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Timetravel #30: Die Mauer des gelben Drachen

2016 130 Seiten

Leseprobe

DIE MAUER DES GELBEN DRACHEN

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel

Band 30

von HORST WEYMAR HÜBNER

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

 

Professor Hallstrom und seine beiden Begleiter Ben Crocker und Frank Jaeger lassen sich mit der Zeitkugel in das 'Reich der Mitte' versetzen, zur Zeit der Regentschaft des Gelben Drachen. Kaum sind sie gelandet, finden sie bestialisch verstümmelte Leichen, die ihren Weg säumen. China ist ein barbarisches Land und der Kaiser ein grausamer Herrscher. Die Zeitreisenden erleben den Beginn des Mauerbaus, die nicht nur die Hunnen und Mongolen, Chinas raubenden und mordenden Nachbarn, abhalten soll, sondern auch verhindern, dass Chinas Geheimnis um die wertvolle Seide bewahrt bleibt. Dabei ist dem allmächtigen Kaiser Schihuangti jedes Mittel recht – auch die Millionen von Menschenleben, die der Bau der Mauer fordert ...

 

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© dieser Ausgabe 2017 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Prolog

Am 5. Juli 1984 glückte Professor Hallstrom das fantastische Experiment, winzige Substanzteile zu ent- und zu rematerialisieren. Er errechnete, dass diese Substanzteile im Zustand der Körperlosigkeit mit ungeheurer Geschwindigkeit in der 4. Dimension zu reisen vermochten – also nicht nur durch den Raum, sondern auch in die Vergangenheit und in die Zukunft. Mit seinem Assistenten Frank Jaeger und dem Ingenieur Ben Crocker begann er, diese Entdeckung für die Praxis auszuwerten. Er wollte ein Fahrzeug bauen, das sich und seinen Inhalt entmaterialisieren, dann in ferne Räume und Zeiten reisen, sich dort materialisieren und nach dem gleichen Vorfahren wieder an den Ursprungsort und in die Ursprungszelt zurückversetzen konnte. Nach vier Jahren musste der Professor seine Versuche aus Geldmangel einstellen.

Die superreichen Mitglieder vom „Konsortium der Sieben“ In London boten ihm aber die fehlenden Millionen unter der Bedingung an, dass sie über den Einsatz der Erfindung bestimmen könnten. Der Professor erklärte sich einverstanden, konnte weiterarbeiten und vollendete am 3. Mai 1992 sein Werk: die Zeitkugel. Seit diesem Tag reisen der Professor, sein Assistent und der Ingenieur im Auftrag des „Konsortiums der Sieben“ durch die 4. Dimension. Dieser Roman erzählt die Geschichte der Ausführung eines derartigen Auftrags.

 

 

1

Vor zwei oder drei Stunden noch musste hier ein kleines Dorf mit Lehmhäusern gestanden haben. Jetzt war alles niedergerissen und verwüstet.

Brandgeruch lag über dem Platz. Weiße Ascheflocken tanzten im scharfen Bergwind und wurden an den Hängen und Geröllhalden dieses kleinen Bergtales hinaufgewirbelt.

Es roch nicht nur nach verbranntem Holz und Stroh – es roch auch nach verbranntem Fleisch und versengten Haaren.

Widerstrebend musterte Professor Robert Hallstrom diesen Ort der Zerstörung genauer. Vor ein paar Minuten waren sie mit der Zeitkugel in dieses Tal hineingeplatzt. Statt der erhofften Seidenstraße, dem einzigen Handelsweg aus China heraus zu den westlichen Tiefländern, hatten sie einen kümmerlichen Trampelpfad vorgefunden und diese acht qualmenden und stinkenden Aschehaufen mit den geborstenen oder umgestoßenen Lehmziegelmauern.

„Ich möchte nicht behaupten, dass dies ein sehr ermutigender Auftakt ist“, sagte Ben Crocker. „Keine Seidenstraße, keine Wachtürme, keine Spur von einer Grenzbefestigung. Ich fürchte, wir sind in einem abgelegenen Gebirgstal herausgekommen, in dem sich vor Kurzem eine Tragödie ereignet hat.“

Frank Jaeger, der dritte Mann des Teams, knurrte gereizt. „Dein Scharfsinn ist wieder von überwältigender Größe“, sagte er. „Natürlich ist hier irgendetwas passiert. Lange her ist es auch nicht. Aber wo ist dieser Handelsweg, auf dem wir herauszukommen hofften?“

Frank und Ben schauten jetzt Hallstrom an, dem unter ihren Blicken ungemütlich wurde. Er hatte sich dafür stark gemacht, exakt ins Grenzgebiet des chinesischen Reiches zu springen. Er hatte gesagt, es sei ein Kinderspiel, die viel gerühmte Seidenstraße zu finden.

Der Trampelpfad durchs Tal war nicht mit dem Handelsweg zu vergleichen.

„Leider gibt es keine metergenauen Karten der Straße“, brachte Hallstrom zu seiner Verteidigung vor. „Es hat nie welche gegeben. Wir mussten schon ein kleines Risiko eingehen, um überhaupt in diese Gegend zu kommen.“

„Ich muss nicht bei Verstand gewesen sein, als ich bei Ihnen anheuerte!“, schimpfte Ben. „Kleines Risiko! Dass ich nicht lache!“

Er erhielt sofort von Frank Unterstützung.

„Wir hätten nur ein paar Stunden eher anzukommen brauchen, und es wäre uns ebenso schlimm ergangen wie den Bewohnern dieser kleinen Ansiedlung. Hier hat sich ein Überfall ereignet. Die Leute wurden erschlagen und verbrannt.“

Dass sie beide gegen ihn Front machten, ergrimmte Hallstrom.

„Hätte – wäre! Nenne ich das eine wissenschaftliche Definition?“, bellte er. „Kommt auf den Boden der Tatsachen zurück und stellt keine krampfhaften Spekulationen an! Sperrt die Augen auf, beobachtet und sammelt Erkenntnisse! Nur damit können wir arbeiten, nicht mit nebulösem Geschwätz. Zum Beispiel sehe ich hier nirgendwo Felder oder Beete, die den Bewohnern einige Grundnahrungsmittel geliefert hätten. Nach einem Weidegrund sieht das Tal auch nicht aus ...“

„Kunststück!“, unterbrach Frank ihn. „Was soll hier oben auch wachsen außer Steinen?“

Hallstrom ließ sich nicht beirren. „Daraus ist zu folgern“, fuhr er fort, „dass dies keine Ansiedlung im herkömmlichen Sinne war, sondern vielleicht eine Wachstation, deren Besatzung mit herbeigebrachten Lebensmitteln ernährt wurde. Von etwas müssen die Leute schließlich gelebt haben. Und daraus ergibt sich wiederum, dass eine solche Station in einem öden Tal völlig widersinnig wäre, wenn sie nicht eine Art Flankenposten an der Seidenstraße wäre. Immerhin ist bekannt, dass die Chinesen diesen Handelsweg unter scharfer Bedeckung hielten und dafür sorgten, dass die Zahl der Überfälle durch herumstreifende wilde Reiterhorden in erträglichen Grenzen blieb. Mithin können wir davon ausgehen, dass wir die Straße nur um ein Geringes verfehlt haben. Wir brauchen nur diesem kläglichen Pfad zu folgen.“

„Und in welcher Richtung?“, fragte Frank.

Hallstrom folgte mit den Blicken dem Pfad bis zu den rauchenden Hüttenresten. Der Weg führte dahinter weiter, genau auf einen vorspringenden Felsrücken zu, der wie ein erstarrtes riesiges Tier wirkte.

Rauch trieb jetzt über den Trampelpfad und entzog ihn den Blicken.

Hallstrom aber starrte fasziniert und verwundert auf einen bestimmten Punkt. Es war möglich, dass er sich irrte. Die hellbraunen Klumpen vor den qualmenden Hüttenresten jedoch sahen nicht wie ein Trugbild aus.

Wenn das keine Pferdeäpfel waren, dann wollte er sich hängen lassen!

Pferdeäpfel fielen nicht einfach vom Himmel. Hier mussten Pferde gewesen sein. Eine andere Erklärung gab es nicht.

Die Frage war nur, ob die Pferde den erschlagenen und verbrannten Leuten gehört hatten oder den Mordbrennern, die diese versteckten Hütten im Tal aufgespürt hatten.

Während Hallstrom in Sekunden seine Betrachtungen anstellte, sagte Frank mit einer knappen Kopfbewegung zu jenem seltsamen Felsenrücken hin: „Ich schätze, dort drüben geht es weiter. Wahrscheinlich sind von dort auch die Hundesöhne gekommen, die hier die Brandfackel ...“

Er schwieg abrupt. Er sah jetzt den Mann eine Steinwurfweite von den verbrannten Hütten entfernt. Jedenfalls sah er den Kopf. Der Mann schien in einem Erdloch zu stehen. Oder er hatte sich hinter einer Geröllmauer in Sicherheit gebracht und sah nun erstarrt auf die Fremden.

Ein Überlebender? Oder einer der Mordbrenner, der zurückgeblieben war, um in aller Ruhe nach Verstecken herumstöbern zu können?

Frank hatte seine Überraschung noch nicht ganz überwunden, als Ben plötzlich sagte: „Wir werden beobachtet!“

 

 

2

Hallstroms Kopf flog herum, Franks Blick traf Ben.

Zum Teufel, der massige Ben schaute gar nicht zu der Geröllmauer hin, über der immer noch der Kopf sichtbar war! Der Kopf eines Chinesen ohne Zweifel, denn im böigen Bergwind flatterte schulterlanges blauschwarzes Haar. Zudem schien die Sonne voll in das gelbhäutige Gesicht und ließ die schmalen dunklen Augen und die hohen Backenknochen deutlich erkennen.

Das war ein richtiger Chinese. Kein Mandschu, denn sonst hätte er einen kahlgeschorenen Schädel mit einem Zopf am Hinterkopf besessen.

Es war auch kein Mongole. Denn er hätte sonst die unvermeidliche Fellmütze mit der Spitze getragen.

Ein Hunne konnte er auch nicht sein, denn in diesem Falle hätte er schon ein paar Pfeile herübergeschossen oder sich sonst recht unfreundlich in Erinnerung gebracht.

Frank merkte, wie sich seine Nackenhaare aufzurichten begannen.

Ben hatte den Chinesen hinter dem Geröll überhaupt nicht entdeckt, denn er schaute zur rechten Talwand hinüber und machte jetzt eine Bewegung zu seinem Gürtel, den er über dem feingliedrigen eisernen Kettenhemd trug.

Hallstrom stand etwas vorgeneigt, als müsste er sich gegen den Bergwind stemmen.

Drüben an der rechten Talwand, an der Rauch und Qualm wie in einem gewaltigen Kamin nach oben gerissen wurden, gähnte der dunkle Schlund einer Höhle.

Neben der Öffnung stand ein Mann, starr und bewegungslos. Gerade so, als sei er über das Auftauchen von drei Fremden zu Tode erschrocken!

Noch einer!, dachte Frank. Der scheint den Überfall der Mordbrenner auch überlebt zu haben.

Hallstrom und Ben schauten misstrauisch zu der Gestalt hinüber.

Sie bewegte sich jetzt. Es sah aus, als schaukle sie im Windzug hin und her. Immer an derselben Stelle ...

„Verdammt will ich sein, wenn der Kerl nicht nackt bis auf die Haut ist!“, sagte Ben und wischte sich über die Augen.

Doch das Bild, das sich ihm bot, blieb bestehen. Jetzt machte der Mann drüben sogar tanzende Bewegungen. Dabei schaukelte er weiter.

Hallstrom begriff, wenn sich sein Verstand anfänglich auch sträubte, die Tatsache anzuerkennen.

Neben dem Höhleneingang stand kein nackter Mann und machte tanzende Bewegungen. Er hing. Ein dünnes Seil führte nach oben zu einer aus dem Stein ragenden Felsnase. Zwischen den Füßen des Mannes und dem Boden war wenigstens ein halber Meter Zwischenraum.

Frank begann nun ebenfalls zu verstehen.

Und Ben begriff auch.

Der Wind hier oben wehte zwar unfreundlich, aber nicht kräftig genug, um einen menschlichen Körper in derart verrückte Bewegungen zu versetzen.

Was dort hing, war nicht ein Mensch, sondern die Haut eines Menschen.

Man hatte sie einem armen Teufel abgezogen und neben der Höhle aufgehängt!

 

 

3

Würgend sagte Frank nach einer Weile: „Wenn ich geahnt hätte, dass uns ein solcher Willkommensgruß entboten wird, hätte ich auf diese Reise gerne verzichtet.“

Hallstrom kämpfte mit aufkommender Übelkeit. „Das gilt nicht uns“, sagte er mit flacher Stimme und ohne jede Betonung. „Das ist ein bestialischer Akt. Vielleicht eine Strafe und eine Warnung für alle, die hier vorbeikommen.“

Ben schüttelte den Kopf.

„Das kann sich doch ein Christenmensch nicht untätig ansehen“, sagte er heiser. Er zog aus seinem Gürtel sein Messer aus molekülverdichtetem Venusstahl und setzte sich mit einem wilden Ruck in Bewegung.

Bevor Hallstrom und Frank ihn zurückhalten konnten, verließ er den Trampelpfad und ging über klirrendes Geröll zur Höhle hinüber.

„Der unvorsichtige Narr!“, stieß Frank hervor, griff nach seinem Paralyzer und deckte mit der Waffe den Chinesen hinter der Geröllmauer für den Fall, dass es diesem einfallen sollte, einen heimtückischen Pfeilschuss auf Ben abzugeben oder sonst eine feindselige Handlung zu begehen.

Merkwürdig, fand Frank, dass der Bursche sich überhaupt nicht bewegt hat! Er kann sich doch ausrechnen, dass Ben hinter seine Deckung blicken kann, sobald er sich bei der Höhle umdreht!

Hallstrom entdeckte die Lähmstrahlwaffe in Franks Hand. Sein Blick folgte der Richtung, in die der Paralyzer zielte.

„Schießen Sie nicht, Frank!“, sagte er hastig. „Hier ist bereits genug Unheil angerichtet.“

„Eine reine Vorsichtsmaßnahme“, besänftigte Frank. „Hier kann man keinem Menschen trauen, fürchte ich.“

Er zielte aus der Hüfte auf den Chinesen und beobachtete aus den Augenwinkeln Ben, der eben drüben anlangte und fast in einer davonwirbelnden Qualmwolke verschwand.

Frank hörte ihn husten und sah ihn mit dem Messer einen blitzschnellen Schnitt führen.

Die Hülle stürzte leicht wie eine Feder zu Boden und rollte ein paar Schritte davon, weil der Wind sie gepackt hatte. Ben setzte ihr mit langen Schritten nach, bekam sie an einem Bein zu fassen und trug sie in die Höhle.

Es kam Frank wie eine Ewigkeit vor, wie lange Ben sich dort drin zu schaffen machte. Zum Teufel, er sollte sich nicht auf irgendwelche Dinge einlassen, sondern zusehen, dass er herüberkam! Dieser Ort war unheimlich, und es war nicht auszuschließen, dass die Mordbrenner zurückkamen.

Hallstrom hatte den bewegungslos verharrenden Chinesen hinter dem Geröll lange genug beobachtet, um zu einer Erkenntnis gelangt zu sein.

„Verstehen Sie das?“, fragte er. „Er bewegt sich überhaupt nicht“

„Möglicherweise ist es der Schock, wenn er der einzige Überlebende ist“, versuchte Frank zu erklären. „Oder er hat erkannt, dass wir nicht zu den Halunken gehören, die diese Gräuel angerichtet haben. Er wird abwarten, was wir unternehmen. Unser Aussehen ist fremdartig genug, dass er uns weder für seinesgleichen noch für Hunnen oder Mongolen halten kann.“

Hallstrom nickte. Es hatte seine Richtigkeit, was Frank sagte. Sie hatten sich als persische Kaufleute hergerichtet, weil im Jahre 220 vor der Zeitenwende Händler aus Persien nachweislich in China bekannt waren und vor allem Seidenstoffe einkauften. Sie waren keine Fremden, die man begaffte und die überall, wo sie auftauchten, einen Volksauflauf verursachten.

Sogar Händler aus dem südlichen Arabien sollten bis nach China gelangt sein, wenn die etwas verworrenen Überlieferungen stimmten. Selbst geschäftstüchtige Griechen hatten angeblich den Weg gefunden.

All diese Krämer und Händler waren von der kostbaren Seide angelockt worden, über deren Entstehung man sich sehr seltsame Dinge erzählte. Angeblich wurden die hauchdünnen Fäden von einer ganz besonderen Raupe gesponnen, die es nur in China gab. Aber keiner der fremden Händler hatte je eine solche Raupe zu Gesicht bekommen. Nie hatte einer zusehen dürfen, wie die dünnen Raupenfäden zu Garn versponnen wurden und wie man daraus die kostbaren weich fließenden Stoffe wob.

Vielleicht, so erzählte man sich unter den griechischen, südarabischen und persischen Händlern, war das nur eine geschäftstüchtige Lüge der listenreichen Chinesen, die damit die geschätzte Seidenware noch wertvoller machten.

Hallstrom lächelte. Die Unwissenheit der fremden Händler war erklärlich. Natürlich gab es die Seidenraupe. Aber sie gehörte zum bestgehüteten Geheimnis dieses Landes China. Waren die Feudalherrscher in den Provinzen dieses Reiches auch zerstritten – in einem waren sie sich einig: Das Geheimnis der Seidenraupe musste gewahrt bleiben!

Wer die Raupen hatte, besaß die Seide und kannte ihre Herstellung, und wer die Seide hatte, konnte sie gegen andere begehrte Güter eintauschen und seinen Reichtum mehren. Und wer Reichtum besaß, der hatte auch die Macht.

Das war überall und schon immer so gewesen. China bildete darin keine Ausnahme.

Das Lächeln auf dem Gesicht des Professors erstarb, als Ben endlich drüben aus der Höhle trat und nach zwei Schritten wie angewurzelt stehen blieb.

Ben hatte den Mann hinter der Geröllmauer entdeckt!

Warum greift er nicht zur Waffe?, dachte Frank. Er ist doch sonst der Vater der Vorsicht und langt lieber einmal mehr hin, als dass er ein Risiko eingeht!

Eine wirbelnde Rauchwolke hüllte Ben wieder ein. Als der Wind den Qualm an den Felsen hochgerissen hatte, setzte Ben sich wieder in Bewegung.

Er kam nicht herüber, sondern ging an den verbrannten Lehmhütten vorbei zu dem Chinesen.

Verblüfft schaute Frank zu, wie Ben sich dort bückte und den Burschen antippte.

Es war ein grausiger Anblick, als der Kopf des Chinesen nach vorn kippte und über das Geröll sprang.

Hallstrom wurde beinahe grün im Gesicht. Seine Nase stach spitz hervor.

Frank schluckte krampfhaft.

Was er für einen erstarrten Chinesen gehalten hatte, der unter Schockeinwirkung stand, das war in Wirklichkeit der Kopf irgendeines armen Teufels.

Es gab überhaupt keinen Mann, der sich hinter der Geröllmauer verborgen hatte.

Ben hatte Nerven wie Drahtseile. Im wahrsten Sinne des Wortes.

Er bückte sich, hob das abgeschlagene Haupt auf und brachte es hinüber zu der Höhle.

Wieder hielt er sich sehr lange darin auf. Als er schließlich zurückkam, hatte sein Gesicht einen Ausdruck, als sei er dem leibhaftigen Teufel begegnet.

Seine Wangenmuskeln traten deutlich hervor und verrieten, wie sehr er die Zähne zusammenbiss.

„Was ... was ist dort drin?“, fragte Hallstrom stockend.

Bens Gesicht glättete sich. Er atmete tief ein und sagte: „Wer immer für all das verantwortlich ist, ich wünsche ihn auf den tiefsten Grund der Hölle, und das von ganzem Herzen! In der Höhle sind ein paar Tote. Ich habe nur Männer gesehen, soweit sie überhaupt noch erkennbar waren. Man hat ihnen ebenfalls die Haut vom Leib geschunden. Ich möchte weg hier, und das verdammt schnell!“

Hallstrom hätte gern mehr erfahren. Als er jedoch in Bens Gesicht schaute, verkniff er sich seine Frage und schloss sich Frank an, der auf dem Trampelpfad weiterging, genau zwischen den qualmenden Hüttenresten hindurch.

Im Vorbeigehen sah der Professor halb verbrannte Gliedmaßen aus den qualmenden Aschehaufen ragen. Ihm wurde so flau, dass er sich liebend gern niedergesetzt hätte, um abzuwarten, bis ihm besser war.

Dieser Platz war jedoch nicht geeignet, sein seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen und sein Befinden zu bessern.

Hastig schritt er hinter Frank her, und er schaute nur ganz kurz zu jener Stelle hin, an der der Kopf auf dem Felsen gelegen hatte.

Die Steine waren blutig. Vom Körper des unglücklichen Mannes war keine Spur zu sehen.

Ben ging am Ende ihrer Gruppe. Was er in der Höhle an Scheußlichkeiten gesehen hatte, war ihm aufs Gemüt gegangen. Der Anblick hatte jedoch alle seine Sinne in Alarmbereitschaft versetzt.

Darum schaute er immer wieder zurück. Er kontrollierte auch die kahlen Höhen über dem Tal. Doch von den Bestien, die dieses Massaker angerichtet hatten, war nichts zu sehen.

Sie waren weitergezogen. Wahrscheinlich stammten die Pferdeäpfel auch von ihren Reittieren.

Die Chinesen waren keine großen Reiter vor dem Herrn. Aber nördlich und westlich ihrer Reichsgrenze gab es Mongolen, die als sehr kriegslüstern und vor allem als gute Pferdezüchter galten.

Und bis hierher stießen die raubenden und mordenden Horden der Hunnen vor, die ebenfalls als blutgierig verschrien waren und die ihre enorme Beweglichkeit flinken struppigen Pferden verdankten.

Hunnen oder Mongolen, überlegte Ben. Zum Teufel, das hat uns gerade gefehlt! Wir befinden uns noch außerhalb der chinesischen Reichsgrenze, wenn es so etwas überhaupt gibt! Das hier ist noch Gebiet, in dem die wilden Horden ungestraft herumziehen!

Er nahm den Paralyzer zur Hand und schwor sich, die ersten Reiter, die sich in feindlicher Absicht näherten, rücksichtslos vom Pferderücken zu putzen.

In diesem Falle hatte der recht, der zuerst schoss. Denn es war die einzige Garantie, mit dem Leben davonzukommen.

 

 

4

Er hat etwas von einem Indianer, dachte Hallstrom. Irgendwo in seiner Ahnenreihe muss es eine Rothaut geben. Wie sonst würde er das Spurenlesen so gut beherrschen?

Er beobachtete mit gerunzelter Stirn, aber voller Aufmerksamkeit seinen Ingenieur Frank Jaeger, der hinten beim Felsenrücken am Boden kauerte und auf den nackten Pfad starrte.

Hallstrom schaute auf den steindurchsetzten Pfad. Er sah nichts.

Aber Frank sagte jetzt: „Wenigstens zwanzig Reiter. Es können auch zehn mehr sein. Sie sind von hier gekommen, und sie sind auch wieder in diese Richtung davongeritten. Sie müssen von diesem Tal und den Hütten sehr genaue Kenntnis gehabt haben.“

Er zeigte über den Felsenrücken hinweg. Der Pfad führte um das Hindernis herum.

„Und wenn Sie sich irren und die Kerle stecken noch irgendwo in diesem Tal?“, fragte Hallstrom besorgt.

„Wir werden es früh genug erfahren. Spätestens dann, wenn sie uns vor den Füßen herumtanzen“, sagte Frank trocken.

„Sie können hier wirklich Pferdespuren erkennen?“, vergewisserte sich der Professor. „Sie müssen mich richtig verstehen, Frank. Ich vermag nämlich beim besten Willen nichts zu erkennen.“

„Macht nichts“, sagte Frank. „Dafür sind Sie auf anderen Gebieten unschlagbar. Hier, sehen Sie, da ist ein Stein herausgetreten! Da ist sein altes Bett. Aber die Ränder sind von Pferdehufen zusammengedrückt. Es sind sehr kleine Hufe. Die Pferde müssen Wildpferdabkömmlinge sein.“

„Sie Witzbold!“, meinte Hallstrom. „Letzten Endes sind das alle Pferde.“

„Diese in direkter Linie und höchstens in der dritten Generation. Es sind sehr feste Hufe. Eisenhart, könnte man sagen.“

Frank erhob sich, klopfte Dreck und kleine Steine von den Handflächen und bog um den Felsrücken. Die Steinformation lag da wie ein gelegter Saurier. Es fehlten nur die Beine, der Kopf und die Kammschuppen.

Erinnert mich sogar an die chinesischen Drachen, dachte Hallstrom. Genau so scheußlich sehen die gestickten und gezeichneten Fabeltiere aus, die ich in den Büchern, Dokumenten und Bilderrollen gesehen habe!

Er umrundete den liegenden Felskoloss und stieß einen halblauten Pfiff aus, als er den Verlauf des Trampelpfades auf dieser Seite des Tales sah.

Der fußbreite Weg führte geradewegs auf eine gewaltige Höhlenmündung zu, ein richtiges Felsentor. Rechts und links zogen sich Geröllhalden den Hang hinauf.

Nur wer Flügel hatte, konnte diese Halden bezwingen.

Also war es aussichtslos, dort überhaupt hinaufzuklettern. Es war ein Himmelfahrtskommando. Ein Fehltritt genügte, um mit gebrochenem Genick und zerschmetterten Knochen unten anzukommen.

Mit den Pferden sind die hier schon gar nicht hinauf, sagte sich Hallstrom. Es ist nur logisch, denn dieses Felsentor und die Höhle bieten sich ja an! Scheint ein natürlicher Gang zu sein, der durch diesen Bergrücken führt. Vielleicht hat man ihn noch etwas ausgehauen und auch für Lasttiere passierbar gemacht, denn irgendwie muss ja der Proviant für die Männer in diesem kleinen Dorf hereingebracht worden sein!

Hinter sich hörte Hallstrom die dumpfen, gleichmäßigen Schritte seines zweiten Ingenieurs. Es war ungemein beruhigend, Ben hinter sich zu wissen. Der war wie eine Kampfmaschine, wenn er erst mal in Fahrt war. Und angeheizt war Ben, daran bestand kein Zweifel. Sein Gesichtsausdruck vorhin hatte es verraten.

Frank legte einen Schritt zu und näherte sich dem Felsentor.

„Seien Sie nicht so voreilig!“, mahnte Hallstrom. „Sie müssen nicht überall die Nase vorne dran haben.“

„Wenn's was draufgibt, dann ist es meine Nase und nicht Ihre“, sagte Frank. „Das sollten Sie nicht vergessen.“

Hallstrom murmelte eine Verwünschung. Es war nicht fein von Frank, auf ein Malheur anzuspielen, das ihm während einer zurückliegenden Zeitreise in Ägypten widerfahren war. Er hatte sich das Gesicht ganz nett bei der Sache zerstoßen und obendrein den hämischen Spott seiner beiden Mitarbeiter einstecken müssen.

Vor der Höhlenmündung hielten die drei Männer an und lauschten in die Dunkelheit und in den Berg hinein.

Irgendwo tropfte Wasser.

Das grenzte geradezu an ein Wunder. Oben auf den Bergen gab es keinen Schnee und kein Eis. Es gab auch keine Erdschicht, die Wasser hätte halten können. Und es gab keine Pflanzen, die dem Wasser ihre Existenz zu verdanken gehabt hätten.

„Wasser!“, sagte Ben Crocker. „Scheint auch eines der vielen Wunder Chinas zu sein.“

„Wenn wir nur erst dort wären!“, meinte Hallstrom.

„Beim Wasser?“, fragte Ben.

„Blödsinn, in China natürlich. Wir sind im Vorland der Grenze und abseits der Seidenstraße. Leider gibt es keine genau fixierte Grenze. Das dürfte auch die Erklärung dafür sein, dass hier wilde Reiterhorden herumstreifen und Menschen niedermetzeln.“

„Vielleicht liegt die Seidenstraße auf der anderen Seite dieses Berges“, meinte Ben. „Wir brauchen bloß hineinzugehen und nachzusehen.“

„Eine andere Möglichkeit bleibt uns auch gar nicht“, erwiderte Hallstrom grob.

Sie zogen durch das Felsentor.

Frank beleuchtete sofort mit seiner Lampe den Boden. Er war sehr steinig, aber dazwischen befanden sich lehmige Flecken, die die Trittsiegel der Pferde bewahrt hatten.

Beim Eingang waren diese lehmigen Stellen noch pulvertrocken, aber schon nach wenigen Metern wurden sie feucht. Das irgendwo tropfende Wasser war die Erklärung dafür.

Die Luft im Gang war feucht, roch aber nicht modrig. Ein milder Luftzug wehte ständig vom Tal her und strich durch den doppelt mannshohen Felsengang.

Frank leuchtete die Wände und die Decke ab.

Der Gang war tatsächlich verbreitert und wahrscheinlich auch erhöht worden. Die Spuren waren deutlich zu sehen. Das Geröll und die Steinsplitter aber waren sorgsam entfernt worden. Vielleicht sollte es so aussehen, als sei dieser Gang schon immer in diesem Zustand gewesen.

Von der Decke ragten ein paar gespaltene und gefährlich aussehende Zacken herab.

Alle drei Männer erlagen der Zwangsvorstellung, dass es sich um geschickt getarnte Fallen handeln könnte. Ein falscher Tritt hier unten auf einem der Steine, und dann kam womöglich so ein Brocken herunter und erschlug den Mann, der sich gerade am richtigen Platz befand.

Was wusste man eigentlich von den frühen chinesischen Reichen und von der Baukunst und all den Tricks, die dabei in Anwendung gebracht wurden? Es war herzlich wenig. Das wenige aber besagte, dass die Chinesen sich darin gefielen, möglichst grausame Todesarten zu ersinnen.

Als hätten sich die drei Männer abgesprochen, bewegten sie sich mit der allergrößten Vorsicht tiefer in den Berg hinein.

Der Gang verlief nicht geradlinig. Er war wohl dem Verlauf einer alten Höhle oder einer Auswaschung angepasst.

Als Ben hinter sich blickte, konnte er schon nicht mehr das helle Loch der Mündung zum Tal hin sehen.

Voraus war aber auch nichts zu entdecken. Nur der stetige Wind verriet, dass es auch einen Ausgang gab.

Sie gelangten unvermittelt in eine Art Dom. Der Gang weitete sich zu einer mächtigen Halle. Hier war nicht herumgeklopft worden. Die Auswaschung war auf natürliche Weise entstanden. Ein paar Nischen hatten sich gebildet.

Aus einer kam dieses ständige Tropfgeräusch, das sie schon am Eingang vernommen hatten.

Frank leuchtete hinüber.

Der Lichtstrahl tanzte einen Moment nach oben, kehrte dann aber zu der blutüberströmten Gestalt zurück, die dort unter dem tropfenden Wasser lag.

Es war ein Mann, und er musste zu den bedauernswerten Leuten gehört haben, deren Dorf da draußen überfallen und eingeäschert worden war. Er lag auf dem Rücken und war so bestialisch angepflockt, dass sein Gesicht genau unter dem stetig tropfenden Wasser war und er den Kopf nicht hatte bewegen können.

Dem Wasser wohnt eine vernichtende Kraft inne. Man merkt es bei Hochwasser nach gewaltigen Regenfällen, bei Staudammbrüchen und ähnlichen Katastrophen. Aber auch kleine Wassertropfen, die aus einer gewissen Höhe fallen, besitzen diese zerstörende Kraft.

Sie hatten dem Mann das Gesicht schon förmlich abgeschält.

Zögernd gingen die drei Zeitreisenden hinüber und beugten sich über ihn. Kein Zweifel, er war von der Reiterhorde hierhergeschleppt und auf unmenschliche Weise hingerichtet worden.

„Das müssen Teufel sein, wahre Höllenhunde!“, sagte Hallstrom ächzend.

Seine beiden Gefährten fühlten sich nicht angesprochen. China war ein grausames Land mit grausamen Herrschern. Warum sollten nicht auch die Nachbarvölker diesen Charakterzug besitzen?

In diesen Minuten schworen sich alle drei Männer, jeden künftigen Schritt sorgfältig zu überlegen, bevor sie ihn machten. Wie leicht konnte ihnen sonst ein gleiches Schicksal blühen!

Sie hatten keine Gerätschaften bei sich, um diesen Toten zu bestatten.

Ben schnitt ihn von den Pflöcken los und zog ihn unter dem tropfenden Wasser weg.

Bedrückt und schweigend setzten sie ihren Weg fort und duckten sich, als sie jenseits des Felsendomes in die Fortsetzung des Ganges tauchten und wenn wieder so ein gefährlich aussehender Zacken aus der Decke ragte.

Plötzlich sagte Frank: „Ich glaube, wir leisten uns die Gänsehaut zu unserem eigenen Vergnügen.“

Seine Stimme klang hohl. Im Berg wurden geisterhafte Echos geweckt.

„Sie haben ein Gemüt wie ein Henker!“, fuhr Hallstrom hitzig auf.

„Dann haben Sie mich falsch verstanden“, sagte Frank betulich und leuchtete zur Gangdecke hinauf. „Ich meine diese Zacken. Die kommen nicht herunter, es gibt keine verborgenen Fallen und Mechanismen. Sie wären von den Pferden vor uns längst ausgelöst worden.“

Hallstrom blieb so abrupt stehen, dass Ben gegen ihn prallte und auf Frank schob, der ins Wanken geriet. Der Lampenschein zuckte über die Wände. Tausend Dämonengesichter schienen aus den Felsen zu grinsen und sich zu Fratzen zu verziehen.

„Früher ist Ihnen das wohl nicht eingefallen, was?“, nörgelte Hallstrom. „Und ich rechne jeden Augenblick damit, dass mir so ein Stein auf den Schädel fällt!“

„Werden Sie nicht ungeduldig“, sagte Ben boshaft. „Vielleicht kommen Sie noch in den Genuss eines solchen Erlebnisses. Wünschen Sie sich aber, dass es ein kleiner Stein sein möge.“

„Was kann man bei diesen verrohten Sitten, die allenthalben in diesem Lande herrschen, auch anderes von Ihnen erwarten?“, sagte Hallstrom beleidigt. Und giftig fügte er hinzu: „Sie haben sich schnell angepasst, alle beide!“

Danach schwieg er beharrlich. Auch, als sie voraus plötzlich in einiger Entfernung das helle Loch des Ausganges zu Gesicht bekamen.

Nach Bens Schätzung hatten sie im Berg annähernd zwei Kilometer zurückgelegt. Bis zum Ausgang waren es dennoch fast fünfhundert Meter, die er neugierig und unter Ausnutzung seiner Schritte abmaß.

Als sie hinaus in die Helligkeit traten und die Augen vor dem schmerzenden Licht zu schmalen Schlitzen schlossen, sagte er: „Gute zweieinhalb Kilometer! Wir müssen jetzt auf Land achten, sonst finden wir dieses Mauseloch und das versteckte Tal mit unserem Landeort nie wieder.“

„Wenn du dir den Radar-Timer abnehmen lässt, dann schon“, sagte Frank. Seine Augen passten sich der Helligkeit am schnellsten an.

Er schaute verblüfft und dann sehr zufrieden auf einen breiten Weg, der sich unweit des Ausganges durch ein pulvertrockenes Tal wand. Weit und breit war niemand zu sehen, aber das hatte nichts zu bedeuten. Wenn wilde Reiterhorden herumstreiften, trieb sich bestimmt niemand zu seinem Vergnügen auf dem Weg herum, um als Beute den Reitern in die Hände zu fallen.

Dieser breite, wenn auch verlassene Weg war die viel gerühmte und schon fast legendäre Seidenstraße, das fühlte er.

Und zugleich ging ihm auf, dass Hallstrom mit seiner sehr aus der Luft gegriffenen Mutmaßung über die Bedeutung des niedergebrannten Dorfes hinter diesem Berg richtig getippt hatte – das war eine Außenbefestigung, die dem Schutz und der Bedeckung der Seidenstraße gedient hatte.

Darüber hinaus verriet ihre Existenz, dass die chinesische Reichsgrenze nicht allzu weit entfernt sein konnte. Für die Chinesen bestand keine Veranlassung, die Straße weit in feindliches Gebiet hinein zu sichern. Wer sich mit Ware und Tieren auf diese Straße begab, der tat es auf eigenes Risiko.

Auch Hallstroms Augen hatten sich jetzt an die Helligkeit gewöhnt.

„Die Seidenstraße!“, verkündete er zufrieden. Seine Stimme war eine Winzigkeit zu hoch. „Die Abweichung beträgt nicht einmal drei Kilometer! Eine grandiose Leistung, wenn ich das schäbige Material bedenke, das uns zur Verfügung stand.“

„Wir hätten auch in einem Talkessel herauskommen können, dessen Wände unbesteigbar sind und aus dem kein Höhlengang herausführt“, dämpfte Ben seinen Eifer und machte mit dem Kopf eine scharfe Bewegung zur Straße hin. „Dort ist ein Erdaushub, genau am diesseitigen Wegrand!“

Hallstrom und Frank schauten genauer hin. Das war schon seltsam. Wer hatte sich die Mühe gemacht, hier Erde auszuheben und zu einem knöchelhohen Hügel aufzuschütten, der außerdem arg zerstampft aussah?

Hallstrom schloss unvermittelt die Augen und murmelte schwach: „Nicht schon wieder!“

Frank und Ben musterten ihn neugierig. Als sie sahen, wie sich sein Gesicht abermals zu verfärben begann und fast alle Farbe verlor, nahmen sie die frische Erdaufschüttung genauer in Augenschein.

Danach war ihnen auch nicht viel besser als dem Professor.

Sie hatten in den alten Büchern, Rollen und Dokumenten davon gelesen, und sie hatten auch zwei dürftige Illustrationen gesehen, wie Reiter ihre Pferde über einen bis zum Hals ins Erdreich eingegrabenen Mann hinwegtrieben.

Bloß hatten sie es für eine Übertreibung gehalten. So verroht konnte doch niemand sein und diese Todesart anwenden!

Aber da vorne am Weg befand sich etwas, das das genaue Gegenteil bewies. In der zertretenen frischen Erde war ein zerstampfter Kopf zu erkennen! Sie gingen gar nicht hin, um es sich aus der Nähe anzusehen. Der Anblick aus der Entfernung war schon entsetzlich genug.

 

 

5

Nach vier Stunden angestrengten Marsches die Seidenstraße entlang nach Osten wurde Ben aufsässig.

„Ich habe Hunger, ich habe Durst. Blasen kann ich auch schon vorzeigen, aber von der verdammten Mauer, oder wenigstens von einem Grenzturm ist nicht die Bohne zu sehen!“, sagte er gereizt.

„Stellen Sie sich vor, wir teilen Ihr schreckliches Los!“, erwiderte Hallstrom sarkastisch.

„In zwei Stunden kommt die Nacht, und ich habe nicht die leiseste Ahnung, wohin ich meinen Kopf betten kann, damit ich ihn auch am Morgen wiederfinde und nicht in der Nacht ein verdammter Mongole kommt, ihn mir abschneidet und an seinem Pferd festbindet!“, sagte Ben grob. „Haben Sie wenigstens eine Karte mitgebracht? Oder eine Folie, damit wir uns orientieren können? Man kommt sich ja vor wie eine blinde Ameise in dieser Felseneinöde.“

Zur Untermalung deutete er auf die ringsum hochwuchtenden nackten Berge. Es war ein trostloses Gebiet.

„Ich habe überhaupt nichts mitgenommen, was den Chinesen irgendwie verdächtig erscheinen könnte“, sagte Hallstrom. „Ich überlasse diesmal nichts dem Zufall.“ Er schritt energischer aus.

Brummend folgten ihm Ben und Frank. Die beiden schauten immer wieder hinter sich, um rechtzeitig eine Staubwolke oder eine nahende Reiterhorde ausmachen zu können.

Doch hinter ihnen auf der Seidenstraße rührte sich nichts.

Über den Bergen kreisten nicht einmal Vögel.

Es war, als sei dieses ganze Land verflucht, oder als sei es wie von Geisterhand leergefegt.

Nur einmal dröhnte aus einem Tal der Lärm einer niedergehenden Steinlawine. Nach ein paar Minuten quoll über einen Bergsattel eine graue Staubwolke. Der Wind zerteilte sie in Minutenschnelle.

Der breite Weg war dem Verlauf des Tales angepasst worden. Er führte immer an den tiefsten Stellen entlang. Wenn es hier einmal regnete, musste das fatale Folgen haben. Die Frage war nur, ob es hier überhaupt regnete.

Es sah nicht so aus.

Nicht einmal der spärlichste Pflanzenwuchs war auszumachen.

Mürrisch rechnete Ben nach, dass sie praktisch die doppelte Wegstrecke zurücklegen mussten, denn die Straße beschrieb Schlaufen und Windungen, die schon sehr nahe an Kehren herankamen. Jedem Hangausläufer, jeder Geröllhalde wich der Weg aus und schlängelte sich daran vorbei.

Frank inspizierte hin und wieder auch den Straßenstaub.

„Sie sind vor uns“, sagte er einmal.

„Wer?“, wollte Hallstrom wissen.

„Reiter auf unbeschlagenen Pferden. Es können die Mordgesellen aus dem Tal sein.“

„Und kein Seitental, in das wir aus weichen könnten!“, sagte Hallstrom bedrückt.

Ben hatte die näherliegende Lösung bei der Hand. „Wir blasen sie samt den Gäulen um, bevor sie nur niesen können!“, versprach er. „Aber drei Böcke müssen wir übrig lassen, sonst kündige ich die Mitarbeit auf der Stelle auf. Als persische Kaufleute geben wir ein schäbiges Bild ab, wenn wir zu Fuß angetanzt kommen und an die Pforten des Reiches der Mitte pochen.“

Seine blumenreiche Sprache verwirrte Hallstrom sichtlich.

Frank meinte trocken: „Wenn wir die Gäule nur erst zu Gesicht bekommen würden! Ich bin auch nicht dafür, weitere Marschübungen abzuhalten.“

Hallstrom fuhr herum wie von der Tarantel gebissen. Sein Gesicht lief rot an.

„Das ist offene Meuterei!“, stieß er hervor.

Zusammenfassung

TIMETRAVEL - Reisen mit der Zeitkugel
Band 30
von HORST WEYMAR HÜBNER

Der Umfang dieses Buchs entspricht 132 Taschenbuchseiten.

Professor Hallstrom und seine beiden Begleiter Ben Crocker und Frank Jaeger lassen sich mit der Zeitkugel in das 'Reich der Mitte' versetzen, zur Zeit der Regentschaft des Gelben Drachen. Kaum sind sie gelandet, finden sie bestialisch verstümmelte Leichen, die ihren Weg säumen. China ist ein barbarisches Land und der Kaiser ein grausamer Herrscher. Die Zeitreisenden erleben den Beginn des Mauerbaus, die nicht nur die Hunnen und Mongolen, Chinas raubenden und mordenden Nachbarn, abhalten soll, sondern auch verhindern, dass Chinas Geheimnis um die wertvolle Seide bewahrt bleibt. Dabei ist dem allmächtigen Kaiser Schihuangti jedes Mittel recht – auch die Millionen von Menschenleben, die der Bau der Mauer fordert ...

Details

Seiten
130
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738907193
ISBN (Buch)
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2017 (Oktober)
Schlagworte
timetavel mauer drachen

Autor

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Titel: Timetravel #30: Die Mauer des gelben Drachen