, verbesserte sie sich. „Der hätte nicht mit uns geteilt.“

Was denn sonst?“, fragte Luckner.

Ich weiß es nicht“, meinte Gloria. „Vielleicht hätte er uns einfach auf der Insel zurückgelassen. Unser Schicksal war ihm scheißegal. Er hat zeit seines Lebens immer nur an sich gedacht.“

Was redest du da bloß für einen Quatsch?“, begehrte Jeff Luckner auf. „Er war dein Freund, dein Geliebter. Plötzlich fällst du über ihn her. Man könnte fast meinen, dass er dir zuwider war. Du vergisst, dass Lee uns mitgenommen hat. Er gab uns die Chance, reich zu werden. Ich brauche dir und den anderen nicht zu erklären, wie dringend wir diese Chance brauchen.“

Lee hat dich und uns andere nicht mitgenommen, um seine Großzügigkeit zu beweisen“, meinte Gloria. „Er tat es aus anderen Gründen. Er wollte auf der langen Reise nicht allein sein.“

 

*

 

Wir können ihn dort nicht liegen lassen“, murmelte Miriam und setzte sich auf.

Wir müssen ihn begraben“, sagte Luckner. „Morgen früh machen wir uns an die Arbeit.“

Wäre es nicht unsere Pflicht, die Behörden einzuschalten?“, fragte Miriam.

Jeff Luckner runzelte die Augenbrauen.

Er hielt Gloria sein leeres Glas hin, aber sie nahm es ihm nicht ab.

Was willst du ihnen antworten, wenn sie fragen, was wir hier treiben?“, fragte er und stand auf.

Er füllte sein Glas nach und sah Miriam an.

Warum sollten sie das fragen? Wir können vor Anker gehen, wo es uns passt“, sagte Miriam. „Oder nicht?“

Jeff Luckner setzte sich wieder.

Die Karibik ist mit kleinen zauberhaften Inseln gespickt“, sagte er. „Dagegen ist diese hier ein Stück Dreck. Warum sollten wir ausgerechnet hier vor Anker gehen? Diese Frage würden sie sich stellen. Mit Recht, wie ich meine. Es wäre idiotisch, sie herauszufordern.“

Jeff hat recht“, meinte Proone. „Keine Polizei! Am Ende versuchen die noch, uns für Lees Tod verantwortlich zu machen.“

Diese Gefahr droht allenfalls dir“, meinte Gloria. „Wir waren nicht dabei, als er von der Klippe stürzte.“

Proone starrte Gloria wütend ins Gesicht.

Was willst du damit sagen?“

Hört auf, euch anzugiften!“, sagte Jeff Luckner. „Wir müssen jetzt zusammenhalten. Sonst gehen wir gemeinsam unter.“

 

*

Miriam starrte hinüber zur Insel.

Die kantigen, bizarren Konturen des felsigen kleinen Eilands zeichneten sich deutlich und unheilschwanger vor dem nachtblauen Himmel ab.

Miriam hob die Schultern. Sie fröstelte.

Hier haben schon früher Menschen sterben müssen um des Goldes willen“, sagte sie.

Er ist gestorben, weil er leichtsinnig war“, knurrte Proone. „Aus keinem anderen Grund.“

Er kam aus dem gleichen Grund her wie wir“, sagte Miriam. „Oder die anderen. Die Spanier. Ein Schiff voller Gold! Einfach unglaublich. Die Offiziere inszenierten eine Meuterei. Sie sorgten dafür, dass die Matrosen sich gegenseitig niedermachten. Dann versteckten sie das Gold auf der Insel, setzten sich in ein Boot und ruderten hinaus aufs Meer. Als man sie entdeckte, behaupteten sie, die einzigen Überlebenden einer Schiffskatastrophe zu sein. Sie kehrten nach Spanien zurück, ein Kapitän, sein Steuermann und drei Offiziere.“

Wir kennen die Geschichte“, knurrte Luckner.

Ich muss sie immer wiederholen. Sie ist so fantastisch“, sagte Miriam.

Dann erzähl sie zu Ende, aber rasch!“, sagte Luckner seufzend.

Als sie dabei waren, eine Expedition zu organisieren, um das Gold zu holen, brachten sie sich gegenseitig um. Sie wollten oder konnten nicht teilen. Sie wurden Opfer ihrer eigenen Habgier. Zuletzt gab es nur einen Überlebenden, den zweiten Offizier.“

Luckner nickte.

Aber auch der konnte das Gold nicht holen. Er wurde unheilbar krank und zeichnete die Geschichte des Goldschiffes auf. Tagebuch und Lageplan vertraute er seiner Mutter an. Die wusste damit nichts anzufangen. Nach dem Tod des Sohnes blieben die Aufzeichnungen in Familienbesitz. Erst drei Jahrhunderte später landeten die Unterlagen in einem Trödelladen. Dort hat John sie entdeckt.“

Vielleicht ist alles nur ein Scherz, ein verrückter Einfall“, sagte Miriam.

Morgen werden wir es genau wissen“, meinte Luckner.

Er stand auf, trat an die Reling und starrte hinüber zur Insel.

Was ist das?“, fragte er.

Die anderen wandten die Köpfe.

Was meinst du?“, fragte Gloria.

Da ist ein Lichtschein“, sagte Luckner und streckte die Hand aus. „Dort drüben.“

Du spinnst! Du siehst Gespenster!“, meinte Proone. „Die Insel ist unbewohnt.“

Ich habe das Licht ganz deutlich gesehen. Jetzt ist es verschwunden“, sagte Luckner.

Miriam spitzte die Lippen.

Vielleicht ist es Lee?“, fragte sie aufgeregt. „Er ist zu sich gekommen und er versucht, uns ein Lichtzeichen zu geben.“

Er ist tot. Zerschmettert. Ich habe ihn gesehen“, sagte Proone.

Da war ein Licht, ein Signal“, meinte Luckner, der unentwegt zur Insel hinüberstarrte.

Kann nicht ein Boot auf der anderen Inselseite vor Anker gegangen sein?“, fragte Gloria.

Das Licht kam von den Klippen, nicht aus einer Bucht“, sagte Luckner.

Die Leute können an Land gegangen sein, so wie Lee und John“, meinte Gloria.

Es ist verschwunden“, murmelte Luckner.

Was war das für ein Licht?“, fragte Miriam.

Ein Glühen. Es schien mir, als starrten zwei riesige Augen zu uns herüber.“

Gloria hob wie fröstelnd die Schultern.

Willst du uns Angst machen? Hör auf damit! Mir reicht es, dass der gute Lee ins Gras beißen musste.“

Luckner setzte sich wieder.

Vielleicht bin ich besoffen“, räumte er ein.

 

*

 

Proone sah Miriam an.

Er begehrte sie.

Und sie wusste das.

Manchmal war sie bereit, mit ihm zu flirten, aber dann zeigte sie ihm wieder die kalte Schulter.

Sie war ein Biest.

Sie wusste um ihre Attraktivität, ihren Sex-Appeal, aber sie gab sich frigide.

Selbst Jeff Luckner durfte sie nur dann besitzen, wenn ihr gerade danach zumute war.

Gehen wir schlafen?“, fragte sie.

Ihre Stimme klang plötzlich dunkel und samtig. Sie enthielt eine Lockung, ein eindeutiges Versprechen.

Miriam sah Jeff Luckner an.

Der stand sofort auf.

Ich bin dabei“, sagte er.

Gloria wandte den Kopf. Sie blickte hinter den beiden her.

Wenn ich Jeff wäre, hätte ich ihr jetzt einen Tritt in den Hintern gegeben.“

Was hast du gegen sie?“

Sie macht ihn zum Narren. Er frisst ihr aus der Hand“, sagte Gloria.

Sie ist schön“, sagte Proone.

Du bist in sie verknallt. Das habe ich längst bemerkt“, meinte Gloria.

Proone lächelte, aber er sagte nichts.

Du bist auch in mich verknallt“, sagte Gloria plötzlich und nippte an ihrem Glas.

Ich frage mich, wie du das bis jetzt ausgehalten hast. Lee und ich, Jeff und Miriam, und du standest immer abseits. Du musstest zusehen, wenn wir in unseren Kabinen verschwanden, und draußen bleiben.“

Ich kann warten. Wenn ich das Gold habe, wenn ich wieder in den Staaten bin ...“

Er führte den Satz nicht zu Ende.

Sein Gesicht wirkte fast verklärt, und er lächelte dünn.

Was wirst du tun, wenn du reich bist?“, fragte Gloria.

Es war das erste Mal, dass sie persönliche Fragen an ihn richtete.

Bislang hatte sie ihn eher wie ein Besatzungsmitglied behandelt.

Zumindest hatte sie ihm niemals das Gefühl gegeben, dass sie ihn als ihresgleichen betrachtete.

Leben“, sagte er.

Man braucht kein Geld dafür“, meinte Gloria. „Geld ist wichtig, sicher. Aber du kannst dir dafür kein Glück kaufen. Das Glück lebt in dir, oder es wird dir unerreichbar bleiben.“

Er grinste.

Wenn du so denkst, kannst du sicher leicht auf deinen Anteil verzichten.“

Warum sollte ich? Schöne Kleider kosten Geld. Schmuck kostet Geld. Der Aufenthalt in guten Hotels kostet Geld. Reisen kosten Geld. Ich liebe alle diese Dinge, aber ich brauche sie nicht. Was ich brauche, ist Liebe. Liebe und Glück. Nur sie zählen. Geld hat damit nichts zu tun. Wenn ich richtig liebe, kann ich mit dem Mann meiner Wahl auch im Freien nächtigen, sogar unter einem Brückenbogen.“

Das ist doch hirnverbrannter Quatsch, romantischer Unsinn!“, meinte er. „Hast du es schon mal probiert? Du würdest dich wundern!“

O ja, ich hab es probiert. In meiner Hippie-Zeit. Es war herrlich“, sagte Gloria.

Du kannst die Uhr nicht zurückdrehen. Du bist kein Teenager mehr.“

Leider.“

Gloria seufzte.

John Proone leerte sein Glas.

Es ist besser, wir hauen uns jetzt in die Falle“, sagte er. „Morgen früh geht’s an die Arbeit. Wir sollten bei Tagesanbruch auf den Beinen sein. Kümmerst du dich um das Frühstück?“

Hmm! Mal sehen! Jetzt bleibe ich noch ein bisschen an Deck“, meinte Gloria. „Es ist so süß und mild, eine Stimmung zum Träumen. Ich begreife das nicht. Eigentlich müsste ich todtraurig sein. Aber Lees Tod bedeutet mir nichts. Es ist, als würde ich das Unglück nicht zur Kenntnis nehmen. Mir kommt es vor, als ob Lee noch lebte, als ob er jeden Moment aufkreuzen könnte, oder als ob er mich in der Koje erwartete.“

Gute Nacht!“, sagte Proone und ging.

 

*

 

Man hatte ihm die Heckkabine zugewiesen.

Sie war die kleinste der Jacht und befand sich vor dem Maschinenraum.

Er hatte lange gebraucht, um sich an das ständige monotone Geräusch der Dieselmaschinen zu gewöhnen.

Jetzt war es ganz still. Nur das Plätschern und Glucksen der Wellen war zu hören.

Plötzlich ertönte Musik.

Gloria hatte das Radio an Deck angestellt.

Proone wusch sich und legte sich in die Koje.

Er dachte an Cooper, an den Kampf auf der Klippe, an Coopers Sturz und seinen zerschmetterten Körper.

Proone empfand keine Skrupel, sein Gewissen blieb stumm.

Er hatte noch soviel schmutzige Arbeit zu erledigen, und er konnte und wollte sich jetzt nicht mit dem Ballast lästiger Erinnerungen herumschlagen.

Proone schlief ein und erwachte von einem Geräusch.

In der Kabine war es dunkel.

Er war sofort hellwach und hörte das Glucksen der Wellen.

Es war lauter geworden, aber vielleicht täuschte er sich auch.

Er glaubte zu spüren, dass jemand in der Kabine war.

Seine Hand griff nach dem Lichtschalter.

Aber noch ehe er ihn erreichte, schwang sich jemand zu ihm ins Bett.

Proone erstarrte.

Nur eine Sekunde lang.

Dann fühlte er sich umarmt, bedrängt von glatter warmer Haut, überwältigt von einem weichen, süßen Mund, der seine Lippen suchte.

Küss mich!“

Gloria! Sie war nackt.

Er erwiderte ihre Umarmung und tauchte in den Strudel der Lust.

Gloria verließ ihn eine Stunde später.

Proone schlief sofort ein.

 

*

 

Er erwachte, als jemand an die Kabinentür hämmerte.

Aufstehen, alter Junge!“, schrie Luckner. „Es wird Zeit, dass wir an die Arbeit gehen.“

Miriam hatte sich um das Frühstück gekümmert.

Der Tisch stand im Schatten eines Sonnensegels.

Der Morgenhimmel spannte sich wolkenlos und tiefblau über Insel und Meer.

Jeff Luckner saß bereits am Tisch. Er trug auch an diesem Morgen nur seine Jeans und Tennisschuhe.

Miriam war in Shorts und Bluse. Die Bluse war unter der Brust verknotet und legte eine Handbreit ihres flachen Leibes und der olivenfarbig getönten Haut bloß.

Man konnte sehen, dass sie nichts darunter trug.

Gloria war noch nicht an Deck erschienen. Sie galt als Morgenmuffel.

Man war daran gewöhnt, dass sie mit Verspätung zum Frühstück aufkreuzte.

Was für ein Tag!“, sagte Luckner.

Hoffentlich endet er so golden, wie er beginnt“, meinte Miriam.

Ich habe das Gefühl, dass alles glattgehen wird“, sagte Luckner und hielt Miriam seine Tasse hin.

Was hast du für ein Gefühl, John?“, fragte sie lächelnd.

Proone schien es, als habe das an ihn adressierte Lächeln eine besondere Bedeutung.

Hatte Miriam bemerkt, dass Gloria bei ihm gewesen war?

Wollte sie nicht zu kurz kommen?

Dämmerte ihr, dass er jetzt der neue Chef war, der Mann, der Lees Stelle einnahm?

Wir werden es schaffen“, sagte er.

Als Gloria auftauchte, war der Kaffee schon kalt geworden.

Gloria machte das nichts aus. Sie trug Shorts wie Miriam und dazu ein Bikinioberteil. Die Nägel ihrer nackten Füße waren grün lackiert.

Ich kümmere mich um das Boot“, sagte Proone.

Er holte den kleinen Außenbordmotor aus dem Maschinenraum.

Die Stunde der Entscheidung rückte näher.

Proone war ganz ruhig. Er zweifelte nicht daran, dass alles nach Wunsch gehen würde.

Erst das Gold, dann das andere.

Die Morde.

Jeff.

Miriam.

Gloria.

Das war die Reihenfolge.

Erst der Mann, dann die beiden jungen Frauen.

Vielleicht würde er bei den Frauen die Reihenfolge ändern.

Das war nicht auszuschließen.

Erst Gloria, dann Miriam.

Glorias überraschender nächtlicher Besuch hatte die Situation, aber nicht seine Gefühle verändert. Er empfand für Gloria jetzt eine stärkere körperliche Zuneigung.

Ansonsten bedeutete sie ihm nichts.

Im Gegenteil.

Er hasste sie fast noch stärker als zuvor, weil er zu wissen glaubte, dass Gloria sich ihm nur aus taktischen Erwägungen heraus hingegeben hatte.

Fertig!“, schrie er, nachdem er sich davon überzeugt hatte, dass der Außenbordmotor funktionierte.

Ehe wir die Grotte anlaufen, sollten wir einmal um die Insel fahren“, schlug Luckner vor. „Ich kann die verdammten Lichter von gestern Abend nicht vergessen. Diese glühenden Punkte.“

Fängst du schon wieder davon an?“, fragte Proone.

Ich war nicht besoffen“, sagte Luckner. „Was ist mit den Spaten? Und dem Beil?“

Ich hole jetzt die Werkzeuge, und dann fahren wir los“, entschied John Proone. „Erst verbuddeln wir den armen Lee, dann kümmern wir uns um den Schatz.“

Deine Nerven möchte ich haben!“

 

*

 

Miriam und Gloria blieben auf der Jacht zurück.

Das Beiboot fasste zwar vier bis fünf Personen, aber der Platz wurde für die Geräte und das erhoffte Gold benötigt.

Sie fuhren los und erreichten nach kurzer Fahrt die kleine Bucht, an deren Ufer der tote Lee Cooper lag.

Brr!“, machte Luckner und schüttelte sich. „Wäre es nicht am besten, ihn ins Meer zu werfen?“

Gut! Meinetwegen fahren wir ein Stück hinaus“, sagte Proone.

Was ist, wenn die Leiche irgendwo angeschwemmt wird?“, fragte Luckner, als sie sich fast eine Seemeile von der Insel entfernt hatten und den Toten ins Wasser hievten.

Proone zuckte mit den Schultern.

Das ist nicht mein Problem“, sagte er.

Eine halbe Stunde später erreichten sie die kleine vorgelagerte Insel.

Sie machten das Boot fest, kletterten an Land und standen bald vor zwei großen übereinandergetürmten Felsbrocken.

Sie machten den Eindruck, als schützten sie einen Zugang.

Alles stimmt! Wie in der Beschreibung“, meinte Luckner.

Er zeigte offen seine Erregung.

Mann, dann muss hier auch das Gold liegen! Der Schatz.“

Daran habe ich niemals gezweifelt“, sagte Proone ruhig.

Aber auch sein Herz klopfte rascher und heftiger.

Wie haben die bloß die Brocken vor die Grotte gekriegt?“, sagte Luckner verblüfft. „Die wiegen ja Tonnen!“

Ich nehme an, sie haben mit Seilen und Winde gearbeitet. Eine andere Erklärung gibt es nicht“, meinte Proone.

Wir müssen die Dinger sprengen. Hoffentlich reicht unser TNT“, sagte Luckner.

Kannst du damit umgehen?“

Ja. Ich habe bei den Pionieren gedient.“

Du warst Soldat?“

Nun war Proone erstaunt.

Jeff Luckner zeigte grinsend seine festen weißen Zähne.

Klar, ich habe gedient“, sagte er. „Was dachtest du denn?“

John Proone war beeindruckt, aber er zeigte es nicht.

Bis zu dieser Stunde hatte er in dem Ex-Tennischampion nur einen athletisch gebauten Schönling ohne Rückgrat gesehen.

Aber vielleicht war diese Einschätzung falsch gewesen.

Vielleicht würde es bei der Beseitigung von Luckner größere Schwierigkeiten geben als bei Cooper.

Wir müssen das TNT holen“, stellte Proone fest. „Dann machen wir uns an die Arbeit.“

Sie fuhren zurück.

Als sie die Jacht erreichten, war es zehn Uhr fünfzig.

Miriam erwartete sie an der Reling.

Sie winkte ihnen zu, sichtlich aufgeregt und nervös.

Was ist passiert?“, fragte Proone, der als erster die Strickleiter hinaufkletterte.

Miriam hatte verweinte Augen.

Gloria“, sagte sie nur.

Was ist mit ihr?“, fragte Proone ungeduldig.

Sie ist … sie ist ...“

Jeff Luckner erreichte das Deck.

Was geht hier vor?“, fragte er.

Gloria“, flüsterte Miriam und hielt sich an der Reling fest. „Sie ist tot.“

*

Die Männer sahen sich an.

Dann wandten sie sich Miriam zu.

Luckner packte ihren Oberarm.

Sie schrie auf.

Du tust mir weh!“, sagte sie.

Was ist passiert?“, stieß er hervor.

Sie ist gestürzt. Dabei hat sie sich das Genick gebrochen, fürchte ich.“

Luckner ließ Miriam los und rannte zu der Leiter, die vom Deck ins Bootsinnere führte.

Am Fuß der Leiter lag Gloria.

Ihr grotesk verdrehter Kopf und die starren, glasigen Augen ließen keinen Zweifel daran, dass sie tot war.

Gloria“, murmelte Jeff Luckner.

Er setzte sich und blickte hinüber zur Insel.

John Proone kletterte zu der Toten hinab. Dann kam er wieder an Deck.

Noch eine Bestattung“, sagte er.

Mir ist ganz schlecht“, meinte Miriam.

Sie setzte sich neben Luckner.

Wie konnte das passieren?“, fragte er.

Ich hörte sie nur schreien, aber da war es schon zu spät“, sagte Miriam. „Sie muss eine Sprosse verfehlt haben.“

Das Unternehmen steht unter keinem glücklichen Stern“, meinte Luckner. „Wenn ich jetzt misstrauisch wäre, würde ich annehmen, dass hier Schicksal gespielt wurde. Erst bei Lee, jetzt bei Gloria.“

Was willst du damit sagen?“, knurrte Proone.

Luckner sah ihn an.

Wegen des verdammten Schatzes musste eine ganze Schiffsmannschaft sterben vor dreihundert Jahren“, sagte er. „Es sieht fast so aus, als ob sich das im kleineren Maßstab wiederholen sollte.“

Was war mit Lee?“, fragte Miriam.

Wir haben ihn auf See beigesetzt“, sagte Luckner.

Habt ihr ein Gebet gesprochen?“

Die Männer sahen sich an.

Ja!“, log Proone.

Luckner widersprach nicht.

Was ist mit dem Gold?“, wollte Miriam wissen.

Wir müssen die Felsbrocken sprengen, die vor dem Zugang zur Grotte liegen“, meinte Luckner. „Aber alle Details stimmen mit den alten Unterlagen überein. Wir können also davon ausgehen, dass wir den Trip nicht umsonst gemacht haben. Das Gold liegt noch dort, wo es vor drei Jahrhunderten versteckt worden ist.“

Vielleicht sind wir tot, noch ehe es geborgen ist“, flüsterte Miriam.

Hast du Angst?“, fragte Luckner.

Miriam hob die Schultern und ließ sie wieder fallen.

Erst Lee, dann Gloria. Ein unglücklicher Zufall? Vielleicht. Vielleicht gibt es auch einen anderen Grund. Vielleicht ruht auf dem Schatz ein Fluch.“

Ich würde sagen, es war Mord“, sagte Luckner ruhig.

 

*

 

Miriams Kopf flog herum.

Was?“, stieß sie hervor.

Es begann schon gestern“, sagte Luckner. „John hat Lee ins Meer gestürzt. Du, liebe Miriam, hast das Gleiche getan. Du hast Gloria von der Leiter gestoßen.“

Miriam starrte Luckner ins Gesicht.

Das ist nicht dein Ernst!“, murmelte sie fassungslos. „Sag mir, dass das nicht dein Ernst ist!“

Luckner sah Proone an.

Warum äußerst du dich nicht dazu?“, fragte er.

Auf einen solchen Blödsinn antworte ich nicht“, sagte Proone hochmütig.

Ein Unglück?“, fragte Luckner und verzog den Mund. „Vielleicht. Aber nur insofern, als sich das Unglück wiederholt. Die alten Spanier töteten sich gegenseitig, weil sie nicht miteinander teilen wollten. Wir machen es offenbar nicht anders.“

Mein Gott, Jeff! Weißt du, was du da sagst?“, empörte sich Miriam. „Du stempelst uns zu Mördern..

Seid ihr das nicht?“, fragte Jeff Luckner.

Sein Blick ging zwischen Miriam und Proone hin und her.

Wenn ich mich irre, bitte ich um Verzeihung. Aber ich fühle mich gewarnt. Ich werde von jetzt an auf der Hut sein. Ich warne euch. Wer versuchen sollte, Hand an mich zu legen, wird einen anderen Jeff erleben als denjenigen, mit dem ihr es bisher zu tun hattet.“

Seine Stimme war hart und scharf.

John Proone spürte ein Frösteln über seine Haut kriechen.

Dabei war es an Deck heiß, sogar im Schatten des Sonnensegels.

Du spinnst!“, sagte er.

Ich hole jetzt den Sprengstoff“, sagte Luckner und verschwand im Inneren der Jacht.

Man hörte, dass er am Fuß der Leiter einen Sprung machte, um die Tote nicht berühren zu müssen.

Er ist verrückt geworden“, flüsterte Miriam.

O nein!, dachte Proone.

Nicht Jeff. Der ist clever. Und hart.

Ich habe ihn unterschätzt. Meine Aufgabe ist schwieriger geworden. Aber ich werde sie lösen.

Also auch Miriam!

Proone sah sie an.

Sie sah phantastisch aus.

Aber sie war eine Killerin.

Natürlich hatte Jeff Recht. Miriam hatte Gloria von der Leiter gestoßen.

Zehn kleine Negerlein ...

Nun sind es nur noch drei“, sagte er laut.

Was?“, fragte sie. Dann lachte sie kurz und bitter.

Ach so!“, meinte sie.

Luckner kehrte zurück.

Er hatte zwei Pakete bei sich, die in Ölpapier verpackt waren.

Nehmen wir Gloria gleich mit?“, fragte er. „Wir können sie nicht gut an Bord liegen lassen.“

Ich trage sie ins Boot“, erklärte Proone ruhig.

Jeff!“, stieß Miriam hervor.

Sie starrte auf den Revolverknauf, der aus dem Hosenbund von Jeffs Jeans ragte.

Ja?“, fragte er.

Was soll das? Was willst du mit der Waffe?“

Mich verteidigen“, erwiderte er. „Was sonst?“

Du spinnst“, sagte Proone.

Ab jetzt seht ihr mich nur noch mit der Kanone“, meinte Luckner. „Wenn ihr so unschuldig seid, wie ihr euch darstellt, droht euch keine Gefahr. Sonst ...“

Na schön, lass ihm seinen Willen!“, meinte Proone. „Mich stört das Ding nicht.“

Bleibt nicht so lange weg!“, bat Miriam. „Ich fürchte mich.“

Wovor?“, höhnte Proone. „Vor Jeffs unheimlichem Geist mit den rotglühenden Augen?“

Er wartete keine Antwort ab, sondern stieg die Leiter hinab, lud sich Gloria auf den Rücken, kletterte hinauf und verstaute die Tote im Beiboot.

Luckner und Miriam sahen ihm dabei zu.

 

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907315
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351806
Schlagworte
gold dämonen

Autor

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Titel: Das Gold der Dämonen