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Das magische Amulett 91: Der vertauschte Prinz

2017 130 Seiten

Leseprobe

DER VERTAUSCHTE PRINZ

Das magische Amulett Band 91

Roman von Jan Gardemann

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 100 Taschenbuchseiten.

 

Wieder einmal wird Brenda Logan, die Amulettforscherin, von dem Passulant, der in der Amulettwelt lebt, in ihrem Schlaf heimgesucht. Verärgert vernimmt sie, was er von ihr verlangt. Es widerstrebt ihr zuerst, seinen Auftrag anzunehmen, bei dem es darum geht, zwei entführte Kinder wieder zu ihren Müttern zurückzubringen. Als er ihr jedoch mitteilt, dass die Welt und auch ihr geliebter Mann in großer Gefahr schweben, ist Brenda bereit, diesen Auftrag anzunehmen.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover by Firuz Askin, 2017

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

© Logo by Steve Mayer unter Verwendung von Motiven by Pixabay, 2017

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Prolog

Plötzlich schälte sich vor mir ein großes Gesicht aus der Dunkelheit. Erst waren nur nebelhafte Konturen auszumachen. Doch das Gesicht gewann rasch an Klarheit. Schließlich schwebte ein kahlköpfiger Schädel vor mir. Er war umgeben von einem hohen Kragen, der den Kopf noch um einiges überragte und tiefe Schatten auf das geheimnisvolle Gesicht warf. Die Schatten waren nachtschwarz wie auch der Hintergrund, und ebenso wie dort blinkten auch in den Schatten des Gesichtes die bläulichen Sterne. Nun waren auch die Schultern der Gestalt zu sehen. Ein ominöser Umhang ruhte auf ihnen. Er war mit Gold bestickt und über der Brust der Gestalt mit einem faustgroßen goldenen Auge zusammengehalten. Ich kannte diese geheimnisvolle Gestalt. Sie nannte sich der Passulant und kam aus einer anderen Welt...

 

 

1

»Wo ist Mama?«

Der kleine Junge, der dies fragte, hieß Wim Waid und war drei Jahre alt. Er lag in seinem Bettchen auf dem Rücken und schaute die dunkelhaarige Frau, die sich über das Gitterbett beugte, ängstlich fragend an. Das lange Haar der Frau hing fast bis auf die Bettdecke des Kindes herab, so tief hatte sie sich vorgeneigt. Ihr Gesicht wirkte jedoch blass und abwesend. Sie lächelte unverbindlich, aber mit dieser oberflächlichen Geste konnte sie den Jungen nicht erreichen.

Wim verzog den Mund, und Tränen sammelten sich in seinen Augen. »Ich will zu meiner Mama!«, forderte er weinerlich.

Die Frau richtete sich auf.

»Nun heul’ doch nicht gleich!«, sagte sie streng. »Deine Mutter arbeitet. Sie kommt erst morgen früh wieder zurück. Schlaf jetzt, dann wird die Zeit rascher vergehen.«

»Ich kann aber nicht schlafen«, entgegnete Wim trotzig. »Nicht, wenn Mama mir kein Lied vorsingt.«

Die Frau seufzte entnervt und machte ein abweisendes Gesicht.

»Ich kann nicht singen«, erklärte sie unwirsch, was Wim ihr auch sofort glaubte, denn ihre Stimme klang unmelodisch und rau und bekam schnell einen schrillen gereizten Unterton.

Immer wenn Wims Mutter, Carol Waid, nachts in ihrer Kosmetikfirma in London arbeiten musste, rief sie Hester Berlington an, damit sie auf ihren Sohn aufpasste. Wim mochte Hester nicht besonders. Sie war ganz anders als seine Mutter, die zärtlich, einfühlsam und sehr geduldig war. Hester hingegen war immer schnell gereizt und ließ Wim oft allein in seinem •Zimmer spielen. Manchmal setzte sie ihn auch einfach vor den Fernseher, was Carol ihr eigentlich verboten hatte, denn sie fand, dass ihr Sohn noch viel zu jung war und am Tag höchstens eine halbe Stunde vor dem Flimmerkasten sitzen durfte. Aber Hester setzte sich über dieses Verbot einfach hinweg und drohte Wim, dass etwas Schlimmes passieren würde, wenn er seiner Mutter verriet, wie viele Stunden er in Wahrheit vor dem Fernseher verbracht hatte.

Natürlich fand Wim das Fernsehprogramm weitaus interessanter, als Hester in der Küche bei der Arbeit zuzusehen, oder sie dabei zu beobachten, wie sie auf dem Sofa im Salon lag und in einer der Modezeitschriften seiner Mutter blätterte.

Doch es gab auch Momente, wo Wim der Fernseher völlig egal war und ihm die aufregenden Geschichten, die auf dem Bildschirm abliefen, sinnlos und hohl erschienen. Das geschah immer dann, wenn er sich nach seiner Mutter sehnte; wenn er sich in den großen hohen Räumen des alten Castle unbehaglich fühlte und ihn die Einsamkeit aus jeder Ecke ansprang, wie ein Gespenst.

Auch jetzt, da es draußen dunkel zu werden begann und Wim schlafen sollte, spürte er die Einsamkeit, die durch nichts hätte vertrieben werden können, außer durch die warme, vertraute Gegenwart seiner Mutter.

»Mach jetzt die Augen zu und schlaf!«, befahl Hester streng. So wandte sie sich von dem Jungen ab und knipste die kleine bunte Lampe an, die auf einer Kommode neben dem Bett stand und ein schummeriges warmes Licht verstreute. Dann schaltete sie den Kronleuchter an. Er hing an einer Messingkette von der hohen Decke und war so alt und kostbar wie die meisten Einrichtungsgegenstände in dem alten Castle.

Hester verließ das Kinderzimmer. Sie schloss die Tür hinter sich ab und steckte den Schlüssel dann in ihre Rocktasche. Das tat sie immer, weil sie befürchtete, Wim könnte sein Zimmer unbemerkt verlassen und sie dann in dem Castle bei etwas überraschen, was ihr sofort den Job kosten würde, wenn Carol Waid davon erfuhr. Nachts bekam Hester in dem alten Castle nämlich des Öfteren Herrenbesuch. Es war für Hester ziemlich aufregend, mit ihrem Geliebten nachts durch das unheimliche Castle zu schleichen und sich in den dunklen Nischen und Winkeln von ihm küssen zu lassen.

Heute Nacht hatte Hester ihrem Geliebten jedoch absagen müssen, denn ein anderer Gast hatte sich angekündigt. Ein Gast, den sie nicht hatte abweisen können.

Hester hätte vor Wut laut aufstampfen mögen, wenn sie nur daran dachte, dass sie heute auf die erotischen Stunden in dem unheimlichen Castle verzichten musst.; Aber ihr blieb keine andere Wahl. Der Mann, der heute nach Felch Castle kommen würde, wusste einfach zu viel über sie. Würde er mit seinem Wissen zur Polizei gehen, würde man sie sofort verhaften und einsperren!

Hester starrte die Kinderzimmertür trübsinnig an. Wahrscheinlich würde dies die letzte Nacht sein, die sie in dem alten Castle verbrachte. Es sei denn, sie könnte Wim dazu bringen, seiner Mutter nichts von dem Mann zu erzählen, der sich für die heutige Nacht angekündigt hatte. Hester wusste, dass er Wim würde sehen wollen. Die Begegnung würde den Jungen bestimmt aufwühlen. Seine Aufregung könnte stärker sein, als seine Angst vor Hesters Drohungen.

Wenn Wim seiner Mutter dann erzählte, wer ihn nachts besucht hatte, würde Hester eine Menge Ärger bekommen. Aber das war ein vergleichsweise geringer Preis dafür, dass sie noch einmal vor einer Gefängnisstrafe davonkommen würde.

Da vernahm Hester plötzlich ein leises klägliches Schluchzen hinter der Tür.

Wim weinte, weil er seine Mutter vermisste!

Hesters Miene verhärtete sich. Abrupt wand sie sich von der Tür ab und schlenderte dann leise über den dunklen Korridor in Richtung Salon, wo sie auf ihren nächtlichen Besucher warten sollte.

Die Tür des Salons stand offen, und ein helles Rechteck aus gelbem, anheimelndem Licht fiel auf den mit dicken Teppichen ausgelegten Boden des Korridors. Der Widerschein tauchte den hohen Flur in ein schummeriges Halbdunkel, wie Hester es liebte.

Sie hatte den halben Weg zum Salon zurückgelegt, als sie plötzlich erschrocken stehenblieb und entsetzt zur Decke emporstarrte. Ein nachtschwarzer Schatten glitt dort lautlos und mit gespenstischer Schnelligkeit über den Stuck und die Gipsrosette hinweg.

Hester glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Der Schatten hatte die Umrisse einer menschlichen Gestalt. Wie eine Spinne hangelte sie mit Armen und Beinen über die Korridordecke, während der lange Mantel in fließenden Bewegungen um den kräftigen Körper waberte, als handelte es sich dabei um Nebel.

Als die Schattengestalt die Stelle direkt über Hester erreicht hatte, verharrte sie. Hester konnte nun genau erkennen, dass es sich bei der unheimlichen Gestalt tatsächlich um einen Schatten handelte. Den Konturen nach zu urteilen, handelte es sich um den Schatten eines Mannes. Flach wie ein Abziehbild lag er auf der Korridordecke. Nun wandte er den Kopf, und ein Paar grün leuchtender Augen erschienen im schwarzen Oval des konturlosen Gesichtes. Böse funkelten die Augen Hester an.

Das Kindermädchen war unfähig auch nur einen einzigen Laut von sich zu geben. Am liebsten hätte sie geschrien, ihre Furcht lauthals hinaus gebrüllt. Aber nackte Angst hatte von ihr Besitz ergriffen, ihren Körper und ihren Geist zu kaltem Stein erstarren lassen. Hester hatte das Gefühl, als würde ein eisiger Windhauch über sie hinwegfegen. Sie fror entsetzlich, und eine Gänsehaut jagte ihr den Rücken hinunter.

Dann setzte sich der unheimliche Schatten plötzlich wieder in Bewegung und verschmolz wenig später mit der Dunkelheit des Korridors. Auch die Kälte war nun wieder verschwunden.

Hester schüttelte sich und rieb sich mit den Händen über die Oberarme. Aber die Angst wollte nicht weichen. Noch nie zuvor hatte sie sich in dem alten Castle so sehr gefürchtet wie in diesem Moment. Alles, was sie bisher in den düsteren Räumen und Korridor empfunden hatte, war eine diffuse Furcht, ein kribbelndes Unbehagen, das sie mehr genoss, als dass sie es vermeiden wollte.

Doch was sie jetzt spürte, war etwas ganz anderes! Sie hatte Angst, Angst um ihr Leben!

Voller Grauen gewahrte Hester nun, dass der unheimliche Schatten in Richtung Kinderzimmer verschwunden war. Einen Moment überlegte sie, ob sie zu Wim zurückkehren und nachsehen sollte, ob mit ihm alles in Ordnung war. Doch bei dem Gedanken, dem geisterhaften Schatten in dem Kinderzimmer begegnen zu können, überkam Hester ein tiefes Gefühl von Panik. Sie verwarf den Gedanken darum auch rasch wieder und beeilte sich, in den hell erleuchteten Salon zu gelangen. Laut schlug sie die Tür hinter sich zu und lehnte sich heftig atmend mit dem Rücken dagegen. Hester war fest davon überzeugt, einen Geist gesehen zu haben.

 

 

2

»Was ist los mit dir, Hester?«, drang plötzlich eine männliche Stimme aus der Tiefe des Salons. »Siehst aus, als wäre dir gerade der Teufel in Person erschienen.«

Erschrocken zuckte Hester zusammen und stieß einen spitzen Schrei aus. Ihr Kopf ruckte in die Richtung, aus der die Stimme gekommen war. Ein leger gekleideter junger Mann saß dort mit weit von sich gestreckten Beinen auf einem antiken Sessel, die Arme vor der Brust verschränkt und auf den Lippen ein ironisches, schadenfrohes Grinsen. Das Haar des Mannes war schwarz und glatt. Es glänzte vor Haargel und war nach hinten gekämmt, so dass der niedrige, förmige Haaransatz oberhalb der Stirn deutlich zu sehen war.

»Sind Sie Donald Cree?«, fragte Hester ängstlich.

Der Mann nickte. »Hast du etwa jemand anderen erwartet?«

Hester legte die flache Hand über ihrem Herzen auf die Brust und atmete tief durch.

»Müssen Sie mich so erschrecken?«

Donald Cree sah Hester mit seinen braunen düsteren Augen unverwandt an.

»Ich dachte, du hast eine Vorliebe für die unheimliche Atmosphäre auf Felch Castle«, bemerkte er sarkastisch.

Hester kniff die Lippen zusammen. Sie war Donald Cree noch nie persönlich begegnet. Er hatte sie jedoch in ihrer Wohnung, in dem kleinen Ort in der Nähe des Castle, mehrmals angerufen. Cree wusste eine Menge über ihr Leben. Er schien sogar zu wissen, dass sie sich mit ihrem Liebhaber heimlich in dem Castle traf. Voller Unbehagen fragte sie sich, wie Cree dies alles erfahren hatte.

»Meine Vorlieben gehen Sie überhaupt nichts an«, sagte sie unwirsch. »Was wollen Sie überhaupt von mir? Wenn Sie etwas mit Carol Waid zu klären haben, warum wenden Sie sich dann nicht direkt an sie?«

Donalds Gesichtsausdruck wurde noch um eine Spur härter, wie Hester mit einiger Genugtuung feststellte. Er sollte sich nicht einbilden, dass er der Einzige war, der Erkundigungen über Leute einziehen konnte. Hester wusste, dass Donald mit Carol Waid verheiratet gewesen war - und dass er der Vater des kleinen Wim war. Carol hatte sich vor zwei Jahren von Donald getrennt und ihren Sohn allein aufgezogen. Dass Carol es in ihrer schweren Lage auch noch fertigbrachte, eine Kosmetikfirma in London aufzubauen, kam Hester wie ein Wunder vor. So etwas hätte sie selbst niemals vollbringen können. Sie schaffte es ja nicht einmal, ihr eigenes Leben in den Griff zu bekommen.

»Du kannst mich mit deinem Gerede nicht beeindrucken«, behauptete Donald und setzte sich in dem Sessel auf. Wie Hester nun bemerkte, stand neben ihm auf einem runden Rokokotisch ein Glas mit Portwein. Donald hatte sich bereits bedien. Er schien sich in dem Castle, in dem er mit Carol einige Jahre gelebt hatte, noch immer recht gut auszukennen.

Einen kurzen Augenblick überlegte Hester, ob Donald vielleicht etwas mit dem geisterhaften Schatten zu tun haben könnte, der sie eben zu Tode erschreckt hatte. Doch dann verwarf sie den Gedanken wieder. Wie sollte Donald es zuwege bringen, einen so unheimlichen Schatten erscheinen zu lassen, und zu welchem Zweck?

»Was wollen Sie nun hier?«, fragte Hester erneut, obwohl sie sich schon denken konnte, warum Donald gekommen war. Sicherlich wollte er seinen Sohn sehen, was Carol ihm nämlich verboten hatte. Es gab sogar einen Gerichtsbeschluss, der es Donald Cree untersagte, Carol oder seinem Sohn zu nahe zu kommen. Er musste ein ziemlich ungemütlicher Zeitgenosse sein.

Donald stand auf und trat auf Hester zu. Auf seinem Gesicht stand ein falsches, freundliches Lächeln.

»Du kannst dir sicherlich denken, warum ich hier bin?«, sagte er.

»Es geht um Wim«, erwiderte Hester und schaute Donald dabei unverwandt an. Sie hatte keine Angst vor diesem Mann - doch sie fürchtete sich davor, was seine Aussage vor Gericht bewirken könnte. Darum musste sie sich ihm auch fügen.

»Natürlich geht es um Wim«, versetzte Donald schneidend.

»Ich habe ihn gerade zu Bett gebracht«, erklärte Hester. »Es ist besser, wenn Sie noch einen Augenblick warten, bis er eingeschlafen ist. Dann können Sie ihn sehen.«

»Es ist mir egal, ob er schläft oder nicht«, erwiderte Donald kalt.

Hester schluckte. Sie hatte befürchtet, dass Donald keine Rücksicht auf sie und ihren Job nehmen würde.

»Wenn Wim Sie sieht, wird er seiner Mutter davon erzählen«, sagte sie eindringlich. »Ich würde sofort meinen Job verlieren - und Sie die Chance, Ihren Sohn ein zweites Mal zu sehen.«

Donald packte Hester an den Handgelenken, riss ihre Arme hoch und drückte zu. Hester stöhnte gequält auf.

»Sie tun mir weh«, beschwerte sie sich.

Donald grinste böse.

»Du scheinst nicht zu begreifen, was ich wirklich will«, sagte er mit gefährlich gesenkter Stimme. »Ich will meinen Sohn nicht bloß sehen - ich will ihn mitnehmen!«

Entsetzt riss Hester die Augen auf.

»Sind Sie verrückt!«, stieß sie hervor. »Sie dürfen Ihren Sohn nicht einmal sehen. Wenn Sie ihn jetzt mitnehmen, käme das einer Entführung gleich.«

»Es ist ja auch eine Entführung«, belehrte Donald schneidend und stieß Hester von sich. »Carol wird Wim nur wiedersehen, wenn sie ein entsprechendes Lösegeld zahlt.«

Hester prallte gegen einen Tisch und stützte sich schwer darauf ab. Entgeistert starrte sie den Mann an.

»Sie ... Sie wollen Ihren eigenen Sohn entführen?«, fragte sie ungläubig.

Donald nickte überzeugt.

»Und mit deiner Hilfe wird niemand erfahren, wer in Wahrheit dahinter steckt«, setzte er hinzu.

Hester glaubte sich verhört zu haben.

»Sie erwarten doch wohl etwa nicht, dass ich Ihnen helfe?«

»Natürlich wirst du mir helfen«, stellte Donald richtig. »Für eine Frau, die eine Bankfiliale ausgeraubt hat, und der es gelang, bisher unentdeckt zu bleiben, dürfte es eine Kleinigkeit sein, der verzweifelten Mutter und der Polizei zu erzählen, dass sie von einer Gruppe maskierter Männer überfallen wurde, die dann das Kind raubten.«

»Das ist doch Wahnsinn!«, rief Hester. »Eine Bank zu überfallen oder ein Kind zu entführen sind für mich zwei völlig unterschiedliche Dinge. Außerdem befand sich nur wenig Geld in der Filiale. Ich habe es längst ausgegeben.«

»Das interessiert mich nicht. Du bist eine Verbrecherin, Hester - ein besseres Kindermädchen hätte Carol gar nicht finden können.«

Donald lachte sarkastisch.

»Ich habe diese Stelle nur erhalten, weil die Leute aus der Gegend glauben, dass ein Fluch auf Felch Castle lastet«, stellte Hester richtig.

Ein eisiger Schauer rieselte ihr den Rücken hinab, als sie plötzlich wieder an den unheimlichen Schatten an der Korridordecke denken musste.

»Niemand würde dieses Gebäude freiwillig betreten, wenn die Sonne untergegangen ist«, fuhr sie dann rau fort. »Aber ich mache mir nichts aus diesen abergläubischen Legenden.«

Donald sah sie skeptisch an.

»Wenn man dich so reden hört, könnte man glauben, du hast auch Angst vor Felch Castle.«

»Ich ... ich habe vorhin etwas Seltsames gesehen«, erklärte Hester beklommen.

»Unsinn!«, fuhr Donald sie an. »Du willst nur vom Thema ablenken!«

Er bewegte sich auf die Tür zu und riss sie auf.

»Ich werde mir jetzt meinen Sohn schnappen«, erklärte er. »Sobald ich ihn in den Kofferraum meines Wagens verfrachtet habe, werde ich ein wenig im Castle randalieren, damit alles nach einem Überfall aussieht und deine Geschichte, die du den Polizisten erzählen wirst, auch glaubwürdig klingt.«

Hester war drauf und dran, auf Donald loszugehen, um ihn von seiner Wahnsinnstat abzuhalten. Aber sie blieb wie angewurzelt beim Tisch stehen.

»Ich ... ich werde bei diesem Coup nicht mitmachen«, erklärte sie lahm.

Donald drehte sich zu ihr um und schenkte ihr ein böses Lächeln.

»Du wirst mich von meinem Vorhaben nicht abbringen«, sagte er hart. »Wim wird heute Nacht mit mir kommen. Und solltest du der Polizei erzählen, dass ich es war, der ihn entführte, werde ich ihnen im Gegenzug von deinem kleinen Bankraub erzählen.«

»Von wem haben Sie diese Informationen überhaupt?«, platzte es aus Hester hervor. Diese Frage hatte sie Donald bereits gestellt, als er das erste Mal mit ihr in Kontakt getreten war. Aber er hatte nur gekichert und erklärt, dass man in Ganovenkreisen über Hesters gelungenen Bankraub durchaus Bescheid wusste.

Auch jetzt schien Donald nicht gewillt, seine Informationsquelle preiszugeben. Stattdessen wandte er sich einfach ab und verließ den Salon.

»Ich hole mir jetzt meinen Sohn«, hörte Hester ihn noch sagen. »Komm mit, oder lass es bleiben.«

Hester stieß sich von dem Tisch ab und beeilte sich, Donald zu folgen. Auf keinen Fall wollte sie allein bleiben, denn sie fürchtete sich davor, dem unheimlichen Schatten erneut zu begegnen. Außerdem hatte sie den Schlüssel für das Kinderzimmer. Donald würde nicht zögern, die Tür einzutreten, wenn er sie verschlossen vorfand.

 

 

3

Donald hatte sich eine Strumpfmaske über den Kopf gezogen. Rabiat stieß er die Tür zum Kinderzimmer auf. Sie war nur angelehnt, wie Hester mit wachsender Sorge registrierte. Sie erinnerte sich noch genau, dass sie die Tür abgeschlossen hatte. Wenn Wim geschlafen hat, so ist er jetzt bestimmt wieder wach, dachte sie beklommen. Zögernd blieb sie in der Tür stehen und beobachtete, wie Donald auf das Gitterbett zustrebte, neben dem die kleine bunte Lampe brannte.

Noch nie in ihrem Leben war Hester sich so niederträchtig und gemein vorgekommen. War sie wirklich so tief gesunken, dass sie jetzt tatenlos mit zusah, wie ein kleines Kind, das ihr anvertraut worden war, von einem Ganoven entführt wurde?

Hester wurde schwindelig, so heftig plagte sie ihr schlechtes Gewissen. Es war ein schwerer Fehler gewesen, als sie sich damals dazu entschloss, die kleine Bankfiliale auf dem Land zu überfallen. Diese Erkenntnis, die sie all die Monate hindurch erfolgreich verdrängt hatte, stieg jetzt mit aller Macht in ihr empor. Sie hatte das Gefühl, vor einem tiefen Abgrund zu stehen, und sie konnte nichts dagegen unternehmen, dass sie in den schwarzen Schlund der Schuld stürzen und für immer darin verschwinden würde. Donald brauchte nur seine Hände nach Wim auszustrecken, um Hester zur Komplizin eines Kidnappers zu machen. Das durfte Hester auf keinen Fall zulassen! Lieber wollte sie ins Gefängnis und dort ihre Strafe für den Bankraub absitzen, als sich schuldig daran zu machen, dass ein dreijähriges Kind entführt wurde.

Im selben Moment, da Hester diesen Entschluss fasste, hatte Donald das Gitterbett erreicht.

»Nein!«, rief Hester und schnellte sich vom Türrahmen ab, gegen den sie sich gelehnt hatte. In diesem Augenblick wirbelte Donald zu ihr herum. In seinen braunen Augen funkelte es wütend, und sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse, in der sich Fassungslosigkeit und unbändiger Zorn spiegelte.

»Das ist nicht mein Sohn!«, rief er und deutete anklagend auf das Bettchen. »Wo, zum Teufel, ist Wim?«

Völlig verdattert blieb Hester stehen. Donalds Worte ergaben für sie keinen Sinn.

»Was ... was meinen Sie?«, fragte sie verwirrt.

Donald packte Hester hart an dem Arm und zog sie brutal zum Kinderbett. Dann schlossen sich seine Finger um ihren Nacken. Er drückte Hester über den Bettrand, so dass sie den Jungen sah, der in dem Bettchen lag und friedlich schlief. Hester glaubte ihren Augen nicht zu trauen. Das war nicht Wim, der da lag! Wim hatte blondes wuscheliges Haar und ein schmales feinfühliges Gesicht. Doch der Junge, dessen Kopf unter der Bettdecke hervorlugte, hatte dunkles gelocktes Haar und ein rundes weiches Gesicht. Die Brauen waren geschwungen wie zwei Schwalbenflügel und verliehen dem entspannten Gesicht einen edlen, königlichen Ausdruck.

Hester schluckte.

»Wer ... wer ist das?«, stammelte sie mit trockener Kehle. »Und - wo ist Wim?«

Donald riss Hester von dem Bett zurück.

»Du hast mich reingelegt!«, schrie er außer sich vor Wut und schleuderte Hester gegen die Wand, wo sie benommen zu Boden stürzte. Donald starrte sie wütend an.

»Du wusstest, dass ich meinen Sohn entführen wollte und hast ihn deshalb gegen ein wildfremdes Kind getauscht«, behauptete er. »Du dachtest, du könntest mich mit diesem Trick von meinem Vorhaben abbringen. Aber da hast du dich getäuscht. Wenn ich Wim nicht haben kann, dann nehme ich eben diesen Jungen!« Mit diesen Worten fetzte Donald die Bettdecke weg und hob das schlafende Kind aus dem Bett.

Da öffnete der Junge plötzlich die Augen - und Hester riss den Mund vor Verblüffung weit auf. Die Augen des Jungen waren von goldener Farbe. Seine Pupillen schimmerten schwarz wie Obsidian.

»Wo ist meine Mami?«, fragte der Knabe mit glockenheller klarer Stimme, die Hester sofort zu Herzen ging.

»Halt die Klappe!«, fuhr Donald das Kind an. »Du wirst deine Mutter erst wiedersehen, wenn sie für dich bezahlt.«

Hester rappelte sich auf. Sie verstand nicht, wo dieser seltsame Junge plötzlich hergekommen war, noch hatte sie eine Ahnung, wo Wim sich jetzt aufhielt. Aber eines wusste sie mit Sicherheit: Sie durfte nicht zulassen, dass Donald diesen Jungen mit sich nahm. Mit einem Schrei stürzte sie sich auf den Mann, die Hände wie Krallen vor sich ausgestreckt.

Doch bevor sie Donald erreichen konnte, zuckte seine geballte Faust blitzschnell vor und traf Hester genau an der Schläfe. Wie ein Blitz raste der Schmerz durch Hesters Kopf und löschte all ihre Sinne mit einem Schlag aus. Bewusstlos brach sie zusammen und blieb dann reglos auf dem Boden des Kinderzimmers liegen.

 

 

4

»Gute Nacht, Brenda«, drang Daniels sanfte männliche Stimme flüsternd an mein Ohr.

Ich hatte meine Augen schon halb geschlossen und schaute Daniel verschlafen ins Gesicht. Wir lagen in unserem Ehebett. Daniel lag auf der Seite und hatte sich auf den Ellenbogen gestützt. Verliebt und glücklich blickte er auf mich herab. Sein hellbraunes lockiges Haar war zerzaust und verwuschelt, weil ich meine Finger darin vergraben hatte, als wir uns vorhin geliebt hatten. Ein verklärtes Lächeln lag auf Daniels Lippen. Behutsam neigte er sich zu mir herab und küsste mich auf die Stirn.

»Ich liebe dich, Brenda«, flüsterte er.

»Ich liebe dich auch, Daniel«, gab ich glücklich zurück. »Ein Glück, dass du heute keine Nachtschicht in der Klinik schieben musstest.«

Daniel war ein bekannter Arzt und Neurologe. Er arbeitete im St. Thomas Hospital, einer der größten Kliniken in London. Eigentlich hätte er heute Nacht arbeiten müssen. Aber Cliff Parker, Daniels bester Freund und Kollege, hatte Daniel gebeten, mit ihm den Dienst zu tauschen, weil er sonst ein für morgen anberaumtes Rendezvous mit seiner neuen Freundin absagen müsste. Natürlich war Daniel sofort einverstanden gewesen. Auf diese Weise waren wir zu diesem romantischen Abend zu zweit gekommen.

»Und es war auch eine glückliche Fügung, dass deine Expedition nach Afrika verschoben wurde«, ging Daniel auf meine Bemerkung ein. »Sonst hätte ich diese Nacht ganz allein verbringen müssen.«

»Dafür werde ich Professor Sloane ewig dankbar sein«, scherzte ich schlaftrunken.

Professor Sloane war der Direktor des British Museum, wo ich als Archäologin und Amulettforscherin arbeitete. Er hatte mich dazu abberufen, an der Expedition nach Afrika teilzunehmen. Doch aus organisatorischen Gründen musste dieses Unternehmen um mehrere Tage verschoben werden. Meine Sachen hatte ich schon gepackt. Doch bis die Reise wirklich losging, hatte ich vom Professor frei bekommen.

»Träum etwas Schönes, Brenda!«, flüsterte Daniel und schaltete die Nachttischlampe aus.

»Du auch, Daniel«, murmelte ich, lächelte versonnen und schloss die Augen nun ganz. Ich gewahrte noch, wie Daniel sich neben mich kuschelte. Dann dämmerte ich in den Schlaf hinüber und fand mich im nächsten Moment in einem schwarzen undurchdringlichen Nichts wieder!

 

 

5

Die wohlige Wärme, die mich eben noch durchströmt hatte, war frostiger Kälte gewichen. Nachtschwarze Dunkelheit umgab mich. Wie schwerelos trieb ich dahin, während sich in meinem Innern ein unbehagliches Gefühl ausbreitete. Ich wusste, dass ich in meinem Bett lag und schlief. Und doch schwebte ich durch dieses beängstigende Nichts, in dem es weder Licht noch Geräusche zu geben schien. Da tauchten in dem schwarzen Nichts plötzlich funkelnde Sterne auf. Sie leuchteten in verschiedenen Blautönen, blinkten geheimnisvoll oder sandten lange nebeldünne Lichtlanzen aus, die wie Kometen durch die endlose Schwärze zogen.

Die Szene erschien mir auf sonderbare Weise realistisch und wirklichkeitsnah. Ich wusste, dass ich träumte; und doch war ich mir sicher, dass der geheimnisvolle Ort, an dem ich mich befand, tatsächlich existierte.

Da schälte sich vor mir plötzlich ein großes Gesicht aus der Dunkelheit. Erst waren nur nebelhafte Konturen auszumachen. Doch das Gesicht gewann rasch an Klarheit. Schließlich schwebte ein kahlköpfiger Schädel vor mir. Er war umgeben von einem hohen Kragen, der den Kopf noch um einiges überragte und tiefe Schatten auf das geheimnisvolle Gesicht warf. Die Schatten waren nachtschwarz, wie auch der Hintergrund, und ebenso wie dort, blinkten auch in den Schatten des Gesichtes die bläulichen Sterne. Nun waren auch die Schultern der Gestalt zu sehen. Ein ominöser Umhang ruhte auf ihnen. Er war mit Gold bestickt und über der Brust der Gestalt mit einem faustgroßen goldenen Auge zusammengehalten.

Ich kannte diese geheimnisvolle Gestalt. Sie nannte sich »der Passulant« und kam aus einer anderen Welt, in der Magie und übersinnliche Fähigkeiten zum Alltag gehörten. Diese fremde Welt wurde die Amulettwelt genannt. Sie war von der unsrigen jedoch streng getrennt. Nur ein einziges Tor existierte, das die beiden so verschiedenen Welten miteinander verband. Dieses Tor befand sich in einem Park in London und war in einem kleinen Mausoleum versteckt. Das Tor war immer verschlossen, denn es würde großes Unheil über die Welten hereinbrechen, wenn ein Bewohner der einen Welt die andere betrat. Nur der Passulant konnte dank seiner magischen Fähigkeiten zwischen den beiden Welten herumreisen, ohne dabei eine Katastrophe herbeizuführen. Schon einige Male war der Passulant mir begegnet - und immer hatte sein Auftauchen nichts Gutes zu verheißen gehabt.

»Sei gegrüßt, Brenda Logan!«, ertönte in diesem Moment die sonore Stimme des Passulants, ohne dass er dabei seine Lippen bewegte. Das brauchte er auch gar nicht, denn er bediente sich seiner magischen Fähigkeiten, die seine Stimme direkt in meinem Kopf entstehen ließen.

»Was willst du von mir?«, gab ich etwas unhöflich zurück.

»Ich habe einen Auftrag für dich«, kam prompt die Antwort.

Ich spürte, wie Unwillen in mir hochstieg. Der Passulant hatte so eine gewisse überhebliche Art, die mich jedes Mal auf die Palme brachte.

»Ich bin nicht deine Dienerin«, stellte ich daher richtig.

»Du bist eine Amulettkundige«, erwiderte der Passulant ungerührt. »Verantwortung lastet auf deinen Schultern, denn deine Welt schwebt in großer Gefahr!«

Ich seufzte genervt.

»Ich hasse es, wenn du so etwas sagst. Es bedeutet jedes Mal Ärger für mich.«

»Diesmal betrifft es nicht nur deine Welt«, stellte der Passulant richtig. »Auch um die Amulettwelt ist es schlecht bestellt. Florin, der Sohn der Königin wurde entführt. Diese Nacht wurde er aus seinem königlichen Bett geraubt und gegen ein gleichaltriges Kind aus deiner Welt ausgetauscht. Der Name des fremden Kindes lautet Wim Waid.«

»Das ist ja schrecklich!«, entfuhr es mir. »Die armen Kinder!«

»Es ist nicht nur für die Kinder und ihre Eltern entsetzlich«, erwiderte der Passulant mit einer für ihn ungewohnten Eindringlichkeit. »Du weißt, dass die Anwesenheit eines Bewohners aus einer fremden Welt Chaos und Unglück verbreiten kann.«

Mit einer beschwörenden Geste hob der Passulant den linken Arm, so dass nun die Innenseite seines Umhanges zu sehen war. Sie war mit nachtblauem Samt gefüttert, der geheimnisvoll schimmerte.

»Sieh, was geschieht, sollte es dir nicht gelingen, den Kindertausch rückgängig zu machen!«, sagte der Passulant mahnend.

Im selben Moment ging ein geheimnisvolles Flirren über die aufgeschlagene Innenseite des Umhanges, und Daniel war plötzlich zu sehen.

Mit zerschmetterten Gliedern lag er ausgestreckt da, das Gesicht mit Beulen und blauen Flecken übersät, das Haar blutverklebt. Daniels Augen waren weit aufgerissen, und das Weiße seiner Pupillen starrte mich leer und ausdruckslos an.

Daniel war tot - darin bestand kein Zweifel!

 

 

6

Mit einem Entsetzensschrei auf den Lippen fuhr ich in meinem Bett hoch. Verwirrt sah ich mich um. Die nachtschwarze, sternendurchwirkte Dunkelheit aus meinem Traum war meinem schummerig beleuchteten Schlafzimmer gewichen. Durch das Fenster drang heller Mondschein, zeichnete fahl leuchtende Rechtecke auf das Bett. Daniel regte sich und schaute schlaftrunken zu mir auf.

»Was hast du, Brenda?«, fragte er müde.

»Ich ... ich hatte einen entsetzlichen Traum«, erklärte ich, beugte mich rasch zu meinem geliebten Mann herab und bedeckte sein entspanntes Gesicht mit Küssen.

»Ein Glück, dir ist nichts geschehen«, murmelte ich dabei.

»Es war doch bloß ein Traum«, erwiderte Daniel lächelnd. »Versuch jetzt wieder zu schlafen! Der nächste Traum wird bestimmt besser.«

»Hoffentlich«, sagte ich beklommen und legte mich wieder hin. Ich wollte Daniel nicht beunruhigen, darum verzichtete ich darauf, ihm jetzt sofort von dem Passulant zu erzählen. Ich war mir sicher, dass es mehr als bloß ein Traum gewesen war. Der Passulant trat auf die seltsamsten Arten mit mir in Kontakt. Diesmal, so schien es, hatte er sich die Traumebene dafür auserkoren.

Ich schmiegte mich an Daniels Rücken und versuchte mich zu entspannen. Ich musste so schnell wie möglich wieder einschlafen, um das Gespräch mit dem Passulant fortführen zu können. Wenn es stimmte, was er sagte, und wirklich zwei Kinder aus den beiden Welten vertauscht worden waren, stand es um das Gleichgewicht der Welten tatsächlich schlecht bestellt. Daniels Tod würde nicht das einzige schreckliche Ereignis sein, das mit diesem Traum einherging.

Ich schloss fest die Augen und versuchte meine hämmernden Gedanken abzuschalten. Daniels wohltuende Nähe half mir dabei. Ich lauschte dem gleichmäßigen ruhigen Rhythmus feines Atems und schlummerte schließlich wieder ein.

Wenige Augenblicke später schwebte wieder die ominöse Gestalt des Passulant vor mir im Dunkeln. In den Schatten seines Gesichtes funkelten die Sterne.

»Wer hat die beiden Kinder denn vertauscht?«, wollte ich sogleich wissen.

»Das wissen wir nicht«, erwiderte der Passulant ruhig. »Es muss ein Feind der Königin sein. Offenbar will jemand ihre Stelle im Palast einnehmen. Denn wenn das Volk erfährt, dass ihr Sohn fort und an seiner Stelle ein Kind erschienen ist, das über keinerlei übersinnliche Fähigkeiten verfügt, muss die Königin abdanken.«

»Das heißt, der kleine Prinz befindet sich nun irgendwo auf der Erde und verfügt über übersinnliche Kräfte.«

»Genau so ist es«, bestätigte der Passulant. »Ich vermute, dass Florin sich nun genau dort befindet, wo zuvor der kleine Wim Waid gelebt hat. Du musst ihn finden und zum Tor bringen, damit der Tausch wieder rückgängig gemacht werden kann!«

»Das klingt nicht besonders schwer«, überlegte ich. »Über was für magische Kräfte verfügt dieser Florin denn eigentlich?«

»Das ist noch nicht bekannt«, gestand der Passulant bedauernd. »Die übersinnlichen Fähigkeiten eines Amulettweltlers entwickeln sich erst in der Jugend zu ihrer vollen Ausdruckskraft. Da es sich bei Florin jedoch um einen Prinzen handelt, ist davon auszugehen, dass seine magischen Kräfte beachtlich sind.«

»Was weißt du sonst noch?«, hakte ich nach. »Ich müsste noch mehr über Wim Waid wissen. Wo wohnen seine Eltern?«

»Das konnte ich bisher nicht in Erfahrung bringen«, erwiderte der Passulant zurückhaltend. »Wim ist sehr verwirrt, was nur allzu verständlich ist. Als er aufwachte, befand er sich plötzlich in einem fremden Bett, in einer ihm völlig unbekannten Umgebung. Die Königin ist auch ziemlich durcheinander. Sie macht sich große Sorgen um ihren Sohn. Als sie merkte, dass der fremde Junge im Bett ihres Sohnes von der Erde stammte, ließ sie sofort nach mir rufen. Ich bin der Einzige, der in Kontakt mit einer anderen Welt treten kann, ohne dabei das Gleichgewicht zu stören. Natürlich habe ich versucht, Wim auszufragen. Viel erfahren habe ich von ihm allerdings nicht.«

»Das kann ich mir lebhaft vorstellen«, sagte ich lachend, was mir einen verärgerten Blick des Passulants eintrug.

Der Passulant war ein ziemlich unheimlich aussehender Bursche, der auf einen Jungen, der sich plötzlich in einer ihm völlig fremden Umgebung wiederfindet, wie ein böser Zauberer wirken musste. Sicherlich hatte der Passulant Wim mit seiner seltsamen, mysteriösen Art einen gehörigen Schrecken eingejagt. Kein Wunder also, dass Wim auf seine Fragen nur stockend und zurückhaltend geantwortet hatte.

»Was hast du denn von dem Jungen erfahren?«, wollte ich wissen.

Details

Seiten
130
Jahr
2017
ISBN (eBook)
9783738907209
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351555
Schlagworte
amulett prinz

Autor

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Titel: Das magische Amulett 91: Der vertauschte Prinz