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Königshaus Norland 8: Die Grand Prix-Prinzessin

2016 100 Seiten

Zusammenfassung

Prinzessin Alexa von Norland ist seit längerer Zeit mit Larry Trehearne verlobt, aber die stürmische Liebe ist der Normalität gewichen. Alexa fühlt sich in einer Sackgasse und zweifelt die Beziehung an. Ausgerechnet jetzt begegnet sie beim Skiurlaub dem finnischen Rennfahrer Erno Kirkalää - und sie verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Sie trennt sich von Larry und glaubt, dass sie jetzt endlich den Mann fürs Leben gefunden hat. Aber die Wirklichkeit unterscheidet sich sehr von romantischen Träumen - und genau das erkennt Alexa leider zu spät ...

Leseprobe

Die Grand Prix - Prinzessin

 

Ein Roman von Earl Warren

Königshaus Norland

 

Band 8

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Gergely Zsolnai/123RF, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

Klappe

 

Prinzessin Alexa von Norland ist seit längerer Zeit mit Larry Trehearne verlobt, aber die stürmische Liebe ist der Normalität gewichen. Alexa fühlt sich in einer Sackgasse und zweifelt die Beziehung an. Ausgerechnet jetzt begegnet sie beim Skiurlaub dem finnischen Rennfahrer Erno Kirkalää - und sie verliebt sich Hals über Kopf in ihn. Sie trennt sich von Larry und glaubt, dass sie jetzt endlich den Mann fürs Leben gefunden hat. Aber die Wirklichkeit unterscheidet sich sehr von romantischen Träumen - und genau das erkennt Alexa leider zu spät ...

 

 

 

Roman

Weihnachten war vorbei. In Schloss Bentwaldt hatte eine glanzvolle Weihnachtsfeier stattgefunden, an der alle Mitglieder des Königshauses teilnahmen. Zu Silvester wollten die Böller gar nicht mehr aufhören zu krachen. Und immer neue Feuerwerkslichtkaskaden entflammten am Himmel.

Prinzessin Alexa hatte mit ihrem Verlobten Larry Trehearne, dem Enkel eines Lords, das königliche Schloss verlassen. Sie drängten sich durch die fröhliche Menschenmenge, die vorm Schloss stand und auf die Grußworte von König Erik wartete. Das schmiedeeiserne Tor war geöffnet worden.

Auf dem Platz vor dem Schloss und außerhalb des Schlossgeländes standen die Menschen. Es hatte geschneit, Schnee lag auf dem Schlossdach. Die Sterne glänzten am frostig-klaren Himmel, wenn sie nicht gerade das Feuerwerk überstrahlten. Auch König Erik ließ von seinen Feuerwerkern zentnerweise Raketen in den Himmel jagen, der in immer neuen Lichtkaskaden und Farben erstrahlte.

Feuerregen rieselte nieder, glitzernde Sterne senkten sich der Erde zu. Der hochgewachsene Engländer mit der dunklen Haartolle zog Alexa an sich. In ihrer Jacke mit Pelzkragen sah die blonde Prinzessin hinreißend aus.

Lange Haare, auf denen eine Pelzmütze saß, fielen ihr über die Schultern. Unter der Jacke trug sie ihr Abendkleid und den Schmuck. Lediglich die hochhackigen Schuhe hatte sie zu dem Spaziergang vors Schloss mit bis über die Knie reichenden Stiefeln vertauscht. Diese passten zwar nicht so recht zu dem Abendkleid, doch darüber hatte sie ohnehin ihre Jacke. Das sah die mittlerweile 20-jährige Prinzessin nicht so eng.

Die letzten Minuten des Alten Jahres waren angebrochen. Es hatte der Dynastie Bentwaldt und dem ganzen Land einiges an Veränderungen gebracht und zugemutet.

Larry Trehearne schaute seiner Herzallerliebsten in die strahlenden blauen Augen. Noch nie war er so glücklich gewesen. Alexas Wangen waren von der Kälte und etwas Champagner und Punsch gerötet. Die Lippen hatte sie leicht geöffnet.

Larry küsste sie, und für ihn versank die Welt.

Wir wollen mit einem Kuss in das Neue Jahr gehen“, sagte er dann. „Das Jahr, in dem du mich hoffentlich heiraten wirst.“

In dem Lärm und Trubel, den Hochrufen und dem Geknalle und dem Gezisch der Feuerwerkskörper zog Alexa eine lustige Schnute.

Ich bin noch zu jung für die Ehe“, sagte sie leichthin. „Außerdem stehen genug Eheschließungen im Hause Bentwaldt an. Wir können noch etwas warten?“

Warum?“

Warum nicht?“

Hand in Hand gingen sie an den Soldaten der Königlichen Garde vorbei, die in Winteruniform waren und die traditionellen hohen Bärenfellmützen trugen. Sie hatten bei diesem Anlass keine Schusswaffen, die ausgelassene Menge hätte sie ihnen womöglich noch weggenommen und einen Schabernack mit ihnen getrieben. Die Gardisten waren vielleicht die einzig total Nüchternen am Platz – oder sollten es jedenfalls sein.

Eine Taschenflasche mit Schnaps ließ sich leicht in der Tasche oder gar in der hohen Bärenfellmütze verstecken. Und ein Schluck hinter der vorgehaltenen Hand war rasch genommen.

Die Menschenmenge fing an zu zählen. Das Feuerwerk, das in Norland schon immer kurz vor Mitternacht begann, setzte aus, nur wenige Böller von solchen, die es nicht lassen konnten, krachten noch.

Neun-acht-sieben-sechs-fünf-vier-drei-zwei-eins – Glückliches Neues Jahr! Ein gutes und glückliches Neues Jahr.“

Skol! Hurra! Es lebe der König! Hoch lebe Norland.“

Wildfremde Menschen fielen sich in die Arme. Alexa stand vor Larry, der sie in seinen Armen hielt.

Sie hatte ihn nicht geküsst, als das Neue Jahr begann – irgendwo in ihr war da ein Gefühl des Zweifels und des Schmerzes gewesen. Der Gedanke, etwas versäumt zu haben, denn Larry Trehearne war der erste Mann, mit dem die Prinzessin intim gewesen war. Vielleicht hätte ich mehr Erfahrungen sammeln sollen, dachte sie.

Vielleicht ist er gar nicht der Traummann und –prinz für mich, für den ich ihn bisher hielt. Larry war ein wenig enttäuscht, als er die warmen Lippen der Prinzessin nicht küssen konnte. Doch er dachte nicht, dass sie sie ihm verwehrte, sondern dass sie von dem Trubel rundherum abgelenkt war.

Neujahr!“

Es krachten die Böller nun um so mehr, die antiken Kanonen im Park und auf der Terrasse des königlichen Schlosses schossen Salut. Rauchwolken quollen nach dem Feuerblitz aus ihren Mündungen. Selbstverständlich wurden keine Geschosse abgefeuert.

Hoch Norland! Es lebe der König! Ein dreifaches Hoch auf die Königliche Familie! – Vivat, es lebe der König Erik! Hoch lebe unsere Königin Patricia! – Vivat, hoch!“

Es ging noch toller zu als zuvor. Standesschranken fielen, doch nur für kurze Zeit. Noch ehe der König den Balkon überm Haupteingang des 320-Zimmer-Schlosses trat, fingen die Menschenmenge und die Palastbediensteten an, die norländische Nationalhymne zu singen.

Solange die Wellen an unsere Küsten schlagen, solange der König auf dem Thron sitzt, solange wird Norland nicht untergehen“, fing die Nationalhymne an. „Norland, Norland, Stolz des Nordens, Hort der Freien, Land der Gerechtigkeit, wo die grünen Tannen stehen und die Gipfel ragen, wo das Ren durch die Tundra zieht.“

Alexa sang mit schöner Baritonstimme mit. Sie war keine Nationalistin, aber sie liebte ihre Heimat, für deren Wohlergehen die Bentwaldt-Dynastie nun schon seit 200 Jahren ein Garant war. Alexa spürte ein warmes Gefühl in ihrem Herzen, sie war innerlich gerührt.

Dann, endlich, nach dem Lied, küsste sie Larry in all dem Trubel. Bald darauf begann König Erik auf dem Balkon des Schlosses, die Königliche Familie hinter sich, die Neujahrsansprache. Rundfunk und Fernsehen übertrugen sie.

Meine lieben Norländer“, fing der silberhaarige König an, und seine sonore Stimme schallte überall in der Umgebung aus den Lautsprechern.

Man sah König Erik seine 75 Jahre nicht an, doch er spürte sie. Er sprach nicht sehr lange, doch er verkündete, was die Königliche Familie betraf, mehrere Neuigkeiten. Die Zuhörer nahmen sie teils mit erstauntem Schweigen, teils begeistert auf.

Alexa und Larry fehlten als einzige Mitglieder der Königsfamilie am Balkon oben, vor dem sich die Menschenmenge innerhalb und außerhalb des Schlosses drängte. Lady Patricia, 26 Jahre jünger als ihr Gatte, seine zweite Frau, die er erst vor wenigen Monaten geheiratet hatte, schaute ihn liebevoll an.

In diesem Jahr, das gerade begann, beabsichtige ich, als König zurückzutreten und die Königswürde auf meinen Sohn, Kronprinz René, zu übertragen. Ich bin überzeugt, er wird mir ein würdiger und fähiger Nachfolger sein. Fünfzig Jahre auf dem Königsthron von Norland sind genug. Meine Gesundheit ist angegriffen, das Amt des Königs erfordert einen jüngeren und vitaleren Mann. Mein Leben gehörte fünfzig Jahre lang Norland – Euch allen. Darum bitte ich Euch um Verständnis für meinen Schritt – die Jahre, die mir noch bleiben, möchte ich in Ruhe und Frieden und ohne die zahlreichen Belastungen verbringen, die der Rang des Königs von Norland mit sich bringt. Selbstverständlich werde ich meinem Sohn, Eurem neuen König, der er ab Mai sein wird, mit Rat und Tat zur Seite stehen, wenn er mich braucht.“

König Erik lächelte heiter.

Mit dem manchmal herzhaften Humor, der ihn auszeichnete, sagte er: „Ich möchte mich der königlichen Pflichten gern entledigen, solange ich dies noch mit klarem Bewusstsein kann.“

Jubelrufe erschollen. Die Zuhörer klatschten. Allerdings zeigten sich in Norland auch welche skeptisch, denn es war ein Umbruch und eine Neuerung. Mit fünfzig Jahren auf dem Thron war König Erik eine Institution, man sah ihn nur ungern scheiden. Das trat jetzt in der Neujahrsnacht noch nicht klar zutage.

Doch die Norländer mussten seinen Willen respektieren. Königin Patricia, ehemalige verwitwete Comtesse d’Ancour, atmete auf, als sie die Worte ihres Gatten hörte, der nun weiter sprach. Jetzt war es amtlich.

Die Königin hatte ein wenig befürchtet, ihr Gatte würde sich doch nicht zum Rücktritt durchringen können.

Mein Sohn wird sich den Thron mit seiner Gattin, Kronprinzessin Desiré, teilen.“

Auch das war eine Sensation, obwohl es abzusehen gewesen war. Um die Ehe des Kronprinzenpaars hatte es lange Zeit nicht zum Besten gestanden. Scheidungsgerüchte hatten im Raum gestanden. Kronprinz René hatte jahrelang mehr oder weniger offen eine Geliebte gehabt, die Freifrau Beatrice von Ottrein-Hahlöö. Sie war im vergangenen Jahr bei einem Jagdunfall tragisch verstorben, was den Kronprinz ins Herz traf.

Doch durch den tragischen Todesfall war er wieder mit seiner Gattin zusammengekommen. Sie hatte ihn immer geliebt, auch wenn sie charakterlich recht verschieden waren und sie es ihm nicht hatte zeigen können. Unterschiedliche Lebensauffassungen und gekränkter Stolz hatten sie auseinandergetrieben. Doch nun waren sie wieder zusammen.

Der Moorprinz wird also König“, hieß es bei den Zuhörern. Skeptiker meinten gar: „Hoffentlich geht das gut. Am Ende wird er ganz Norland in einen Naturpark verwandeln.“

Und, so hieß es: „So lange wie sein Vater wird König René nicht regieren.“

Das war allerdings, da René schon 49 war und Erik ein halbes Jahrhundert lang König, kaum anzunehmen. Manche Norländer hatten gemeint, sein Enkel Prinz Bernt, der mit der schönen Spanierin Ines de Castignada verheiratet war, würde König Erik auf den Thron nachfolgen. Doch Bernt, ehemals als der Playboyprinz bekannt, war erst 25. Er hatte Zeit mit der Thronfolge und war nicht darauf aus.

König Eriks Ansprache dauerte fort.

In diesem Jahr haben wir zwei Hochzeiten innerhalb der Königsfamilie.“ Er erhob seine Stimme: „Prinzessin Jennifer von Norland, meine geliebte Tochter, wird Morten Hanson, Graf von Hellmark und Randaskjöll, ehelichen.“

Der Ankündigung folgte überraschtes Schweigen. Weiter entfernt in der Stadt krachten Feuerwerkskörper, anderswo wurden Raketen in den Himmel geschossen.

Beim Schloss am Tjoll-Fluss, auf dem Eisschollen trieben, war es relativ ruhig. Morten Hanson, der stattliche Milliardär und weltweite Börsenmagnat und Unternehmer, zog Prinzessin Jennifer an sich.

Unverhofft sah er sich zum Grafen ernannt, das hatte er nicht gewusst und gewollt.

Dein Vater ist ein alter Fuchs, Liebste“, sagte er ihr in Ohr. „Nachdem er es öffentlich verkündigte kann ich ihn schlecht auffordern, meine Erhebung in den Adelsrang rückgängig zu machen. – Dann hast du schon wieder einen Grafen zum Mann.“

Diesmal den Richtigen.“

Es hatte lange gedauert, bis Prinzessin Jennifer wieder mit Morten Hanson zusammengefunden hatte. Sie hatten eine Jugendliebe gehabt, der die mittlerweile fast 22-jährige Prinzessin Natalie entstammte. Jennifer war erst Achtzehn, als sie sie zur Welt brachte.

Sie hatte auf Geheiß ihres Vaters einen anderen Mann heiraten müssen – den Graf Rolf von Olpe, einen echten Stockfisch und Sauertopf. Natalie hatte erst mit Zwanzig erfahren, wer wirklich ihr Vater war. Mit dem Graf Rolf hatte sie sich nie gut verstanden. Es hatte dramatische Verwicklungen gegeben, bis Jennifer, die schon ein paar Jahre von Rolf von Olpe geschieden und unglücklich war, wieder zu Morten Hanson fand.

Er hatte sich mit der Königsfamilie ausgesöhnt. König Erik war es nicht leicht gefallen, ihn um Verzeihung zu bitten für das, was er ihm angetan hatte – und Jennifer, die er in eine unglückliche Ehe mit einem ungeliebten Mann zwang. Doch Erik hatte genug Charakter dazu gehabt, und Morten, ihm zu verzeihen.

Im Mai wirst du meine Frau, Liebste“, sagte der Milliardär. „Ich hoffe, dein Vater gibt mir deine Hand nicht nur, damit die Königlichen Schlösser mal wieder richtig restauriert werden können.“

Morten, du bist unmöglich. Du weißt doch, wie reich die Bentwaldts sind.“

Da küsste sie der große Mann mit dem markanten Gesicht und den grauen Schläfen.

Das Wichtigste ist die Liebe, Jennifer – unsere Liebe. Dass wir endlich zusammen sind. Im Mai werde ich dich zum Traualtar führen.“

 

*

 

Als zweite Hochzeit gab König Erik die seines Enkels Prinz John, dem zweiten Sohn des Kronprinzenpaars René und Desiré, mit der bürgerlichen Malteserin Nicole Adams bekannt. Nun wendete sich, kaum dass das geschehen war, Prinzessin Natalie an ihren Großvater.

Sie knickste. Er schaute sie etwas aus dem Konzept gebracht an.

Auch Freddy Ralston und ich wollen heiraten“, sagte sie, während alles gespannt lauschte und die Zuhörer unten sich den Hals verrenkten und zu erfassen versuchten, was sich am Balkon abspielte. „Das kannst du auch gleich bekannt geben, Opa König.“

So hatte die bildschöne schwarzhaarige Prinzessin König René genannt, wenn er sie als kleines Kind auf seinen Knien hatte reiten lassen. Im Polarfuchsmantel sah Natalie fast schöner als alle anderen aus. Freddy Ralston, auch er entstammte einer englischen Lordsfamilie, stand im Hintergrund.

Da brat mir doch einer einen Storch“, sagte der König überrascht.

Er vergaß, dass er das eingeschaltete Mikrofon in der Hand hielt. Stürmisches Gelächter brauste über den Platz. Die Redewendung, bei der er sich nichts gedacht hatte, rief allerdings später Tierschützer auf den Plan, die von König Erik eine Erklärung und eine Distanzierung von dieser Redensart forderten.

Die Störche standen nämlich unter Artenschutz.

Ist das dein – euer Ernst, Natalie? Das wird eine Massenhochzeit.“

Dann geht alles in einem ab.“

Da hast du auch wieder recht. Das wird ein großes Ereignis für Norland. – Ach, wie die Zeit vergeht. Mir ist es, als wäre es erst gestern gewesen, dass ihr zur Welt kamt. Und jetzt heiratet ihr schon.“

Gerührt und bewegt sagte König Erik die dritte Hochzeit innerhalb der Königlichen Familie an. Mit seiner Hochzeit mit Lady Patricia und der Prinz Bernts und Ines’, die allerdings in Südamerika stattgefunden hatte, waren es dann fünf Hochzeiten innerhalb von zwei Jahren.

Spötter meinten: „Es fehlte nur noch, dass auch die alte Lady Deanna, die Königinmutter, heiratet.“

Die eiserne alte Lady, wie sie genannt wurde, war 96. Sie war die Mutter der ersten Gattin von König Erik, die vor einigen Jahren mit dem Flugzeug tödlich abgestürzt war. Lady Deanna hatte fest vor, hundert Jahre alt zu werden. Wie es aussah, würde sie das locker schaffen.

Sie saß auf dem Balkon, in Pelze gehüllt, in einem Stuhl. In der Hand hielt sie einen Stock mit silbernem Griff. Ihre fünf Pudel befanden sich allerdings in den Schlossgewölben, wo Diener auf sie aufpassten. Das Silvestergeknalle sollte sie nicht verstören.

Nach all diesen Neuigkeiten, meine lieben Landeskinder, wünsche ich euch von ganzem Herzen ein gutes, gesundes und glückliches Neues Jahr!“, beendete der König seine Ansprache. „Gott segne euch, Gott segne unser Norland.“

Nun fing erst der richtige Taumel an. Die Glocken in der Stadt, die während der Neujahrsansprache vom Balkon geschwiegen hatten, läuteten in voller Lautstärke los. Hochrufe erschollen, ein einziger Jubel zum König und seiner Familie. Wieder krachten die Böller und fauchten die Feuerwerksraketen in den Himmel. Es ging zu wie im Tollhaus. Schloss Bentwaldt strahlte im Lichterglanz. Der Himmel flammte im Feuerwerk.

Wo ist eigentlich Alexa?“, fragte König Erik, der froh war, seine Ansprache beendet zu haben, seine Gattin.

Irgendwo“, antwortete sie. „Sie wird sich schon wieder einfinden. Jetzt lass uns bitte ins Schloss gehen. Es ist kalt, und ich friere.“

Natürlich.“

König Erik bot der Königin seinen Arm. Unter dem brausenden Jubel seiner Untertanen führte er Königin Patricia ins Schloss. Den Königswalzer zum Jahresbeginn würde er mit ihr tanzen. Allein auf dem Parkett im großen Ballsaal des Schlosses im Lichterglanz. Der Neujahrsball, zu dem zahlreiche Adlige und illustre Gäste geladen waren, würde bis in die Morgenstunden dauern.

Doch König Erik wollte sich früher zurückziehen. Er musste sich schonen, zumal er nicht mehr der Jüngste war. Dass er sich im Neuen Jahr einer Bypassoperation unterziehen wollte, hatte er seinen Untertanen bei der Neujahrsansprache nicht gesagt. Er durfte es nicht mehr lange hinauszögern.

Auf der Galerie des festlich erleuchteten Saals stand der Kronratsvorsitzende Mettlund, als die Königliche Familie hereinkam. Der gewaltige Mann, fast zwei Meter groß und von ihm zugegebene 270 Pfund schwer, trug einen maßgeschneiderten Smoking. Olaf Mettlund hatte sein Leben dem Dienst an der Königlichen Familie geweiht, sie ging ihm über alles.

Er hielt viele Fäden in seinen Händen. Doch manchmal war auch er machtlos und erlebte Überraschungen.

 

*

 

Prinzessin Alexa hatte es nicht eilig, ins Schloss zurückzukehren. Sie bat Larry Trehearne, sie in den Schlosspark zu fahren, weil sie nachdenken wollte. Kahl waren die Bäume dort, die Wege und Flächen verschneit. Das Feuerwerk dauerte an und beleuchtete das schöne junge Paar mit wechselnden Farben.

Raketen pfiffen in den Himmel, Feuerwerkskörper knallten, zischten und heulten. Es war ein Heidenspektakel. Auch Feuerwehrsirenen waren zu hören, denn wie immer an Sylvester brach irgendwo Feuer aus.

Wenn man bedenkt, welche Gelder hier in den Himmel gepulvert werden, wo es doch soviel Not und Elend auf der Welt gibt“, sagte Alexa.

Aber schön ist es doch.“ Larry zückte sein Handy. „Ich muss meine Familie in London anrufen.“

Tu das.“

Larry telefonierte mit seinen Angehörigen. Alexa setzte sich in der Kälte auf eine Bank. Es war zwölf Grad unter Null, trockenkalt. Die junge Prinzessin war nachdenklich. Sie überlegte sich, wohin ihr Lebensschiff steuerte.

Und ob sie und Larry für immer zusammengehörten. Sie hatte ihn bei einem Adelsball getroffen und kennen gelernt. Später dann, bei einem Skiurlaub in Sankt Moritz mit ihrer Clique, waren sie ein Liebespaar geworden. Das war zwei Jahre her.

Prinzessin Alexa hatte ihre Internatszeit in der Schweiz beendet und ihr Abitur gemacht. Ein Studium oder dergleichen hatte sie noch nicht angefangen. Vor zwei Jahren, da war sie in dem richtigen Alter und in der Verfassung gewesen, sich zu verlieben.

Und Larry Trehearne, durchaus attraktiv, aus einer angesehenen Adelsfamilie, mittlerweile mit beendetem Jurastudium in Oxford, war da gewesen. Einer musste es sein, in den sich die Prinzessin verliebte. Vorher hatte sie Schwärmereien gehabt, die jedoch zu nichts führten.

Sie fragte sich nun, ob Larry der Richtige für das ganze Leben war. Solche Gedanken hatte sie vorher nicht gehabt. Die Neujahrsnacht hatte sie ihr gebracht.

 

*

 

Das Neue Jahr begann ohne Hektik. Prinzessin Jennifer und der Milliardär Morten Hanson verlebten hinreißende Liebes- und Flitterwochen in Jennifers Schloss Randaskjöll im Landesinnern. Sie lasen sich jeden Wunsch von den Augen ab und waren ein Herz und eine Seele. Viel zu lange hatten sie ohne einander auskommen müssen, sie benahmen sich wie ein verliebtes junges Paar.

König Erik und Königin Patricia waren an die Côte d’Azur geflogen, wo die Witterung milder war als in dem rauen Norland. Die übrigen Mitglieder der Königlichen Familie verbrachten ihre Tage je nach Geschmack. Kronprinz René bereitete sich auf die Thronbesteigung und die Rolle des Königs vor. Er wusste, es würde viel von ihm verlangt werden.

Sein Vater warf einen langen Schatten, aus dem er heraustreten musste. Manchmal dachte er an Lady Beatrice, die er viele Jahre geliebt hatte. Er trauerte noch immer um sie, denn er hatte sich ihretwegen scheiden lassen wollen. Für Beatrice hätte er sogar auf den Königsthron verzichtet.

Doch das Schicksal hatte es anders gewollt. Desiré, seine Gattin, war feinfühlig genug, nicht in ihn zu dringen und den hageren, über mittelgroßen Kronprinzen nicht unter Druck zu setzen. Sie hielt sich zudem in ihren gesellschaftlichen Aktivitäten zurück. Glanzvolle Bälle und Gesellschaften, Ausstellungen und öffentliche Auftritte, die Desiré liebte, waren nicht der Fall ihres Gatten.

Für ihn bedeuteten die offiziellen Anlässe, die er effizient wahrnahm, eine Pflicht. Auf manche wirkte er daher zurückhaltend und verschlossen. Er liebte die Natur und die Einsamkeit, das einfache Leben. Seine Blockhütte im Hochmoor war sein geliebter Zufluchtsort und sein Liebesnest mit Lady Beatrice gewesen.

Jetzt mied er sie, weil dort zu viele schmerzliche Erinnerungen für ihn waren. Doch ihm fehlte etwas. Im Moor, weshalb man ihn auch den Moorprinzen nannte, war er glücklich und frei gewesen. Vor Tag hatte er aufstehen können, um Holz zu hacken, Wasser vom Brunnen zu holen, sich dort auch zu waschen – mit freiem Oberkörper oder gar nackt bei jeder Witterung.

Beatrice hatte seine Vorliebe für die Natur und das einfache Leben geteilt. Kronprinzessin Desiré brachten keine zehn Pferde dazu. Für sie war die Natur schön, um sie im Fernsehen anzuschauen – da konnte sie gern urwüchsig und wild sein. Oder sie in Form von Bäumen und Blumen im Schlosspark zu haben.

Eines Abends am Kaminfeuer, wo er mürrisch saß, sprach Kronprinzessin Desiré ihren Gatten auf seine üble Laune und Gereiztheit an. Er verbarg beides zwar, er hatte viel Selbstdisziplin, doch Desiré kannte ihn gut.

So geht es nicht weiter, René“, sagte die Kronprinzessin.

Sie wirkte durchaus noch mädchenhaft, obwohl sie schon erwachsene Kinder hatte. Sie trug ein schulterfreies Kleid, das ihre Büste betonte, und eine Rubinhalskette. Wie immer war sie gestylt und zurechtgemacht. Bei ihrem Äusseren duldete sie keine Nachlässigkeit.

Wenn du deine Füße noch weiter vorstreckst, wirst du sie dir am Feuer verbrennen“, fuhr Desiré fort.

René schreckte aus seinen Gedanken auf.

Was meinst du?“

Desiré setzte sich zu ihm auf die Sessellehne und strich ihm übers Haar. Der Kronprinz roch ihr Parfüm. Er spürte ihre Wärme und Nähe. Seit sie sich wieder versöhnt hatten, nach Beatrices Tod, hatten sie noch nicht wieder miteinander geschlafen.

Sie hatten getrennte Schlafzimmer in dem großen Schloss.

Du wirst immer gereizter und unleidlicher“, sagte sie. „Dir fehlt die freie Natur. Du bist hier im Schloss eingesperrt, oder du fühlst dich so. Und du quälst dich und leidest. Du sehnst dich nach deinem Moor, nach den Bergen und Wäldern von Norland, wo du immer Kraft schöpftest.“

Was soll ich allein da?“, fragte René traurig. „Du wirst mich doch wohl nicht in die Einsamkeit begleiten wollen?“

Nein, aber du brauchst eine Ortsveränderung.“

Vielleicht sollte ich nach Sankt Moritz oder nach Gstaad fliegen. Unsere Kinder amüsieren sich beim Skiurlaub in Sankt Moritz – Bernt und Ines, John und Nicole. Auch Natalie und Freddy sind bei ihnen. Alexa befindet sich derzeit noch mit ihrem Larry in London.“

Der Skiurlaub an einem mondänen Wintersportort wäre nicht das Richtige für dich“, sagte Desiré. „Eher eine längere Skiwanderung durch die finnische Tundra, mit einem Gewehr auf dem Rücken, um Bären zu erschießen, wenn sie dich angreifen.“

Sie greifen den Menschen nur selten an“, sagte René. „Ich beobachte und fotografiere die Tiere lieber, als dass ich sie erschieße. Schließlich schießen sie auch nicht auf mich. Tiere sind in meinem ganzen Leben weder niederträchtig zu mir gewesen, noch haben sie mir ein Leid zugefügt.“

Dem Apres-Ski kannst du wenig abgewinnen“, sagte Desiré. „Ich könnte eher nach Sankt Moritz fliegen und über die Piste fegen.“

Dort würdest du gewiss eine gute Figur abgeben.“

Danke fürs Kompliment. Doch ich fliege lieber nach Gstaad. Ich möchte nicht zu nahe bei unseren Kindern in Sankt Moritz sein. Ein wenig Distanz ist angebracht. Auch ich bin eine Mutter, nicht nur Kronprinzessin, und die muss der jüngeren Generation nicht im Genick sitzen. In Gstaad bin ich besser aufgehoben, da werde ich auch einen Begleiter finden, in allen Ehren natürlich. – Für dich, René, habe ich eine Überraschung. Ich habe dir nämlich eine dreiwöchige Berg- und Wildwassertour in den Norland-Bergen gebucht. Den Reyjk-Fluss hinunter, der am Palderhorn entspringt und seinen Weg durch die Vorberge und am Rand des Hochmoors entlang nimmt. Es ist eine winterliche Abenteuerreise für harte Männer und Frauen, ein Outdoor-Event. Das wird dich auf andere Gedanken bringen. Eine Besichtigungstour durch den Nationalpark ist mit dabei.“

René staunte.

Du hast was?“

Das hast du gerade gehört, mein Lieber. Ich werde nicht zulassen, dass du weiter im Schloss herumsitzt und Trübsal bläst. Die Norländer sollen Ende Mai keinen vergrätzten König bekommen.“

René blieb der Mund offen stehen.

Aber – ich bin fast fünfzig Jahre alt. Das ist eine Tour für Naturfreaks.“

Das bist du doch, oder? Ihr werdet eine Woche Bergwandern und vierzehn Tage mit Schlauchbooten unterwegs sein und die Nächte am Ufer des Reyjk biwakieren. – Du schaffst das schon. – Oder willst du dich drücken?“

Aber – das ist eine Strapaze!“

Es wird dir den Kopf auslüften. außerdem ist es Zeit, etwas für deine Volkstümlichkeit zu tun. Du wirst mit einem Team unterwegs sein, da kann dir niemand mehr Eigenbrötelei vorwerfen.“

Aber…“

Oder willst du im Schloss versauern? Von mir aus, ich werde jedenfalls übermorgen nach Gstaad fliegen.“

So energisch und einfühlsam kenne ich dich gar nicht, Desiré.“

Desiré küsste ihn sanft auf die Wange.

Wir werden König und Königin sein, René. Du hast deine Eigenheiten, ich die meinen. Es nutzt nichts, wenn wir uns gegenseitig einengen und es uns stumm vorwerfen, dass der andere andere Vorlieben hat.“

Da hast du wohl recht.“

Vor allem jedoch sind wir Mann und Frau. Weißt du noch, wie du damals um mich geworben hat, René? Es ist eine schöne Zeit gewesen.“

Die Erinnerung ließ Renés blasses Gesicht froher erscheinen. Die Falten des Kummers und der Trauer wichen zurück.

Ich erinnere mich“, sagte er und fasste Desirés Hand. „Es ist lange her.“

Zum ersten Mal seit langem schaute er Desiré ganz genau an. Sie war keine Zwanzig mehr wie damals, als er sie kennengelernt hatte. Doch sie war nach wie vor eine schöne, begehrenswerte Frau. Seine Frau. Lange hatte er sie vernachlässigt, sich in seinen Kummer wegen Beatrices Tod vergraben und sich selbst leid getan.

Vielleicht…“, sagte er.

Desiré legte ihm den Zeigefinger auf die Lippen und hauchte ihm einen Kuss darauf.

Sicher“, sagte sie. „Wir wollen Vergangenes vergangen sein lassen. In meinem Herzen habe ich dich immer geliebt, René, du bist der Mann meines Lebens.“

René schluckte. Er konnte nicht sprechen, seine Gefühle, die ihn erfüllten, waren zu stark. Er saß noch eine Weile da und hielt Desirés Hand. In seinem Herzen löste sich etwas, ein Frost wich, eine Erstarrung verschwand. Das Leben gehört den Lebenden, dachte er. Und für seine Liebe war Desiré da.

An diesem Abend nicht, doch am nächsten suchte er ihr Schlafgemach auf. Es war intim beleuchtet, das breite französische Bett aufgedeckt. Desiré trug ein hauchdünnes Negligé, das ihre Schönheit unterstrich und wenig verbarg.

Ihre Augen funkelten unergründlich.

Ich habe lange auf dich gewartet, René“, sagte sie.

Er schloss sie in seine Arme. Stürmisch liebten sie sich, und von da an teilten sie Tisch und Bett.

 

*

 

Prinzessin Alexa gefiel es in London nicht sonderlich. Sie verkehrte in Adelskreisen und mit Prominenten. Zwar gab es Parties und Abwechslungen und Sehenswürdigkeiten. Doch das Treiben vermochte die blonde Prinzessin nicht zu fesseln. Sie bewog Larry, mit ihr nach Sankt Moritz zu fliegen, wo sie sich der Clique um die Prinzen Bernt und John, Ines und Nicole anschlossen. Peter Arden, ein Industriellenerbe, ein alter Freund, war wieder mit dabei.

Tagsüber über die Pisten jagen, die halbe Nacht beim Apres-Ski, das gefiel der jungen Prinzessin. Sie wohnte im besten Hotel am Platz, wie es sich gehörte, wo sie mit Larry zusammen ein luxuriöses Doppelzimmer hatte. So streng waren die Bräuche heutzutage nicht mehr, als dass dies nicht möglich gewesen wäre, und sie galten offiziell als verlobt.

Alexa hatte die Gedanken der Neujahrsnacht vergessen, doch in ihrem Unterbewusstsein waren sie noch vorhanden. Sie betrachtete Larry skeptischer als zuvor. Ihre Liebe zu ihm hatte sich abgekühlt. Gewiss, bei ihm war alles perfekt, vom Aussehen über die Familie hin bis zu den Manieren.

Er las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Auf seiner Seite war es die große Liebe – doch was Alexa betraf, so wusste sie dieses bei sich nicht. Dann traf ein sehr Prominenter in Sankt Moritz ein, nämlich der amtierende Formel-Eins-Weltmeister Erno Kirkalää. Auch er wollte Ski fahren und sich entspannen, bevor die neue Formel-Eins-Saison begann, in der er sich wieder den Weltmeistertitel holen wollte.

Erno Kirkalää war Finne, ein großer Mann mit weißblondem langem Haar, das er oft im Nacken zu einem langen Pferdeschwanz zusammengefasst trug. Er reiste mit einem ganzen Tross von Begleitern und Leibwächtern an. Sie quartierten sich im Nachbarhotel ein. Reporter und Fotografen umschwärmten den Formel-Eins-Crack.

Man könnte fast neidisch werden“, sagte Prinz Bernt beim Dinner im Speisesaal des Hotels. „Die Reporter interessieren sich mehr für ihn als für uns.“

Wir sind auch schon länger da“, bemerkte Ines in ihrem drolligen Norländisch. Sie lernte die Sprache fleißig, parlierte jedoch lieber in Spanisch, Englisch oder Französisch. „Uns haben sie schon genug abgeschossen.“

Alle am Tisch lachten.

Du bist süß“, sagte Bernt zu seiner bildschönen schwarzhaarigen Frau. „Du meinst Fotos von uns geschossen.“

Später, bei der Seilbahn zu den Pisten, sah Alexa in ihrem schicken Skidress Erno Kirkalää aus der Nähe. Er war 1,85 Meter groß und hatte hellgraue Augen und ein männlich-gutaussehendes Gesicht, das Willensstärke verriet. Dazu zeigte er das strahlende Lächeln des Siegers.

Ein Hauch von Gefahr umwehte ihn, er war ein besonderer Mann. Sportsmann, ein erstklassiger Techniker beim Fahren, zudem wagemutig und immer am Rand des Todes. Das gab ihm ein besonderes Flair. Sein Ruf als Womanizer war bekannt. Alexa meinte sich zu erinnern, dass er verheiratet war – oder gewesen war.

Von seiner Frau wusste sie nichts, diese war auch nicht dabei. Die anwesenden Schönheiten warfen Kirkalää durchaus interessierte Blicke zu. Mehrere Skihasen waren bei ihm. Sie umdrängten und umschwärmten ihn.

Die Bodyguards und Kirkalääs sonstige Begleiter sahen keinen Grund einzuschreiten. Attentäterinnen waren die jungen Damen sicher nicht. Zudem wusste Kirkalää mit Boxenludern und dergleichen durchaus umzugehen. Er war ihnen nicht abgeneigt, obwohl er sich mehr an die Prominenz hielt.

Im vergangenen Jahr hatte er eine heiße Affäre mit einer schwedischen Schauspielerin gehabt. Der Mittsommernachtstraum der Liebe hatte diese in tiefe Verzweiflung gestürzt, als er endete, bei Kirkalää hinterließ er keine tieferen Spuren. Er war weiterhin mit seiner Mischung von riskantem Wagemut und der Routine eines Roboters gefahren und hatte sich seinen Weltmeistertitel geholt.

Die Aktrice hatte einen Selbstmordversuch unternommen und eine Filmrolle geschmissen, was ihr einen Karriereknick bescherte. Kirkalää äußerte sich offiziell nicht dazu, was wohl das Beste war.

Seine Augen streiften über Alexa, die mit einigen aus ihrer Clique zur Gondel ging. Kirkalääs Blick blieb an ihr hängen.

Alexa sah ihm in die Augen. Stolz warf sie den Kopf zurück. Kühl war ihr Blick.

Ich bin Alexa, Prinzessin von Norland, sagte er. Keine, die sich dir an den Hals wirft, Kirkalää. Mich bekommst du nicht.

Kirkalää lächelte kühl. Er war sich seines Status, seiner Ausstrahlung und seiner Wirkung auf Frauen bewusst. Sein Blick schweifte weg von Alexa, und er schaute sie nicht mehr an, zumindest schien es so.

Alexa ärgerte das ein wenig – schließlich war sie bildschön, die Männer umschwärmten sie. Sie hätte an jedem Finger zehn haben können. Obwohl sie fest mit Larry Trehearne liiert war, flirtete sie gern. Männer waren sehr leicht um den Finger zu wickeln.

Ein Lächeln und ein Blick genügten, um sie die Augen verdrehen und umhertanzen zu lassen wie Marionetten. Alexa war sich zudem, obwohl sie außer mit Larry Trehearne keine intimen Erfahrungen hatte, der Macht des Sex bewusst. Sie wusste, dass ein Mann einer Frau hemmungslos, rettungslos verfallen konnte.

Dass sie ihm dann über alles ging, und dass er Wachs war in ihren Händen. Und dass manche Frauen für Männer wie ein süßes, betörendes Gift waren, das sie zugrunde richtete und zerstörte und wovon sie sich bis zum bitteren Ende nicht zu lösen vermochten.

Doch umgekehrt, was Frauen anging, war es bei ihnen mit Männern mitunter genauso.

Bald danach sah Alexa Kirkalää auf der Piste wieder. Er fegte im Neuschnee der Hang hinunter. Sein weißblonder Schopf wehte hinter ihm her. Schneefahnen wehten von seinen Skiern. Mit dem grandiosen Panorama der Bergwelt im Hintergrund sah er aus wie ein junger Gott auf Skiern – einer von den Bevorzugten auf dieser Erde, Liebling der Götter, bis er vielleicht irgendwann auf einer Rennbahn aus der Kurve flog und in seinem völlig demolierten Formel-Eins-Boliden entstellt und verstümmelt endete. Oder gar verbrannte. Bis dahin jedoch gehörte ihm die Welt.

Alexa interessierte sich für den Rennfahrer. Sie wollte mehr von ihm wissen. Ausgerechnet Larry, ihr Verlobter war es, der ihr eine Menge über Kirkalää erzählen konnte. Er war nämlich ein heißer Fan von ihm.

Kirkalää dominiert diesen Sport“, erzählte er Alexa in einer heimeligen Gaststube ihres Hotels, wo sie sich nach einem anstrengenden Skitag ein wenig ausruhten. „Er ist zum zweiten Mal Weltmeister geworden, nachdem im vergangenen Jahr ein anderer den Titel gewann. Es fährt einen rasanten und technisch perfekten Stil…“

Ab hier hörte Alexa nicht mehr hin, denn fahrtechnische Einzelheiten interessierten die langbeinige blonde Prinzessin nicht. Ihr Skidress betonte ihre Filmstarfigur. Alexa hatte nie verstanden, weshalb Männer einen Technik- und Motorenfimmel hatten.

Immer musste es bei ihnen weiter, höher und schneller gehen. Manch einer weihte sein ganzes Leben der Einspritzpumpe oder der Weiterentwicklung eines Flugzeugmotors. Und wunderte sich dann, wenn diese es ihm nicht dankten und sein Privatleben einsam und unglücklich war.

Auch der Geschäftemacherei der Männer konnte Alexa nichts abgewinnen. Sie war eine Bentwaldt, Prinzessin von Norland – Geld hatte es immer gegeben, auch Ländereien und Aktien und noch so ein Zeugs. Das war für sie kein Thema.

Sie unterbrach Larry, als er zu lange von Kirkalääs Fahrtechnik schwärmte, mit der Frage: „Ist Kirkalää verheiratet?“

Warum willst du das wissen?“, fragte Larry verblüfft. „Im letzten Jahr siegte er mit Ferrari, in Le Mans legte er einen noch nie dagewesenen Rundenrekord hin…“

Ist er verheiratet oder ledig?“

Der Rundenrekord?“

Nein, Kirkalää.“

Natürlich. Du hast mich aus dem Konzept gebracht, Darling. Verheiratet – äh, ich weiß es ehrlich gesagt nicht. Aber ich kann dir sagen, welche Zeit er in Le Mans fuhr und wie viel PS sein Ferrari hatte.“

Alexa seufzte innerlich. Das war typisch Mann.

Wenn du soviel über ihn weißt, müsste dir doch bekannt sein, ob er verheiratet oder ledig ist, Larry.“

Mich interessieren seine Rennen, nicht seine Frau. Wenn ich nachdenke – ich meine, er wäre getrennt lebend oder so ähnlich. Ein Kostverächter ist er jedenfalls nicht. Ständig von Frauen umschwärmt. Er wird selten allein schlafen. – Gefällt er dir?“

Kirkalää? Nein. Ich habe ihn bei der Seilbahn und auf der Piste gesehen. Er stolziert umher wie ein Geck. Unglaublich eingebildet, der Mann. Solche Angeber mag ich nicht.“

Warum fragst du denn dann nach ihm und erkundigst dich, ob er verheiratet oder ledig ist?“

Nun ja, einen Formel-Eins-Weltmeister sieht man nicht alle Tage. Es interessierte mich eben. Vielleicht schaue ich mir mal so ein Autorennen life an. Bisher kenne ich sie nur vom Fernsehen.“

Das wirst du bald können“, sagte Larry, „sogar in Norland. Der rührige Morten Hanson, dein zukünftiger Onkel, baut nämlich eine neue Rennstrecke bei Hammarfell.“ Das war eine Stadt in Norland. „Sie ist fast fertig. Bald wird es dort Formel-Eins-Rennen geben. Hast du das nicht gewusst?“

Details

Seiten
100
Jahr
2016
ISBN (ePUB)
9783738906899
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
königshaus norland grand prix-prinzessin

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Titel: Königshaus Norland 8: Die Grand Prix-Prinzessin