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Milton Sharp #5 Sohn des Grauens

2017 130 Seiten

Leseprobe

Sohn des Grauens

 

WOLF G. RAHN

 

- Milton Sharp: Der Schattenjäger -

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Nach Motiven von Pixabay mit Steve Mayer, 2016

Logo: Steve Mayer

Der Roman erschien ursprünglich unter dem Titel „ Von Ghouls entführt“

Redaktion und Korrektorat: Dr. Frank Rossnagel

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

Klappe

Babs Reese, Judith Hennick und Tom Young schienen eben erst der tödlichen Gefahr durch einen Dämon entronnen zu sein, dem Milton Sharp, der Schattenjäger, in London den Garaus gemacht hatte. Doch bei Toms Verwandten in Deutschland geschehen merkwürdige Dinge, die darauf deuten lassen, dass die Macht des Dämons noch lange nicht gebrochen ist. In einer Hütte im Wald wartet ein alter Magier auf die Ankunft des Sohns des Grauens, damit dieser seine Herrschaft über die Menschheit antreten kann. Doch Xurus, der Düstere, sieht es nicht gerne, wenn andere Schattenwesen die Macht an sich reißen wollen. In ihrer Verzweiflung wenden sich Judith und Tom an Milton, der versuchen muss, einen Dämonenkrieg zu verhindern …

 

 

Hauptpersonen

Milton Sharp

Wieder einmal hat es Milton mit Xurus zu tun, der ihm seinen Bruder geraubt hat. Doch dieses Mal kämpft er nicht nur mit dem Düsteren, sondern auch mit einem dämonischen Baby, dem Sohn des Grauens, der Fähigkeiten besitzt, die sogar die von Xurus übersteigen.

 

 

Babs Reese, Judith Hennick und Tom Young

Die drei jungen Leute glaubten, sich in Deutschland von den Schrecken erholen zu können, die sie in London erlebten und aus denen sie Milton Sharp retten konnte. Doch bei Toms Verwandten ereignen sich grauenerregende Dinge, bei denen Babs eine entscheidende Rolle zukommt.

 

 

Andy Fink

Der junge Deutsche wird bei einer Radtour in Geschehnisse verwickelt, die seinen Verstand übersteigen und ihn in Lebensgefahr bringen. Obendrein benutzt ihn ein Dämon als lebenden Köder.

 

 

Alice und Alfons Bergmann

Toms deutsche Verwandte kümmern sich liebevoll um die drei Freunde aus England, müssen aber hilf- und tatenlos mitansehen, wie ihr Haus zum Schauplatz dämonischer Ereignisse wird.

 

 

 

 

 

 

Roman

Judith Hennick fuhr aus dem Schlaf.

Sie richtete sich entsetzt auf und strich mit der Hand über die schweißnasse Stirn.

Hatte sie geträumt?

Dieses grässliche Gesicht, das ihr erschienen war, entstammte unmöglich der Wirklichkeit.

Sie atmete heftig und blickte auf die Leuchtziffern ihrer Uhr. Es war kurz nach Mitternacht. Durch das halb geöffnete Fenster fiel Mondlicht, eine milde Nacht.

Trotzdem spürte die junge Frau aufkeimende Angst.

»Schläfst du, Babs?«, raunte sie und versuchte, die Freundin zu erkennen, die im Bett an der gegenüberliegenden Wand lag.

Wieder durchzuckte sie ein Schreck ... Das Bett war leer, Babs verschwunden!

Judith schluckte krampfhaft und versuchte, sich zu beruhigen.

Babs hatte am Abend viel getrunken, vielleicht kam sie gleich wieder.

Trotz der Abwesenheit der Freundin hatte Judith das Gefühl, sich nicht allein im Zimmer zu befinden.

Sie hatte Angst, Licht einzuschalten. Angst vor dem, was sie sehen würde.

Ihr Kopf dröhnte. Ein merkwürdiger Geruch lag in der Luft.

So roch es, wenn man bei feuchtem Wetter über einen Friedhof schritt.

Sie spürte, wie sich eine Gänsehaut bildete.

Etwas raschelte.

Es kam aus der Ecke neben dem Fenster.

Ein Schatten huschte zu Babs' Bett hinüber und verschwand unter den Kissen.

Judith blieb fast das Herz stehen.

Das hielt sie nicht länger aus. Sie musste Licht machen.

Wo war nur der Schalter?

Ihre Hand tastete über den Nachttisch. Judith schrie auf.

Da war etwas Feuchtes, Klebriges.

Blut?

Mit einem Ruck war sie aus dem Bett. Leicht bekleidet stürzte sie zur Tür. Phosphoreszierendes Glimmen ließ sie zurückprallen.

Eine Gestalt zeichnete sich auf dem Türblatt ab, eine leuchtende Gestalt, die die ganze Höhe ausfüllte und in deren Gesicht ein geifernder Rachen gähnte.

»Neeeeeiiiiiiiin!«

Der Schrei löste sich aus ihrer Kehle.

Judith taumelte zurück und suchte einen Halt.

Dabei erwischte sie eine Vase, die klirrend auf dem Fußboden zerbarst. Das Wasser ergoss sich über ihre nackten Füße.

Es war, als würden glitschige Kröten über sie kriechen.

Die Gestalt an der Tür verblasste.

Dafür hob ein Sturm an, der alles im Zimmer durcheinanderwirbelte.

Etwas flog gegen Judiths Stirn. Es war weich und quiekte schauerlich.

Die Bö brach durchs Fenster und hinterließ einen Haufen Glassplitter.

Im Zimmer kehrte jetzt wieder Ruhe ein.

Dafür gellte es unten im Garten grauenvoll. Das war Babs.

Die Stimme kannte Judith genau, und sie wusste ihre Freundin in höchster Gefahr.

 

*

 

Barbara Reese, von ihrer Freundin nur Babs genannt, krümmte sich vor Schmerzen. Tränen liefen ihr über die Wangen. Sie hielt das nicht länger aus.

Es war, als würde sie innerlich verbrennen.

Sie lag neben dem kleinen Teich mit den Seerosen.

Es war schön hier, und sie waren von Toms deutschen Verwandten freundlich aufgenommen worden.

Warum wurde sie nur immer wieder von diesen entsetzlichen Qualen gepeinigt?

Barbara Reese wusste nicht, was mit ihr los war. Sie hätte einen Arzt aufsuchen sollen, doch sie fürchtete sich vor der Wahrheit, die nur sie ahnte.

Sie konnte mit niemandem darüber sprechen.

Auch nicht mit Judith. Das war ausgeschlossen.

Ein neuer Feuerstoß raste durch ihren Leib. Dann ebbten die Schmerzen ab.

Sie wurde ruhiger und konnte wohl wieder ins Haus gehen.

Hoffentlich hatte Judith nicht gemerkt, dass sie fort war ...

Vor der Haustür prallten beide zusammen und schrien entsetzt auf, bevor sie sich erkannten.

»Ach, du bist es«, sagte Judith erleichtert.

»Wer soll es sonst sein?«, fragte Babs und bemühte sich, ihre Fassung zurückzugewinnen. »Hattest du Tom erwartet? Dann tut es mir leid, dass ich dich enttäuschen muss.«

Judith wurde verlegen.

»Wie kommst du auf Tom?«

»Hältst du mich für blind? Ich habe längst gemerkt, was mit euch beiden los ist. Ihr verschlingt euch ja fast mit den Augen. Aber warum auch nicht? Ihr seid niemandem Rechenschaft schuldig.«

»Es ist noch zu früh«, erwiderte Judith leise.

Babs verstand, was die Freundin meinte.

Erst vor kurzem hatte sie ihren Freund Harley Devry durch einen Dämon verloren. Und Tom Young hatte aus dem gleichen Grund den Verlust seiner Verlobten Sherry zu beklagen. Das gemeinsame Schicksal hatte die beiden jungen Menschen zusammengeführt, und da sie selbst von dem Dämon bedroht worden waren, waren sie von London nach Deutschland geflohen.

Der Dämon war zwar kurze Zeit später von einem mutigen Mann vernichtet worden, aber Tom Youngs Verwandte hatten darauf bestanden, dass sie noch einige Tage blieben.

Inzwischen waren es schon annähernd vier Wochen.

Judith und Tom liebten sich. Das war offensichtlich.

Nur sie, Barbara Reese, musste leiden und hatte Angst, dass sie daran zugrunde ging.

»Was tust du hier draußen?«, erkundigte sie sich.

Judith Hennick war totenblass.

»Ich ... ich hörte dich schreien. Ist dir nichts passiert?«

Babs schüttelte den Kopf.

»Schreien? Ich? Du hast dich getäuscht. Ich habe nicht geschrien. Warum auch? Es geht mir gut. Ich wollte nur die herrliche Nacht ein wenig genießen. Wahrscheinlich hast du geträumt.«

Herrliche Nacht?

Weshalb war diese Nacht herrlich?

Aus dem Seerosenteich quoll fetter Nebel. Judith hatte noch nie zuvor aus einem winzigen, selbstangelegten See Nebel steigen sehen.

In der Luft lag knisternde Spannung, als würde im nächsten Moment ein Gewitter losbrechen. Und dann fielen ihr die Erlebnisse im Zimmer ein.

Es war eine der schrecklichsten Nächte, die sie je erlebt hatte.

»Geträumt?«, wiederholte sie entrüstet. »Habe ich auch geträumt, dass eine glühende Gestalt in unser Zimmer eindringen wollte? Und das Blut? Und die Kröten? Habe ich die auch nur geträumt?«

Babs sah ihre Freundin entgeistert an.

»Wovon redest du nur? Das ist doch alles Vergangenheit. Der Dämon ist tot. Er kann dich nicht mehr einholen. Du musst das Furchtbare endlich vergessen.«

»Es war etwas anderes«, beharrte Judith. »Etwas Neues. Es wohnt hier in diesem Haus. Du musst es doch auch spüren.«

Babs schüttelte abwesend den Kopf.

Ihre Augen waren starr und glitzerten.

»Ich spüre nichts. Es geht mit gut. Du bildest dir alles nur ein. Lass uns ins Haus gehen. Ich bin müde.«

Judith schwieg. Ihr war wirr im Kopf.

Schnappte sie denn wirklich über?

Ganz deutlich hatte sie Babs schreien hören.

Aber niemand im Haus war offenbar wach geworden. Das war schon merkwürdig.

Nicht einmal Tom, der ebenfalls einen leichten Schlaf hatte.

Wahrscheinlich waren nur ihre Nerven überreizt.

Unauffällig betrachtete sie die Freundin von der Seite.

Babs' bleiches, fast grünes Aussehen strafte ihre Behauptung Lügen.

Ausgeschlossen, dass sie okay war. Sie gab es nur nicht zu, um sie nicht noch stärker zu beunruhigen.

Die zerbrochene Fensterscheibe und das Blut auf ihrem Nachttisch waren Beweise, denen sich niemand verschließen konnte.

»Ja, gehen wir«, antwortete sie. »Ich möchte dir etwas Interessantes zeigen.«

 

*

 

Sie streckte die Hand nach dem Türknauf auf.

In diesem Augenblick schlug ihr die Tür wie von Geisterhand entgegen.

Sie wurde am Kopf getroffen und gegen die Freundin geschleudert. Beide stürzten nieder, und die Tür, die aus den Angeln gerissen wurde, fegte über sie hinweg.

Beide Frauen schrien, denn es geschah etwas Gespenstisches: Die Tür kehrte zurück und versuchte, sie zu erschlagen ...

Judith und Babs pressten sich eng an den Boden.

Das schwere Holz streifte sie und verursachte höllische Schmerzen.

Aber es war immer noch nicht genug.

Die Tür, in der grausiges Leben steckte, startete bereits den nächsten Angriff.

Wie ein breitflächiges Geschoss raste sie heran. Aus dem metallenen Knauf zuckten grelle Blitze. Sie verbreiteten einen Gestank, der die Frauen fast betäubte.

Sie rafften sich auf und rannten los, zuerst in die gleiche Richtung. Unwillkürlich suchte jede den Schutz der anderen.

Judith wurde am Hinterkopf getroffen und wimmerte.

Babs lief weiter. Sie merkte nicht, dass die Freundin getroffen war.

Judith kam wieder in die Höhe. Sie war benommen und brach in die Knie.

Erst beim zweiten Versuch schaffte sie es, auf den Beinen zu bleiben.

Sie hetzte weiter, diesmal aber in eine andere Richtung.

Die Tür konnte sich schließlich nicht teilen ...

Aber sie täuschte sich.

Voller Grauen beobachtete sie, wie sich das Holz spaltete und die eine Hälfte hinter der schwarzhaarigen Babs herglitt, während die andere kehrtmachte und zurückkam.

Direkt auf sie zu.

»Tom!«, schrie die junge Frau. »Tom, hilf mir!«

Inzwischen jagte Babs durch den Garten.

Sie hatte keine Chance, denn der unheimliche Verfolger war schneller als sie. Schon hatte er sie erreicht und schickte sich an, sie zu Boden zu stoßen.

Da wirbelte sie plötzlich herum.

Ihre Hände zuckten vor und trafen das Türstück.

Babs' Augen waren rot vor Wut.

Sie keuchte und trat mit den Füßen nach ihrem gespenstischen Gegner.

Das Holz flackerte in grünlicher Flamme und verpuffte.

Gleichzeitig ließ auch die andere Hälfte von Judith ab.

Der Spuk war vorbei. Die Haustür hing wieder in der Angel, als habe sie ihren Platz nie verlassen.

Tom Young tauchte auf.

Er war blond, ungefähr fünfundzwanzig, sah verschlafen aus und erkundigte sich nach der Ursache des Lärms.

Judith war zu keinem Wort fähig.

Voller Grauen starrte sie zu ihrer Freundin hinüber und konnte nicht fassen, auf welche Weise Babs den gespenstischen Gegner geschlagen hatte.

 

*

 

Das Zimmer, das sie mit der Freundin teilte, schien unberührt.

Die Fensterscheibe, die der Windstoß zerbrochen hatte, war heil. Auf dem Nachttisch fand sich weder Blut noch sonst eine klebrige Flüssigkeit. Er war blitzsauber. Auch von Kröten entdeckte sie keine Spur, und als sie darauf bestand, dass Tom die Kissen von Babs' Bett hob, huschte nicht eine langschwänzige Ratte hervor.

Judith glaubte jetzt selbst, dass sie sich alles eingebildet hatte.

Schlafen konnte sie in dieser Nacht nicht mehr.

Obwohl sie tausend Fragen quälten, vermied sie ein Gespräch mit Babs, deren tiefer Atem schon bald verriet, dass sie eingeschlafen war.

Doch Babs schlief nicht.

Sie tat nur so, um nicht reden zu müssen.

Sie war entsetzt über die Kraft, die in ihr gelodert hatte, als sie die Geistertür vernichtete. Ein derartiges Gefühl hatte sie nie kennengelernt.

Sie zermarterte sich das Gehirn und kam doch zu keinem Ergebnis. Irgendetwas war hier im Gang.

Sie schwebten in Gefahr. Genau wie in London.

Die Flucht hatte nichts genutzt, obwohl der Dämon angeblich nicht mehr existierte.

Sie selbst war ihm in ihrer Londoner Wohnung begegnet. Er hatte sie bedroht, sie aber schließlich doch am Leben gelassen. An ihr war er nicht interessiert gewesen, denn er hatte sich Judith als seine Frau auserkoren.

Dieser Gedanke war unvorstellbar.

Mit ihrer besten Freundin hätte er eine grauenhafte Nachkommenschaft zeugen wollen. Andere Frauen, die dieses Ansinnen zuvor entsetzt abgelehnt hatten, hatten das mit dem Leben bezahlen müssen.

Auch Sherry, Tom Youngs Verlobte.

Kam der Dämon zurück?

Suchte er Judith?

Bestand er auf ihrer Verbindung?

Babs dachte daran, jenen Mann in Kenntnis zu setzen, der bereits in London geholfen hatte.

Er hieß Milton Sharp und war eigentlich Journalist. In letzter Zeit hatte er sich aber auf die Vernichtung aller Dämonen spezialisiert. Nicht zuletzt deshalb, weil sein eigener Bruder ein Opfer der Höllischen geworden war.

Merkwürdigerweise brachte sie diesem Dämonenjäger jetzt nicht mehr viel Vertrauen entgegen. Er musste sie angelogen haben.

Nur um sich damit zu brüsten, hatte er sich als Überwinder des Dämons bezeichnet. Bestimmt war alles nicht wahr, es konnte gar nicht wahr sein. Die Ereignisse waren der traurige Gegenbeweis.

Barbara Reese hasste diesen Mann, überhaupt alle Männer, und erschrak vor diesem Gedanken.

Das gab es doch nicht! Sie hatte Männern stets besondere Zuneigung entgegengebracht. Sie war kein Kind von Traurigkeit, jung und wollte das Leben genießen.

Sie zog die Bettdecke über den Kopf, wollte nichts hören und nichts sehen. Am liebsten wäre sie heimlich verschwunden.

Mitten in der Nacht. Es zog sie hinaus.

Es war, als riefe sie eine Stimme, der sie gehorchen musste …

 

*

 

Durch das Wäldchen geisterte ein dünnes Licht.

Es rührte von einer Taschenlampe her, die ein junger Bursche trug.

Er fluchte unflätig, denn ein Unbekannter hatte die Heringe seines Zelts aus dem Waldboden gezogen. Das Zeltdach war über ihm zusammengebrochen, und er hatte mühsam darunter hervorkriechen müssen. Dabei hatte er gerade gut geschlafen.

Angst kannte er nicht, obwohl der Wald unheimlich war, und es ihm lieber gewesen wäre, wenn ihn sein Freund Markus bei dieser Radtour begleitet hätte. Der aber musste für die Schule büffeln.

Andy Fink leuchtete mit der Lampe zwischen den Bäumen hindurch und lauschte. Nichts war zu hören außer leisem Wispern, das aber wohl vom Laub an den Bäumen verursacht wurde.

Er stellte grimmig fest, dass tatsächlich sämtliche Zeltpflöcke herausgerissen waren.

Ein Tier konnte das nicht gewesen sein. Dahinter steckte Methode, menschliche oder gar dämonische?

Andy Fink erschrak bei diesem Gedanken unwillkürlich.

Wie kam er darauf, dass unerklärliche Mächte ihre Hand im Spiel haben könnten?

Nun gut, er interessierte sich schon seit Jahren für alles Übersinnliche und Okkulte. Er verschlang alle Bücher mit diesem Thema, einschließlich der spannenden Heftserien, und tauschte mit Gleichgesinnten Meinungen und Erfahrungen aus.

Dass er aus diesem Grund für einen Boten der Finsternis von besonderem Interesse war, wagte er jedoch zu bezweifeln.

Im Unterholz knackte es. Ein Käuzchen ließ seinen klagenden Ruf hören.

Etwas flatterte dicht an Andys Kopf vorbei. Rasch zog er ihn zurück.

Was sein Gesicht flüchtig gestreift hatte, hatte sich wie grober Stoff angefühlt.

Es war wohl doch keine gute Idee gewesen, das Zelt mitten im Wald aufzuschlagen. Doch gestern Abend hatte es nach einem Gewitter ausgesehen, und da war man hier sicherer als auf freiem Feld.

Bis jetzt ließ der Regen auf sich warten. Nur die elektrisch geladene Atmosphäre war noch spürbar und schien bedrohlich.

Und da hatte irgendein Spaßvogel nichts Besseres zu tun, als ihm das Dach über dem Kopf wegzuziehen.

Andy Fink seufzte und leuchtete den Boden ab, fand aber keine Fußspur.

Er begann, die Heringe mit dem Gummihammer wieder in den Boden zu schlagen.

Die dumpfen Schläge tönten in der Stille so laut, dass er fürchtete, jemanden damit zu stören, doch er war allein, richtete sich auf und begutachtete sein Werk. Er prüfte die Verspannung, war zufrieden und kroch ins Zelt zurück, schlüpfte in den Schlafsack und schloss die Augen.

Doch schon in der nächsten Sekunde riss er sie wieder auf.

Ein gewaltiger Windstoß riss das Zelt aus seiner Verankerung. Wie ein dunkles Segel flog die Plane davon.

Der Junge sprang auf und fiel auf die Nase. Er hatte vergessen, dass er noch im Schlafsack steckte. Hastig öffnete er den Reißverschluss und suchte seine Sachen zusammen. Für ihn stand fest, dass mit dem ersten Donnerschlag ein gewaltiger Wolkenbruch einsetzen würde.

Zum Glück hatte er am Vorabend fast nichts ausgepackt.

Er musste die Satteltaschen nur wieder auf den Gepäckträger schnallen und sein Schlafzeug darüber festbinden.

Aber das Zelt?

Das wollte er nicht aufgeben. Es hatte ihn immerhin zwei Monatslöhne gekostet

Zwar ließ der Regen noch auf sich warten, dafür schienen die Waldtiere wie entfesselt zu sein. Ganze Scharen von Vögeln schwirrten heran und versuchten, nach ihm zu hacken. Er rettete sich, indem er sich kurzerhand auf den Boden warf und sein Gesicht schützte.

Dann stampfte es heran.

Wild fauchend und mit glühenden Augen walzten zwei Keiler auf ihn zu.

Er hatte sich schon immer ein handfestes Abenteuer gewünscht.

Ganz so schlimm hätte es aber nicht zu kommen brauchen ...

Andy Fink packte den Gummihammer und schwang ihn wild. Dabei stieß er urweltliche Töne aus, die denen der Keiler kaum nachstanden.

Die Tiere ließen sich nicht irritieren.

Sie rasten näher und stoppten auch nicht ihren Lauf, als er zuschlug.

Kaum berührte er den Schädel einer Bestie, als der Hammer in seiner Faust zu glühen begann.

Aufschreiend ließ er ihn fallen.

Dampf stieg zischend aus dem feuchten Laub.

Die Meute preschte weiter und verschwand im Dickicht.

Dafür tauchten kleine Tiere auf. Borstige Igel, die Front gegen ihn machten, Eichhörnchen, die seine Nase anscheinend mit einer knackigen Nuss verwechselten.

Auch Blindschleichen und Eidechsen waren dabei, Frösche, Hasen und sogar ein Fuchs.

Andy liebte Tiere.

Was aber hier auf ihn zukam, erfüllte ihn mit wachsendem Unbehagen.

Es war, als wollten die Waldbewohner ihn mit aller Gewalt aus ihrem Revier verjagen.

Kein Tier blieb zahm.

Selbst Würmer krochen aus der Erde und begannen, sich in seine Schuhe zu bohren.

Hastig griff er nach dem Fahrrad und fuhr erneut zusammen.

Das Metall fühlte sich glitschig an, als würde es leben.

Und tatsächlich wand es sich ihm wie eine Schlange entgegen.

Es zischte wütend und fuhr ihm ins Gesicht.

Panik ergriff ihn. Er ließ das Fahrrad los, das sich wie wild gebärdete.

Der Lenker fuhr ihm wie eine Peitsche ins Gesicht.

Das Vehikel schnaubte wie ein Pferd und schlug sogar aus.

Andy verzichtete darauf, sein Gepäck an sich zu reißen.

Sein Schlafsack hob sich vor seinen Augen in die Luft und wurde zu einer riesigen Wolke, die sich über ihn senkte, um ihn zu ersticken.

Da fing er schleunigst an zu laufen. Die Richtung war ihm egal.

Plötzlich regnete es. Trotz der Bäume schlugen die Tropfen wie harte Glaskugeln auf seinen Kopf.

Zum Glück entdeckte er die Zeltplane, die sich zwischen Büschen verfangen hatte.

Er zog sie wie eine Kutte über und war leidlich gegen die Nässe geschützt.

Überstürzt setzte er seinen Weg fort.

Er glaubte, in der Ferne ein Licht zu erkennen. Durch den undurchdringlichen Wasserschleier war es zwar nur schwach zu erkennen, aber er war sicher, auf eine menschliche Behausung zu stoßen. Dort würde man ihn hoffentlich aufnehmen.

Hinter ihm rumorte es.

Er blickte sich um. Ein Baum griff mit knorrigen Ästen nach ihm.

Andy konnte sich gerade noch ducken.

Dabei strauchelte er und stürzte in den Schlamm.

Der zähe Brei quoll ihm in Mund, Nase und Augen und brannte entsetzlich.

Als er sich aufrichtete und den gröbsten Dreck aus den Augen wischte, erschrak er.

Vor ihm erhob sich ein Wesen, das ihn feindselig musterte und den Jungen an einen uralten Mann erinnerte. Überall an dem dennoch kräftigen Körper spannte sich faltige, lederartige Haut. Seine ebenso faltigen Hände endeten in langen, spitzen Krallen.

Was er von ihm zu erwarten hatte, konnte er sich ausmalen.

Er würde diesem Scheusal nicht entkommen.

Andy raffte die Zeltplane auf und zog sie erneut über den Kopf.

Langsam zurückweichend, richtete er sich auf und suchte nach einem Fluchtweg.

Da warf sich das Monstrum vor ihm in den Schlamm, hob ihm die Hände mit den gekrümmten Fingern entgegen und flüsterte:

»Endlich bist zu gekommen, Sohn des Grauens! So haben die Zeichen doch die Wahrheit verkündet. Dein treuer Diener grüßt dich und unterwirft sich deinen Befehlen.«

Andy glaubte, sich verhört zu haben.

Der Junge reckte sich, zumal auch das Rumoren im Wald hinter ihm nachgelassen hatte, und schritt in die Richtung, in der er das Licht glimmen sah.

Und der alte Mann folgte ihm gehorsam wie ein Hund.

 

*

 

»Manchmal kurven hier Verrückte auf ihren Motorrädern herum«, sagte Alfons Bergmann, den eine Großtante von Tom Young geheiratet hatte. »Daran haben wir uns schon gewöhnt.«

Man sah ihm an, dass er die Story mit der wildgewordenen Tür nicht glaubte.

Schließlich mussten die jungen Frauen jeden Beweis schuldig bleiben. Die Haustür war unversehrt, und wer wollte sagen, woher Judith und Babs ihre Beulen hatten?

Tom machte sich Gedanken.

Auch er hatte nichts von dem nächtlichen Drama mitbekommen, doch anders als seine Verwandten nahm er die Geschichte nicht auf die leichte Schulter. Es war noch nicht lange her, dass er von einem Dämon bewusstlos geschlagen worden war.

Er hatte wohl nur Glück gehabt, sonst wäre er jetzt nicht mehr am Leben.

Nach dem Frühstück sprach er mit Judith darüber.

»Wir sollten Milton Sharp verständigen«, schlug er vor. »Wenn du dich nicht getäuscht hast ...«

»Ich habe mich nicht getäuscht, Tom«, fiel ihm das braunhaarige Mädchen heftig ins Wort. »Ich war hellwach und habe alles genauso erlebt, wie ich es dir geschildert habe. Es war grauenvoll! Ich möchte das in der kommenden Nacht nicht wieder durchmachen. Aber können wir Milton schon wieder belästigen?«

»Er wird sich nicht belästigt fühlen, Judith«, versicherte der Mann. »Er hasst die Dämonen wie die Pest. Denk daran, was sie mit seinem Bruder gemacht haben. Glyn Sharp musste seinen Körper einem Dämon geben, damit dieser die Möglichkeit fand, unter den Menschen zu morden und Unheil zu stiften. Das ist schlimmer, als tot zu sein.«

Judith nickte beklommen.

»Ich weiß. Aber Milton wird gerade deshalb nicht interessiert sein, nach Deutschland zu kommen. Er will Xurus finden, dem er diesen Verlust zu verdanken hat.«

»Auf jeden Fall rufe ich ihn an«, entschied Tom. »Es liegt dann an ihm, für wie wichtig er die Sache hält. Außer meinen Verwandten kenne ich in diesem Land niemanden. Die beiden sind riesig nett, aber an Geister und andere Schattenwesen glauben sie nicht Sie sind überzeugt, dass wir es in London mit einem ganz gewöhnlichen Gangster zu tun hatten.«

»Das kann man ihnen auch nicht übelnehmen«, fand Judith. »Wer weiß schon, welch fürchterliche Dinge um uns her geschehen, solange man es nicht selbst mit ihnen zu tun bekommt.«

»Eben. Und deshalb rufe ich Milton an. Von uns allen weiß er am besten, wie wir uns zu verhalten haben. Du könntest unterdessen mit deiner Freundin in die Stadt gehen.«

»Ich weiß nicht, wo Babs ist«, bekannte Judith. »Neuerdings versteckt sich sich regelrecht vor mir. Ich mache mir Sorgen um sie. Sie ist so verändert. Ich kann schwören, dass sie heute Nacht vor Entsetzen geschrien hat, aber sie leugnet es. Warum? Schämt sie sich ihrer Furcht? Und dann die Sache mit der Tür. Ich sage dir, es war unheimlich. Du hättest sie sehen sollen. Wie ein Racheengel stand sie da. Ihre schwarzen Augen glühten. Als Babs die Tür vernichtete, muss sie von unvorstellbarer Kraft beherrscht gewesen sein.«

Tom senkte seine Stimme zu einem Flüstern.

»Glaubst du, dass sie besessen ist?«

Judith hob hilflos die schmalen Schultern.

»Ich weiß es nicht, Tom. Manchmal ist sie wieder wie früher, aber dann sieht sie mich plötzlich an, als wollte sie mir an die Gurgel fahren. Und das Schlimmste ist, sie spricht nicht über ihre Probleme. Wenn ich das Gespräch darauf bringen möchte, lacht sie mich nur aus und behauptet, ich sei ...«

»Was behauptet sie?«, fragte Tom.

Judith wurde verlegen.

»Sie sagt, Mädchen in meinem Zustand würden meistens dummes Zeug reden.«

Tom war überrascht.

»Welchen Zustand meint sie denn?«

Die junge Frau zögerte einen Moment. Dann stellte sie sich auf die Zehenspitzen und gab ihm einen hastigen Kuss.

»Diesen«, hauchte sie und lief rasch davon, bevor Tom sie festhalten konnte.

Nachdenklich blieb der Mann zurück und blickte ihr nach. Ja, es hatte ihn erwischt. Er hatte sich in Judith verliebt, so wie sich in ihn. Und er hatte geglaubt, nach Sherry kein Mädchen mehr lieben zu können. Keins mehr lieben zu wollen.

War er herzlos?

Machte er sich Sherry gegenüber schuldig?

Er schüttelte den Gedanken ab und kehrte ins Haus zurück, wo ihn Großtante Alice mit Beschlag belegte.

 

*

 

Judith Hennick streifte durch den Garten und suchte ihre Freundin, ohne sie zu finden.

Nachdenklich setzte sie sich auf die selbstgezimmerte Bank.

Ihr war plötzlich übel. Da war etwas in ihr, dass sie sich nicht erklären konnte.

Ihre Gedanken verloren jeden Zusammenhang.

Sie dachte an Dinge, die sie längst vergessen hatte.

Sie erinnerte sich, wie Babs ihr einen Freund ausgespannt hatte. Das war schon fünf Jahre her. Dann sah sie, wie die Freundin ihr neues Kleid bewunderte und im nächsten Augenblick Rotwein darüber verschüttete. Aus Versehen natürlich. Einmal hatte sich Babs partout geweigert, ihr die Bluse mit den Stickereien zu leihen, obwohl sie sie selbst nicht tragen wollte. Und die zwanzig Pfund, die sie sich vor einem halben Jahr geliehen hatte, waren völlig in Vergessenheit geraten.

Judith strich sich über die Schläfen.

Was sollte das?

Sie tat gerade so, als bestünde Babs nur aus schlechten Charaktereigenschaften. Dabei hatten sie sich fast immer blendend verstanden, und daran würde sich auch nichts ändern.

Sie ist heimtückisch und arglistig, tönte es in ihrem Kopf.

Sie benutzt dich nur. Sie wird dir auch Tom wegnehmen, wenn du nichts dagegen unternimmst ...

»Was sollte ich dagegen unternehmen?«, sagte Judith halblaut zu sich selbst.

Bei dem Gedanken an den Mann, den sie liebte, wurde sie unruhig.

»Wenn sie nicht mehr lebt, kann sie dir nicht mehr schaden.«

Judith zuckte zusammen.

Das waren doch nicht ihre Gedanken. Da hatte eine Stimme zu ihr gesprochen, die ihr irgendwie bekannt schien.

Sie blickte hinter sich und kontrollierte sogar, ob jemand unter der Bank lag, aber da war nichts. Sie war allein.

»Sie hat ein Geheimnis vor dir«, hörte sie nun deutlich. »Sie hintergeht dich! Frag sie doch, was mit ihr los ist! Frag sie, ob sie sich nicht längst an Tom herangemacht hat. Und wenn sie leugnet, dann töte sie!«

Schauderhafter Gedanke, dachte Judith.

Sie musste ihn schleunigst vergessen.

Aber Judith Hennick vergaß ihn nicht.

Sie konnte ihn einfach nicht abschütteln. Er hatte sich förmlich in ihr Bewusstsein gefressen.

Als Tom aus dem Haus trat, galt seine erste Frage Babs.

»Hast du sie nicht gefunden?«

Judith spürte einen bitteren Geschmack auf der Zunge. Das Misstrauen wuchs, obwohl sie sich mit aller Macht dagegen wehrte.

»Du scheinst dich ja mächtig für sie zu interessieren«, reagierte sie ärgerlich.

Tom stutzte.

Eifersucht? Dazu hatte er Judith keinen Anlass gegeben. Die nächtlichen Erlebnisse hatten wohl ihre Nerven strapaziert. Er musste noch mal mit Tante Alice reden. Es war nicht gut, wenn sie noch länger hierblieben.

Babs tauchte wenig später auf.

Sie sah wie ihr eigener Leichnam aus. Auf Toms entsprechende Frage antwortete sie gepresst:

»Es geht mir gut. Du brauchst dir meinetwegen keine Gedanken zu machen. Du zuallerletzt!«

In Judiths Gehirn klingelte es.

Etwas musste zwischen den beiden vorgefallen sein. Sie musste es herausbekommen ...

Am Mittagstisch beobachtete sie Babs und Tom unauffällig.

Sie hatte den Eindruck, dass sie sich sehr geschickt benahmen. Es sollte ja von ihrer Beziehung niemand etwas ahnen. Nach und nach wurde ihr auch klar, was Babs in der Nacht im Garten getrieben hatte. Sie wollte sich dort mit Tom treffen. Das war doch ganz logisch.

Babs hatte offensichtlich keinen richtigen Appetit. Sie stocherte in ihrem Teller herum.

Liebeskummer, dachte Judith böse. Oder das schlechte Gewissen.

Alice Bergmann sah ihre Kochkunst in Frage gestellt.

»Sie müssen essen, Babs«, forderte sie mit Nachdruck.

Ihre Englischkenntnisse waren bescheiden, doch während der letzten Wochen hatte sie sich zu einem Sprachgemisch durchgekämpft, mit dem sie sich ihren Gästen gegenüber ganz gut verständigen konnte, und das manchmal zu Heiterkeitsausbrüchen Anlass gab.

Dieses Mal lachte niemand.

Judith starrte verbissen auf ihren Teller.

Tom tat, als spürte er die gespannte Atmosphäre nicht, und Babs stieß einen gellenden Schrei aus. Sie sprang auf und deutete auf ihren Teller.

Dort kroch ein Skorpion gerade über den Rand direkt auf sie zu.

Der Stachel an seinem aufgerichteten Schwanzende blitzte wie eine Miniaturlanze.

»Verdammt!«, rief Alfons Bergmann und wollte das Spinnentier mit spitzen Fingern entfernen.

Tom stieß ihn beiseite.

»Um Himmels willen!«, schrie er. »Das Biest kann giftig sein. Der Teufel mag wissen, wie es auf den Teller kommt. Hier gibt es doch keine Skorpione.«

Judith war wie erstarrt.

Er wird sie töten, dachte sie. Das ist die Strafe für das, was sie mir angetan hat.

Dann fiel sie in Ohnmacht. Ihre eigenen hasserfüllten Gedanken hatten sie überwältigt.

Babs erholte sich von ihrem Schrecken. Sie wich nicht weiter zurück, sondern griff blitzschnell zu.

Der Stachel des Skorpions senkte sich tief in ihren Handballen. Sie schien es nicht zu spüren.

Tom war mit einem Sprung an ihrer Seite und hielt ein Tafelmesser in der Hand. Mit der flachen Hand schlug er nach dem gefährlichen Insekt, traf aber nur Babs' Finger, die fluchend reagierte.

»Willst du mich umbringen, du Idiot?«, kreischte sie, und ihre Augen funkelten. »Mit der kleinen Bestie werde ich allein fertig.«

Sie streckte ihre Hand aus, öffnete sie und packte blitzschnell zu.

Sie hatte den Skorpion halb zerquetscht.

Tom ließ sich nicht beirren. Blitzschnell griff er zu und brachte das Tier an sich. In der nächsten Sekunde ließ er es wieder los.

Ein Blutstropfen perlte von seinem Daumen. Man konnte beobachten, wie die Hand anschwoll und sich verfärbte.

»Ein Arzt!«, schrie Alice Bergmann entgeistert.

Ihr Mann stieß den Stuhl zurück und sauste zum Telefon.

Babs blieb ruhig, bohrte ihren dünnen Absatz in das am Boden liegende Insekt und tötete es.

Das kleine Ungeheuer stieß einen Laut aus, der allen Anwesenden durch Mark und Bein ging. Es war der Todesschrei einer Kreatur.

Hatte man je zuvor einen Skorpion schreien hören?

Er sprengte seinen Stachel ab, der wie ein Pfeil in die Höhe schnellte.

Er verfehlte Babs nur knapp und blieb in der Zimmerdecke stecken. Ein paar bläuliche Flammen bildeten sich um ihn und drohten, das Haus in Brand zu stecken.

Tom wollte Wasser herbeischaffen, doch seine rechte Hand war inzwischen so groß wie ein Ballon und von schwärzlicher Färbung. Er taumelte und spürte, dass er sich nicht mehr lange auf den Beinen halten konnte.

Alice Bergmann stürzte hinaus. Dort prallte sie mit ihrem Mann zusammen, der soeben zurückkam. Es dauerte eine Weile, bis sie ihm erklärt hatte, dass Feuer ausgebrochen war.

Judith kam noch immer nicht zu sich. Erst als sie der erste Wasserschwall traf, sprang sie in die Höhe und blickte sich fassungslos um.

Sie sah Tom stürzen, während Babs zornige Blicke gegen ihn schleuderte und eilig das Zimmer verließ.

Obwohl sie halb wahnsinnig vor Angst und Entsetzen war, beteiligte sie sich an den Löscharbeiten.

Das Feuer konnte zum Glück schnell unter Kontrolle gebracht werden, und als der Arzt Dr. Richter eintraf, fand er zwar eine Überschwemmung, aber wenigstens ein heiles Haus vor.

Er untersuchte die Hand des inzwischen bewusstlosen Tom und schüttelte verwundert den Kopf.

»Und Sie sagten, der Skorpion hat zuvor Fräulein Reese gestochen?«, wandte er sich an Alfons Bergmann.

Der Siebzigjährige nickte.

»Aber sie hat es allem Anschein nach gut überstanden. Tom dagegen ist von den Giftresten umgeworfen worden.«

»Und das nicht zu knapp«, sagte der Arzt.

Er hatte dem Engländer schleunigst eine Injektion gegeben, die ein Zurückgehen der Schwellung bewirken sollte.

»Ich muss Fräulein Reese auf jeden Fall behandeln«, fuhr er fort. »Sie trägt genügend Gift in sich, das sie töten kann.«

Die Suche nach Babs blieb erfolglos.

Sie kehrte auch zum Abendessen nicht zurück.

 

*

 

Andy Fink verstand immer weniger.

Das Entsetzen der Nacht steckte ihm noch in den Knochen, aber er konnte nicht so recht froh darüber sein, dass das Scheusal ihn mit nach Hause genommen hatte.

Der Mann sah grausig aus. Seine Haut war nicht nur faltig, wie bei Leuten seines Alters üblich, sie wirkte wie die Borke eines jahrhundertealten Baumes, rissig und von graubrauner Farbe.

Er bewegte sich gebückt vorwärts und hatte damit offensichtlich Mühe.

Dass er hier in einer Hütte hauste, war zu begreifen, denn wer so abstoßend aussah, mied die Gesellschaft der Menschen, die dafür vermutlich dankbar waren.

Warum aber hatte er ausgerechnet einen Fremden in dieser Gegend zuvorkommend aufgenommen?

Warum redete er ihn ständig mit »Sohn des Grauens« an?

Andy hatte schon ein paarmal versucht, sich zu verabschieden.

Er wollte seine Sachen im Wald suchen. Vor allem das Fahrrad. Wenn es etwas zu reparieren gab, wollte er das erledigen und anschließend seine Fahrt fortsetzen. Fast einen ganzen Tag hatte er in der Hütte vertrödelt.

Doch der Unheimliche mit der krummen Nase und dem zahnlosen Mund ließ ihn nicht fort. Jedes Mal komplimentierte er ihn wieder zurück und versicherte ihm unterwürfig, dass er jeden seiner Befehle ausführen würde.

Der Junge seufzte. Er spürte seinen Magen knurren. Den ganzen Tag hatte er noch nichts zu sich genommen.

Er wagte es nicht, den Alten um etwas zu bitten.

Seine schmierige Unterwürfigkeit war vielleicht nur gespielt. Irgendwann in einem Anfall von Wahnsinn zog der Typ ein Schlachtermesser heraus und ging an Andys Kehle.

Andy schlich zu dem einzigen Fenster der winzigen Kammer, die der Seltsame ihm zur Verfügung gestellt hatte. Er verzog grinsend das Gesicht, als er beobachtete, wie der Mann allerlei Kräuter zum Trocknen vor dem Haus ausbreitete.

Der war vorläufig beschäftigt. Er würde ihm nicht in die Quere kommen.

Andy Fink schlüpfte durch die Tür und war froh, dass sie nur leise knarrte.

Der Junge kannte die anderen Räume der Hütte nicht, stellte aber fest, dass es nur noch eine Tür gab.

Er öffnete sie vorsichtig und war enttäuscht.

Bücher, nichts als Bücher. Kein Kochtopf, keine Speckseite, nicht mal ein Stück trockenes Brot.

Er suchte noch eine Weile, gab seine Bemühungen aber bald auf.

Immerhin hatte er etwas anderes Interessantes festgestellt.

Der Unheimliche befasste sich mit Magie. Die Bücher und alten Aufzeichnungen waren eine Goldgrube. Soviel stand fest.

Andy konnte zwar kaum etwas davon lesen. Die Sprache war ihm unverständlich. Aber die Abbildungen waren eindeutig und ließen vor allem erkennen, dass es sich um Schwarze Magie handelte.

Der Junge hatte ein trockenes Gefühl in der Kehle.

Er nahm sich vor, spätestens in der kommenden Nacht abzuhauen. Lieber vertraute er sich ein zweites Mal dem gespenstischen Wald mit seinem unfreundlichen Getier an als zu warten, bis er vielleicht seltsamem Tun zum Opfer fiel.

Wichtiger aber war momentan, dass er endlich etwas zwischen die Zähne bekam.

In alten Häusern gab es häufig eine Klappe mit einer Treppe darunter, die in den Keller führte. So musste es auch hier sein.

Er suchte und fand sie.

Die Klappe befand sich in der finstersten Ecke des Raumes und ließ sich leicht hochheben.

Unten war es dunkel. Es roch muffig und nicht gerade appetitlich.

Sein Blick fiel auf einen Kerzenstummel, der auf dem Tisch lag.

Andy Fink nahm ihn schleunigst an sich und auch die daneben befindlichen Zündhölzer.

Dann stieg er die ausgetretenen Stufen hinab.

Erst unten zündete er die Kerze an und blickte sich um.

Er bekam große Augen. Das war die reinste Hexenküche!

Allerlei Gerätschaften standen herum. Glaskolben, Retorten, unterschiedliche Brenner. Aber auch sezierte Eidechsen und Ratten. An der Wand hing ein aufgespießter Luchskopf. Es sah aus, als lebten seine Augen noch ...

Andy war nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen, aber diese makabre Umgebung erschreckte ihn doch. Auf niedrigen Tischen lagen insgesamt sieben Totenschädel. Sie waren kreisförmig angeordnet. Genau in ihrer Mitte befand sich ein aufgeschlagenes Buch. Andy ahnte, dass dieses Schriftstück kostbarer war als alle Bücher zusammen, die er oben

gesehen hatte, doch ein warnendes Gefühl hielt ihn davon ab, diesen Kreis zu betreten.

Etwas Essbares entdeckte er nicht.

Er bezweifelte auch, dass er sich daran vergriffen hätte, selbst wenn ihm der verlockendste Braten direkt in den Mund gefallen wäre.

Als er über sich ein Geräusch hörte, war es schon zu spät.

Der Alte erschien in der Öffnung und spähte hinab.

Da wusste Andy Fink, dass er hier nicht mehr lebend herauskam …

 

*

 

Babs hastete vorwärts. Ohne Ziel.

Sie war verwirrt und kam nicht mit sich ins Reine.

Wer hatte ihr den Skorpion auf den Teller getan?

Hatte er sie töten wollen?

Sie starrte auf ihre Hand. Hier hatte der Stachel sie getroffen, aber das Gift war ohne Wirkung geblieben. Das begriff sie nicht.

Die Frau mit den schwarzen Locken blieb stehen.

Sie krümmte sich. Tränen stiegen in ihre Augen.

Sie blickte sich um.

Zum Glück war niemand in der Nähe, der sie beobachtete. Er wäre auf die merkwürdigsten Ideen gekommen.

Langsam ging sie weiter.

Sie wusste nicht, wo sie sich befand. So weit hatte sie sich noch nie vom Haus der Bergmanns entfernt. Noch dazu allein.

Der Wald, den sie weit hinten erkannte, wirkte wie ein unheimliches Tier. Langgestreckt und sprungbereit. Da war sogar ein leuchtendes Auge.

Oder nein, es handelte sich wohl eher um ein Haus mit einem beleuchteten Fenster.

Babs wollte keinen Menschen sehen und änderte ihre Richtung.

Doch es war seltsam. Automatisch richteten sich ihre Schritte immer wieder auf dieses Licht aus.

Sie wurde von einer geradezu hypnotischen Kraft geleitet.

Mehrfach wehrte sie sich dagegen.

Schließlich gab sie es auf.

Es hatte keinen Sinn. Das Andere war stärker.

Sie musste gehorchen.

Der Himmel verdüsterte sich. Besonders über dem Wald war er pechschwarz, obwohl es noch nicht Nacht war. Die Luft roch nach Schwefel.

Barbara Reese wurde noch übler.

Trotzdem schritt sie voran. Direkt auf den Wald mit seinem unheilschwangeren Himmel zu. Der Wunsch umzukehren wurde immer schwächer, und als sie die Hütte deutlich erkannte, wusste sie, dass sie hier erwartet wurde.

 

*

 

Andy Fink sah seine letzte Stunde gekommen.

Natürlich würde ihn der Alte für seine Neugier bestrafen. Vielleicht hing schon bald sein eigener imprägnierter Kopf neben dem des Luchses.

»Ich wollte...«, begann er stotternd.

Der Alte unterbrach ihn mit einer Handbewegung.

»Verzeih mir, Sohn des Grauens! Meine Werkstatt ist nur bescheiden, ich weiß. Ich bin nicht würdig, dich zu beherbergen. Doch die Orakel haben dein Kommen angekündigt. Ich bin dein Diener. Verfüge über mich und mein Haus!«

»Ich nehme deine Dienste an«, erklärte Andy absichtlich mit tiefer Stimme. »Lass mich deine Fähigkeiten sehen. Deine Ausrüstung ist für meine Begriffe zwar bescheiden, doch sie wird es dir wohl ermöglichen, einige Dinge herbeizuschaffen, die ich dringend benötige für ein … ähhh … bedeutendes Experiment, das ich noch in dieser Nacht durchführen will.«

Der Greis verneigte sich.

Es wirkte eher komisch, und Andy konnte sich nur mit Mühe ein Lachen verkneifen. Ihm gefiel seine neue Rolle gut.

»Was befiehlst du, Sohn des Grauens?«, hörte er den Alten fragen.

»Zuerst Brot, dann geräucherte Wurst, keinesfalls aus Krötenfleisch. Schwein oder Rind eignet sich für meine Pläne am besten.«

Er sah den überraschten Blick des alten Magiers und fügte hinzu:

»Ich werde daraus einen Köder fertigen.«

Er versuchte ein Kichern, das ihm aber nur deshalb einigermaßen gelang, weil es hier unten im dumpfen Keller schaurig hallte.

»Irgendein Getränk, wie es die Menschen bevorzugen, sollte auch noch dabei sein«, fuhr er amüsiert fort. »Aber kein Schnaps. Zur Not tut es auch klares Quellwasser.«

»Ist das alles?«

»Zunächst ja. Wirst du lange dazu brauchen?«

Der Magier verneinte eifrig.

»Erlaubst du, dass ich zu dir hinabsteige? Ich brauche ...«

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907254
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351798
Schlagworte
milton sharp sohn grauens

Autor

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Titel: Milton Sharp #5 Sohn des Grauens