Lade Inhalt...

Romantic Thriller Trio #3

2016 360 Seiten

Leseprobe

Romantic Thriller Trio #3: Drei Romane

Jan Gardemann

Published by BEKKERpublishing, 2016.

Romantic Thriller Trio #3 - Drei Romane

von Jan Gardemann

Der Umfang dieses Buchs entspricht 281 Taschenbuchseiten.

Dreimal Liebe, die dem Grauen widersteht. Eine junge Frau begegnet dem Unheimlichen...

Dieses Buch enthält folgende drei Romane:

Wächter der unheilvollen Grabstätte – Das magische Amulett Band 7

Verflucht von der Feuerhexe – Das magische Amulett Band 8

Wem die letzte Stunde zweimal schlägt – Das magische Amulett Band 9

Cover: Firuz Askin.

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

Wächter der unheilvollen Grabstätte

Das magische Amulett  Band 7

Roman von Jan Gardemann

Als die Amulettspezialistin Brenda Logan die peruanischen Anden bereist, wird sie mit einem besonders komplexen Rätsel konfrontiert. Unterwegs zu einem sagenumwobenen Inkagrab ereignen sich mehrere mysteriöse und gefährliche Vorkommnisse, die das gesamte Vorhaben in ein unheimliches Licht tauchen. Auch glaubt Brenda, dass ihr Begleiter Samuel Lington, Archäologe wie sie, etwas vor ihr verbirgt. Sie begegnen weiteren Menschen, die das gleiche Ziel zu haben scheinen.  – Und wer sind die sonderbaren Goldenen Söldner? Was steckt hinter der gespenstischen Erscheinung eines alten Indios? Bald schält sich die Erkenntnis aus den Nebeln der Zeit, dass das Grab aus dem Inkareich düstere Magie enthält: ein Geheimnis, das sie alle ins Verderben zu reißen droht.

1

Im Abteil wurde es plötzlich merklich dunkler. Ein eisiger Hauch streifte mein Gesicht. Die Luft schnitt mir kalt in die Lungen. Die Indios im Abteil stöhnten erschrocken auf. Gebete wurden gemurmelt, die Frauen bekreuzigten sich rasch. Niemand schien zu begreifen, was vor sich ging. Sogar der Kerl mit dem Messer hielt inne und sah sich entsetzt um. Da plötzlich stand eine düstere Gestalt mitten im Gang des schwankenden Abteils  nur wenige Schritte hinunter Samuel. Eine schwarze zerfledderte Robe hing dem Unheimlichen von den schmalen Schultern. Sie wurde von einem gespenstischen Wind bewegt, den niemand sonst im Abteil zu spüren schien. Auf dem Kopf der düsteren Gestalt saß ein breitkrempiger schwarzer Hut, der tief ins Gesicht gezogen war und das Antlitz des Fremden in nachtschwarzen Schatten tauchte. Ein paar eisblaue Augen flackerten wie Elmsfeuer in der Finsternis unter dem Hut ... Die Lokomotive stieß ein durchdringendes Pfeifen aus, das mich unwillkürlich zusammenfahren ließ.

Trotz des Gerumpels des Zuges waren mir die Augen vor Müdigkeit zugefallen. Der khakifarbene Tropenanzug klebte an meiner Haut. In dem Abteil war es stickig und es roch nach den Ausdünstungen der zahlreichen Fahrgäste des Andenzugs. Draußen hinter dem Abteilfenster zogen die karstigen, steilen Berghänge der peruanischen Anden vorbei. Nebel und Dunst hüllten die Berge ein und ließen sie wie Vorboten einer anderen Welt erscheinen. Der Andenzug musste inzwischen die Wolkengrenze erreicht haben. Ich spürte beim Atmen, wie dünn die Luft geworden war.

Benommen schaute ich mich im Abteil um, das bis auf den letzten Platz besetzt war. Auf dem Gang spielten Kinder, und mir gegenüber saß eine junge Indiofrau, die ein Baby in einem bunten Tragetuch vor ihrem Bauch trug. Das Baby schlief friedlich, und auch die Mutter döste schlaftrunken vor sich hin.

Die meisten Passagiere schliefen oder aßen von ihren mitgebrachten Speisen. Hier und da kaute ein Indio-Fahrgast Cocablätter. Die Gespräche waren gedämpft, und schon längst warfen die Indios mir und meinem Begleiter keine neugierigen Blicke mehr zu. Sie hatten sich an unseren Anblick gewöhnt.

»Sie haben lange geschlafen«, erklärte in diesem Moment der Mann neben mir.

Ich wandte mich um und sah in das herb-männliche Gesicht von Samuel Lington – meinem Reisebegleiter. Das dunkle, unordentliche Haar und der Bartschatten verliehen seinem Antlitz einen düsteren, geheimnisvollen Ausdruck, der durch die blauen klaren Augen jedoch etwas gemildert wurde.

»Ich fühle mich auch hundemüde«, gestand ich und quälte mir ein Lächeln ab. »Die Strapazen der Reise machen mir doch ganz schön zu schaffen.«

»Ich finde, Sie halten sich wirklich prima«, erwiderte Samuel Lington und grinste breit. »Professor Sloane hat mir schon eine fähige Mitarbeiterin zur Seite gestellt.«

Zweifelnd sah ich den Mann an. Ich wurde nicht so recht schlau aus dem jungen Archäologen. Irgendetwas Geheimnisvolles und Mysteriöses haftete ihm an. Aber bisher war ich noch nicht dahintergekommen, was es war  und das, wo unsere gemeinsame Reise nun schon drei Tage dauerte ...

Unwillkürlich musste ich an den Augenblick zurückdenken, da Samuel Lington mir das erste Mal gegenüberstand. Es war erst vier Tage her  und doch kam es mir wie eine halbe Ewigkeit vor.

Mein Mann Daniel Connors und ich hatten uns für mehrere Tage in New York aufgehalten. Daniel, der als Neurologe im bekannten St. Thomas Hospital in London arbeitete, hatte in New York einen Ärztekongress besucht, während ich in der Weltstadt für das British Museum tätig gewesen war. Wir waren gerade dabei gewesen, die letzten Vorbereitungen für unseren Rückflug nach London zu treffen, als es plötzlich an unsere Apartmenttür klopfte.

Ich öffnete und sah mich einem jungen, ein wenig unordentlich erscheinenden Mann gegenüber. Er war von kräftiger Statur und trug eine Hose mit zahlreichen, prall gefüllten Aufnähtaschen und Hosenträgern aus Leder, die sich über dem weißen Baumwollhemd spannten. Unter dem beigefarbenen, weichen Hut lugte dunkles Haar hervor, und aus dem Schatten unter der Hutkrempe leuchtete mir ein Paar klarer blauer Augen entgegen..

»Sind Sie Brenda Logan, die Archäologin aus dem British Museum?«, fragte er mit rauer, männlicher Stimme.

»Das bin ich«, erwiderte ich ziemlich zurückhaltend. »Und mit wem habe ich die Ehre?«

»Mein Name ist Samuel Lington«, stellte er sich vor, nahm seinen Hut vom Kopf und reichte mir seine kräftige Hand.

Ich ergriff sie und betrachtete mein Gegenüber genauer. Sein Gesicht war braungebrannt und in seinen blauen Augen schimmerte ein geheimnisvolles Leuchten. Der dunkle Bartschatten und sein ganzes Outfit ließen ihn wie einen draufgängerischen Abenteurer aussehen.

Ich war mir sicher, ihn noch nie zuvor gesehen zu haben.

»Was wollen Sie von mir?«, erkundigte ich mich, da mein Gegenüber keine Anstalten traf, irgendeine Erklärung abzugeben, sondern mich statt dessen mit unverhohlener Neugierde musterte.

»Entschuldigen Sie«, erwiderte er und lächelte verwirrt. »Ich hatte nicht damit gerechnet, eine so hübsche Reisebegleiterin zu bekommen.«

Er zog einen versiegelten Brief aus der Brusttasche seines Hemdes und reichte ihn mir.

Verstört nahm ich das Kuvert entgegen. Die Worte des Mannes klangen anmaßend. Von was für einer Reise sprach er überhaupt?

»Das Schreiben stammt von Professor Sloane, Ihrem Vorgesetzten«, erklärte Samuel Lington, während ich das Siegel brach und einen Brief aus dem Kuvert zog. Die feine geschwungene Handschrift und das Siegel bestätigten mir, dass der Brief tatsächlich von dem Direktor des British Museum stammte.

Kurz überflog ich die Zeilen.

Professor Sloane bat mich, Samuel Lington unverzüglich nach Peru zu begleiten.

Samuel ist ein enthusiastischer junger Archäologe, der großen Wert auf seine Freiheit und Eigenständigkeit legt und es darum bei keinem Arbeitgeber lange aushält, lautete es in dem Schreiben wörtlich. Vor zwei Jahren war Samuel für ein paar Monate im British Museum tätig gewesen. Ich konnte mich im Laufe dieser Zeit von seiner fachlichen Kompetenz und seinem unbändigen Tatendrang überzeugen.

Nun hat Samuel wieder an meine Bürotür geklopft – und er wartete mit sensationellen Neuigkeiten auf. Wie es aussieht, hat unser eifriger Archäologe in den Anden das Grab eines bisher noch unbekannten Inka-Herrschers gefunden. Da Samuel um meine guten Beziehungen zu anderen Staaten und Museen weiß, hat er sich an mich gewandt und mich gebeten, ihm eine Expedition in die Anden zu ermöglichen. Sie wissen, dass unser Budget für Expeditionen beschränkt ist und für längerfristige Projekte weitgehend verplant ist. Trotzdem möchte ich Samuel Lingtons Arbeit unbedingt unterstützen und erteile Ihnen hiermit die Vollmacht über eines unserer Museumskonten.

Ich möchte, dass Sie Samuel Lington nach Peru begleiten und mit ihm zusammen die Grabstätte besichtigen. Machen Sie sich ein Bild von der Fundstätte und versuchen Sie einzuschätzen, ob sich eine größere Expedition dorthin lohnt. Dem Schreiben liegt ein Dokument der peruanischen Regierung bei, das Sie dazu bevollmächtigt, als Archäologin in dem Land tätig zu werden.

Es folgten noch ein paar private Anmerkungen, die meine zurückliegende Mission in New York betrafen, in deren Verlauf ein enger Freund des Professors zu Tode gekommen war.

In diesem Moment trat Daniel hinzu.

»Ist alles in Ordnung, Brenda?«, erkundigte er sich und schloss mich von hinten zärtlich in seine Arme.

Aufmerksam musterte er Samuel Lington.

Ich stellte die beiden Männer einander vor.

»Daniel, ich fürchte, ich kann nicht mit dir nach London zurückfliegen«, bedauerte ich. »Professor Sloane möchte, dass ich mir eine Grabstätte in Peru ansehe.«

Daniel bat Samuel erst einmal herein und bot ihm einen Drink an, den der junge Archäologe dankend annahm.

Wir nahmen auf der gemütlichen Sitzgarnitur Platz und ich gab Daniel den Brief des Professors, den er aufmerksam durchlas.

»Ich würde dich ja gern nach Peru begleiten«, meinte er und sah mich liebevoll an. »Aber ich werde im St. Thomas Hospital bereits erwartet. Es gibt dort ein paar Patienten, die meine Hilfe dringend benötigen.«

Ich seufzte, denn auch ich sah es nicht gerne, dass ich die Reise ohne Daniel antreten musste. Unsere Hochzeit lag erst wenige Monate zurück. Wir waren noch immer wie frisch ineinander verliebt. Bei dem Gedanken, mehrere Wochen von Daniel getrennt zu sein, ergriff mich sogleich eine heftige Sehnsucht.

Aber auf der anderen Seite waren da auch noch unsere Jobs, die wir erledigen mussten und denen wir unser Herz und unsere Seele verschrieben hatten.

Daniel und ich hatten uns in dieser Beziehung nie etwas vorgemacht. Und als ich ihm nun tief in die Augen blickte, erkannte ich darin sein unerschütterliches Vertrauen, das er in mich setzte. Er gab mir das wunderbare Gefühl, seine Frau zu sein und trotzdem frei entscheiden zu können, was ich tun und lassen wollte.

Unwillkürlich wurde ich von einem warmen, zärtlichen Gefühl für Daniel ergriffen. Ich schlang meine Arme um seinen Hals und gab ihm einen langen, leidenschaftlichen Kuss.

Die Welt um mich versank in einem Meer aus Leidenschaft und Liebe, und erst das vernehmliche Räuspern von Samuel Lington erinnerte mich daran, dass er auch noch da war.

Daniel und ich lösten uns voneinander und sahen uns verliebt an.

Dann wandte ich mich zu Samuel Lington, der zum Panoramafenster gegangen war und etwas verlegen auf den Central Park hinab schaute.

»Lassen Sie uns mit der Arbeit beginnen«, schlug ich vor. »Bevor wir nach Peru aufbrechen, müssen noch eine Menge Vorbereitungen getroffen werden.«

Hätte ich gewusst, auf welches gefährliche Abenteuer ich mich da einließ, hätte ich Daniel auf Knien angefleht, mir die Reise nach Peru mit allem Nachdruck zu verbieten.

Aber ich besaß weder die Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, noch würde solch ein Verbot Daniels Charakter entsprechen.

Und so nahm das Schicksal seinen Lauf ...

2

Samuel Lington hatte gute Vorarbeit geleistet. Noch am Abend desselben Tages hatten wir alle notwendigen Vorkehrungen getroffen, so dass wir am nächsten Morgen nach Lima, der Hauptstadt von Peru, aufbrechen konnten.

Von Lima aus sollte es mit der Bahn in die peruanischen Anden weitergehen, wo Samuel Lington das Grab des unbekannten Inka Herrschers entdeckt hatte.

Der junge Archäologe wollte mir die genaue Lage des Fundorts jedoch nicht verraten – angeblich, weil er befürchtete, dass diese Information in andere Hände gelangen könnte.

Ich fand das befremdend. Aber ich ließ den jungen Archäologen gewähren, da ich Professor Sloanes Einschätzung vertraute. Wenn Samuel Lington es geschafft hatte, den Professor von der Existenz seines einzigartigen Fundes zu überzeugen, bestand für mich keine Veranlassung, irgendetwas daran in Zweifel zu ziehen.

Ich verbrachte mit Daniel eine letzte stürmische Liebesnacht voller Lust und Leidenschaft. Er war mein Traummann, und ich war überglücklich, dass das Schicksal uns zusammengeführt hatte. Ich würde ihn immer lieben, egal wie viele Kilometer zwischen uns lagen ...

Am nächsten Morgen trennten sich unsere Wege. In der Wandelhalle des New Yorkers Flughafens umarmten wir uns noch einmal herzlich und küssten uns.

Dann wandte sich Daniel an Samuel Lington. Und indem er ihm die Hand schüttelte, sagte er: »Versprechen Sie mir, gut auf Brenda aufzupassen.«

»Sie können sich ganz auf mich verlassen«, erwiderte der junge Archäologe und lächelte Daniel freundschaftlich an. »Sie werden Ihr kleines Juwel heil und unbeschadet zurückbekommen.«

Einen Augenblick hatte ich das sonderbare Gefühl, dass in seiner Stimme Unsicherheit mitschwang.

Daniel sah Samuel Lington nachdenklich an. An dem Ausdruck in seinem Gesicht konnte ich ablesen, dass es auch ihm schwerfiel, den jungen Archäologen einzuschätzen.

In diesem Moment wurde der Flug nach London ausgerufen.

Daniel gab sich einen Ruck und wandte sich von uns ab. Ich warf ihm eine Kusshand zu. Wenig später war er im Menschengewimmel des Kennedy Airport verschwunden.

Ich seufzte und spürte, dass meine Augen feucht wurden.

»Daniel ist bestimmt ein netter fürsorglicher Mann«, bemerkte Samuel Lington gedehnt. Dann hakte er sich plötzlich bei mir unter. »In wenigen Minuten startet unser Flieger nach Lima«, drängte er. »Wir sollten uns beeilen!«

3

Am späten Abend trafen wir in Perus Hauptstadt ein, wo wir in einem billigen Hotel zwei Zimmer gebucht hatten. Neben dem Eingang des Hotels klebte ein Plakat, das mir auf der Straße bereits öfter aufgefallen war.

Ich blieb daher stehen und betrachtete es genauer.

Auf dem Plakat war das Foto einer jungen schlanken Frau abgebildet. Sie hatte blondes schulterlanges Haar und ein feingeschnittenes Gesicht mit blauen Augen. Ihr Name war Amalie Cortez, wie die Bildunterschrift verriet. In dem anschließenden Text wurde darauf hingewiesen, dass Amalie Cortez seit sechs Monaten als vermisst galt. Kurz nach der Verlobung mit Pedro Haidas war sie spurlos verschwunden.

Pedro Haidas musste zu den wohlhabenderen Leuten in Peru zählen, denn er hatte eine hohe Prämie für das Auffinden seiner Verlobten festgesetzt.

»Bedauernswerte Geschichte«, murmelte Samuel, der hinter mir stehengeblieben war und über meine Schulter schaute. »Sicher ist die Frau längst tot.«

Schaudernd wandte ich mich von dem Plakat ab. Ich fühlte mich müde und sehnte mich nach einer heißen Dusche und einem weichen Bett.

Ich verbrachte eine unruhige Nacht. Der Lärm auf den nächtlichen Straßen drang durch die einfachen Fenster ungehindert bis in mein Schlafzimmer. Es war heiß und stickig, da der Ventilator nicht richtig funktionierte. Außerdem musste ich ständig an Daniel denken ...

Am folgenden Tag weckte mich Samuel Lington in aller Frühe. Ich fühlte mich unausgeschlafen und wie gerädert. Die tropische Hitze machte mir zu schaffen.

Aber dem jungen Archäologen schien es blendend zu gehen. Er sprühte förmlich vor Tatendrang.

Nachdem Samuel mit einem Taxifahrer um den Preis gefeilscht hatte, fuhr uns der Indio mit seinem schrottreifen Taxi bis zur Station der Andenbahn.

Die Anden sind eine riesige eindrucksvolle Gebirgskette, die sich entlang der gesamten Westküste Südamerikas erstreckt. Und die Andenbahn war die günstigste und schnellste Art, die unwegsamen steilen Flanken dieses Gebirges zu bezwingen.

Als wir uns mit unserem schweren Gepäck durch das unübersichtliche Gewimmel auf dem Bahnsteig drängelten, überkamen mich Zweifel, ob der Entschluss, die Andenbahn zu benutzen, tatsächlich so gut gewesen war.

Und dass ich an mehreren Säulen das Plakat mit dem Bild der vermissten Amalie Cortez sah, trug auch nicht dazu bei, meine Stimmung zu heben.

Aber Samuel bahnte uns geschickt und unbeirrt einen Weg bis zum Zug und ergatterte sogar zwei Sitzplätze in einem schäbigen Waggon.

Rasch erreichten wir die Slums von Lima und ratterten dann durch ein karges, von Steppengras und trockenen Sträuchern überwuchertes Tal.

Immer höher kletterte der Zug. Die Vegetation wurde üppiger. Agaven und Eukalyptus säumten die Schienen, und immer mächtiger und drohender ragten die steilen Felsen vor uns auf, die sich irgendwo in den Wölken verloren.

Hier begann das einstige stolze Reich der mächtigen Inkas, deren Kultur in ihrer Hochblüte durch die spanischen Eroberer vernichtet worden war.

Geblieben waren von diesem riesigen Indioreich nur eine Vielzahl von Ruinen und Grabstätten. Zum Teil waren sie längst von Grabräubern und skrupellosen Sammlern geplündert und zerstört worden. Aber es gab in den unwegsamen Bergen noch immer verschwiegene Winkel, in die schon seit Generationen kein Mensch mehr einen Fuß gesetzt hatte.

In solch einem Gebiet musste Samuel Lington das Inkagrab entdeckt haben.

»Wollen Sie mir jetzt nicht endlich verraten, wo genau die Grabstätte liegt?«, fragte ich den jungen Archäologen.

Samuel blinzelte mir verschwörerisch zu. »Vertrauen Sie mir«, sagte er, wobei seine Hand unwillkürlich zu einer der prallgefüllten Aufnähtaschen seiner Hose glitt.

Diese Geste schien eine Art Marotte von Samuel zu sein. Mir war aufgefallen, dass er in Momenten, da er sich unbeobachtet wähnte, immer wieder, wie unter einem fremden Zwang, nach dieser Aufnähtasche griff und den Gegenstand, der sich darin befand, fest umklammerte.

Samuel schien meinen Blick bemerkt zu haben, denn rasch nahm er die Hand von der Tasche und lächelte vage.

»In diesem Zug gibt es eine Menge Gelegenheitsdiebe und professionelle Räuber«, erklärte er etwas übereilt. »Sie schlitzen einem die Taschen auf, ohne dass man etwas davon bemerkt. Darum vergewissere ich mich lieber, ob noch alles vorhanden ist.«

Ich wurde das ungute Gefühl nicht los, dass Samuel mir nicht die ganze Wahrheit gesagt hatte. Aber ich wollte nicht näher auf das Thema eingehen, da ich befürchtete, dadurch nur die Stimmung zwischen uns zu verderben. Schließlich würden wir in der Einsamkeit der Anden aufeinander angewiesen sein.

Ein wenig misstrauisch blieb ich dennoch.

In diesem Moment ratterte der Zug über eine lange Stahlbrücke, die über eine tiefe Schlucht führte. Es gab weder ein Geländer noch einen Brückenboden, was die ganze Konstruktion ziemlich unstabil erscheinen ließ.

Ein mulmiges Gefühl breitete sich in mir aus.

Plötzlich war ein erstickter Schrei zu hören.

Ein Indio war auf dem Gang zusammengebrochen und gab ein schaurig klingendes Röcheln von sich. Anscheinend machte dem Mann die dünne Luft in den Bergen zu schaffen.

Da niemand sonst Anstalten traf, dem Mann zu helfen, erhob ich mich.

Doch Samuel hielt mich am Arm zurück.

»Der Kerl simuliert nur«, zischte er mir zu. »Bleiben Sie auf Ihrem Platz.«

Entrüstet sah ich ihn an. Wie konnte er nur so hartherzig sein und mit ansehen, wie der Indio sich vor Schmerzen auf dem Boden wand.

In diesem Moment nahm ich hinter mir eine huschende Bewegung wahr. Ein junger Indio beugte sich flink über die Lehne der Sitzbank und grabschte sich meine Umhängetasche, die ich auf dem Sitz liegengelassen hatte.

Mit einem Satz sprang der Junge über die anderen Fahrgäste hinweg und machte sich mit seiner Beute aus dem Staub.

Samuel sprang wütend auf und wollte die Verfolgung aufnehmen. Doch der Mann, der auf dem Boden lag, packte ihn am Bein.

»Bitte, helfen Sie mir«, röchelte er auf Spanisch. Schweißperlen zeichneten sich auf seiner Stirn ab. Das Gesicht war puterrot angelaufen.

Samuel fluchte und riss sein Bein wieder los.

Aber der Junge war unterdessen aus dem Abteil entkommen. Knarrend glitten die Schiebetüren hinter ihm zu.

Als Samuel erkannte, dass er den Jungen nicht mehr einholen würde, wirbelte er zu dem Mann am Boden herum und packte ihn am Kragen.

Mit einem kräftigen Ruck riss er den stöhnenden Indio auf die Beine.

»Du wirst deinem kleinen Komplicen sofort ausrichten, dass er der Lady die Tasche zurückgibt ...«

Plötzlich kam Leben in den Indio, der eben noch so ausgesehen hatte, als sei er völlig entkräftet und stünde am Rande eines Kreislaufkollaps.

Er stieß Samuel vor die Brust und befreite sich flink aus seinem Griff.

Ein Messer blitzte in seiner Hand auf. Lauernd und mit pumpendem Atem stand er vor Samuel und funkelte ihn mit seinen dunklen Augen wütend an.

Erschrocken hielt ich den Atem an. Der Indio wirkte zu allem entschlossen.

Samuels Muskeln waren zum Zerreißen gespannt. Sie zeichneten sich deutlich unter seinem dünnen Hemd ab.

Plötzlich stieß der Kerl mit dem Messer zu.

Samuel wich mit einem tänzelnden Schritt aus und versetzte dem Indio im selben Augenblick einen Fußtritt in die Rippen.

Gepeinigt schrie Samuels Widersacher auf, hieb aber im nächsten Moment mit einer ausholenden Bewegung auf den Archäologen ein.

Diesmal war Samuel nicht schnell genug. Das Messer ritzte seinen Oberarm. Blut färbte das helle Hemd rot.

Samuel presste die Lippen zusammen, holte zu einem Schlag aus  und erstarrte.

Im Abteil wurde es plötzlich merklich dunkler. Ein eisiger Hauch streifte mein Gesicht. Die Luft schnitt mir kalt in die Lungen.

Die Indios im Abteil stöhnten erschrocken auf. Gebete wurden gemurmelt, die Frauen bekreuzigten sich rasch.

Niemand schien zu begreifen, was vor sich ging. Sogar der Kerl mit dem Messer hielt inne und sah sich gehetzt um.

Da plötzlich stand eine düstere Gestalt mitten im Gang des schwankenden Abteils – nur wenige Schritte hinter Samuel.

Eine schwarze zerfledderte Robe hing dem Unheimlichen von den schmalen Schultern. Sie wurde von einem gespenstischen Wind bewegt, den niemand sonst im Abteil zu spüren schien.

Auf dem Kopf der düsteren Gestalt saß ein breitkrempiger schwarzer Hut, der tief ins Gesicht gezogen war und das Antlitz des Fremden in nachtschwarzen Schatten tauchte. Ein Paar eisblaue Augen flackerten wie Elmsfeuer in der Finsternis unter dem Hut.

Die Indios sprangen kreischend von ihren Plätzen auf und versuchten sich panikartig in Sicherheit zu bringen.

Samuel schaute zwischen dem Indio mit dem Messer und dem Unheimlichen hin und her. Er schien zu überlegen, wer von beiden der gefährlichere Gegner war.

Da streckte der Unheimliche plötzlich seinen Arm aus, und eine dunkle, klauenartige Hand schob sich unter der Robe hervor.

Der gekrümmte Zeigefinger deutete anklagend auf Samuel und seinen Widersacher. Eine wispernde, gespenstische Stimme erfüllte das Abteil. Die Worte hörten sich fremdartig und drohend an.

Plötzlich begann der ganze Waggon zu zittern und zu vibrieren. Die Fenster klapperten und das Gepäck in den Netzen kam in Bewegung.

Da lösten sich auch schon die ersten Säcke, Koffer und Taschen aus den Gepäcknetzen. Wie durch Geisterhand geführt, schossen sie auf Samuel und den Indio mit dem Messer zu.

Der Indio hatte die Augen weit aufgerissen. Er zitterte am ganzen Leib. Ein Koffer traf ihn hart am Kopf. Entsetzt ließ er das Messer fallen, wandte sich um und rannte stolpernd davon.

Samuel hatte die Hände schützend über dem Kopf erhoben. Taschen und Beutel prasselten auf ihn nieder. Ein Korb mit Hühnern war aufgesprungen, und die aufgebrachten Tiere flatterten gackernd durch das Abteil.

In diesem Moment verließ der Zug die Brücke und schoss in einen finsteren Tunnel.

Dunkelheit umfing mich und die Fahrgäste. Ich konnte meine Hand nicht mehr vor Augen sehen. Erschrockene Schreie gellten durch das Abteil und dumpfes Poltern mischte sich unter das Rattern des Zuges.

Fröstelnd rieb ich mir mit den Händen über die Oberarme. Aber die Gänsehaut, die meinen ganzen Körper bedeckte, konnte ich dadurch auch nicht vertreiben.

Dann war die unnatürliche Kälte plötzlich verschwunden. Die Beleuchtung des Abteils flammte auf.

Der Unheimliche mit der zerfledderten Robe war verschwunden.

Samuel blickte sich hektisch um. Er gab ein komisches Bild ab, wie er da in dem engen Gang des Abteils stand, umgeben von einem Berg durcheinandergewürfelter Gepäckstücke.

Wäre die Situation nicht so grotesk und unheimlich gewesen, hätte ich mir jetzt ein Grinsen nicht verkneifen können.

Aber in Anbetracht der unheimlichen Vorkommnisse blieb mir das Lachen im Halse stecken.

Was in aller Welt war geschehen?

Die Indios redeten aufgebracht durcheinander. Hier und da ertönte ein Stoßgebet und einige der Kinder weinten.

Ich trat auf Samuel zu und berührte ihn vorsichtig an der Schulter.

»Sie sind verletzt«, sagte ich, »ich werde die Wunde sofort versorgen, bevor sie sich entzündet.«

Zögernd ließ Samuel sich von mir auf seinen Platz zurückführen. »Was war das nur für ein merkwürdiger Kerl?«, fragte er wie zu sich selbst.

Ich zuckte mit den Achseln und knöpfte sein Hemd auf. »Haben Sie die Eiseskälte gespürt, die sich plötzlich ausgebreitet hat, bevor die düstere Gestalt erschien?«, fragte ich unbehaglich.

Behutsam zog ich das Hemd über Samuels Schulter, so dass die Schnittwunde bloßlag. Sie war nicht sehr tief. Außer Fleisch war Gott sei Dank nichts durchtrennt worden.

»Wahrscheinlich hat jemand im Abteil das Fenster aufgemacht«, erwiderte Samuel nachdenklich. »In dieser Höhe herrscht manchmal sibirische Kälte ...«

Ich zog skeptisch eine Augenbraue in die Höhe. »Und wie erklären Sie sich, dass das Gepäck aus den Netzen sprang und sich über Sie und den Indio ergoss?«

Samuel blickte auf den unordentlichen Gepäckhaufen hinab. Die Indios machten sich bereits daran, ihre Sachen vom Boden zu klauben und wieder zu verstauen.

»Die Schienen der Andenbahn sind alt und an vielen Stellen schadhaft«, erklärte Samuel, offenbar fest entschlossen, für die seltsamen Phänomene eine natürliche Erklärung zu finden. »Da kann es schon mal vorkommen, dass die Waggons kräftig durchgerüttelt werden und das Gepäck sich selbständig macht ...«

Ich holte den Verbandskasten aus dem Rucksack hervor. Daniel hatte darauf bestanden, die Reiseapotheke für mich zusammenzustellen, entsprechend prall gefüllt und gut ausgestattet war sie.

»Die Indios sind alle verängstigt«, flüsterte ich. »Sie sehen aus, als wäre ihnen ein leibhaftiger Dämon erschienen. Der Kerl mit seiner schwarzen Robe sah auch wirklich zum Fürchten aus.«

»Es wird nur ein alter Indio in zerfledderten Klamotten gewesen sein«, versetzte Samuel unwirsch. »Die Leute in den Anden sind sehr abergläubisch.«

»Etwas Gutes hatte das Auftauchen des Alten aber doch«, meinte ich. »Der Mann, der Sie mit dem Messer bedrohte, ist auf und davon.

»Er wäre auch ohne den seltsamen Alten verschwunden  aber erst, nachdem ich mit ihm abgerechnet hätte.«

»Es war leichtsinnig von Ihnen, nur wegen meiner Tasche Ihr Leben aufs Spiel zu setzen«, entgegnete ich. »Außer einer Videokamera und etwas Geld war nichts darin. Diesen Verlust können wir verschmerzen.«

Ich pinselte Jod auf Samuels Schulterwunde.

Sein Gesicht verzog sich vor Schmerz. »Ich habe Ihnen doch gleich gesagt, dass der Kerl nur Theater spielt«, quetschte er durch die zusammengebissenen Zähne hervor. »Das ist ein alter Trick, mit dem die Taschendiebe Touristen und Fremde ausrauben. Einer simuliert einen Kreislaufkollaps und der andere raubt die Leute aus, die sich um den scheinbar Hilfsbedürftigen kümmern.«

»Woher wussten Sie, dass dieser Kerl ein Bandit war? Immerhin ist es nicht ungewöhnlich, wenn Menschen mit Kreislaufproblemen in der dünnen Bergluft zusammenklappen.«

»Ich habe es an der Reaktion der Indios erkannt«, erklärte Samuel. »Sie müssen diesen Kerl und seine Masche bereits gekannt haben und haben sich nicht um sein Gezeter geschert. Wenn der Kerl wirklich Hilfe gebraucht hätte, hätten sich die Indios auch um ihn gekümmert.«

Ich schwieg betroffen, da ich mich nun für den Vorfall mitverantwortlich fühlte. Wäre ich nicht aufgestanden, hätte Samuel keine Schulterwunde davongetragen.

Plötzlich ergriff Samuel meine Hand, sah mir tief in die Augen.

»Entschuldigen Sie, dass ich so grob zu Ihnen war. Es lag nicht in meiner Absicht, Sie zu kränken. Außerdem hätte ich Sie vorher über die Banditen im Zug aufklären müssen. Dann wäre es auch nicht zu diesem Zwischenfall gekommen. Ich bin selbst schuld.«

Ich lächelte matt und wand meine Hand aus seinem festen Griff. Dann fuhr ich mit der Versorgung der Wunde fort.

Schließlich war Samuels Schulter verbunden. Der junge Archäologe zog sein Hemd wieder hoch und knöpfte es zu.

»Danke«, flüsterte er und lächelte charmant. »Sie sind eine mitfühlende und entschlossene Frau. Ihr Mann ist wirklich zu beneiden ...«

Ich zuckte etwas verlegen mit den Schultern und packte die Sachen wieder zusammen.

Samuel war mir durchaus nicht unsympathisch. Er strahlte herbe Männlichkeit und einen eisernen Willen aus, was eine gewisse Faszination auf mich ausübte.

Aber irgendetwas an dem jungen Archäologen war mir unheimlich. Er verbarg etwas vor mir – das spürte ich ganz deutlich.

Im nächsten Moment raste der Zug aus dem langen Tunnel.

Vor uns breitete sich eine weite, karge Ebene aus. Häuser und Zelte kamen in Sicht. Etwas weiter abseits lagen große Gehöfte, dessen Gärten und Plantagen von hohen Steinmauern umgeben waren. Dahinter erhob sich die düstere Silhouette der Berge.

Samuel starrte aus dem Fenster und sah sich aufmerksam um.

»Diese Station müssen wir aussteigen«, erklärte er plötzlich.

Verwundert blickte ich den jungen Archäologen an. Mir kam es so vor, als hätte er sich erst in diesem Moment entschlossen, dass wir den Zug verlassen mussten.

Kannte er sich in den Anden etwa doch nicht so gut aus, wie er immer behauptete? Wenn das Inkagrab hier irgendwo in der Umgebung lag, müsste Samuel diesen Ort doch besser kennen!

»Die Stadt, die Sie da vor sich sehen, heißt Chicla«, erklärte Samuel rasch, als hätte er meine Zweifel gespürt. »Sie liegt 3800 Meter über dem Meeresspiegel. Den gemütlichen Teil unserer Reise haben wir hinter uns. Jetzt beginnt die eigentliche Strapaze. Bis zur Grabstätte ist es noch ein weiter Weg. Den Großteil davon müssen wir zu Fuß durch unwegsames Gelände zurücklegen ...«

»Sie haben eine charmante Art, einen aufzumuntern«, sagte ich sarkastisch und hatte meine Bedenken fast schon wieder verdrängt.

Samuel klopfte mir auf die Schulter.

»Ich bin fest davon überzeugt, dass wir es gemeinsam schaffen werden. Das Inkagrab wird Sie für all Ihre Bemühungen entschädigen. Sie stehen kurz vor der bedeutendsten Entdeckung Ihrer Archäologenkarriere!«

4

Eine halbe Stunde später hatten wir endlich ein kleines Gasthaus ausfindig gemacht, wo wir uns zwei Zimmer mieteten und das Gepäck unterbrachten. Ich wunderte mich darüber, dass Samuel sich zu dem Gasthaus erst durchfragen musste. Schließlich war er doch schon einmal hier gewesen, als er die Grabstätte des Inkaherrschers entdeckt hatte.

»Wieso haben Sie eigentlich nichts von diesem Wirtshaus gewusst?«, fragte ich Samuel, als wir uns eine halbe Stunde später im Schankraum trafen. Auf den Tischen standen Kerzen, die für eine schummrige, geheimnisvolle Beleuchtung sorgten.

Ich war frisch geduscht und hatte mir neue Kleider angezogen. Mir waren die Unstimmigkeiten, die mir im Verhalten von Samuel aufgefallen waren, nicht mehr aus dem Kopf gegangen. Darum hatte ich den jungen Archäologen auch gleich mit einer Frage konfrontiert, als ich ihm im Schankraum gegenübersaß.

»Meine finanzielle Situation hatte es mir nicht erlaubt, in einem Wirtshaus abzusteigen«, erklärte Samuel schulterzuckend. »Ich habe im Freien übernachtet und mir mein Essen am Lagerfeuer zubereitet.«

Er grinste mich breit an. »Daran werden auch Sie sich in Zukunft gewöhnen müssen. Unsere Route führt uns weit weg von der Zivilisation. Ich hatte den Weg allein und zu Fuß zurückgelegt. Diesmal sind wir zu zweit, ich halte es für sinnvoller, wenn wir uns zwei Maulesel besorgen, die unsere Ausrüstung tragen.

Ich werde noch heute zwei Tiere auftreiben, damit wir morgen in aller Frühe aufbrechen können.«

»Es wird aber doch schon dunkel draußen«, gab ich zu bedenken. »Vielleicht sollten wir uns morgen um die Mulis kümmern. Warum haben Sie es so eilig?«

Samuel griff unwillkürlich zu seiner Aufnähtasche und umklammerte sie, so dass seine Knöchel weiß unter der gebräunten Haut hervorstachen.

»Ich möchte sichergehen, dass uns niemand zuvorkommt«, erklärte er abweisend und erhob sich abrupt.

»Bestellen Sie sich etwas zu essen und legen Sie sich schlafen«, riet er mir. »Morgen wird ein anstrengender Tag.«

Mit diesen Worten wandte er sich ab und verließ das Wirtshaus.

Nachdenklich kräuselte ich die Stirn. Samuel hatte auf jede meiner Fragen eine passende Antwort. Dennoch hatte ich das untrügliche Gefühl, dass er mir etwas vorspielte.

Plötzlich fiel ein Schatten auf mich, und als ich aufblickte, sah ich einen alten Indio mit einem zerschlissenen bunten Kimono, der an meinen Tisch getreten war.

»Brenda Logan?«, fragte er auf Spanisch.

Ich sah den Alten einen Moment lang erstaunt an. Doch dann bedeutete ich ihm, an meinem Tisch Platz zu nehmen.

»Woher kennen Sie meinen Namen?«, fragte ich.

Der Alte zuckte nur mit den Schultern. »Ich komme im Auftrag eines Banditen und seines jungen Komplicen«, erklärte er unumwunden. »Sie haben etwas, das Ihnen gehört, und wollen Sie dringend sprechen. Aber allein.«

Ich glaubte meinen Ohren nicht trauen zu dürfen. Es bestand kein Zweifel, dass der alte Indio von den beiden Dieben sprach, die mir im Zug die Tasche mit der Videokamera und dem Geld gestohlen hatten. Bei dem Geld hatte sich ein Zettel mit meinen Personalien befunden, was erklärte, warum, der Alte meinen Namen kannte.

Mir war aber schleierhaft, was die Räuber nun von mir wollten.

»Bitte«, sagte der Alte eindringlich, als er mein Zögern bemerkte. Er beugte sich über den Tisch, so dass das Kerzenlicht sein faltiges, wettergegerbtes Gesicht hell erleuchtete. Die leuchtenden, dunklen Augen sahen mich offen an. »Geben Sie den beiden eine Chance, sich bei Ihnen zu entschuldigen. Sie wollen Ihnen Ihr Eigentum zurückgeben. Ich werde Sie zu dem Treffpunkt führen.«

»Woher soll ich wissen, dass das keine Falle ist?«, erkundigte ich mich unbehaglich. »Vielleicht wollen die beiden mich nur ein zweites Mal überfallen. Ich bin schon einmal auf ihre Masche hereingefallen.«

»Ihre Bedenken sind berechtigt«, gab der Alte zu. »Aber Sie können versichert sein, dass ich mich nie in den Dienst eines Verbrechers stellen würde, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, dass er nichts Unrechtes im Schilde führt.«

Zweifelnd sah ich den Alten an. Die Aussicht, die Videokamera und das Geld zurückzubekommen, hatte etwas Verlockendes. Die Videokamera benötigte ich dringend, um die Fundstelle zu filmen. Das Geld wiederum gehörte dem British Museum. Es wäre zwar kein Weltuntergang, wenn ich die Sachen nicht zurückbekäme, aber auf der anderen Seite konnte ich es dem Museum gegenüber nicht verantworten, eine Gelegenheit, die Sachen wiederzubekommen, ungenutzt verstreichen zu lassen.

Trotzdem hatte ich ein unbehagliches Gefühl, als ich dem alten Indio nun meinen Entschluss mitteilte.

»Ich werde Ihrer Bitte nachkommen«, sagte ich. »Doch zuvor möchte ich meinem Partner noch eine Nachricht hinterlassen. Für den Fall, dass ich mich in Ihnen täuschen sollte.«

Der Alte nickte. Ich trat an die Bar und schrieb eine Nachricht für Samuel auf. Dann verließ ich zusammen mit dem Indio die Gaststätte.

Draußen herrschte bereits tiefe Dunkelheit. Straßenlaternen schien es in dieser kleinen Stadt nicht zu geben. Die Schatten zwischen den . niedrigen einfachen Häusern waren nachtschwarz und undurchdringlich.

»Hier entlang«, sagte der alte Indio und deutete auf einen schmalen Gang zwischen zwei Häusern.

Mich beschlich ein ungutes Gefühl, als ich hinter dem Alten in die düstere Gasse eintauchte. Wie ich rasch feststellte, war sie Teil eines verwirrenden Systems aus Seitengängen, Wegen und engen Straßen. Schon nach wenigen Metern hatte ich die Orientierung verloren.

5

»Was hat die beiden Räuber denn dazu bewogen, ihre Gesinnung plötzlich zu wandeln und mir reumütig das Diebesgut zurückzugeben?«

Wir hatten einen staubbedeckten, schäbigen Platz erreicht, der von fensterlosen Wänden umgeben war und von dem mehrere Gassen abzweigten. Hier und da zeichneten sich kleine Nischen und Vorsprünge in den Häuserwänden ab.

Der alte Indio wandte sich zu mir um. Ein verirrter Lichtstrahl spiegelte sich in seinen Augen und ließ sie aufblitzen.

Unwillkürlich musste ich an den Unheimlichen im Zug denken. Die Gestalt des alten Indios, die sich gegen die grauen schmuddeligen Wände der umstehenden Häuser düster abhob, ließ mich an die Worte von Samuel Lington denken, der behauptet hatte, bei dem Unheimlichen habe es sich bloß um einen alten Indio in zerschlissenen Klamotten gehandelt ...

»Die beiden haben Angst vor dem Geist, der plötzlich in dem Abteil erschien«, erklärte der alte Indio mit gedämpfter Stimme. »Und sie hoffen, dass sie ihn milde stimmen können, wenn sie Ihnen Ihre Tasche wiedergeben.«

Fröstelnd rieb ich mir mit den Händen über die Oberarme und sah mich beunruhigt um.

Plötzlich war ich mir sicher, einen Fehler begangen zu haben.

Wahrscheinlich handelte es sich bei dem alten Indio um den Unheimlichen aus dem Zug, der mit den Taschendieben zusammenarbeitete und sich die zerfledderte Robe immer dann überstreifte, wenn es galt, den Dieben in einer brenzligen Situation zu helfen.

Und nun hatten sie mich in diese entlegene, unheimliche Gegend gelockt, um mich ein zweites Mal zu berauben oder mich gar zu entführen ...

Zögernd blieb ich stehen und sah mich unwillkürlich nach einer Fluchtmöglichkeit um.

Da hörte ich plötzlich einen gellenden Todesschrei, der schaurig in dem Labyrinth widerhallte.

Im nächsten Moment stürmten drei Gestalten aus einem Seitengang hervor.

Der alte Indio ergriff blitzschnell meinen Arm und zog mich in eine Nische.

Nachtschwarzer Schatten umfing uns und machte uns fast unsichtbar.

Die drei Gestalten rannten über den Hof in unsere Richtung. Der alte Indio zitterte vor Angst und hielt mir mit seiner rauen, schwieligen Hand den Mund zu, damit ich keinen Laut von mir geben konnte.

Als die drei Gestalten auf der Höhe unserer Nische angekommen waren, fiel ein matter Lichtstrahl auf sie.

Ich erstarrte vor Schreck. Die drei Männer waren mit Gewehren bewaffnet. Sie trugen schwarze Tuniken, auf denen eine rotgoldene, untergehende Sonne gestickt war. Die Schädel der Männer waren völlig haar- und konturenlos und schimmerten golden.

Einer der Männer verharrte plötzlich vor unserer Nische. Er riss sein Gewehr von der Schulter und starrte angestrengt in die Finsternis, wo der alte Indio und ich uns verborgen hatten.

Ein eisiger Schauer rieselte mir den Rücken hinunter, als ich in das starre goldene Antlitz des Fremden sah. Die braunen, dunklen Augen wirkten darin wie ein Fremdkörper.

In diesem Moment begriff ich, dass der Kerl nur eine Strumpfmaske trug, in der es zwei Schlitze für die Augen gab.

Der alte Indio an meiner Seite hielt gebannt die Luft an. Auch ich spürte die bedrohliche, tödliche Ausstrahlung, die von dem bewaffneten Mann ausging, und betete, dass er uns nicht entdeckte.

Zögernd trat der Maskierte noch einen Schritt näher, so dass der Lauf seiner Waffe mich fast schon berührte.

Doch da riefen ihm die beiden anderen Gestalten etwas zu. Darauf wandte sich der Mann ab und verschwand kurz darauf mit seinen Begleitern in einem Seitengang.

Erst als ihre Schritte verklungen waren, gab der alte Indio meinen Mund wieder frei.

»Entschuldigen Sie, dass ich Sie so grob anfassen musste«, sagte er mit brüchig klingender Stimme. »Aber wenn die goldenen Söldner uns entdeckt hätten, wären wir jetzt tot.«

Ich schluckte trocken und sah unbehaglich in die Seitenstraße, in die die drei seltsamen Gestalten verschwunden waren, und die nun verlassen und leer dalag.

Plötzlich vernahm ich ein verzagtes Schluchzen.

Es kam aus dem Gang, aus dem die drei Goldgesichtigen hervorgeprescht waren.

»Wir sollten uns besser aus dem Staub machen«, zischte der alte Indio mir zu. »Es ist nicht gut, wenn man in diese Dinge hineingezogen wird ...«

Ich unterbrach seinen Redefluss mit einer unwirschen Geste. Das Schluchzen war nicht zu überhören. Wie konnte der Alte so hartherzig sein und seine Ohren davor verschließen?

Entschlossen schritt ich auf den Gang zu. Es war eine Sackgasse, die schon nach wenigen Metern an einer grauen unansehnlichen Mauer endete.

Vor der Mauer lag ein Mann. Und über ihn gebeugt kauerte ein Junge.

Neben dem Jungen lag meine Umhängetasche mit der Videokamera und dem Geld.

Ich trat auf den Jungen zu und berührte ihn zaghaft an der Schulter.

Er zuckte kaum merklich zusammen und sah mit verweinten Augen zu mir auf. Es war derselbe Junge, der mir im Zug die Umhängetasche gestohlen hatte. Und der Mann auf dem Boden war sein Komplice!

»Sie ... sie haben Carlo umgebracht«, stammelte der Junge auf Spanisch. »Er war immer wie ein Vater zu mir ... Und jetzt ist er tot ...«

Der Junge schluchzte erneut auf und warf sich über den Mann am Boden.

Ich kniete mich nieder und tastete nach dem Puls des Taschendiebs – doch vergeblich. Er war tot.

»Ist das das Werk der drei seltsamen Männer mit den goldenen Gesichtern?«, fragte ich den Jungen.

Er nickte schluchzend.

Da fiel plötzlich ein heller Lichtstrahl in die Sackgasse.

Ich fuhr herum und beschattete meine Augen.

Ein Mann, der eine starke Taschenlampe auf uns gerichtet hatte, trat auf uns zu. Ich konnte ihn nicht genau erkennen, da das Licht mich blendete. Aber es war offensichtlich, dass es sich weder um den alten Indio noch um einen der Maskierten handelte.

In den kleinen Taschendieb kam plötzlich wieder Leben.

Rasch sprang er auf und kletterte mit einer Geschicklichkeit und Schnelligkeit, die ich ihm garnicht zugetraut hätte, an der Mauer empor.

Im nächsten Moment hatte er das Flachdach des Hauses erklommen.

»Halt!«, schrie der Mann mit der Taschenlampe.

Ein Schuss bellte auf und ich sah das Mündungsfeuer hinter dem Licht der Taschenlampe aufblitzen.

Ich war vor Angst wie gelähmt. Trotzdem fuhr ich empor und streckte die Hand aus.

»Hören Sie auf, auf den Jungen zu schießen!«, rief ich. »Es hat bereits einen Toten gegeben!«

Der Mann trat vor mich und richtete den Strahl der Taschenlampe auf den Boden, so dass mich das Licht nicht länger blendete und ich sein Gesicht erkennen konnte.

Es war ein Indio, der in der abgewetzten Uniform eines Polizisten steckte. Sein Gesicht war markant. Unter der ausgebleichten Schirmmütze lugte dunkles graumeliertes Haar hervor.

»Wer sind Sie?«, schnauzte er mich unhöflich an.

Ich nannte ihm meinen Namen und erklärte, dass ich Archäologin sei.

»Gehören Sie etwa auch zu diesem eingebildeten Engländer Namens Sir John Severen?«, fragte er unwirsch. »Wenn ja, kommen Sie zu spät. Er ist gestern mit einer Handvoll Indios in die Wildnis aufgebrochen. Angeblich sucht er nach einem Inkagrab.«

Ich sah mein Gegenüber verdutzt an. »Nein«, erwiderte ich verstört. »Ich bin mit einem Kollegen hier und handle im Auftrag des British Museum.«

»Was haben Sie denn in dieser gottverlassenen Gegend von Chicla verloren?«

»Ich hörte einen Schrei – und dann fand ich diesen Mann.« Ich deutete auf die reglose Gestalt am Boden. »Ich glaube, er ist tot.«

Der Polizist richtete den Strahl seiner Lampe auf den Toten.

»Haben Sie ihn ermordet?«, fragte er mit emotionsloser Stimme.

Ich zuckte erschrocken zusammen. »Nein«, beeilte ich mich zu versichern. »Ich habe aber drei seltsame Kerle gesehen, die bewaffnet waren. Die könnten es gewesen sein.«

Ich scheute davor zurück weiterzusprechen, denn ich befürchtete, dass der Polizist mich für verrückt halten würde, wenn ich ihm schilderte, wie die Männer ausgesehen hatten.

Wäre doch der alte Indio nur hier gewesen! Kurz vor dem Erscheinen des Polizisten war er plötzlich spurlos verschwunden. Er hätte meine Aussagen bestätigen können.

»Haben Sie die bewaffneten Leute erkannt?«, hakte der Polizist nach und musterte mich durchdringend. Offenbar ahnte er, dass ich mehr wusste, als ich zugab.

»Ja«, presste ich unbehaglich hervor und seufzte. »Sie trugen merkwürdige schwarze Tuniken mit einem Sonnenemblem darauf. Über ihre Köpfe hatten sie goldene Strumpfmasken gezogen. Sie sahen schrecklich bedrohlich aus ...«

Mein Gegenüber runzelte nachdenklich die Stirn. Aber seinem Gesichtsausdruck war nicht zu entnehmen, ob er mir glaubte oder nicht.

»Niemand, der die goldenen Söldner gesehen hat, ist mit dem Leben davongekommen«, sagte er dann mit harter Stimme. »Entweder wollen Sie mich auf den Arm nehmen und den Verdacht von sich ablenken. Oder Sie haben mehr Glück als Verstand gehabt. Die Männer, die Sie beschreiben, gehören einer berüchtigten Guerillagruppe an. Viele Morde gehen auf ihr Konto.«

Der Polizist leuchtete die Wände ringsum mit der Taschenlampe ab. Schließlich erfasste der Strahl einen schwarzen Schriftzug, neben dem das Symbol einer untergehenden Sonne prangte.

Die Farbe war noch ganz frisch und glänzte im Schein der Taschenlampe.

»Huaquero« stand dort in unleserlichen, rasch hingeschmierten Buchstaben geschrieben.

»Was hat das zu bedeuten?«, fragte ich, als ich bemerkte, dass die Schrift die Aufmerksamkeit des Polizisten erregt hatte.

»Huaquero bedeutet so viel wie Grabräuber«, erklärte er grimmig. »Das Sonnensymbol deutet darauf hin, dass die goldenen Söldner tatsächlich hinter diesem Mord stecken.«

Er stieß den Toten mit der Stiefelspitze an. »Ich kenne diesen Mann. Er hieß Carlo Santos und war einer der trickreichsten Taschendiebe. Wie es scheint, hat er sich auch als Grabräuber betätigt. Das muss die goldenen Söldner gegen ihn aufgebracht haben. Diese Kerle fackeln nicht lange. Wer ihnen im Weg steht, muss sterben!«

Ich schüttelte mich.

Da fasste mich der Polizist plötzlich hart am Arm. »Sie kommen mit mir auf die Wache, bis die Sache geklärt ist.«

Ich wollte protestieren. Aber der Indio zog mich unerbittlich mit sich fort.

Der Polizist führte mich durch das finstere Labyrinth aus Seitenstraßen und Gassen, bis wir schließlich eine kleine Polizeistation erreichten, wo er mich in eine schmuddelige, enge Zelle sperrte. Auf dem Flur hing ein Plakat mit dem Foto der vermissten Amalie Cortez. Eine nackte Glühbirne erhellte den Korridor und zeichnete das Muster der Gitterstäbe auf den Boden meiner Zelle nach.

»Sie müssen mir glauben. Ich habe nichts mit dem Mord zu tun«, erklärte ich mit Nachdruck.

Doch der Polizist zuckte nur mit den Schultern und begann meine Umhängetasche zu durchsuchen.

Resigniert ließ ich mich auf die harte Pritsche sinken und schüttelte fassungslos den Kopf.

Wie sollte ich Samuel Lington erklären, wie ich in diese Situation geraten war?

6

Zwei Stunden später erschien Samuel vor meiner Zelle und schaute mich kopfschüttelnd durch die Gitter hindurch an.

»Sie machen mir Geschichten«, meinte er und grinste schief. Meine Umhängetasche hing über seiner Schulter. »Hatte ich Ihnen nicht gesagt, Sie sollen in Ihr Zimmer gehen und schlafen? Statt dessen nehmen Sie mit dieser ungemütlichen Zelle vorlieb.«

»Ich bin überhaupt nicht zum Scherzen aufgelegt«, schnappte ich.

In diesem Moment erschien der Polizist an Samuels Seite und schloss das Gittertor auf.

»Sie sind frei«, erklärte er lapidar. »Der Mord geht auf das Konto der Guerilla. In Zukunft sollten Sie besser aufpassen. Ein zweites Mal werden Sie eine Begegnung mit diesen Fanatikern nicht überleben.«

Ich nickte und war froh, als ich wenig später zusammen mit Samuel das Gefängnis verlassen konnte.

»Wie haben Sie es geschafft, mich da rauszuholen?«, fragte ich, als ich mir sicher war, dass wir außer Hörweite der kleinen Polizeistation waren. »Ich befürchtete schon, dass mich der Polizist mehrere Wochen festhalten würde.«

Samuel zuckte mit den Schultern. »Wenn Sie in Ihrer Umhängetasche nachsehen, werden Sie die Antwort finden.«

Ich öffnete die Tasche und sah, dass sie außer der Videokamera nichts mehr beinhaltete.

»Das Geld«, bemerkte ich verärgert. »Es ist fort.«

Samuel nickte. »Ich habe es dem Polizisten gegeben, damit er Sie wieder auf freien Fuß setzt.«

»Sie haben ihn also bestochen.«

»Er betrachtet es als eine Art Kaution. Allerdings werden wir das Geld natürlich niemals zurückbekommen. Aber darüber sollten wir uns nicht die Köpfe zerbrechen. Wichtiger ist, dass Sie wieder frei sind. In Peru herrscht Diktatur. Und wer einmal in die Mühlen der Justiz gerät, kommt selten unbeschadet wieder heraus.«

Ich schüttelte mich. Doch dann fiel mir ein, was der Polizist mir erzählt hatte.

»Wussten Sie, dass gestern von Chicla bereits eine Expedition in die Berge gestartet ist? Der Initiator nennt sich Sir John Severen.

Und raten Sie mal, wonach er sucht: nach einem Inkagrab!«

Samuel fluchte verhalten.

Wir hatten das Wirtshaus inzwischen erreicht.

Bevor Samuel die Tür öffnen konnte, hielt ich ihn am Arm zurück.

»Samuel, Sie verheimlichen mir doch etwas«, sagte ich eindringlich. »Was hat es mit dieser anderen Expedition auf sich. Und warum wollen Sie mir nicht verraten, wo genau sich das Inkagrab befindet?«

Samuel riss sich los und funkelte mich wütend an.

»Ich weiß auch nicht, wie dieser Sir John Severen dahintergekommen ist, dass sich in dieser Gegend ein unentdecktes Inka Grab befindet«, presste er mühsam beherrscht hervor. »Was glauben Sie, warum ich mich die ganze Zeit mit Informationen so bedeckt halte? Weil ich befürchte, dass etwas über diesen Jahrhundertfund zu anderen Leuten durchsickert, die dann vor mir die Grabstätte erkunden, weil sie über mehr Geld verfügen und darum schneller handeln können als ich.«

»Professor Sloane wird die Informationen, die Sie ihm gaben, kaum einem Dritten verraten haben«, erwiderte ich kühl. »Andererseits glaube ich nicht an den Zufall, dass dieser Sir John Severen völlig unabhängig von Ihnen ebenfalls auf das Inkagrab gestoßen ist.«

Samuel nickte. »Sie trauen mir also nicht über den Weg! Wahrscheinlich glauben Sie sogar, dass in Wahrheit Sir John das Inka Grab entdeckte und ich nur zufällig dahintergekommen bin und die Lorbeeren nun für mich ernten will?«.

»Möglich wäre es.«

Samuel holte aus seiner Jackentasche ein abgewetztes Notizbuch hervor, das er mir überreichte.

»In diesem Buch befinden sich alle meine Aufzeichnungen über das Inkagrab. Außer Professor Sloane und jetzt Ihnen, hat nie jemand dieses Notizbuch zu Gesicht bekommen, denn ich hüte es wie meinen eigenen Augapfel.«

Ich blätterte das Notizbuch durch, in dem sich hauptsächlich Zeichnungen und Skizzen befanden.

Risszeichnungen der Grabkammern befanden sich ebenso darunter, wie schematische Darstellungen von Bergen und Pässen.

Die Aufzeichnungen wirkten chaotisch und unordentlich auf mich, und ich vermisste genaue Beschreibungen und die Namen von Orten. Aber es mochte Samuels Charakter entsprechen, seine wissenschaftliche Arbeit etwas oberflächlich zu verrichten.

Ich klappte das Notizbuch zu und gab es Samuel zurück.

»Ich hoffe, ich habe Sie mit meinem Misstrauen nicht zu sehr gekränkt.«

Samuel lächelte mich an und verstaute das Buch wieder in seiner Jacke.

»Ich habe Ihnen bereits verziehen«, erklärte er. »Jetzt schlage ich aber vor, dass wir uns endlich schlafen legen, damit wir morgen in aller Frühe aufbrechen können.

Unsere Mulis stehen schon im Stall des Wirtshauses. Noch können wir Sir John einholen. Eine große Expedition kommt nicht so schnell voran wie zwei Einzelpersonen.«

7

Wir brachen im Morgengrauen in Richtung Norden auf und entdeckten am späten Nachmittag einen verlassenen Lagerplatz. Er befand sich am Fuße eines steilen Hangs aus rötlichem Gestein. Rosafarbene Felsblöcke von monumentaler Größe und mit rissiger scharfkantiger Oberfläche ragten aus dem Schotter hervor und verliehen dem Hang ein urwüchsiges, raues Aussehen.

Über uns spannte sich ein azurblauer wolkenloser Himmel, dessen Farbintensität die dunklen Berge der peruanischen Anden düster und unwirklich erscheinen ließ.

Samuel untersuchte die ausgekühlte Feuerstelle, während die beiden schwerbepackten Mulis die Unterbrechung nutzten, um an den trockenen Sträuchern zu zupfen.

Ich blickte mich um und schaute die weite, steil abfallende Ebene hinunter, die wir in stundenlanger, ermüdender Wanderung erklommen hatten.

Ich fühlte mich nicht wohl in meiner Haut und hatte das dumpfe Gefühl, dass uns jemand verfolgte. Immer wieder hörte ich verräterische Geräusche hinter meinem Rücken. Und wenn ich mich umsah, glaubte ich, einen flinken Schatten zu bemerken, der rasch hinter einem der großen Felsblöcke verschwand, die wie wahllos hingestreut über der Ebene verteilt waren.

Vielleicht bildete ich mir unseren Verfolger ja auch nur ein. Ich hatte wieder eine unruhige, durchwachte Nacht hinter mir. Seit sich Daniels und meine Wege trennten, hatte ich nicht mehr richtig geschlafen. Daniels wohltuende Nähe fehlte mir.

Aber das war nicht der einzige Grund, warum ich vergangene Nacht so schlecht geschlafen hatte.

Mitten in der Nacht war ich aufgewacht, weil mir plötzlich kalt geworden war. Mein ganzer Körper war von einer Gänsehaut überzogen  und mein Atem bildete kleine Wölkchen, die fahl im dunklen Zimmer verwehten. Um mich herum herrschte tiefe Finsternis, die mir auf unheimliche Weise unnatürlich und fremdartig erschien.

Schlaftrunken erhob ich mich aus meinem Bett, um das Fenster zu schließen. Ich nahm an, die Kälte würde von draußen kommen.

Doch als mein Blick nach draußen auf den kleinen Vorplatz des Wirtshauses fiel, sah ich dort eine finstere Gestalt.

Die Lichter des Gasthauses waren längst verloschen. Auch sonst gab es nirgendwo eine Lichtquelle, die die dunkle Nacht erhellt hätte.

Und trotzdem konnte ich die unheimliche Gestalt auf dem Vorplatz deutlich erkennen. Sie war noch schwärzer als die Nacht, so dass sich ihre Silhouette deutlich von der düsteren Umgebung abhob. Die zerfledderte rabenschwarze Robe flatterte in einem gespenstischen Wind, während der breitkrempige Hut das Gesicht des Fremden verdeckte.

Es war der unheimliche Alte aus dem Zug!

Im nächsten Moment schaute er zu mir auf, und ich sah in ein Paar wie Diamanten funkelnde Augen.

Unwillkürlich trat ich einen Schritt zurück und verbarg mich hinter dem schmuddeligen Vorhang.

Wovor hatte ich Angst? Ich wusste doch, wer sich hinter dieser unheimlichen Maskerade versteckte: Der alte Indio, der mit den Taschendieben zusammenarbeitete und mich am Abend in eine Falle locken wollte. Eine Falle, die einen der Räuber das Leben gekostet und mich ins Gefängnis von Chicla befördert hatte.

Vorsichtig spähte ich wieder auf den Vorplatz hinaus.

Aber die unheimliche Gestalt war verschwunden. Die Kälte verzog sich langsam und ich hatte den Eindruck, als würde die Nacht nun nicht mehr ganz so finster und unheimlich sein wie noch vor wenigen Augenblicken ...

»Der Lagerplatz wurde mit Sicherheit von Sir John und seinen Leuten benutzt«, erklärte Samuel in diesem Moment und riss mich aus meinen düsteren Gedanken. »Sie haben hier übernachtet, bevor sie sich an den beschwerlichen Aufstieg gemacht haben. Uns bleiben noch ein paar Stunden, bis die Sonne untergeht. In dieser Zeit können wir den Hang bewältigen und den Abstand zu der anderen Gruppe verringern.«

Skeptisch betrachtete ich den Hang aus rötlichem Gestein. Das Geröll sah nicht gerade vertrauenserweckend aus. Ich befürchtete, dass wir auf dem losen Gestein keinen festen Halt finden würden und sich der Aufstieg schwieriger gestaltete, als Samuel annahm. Wir hatten schon etliche Kilometer beschwerlichen Aufstiegs hinter uns und waren müde und entkräftet. Mir erschien es ratsam, die Nacht ebenfalls am Fuße des Hügels zu verbringen.

Aber davon wollte der junge Archäologe nichts wissen. »Wir legen eine kleine Rast ein«, bestimmte er. »Das muss vorerst genügen. Ausruhen können wir uns immer noch, nachdem wir den Hang geschafft haben.«

Ich seufzte und fügte mich in mein Schicksal.

8

Zwei Stunden später hatten wir ein Drittel der Strecke hinter uns gebracht.

Den beiden Mulis bereitete es am meisten Schwierigkeiten, auf dem losen Grund vorwärtszukommen. Das schwere Gepäck und die Ausrüstung lasteten auf ihren Rücken und ließ die armen Tiere auf dem Geröll immer wieder ausrutschen.

Ich war schweißgebadet und hielt den Zügel meines Mulis fest umklammert. Schon einmal waren wir beide zwei Meter den Hang hinabgerutscht, ehe ich an einem Felsblock festen Halt bekam und die Rutschpartie stoppen konnte.

Plötzlich erreichten wir einen breiten Felssims, der sich wie ein Gürtel am Hang erstreckte und den man vom Fuße des Hangs aus nicht hatte erkennen können.

Völlig erschöpft und dankbar für die Unterbrechung, ließ ich mich auf einen runden Stein plumpsen. Mein Atem ging pumpend. Ich wischte mir eine blonde Haarsträhne aus dem Gesicht und beobachtete Samuel, der die Mulis mit Futter und Wasser versorgte.

»Ich bin mit meinen Kräften am Ende«, stieß ich hervor. »Den Rest des Hangs werde ich heute bestimmt nicht mehr schaffen.«

Samuel nahm seinen Baumwollhut ab und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Dann blickte er den steilen Hang empor.

»Wenn wir uns nicht beeilen, werden wir Sir John Severen bestimmt nicht mehr einholen.«

»Vielleicht kommen wir schneller voran, wenn wir dem Verlauf des Sims folgen«, schlug ich vor.

»Wer weiß, wo der Sims hinführt. Wahrscheinlich endet er in ein paar Kilometern abrupt. Und dann war alles umsonst.«

Prüfend sah ich Samuel an. Er schien sich in diesem Gebiet schlecht auszukennen. Außerdem war ihm etwas Entscheidendes entgangen.

»Wie erklären Sie sich dann, dass es hier Reifenspuren gibt?«, fragte ich scheinheilig und deutete auf den Abdruck eines breiten Reifenprofils im sandigen Grund des Sims. »Die Spur ist noch ganz frisch.«

Verdattert starrte Samuel auf den Boden. Aber seine Verunsicherung währte nicht lange.

»Ich glaube kaum, dass wir hier auf einen offiziellen Weg oder eine Straße gestoßen sind«, sagte er gedehnt. »Aber wir werden trotzdem den Autospuren folgen und versuchen, auf diesem Weg den unwegsamen Hang zu bewältigen. Den kürzeren, steileren Aufstieg fortzusetzen, kann ich Ihnen nicht zumuten.«

Ich lächelte dankbar und nahm einen tiefen Schluck aus der Feldflasche.

Da gellte plötzlich ein schriller Schrei den Hang herauf. Einige Meter unter uns zeichnete sich plötzlich eine rote Staubwolke ab. Geröll und größere Felsbrocken kullerten polternd in die Tiefe – mittendrin eine menschliche Gestalt, die verzweifelt mit den Armen ruderte und spitze Schmerzensschreie ausstieß.

Es war unser Verfolger!

9

»Hilfe!«, drang eine verzagte Stimme zu uns empor. Die kleine Lawine war zum Stillstand gekommen, und der feine rote Staub legte sich langsam wieder.

Ich rappelte mich hoch und machte mich an den Abstieg, während Samuel die Mulis an einen großen Stein festband und mir dann folgte.

Ich erreichte den Verunglückten als erste.

Es war ein junger Indio, den ich auf höchstens fünfzehn Jahre schätzte. Sein linkes Bein war unter einem schweren Stein eingequetscht.

Als ich nähertrat und in sein schweißüberströmtes, schmerzverzerrtes Gesicht blickte, erkannte ich, dass es der Junge war, der mir im Zug die Umhängetasche gestohlen hatte und dem ich ein zweites Mal in der Sackgasse in Chicla begegnet war.

Ich kniete mich zu dem Jungen nieder und strich ihm beruhigend durch das dunkle Haar. »Beweg' dich nicht«, sagte ich. »Samuel und ich werden versuchen, den Stein wegzurollen.«

Der Indiojunge lächelte tapfer und kniff die Lippen zusammen.

Dann stemmten Samuel und ich den schweren Stein zur Seite.

Gott sei Dank hatte der Junge sich nichts gebrochen. Außer ein paar Prellungen und Schürfwunden hatte er keine größeren Verletzungen davongetragen.

»Warum schleichst du hinter uns her?«, fragte ich den Jungen, als Samuel ihn auf die Arme lud und zum Sims trug. »Die Bande, für die du arbeitest, hat mir schon genug Scherereien gemacht. Lass mich endlich in Ruhe.«

»Ich arbeite für keine Gang«, erwiderte der Junge trotzig. Überrascht stellte ich fest, dass er fließend Englisch sprach. »Carlo und ich haben immer allein gearbeitet. Als meine Eltern starben, nahm er mich wie ein Sohn auf. Seitdem gehe ich ihm zur Hand.«

»Willst du etwa behaupten, dass der alte Indio, der mich vergangene Nacht in eure Falle locken wollte, nicht zu euren Leuten gehörte?«

Der Junge schüttelte unwillig den Kopf.

»Der Mann von dem Sie sprechen, heißt Armas. Er ist ein gutmütiger Mann, der sich für seine Mitmenschen einsetzt und in Streitfällen vermittelt. Armas wollte Sie nicht in eine Falle locken. Carlo hatte ihn gebeten, Sie zu uns zu führen, damit wir Ihnen Ihre Tasche zurückgeben können.«

Inzwischen hatten wir den Sims erreicht. Samuel setzte den Jungen auf einen Stein und sah ihn skeptisch an. »Und dieses Märchen sollen wir dir glauben. Aus welchem Grund sollte ein professioneller Trickdieb seine Beute freiwillig zurückgeben?«

»Carlo und ich hatten Angst vor dem Geist, der plötzlich im Zug erschien. Carlo glaubte, dass wir den Geist durch unsere Tat irgendwie erzürnt hatten. Wir wollten die Tasche zurückgeben, um den Geist zu besänftigen.«

Die Geschichte des Jungen deckte sich mit dem, was der alte Indio mir auf dem Weg durch das Labyrinth aus Gassen und Seitenstraßen erzählt hatte. Ich war fast geneigt, ihm zu glauben. Aber Samuel hatte er noch nicht überzeugt.

»Warum bist du uns gefolgt?«, fragte er streng.

Der Junge zuckte mit den Schultern. »Wo soll ich sonst hingehen? Carlo ist tot, und Mrs. Logan hat mir geholfen, als der Polizist auftauchte. Es gibt nur wenige Menschen, die so etwas für mich tun würden ...«

Schüchtern sah er zu mir auf.

Ich schenkte ihm ein aufmunterndes Lächeln und fragte ihn nach seinem Namen.

»Bepo«, antwortete er prompt. »Meinen Nachnamen habe ich leider vergessen.«

»Nun, Bepo«, sagte ich und kniete mich vor dem Jungen nieder, damit ich ihm ins Gesicht sehen konnte. »Ich werde jetzt deine Wunden versorgen. Und dann kehrst du nach Chicla zurück ...«

Bepo schüttelte heftig den Kopf und sah mich ängstlich dabei an.

»Ich kann nicht zurück«, erklärte er mit zitternder Stimme. »Wenn die Polizei mich zu fassen bekommt, werden sie mich einsperren. Sie wissen, dass Carlo von den goldenen Söldnern ermordet wurde. Sie werden mich so lange über diese Leute ausfragen, bis ich gezwungen bin, mir irgendetwas auszudenken, damit die Polizei mich in Ruhe lässt.«

»Weißt du denn nichts über diese Männer?«

Bepo zuckte die Achseln. »Nicht mehr als jeder andere auch. Es sind Guerilleros. Seit einigen Monaten machen sie die Anden unsicher. Es ist bisher nicht bekannt, wer ihr Anführer ist, oder wo sie sich verstecken.

Aber sie kämpfen nicht gegen die diktatorischen Verhältnisse oder für mehr Demokratie. Was sie wollen, ist, dass die Herrschaft der Inkas wieder beginnt. Alle Indios in den Anden fürchten die goldenen Söldner. Ein Menschenleben zählt für sie nicht viel.«

Bepo schluchzte und verbarg sein Gesicht in den Händen.

»Diese Männer sind mir unheimlich, und ich weiß nicht, warum sie Carlo getötet haben. Ich kauerte gerade auf dem Dach, um nach Ihnen und dem alten Armas Ausschau zu halten. Plötzlich drangen die goldenen Söldner in die Sackgasse ein und töteten Carlo. Aber mich entdeckten sie nicht – sonst wäre ich jetzt auch tot!«

Samuel und ich tauschten einen raschen Blick. Bepo zitterte vor Angst.

»Was sollen wir denn jetzt machen?«, fragte Samuel ratlos.

»Wir dürfen Bepo unter diesen Umständen nicht nach Chicla zurückschicken«, erwiderte ich. »Warum nehmen wir ihn nicht einfach mit?«

Ehe Samuel einen Einwand erheben konnte, sprang Bepo auf und ergriff unsere Hände. Sein Gesicht strahlte vor Glück.

»Ja, bitte. Nehmen Sie mich mit!«, rief er begeistert. »Sie werden es nicht bereuen. Was immer Sie vorhaben – ich werde Ihnen helfen!«

Samuel verdrehte demonstrativ die Augen.

»Also gut«, sagte.er mürrisch. »Aber wehe, das ist wieder einer deiner Tricks. Dann werde ich dir gehörig die Ohren langziehen.«

10

Die Schatten der Berge wurden immer länger. Die Abenddämmerung begann sich über die Berge zu senken. Noch immer folgten wir dem leicht aufwärts führenden Felssims. Bepo saß auf meinem Maulesel, damit sein verstauchtes Bein sich etwas erholen konnte. Er machte ein glückliches und zufriedenes Gesicht. Dann und wann sang er mit verhaltener Stimme ein altes Indiolied und grinste mich vergnügt von seinem Esel herab an.

Meine Stimmung war dagegen miserabel. Immer wieder musste ich an die gespenstische Erscheinung aus dem Zug denken, von der ich nun wusste, dass sich nicht der alte Indio namens Armas dahinter verbarg.

Bepo war davon überzeugt, dass es sich um einen Geist gehandelt haben musste. Ich fragte mich, was das Auftauchen dieser Erscheinung zu bedeuten hatte, und warum sich der Unheimliche nachts vor dem Gasthaus herumgetrieben hatte.

Aber auf diese Fragen konnte auch Bepo mir keine Antwort geben. Meine Fragen schienen den Jungen zu beunruhigen, und darum behelligte ich ihn schließlich nicht weiter mit diesem Thema.

Aber es gab noch etwas anderes, das mir Kopfzerbrechen bereitete.

Mir war aufgefallen, dass Samuel sein Notizbuch immer wieder hervorholte, darin herumblätterte und die Umgebung studierte. Mir kam es so vor, als versuche er, sich anhand der Aufzeichnungen in dem Gebirge zu orientieren.

Wieder beschlich mich das ungute Gefühl, dass Samuel sich das erste Mal in diesem Gebiet aufhielt. Ich erinnerte mich noch, wie erstaunt er gewesen war, als wir auf die Autospuren stießen.

Ich wurde aus dem jungen Archäologen einfach nicht schlau und nahm mir vor, ihn im Auge zu behalten.

Da plötzlich beschrieb der Sims eine scharfe Kurve um einen Felsvorsprung.

Als ich mit meinem Muli die Kurve genommen hatte, fand ich mich einem großen, ebenen Platz gegenüber. Eine steil aufragende, blutrote Felswand schloss ihn zur Hälfte ein. Auf der anderen Seite führte ein Abgrund senkrecht in die Tiefe.

Aber es war nicht der Anblick der Felsen, der mich stocken ließ. Mir waren ein paar riesige Felsbrocken aufgefallen, die im Schatten der steil aufragenden Felswand lagen. Einer dieser Felsen wies eine unnatürliche Form auf.

11

Und erst als meine Augen sich an die Schatten hinter der Biegung gewöhnt hatten, erkannte ich, dass es ein Jeep war, der zwischen den meterhohen Steinen parkte.

Vorsichtig näherten wir uns dem Wagen.

Ein vernehmliches Schnarchen drang aus dem Fahrzeug hervor.

»Was hat das zu bedeuten?«, flüsterte Samuel fassungslos.

Auf dem Rücksitz des Jeeps lag ein schmächtiger, hagerer Mann. Er trug einen eleganten maßgeschneiderten Anzug, der ziemlich verstaubt und ramponiert aussah. Der Mann hatte graumeliertes Haar und einen schmalen Schnurrbart. Er hatte sich mit einer bunten Indiodecke halb zugedeckt und schlief tief und fest.

»Er sieht aus wie ein Europäer«, bemerkte Samuel. »Was hat dieser Kerl in der Wildnis der Anden verloren? Er ist gekleidet, als wollte er einen Spaziergang in einem Stadtpark unternehmen. Sehen Sie sich doch nur seine Schuhe an.«

Die Füße, die unter der Indiodecke hervorschauten, steckten in verstaubten Sommerschuhen. Zu Fuß würde der Fremde in den Bergen nicht weit kommen.

Bepo war vom Maulesel abgestiegen und schwang sich auf die kleine Ladefläche des Jeeps. Dann rüttelte er den Fremden wach.

Der Mann schrie erschrocken auf und saß im nächsten Moment senkrecht.

Gehetzt schaute er sich um. Doch dann entspannte sich seine Haltung, und er atmete erleichtert auf.

»Mon Dieu, haben Sie mich erschreckt«, sagte er und grinste verlegen. Er sprach englisch. Aber sein französischer Akzent war nicht zu überhören. »Ich dachte schon, dieser schreckliche Kerl mit seiner schwarzen zerfledderten Robe würde mir wieder nachstellen ...«

Bepo zog sich unbehaglich aus dem Wagen zurück und drängte sich an meine Seite. Die Erwähnung des Unheimlichen schien ihn erneut eingeschüchtert zu haben.

»Wer sind Sie und was haben Sie hier zu suchen?«, fuhr Samuel den Fremden unhöflich an.

Der schmächtige Mann verließ umständlich das Auto. Er stellte sich dabei so ungeschickt an, dass er stolperte und beinahe der Länge nach hinschlug.

Aber Samuel griff geistesgegenwärtig zu und hielt ihn am Arm fest.

»Danke ... danke«, stammelte der Mann und befreite sich aus Samuels Griff. Dann wandte er dem jungen Archäologen den Rücken und drehte sich zu Bepo und mir.

»Mein Name ist Jacques Gilian«, stellte er sich vor und deutete eine elegante Verbeugung an. »Ich bin Franzose und betreibe in Paris einen Antiquitätenladen.«

Während er sich verbeugte, rutschte eine Kette mit einem schweren Medaillon unter seinem unordentlichen Hemd hervor.

Das Medaillon war handtellergroß und bestand aus purem Gold. Eine schematische Darstellung der untergehenden Sonne mit breitgefächerten Strahlen war darauf zu erkennen.

Das Zeichen der goldenen Söldner!

Jacques Gilian beeilte sich, das Medaillon wieder unter seinem Hemd verschwinden zu lassen.

Ich tat so, als hätte ich nichts bemerkt, und stellte uns dem Franzosen der Reihe nach vor.

Bepo aber drängte sich noch dichter an meine Seite. In seinen Augen spiegelte sich nackte Angst, denn auch ihm war das goldene Medaillon nicht entgangen.

»Sie müssen sich verfahren haben«, erklärte Samuel. »Dieser Sims hier ist keine offizielle Straße. Wahrscheinlich sind Sie falsch abgebogen.«

Der Franzose bedachte Samuel mit einem abfälligen Blick.

»Ich habe den weiten Weg von Lima bis hierher mit dem Jeep zurückgelegt und weiß genau, wo ich mich befinde!«

Samuel warf mir einen düsteren Blick zu. »Darf ich fragen, was Sie dann ausgerechnet hier zu suchen haben?«

»Für einen Bergsteiger stellen Sie ungewöhnlich viele Fragen«, pikierte sich Jacques Gilian. »Ich möchte Ihnen nur soviel verraten, dass ich auf der Suche nach einem uralten Ort bin, der hier ganz in der Nähe liegen muss.«

»Handelt es sich dabei zufällig um eine Inkagrabstätte?«, fragte ich unumwunden.

Der Franzose sah mich überrascht an. »Mon Dieu! Wie haben Sie das erraten?«

»Sie sind nicht der einzige, der sich zu diesem Grab auf den Weg gemacht hat. Wir haben dasselbe Ziel. Und eine andere Gruppe ist uns sogar schon einen Tagesmarsch voraus.«

»Das ist erstaunlich«, murmelte Jacques Gilian.

Plötzlich packte Samuel den Franzosen am Kragen.

»Woher haben Sie von dem Inkagrab erfahren?«, fragte er.

Jacques Gilian sah Samuel befremdet an. »Lassen Sie mich auf der Stelle los«, zischte er. »Sie haben kein Recht, mich so grob zu behandeln. Außerdem ist es mir unangenehm, über diese Dinge zu sprechen.«

Ich legte Samuel eine Hand auf den Unterarm. Zögernd gab er den Mann wieder frei.

»Da wir nun einmal festgestellt haben, dass wir dasselbe Ziel haben, schlage ich vor, Sie schließen sich uns an«, sagte ich und übersah den grimmigen Blick, den Samuel mir zuwarf.

»Wenn Ihr Freund sich dazu durchringen könnte, mich höflicher zu behandeln, werde ich mir Ihr Angebot durch den Kopf gehen lassen«, erwiderte der Franzose spitz.

12

Samuel hatte wirklich an alles gedacht und die Mulis sogar mit Brennholz beladen, das wegen der kargen Vegetation in dieser Höhe Mangelware war. Und so konnten wir uns nach Einbruch der Dunkelheit um ein knisterndes Lagerfeuer scharen, das in der Mitte des Plateaus brannte.

Der Widerschein der Flammen tanzte gespenstisch über die steilen Felswände, die uns umgaben, während auf der gegenüberliegenden Seite, dort, wo der Abhang sich jäh auftat, schwarze unheimliche Leere gähnte.

Über uns spannte sich ein klarer Sternenhimmel, bei dessen Anblick ich unter normalen Umständen romantische Gefühle entwickelt hätte.

Stattdessen aber fühlte ich mich beklommen und unwohl. Die Expedition hatte eine höchst sonderbare Wendung genommen. Bepo und Jacques Gilian waren wirklich nicht die geeigneten Gefährten für ein so schwieriges und gefährliches Unterfangen.

Aber es war nicht ihre Anwesenheit, die mich beklommen machte, sondern die Tatsache, dass uns alle etwas Mysteriöses verband: Der unheimliche Indio mit der zerfledderten schwarzen Robe!

Ich hatte mir meinen Schlafsack über die Schultern gelegt und Bepo meine Decken überlassen. Der Indiojunge starrte mit düsterem Gesichtsausdruck in die Flammen.

Samuel hingegen saß etwas abseits mit dem Rücken an die Felswand gelehnt und blätterte missmutig in seinem Notizbuch herum, während Jacques Gilian über dem Feuer ein paar Dosen aufwärmte, die er als Verpflegung in seinem Jeep mitgeführt hatte.

»Als wir Sie bei unserer Ankunft aus dem Schlaf gerissen haben, hatten Sie angedeutet, dass Sie unangenehme Bekanntschaft mit einem seltsamen Indio in einer zerfledderten Robe gemacht hatten«, sprach ich den Franzosen auf das Thema an, das mich momentan am meisten beschäftigte.

Jacques Gilian nickte unbehaglich und zog seine Indiodecke unwillkürlich enger um seine Schultern.

»Ich habe noch nie etwas so Schreckliches erlebt«, sagte er und sah mich über die Flammen hinweg an. »Bevor ich mich nach Peru aufgemacht habe, hatte ich nicht an Gespenster oder Geister geglaubt. Aber nun wurde ich eines Besseren belehrt.

Es gibt Gespenster. Und der Kerl mit seiner zerfledderten Robe und dem merkwürdigen Schlapphut ist ein solches Gespenst gewesen – da bin ich mir hundertprozentig sicher.«

»Warum sind Sie sich da so sicher?«, hakte ich nach, da der Franzose schaudernd innegehalten hatte.

»Ich werde Ihnen meine Begegnung mit diesem Geist genau schildern«, sagte er mit rauer Stimme. »Dann werden auch Sie überzeugt sein, dass es nur ein Gespenst gewesen sein kann, mit dem ich es zu tun bekam.«

Er straffte sich, atmete tief durch und fing dann an zu erzählen:

»Ich fuhr mit meinem Jeep gerade über eine enge Bergstraße, die in steilen Serpentinen eine staubgraue, fast senkrechte Felswand emporführte, als diese düstere Gestalt plötzlich vor mir auf der Fahrbahn erschien.

Von einem Augenblick auf den anderen stand der Unheimliche plötzlich da. Ich hatte das Gefühl, dass es plötzlich dunkel geworden war. Die zerfledderte Robe der Gestalt wallte gespenstisch, obwohl es völlig windstill war. Unter seinem verbeulten Schlapphut leuchteten mir zwei eisblaue unheimliche Augen entgegen.

In der ersten Schrecksekunde dachte ich, ich hätte gedöst und den Indio, für den ich das Gespenst zu diesem Zeitpunkt noch hielt, übersehen.

Hart trat ich auf die Bremse.

Der Jeep kam ins Schlingern, und um ein Haar wäre ich mit dem Fahrzeug über den Fahrbahnrand hinausgeschossen und in den Abgrund gestürzt.

Aber es gelang mir, den Wagen in letzter Sekunde unter Kontrolle zu bekommen.

Dafür aber sauste ich nun genau auf die düstere Gestalt zu.

Ich schrie vor Entsetzen auf und erwartete jeden Augenblick den dumpfen Aufprall, wenn der Jeep den Indio erfasste.

Aber etwas noch viel Schrecklicheres geschah!

Die Kühlerhaube des Wagens tauchte plötzlich in die Gestalt hinein, so, als bestünde der Unheimliche nur aus Nebel und nicht aus fester Materie.

In der. nächsten Sekunde schoss ich auch schon mit dem ganzen Wagen durch den Geist hindurch. Eiseskälte schlug mir entgegen. Ich hatte das Gefühl, in der Antarktis, nicht in Peru zu sein.

Nach wenigen Metern stand der Wagen dann still, und als ich mich gehetzt umschaute, war die Spukerscheinung verschwunden ...«

Jacques Gilian schüttelte unbehaglich den Kopf und lachte trocken auf.

»Wenn mir jemand diese Geschichte am Lagerfeuer erzählen würde, würde ich annehmen, er wolle mich mit einer Gruselstory das Fürchten lehren.

Aber es hat sich tatsächlich alles genau so zugetragen, wie ich es eben geschildert habe. Und das Seltsame daran ist, dass ich irgendwie das Gefühl habe, der Geist hätte es lieber gesehen, wenn ich mit meinem Jeep in den Tod gestürzt wäre ...«

Samuel stieß ein verächtliches Lachen aus.

»Sie werden diesen Quatsch doch wohl nicht glauben?«, fragte er mich.

Ich zuckte unbehaglich mit den Schultern. »Wir hatten doch auch schon ein Erlebnis mit diesem Kerl«, gab ich zu bedenken. »Dabei ging es auch nicht mit rechten Dingen zu. Vielleicht sollten wir lieber Wachen für die Nacht einteilen, falls dieser unheimliche Kerl wieder auftauchen sollte?«

»Das halte ich für überflüssig«, erwiderte Samuel. »Es ist wichtiger, dass Sie morgen früh alle ausgeruht und bei Kräften sind, anstatt nachts irgendwelchen Hirngespinsten aufzulauern.«

Niemand widersprach. Samuel hatte vielleicht recht. Außer ihm selbst hatte keiner von uns Erfahrung im Bergsteigen, geschweige denn die körperliche Ausdauer, die dafür nötig war. Der morgige Tag würde mit Sicherheit noch anstrengender werden als der heutige. Meine Muskeln schmerzten noch immer, und ich fühlte mich zum Umfallen müde.

Und trotzdem war an Schlaf nicht zu denken. Die jüngsten Vorkommnisse ließen mir keine Ruhe. Endlich wollte ich Antworten auf meine Fragen haben. Denn dass mit dieser Expedition irgendetwas nicht stimmte, konnte nun selbst Samuel nicht mehr leugnen.

Der junge Archäologe hockte noch immer bei der Felswand und studierte seine Aufzeichnungen. Er wirkte sehr nachdenklich. Seine linke Hand umschloss die Aufnähtaschen seiner Baumwollhose.

Ich wartete, bis Bepo und Jacques Gilian eingeschlafen waren. Dann erhob ich mich und schritt auf Samuel Lington zu.

Er lächelte schwach, als ich mich mit meinem Schlafsack neben ihn setzte.

»Können Sie etwa nicht einschlafen?«, fragte er unverfänglich.

»Ich könnte ... wenn ich endlich Gewissheit darüber hätte, was hier eigentlich vor sich geht«, erwiderte ich und ließ mein Gegenüber nicht aus den Augen.

Samuel lächelte unverbindlich und wollte gerade zu einer Erwiderung ansetzen. Aber ich ließ ihn gar nicht erst zu Wort kommen.

»Bisher haben Sie für all die seltsamen Geschehnisse während dieser Expedition eine plausible Erklärung gefunden. Aber Ihre Worte sollten nur über die Wahrheit hinwegtäuschen. Ich lasse mir von Ihnen nicht länger etwas vormachen. Ich spüre schon die ganze Zeit, dass Sie mich belügen. Bisher konnten Sie sich immer herausreden. Aber nun ist auch noch dieser Antiquitätenhändler aufgetaucht, der ebenfalls auf dem Weg zu Ihrem Inkagrab ist.

Was wird als nächstes kommen? Ein Bus voll mit Pauschalreisenden, die einen Abstecher zu einem unbekannten Inkagrab unternehmen?

Sie sind mir eine Erklärung schuldig. Und wenn Sie mich wieder mit Ausflüchten abspeisen wollen, werde ich morgen mitsamt der Ausrüstung nach Chicla zurückkehren und die Expedition abbrechen.«

Samuel seufzte auf und biss sich auf die Unterlippe.

»Also gut«, sagte er gepresst. »Ich erzähle Ihnen die ganze Wahrheit. Aber ich fürchte, Sie werden mir kein Wort glauben. Denn die Wahrheit klingt in diesem Fall weitaus unglaubwürdiger als alles, was Sie bisher aus meinem Mund vernommen haben.«

13

»Es fing alles vor einem halben Jahr an«, meinte Samuel und blickte nachdenklich zum Feuer hinüber, dessen Widerschein sich zuckend auf seinem markanten, braungebrannten Gesicht spiegelte.

»Ich hielt mich gerade in Deutschland in einer alten, halbverfallenen Burg auf, wo ich im Auftrag des neuen Besitzers Baupläne anfertigen sollte. Der neue Besitzer beabsichtigte, die Burg zu einem Hotel und Restaurantbetrieb umzubauen  und ich sollte die Ausstattung der Räume übernehmen. Es sollte alles so wie im Mittelalter aussehen.«

Samuel schüttelte den Kopf. »Es war nicht die Art von Job, die einen Archäologen glücklich macht. Aber ich war knapp bei Kasse und musste annehmen, was sich mir bot. Ein freiberuflicher Archäologe hat es in dieser Zeit ziemlich schwer, überall herrscht Geldknappheit und die interessanten Jobs teilen sich die älteren und erfahreneren Archäologen untereinander auf.

Ich war frustriert.

Dann träumte ich in der Burg eines Nachts von einem Inka Grab, das sehr gut erhalten war und in einem versteckten Tal unberührt dalag.

Der Traum war realistisch und wies erstaunliche Einzelheiten auf.

Aber ich schenkte dem Traum keine weitere Beachtung. Ich nahm an, dass sich in ihm meine Sehnsucht nach einer wirklichen Herausforderung widerspiegelte.«

Samuel ließ die Blätter seines Notizbuchs über den Daumen gleiten.

»Als der Traum sich dann ständig wiederholte und sich die Bilder des üppigen Tals mit der Grabstätte sogar am Tag in mein Bewusstsein schummelten, begann ich, all die Einzelheiten in dieses Buch einzutragen.

Je mehr ich mich mit dieser Sache beschäftigte, desto überzeugter war ich, dass irgendetwas an der Geschichte dran sein musste. In meinen Träumen sah ich nun auch die nähere Umgebung, in der das Tal lag. Bestimmte Felsformationen und die Silhouette von Bergen prägten sich mir ein.

Ich begann zu recherchieren und stellte fest, dass es die Berge, die ich in meinen Träumen sah, hier in den peruanischen Anden wirklich gab.

Von da an war ich von der Idee, dass auch das Inkagrab existieren müsste, wie besessen. Ich wollte mich auf die Suche nach diesem Grab begeben  koste es, was es wolle.«

Samuel lachte trocken auf.

»Aber ich hatte kein Geld, und der Kerl, für den ich die Burg her richten sollte, feuerte mich schließlich, da ich mit meinen Gedanken nicht mehr bei der Arbeit war, sondern mich ständig mit meinen Träumen beschäftigte.

In diesem Moment erinnerte ich mich an die Zeit, da ich im British Museum gearbeitet hatte. Ich verfiel auf die verrückte Idee, Professor Sloane für das Inkagrab zu begeistern, damit er mir die Reise nach Peru finanzierte.

Dafür musste ich mir natürlich eine Geschichte zurechtlegen. Der Professor würde mich kaum unterstützen, wenn er erfuhr, dass mein Wissen über das Inkagrab nur auf Träumen beruhte.

Also erzählte ich ihm, dass ich das Grab während einer Reise zufällig entdeckte und nun eine Expedition vornehmen wollte.

Professor Sloane hörte sich meinen Bericht ruhig an.

Ich fürchtete schon, dass er mein Ansinnen ablehnen würde.

Doch dann nickte er plötzlich.

Die Sache hört sich sehr interessant an, sagte er. Aber bevor ich eine kostspielige Expedition auf die Beine stelle, möchte ich, dass sich eine meiner Mitarbeiterinnen den Fundort ansieht und eine umfassende Bestandsaufnahme vornimmt. Ihre Aufzeichnungen erscheinen mir nicht hinreichend genug.

Mit diesem Vorschlag kam der Professor mir sehr entgegen. Auf diese Weise konnte ich das Inkagrab erst einmal in Ruhe suchen, ohne gleich einen ganzen Stab von Leuten mitzunehmen, die mir nur unbequeme Fragen gestellt hätten.«

Samuel sah mich an und grinste breit. »Ich hatte damals nicht geahnt, dass Professor Sloane mir eine Kollegin zur Seite stellen würde, die so skeptisch und feinfühlig ist wie eine ganze Horde von Experten ... und die mich zwingen würde, ihr die Wahrheit zu gestehen, die mir selbst so phantastisch vorkommt, dass ich mich manchmal darüber wundere, wie ich annehmen konnte, aufgrund von Träumen ein unbekanntes Inka Grab zu finden.«

Samuel verstaute das Notizbuch in seiner Jackentasche. »Jetzt kennen Sie die ganze Geschichte«, sagte er abschließend. »Ich bin fest überzeugt, dass es dieses Inkagrab wirklich gibt. Und ich werde meine Suche auch dann weiterführen, wenn Sie mich morgen mit der ganzen Ausrüstung verlassen sollten.«

»Das habe ich nicht vor.«

Samuel sah mich entgeistert an. »Soll das heißen, dass Sie meine Geschichte glauben?«

Ich zuckte mit den Schultern. »Sie werden vielleicht erstaunt sein, wenn ich Ihnen sage, dass ich schon weitaus merkwürdigere Dinge erlebt habe.

Doch für die meisten mysteriösen Vorkommnisse gibt es eine Erklärung. Sie mag manchmal genauso phantastisch erscheinen wie die Phänomene selber. Aber es lohnt sich, den Dingen auf den Grund zu gehen.

Bei Ihnen drängt sich mir die Frage auf, warum ausgerechnet Sie diese seltsamen Träume hatten. Irgendeine Verbindung muss zwischen Ihnen und diesem Inkagrab existieren.«

Samuel sah mich verblüfft an. »Über diese Frage habe ich ehrlich gesagt noch nicht nachgedacht. Mir würde auch keine Antwort einfallen. Ich war noch nie in meinem Leben in Peru. Auch mit der Geschichte der Inkas hatte ich mich vorher nie besonders intensiv auseinandergesetzt.«

Ich schaute auf Samuels linke Hand, die wieder auf der Aufnähtasche seiner Baumwollhose ruhte.

Samuel zog die Hand rasch zurück und lächelte verlegen.

»Es ist nichts«, behauptete er. »Nur eine Art Talisman, den ich vor Jahren einmal auf einem Trödelmarkt erstanden habe. Damals studierte ich noch, und als ich den Talisman erblickte, wusste ich sofort, dass er sehr wertvoll und alt sein musste. Der Trödelhändler wusste anscheinend nicht, was er da zwischen all dem Gerümpel auf seinem Tisch liegen hatte. Ich erstand den Talisman zu einem Spottpreis. Seitdem trage ich ihn bei mir, denn ich bilde mir ein, dass er mir Glück bringt.«

»Zeigen Sie ihn mir«, forderte ich Samuel auf.

Zögernd knöpfte er die Aufnähtasche auf und zog ein goldenes, handtellergroßes Medaillon hervor.

Mit fast andächtiger Geste überreichte er mir das Schmuckstück.

Ein eiskalter Schauer rieselte mir den Rücken hinunter, als das kühle Medaillon in meiner Hand lag. Der rötliche Widerschein des Feuers ließ das Gold dunkel wie Blut erscheinen. Deutlich hob sich die stilisierte Darstellung einer untergehenden Sonne darauf ab.

Das Zeichen der goldenen Söldner!

Sollte dieses Medaillon für Samuels Träume verantwortlich sein?

Das würde immerhin erklären, warum der französische Antiquitätenhändler sich ebenfalls auf die Suche nach dem unbekannten Inkagrab gemacht hatte. Denn wenn Samuels Medaillon dem jungen Archäologen die Träume geschickt hatte, könnte Jacques Gilians Medaillon dasselbe mit dem Franzosen getan haben.

Vielleicht besaß auch Sir John Severen ein solches Amulett?

Samuel nahm mir das Medaillon sanft aus der Hand und verstaute es wieder in seiner Aufnähtasche.

Dann legte er einen Arm um meine Schultern.

»Danke«, flüsterte er. »Sie sind eine erstaunliche Frau. Niemals hätte ich erwartet, dass Sie meine Geschichte glauben und mich nicht wie einen verrückten Spinner behandeln würden.

Hätte ich das geahnt, hätte ich Sie schon sehr viel früher in mein Geheimnis eingeweiht.«

Müde schmiegte ich mich an seine Seite. Nun, da ich die Wahrheit kannte, war mir Samuel weitaus sympathischer geworden. Ich konnte seine Beweggründe gut verstehen und war ihm nicht böse, weil er mich die ganze Zeit über belogen hatte.

Mit diesem beruhigenden Gefühl schlummerte ich ein.

14

Jemand rüttelte an meiner Schulter. Ich öffnete schlaftrunken die Augen.

Über mir erblickte ich das Gesicht Bepos, das irgendwie besorgt aussah. Dahinter spannte sich der nächtliche Sternenhimmel.

Aber die Sterne wirkten seltsam fahl und gedämpft. Es war bitterkalt, und mein Atem beschlug.

Ich wusste, dass dies nichts Gutes zu bedeuten hatte, und war augenblicklich hellwach.

»Er ist wieder da«, flüsterte Bepo, und seine Stimme zitterte vor Angst.

Alarmiert richtete ich mich auf. Ich lag neben Samuel in meinem Schlafsack. Das Lagerfeuer war nahezu erloschen. Matt schimmerte die Glut in der Dunkelheit.

Bepo deutete die Steilwand empor. Als ich seinem ausgestreckten Arm mit Blicken folgte, bemerkte ich eine Gestalt oben am Grat, die noch schwärzer war als die schwärzeste Nacht.

Der Unheimliche vollführte mit den Armen beschwörende Gesten, während seine zerfledderte Robe in einem gespenstischen Wind flatterte. Unter dem breitkrempigen Hut leuchteten die kalten blauen Augen wie Elmsfeuer.

Plötzlich fing der Boden an zu vibrieren. In den Felswänden rumpelte und rumorte es verhalten. Sand und Erde rieselten auf das Plateau herab.

»Wir müssen sofort weg von hier!«, rief ich und schlüpfte aus dem Schlafsack.

Samuel brummte etwas Unverständliches vor sich hin und drehte sich auf die andere Seite.

»Samuel, Sie müssen aufwachen!«, mahnte ich eindringlich und rüttelte ihn an seiner Schulter.

Der junge Archäologe richtete sich benommen auf. »Was gibt es denn?«, fragte er schläfrig.

Ich schaute mich nach dem Franzosen um. Er hatte seinen Platz am Feuer verlassen und schlief in seinem Jeep.

Ohne zu zögern, rannte ich auf den Jeep zu, aus dem das laute Schnarchen von Jacques Gilian drang.

In diesem Moment rieselte Erde auf die Kühlerhaube des Wagens herab, der direkt vor der Steilwand parkte.

Ich beugte mich in den Wagen und packte den Franzosen an den Aufschlägen seiner maßgeschneiderten Jacke und rüttelte ihn kräftig durch.

»Wachen Sie auf, Jacques!«, schrie ich.

Da krachte ein kopfgroßer Stein auf den linken Kotflügel und hinterließ eine tiefe Delle im Blech.

Der Fanzose schreckte hoch und sah sich verwirrt um, während das Poltern in der Steilwand zunahm.

»Beeilen Sie sich«, drängte ich.

»Die Felswand wird jeden Moment einstürzen!«

Jacques rappelte sich umständlich auf. Aber ich wartete gar nicht erst, bis er ganz zu sich gekommen war, sondern zerrte ihn kurzerhand über die Kante des offenen Wagens.

Der Franzose stürzte zu Boden. Gerade wollte er in lautes Gezeter ausbrechen, als plötzlich ein großer Felsblock auf den Jeep niederstürzte  genau auf die Stelle, wo Jacques Gilian eben noch gelegen hatte!

Mit weit aufgerissenen Augen starrte der Franzose den Felsbrocken an.

Ich krallte meine Finger in seinen Ärmel und zog den Mann auf die Beine.

Dann rannten wir von der Felswand weg.

Samuel hatte sich unterdessen aus seinem Schlafsack gepellt. Er band die Maulesel ab, die unruhig an ihren Fesseln zerrten, und führte sie von der Steilwand fort.

Kaum hatten wir das Ende des Plateaus erreicht, brach der Grat der Felswand ab und stürzte unter lautem Getöse in die Tiefe. Der Jeep wurde unter mehreren Felsblöcken begraben.

Staub und Sand wirbelten auf.

Fassungslos sahen wir mit an, wie die ganze Felswand ins Rutschen kam und unseren Lagerplatz verschüttete.

Nach einer Weile kehrte wieder Ruhe ein. Der Staub legte sich langsam, und ich bemerkte, dass die eisige Kälte gewichen war.

Es wunderte mich daher gar nicht, dass ich die unheimliche Gestalt nicht mehr sah, als die Sicht auf den abgebrochenen Grat der Felswand wieder frei wurde.

»Verdammt«, stieß Samuel mit hohl klingender Stimme hervor und sah mich fassungslos an. »Wenn Sie uns nicht gewarnt hätten, wären wir jetzt alle tot.«

Ich legte einen Arm um Bepos Schultern. »Sie können sich bei unseren jüngsten Begleiter bedanken. Bepo hat den unheimlichen Indio in der zerfledderten Robe als erster bemerkt und mich geweckt.«

Samuel runzelte die Stirn. »Sie glauben, dass dieser Kerl aus dem Zug dafür verantwortlich ist, dass die Felswand einstürzte?«

»Ich habe ihn deutlich gesehen«, erwiderte ich. »Wir sollten in Zukunft besser aufpassen. Es sieht ganz danach aus, als wollte dieser Kerl mit allen Mitteln verhindern, dass wir das Inkagrab erreichen.«

15

Einen kleinen Teil unserer Ausrüstung konnten wir unter den Steinen, die das Plateau verschüttet hatte, bergen. Der Rest lag unter großen Felsblöcken vergraben oder war restlos zerstört worden.

Der Morgen war längst angebrochen, als wir uns wieder auf den Weg machten. Dabei kam uns der Erdrutsch ganz gelegen, denn die Erde und die Felsbrocken hatten eine Art Rampe gebildet, die es uns nun ermöglichte, die Felswand ohne große Mühen zu erklimmen.

Nachdem wir mit den Mulis die holprige Rampe gemeistert hatten, erstreckte sich vor uns eine weitläufige grüne Talsenke, an deren gegenüberliegendem Ende sich ein schroffer kantiger Berg aus schwarzem Gestein auftürmte. Dahinter erhob sich ein weiterer, noch mächtigerer Bergrücken, dessen Spitze jedoch vom Morgendunst und Nebel verhangen war.

Samuel deutete auf den zerklüfteten schwarzen Berg im Vordergrund.

»Dort liegt unser Ziel«, meinte er, und in seinen Augen leuchtete es seltsam. »Ich erkenne diesen Berg wieder. In wenigen Stunden werden wir das versteckte Tal mit dem Inkagrab erreicht haben.«

Jacques Gilian atmete einmal tief durch und streckte die Arme aus, als wollte er die Landschaft vor sich umarmen. »Mein Bestimmungsort«, raunte er selbstvergessen. »Ich wusste, dass ich ihn hier finden würde.«

Ich bedachte die beiden Männer mit einem besorgten Seitenblick. Sie waren von dem Anblick des zerklüfteten schwarzen Berges so hingerissen, dass sie mich und Bepo vergessen zu haben schienen.

Ich nahm ein Fernglas zur Hand und betrachtete den Berg genauer.

Die steilen Felswände erschienen mir abweisend und unheimlich. Mit seinen zerklüfteten Graten und dem spitzen, abgebrochenen Gipfel wirkte der Berg auf mich eher wie die Ruine einer überdimensionalen Burg.

Um diesen Berg zu erklimmen, benötigte man eine Bergsteigerausrüstung, die wir nicht hatten. Folglich konnte ich den Optimismus der beiden Männer nur schwer nachvollziehen.

Da bemerkte ich plötzlich eine Bewegung am Fuße des Bergs. Ich stellte das Fernglas darauf ein und erkannte, dass es sich um eine Gruppe von Menschen handelte, die gerade damit beschäftigt waren, ihre Zelte abzubrechen.

»Da sind ja auch schon die Leute von Sir John Severen«, rief ich. »Sie haben den Berg bereits erreicht.«

Samuel nahm mir das Fernglas aus der Hand und schaute selbst nach.

»Wie, sagten Sie, heißt dieser Kerl, der uns mit seiner Expedition einen Tag voraus ist?«, hakte Jacques Gilian unbehaglich nach.

»Sir John Severen.«

Der Franzose stieß einen überraschten Pfiff aus. »Ich kenne diesen Burschen«, sagte er. »Er ist ein fanatischer Sammler von Antiquitäten und Kunstwerken und lebt irgendwo in Schottland in einem alten Schloss. Angeblich soll das Gemäuer bis zum Rand mit Kostbarkeiten aus allen Ländern vollgestopft sein. Seine Sammlerleidenschaft ist fast schon pathologisch, erzählt man sich. Ein Sammlerstück, das einmal seine Aufmerksamkeit erregt hat, landet mit Sicherheit irgendwann in seinem Schloss  auf welchem Weg auch immer.«

»Das hört sich an, als hätten wir es hier mit einem äußerst unangenehmen Zeitgenossen zu tun«, bemerkte ich.

Jacques Gilian nickte. »Wir sollten uns beeilen, wenn wir noch etwas von der Grabstätte sehen wollen, ehe Sir John alles an sich gerissen hat, was nicht niet- und nagelfest ist.«

Ich seufzte. Unsere Expedition schien unter keinem guten Stern zu stehen. Andauernd stießen wir auf unvorhersehbare Hindernisse. Nun bekamen wir es also auch noch mit einem raffgierigen Sammler zu tun.

Schweigend setzten wir uns wieder in Bewegung. Bepo blieb stets in meiner Nähe. Ihm waren die beiden Männer offenbar unheimlich.

Ich versuchte Jacques noch einmal darauf anzusprechen, woher er von der Existenz des Inkagrabes wusste. Aber ich erhielt von dem französischen Antiquitätenhändler nur die lapidare Antwort, dass er seine Informationsquellen nicht preisgeben würde.

Auch über die Gründe, warum er diese beschwerliche Reise auf sich genommen hatte, wollte er sich nicht weiter auslassen.

Dass er sich bei unserem Gespräch unwillkürlich an die Brust fasste, wo unter seinem Hemd das Medaillon hing, erhärtete nur meinen Verdacht, dass das sonderbare Schmuckstück etwas mit dieser mysteriösen Sache zu tun haben musste.

Mit düsteren Gedanken beladen, trottete ich neben meinem Maulesel und Bepo her – den schwarzen unheimlichen Berg und die beiden verschwiegenen Männer immer vor meinen Augen.

16

Am Nachmittag hatten wir den Fuß des düsteren Berges und damit auch das verlassene Lager von Sir John erreicht.

Ein Dutzend Maulesel und Pferde grasten friedlich auf der weitläufigen Weidefläche des Tals. Die Tiere waren von der Expedition zurückgelassen worden, da sie in dem steilen Gelände unbrauchbar waren.

Auch Samuel fing nun an, unseren Mulis das Gepäck vom Rücken zu schnüren und auf uns zu verteilen. Das Bündel, das er mir und Bepo auflud, war nicht ganz so groß wie das, das Samuel und Jacques zu tragen hatten.

Dennoch erschien es mir unmöglich, mit dem schweren Rucksack auf den Schultern den steilen Berg zu erklimmen.

»Warten Sie ab«, erwiderte Samuel abwesend, als ich ihm meine Zweifel mitteilte. »Es ist gar nicht nötig, den Berg zu besteigen.«

Zu weiteren Äußerungen war er nicht bereit. Schulterzuckend schlossen Bepo und ich uns den beiden Männern an.

Wir stiegen eine kleine Anhöhe empor. Die Abdrücke und Spuren auf dem Boden ließen erkennen, dass Sir John und seine Leute denselben Weg genommen hatten.

Dann standen wir vor einer hoch aufragenden, obsidianschwarzen Felswand. Ein schmaler Pfad führte seitwärts daran entlang und mündete schließlich in einem tiefen, finsteren Spalt, der die halbe Bergwand senkrecht durchzog.

Unheimliche Dunkelheit und tiefe Schatten herrschten in dem Felsspalt, der nur wenige Meter breit war, dafür aber tief ins Innere des Berges hineinführte.

Im Innern des Spalts fiel der Boden jäh ab und verlor sich irgendwo in der Finsternis. Der Pfad war nun nicht mehr als ein schmaler Sims, der an der steilen, scharfkantigen Felswand in den Berg hineinführte. Während zu unserer Rechten die Felswand aufragte, die sich nach hundert Metern mit der gegenüberliegenden Wand wieder verband und eine Art Kuppeldach bildete, verlief zu unserer Linken eine tiefe Schlucht, deren Boden in der Dunkelheit nicht auszumachen war. Die gegenüberliegende Felswand war nur fünf Meter entfernt und verlief parallel zu der Mauer, an der wir uns vorsichtig voranarbeiteten. Aber durch den tiefen Abgrund war sie für uns unerreichbar.

Fledermäuse hingen von der spitzen, gewölbten Felsdecke. Wasser tropfte von dort in die unauslotbare Tiefe der finsteren Schlucht.

Ich presste mich mit dem Rücken an den kalten, rauen Fels und arbeitete mich Schritt für Schritt vorwärts.

Immer weiter drangen wir in den Berg vor. Der Spalt weitete sich zu einer großen Höhle aus. Schon bald war von dem Eingang hinter uns nur noch ein hellerleuchtetes, schmales Oval zu erkennen.

Samuel, der als erster ging, hatte eine Taschenlampe bei sich und ließ den Lichtfinger über die feuchtschimmernden Felswände huschen. Einige Fledermäuse schreckten auf und flatterten aufgebracht durch die Höhle.

Jacques, der vor mir ging, wurde unruhig. Angewidert fuchtelte er mit den Armen in der Luft  und verlor plötzlich den Halt.

Samuel wirbelte herum und packte den Franzosen am Rucksack.

»Verhalten Sie sich ruhig«, mahnte er den Antiquitätenhändler ungehalten. »Sie wissen, dass wir es gleich geschafft haben!«

Ich horchte auf. Samuel schien sich jetzt damit abgefunden zu haben, dass er nicht der einzige war, der auf mysteriöse Weise zu dem Inkagrab gefunden hatte. War auch dies dem Einfluss des Sonnenmedaillons zuzuschreiben?

Nach wenigen Metern beschrieb der Sims eine Biegung. Die beiden Wände drifteten weiter auseinander und bildeten eine große, unheimliche Grotte, dessen Boden sich einige Meter unter uns abzuzeichnen begann. Ich erkannte nadelspitze Stalagmiten, die aus der Dunkelheit emporwuchsen.

Kaum auszudenken, was geschehen würde, wenn einer von uns den Halt verlor und in die Tiefe stürzte!

Da bemerkte ich eine gezackte Öffnung, die sich nur wenige Meter vor uns in der Felswand auftat. Mattes Licht drang herein und ließ den feuchten schwarzen Fels um uns herum fahl schimmern.

Der Sims führte genau auf die Öffnung zu. Und als wir endlich hindurchtraten, tat sich vor uns ein kreisrundes grünes Tal auf, das von den hohen düsteren Felswänden des Berges vollständig eingeschlossen war.

Der Anblick verschlug mir den Atem.

In dem Tal wucherten üppige Pflanzen und Sträucher. Eukalyptusbäume und blühende Agaven bildeten einen wilden, verfilzten Dschungel und in der Mitte glitzerte ein tiefblauer See.

Da wir etwas oberhalb des Tals herausgekommen waren, konnten wir die kleine grüne Oase gut überblicken.

Genau auf der gegenüberliegenden Seite des Tals, auf einer kleinen Anhöhe, die direkt an die hohe, steile Felswand anschloss, befand sich ein düsteres, ehrfurchtgebietendes Gebäude: das Inkagrab!

17

»Habe ich Ihnen zuviel versprochen?«, erkundigte sich Samuel gutgelaunt. »Der weite Weg und die Strapazen haben sich doch gelohnt!«

Ich nickte und konnte meinen Blick von dem Bauwerk nicht abwenden. Es hatte die Form einer Stufenpyramide. Die großen Felsquader, aus denen sie errichtet wurde, hatten die Farbe von schwarzem Glas. Moos und Flechten hatten sich in den Ritzen angesiedelt; Ranken und Blumen die einzelnen Stufen für sich erobert.

Trotz dieser Pflanzen und Blütenpracht wirkte das Inkagrab, dessen schwarzer Stein unheimlich unter dem leuchtenden Grün hervorschimmerte, bedrohlich und fremdartig. Es war kein Wunder, dass dieses Bauwerk bisher noch nicht entdeckt wurde, so abgeschieden und versteckt wie es gelegen war.

Und dennoch hatte sich nun plötzlich ganz unabhängig voneinander gleich eine ganze Gruppe von Leuten hier eingefunden.

In diesem Moment bemerkte ich auf einer kleinen Lichtung nahe dem See die Expeditionsgruppe von Sir John Severen. Ungefähr zwölf Indios waren damit beschäftigt, Zelte aufzubauen und Ausrüstungsgegenstände auszupacken.

»Dann wollen wir uns diesem Sir John mal vorstellen«, sagte Samuel an Jacques gewandt. »Er soll nicht glauben, dass er in diesem Tal allein ist.«

Wir stiegen den kleinen Hang hinab und tauchten wenig später in die Schneise ein, die die Indios in das Dickicht geschlagen hatten.

Bepo sah sich unbehaglich um und machte ein sehr nachdenkliches Gesicht.

In dem Tal war es stickig und warm. Die Pflanzen schwängerten die Luft mit dem schweren, süßlichen Duft ihrer Blüten.

Nach wenigen Minuten erreichten wir die Lichtung. Die Indios, die uns zuerst bemerkten, starrten uns mit großen Augen an. In der Mitte des Platzes und mit dem Rücken zu uns gekehrt, stand ein stattlicher, hochgewachsener Mann. Er trug einen maßgeschneiderten Tropenanzug und den passenden Helm dazu.

Als er registrierte, dass die Indios alle in eine Richtung starrten, wandte er sich abrupt um.

Sein Gesicht war hager und gepflegt. Die schmale, gerade Nase, die feinen Lippen und die grauen, kühl dreinblickenden Augen verliehen ihm ein aristokratisches Aussehen.

Dass sein Charakter diesem Äußeren allerdings durchaus nicht entsprach, bewies die erste Handlung des Mannes.

Plötzlich hatte er einen Revolver in der Hand, den er auf uns richtete.

»Wer sind Sie, und was haben Sie hier verloren?«, rief er uns unfreundlich zu.

»Dasselbe könnten wir Sie fragen«, entgegnete Samuel ungerührt.

»Sie haben mich verfolgt!«, rief der Mann aufgebracht, und ein fanatisches Feuer brannte plötzlich in seinen grauen Augen. »Wie sonst sollten Sie ausgerechnet in diesen abgelegenen Winkel der Welt kommen? Aber machen Sie sich keine Hoffnungen. Dieses versteckte Tal habe ich gefunden  und ich habe nicht vor, die Anwesenheit von Fremden hier zu dulden!«

Auf Samuels Stirn schwoll eine Zornesader, und er wollte gerade zu einer scharfen Erwiderung ansetzen.

Rasch legte ich dem jungen Archäologen eine Hand auf den Unterarm.

»Lassen Sie mich das machen«, raunte ich ihm zu und trat einen Schritt vor.

»Wir sind Archäologen und haben dieses Tal im Auftrag des British Museum aufgesucht«, erklärte ich. »Wir haben vor, die Inka-Grabstätte zu erforschen und besitzen eine offizielle Genehmigung der peruanischen Regierung. «

Ich stemmte die Fäuste in die Hüften und bemühte mich, streng dreinzuschauen.

»Sie sehen also, dass wir keine Veranlassung haben, uns vor Ihnen zu rechtfertigen. Mich würde allerdings interessieren, was Sie und Ihre Männer hier zu suchen haben. Wenn Sie auf der Jagd nach Inka-Kunstschätzen sind, muss ich Sie leider enttäuschen. Keine der Grabbeigaben darf außer Landes geschafft werden. Ich würde Ihnen raten, sich daran zu halten, denn ich habe gehört, dass die Gefängnisse in Peru ziemlich ungemütlich sein sollen.«

Der Mann stieß ein raues Lachen aus, ließ seine Waffe jedoch sinken und verstaute sie wieder unter seinem Tropenanzug. Dann kam er auf mich zu und baute sich vor mir auf.

Durchdringend sah er mich mit seinen grauen Augen an.

»Ich weiß zwar nicht, wie Sie ausgerechnet auf diese Grabstätte gestoßen sind«, sagte er mit unterdrücktem Zorn. »Aber in dieser Angelegenheit ist noch nicht das letzte Wort gesprochen. Ich weigere mich, dieses Tal für Sie und Ihre Leute zu räumen ...«

»Sie sind Sir John Severen?«, fragte ich.

Mein Gegenüber nickte grimmig.

Ich streckte ihm die Hand hin und stellte mich und meine Begleiter vor.

Widerwillig schlug der Kunst- und Antiquitätensammler ein.

»Woher wussten Sie von diesem Inkagrab?«, fragte ich und ließ meinen Blick rasch über seinen Körper schweifen  auf der Suche nach einem Sonnenmedaillon.

Aber entweder besaß Sir John kein solches Schmuckstück, oder er trug es versteckt unter seiner Kleidung – was mir weitaus wahrscheinlicher vorkam.

»Das geht Sie gar nichts an«, blaffte mein Gegenüber unfreundlich. »Sie sollen nur wissen, dass ich nicht umsonst hierhergekommen bin. Bisher konnte ich meinen Willen noch immer durchsetzen.«

»Davon bin ich überzeugt«, erwiderte ich säuerlich.

Plötzlich drang ein vielstimmiges Geschrei zu uns herüber.

Drei Männer kamen vom See her auf die Lichtung gerannt, als wäre der Leibhaftige hinter ihnen her.

Vor Sir John blieben sie stehen und riefen aufgeregt durcheinander.

Sir John belferte ein paar Befehle und brachte die Indios zum Schweigen. Dann ließ er sich von ihrem Wortführer berichten, was vorgefallen war.

»Der ... der Geist«, stammelte der Indio, der ganz grau im Gesicht aussah. »Er ist uns schon wieder begegnet. Diesmal unten am See. Er hat die Schaufeln und Hacken, die wir zum Grab bringen sollten, im Wasser versenkt.

»Faules Gesindel!«, schrie Sir John die eingeschüchterten Indios an. »Ihr wollt euch nur vor der Arbeit drücken und erfindet deshalb die haarsträubendsten Geschichten. Wahrscheinlich habt ihr das Werkzeug selbst in den See geworfen. Ich werde euch das Geld von eurem Lohn abziehen!«

Details

Seiten
360
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738907131
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v351447
Schlagworte
romantic thriller trio

Autor

Zurück

Titel: Romantic Thriller Trio #3