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Bleigewitter in Arkansas

2016 200 Seiten

Zusammenfassung

Sein Sinn für Gerechtigkeit bringt den Rancher Ben Lorrand in eine höchst gefährliche Situation. Er rettet das Geschwisterpaar Earl und Moira Sawtell vor der skrupellosen Verbrecherbande Phil Shaffers, die Earl töten möchte. Als hätte Ben mit Shaffers rachsüchtiger Bande nicht genügend Probleme am Hals, erkennt er in Moira eine alte Flamme aus gemeinsamen Tagen in Texas wieder. Gefühle regen sich, von denen Ben geglaubt hatte, dass sie in Texas geblieben waren. Doch zugleich spürt er, dass Moira und Earl ein Geheimnis umgibt, das seinen Kampf gegen Shaffers Desperados nicht einfacher macht. Der Strick ist bereits gedreht, an dem Shaffer Ben aufknüpfen will, während am Horizont ein schweres Gewitter aufzieht, ein Bleigewitter in Arkansas …

Leseprobe

Bleigewitter in Arkansas

 

 

JOHN F. BECK

 

 

Roman

 

 

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Edward Martin mit Steve Mayer, 2016

Ursprünglich erschien der Roman unter dem Titel „ Coltgewitter in Arkansas“

Korrektorat: Dr. Frank Rossnagel

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

Klappe

Sein Sinn für Gerechtigkeit bringt den Rancher Ben Lorrand in eine höchst gefährliche Situation. Er rettet das Geschwisterpaar Earl und Moira Sawtell vor der skrupellosen Verbrecherbande Phil Shaffers, die Earl töten möchte. Als hätte Ben mit Shaffers rachsüchtiger Bande nicht genügend Probleme am Hals, erkennt er in Moira eine alte Flamme aus gemeinsamen Tagen in Texas wieder. Gefühle regen sich, von denen Ben geglaubt hatte, dass sie in Texas geblieben waren. Doch zugleich spürt er, dass Moira und Earl ein Geheimnis umgibt, das seinen Kampf gegen Shaffers Desperados nicht einfacher macht. Der Strick ist bereits gedreht, an dem Shaffer Ben aufknüpfen will, während am Horizont ein schweres Gewitter aufzieht, ein Bleigewitter in Arkansas …

 

 

 

 

Roman

Fast gleichzeitig blickten die drei Männer auf, als sie das Hufgetrappel hörten.

Das werden sie sein, nicht wahr?“, sagte der junge Ollie Yale und schaute zu Phil Shaffer hin.

Shaffer nickte nur.

Seine Lippen waren schmal geworden, und in seinen Augen war ein eisiges Glimmen aufgetaucht. Aber sonst war sein etwas breitflächiges Gesicht völlig unbeweglich. Er stand von einem Felsklotz auf und dehnte seine breiten Schultern. Er schaute die beiden anderen Männer kaum an, als er sagte:

Also, in die Sättel, Freunde!“

Sie gingen rasch auf die Pferde zu, die sie im Schatten einer Gruppe von Zedern angebunden hatten. Sie machten die Tiere los und zogen sich auf die Rücken. Das Sattelleder knarrte leise.

Das Hufgetrappel, das zum Pass heraufkam, war lauter geworden. Deutlich stand das helle Hämmern der Hufe in der sonnendurchtränkten Stille.

Die drei Männer hielten die Zügel straff und warteten.

Ihre Gesichter zeigten finstere Entschlossenheit. Jeder von ihnen hatte die rechte Hand auf den Kolben des Colts gelegt. Sie trugen die Waffen ziemlich tief geschnallt, tiefer, als es bei gewöhnlichen Reitern der Fall war. Der Hauch von Härte und Wildheit, der von diesen drei Männern ausging, war unverkennbar.

Das Pochen der Hufe verlangsamte sich etwas. Wahrscheinlich war die zunehmende Steigung der Passstraße daran schuld.

Der junge Ollie Yale wollte sein Pferd bereits aus dem Gewirr von Felsblöcken, Sträuchern und Bäumen heraustreiben. Doch ein knapper Wink Shaffers hielt ihn zurück.

Lester Mahon, der dritte Reiter, wandte sich Shaffer zu.

Die Frau ist dabei, Phil. Was soll mit ihr geschehen?“

Die Frage klang heiser und verriet die verhaltene Anspannung, die in dem hageren Mann mit dem verwitterten Ledergesicht steckte.

Shaffer hob ungerührt die breiten Schultern.

Dumme Frage, Lester!“, erwiderte er hart. „Wir können mit ihr keine Ausnahme machen, oder? Sie weiß sicher genauso viel wie Earl. Klar?“

Mahon schwieg.

Das Hufgetrappel klopfte jetzt dicht unterhalb der Passhöhe.

Shaffers kalte Augen wurden eng. Er blickte flüchtig zu Yale und Mahon hin.

Nehmt lieber gleich eure Colts zur Hand. Earl braucht keine Chance.“

Seine Stimme tönte hart wie vorhin. Noch während er sprach, holte er mit einer gleitenden, fast spielerisch wirkenden Bewegung den Colt aus dem Halfter.

Die beiden anderen folgten seinem Beispiel.

Im nächsten Augenblick tauchten die beiden Reitergestalten, die von Shaffer und seinen Gefährten erwartet wurden, auf der Passhöhe auf. Es waren ein Mann und eine Frau. Der Mann war vielleicht dreißig Jahre alt und wie ein Spieler gekleidet mit einer dunklen Jacke, dunklen Hose, einem dunklen Hut und dazu einer ärmellosen, geblümten Weste und einem blütenweißen Seidenhemd.

Die Frau war jung, hübsch, besaß kupferrotes Haar und Augen von einem seltsamen Graugrün. Sie trug einen geteilten Reitrock, eine helle Bluse und hatte das Haar mit einem hellblauen Band im Nacken zusammengebunden. Die Art, wie sie im Sattel saß und das Pferd lenkte, verriet, dass sie eine geübte Reiterin war, eine Reiterin, die es mit jedem Mann aufnehmen konnte.

Der Mann und die junge Frau waren nur noch sieben Yard von der Stelle entfernt, wo die drei Reiter mit den harten Gesichternzwischen den Felsen und Bäumen warteten.

Das Sonnenlicht fiel wie goldener Regen zwischen den mächtigen Felsschultern nieder, die die Passstraße säumten.

Und als der Mann und die Frau mitten in dieses grelle Licht hineingerieten, zischte Phil Shaffer seinen Gefährten zu:

Los jetzt!“

Eine Sekunde später hielten sie ihre Gäule nebeneinander auf der sonnenbeschienenen Passstraße und versperrten den beiden Näherkommenden den Weg.

Die Colts lagen drohend und schussbereit in den Fäusten.

Hallo, Earl!“, sagte Shaffer mit seiner harten Stimme.

Sein Gesicht war noch immer unbewegt. Nur das Glitzern in seinen Augen verstärkte sich.

Der dunkelgekleidete Mann und die junge, rothaarige Frau hielten sofort an.

Das Gesicht der Frau wurde bleich. Ihre graugrünen Augen weiteten sich.

Der Mann presste die Lippen aufeinander.

Ihr hättet wohl nicht gedacht“, sagte Shaffer ruhig, „dass wir schon auf euch warten.“

Der junge Yale, der links von ihm im Sattel saß, lachte leise und triumphierend.

Die Falten in Mahons tückischem Ledergesicht schienen sich noch vertieft zu haben. Auch er zeigte jetzt ein spöttisches Grinsen.

Der Dunkelgekleidete machte eine jähe Bewegung, als wolle er unter den Rock greifen.

Nicht, Earl!“, rief die Frau neben ihm hastig. „Nicht ... sie schießen dich sonst nieder.“

Der Dunkle wurde völlig steif.

Was wollt ihr?“, fragte er heiser.

Nun mach keine Witze, Earl!“, sagte Shaffer kalt. „Du weißt doch verdammt genau, warum wir hier sind. Du weißt doch, dass wir jetzt seit fast zwei Wochen hinter dir her sind, oder etwa nicht? Well, mein Junge, du hast nur nicht damit gerechnet, dass wir euch überholen könnten. Aber wie du siehst, haben wir das geschafft. Ollie, Lester und ich, wir haben die besten Pferde der Mannschaft. Deshalb sind wir vorausgeritten, versiehst du? Die anderen kommen nach. Aber wir brauchen sie dann nicht mehr zu dem, was wir mit dir vorhaben.“

Ihr seid ja verrückt!“, keuchte der Dunkelgekleidete, und in seinem angespannten Gesicht zuckte es. „Es ist doch Unsinn, soviel Zeit zu opfern, nur um mich ...“

Du weißt zu viel, Earl. Das ist es!“

Aber ich habe euch doch gesagt, dass ich mit all dem nichts zu tun haben will, rein gar nichts, Phil. Verdammt, ihr könnt doch nicht einfach ...“

Wieder ließ ihn Shaffer nicht zu Ende reden.

Wir können, Earl! Wir können alles, was wir wollen. Das solltest du doch wissen.“

Earls Finger bewegten sich nervös.

Ihr stellt euch die Sache zu einfach vor“, versuchte er es nochmals. „Meint ihr, alles sei erledigt, wenn ihr mich jetzt niederschießt? Man wird mich finden. Man wird euch suchen. Und alles wird für euch schlimmer sein als zuvor.“

Irrtum, Earl!“, erklärte Phil Shaffer eisig. „Vielleicht wird man dich gar nicht finden. Vielleicht wirst du ganz einfach spurlos verschwinden. Und kein Hahn wird nach dir krähen, mein Junge. Laß das nur alles unsere Sorge sein. Du weißt ja, wie wir arbeiten.“

Zum ersten Mal kroch der Anflug eines Lächelns über sein breites Gesicht. Es war ein Lächeln, das einem Mann einen Schauder über den Rücken jagen konnte.

Earls Gesicht wurde grau. Doch die Nervosität schien plötzlich von ihm zu weichen.

Er hatte das Unausweichliche der ganzen Angelegenheit erkannt.

Er drehte sich seiner Begleiterin zu.

Moira“, sagte er gepresst, „reite zurück! Lass mich jetzt allein mit diesen Männern, Moira!“

Die junge Frau schüttelte heftig den Kopf.

Nein!“, rief sie schrill. „Nein, Earl, das tue ich nicht. Ich lasse dich nicht im Stich. Nein, nein, Earl, du darfst mich nicht fortschicken.“

Der Dunkelgekleidete wollte etwas sagen, aber da ergriff bereits wieder Shaffer das Wort.

Die Lady hat recht, Earl“, erklärte er. „Es ist besser, sie reitet nicht. Ja, ich bestehe sogar darauf, dass sie bei dir bleibt.“

Das Zucken lief wieder über Earls Gesicht.

Was bedeutet das, Phil?“

Der Bandenführer hob kurz seine breiten Schultern.

Du bist doch sonst nicht so dumm, Earl!“

Der schlanke Körper des Mannes zuckte zurück, als habe ihn ein Peitschenhieb getroffen. Seine Augen wurden weit.

Ihr Schufte!“, keuchte er wild. „Ihr gemeinen Schufte!“

Nur zu, Earl! Nur zu!“, sagte Shaffer.

Der Colt, in Yales Faust zuckte etwas.

Worauf warten wir eigentlich noch, Phil?“, sagte er ungeduldig.

Doch Shaffer beachtete ihn gar nicht und schaute nur Earl herausfordernd an.

Das dürft ihr nicht tun!“, stieß dieser jetzt heiser hervor. „Ihr müsst Moira aus dem Spiel lassen. Moira, hörst du? Reite davon, sofort! Reite, Moira, ich bitte dich darum.“

Aber die junge Frau saß wie versteinert im Sattel.

Earls rechte Hand kroch auf den Ausschnitt seiner dunklen Jacke zu. In seinen Augen glomm ein verzweifeltes Leuchten. Das Pferd unter ihm schnaubte unruhig.

Earl starrte Shaffer an, als sehe er ihn zum ersten Mal.

Die Miene des Bandenführers war noch immer völlig unbewegt.

Phil!“, keuchte Earl. „Du musst Moira reiten lassen! Sie hat mit all dem nichts zu schaffen. Du brauchst nicht denken, dass sie ...“

Er brach ab, als er den kalten und abweisenden Ausdruck in Shaffers Augen sah.

Mach dir wegen mir keine Sorgen, Earl“, sagte die junge Frau leise.

Earls Rechte war jetzt ganz dicht an den Jackenausschnitt herangekommen.

Da sagte Shaffer:

Wenn du dir eine Chance ausrechnest, Earl, dann täuscht du dich aber ganz gewaltig. Du wirst nie im Leben schnell genug sein. Vergiss nicht, dass wir unsere Colts schon bereithalten!“

Earls Hand hielt inne.

Warum macht ihr es dann nicht kurz?“, stieß er wild hervor. „Wozu dann das ganze Gerede? Ihr wollt uns noch quälen, wie? Verdammt! Bringt es doch dann zum Ende!“

Den letzten Satz schrie er grell hinaus.

Also, gut!“ sagte Shaffer, als gebe er einer Bitte nach. „Bringen wir es also zu ...“

Er sprach den Satz nicht zu Ende.

Das Echo eines Gewehrschusses rollte über die sonnenhelle Passstraße hin und brach sich an den steilen Felsmauern, die zu beiden Seiten in den blauen Himmel aufstiegen.

 

*

 

Die Köpfe der drei Banditen zuckten wie auf ein geheimes Kommando herum.

Earl!“, rief die junge Frau eindringlich. „Schnell, Earl!“

Der dunkelgekleidete Mann hatte bereits begriffen.

Dies war der Augenblick, der ihm eine Chance bot. Die letzte Chance, die er in diesem Falle überhaupt besaß.

Er durfte sie auf keinen Fall nutzlos verstreichen lassen.

Er handelte mit der verzweifelten Entschlossenheit eines Todgeweihten.

Er stieß seinem Pferd die Sporen in die Seiten. Das Tier wieherte schrill auf und machte einen mächtigen Satz vorwärts.

Es prallte zwischen Shaffers und Yales Pferde. Die beiden Gäule wurden von dem schwungvollen Anprall zur Seite geworfen.

Yales Gaul bäumte sich auf, und sein Reiter hatte Mühe, das Gleichgewicht zu halten. Shaffer wankte und feuerte. Der Schuss stieg jaulend in die Luft.

Shaffers Pferd knickte in die Hinterhand ein und behinderte Mahon am Schießen.

Moira!“, schrie Earl in das Stampfen der Hufe, das Wiehern und das Wirbeln von gelbem Staub hinein. „Komm, Moira!“

Sie hatten die Sperrlinie durchbrochen.

Die Frau befand sich bereits neben ihm.

Schnell!“, keuchte Earl. „Um Gottes willen, schnell, Moira! Nimm keine Rücksicht auf das Pferd!“

Sie duckten sich tief auf die Pferdehälse und preschten zwischen den steilen, mächtigen Felsschultern dahin. Hinter ihnen löste sich das Knäuel fluchender Männer, sich aufbäumender und wiehernder Pferde.

Die Sporen! Gib ihm die Sporen, Moira!“, schrie Earl in das Trommeln der Hufe hinein.

Die nackten, zerrissenen Wände flogen an ihnen vorbei. Bäume und Sträucher wirkten wie huschende Schatten. Der Sand und das Gestein unter den wirbelnden Hufen verschwammen zu einer gelbgrauen Masse.

Hinter ihnen schnitt die harte, zornige Stimme Phil Shaffers durch den tosenden Lärm. Gleich darauf krachten Schüsse.

Das Pfeifen der Kugeln lag gefährlich in der Luft und war sogar durch das Hufgetrappel zu hören. Vor den beiden Fliehenden senkte sich die Passstraße abwärts. Die steilen Felswände traten auseinander und machten den Blick auf ein ovales, grünes Tal frei, das wie eine Schüssel zwischen den blauen Gebirgsketten der Arkansas Mountains eingebettet lag. Irgendwo unter ihnen verschwand das Band der Straße in einem Gewirr von Hügeln, die mit spärlichen Fichten und braungefärbtem Bunchgras bedeckt waren.

Die Frau wandte dem Mann neben ihr das Gesicht zu.

Er bemerkte es.

Nur weiter, Moira!“, schnaufte er.

Schweißperlen glitzerten auf seiner Stirn. Scharfe Linien hatten sich um seine Mundwinkel gekerbt.

Immer weiter, Moira! Kümmere dich nicht um mich!“

Wieder krachten Schüsse hinter ihnen. Das Huftrommeln der Verfolger brauste durch den Passeinschnitt.

Die Frau sah, wie sich der Mann neben ihr nur mühsam im Sattel hielt.

Seine Miene war verzerrt. Der Schweiß auf seiner Stirn wurde immer dichter.

Earl!“, rief sie erstickt. „Earl, du bist ja verwundet!“

Er starrte sie fast wild an.

Du sollst dich nicht um mich kümmern! Hörst du? Los, los, Moira! Nicht langsamer werden. Reite so schnell du kannst! Sie dürfen nicht ...“

Seine Worte wurden schwächer und gingen im Klappern der Hufe unter.

Eine lange, gelbe Staubfahne zog sich hinter ihnen her. Und in dieser Staubfahne galoppierten hinter ihnen die drei Männer, die entschlossen waren, sie gnadenlos zu ermorden.

Moira bemerkte, dass sich ein dunkler, feuchter Fleck auf Earls Jacke ausbreitete.

 

*

 

Sie biss sich auf die Unterlippe und lenkte ihr Pferd noch näher an den Mann heran.

Du sollst doch nicht ...“

Sie unterbrach ihn. Ihr ausgestreckter linker Arm wies kurz in das Tal hinab, über das das Sonnenlicht wie eine warme, goldene Flut hinspülte.

Da unten gibt es eine Ortschaft, Earl. Ich habe die Häuser gesehen. Wir werden sie erreichen. Ich werde dich stützen, Earl. Komm!“

Er bog sich zur Seite. Sein Gesicht war grau.

Nein, Moira! Du darfst jetzt nicht an mich denken! Hörst du sie kommen? Sie sind schnell, Moira. Sie sind so furchtbar schnell. Du darfst nicht ...“

Earl konnte sich plötzlich nicht mehr aufrecht halten.

Er sank vornüber auf den Pferdehals, und seine Hände klammerten sich instinktiv um das Sattelhorn. Die Frau fasste nach den Zügeln seines Pferdes und schlang ihren rechten Arm um seine Hüften, um ihn zu halten.

Ihr Tempo wurde dabei etwas langsamer. Mit Schaudern dachte sie an die drei Banditen, die jetzt sicher schon aus dem Passeinschnitt herausgeprescht waren.

Bis sie den Talgrund und dann die Häuser der kleinen Stadt erreicht hatten, würden noch viele Minuten vergehen. Allein hätte sie es vielleicht schaffen können.

Aber sie wollte den verwundeten Mann an ihrer Seite nicht im Stich lassen.

Die Straße führte in Schlangenwindungen bergabwärts.

Earl stöhnte leise.

Und Moira durfte ihn nicht loslassen, wenn sie verhindern wollte, dass er aus dem Sattel kippte.

Die Pferde fielen vom Galopp in einen flotten Trab zurück.

Moira hatte Angst, nach hinten zu blicken. Aber sie tat es dennoch.

Der Staub hing noch immer wie eine gelbe Wolke über der Straße.

Aber bergaufwärts war er bereits zerflattert.

Und die Frau konnte sehen, dass die drei Banditen eben vor einer hohen Strauchgruppe überrascht und ruckartig ihre Gäule zügelten.

Der Grund dafür war ein Reiter, der hinter den Sträuchern hervorgekommen war. Die Entfernung war zu groß, um diesen Reiter genau zu erkennen. Moira konnte nur feststellen, dass er groß und sehnig war und ein Gewehr unter den rechten Arm geklemmt hatte.

Sie begriff sofort, dass es sich um den Mann handeln musste, dessen Gewehrschuss die Banditen vorher abgelenkt hatte.

Eine heiße Erregung stieg in ihr auf.

Dann bogen die beiden Pferde um eine scharfe Wegkrümmung, und die Szene weiter bergaufwärts verschwand aus Moiras Blickfeld.

Einen Moment zögerte sie.

Sie wusste, wie gefährlich Shaffer und seine Komplizen waren. Und die Sorge nagte in ihr, als sie daran dachte, was in den nächsten Sekunden da oben am Hang vielleicht geschehen würde.

Aber dann schaute sie Earl an und sah, dass der dunkle Fleck auf seiner Jacke noch größer geworden war. Der Verwundete hatte die Augen geschlossen, und es war immer schwieriger für Moira, ihn im Sattel zu halten. Sie presste ihre Lippen zusammen und ritt weiter mit ihm ins Tal hinab. Die Sorge hatte einen trüben Schleier über ihre graugrünen Augen gelegt.

 

*

 

Ben Lorrand lud seine Winchester 73 nach und schaute auf den Puma, den seine Kugel genau zwischen die Augen getroffen hatte. Das Kalb, das der Puma gerissen hatte, lag im Gebüsch. Noch im Tode waren die Muskeln und Sehnen der Raubkatze sprungbereit angespannt.

Ben ging zu seinem Rotschimmel zurück, um das Gewehr in den Scabbard zu schieben. Zum Abhäuten des Pumas musste er beide Hände frei haben!

Er war noch zwei Schritte von dem Pferd entfernt, als er die Schüsse hörte, die oben im Arkansas-Pass fielen.

Mitten in der Bewegung hielt er inne. Und es war, als sei er plötzlich zu Stein erstarrt.

Der Rotschimmel spielte unruhig mit den Ohren und äugte zu ihm her.

Ben Lorrand lauschte. Die Schüsse krachten jetzt in rasender Reihenfolge.

Dann war ein dumpfes, fernes Brausen zu hören. Er kannte das.

Das waren Pferdehufe, die durch den Passeinschnitt donnerten, viele Pferdehufe.

Und dazwischen war immer wieder das Knallen der Schüsse zu hören. Coltschüsse waren es.

Das erkannte Ben Lorrand ebenfalls. Denn er war ein erfahrener Mann, dem das Wissen um die lebenswichtigen Dinge des Westens tief ins Innere eingegraben war, so tief, dass dieses Wissen beinahe schon an Instinkt erinnerte. Das Dröhnen der Hufe wurde lauter. Die Reiter waren also aus dem Pass hervorgebrochen und jagten nunmehr die Hänge herab auf den sonnigen Talgrund zu.

Lorrands Erstarrung wich.

Sie zerfloss in eine Folge rascher, geschmeidiger Bewegungen, die in ihrer Flüssigkeit und Präzision beinahe anmutig wirkten. Er schob die Winchester nicht in den Scabbard, wechselte sie lediglich in die linke Hand hinüber, machte gleichzeitig die letzten zwei Schritte zum Pferd und saß gleich darauf mit einem elastischen, mühelos wirkenden Satz im Sattel. Ohne irgendwie in seinen Bewegungen abzusetzen, nahm er die Zügel auf, und währenddessen ließ er dem Rotschimmel schon sachte die Sporen fühlen.

Er ritt davon, ohne dem erlegten Puma noch einen Blick zu gönnen.

Er überquerte eine freie Grasfläche, ritt durch eine Gruppe eng stehender Douglasfichten und hatte dann einen freien Ausblick auf die schmale Straße, die sich in unregelmäßigen Windungen vom Pass herabschlängelte.

Er sah die Staubwolke, die sich auf dieser Straße talabwärts bewegte und legte die flache Hand schützend über die Augen. Die Staubwolke wurde größer, und Ben erkannte, dass dort zwei Reiter dahinpreschten.

Gleich darauf sog er scharf den Atem ein und zog überrascht die Augenbrauen hoch.

Eine der Reitergestalten war zweifellos eine Frau. Die schmale Gestalt, die helle Bluse und das wehende kupferrote Haar waren trotz des aufwolkenden Staubes unverkennbar. Lorrand presste die Lippen aufeinander.

Er sah, dass die Frau den anderen Reiter stützte, und da wusste er genug.

Ein grimmiges Leuchten tauchte in seinen hellgrauen Augen auf.

Er trieb den Rotschimmel zu einer schnelleren Gangart an.

Drei Minuten später hatte er das hohe, dichte Erlengebüsch erreicht, das sich neben der Straße ballte.

Der verwundete Mann und die Frau, die ihn stützte, waren nur noch wenige Yard entfernt. Der Staub wehte jetzt so dicht, dass Ben trotz der Nähe nur die Umrisse der beiden Gestalten erkannte.

Er wollte schon seinen Rotschimmel hinter dem Strauchwerk hervorlenken, da sah er die anderen Reiter, die Reiter, von denen der Mann und die Frau verfolgt wurden.

Sie waren aus dem Arkansas-Pass hervorgebrochen und fegten nur etwa vierzig Yard hinter den Fliehenden her.

Und da wusste Lorrand, was er zu tun hatte.

Er verharrte reglos, bis die beiden Flüchtenden vorbei waren.

Er konnte jetzt nur hoffen, dass der Mann nicht zu schwer verletzt war und den Ritt nach Bowling durchstehen würde. Seine eigene Aufgabe lag jetzt in einer anderen Richtung. Der grimmige Ausdruck seines hageren, sonnengebräunten Gesichts verstärkte sich noch, als er die drei jagenden Reiter hinter einer Wegbiegung hervorkommen sah.

Er ließ noch drei Sekunden verstreichen, dann klemmte er seine Winchester unter den rechten Arm, legte den Finger an den Abzug und lenkte den Rotschimmel mit der angewinkelten Linken hinter den Erlensträuchern hervor.

Halt! Einen Augenblick, Gents!“

 

*

 

Scharf und entschlossen schnitt seine Stimme durch das Trommeln der Pferdehufe. Groß und aufrecht saß er im Sattel.

Und doch wirkte an ihm nichts verkrampft. Sein Rotschimmel stand völlig reglos. Nur die zuckenden Ohren verrieten seine leichte Unruhe.

Die drei Banditen zügelten ihre Gäule so hart, dass Sandkörner und Erdklumpen unter den bremsenden Hufen aufspritzten.

Shaffer, Yale und Mahon hatten ihre Colts in die Halfter zurückgeschoben.

Und wahrscheinlich war das der Grund, dass sie nicht sofort beim Auftauchen des ihnen unbekannten Reiters zu schießen anfingen.

Die Mündung der Winchester 73, die Ben Lorrand auf die Desperados gerichtet hielt, sprach eine unmissverständliche Drohung aus.

Yales junges Gesicht verzerrte sich zu einer wilden Grimasse.

Zur Hölle, Fremder! Gehen Sie aus dem Weg!“

Fällt mir nicht ein!“, erwiderte Ben ruhig.

Seine hellgrauen Augen waren sehr wachsam.

Auf den ersten Blick hatte er die drei Reiter richtig eingeschätzt. Das waren nicht irgendwelche Buschräuber und Schießhelden. Das waren ganz gefährliche Revolverkämpfer, die man auf keinen Fall unterschätzen durfte!

Shaffer gab Yale, dessen Rechte zum Halfter tastete, einen knappen Wink.

Dann trieb er sein Pferd etwas näher an Ben heran.

Sie sollten sich hier tatsächlich nicht einmischen, Gent!“ sagte er hart. „Diese Sache geht nur uns etwas an, verstanden?“

Ich zweifle daran“, entgegnete Ben, ohne die Stimme zu heben. „Ich zweifle sehr daran, Mister! Schließlich habe ich gesehen, dass es eine Frau und ein Verwundeter waren, die von Ihnen gehetzt wurden.“

Und? Was geht das Sie an?“

Ben zog die Mundwinkel nach unten.

Sie gehören wohl zu der Männersorte, die keine Bedanken hegen, sogar gegen Frauen und Verwundete das Schießeisen zu gebrauchen!“

Die eisige Verachtung in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Shaffers Augen glitzerten.

Beleidigen Sie uns nur nicht, Fremder! Tun Sie nur das nicht! Das könnte ziemlich ungesund für Sie werden! Glauben Sie mir!“

Oh“, lächelte Ben matt, „ich bin ziemlich widerstandsfähig gegen die Krankheiten, die Sie vielleicht meinen.“

Er hielt die Winchester unvermindert im Anschlag.

Zum Teufel, Phil!“, fauchte Yale. „Earl und das Frauenzimmer entfernen sich immer weiter. Wie lange willst du denn noch warten? Schließlich sind wir zu dritt, oder?“

Er schoss einen hasserfüllten Blick zu Ben Lorrand hin.

Lassen Sie sich nicht durch die Tatsache Ihrer Überzahl täuschen“, erklärte Ben fast gleichmütig. „Immerhin brauche ich nur den Finger krumm zu machen.“

Yale knirschte mit den Zähnen.

Der ledergesichtige Mahon fluchte leise und starrte den großen, sehnigen Reiter aus tückischen Augen an.

Shaffer schob sein eckiges Kinn vor und murmelte:

Wenn es darauf ankommt, machen wir Sie fertig, Mann. Also, seien Sie vernünftig! Machen Sie den Weg frei und kümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten! Wir haben bestimmt keine Zeit mehr.“

Irrtum!“, zuckte Ben die Achseln. „Sie haben sehr viel Zeit. Ich weiß es. Und wenn Sie es noch nicht wissen sollten, dann sehen Sie sich nur mal genau mein Gewehr an.“

Sie kommen sich wohl mächtig groß vor, Mister, was?“, fragte Shaffer mit schmalen Lippen.

Lorrand ist mein Name, Ben Lorrand. Well, ich komme mir bestimmt nicht größer vor, als ich es tatsächlich bin. Wollen Sie sonst noch etwas wissen?“

Langsam löste sich auch die Beherrschung auf Shaffers breitflächigem Gesicht.

Mann!“, knurrte er wild. „Ihr Name interessiert mich herzlich wenig. Aber mein Name wird Sie vielleicht um so mehr interessieren.“

Er schwieg und starrte Ben abwartend an.

Ich warte!“, hob Ben leicht die Schultern.

Der Bandenführer beugte sich im Sattel vor.

Ich bin Phil Shaffer!“

Ben Lorrand stieß einen leisen Pfiff zwischen den Zähnen hervor.

Doch die Entschlossenheit, die seine Miene und seine Haltung ausdrückten, geriet nicht ins Wanken.

Tatsächlich“, nickte er, „das ist wirklich interessant. Ich habe von Ihnen gehört, Shaffer, aber nichts Schönes, leider nichts Schönes!“

Hören Sie mit dem Gequatsche auf, Lorrand!“, knurrte der Bandenboss. „Das hier sind Ollie Yale und Lester Mahon, die besten Männer meiner Mannschaft. Sagt Ihnen das nicht genug? Weigern Sie sich immer noch, endlich abzuziehen und zu vergessen, was Sie sahen?“

Er blickte an Ben vorbei bergabwärts in die Richtung, in der sich die beiden Fliehenden bereits dem grünen Grund des Elk Valley näherten.

Nun?“, drängte er ungeduldig.

Nichts zu machen!“, erklärte Ben wie bedauernd. „Jetzt werde ich euch extra davon abhalten, weiterzureiten. Denn jetzt weiß ich hundertprozentig, dass ich gut und richtig gehandelt habe, Shaffer!“

In diesem Augenblick riskierte es Ollie Yale.

Elender Narr!“, schrie er und langte zum Colt.

 

*

 

Mit unwahrscheinlicher Schnelligkeit holte er das Eisen aus dem Leder.

Der Lauf schwang hoch, und schon breitete sich ein Ausdruck wilden Triumphs auf dem schmalen Gesicht des jungen Desperados aus.

Da krachte Ben Lorrands Gewehr.

Ein greller Flammenstoß raste auf Yale zu. Alles geschah in Blitzesschnelle.

Yale schrie auf. Sein Colt flog in hohem Bogen durch die Luft.

Yale schüttelte mit schmerzverzerrtem Gesicht seine rechte Hand, aus der ihm die Gewehrkugel die Waffe geprellt hatte.

Dann erst schien er zu begreifen, dass ihm nicht einmal die Haut geritzt worden war. Und ein Ausdruck fassungsloser Verwunderung erschien in seinem Blick.

Well“, sagte Ben trocken, „es können auch andere Leute schießen, nicht nur ihr.“

Shaffers Augen waren zu engen Schlitzen geworden.

Er starrte Ben an, als sehe er ihn erst jetzt genau. Dann wanderte sein Blick zu Yale hin und kehrte wieder langsam zu Lorrand zurück.

Ihr seht also“, sagte Ben weiter, „was herausspringt, wenn ihr es rauh machen wollt.“

Sie schießen gut, Lorrand“, murrte Shaffer. „Sie schießen sogar sehr gut. Aber glauben Sie nur nicht, dass wir schlechter wären.“

Ich hoffe, ihr wollt es nicht auf eine weitere Probe ankommen lassen.“

Die Verwunderung in Yales Augen machte einem sprühenden Hass Platz.

Phil!“, keuchte er. „Gebt es ihm, Phil!“

Halte den Mund!“, sagte Shaffer schroff, ohne Yale anzusehen.

Er drehte sich Ben zu.

Well, wir kehren um. Zufrieden, Lorrand?“

Nicht ganz! Ihr werdet zuvor eure Colts abschnallen und hier zurücklassen. Ihr könnt sie dann später abholen. Jedenfalls will ich vermeiden, eine Kugel in den Rücken zu bekommen, wenn ich ins Tal hinabreite.“

Treiben Sie es nicht auf die Spitze, Lorrand!“, warnte Shaffer heiser.

Ich hab’ gesagt: Schnallt ab! Und dabei bleibt es!“

Yale lenkte sein Pferd neben Shaffer.

Phil! Das wirst du doch nicht tun! Hörst du, Phil? Wir sind zu dritt. Du wirst doch vor diesem Kerl nicht kneifen. Und du, Lester, du ...“

Du sollst den Mund halten!“, unterbrach ihn der Bandenboss noch schroffer als vorher.

Yale ballte die Fäuste, schwieg und starrte Ben mit brennenden Augen an.

Eine flachsblonde Haarsträhne lugte unter seiner Hutkrempe hervor und reichte dicht über die zusammengezogenen Augenbrauen.

Also, gut!“, sagte Shaffer langsam. „Wir schnallen ab!“

Seine Hände tasteten zur Gürtelschnalle nieder.

Mahon folgte zögernd seinem Beispiel.

Der junge Yale regte sich nicht. Sein 45er lag ohnehin schon im Straßenstaub.

Nichts in Ben Lorrands Miene deutete darauf hin, wie angespannt er war. Die Sekunden, die jetzt kamen, waren die gefährlichsten. Sie brachten entweder den Sieg, oder die Niederlage. Und Niederlage bedeutete diesen rauhen Desperados gegenüber den Tod!

Einen Augenblick erinnerte sich Ben an die beiden fliehenden Menschen, denen er durch sein Eingreifen das Entkommen ermöglicht hatte.

Er bereute seine Handlungsweise auch jetzt noch nicht, jetzt, da die Spannung wie eine unsichtbare, mit Elektrizität geladene Wolke über den südlichen Abhängen des Arkansas-Passes hing.

Die Frage stieg flüchtig in ihm auf, warum dieser dunkelgekleidete Mann und diese junge, rothaarige Frau von Phil Shaffer und dessen Bande gejagt wurden.

Aber er drängte die Gedanken daran zurück.

Er musste sich jetzt einzig und allein auf die Gegenwart konzentrieren.

Er sah Mahons patronengespickten Revolvergurt in den Sand klatschen.

Und er hörte, wie Mahon dabei leise und erbittert vor sich hin schimpfte.

Shaffers kräftige Finger hatten bereits ebenfalls die Gürtelschnalle gelöst. Er bewegte sich betont langsam und vorsichtig, um nur ja keinen Anlass zum Schießen zu geben.

Gut so!“, nickte Ben, als er sah, dass Shaffer den Gurt nur noch mit den Fingerspitzen der rechten Hand hielt. „Und jetzt lassen Sie ihn fallen. Los!“

Zur Hölle mit Ihnen!“, knurrte Shaffer und ließ den Revolvergurt mit einem jähen, völlig überraschenden Schwung hochwirbeln.

Ben bewegte instinktiv den Gewehrlauf zur Seite.

Aber da war es bereits zu spät.

Nach den vorangegangenen langsamen und vorsichtigen Bewegungen war Shaffers jähe und blitzschnelle Handlungsweise zu überraschend gekommen. Der Gurt mit dem baumelnden Halfter daran wickelte sich, vom Schwung hochgerissen, halb um den Gewehrlauf.

Gleichzeitig ließ sich Shaffer seitwärts vom Pferd fallen, hielt das eine Ende des Gurtes noch immer fest und riss Bens Winchesterlauf dadurch nach unten.

Nur die Tatsache, dass Ben das Gewehr fest unter den Arm geklemmt hatte, verhinderte, dass ihm die Waffe durch den plötzlichen Ruck entrissen wurde.

Auf ihn!“, brüllte Shaffer, während er staubaufwirbelnd in den Sand schlug.

Und nun zeigte sich, wie gut die Banditen aufeinander eingespielt waren!

Yale und Mahon ließen ihre Gäule vorwärtsschnellen.

Yales Tier prallte gegen Ben Lorrands Rotschimmel.

Ben wankte und musste die Winchester loslassen, um sich im Sattel halten zu können. Da wurde er bereits von der anderen Seite von Mahons knochigen Armen umklammert.

Jetzt bekommst du es!“, fauchte Yales hasserfüllte Stimme.

Das verzerrte Gesicht des jungen Desperados tauchte dicht vor Ben auf.

Und ein wuchtiger Fausthieb traf ihn mitten ins Gesicht.

 

*

 

Die junge Clancy Graham stand in der Eingangshalle des Wyoming Star Hotels, als sie das rasende Hufgetrappel draußen auf der sonnenbeschienenen Straße hörte.

Sie hätte ihm vielleicht keine besondere Bedeutung geschenkt, wenn die Hufschläge nicht genau vor dem Hotel verstummt wären. Ein Gefühl der Spannung wallte jäh in Clancy auf. Sie blickte sich um, ob ihr Vater nicht in der Nähe war.

Er war der Besitzer des Wyoming Star Hotels, das direkt in der Ortsmitte von Bowling lag. Aber nichts war von ihm zu sehen.

Vielleicht hielt er sich im Obergeschoss auf. Clancy wusste es nicht.

Die Stille, die nach dem Verstummen der Hufschläge eingesetzt hatte, wirkte bedrückend. Im Hotel war es ganz still. Es war noch zu früh, als dass sich Bürger der kleinen Stadt oder Rinderleute aus dem Tal im Saloon aufgehalten hätten. Und Fremde kamen nur sehr selten ins Elk Valley, in dieses Tal, das abseits aller wichtigen Verbindungslinien in der Einsamkeit des Arkansas-Passes vergraben lag.

Clancy Graham gab sich einen Ruck und ging auf die breite Flügeltür zu, die hinaus auf die Veranda mündete.

Als sie die Tür aufstieß, weiteten sich ihre Augen in jähem Erschrecken.

Sekundenlang hielt sie den Atem an.

Dicht vor der breiten, schattigen Veranda standen zwei Pferde im Sonnenlicht, zwei abgehetzte, von Schweiß und Staub bedeckte Pferde, die erschöpft die Köpfe hängen ließen. Auf einem dieser Gäule saß ein schlanker, dunkelgekleideter Mann, vornübergesunken und mit hin und her pendelndem Oberkörper.

Auf den ersten Blick sah er wie ein Betrunkener aus.

Auf den zweiten Blick jedoch bemerkte Clancy, dass die schwarze Jacke an der rechten Schulter vor Nässe glänzte. Und das war kein Schweiß.

Das war nichts anderes als Blut!

Clancys Lähmung dauerte nur eine Sekunde.

Dann ließ sie die Flügeltür hinter sich zuklappen und eilte auf die Verandastufen zu.

Sie war im Westen groß geworden. Das war nicht der erste verwundete Mann, den sie sah. Und jetzt saß nur noch ein Gedanke in ihr fest: Dieser Reiter brauchte Hilfe, rasche Hilfe.

Erst als sie den Verandarand erreichte, sah sie auch die Frau.

Das kupferrote, lockere Haar leuchtete in der Sonne wie Feuer. Sie stand auf der anderen Seite des Pferdes, auf dem der Verwundete saß, und stützte den Mann.

Als sie Clancy Graham sah, machte sie eine halbe Drehung. Ihre Stimme klang trotz der Erschöpfung sehr eindringlich.

Bitte, helfen Sie mir!“

Clancy hastete die Stufen hinab.

Der Verwundete schwankte heftiger. Die rothaarige Frau hatte Mühe, ihn von einem Sturz abzuhalten.

Er hat viel Blut verloren“, erklärte sie hastig und mit blassem Gesicht.

Clancy verlor keine Zeit damit, Fragen zu stellen.

Gemeinsam ließen sie den Verwundeten vom Pferderücken gleiten.

Der Mann konnte sich nicht mehr auf den Beinen hallen.

Sie legten ihn in den sonnenwarmen, weichen Sand vor der Hotelveranda.

Meinen Sie“, fragte die rothaarige Frau, „dass Earl und ich ein Zimmer im Hotel bekommen?“

Aber sicher!“, erklärte Clancy sofort. „Mein Vater wird jeden Augenblick auftauchen. Er ist der Besitzer des Hotels, verstehen Sie.“

Auf der anderen Straßenseite tauchten ein paar Männer auf.

Clancy winkte ihnen zu.

Mister Donell, Mister Grove! Hallo, Jim! Kommt doch bitte herüber und schafft diesen Mann ins Hotel hinein! Er ist verwundet.“

Die Männer kamen heran, grüßten verlegen, als sie die fremde, rothaarige Frau sahen, und trugen dann den Verletzten ins Hotel hinein.

Drinnen war eine überraschte Stimme zu hören. Sie gehörte Stanley Graham.

Die beiden Frauen standen vor den Verandastufen.

Um Ihre Pferde wird sich einer der Männer kümmern“, erklärte Clancy freundlich. „Kommen Sie jetzt! Gehen wir hinein.“

Ihre Stimme klang jetzt sehr sicher, nachdem sie die anfängliche Überraschung überwunden hatte.

Moira blieb noch immer vor den Stufen stehen. Sie strich müde eine Haarsträhne aus der Stirn zurück und schaute Clancy an.

Ich danke Ihnen“, sagte sie leise. „Ist ... nun, ich meine, hat Ihr Vater wirklich nichts dagegen, wenn wir uns in Ihrem Hotel einquartieren? Earl ist ... er ist durch eine Kugel verletzt worden.“

Sie sprach sehr zögernd.

Clancy legte ihr eine Hand auf den Unterarm.

Sie brauchen keine Bedenken zu haben. Wohin hätten Sie auch sonst gehen sollen? Bowling ist keine große Stadt. Es gibt hier nur das Wyoming Star Hotel. Und es ist nicht der erste Verwundete, der in einem unserer Fremdenzimmer liegt. Glauben Sie mir!“

Sie lächelte der fremden jungen Frau aufmunternd zu.

Moira seufzte tief auf.

Ich danke Ihnen“, sagte sie nochmals. „Mein Name ist ...“

Ich werde Sie beim Vornamen nennen“, sagte Clancy rasch. „Vorausgesetzt, Sie haben nichts dagegen.“

Sie sprach frisch und tat, als merke sie nicht, dass die rothaarige Fremde erleichtert aufatmete.

Sie können mich Moira nennen!“

Eine tiefe Wärme klang plötzlich in der bisher so zögernden und besorgten Stimme, eine Wärme, die nicht gespielt war.

Und ich heiße Clancy. Kommen Sie, gehen wir jetzt.“

Moira zögerte noch etwas.

Earl wird einen Doc brauchen.“

Entschuldigen Sie! Das hätte ich fast vergessen. Natürlich! Ich werde sofort Doc Redfield holen. Gehen Sie nur inzwischen hinein, Moira.“

Moira nickte und setzte ihren Fuß auf die unterste Verandastufe.

Dann drehte sie sich nochmals der Tochter des Hotelbesitzers zu.

Ich habe noch eine Bitte, Clancy. Wollen Sie gleichzeitig auch den Marshal verständigen? Sagen Sie ihm, dass es sehr wichtig ist. Bitte!“

In Clancy Grahams braunen Augen tauchte ein Ausdruck ernsten Bedauerns auf.

Moira“, sagte sie leise, „ich muss Sie enttäuschen. Es gibt keinen Marshal in Bowling. Die Stadt ist klein und abgelegen. Wir haben hier keinen Gesetzesvertreter.“

Die Worte trafen Moira wie ein Hieb.

Sie dachte daran, was oben auf dem Arkansas-Pass geschehen war.

Sie sah die finsteren, gnadenlosen Gesichter der Banditen deutlich vor sich.

Und sie wusste, dass diese Angelegenheit für Phil Shaffer und seine Männer noch lange nicht erledigt war.

Sie hörte Clancy Grahams melodische Stimme wie aus weiter Ferne kommen.

Ist es sehr schlimm für Sie, Moira?“

Die Anteilnahme dieser Worte tat Moira gut, aber helfen konnte sie ihr nicht.

Ja“, sagte sie tonlos, „ich glaube schon.“

Dann wandte sie sich um und ging in die Hotelhalle hinein.

 

*

 

Die Felsgipfel der Arkansas Mountains glühten im letzten Abendrot. In den fichtenbestandenen Hügeln, die vom flachen Talgrund zu den steilen Felswänden hinaufschwangen, wob die Dämmerung ihre violetten Schatten.

In den Häusern von Bowling blinkten die ersten Lichter hinter den Fensterscheiben auf.

Sie zeichneten gelbe Streifen über die breite, staubige Straße, die einzige Straße, die Bowling besaß.

Ben Lorrand brachte seinen Rotschimmel an dem langgestreckten Haltegeländer vor dem Wyoming Star Hotel zum Stehen.

Wie jeden Abend, so stand auch heute eine lange Pferdereihe am Querbalken festgebunden. Aus dem Saloon, der die linke Erdgeschosshälfte einnahm, drang verhaltener Lärm, zusammengesetzt aus heiserem Stimmengewirr, Kartenklatschen, Gläserklirren und dem Scharren von Stiefeln. Rechts, wo die Fenster des Speisesaals zur Straße schauten, war es still und dunkel.

Ben zog einen Fuß aus dem Steigbügel und ließ sich müde aus dem Sattel gleiten.

Seine Muskeln schmerzten. Mit steifen Bewegungen band er sein Pferd neben den anderen Tieren am Haltegeländer fest. Während er langsam auf die Verandastufen zuging, tasteten seine Finger über die geplatzte Augenbraue hin und fühlten nach der Schürfung an seiner linken Wange.

Ein grimmiges Lächeln kräuselte seine festgefügten Lippen, als er daran dachte, dass er in den nächsten Tagen wohl einen ziemlich rauen Anblick bieten würde.

Auf der Veranda war es dunkel.

Das Licht aus dem Saloon reichte nicht bis vor den Eingang.

Ben sah, dass die Flügeltüren offenstanden.

Er blieb stehen, um sich den Staub von der Kleidung zu klopfen.

Da hörte er neben sich eine leise Stimme.

Ich habe Sie vom Obergeschoss aus die Straße entlangreiten sehen, Mister. Sie sind der Mann, der heute unterhalb des Arkansas-Passes eingegriffen hat, nicht wahr?“

Ben drehte sich um.

In der Dunkelheit nahm er undeutlich die Gestalt einer schlanken, hellgekleideten Frau wahr. Der angenehme Duft ihres Haares stieg ihm in die Nase und erinnerte ihn daran, dass er, sicherlich nach Schweiß und Staub und Pferd roch.

Ja, Madam“, sagte er, „das bin ich. Ich freue mich, Ihnen einen Gefallen erwiesen zu haben. Und ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen.“

Er sprach ruhig und höflich und mit dem schleppenden Tonfall des geborenen Texaners. Irgendetwas in der Stimme der jungen Frau hatte in ihm die Erinnerung wachgerufen, die Erinnerung an denselben dunklen, weichen Tonfall, den er damals vor langer Zeit in Texas so oft gehört hatte. So oft und so voller Zärtlichkeit!

Ich möchte Ihnen danken“, sagte die Frau vor ihm. „Sie haben Earl und mir das Leben gerettet.“

Jeder Mann an meiner Stelle hätte ebenso gehandelt!“

Noch während er diese Worte sagte, horchte er wieder dem Ton ihrer weichen, so merkwürdig dunklen Stimme nach. Und die Erinnerung in ihm verdichtete sich.

Er ballte unwillkürlich die Fäuste, um die Gedanken an jene ferne Zeit, die er in Texas verbracht hatte, zu verscheuchen.

Ich möchte“, sagte die Frau vor ihm, „dass Sie wissen, warum Earl und ich verfolgt wurden.“

Ben machte eine abwehrende Handbewegung.

Nein, nein, lassen Sie nur, Madam! Sie sind mir das nicht schuldig. Sie sind mir nichts schuldig. Ich weiß, wer die Männer waren, die hinter Ihnen herjagten. Und das genügt mir.“

Hatten Sie große Schwierigkeiten?“

Hmm! Es geht!“

Das grimmige Lächeln geisterte wieder über Bens Lippen, und unwillkürlich tastete er erneut nach seiner geplatzten, schmerzenden Augenbraue.

Ich bin jedenfalls mit ihnen fertiggeworden!“, erklärte er trocken.

Dabei dachte er daran, wie sie ihn vom Pferd gerissen hatten und wie hart die Hiebe gewesen waren, die er hatte einstecken müssen. Aber dann hatte er seine Winchester erwischt, die ihm Shaffer entrissen hatte. Die drei Banditen aber waren zu spät zu ihren Colts gekommen.

Den hasserfüllten Yale hatte er mit einem Kolbenhieb zu Boden strecken müssen. Dann hatte sich die Situation geändert.

Shaffer und Mahon hatten aufgeben müssen. Mit dem bewusstlosen Yale hatte Ben sie wieder den Weg zum Arkansas-Pass hinaufgeschickt.

Er wusste ganz genau, dass es wahrscheinlich das erste Mal war, dass ein einzelner Mann Phil Shaffer besiegt hatte. Der Bandenboss war in ganz Wyoming und auch im benachbarten Nebraska bekannt. Er und seine Leute würden diese Niederlage nie vergessen, nicht solange sie sie nicht ausgeglichen hatten. Daran dachte Ben Lorrand jetzt ebenfalls. Aber er ließ sich davon nichts anmerken.

Earl möchte Ihnen ebenfalls danken“, sagte die junge Frau. „Aber er kann nicht aufstehen. Darum bin ich gekommen, Mister ...“

Lorrand“, sagte Ben. „Lorrand ist mein Name, Madam.“

Er sah, wie die Frau zusammenzuckte.

Die Finsternis war zu dicht, als dass er den Ausdruck ihres Gesichts hätte sehen können. Im ersten Moment schien ihm, als sei sie erschrocken. Sie wich einen Schritt zurück, und undeutlich erkannte er in der Dunkelheit, dass sie die Fingerspitzen der rechten Hand gegen den Mund presste.

Madam ...“, begann er zögernd.

Doch er konnte nicht weitersprechen.

Sie kam plötzlich ganz schnell und überraschend dicht an ihn heran.

Ben! Mein Gott!“, flüsterte sie wie erstickt. „Und ich habe dich gar nicht erkannt.“

 

*

 

Ihr Gesicht, das für ihn bisher nur ein ovaler, heller Fleck im Schatten gewesen war, wurde deutlicher.

Es kam ganz nahe. Zwei Augen waren groß und leuchtend auf ihn gerichtet, zwei Augen, die er von Texas her kannte und von denen er glaubte, sie nie vergessen zu können.

Moira!“, brach es heiser über seine Lippen. „Das kann doch nicht möglich sein! Moira, bist du das wirklich?“

Sie hatte ihn an den Oberarmen gefasst.

Er fühlte den Druck ihrer schlanken und doch festen Hände.

Details

Seiten
200
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738906998
ISBN (Paperback)
9783738907001
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
bleigewitter arkansas

Autor

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Titel: Bleigewitter in Arkansas