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Braddock 10: Sarita, die schöne Mörderin

2016 120 Seiten

Leseprobe

Sarita — die schöne Mörderin

 

Ein Western von U. H. Wilken

BRADDOCK

 

Band 10

 

 

 

IMPRESSUM

 

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author/ Titelbild: Firuz Askin, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

www.AlfredBekker.de

postmaster@alfredbekker.de

 

 

 

 

 

Klappe

In der Stadt Portales nahe der mexikanischen Grenze wurde ein Attentat auf einen Abgesandten des Gouverneurs verübt. Der Mörder konnte unerkannt entkommen. Dies ist der Beginn eines neuen Auftrags für die beiden Special Deputies Braddock und Yumah.

Wenig später finden sie erste Spuren. Sie führen zu einer schönen Frau namens Sarita, die den Mord begangen hat - und sie arbeitet für einen einflussreichen Mexikaner, den man "Patron" nennt. Das Attentat war aber nur ein notwendiges Übel. In Wirklichkeit geht es um die Bergung eines spanischen Goldschatzes, mit dem der Patron eine Privatarmee ausrüsten und in Mexiko eine Revolution anzetteln will. Braddock und Yumah riskieren ihr Leben, um all dies zu verhindern - aber ob ihnen das wirklich gelingt, weiß zu diesem Zeitpunkt niemand ...

 

 

 

Roman

Der Tod fährt mit.

Vorhänge verbergen die junge Mexikanerin Sarita im Innern der geschlossenen Kutsche.

Mit zarter Hand macht sie einen schweren Colt feuerbereit.

Sie wird versuchen, den Gesandten des Gouverneurs zu töten.

Darum ist dies eine Todeskutsche, und die rollt nun auf dem staubigen Weg durch das weite heiße ,Tal des Puma' und nähert sich der Lehm- und Marmorstadt Portales.

Dort ist Markt. Viele Menschen drängen sich auf der großen Plaza vor den Ständen und feilschen. Maultiere stehen abseits und röhren. Junge Männer spielen Gitarre. Der Lärm der Menge überdeckt die Klänge.

Niemand beachtet die näherkommende schwarze Kutsche. Vier Pferde ziehen das Gefährt die breite heiße Straße herauf.

Eine Staubwolke hängt über der Plaza, und darunter lacht, tobt und flucht die Marktmenge. Hinter der Staubwand ist das palastähnliche Haus grau und verschwommen erkennbar.

Dort weilt der Abgesandte des Gouverneurs und lässt sich vom Sheriff, vom Bürgermeister und vom Richter die Situation im Grenzland erklären - denn in diesem wilden Bergland herrschen Terror und Raubmord.

Nur für einen Moment zieht die schöne junge Sarita den Vorhang an der gewölbten Wagentür zur Seite und blickt hinaus - dann gibt sie dem Kutscher Klopfzeichen.

Der öffnet hinter sich eine Klappe und horcht nach hinten ins Wageninnere hinein.

Fahr jetzt ganz langsam, Pablo!“, sagt sie. „Lass die Pferde im Schritt gehen. Die erste Kugel muss treffen!“

Si, Senorita“, sagt Pablo und blickt wieder nach vorn, lenkt die Pferde geschickt an den Rand der Plaza und fährt mit der Kutsche abseits der Stände und dicht am Gehsteig entlang.

Da wird die Wagentür vom Gehsteig aus geöffnet, und ein schlanker Mann schwingt sich herein und setzt sich Sarita gegenüber auf die gepolsterte Sitzbank.

Was ist, Scobie?“, fährt sie ihn heftig an. „Du störst! Wir sind gleich vor dem Haus des Sheriffs, und der Vertreter des Gouverneurs wird genau nach Zeitplan aus dem Haus kommen!“

Scobie grinste flüchtig. Er kennt Sarita. Sie ist ein Goldengel, aber sie kann auch so kalt wie eine Hundeschnauze sein.

Wir halten uns bereit, Sarita“, sagt er. „Noch kannst du wenden - und wir erledigen den verdammten Gouverneursschnüffler!“

Sie verzieht das schöne rassige Gesicht und bläst in die dunkle Mündung des Colts hinein.

Der Patron will diese Mutprobe von mir, claro? Du würdest mit deinen Leuten auch gar nicht nahe genug an den verdammten Gringo herankommen. Vor dem Haus wird seine Leibgarde stehen. Wenn du mit deinen Companeros am Straßenrand erscheinst, werden die Leibgardisten sofort auf euch feuern. No, Amigo Scobie - du bleibst im Hintergrund. Ihr macht abseits ein bisschen Feuerwerk - das lenkt alle ab. Dann bringe ich meinen Schuss ruhig und ungestört an.“

Der schlanke Revolvermann Scobie verhehlt nicht seine Bewunderung.

Du bist magnifico, Sarita - einfach großartig! Wenn das hier vorbei ist, sehen wir uns eine Zeitlang nicht mehr. Ich muss nach drüben, so wie’s der Patron befohlen hat. Ich werde dich vermissen.“

Lass deine Sprüche. Wir sind gleich da. Pablo steuert die Kutsche schon von der Plaza.“

Wohin gehst du, Sarita, wenn du den Abgesandten erschossen hast?“

Zurück auf meine Fonda.“ Sarita langt nach einem Stück Hirschleder und wickelt den Colt ein. „Auf der Herberge ist mein Platz."

Das trifft sich gut, Sarita. Hör zu: Im Norden vom Puma-Tal schnüffelt ein Fremder herum. Noch wissen wir nicht, wer er ist und was er will. Vielleicht können wir ihn gut gebrauchen, aber wir sind uns noch nicht sicher. Was schlägst du vor?“

Ihr seid euch noch nicht sicher? Dann legt ihn um.“

Ich und meine Leute können das nicht mehr. Wir gehen über die Grenze.“

Wer von uns ist denn im Norden?"

Zwei Mann, ein Mädchen. Die Stadt heißt Blue Horizon. Donovan und Sloan sind amerikanische Killer - aber nur drittklassig. Marie macht sich an jeden ran, der fremd in die Stadt kommt. Sie wird es auch bei diesem Schnüffler versuchen. Von ihr erfahren wir, wer für uns sauber ist. Die Killer sind die Lockvögel.“

Warum sagst du mir das?" Sarita sieht ihn kurz an und blickt dann wieder hinaus. Die Kutsche wird jeden Moment vor dem weißen Haus halten. „Beeil dich, Scobie! Presto!“

Diese Stadt ist von deiner Fonda aus am ehesten zu erreichen, Sarita. Marie hat uns nur mitgeteilt, dass ein Fremder dort herumschnüffelt. Wir haben jetzt schon lange nicht mehr eine Nachricht erhalten, wir wissen nicht, was mit Marie ist. Nimm Verbindung auf, Sarita!“

Bueno“, nickt sie gelassen, „gut, das geht schon in Ordnung. Sollte diese Marie Dummheiten machen, wird sie nicht mehr lange leben. Und nun raus mit dir.“

Scobie grinst wieder, legt die Hand flüchtig auf den umwickelten Colt in ihren Händen und sagt: „Schieß nicht vorbei, Sarita.“

Dann ist er draußen, und die Tür schlägt zu. Pablo erreicht mit der Kutsche das Straßenstück hinter der Plaza und lässt das Gefährt nahe vor dem Eingangsportal des weißen Hauses ausrollen.

Er hat Angst, doch noch größer ist seine Unterwürfigkeit. Er dient dem .Patron bis zum letzten Atemzug.

Behutsam hebt Sarita den Fenstervorhang ein wenig an und betrachtet die schwerbewaffneten Männer an der Tür des Steinhauses. Einst von Spaniern erbaut, wirkt es im Gegensatz zu den mehr oder weniger ärmlich aussehenden Häusern und Hütten von Portales wie ein Palast - pompös und herrschaftlich. Darin befinden sich das Office des Sheriffs und die Amtsräume der Stadtverwaltung. Dort werden auch Sitzungen abgehalten. Es ist völlig klar, dass alle wichtigen Männer der Stadt dort im Haus einen festen Platz haben. Darum hält sich auch der Abgesandte des Gouverneurs dort auf.

Gleich wird er herauskommen und die im Vorgarten bereit stehende Kutsche besteigen. Dann werden die Leibgardisten die Kutsche flankieren und nach allen Seiten sichern.

Dazu will Sarita es nicht kommen lassen. Es muss geschehen, wenn er sich auf dem kurzen Weg zur Kutsche befindet. Draußen auf dem offenen Land ist es so gut wie unmöglich, an ihn heranzukommen.

Immerhin sind zwölf Leibwächter aufgeboten, um sein Leben zu schützen, und diese Männer verstehen ihr Handwerk!

Oben auf dem Kutschbock klopft Pablo jetzt. Das ist das Zeichen. Die Türflügel sind geöffnet worden. Unter dem von Säulen getragenen Dach erscheint der Abgesandte. Sheriff und Richter begleiten ihn, sind aber einen halben Schritt hinter ihm.

Wieder klopft Pablo, diesmal fest: er warnt!

Zwei Leibgardisten haben den Vorgarten verlassen und nähern sich der Kutsche am Straßenrand. Pablo kann sein Schlottern unter dem weiten Poncho verbergen, der seinen Oberkörper wie ein mürber Sack umhüllt.

Die Straße vor dem weißen Haus ist bis auf die Kutsche leer. Man hat dafür gesorgt, dass niemand in die Nähe kommt. Für Scobie und seine Bande ist es unmöglich, die deckungslose Straße sicher zu überqueren. Allein ihr Erscheinen auf der anderen Straßenseite würde die Leibgarde in höchste Alarmbereitschaft versetzen.

Sarita hört eine fremde, barsche Stimme.

Mach, dass du weiterkommst, Mexikaner! Sonst schießen wir deine Kutsche in Stücke.“

Pablo beginnt sein Theater, seufzt und macht eine Geste der Hilflosigkeit, deutet dabei nach unten und sagt: „Der Senorita ist schlecht geworden von der langen Fahrt. Sie hat mich gebeten, mal anzuhalten.“

Senorita?“ Einer der beiden Leibwächter horcht auf und schluckt dabei wie jemand, der auf einen saftigen Braten Appetit bekommen hat. „Ist sie da drinnen?"

Pablo nickt nur und verdreht die Augen.

Die Posten tauschen vielsagende Blicke aus - dann tritt einer an die Kutsche heran und zieht die Wagentür auf.

Wie von einer langen Reise erschöpft, sitzt Sarita zusammengesunken in der Kutsche. Ein weißer Schleier, der den Staub der Fahrt abfangen soll, liegt auf ihren langen schwarzen Haaren. In zauberhaft weichen Konturen offenbart sich ihr schönes Gesicht dem schwerbewaffneten Mann, der von ihrem Anblick ganz hingerissen und überwältigt ist.

Sarita scheint zu schlafen. Wie zu einem stummen Gebet gefaltet, ruhen die zarten schlanken Hände im Schoß.

Jetzt kommt der andere Posten hinzu und sagt: „Senorita? Hören Sie, Senorita, hier können Sie nicht bleiben, die Straße muss freibleiben.“

Er hat ziemlich laut sprechen müssen, denn der Lärm vom Marktplatz schallt stark herüber.

Sarita bewegt sich, hebt die Lider mit den langen schwarzen Wimpern an und scheint verstört und noch halb im Schlaf.

Wo bin ich hier?“, haucht sie und streift den Schleier zurück.

Die Männer fühlen sich durch Saritas Anwesenheit auf einmal gar nicht mehr so gestört. Der Zauber einer blutjungen mexikanischen Schönheit hier auf staubigem amerikanischem Boden nimmt sie gefangen. Die Glut des Südens ist in Saritas Augen.

Sie sind in Portales, Senorita“, antwortet einer der Männer lächelnd. „Um uns herum befindet sich das Tal des Puma. Haben Sie sich verirrt?“

Sie braucht nicht mehr zu antworten.

In diesem Moment bricht abseits der Straße und hinter den gegenüberliegenden Häusern eine Schießerei aus. Zugleich schreit und läuft die Menge auf der Plaza durcheinander. Maultiere reißen sich los und laufen mit leeren Tragegestellen über die Straße. Immer wieder dröhnen Colts. Querschläger brummen zwischen den Häusern umher.

Unwillkürlich schlägt einer der Leibgardisten die Tür der Kutsche zu. Oben auf dem Bock macht sich Pablo lang. Vom Portal kommen die Leibgardisten durch den Vorgarten herangelaufen.

In eiskalter Ruhe holt Sarita den umwickelten Colt hervor, rutscht auf die andere Seite der Sitzbank und öffnet die Wagentür zu einem Spalt. Deutlich erkennt sie den Abgesandten des Gouverneurs, den Sheriff und den Richter. Die Leibwächter haben den Vorgarten durchquert und schießen nun auf die Gestalten, die drüben zwischen den Häusern aufgetaucht sind.

Scobies Leute lenken die Leibgardisten ab.

Sarita hebt die schlanke Hand an und zielt mit dem Colt auf den Abgesandten. Jener Mann ist nach Portales gekommen, um im Auftrag des Gouverneurs das Strafgefangenenlager in den Bergen zu besichtigen und von hier aus Maßnahmen zur Bekämpfung einer Bande von Mördern und Totschlägern zu treffen.

Der Patron will ihn beseitigt, haben.

Zu einem späteren Zeitpunkt soll auch der Sheriff sterben.

Denn der Patron will Portales zu einem Schlupfwinkel machen. Die Stadt muss aber erst eingenommen werden. Alles soll jedoch mit mexikanischer Geduld geschehen; nichts soll überstürzt werden. Der Mord am Abgesandten des Gouverneurs ist beschlossene Sache.

Immer wieder peitschen Schüsse.

Das Gespann vor der Kutsche stampft und zerrt im Geschirr, Pablo liegt flach und hält die Zügelenden fest in beiden Händen.

Sarita hat den Abgesandten genau vor dem Lauf. Gerade greift der Sheriff nach dem Arm des Abgesandten und will ihn dazu bewegen, den Schutz des Hauses aufzusuchen da drückt Sarita ab.

Tot bricht der Gesandte zusammen.

Der Schuss wird von vielen anderen Schüssen übertönt. Wände und Vorhänge sowie das Hirschleder dämpfen den Knall. Langsam schließt Sarita die Tür und versteckt den Colt. Im Innern der Kutsche ballt sich Pulverrauch zusammen und entweicht nur allmählich.

Sie gibt Pablo Klopfzeichen.

Die Kutsche rollt an, rollt am Haus vorbei und folgt der Straße.

Vor dem weißen Haus knien Männer neben dem tot auf den Steinfliesen liegenden Gesandten.

Niemand folgt der Kutsche. Hinter den Häusern verstummen die Schüsse. Scobie und seine Komplizen ziehen sich zurück.

Weit draußen vor der Stadt hängen zerfetzt die Drähte der Telegrafenleitung von den Masten und schleifen mit ihren in der Sonne glitzernden Enden durch den heißen roten Staub.

Die Verbindung zur Außenwelt ist unterbrochen.

Zufrieden legt sich Sarita in die Polsterung der Todeskutsche zurück und lächelt vor sich hin.

Der Patron wird mit ihr zufrieden sein.

Sie denkt an ihre Herberge und an die Stadt Blue Horizon. Um beides wird sie sich kümmern müssen. Zunächst aber ist sie froh, aus Portales heil herausgekommen zu sein. Denn jetzt wird die ganze Stadt von der Leibgarde des erschossenen Abgesandten auf den Kopf gestellt. Zu dieser Zeit reiten Scobie und seine wilden Schießer bereits in Richtung Grenze.

 

*

 

In Blue Horizon, der Stadt im Norden, hat sich auch schon einiges, wenn auch noch Unwichtiges, getan.

Das Mädchen Marie ist nicht untätig gewesen. Marie hat es geschafft, jenen Fremden, der in der Umgebung von Blue Horizon angeblich herumschnüffelt, auf ihr Zimmer zu locken. Sie glaubt, ihn verführt zu haben - vielleicht ist es genau umgekehrt.

Aber von alledem weiß Sarita nichts.

Marie ist ganz hingerissen von diesem Fremden.

Sie liegt neben ihm und fährt streichelnd mit dem Zeigefinger über seine behaarte Brust.

Du hast so schön viele Haare, Bradock.“

Richtig“, brummt er und hat die Augen geschlossen. „Ich muss Haare auf der Brust haben, damit das Herz gewärmt wird. Ihr habt dafür einen schönen Busen - der wärmt auch.“

Seufzend schmiegt sie sich an ihn und küsst sein sonnengebeiztes Gesicht.

Tu’s“, haucht sie. „Ich hab' dich so gern."

Warte bitte“, murmelt er, „ich muss nachdenken ... Sag mal, Marie - wer ist der Kerl, der immer nur kurz in der Stadt ist, im Saloon ein paar Drinks nimmt und dann wieder verschwindet?"

Ich glaub’, er ist ein Killer. Sloan heißt er. Wieso fragst du?"

Er ist wieder mal nicht da. Also wird er bald zurückkommen. Sloan? Merkwürdig - ich hab’ doch irgendwo schon mal einen Steckbrief von ihm gesehen. Kann das möglich sein?“

Warum nicht? Vergiss ihn.“ Sie streicht über seinen sehnigen Körper. „Ich möchte, dass du nur an mich denkst. Liebe mich!“

Was will dieser Killer Sloan eigentlich in Blue Horizon, Marie?“

Verdammt, denk nicht an Sloan! Das will ich auch nicht! He, was interessiert dich das? Bist du ein Schnüffler?“

Er lächelt sanft und blickt sie mit braunen Augen weich an. Sie weiß nicht, dass diese Augen auch kalt wie Eis blicken können, dass diese Augen schon viele Halunken haben sterben sehen.

Natürlich bin ich ein Schnüffler, Darling. Ich schnüffel so gern.“ Er zieht den Kopf ein und verschwindet unter der Decke, umarmt ihren Leib und zieht ihn an sich.

Sie fängt zu kichern an, vergisst Sloan und verschwindet zu ihm unter die Decke. Sie rangeln miteinander, und dann gleitet er auf sie und küsst sie wild. Sie gibt sich ihm ganz hin und spürt, wie er von ihr Besitz ergreift. Da vergisst sie, warum sie hier in Blue Horizon zu sein hat. Sie spürt voller Glück und Zufriedenheit, dass sie eine Frau ist, und dann liegt sie noch lange still neben ihm und spürt sein Herz schlagen.

Braddock ist mit den Gedanken schon wieder bei Sloan, dem Killer, zieht die Decke vom Gesicht und blickt auf die Tür.

Langsam und lautlos gleitet die Tür auf.

Ein junger Mann mit langen rabenschwarzen Haaren erscheint und nickt ihm zu. Dann verschwindet der Bursche mit den Indianerhaaren wortlos, und keiner hört ihn nach unten gehen.

Marie räkelt sich seufzend, tastet suchend umher und merkt, dass Braddock sich mit dem Oberkörper aufgerichtet hat. Ernüchtert kommt sie hoch und hat das Glück der Stunde vergessen.

Was ist mit dir, Braddock? Du willst doch wohl nicht jetzt gehen, wo’s so schön ist?“

Stirnrunzelnd blickt er sie an, beugt sich zu ihr hinüber und küsst sie, streicht dann mit dem Handrücken über den Mund und steigt aus dem Lotterbett. Dabei murmelt er: „Ich hab’ da eben Hufschlag unten auf der Straße gehört. Das wird Sloan sein.“

Immer wieder Sloan!“, sagt Marie verärgert. „Willst du in den Saloon und dich totschießen lassen?“

Das mit dem Totschießen lassen hab’ ich nicht vor, Liebling - aber in den Saloon geh’ ich.“

Er beginnt, sich anzukleiden. Marie sieht ihm dabei zu, und in ihren Augen ist ein Ausdruck, als würde sie von ihm Abschied nehmen. Er setzt den Stetson auf und schiebt unauffällig irgendwas darunter. Das entgeht Marie, weil er sie ablenkt, indem er fragt: „Wo hab’ ich die Blumen gelassen?“

Was für Blumen, verdammt nochmal? Willst du auf eine Hochzeit?“ Dabei blickt sie suchend im Zimmer umher. „Hier sind keine Blumen. Du hast auch gar keine mitgebracht, fällt mir ein.“

Ja, das stimmt ja auch - ich hab’ sie vergessen. Blumen für den Killer Sloan. Genauer gesagt: für seine Beerdigung.“ Er ist schon mit einem Fuß draußen auf dem Gang, bleibt wie nachdenklich stehen und macht ein ernstes Gesicht.

Du bist sehr nett zu mir gewesen, Marie. Ich danke dir. So schnell vergesse ich dich nicht.“

Sie schluckt und zieht die Decke bis unter die Augen. Langsam schließt er hinter sich die Tür. Sie hört seine Schritte auf dem Gang und das Rasseln der Radsporen. Da wirft sie die Decke zur Seite und faucht in Richtung Tür: „Du wirst mich vergessen, Braddock Schneller, als du glaubst! Sloan wird dich kaltmachen, mein Liebling!“

Sie springt vom Bett, wirft sich was über und eilt ans Fenster.

Unten tritt Braddock aus dem Hotel. Die Mittagshitze brütet über der Stadt. Drüben im Schatten des Saloons steht angeleint Sloans Sattelpferd. Die Straße ist leer.

Auf langen Beinen stakst Braddock unten entlang.

Marie beugt sich aus dem Fenster und ruft hinab: „Beeil’ dich, wenn’s geht! Ich warte auf dich.“

Er winkt knapp und geht weiter. Marie zieht sich zurück, kleidet sich blitzschnell an und verlässt das Zimmer, hastet nach unten und verlässt das Hotel durch die Hintertür.

 

*

 

Auf dem Hof erwartet sie schon Donovan.

Der Komplize sitzt auf einer leeren Regentonne im Schatten des alten Pferdestalls, lässt ein Bein baumeln und rutscht träge herunter, als das Freudenmädchen vor ihm steht.

Er heißt Braddock“, sagt sie und atmet heftig. „Jetzt geht er rüber in den Saloon! Ich hab's doch geahnt - er ist ein Schnüffler! Er wird Sloan umlegen!“

So einfach ist das nicht, Marie“, widerspricht Donovan und rückt am mit Patronen bespickten Waffengurt. „Sloan weiß, dass er den Lockvogel spielt. Also wird er auf alles gefasst sein.“ Er verzieht beim Grinsen kaum das Gesicht, doch hebt dabei die Oberlippe an und entblößt die angefaulten Schneidezähne. Das verleiht ihm den Ausdruck einer Ratte. „Und schließlich bin ich auch noch da, Marie. Wenn Sloan es nicht schaffen sollte, dann knall ich ihn ab.“

Steh hier nicht so rum!“, fährt sie ihn scharf an. „Halte dich wenigstens bereit! Dieser Braddock ist gefährlich! Vielleicht ist er noch viel gefährlicher, als wir glauben.“

Hast du nichts aus ihm herausgekriegt? Vielleicht ist er hier, weil der Sheriff verschwunden ist.“

Verschwunden ist gut!“ Marie lacht hart und trocken auf. „Ihr habt ihn umgelegt und verscharrt, nur weil er euch Schwierigkeiten machte. Wenn Braddock wirklich ein Schnüffler ist - und davon bin ich fast überzeugt - dann ist er deshalb hier! Ihr hättet den Sheriff nicht erschießen brauchen. Aber ihr wolltet ja unbedingt sein Leben!“ Wie in stiller Verzweiflung ringte sie die Hände. „Wir sind doch nur hier, um die Nachschublinie zu sichern! Im Krieg nennt man das Vorposten oder vorgeschobene Beobachter. Aber was soll's - geh jetzt endlich! Braddock muss jetzt vor dem Saloon sein!“

Er setzt sich in Bewegung, und Marie sieht ihm bitter nach. Sie weiß, dass sie, Sloan und Donovan keine Fehler machen dürfen - sonst lässt der Patron sie alle drei als Leichen spurlos verschwinden. Darum ist ihr soviel am Tod des Schnüfflers Braddock gelegen.

Sie hat ihn geliebt - und das ist vorbei. Jetzt soll er sterben. Sie hofft, dass es Sloan gelingt, ihn von den Beinen zu schießen.

Marie kalkuliert alles ein. Darum geht sie in den Stall und sattelt vorsichtshalber ihr Pferd. Dann kehrt sie auf das Hotelzimmer zurück und beugt sich wieder aus dem Fenster. Sie will alles sehen, um auf die Ereignisse richtig reagieren zu können.

Sie sieht Braddock dicht vor dem Saloon.

In ihren Augen ist Braddock der einsamste Mann in Blue Horizon und schon so gut wie tot. Denn wenn Sloan es nicht schafft, dann wird Donovan ihn erledigen.

Die Karten für dieses heimtückische Spiel um Leben und Tod sind ausgegeben. Braddock wird diese Pokerrunde in Blei verlieren müssen.

 

*

 

Braddock denkt da ganz anders.

Er hält Sloan für den Halunken, der den Sheriff von Blue Horizon erschossen hat. Der Leichnam ist in einer Schlucht entdeckt worden. Wölfe haben Steine und Sand weggescharrt und den Körper freigelegt. Viel ist davon nicht übriggeblieben, aber es hat ausgereicht, um an den Resten den Sheriff zu erkennen. Daraufhin hat sich Braddock auf den Weg nach Blue Horizon gemacht - aber nicht allein.

Schon seit geraumer Zeit sucht Braddock nach der Nachschublinie einer Bande von Mordbrennern. Die Bande muss in den Bergen hausen. Ohne Nachschub muss sie verhungern - doch sie reitet weiter und mordet auch weiter.

Das ist ein gefährlicher Auftrag für Braddock - und für Yumah!

Jetzt also ist Braddock dicht vor dem Saloon.

Sein Näherkommen ist natürlich nicht unbemerkt geblieben. Die Gäste rücken von Sloan ab, der an der Theke lehnt.

Grinsend beugt Sloan sich über die Theke und packt den Keeper am Hemdsärmel. Dabei starrt er ihn durchdringend an.

Wer ist der Kerl, der da kommt?“

Der Keeper empfindet Ekel, doch er hütet sich, dieses Gefühl zu zeigen.

Das weiß keiner hier. Der ist seit einigen Tagen in dieser Gegend. Wenn du Genaueres wissen willst, dann frag' doch das Mädchen Marie! Ich glaub', die beiden haben was miteinander. Sie hat ein Zimmer im Hotel, und er ist aus dem Hotel gekommen.“

Weder Keeper noch irgendwer wissen, dass Marie, Sloan und Donovan ein Teufelsgespann sind.

Sloan lässt den Ärmel los und lockert erst einmal die Colts in den Halftern.

Er wird nie wieder zu dieser Marie gehen können“, verheißt Sloan. „Auf seinem Stein wird kein Name stehen.“

Sloan gibt durch nichts zu erkennen, dass er Braddocks Namen kennt und ihn für einen verdammten Schnüffler hält.

Jetzt macht er sich bereit und blickt mit verengten Augen hinaus. Auf der Straße liegt greller Sonnenschein. Irgendwas an Braddock warnt Sloan offensichtlich, denn er zieht nun den rechten Colt aus der Halfter und legt ihn griffbereit neben sich auf die Theke.

Braddock ist deutlich zu sehen. Schwarzes Leder glänzt in der Sonne. Matt schimmernd ragt der Kolben des Colts aus der Halfter. Lederschnüre halten die Halfter am Oberschenkel fest. An staubigen Stiefeln rasseln die stählernen Radsporen.

Der Stetson ist tief in die Stirn gezogen und wirft einen Schattenkreis auf das braungebrannte Gesicht. Braddock scheint zu lächeln ...

Jetzt kommt er über den Gehsteig und erreicht die Schwingtür. Nur einen Herzschlag lang bleibt er an der Tür stehen - dann schiebt er sich herein und nimmt dabei den Stetson ab.

Tag“, sagte er freundlich und nickt auch Sloan zu. Langsam kommt er näher, weil er nicht zu weit von Sloan entfernt sein darf. „Hast du deinen letzten Drink genommen, Sloan?“

Sloan zuckt zusammen, spannt sich und bekommt einen furchtbaren Ausdruck in die Augen.

Sloan?“, flüstert er heiser. „Du weißt meinen Namen?"

O ja - und noch viel mehr, Sloan. Du hast dem Sheriff aufgelauert, als er mal ausgeritten war. Dann hast du ihn verscharrt. Stunden später mag das wohl gewesen sein, da kam ein Farmer mit seinem Maultiergespann vorbei und sah die Geier über der Schlucht kreisen. Zu dumm, nicht wahr?“

Sloan lacht krächzend auf und atmet dann schwer und rasselnd. Er gibt sich den Anschein, als wenn er was sagen will, doch jäh greift er zum Colt auf der Theke und will Braddock niederschießen.

Da feuert Braddock mit dem kleinen Smith & Wesson auf ihn, trifft ihn schwer und sieht kalt zu, wie er an der Theke entlangrutscht und dann zu Boden poltert.

Schon wirft Braddock den Smith & Wesson in den Stetson zurück, setzt den Hut auf und zieht den Colt, macht drei große Schritte und schiebt Sloans Colt außer Reichweite.

Sloan stöhnt vor Schmerz, Wut und Hass.

Draußen weiß niemand, was hier im Saloon geschehen ist, und nur die Leute im Saloon hören Braddock sagen: „Du bist wirklich nur drittklassig, Sloan. Ein jämmerlicher dreckiger Sheriffmörder. Ich bring' dich an den Galgen. Es baumelt sich da so schön.“

Braddock schwört auf Gerechtigkeit. Am Gesetz stört ihn einiges, aber das nimmt er hin. Für ihn ist es am wichtigsten, dass jeder Mann, jede Frau und jedes Kind voll zu ihrem Recht kommen. Mit Schurken wie Sloan kann er rau umgehen, denn sie treten alle Menschlichkeit mit Füßen.

Hart reißt er Sloan hoch, bringt ihn auf die Füße und nimmt ihm den anderen Colt ab. Sloan kann sich kaum auf den Beinen halten. Er stöhnt und atmet flach wie vor einer Ohnmacht. Schmerzen hat er - Schmerzen, die ihn fast wahnsinnig machen.

Die Zellen im Sheriffs Office sind leer, Sloan. Da ist viel Platz für dich. Den kurzen Weg wirst du schaffen.“

Er stößt Sloan vorwärts und hält ihn dabei gepackt, damit er nicht umfällt. Beide bewegen sich auf die Tür zu. Die Gäste atmen auf.

Langsam kommen beide aus dem Saloon hervor.

Die Straße ist noch immer leer. Sloans Pferd schnaubt - es begrüßt seinen Herrn. Vielleicht ist Sloan gut zu dem Pferd gewesen. Um so bösartiger ist Sloan zu den Menschen eingestellt. Da schreckt er auch nicht vor einem Mord zurück.

Er und Donovan haben einen riesengroßen Fehler gemacht, der nun ihnen zum Verhängnis wird.

 

*

 

Drüben in einer schattigen Hofeinfahrt lauert Donovan. Die zweibeinige Ratte hat ein Gewehr gepackt. Damit will sie Braddock töten.

Sloan knickt immer wieder in den Knien ein, und jedes Mal muss Braddock ihn auffangen und festhalten.

Bleib' oben, sonst lasse ich dich fallen, verdammt! Dann schluckst du Staub und erstickst daran.“

Donovan zielt.

Die Luft flimmert vor Hitze und verglast. Hinter den Hitzeschleiern verschieben sich die Konturen der Häuser. Die Sonne blendet stark. Donovan muss immer wieder die Augen zukneifen. Er hat sich einen ungünstigen Platz ausgesucht. Nun ist es zu spät, um ihn noch wechseln zu können.

Marie steht noch immer am Fenster. Beim Anblick des torkelnden Komplizen Sloan krampft sie die Hände, die vor kurzem noch gestreichelt haben, wie Krallen um die Fensterbrüstung.

Schieß doch, Donovan!“, flüstert sie. „Mach ihn fertig!“

Sie wird sich nicht darüber klar, wie verzweifelt sie ist, denn sie hat Braddock wirklich geliebt, wenn auch eine Absicht dahintergesteckt hat. Dieser große schlanke Braddock hat es ihr angetan, und es war schön. Doch der Selbsterhaltungstrieb zwingt Marie, um Braddocks blutiges Ende förmlich zu beten und zu flehen.

Sie wird nicht so schnell ganz aus seinem Leben verschwinden können, aber das ahnt sie noch nicht einmal.

Wieder setzt Donovan an und zielt.

Er weiß, dass er nur zwei Schüsse abgeben kann - mehr Zeit hat er nicht. Verfehlt er mit dem ersten Schuss Braddock, muss der zweite sofort folgen und tödlich sein, denn sonst wird Braddock zurückfeuern.

So ein schlechter Gewehrschütze ist Donovan nicht. Höchstwahrscheinlich wird die erste Kugel ins Ziel gehen.

Am Fenster bibbert das Mädchen Marie, stöhnt und flucht in sich hinein und bekommt vom angestrengten Starren rote Augen.

Schon ist sie dicht davor, selber nach einer Waffe zu greifen, um auf den Mann zu schießen, dem sie so schöne Worte ins Ohr geflüstert hat - da peitscht Donovans Schuss über die Straße.

Die Kugel kommt aus dem Hinterhalt und soll Braddock niederstrecken, aber es kommt anders.

Genau in der Sekunde, da Donovan abdrückt und das Blei aus dem Gewehr jagt, stolpert Sloan, und Braddock packt blitzschnell zu und reißt ihn wieder hoch.

Er spürt, wie die Kugel Sloan trifft - und schon hält er einen Toten gepackt. Geistesgegenwärtig lässt er sich zurückfallen und reißt Sloan mit sich. Sloan fällt auf ihn und deckt ihn ab.

Donovan hat schon repetiert und zielt auf Braddocks Blöße. Er will ihn stückweise treffen und zwingen, Sloan loszulassen. Wenn er das erzwingen kann, dann hat Braddock keine Deckung mehr und wird der Kugel nicht entgehen können.

Der Halunke glaubt fest an seinen Erfolg und grinst teuflisch. Die Oberlippe zieht sich dabei wieder in die Höhe und entblösst die Zahnstummel. Er sieht Braddocks rechtes Bein unter Sloan hervorragen und will es mit einer Kugel zerschmettern.

Braddock hat seinen Colt hervorgerissen, blickt schnell über Sloan hinweg und sucht nach dem heimtückischen Halunken - doch er kann Donovan in der Einfahrt nicht entdecken.

Braddock steckt in einer schlimmen Lage. Um wegkommen zu können, muss er Sloan von sich stoßen - und dann hat Donovan es leicht, ihn mit mehreren Schüssen zu durchsieben.

Jetzt aber zielt er auf Braddocks Bein und will abdrücken.

Plötzlich sirrt es hinter ihm. Dumpf pocht es in seinen Rücken hinein. Er reißt am Abzug, und der Schuss bricht - doch die Kugel schlägt in die Dachkante des Saloonhauses. Holzsplitter und Staub fallen herunter. Donovan macht ein paar Schritte auf die Straße hinaus und lässt das Gewehr fallen. Er gerät in das Blickfeld des Mädchens Marie.

Gellend schreit Marie auf und sieht, wie Donovan zusammenbricht und in den Staub der Straße sackt.

Aus seinem Rücken ragt ein Pfeil.

Marie kann kaum mehr atmen. Angst treibt sie vom Fenster weg. Sie rafft die wenigen Habseligkeiten an sich und flüchtet aus dem Zimmer, rennt nach unten und auf den Hinterhof hinaus.

Braddock drückt den leblosen Banditen von sich und kommt halb hoch, kniet neben dem Toten und hält den Colt bereit. Hinter ihm im Saloon ist es totenstill. Vor Ihm auf der Straße liegt Donovan. Der Halunke ist tot. Sonnenschein bricht sich auf dem Metall seines Gewehres.

Jetzt richtet Braddock sich voll auf und steht mit gespreizten Beinen am Straßenrand. den Colt im Anschlag, bereit zum weiteren Kampf - doch nichts geschieht. Nur ein schnelles Tacken ist zu hören. Hinter den Häusern jagt ein Reiter davon.

Grimmig verzieht Braddock das staubige Gesicht. Nur einen Atemzug lang funkelt es eiskalt in seinen Augen - dann geht er auf den Sidewalk und folgt dem Gehsteig, bleibt unter den Vordächern im Schatten und kann bei Gefahr blitzschnell eine der Türnischen aufsuchen oder sogar durch eins der Fenster springen. Sein Ziel ist das Hotel.

Als er dem Hotel genau gegenüber ist, will er den Gehsteig verlassen und die Straße überqueren. Da faucht ein Pfeil an seinem Kopf vorbei. Dumpf schlägt die Spitze in die hölzerne Hauswand. Am vibrierenden Schaft flattert im Glutwind des Mittags ein Fetzen Papier.

Braddock bricht den Schaft ab, zerrt den Zettel los und schiebt ihn zerknüllt in die Brusttasche.

Er sucht die nächste Hofeinfahrt auf und glättet dort das Papier in der linken Hand. Stirnrunzelnd liest er den kurzen Hinweis.

Onkel Sam lässt bitten!“

Jetzt sucht er nicht mehr das Hotel auf. Von hier aus geht er direkt zum Mietstall. Dort steht schon sein gesatteltes Pferd. Er schwingt sich in den Sattel, verlässt den Stall durch das hintere, kleinere Tor und reitet auf die sonnendurchglühte Ebene hinaus.

Als er eine sanfte Bodenwelle überquert, sieht er einen schlanken Reiter von schräg herankommen. Das lange Indianerhaar flattert im Reitwind. Der verwegene Bursche pariert wenig später das Pferd vor ihm und sagt: „Das Mädchen hat die Stadt verlassen."

Braddock nickt vor sich hin. Er gesteht sich ein, dass Marie ihm doch irgend etwas bedeutet hat. Er kann nämlich nicht ohne Gefühl lieben. Ein wenig Zuneigung muss schon da sein. Schließlich ist sein Leib nicht kalt und tot. Und außerdem hat er mächtig viel Freude daran und diese Freude auch mit Marie gehabt.

Lassen wir sie laufen, Yumah. Sie ist kein Huhn, dem man den Hals umdreht, wenn man Appetit bekommt." Er kann wieder lächeln. „Was ist mit Onkel Sam?“

Yumah, der ein Indianer vom Stamm der Yumah hoch im Norden ist, hat sich mehr oder weniger zu einem Weißen gewandelt. Man würde ihn auch prompt für einen weißen halten, wenn er nicht diese herrliche bronzene Gesichtsfarbe und das lange Pferdehaar hätte.

Und dieser Yumah ist Braddocks Kampfgefährte und Freund.

In der alten Hütte wartet ein Mann auf uns“, antwortet Yumah. „Er will nichts zweimal sagen. Also musst du auch kommen.“

Wie hat er uns denn aufgespürt? Wir sollten den oder die Mörder des Sheriffs von Blue Horizon erledigen. Das ist geschehen. Damit sind wir in dieser Gegend überflüssig geworden.“

Eben nicht!“, widerspricht Yumah und grinst verwegen. „Er hat da so merkwürdige Andeutungen gemacht. Außerdem reitet er ein Pferd aus dem Stall des Gouverneurs!“

Wie schön für ihn. Reden wir mit ihm!“

Sie reiten zusammen weiter.

Das können sie auch, weil niemand in der Nähe und die Stadt Blue Horizon schon eine Meile entfernt ist. Sonst hält sich Yumah zurück und bleibt im Hintergrund. Das wird sich irgendwann ändern. Jetzt jedenfalls können sie einmal zusammen sein.

Braddock weiß, dass er ohne Yumah aufgeschmissen ist. So hat Yumah mit einem sicheren und lautlosen Pfeilschuss auch dafür gesorgt, dass der Halunke Donovan ihn nicht zum Krüppel schießt.

 

*

 

Sie sind schon wieder auf dem Ritt zurück.

Der Mann, der ihnen einen neuen Auftrag überbracht hat, ist auch schon wieder unterwegs.

Portales!“, stößt Yumah mit einem schweren Seufzer hervor. „Diese Steinstadt im Tal des Puma soll verflucht heiß sein!“

Das ist sie“, sagt Braddock gleichmütig. „Dort ist der Gesandte des Gouverneurs umgelegt worden.“

Was haben wir denn damit zu tun, he? Sollen wir Blumen auf sein Grab legen? Ja, ich weiß, was du denkst. In dem riesigen Gebiet zwischen Blue Horizon und der Stadt Portales wird die Nachschublinie einer großen Mordbande vermutet. Da wir beide gerade in dieser Gegend sind, hat man uns gleich einen neuen Auftrag aufgehalst."

Details

Seiten
120
Jahr
2016
ISBN (eBook)
9783738906868
ISBN (Buch)
9783738906936
Sprache
Deutsch
Erscheinungsdatum
2016 (Dezember)
Schlagworte
braddock sarita mörderin

Autor

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Titel: Braddock 10: Sarita, die schöne Mörderin