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Serenade für zwei MPis: Ein Fall für Mike Torringer #4

2017 130 Seiten

Zusammenfassung

Ein Fall für Mike Torringer #4
Krimi von Cedric Balmore

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

Das FBI-Headquarter erhält die Information, dass Roney Eskins, ein führender Gangsterboss aus Las Vegas, auspacken will, um sich zur Ruhe zu setzen. Washington hat großes Interesse, Details über die üblen Machenschaften der Vegas-Bosse zu erfahren und schickt seinen besten G-Man: Special Agent Mike Torringer soll für Eskins' Schutz sorgen. Doch nachdem MT 002 in Las Vegas gelandet ist, wird er entführt – und kurze Zeit später wird Eskins' Leiche gefunden. Wer hat den millionenschweren Gangsterboss getötet und warum?

Leseprobe

Serenade für zwei MPis

Ein Fall für Mike Torringer #4

Krimi von Cedric Balmore

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 133 Taschenbuchseiten.

 

Das FBI-Headquarter erhält die Information, dass Roney Eskins, ein führender Gangsterboss aus Las Vegas, auspacken will, um sich zur Ruhe zu setzen. Washington hat großes Interesse, Details über die üblen Machenschaften der Vegas-Bosse zu erfahren und schickt seinen besten G-Man: Special Agent Mike Torringer soll für Eskins' Schutz sorgen. Doch nachdem MT 002 in Las Vegas gelandet ist, wird er entführt – und kurze Zeit später wird Eskins' Leiche gefunden. Wer hat den millionenschweren Gangsterboss getötet und warum?

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

Der Roman erschien ursprünglich in den 1960er Jahren.

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

1

Es war 22.15 Uhr.

In der City von Las Vegas brannten bereits seit Stunden die unzähligen Neonlampen vor Spielhöllen und Bars.

Agent Brisbane lenkte das dunkelgrüne Oldsmobile ,F 85‘ auf den National Interstate Highway Nr. 15 und trat das Gaspedal weiter durch. Er musste sich beeilen. Um 22.30 Uhr sollte er auf dem Las Vegas Municipal Airport sein.

„Nehmen Sie einen Zivilwagen, Agent“, hatte Special Agent in Charge Onker, Chef des FBI-Field Office Las Vegas befohlen. „Es braucht nicht gleich jeder zu wissen, dass wir einen illustren Gast erwarten.“

Ein leises Surren ertönte. Brisbane beugte sich zur Seite, öffnete das Handschuhfach und griff nach dem Hörer des Sprechfunkgerätes.

„Brisbane“, knurrte er.

„Hier Onker“, kam es zurück. „Schaffen Sie es rechtzeitig?“

„Selbstverständlich, Sir.“

„Okay. Sobald Sie Mike Torringer im Wagen haben, brausen Sie mit Volldampf hierher zurück. Höchste Eisenbahn, verstanden! Heute Nacht scheint sich was anzubahnen, Brisbane.“

„Möglich, Sir“, brummte Brisbane unbeeindruckt.

Er hatte noch keine Nacht erlebt, in der sich in Las Vegas nicht irgendeine große Sache ereignete. Aber diesmal musste es sich um etwas Besonderes handeln. Brisbane hatte ein paarmal von diesem Mike Torringer gehört. Und immer war es im Zusammenhang mit einem Riesencoup gewesen, der tagelang Schlagzeilen in den Zeitungen machte.

„Sonst noch was, Sir?“, erkundigte er sich.

Einen Moment war es still in der Leitung.

„Yeah“, meldete sich Onker dann wieder. „Ich hab' mit der Flugplatz-Kommandantur gesprochen. Man wird ein Seitentor für Sie öffnen. Sie können direkt bis an die Maschine heranfahren. Dadurch sparen Sie ein paar Minuten.“

Damned, dachte Brisbane. Dieser Mike Torringer wird wie ein Pascha behandelt. Möchte wissen, was da überhaupt los ist.

Sonst gab es immer Gerüchte, wenn jemand in der Wüstenstadt in Nevada ein dickes Ding landen wollte. Doch diesmal hatte G-man nicht den geringsten Hinweis bekommen.

„Aye, aye, Sir“, rief er in die Muschel. „Werd’s mir hinter die Ohren schreiben.“

Er wusste, dass es keinen Zweck hatte, den Chef des Field Office zu fragen. Onker war als großer Schweiger bekannt.

„Ende“, tönte es aus dem Hörer.

„Ende!“

Brisbane unterbrach die Verbindung und drückte das Handschuhfach wieder zu.

Im selben Moment entdeckte er im Rückspiegel zwei Scheinwerfer. Der Wagen musste mit einem Affenzahn über den Highway rasen.

Der G-man fuhr sicherheitshalber ein bisschen weiter nach rechts.

Eine halbe Minute später war das Fahrzeug heran.

Brisbane riskierte einen Blick nach links.

Ein Ungetüm von einem Auto hatte sich neben das Oldsmobile geschoben. Es musste sich um ein uraltes Modell handeln. Einen solchen Wagen hatte Brisbane noch nie gesehen.

Bremsen kreischten.

Brisbane schluckte. Er hatte plötzlich begriffen, was die Stunde geschlagen hatte.

Für den Bruchteil einer Sekunde überlegte er, ob er versuchen sollte, seinen Chef noch mal an die Strippe zu bekommen. Doch er ließ den Gedanken sofort wieder fallen. Er brauchte jetzt beide Hände fürs Steuer.

Fast ruckartig trat er das Gaspedal bis zum Anschlag durch. Das Oldsmobile machte einen Satz nach vorn.

Die 155 PS des Motors ließen die Quecksilbersäule des Tachos schnell höher klettern.

Für einen Moment blieb der mächtige Kühler des anderen Wagens zurück.

Doch dann schob er sich überraschend schnell wieder heran. Aus den Augenwinkeln heraus sah Brisbane, wie sich der rechte Kotflügel des Ungetüms bedenklich näherte.

Bremsen, schoss es ihm durch den Kopf. Wenn er überraschend die Bremse durchtrat, schaffte er es möglicherweise, nach hinten wegzukommen.

Doch es war schon zu spät.

Ein hässliches Kreischen ließ ihm das Blut in den Adern stocken.

Mit beiden Händen umklammerte er das Steuer. Mit aller Kraft versuchte er, den Oldsmobile auf der Straße zu halten.

Doch er hatte einfach keine Chance.

Das Ungetüm neben ihm lag wie ein Panzer auf dem Highway.

Brisbane trat doch noch die Bremse durch. Doch sein Wagen reagierte überhaupt nicht.

Noch einmal hörte er dieses grässliche Kreischen. Metall stieß auf Metall.

Dann wurde das Oldsmobile plötzlich zur Seite geworfen. Der G-ma presste seinen Körper mit aller Kraft in die Polster des Fahrersitzes.

„Nein“, keuchte er. „Ich will nicht sterben! ... Ich will nicht ...“

Eine mächtige Faust schien ihn zu packen. Er wurde nach vorne geschleudert.

Und dann war alles vorbei ...

 

 

2

Mike Torringer richtete es geschickt so ein, dass er als letzter aus der Maschine der United Air Lines kletterte.

Er blinzelte der blonden Stewardess zu.

„Fliegen Sie heute Nacht noch zurück, Miss?“

Das Mädchen lächelte.

Doch Mike Torringer sollte nicht mehr erfahren, ob er Aussichten auf einen gemütlichen Abend bei Kerzenlicht und harten Drinks hatte.

„Sorry, Sir“, rief eine krächzende Stimme. „Sind Sie MT 002?“

Unten an der Gangway hatte sich ein breitschultriger Zivilist aufgebaut.

Torringer warf der Stewardess einen bekümmerten Blick zu. „Sorry“, brummte er. „Aber vielleicht klappt es auf dem Rückflug, Darling.“

Er tätschelte ihr die Wange, schnappte sich die Reisetasche und stieg die wenigen Stufen hinunter.

„Yeah, der bin ich“, knurrte er. „Wo brennt’s?“

Der andere hielt ihm die geöffnete Handfläche unter die Nase. Mike Torringer sah eine Metallmarke des örtlichen FBI-Büros aufblitzen.

„Schon gut“, wehrte er ab. „Was ist los?“ Das Gesicht des Mannes gefiel ihm nicht sonderlich. Der Kerl musste mal einen schweren Unfall gehabt haben. Seine Haut war von unzähligen Narben zerschnitten.

Doch das war es nicht, was Mike Torringer unangenehm berührte. Was ihn störte, war der verschlagene Blick des Agents. Dessen Augen wanderten unstet hin und her.

„Was ist los?“, wiederholte der Agent seine Frage. „Reden Sie endlich, Mann. Ich hab’ verdammt wenig Lust, mir hier die Beine in den Bauch zu stehen.“

„Ich bin Agent Brisbane, Sir.“

„Und? Ist das alles, was Sie mir zu erzählen haben, Agent?“

Torringer wurde langsam ungeduldig. Er konnte nur hoffen, dass es im Ortsbüro von Las Vegas auch noch bessere Leute gab. Dieser Agent gehörte auf jeden Fall nicht zu den Typen, mit denen er gern zusammen arbeitete.

„Ich komme im Auftrag von Special Agent in Charge Onker“, brachte der Agent endlich hervor. „Ich soll Sie sofort zum Headquarter bringen. Der Special Agent in Charge will Sie sofort sehen, Sir!“

Torringer nickte nur.

„Okay. Fahren wir! Sie haben doch hoffentlich einen Wagen mitgebracht?“

„Natürlich, Sir.“

„Gut. Dann nichts wie los!“

Torringer winkte ab, als der Agent seine Reisetasche tragen wollte.

„Ich gebe doch kein Trinkgeld“, knurrte er.

Sie durchquerten das Flughafengebäude, marschierten durch die weitläufige Halle und traten auf den großen Parkplatz vor den Anlagen hinaus.

Der Agent ging zu einem Oldsmobile F 85 voran und hielt eilfertig die Tür zum Fonds auf.

Komischer Kauz, dachte Mike Torringer. Doch er stieg wirklich hinten ein. Er hoffte, auf diese Art um eine Unterhaltung mit dem Agent herumzukommen. Der Mann schien sowieso nichts über die Hintergründe dieses Falles zu wissen.

Als der Agent sich hinter das Steuer geklemmt hatte, schob Torringer sich eine Chesterfield zwischen die Lippen und lehnte sich in die Polster zurück. Er ließ noch mal alles an seinem geistigen Auge vorbeiziehen, was bisher geschehen war.

Sein Chef, Special Agent in Charge Tim McCoy, hatte ihn am frühen Nachmittag zu sich rufen lassen und ihm einige Fotos über den Schreibtisch hinweg zugeworfen.

„Kennen Sie den Mann, MT 002?“

Mike Torringer hatte sich die Bilder genau angesehen. Es waren rund zwei Dutzend Aufnahmen. Alle zeigten einen etwa fünfzigjährigen Mann mit modischem Haarschnitt und leichtem Bauchansatz.

Das nötige Drum und Dran war auf allen Fotos so exklusiv, dass Torringer nahe daran war, den Gentleman als ein Mitglied der High Society zu identifizieren. Er entdeckte eine kostspielige Hochseeyacht, drei verschiedene Villen und die teuersten Autos, die zurzeit auf dem Markt waren.

Zu allem Überfluss hatte der große Unbekannte auch noch die Angewohnheit, sich mit Girls zu umgeben, die jedem Hollywood-Film alle Ehre gemacht hätten.

Ein Playboy?

Doch die Gesichter von Playboys erkennt man im Allgemeinen auf Anhieb, da sie einem täglich aus irgendeinem Magazin entgegenlächeln. Dies hier war kein Publicity Gesicht.

Trotzdem war er sicher, den Mann schon mal irgendwo gesehen zu haben. Er kam nur nicht darauf, wo das gewesen sein konnte. In einer Bar? Oder auf einem Steckbrief? Beides war möglich.

Assistent Director McCoy hatte sich an seiner Camel eine neue angezündet. Er warf einen schnellen Blick auf die Uhr.

„Sorry, MT 002“, hatte er hervorgestoßen. „Wir haben keine Zeit zum Rätselraten. Sagt ihnen der Name Roney Eskins was, Torringer?“

Torringer hatte nicht lange zu überlegen brauchen.

„Ist das nicht der Gangsterboss, der unter dem Firmenzeichen Smarty bekannt ist, Sir?“

„Genau. Eskins war vor zwanzig Jahren noch Tellerwäscher in New York. Heute ist er mehrfacher Millionär. Wie groß sein Vermögen tatsächlich ist, weiß kein Mensch. Fest steht, dass Eskins im letzten Jahr zwei Millionen versteuert hat.“

Mike Torringer hatte aufgehorcht.

„Mit anderen Worten, der Kerl hat mindestens zwanzig Millionen auf der hohen Kante, Sir. Diese Knaben versteuern doch höchstens ein Zehntel ihres tatsächlichen Besitzes. Der Rest wird mit Hilfe von undurchsichtigen Transaktionen um die Ecke gebracht.“

„Roney Eskins ist ein gerissener Hund“, hatte McCoy bestätigt. „Wahrscheinlich hat er sogar noch mehr auf die Seite gebracht. Innerhalb von zwanzig Jahren hat er sich bis an die Spitze hochgeboxt. Aber bis heute ist es uns nicht gelungen, ihm auch nur ein einziges Verbrechen nachzuweisen.“

„Soll das heißen, dass er nicht vorbestraft ist?“

„Yeah, Torringer. Das Vorstrafenregister von Eskins ist genauso weiß wie Ihres. Eskins hat ein paar Vorladungen in verschiedenen Sachen gehabt. Aber er hatte immer vorgesorgt. Jedes Mal hatte er Zeugen und ein perfektes Alibi zur Hand.“

Mike Torringer hatte sich eine Chesterfield angezündet.

„Schön, Sir. Kommen wir zur Sache. Hat Eskins wieder mal ein Ding gestartet?“

McCoy hatte den Kopf geschüttelt.

„Irrtum, Mike. Sie sind auf dem Holzweg. Ich habe Sie nicht kommen lassen, damit Sie Roney Eskins aufs Kreuz legen. Im Gegenteil, ich möchte, dass Sie dafür sorgen, dass Eskins nicht zufällig in eine Kugel hineinläuft.“

Mike Torringer hatte den Sessel zurückgestoßen und war aufgesprungen.

„Hören Sie mal“, hatte er geknurrt. „Glauben Sie ja nicht, dass ich mich als Leibwache für einen Gangster einspannen lasse. Wenn ich den Auftrag erhalte, diesen Eskins hinter Gitter zu bringen, dann werde ich es versuchen. Aber ich denke nicht daran, den Kerl auch noch zu unterstützen.“

McCoy hatte nur gegrinst.

„Hier, MT 002. Lesen Sie das!“

Er hatte eine Fotokopie aus der obersten Schreibtischschublade gezogen und sie dem Agenten gereicht.

Eine halbe Stunde später hatte Mike Torringer gerade noch in letzter Sekunde die Maschine nach Los Angeles erreicht. Ein Streifenwagen hatte ihn mit Rotlicht und Sirene durch die City von Washington D. C. gelotst.

Der Brief, den der Assistent Director ihm gezeigt hatte, hatte wie eine Bombe eingeschlagen. Er stammte von Roney Eskins persönlich und war an den Chef der Spezial Sektion des FBI, Assistent Director Tim McCoy, gerichtet.

Während Mike Torringer in dem Oldsmobile saß, versuchte er zum hundertsten Mal, sich den Wortlaut des Schreibens ins Gedächtnis zu rufen.

Roney Eskins, genannt Smarty, der Mann, dem es zwanzig Jahre lang gelungen war, sich dem Zugriff der Polizei zu entziehen, hätte sich plötzlich an den Assistent Director gewandt, weil er sich entschlossen hatte, ein neues Leben anzufangen.

Eskins hatte es satt, ständig in der Furcht zu leben, eines Tages doch noch einen Fehler zu machen und den Rest seiner Tage hinter Gittern zu verbringen.

No, er hatte jetzt genug Bucks auf der hohen Kante. Er wollte seine Dollars in aller Ruhe verpulvern und sich aus dem Gangsterdasein zurückziehen.

Deshalb wollte Eskins mit FBI ein Abkommen treffen. Die Agenten sollten ihn in Zukunft in Ruhe lassen. Er selbst wollte eine eidesstattliche Erklärung abgeben, dass er sich an keinem Verbrechen mehr beteiligen würde.

Der Preis, den der Gangster bot, war angemessen.

Zumindest war Assistent Director McCoy dieser Ansicht. Deshalb hatte er Mike Torringer nach Las Vegas geschickt.

Eskins wollte auspacken!

Er war bereit, eine Woche lang einem FBI-Mann Rede und Antwort zu stehen.

Mike Torringer schluckte nervös, als er an dieses Angebot dachte.

Genau wie McCoy war er davon überzeugt, dass das FBI sich auf diesen Kuhhandel einlassen musste.

Schön, dieser Eskins war ein Super-Gangster. Einer von denen, die clever genug waren, die Police durch die Röhre blicken zu lassen.

Doch wenn Roney Eskins auspackte, hieß das, dass ganze Gangs dran glauben mussten. Organisationen, die Industrie-Konzerne kontrollierten, Hotelketten besaßen oder Spielhöllen eröffnet hatten.

Der Kurs, zu dem Roney Eskins sich freikaufen wollte, war mindestens hundert zu eins. Das FBI ließ einen Gangster laufen und brachte dadurch hundert hinter schwedische Gardinen.

Mike Torringer war sich darüber klar, dass es in Washington eine Menge Leute gab, die diesen Handel ablehnen würden. Sie würden großsprecherisch erklären, dass es um die Gerechtigkeit ginge, kein Verbrecher dürfe Vorteile daraus ziehen, dass er andere ans Messer liefere.

Mike Torringer aber brauchte nur an Las Vegas zu denken.

Die Casinos versteuerten alljährlich rund 80 Millionen Dollar Reinverdienst. Eine enorm hohe Summe.

Trotzdem handelte es sich nur um ein Trinkgeld, wenn man wusste, wie hoch die tatsächlichen Einnahmen waren. Auch in Washington war es kein Geheimnis, dass die Casino-Bosse in jedem Jahr weitere 450 Millionen Dollar Reingewinn in dunkle Kanäle fließen ließen.

Das war die finanzielle Seite.

Und wie stand es mit der Gerechtigkeit?

Unter den Gangstern, die Roney Eskins überführen würde, waren ein paar Dutzend Mörder. Jeder dieser Killer mochte schon morgen sein nächstes Opfer suchen. Verbrechen zu verhindern war noch besser, als Verbrecher zu verfolgen.

Der Agent wandte den Kopf.

„Stimmt was nicht?“, erkundigte sich Torringer.

Der Narbige antwortete nicht. Wortlos richtete er sein Augenmerk wieder auf die Straße.

Mike Torringer blickte durch die Rückscheibe.

Die Straße war völlig verlassen. Nirgends waren Scheinwerfer zu entdecken.

Er ließ sich wieder in die Polster zurückfallen.

Doch eine innere Stimme warnte ihn. Irgendetwas hatte ihn stutzig gemacht. Aber was, zum Teufel?

Er wandte sich zum zweiten Mal um.

Und diesmal fiel der Groschen.

Vom Flugplatz bis nach Las Vegas waren es rund fünf Meilen. Eine Strecke, die viel befahren sein musste. Vor allem jetzt nach dem Eintreffen der Maschine aus Los Angeles.

Trotzdem war nirgends ein Auto zu entdecken.

Eine Falle?

Mike Torringer wollte sich Vorbeugen, um dem Agent auf die Schulter zu tippen.

Seine Finger stießen gegen etwas Hartes. Glas!

Torringer begriff. Sein Driver hatte völlig geräuschlos eine dicke Glasplatte ausfahren lassen, die den Fond des Oldsmobiles nach vorn abschloss.

Mike Torringer riss den 38er Automatic aus der Schulterhalfter. Er packte die Waffe am Lauf und hämmerte mit dem Griffstück gegen das Glas.

Das Knacken eines Lautsprechers ließ ihn innehalten.

„Geben Sie sich keine Mühe, MT 002“, meldete sich der Driver. „Die Scheibe ist so dick, dass sie auch eine Kugel abhalten kann.“

Torringer hatte etwas Ähnliches erwartet.

„Wer sind Sie?“, fragte er scharf. „Was haben Sie mit mir vor?“

Der Mann am Steuer griff nach einem Schalter am Armaturenbrett und legte ihn herum.

„Sie sind zu früh gekommen, MT 002. Sie bringen unsere Pläne durcheinander.“

„Was soll das heißen?“

Der Gangster zuckte mit den Achseln.

„Ich werd’ mich hüten, mir die Zunge zu verbrennen“, knurrte er. „Ich erledige meinen Auftrag. Das ist alles.“

Torringer spürte, wie ihm ein beißender Geruch in die Nase stieg. Er hielt den Atem an.

Mit einem Schlage war ihm klar, was vor sich ging. Irgendwo strömte mit einem leisen Zischen Gas aus.

Hastig blickte er sich um.

Er drückte den Türgriff hinunter und warf sich gegen das Leder.

Ohne Erfolg. Der Teufelskarren war nach allen Seiten hermetisch abgeriegelt.

Er entsicherte die Automatic und richtete die Mündung auf das Schloss der Tür.

„Vorsicht, Torringer“, hörte er im selben Moment die Stimme des Drivers. „Der Wagen ist mit Panzerplatten verkleidet. Sie könnten von einem Querschläger getroffen werden.“

Torringer zog sein Taschentuch hervor und presste es gegen Mund und Nase. Er fühlte einen dumpfen Schmerz in den Schläfen. Sein Blut pochte wie rasend in den Adern.

Alles begann sich wie ein Karussell um ihn herum zu drehen. Der Driver tanzte wie ein Clown um ihn herum.

„Ich muss hier raus“, keuchte er noch.

Dann verlor er das Bewusstsein.

 

 

3

Sie trug ein hautenges Abendkleid mit Goldflitter. Der weiße Nerz war ihr von den Schultern geglitten und lag irgendwo auf dem Boden des Jaguars.

Ihre Finger strichen sanft über den Bürstenhaarschnitt des Mannes am Steuer des Sportwagens.

„Lass doch diese blöde Besprechung, Darling“, hauchte sie. „Gib mir lieber einen Kuss. Und dann fahren wir weiter. Meine Haushälterin hat heute ihren freien Tag.“

„So?“, fragte Roney Eskins. „Und was sollen wir in deinem Bungalow anfangen, Lydia?“

Gurrend zog sie sich von ihm zurück.

„Wir werden einen Drink nehmen Smarty.“

„Und dann?“, fragte er kühn.

„Noch einen.“

Er grinste.

„Du kleines Luder. Ich hab’ ja gleich gewusst, dass du ein raffiniertes Biest bist.“ Lydia holte tief Luft. Der Stoff ihres Kleides spannte sich beängstigend.

„Also, Smarty? Kommst du mit?“

Er nickte.

„Klar, Darling. Du weißt doch, dass ich kein Kostverächter bin. Allerdings musst du dich ein paar Minuten gedulden. Ich bin gleich wieder da.“

Er stieß die Tür des Renners auf.

„Du bist gemein“, zischte Lydia. „Ein Gentleman lässt keine Frau warten. Schon gar nicht nachts um 23 Uhr. Ich werde ...“ Sie brach ab.

Wütend starrte sie Roney Eskins nach, der mit schnellen Schritten auf die zweistöckige Villa zumarschierte. Er hatte ihre Worte überhaupt nicht beachtet.

Ohne sich auch nur ein einziges Mal umzublicken, stieß er die kunstvoll verzierte gusseiserne Pforte auf, durchquerte den sorgsam gepflegten Park und stieg die wenigen Stufen zum Eingang hinauf.

Bevor er auf die Klingel drücken konnte, wurde die Tür von innen geöffnet.

Er betrat die Halle und blinzelte dem livrierten Schwarzen zu, der ihm den Hut abnehmen wollte.

„Ist Gloria da?“

Der farbige Diener nickte.

„Aye, aye, Sir. Miss Harper erwartet Sie im Salon. Ich werde Sie hinführen.“

Eskins kam einen Schritt näher.

„Bist du neu hier?“, erkundigte er sich misstrauisch. „Ich habe dich noch nie gesehen. Hat Jim gekündigt?“

Der Schwarze schüttelte höflich den Kopf. „No, Sir. Der Diener von Miss Harper ist krank. Er liegt im Hospital. Ich vertrete ihn für ein paar Tage.“

Er zeigte auf eine Tür im Hintergrund der Halle.

„Wenn Sie mir bitte folgen wollen, Sir.“ Eskins grinste.

„Die Mühe kannst du dir sparen, Sonny. Ich wette, dass ich mich in diesem Haus besser auskenne als du.“

Er drückte dem Livrierten eine Banknote in die Hand, warf ihm seinen Hut auf den Kopf und marschierte mit elastischen Schritten auf die Tür zu, hinter der der Salon lag.

Kein Mensch wäre auf die Idee gekommen, dass er unter einem maßgeschneiderten, dunkelblauen Abendanzug ein Schulterhalfter trug.

Er drückte die Klinke herunter und trat ein.

Im selben Moment merkte er, dass etwas nicht stimmte. Im Salon brannte kein Licht.

„He“, rief er und versuchte, in die Halle zurückzuweichen. „Was hat das zu bedeuten, Sonny? Willst du mich auf den Arm nehmen? Oder was ist los, zum Teufel?“

Der Diener war dem Besucher auf seinen dicken Kreppsohlen geräuschlos gefolgt.

„Weitergehen!“, befahl er scharf. „Sie werden erwartet, Eskins!“

Roney Eskins spürte, wie ihm der Schwarze die Tür ins Kreuz schlug. Ob er wollte oder nicht, er musste einen Schritt nach vorn machen.

Als hinter ihm der Schlüssel im Schloss herumgedreht wurde, hatte er die Hand bereits unter das Jackett geschoben.

Doch er kam nicht mehr dazu, den kurzläufigen 22er aus der Achselhöhle zu reißen.

Das Deckenlicht flammte auf. Sekundenlang schloss er geblendet die Augen.

„Wirklich reizend, dass du unserer Einladung Folge geleistet hast, Smarty“, sagte eine sonore Stimme.

Eskins blinzelte.

Sechs Männer waren anwesend. Sie hatten es sich in den zahlreichen Ledersesseln bequem gemacht. Außerdem schmauchten alle dicke Brasil-Zigarren. Bis auf einen hatten alle die Glimmstängel in der linken Hand.

Der Sechste war derjenige, der gesprochen hatte. Er hielt seine Zigarre in der Rechten.

Doch das war es nicht, was Roney Eskins nervös machte. Ihn störten entschieden mehr die sechs Revolvermündungen, die auf ihn gerichtet waren.

Er wandte sich an den Linkshänder.

„Was soll der Quatsch, Smoky? Habt ihr einen über den Durst getrunken?“

Smoky war ein unscheinbares Männchen von etwa fünfundvierzig Jahren und mit schütterem Haar. Seine gelben Finger waren der beste Beweis dafür, dass er seinen Spitznamen zu Recht trug.

Er machte genießerisch einen Lungenzug und blies den Rauch in Richtung auf Eskins.

Das war alles.

Roney Eskins wurde langsam unsicher. Sein Atem ging schneller. Seine Stimme klang etwas zu schrill, als er wieder das Wort ergriff:

„Wenn das ein Witz sein soll, dann ist es ein verdammt schlechter! Hoffentlich rückt ihr bald damit heraus, was hier gespielt wird, Freunde. Ich kann auch meine Leute holen, wenn ihr scharf auf eine Auseinandersetzung seid.“

Smoky wandte sich an den Bullen im Sessel neben ihm.

„Sind wir scharf auf eine Prügelei, Eddie?“, erkundigte er sich sanft.

Eddie schüttelte erstaunt den Kopf.

„Aber nicht doch, Smoky. Wir sind friedliche Bürger. Wir werden uns doch nicht gegenseitig die Köpfe einschlagen.“

Smoky schien mit dieser Erklärung völlig einverstanden zu sein.

„No“, brummte er. „Das werden wir nicht.“

Eddie war noch nicht fertig.

„Es soll hier sogar Leute geben, die sich in aller Ruhe aufs Altenteil zurückziehen wollen“, brummelte er. „Sozusagen mit behördlicher Genehmigung.“

Smoky grinste.

„Was du nicht sagst, Eddie. Kennst du zufällig einen von diesen friedlichen Zeitgenossen?“

Seine Augen richteten sich blitzschnell auf Roney Eskins, der immer noch neben der Tür stand.

„Lass hübsch die Pfoten unten, Smarty“, sagte er. „Du willst doch sicher nicht, dass wir mit kleinen Bleistücken nach dir werfen. Sie würden dich nicht mal im Hospital aufnehmen.“

„Bestimmt nicht“, assistierte Eddie. „Für Leute, die ’ne Bleivergiftung haben, gibt’s hier 'ne besondere Anstalt. Ich glaub’, man nennt sie Leichenhaus.“

Eskins spürte, wie ihm der Schweiß von der Stirn lief. Nervös starrte er von einem zum anderen.

„Ihr seid verrückt“, keuchte er. „Das muss ein Irrtum sein. Wir sind doch immer prächtig miteinander ausgekommen, Boys.“

„Zu prächtig“, grinste Smoky. Er fischte einen Zettel aus der Tasche und ließ ihn vor sich auf den Teppich flattern. „Vielleicht kannst du mir mal erzählen, was dies hier ist, Smarty. Wir sind höllisch neugierig auf deine Ausrede.“

Eskins blickte zögernd von einem zum anderen.

Die Mienen der sechs Männer schienen eingefroren zu sein. Alle hatten den Zeigefinger am Abzugsbügel.

Langsam ging Eskins zu der Stelle hinüber, an der das Papier auf dem Boden lag.

Ohne Smoky aus den Augen zu lassen, bückte er sich vorsichtig. Seine Finger tasteten nach dem Zettel, fanden ihn und zogen ihn eilig zurück.

Smoky hatte sich nicht bewegt.

Roney Eskins glaubte schon, es geschafft zu haben. Er wollte sich wieder aufrichten.

Im selben Moment zuckte die gewaltige Pranke von Eddie vor.

Roney Eskins sah den Schatten rechtzeitig auf sich zukommen. Er wollte zurückweichen, sich in Sicherheit bringen. Doch er hatte keine Chance mehr.

Mit voller Wucht explodierte die Faust an seiner Schläfe. Aufstöhnend sackte er zusammen.

Seine linke Hand zerknüllte das Stück Papier, das sie gerade vom Boden aufgehoben hatte …

 

 

4

Mike Torringer spürte, wie ihn ein betäubender Geruch in der Nase kitzelte. Gleichzeitig begann das Blut wieder in seinen Schläfen zu pochen. Es fühlte sich so an, als hätte man seinen Kopf in einen Schraubstock geklemmt.

Er versuchte, die Augen zu öffnen, schloss sie jedoch sofort wieder.

Der starke Lichtstrahl einer Taschenlampe war auf sein Gesicht gerichtet und blendete ihn.

Vorsichtig bewegte er Arme und Beine.

Er war nicht gefesselt.

Jemand drückte ihm ein Tuch gegen Nase und Mund. Wieder roch er den betäubenden Duft.

Er rollte sich zur Seite und richtete sich auf. Das Blut trommelte jetzt gegen seine Schläfen.

Keuchend schob er die Hand unters Jackett.

Nanu? Die Gangster waren ja höllisch leichtsinnig. Sie hatten ihm nicht mal die Automatic abgenommen.

Er riss die Waffe aus der Schulterhalfter und entsicherte sie mit dem Daumen.

In weiter Ferne lachte jemand. Es klang wie das Lachen einer Frau.

„Hands up“, presste er hervor. „Keine Bewegung!“

Wieder öffnete er die Augen. Doch er konnte so gut wie nichts sehen. Ein dichter Nebel schien vor seinem Gesicht zu hängen.

„Menschenskind“, sagte eine Frauenstimme. „Sie müssen ganz schön gezecht haben, Mister. Wollen Sie auf weiße Mäuse schießen? Oder was haben Sie vor?“

Der Nebel vor dem Gesicht des Agenten lichtete sich. Torringer konnte gegen das Licht die Umrisse einer Frau erkennen. Doch die Kopfschmerzen ließen nicht nach. Jede Bewegung verstärkte sie noch.

„Sind Sie allein?“, stieß er hervor.

„Allerdings, Mister. Und ich hoffe, dass Sie das nicht ausnutzen. Sonst haue ich Ihnen die Taschenlampe über den Schädel. Das nur zur Information. — Wie sind Sie eigentlich hierhergekommen? Im Umkreis von zehn Meilen gibt es nicht eine einzige Kneipe.“

„Ich bin kreuznüchtern“, knurrte Torringer. „Leider.“

„Moment. Ich bin gleich wieder da.“

Er hörte, wie das Girl verschwand. Eine Wagentür wurde geöffnet und Sekunden später wieder zugeschlagen.

Gleich darauf kniete die Frau wieder neben Mike Torringer nieder. „Hier. Das wird Ihnen wieder auf die Beine helfen.“

Mike Torringer ließ den Inhalt der Taschenflasche in sich hineinlaufen. Obgleich er sich immer noch wie gerädert fühlte, merkte er doch, dass es sich um edlen schottischen Bourbon handelte.

Sein Hirn begann langsam wieder zu arbeiten. Er zündete sich eine Zigarette an und rappelte sich hoch.

Als er sich umsah, entdeckte er knapp fünf Yards entfernt einen schweren Wagen auf der schmalen Betonstraße, an deren Rand er gelegen hatte. Sonst war weit und breit kein Licht zu sehen.

Er wandte sich an das Girl: „Und nun erzählen Sie mal!“

„Wieso ich? Sie sind vielleicht ein seltsamer Mitmensch! Sie haben schließlich hier mitten in der Nacht auf der Landstraße gelegen.“

Mike Torringer wollte grinsen, doch es wurde nur eine Grimasse daraus.

„Schön“, brummte er. „Dann erzählen Sie mir wenigstens, wo wir hier sind.“

„Auf der Straße nach Goodsprings. Rund 25 Meilen von Las Vegas entfernt. Also praktisch mitten in der Wüste.“

„Und wer sind Sie?“

„Gloria Harper.“ Sie biss sich auf die Unterlippe. „Was geht Sie das überhaupt an, Mister ...“

„Torringer“, stellte MT 002 sich vor. „Mike Torringer. Fahren Sie zufällig nach Las Vegas, Miss Harper?“

„Yeah, Sir.“

„Würden Sie mich mitnehmen?“

„Wenn es unbedingt sein muss.“ Sie schien nicht sonderlich begeistert zu sein. „Aber lassen Sie endlich Ihre Feuerspritze verschwinden.“

Mike Torringer starrte verblüfft auf seine Rechte. Er hatte die Automatic immer noch in der Hand. Eilig ließ er sie unter das Jackett gleiten.

Drei Minuten später saß er neben Gloria Harper in ihrem weißen Cadillac Fleetwood. Mit 100 Meilen pro Stunde raste das Girl über die schmale Betonbahn.

Mike Torringer berichtete ihr, dass er am Flugplatz gekidnappt worden war. Allerdings gab er ihr keinerlei Hinweise auf die Hintergründe.

Während er sprach, musterte er Gloria Harper.

Sie mochte etwa fünfundzwanzig Jahre alt sein. Sie hatte langes, schwarzes Haar mit einem bläulichen Schimmer, das ihr bis auf die Schultern herabhing.

Unter ihrem engen roten Anzug aus Latex zeichneten sich angenehm weibliche Formen ab. Als Mannequin hätte Gloria es nicht weit gebracht. Dazu hatte sie zu wenig Ähnlichkeit mit einem Kleiderständer.

„Sie haben Glück gehabt, Mr. Torringer“, meinte sie. „Ich hätte Sie beinahe überrollt. Sie haben es nur meinen Bremsen zu verdanken, dass Sie noch leben.“

„Sie können ruhig Mike sagen“, brummte Torringer.

„Okay, Mike. Mich können Sie Gloria nennen.“ Sie zierte sich kein bisschen.

„Eigentlich seltsam“, meinte sie ein paar Minuten später.

„Was ist seltsam?“, hakte Torringer nach.

„Dass ich Sie gefunden habe.“

„Ich denke, Sie hatten in Goodsprings zu tun“, wandte er ein.

„Wie man's nimmt“, antwortete sie ausweichend. „Es ist ja auch gleichgültig. Wollen Sie lange in Las Vegas bleiben, Mike?“

„Nur für ein paar Tage.“

Mike Torringer beschloss, über Gloria Harper sobald wie möglich Erkundigungen einzuziehen. Ihr Benehmen war ziemlich eigenartig.

Er ließ sich von ihr an der Ecke Las Vegas Boulevard — Main Street absetzen. Es war nicht nötig, dass sie erfuhr, dass er was mit dem FBI zu tun hatte.

„Soll ich Sie noch zu einem Drink ein laden?“, fragte er.

„Thanks, Mike. Aber ich hab's eilig. Ich muss noch auf eine Party.“

Sie warf ihm eine Kusshand zu.

Sekunden später schoss der Cadillac mit einem Satz davon. Mike Torringer hatte kaum noch Zeit, die Tür zuzuwerfen.

 

 

5

„Verschwinden Sie besser, Mann“, knurrte der Agent im Vorzimmer. „Der Special Agent in Charge hat ’ne Mordswut im Leib. Wenn Sie ihn mit Lappalien belästigen, befördert er Sie eigenhändig auf die Straße.“

Mike Torringer schob den Agent zur Seite. „Großartig“, brummte er. „Ich bin gerade in der richtigen Laune für eine Trainingsrunde.“

Er stieß die Tür auf und betrat das Office von Special Agent in Charge Onker.

Ein hagerer Dreißiger rannte wie ein gefangener Stier zwischen seinem Schreibtisch und der großen Stadtkarte hin und her.

„Hello, Sir!“, grüßte Mike. „Ich hoffe, Sie haben mich noch nicht auf die Verlustliste gesetzt.“

Onker starrte den Besucher verblüfft an. „MT 002?“

„Allerdings, Sir.“ Mike Torringer ließ sich unaufgefordert in einen Sessel fallen. „Gehört zufällig ein Agent namens Brisbane zu Ihrer Abteilung?“

„Yeah, Torringer.“

„Und wo ist der Mann?“

Onker verbarrikadierte sich hinter seinem Schreibtisch, auf dem riesige Aktenstapel Staub ansetzten.

„Im Hospital“, antwortete er. „Autounfall. Bis jetzt bewusstlos, sodass wir nichts Näheres über den Hergang wissen. Aber von Ihnen, Torringer, möchte ich nun doch gerne wissen, wo Sie sich inzwischen herumgetrieben haben. Sie sind um 22.30 Uhr auf dem Municipal Airport aus der Maschine geklettert. Jetzt ist es 1.50 Uhr.“

Er schlug mit der Faust auf die Platte. „Verdammt, Torringer. Sie haben mir eine Menge Ärger gemacht. Meine Leute sind überall unterwegs, um nach Ihnen zu suchen.“

Mike Torringer berichtete kurz, was geschehen war.

„Ach, so ist das!“ Onker war sichtlich betroffen.

„Und dann bin ich einer Lady namens Gloria Harper in die Hände gefallen“, fuhr Mike fort. „Sonst hätte ich wohl noch morgen früh dort gelegen.“

„Sagten Sie Gloria Harper?“

„Yeah. Kennen Sie das Girl?“

„Allerdings, Torringer. Gloria Harper ist die Geliebte von Roney Eskins.“

Onker angelte zwei Gläser aus einer Schreibtischschublade und goss Whisky ein.

„Eine seiner Geliebten“, verbesserte er sich dann. „Wenn Eskins einen Harem hätte, könnte man sagen, Gloria Harper sei seine Lieblingsfrau.“

Mike Torringer zog sein Jackett aus. Sorgfältig leerte er die Taschen.

„Schicken Sie das ins Labor, Sir“, verlangte er. „Die Chemie-Fritzen sollen feststellen, womit man mich ins Traumland verfrachtet hat.“

Onker drückte auf einen Knopf am Schreibtisch.

„Wozu?“, fragte er.

Mike gab keine Antwort.

Der Agent aus dem Vorzimmer kam, erhielt seinen Auftrag und verschwand mit der Jacke. Erst dann erklärte Mike: „Ich will wissen, ob man mich nur betäuben wollte, oder ob ich für immer von der Weltbühne verbannt werden sollte. Immerhin besteht die Möglichkeit, dass es eine Panne war, wenn ich noch am Leben bin.“

Er griff nach seinem Glas.

„Übrigens, Sir, haben Sie eine Ahnung, wer hinter dieser Geschichte stecken könnte? Sie kennen die Leute hier besser als ich.“

Onker lehnte sich in seinen Sessel zurück. „Vielleicht hat Eskins kalte Füße bekommen“, meinte er vorsichtig.

„Sie glauben, er will einen Rückzieher machen?“

„Möglich wär’s immerhin.“

Mike Torringer musterte einen Moment lang seine Schuhspitzen.

„No“, entschied er dann. „Das klingt zu sehr nach Roman. Ein Telegramm an den Assistent Director hätte genügt, um die Sache abzublasen.“

Er überlegte.

„Damned, Sir. Hat außer Ihnen noch jemand was von dieser Geschichte erfahren?“

„Warum?“

„Wenn die Gegenseite Wind bekommen hätte, würde das einiges erklären. Ich kann mir vorstellen, wie wenig gewisse Leute davon erbaut sind, dass Eskins alles ausplaudern will, was er über Las Vegas weiß.“

Onker drückte nervös die Zigarette im Aschenbecher aus. „Außer mir ist nur der Assistant Director informiert“, brummte er.

„Und Ihr Agent?“

„Brisbane?“ Onker winkte ab. „Der weiß nur, dass Sie mit der Maschine aus Los Angeles eintreffen sollten. Das ist alles. Selbst das habe ich ihm erst um 22.00 Uhr gesagt. Er hatte also gar keine Zeit, irgendjemanden zu verständigen. Ganz davon abgesehen, dass er einer unserer zuverlässigsten Beamten ist.“

Torringer nickte.

„Schon gut, Sir. Ich wollte nur sichergehen. Wie steht's mit Eskins. Haben Sie ihn unauffällig beschatten lassen?“

„No, Torringer. Aus Washington kam die spezielle Anweisung, dass wir Eskins in Ruhe lassen sollten“, knurrte Onker. „Assistent Director McCoy hat in einem Fernschreiben mitteilen lassen, dass einzig und allein Sie in dieser Angelegenheit weisungsbefugt sind. Es sollte unter allen Umständen vermieden werden, dass jemand den Eindruck erhielt, wir interessierten uns mehr als sonst für Eskins.“

Mike Torringer hielt ihm seine Packung Chesterfield hin.

„In Ordnung, Sir. Haben Sie eine Ahnung, wo ich Roney Eskins jetzt ausfindig machen kann?“

Onker nahm die Zigarette an. „Wahrscheinlich ist er auf der Party“, brummte er.

„Auf welcher Party?“

„Jim Stenton gibt heute ein Fest für seine Freunde.“

„Stenton? Den Namen hab’ ich schon mal gehört.“

„Jim Stenton ist die rechte Hand von Eskins“, erklärte Onker. „Praktisch der Adjutant von Smarty. Er erledigt die Arbeit, während Eskins selbst Frauen nachstellt.“

Mike Torringer erhob sich grinsend.

„Ich denke, ich werd’ an der Feier teilnehmen“, verkündete er. „Das könnte eine günstige Gelegenheit sein, ein paar interessante Leute kennenzulernen.“

Sein Grinsen wurde noch breiter.

„Ich glaube, ich weiß sogar schon, wen ich mir als Begleiterin aussuchen werde.“

Es klopfte.

Gleich darauf trat der Agent aus dem Vorzimmer ein. Er brachte Torringers Jackett und ein Fernschreiben.

Während Mike Torringer den Befund studierte, las Onker das Fernschreiben.

Der Stoff hatte noch Spuren von Äthyläther enthalten. Damit schied ein Mordversuch aus. Mike Torringer sollte also nur für einige Zeit außer Gefecht gesetzt werden.

Mike zog die Jacke wieder an. Er hatte es plötzlich eilig, zur Party zu kommen.

Die Worte des Gangsters, der ihn in dem verdammten Oldsmobile gekidnappt hatte, waren ihm wieder eingefallen. Demnach war er zu früh in Las Vegas eingetroffen.

„Moment, Torringer“, rief Onker.

Mike blieb in der Tür stehen.

„Was gibt's?“

„Wir haben vorhin Assistent Director McCoy von Ihrem Verschwinden verständigt, Torringer.“

„Und?“

„Dies ist die Antwort. Der Assistent Director hat eine Agentin in Marsch gesetzt. Eine Miss Yolanda Fitzroy.“

„Mahlzeit“, brummte Torringer.

 

 

6

Vor dem Bungalow in der Mesquite Avenue parkte ein einsames Fahrzeug. Ein roter Jaguar ,Type E‘. Obgleich der Wagen unter einer Straßenlaterne stand, hatte der Besitzer die Scheinwerfer brennen lassen.

Mike Torringer stellte seinen silbernen Ford Thunderbird direkt hinter dem Jaguar ab.

Es hatte ihn einige Mühe gekostet, sich den Wagen zu organisieren. Der Wagen war das Prunkstück im Fuhrpark des FBI-Ortsbüros. Der Agent, der für die Zuteilung verantwortlich war, hatte den Renner nicht herausrücken wollen. Doch Mike Torringer war hart geblieben.

Las Vegas war der Treffpunkt des Geldadels. Nirgends in den Staaten gibt es so viele spurtstarke Autos wie hier. Torringer leitete daraus ein Anrecht auf die 340 PS des Thunderbirds ab. Schließlich durfte er sich nicht bei der erstbesten Gelegenheit abhängen lassen.

Er prägte sich die Nummer des roten Jaguars ein und betrat den Park.

Hinter den Fenstern der zweistöckigen Villa brannte kein Licht. Gloria Harper schien also nicht mehr zu Hause zu sein.

Mike Torringer wollte schon enttäuscht umkehren, als er ein Geräusch hörte. Außer ihm trieb sich also noch jemand im Park herum.

Er ging eilig hinter einer Buschgruppe in Deckung.

Er brauchte nicht lange zu warten. Zwischen den Zweigen hindurch entdeckte er eine Frau. Er konnte nicht erkennen, ob es Gloria Harper war.

Doch das war auch unwichtig. Entscheidend war, dass das Girl es höllisch eilig hatte, das Grundstück zu verlassen. Die Frau hatte ihr Kleid bis weit über die Knie hochgezogen und rannte wie von Furien gehetzt auf die Straße zu.

Torringer passte den richtigen Moment ab. Dann sprang er vor und packte zu.

„Lassen Sie mich los“, kreischte eine schrille Stimme. „Loslassen, sage ich!“

Torringer presste ihr die Hand auf den Mund. Er hatte wenig Lust, sich die Nachbarschaft auf den Hals zu locken. Wenn die Kleine behauptete, er habe sie im Park überfallen, würde er allerhand Schwierigkeiten bekommen. Die Leute fragten in derartigen Situationen nicht erst nach Papieren.

In den nächsten fünf Minuten hatte er allerhand Mühe, sich seiner Haut zu wehren. Das Girl biss ihn in die Finger, schlug mit den Füßen um sich und versuchte, ihm das Gesicht zu zerkratzen.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (ePUB)
9783738907247
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (September)
Schlagworte
serenade mpis fall mike torringer

Autor

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Titel: Serenade für zwei MPis:  Ein Fall für Mike Torringer  #4