Lade Inhalt...

Der Hunderttausend-Dollar-Job: N.Y.D. - New York Detectives

2017 130 Seiten

Leseprobe

Der Hunderttausend-Dollar-Job

Krimi von Wolf G. Rahn

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 117 Taschenbuchseiten.

 

Ein junges Mädchen läuft Bount Reiniger spätabends vor das Auto. Bevor der Privatdetektiv ihr helfen kann, verschwindet sie spurlos. Tags drauf wird Reiniger von Gordon Hepford, dem Vater des Mädchens, beauftragt, die verschwundenen Tagebücher seiner Tochter Sarah wiederzufinden. Offensichtlich ist der Inhalt höchst brisant, denn Sarah wird vor den Augen ihres Vaters und Reinigers entführt. Die Gangster fordern die Herausgabe der Tagebücher gegen Sahras Freilassung, denn die Kidnapper sind davon überzeugt, der Detektiv habe sie – doch der steht vor einem Rätsel ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Die Hauptpersonen des Roman:

Gordon Hepford - Er sorgt sich mehr um seinen Ruf als um seine Tochter.

Sarah Hepford - Ihre Beobachtungen finden wenig Beifall. Ein Platz im Hudson ist für sie schon reserviert.

Nat Gilbert - Er ist entschlossen, schon in jungen Jahren das ganz große Geld zu verdienen.

Daniel Hurston - Er versteht es, Druck auszuüben. Dabei sitzt ihm selbst eine Laus im Pelz.

Mickey, Blacky, Bull - Verrat wird bei ihnen hart gesühnt.

June March - ist Bounts Assistentin und hilft ihm bei seinen Fällen.

Bount Reiniger - ist Privatdetektiv.

 

 

1

Bount Reiniger befand sich in ausgezeichneter Stimmung. Nach langer Zeit hatte er wieder mal Muße für einen Theaterbesuch gefunden. Die Aufführung von „Evita“ war ein Volltreffer gewesen. Jetzt überlegte er, ob er den Abend noch durch einen kurzen Barbesuch verlängern sollte. Für den morgigen Tag stand nichts Dringendes an. Das Gespräch mit Boyd Findow war erst für den Nachmittag vereinbart.

Er fuhr mit seinem Mercedes 450 SL vom Broadway herunter, denn hier stockte der Verkehr wie immer, wenn die Theater ihre Besucherströme ausspien.

Die Straße glänzte. Es hatte ein wenig geregnet, doch es reichte nicht aus, die Hitze, die in den Wolkenkratzerschluchten hing, zu vertreiben

Bount gähnte. Er entschloss sich, doch nach Hause zu fahren. Einmal richtig auszuschlafen, war auch etwas, was er sich nicht oft gönnte. Das war mehr wert als ein Drink und eine Plauderei mit einem flüchtigen Bekannten, den er unweigerlich getroffen hätte.

Er fuhr jetzt auf der 69sten Straße. Sie war frei, und er konnte etwas mehr Gas geben. Der Motor brummte zufrieden auf.

Plötzlich sah Bount einen Schatten vor seinen Wagen huschen. Instinktiv trat er auf die Bremse, denn zum Ausweichen war es zu spät.

Die Reifen wimmerten auf und radierten über den Asphalt. Bount blickte in zwei aufgerissene Augen, die direkt auf ihn zurasten. Dann erfolgte ein dumpfer Laut. Der Wagen kam zum Stehen.

Bount zerbiss einen Fluch, während er auf die Straße sprang, um sich zu vergewissern, was passiert war. So viel stand fest: Jemand war ihm direkt vor den Kühler gelaufen. Entweder in voller Absicht oder aus Unaufmerksamkeit.

Es handelte sich um ein Mädchen mit kurzen, braunen Haaren. Es war höchstens sechzehn Jahre alt, wenn es auch einen gut entwickelten Eindruck machte. Die Augen hatte es geschlossen, doch es atmete. Bount fühlte den Puls und suchte nach einer Verletzung. Der Zusammenstoß war nicht sehr stark gewesen. Er hoffte, dass er ohne ernstliche Folgen geblieben war.

Ein Auto fuhr an ihm vorbei und hupte. Der Fahrer begriff nicht, was hier geschehen war.

Nennenswerte äußere Verletzungen konnte Bount nicht entdecken. Lediglich ein paar Schrammen hatte das Mädchen davongetragen. Trotzdem war es besser, wenn sich ein Arzt darum kümmerte.

Bount betrachtete das hübsche Gesicht, während er sich bemühte, das Mädchen zu sich zu bringen. Was mochte der Grund für diese kopflose Tat gewesen sein? Verzweiflung? Angst? Oder nur Zerstreutheit und übergroße Eile? Auf jeden Fall hätte es schlimm ausgehen können.

„Hören Sie mich?“, fragte er immer wieder und klopfte ihr leicht auf die Wange, die ziemlich schmutzig war.

Seine Bemühungen hatten endlich Erfolg. Das Mädchen schlug die Augen auf, hübsche, aber ängstliche, braune Augen.

Offensichtlich kam es mit der Situation nicht zurecht. Es begriff nicht, was geschehen war.

„Sie sind mir vor den Wagen gelaufen, Miss, aber Sie haben noch einmal Glück gehabt. Wie fühlen Sie sich?“

„Ich ... ich weiß nicht. Wer sind Sie?“

„Mein Name ist Bount Reiniger. Ich bringe Sie jetzt zu einem Arzt und anschließend nach Hause. Stützen Sie sich auf meinen Arm. Sie brauchen keine Angst zu haben.“

Bount sagte das nicht ohne Grund, denn das Mädchen riss die Augen entsetzt auf, als hätte er es mit seiner Pistole bedroht.

Er hob sie hoch, da sie keine Anstalten traf, sich aufzurichten.

In diesem Augenblick sprang ihn etwas von hinten an, und eine wütende Stimme krächzte: „Lass sie los, du Dreckskerl!“

Bount taumelte und versuchte, nicht zu stürzen, da er das Mädchen hielt.

Er erhielt den nächsten Hieb, der mit Kraft und Wut geführt wurde. Ihm blieb nun nichts anderes übrig, als sich seinem unerwarteten Gegner zu stellen.

So vorsichtig wie möglich ließ er das Mädchen los und schnellte herum. Seine Hände waren geballt, bereit zuzuschlagen.

Es gelang ihm gerade noch, einen Schlag abzuwehren, der voll sein Kinn getroffen hatte. Er schlug den Arm zur Seite und konterte geschickt.

Der Angreifer war ein langmähniger blonder Bursche, dessen Gesicht wutverzerrt war. Er war vielleicht achtzehn Jahre alt. Auf irgendeine Weise schien er zu dem Mädchen zu gehören. Vielleicht hatte er aber auch nur die falschen Schlüsse aus Bounts Bemühungen um die Angefahrene gezogen.

„Lassen Sie uns drüber reden“, schlug Bount vor.

Doch der Bursche wollte nicht reden, und wenn, dann mit den Fäusten. Das verstand er erstaunlich gut. Er veranstaltete ein wahres Trommelfeuer, von dem Bount allerdings den größten Teil abblockte und die passende Antwort nicht schuldig blieb.

„Sie geht dich nichts an“, schrie der Langmähnige. „Lass die Finger von ihr, sonst lernst du mich richtig kennen.“

Auf Drohungen reagierte Bount Reiniger für gewöhnlich aggressiv. So auch diesmal. Er war sich keiner Schuld bewusst. Nur seiner Reaktionsschnelligkeit hatte das Mädchen es zu verdanken, dass es noch lebte oder zumindest nicht schwer verletzt war. Er wollte helfen und hatte nicht nötig, sich von einem hergelaufenen jungen Bengel zur Rechenschaft ziehen zu lassen.

Mit scharfem Auge erspähte er eine Deckungslücke und schoss eine Gerade hinein.

Sein Widersacher stieß einen gurgelnden Laut aus. Er brauchte einige Zeit, um den Treffer zu verdauen.

Diese Zeit gewährte ihm Bount aber nicht. Er hatte nicht die Absicht, die Auseinandersetzung länger als nötig auszudehnen. Er hatte sich entschieden, sein Bett aufzusuchen, und das würde er auch tun, sobald er das Mädchen versorgt hatte. Von diesem Lümmel mit der Löwenmähne ließ er sich nicht aufhalten.

Er schickte einen Haken hinterher, was ein schmerzgequältes Ächzen zur Folge hatte.

„Dich erwische ich schon noch“, versprach der Angeschlagene und schüttelte seine Fäuste. Gleichzeitig aber zog er sich zwei Schritte zurück. Er zeigte Respekt vor seinem Gegner, den er überrumpelt zu haben glaubte.

„Hau ab!“, rief Bount Reiniger. „Burschen deiner Machart habe ich schon vor mir hergejagt, als ich noch in die Schule ging.“ Er ging auf den anderen zu, und seine Miene versprach nichts Angenehmes.

Da nahm der Halunke seine Beine in die Hand und rannte davon. Er überquerte die Straße mit langen Sätzen. Auf der gegenüberliegenden Seite wandte er sich noch einmal um und zeigte ein grimmiges Gesicht. Er hob einen faustgroßen Pflasterstein auf und schleuderte ihn in die Richtung des Detektivs.

Bount fing das Geschoss mit beiden Händen auf. Er wollte verhindern, dass es die Karosserie seines Wagens beschädigte.

„Wir sehen uns wieder, Opa!“, brüllte der Junge zornig. „Du wirst noch bereuen, dass du mich angefasst hast.“

Damit verschwand er endgültig, und Bount maß seiner Drohung keine Bedeutung bei. Falls er und das Mädchen zusammengehörten, würde es ihm erklären müssen, wie alles zusammenhing. Ansonsten war eine zweite Begegnung einigermaßen unwahrscheinlich.

Bount kehrte zum Wagen zurück, um nun endlich die Unbekannte zum Arzt zu fahren, aber sie war verschwunden. Offensichtlich hatte sie die Zeit des kurzen Kampfes benutzt, sich unbeobachtet davonzustehlen.

Im ersten Moment ärgerte sich Bount darüber, aber schon bald schloss er daraus, dass das Mädchen demnach keine ärztliche Hilfe benötigte. Das war ein gutes Zeichen.

Allerdings blieb die Sorge, dass es sich vielleicht doch in voller Absicht vor seinen Wagen geworfen hatte und diesen Versuch wiederholen könnte.

Der Gedanke ließ ihn nicht los. Bount warf sich hinter das Lenkrad und ließ den Motor aufheulen. Er suchte die umliegenden Straßen ab, hatte aber keinen Erfolg. Nirgends entdeckte er die Fremde. Sie blieb wie vom Erdboden verschluckt. Allem Anschein nach hatte sie der überstandene Schreck von weiteren Unüberlegtheiten abgehalten.

 

 

2

Trotzdem ließ ihm das Erlebnis keine Ruhe. Bount ließ am nächsten Morgen von June March einen ganzen Stapel Zeitungen besorgen und daraufhin durchsehen, ob eine Notiz von einem Selbstmordversuch eines jungen Mädchens zu finden war.

Er selbst setzte sich mit Toby Rogers, dem befreundeten Leiter der Mordkommission Manhattan C/II, in Verbindung. Toby sollte sich ein bisschen bei den Kollegen umhorchen. Ein Verkehrsunfall mit mehr oder weniger schweren Auswirkungen hätte bekannt sein müssen.

Unfälle hatte es in der vergangenen Nacht eine ganze Reihe gegeben, doch bei keinem war ein Mädchen beteiligt gewesen, auf das Bounts Beschreibung passte.

„Ich glaube, du brauchst darüber nicht nachzugrübeln“, meinte der schwergewichtige Captain. „Wahrscheinlich kam die Kleine gerade aus einer Disco und war in Gedanken noch bei ihrem Freund, als sie dir vor den Wagen lief. Sie ist davongerannt, weil ihre Eltern vielleicht nichts davon wissen dürfen. Sie kann es auch mit der Angst zu tun bekommen haben, als du dich plötzlich zu prügeln anfingst.“

„Angefangen hat der Bengel“, stellte Bount richtig. „Aber vermutlich hast du recht, Toby. Meine Sorge ist unbegründet. Wie geht es dir sonst so? Kein Mangel an Arbeit?“

Toby Rogers ließ ein giftiges Lachen hören. „Das bleibt ein Wunschtraum. Grüße June von mir!“

„Werde ich besorgen.“ Bount legte den Hörer auf und richtete June die aufgetragenen Grüße aus.

Seine blonde Mitarbeiterin hatte sich inzwischen durch den Zeitungsstapel gewühlt. Ohne Erfolg.

Bount war erleichtert und wandte sich einigen Akten zu, die er noch durcharbeiten wollte, bevor er sich mit Boyd Findow unterhielt.

Lange konnte er aber nicht in Ruhe arbeiten.

June befand sich gerade in der kleinen Küche, die sich an sein Büro anschloss, um einen Kaffee zu bereiten, als das Telefon anschlug.

„Detektei Reiniger“, meldete er sich. „Büro für private Ermittlungen.“

Der Mann am anderen Ende der Leitung vergaß, seinen Namen zu nennen. Er kam gleich zur Sache.

„Sind Sie an einem guten Geschäft interessiert, Mister Reiniger?“

„An Geschäften bin ich immer interessiert“, gab Bount zurück. „An guten ganz besonders. Was kann ich für Sie tun?“

„Verkaufen Sie mir die Bücher! Sie können ohnehin nichts damit anfangen, aber für zehn Riesen haben Sie vermutlich eine Verwendung.“

Bount war alles andere als ein Langsamdenker, doch diesmal war er überfordert.

„Von welchen Büchern sprechen Sie?“, erkundigte er sich.

Er hörte ein meckerndes Lachen, das aber gleich wieder verstummte. „Stellen Sie sich nicht ahnungslos. Ich meine die Tagebücher, die sich in Ihrem Besitz befinden. Wenn Ihnen zehn Riesen zu wenig sind, dann nennen Sie mir Ihren Preis. Man kann schließlich über alles reden.“

„Das ist grundsätzlich richtig, Mister, doch es ist schwierig, über Dinge zu reden, von denen man nichts weiß. Ich führe kein Tagebuch, und wenn, dann würde ich es bestimmt nicht verkaufen. Ich fürchte, Sie haben sich in der Adresse geirrt.“

„Diese Sorge quält mich nicht. Ich weiß genau, dass Sie die Bücher haben. Warum wollen Sie ein Geheimnis daraus machen? Sie sind doch ein kluger Kopf.“

„Es gibt Ausnahmen“, erklärte Bount. Es war ihm ein Rätsel, was der Unbekannte eigentlich meinte. „Falls Sie nicht bereit sind, deutlicher zu werden, halte ich es für das Beste, unser kleines Gespräch zu beenden. Ich gehöre zu den Menschen, die für ihr Geld hart arbeiten müssen.“

„Zwanzigtausend, und dafür brauchen Sie überhaupt nicht zu arbeiten. Wie gefällt Ihnen das?“

Bount fischte sich eine Pall Mall aus der Packung und zündete sie an. Er blies den Rauch über den Schreibtisch. Sein Gesicht war angespannt.

„Sie bieten mir zwanzigtausend Dollar für ein paar Bücher, die ich nicht besitze?“

Der andere wurde eine Spur lauter. „Sie wiederholen sich, Reiniger. Wenn Sie den Preis in die Höhe treiben wollen, brauchen Sie das nur zu sagen. Aber Ihr dämliches Gequatsche schmeckt mir nicht. Ich lasse mich nämlich nicht gern für dumm verkaufen. Verstanden?“

„Sie sprechen ja laut und deutlich. Aber durch Schreien allein wird Ihr Ansinnen nicht verständlicher.“

„Sie halten sich offenbar für sehr gescheit. Dabei vergessen Sie aber, dass es immer einen noch Gescheiteren gibt. Ich biete Ihnen ein faires Geschäft an. Wenn Sie das ablehnen, kann ich auch ungemütlich werden. Verdammt ungemütlich sogar. Das sollten Sie bei Ihrer Entscheidung berücksichtigen. Ich bekomme die Bücher. So oder so. Sie finden Ihren Meister.“

„Und wer sind Sie?“

„Probieren Sie’s lieber nicht aus, Reiniger. Ich mache Ihnen jetzt mein letztes Angebot. Fünfzigtausend Dollar in bar. Sie erhalten das Geld im Austausch gegen die Bücher. Danach werden wir nie wieder etwas miteinander zu tun haben. Wenn Sie kein Narr sind, erklären Sie sich einverstanden.“

Fünfzigtausend Dollar in bar! Wer zahlte eine derartige Summe für ein paar Tagebücher? Was stand in diesen Büchern? Sicher waren es nicht nur belanglose Aufzeichnungen, wie sie Teenager über ihre ersten Liebeserlebnisse festzuhalten pflegten.

Schlagartig klingelte es bei Bount Reiniger. Teenager? Hatte er nicht erst gestern mit einem jungen Mädchen Kontakt gehabt? Es war durchaus denkbar, dass der Anrufer das beobachtet hatte und nun der Meinung war, dessen Tagebücher befänden sich in seinem Besitz.

Dadurch wurde auch die Erregung der Kleinen verständlicher. Sie fühlte sich bedroht.

Bount Reiniger dachte an den langmähnigen Burschen, der ihn angegriffen hatte. War er der Unbekannte am Telefon? Dieser Schluss drängte sich geradezu auf, wenn er auch die Stimme nicht wiedererkannte.

Auf jeden Fall hielt er es für angebracht, ab sofort etwas diplomatischer vorzugehen. Ihn schreckte nicht die Drohung des anderen, doch wenn jemand bereit war, fünfzigtausend Dollar zu zahlen, dann war er auch entschlossen, seinen Willen durchzusetzen. Unter Umständen musste das Mädchen es büßen, falls er auf stur schaltete.

„Ihr Angebot kommt ein wenig überraschend für mich“, lenkte Bount zögernd ein. „Ich kenne Sie nicht und weiß nicht, ob ich Ihnen trauen kann. Wie haben Sie sich die Übergabe vorgestellt?“

Der Anrufer lachte zufrieden. „Na also! Das hört sich ja schon vernünftiger an. Das möchte ich Ihnen auch geraten haben. Ich schlage vor, wir treffen uns an einem Ort, an dem keiner den anderen hereinlegen kann. Sie bringen die Bücher und ich das Geld. Während Sie die Mäuse zählen, vergewissere ich mich, ob Sie mir keine Fälschungen andrehen wollen. Danach trennen wir uns wieder und vergessen unser kleines Geschäft. Was halten Sie davon?“

„Hört sich vernünftig an“, meinte Bount Reiniger.

„Das ist es auch, Reiniger. Ich habe kein Interesse, Sie zu betrügen. Allerdings erwarte ich, dass auch Sie ein ehrliches Spiel spielen, sonst ...“

„Sonst können Sie ungemütlich werden, ich weiß. Wo wollen wir uns treffen?“

„Kennen Sie den Flushing Cemetery?“

„Drüben in Queens?“

„Richtig. Ich erwarte Sie dort in zwei Stunden. Kommen Sie allein! Falls Sie einen Trick versuchen, wird es Ihr letzter sein.“

„Ihre Argumente sind wirklich sehr anschaulich“, sagte Bount Reiniger spöttisch. Insgeheim überlegte er, ob der Mann in so kurzer Zeit fünfzigtausend Dollar in bar auftreiben konnte. Vermutlich hatte er das gar nicht vor. Er warnte zwar vor Tricks, doch zweifellos wollte er sich selbst nicht an die Spielregeln halten.

„Ich bin mit dem Treffpunkt einverstanden“. erklärte er, „nicht jedoch mit der Zeit.“

„Wieso nicht?“

„Sie haben anscheinend vergessen, dass ich ein Detektivbüro unterhalte. Ich verdiene meine Brötchen damit, dass ich anderen Menschen meine Dienste anbiete. Mein Terminkalender ist für diese Woche ausgebucht. In zwei Stunden treffe ich mich mit einem wichtigen Klienten.“

„Zahlt er Ihnen auch fünfzig Riesen?“ Der Mann am anderen Ende der Leitung schnaufte verächtlich. „Sagen Sie dem Kerl ab.“

„Wie stellen Sie sich das vor? Man rechnet mit meiner Zuverlässigkeit. Ich gehe nicht mit Ihnen ein Geschäft ein, um mich auf der anderen Seite zu ruinieren. Ich will versuchen, ob ich einen Termin verschieben kann. Das bedarf aber einer genauen Prüfung. Schließlich liegt es weder in Ihrem noch in meinem Interesse, irgendwelchen Verdacht zu erregen.“

„Wie lange brauchen Sie?“, kam es argwöhnisch.

„Melden Sie sich morgen wieder, oder geben Sie mir am besten Ihre Telefonnummer, dann kann ich Sie anrufen.“

„Diesen Vorschlag meinen Sie doch wohl nicht ernst, Reiniger. Also gut, ich melde mich morgen früh. Ihrer Gesundheit und weiteren Arbeitskraft zuliebe sollten Sie bis dahin mit keinem Menschen über unsere Abmachung reden. Falls Sie glauben, mich austricksen zu können, werden Sie eine unangenehme Überraschung erleben. Beweisen Sie, dass Sie tatsächlich so klug sind, wie einige Leute Sie einschätzen. Es lohnt sich.“

Das Knacken in der Leitung verriet, dass der Mann aufgelegt hatte.

Bount Reiniger hielt noch immer gedankenverloren den Hörer in der Hand, als ihm June die Tasse mit dem dampfenden Kaffee vor die Nase stellte.

„Schlafende soll man zwar nicht stören“, sagte sie, „trotzdem möchte ich dich darauf aufmerksam machen, dass es unweigerlich eine Überschwemmung auf deinem Schreibtisch gibt, wenn dir jetzt der Hörer aus der Hand fällt.“

„Ich schlafe nicht“, behauptete Bount brummig.

„Du sahst aber so aus. Hat dich der Anruf ermüdet?“

Bounts Augen blitzten. „Ganz im Gegenteil, Kleines. Er hat mich aufgeweckt. Ich habe eine Ahnung, dass ich in nächster Zeit hellwach sein muss. Jemand hat mir eine Rolle in einem Stück zugedacht, von dem ich das Drehbuch noch nicht kenne.“

„Und was wirst du tun?“, erkundigte sich June, setzte sich auf die Schreibtischkante und schlug ihre schlanken Beine übereinander.

Bount zögerte nur kurz, bevor er antwortete: „Ein Schauspieler muss improvisieren können, selbst wenn ihm die erforderlichen Requisiten fehlen. Ich werde meinen Part gelernt haben, bis sich der Vorhang öffnet, und bis dahin will ich auch meine Mitspieler kennen.“

 

 

3

Bount besaß über sein Vorgehen noch keine konkreten Vorstellungen. Nur eines stand für ihn fest: Er dachte nicht daran, sich von irgendjemandem Vorschriften machen zu lassen. Schon gar nicht, wenn dieser Jemand ein achtzehnjähriger Kraftprotz war, der mit größter Wahrscheinlichkeit ein linkes Ding plante.

Er besprach den Fall mit June, und sie teilte seine Ansicht, dass der unbekannte Anrufer alles andere im Sinn hatte als ein ehrliches Geschäft.

„Wenn du wenigstens den Namen der Kleinen wüsstest“, meinte sie.

„Weiß ich aber nicht. Sie hat ihn mir nicht verraten und war so schnell verschwunden. Im Übrigen ist es bisher nur eine Vermutung, dass sie mit den bewussten Tagebüchern etwas zu tun hat.“

„Aber eine ziemlich wahrscheinliche Vermutung. Kannst du dir vorstellen, dass sie in ein Verbrechen verwickelt ist?“

Bount hob die Schultern. „Darüber kann ich unmöglich urteilen. Sie hat ja kaum ein paar Worte gesprochen und war sehr erregt. Dem Aussehen nach ist sie nichts weiter als ein nettes Mädchen, doch danach kann man heute leider nicht gehen. Ich werde eine Beschreibung von ihr anfertigen, und dann klappern wir sämtliche Discotheken im Umkreis der 69sten Straße ab. Vielleicht haben wir Glück und erfahren etwas über sie.“

„Es ist auch möglich, dass sie in der Gegend wohnt“, gab June zu bedenken.

„Kluges Kind“, lobte Bount. „Ich habe auch nicht die Absicht, bis zum Abend zu warten. Selbstverständlich werden wir uns schon vorher erkundigen. In jedem Haus. Wir müssen ganz einfach eine Spur finden.“

„Das wird ein schönes Stück Arbeit“, sagte June ahnungsvoll, „und kein sehr abwechslungsreiches. Was hältst du davon, wenn uns Wilkie ein bisschen dabei hilft?“

Bount grinste. Wilkie Lenning war sein Freund und gelegentlicher Mitarbeiter. Er kannte sich im Discomilieu bestens aus, und wenn es darum ging, ein hübsches Mädchen aufzuspüren, zeigte er besonderen Ehrgeiz.

„Gute Idee“, sagte er anerkennend. „Du kannst ihn gleich anrufen und auf seine Aufgabe vorbereiten. Hoffentlich ist er nicht schon wieder umgezogen.“

June hängte sich ans Telefon, erreichte den ewigen Wandervogel aber nicht.

Unterdessen sprach Bount eine exakte Beschreibung des Mädchens ins Mikrofon des Diktiergerätes und war selbst überrascht, an wie viele Einzelheiten er sich noch erinnern konnte. Er verfügte eben über eine scharfe Beobachtungsgabe und ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Beides war in seinem Beruf unerlässlich und hatte ihm schon oft wertvolle Dienste geleistet.

June tippte den Text später in die Maschine und stellte gleich genügend Durchschläge her.

Bounts Terminkalender war keineswegs so ausgefüllt, wie er den Anrufer hatte glauben machen wollen. Ihm lag lediglich daran, Zeit zu gewinnen, damit er seine Position verbessern konnte. Er rief sogar Boyd Findow an und bat ihn um Verschiebung ihrer Unterredung.

Mister Findow, der befürchtete, bei einem größeren Immobiliengeschäft betrogen zu werden, war zwar ungehalten, zeigte aber schließlich doch Verständnis, als Bount ihm anvertraute, dass es um Leben und Tod ging.

„Ganz so schlimm ist es hoffentlich nicht“, meinte er danach zu June, „aber Findows Sorgen dulden einen geringfügigen Aufschub. Notiere bitte, dass ich ihn morgen Nachmittag um vier Uhr erwarte. Bis dahin muss die andere Frage geklärt sein. Länger lässt sich mein großzügiger Partner kaum hinhalten.“

June verschwand wieder im Vorzimmer, weil es geläutet hatte, und Bount versuchte noch einmal, ob er Wilkie Lenning irgendwo erreichte.

Man nannte ihm die Adresse eines Tonstudios, in dem Wilkie angeblich für eine Schallplattenfirma ein paar Aufnahmen machen sollte. Diese Information stellte sich zwar als richtig heraus, doch der Gitarrist war schon wieder fort. Es hatte technische Schwierigkeiten gegeben.

Bount war ärgerlich. Wilkie wäre eine große Hilfe gewesen. Er konnte nicht länger warten. Vielleicht gelang es ihm, ihn von unterwegs zu erreichen. Er hatte auf alle Fälle ausrichten lassen, dass er angerufen werden wollte, und wie er Wilkie kannte, nahm er eine solche Bitte ernst.

Bount wollte eben June rufen, aber da steckte sie bereits den blonden Wuschelkopf durch die Verbindungstür und meldete einen neuen Klienten.

„Warum hast du nicht einen späteren Termin mit ihm vereinbart?“, fragte Bount ungehalten. „Du weißt doch, dass wir jetzt keine Zeit haben. Wir müssen das Mädchen finden. Das ist momentan unsere wichtigste Aufgabe.“

„Vielleicht hörst du dir doch erst mal an, was Mister Hepford auf dem Herzen hat“, meinte seine Volontärin unbeirrt.

Bount wusste aus Erfahrung, dass June ein ausgezeichnetes Gespür für wichtige und belanglose Dinge besaß. Wenn sie ihm diesmal widersprach, musste sie einen triftigen Grund dafür haben.

„Also gut“, sagte er seufzend. „Er soll reinkommen. Aber wenn er mich nur unnötig aufhält, ziehe ich dir den Hosenboden stramm.“

June ließ ein fröhliches Lachen hören. „Verstanden, Daddy!“, sagte sie.

Dann verschwand sie, und Sekunden später erschien ein gut gekleideter Herr von ungefähr fünfzig Jahren in der Tür, der einen erregten Eindruck machte. Er war mittelgroß, von gedrungener Gestalt, und seine dunkelblonden Haare waren auf dem besten Weg, sich von seinem Kopf zu verabschieden. Er hatte die wenigen Strähnen mühsam zu einer Frisur geordnet.

Seine Augen wurden durch eine dicke Brille verkleinert. Dadurch wirkten sie noch aufgeregter, was durch seine fahrigen Bewegungen noch unterstrichen wurde.

„Nehmen Sie bitte Platz, Mister Hepford“, bat der Detektiv. „Ich nehme an, dass Ihnen meine Mitarbeiterin gesagt hat, dass wir uns momentan ziemlich im Stress befinden. Ich kann Ihnen nicht versprechen, dass ich Ihren Auftrag sofort übernehmen kann. In einigen Tagen jedoch werde ich wieder Zeit für Sie haben. Worum geht es?“

Der Besucher räusperte sich verlegen. Offensichtlich wusste er nicht, wie er beginnen sollte. Diese anfängliche Scheu, mit seinen persönlichen Problemen zu einem wildfremden Menschen zu kommen, erlebte Bount Reiniger bei vielen seiner Kunden. Die weitaus meisten hatte er schnell davon überzeugen können, dass er ihr Vertrauen verdiente.

„Mein Anliegen, Mister Reiniger, wird Ihnen vielleicht etwas läppisch vorkommen“, begann Hepford schleppend, „doch ich versichere Ihnen, dass ich Sie nicht nur aus einer Laune heraus um Hilfe bitte. Ich bin im Immobiliengeschäft tätig, und ich darf sagen, dass mein Name in dieser Branche einen guten Klang hat. Man kennt mich und weiß meine Arbeit zu schätzen. In gewisser Weise kann man uns beide vergleichen. Wenn jemand einen Privatdetektiv benötigt, stößt er unweigerlich auf Sie, Mister Reiniger. Geht es um eine schwierige Grundstückstransaktion, fällt früher oder später mein Name.“

Bount blieb äußerlich vollkommen ruhig. Doch in seinem Gehirn begannen sich die Räder zu drehen. Hatte dieser Mann etwas mit Boyd Findow zu tun, der ebenfalls seinen Rat in einem Immobiliengeschäft gesucht hatte? War Hepford dessen Partner, dem er misstraute?

Doch diese Gedanken wischte Hepford mit seiner nächsten Erklärung vom Tisch.

„Je bekannter und erfolgreicher man ist“, fuhr er fort, „umso breitere Angriffsflächen bietet man für zwielichtiges Gesindel. Ich denke, Sie verstehen, was ich damit meine.“

Bount sah seinen Besucher forschend an. Er versuchte, in dessen Gesicht zu lesen, aber Hepford ließ ihm für Spekulationen keine Zeit.

„Ich fürchte, dass ich erpresst werden soll.“

Etwas Ähnliches hatte sich Bount gedacht. Er bot seinem Gegenüber eine Pall Mall an, die er dankbar entgegennahm. Nachdem er ihm Feuer gegeben hatte, zündete er sich selbst eine Zigarette an, und die ersten Züge rauchten sie schweigend.

Bount pflegte seine Kunden normalerweise nicht zu drängen. Erpressung war ein Verbrechen, bei dem er für gewöhnlich seine Hilfe nicht versagte. Wenn Hepford tatsächlich so erfolgreich war, ging es vermutlich um bedeutende Beträge, die sich irgendein Halunke unter den Nagel reißen wollte.

Das Dumme war nur, dass er den Fall unmöglich sofort übernehmen konnte. Das unbekannte Mädchen ging ihm nicht aus dem Kopf. Er fürchtete, dass der langmähnige Bursche der Kleinen noch eine Menge Unannehmlichkeiten bereiten würde.

„Gibt es einen dunklen Punkt in Ihrer Vergangenheit, mit dem man Sie erpressen könnte?“, erkundigte er sich. „Ich schlage Ihnen vor, mir die volle Wahrheit zu sagen. Nur so kann ich Ihnen wirklich helfen.“

„Ich habe auch nicht vor, Ihnen etwas zu verschweigen“, versicherte Hepford. „Sonst hätte ich mich erst gar nicht an Sie gewandt. Allerdings trifft Ihre Vermutung nicht zu. Ich habe eine strenge, aber ausgezeichnete Erziehung genossen. Meine Eltern prägten mir schon frühzeitig ein, dass man wirkliche, dauerhafte Erfolge nur auf dem geraden Weg erzielen kann. Nein, es gibt nichts, was ich verbergen müsste, und auch meiner Frau gegenüber habe ich ein reines Gewissen. Wir haben keinerlei Geheimnisse voreinander. Ich habe nie einen Anlass gesehen, sie zu betrügen.“

„Was ist es also dann?“ Bount wurde langsam unruhig. Die Zeit rann dahin. Jene Zeit, die er mit viel Mühe seinem unbekannten Anrufer abgerungen hatte.

„Es handelt sich um meine Tochter Sarah“, erklärte Hepford und senkte unwillkürlich seine Stimme, als fürchtete er, belauscht zu werden. „Sie ist ein liebes, anständiges Mädchen, die meiner Frau und mir viel Freude macht. Aber die Jugend unterliegt heutzutage anderen Gesetzen als wir früher. Man kann sie auch schließlich nicht zu jeder Stunde beaufsichtigen. Kurz und gut, Sarah ist da vor einiger Zeit in schlechte Gesellschaft geraten. Sie hat an gewissen Partys teilgenommen, die sie in ihrer Unerfahrenheit völlig falsch einschätzte. Immerhin ist sie erst fünfzehn. Sie war klug genug, schnell zu erkennen, dass sie damit ihren Ruf ruinieren würde, und stieg schleunigst aus, aber sie war harmlos genug, ihre Erlebnisse in ihrem Tagebuch festzuhalten. Dieses Buch, genau genommen handelt es sich um zwei Stück, wurde ihr gestohlen.“

Bount hatte Mühe, seine Überraschung nicht zu zeigen. Dass es hier ebenfalls um Tagebücher ging, war bestimmt kein Zufall. Er ging jede Wette ein, dass es sich um genau jene Unterlagen handelte, für die jemand fünfzigtausend Dollar zahlen wollte.

Fast hätte er Hepford gefragt, ob er selbst dieser Jemand sei, doch dann sagte er sich, dass darin keine Logik lag, und schwieg.

„Sie werden begreifen, Mister Reiniger“, sagte Hepford und atmete schwer, „dass diese Bücher nicht ohne Grund verschwunden sind. Man will mich unter Druck setzen. Meine Tochter hat mich ohne böse Absicht und ohne es zu wissen in eine schwierige Lage gebracht. Niemand wird danach fragen, ob auf den Partys etwas geschehen ist, dessen sich eine Hepford schämen müsste. Sarahs Anwesenheit allein genügt dem Erpresser und denen, denen er seine Informationen preisgeben würde, falls ich nicht zahle.“

„Er ist also bereits mit Forderungen an Sie herangetreten“, vermutete Bount Reiniger.

Hepford schüttelte den Kopf, und eine seiner kunstvoll drapierten Haarsträhnen fiel ihm ins Gesicht.

Mit einer hastigen Bewegung schleuderte er sie zurück, wodurch er allerdings die ganze lächerliche Frisur in Unordnung brachte. „Nein“, sagte er. „Noch hat er keine Verbindung mit mir aufgenommen. Ich möchte ihm zuvorkommen. Bevor er begreift, was er in den Händen hat und sich seine Strategie zurechtlegt, sollen Sie ihm seine Beute abjagen. Ich hoffe, dass seine Vorsicht und sein Misstrauen im Moment noch nicht so groß sind.“

„Ich verstehe. Sie erwarten also von mir, dass ich Ihnen die gestohlenen Tagebücher wiederbeschaffe, die Ihre Tochter kompromittieren könnten.“

„Exakt. Von Ihrer Sekretärin habe ich Ihre Honorarforderungen erfahren. Ich bin damit einverstanden und versichere Ihnen, dass ich mich bei Ihrer Spesenabrechnung nicht kleinlich verhalten werde. Mir liegt daran, dass die Sache schnell aus der Welt geschafft wird. Die gedankenlose Dummheit meiner Tochter kann mir enormen Schaden zufügen. Ein guter Ruf, besonders bei einem Mann, der auf das Vertrauen seiner Geschäftspartner angewiesen ist, ist schneller zerstört, als man ihn jemals wieder aufbauen könnte.“

„Da gebe ich Ihnen recht“, bestätigte Bount, nur um etwas zu sagen. Er brauchte etwas Zeit, um seine Gedanken zu ordnen. Diese Tagebuchgeschichte wurde immer verzwickter, und er war weit davon entfernt, alles zu glauben, was man ihm erzählte.

Selbstverständlich war es möglich, dass sich alles so verhielt, wie Hepford behauptete. Andererseits boten sich noch weitere Erklärungen an, warum er an den Tagebüchern so interessiert war. Vielleicht hatte er selbst an den bewussten Partys teilgenommen. Vielleicht erschien sein Name dort, und er wurde aus diesem Grunde erpresst. Die erste Frage, die er klären musste, war also, ob es sich bei Sarah wirklich um Hepfords Tochter handelte.

Der geheimnisvolle Anruf fand nun ebenfalls seine Begründung. Zweifellos steckte einer jener Männer dahinter, deren Namen gleichfalls in den Büchern vermerkt waren. Sicher auch ein Geschäftsmann mit untadeligem Leumund, der in aller Heimlichkeit Spaß an neckischen Spielen mit blutjungen Partnerinnen fand.

Bount beschloss, Hepford zunächst nichts von diesem Anruf zu sagen. Erst wollte er sich Gewissheit verschaffen, worum es tatsächlich ging. Sein Besucher war zweifellos an der Wiederbeschaffung der Bücher interessiert. Sein wahres Motiv spielte dabei vorläufig keine Rolle. Er besaß ein Interesse daran, die richtige Spur zu finden.

„Haben Sie irgendeinen Verdacht“, erkundigte sich der Privatdetektiv, „wer für den Diebstahl in Frage kommt?“

Hepford verzog bekümmert sein Gesicht.

„Natürlich habe ich mir diese Frage längst gestellt, Mister Reiniger“, bestätigte er, „aber ich bin zu keinem Ergebnis gelangt.“

„Beschäftigen Sie Personal, das Zugang zu dem Zimmer Ihrer Tochter hat?“

„Allerdings. Doch für diese Leute lege ich meine Hand ins Feuer. Sie sind schon seit vielen Jahren in unseren Diensten. Ich traue weder Emily noch Brad eine Schurkerei zu. Im Übrigen“, er grinste wie ein ertappter Gauner, „habe ich heimlich ihre Zimmer durchsucht, jedoch nichts gefunden.“

„Das beweist noch nichts“, widersprach Bount. „Natürlich würden sie die Bücher nicht in Ihrem Haus lassen, sondern zum Beispiel in einem Schließfach deponieren. Wer könnte von dem Inhalt der Tagebücher gewusst haben? Stehen irgendwelche Namen darin?“

„Diese Fragen kann ich Ihnen nicht beantworten.“

Bount war überrascht. „Haben Sie Ihre Tochter nicht danach gefragt?“

Hepford biss sich auf die Unterlippe. „Ich muss zugeben, dass Sarah nicht bereit war, mit meiner Frau oder mir über den Inhalt zu sprechen. Sie schämt sich schrecklich und möchte das Ganze so schnell wie möglich vergessen.“

„Aber sie hat Ihnen doch von den Partys und dem Verschwinden der Bücher erzählt.“

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907292
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Januar)
Schlagworte
hunderttausend-dollar-job york detectives

Autor

Zurück

Titel: Der Hunderttausend-Dollar-Job: N.Y.D. - New York Detectives